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Brichanteau, der Mime

Jules Claretie: Brichanteau, der Mime - Kapitel 8
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authorJules Claretie
titleBrichanteau, der Mime
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
yearo.J.
printrun
translatorLeopold Rosenzweig
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180103
projectid3dee22c9
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7. Um Napoleons willen

Mein Freund, der alte Dauberval, hat sich vom Theater zurückgezogen, ohne es erreicht zu haben, daß er in der Comédie Française auftreten konnte. Seine Sehnsucht, unser aller Sehnsucht, die Comédie Française! Dauberval hat überall Erfolg, lärmenden Erfolg gehabt. Er war auf dem Boulevard und in den Theatern leichteren Stils der Liebling der Frauen. Er hat sich ihretwegen geschlagen, und sie haben sich seinetwegen geschlagen. In seinen alten Tagen hat er sich in Isle-Adam ein kleines Haus am Ufer der Oise gekauft und lebt nun da friedlich mit seiner Frau und seiner Nichte, einem alten Mädchen, im Sommer seinen Garten bearbeitend, im Winter am Kamin seinen Erinnerungen nachhängend. Er ist ein braver Mann, und er wäre vollkommen glücklich, wenn ihm nicht im Herzen die geheime Wunde säße: die Comédie, die Comédie Française hat ihn abgewiesen!

Wenn er auf dieses Thema zu sprechen kommt, wird Dauberval wild. Sein ganzer aufgesammelter Groll fährt heraus wie der Dampf aus dem Ventil einer Lokomotive. Er ist nicht mehr jung, aber da wird er jung. Er wird erregt, er erhitzt sich, er sprüht Funken, das Blut steigt ihm zu Kopf.

Ich sage zu ihm: »Nimm dich in acht, Dauberval.« (Ich hatte ihn noch als jugendlichen Liebhaber in Havre gekannt, da war er aber nicht mehr in der ersten Jugend.) »Vorerst einmal wirst du dir einen Schaden tun. Dann übertreibst du. Es gibt so viele, viele andre, die verdient hätten, in das Haus Molières einzutreten, und die ›sie‹ abgewiesen haben!«

Und ich nenne ihm Namen. Ich weiß wohl, daß ich ihn nicht überzeuge. Die andern sind nicht er. Und ich selbst, den die Eifersucht Beauvallets von der Rue de Richelieu ferngehalten hat – aber Pardon! ich wiederhole mich –, nicht von mir ist die Rede, sondern von Dauberval. Er leidet unter diesem Gedanken, und ich besuche ihn ziemlich häufig, um ihn zu trösten. Er holt mich dann vom Bahnhof ab, wir gehen gemächlich plaudernd über die Brücke und am Flusse entlang seinem Hause zu, und Frau Dauberval, die immer eine gute Köchin hat, hält einige leckere Schüsseln für uns in Bereitschaft. Ich finde bei Dauberval ein gutes Stück meiner Vergangenheit wieder, alte Theaterzettel, alte Photographien und Stiche von Schauspielern und von einst so schönen Schauspielerinnen, die heute verwelkt sind oder auf irgendeinem Pariser oder Provinzfriedhof ruhen ,... Jenny! ,... Da er weniger nomadenhaft gelebt hat als ich, hat Dauberval diese Reliquien, verwelkte Kränze, verschossene Bänder und dergleichen, aufbewahrt, während ich nur zu häufig gezwungen war, sie auf dem Wege zu lassen wie meine Illusionen. Im übrigen sind mir, wie Sie wissen, sowohl Kränze als Illusionen geblieben, Gott sei Dank!

Und wenn wir bei Tische sitzen, öffnen Dauberval und ich den Käfig unsrer Erinnerungen.

»Weißt du noch, Brichanteau, wie wir in Nantes › Les Burgraves‹ ohne Kostüme gaben?«

»Und die ›Musketiere‹ einmal in Hugenottenwämsern?«

»Erinnerst du dich an die hübsche Céline Barbeau in Sotteville-lès-Rouen?«

»Ob ich mich ihrer erinnere! Was mag aus ihr geworden sein?«

»Und Eugenie Mercier?«

»Und Laurence Herblay?«

»Und Jeanne Horly?«

»Und –«

Da unterbricht uns die gute Frau Dauberval.

»Meine Herren, seien Sie ein wenig vorsichtig. Sie denken nicht an Louisette!«

Wahrhaftig, wir denken nicht an Louisette. Louisette ist die Nichte Daubervals. Sie ist so an die fünfzig Jahre alt. Sie ist mager, hat ein rotes Gesicht und einen kleinen Schnurrbart. Aber sie ist ein »junges Mädchen«. Man muß ihre armen, unentweihten Ohren berücksichtigen, die vielleicht niemals, niemals eine Liebeserklärung vernommen haben. Louisette hat in diesem Schauspielerhaushalt in Frömmigkeit gelebt. Sie ist aufgewachsen und gealtert, indem sie Gebete murmelte, während ihr Onkel daneben Rollen einstudierte. Wenn Dauberval in früheren Zeiten eine neue Rolle zu spielen hatte und sie ihn nervös, aufgeregt, fiebrisch sah, sagte Louisette nichts, sondern ging still, im geheimen in die Kirche Sankt Elisabeth und opferte dort eine Wachskerze, damit ihr Onkel Dauberval Erfolg habe.

Sie richtete an die heilige Jungfrau Gebete etwa dieser Art: »Maria, heilige Gnadenmutter, laß meinen Onkel als Lovelace unwiderstehlich sein!«

Und die heilige Jungfrau erhörte zweifellos Louisettes Gebet, denn Dauberval war unwiderstehlich.

Er war meiner Ansicht nach ein Musterliebhaber. Delaunay war stilvoller, aber Dauberval war feuriger. Er war ein reizender Mensch. Und was für ein Freund! Wenn ich denke, daß ich um Napoleons willen – jawohl, um Napoleons willen! – mich mit ihm entzweit habe!

Es war letzten Herbst. Nie habe ich in Isle-Adam einen schöneren Tag, einen interessanteren Abend verbracht. Vor dem Diner hatte mir Dauberval, dem ich sagte, daß er trotz seiner vollen fünfundsechzig Jahre jederzeit wieder jugendliche Liebhaber spielen könnte – hatte mir Dauberval, während wir am Ufer der Oise hinschlenderten, anvertraut, daß er in seinem Hause einen geweihten Ort habe, einen Tempel, richtiger gesagt, einen Tempel, in den er sich manchmal einschloß: eine kleines Gemach unter dem Dache, das er genau so hatte einrichten lassen, wie seinerzeit seine Ankleideloge im Gymnase eingerichtet wesen war. Dieselben Möbel, dasselbe mit Schminktöpfen bedeckte Tischchen, dieselben Pinsel, derselbe Spiegel, vor dem er sich damals seine Maske gemacht hatte. Derselbe geblümte Cretonne an den Wänden, derselbe Schlafrock, das Taburett zum Sitzen, der Diwan zum Liegen. Mit einem Wort seine Loge – seine Loge aus der guten alten, nun vergangenen Zeit! Und in einem durch einen Vorhang verdeckten Schrank bewahrte Dauberval noch einen Teil seiner Garderobe, Marquiskostüme, Musketiermäntel, die geflammten Strümpfe der Muscadins, die enganliegenden Beinkleider der Modelöwen der Restauration – die Kleider des einstigen jugendlichen Liebhabers – geliebten und poetischen Trödel, aus dem der Duft des Lorbeers und der Blumen wehte, die einmal frisch gewesen waren ,...

»Wirklich, Dauberval, du hast diesen reizenden Einfall gehabt?«

»St!« sagte er geheimnisvoll, indem er mit seinem Stock die trockenen Blätter beiseite schob, die vor unsre Füße geweht wurden. »Ich sage es niemand, niemand. Man würde mir in Isle-Adam keine Ruhe lassen, wenn man es wüßte. Der Bürgermeister, die Gemeinderäte, der Vorstand des Orchestervereins würden von mir verlangen, daß ich zum Besten einer Menge wohltätiger Zwecke spiele, für die sie wirken. Das könnte ich nicht. Aber was ich kann, und was ich tue, wenn ich meiner Frau und meiner Nichte eine Freude machen will, das ist, daß ich zu ihnen sage: ›Schließt die Türen, ich bin für niemand zu Hause. Heute abend sollt ihr ein Vergnügen haben. Heute abend spiel' ich euch was vor!‹ Und gesagt, getan. Ich steige hinauf in meine Loge, wo ich meine ganze Jugend wieder finde, kleide mich an, schminke mich – die Runzeln verschwinden, nichts geht leichter – die Augen beleben sich, ich ziehe einen altfranzösischen Frack an, und eins, zwei! bin ich wieder in ›Philiberte‹ oder in ›Clarisse Harlowe‹ oder in ›Manon Lescaut‹ – ich habe gleich der Déjazet viel achtzehntes Jahrhundert gespielt – und ich komme herab, strahlend, glücklich, applaudiert, mein alter Brichanteau, denn meine Frau und Louisette bereiten mir einen Beifallsempfang wie im Theater, ich trete durch eine kleine Tür ein, ›rechts, schräge Wand‹ und spiele! Ja, ich spiele! Und ich darf es wohl sagen, ich spiele besser, als ich je gespielt habe! Ich habe mein Herz wie mit zwanzig Jahren, meine Stimme wie mit zwanzig Jahren, meine Beine wie mit zwanzig Jahren! – Hör einmal Brichanteau, mein alter Freund, heute abend sollst du das mit ansehen und sollst uns sagen, sollst mir ganz aufrichtig sagen, ob sich unter ›ihren‹ Sozietären auch nur drei finden, die würdig wären, meine Partner zu sein!«

»Eine ausgezeichnete Idee!«

Auch ich freute mich, Dauberval wieder zu hören. Ich war immer einer von denen gewesen, die ihn verteidigten, wenn man ihn angriff. Man fand ihn affektiert, geschniegelt, süßlich, altmodisch. Durchaus nicht, er war elegant und feurig. Er hatte vielleicht ein kleines Schnurren in der Stimme und dazu ein Zucken in den Beinen: seine Waden bebten – ja, man konnte von seiner Wade sagen wie von dem Horn Montescures, daß sie liebäugelte – aber das tat nichts, eine Liebeserklärung von seinen Lippen war eine Liebeserklärung.

»Eine treffliche Idee, eine ausgezeichnete Idee!« wiederholte ich entzückt.

Wir dinierten fröhlich. Dauberval hatte einen leichten moussierenden Wein, der uns in Stimmung versetzte. Ach, was haben wir an dem Abend für Geschichten aus der guten Zeit erzählt! Wir setzten alle Rücksicht auf Fräulein Louisette beiseite, aber sie war merkwürdigerweise gar nicht entsetzt. Und durch die geschlossenen Jalousien konnten die Bewohner von Isle-Adam, die etwa am Flußufer draußen vorbeigingen, uns nicht hören.

Beim Dessert erhob sich Dauberval plötzlich.

»Kinder,« sagte er, sich die Hände reibend, »nun will ich euch eine Freude machen.« Das war sein gewöhnlicher Ausdruck. Seine Frau stieß einen Freudenruf aus. Sie wußte sofort, was das bedeutete.

»Du willst spielen?« sagte sie.

»Ja, mein Kind,« erwiderte der Schauspieler. »Ich werde euch ›Ich esse bei meiner Mutter‹ spielen.«

»Ganz allein?« fragte ich.

»Ganz allein. Ich erkläre in solchen Fällen mit kurzen Worten die Rollen, die mit meiner zusammenhängen, und spiele meine von Anfang bis zu Ende. Und ich will dir etwas sagen, mein lieber Brichanteau, wie es sich herausstellt, schadet das gar nichts. Es ist oft sogar viel besser. Je weniger Rollen in einem Stücke sind, desto besser versteht man es, nicht wahr, Cécile?«

»Freilich,« sagte Frau Dauberval.

Louisette sagte gar nichts. Auch sie freute sich jedoch sehr, ihren Onkel wieder einmal spielen zu sehen. Aber am nächsten Tag ging sie dann sicherlich zum Abbé Polard, um zu beichten, daß sie an einem Theaterstück Gefallen gefunden habe, und der Abbé Polard gab ihr lächelnd die Absolution wie immer, indem er Louisette bat, ein Stückchen davon auch ihrem Onkel mitzubringen.

»Ich esse bei meiner Mutter!« Die Aussicht, das Stückchen wieder zu hören, bereitete mir Vergnügen. Ich hatte derlei nie gespielt, denn das Lustspiel ist meiner Natur nicht angemessen. Als Dauberval sich jedoch erhob, um sich in seine Loge hinauszubegeben, erbot ich mich gleichwohl schüchtern, ihm zu sekundieren. Aber ich sah sofort, daß ich ihm damit gar kein Vergnügen machte. Nicht das geringste.

»Sekundieren? Worin? Wozu?« fragte er.

»Sind denn nicht drei Rollen in ›Ich esse bei meiner Mutter‹?«

»Ja,« erwiderte Dauberval, »es sind drei Rollen: Der Maler Henri Didier, der Chevalier und der Fürst d'Hennin. Ich spreche natürlich nur von männlichen Rollen. Weibliche sind zwei: Sophie Arnould und eine Zofe. Aber ich sagte dir ja schon vorhin: wozu sekundieren? Das Stück ist bekannt. Ich werde euch den Fürsten d'Hennin spielen – die Rolle ist übrigens das ganze Stück.«

Und Dauberval verließ uns. Ich sah Fräulein Louisette an, die in einem Winkel des Zimmers irgendein Gebet zu murmeln schien, während die Augen Frau Daubervals vor Freude glänzten. Diese Schauspielabende verjüngten sie, und wenn Dauberval in einem seiner Kostüme von damals erschien, in einer der Rollen, in denen sie ihm hatte Beifall klatschen sehen, wurde die wackere Frau auch ihrerseits um zwanzig Jahre jünger. Etwas von ihrer Jugend, oder richtiger ihre ganze Jugend, haftete wie ein nicht zu verwehendes Parfüm an der Garderobe ihres Mannes.

Er brauchte nicht lange zum Ankleiden, diese Gerechtigkeit muß man Dauberval widerfahren lassen. Er kam in kurzer Zeit wieder herab, kostümiert, geschminkt, die Perücke an die Stirn geklebt, den Degen an der Seite, in einem hellblauen Samtfrack, der wohl in den Nähten etwas abgenutzt, aber immer noch sehr elegant war und einen schwachen Kampfergeruch verbreitete. Er kam herein, streckte den Fuß vor, zeigte seine Wade in dem mit Goldflittern besetzten Seidenstrumpfe, drehte sich auf seinen roten Hacken herum und sagte:

»Das ist der Fürst d'Hennin.«

Und in der Tat, trotz seiner markierten Züge, und obgleich man ihn so aus der Nähe sah, war er vom Scheitel bis zur Sohle der Fürst d'Hennin oder jeder andre Kavalier des achtzehnten Jahrhunderts mit an die Stirn geklebter Perücke und geradem Degen. Er war Richelieu, Conti, Létorières, er war von tadellosester Eleganz, und Frau Dauberval faltete entzückt die Hände, während Louisette auf das Weiß und Rot blickte, das ihr veränderter Onkel sich auf die Wangen gelegt hatte.

»Der Fürst d'Hennin,« wiederholte Dauberval, »im Begriffe, Sophie Arnould ein Neujahrsgeschenk darzubringen. Kennt ihr die Situation, Kinder? Dies ist die Situation ,...«

Und er erzählte mit einem Schwung, der nur ihm eigen war, daß er seine englischen Pferde, alle Pferde seines Stalles, der Schauspielerin zum Geschenke mache, und er spielte zum Entzücken – ich sage zum Entzücken, er entzückte mich – die Szene, worin der Fürst d'Hennin sich weigert, mit Sophie Arnould zu dinieren, weil er bei seiner Mutter diniere: »Wenn Sie die Fürstin d'Hennin kennten, so würden Sie wissen, daß sie keine Frau ist, der man nur so ein paar Zeilen sendet. Stellen Sie sich eine hochgewachsene Dame mit dünnen Lippen, strenger Stirn und kaltem Blick vor, die starr und unbewegt in ihrem Fauteuil aus Alteichen sitzt. Alles um sie hat sich verwandelt, nur sie allein ist unverändert geblieben. Sie hat die Sitten, die Gebräuche und auch das Kostüm des vorigen Jahrhunderts beibehalten. In ihren Augen sind mein Bruder und ich nicht älter geworden; wir sind noch immer die beiden Knaben, die ein Hofmeister ihr zweimal im Jahre, an ihrem Geburtstage und am 1. Januar, zuführte. Das sind die einzigen Tage, an denen sie uns je geküßt hat. Langsam und würdevoll drückt sie uns einen Kuß auf die Stirn, ebenso wie sie das nun in einer Viertelstunde tun wird. Darauf folgt das Familiendiner unter Entfaltung alles Zeremoniells, ein stummes und feierliches Mahl, bei dem meine Mutter allein hier und da das Schweigen bricht, um uns von den Sitten und der Etikette der großen Zeit zu erzählen und wie unser Vater Herrn de Villars kräftig beigestanden hatte, die Kaiserlichen zu schlagen ,...«

Und nachdem er diese Tirade mit einer Kunst gesprochen hatte – mit einer Kunst, die verlorengegangen ist, ich versichere Ihnen, einer liebenswürdigen, feinen und graziösen Kunst, mit vollendeter Diktion, leichter Schwermut und unvergleichlicher Eleganz, fing Dauberval an zu singen – ich mag die Stücke gern, in denen das empfindsame Lied der Prosa zu Hilfe kam – sang nach der Melodie von »Mademoiselle Carcin«:

All das ist, ich gesteh' es, nicht erfreulich.
Jedoch seit dreißig Jahr'n, bedenken Sie,
Ist diese Kindheitstradition mir heilig,
Und nicht ein einzig Mal verletzt' ich sie!
Dann sind die Küsse meiner Mutter selten,
Wenn sie mir heute abend einen beut,
So müßt' ich einen schlechten Sohn mich schelten,
Wenn ich versäumte die Gelegenheit.

Man mußte ihn hören! In seinem Munde wurde die Strophe herzbewegend wie eine Arie von Donizetti. Ich sage Do-ni-zet-ti! Ich bin aus der Zeit der »Favoritin« ,... Frau Dauberval hatte die Augen voll Tränen, Louisette hörte aus der Melodie wahrscheinlich Hymnen heraus, und ich – wahrhaftig, auch mein Auge war nicht ganz trocken. Ich war meiner Bewegung noch nicht Herr geworden, als gegen Ende der Szene Dauberval plötzlich sagte, indem er mir das Buch hinhielt, das er aus der Tasche seines himmelblauen Rockes gezogen hatte:

»Ich war vorhin im Irrtum. Du hast recht. Jetzt kommt zu viel Dialog. Sekundiere mir, Alter. Gib die Sophie Arnould!«

Und ich gab die Sophie Arnould – ein wirklicher Künstler muß alles können; – aber ich blieb sitzen, denn ich wollte mir mit Muße diesen verteufelten Dauberval ansehen, der seinen Fürsten so jung, so lebendig, so elektrisch, so prickelnd spielte, und begnügte mich, ihm niedergekauert zu sekundieren wie ein Souffleur. Nur sprach ich mit der nötigen Betonung. Man kann unmöglich ohne die richtige Betonung sprechen:

»Im Ernst, Maurice, Sie bleiben, nicht wahr?«

»Ich bin untröstlich, aber wahrhaftig, ich kann nicht!«

»Oh, und ich war so töricht, an Ihre Liebe zu glauben!«

»Wie, ich liebte Sie nicht, weil ich heute nicht mit Ihnen dinieren kann? Ich will ja mit Freuden morgen, alle Tage, so oft Sie wollen, mit ihnen dinieren!«

»Ich habe Sie nicht eingeladen.«

»Ich liebte Sie nicht? Ich, der ich mich zehnmal für Sie geschlagen habe? Und, ja richtig, morgen schlage ich mich wieder mit Herrn de Fontanges, der behauptet, daß Sie gestern ein ais für ein h gesungen haben. Wenn ich Sie nicht liebte, wäre ich der Ansicht des Herrn de Fontanges; denn in der Tat, Sie haben eine etwas – zweifelhafte Note herausgebracht. Ich will nicht behaupten, daß es kein h war, aber unter uns, es war ein wenig ais dabei!«

»Vortrefflich! Stellen Sie sich auf Seite meiner Feinde! Kritisieren Sie mich! Pfeifen Sie mich aus!«

»Nicht doch! Ich schlage mich ja! – Nun ja, nun ja, es war zweifellos ein b, und ich werde Herrn de Fontanges töten. Ich hoffe, Sie finden, daß ich liebenswürdig bin ,... Teufel, drei Uhr!«

»Sie gehen also?«

»Natürlich.«

»Und ich will nun, daß Sie bleiben! Ich will es!«

»Der König sagt: ›Es ist unser Wille!‹ – Halt, ich weiß einen Ausweg aus dieser Schwierigkeit. Sie dinieren allein – lassen Sie mich doch vollenden – und ich komme dann zum Souper!«

Nein – dieser Dauberval, nie noch hatte ich ihn so bezaubernd, so vollendet gesehen, wie hier in diesem Speisezimmer unter dem bunten Schirm der Hängelampe, zwei Schritte entfernt von dem nach dem Dessert bedeckten Tische, den wir in einen Winkel geschoben hatten, um »Platz fürs Theater« zu machen! Ich dachte bei mir, wie schade es sei, daß ein solcher Mann sich ins Privatleben zurückgezogen habe und daß alle jugendlichen Liebhaber von heute sich zusammentun könnten, sie würden insgesamt nicht so viel Feuer aufbringen wie dieser Sechzigjährige in seinem Gespräch mit Sophie Arnould! »Sophie, das Leben legt uns Pflichten auf, die scheinbar geringfügig, in Wirklichkeit aber sehr ernst und heilig sind. Sie haben das nicht begriffen. Was Sie auch sagen mögen, ich liebe Sie, und Sie wissen es wohl!« Ach, was für eine Stimme, Herr, was für eine Stimme! Welch edler, voller Ton! Die Stimme ist viel auf dem Theater. Sie ist oft alles. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich meinerseits zu viel davon hatte. Dummköpfe sind erfolgreich gewesen, haben sich einen Namen gemacht, weil sie eine schöne Stimme hatten – gerade so wie Hyacinthe, mein alter, vergessener Hyacinthe sich einen Namen gemacht hat, weil er eine Nase hatte.

Aber Dauberval hatte nicht nur Stimme, er hatte auch Gemüt. Wie sagt man das auf lateinisch? Man hat es mir vorgesagt und übersetzt. Pectus – jawohl – pectus est ,... So ähnlich. Ach, dieser Abend! Ich hatte Lust, Dauberval zu umarmen, und ich widerstand übrigens auch dieser Lust nicht. Ich drückte ihn an meine Brust: »Bravo, ausgezeichnet, herrlich!« Und Frau Dauberval umarmte ihn auch, und Fräulein Louisette auch, und die Köchin auch, die hereingekommen war, um zuzuhören, nachdem sie uns einen Auflauf vorgesetzt hatte – oh, einen Auflauf, der des Wirtes und der Wirtin würdig war!

Dauberval war sehr gerührt. Er weinte. Wir vermengten unsre Tränen. Ich wiederhole: welch ein schöner Abend! Ein Abend der reinen Kunst! Warum mußte er durch eine alberne politische Diskussion gestört werden! Hören Sie, wie das kam.

Dauberval war natürlich ein wenig erregt, nachdem er seinen Fürsten d'Hennin gespielt hatte.

»Du bist in Schweiß gebadet, mein Herz,« sagte seine Frau, indem sie ihm die Stirn mit einer Serviette abwischte.

Sie schminkte ihn mit dieser zärtlichen Hilfeleistung ein wenig ab, und Dauberval mißfiel das. Er wollte das Kostüm und die Maske seines Fürsten d'Hennin beibehalten.

»Trink wenigstens etwas Warmes, Amédée. Einen Grog, willst du?«

»Jawohl, ich will einen Grog trinken. Und Brichanteau auch. Nicht wahr, Brichanteau?«

»Sehr gern, lieber Freund.«

Ich bin kein Trinker und Dauberval ebensowenig. Jedoch, ich weiß nicht, warum, vielleicht weil diese intime Theatervorstellung unsre Nerven erregt hatte, wir färbten unsern Grog ein wenig, und indem wir ihn färbten, plauderten wir, er immer im blauen Frack des Fürsten d'Hennin, ich im schlichten bürgerlichen Kleide, ohne alles Malerische. Und mitten in diesem herzlichen, ich kann sagen sehr herzlichen, ungemein herzlichen Gespräche, in dem ich obendrein einen bewundernden Ton anschlug, tauchte plötzlich, unerwartet ein Gegenstand der Meinungsverschiedenheit auf und platzte, ehe wir uns dessen versahen, wie eine Bombe.

»Nun sag einmal aufrichtig, Brichanteau,« sagte Dauberval. »Fände man in der Comédie Française einen Künstler, der so wie ich dazu geschaffen wäre, das Adelskleid zu tragen?«

»Nein, Dauberval, man fände keinen.«

»Habe ich nicht ihre Tradition, ihre vielberedete Tradition?«

»Du hast sie, Dauberval. Du besitzest sie vollständig!«

»Kann Firmin einen Marquis besser spielen, als ich einen Marquis spiele?

»Ich müßte Firmin wieder einmal sehen. Aber er hat Richelieu nicht besser gespielt, als du uns eben den Fürsten d'Hennin gespielt hast.«

»Nun erkläre mir einmal, warum sie mich nicht in die Comédie genommen haben. – Noch etwas Kognak? Er ist nicht schlecht.«

»Er ist sehr gut. Danke.«

»Erkläre mir, warum sie mich von dem Hause ferngehalten haben, während sie Krethi und Plethi engagiert haben!«

»Eifersucht! Pure Eifersucht!«

»Nicht wahr? Wenn ich denke, daß Méthivet – Méthivet – kaum eine Mittelmäßigkeit – daß Méthivet Sozietär ist!«

»Wem sagst du das?«

»Während weder ich noch du, Brichanteau, nicht einmal du, du siehst, daß ich dich nicht vergesse« (ich war nicht sehr geschmeichelt von dem Ton, in dem er mir diese Nebeneinanderstellung gewährte), »weder ich noch du in der Rue de Richelieu auch nur debütiert haben!«

»Oh, mit mir, das ist eine alte Geschichte. Beauvallet – meine Stimme ,...«

»Es gibt immer irgendeinen Beauvallet, irgendeine Ursache, irgendein Hindernis. Ob das nicht widersinnig ist! Ob das nicht schändlich ist! Soll ich dir etwas sagen, Brichanteau? Das ist Napoleons Schuld!«

»Was sagst du?«

»Napoleons! Napoleons I. Dieses Dummkopfs von Napoleon!«

Ich sah Dauberval an. Er war wütend. Er hatte auf einmal einen verstörten Ausdruck, wie Hamlet im Augenblicke, da er den Geist seines Vaters auf der Terrasse zu Helsingör, Gartenseite, erblickt. Er blickte gerade vor sich hin auf etwas oder jemand, den ich nicht sah, und dieser Jemand, dieses Etwas war ein Schatten, der Schatten Napoleons.

»Oh, oh!« sagte ich kopfschüttelnd. »Napoleon ein Dummkopf!«

Aber er fiel mir sogleich ins Wort.

»Ein absoluter Dummkopf! Ein Individuum, das sich erlaubt hat, der Kunst Vorschriften zu machen, das Haus Molières in Gesetze zu zwängen! Ein Tyrann, der keine Künstler, sondern Höflinge wollte, und der nichts vom Theater verstand, nichts, nichts, nichts! Vom Theater nicht mehr übrigens wie von allem andern! Oh, dieser Mensch!«

Und Dauberval machte eine furchtbare Drohgebärde. Er war nicht mehr der Fürst d'Hennin, er war Marat! Ich versuchte hierauf Napoleon gegen diesen ungerechten Angriff zu verteidigen. Ich sage ungerecht, obgleich ich kein Bonapartist bin. Allein ich fühle künstlerische Erkenntlichkeit für diese Gestalt.

Napoleon! Ich habe ihn mit Vergnügen gespielt. Es ist eine Rolle, die ich liebe. Sie schlägt zwar nicht ganz in mein Fach. Wegen seiner Korpulenz gehört Napoleon eher zum Fach der »Finanziers«. Aber durch die Energie des Charakters gehört sie natürlich zu den Heldenrollen, zu den ersten Heldenrollen. Und dann ist das eine hervorstechende Gestalt. Wenn man sie spielt, kann man nicht unbemerkt bleiben, das ist ausgeschlossen. Ich habe übrigens das Glück gehabt, noch Gobert zu kennen, der Constant, den Kammerdiener des Kaisers gekannt hat, und ich habe beider Traditionen übernommen. Wenn Gobert Napoleon spielte, glich er ihm so sehr, daß alte Haudegen im Parkett ohnmächtig wurden. Wenn ich rasiert bin, ähnele auch ich dem Kaiser sehr. Ich habe ein Medaillenprofil. Ingres hat mich einmal gebeten, ihm für einen Cäsar zu sitzen.

Napoleon! Er gehört zum Bestande meines Repertoires. Ich habe ihn in der Provinz so ziemlich überall gespielt. Und wenn ich nicht ihn selber spielte, so spielte ich in Stücken, wo man von ihm sprach. Man könnte mit solchen Stücken eine ganze Bibliothek füllen. Eines darunter gefiel mir besonders: »Kaiser und Soldat, oder der 5. Mai 1821«. Ich spielte darin Rémond, ehemaliger Grenadier der Kaiserlichen Garde. Ich war noch jung, aber in vorzüglicher Maske glich ich einem Charlet, wenn ich diesen alten, wahnsinnig gewordenen Krieger gab, der aus einer kleinen Provinzstadt an seinen in St. Helena gefangenen Kaiser schreibt, ihm schreibt, daß er ihn befreien werde, daß zweimalhunderttausend Mann bereitstehen, daß die Waffen sprechen werden, daß Waterloo gerächt werden solle ,... Ah, welch eine Wirkung machte ich, wenn ich meinen alten Soldatenrock anzog und dem Kaiser in die Ferne zurief: »Mein Kaiser! Habe Mitleid mit deinem alten Grenadier! Antworte ihm! Kehre zurück!« Und zum Schlusse, da Rémond in das letzte Delirium verfällt, da mußte man mich hören! Ich richtete mich auf, ich machte Gebärden, als ergriffe ich meine Flinte, als schnallte ich meinen Tornister um, ich strich meinen Schnurrbart und stellte mich in Reih und Glied, denn er sollte seine letzte Revue abnehmen. Und das ganze Haus weinte – was sage ich? ich weinte selbst, wenn ich nach der Melodie der »Trikolore« sang:

Er kommt! Stellt lautlos auf die Reihn und Glieder,
Daß keine Lücke find' sein Adlerblick;
Er kommt! Er kehrt uns endlich, endlich wieder!
Erbebet alle, so wie ich, vor Glück!
Er kommt! Der Held, der löwenkühne Sieger,
Der hundertmal der Feinde Rücken sah;
Er kommt! Der Hort, der Vater seiner Krieger:
Napoleon! Der Kaiser! Er ist da!

Dann machte ich die Gebärde des Präsentierens, und in einer Verzückung, die ich nicht anstehe, außerordentlich zu nennen, rief ich, als ob die Gestalt Napoleons vor mir stände: »Ach, wie verändert er ist! Wie bleich! Er trägt einen Lorbeerkranz auf der Stirn. Seine Generale umgeben ihn. Kleber, Desaix, Montebello! Still! Hört zu, Kameraden. Er ruft sie alle auf, die Tapferen.« (Ich horchte.) »La Tour-d'Auvergne.« (Ich rief: »Gefallen auf dem Felde der Ehre!«) »Er sieht mich an! Er erkennt mich! ,...«

Ein Augenblick des Schweigens, ich erbebte, als ob der Adlerblick Napoleons sich auf mich heftete, dann rief ich: »Hier, Sire!« Und fiel tot hin! Stockstarr! – Welch ein Beifall brach aber auch dann los! Ja, dieser »Kaiser und Soldat« ist zwar nicht mit dem »Cid« zu vergleichen, aber ich habe darin so viel Erfolg gehabt wie in dem klassischen Repertoire.

Und »Napoleon auf Elba«! Und »Republik, Kaiserreich und die hundert Tage«! Alle diese Stücke, in denen man mir Blumen warf und Kränze darreichte! Ich liebte sie, denn ich bin Romantiker und Chauvinist. Als ich daher Dauberval den großen Mann angreifen hörte, den ich so oft dargestellt hatte, den Helden, dem ich ein Bankett verdanke, das mir die Studenten von Toulouse nach einer Vorstellung von »Kaiser und Soldat« im Capitol-Theater gaben, da konnte ich mich nicht enthalten, meinen Gedanken Ausdruck zu geben, und ich unterbrach meinen Freund von Zeit zu Zeit, indem ich sagte:

»Pardon, Pardon, Amédée, du wirst ungerecht!«

Aber das stachelte ihn nur noch mehr auf.

»Ungerecht, ich? Ungerecht? Ungerecht gegen einen Kerl, der mich verhindert hat, Sozietär zu werden? Alles kommt von diesem Korsen, verstehst du, Brichanteau? Alles!«

»Wie?« fuhr er heftig fort, »wir sind dem Machtgebot eines Tyrannen unterworfen, wir, die freien Diener der Kunst, die über alle andern Künste erhaben ist? Von allen Institutionen des Kaiserreiches ist nichts übriggeblieben, und wir allein beugen uns der Laune eines Menschen, der, anstatt sich damit zu befassen, den Brand von Moskau zu löschen, uns ersten Rolleninhabern unterordnete!«

Ich versuchte immer wieder, ihm Einhalt zu tun. Vergeblich. Er war nun einmal im Schwung.

»Sei nur gerecht, Dauberval, es bleibt auch noch der Code Napoleon!«

»Der Code! Gut, sei's drum, der Code! Aber der Code gilt für alle Franzosen. Während das Moskauer Dekret nur auf uns allein angewendet wird, auf uns arme Schauspieler! Dieses Dekret setzte ein Privilegium ein zugunsten einiger Bevorzugter und eine Tyrannei zum Schaden aller!«

»Auf alle Fälle, lieber Freund, ist es zum großen Teil durch das Dekret vom Jahre 1850 außer Kraft gesetzt worden. Man spricht immer nur vom Moskauer Dekret, aber es besteht ja gar nicht mehr. Das geltende Gesetz ist das Dekret von 1850!«

»Ich kümmere mich nicht um das Dekret von 1850,« versetzte Dauberval. »Ich halte mich nur an das Moskauer Dekret, und ich will verdammt sein, wenn ich ihm nicht Krallen und Zähne in den Leib schlage! Wie kommt dieser Herr dazu, uns mitten aus Rußland die Aristokratie der Sozietäre aufzuzwingen? Es gab nur ein Dekret, das er hätte erlassen sollen, wenn er schon durchaus das Bedürfnis empfand, ein Moskauer Dekret zu erlassen!«

»Zum Beispiel?«

»Oh, so einfach, wie guten Tag sagen: ›Jeder französische Schauspieler hat das Recht, auf der Bühne der Comédie Française aufzutreten.‹«

»Donnerwetter! ,... Gut, aber die Autoren? Hätten die Autoren nicht auch das Recht ,...?«

»Die Autoren sind weniger wichtig als die Schauspieler. Aber wenn du es durchaus willst, so hätte Napoleon einen Artikel II hinzufügen können: ›Artikel II. Jeder französische Bürger hat das Recht, auf der Bühne der Comédie Française aufgeführt zu werden.‹«

»Aber Dauberval, denk doch nur einmal nach, wieviel Schauspieler gibt es in Frankreich? Und wieviel französische Bürger?«

»Das kümmert mich nicht, das gehört zur Arithmetik und zur Statistik. Ich sage, daß Recht Recht ist, und daß ich ebensoviel Anspruch darauf gehabt hätte, in der Rue de Richelieu aufzutreten, wie die andern ,...«

»Ganz richtig.«

»Mehr als die andern!«

»Gewiß. Gleichwohl, lieber Freund, ohne die Comédie Française verteidigen zu wollen, wo auch mein Platz gewesen wäre, wie ich glaube, laß mich dir sagen, daß, wenn jedermann dort aufträte, wenn jedermann dort gespielt würde ,...«

Aber Dauberval fiel mir wieder ins Wort, wollte keine Einwendung hören und rief, indem er mit den Händen, über die die Spitzen des fürstlichen Kostüms fielen, lebhafte Bewegungen machte:

»Ich greife nicht die Comédie Française an, ich greife den Mann an, den unheilvollen Mann, der sie schlecht eingerichtet hat. Wie? Nach so vielen Revolutionen – man könnte die Zahl leicht feststellen – ertragen wir noch immer das Joch einer Cäsarenlaune? Eines Wahnsinnigen – denn er war wahnsinnig, Napoleon! Lies, was die Gelehrten sagen ,...«

»Oh, die Gelehrten!«

»Er war wahnsinnig, und er wird überschätzt, was schlimmer ist!«

»Überschätzt?«

»Überschätzt!«

Ich fand Daubervals Rede entschieden ungerecht, selbst unsinnig, aber es hätte einer versuchen sollen, es ihm zu beweisen! Er war nun einmal im Lauf. Ein ausgebrochenes Pferd, ein Stier in der Arena, der sich auf den grauen Rock des Kaisers stürzte wie auf ein rotes Tuch ,...

»Und wisse, daß er nicht einmal physischen Mut besessen hat, dein Napoleon!«

»Der Witz ist gut!«

»Das ist kein Witz, das ist eine Tatsache. Eine physiologische Tatsache! Du wirst mir doch nicht einreden wollen,« rief Dauberval, sich mehr und mehr erhitzend, »daß er bei Waterloo seine Pflicht getan hat! Cambronne – ja, der hat seine Pflicht getan. Ney hat seine Pflicht getan. Cobau, der Mann der Pumpen, hat seine Pflicht getan. Aber er? Er? Napoleon? Er hat rechtsum gemacht, während noch gekämpft wurde!«

»Du willst vielleicht sagen, daß er Lampenfieber gehabt hat? Vorerst einmal können die Tapfersten Lampenfieber haben. Bouffé, der ein sehr großer Künstler war, starb an einem Premierenabend an Lampenfieber. Ich selbst, der ich nichts fürchte, ich selbst erinnere mich, oft schreckliches Lampenfieber gehabt zu haben. Eines Abends bei ›Heinrich III.‹ – ich gab Saint-Mégrin – fragte ich mich, ob ich würde auftreten können!«

»Man darf vorher Lampenfieber haben, niemals aber inmitten des Stücks oder nachher! Lampenfieber, ehe der Vorhang aufgeht – ja; aber wenn man an der Rampe steht – nein! Man könnte es ihm verzeihen, wenn er am Vorabend von Waterloo beklommen gewesen wäre. Aber am Tage der Schlacht, während die Grenadiere der Garde sich zerschmettern ließen – – Was würdest du sagen, wenn wir die Bühne verließen, um die Statisten auspfeifen zu lassen? Was würdest du sagen, was würdest du sagen, Brichanteau, he?«

Ich liebe meinen Stand und hänge mit ganzem Herzen an meinem Beruf. Mehr als das, ich ehre ihn hoch. Ich kann sagen, daß ich ihn in zweifachem Sinne ehre, durch meine Hochachtung vor ihm und durch die Würde meiner Lebensführung. Aber trotz alledem, einen Schauspieler auf der Bühne mit dem Kaiser auf dem Schlachtfelde zu vergleichen, so stolz ich auch auf meine Kunst bin – das fand ich ein bißchen stark.

Ich sagte das auch Dauberval. Ich sagte ihm geradezu:

»Das finde ich stark!«

Ich hatte unrecht, und ich sah sofort, daß ich unrecht gehabt hatte, das zu sagen.

»Ah,« rief Dauberval, »du bist also der Ansicht, daß ein Künstler, der die Herzen seiner Mitmenschen mit allen edeln Gefühlen bewegt, auf tieferer Stufe steht als ein Mann, dessen Genie darin besteht, den Leuten die Schädel einschlagen zu lassen? Du bist ja recht liebenswürdig gegen deine Kollegen!«

»Meine Kollegen, meine Kollegen! Sie hätten die Schlacht bei Austerlitz wohl nicht gewonnen,« versetzte ich.

»Das kann man nicht wissen,« sagte Dauberval.

»Du glaubst, daß Talma bei Austerlitz ,...«

»Talma hätte ebensogut zu Pferde gesessen, und Rapp wäre ebensogut mit verwundeter Stirn zu ihm gekommen, um ihm zu melden, daß die russische Garde zersprengt sei. Du siehst, daß ich die Geschichte sehr gut kenne!«

»Du stellst dir Talma zu Pferde vor?«

»Ja, ich stelle mir Talma zu Pferde vor!«

»Die Schlacht bei Austerlitz gewinnend?«

»Die Schlacht bei Austerlitz gewinnend!«

»Und Napoleon? Was machst du mit ihm während dieser Zeit?«

»Was ich mit ihm mache? Ich mache gar nichts mit ihm,« sagte Dauberval. »Ich kümmere mich nicht um ihn, da doch die Schlacht ohne ihn gewonnen würde!«

»Durch Talma?«

»Durch Talma oder durch einen andern. Denn in Wirklichkeit hat sie doch Rapp gewonnen, oder Soult, oder ein andrer, aber nicht er!«

»Vortrefflich. Und die Pläne Napoleons, was machst du mit denen? Denn schließlich war er ein ganz famoser Plänemacher, das wirst du nicht bestreiten wollen. Er wußte, was eine gute Inszenierung wert ist, der Mann!«

»Und mit allen seinen guten Inszenierungen, wenn er Stücke geschrieben hätte, so hätte er schlechte Stücke geschrieben, denn er hatte einen Geschmack, einen Geschmack! Du lieber Gott! Ihm gefielen die alten Tragödien, das platteste Zeug!«

»Dauberval, noch einmal, du bist ungerecht. Er nahm eben, was er haben konnte. Es ist nicht seine Schuld, daß Victor Hugo später kam.«

»Victor Hugo? Er hätte ihn in Moskau umbringen lassen, wie er das famose Dekret unterschrieb. Wenn er ihn nicht hätte töten lassen wie einen einfachen Rebellen, so wäre er nicht Napoleon gewesen!«

»Das kannst du nicht wissen.«

»Ich weiß, daß er in der Literatur einen Krämergeschmack gehabt hat und daß seine strategische Kunst stark angefochten wird. Jawohl! Hast du Charras gelesen?«

»Den Oberst Charras? Ein Oberst, der einen Kaiser belehren will!«

»Der unbedeutendste Journalist will uns auch belehren! Aber ich will gar nichts von Victor Hugo sagen. Sprechen wir von Talma – das gehört doch wohl nicht zur Strategie – hat Napoleon es gewagt, Talma zu dekorieren? Hat er es gewagt? Sag mir einmal, hat er es gewagt?«

»Nein, ich muß gestehen, er hat es nicht gewagt. Das war eine Schwäche. Aber um jene Zeit ,...«

»Jawohl, jawohl, ich weiß, das Vorurteil! Wäre er aber der große Mann gewesen, von dem man uns die Ohren vollbläst, hätte er das Vorurteil nicht zum Teufel schicken müssen, hätte er es nicht unter die Füße treten müssen? Ich bin kein Blutmensch, aber Robespierre hat noch ganz andre Vorurteile über den Haufen geworfen!«

»Nun, und doch hat auch Robespierre Talma nicht dekoriert.«

»Nein – aber wer weiß? Er hätte es vielleicht getan, wenn er lange genug gelebt hätte. Warum nicht? Ludwig XIV. hätte es sicher getan.«

»Ludwig XIV.?«

»Er hat wohl Molière nicht dekoriert, weil er keine Ehrenlegion gegründet hatte, aber er hat ihn zum Frühstück eingeladen. Hat Napoleon Talma zum Frühstück eingeladen?«

»Wahrscheinlich. Sicherlich. Talma hat übrigens ihn eingeladen, als er noch Artillerieoffizier war. Und dann ist Talma, wenn er auch Talma ist, noch immer nicht Molière.«

»Er ist in seiner Art so groß wie Molière. Molière besteht aus zwei Individualitäten, dem Dichter und dem Schauspieler. Als Schauspieler war Talma vielleicht größer als er. – Und schließlich, weißt du was?« (Hier glaubte ich, daß Dauberval ganz den Verstand verliere.) »Du fängst an, mich zu ärgern mit deinem Napoleon! Du wirfst dich zu seinem Verteidiger auf. Du betest die Legende nach. Du nimmst es ihm gar nicht übel, daß er uns sein Dekret an den Kopf geworfen hat! Du bist einfach ein Bonapartist!«

»Dauberval!«

»Ein Höfling! Ich weiß nicht, warum du nicht in der Comédie Française bist wie Giraudet. Du würdest es verdienen!«

Marat – ich sage Ihnen, er wurde ein Marat. Er sah mich mit wahnsinnig funkelnden Augen an. Er war nicht mehr Richelieu oder Létorières oder der Fürst d'Hennin, er war ein Rasender. Seine Frau, die seit einer Weile stumm zugehört hatte, war nun aufgestanden und versuchte ihn zu beruhigen, während Louisette in einem Winkel in überstürzter Hast Gebete murmelte.

»Amedée, lieber Amedée!«

»Laßt mich in Ruh!« erwiderte er. »Wenn ein Mann in meinem Alter eine Rolle seines Faches spielen kann, wie ich sie euch eben gespielt habe, und er durch die Schuld eines Kaisers verkannt wird, so sind alle, die diesen Kaiser verteidigen, falsche Freunde! Falsche Freunde, sage ich!«

»Dauberval,« sagte ich hierauf, mich mit Würde erhebend, »das ist ein Wort, welches dir, glaube ich, dein Gewissen noch oft in deinen Träumen wiederholen wird. Was mich betrifft, so gehe ich, und ich sage es dir gleich, es ist kein falscher Abgang.«

Vergeblich bat mich Frau Dauberval, zu bleiben.

»Falscher Freund, Madame, falscher Freund!« erwidere ich.

Und da ich mich der Tür zuwandte, versuchten die beiden Frauen mich aufzuhalten, indem sie zugleich Dauberval baten: »Sag ihm doch nur ein Wort, ein einziges, und er wird bleiben!«

Und es ist wahr, ich wäre geblieben.

Aber wissen Sie, was das Wort war, das Dauberval sagte?

»Gut, wenn Brichanteau erklärt, daß Napoleon ein Dummkopf war!«

Wie ich schon sagte, ich bin kein Bonapartist. Aber mein Herz bewahrt seine Erinnerungen. Wie viele Hervorrufe sind mir in dieser Rolle geworden! Ich, der ich den Rémond in »Kaiser und Soldat« gespielt habe, ich sollte sagen, daß Napoleon ein Dummkopf war? Meine ganze Vergangenheit mit einem Zuge durchstreichen? Und um wem den Willen zu tun? Einem gealterten, jawohl, einem gealterten Kollegen, dem obendrein vielleicht das Feuerwasser zu Kopf gestiegen war.

»Dauberval,« rief ich (und ich höre noch meine Stimme in dem kleinen Hause zu Isle-Adam erschallen, daß die Fayencen auf den Wandbrettern erzitterten), »du forderst eine Feigheit von mir. Adieu!«

Ich hatte die Gebärde des Abschieds gemacht, obgleich ich nicht wirklich gehen wollte. Aber ich war im Schwung. Mit einem Satze gewann ich die Tür und befand mich im nächsten Augenblicke aus dem Kai – allein.

Einen Augenblick stand ich zögernd in der Finsternis, im stillen erwartend, daß man mich zurückrufen würde. Schließlich war Dauberval vielleicht für seine Handlungen nicht verantwortlich. Etwas zu viel Alkohol in seinem Alter! ,... Ich sah auf das fließende Wasser, auf die ziehenden Wolken, auf die Pferde, die ein Boot mit blinkender Laterne wasserauf schleppten. Man rief mich nicht. Ich habe mittlerweile erfahren, daß die beiden Frauen damit beschäftigt waren, Dauberval die Schläfen zu waschen.

Sie fürchteten einen Schlaganfall. Ich wäre umgekehrt, wenn ich das gewußt hätte. So aber wendete ich mich mechanisch dem Bahnhof zu. Der Zug kam an, ich stieg ein. In Paris angelangt, dachte ich zuerst daran, eine Depesche abzusenden, dann sagte ich bei mir: »Warten wir!« Und ich wartete. Dauberval gab mir kein Lebenszeichen. Ich war verletzt. Ich wurde starrsinnig. Wir haben uns nie wiedergesehen – nie wieder, nie wieder!

Napoleon darf wohl zufrieden sein da oben. Oder da unten, im Invalidendom. Um seinetwillen habe ich einen Freund verloren, einen alten Freund. Um seinetwillen, da ich nicht sagen wollte, daß er ein Dummkopf war, während meine feste Überzeugung ist, daß er kein Dummkopf war. Ein Dummkopf! Wenn das Kaiserreich wiederkehrte, würde er mir dafür keinen Orden geben. Im übrigen würde ich nichts von ihm verlangen, des kann er sicher sein.

Ach, dieser Abend, dieser Abend! Ich denke mit schmerzlichem Bedauern daran. Er bildet eines der traurigen Daten meines Lebens. Sich mit seinem Freunde zu entzweien um Napoleons willen! Einen alten Kameraden zu verlieren wegen dieses verwünschten Moskauer Dekrets! Es ist unerhört! Ich kann mich nicht darüber trösten. Und wenn ich an Dauberval denke, so denke ich seiner wie einer verlorenen Geliebten. Wir finden uns vielleicht eines Tages wieder. Aber wir werden nicht wieder über den Kaiser streiten. Ich werde Dauberval seine Ansichten aussprechen lassen, und seien sie noch so paradox, und werde ihm nicht widersprechen, werde kein Wort sagen. Armer Dauberval! Nach wie vor kann ich von ihm sagen, daß ein großer Teil meines Herzens ihm gehört hat und immer gehören wird!

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