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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 12
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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X.
An den Bruder Michail, den 1. Februar 1846

Liebster Bruder! Erstens, zürne mir nicht, weil ich dir solange nicht geschrieben habe. Ich hatte, bei Gott, keine Zeit, was ich dir gleich beweisen werde. Am meisten wurde ich vom Schurken Goljädkin aufgehalten, den ich erst am 28. fertig geschrieben habe. Es ist schrecklich! So ist es immer, wenn der Mensch sich etwas vornimmt: ich wollte ihn noch im August vollenden, mußte es aber bis zum Februar hinziehen! Jetzt schicke ich dir den Almanach. Die »Armen Leute« sind schon am 15. erschienen. Wenn du nur wüßtest, Bruder, wie erbittert man auf das Buch schimpft! Die Kritik in der »Illustration« ist ein ununterbrochenes Geschimpfe. Auch die Kritik in der »Nordischen Biene« ist unglaublich; ich kann mich aber noch erinnern, wie Gogol von der Kritik aufgenommen wurde, und wir beide wissen, was man über Puschkin schrieb. Selbst das Publikum ist ganz wütend: dreiviertel der Leser schimpfen und ein Viertel (vielleicht noch weniger) loben das Buch über alle Maßen. Es wird unendlich viel debattiert. Sie schimpfen, schimpfen, schimpfen und lesen es doch. (Der Almanach wird unglaublich gut gekauft. Es ist Aussicht vorhanden, daß die ganze Auflage in 14 Tagen ausverkauft sein wird.) So war es auch mit Gogol. Sie schimpften und schimpften, lasen ihn aber doch. Jetzt haben sie sich mit ihm versöhnt und loben ihn. Ich habe den Hunden einen harten Knochen vorgeworfen. Sollen sie sich nur darum balgen: die Dummköpfe machen mich damit nur berühmt! Die Kritik in der »Nordischen Biene« ist der Gipfel von Blamage für dieses Blatt. Sie ist unerhört dumm! Was ich aber auch für Lob zu hören bekomme! Denke dir nur, alle unsrigen und selbst Bjelinskij finden, daß ich Gogol weit übertroffen habe. In der »Bibliothek für Lektüre«, wo die Kritiken von Nikitenko geschrieben werden, wird demnächst ein sehr langer mir günstiger Aufsatz über die »Armen Leute« erscheinen. Bjelinskij wird im März anfangen, mit allen Glocken zu läuten. Odojewskij schreibt einen Aufsatz, der ganz den »Armen Leuten« gewidmet ist. Mein Freund Ssollogub tut dasselbe. So bin ich, mein Bruder, in die höchsten Kreise gestiegen und werde dir in drei Monaten persönlich von allen meinen Erlebnissen berichten.

Unser Publikum hat wie jeder Pöbel den richtigen Instinkt, doch keine Bildung. Sie können nicht begreifen, wie man einen solchen Stil schreiben kann. Sie sind es gewöhnt, in einem jeden Werke die Fratze des Verfassers zu sehen. Ich habe aber die meinige nicht zeigen wollen. Sie wollen es gar nicht einsehen, daß diese oder jene Ansichten von Djewuschkin und nicht von mir ausgesprochen werden und daß Djewuschkin gar nicht anders sprechen kann. Sie finden den Roman zu sehr in die Länge gezogen, und doch ist darin kein einziges überflüssiges Wort. Manche (wie Bjelinskij) finden es originell, daß ich analytisch und nicht synthetisch vorgehe, d. h. in die Tiefe eindringe, den Atomen auf die Spur komme und aus ihnen das Ganze aufbaue. Gogol geht aber immer aufs Ganze aus und ist daher nie so tief wie ich. Wenn du mein Buch liest, wirst du dich selbst davon überzeugen. Ich habe eine glänzende Zukunft vor mir! Heute erscheint mein »Goljädkin«. Vor vier Tagen habe ich noch an ihm gearbeitet. Er wird in den »Vaterländischen Annalen« elf Bogen füllen. »Goljädkin« ist zehnmal besser als die »Armen Leute«. Die Unsrigen sagen, daß es in Rußland nach den »Toten Seelen« nichts Ähnliches gegeben habe und daß es ein wirklich geniales Werk sei; sie sagen noch viel mehr. Was sie von mir nicht alles erwarten! »Goljädkin« ist mir wirklich glänzend geraten. Er wird dir sicher über alle Maßen gefallen. Hält man bei euch die »Vaterländischen Annalen«? Ich weiß nicht, ob Krajewskij mir ein Freiexemplar geben wird.

Ich habe dir so lange nicht geschrieben, lieber Bruder, daß ich gar nicht weiß, wo ich zuletzt stehengeblieben bin. Es ist inzwischen so viel passiert! Wir werden uns bald wiedersehen. Im Sommer komme ich unbedingt zu euch, meine Freunde, und werde den ganzen Sommer schrecklich viel schreiben: ich habe Ideen. Auch jetzt schreibe ich.

Für den Goljädkin habe ich genau sechshundert Rubel bekommen. Ich habe auch sonst noch eine Menge Geld verdient, so daß ich nach unserer letzten Begegnung mehr als dreitausend Rubel verlebt habe. Ich lebe eben sehr unordentlich, das ist die Sache! ... Meine Gesundheit ist gänzlich zerrüttet; ich bin nervenkrank und befürchte ein Nervenfieber. Ich bin so liederlich, daß ich gar nicht mehr ordentlich leben kann ...

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