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Brief an Jean Paul

Gustav Theodor Fechner: Brief an Jean Paul - Kapitel 1
Quellenangabe
typeletter
authorGustav Theodor Fechner
sendergustav@rz.uni-leipzig.de
titleBrief an Jean Paul
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Gustav Theodor Fechner

Brief an Jean Paul

P.N. Der in diesen Tagen zu Leipzig verstorbene Professor Gustav Theodor Fechner schrieb im Oktober 1825 von Leipzig aus, wo er sich als Dozent der Naturwissenschaft habilitiert hatte, an Jean Paul und sendete ihm, durch Richard Otto Spazier, den Neffen des Dichters, veranlaßt, drei, unter dem Pseudonym Dr. Mises herausgegebene humoristische Schriften: "Beweis, daß der Mond aus Jodine bestehe", "Panegyrikus der jetzigen Medizin und Naturgeschichte", "Stapelia mixta". Von einer Antwort Jean Paul’s konnte nicht mehr die Rede sein, denn er war bereits erblindet und verschied wenige Wochen später, am 14. November; dafür aber berichtet Spazier, daß Fechner dem Dichter mit seinen Briefen und seiner Gabe "einige frohe, heitere Stunden am Abend seines Lebens" verschafft habe. Fechner’s Brief, bisher ungedruckt lautet:

Hochgeehrtester Herr Legationsrath,

Sie haben Ihren Neffen zu schelten, wenn ich Ihnen durch die Übersendung dieses Briefs und der beifolgenden Schriftchen beschwerlich falle, was ich nie gewagt haben würde ohne seine Aufmunterung dazu. Dieselbe erging zwar schon vor einiger Zeit an mich, und wenn ich ihr nicht früher folgte, ungeachtet sie mir eine außerordentliche Freude erregte, so geschah es, ich weiß selbst nicht, halb aus einer gewissen Schüchternheit, halb wohl auch aus einer Scheu, Ihnen, dessen Urteil ich so hoch, so sehr hochachte, Schriften zuzusenden, die Ihr Urteil über mich vielleicht ungünstig stimmen werden, da ich jetzt selbst gar manches daraus ausgestrichen wünschte. Indes konnte ich doch zuletzt dem Verlangen nicht widerstehen, mit Ihnen in eine nähere Berührung zu kommen, den ich so lange Zeit aus der Ferne mit einer Art Staunen betrachtet habe, und dem ich so manche schöne Stunde verdanke, worüber ich mich gern weiter ausspräche, wenn ich mir nicht dächte, daß die Ausdrücke der Bewunderung schon zu gewohnt sein müssen, um noch von meiner Seite irgend eine Bedeutung darauf zu legen. Mich selbst anlangend, so werden Sie, wenn Sie die große Mühe bemerken, die ich mir wenigstens manchmal gegeben habe, pikant und witzig zu sein, ja sogar zuweilen ein großes Muster nachzuahmen – ich gestehe das alles, weil es Ihnen ohnehin sogleich in die Augen fallen würde, und ich mir schwerlich durch ähnliche Arbeiten die Minerva wieder zur Feindin machen werde – vielleicht nicht denken, daß ich eigentlich das harmloseste Geschöpf auf Gottes Erdboden bin, der ein tägliches Leben wie ein Uhrwerk führt, wenigstens im Äußeren und im Innern vielleicht selbst manchmal nicht recht weiß, was er will, es sei denn, was ich mir in der Tat bewußt bin, daß ich überall im Einzelnen gern ein Ganzes finden, oder es dazu verarbeiten möchte, nur daß ich zu letzterem leider in der Kunst, die meine Neigung der Wissenschaft vorziehen würde, der inneren Bedingungen ermangele. Verzeihen Sie, daß ich schon so lange bei einem so unbedeutenden Gegenstand, als meine Persönlichkeit ist, verweile, aber ich gestehe, daß ich jetzt wirklich so verzweifelt arm an äußerem Stoffe bin, von dem ich nichts zu sehen bekomme, und an innerem, dessen ohnehin nicht ergiebiger Quell bei der Art mechanischer Geistesarbeit, auf die ich meine materielle Subsistenz zu basieren genötigt bin, leicht vollends versiegen dürfte, daß ich mich fast unfähig fühle, einen leidlichen Brief zu schreiben, zumal an Sie. Nehmen Sie daher diese Zeilen nur als einen Beweis an, daß ich mich, was wirklich in hohem Grade der Fall ist, gefreut habe, überhaupt an Sie haben schreiben zu dürfen. Noch füge ich die Bitte hinzu, Sie möchten keine ungünstigen Folgerungen für meinen Charakter aus beifolgenden Schriftchen ziehen, deren Verurteilung im allgemeinen mich weder befremden noch kränken wird, da ich hierüber mit mir selbst hinlänglich im Reinen bin. Ihr Wohlwollen ist mir zu schätzbar, um nicht diesen Wunsch mit besonderem Nachdruck auszusprechen. Ich schließe mit der Versicherung der aufrichtigsten Verehrung, womit ich verharre

 

Leipzig, den 6. Oktober 1825.

 

Ew. Wohlgeboren

ergebenster

M. Gustav Theodor Fechner