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Brichanteau, der Mime

Jules Claretie: Brichanteau, der Mime - Kapitel 5
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authorJules Claretie
titleBrichanteau, der Mime
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
yearo.J.
printrun
translatorLeopold Rosenzweig
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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4. Einer der großen Tage Brichanteaus

Ludwig XI.! Ein großer König und eine schöne Rolle! ,... Ich habe sie gespielt, Monsieur. Und unter welchen Umständen! Sie würden die Geschichte für unglaublich halten, wenn ich sie Ihnen erzählte. Die Erinnerung daran ist voll glücklichen Stolzes, voll reiner Freude. – Ludwig XI.! Das war mein großer Tag! Einer meiner großen Tage, denn, Gott sei Dank, in meiner Laufbahn mangelt es nicht daran. Ja, es gibt solche Unbeachtete der Kunst, Monsieur, die ebenso viele Siege aufgehäuft haben wie die Berühmtesten, und die, ebenso wie die Großen, die Glorreichen, die Glücklichen, die Trunkenheit des Erfolges gekostet haben. Mein Wort darauf, ich sage mir oft, daß ich mein Künstlerleben, das nie der Gegenstand einer Biographie sein wird, nicht für das eines Societärs der Comédie Française in Tausch geben würde.

Ich habe keine Pension, ich habe kein Glück gehabt, ich bin ein Zigeuner, ein freier Sperling der Kunst, aber ich habe meine Stunde gehabt. Meine Stunden!

»Ludwig XI.« – sehen Sie, die Aufführung von »Ludwig XI.« in Compiègne, das ist eine Erinnerung! Mein Kollege Courtillier hatte das Gastspiel veranstaltet, mein Kollege und mein Schüler. Er wußte, daß ich ohne Engagement war, wie immer – ich, der ich, damals blutjung und schon erfolgreich, um ein kleines mit der Rachel in Amerika gespielt hätte, ich, den der große Mélingue vertraulich den kleinen Mélingue nannte! Wenn Courtillier eine Kunstreise veranstaltete, zahlte er mir in Spielhonoraren zurück, was ich ihm an Lektionen gegeben hatte. Er war ein wackerer Junge, nicht undankbar, eine Künstlerseele. Wir waren dazu geschaffen, er und ich, um uns im Kultus des Schönen zu begegnen.

Courtillier hatte mir in »Ludwig XI.« den Tristan angeboten. Eine mittelmäßige Rolle. Ein Gespenst, ein bleicher, verdrießlicher Geselle. Aber immerhin eine stilvolle Rolle. Ich hatte sie sehr gut inne. Beauvallet hatte mich im Konservatorium in ihre Traditionen eingeführt, und ich hatte seinerzeit Geschichtswerke, Memoiren, Chroniken studiert, um mich mit dem Charakter zu durchdringen. Sich mit der Vergangenheit durchdringen, Monsieur, darin liegt alles, wenn man eine historische Gestalt verkörpern will. Ich habe die »Denkwürdigkeiten von St. Helena« mit Anmerkungen versehen, um Napoleon besser zu spielen. Ich war also gesättigt mit Tristan. Ich haßte ihn, indem ich ihn spielte. Ja, ich haßte ihn, um besser imstande zu sein, ihn hassenswert zu machen. Ich bin für die streitbare Kunst, die Kunst, die etwas beweist.

Spielen wir also den Tristan! Aber wenn ich den Tristan spielte, wer sollte Ludwig XI. spielen? Sie werden es nicht erraten. Talbot von der Comédie Française! Ich will nichts gegen Talbot sagen, der ein liebenswürdiger Mensch, ein begeisterter Künstler und ein hingebungsvoller Lehrer ist, und der den Geizigen und den Triboulet vorzüglich spielte; aber zwischen ihm und mir hätte Courtillier nicht schwanken sollen. Er wußte, daß ich meinem Ludwig XI. bis in die Archive nachgespürt hatte. Ich habe Ligier in dem »Großen Vasallen« gesehen. Er war sehr gut, Ligier. Etwas klein, aber sehr gut. Pittoresk, vertieft. Auch einer von denen, die sich von ihren Gestalten durchdringen lassen. Aber was wollen Sie? Courtillier hatte eine abergläubische Vorliebe für Talbot. Ein Societär, müssen Sie wissen! Und das »Societär der Comédie Française« auf den Plakaten ist die Hälfte der Einnahme.

An einem ungesund-feuchten Februartag bestiegen wir also wohlgemut, wie tapfere Soldaten, die ins Feuer gehen, auf dem Nordbahnhof den Acht-Uhr-fünfundfünfzig-Zug nach Compiègne. Angenehme Plauderei im Coupé. Austausch von Ansichten über die Kunst und ihre Geschicke, während das Dampfroß uns unter Schnauben entführte – ich hätte bald gesagt unter Pfeifen, das wäre ein boshafter Witz gewesen. Courtillier erzählte uns, daß Professor Thibouville, der, nachdem er im Odéon gespielt hatte, Vorleser beim Baron Rothschild geworden war, seinen Schülern empfahl, sich ein Gewicht auf die Brust zu legen und sich zu gewöhnen, trotz dieses Hindernisses zu atmen. Eine vortreffliche Methode, um zu erreichen, daß man eine Tirade ohne merkbare Atempause sprechen und phrasieren kann. Ich meinerseits vertrat die Ansicht, daß keine Methode der Welt die Inspiration ersetzen kann und daß der wahre Künstler im Augenblick, da er die Bühne betritt, nicht wissen kann, ob er gut oder schlecht sein wird. Das hängt von seinem Seelenzustand ab. Ein Gegenstand ewigen Meinungsstreites.

Wir diskutierten noch immer, als wir um zehn Uhr vierundzwanzig in Compiègne ankamen, und wir diskutierten weiter, als wir uns an der Tafel des Hotels Zur Glocke zum Mittagessen vereinigten. Dann durchschritt ich allein die Stadt, an Tristan denkend und mit Bedauern an Ludwig XI., und besonders jene Straßen aufsuchend, wo ich Spuren gotischer Architektur entdecken konnte, um durch das Medium meiner Augen meine Seele in die Zeit der Persönlichkeit zu versetzen, die ich spielen sollte. Ja, Monsieur, nach den Schriften die Monumente. So wird der Schauspieler zum Historiker. Wie Sie mich da sehen, habe ich die »Geschichte der Kreuzzüge« von Michaud gelesen, um den Vertrauten Nérestans in »Zaïra« zu spielen. Und alle meine Kollegen werden Ihnen auch bestätigen, daß ich eine lebensvolle Gestalt daraus machte.

Nachdem ich Compiègne vom Standpunkt des Tristan studiert hatte, kehrte ich nachdenklich ins Hotel zurück, als ich auf dessen Schwelle zwei Männer sah, beide sehr bewegt, aber in wie verschiedener Weise! Der eine, mein Kollege und Schüler Courtillier, sah verzweifelt aus; der andre, Talbot, sah wütend aus. Dieser rot, jener bleich im Gesichte. Eine lebende Antithese. Das Leben ist davon erfüllt, wie auch die Kunst. Hinter diesen beiden gleichermaßen erregten Männern erschienen die bestürzten Gesichter der Schauspieler und Schauspielerinnen, die unsrer improvisierten Truppe angehörten.

»Was gibt es denn?« rief ich, erratend, daß es irgendein Mißgeschick gegeben haben müsse, wie mir deren schon so viele auf meinen Reisen begegnet sind.

»Was es gibt?« sagte Courtillier. »Der Korb mit den Kostümen Herrn Talbots ist nicht angekommen!«

»Man hat ihn wahrscheinlich anderswohin geschickt,« sagte Talbot.

»Offenbar ist eine Verwechslung geschehen.«

»Der Korb ist vielleicht in Saint Quentin!«

»Und darin ist das Kostüm der Comédie Française, mein Kostüm,« sagte Talbot. »Und wenn ich mein Kostüm nicht habe, so ist die Sache ganz einfach, ich spiele nicht!«

»Aber die Eintrittsgelder?« fiel Courtillier ein. »Wir haben die Eintrittsgelder!«

»Die Eintrittsgelder müssen zurückgegeben werden,« erwiderte Talbot fest.

Die Eintrittsgelder zurückgeben ist immer eine harte Notwendigkeit. Die Gesichter meiner Kollegen und Kolleginnen zeigten gegenüber dieser Perspektive einen Ausdruck, der das Gegenteil von Fröhlichkeit war. Aber wie Talbot beruhigen? Sein sehr sorgfältig zusammengestelltes Kostüm bildete einen Bestandteil seiner Darstellung. Er konnte nicht Ludwig XI. sein ohne den pelzverbrämten Mantel und ohne den legendären, mit den Bildern und Medaillen Unsrer lieben Frau von Embrun gezierten Hut. Und um die Wahrheit zu sagen, Monsieur, so betrübt ich auch über den möglichen Verlust eines Spielhonorars war, so konnte ich doch einen dramatischen Künstler, einen beliebten Schauspieler, einen Professor, ob dieses Übermaßes von Gewissenhaftigkeit nicht tadeln.

Und dennoch fand ich es beklagenswert, daß die Eintrittsgelder zurückgegeben werden sollten. Höchst beklagenswert.

»Du mußt ja aber ›Ludwig XI.‹ inne haben?« sagte Capécure, der den Coitier spielte.

Ob ich »Ludwig XI.« inne hatte! Ich konnte den ganzen Casimir Delavigne auswendig, sowie ich mein ganzes Repertoire auswendig kann.

»Erbiete dich, ihn zu spielen.«

»Du bist nicht recht klug. Und Talbot?«

Talbot konnte noch immer hoffen, daß seine Kostüme rechtzeitig ankommen würden. Courtillier studierte den Fahrplan. Er fand, daß es einen Zug gab, der von Paris um vier Uhr fünfzig abging und um sechs Uhr neunzehn in Compiègne war, und sogar einen beschleunigten Zug, der um neun Uhr einundvierzig eintraf. Der kam schon zu spät. Aber der Zug von Paris nach Villers-Cotterets, der Zug 1139, traf um acht Uhr zwölf ein. Die Körbe konnten, mußten mit dem Zuge 1139 in Compiègne ankommen.

»Telegraphieren Sie! Reklamieren Sie! Tun Sie das Unmögliche!« sagte Talbot. »Wenn ich mein Kostüm nicht habe, spiele ich Ludwig XI. nicht, das ist mein letztes Wort!«

»Sie werden Ihr Kostüm haben, verehrter Meister,« erwiderte Courtillier, der bemüht war, seine Ruhe zu bewahren. »Ludwig XI. erscheint erst im zweiten Akt, siebte Szene. Wir werden etwas später anfangen, um Zeit zu gewinnen. Sie werden sich im Zwischenakt umkleiden und werden im zweiten Akt unter einem Sturm von Beifall auftreten:

Nehmt wohl in acht Euch, Graf, sonst, beim Gekreuzigten ,...

Einstweilen ist das Diner aufgetragen. Essen wir. Ich werde beim Dessert einen Toast auf Ihren Erfolg ausbringen.«

Trotz der schweren Sorgen, die uns beschäftigten, war das Diner sehr lustig. Die Künstler sind Kinderseelen, die der Gefahr nicht achten. Wir standen vor der Möglichkeit, vor der Wahrscheinlichkeit, die Eintrittsgelder zurückgeben zu müssen, und wir machten Calembours. Nur Talbot war in sich gekehrt und aß nicht, und Courtillier warf mir über den Tisch einen langen Blick zu, als wollte er sagen: »Welch eine Situation, Brichanteau!« Ich ermutigte ihn durch ein Lächeln. Ich hatte schon ganz andre Situationen erlebt.

Der Kaffee kam, und wir begaben uns ins Theater. Ich warf mich in mein Tristankostüm in derselben Loge mit Capécure, der sich für den Coitier schminkte, und mit Courtillier selbst, der halblaut mit sich selber sprach, während er seine blonde Dauphinperücke aufsetzte.

»Du wirst sehen, das Kostüm kommt auch mit diesem Zuge nicht!«

Talbot seinerseits durchmaß mit großen Schritten die Bühne vor der Dekoration des ersten Aktes – »Freie Gegend, das Schloß Plessis im Hintergrunde, seitwärts einige zerstreute Hütten« – und sagte immer wieder in heftigem Tone:

»Wenn ich mein Kostüm von der Comédie nicht habe, so spiele ich nicht, so spiele ich nicht, so spiele ich nicht!«

Indessen verlangte das Publikum ungeduldig, daß angefangen werde. Ein schönes Haus, soweit man durch das Loch im Vorhang sehen konnte. Elegante Toiletten, schimmernde Uniformen, und jenes Fluidum von Enthusiasmus, das einen prächtigen Abend verspricht. Es gibt Auditorien von Holz, Auditorien von Stuck. Dieses da schien aus Lava.

Der Vorhang geht auf, und ich spreche mein erstes Wort:

Dein Name?

eine Frage an Richard, den Hirten.

Dein Name?

Richard, der Hirt.

Halt! Du wohnst?

In jener Hütte.

Verboten hat der König,
Um diese Stunde auszugehen.

Das sagt nichts, und doch liegt das ganze Stück darin. Die ganze Macht des Königs muß in dem Fragezeichen des Großprofosen ausgedrückt sein: »Dein Name?« Wenn das gut gesagt wird – und es war gut gesagt – muß das Publikum sofort das Vorgefühl des Tragischen empfangen. »Dein Name?« Niemand darf passieren, niemand darf in der Nacht auf die Straße! Furchtbar ist die Macht dieses Verbotes! »Dein Name?« In diesen beiden Worten muß man schon die beiden nächsten Verse vorausfühlen:

Zurück! Sonst sehn die Deinen, eh' ein Tag vergangen,
Des Königs Machtgebot an jener Eiche hangen!

Es wäre vielleicht einfacher zu sagen: »Du wirst gehängt,« aber das wäre vielleicht doch ein wenig zu einfach. »Dein Name?« Ich hatte gefühlt, wie das Haus erschauerte. Das Publikum war in meinem Banne. Talbot konnte nun als Ludwig XI. kommen; mein Tristan hatte ihm alle seine Effekte vorbereitet. Ich spreche nur von meiner Diktion. Was das Kostüm betrifft, so war ich Tristan vom Scheitel bis zur Sohle. Ein lebend gewordenes Meisterbild.

Mittlerweile hatte Courtillier den alten Saint-Firmin im Hotelwagen nach dem Bahnhofe gesandt. Saint-Firmin sollte sich auf den aus Paris kommenden Korb stürzen, ihn den Händen der Eisenbahnbediensteten entreißen, ohne ihnen auch nur Zeit zum Nachdenken zu lassen, und, schneller als der Blitz, mit verhängten Zügeln zum Theater zurückstürmen.

»Wenn er ihn nicht bringt, spiele ich nicht,« sagte Talbot, fest auf seinem Standpunkt beharrend.

Der erste Akt ging unter Beifall zu Ende, der Vorhang rollte nochmals auf, und man rief Brichanteau, obgleich Tristan bei Aktschluß nicht auf der Bühne ist, und es war acht Uhr vierundvierzig geworden. Der Zug 1139 mußte angekommen sein, und der Korb, der heißersehnte Korb, war noch immer nicht da. Courtillier rannte auf und ab, gebärdete sich wie wahnsinnig und biß an den Locken seiner Perücke. Plötzlich ertönte ein lauter Schrei auf der Bühne, wo wir alle angstvoll beisammenstanden.

»Saint-Firmin!«

»Nun?«

»Der Korb?«

»Das Kostüm?«

»Nicht da,« sagte Saint-Firmin verzweifelt. »Der Korb muß nach Tergnier gegangen sein. Man hat ihn wahrscheinlich an der Grenze aufgehalten.«

»Sehr wohl,« fiel hier die wohlbekannte Stimme Talbots ein. »Ich spiele also nicht.«

»Aber man könnte ein Kostüm zusammenstellen.«

»Ein Kostüm, welches nicht das der Rue de Richelieu Dort befindet sich die Comédie Française. Anm. d. Übers. wäre! Ein Flickwerk! Ich spiele nicht!«

»Man könnte eine Ankündigung an das Publikum richten.«

»Ich spiele nicht!«

»Verfassen Sie selbst die Ankündigung in einer für Sie schmeichelhaften Form.«

»Ich spiele nicht!«

»Aber die Eintrittsgelder?«

»Die Eintrittsgelder? Die Kunst zuerst! Die Kunst allein! Ich spiele nicht!«

»Wenn das Publikum einverstanden wäre, daß Sie Ludwig XI. im Straßenanzug spielten?«

»Ich spiele nicht! Ich spiele nicht! Ich spiele nicht!«

Courtillier riß sich die Haare oder richtiger die des Dauphins aus. Die kleine Declergy vom Konservatorium, welche Marie, die Tochter Commines' spielte, sagte, daß sie sich nie mehr von Courtillier engagieren lassen werde, der nun Schuld daran sei, daß ihr eine Mittagsvorstellung im Elysée-Montmartre entgangen sei, wo sie Monologe gesprochen haben würde. Die Bühne, eben noch von der Kunst, von den Versen des Poeten beherrscht gewesen, glich einem steuerlosen Schiffe im Sturm. Alle sprachen durcheinander, gaben ihre Meinung ab. Courtillier hatte wieder den Fahrplan zur Hand genommen und studierte ihn, wie Napoleon die Karte von Italien.

»Wenn wir nach Tergnier telegraphierten?«

Das war eine Idee. Aber mit dem besten Willen der Welt konnte der Stationschef von Tergnier, selbst vorausgesetzt, daß der Korb Talbots dort war, ihn erst mit einem Zuge absenden, der um zehn Uhr zweiundzwanzig, respektive elf Uhr siebzehn, respektive zwei Uhr vier in Compiègne eintraf. Welche Ironie! Zwei Uhr vier! Wie lange war da schon der Vorhang über die letzten Worte in »Ludwig XI.« gefallen:

... daß
Man König für sein Volk ist, nicht für sich.

Ein schlechter Schluß übrigens. Franz von Paula spricht ihn, und das letzte Wort gebührt der Hauptrolle, dem König. Es verschlägt allerdings nichts für den Hervorruf. Ludwig XI. ist auf der Szene.

Wir befanden uns nun in einer netten Lage! Alle Welt hatte den Kopf verloren, ausgenommen Talbot, er blieb fest bei seinem Entschlusse, der uns zur Verzweiflung brachte, den ich aber nicht tadeln konnte. Jedoch man hat auch Pflichten gegen die Kunst, und man hat Pflichten gegen das Publikum.

Eine plötzliche Erleuchtung durchfuhr mich. Ich faßte Courtillier bei der Hand:

»Es ist aus, nicht wahr? Talbot spielt nicht. Der Abend ist verloren. Willst du, daß ich ihn rette? Ich bin schon oft der Rettungsanker der Direktoren gewesen. Willst du, daß ich den Ludwig spiele?«

»Du, Brichanteau?«

»Ich habe die Rolle inne. Ich kenne sie durch und durch. Ich bin bereit. Ich springe ins Wasser.«

»Brichanteau!«

Ich glaubte zuerst, daß er mir um den Hals fallen würde. Aber er zögerte.

»Und Tristan? Wer wird den Tristan spielen?«

»Saint-Firmin. Es muß angekündigt werden.«

»Und das Kostüm?«

»Ich improvisiere eines. Ich verlange zehn Minuten.«

»Das ist sehr lang. Der Zwischenakt ist ohnehin schon endlos.«

»Fünf Minuten. Kündige an!«

Courtillier faßte einen jener augenblicklichen Entschlüsse, die das Schicksal der Schlachten entscheiden. » Alea jacta est« sagte er, als ob er noch Professor am Gymnasium Charlemagne wäre. Und er wendete sich gegen den Regisseur, um ihm zu befehlen, die drei Schläge ertönen zu lassen, als ich ihn am Handgelenk faßte:

»Halt. Ich stelle eine Bedingung.«

Er erschrak. Er befürchtete irgendeine Geldforderung, eine Spielhonorarerhöhung, eine jener Erpressungen, wie sie unter solchen Umständen die Künstler an den Impresarii verüben, die ihnen bei andrer Gelegenheit mit gleichem vergelten. Aber ich habe niemals das Geld höher gestellt als die Ehre.

»Die Bedingung ist,« sagte ich, »daß man mir am Schlusse des vierten Aktes, nach der Szene mit Nemours, den Kranz zuwirft, der für Talbot bestimmt war.«

»Ja, richtig!« sagte Courtillier. »Der Kranz. Aber er ist sehr schön, dieser Kranz.«

»Um so besser. Ich beanspruche ihn.«

»Talbot hätte Ludwig XI. spielen sollen, er spielt Ludwig XI. nicht, du hättest Ludwig XI. nicht spielen sollen, du spielst Ludwig XI., du sollst den Kranz haben,« sagte Courtillier. »Und nun die drei Schläge!«

Während der Regisseur die Schläge abgab und »Achtung!« rief, wie in der Comédie Française, sah ich, wie Courtillier mit Talbot sprach. Talbot hörte zu, schien zu widersprechen, erhob offenbar einige Einwendungen und neigte dann den Kopf zum Zeichen des Einverständnisses. Und der Vorhang rollte in die Höhe und zeigte die leere Bühne mit dem Thronsaal im Schlosse Plessis-les-Tours.

Courtillier trat vor und verneigte sich dreimal vor dem still gewordenen Hause. Jeder fühlte, daß etwas Ernstes vorgefallen sei. Und ich hörte die Stimme Courtilliers, während ich hinter einer spanischen Wand das Kostüm Tristans hastig abwarf, um das Ludwigs XI. anzulegen. Courtillier sagte sehr bewegt:

»Meine Damen und Herren, wir sind von einem wahren Mißgeschick betroffen worden – einem Mißgeschick, welches beinahe die Fortsetzung der Vorstellung verhindert hätte ,...«

Das Publikum wartete. Ich horchte angstvoll hinaus, ich fühlte, daß es den Atem anhielt.

»Das Kostüm Herrn Talbots von der Comédie Française ist infolge eines beklagenswerten Zufalles auf einem Bahnhofe, wir wissen nicht, auf welchem, liegen geblieben. Jedenfalls ist es nicht in Compiègne eingetroffen, und Herr Talbot, der stets hohes Gewicht auf die Wahrhaftigkeit der Darstellung und auf seine künstlerische Würde legt, hat der Direktion erklärt, daß er vor dem erleuchteten Publikum, das ich bitte, mir Gehör zu schenken und mir nicht zu grollen, nicht anders als in seinem gewohnten, in dem Kostüm der Comédie Française erscheinen könne.«

Eisiges Stillschweigen. Das Publikum fragte sich offenbar, wo Courtillier hinaus wolle, und die Stimme Courtilliers bebte ein wenig, denn seine Erregung stieg. Ich sagte mittlerweile zu Saint-Firmin: »Und der Hut? Erfinde etwas für den Hut und die Medaillen, mein lieber Alter! Erfinde etwas, erfinde etwas!«

»Wir wären, meine Damen und Herren,« fuhr Courtillier fort, »vollkommen ratlos und verzweifelt und gezwungen gewesen, Sie trotz des Erfolges des ersten Aktes zu Ihren Penaten heimzusenden« (Lärm, Widerspruch) »zu Ihren Penaten, die gnädiger sind als die unsern« (einige Personen lächeln), »wenn nicht unser trefflicher Kollege Brichanteau, Sébastien Brichanteau, dessen hervorragendes Talent Sie eben in der Rolle des Tristan haben würdigen können« (›Bravo, bravo! Sehr richtig!‹), »wenn nicht unser Kollege Brichanteau, sage ich, sich bereit gefunden hätte, die Direktion und alle seine Kollegen aus der peinlichsten Verlegenheit zu reißen, indem er die Rolle Ludwigs XI. auf der Stelle übernahm« (Pause der Erwartung). »Herr Sébastien Brichanteau bittet das hochsinnige Publikum, vor das er hintreten soll, um gütige Nachsicht. Aber durch diese Nachsicht ermutigt, schreckt er nicht davor zurück, eine schwere Verantwortung auf sich zu nehmen, und es wäre der Stolz seiner schon langen dramatischen Laufbahn, unter so heikeln Umständen eine so schwierige Rolle verkörpert zu haben, und obendrein, meine Damen und Herren, in der schönen und kunstsinnigen Stadt Compiègne.«

Es folgte wieder ein Augenblick des Schweigens – ein kurzer nur – und dann hörte ich, während ich die Beinkleider des Königs anzog, das Haus in Beifall ausbrechen. Ich kann wohl sagen, daß ich mich im ersten Akte mit meinem so wohldurchdachten und geschlossenen Tristan seiner buchstäblich bemächtigt hatte. Eine schmetternde Stimme fragte jedoch:

»Und Talbot?«

»Jawohl, jawohl,« stimmten einige bei. »Und Talbot?«

Aber Courtillier beruhigte sie alsbald. Er hatte die ganze Bedeutung der Frage erfaßt.

»Glauben Sie nicht, meine Damen und Herren, daß Herr Talbot sich, zum ersten Male in seinem Leben, seiner Pflicht entzogen, oder daß die Direktion Ihnen die Mitwirkung eines hervorragenden Künstlers zugesagt hätte, ohne sich seiner versichert zu haben. Nein! Herr Talbot ist auf seinem Posten. Nur sein Kostüm hat nicht Wort gehalten. Aber um die Vorwurfslosigkeit der Direktion und den guten Willen Herrn Talbots zu beweisen, wird Herr Talbot der Vorstellung in der Proszeniumsloge links, oder ›Gartenseite‹, wie wir sagen, beiwohnen (›Bravo!‹), und wenn Sie auch nicht das Vergnügen haben, den ausgezeichneten Künstler zu hören, so werden Sie doch, meine Damen und Herren, den Trost haben, ihn selbst den Bemühungen seines Stellvertreters und Bewunderers, des Herrn Brichanteau, folgen zu sehen. Eine seltene und glückliche Konstellation, meine Damen und Herren, für das feinsinnige Publikum von Compiègne. Es wird so mit einem Blick den – ich will nicht sagen Schüler, aber Nachfolger, und den Meister umfassen können!«

Ich habe in meiner Theaterlaufbahn schon viele Ankündigungen gehört. Ich habe selbst nicht wenige improvisiert, und zwar unter den verschiedensten Umständen, wie sie die tausend Zwischenfälle meines Lebens herbeiführten. Aber ich habe keine erlebt, die so gut aufgenommen, so warm applaudiert worden wäre wie diese. Applaudiert? Nein. Sagen wir bejubelt. Der Vorhang fiel unter den donnernden Bravos des ganzen Hauses.

»Du kannst nun beruhigt sein,« sagte Courtillier freudestrahlend.

»Ich habe noch nie Furcht gehabt,« erwiderte ich. »Das ist ein Gefühl, das ich nicht kenne!«

Ich fuhr indessen fort mich anzukleiden. Die Ankündigung hatte solchen Eindruck gemacht, daß wir noch einige Minuten für uns hatten; obendrein kommt vor dem Auftreten des Königs im zweiten Akt noch der kleine Monolog der Marie, die Szene mit dem Dauphin, die lang ist, das Auftreten Commines', die Szene zwischen Commines und seiner Tochter, das Eintreffen Nemours'. Saint-Firmin konnte die Zeit ausnützen. Ach, was war das für ein Mann, Saint-Firmin! Ein Mann von unerschöpflicher Findigkeit, ein Meister in allen jenen Auskunftsmitteln, zu denen die Künstler in ihrem Kampfe mit dem Schicksal und dem Zufall greifen müssen. So geschah es einmal in Lons-le-Saunier, als er den Ruy Gomez in »Hernani« spielte, daß das Theater keine Dekoration hatte, auf der sich eine Porträtgalerie befunden hätte, nicht die kleinste Galerie; da sagte Saint-Firmin zum Direktor: »Haben Sie nicht wenigstens ein Photographienalbum?« Und mit dem Album in der Hand, in welchem die Photographien der zahlreichen Familie des Direktors einander folgten, spielte er die ganze Szene, indem er Blatt für Blatt umwandte:

Seht hier, Des Silva,
Dies ist der Alte, der Urahn, der große Mann,
Don Silvius, der dreimal röm'scher Konsul war.

Und er wandte ein Blatt um:

Hier Ruy Gomez de Silva,
Großmeister von Saint-Jacque und Calatrava.
Schlecht läg' des Riesen Rüstung unserm Wuchse.

Er wandte wieder ein Blatt um:

Ich schweige vieler Würd'ger. Dieser heil'ge Kopf
Ist meines Vaters. Ein Großer, wenn auch Letzter.

Und er zeigte Don Carlos eine neue Photographie.

Es war ganz wunderbar, und die Erfindung mit dem Photographiealbum ist berühmt geworden. Aber Saint-Firmin war gleich der Zeit, in welcher Jojada lebte, fruchtbar an Wundern. Wissen Sie, was er tat, während ich mein Wams zuknöpfte? Aus einem alten Käppi eines berittenen Jägers der Garnison, dessen Schirm er entsprechend gebogen hatte, fabrizierte er mir die Kopfbedeckung des blutdürstigen Königs, den ich verkörpern sollte, und um die Medaillen darzustellen, die Ludwig XI. mit den Bildnissen Unsrer lieben Frau von Embrun trug – ein verfluchter Kerl, dieser Saint-Firmin! der Edison der Täuschungsmittel für Gastspiele! – schmolz er in einem Löffel einige Bleisoldaten, die er dem kleinen Sohne des Hausmeisters abgekauft hatte, und bestrich die Schmelzstücke dann mit einem Bleistift, um ihnen ein altes Aussehen zu verleihen. Sie war großartig, Monsieur, diese aus dem Käppi eines Kavalleristen hergestellte und mit geschmolzenen Bleisoldaten gezierte Kopfbedeckung! Ich setzte sie mir auf und betrachtete mich in einem Handspiegel. Ich war ausgezeichnet geschminkt (ich verstehe mir eine Maske zu machen), und ich rief begeistert:

»Er ist es! Es ist der König ›Loys‹! Philipp de Commines würde ihn erkennen. Vorhang auf!«

Und als dann, am Ende der sechsten Szene, die das Publikum lang fand, weil es mich erwartete, der Schloßoffizier ankündigte: »Der König!« trat ich, gefolgt von Olivier le Daim, dem Grafen Dreux, zwei Bürgern und einem Höfling mit nicht mehr Erregung auf die Szene, als ob ich fortführe, den Tristan zu spielen. Ich eröffnete die siebte Szene mit starker und furchtbarer Stimme:

Nehmt wohl in acht Euch, Graf, sonst, beim Gekreuzigten,
Vernehm' ich ein Gerücht noch, eine Klage,
So fass' ich Euch, und seid Ihr überführt,
Send' ich Euch Gott zu, Gnade zu erbitten!

Ich hatte diesen letzten Vers noch nicht vollendet, als donnernder Beifall meine Worte übertönte. Ich sah auf Talbot in seiner Proszeniumsloge. Er nickte beifällig mit dem Kopfe, aber er war bleich. Und die ganze Vorstellung hatte diesen Charakter von ausbrechendem Enthusiasmus und rührender Einmütigkeit. Ich fühlte mich zum Erfolge emporgetragen durch eine Sympathie, die, wenn ich mich so ausdrücken darf, die Synthese aller Bevölkerungsklassen der Stadt Compiègne war. Die Armee, vertreten durch den Generalstab, die Beamtenschaft, das gebildete Bürgertum, die Damen, bis zu den Leuten aus dem Volke, dessen Geschmack instinktiv und unverdorben ist, vereinigten sich, um mich in meiner Aufgabe zu unterstützen. Es bestand eine Art Gemeinschaft – wie soll ich sagen? – eine Art Mitarbeiterschaft zwischen mir und dem Publikum, um dieser improvisierten Schöpfung der Gestalt Ludwigs XI. einen bleibenden Wert zu verleihen.

Ach, lieber Herr, ich habe damals zwei herrliche Stunden verbracht, die mich für vielen Verdruß entschädigten. Aus dem Stegreif eine Rolle zu spielen, die Ligier durchdacht hatte, und unter den Augen Talbots! Das war ein Gedanke, den ich am Morgen jenes unvergeßlichen Februartages als Hirngespinst erklärt hätte! Es war der 23. Februar. Das Datum ist hier und hier, im Kopfe und im Herzen, eingegraben!

Zweimal nach dem zweiten Akt gerufen – mit Saint-Firmin, der mich als Tristan vertrat – einmal nach dem dritten – zweimal nach dem vierten, wo ich in großartiger Weise hinausgestürzt war, indem ich unartikulierte Laute ausstieß, wie es das Buch vorschreibt – wurde ich dreimal nach dem fünften Akt verlangt, und Talbot mußte es mit ansehen, daß der Kranz, ein prachtvoller Kranz, der ihm bestimmt gewesen, zu meinen Füßen niederfiel. Ich sehe ihn noch in all seiner Frische, diesen Kranz aus Veilchen und Rosen mit der Schleife in den Nationalfarben, der nun in meinem Zimmer aufgehängt ist, als eine greifbare Erinnerung an jenen 23. Februar! Auf einer der Schleifen las ich tiefbewegt: »Dem unvergleichlichen Künstler!« Ich hob mit rascher und inniger Gebärde den Kranz auf – gleich einem gekrönten Poeten bei den olympischen Spielen –, und indem ich meine ganze Rührung und meine Dankbarkeit in ein stummes Spiel legte, drückte ich ihn abwechselnd an meine Lippen und an mein Herz.

Er hatte einen etwas unbequemen Durchmesser, der Kranz, aber die Huldigung war dadurch nur um so bedeutungsvoller. Und angesichts dieser Pantomime voll tiefen Gefühles geriet das Publikum förmlich außer Rand und Band. Es schrie, es stampfte mit den Füßen, und mein Name schallte unaufhörlich durch das Theater:

»Brichanteau! Bravo, Brichanteau! Brichanteau! Brichanteau!«

Dieser Name, solchermaßen von begeisterten Lippen wiederholt, erhielt für mich einen neuen, volltönenden Klang. Aber ich blieb ruhig angesichts des tobenden Hauses. Courtillier erwartete mich in den Kulissen, um mich zu umarmen und mich seinen Retter zu nennen. Talbot selbst kam zu mir, nachdem der Vorhang gefallen war, und beglückwünschte mich. Er war begleitet von seinem Freunde, einem angesehenen Apotheker in Compiègne, der, Psychologe in seinen Mußestunden, mich bat, am nächsten Tage sein Gast zu sein. Er wollte, sagte er, die Gefühle analysieren, die mich an diesem unvergeßlichen Abend bewegt hatten. Aber ich hatte ein lebhaftes Verlangen, wieder allein zu sein. Ich kehrte ins Hotel zurück, die Ohren noch erfüllt von dem Rauschen des Beifalls, das mich in den Schlaf wiegte, wie der Wellenschlag des Meeres einen in den Schlaf wiegt. Es war eine köstliche Nacht, von den Phantomen des Ruhmes bevölkert.

Denn es war Ruhm, Monsieur, glorreicher Ruhm! Als ich am folgenden Morgen ins Gesellschaftszimmer hinunterkam, begrüßten mich diejenigen meiner Kollegen, die nicht mit dem ersten Morgenzug abgereist waren, mit den wiederholten Zurufen: »Hoch Brichanteau! Bravo, Ludwig XI.«

Und Courtillier war artig genug, mich zu fragen, was er mir dafür schulde, daß ich das Gastspiel, Ehre und Geld gerettet hatte.

»Was ich verlange? Die Möglichkeit, drei Tage in Compiègne zuzubringen, um das Schloß Pierrefonds besuchen zu können, und mich am Mittelalter zu berauschen, der Epoche, die meines Geistes Ideal ist!«

Courtillier zögerte keinen Augenblick, bezahlte mir die Spesen für drei Tage und steckte mir diskret eine Hundertfrankennote im Kuvert zu. Nachdem er sodann mit seiner Truppe nach Paris abgereist und ich mit meinen Gedanken allein geblieben war, verlebte ich in diesem künstlerischen Milieu – zwischen Compiègne und Pierrefonds – drei volle Tage, auf der Straße von allen Honoratioren des Ortes gegrüßt und die Grüße erwidernd, aber mit Vorliebe stille Winkel aufsuchend, um meinen glücklichen Erinnerungen nachzuhängen und Verse zu rezitieren.

Nur der Berichterstatter einer lokalen Zeitung störte meine köstliche Zurückgezogenheit, um mich um biographische Daten zu bitten. Aber ich erwiderte ihm:

»Ich bin nur ein Vorüberziehender, Monsieur. Und was soll dem Publikum die Lebensgeschichte eines Künstlers? Worauf es ankommt, das sind seine Werke. Habe ich Ludwig XI. gut oder schlecht gespielt? Das ist die einzige Frage. Meine Rollen gehören Ihnen, mein Leben gehört mir!«

Der Berichterstatter war nicht sehr befriedigt. Er ließ es in seiner Zeitung erkennen. Aber zu jedem Triumph gehört auch ein Teil Kritik – ich will nicht sagen Anfeindung. Ich hatte meinen Teil. Nun fehlte nichts mehr zur Vollständigkeit.

Am dritten Tage verließ ich das Hotel zu Fuß, indem ich mir den Kranz gleich einer Schärpe umhängte, dessen Blumen mein Zimmer durchduftet hatten, und dessen dreifarbige Bänder nun vom Winde bewegt wurden. So verließ ich, unter den wohlwollenden Blicken der Bevölkerung, Compiègne, meinen Koffer in der Hand und meinen Kranz quer über die Brust gehängt. Kein Zuruf auf dem Wege, aber freundliche Grüße und nachsichtiges Lächeln. Ich durchschritt die Stadt in einer Atmosphäre der Sympathie.

Auf dem Bahnhofe fragte man mich, ob ich den Kranz nicht aufgeben wolle. Er war etwas zu groß, um im Gepäcknetz Platz zu finden.

»Nein,« erwiderte ich, »man trennt sich nicht von gewissen Ehrenzeichen! Ich werde meinen Kranz auf den Knien halten.«

Als der Zug sich in Bewegung setzte, sandten mir die Bahnbediensteten und einige auf dem Perron versammelte Theaterfreunde ihre Grüße nach; ich hörte ein »Vivat!« und auch ein »Auf Wiedersehen!«, das mir zu Herzen ging.

Es war vorüber. Das Dampfroß trug mich nach der Großstadt zurück. Aber die unauslöschliche Erinnerung war mir geblieben, und in den Stunden der Mutlosigkeit blicke ich in meinem Zimmer auf den verwelkten Kranz mit dem für mich geheiligten Datum des 23. Februar und sage mir:

»Brichanteau, keine Schwäche! Kämpfe weiter, Brichanteau! Du hast deine Stunde gehabt! Du hast deinen Tag gehabt! Denke stets an Compiègne, und Kopf hoch, Brichanteau! Erinnere dich an Ludwig XI.! Niemand hat ihn so gespielt wie du, niemand!«

Ah, ich vergaß – es ist gleichwohl schmeichelhaft – ein Sammler, Bibliophile und Numismatiker, hat das alte, mit aus Bleisoldaten verfertigten Medaillen gezierte Käppi aufbewahrt. Es ist ein weiteres Dokument meines Erfolges. Und wenn Sie sie sehen wollen, die Kopfbedeckung Ludwigs XI., fragen Sie, wenn Sie einmal nach Compiègne kommen, nach dem Sekretär der Archäologischen Gesellschaft: er wird sie Ihnen zeigen, zwischen dem Helm eines römischen Soldaten und dem Dreispitz eines französischen Gardisten aufgehängt. Beiträge zur Geschichte der Kopfbedeckung.

Ich für meinen Teil ziehe diesem, obgleich historisch gewordenen Käppi meinen alten, verwelkten Kranz vor, das Abbild eines Künstlerlebens: Blumen und Staub! Seien wir Philosophen! Ich kenne Ehrgeizigere als ich, die nicht gleich mir ihren großen Tag gehabt haben!

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