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Brichanteau, der Mime

Jules Claretie: Brichanteau, der Mime - Kapitel 7
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authorJules Claretie
titleBrichanteau, der Mime
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
yearo.J.
printrun
translatorLeopold Rosenzweig
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180103
projectid3dee22c9
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6. Die Vergangenheit Brichanteaus

Aber Sie werden vielleicht denken, Monsieur, daß der, der Ihnen das alles erzählt, ein Aufschneider ist, ein Gascogner, ein Anekdotenerzähler. Sie möchten vielleicht einige Referenzen haben, wie die Geschäftsleute sagen. Ehe ich der alte Schwätzer war, der ich bin – aber unverbrüchlich treu der Wahrheit! – habe ich gleich so manchen andern von Glück und Ruhm geträumt. Ich bin einmal jung gewesen! Und nicht jeder ist jung gewesen! Wenn ich eine Frau wäre, würde ich mein Alter nicht sagen. Aber es ist so lange, so lange her, daß ich herumschweife, die Straßen entlang ziehe, mein Brot suche, nachdem ich den Ruhm gesucht habe – so lange her, daß man mich für verwittert halten muß wie die Türme von Notre-Dame. Ich bin freilich über die erste Jugend hinaus, aber ich bin alles in allem noch nicht fünfundsechzig. Die Arme sind noch kräftig. Fragen Sie den Burschen, der neulich abends aus dem Boulevard de la Billette den »alten Mann« überwältigen wollte. Und was habe ich gesehen! Was habe ich erlebt! Welche Erinnerungen stecken in diesem Kopfe! Wenn ich denke, daß Beauvallet eifersüchtig auf mich war und daß die Rachel mich nicht auf ihre amerikanische Kunstreise mitnehmen wollte, weil sie fürchtete, daß ich zu viel Erfolg neben ihr haben könnte! Sie glauben, daß ich mich eitel rühme? Ich habe das Alter der Illusionen hinter mir, und ich sage Ihnen heute wie gestern, wie immer, die lautere Wahrheit.

Ja, Beauvallet! Er war mein Lehrer im Konservatorium zur Direktionszeit Aubers. Ich trat 1848, im Revolutionsjahre, in das alte Haus im Faubourg Poissonnière ein. Ich war achtzehn Jahre alt. Und was für Träume drängten sich hinter meiner Stirn! Als ganz kleiner Knabe schon, in Versailles – Sie wissen, daß ich aus Versailles bin – deklamierte ich Verse unter den Bäumen des Boulevard de la Reine. Ich hatte im Stadttheater Ligier in den »Kindern Eduards« gehört, und ich kannte nichts, verstehen Sie wohl, nichts, das mir als größer gegolten hätte wie der Schauspieler, der die Menge beherrscht und den Worten des Dichters Leben einhaucht. Mein Vater, der Beamter im Stadthause war, wollte aus mir einen Federmenschen machen wie er, ein Wesen, das über Papier mit amtlichem Titelkopfe gebeugt sitzt und seine Tage damit verbringt, Schriftstücke nach stets gleichbleibenden Formeln auszufertigen, um sie dann von dem Herrn Bürgermeister oder seinem Stellvertreter unterschreiben zu lassen. Armer Vater! Nein, ich war fest entschlossen, mich niemals dazu herzugeben, meine Tage in einem Amt zu vertrauern und zu vergähnen, ich lechzte nach freier Luft, nach weitem Raum, nach Abenteuern. Ich wäre Seemann geworden, wenn ich nicht Schauspieler geworden wäre.

Schauspieler! Als ich davon sprach, mich der Bühne widmen zu wollen, bekreuzigte sich meine sehr fromme Mutter, und mein Vater fragte sich, welch schrecklichen Bruder Liederlich er da gezeugt habe, er, der vom Leben nichts kannte als sein Amtspapier, seine wohlgeschnittenen Gänsekiele und sein rundes Porzellantintenfaß, das stets mit der gleichen Tinte gefüllt war – dieser Tinte, die sein, des armen kleinen Beamten, Blut darstellte.

»Was dir nicht einfällt! Schauspieler!« sagte er. »Ein Faulenzerberuf! Ein Hungerleiderberuf! Du sehnst dich also nach dem Elend, Sébastien?«

Ich achtete nicht auf seine Bedenken. Ich lernte Verse auswendig. Ich erzählte meiner Mutter die Lebensgeschichte berühmter Schauspieler: Baron, Lekain, Talma, der Freund eines Kaisers, der Pensionär des Königs von Holland. Er war ein König der Welt, Talma!

»Ja,« sagte mein Vater, »wenn du ein Talma würdest!«

Und er schüttelte den Kopf.

Ich erwiderte:

»Warum nicht?«

Aber meine Mutter sagte sogleich:

»Und wenn er selbst ein Talma würde, es ist ein gottloser Beruf!«

Glücklicherweise war mein Vater ein Freigeist. Er las Voltaire. Er hatte die Zitatensammlung Rigault-Lebruns unter seinen Büchern. Er war dem Theater nicht abhold, er selbst hatte mich zum erstenmal hineingeführt. Der arme Mann fühlte schließlich, daß das beschränkte Leben eines Stadtbeamten in einer Provinzstadt nicht die Summe menschlichen Glückes ausmachte. Er wiederholte sich selber – und wiederholte andern – sein: »Ja, wenn er ein Talma würde!« Und allmählich hatte er, da schließlich er Herr im Hause war, die Mutter dazu gebracht, daß sie unter leisem Seufzen ihre Zustimmung gab.

»Nun ja,« sagte sie, »wenn das Unglück es wollen sollte, daß er ein Talma würde, so müßte ich eben etwas mehr für ihn beten!«

Wir wohnten im alten Viertel Saint-Louis, und meine Mutter war fast immer in der Kirche. Sie betreute dabei jedoch ihren Haushalt aufs sorgfältigste, und die beiden wackeren Leute mit ihrem einzigen Sohn liebten einander und waren glücklich, als ich in Nantes den »Vikar von Wakefield« spielte, der von Tisserant im Odeon kreiert worden war, erinnerte ich mich an diese Häuslichkeit und machte mir die Maske meines Vaters.

»Wenn er ein Talma würde!« Und warum sollte ich kein Talma werden? Ich hatte die Gestalt dazu – sie ist mir zum Teil geblieben – ich hatte die Stimme, ich habe sie noch, eine prächtige Stimme, eine zu schöne sogar, Sie werden sehen, weshalb ,... Ich war dunkelhaarig, schlank, kräftig gebaut, hatte einen Lockenkopf und sehr sanfte Augen. Sehr sanft, aber auch sehr feurig! Ich konnte nach Gefallen die Helden Corneilles und Victor Hugos verkörpern, besonders die Victor Hugos. Es ist mir, Gott sei Dank, ein gutes Stück Romantik geblieben, und ich liebe noch immer den Federhut. Ja, ich hasse das Rundliche in der Bildhauerei, das Weichliche in der Malerei und das Bürgerliche in der Literatur. Da haben Sie mein Glaubensbekenntnis.

Mit vierzehn Jahren konnte ich den ganzen »Ruy Blas« und den ganzen »Hernani« fehlerlos auswendig. Aber ich lernte auch fleißig Klassisches, weil man bei der Prüfung im Konservatorium Klassisches verlangte. Man verlangt es noch immer.

Ich werde nie den Oktobertag vergessen, an dem ich mich, erregt wie bei meiner ersten Kommunion, der schrecklichen Jury stellte. Ich sehe sie noch vor mir. Ich sehe den kleinen, im pompejanischen Stil in hellgrünen, rosafarbenen und blauen Tönen bemalten Saal und die kleine, um einige Stufen erhöhte Bühne gegenüber der Hufeisentafel, an der meine Richter sahen. Oh, dieses große grüne Tischtuch mit den runden Tintenfässern aus weißem Porzellan – ähnlich dem Tintenfaß, in das mein Vater jahraus, jahrein seine Feder tauchte. Diese auf dem Tisch liegenden Papiere und diese kahlen oder grauen Köpfe, die sich über die Papiere und die Notizen darauf beugten oder, manche mit Hilfe eines Glases, den Kandidaten betrachteten, der sich ihnen da vorstellte! Zehn oder zwölf Männer, die das Studienkomitee bildeten, alle alt, und die Professoren zur Rechten und zur Linken; der Präsident, Herr Auber, sehr klein, sehr weiß, sehr lebhaft, in der Mitte. Und ihm zur Seite Eduard Monnais, der Regierungskommissär, Bazenerye, der Kommissär am Théâtre Français, Alexandre Mauzin, Kommissär am Odéon, dann Scribe, de Planard, Delavigne, Perrot; und neben ihnen die, denen ich in der Comédie begeistert Beifall geklatscht hatte, nachdem ich an freien Tagen in den dunkeln Gängen des Palais Royal stundenlang in der Queue gestanden hatte: Samson, Provost, Beauvallet! Alle blickten mich an, hörten mir zu, machten Notizen. Die ewigen Notizen!

Ich habe den kleinen Saal seither oft wiedergesehen. Aber an diesem Tage sah ich zuerst nichts als eine große Leere, ein großes Loch zu meinen Füßen, und dort drüben, jenseits eines großen Klaviers, das mich von ihnen trennte, und das für die musikalischen Prüfungen diente, alle diese Männer, das Kunsttribunal, meine Richter!

Als der Ordner mich aufrief und diesem Gerichtshof meinen Namen hinschleuderte, befiel mich ein Schwindel. Ach hatte bis dahin in einer Art Vorzimmer mit den andern jungen Männern und jungen Mädchen geplaudert, die hier gleich mir warteten, bis die Reihe an sie käme.

Der Ordner rief:

»Herr Brichanteau!«

Eine Tür öffnete sich. Ich eilte auf die Bühne und begann die große Wahnsinnsszene des Orestes zu sprechen. Merkwürdig: ich war eben noch erregt gewesen, als ich auf das Gerufenwerden wartete; ich war es nicht mehr in dem Augenblicke, da mein Fuß die Bretter, meine ersten Bretter berührte. Ich bin eine Kriegernatur, ein Akteur, ein Mann der Aktion. Das Publikum setzt mich nicht in Verwirrung, sondern regt mich an. Man ist zum Schauspieler geboren oder man ist keiner. Ich roch Pulver. Zum ersten Male war ich in der Lage, mich hören zu lassen, und ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß man mich hörte.

Meine Stimme erfüllte donnergleich den kleinen Saal mit seinen gedämpften Tönen. Ich sah, wie Herr Auber auf seinem Sessel rückte und wie Herr Samson, der eine etwas säuerliche Stimme hatte, die Hände an die Ohren legte. Im Prüfungssaale befindet sich im ersten Stock eine kleine, ehr schmale Loge, die ganz schwarz von oben heruntersieht, mit einer ziegelroten Brüstung vorne. Das ist die Loge, von der aus Napoleon I. einst den Prüfungen folgte. An diesem Tage erschien die Loge ganz ausgefüllt durch eine einzige Zuhörerin, eine sehr dicke Dame, die niemand Geringerer war als Fräulein Georges, ja, Fräulein Georges Weymer, Beigeordnete des dramatischen Studienkomitees. Ich wußte damals nicht, wer die Zuhörerin war; aber ich sah in jener dunkeln Öffnung eine vermutlich vor innerlicher Bewegung bebende Körpermasse.

Ich habe den Orest oft gespielt, habe oft seinem Wahnsinn Ausdruck geliehen, aber niemals, nein, niemals mit solchem Feuer und solcher Stimme wie damals. Ich bebte, ich keuchte. Ich beschrieb mit meiner ausgestreckten Rechten Wellenbewegungen, um die Schlangenwindungen auszudrücken, zu malen:

Für wen die Schlangen, die ob unsern Häuptern zischen?

Und die Zunge an den Gaumen pressend, zischte ich das Wort heraus, als ob die unheilvollen Schlangen sich da über den Köpfen Aubers und Scribes ringelten.

Plötzlich schlug der Präsident mit einem kleinen Elfenbeinhammer auf den Tisch – wie ein Auktionator, der den Gegenstand dem Bieter zuschlägt – und sagte zu mir, sehr höflich übrigens und in freundlichem Tone:

»Ich danke, Herr Brichanteau!«

Ich grüßte die Kommission, ich grüßte den Ordner, der mir die Tür öffnete, ich vergaß, Fräulein Georges in ihrer Loge zu grüßen, und verließ den Saal unter dem Geräusch der übers Papier gleitenden Federn – meine Richter machten ihre Notizen – und unter einer Art schmeichelhaften Murmelns. Und eine Treppe hinabsteigend, befand ich mich im Hofe des Konservatoriums, wo alle die jungen Leute warteten, die sich gleich mir zur Prüfung stellten, und die nun hier fieberisch und ungeduldig auf und ab gingen.

Ach, diese jungen Gesichter unter dem grauen Himmel! Jünglinge und junge Mädchen. Mütter künftiger Schauspielerinnen, mit den Schals der »Mamas« Gavarnis Karikaturist. um die eckigen oder massigen Schultern. Das Konservatorium von heute gibt keinen Begriff mehr davon, was das einst, zur Zeit meiner Jugend, für eine kleine Welt voll Schwärmerei war! Die Kandidatinnen von heute sehen wie Prinzessinnen aus im Vergleich zu den armen Mädchen jener vorgeschichtlichen Zeit, die alle davon träumten, eine Rachel zu werden, so wie ich darauf rechnete, ein Bocage oder ein Frédéric zu werden, und die aus irgendeiner Hausmeisterwohnung, von den Höhen Bellevilles oder Montmartres hergekommen waren, mit einem Corneille in der Hand. Da standen sie in ihren billigen Kleidern, von der Mama genähten Musselinefähnchen, mehr oder minder fadenscheinigen Mäntelchen, armseligen Strohhüten und hatten ihr Frühstück in den Handkörben ihrer Mütter mitgebracht. Heute kommen sie in Seidentoiletten zur Prüfung und in Atlasröcken zur Preisbewerbung. Man entsteigt oft einem eleganten Wagen, um in die Klasse zu gehen. Alle die jungen Mädchen, die sich mit ihrem Reifezeugnis im Konservatorium vorstellen, haben sich entschlossen, Schauspielerinnen zu werden, so wie sie sich entschlossen hätten, Lehrerinnen zu werden. Die Bühne ist eine Versorgung wie eine andre für die Töchter verarmter Kaufleute, zugrunde gegangener Börsenagenten und pensionierter Obersten. Das Theater ist ein Erwerb. Man berechnet den Anteil, den ein Sozietär erhält, und man begibt sich zur Probe, wie man sich ins Bureau begibt. Die jungen Männer sagen sich, daß ein erster Preis vom Militärdienst befreit, daß man heute ebensoviel damit verdient, Molière zu spielen wie Abteilungsvorstand in den Magasins du Louvre zu sein, und man wählt das Konservatorium, so wie man das Polytechnikum wählt. Wir waren doch mehr wert, wir armen Toren von damals mit unsrer Schwärmerei für den Lorbeer und die Entbehrung! Kein einziges der jungen Mädchen dachte damals, davon bin ich überzeugt, an das kleine Palais, das sie sich heute alle wünschen. An den Tempel der Kunst, ja! Der schwebte uns golden und herrlich vor Augen! Es heißt, daß man sich heute sehr wenig mehr aus dem Tempel der Kunst macht!

Alle diese Harrenden umringten mich, fragten mich aus: »Wie war es?« »Hatten Sie starke Angst?« »Wie sind sie?« »Sind sie streng?« »Muß man laut sprechen?«

Ich erwiderte: »Sprechen Sie so laut wie möglich. Ich habe gedonnert. Buchstäblich gedonnert!«

Man sah mich schon mit Bewunderung an. Ein Mann, der die Prüfung hinter sich hat, und sei er selbst nicht angenommen, und der vor der Kommission gedonnert hat! Ich fühlte mich schon als jemand. Ich ging unter den Gruppen hin und her. Alle diese auf mich gerichteten, fragenden, ängstlichen Blicke gaben mir ein gewisses Gefühl der Überlegenheit. Ich teilte rechts und links Ratschläge aus.

»Ach, wie glücklich sind Sie, daß Sie es hinter sich haben, Monsieur!« sagte da ein junges Mädchen mit zitternder Stimme. »Mir ist, als ob ich nie den Mut dazu haben könnte!«

Ich sah sie an. Eine kleine, schmächtige Blondine, wirklich sehr schüchtern aussehend, und so arm! Sie zog ein armseliges schwarzes Wolltuch enger um ihre Schultern, und unter ihrem ebenfalls schwarzen und schon etwas abgenutzten Strohhut machte sie mir den Eindruck eines jener hübschen, frierenden Mädchen, die in London vor den Theatereingängen an nebligen Winterabenden Blumen verkaufen, und die ich aus Bildern kannte.

»Wie, Sie würden nicht den Mut haben? Sie müssen Mut haben, Mademoiselle! Ich habe Mut gehabt!«

Sie erwiderte kopfnickend, ähnlich wie später die kleine Jeanne Horly – Sie wissen, in Perpignan:

»Ja, Sie!«

Ich fühlte in diesem »Ja, Sie!« die instinktive Bewunderung – ich finde kein andres Wort, und ich gebrauche es ohne jeden eiteln Gedanken – die Bewunderung für die Selbstsicherheit, die mir die Breite meiner Schultern und die Kraft meiner Stimme verliehen. Ich besaß diese Gabe, und ihr fehlte sie. Aber die Kraft ist nicht alles in der Kunst, die Anmut ist nicht minder wertvoll. Und sie hatte Anmut, die arme Kleine, die, indem sie zu mir sagte: »Ja, Sie!« hinzuzufügen schien: »Sie und ich, das ist nicht dasselbe. Sie sind zum Kampf geboren, während ich ,...«

»Mein liebes Kind,« erwiderte ich ihr in freundschaftlichem Tone, »die Natur macht nicht alle Geschöpfe nach derselben Schablone. Sie hat verschiedene ›Manieren‹. Sie haben Ihre Eigenschaften, ich habe die meinigen. Nur Mut!«

Dann fragte ich sie, was sie der Kommission zu rezitieren gedenke.

»Aricia,« sagte sie.

»Aricia? Vortrefflich. Sie sind graziös, elegant, Ihre Stimme ist angenehm, sehr angenehm. Rezitieren Sie Aricia. Und wenn Sie vortragen, nähern Sie sich so viel wie möglich dem Rande der Bühne. Ich entfernte mich davon. Begreiflicherweise: ich nahm einen Anlauf und donnerte. Sie im Gegenteil sagen Ihr Stückchen ganz aus der Nähe und singen es. Ich bin ein Donnerer, Sie sind eine Lyra.«

Sie hörte mir zu, indem sie mich mit klugen, tiefen blauen Augen ansah, und es schien mir, als sei ich bereits ein alter Meister, der seine Kunst einer Schülerin lehrte. Fünf Minuten Vortrag hatten mir eine Selbstsicherheit gegeben, die mich seither nie mehr verlassen hat. Und ich hatte ein angenehmes Gefühl, als ich so im Hofe des Konservatoriums mit diesem kleinen Mädchen auf und ab ging, das instinktiv zu mir gekommen war wie zu dem Überlegenen, zum Meister. Magnetisches Fluidum!

Durch die Fenster mit den matten Scheiben, die in den Hof gingen, drangen, erstickt aber lieblich, klagende Töne von Geigen heraus, die von den Prüfungskandidaten der Musikklassen gespielt wurden, und diese leise Begleitung schien dem Gespräch der zwei einander unbekannten jungen Leute, die einander zum erstenmal ihre Gedanken anvertrauten, einen zarten Hauch zu verleihen.

Man ist in diesem Alter übrigens mitteilsam. Sie war sechzehn Jahre alt, die Tochter eines Maschinisten des Ambigu-Theaters, der im Spital gestorben war, nachdem er während einer Vorstellung vom Schnürboden herabgestürzt war. Sie hatte ihr ganzes Leben im Theater verbracht, und da ihre Zukunft ganz aussichtslos war, hatte ihre Großmutter – sie hatte keine Mutter mehr – sie fürs Konservatorium bestimmt. Sie war ihrerseits damit sehr zufrieden. Sie hatte gleich mir den Glauben an die Kunst, und sie fand, daß nichts hienieden dem Phantasieleben der Bühne gleichkomme. Aber sie hatte Angst, weil sie so schüchtern war und weil ihre Stimme so geringen Umfang hatte. Eine hübsche Stimme übrigens, von schmeichlerischem Klang, eine elegische Stimme.

»Wenn Sie angenommen werden,« sagte ich, »werde ich Sie lehren, stark zu sprechen.«

»Ach!« sagte sie wieder mit dem Ton des ›Ja, Sie!‹ vorher, »Ihnen fällt das leicht!«

So plauderten wir, durch das gleiche Gefühl einander näher gebracht. Die Gefahr gebiert die Vertraulichkeit. Nach zehn Minuten wußte ich ihren Namen und sie den meinigen. Sie hieß Jenny. Jenny Valadon.

»Valadon? Sie müssen sich anders nennen,« sagte ich. »Valadon. Ich weiß nicht warum, aber das scheint mir ein Name für einen Sänger.«

»Ach,« sagte sie, »wenn es sich nur noch darum handelte, einen Namen für das erste Auftreten zu finden! Ich müßte nur erst in der Lage sein, zum erstenmal aufzutreten!«

Die kleine Jenny interessierte mich. Sie zitterte wie Espenlaub bei dem Gedanken, vor die Kommission hintreten zu müssen. Ich mochte ihr noch so sehr versichern, daß Herr Auber sie nicht fressen würde, sie zitterte doch, und auch ich übrigens, wenn ich bedachte, daß die Männer um den grünen Tisch da oben bald über mein Schicksal abstimmen würden, bekam ein Kribbeln in den Beinen und ein Summen in den Ohren. Angenommen sein! Ach, zurückgewiesen sein! Ich rezitierte im Geiste den Monolog Hamlets mit der Situation angemessener Änderung und schritt den Hof auf und ab, indem ich dachte:

›Wenn ich beim Zählen der Pflastersteine eine gerade Zahl erhalte, bin ich angenommen. Eins, zwei, drei, vier ,... ‹

Und als es am Ende des Hofes mit einer ungeraden Zahl ausging, rief ich aus: »Ich muß mich geirrt haben, das gilt nicht!« Und fing wieder an: Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs ,... Es war eine Art, die Zeit totzuschlagen.

Der Tag ging endlich zur Neige, und die Stunde war da, wo der Gerichtshof, nachdem er seine Notizen, die schrecklichen Notizen, zur Hand genommen, sein Urteil gefällt hatte. Wir standen alle unter dem Eingangstore, aneinander gedrängt, zusammengepfercht wie die Schafe, mit stockendem Atem auf das Fortgehen der Kommissionsmitglieder wartend, voll fieberhafter Ungeduld, zu erfahren, wer von uns erwählt worden sei. Welch eine Zeit fürchterlicher Spannung, da alle diese jungen Menschen mit den von der Gasflamme beleuchteten angstvollen, blassen Gesichtern auf das Erscheinen der Jury harren, welch ein aufregender Moment, da endlich der erste der hochmögenden Herren auftaucht, auf dessen Antlitz sich alle Augen mit fieberischer, gieriger Frage heften! Fast eine Stunde warteten wir so, unverrückt auf die Stufen starrend, auf welchen die Kommission erscheinen sollte. Man hätte die armen zwanzigjährigen, sechzehnjährigen Herzen schlagen hören können, wenn man hingehorcht hätte. Sowie ein Schatten auf die Stufen fiel, von denen her der Richtspruch kommen sollte, ging eine heftige Bewegung durch die Wartenden, und ein Angstlaut entrang sich allen Lippen. Alles drängte vorwärts, wollte die Treppe hinaufstürmen. Aber der Türsteher und die Ordner verhindern es. Sie drängen alle zurück, die Schüler, ihre Eltern, ihre Freunde, ihre Mütter, alle, die hier bedrückt warten, wie ein Trupp Verurteilter.

Endlich erscheint ein Herr von der Kommission. Er kommt langsam herab, ein wenig verdrießlich, daß er nun die Fragen aller dieser Kandidaten über sich ergehen lassen muß; dann scheint er einen Entschluß zu fassen und wirft sich ohne weiteres Zögern in diese bebende, fiebernde Menge. Hinter ihm kommen ein, zwei andre ,... Mit einem Mal wird es still, und alles weicht instinktiv zurück vor diesem Richter, von dem man zuerst die Beine sieht, dann den Rumpf, dann den Kopf, und der die letzten Stufen herabsteigt, als hielte er das Leben dieser kleinen Welt in seiner Hand. Und er hält es auch! – Aber kaum ist dieser erste der Gewaltigen in die Menge getreten, in ihr untergetaucht, als sich ihm alle Gesichter zuwenden, alle Augen sich an ihm festsaugen, alle Hände sich ihm entgegenstrecken, alle Körper ihm den Weg versperren.

»Bin ich angenommen? Godard, Louis Godard?«

»Ist Palmarin zugelassen?«

»Hat mein Sohn, Jean Bougeard, bestanden?«

»Und Martineau?«

»Galabert?«

»Bonneval, Monsieur, Bonneval?«

»Suberville, Suberville Amédée?«

Er wehrt sich, so gut er kann, drängt die kleinen Hände zurück, die sich an seine Kleider klammern, die Mütter, die seine Rockschöße fassen, und erreicht mit Mühe die Tür, indem er erwidert: »Ich weiß nicht. – Ich erinnere mich nicht. – Ich glaube, ja. – Ich fürchte, nein. – Sie werden die Liste sehen.« – Und er ergreift die Flucht gleich einem Opfer der Mänaden. Hübsche Mänaden manchmal. Aber nicht er ist derjenige, der zu beklagen ist, sondern all die Unglücklichen in dieser Menge, die da warten, hoffen, Tränen in den Augen haben und bald Nervenkrisen und Schwindelanfälle bekommen werden. Ach, diese weinenden Mütter, das Stammeln der Abgewiesenen, die Drohungen, die Proteste, die Appellationen an die Gerechtigkeit! »Das ist infam! – Das ist niederträchtig! – Die Leute verstehen nichts! – Meinen Sohn abzuweisen! – Meine Tochter nicht anzunehmen!« – Alles das wimmelt und wirbelt in der Dunkelheit des Oktoberabends durcheinander. Ich habe dieses Schauspiel seither oft gesehen. An diesem Abend sah ich nichts. Ich war erfüllt von angstvoller Erwartung, von der Ungewißheit des » to be or not to be«.

Kaiser! Kaiser sein! O Götterwahn!
Es nicht sein! ,...

Es war kein andrer als Scribe – Scribe, den ich an diesem Tage zum ersten und einzigen Male bewunderte und den ich selbstvergessen hätte umarmen mögen – es war Scribe, der mich von der Pein der Ungewißheit erlöste.

Auf meine erregte Frage: »Brichanteau, Monsieur, Brichanteau?« erwiderte er im Vorbeigehen hastig: »Ja, ja. Brichanteau. Alles in Ordnung. Angenommen!«

Und er eilte zu seinem Wagen.

Wackerer Scribe! Ich habe ihm viel verziehen in Erinnerung an dieses »Alles in Ordnung«, das er mir eilig aber liebenswürdig zuwarf.

Angenommen! Ich war angenommen! Ich hatte jetzt nur noch einen Gedanken: zum Bahnhof zu laufen, mich in den Zug zu werfen, zu Hause zur Tür hineinzustürmen und meinem Vater und meiner Mutter zuzurufen:

»Euer Sohn ist Schüler des staatlichen Konservatoriums für Musik und Schauspielkunst!«

Aber ich wagte mich dennoch nicht fort. Wie, wenn Herr Scribe sich geirrt hätte? Unter den Kandidaten befand sich auch ein Princeteau – Princeteau, der zum Schluß Kommissär auf dem Bahnhofe von Melun geworden ist, nachdem er davon geträumt hatte, Delaunay-Rollen im Odeon zu spielen. Wenn Herr Scribe Princeteau mit Brichanteau verwechselt hätte! Es war nicht sehr wahrscheinlich. Trotz allem muß man anerkennen, daß Scribe die richtige Witterung hatte ,... Ich bin gerecht, selbst gegen ihn, er hatte die richtige Witterung ,... Er konnte unmöglich Brichanteau mit Princeteau verwechseln! – Wenn er es aber doch getan hätte?

Und ich fuhr fort inmitten der fiebernden Schar der Kandidaten, der aufgeregten Väter und fassungslosen Mütter zu warten, bis ich die absolute Gewißheit, die offizielle Bestätigung meiner Annahme erhalten hätte.

Während ich nun so wartete, dank Scribe etwas beruhigter als vorher, wurde oben über mein Schicksal verhandelt von den Professoren, die die Aufgabe hatten, unter den als zulässig bezeichneten Schülern die für ihre einzelnen Klassen Geeigneten auszuwählen.

Nachdem die Abstimmung vorüber, die Sitzung geschlossen ist und die Kommissionsmitglieder sich entfernt haben, bleiben die Professoren noch beisammen, um je nach den Eigenschaften, die sie in den von der Kommission angenommenen Kandidaten entdecken oder ahnen konnten, diese unter sich zu verteilen. Die Professoren des Lustspielfaches nehmen diejenigen, die sie für dieses Fach geeignet glauben, die Professoren des Dramas nehmen sich die künftigen Tragöden. So wird das Material in freundschaftlichem Übereinkommen verteilt.

Und da – ich habe es seither erfahren, und dieser kleine Vorfall hat auf meine künftige Karriere einen entscheidenden und ich kann sagen unheilvollen Einfluß gehabt – da rief, als mein Name genannt wurde, Samson mit seiner dünnen, messerscharfen Stimme:

»Ah, dieser junge Mann ist für das Drama prädestiniert! Klasse Beauvallet!«

Worauf die mächtige Stimme Beauvallets donnergleich erwiderte:

»Und warum, wenn ich fragen darf?«

»Nun,« erwiderte Samson, »weil er eine Kanonenstimme hat!«

»Ist also die dramatische Kunst,« versetzte Beauvallet, »die Fertigkeit eines Artilleristen?«

»Nein, aber ,...« entgegnete Samson.

Und es entwickelte sich eine Diskussion zwischen den beiden Sozietären über die Vorzüge derjenigen Künstler einerseits, die sich dem Lustspiel, und derjenigen anderseits, die sich dem Drama zuwenden, und Provost hat mir später erzählt, daß seine beiden Kollegen dabei einen mit Epigrammen gespickten kleinen Dialog austauschten. Beauvallet verstand sich hierauf tatsächlich dazu, mich in seine Klasse aufzunehmen, aber ohne Enthusiasmus und wie ein Mann, der etwas auf dem Herzen hat. Was? Den Scherz Samsons? Die »Kanonenstimme«? Nein. Was er auf dem Herzen hatte, das war vielmehr der Umfang meiner Stimme selbst. Diese Stimme, diese schreckliche Stimme sollte mir meinen Professor zum unversöhnlichen Feind machen. Da er eine prächtige Stimme hatte, eine Stimme ohnegleichen, wie er sagte, verdroß es ihn, diese jugendliche Stimme zu hören – die meinige –, die wie Donner rollte und die seinige erdrückte. Jawohl, er war eifersüchtig auf mich, Beauvallet! Der Professor fühlte sich übertroffen, entthront von diesem Neuling, seinem Schüler. Diese Eifersucht, die selbst bei den größten Künstlern so häufig vorkommt, sollte mich durch meine ganze Laufbahn verfolgen, und wenn man ihm, selbst noch in seinen letzten Lebensjahren, von mir sprach, wissen Sie, was er sagte, Beauvallet? Er fing an zu lachen und sagte:

»Brichanteau? Ach ja, Brichanteau! Der, der sich vermaß, meinen Donner niederdonnern zu wollen!«

Ja, niederdonnern ist das richtige Wort. Ich donnerte ihn nieder. Wenn er uns lehrte, einen Ton zu geben, so gab ich ihn, aber verstärkt. Beauvallet in der dritten Potenz. Er schrie? Ich schrie. Er rollte die r? Ich rollte die r. Diese Rollübungen – bra, bre, kra, kre, dra, dre, Krater, Räuber, Triller – waren ebensoviele Duelle zwischen Beauvallet und mir.

»Herr Brichanteau, wiederholen Sie, bitte: ›Was reitet polternd mit Trompetengeschmetter über die donnernde Brücke? Dreihundert rasselnde Reiter reiten polternd mit Trompetengeschmetter über die donnernde Brücke.‹«

Und ich wiederholte ohne Atem zu schöpfen mit rollenden r: »Was reitet polternd mit Trompetengeschmetter über die donnernde Brücke?«

Es war wie das Rasseln eines Schnellzuges, wie das Grollen eines Gewitters, alle diese rrrrrr, es klang, als ob unter den Fenstern des Konservatoriums ein beladener Lastwagen im Galopp über Eisenplatten führe. Ich donnerte ihn nieder, Beauvallet, wie gesagt, ich donnerte ihn nieder!

Ich erinnere mich, daß er sich eines Tages während des Unterrichtes beifallen ließ, vor der ganzen Klasse mit mir die große Szene zwischen Polyeukt und Nearchos zu sprechen. Er sprach den Nearchos, ich den Polyeukt. Einer seiner Triumphe, der Polyeukt! Ich muß sagen, daß er darin sehr gut war. Aber an diesem Tage wollte er, vielleicht in Erinnerung an das Wort Samsons von meiner »Kanonenstimme«, offenbar meinen Kameraden zeigen, daß seine Stimme die meinige an Kraft übertraf, und er brüllte – verzeihen Sie das Wort – er brüllte, daß man hätte taub werden mögen!

›Ah,‹ dachte ich mir, ›du brüllst, um mich zu betäuben? Nun denn, ich werde ebenso stark wie du, ich werde stärker als du brüllen!‹

Und je mehr er, Beauvallet, brüllte, desto mehr brüllte ich, Brichanteau. Auf jedes Brüllen antwortete wieder ein Brüllen. Es war ein Brüllwettkampf. Die ganze Klasse schien erschreckt; manche Schüler hielten sich die Ohren zu. Ich deklamierte die Verse nicht, nein, ich wiederhole es, ich brüllte sie:

Wohlan, Nearchos, laß uns der Vergöttrung
Der Menschen trotzen und zeigen, wer wir sind.

Ja, ja, wir zeigten ihnen, wer wir waren!

Nearchos brüllte, Polyeukt brüllte, und Polyeukt brüllte stärker als Nearchos. Eine Lektion im Brüllen – dermaßen, daß ich ihn mit einem letzten Brüllen endgültig zum Schweigen brachte. Und ich sprach die Szene unter dem instinktiven, unwillkürlichen Beifall meiner Kameraden zu Ende. Auch ein Applaus, den mir Beauvallet nie verziehen hat!

Wenn man sein Urteil über mich verlangte, sagte er daher auch: »Der junge Mensch hat nichts als Stimme.«

Er hörte wohl meine Stimme, aber er sah nicht mein Herz. Ich hatte allerdings Stimme, aber auch Begeisterung, Ehrgeiz, Hingabe zur Kunst! Meine armen Eltern teilten nun meine Hoffnungen; meine Mutter sagte sogar, daß sie nötigenfalls Handarbeiten machen werde, um mir zu ermöglichen, meine Studien am Konservatorium zu vollenden. Mein Vater dachte nur an den ersten Preis, den ich erringen könnte. Und wir sagten oft seufzend zueinander: »Ach, an die Comédie Française engagiert zu werden, das wäre herrlich!« Arme Eltern, sie haben meine Enttäuschungen nicht miterlebt. Meine Mutter starb noch in demselben Jahre, und mein Vater folgte ihr, ehe ich mein letztes Jahr im Konservatorium hinter mir hatte. Ich war allein, Waise, und sehr arm.

Und an dem Tage, da ich darauf hoffte, bei der Konkurrenz den ersten Preis zu erringen, und nur ein letztes »Akzessit« – zusammen mit drei andern – erhielt, da dachte ich, daß meine Eltern vielleicht glücklicher seien, wo sie waren, anstatt den Zusammenbruch meiner Hoffnungen mit ansehen zu müssen. Welch ein Tag! Ich wollte mich ins Wasser stürzen, als ich das Konservatorium verließ. Den zweiten Preis – es wurde kein erster Preis verliehen – erhielt Lévi – Lévi-Sully, der seither in Boulevardtheatern gespielt hat. Den ersten Preis für Damen erhielt Fräulein Periga – die auch auf den Boulevard gelangt ist. Ich war auf ihren Erfolg nicht eifersüchtig, aber ich war verzweifelt über meinen Mißerfolg. Ich sagte mir freilich zum Troste: »Es ist nicht deine Schuld, Brichanteau, es kommt alles nur von der Eifersucht Beauvallets. Er hat vermutlich in den Noten – oh, diese Noten! –, die er der Kommission vorlegte, gesagt, daß du nichts andres hast als Stimme. Er, dein Professor und Rival, hat dich ins Verderben gestürzt!«

Trotzdem war ich verzweifelt, und ich konnte mich nicht enthalten, als ich zwei Tage später Herrn Auber im Hofe traf, auf ihn zuzugehen und ihm zuzurufen, ja, weiß Gott, zuzubrüllen:

»Herr Auber, es ist eine Ungerechtigkeit! Herr Präsident, es ist himmelschreiend!«

Ich sehe ihn noch vor mir, den kleinen, lächelnden Auber mit seinem hellbraunen Überrock.

Statt aller Antwort fragte er mich:

»Wie alt sind Sie?«

»Einundzwanzig Jahre.«

»Nun,« sagte er lächelnd, »Sie werden noch ganz andre Dinge erleben!«

Er hatte recht: ich habe noch ganz andre Dinge erlebt. Das Leben ist mit Ungerechtigkeiten gepflastert. Aber ich hatte genug vom Konservatorium. Ich hatte zu viel davon. Ich schwor, daß ich nie wieder den Fuß in diese »Bude« setzen würde, und ich kehrte tatsächlich nicht mehr dahin zurück. Ich hatte unrecht. Wenn ich geblieben wäre, so hätte ich im nächsten Jahre Van Oven den ersten Preis weggenommen – Van Oven, den Sie nicht kennen, den niemand kennt, und der gleichwohl den ersten Schauspielpreis davongetragen hat wie so viele andre. Er hat ebensowenig Erfolg gehabt wie Brichanteau, Van Oven! Ich ließ mich von einer berechtigten aber unklugen Aufwallung des Zornes hinreißen, und anstatt in die Klasse Beauvallet zurückzukehren, begann ich ein Wanderleben und wurde ein Zigeuner der Kunst.

Ich kam ins Gaîté, dann in den Cirque d'Hiver, wo Militärstücke gegeben wurden. Ich gab junge Offiziere, die mitten im Gewehrfeuer schrien: »Der Fahne nach! Vorwärts!« Und meine Stimme, die die Beauvallets übertönt hatte, beherrschte das Feuer, so wie die Fahnen die Bataillone beherrschen. Damals war die gute Theaterzeit, und ich gedenke mit Rührung des armen Boulevard du Temple, der seither verschwunden ist. Welch reizender Winkel eines fröhlichen, gemütlichen und zwanglosen Paris! Die, die ihn nicht gesehen haben, können sich keinen Begriff von dem machen, was er damals war. Denken Sie sich eine Reihe von Theatern, vom Théâtre Historique bis zum Petit-Lazari, wo man alles spielte, Dramen, Vaudevilles, Musik, Pantomimen. Das Gaîté, der Zirkus, die Folies, die Délassements – alle diese Häuser hatten ihr zahlreiches Publikum. Man machte Queue an den Türen, man drängte sich an den Kassen. Man ging von Frédéric zu Deburau, man weinte beim »Alten Korporal«, man lachte bei »Pierrot in Ägypten«, man belagerte die Orangenverkäuferinnen und die »Koko«-Verkäufer, und wenn ein Theater einen Erfolg hatte, gab es seinen Überschuß an Besuchern an die andern ab. Keine Stadt der Welt konnte einen solchen Winkel aufweisen, es war ein ununterbrochenes Fest, ein ganz einziger Schauplatz froher Lust. Eine Kirchweih mit all dem Zauber von Paris! Nun ist das alles demoliert, dahin! ,... Die kleinen Schauspieler und Schauspielerinnen der kleinen alten Theater sind fort, aber mit ihnen das gute Publikum, dem alles gefiel, das zwei fünfaktige Dramen an einem Abend verschlang, »Latude« von halb sieben bis neun Uhr und den »Hund von Montargis« von neun bis Mitternacht.

Ach, wie traure ich um meinen Boulevard du Temple! Dort habe ich meine ersten Bravos bekommen! Dort habe ich mit Frédéric Lemaître gespielt! Und wenn die Vorstellung zu Ende war, erwartete mich hinter dem Theater Jenny, Jenny Valadon, meine kleine Kollegin vom Konservatorium, meine Schülerin, und wir kehrten in die Rue de Malte zurück, wo wir uns hoch droben unter dem Dache unser Nest gemacht hatten. Denn es war gekommen, wie es kommen mußte. Ich hatte mich in Jenny verliebt, sie hatte sich mir ergeben, das arme Kind, so wie sie sich der Kunst ergeben hatte, ohne viel zu überlegen.

Meine ganze Jugend ist verknüpft mit dem Namen Jenny Valadon! Sie war ein gutes Mädchen, ein entzückendes Mädchen! Ich hatte es ihr gleich am ersten Tag gesagt: wenn ich die Kraft hatte, so hatte sie die Anmut. Sie hatte sich an mich geschmiegt als an einen Liebenden ebenso wie an einen Meister, gleich einer Efeuranke an einen Baumstamm. Ich war ihr Berater. Wir liebten uns sehr, aber ich glaube, wir liebten noch mehr die Kunst, das Theater. Wir liebten uns in ihm. In unserm Dachstübchen da oben verbrachten wir oft ganze Nächte auf dem kleinen Balkon, die Stadt Paris zu unsern Füßen, und deklamierten Verse. Das wird vielleicht naiv erscheinen. Mit zwanzig Jahren hat man andres zu tun. Aber wir liebten uns gleichwohl sehr, und ein so alter Mann ich geworden bin, so kann ich niemals an gewissen Winkeln des Wäldchens von Meudon, an gewissen Wegen in Viroflay oder Sèvres, an gewissen Punkten der Insel Saint-Denis vorbeigehen, ohne zu denken: ›Hier bin ich mit Jenny gewesen.‹

Sie teilte alle meine Hoffnungen. Gleich mir haßte sie das Banale, die kleine Kunst, die leichten Reizungen. Wir träumten davon, gemeinschaftlich, in Verbindung miteinander berühmt zu werden, den Erfolg miteinander zu teilen wie Frédéric Lemaître und Clarisse Miroy. Dann ging ich, da mir Paris zu eng wurde, mit Jenny in die Provinz. Hier konnte ich wenigstens meinem Talent die Zügel schießen lassen, meine Schwingen entfalten. Ich spielte erste Heldenrollen. Aber was für ein Leben! Vor kurzem erst ist mir mein erster Engagementsvertrag wieder in die Hände gefallen, und ich habe mich, indem ich ihn wieder durchlas, gefragt, ob es wohl erlaubt war, die armen Künstler so zu verhöhnen und sie in solche Verträge einzuschnüren! Man sollte es nicht glauben. Manches weiß ich auswendig. Hören Sie einmal:

»Zwischen den Unterzeichneten: Herren Poirier-Thiviard und Co., Direktoren des Theaters zu Tournai einerseits,« ich sage aufs Geratewohl Tournai, es kann ebensogut Laon, Dijon, Perpignan oder Auxerre heißen, »und Herrn Sébastien Brichanteau anderseits ist der folgende Vertrag abgeschlossen worden:

»Herr Sébastien Brichanteau verpflichtet sich hierdurch, entsprechend dem Willen der Behörden, der Abonnenten und des Direktors, auf allen Theatern, die letzterer für gut findet, sei es in Tournai, sei es anderwärts und selbst im Ausland, erste Heldenrollen und im Notfalle auch Nebenrollen zu spielen; überhaupt alle verwandten Rollen, sei es als deren alleiniger Inhaber, sei es abwechselnd mit andern, nach Gutdünken des Direktors allein.

§ 1. Der vertragschließende Künstler verpflichtet sich, in allen Vorstellungen zu spielen, für die er, sei es auf den Theaterzetteln, sei es im Repertoire, angekündigt wurde, ebenso an allen Proben teilzunehmen, die durch den Tageszettel bestimmt wurden, selbst wenn diese Proben nach der Vorstellung stattfinden sollten. Falls durch das verspätete Eintreffen des Künstlers die Probe eine Verzögerung erleiden sollte, ist die Direktion berechtigt, ihm hierfür ein Strafgeld in der durch die bestehenden oder noch zu erlassenden Verordnungen bestimmten Höhe in Abzug zu bringen.«

»Oder noch zu erlassenden!« Ich verpflichtete mich, selbst das Unbekannte im voraus zu akzeptieren.

»§ 3. Der Künstler verpflichtet sich, alle Rollen zu spielen, die seine Mittel und seine körperlichen Eigenschaften ihm zu spielen gestatten, indem er der Direktion in unbedingtester Weise und ohne zur geringsten Einrede ein Recht zu haben, die Rollenverteilung aller Stücke, sowohl alter als neuer, nach ihrem freien Ermessen überläßt, ohne jede Rücksicht auf die Namen und das Fach der Künstler, die die betreffenden Rollen in Paris oder anderwärts kreiert haben. Der Unterzeichnete Künstler ist desgleichen verpflichtet, im Laufe dieser Saison, wenn die Direktion es verlangt, mindestens zehn Gefälligkeitsrollen zu spielen.

§ 5. Der Künstler stellt selbst alle Kleider, Beschuhungen, Kopfbedeckungen, Perücken und sonstige Nebendinge, die zum Kostüm seiner Rolle gehören, auch wenn diese nicht seines Faches wäre.

§ 7. So oft die Inszenierung einer Oper, eines Dramas, eines Vaudevilles oder eines Lustspiels die Anwesenheit des Künstlers erfordert, selbst wenn er darin keine Rolle haben sollte, ist er verpflichtet, dabei zu erscheinen, die Chöre zu lernen und mitzusingen ,... Er verpflichtet sich, so oft er dazu aufgefordert wird, und im Falle einer Änderung der Vorstellung auch im letzten Augenblicke, jede Rolle zu spielen, die er schon gespielt hat, und muß sich zu diesem Zwecke jeden Abend während des ersten Stückes In Frankreich werden gewöhnlich zwei Stücke an einem Abend gespielt; ein kleineres als » lever de rideau« zuerst, dann das eigentliche Stück. Anm. d. Übers. im Theater befinden.«

Ja, ich habe Chöre mitgesungen! Ich habe statiert – statiert! – als einer der Gäste in den Komödien von Labiche! Ich war einer der »vornehmen Hugenotten« in » Le Pré aux Clercs«! O Corneille, Racine, Hugo! Ach, das prophetische Wort Aubers: »Sie werden noch ganz andre Dinge erleben!«

Aber der § 7 ist nichts im Vergleiche mit dem § 8.

»§ 8. Im Falle der Unterbrechung der Vorstellungen durch force majeure, infolge behördlichen Verbotes, Revolution, religiöser Feste – jawohl, religiöser Feste! – Epidemien, Überschwemmungen, Feuersbrunst, starker Kälte, die die Wasserbehälter des Theaters gefrieren macht, oder wenn aus irgendeinem andern Grunde die Einnahmen erwiesenermaßen unter das zureichende Maß fallen, hat die Direktion das Recht, die Truppe als Gesellschaft zu konstituieren, wobei sie dieser gegenüber alle ihre Rechte und Privilegien behält. Eine Kommission von drei aus der Mitte der Schauspieler gewählten Mitgliedern überwacht die Einnahmen und Ausgaben, und nach Deckung aller Spesen wird der Überschuß unter die Gesellschafter (Choristen, Musiker und Angestellte ausgenommen) nach Maßgabe ihrer Bezüge verteilt. Die hier Ausgenommenen erhalten ihre Bezüge unverkürzt, während die Direktion sich als Entlohnung den gleichen Betrag wie der höchstdotierte Künstler bedingt.«

Und der § 9! Hören Sie einmal den!

»§ 9. Im Falle, daß der Künstler erkrankt, gleichviel von welcher Dauer die Krankheit sein sollte, und wäre es auch nur die eines Tages, können seine Bezüge bis zu dem Tage eingestellt werden, an dem er seinen Dienst wieder antritt. Die Bezüge einer Dame, sei sie verheiratet oder nicht verheiratet, werden im Falle der Schwangerschaft im sechsten Monat eingestellt, oder auch früher, falls ihr Zustand dem Publikum unliebsam auffällt. Die Direktion hat das Recht, für den Ersatz eines Künstlers zu sorgen, dessen Gesundheit sich als zu schwach erweisen sollte, als daß er sein Fach versehen könnte, und dessen Unwohlsein sich so oft wiederholen sollte, daß eine Störung des Repertoires dadurch entsteht. Der Künstler ist trotzdem verpflichtet, seinen Dienst so lange weiter zu versehen, bis sein Nachfolger eingetroffen ist.«

Merk dir's, Künstler! Werde ja nicht krank, sonst bist du verloren! Bitte Gott, daß keine religiösen Feste kommen, sonst wirst du schlechter bezahlt als die Musiker und die Bühnenarbeiter! Und sieh zu, daß du bei deinem Debüt den Abonnenten gefällst, die im Foyer über dein Schicksal entscheiden, dem Publikum, der Gemeindeverwaltung und der Direktion, dem Herrn Bürgermeister, der Frau Bürgermeisterin und ihren Stellvertretern, sonst wirst du mit der ersten Monatsgage als Abfertigung in dein Nichts zurückgeschleudert!

Und um zum bestimmten Tage bei der Gesellschaft einzutreffen, erhältst du Vergütung der Reisespesen mit Billett dritter Klasse und das Recht auf Beförderung von Gepäck bis zum Gewicht von zweihundert Kilogramm als Frachtgut. Welch eine glänzende Existenz! Sieh zu, wie du dich damit abfindest, Komödiant, steuerloses Boot, das Wind und Wellen zum Spielball dient! Geh, mein Guter, und tröste dich mit der Kunst, der unsterblichen Kunst! Das habe ich auch getan. Spotten Sie, wenn Sie wollen, wenn die Mahlzeit knapp und das Gedeck armselig war, bildeten wir uns ein, daß die magere Suppe Ambrosia sei, und waren glücklich. Wir lebten von Applaus. Man wird dabei nicht fett, wie Sie sehen. Aber das Herz ist glücklich.

Ich würde meine Erinnerungen voll Ruhm und Elend nicht für die eines Ministerpräsidenten geben. Ich war mehr als Minister, ich war König. Ich war alles. Wenn ich des Abends beim Ofen sitze, sehe ich im Rauche meiner Pfeife, durchlebe ich diese Vergangenheit wieder, diese Theaterabende, diese Triumphe. Und mein Blut wallt heiß auf.

Nein, Sie können sich das Wonnegefühl eines Schauspielers nicht vorstellen, der ein volles Haus mit sich fortreißt, Tausende in Begeisterung versetzt. »Lazar der Hirt« – »Gaspardo der Fischer« – diese Abende, von Tournai bis Bayonne! Ach, Gaspardo! Wenn ich zum Beispiel zu Sforza sagte: »Wenn du dein Leben dem Vater schuldest, so bezahle die Schuld dem Kinde, und wenn du mich in acht Tagen nicht in Mailand siehst, so wirst du Mitleid mit dem Kinde des Verurteilten haben und ihm deinen Namen geben und dein Brot mit ihm teilen!«

Oder wenn ich, begleitet von Pietro, dem treuen Pietro, auftrat, von einer Wache gefolgt, mit der ich rang, und Visconti meinen Degen hinwarf und mich selbst angab, um meinen Sohn zu retten: »Hier ist mein Degen, an dem noch das Blut klebt, und möge nun allen Gerechtigkeit widerfahren!«

Man spricht heute geringschätzig vom alten Repertoire, von den Klassikern, vom Melodrama. Unsre heutigen Schauspieler, die nicht imstande sind, diese Rollen zu spielen, lachen laut auf, wenn sie sie lesen. Arme Schwächlinge! »Lazar der Hirt?« Eine ganze Welt liegt ja darin! Der alte Bouchardy? Belebt ihn doch wieder, ihr neuen Meister! Das Personenverzeichnis allein könnte euch sagen, daß das keine Scheinkunst ist, o nein:

»Cosmus de Medicis, genannt der Fremde.
Raffaele Salviati, genannt Lazar der Hirt.
Giuliano de Medicis, genannt Sylvio der Schnitter.
Judaël de Medicis, genannt Rudolf.«

Das ist Drama!

In diesem Stück sagt auch Medicis zu Rudolf, der ihm einen Geleitbrief anbietet:

»Ein Geleitbrief? Eine Falle ohne Zweifel!«

Und »Christoph der Schwede!«

Mit welchem Stolz richtete ich mich in diesem unvollendeten, aber kraftvollen Drama auf unter der Beschimpfung meines Vaters, des Holzhauers André, oder eigentlich des Hauptmanns Wolgann, denn unter dem Bauer André barg sich der Soldat Wolgann, und wie nahm ich die qualvolle Prüfung auf mich, als er mir vorwarf, nichts zu sein als ein Mandolinenspieler, während ich in Wirklichkeit ein Sucher war, der das Gebirge, die Getaberge erstieg, um dort das Heilmittel für die Pest zu finden, die Schweden verheerte und die dem Flusse entstammte, der die »Seen des Todes« genannten Seen bildete!

»Wie sagst du?« fragte mich mein Vater. »Womit erwirbst du deinen Unterhalt? Mit deiner Mandoline? Ja, das ist der Schlüssel, womit der Bettler die Tür des Reichen öffnet, von dem er ein Almosen erbitten will. Mein Sohn mit einer Mandoline! Weißt du, Christoph, wie man das nennt, wenn man dein Alter hat, und wenn man Herz hat? Man nennt das den Erwerb des Feiglings!«

Und er zerbrach die Mandoline, indem er sie zu Boden schleuderte, und ich litt unendlich, indem ich ihn leiden sah!

Und »Langschwert, der Normanne!« Einer meiner Triumphe! Man mußte sehen, wie ich den Protosebastos Andronikos Komnenos behandelte und wie ich zu dem alten Michael sagte, der zu seiner unendlichen Bestürzung in mir das Kind erkennt, das er in den Fluß geworfen zu haben glaubt: »Und nun betrachte mein Gesicht beim Licht der Sterne!« – Ich riß das Haus hin, wenn ich von Agnes von Montfort sagte: »Ja, ich werde sie weit wegführen von diesem verfluchten Hofe, wo die Dolche in Gift getaucht sind und die Männer und Frauen voll von Geheimnissen. Ich werde jede Erinnerung daran töten, ich werde Himmel und Erde vergessen, um nur sie zu sehen und sie anzubeten. Lassen wir die Stunden hinabrinnen! Warten wir!«

»Sie«, das war Jenny. Sie spielte die Agnes von Montfort. Sie war meine Partnerin auf den Provinzbühnen. Auf den Theaterzetteln hieß es: »Herr Brichanteau und Fräulein Viola.« Diesen Namen hatte ich ihr gegeben. Viola, das Veilchen. Der Name war zugleich ihr Bild. Und, wie ich Ihnen schon sagte, sie war meine Schülerin. Aber die unheilvolle Fügung, die es gewollt hatte, daß Beauvallet eifersüchtig auf meine Stimme wurde und jedesmal, so oft ich mich zu einem Probevortrag im Théâtre Français meldete, mir erwiderte: »Ah ja, Brichanteau, der Donnerer! Zu spät, Herr Donnerer!« – dieselbe unheilvolle Fügung, die meinem Ehrgeiz den Weg versperrte, sollte auch meiner Liebe verhängnisvoll werden.

Ich hatte so viel Stimme, eine so mächtige und schöne Stimme, daß die arme Jenny sich erschöpfte, wenn sie mit mir spielte. Sie glich einer Grasmücke, die mitten in einem starken Gewitter hätte singen sollen. Verstehen Sie? Sie überschrie sich, verlor den Atem, wurde heiser. Sie war eine Aricia, eine Iphigenia, aber keine Agnes von Montfort oder Donna Sol. Im »Hamlet« ging es noch an. Ophelia ist eine zarte Gestalt, ein Schatten. Sie bedarf keiner Stimme. Aber in andern Rollen erschöpfte ich sie. Ja, ich erschöpfte sie. Ich erdrückte sie, das arme Kind, ohne es zu wollen, unter meiner Kanonenstimme! Und die Folge war, ach, daß die arme Viola in Gefahr war, ihre Stimme zu verlieren!

Eines Tages, in Dijon, spielten wir »Hernani«. Im fünften Akt war Jenny gewöhnlich so rot vor Anstrengung, meinen Ton halbwegs zu erreichen, daß alles lachte, wenn sie sagte:

Sag mir, ich bin wohl blaß für eine Braut?

Blaß, armes Kind, blaß? Rot wie ein Krebs. Ich riet ihr, zu einem Arzt zu gehen. Der Arzt sagte ihr ohne Umschweife: »Sie sind im Begriffe, Ihre Stimme zu zerstören. Sie verlangen von ihr, was sie nicht leisten kann.« – Gut. Es war wohl so. Aber was tun? Der Arzt zögerte nicht mit der Antwort: Das Theater verlassen.

Das war leicht gesagt. Aber wovon leben? Und dann liebte Jenny das Theater, es war ihr Leben. Das Theater verlassen – lieber gleich ein Kohlenbecken anzünden und ein Ende machen. Sie konnte wohl fortfahren, meine arme Jenny, an meiner Seite durch die Welt zu ziehen, aber unter der Bedingung, daß sie nicht mehr mit mir spiele, der sie entkräftete, sie vernichtete. Ich schwöre Ihnen, als ich einsah, daß es meine Stimme, der Schrecken Beauvallets war, die meiner armen Jenny den Atem raubte, sie buchstäblich tötete, da war ich versucht, die Natur anzuklagen, ich war nahe daran, meinen Donner zu verwünschen.

Aufs Theater verzichten oder auf mich verzichten – das war die Wahl, vor die Jenny gestellt war. Sie liebte mich, sie liebte das Theater, und da sie sich für eines oder das andre entscheiden sollte, weinte sie.

»Es ist eine Frage von Leben oder Tod für Sie,« hatte der Arzt gesagt. »Wenn Sie so fortmachen, werden Sie innerhalb drei Monaten Blut spucken. Und dann ,...«

Es gab wohl ein Auskunftsmittel, und das war, nach wie vor desselben Weges zu gehen, ohne miteinander zu spielen. Aber dies war ein Opfer mehr noch des künstlerischen Ehrgeizes als der Liebe, das Jenny zu schwer fiel.

»An deiner Seite sein, und dich mit einer andern spielen hören – nein!« sagte sie. »Nein, das könnte ich nicht. Lieber wollte ich weit weg sein, als das mitanzusehen.«

Sie hatte gesagt: »Lieber wollte ich weit weg sein,« ohne an etwas dabei zu denken, und doch hatte sie damit das Schicksal unsrer Liebe ausgesprochen. Meine Stimme tötete sie. Da sie nicht auf das Theater verzichten wollte, mußte sie mit einem andern spielen. Wir mußten – ja, da war es, das schwere Wort, wir mußten uns trennen. Wegen meiner Stimme? Ja, wegen meiner Stimme! Ich wollte nicht der Henker dieses Geschöpfes sein.

Sie krank machen! Sie Blut spucken sehen! Verwünschte Stimme! Nein, nein, das durfte nicht sein! Auch ich wollte lieber weit fortgehen. Aber ich brach ihr vielleicht das Herz, dem armen Kinde, wenn ich ihr vorschlug, daß wir jedes unsers Weges gehen wollten, ich mit meiner Stimme, sie mit ihrer! Wir uns trennen? Wir, die wir, von unserm gemeinschaftlichen Dachstübchen in der Rue de Malte ab auf allen unsern Kreuz- und Querzügen so frohen Herzens unsre Armut miteinander geteilt hatten! Warum war meine Stimme nicht eine mittelmäßige, annehmbare Stimme, die meinen Lehrer nicht eifersüchtig und meine Geliebte nicht lungensüchtig machte? Warum, warum? Ich wäre heute an der Comédie Française und müßte mich nicht zu empörenden, demütigenden Engagements herbeilassen, gleich dem, von dessen Bedingungen ich Ihnen eben eine Probe gegeben habe. Wenn ich denke, daß meine Kollegen von der Comédie Française sich beklagen!

Gleichwohl mußte ein Entschluß gefaßt werden. Ich sagte Jenny, ich könne nicht ihre Zukunft zerstören, ihre Stimme zugrunde richten und ihre Lunge zerreißen. Ich sprach das schreckliche Wort »Trennung« aus, fügte aber rasch hinzu:

»Wenn ich sage Trennung, so bedeutet das nicht Trennung, Jenny. Wir werden uns eines Tages wiederfinden! Die Herzen finden sich wieder!«

Wo? Ich wußte es nicht. Aber die Phrase trat mir ganz von selbst auf die Lippen. Ich hatte sie in irgendeinem Drama gesprochen, und sie paßte vortrefflich zu dem Drama meines Lebens.

Dann sprach ich ihr von den Erfolgen, die sie in sanften, zärtlichen Rollen erringen würde. Indem ich ihr nützen wolle, schade ich ihr. Ich erdrücke ihre Weiblichkeit. Ich vernichte ihre Anmut.

»Siehst du, Viola,« sagte ich, »ich bin der Wetterstrahl, der auf ein Veilchen niedergefahren ist. Verstehst du?«

»Ja,« sagte sie, sich die Augen wischend, »ja, ja, ich verstehe. Freilich verstehe ich. Aber es ist hart!«

»Und sterbenstraurig!«

»Ach ja. Erinnerst du dich noch unsrer ersten Begegnung im Konservatorium?«

»Ob ich mich ihrer erinnere! Du warst so hübsch!«

»Und du so gut. Wer uns gesagt hätte, daß es so enden würde, Sébastien! Wer uns gesagt hätte, daß es überhaupt enden würde!«

»Rodrigue, wer hätt's gedacht!« rief ich. »Chimène, wer hätt's geahnt!«

Und sie in meine Arme nehmend, sie an mich pressend und auf die Stirn küssend, begann ich unwillkürlich die herrliche Szene aus dem »Cid« zu sprechen. Wir weinten und sie erwiderte. Niemals, auf keiner Bühne, habe ich den Rodrigue so schön gespielt wie an jenem Tage in unserm kleinen Zimmer zu Dijon. Ich geriet in Ekstase, ich schluchzte, ich schrie ,... Ich habe das Wort vorhin gebraucht, und ich wage es wieder zu gebrauchen: ich brüllte, ich brüllte vor Schmerz. Und die arme Jenny folgte mir mit Anstrengung, forcierte den Ton, wollte schreien, mein schreckliches Diapason erreichen ,...

Nun geh! Leb wohl! Verbirg dich fremden Blicken!
... Laß mich meinen Klagen!
Ich such' die Nacht und Stille, um zu weinen ,...

Ich hörte nicht auf sie, hingerissen von Begeisterung und Schmerz ,... Plötzlich hielt sie inne, ich fühlte, wie sie in meinen Armen sich zusammenkrampfte, und ein schrecklicher Hustenanfall hinderte sie, fortzufahren.

»Meine Jenny! Meine kleine Jenny!«

Ihre Augen glühten, sie hatte rote Flecken auf den Wangen, und sie führte ihr Taschentuch an die Lippen.

Der Arzt hatte recht. Dieses Duo aus dem »Cid« war unser letztes Duo, und fortan verfolgten wir jeder unsern eignen Weg, wohin der Zufall uns führte. Ich verwünschte meine Stimme, meine donnernde, meine Kanonenstimme! Wir gaben uns das Wort, daß wir uns wiedersehen würden, daß wir uns alljährlich am Tage unsrer Trennung vor dem Konservatorium, Faubourg Poissonnière, treffen wollten, um gemeinsam in einem kleinen Restaurant zu essen, und besäßen wir auch keinen Sou, und wäre sie auch Herzogin geworden oder hätte einen Prinzen gefunden.

Wir haben uns viermal wiedergesehen, in vier aufeinanderfolgenden Jahren. Das ist sicherlich wenig, und doch ist es viel für menschliche Liebe. Es ging Jenny besser mit ihrer Stimme. Sie wanderte wie ich in der Provinz umher, aber sie spielte nun in Komödien und Lustspielen, sie hatte das Drama aufgegeben. Man hatte ihr gesagt: »Sie haben Ihre Stimme überanstrengt, geben Sie acht auf das, was Ihnen noch bleibt.« Selbst in der Kunst waren wir getrennt. Sie sagte traurig zu mir:

»Es tut mir leid um Hugo. Aber man muß leben!«

Lebte sie aber auch? So wie ich offenbar. Wie es der Zufall fügte, ein Zigeunerleben. Einmal erzählte sie mir – dies ist buchstäblich wahr –, daß sie, damals gerade ohne Engagement, in einem Cafékonzert als »Deklamatorin« aufgetreten war. Sie rezitierte Gedichte, Coppée, Monologe. Gut. Aber der Direktor zwang seine Künstlerinnen, mit dem Sammelteller an den Tischen herumzugehen, und verlangte von den hübschen Mädchen, daß sie liebenswürdig mit den Kunden seien. Ja, dieser saubere Erwerb existiert. Die Schauspieler haben einmal einen Verein gebildet, um dem zu steuern. Man ging ans Werk, aber in kurzer Zeit befaßte sich der Verein anstatt mit dieser Aufgabe mit der Politik. Wahrscheinlich waren Kollegen darunter, die Gemeinderäte oder Abgeordnete werden wollten. Und die Folge ist, daß die Mißbräuche fortdauern!

Jenny flüchtete sich aus dieser Spelunke wie aus einer Mördergrube und fand in Lyon wieder ein Engagement am Theater. Ach, die Zauberphantasien des Konservatoriums, wo waren sie hin! – Und die Zeit verging. Die Jahre flohen. Das geht so schnell. Wir trafen uns nicht mehr an dem bestimmten Tage. Einmal war ich in Amerika, einmal war sie in Rumänien. Wir schrieben uns zuerst; dann vergingen wieder Jahre, und wir schrieben nicht einmal mehr. Alle Ideale überziehen sich einmal mit Spinnweben. Ich wußte jedoch, daß Viola noch immer spielte.

Ich sagte mir, als ich älter wurde:

»Am Ende gibt sie jetzt Anstandsdamen.«

Meine verwünschte Stimme! Ohne diese Trompete wären mir die Pforten in der Rue de Richelieu nicht verschlossen worden, und wenn ich dort erst Einfluß erlangt hätte, so hätte ich meine arme Jenny hineinbringen können. Wer weiß? Wir wären heute vielleicht beide Sozietäre!

Neulich las ich eine Theaterzeitung: »Das künstlerische Europa.« Ich las die Engagements, die Personallisten der Theatergesellschaften, Offerten – alles. »Junger Künstler von vierundzwanzig Jahren, erster Preis des Konservatoriums, im Drama und Lustspiel beschäftigt gewesen, sucht Engagement bei Pantomimengesellschaft für dritte Rollen ,...« Ich erfinde nichts. – »Gesucht Angestellter oder Liebhaber mit kleinem, wenn auch sehr kleinem Kapital für ein erfolgreiches und großen Ertrag bietendes Theaterunternehmen ,...« Ach die Träume, die Träume, die Träume!

Und plötzlich stieß ich auf die folgenden Zeilen, die mich von Kopf bis Füßen erbeben machten, mir direkt durchs Herz gingen:

»Zu verkaufen weibliche Theaterkostüme, für mittleren Wuchs, Fach der ersten Liebhaberinnen, Theaterbücher in gutem Zustande, Juwelen und Kränze, aus der Hinterlassenschaft von Fräulein Viola ,...«

Wie unter einem Blitz sah ich mit einemmal meine ganze Vergangenheit: Das Konservatorium, Auber, Beauvallet, meine sich Notizen machenden Richter, Jenny, Aricia, die jungen Kollegen, die Provinz, die Jahre harten Lebens und das letzte Duo, die Szene aus dem »Cid« in Dijon: »Chimène, wer hätt's geahnt!« Ein Strom von Tränen stieg heiß in meine Augen, und das Blatt hinwerfend, schrie ich auf: »Himmelherrgott!«

Ich rief es so laut, daß sich alles nach mir umdrehte – es war auf dem Square Montholon –, und die Leute lachten. Meine Stimme, meine verdammte Stimme! Immer sie. Sie war schuld daran, daß man mich auslachte, im Augenblick, da ich an Jenny dachte und ihrem Andenken die letzten schmerzlichen Tränen nachweinte ,...

Zu viel Stimme, das ist mein Schicksal – und zu wenig Glück! Aber ich beklage mich nicht. Die Kunst ist mir geblieben. Und ich habe gelebt!

*

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