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Brichanteau, der Mime

Jules Claretie: Brichanteau, der Mime - Kapitel 4
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authorJules Claretie
titleBrichanteau, der Mime
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
yearo.J.
printrun
translatorLeopold Rosenzweig
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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3. Die Photographie

Sie werden mir nach allem, was ich Ihnen bisher mitgeteilt habe, das Zeugnis nicht versagen können, daß ich die Wahrheit nicht schminke. Ich habe Ihnen eben eine Geschichte erzählt, in der ich eine schöne Rolle spielte, aber ich werde Ihnen mit derselben Offenheit auch die erzählen, in denen ich weniger vorteilhaft erscheine. Mein Abenteuer mit Lady Maud Hartson, zum Beispiel, zeigt mich in etwas weniger heroischem Lichte. Ich werde es gleichwohl nicht verschweigen. Was wollen Sie? Ich bin ein Mensch ohne Falsch. – Seltsamerweise sind die »Räuber der Savanne« auch mit diesem Abschnitt meines Lebens verknüpft. Melodrama, was willst du von mir?

Wenn ich in der Liebe eine praktische Vorschrift geben sollte, so würde ich den Frauen den banalen Rat wiederholen: »Schreibet nie!« und den Männern würde ich einschärfen: »Gebt nie eure Photographie!« – Was haben die Photographen mich verfolgt, um von mir einige Stunden Sitzung zu erlangen! Wie unzählige Male habe ich meinen Kopf in ihren Schaukästen prangen sehen, in allen Formaten: Kabinett, Visite, Lebensgröße, Stereoskopbild! Ich kann sagen, wenn ich so viele Taler hätte, als Bilder von mir existieren, so wäre ich ein Millionär. Ich verstand es, die verschiedensten Stellungen festzuhalten, ich bedurfte keines: »Jetzt sehr ruhig, bitte!«, um sehr ruhig zu sein. Ich war für das Objektiv wie für Montescure ein ideales Modell.

Ideal nicht nur durch meine Unbeweglichkeit – ich zuckte nicht einmal mit den Wimpern, denn ich war gewohnt, der Sonne der Kunst festen Auges ins Antlitz zu blicken –, sondern auch durch die Mannigfaltigkeit der Typen, die ich darstellen konnte. Ich ordnete und verwirrte meine Haare nach Belieben: flatternd wie die eines Dichters, in die Stirn fallend wie die eines Verschwörers, an die Schläfen geklebt wie die eines Studenten aus dem Mittelalter, hinaufgesträubt, wenn nötig, wie die Mähne eines Löwen. Und der Ausdruck des Gesichts wechselte mit der veränderten Frisur. Ich habe eine so bewegliche Maske, Monsieur, bald tragisch, bald komisch, daß ein medizinischer Gelehrter, Verfasser eines Buches »Über die menschliche Physiognomie« – in Großoktav, von der Akademie der Wissenschaften preisgekrönt – mich gebeten hat, sein Modell für die verschiedenen Ausdrucksformen zu sein, die er in seinem Buche beschrieb: der Zorn, der Neid, der Geiz, die Wollust. Jawohl. Wenn Ihnen einmal das Buch »Über die menschliche Physiognomie« von Doktor Fargeas in die Hand fällt und Sie die darin enthaltenen Abbildungen betrachten, so werden Sie in allen diesen Köpfen mit verzweifelten oder verzückten Gesichtern mich, Brichanteau, wiederfinden. Mein Bild ist darin hundertsechzehnmal in verschiedenen Stellungen wiederholt. Ich bedurfte zu meinem vollen Ruhme sonst nichts, als so in einem medizinischen Buche zu figurieren.

Ich habe also unzählige Photographien von mir im Laufe meines Lebens gehabt und habe unzählige teils an Damen, teils an Städte verschenkt. Ich hatte dafür die Formeln: »Meiner geliebten Anna, für immer und ewig!« Oder: »Der edeln Stadt Saint-Gaudens, in Erinnerung an einen unvergeßlichen Abend. Ihr Gast, der ihr Sohn sein möchte.« Oder auch: »Dem Gemeinderate von Pontarlier. Ein Adoptivkind.« Die gemeinderätlichen Widmungen kosteten mich wenig, bereiteten mir Vergnügen, indem ich sie in zugleich einfachem und – ich wage es zu behaupten – lapidarem Stile entwarf, und wenn sie mir auch nicht die Erkenntlichkeit der Städte, in denen ich gastiert habe, eintrugen – noch nie hat ein Gemeinderat mir den Empfang meiner Sendung bestätigt –, so haben sie mir doch auch niemals die geringsten Unannehmlichkeiten verursacht. Niemals.

Nicht das gleiche kann ich jedoch von den Widmungsbildern sagen, die ich weibliche nennen möchte. Abgesehen davon, daß ich auf dem Kai in den Kästen zu einem Sou Längs des Seineufers befinden sich bekanntlich lange Reihen von Kästen mit alten Büchern, Stichen und dergleichen. Anm. d. Übers. neben den ältesten der ältesten Scharteken Bilder von mir fand, die mit Vierzeilern geschmückt waren, welche mich oft eine Nacht gekostet hatten, habe ich die Unannehmlichkeit erfahren, mehr als einmal derlei photographierte Andenken in rekommandiertem Umschlag zurückzuerhalten, begleitet von dem nicht sehr höflichen Brief eines wütenden Gatten oder eines verdrängten Liebhabers. Wie kommt es, daß mich diese unvorsichtigen Widmungsinschriften nicht häufiger auf die Walstatt geführt haben? Vielleicht, weil die Art, wie ich im »Buckligen« oder in der » Dame de Monsoreau« meine Klinge führte, diesen Unzufriedenen imponierte, deren Klugheit ihrer Enttäuschung die Wage hielt. Nun denn, unter uns, ich kann es Ihnen sagen, denn ich habe ja die Sechzig schon überschritten, ich war und bin nur ein mittelmäßiger Fechter. Mein Herz ist bei einem Duell an der Spitze meines Degens; aber ich besitze weder die Geschmeidigkeit Bussy de l'Amboises, noch steht mir die Lagardèresche Finte zu Gebote. Ich täuschte das Auge. Durch Kunst und Geschicklichkeit verlieh ich mir das Aussehen eines furchtbaren Raufboldes. Bühnenoptik. Sagen wir ihr nichts Übles nach, da sie mir gute Dienste geleistet hat.

Unter den vielen träumerischen oder heiteren Gesichtern nun, die im Nebel meiner Erinnerung verschwimmen, verweilen meine Gedanken mit besonderem Wohlgefallen auf dem einer entzückenden Engländerin, die ich in Pau kennen zu lernen das Glück hatte. Sie verbrachte dort den Winter aus Gesundheitsrücksichten, und ich spielte dort mit der Gesellschaft Lestaffier. Lady Maud war sogar die Ursache eines plötzlichen Bruches zwischen meiner Direktorin und mir. Ich war nicht unempfänglich für die Vorzüge meiner Direktorin, einer energischen und reizenden Frau, ein administratives Talent ersten Ranges und in ihren Mußestunden voll heiterer Laune. Aber eifersüchtig. Das war ihr kleinster Fehler. Ungemein eifersüchtig. Aber die Eifersucht ist die Würze der Liebe. »Othella« – ich nannte sie Othella, meine Direktorin.

Lady Maud Hartson gehörte zur Gattung der dunkelhaarigen Engländerinnen, welche ich entzückender finde als die blonden, weil sie mit ihrem matten Teint, mit ihren schmeichlerischen Augen eine köstliche Sanftmut verbinden, während die blonden unter ihrer anscheinenden Zärtlichkeit eine gewisse undefinierbare Wildheit behalten. Eine Brünette mit all der Lieblichkeit der Blondinen, das ist das Ideal! Lady Maud war sechsundzwanzig Jahre alt, etwas groß, zu groß, lang, sehr lang, aber ich verglich diese geschmeidige Schlankheit mit der des Stengels einer Lilie, einer schönen, eleganten Lilie! Ich bemerkte Lady Maud zum ersten Male in einer Proszeniumsloge, eines Abends, als ich in den »Räubern der Savanne« auftrat. Ich erinnere mich noch, wie mißgestimmt ich diesen Abend war, infolge des mir auferlegten Zwanges, mein Spiel zu beschleunigen. Da das Drama die Menge nicht genügend anzog, hatte meine Direktorin die vom praktischen Standpunkt vortreffliche, vom künstlerischen Standpunkt aber entsetzliche Idee gehabt, eine Operette anzuhängen. Ich hasse die Operette. Ein Jünger der hohen Kunst, bin ich nicht imstande, mich an Verzerrungen zu ergötzen. Gleichwohl mußte aber doch den Tatsachen Rechnung getragen werden. Ohne eine Operette am Schlusse brachten die Räuber sechshundert Franken; mit einer Operette brachten sie neunzehnhundert. Ich ließ mich also herbei, einer Operette als Vorspiel zu dienen. Aber Frau Lestaffier hatte mir gesagt:

»Brichanteau, wir werden zu spät fertig, wir sollen für das Gas eine Nachzahlung leisten! Spielen Sie schneller.«

»Spielen Sie schneller! Spielen Sie schneller! Und die Entwicklung? Ein Melodram bedarf der Entwicklung, ganz so wie eine Tragödie. Wenn ich im Galopp reite, ist alles aus! Kein Effekt mehr, kein Schaudern mehr, keine Taschentücher mehr, gar nichts mehr!«

»Was wollen Sie, Brichanteau? Das Gas drängt. Wir müssen um Mitternacht fertig sein. Kürzen Sie, wenn Sie wollen, aber werden Sie fertig!«

Ich konnte mich nicht zu Kürzungen entschließen. Eine Rolle ist ein Ganzes. Ein Satz folgt aus dem andern. Und selbst auch in einem Melodram wie die Räuber, in einer unliterarischen Rolle wie die des Andrès, war es mir Bedürfnis, die Inspiration des Verfassers zu respektieren. Ach, Not ist Gesetz! Ich sagte mir: »Sei's drum, ich werde schneller spielen!« Und ich erinnere mich, daß ich im dritten Akt nicht mehr tragische Kunst, sondern gymnastische Kunststücke machte. Förmliche gymnastische Kunststücke! Aber Schauspieler sein, heißt nicht bloß Deklamator sein. Der vollendete Schauspieler kommt, geht, läuft – agiert, mit einem Wort: die Seele Talmas im Körper eines Clowns! Ein vielseitiger Geist, von geschmeidigen Gliedern bedient! Das muß er sein.

Ah, die große Szene im dritten Akt!

Sie haben die »Räuber der Savanne« nicht gesehen? Nein? Das ist erstaunlich und ist schade. In diesem dritten Akt kommt eine Dekoration vor, die ein Schlager, ein wahrer Schlager ist, und eine Szene, in der ich, ich darf es wohl sagen, überwältigend war. Ich wage diesen Ausdruck, weil er die Wahrheit besagt. Ich habe niemals, in keiner Stadt, mit dieser Szene meine Wirkung verfehlt.

Im dritten Akt also sind wir auf einem Plateau, das auf der »Gartenseite« schroff abfällt und auf der »Hofseite« – die »Hofseite« ist rechts, die »Gartenseite« links vom Zuschauer – durch einen Felsen von einem Strom getrennt ist, der zwischen steilen Ufern hinbraust oder hinbrausen soll. Um auf das Plateau zu gelangen, muß man eine in den Felsen gehauene, sehr schmale Treppe erklettern. Im Hintergrunde Seen, Wälder der Savanne – Sie können sich das lebhaft vorstellen.

Über dieses Plateau und über diesen Strom rette ich Eva. Eva ist ein Kind von sechs Jahren, das ich, erster Held, mit Hilfe Jonathans, erster Komiker, und Pivoines, zweiter Komiker, dem Hasse Ribeiros, dritter Held, entrissen habe. Die Situation ist packend. Zuerst ist Andrès, der gefesselt daliegt, eben daran, von Ramon, Bösewichtrolle, getötet zu werden, als Eva im Augenblick, wo der Räuber sich mir nähert, meine Bande durchschneidet, worauf ich, Ramon zu Boden schleudernd, ein Beil ergreife und einen Streich gegen ihn führe, was ihn nicht hindert, über die Felsen zu entspringen und seine Gefährten zu benachrichtigen.

Seine Gefährten sind die Räuber der Savanne. Ramon führt sie herbei. Man hört sie die Felsen erklettern. Wie nun entrinnen? Über den Strom führt keine Brücke, kein Steg. Da rufe ich:

»Ich werde eine Brücke machen.«

Und ich schlage mit mächtigen Axthieben auf eine Zeder los, während Pivoine von der Höhe des Plateaus Steine herabrollen läßt. Jonathan hilft mir. Auch er schlägt auf die Zeder los. Der Baum neigt sich. Noch eine letzte Anstrengung. Wir stemmen unsre Schultern gegen den Stamm, und sein Wipfel stürzt krachend aufs jenseitige Ufer. Gut. Da haben wir also die ersehnte Brücke. Ich nehme Eva in meine Arme und schreite vorsichtig über den Stamm. Pivoine und Jonathan folgen mir. Indessen höre ich die Räuber schon herankommen und rufe den beiden zu:

»Rasch in den Wald hinein, um ihren Kugeln zu entgehen! Wendet euch gegen Süden und geht immerzu, ohne anzuhalten, bis ihr die Savanne erreicht habt. Ich schneide indessen den Räubern den Weg ab!«

Das ist der große Moment. Andrès ergreift wieder das Beil, das heißt ich, Andrès, haue wieder auf den Baumstamm los. Es gilt ihn zu durchhauen, ehe die Räuber da sind. Und im Augenblick, da sie erscheinen, stürzt der Stamm – ein kolossaler Effekt – in die Fluten.

Ramon stürzt auf mich los.

»Er ist es! Wir haben ihn!« ruft er.

Ich erwidere:

»Noch nicht!«

Und ich erdolche ihn.

Dann stürze ich mich mit dem Rufe: »Gott steh' mir bei!« in den Strom. Ramon sagt sterbend zu seinen Leuten:

»Feuert auf ihn!«

Ich schwimme inmitten eines Kugelregens. Man sieht mich schwimmen, dann wieder auftauchen, vom Strudel des Wassers mitgerissen, das sich, wie im Buche gesagt wird, in einen Abgrund stürzt. Oh, das ist keine hohle Deklamation, das ist Drama, wirkliches, ergreifendes Drama!

Wenn ich mit dieser Szene das Haus nicht zum Glühen gebracht hätte, wäre ich nicht Brichanteau gewesen. Aber ich bedurfte in der Regel der gehörigen Zeit, um den Hörern Mitleid, Schrecken, den Eindruck des Heldenhaften, alle die verschiedenen Gefühle einzuflößen, die diese siebente Szene des dritten Aktes in sich begriff. Es gibt psychologische Notwendigkeiten. Man darf eine Entwicklung nicht überstürzen.

Und meine Direktorin sagte zu mir in der Kulisse:

»Das Gas, Brichanteau! Das Gas! Keine Zugabe! Wir haben noch zwei Akte und nachher ›Geneviève de Brabant‹!«

Nun denn, es mußte sein: ich spielte mit verdoppelter Energie und Raschheit. Ich wollte Zeit gewinnen, und um Zeit zu gewinnen, entkleidete ich mich auf der Bühne, ja, auf offener Szene, vor dem Publikum, damit der Zwischenakt wegfallen könne, während hinter der Dekoration des Hintergrundes schon die nächste Szene gestellt wurde: die Hacienda des Moralès.

Ich tat alles gleichzeitig. Ich entkleidete mich und hieb die Zeder um. Ein Axthieb. Ein Knopf. Ich schlug mit der einen Hand und knöpfte mich mit der andern auf. Mein Kostüm wurde dadurch nur um so pittoresker. Ein Axthieb. Ein Knopf. Ein Dolchstoß. Ein Knopf. Ich knöpfte noch einen Knopf auf, als ich mich in den Strom stürzte.

»Gott« (ein Knopf) »steh mir bei!«

Und ich verschwand endlich. Noch nie habe ich das Publikum mehr gepackt, begeistert, hingerissen gesehen. Man rief mich und rief mich unaufhörlich.

»Nicht aufziehen!« rief ich. »Lassen Sie nicht aufziehen!«

Ich wollte Frau Lestaffier keine Zeit rauben. Ich opferte die triumphierende Befriedigung eines künstlerischen Selbstgefühls der Rücksicht, der gemeinen Rücksicht auf das Gas! Aber konnte ich meiner Direktorin irgend etwas verweigern?

Als jedoch nach dem fünften Akt das ganze Haus Andrès verlangte und »Brichanteau! Brichanteau!« rief, mußte ich doch wohl nochmal hinaus, um mich zu verbeugen – inmitten der Dekoration des ersten Aktes von »Geneviève de Brabant«, die bereits von den Maschinisten gestellt wurde. Ich verbeugte mich, aber in eiliger Weise. Jedoch nicht eilig genug, um nicht die wirklich schmeichelhafte und zugleich aristokratische Haltung zu bemerken, in welcher eine große, schöne Dame in der linken Proszeniumsloge mir Beifall klatschte: stehend; etwas vorgeneigt und die weißbehandschuhten Hände aneinanderschlagend wie ein Paar niedliche kleine Tschinellen.

Eine vornehme Dame offenbar! Ich hatte trotz meines schnellen Spieles, trotz der Hast des Tempos doch bemerkt, wie häufig sie das Glas auf mich gerichtet hatte, und geschmeichelt von diesem Beifall, der gegen den des ganzen Hauses abstach und der, gestatten Sie mir den Ausdruck, gleichsam dessen Blüte war, verneigte ich mich noch besonders, mit einer Ehrerbietung, die ihre Würde bewahrte, vor der schönen Unbekannten.

Sie war davon bewegt, und ihre aristokratischen Hände schlugen stärker aneinander.

Als ich wieder in die Kulisse trat, sagte Frau Lestaffier in spitzem Tone:

»Nun, sie ist ein dankbares Publikum, Ihre Engländerin!«

Und da ich sie erstaunt ansah:

»Oh, ein sehr dankbares Publikum! Sie hat während der ganzen Vorstellung den Blick nicht von Ihnen gewandt. Wenn ihre Augen Zähne hätten, so wären Sie schon aufgegessen.«

Meine Direktorin war eine reizende Frau, eine ganz reizende Frau, aber sie war eifersüchtig. Und ihre Eifersucht hatte sie Manöver sehen und Gedanken erraten lassen, auf deren Vermutung ich in meinem künstlerischen Feuereifer und in der großen Eile, mit der ich meine Knöpfe öffnete, nie verfallen wäre. Lady Maud – es war Lady Maud – war, indem sie Andrès betrachtete, ganz einfach vom Blitzstrahl der Liebe getroffen worden. Derlei liebesphysikalische Phänomene sind nicht selten, denn der Schauspieler oder die Schauspielerin verkörpert für das Publikum das Ideal. Das Ideal der Tapferkeit, der Unschuld oder der Ehrenhaftigkeit.

»Mein Gott, derlei verfängt bei einer Frau,«

wie die Königin sagt, die in den ersten Minister verliebt ist, der nur ein Lakai ist – eine etwas unwahrscheinliche Geschichte.

Ich lustwandelte am nächsten Tage auf der Terrasse und bewunderte das herrliche Panorama der vom Winter kupfrig gefärbten Bäume – alle Schattierungen von Kupfer, von dunkelm Rot bis zum Goldgelb – und die Pyrenäen im Hintergrunde, die einem gigantischen Schneehalsbande glichen, in dem jede Bergspitze eine Perle darstellte –, als ich nicht weit von mir, in Betrachtung desselben Panoramas, in dieselbe Träumerei versunken, die entzückende Engländerin gewahrte, die gestern den Heldentaten, den Axthieben und den Knöpfen Andres' so lebhaft Beifall gespendet hatte. Ich erkannte sie sogleich, sie erkannte mich ebenfalls, und wir waren bald im Gespräch. Sie hielt einen Band Gedichte in der Hand und sagte mir, daß sie eben hier im Angesichte der Pyrenäen gelesen habe, um sich in einen dem schönen Anblicke harmonischen Seelenzustand zu versetzen.

»Harmonischer Seelenzustand« überraschte mich ein wenig. Aber ich sah sogleich, daß ich mit einer literarisch sehr gebildeten Dame, mit einer »Ästhetin«, wie sie in England sagen, zu tun hatte. Sie las Rossetti, Dante Gabriel Rossetti, von dem man mir viel Schönes erzählt hat, obgleich er keine Theaterstücke schreibt.

»Ich bin erfreut, mit Ihnen zusammengetroffen zu sein, Monsieur,« sagte sie mir, »denn gestern, in dem Melodrama, haben Sie mir einen großen, großen Genuß verschafft. Ich frage mich nur, wie Sie inmitten so unwahrscheinlicher Vorgänge einfachen und echt menschlichen Gefühlen Ausdruck geben können. Sie wären so gut in Shakespeare! O wie sehr!«

Man hätte meinen können, daß dieses ideale Geschöpf – denn ich betrachtete und zergliederte sie, sie war ideal! – alles erraten hatte, was sich an niedergehaltenen, unerfüllten Träumen auf dem Grunde meiner Seele barg. Shakespeare! Shakespeare spielen! Beim Himmel, ich hatte keinen höheren Ehrgeiz, und ich dachte an nichts andres, als Hamlet, Macbeth, Othello zu übersetzen. Diese Söhne des Genies waren meinem Wuchse angemessen. Aber spielen Sie doch Shakespeare in der Provinz! Shakespeare, wenn Frau Lestaffier der Musik Offenbachs bedurfte, um ein Melodrama durchzubringen!

»Ich sehe, Madame,« sagte ich, »daß Sie eine empfindende Seele sind.«

Sie befaßte sich viel mit Literatur. Sie gestand mir, daß sie in ihren Mußestunden sogar Theaterstücke schreibe.

»Wirklich, Madame?«

»Ja, ich habe eine ›Delila‹ (sie sagte Delileh) verfaßt und habe auch die Kostüme dazu gezeichnet. Ich denke an besondere Kostüme, à la Botticelli, nur noch viel origineller ,... Ich möchte zum Beispiel, daß meine Delila ganz eigenartiges Haar habe, sehr, sehr – höchst beziehungsreiches Haar. Ich möchte, sie soll – sie soll – blaue Haare haben!«

»Blaue?«

»Blaue, ja! Nur nichts Banales! Oh, das Banale! Auch Sie lieben doch das Banale nicht, Herr Brichanteau?«

»Ich hasse es, Madame, ich verabscheue es! Indessen, diese Haare ,...«

»Blau sollen sie sein! Ich stelle sie mir blau vor!«

Sie sprach das »blau« lächelnd, indem sie dabei den Kopf mit dem hübschen, sehr blassen Gesichte zur Seite neigte; sie sagte es so allerliebst, daß ich es ganz natürlich fand, daß Delila blaue Haare habe. Und überdies, was machte mir das aus?

Die Hauptsache war für mich, daß diese Frau entzückend war, daß eine milde Luft auf der Terrasse wehte und daß eine schöne pyrenäische Landschaft dieses liebenswürdige Gespräch umrahmte. Ich erfuhr bald, daß mein Gegenüber sich Lady Maud Hartson nannte, daß sie an einen jener reisenden Engländer verheiratet war, die ihr Leben außerhalb ihres Wohnsitzes zubringen, und daß ihre Leidenschaft die Literatur, die Kunst, die Musik, das Theater war, so wie die ihres Mannes das Spiel.

Sie war so liebenswürdig, mich einzuladen, » a cup of tea« bei ihr zu nehmen und mir etwas aus ihrer Feder vorlesen zu lassen; und als ich ihr bemerkte, daß ich das Englische nur sehr unvollkommen beherrschte: bis zwanzig zählen, ein Hotelzimmer, ein Eisenbahnbillett verlangen und so weiter, kurz, was man zu einer Kunstreise braucht – erwiderte sie:

»Oh, ich werde Ihnen die Szenen der Reihe nach übersetzen!«

Ich kenne sie, diese entsetzlichen Stunden, wo ein Autor Sie auf dem Sitze sich gegenüber festgeschraubt hält, und Sie erbarmungslos der Folter des Vorlesens aus dem Manuskript unterwirft! Ich wäre eines Tages in Reims bei einem Notar, der mir eine Griechentragödie vorlas, beinahe vom Schlage gerührt worden. Aber dieses Mal hatte die Einladung zur Vorlesung eine verheißende Bedeutung, und es wäre sehr ungeschickt von mir gewesen, wenn ich es abgelehnt hätte, diese »Delileh«, die Schöne mit den blauen Haaren der Lady Hartson anzuhören.

»Milady, Diese Form muß hier beibehalten werden, als für den Sprecher charakteristisch, der »das Englische nur sehr unvollkommen beherrscht«. Aber es braucht dem Leser nicht gesagt zu werden, daß die – auch in deutschen Romanen häufig vorkommenden – quasi englischen Anreden »Milord« und »Milady« im Englischen nie gebraucht werden. Anm. d. Übers. ich werde die Ehre haben, pünktlich zu erscheinen, wenn Sie mir gütigst den Tag bestimmen wollen.«

»Morgen also, um fünf Uhr, Herr Brichanteau.«

»Morgen, um fünf Uhr, Milady. Hotel Gassion, nicht wahr?«

»Nein, o nein, ich habe eine Wohnung gemietet, ich wohne gegenüber dem Geburtshause Bernadottes.«

Und sie entfernte sich, ihren Band Verse unterm Arm, mit den geschmeidigen Bewegungen eines großen Schwans. Frau Lestaffier hätte gesagt, einer Giraffe.

Am nächsten Tage um fünf Uhr begab ich mich zu Lady Maud, und ich muß gestehen, daß ich mittlerweile viel an diese schöne, schlanke Engländerin gedacht hatte, die mir so hübsch von Shakespeare gesprochen hatte. Ihre Delila flößte mir wohl ein wenig Angst ein, aber sie hatte so schöne Augen, sie, Lady Maud, und ihre Konversation war so anziehend!

Sehr bewegt, als ich die Glocke an der Tür der verführerischen Frau zog, war ich bereits wieder Herr meiner selbst, als ich die Schwelle ihrer Wohnung überschritt.

»Lady Maud Hartson!« sagte ich im Tone Benvenuto Cellinis, der sich bei der Herzogin d'Etampes anmelden läßt.

Ein Lakai ließ mich, nachdem er mich vom Kopf bis zu den Füßen gemustert hatte, in einen bizarr möblierten Salon eintreten, den ich mit meinem kritischen, der raschen Beurteilung von Dekoration und Verteilung gewohnten Blick überflog. Der Salon war merkwürdig genug, voll von Tiger- und Leopardenfellen. Sie lagen auf dem Boden, sie lagen auf den Sofas. Da und dort sah man Waffen, Karabiner englischen Fabrikates und ausgezeichnete Revolver. Kleidungsstücke aus weißem Linnen, abgenutzt und mit bräunlichen Flecken bespritzt, die nötigenfalls Blut sein konnten – vielleicht aber nur Kot – lagen auf einem Fauteuil, und daneben ein Korkhelm, ein » tropical helmet«. Unter dem mit Papieren bedeckten Tische standen ein Paar mächtige Spornstiefel.

Mechanisch warf ich, ohne jede indiskrete Absicht, einen Blick auf die großen Blätter blauen Papieres – blau wie die Haare Delilas –, welche durch einen Briefbeschwerer, der aus einem Stück Elefantenzahn bestand, niedergehalten wurden. Und ich las folgende Worte, die ich mir sogleich übersetzte:

Chapter XII.
My eleventh Tiger.

Mein elfter Tiger!

Ich erriet ohne Schwierigkeit, daß dies das Tagebuch eines Jägers sei, und indem ich wieder die zahlreichen Jagdtrophäen ringsumher betrachtete, sagte ich mir, daß, wenn dieses Tagebuch, wie ich wohl nicht zweifeln konnte, das Lord Hartsons sei, und diese Tiger- und Leopardenfelle die Ergebnisse der Jagden Lord Hartsons, Lady Maud, die recht hatte, schön zu sein, alle Ursache hatte, vorsichtig zu sein. Und warum hatte dieser große Kerl von einem Lakai es darauf abgesehen, mich inmitten dieser Karabiner, dieser Revolver und dieser blauen Blätter: » My eleventh Tiger«, warten zu lassen?

Wie der Blitz durchfuhr mich der Gedanke, mich zu entschuldigen, meine Karte zurückzulassen und das Bild der entzückenden Engländerin, deren Blick mich verfolgte, der Vergessenheit anheimzugeben – aber ich sagte mir, daß schließlich die Gefahr die Würze der Liebe ist. Und dann bin ich das Gegenteil eines Feiglings.

Ich dachte an Saint-Mégrin, wie er sich zur Herzogin von Guise begibt, und fügte in Gedanken hinzu:

›Was liegt daran, Brichanteau? Du bist jung, diese Frau ist schön. Was liegt dir an dem Herzog?‹

Um so mehr, als Lord Hartson sich augenblicklich in Luchon oder eigentlich in Portillon befand, wo er höllisch spielte. Er gewann übrigens. Glück im Spiel, Unglück in der Liebe. Ich hätte drei Stunden später nicht fünf Franken aufs Spiel setzen können, ohne sie zu verlieren, so glücklich liebend war ich. Ja, von Rossetti zu Shakespeare, von Shakespeare zu ihrem Stücke »Die Qual des Bewußtseins«, ein Stück, welches sie »reflektionistisch« nannte, und welches auf die Süßigkeit des Nirwana, des Nichtseins, hinauslief – von Poet zu Poet und, wie man zu sagen pflegt, von einem ins andre, waren wir schließlich dahin gelangt, die Rache des Lords, die Kugel des Tigertöters zu verdienen!

»Oh, er würde mich töten, wenn er es wüßte,« sagte sie, »und Sie auch! Er ist furchtbar, furchtbar! Aber was ficht Sie dieser Gedanke an, teurer Freund?«

»Gar nicht, oh, gar nicht. Nicht im geringsten!«

»Und übrigens, töten nicht auch Sie wilde Tiere, Darling

»Ich?«

»Sie, Andrès, in den ›Räubern der Savanne‹.«

»Ah, ja freilich, ja freilich! Ich töte einen Tiger im Stücke und erscheine mit dem erlegten Tiere auf den Schultern. Dann, ihn zu meinen Füßen hinwerfend: ›Tot! Ein schönes Tier, wie, Kameraden?‹ Dies ist sogar mein Entree im zweiten Akt. Ein schönes Entree. Sie haben es ja gesehen. Aber das ist nur Bühnenspiel, Schein. Während er – er – › my eleventh tiger‹ – Wieviel Tiger hat er denn getötet, Lord Hartson?«

»Wieviel? Was liegt daran, teurer Freund?«

»Oh, es liegt nicht so viel daran, ich wäre nur neugierig ,...«

»Brutales Vergnügen, rohe Geschicklichkeit! Was machen Ihnen die Tiger aus?«

»Oh, es sind nicht die Tiger! Aber die Neugierde, die gewöhnliche Neugierde!«

»Nun, ich glaube, er hat zwanzig getötet.«

»Zwanzig?«

»Vielleicht dreißig. Ich weiß es nicht. Ich rede nie von diesen Dingen. Sprechen Sie mir doch die große Rede Ruy Blas', Darling

Ich rezitierte nach bestem Vermögen die Rede Ruy Blas', aber unabwendbar kam ich wieder auf die Tiger zurück, wie jener andre auf seine Hämmel.

Ich fragte wieder: »Dreißig? Sie glauben, daß er dreißig getötet hat?«

Und Lady Maud erwiderte zärtlich: »Sie haben viel mehr in den ›Räubern der Savanne‹ getötet, Darling

Ich versuchte ihr darzutun, daß das nicht ganz dasselbe sei. Ich tötete sie im Geiste, meine Tiger. Ich tötete sie in der Phantasie. Sie erwiderte, daß das so viel größer und schöner sei und daß alle Tiger Lord Hartsons nicht so viel wert seien wie der, den Andrès bei seinem schönen Entree im zweiten Akt auf den Schultern hereinbringt.

Sie liebte mich zweifellos sehr. Da die Gesellschaft Frau Lestaffiers jedoch für Mont-de-Marsan engagiert war, mußte ich Lady Maud verlassen, mit dem Gelübde jedoch, sie wiederzusehen. Von da ab erhielt ich manchmal auf meinen künstlerischen Irrfahrten Verse von ihrer Hand, in ihrer Schrift, deren Züge lang und aristokratisch waren wie sie selbst. Oft brachte mir, im Augenblicke, da ich auftreten sollte, der Telegraph eines ihrer Gedenken: »Viel Erfolg! Remember!« Eines Tages, in Bordeaux – ich spielte im Theatre Louis, in »Das Blumenmädchen« – brachte mir der Hausmeister ein Briefchen auf blauem Papier – das Papier des Gatten, das Papier, auf dem er seine Tigermetzeleien verzeichnete –, das mir mitteilte: »Ich bin hier. Auf heute abend!«

Und am Abend sah ich in der rechten Proszeniumsloge Lady Maud, die mir in Bordeaux im »Blumenmädchen« Beifall klatschte, so wie sie mir in Pau in den »Räubern der Savanne« Beifall geklatscht hatte. An diesem Abend hätte ich beinahe den Kontrakt mit meiner Direktorin gelöst, denn Frau Lestaffier hatte es gewagt, mir zu sagen:

»Was, sie reist ja herum wie der ewige Jude, Ihre lange Hopfenstange?«

Es kam noch zu keinem Bruche, weil ich mich nicht erzürnen wollte, um eine Frau zu verteidigen, die ich nicht das Recht hatte, zu kompromittieren. Aber Frau Lestaffier hatte mich tief verletzt. Sie hat es später bereut; aber es war zu spät.

Lady Maud war allein in Bordeaux. Ganz allein. Lord Hartson fuhr fort zu spielen, ich weiß nicht wo, »hinter den Kulissen«. Wir gehörten einander an, aber ich gehörte auch der Öffentlichkeit an, und wir mußten Mittel und Wege finden, um uns in der großen Stadt Bordeaux zu sehen, ohne Verdacht zu erwecken. Oh, Lady Maud ihrerseits hätte allem Trotz geboten. Aber ich war klug für sie, und ich fühlte auf allen meinen Schritten den forschenden Blick Frau Lestaffiers ruhen. Wir gaben uns im Museum Stelldichein, und ich sagte angesichts der Bilder zu Lady Maud: »Ich liebe Sie!« In dem Museum steht eine große, eine riesige Statue Ludwigs XVI., die unsre Schwüre gehört und ohne Zweifel gesegnet hat.

Dann fuhren wir nach Lormont, jeder mit einem andern Schiff, und trafen uns da in einem kleinen Restaurant, wohin die Grisetten am Sonntag kommen, um gebackene Fische zu essen, wo man aber an Wochentagen ganz allein ist. Das war reizend. Wir saßen plaudernd auf der Terrasse – es sollte nun einmal immer eine Terrasse in meinem Roman mit Lady Maud geben –, sahen die Schiffe auf der Gironde vorbeiziehen, die Züge pfeifend über die nahe Brücke von Lormont fahren und waren umgeben von lilafarbenen Glyzinen, von denen Lady Hartson sagte:

»Ich liebe diese Farbe ungemein. Ich werde Ihnen ein Aquarell mit Glyzinen malen.«

Und im Zusammenhang mit diesem versprochenen Aquarell sagte Lady Maud plötzlich:

»Apropos, Darling, und Ihr Bild, das besitze ich noch immer nicht!«

»Mein Bild?«

»Ja, ich möchte es auch malen. Es behalten. Haben Sie eines bei sich?«

Ich hatte eines bei mir. Ich fand es sehr gelungen. Es war in Visitenkartenformat, im Kostüm und mit den Zügen Ludwigs XIV. Das Bild gefiel mir sehr. Es rief mir das Kostüm in Erinnerung, welches ich auf den Brettern der Comédie Française hätte tragen sollen, wenn das Schicksal gerecht gewesen wäre, und beschwor außerdem die Gestalt eines Königs herauf, dem ich viel verzeihe, weil er viel für die Literatur getan hat. Der Mann, der mit Molière gefrühstückt hat, das ist ein Mann! Es lag mir daher viel an dieser Photographie, von der ich nur ein einziges Exemplar besaß, und ich fühlte, daß ich eine Unvorsichtigkeit beging, indem ich sie meiner Brieftasche entnahm und sie Lady Maud zeigte.

Sie sah es an und stieß einen Ruf des Entzückens aus: »Wundervoll!«

Ich war geschmeichelt, aber unruhig. Ich fühlte, daß dieses Bild schon nicht mehr mir gehörte.

»Ja,« sagte sie wieder, »es ist wundervoll, und ich behalte es!«

»Ein andres vielleicht!«

»Nein, nein, ich will dieses, ich will es! Und ich verlange auch eine Widmung!«

Wie hätte ich nein sagen können? Ich rief die Kellnerin, die uns die Weinomelette gebracht hatte, und verlangte ein Schreibzeug. Und hier auf dem kleinen Restauranttische, im Rahmen der Glyzinen, schrieb ich auf die Photographie die folgende Widmung, deren Gedanke, ich schwöre es Ihnen, mir ganz ungesucht zufloß:

An Lady Maud.

Unnötig ist's, daß ich erkläre,
Daß ich nicht dieser König bin –
Sie wissen: wenn ich König wäre,
Wär'n Sie, Madame, Königin!

Und ich zeichnete:

Sébastien Brichanteau.
Lormont, an einem Maitage.

Man tut immer unrecht, zu unterzeichnen. Man tut immer unrecht, zu schreiben. Immer, immer! Man tut ganz besonders unrecht, seinen Namen unter einen Vierzeiler zu setzen. Aber was wollen Sie? Lady Maud war entzückt.

»Oh, reizend, reizend! Nicht sehr kompliziert, aber sehr galant, echt französisch, Darling

»Was wollen Sie, Milady? Ich bin ein einfacher Mensch.«

»Und ein prächtiger Mensch!«

Sie reichte mir ihre aristokratische Hand, die ich küßte; sie selbst drückte ihre Lippen auf die schon etwas verblaßte Photographie und schob diese dann in ihr Täschchen, welches sie wieder in ihrem Gemsenledersäckchen mit der silbernen Schließe und ihrem Monogramm verwahrte.

An diesem Tage vergaß ich mein Bild sehr bald, um nur mehr an die lebende Wirklichkeit zu denken, die ich da vor mir und für mich hatte!

Dann verließ ich Bordeaux und begann wieder mein Wanderleben, gleich dem der Troubadoure; ich brach endgültig mit Frau Lestaffier nach einer Szene, in welcher die Beleidigungen naturgemäß den Zärtlichkeiten der Leidenschaft folgten; und ich dachte nur noch selten an die entzückende Engländerin, die mir das Schicksal gleich einer idealen Entschädigung auf meinen steinigen, ach, nur zu steinigen Lebensweg gelegt hatte.

Ich dachte tatsächlich an sie nur noch wie an ein Traumbild. Ich fühlte mich stets geschmeichelt, wenn ich von ihr ein Briefchen auf blauem Papier erhielt; ich war stets hocherfreut, zu wissen, daß es irgendwo in der Welt eine aristokratische Frau gab, die Andrès, den Tigertöter, nicht vergaß. Aber, um die Wahrheit zu gestehen, diese köstliche Erinnerung, vermengt mit andern, hinderte mich nicht am Schlafen. Eines Morgens erwachte ich in Marseille nach einer Nacht erquickenden Schlafes, die einem glorreichen Abend gefolgt war, an welchem ich den »schwarzen Doktor« – eine Rolle Frédéricks – gespielt hatte – ich erwachte also oder eigentlich lag noch in einer Art Halbschlummer, in welchem ich die künstlerischen Eindrücke des gestrigen Abends behaglich nachempfand, als es an die Tür meines Hotelzimmers klopfte.

»Herein!«

»Öffnen Sie!« rief eine Stimme mit englischem Akzent.

Ich schiebe in der Nacht stets den Riegel vor, wenn ich zu Bette gehe.

Ich erhebe mich, schlüpfe in meine Beinkleider, streiche durch meine vom Liegen verwirrten Haare und öffne.

Da fährt nun wie ein Wirbelwind ein Mann im grauen Anzuge herein, der mit derselben blitzschnellen Bewegung seinen Hut abnimmt und wieder aufsetzt, und – die Leute, deren Leben Romane enthält, haben manchmal solche Vorgefühle – ich erriet in diesem Unbekannten – wie ein Blitz durchfuhr mich dieser Gedanke – den Gatten – Lord Hartson, den Tigertöter, » my eleventh tiger«!

Ich sehe ihn noch vor mir, diesen roten Engländer, mit den an die Stirn geklebten Haaren, mit dem endlos langen rötlichblonden Bart und den glasharten, starren Augen in dem hageren Gesichte, das von allen Sonnenbränden Indiens gebräunt war – den baumlangen, kalten Menschen, der, indem er einer Brieftasche aus Krokodilleder eine Photographie entnahm (wobei ich denken mußte: ›Dieses Krokodil hat er getötet, er hat es aufs Korn genommen mit diesen seinen starren Augen, das Krokodil‹) zu mir sagte:

»Dieses Bild? Jauohl, dieses Bild im Kostüm eines Hensuurst, sind Sie das?«

Ich hatte nicht nötig, das Bild erst anzusehen. Es war das meinige. Im Kostüm eines Hanswursts! Mein Kostüm als Ludwig XIV. in » Mademoiselle de la Vallière« nannte er ein Hanswurstkostüm! Ich war im Begriffe, ihm zu erwidern:

»Mylord, wissen Sie, von welchen Kleidern Sie sprechen? Von jenen des großen Königs, Mylord!«

Aber ich hielt mich zurück. Ich weiß nicht warum, denn ich hatte keine Furcht, aber ich hielt mich zurück. Das Krokodilleder, der elfte Tiger vielleicht! Ja, ich gestehe es, der elfte Tiger lag mir im Kopfe. Und auch der gläserne, merkwürdige Blick dieses Menschen machte Eindruck auf mich. Kurz, ich beherrschte mich.

Er wiederholte eigensinnig: »Dieser Hensuurst, sind Sie das?«

Sehr würdevoll entgegnete ich: »Es stünde mir schlecht an, es zu leugnen, Mylord!«

»Sie, Sébastien Brichanteau?«

»Ich, Sébastien Brichanteau!«

»Sehr gut,« sagte er.

Unter seinem rötlichblonden Schnurrbart zuckten seine Lippen seltsam und enthüllten ganz erstaunliche Eckzähne, die vorsprangen wie die Hauer eines Ebers.

Ich dachte mir: ›Was tut's? Gleich Bussy d'Amboise wirst du dein Leben teuer verkaufen, das ist alles.‹ Und ohne Begeisterung, das muß ich gestehen, bereitete ich mich darauf vor, mich mit dem blonden Töter wilder Tiere zu messen.

Aber Lord Hartson schob achtsam mein Bild mit dem Vierzeiler wieder in die Krokodillederbrieftasche, steckte diese in sein graues Jackett, welches er sorgfältig zuknöpfte, und sagte:

» Good. Ich bin befriedigt.«

Befriedigt – das Wort bekam einen ironischen Beigeschmack. Insofern, als es an »befriedigte Ehre« erinnert. (Im Original: satisfaitsatisfaction.) Anm. d. Übers. Ich dachte an das Ende des Abenteuers und hörte – furchtlos übrigens – im Geiste schon die Hähne der Duellpistolen knacken.

»Dieses Bild,« fuhr der lange Mensch kalt fort, »behalte ich. Es ist ein Fetisch.«

»Ein Fetisch?«

Ich verstand nicht mehr, was das alles zu bedeuten hatte. Dieser Tigertöter wurde zur Sphinx.

»Ich uollte nur wissen, ob dieses Bild eines Hensuurst« (er blieb fest dabei) »wirklich Ihr Bild ist.«

»Ich verstehe, Mylord« (ich versuchte zu lächeln), »wegen des Vierzeilers. Ich bitte mir zu glauben, daß ich keinen dichterischen Ehrgeiz besitze.«

Die starren, gläsernen Augen belebten sich ein wenig.

»Oh, der Vierzeiler, nein! Abscheulich, der Vierzeiler! Banal, lächerlich, der Vierzeiler! Nein, es ist uegen des Bildes selbst, ja uegen Ihres Bildes.«

Und phlegmatisch, in einem eisigen Tone, den ich nie vergessen werde und den ich mir vorgemerkt habe, um den Herzog von Alba zu spielen, wenn ich je den Herzog von Alba spielen sollte, setzte Lord Hartson hinzu:

»Ja, meine einzige Liebe ist das Spiel. Poesie – Kinderei! Das Spiel und die Jagd, auch ein Spiel. Und seit ich den Nagel des Fellah verloren habe, den ich in Bulak tötete, hatte ich keinen Fetisch mehr. Furchtbares Pech. Ich fand diese Photographie – wo ich sie gefunden habe? Ich brauche es Ihnen nicht zu sagen, und niemals, niemals soll sie ein andrer bei sich tragen. Niemals. Unter den jetzigen Umständen muß das Bild eines Hensuurst, eines Clowns« (ich fuhr auf oder eigentlich, ich war bei jedem Worte im Begriff, aufzufahren) »das Bild eines verkleideten Menschen – und in einer berühmten Verkleidung« (ich war gerührt) – »ein ausgezeichneter Fetisch sein, ein ausgezeichneter Fetisch! Sie sind es, Lady Maud hat nicht gelogen. Vortrefflich. Adieu, Monsieur.«

Und – ich erfinde nichts, ich erfinde nie etwas – Lord Hartson, der furchtbare Lord Hartson, drehte sich um seine Achse wie ein Automat und ging hinaus, während ich verblüfft, betäubt, vernichtet zurückblieb, weder meinen Augen noch meinen Ohren trauend.

Einen Augenblick hatte ich den Gedanken, ihm nachzueilen, ihn zurückzurufen und von ihm vor dem ganzen Hotel Rechenschaft zu fordern über die Ausdrücke »Clown« und »Hensuurst«. Aber wieder beherrschte ich mich. Man muß auf der Bühne Herr seines Spieles sein, im Leben Herr seiner Aufwallungen. Und dann, war denn die Beleidigung wirklich eine Beleidigung? Die Hanswurste und Clowns haben auch Künstlerseelen. Sie sind unsre Brüder. Unsre unsteten Brüder. Es gibt Jahrmarktskünstler, die ich höher achte als manche beklatschte Mittelmäßigkeit.

Und dann war das so erstaunlich, unerwartet, unglaublich, diese Erscheinung des Tigertöters, der sich entzückt entfernte, weil er seinen Fetisch gefunden und mit sich fortgenommen hatte!

Das Spiel, Monsieur, ach, das Spiel! Es macht den Menschen ebenso toll wie die Liebe! Ich habe übrigens gehört, daß Lord Hartson eines Winters in Monte Carlo die Bank gesprengt hat!

Er war sogar sprichwörtlich geworden: »Der lange Engländer, der immer gewinnt.«

In diesem Winter traf Lady Maud in Angers mit mir zusammen. Sie verbrachte die Saison auf einem Schlosse an den Ufern der Loire, wo sie ihre Memoiren für eine amerikanische Revue schrieb: » My first love.« Nicht ihr elfter Tiger, nein – ihre erste » love«! – Vielleicht hat sie mittlerweile schon ihre elfte Liebe beschrieben. Ich weiß nichts davon. Ich habe sie nie wiedergesehen. Ihre Dichtungen waren mir übrigens langweilig.

In Angers sagte ich zu ihr: »Sehen Sie, einmal mag das ja hingehen. Sie haben mein Bild in Ihrem Malkasten herumliegen lassen, und ich mache Ihnen keinen Vorwurf daraus. Aber die Sache hätte auch übel ausgehen können. Das Spiel lasse ich mir ja gefallen; aber wir haben auch die Jagd – die Jagd! Fetisch – einverstanden! Fetisch mag noch hingehen! Aber Zielscheibe! Zielscheibe, meine Teuerste! Stellen Sie sich das vor: Zielscheibe! Die Bank sprengen – vortrefflich! Aber Schädel zerschmettern – diese Perspektive ist viel weniger verführerisch!«

Ich muß gestehen, daß mich Lady Maud damals mit einer Miene betrachtete, auf welcher die Sanftmut der »Ästhetin« von einer Ironie verdrängt wurde, die so beißend war wie die Eckzähne ihres Gatten.

Sie erwiderte: »Staub! Irdischer Staub!«

Ich fühlte, daß sie, die Symbolistin, diese Worte in einem symbolischen Sinne gebrauchte, der nicht eben schmeichelhaft für mich war. Was lag daran? Farewell! Adieu! Fahr hin! Und in bezug auf Tiger zog ich auf alle Fälle die vor, die ich fortfuhr, in den »Räubern der Savanne« zu töten.

Ich habe es oft bedauert, daß ich die Liebe einer Künstlerin wie meine Direktorin, Frau Lestaffier, um dieses galanten Abenteuers mit einer großen Dame willen verloren habe. Aber ich habe dabei das gewonnen, daß ich nie wieder eine Photographie von mir hergab. Nie wieder, nie wieder! Ja: den Gemeinderäten! »In Erinnerung an eine glorreiche Aufnahme.« Aber das ist die offizielle Photographie. Sie hat noch nie irgend jemandes Tod verursacht.

Eines Tages, wenn der Fetisch seine Macht verloren hat, wird sich Lord Hartson vielleicht in einem Hotel des Littorales eine Kugel durch den Kopf jagen, und der Polizeikommissar und die Zeitungsberichterstatter werden ohne Zweifel sehr erstaunt sein, in seiner Brieftasche meine Photographie auf seinem Herzen zu finden!

Fetisch für ihn, warum bin ich, ach, nicht glückbringend für mich selbst gewesen!

*

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