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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Briefe - Kapitel 10
Quellenangabe
author Fjodor Michailowitsch Dostojewski
titleBriefe
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1920
printrunDrittes bis sechstes Tausend
firstpub1914
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201807
projectid99d5bb77
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VIII.
An den Bruder Michail, den 8. Oktober 1845

Liebster Bruder! Ich hatte bisher weder Zeit noch die nötige Stimmung, um dir irgend etwas von meinen eigenen Angelegenheiten zu schreiben. Alles war ekelhaft und häßlich und die ganze Welt ödete mich an. Erstens hatte ich während der ganzen Zeit kein Geld und lebte auf Kredit, was höchst unangenehm ist, mein lieber und einziger Freund. Zweitens war ich auch sonst in jener schlechten Stimmung, bei der man jeden Mut verliert, doch nicht in stumpfe Gleichgültigkeit verfällt, sondern, was viel schlimmer ist, viel zu viel an sich selbst denkt und unbändig wütet. Anfangs dieses Monats besuchte mich Nekrassow Nikolai Alexejewitsch Nekrassow (1821-77), namhafter Dichter liberaler Tendenz, leitete 1846-66 die von Puschkin begründete Monatsschrift »Ssowremennik« (= Der Zeitgenosse). und zahlte mir einen Teil seiner Schuld zurück; den Rest bekomme ich in einigen Tagen. Ich muß dir sagen, daß Bjelinskij Wissarion Grigorjewitsch Bjelinskij (1810-48), hervorragendster russischer Kritiker extrem-liberaler Richtung. mir vor vierzehn Tagen eine umfassende Belehrung erteilt hat, wie man sich in unserer literarischen Welt einleben kann; schließlich erklärte er mir, daß ich um meines Seelenheiles willen nicht weniger als zweihundert Rubel für den Druckbogen verlangen darf. Mein Goljädkin »Der Doppelgänger.« würde mir in diesem Falle mindestens fünfzehnhundert Rubel einbringen. Nekrassow, den offenbar Gewissensbisse peinigten, kam ihm zuvor und versprach mir zum 15. Januar hundert Rubel für meinen Roman »Arme Leute«, den er von mir erworben hat. Er mußte mir selbst gestehen, daß ein Honorar von hundertfünfzig Rubel durchaus unchristlich sei; er hat es mir auch um hundert Rubel erhöht. Dies alles ist ja recht schön. Sehr unangenehm ist mir aber, daß ich noch immer keine Nachricht von der Zensur wegen der »Armen Leute« habe. Sie verschleppen diesen unschuldigen Roman, und ich weiß gar nicht, womit das enden wird. Und wenn sie ihn verbieten? Oder gänzlich zusammenstreichen? Es ist ein wahres Unglück; Nekrassow sagt mir aber, daß der Almanach nicht rechtzeitig wird erscheinen können und daß ihn dieses Unternehmen bereits viertausend Rubel kostet.

Jakow Petrowitsch Goljädkin ist ein Charakter. Er ist durch und durch gemein, und ich kann mit ihm wahrlich nicht fertig werden. Er will nicht vorwärts kommen, denn er behauptet, er sei noch immer nicht fertig; er sei noch nichts, könne aber, wenn es notwendig ist, auch seinen wahren Charakter zeigen; warum denn nicht? Im übrigen sei er nicht ärger als die andern. Was geht ihn meine Arbeit an! Ein furchtbar gemeiner Kerl! Vor Mitte November will er unter keinen Umständen seine Karriere abschließen. Er hat bereits eine Unterredung mit Seiner Exzellenz gehabt und ist nicht abgeneigt, den Abschied zu nehmen; warum auch nicht? Doch mich, seinen Autor, versetzt er in eine peinliche Lage.

Ich komme oft zu Bjelinskij. Er ist mir über alle Maßen gewogen und sieht in mir eine Rechtfertigung seiner Ansichten vor dem Publikum. Ich habe neulich Kroneberg, den Übersetzer Shakespeares (er ist ein Sohn des alten Professors aus Charkow) kennen gelernt. Meine Zukunft (und zwar die nächste Zukunft) kann sich im allgemeinen recht günstig gestalten, kann aber auch entsetzlich schlecht werden. Bjelinskij treibt mich an, meinen Goljädkin fertig zu schreiben. Er hat schon in der ganzen literarischen Welt Gerüchte über diesen Roman verbreitet und ihn beinahe an Krajewskij Herausgeber der »Vaterländischen Annalen«. verkauft. Von den »Armen Leuten« spricht bereits das halbe Petersburg. Großartig ist ein Ausspruch von Grigorowitsch Dmitrij Wassiljewitsch Grigorowitsch (1822-99), beliebter Schriftsteller, Verfasser zahlreicher Romane und Novellen. Kollege Dostojewskijs in der Ingenieurschule.. Er hat mir selbst gesagt Je suis votre claqueur-chauffeur!«

Nekrassow ist ein echter Schwindler; anders würde er gar nicht existieren können; es ist ihm schon so angeboren. Gleich nach seiner Ankunft kam er abends zu mir und entwickelte das Projekt eines kleinen fliegenden Almanachs, an dem die ganze literarische Gemeinde nach Kräften mitarbeiten soll; an der Spitze der Redaktion sollen aber ich, Grigorowitsch und Nekrassow stehen. Der letztere will die Kosten tragen. Der Almanach soll zwei Druckbogen stark sein und alle vierzehn Tage erscheinen: am 7. und 21. jeden Monats. Er soll »Suboskal« (Der Spötter) heißen. Wir wollen alles schonungslos verspotten und auslachen, Theater, Zeitschriften, Gesellschaft, Literatur, Tagesereignisse, Ausstellungen, Zeitungsmeldungen, Nachrichten aus dem Auslande, mit einem Worte alles; das Ganze soll in einer Richtung und einem Geiste geschrieben werden. Das erste Heft soll am 7. November erscheinen. Dieses Heft ist wunderbar zusammengestellt. Erstens wird es auch Illustrationen bringen. Als Motto nehmen wir die berühmten Worte Bulgarins Faddej Bulgarin (1789-1859), Journalist, stand im Solde der Polizei und war als Denunziant und Lockspitzel gehaßt und gefürchtet. aus seinem Feuilleton in der »Nordischen Biene«: »Wir sind bereit, für die Wahrheit zu sterben, denn wir können nicht ohne Wahrheit leben usw.« Darunter setzen wir die Unterschrift Faddej Bulgarin. Mit dem gleichen Motto wird auch die Anzeige versehen sein, die am 1. November erscheinen wird. Das erste Heft wird folgende Beiträge enthalten: einen Aufsatz Nekrassows »Über gewisse Petersburger Gemeinheiten« (die selbstverständlich erst in diesen Tagen geschehen sind). Den zukünftigen Roman von Eugène Sue: »Die sieben Todsünden« (der ganze Roman umfaßt drei Seiten). Eine Übersicht aller Zeitschriften. Einen Vortrag Schewyrjows über Puschkins Verse: sie sind so harmonisch, daß, als Schewyrjow einmal im Coliseum zu Rom in Damengesellschaft einige Strophen Puschkins rezitierte, alle Frösche und Eidechsen, die im Coliseum hausen, hervorgekrochen waren, um die wunderbaren Verse zu hören. (Schewyrjow hat eine solche Vorlesung in der Moskauer Universität gehalten.) Dann kommt ein Bericht über die letzte Sitzung der Gesellschaft der Slawophilen, in der feierlich bewiesen wurde, daß Adam ein Slawe war und in Rußland gelebt hatte; bei dieser Gelegenheit wird auf die Bedeutung und den Nutzen der Lösung dieser großen sozialen Frage für das Wohlergehen der ganzen russischen Nation hingewiesen werden. In der Kunstchronik wird sich unser »Suboskal« mit der »Illustration« Kukolniks solidarisch erklären und sich dabei ganz besonders auf folgende Stelle in dieser Zeitschrift berufen: . (es ist bekannt, daß die »Illustration« so schlecht redigiert und korrigiert wird, daß auf dem Kopf stehende Buchstaben und durcheinandergekommene Worte eine ganz normale Erscheinung sind). Grigorowitsch wird eine »Wochenchronik« schreiben und darin einige seiner Wahrnehmungen zum besten geben. Ich werde »Notizen eines Lakaien über seinen Herrn« schreiben. Die Zeitschrift wird, wie du siehst, recht lustig werden; etwas in der Art der »Guèpes« von Alphonse Carre. Das Unternehmen ist glänzend, denn auf mich allein werden monatlich im ungünstigsten Falle hundert bis hundertfünfzig Rubel kommen. Das Buch wird Erfolg haben. Nekrassow will sich auch mit Versen beteiligen.

... Lies unbedingt »Teverino« (von George Sand in den »Vaterländischen Annalen«, Oktober). Dergleichen hat es in unserem Jahrhundert noch nicht gegeben. Es kommen darin wahre Urbilder von Menschen vor ...

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