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Brichanteau, der Mime

Jules Claretie: Brichanteau, der Mime - Kapitel 2
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authorJules Claretie
titleBrichanteau, der Mime
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
yearo.J.
printrun
translatorLeopold Rosenzweig
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180103
projectid3dee22c9
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1. Modell

Vor der Gipsstatue »Römischer Soldat unter dem gallischen Joch gedemütigt« stand Brichanteau, die Hände in den Taschen, den Hut auf dem Ohre, und betrachtete mit Kennermiene, mit nachsichtigem, fast gerührtem Ausdrucke die Figur, in welcher ich, indem ich von ihr auf den Schauspieler und wieder zurück blickte, eine entfernte Ähnlichkeit mit Sébastien Brichanteau, erstem Heldendarsteller verschiedener Theater Frankreichs und des Auslandes, entdeckte.

Wir befanden uns in einem jener abgelegenen Winkel des Skulpturensaales im »Salon«, nächst irgendeiner Küche oder einer Rumpelkammer, wohin niemals ein Besucher kommt und wo die ausgestellten Kunstwerke in trauriger Verlassenheit hindämmern. Die lächelnden Statuen haben hier einen melancholischen Ausdruck, die betrübten Figuren nehmen ein noch düstereres Gepräge an. Der besiegte Römer mit der auf den Sockel geklebten Nummer – 3773 – und dem Rinderjoche über seinem Nacken senkte das Haupt in noch bittererer Weise in dieser Einsamkeit, wo vielleicht einzig Brichanteau und ich ihn seit dem Firnistage gestört hatten. Im übrigen eine kräftige, männliche Gestalt mit tiefschmerzlichem Ausdruck und einem vielleicht etwas theatralischen, aber doch eindrucksvollen Stirnrunzeln, krümmte der Römer voll Zorn seine breiten Schultern, und die Muskeln der Arme schienen sich zu spannen, wie um die Stricke zu zerreißen, die erbarmungslos in seine Handgelenke schnitten.

»Er ähnelt Ihnen, dieser Römer, Herr Brichanteau!« sagte ich zu dem Schauspieler.

Der erste Heldendarsteller grüßte mit achtungsvoller und feierlicher Gebärde, wie Ruy Blas, der der Königin von Spanien den Brief des Königs überbringt; dann sagte er mit seiner gewöhnlichen Emphase, die diesmal durch eine unterdrückte Bewegung gedämpft war:

Daran ist nichts Wunderbares, Monsieur. Denn für diesen Krieger, diesen Besiegten, habe ich Modell gestanden! Jawohl, ich! Ich bin manchmal Modell in meinen Mußestunden! Ich bin der Ansicht, daß ich nicht das Recht habe, mich zu weigern, jene körperlichen Gaben, mit denen die Natur mich – ich darf es sagen – freigebig ausgestattet hat, in den Dienst der Kunst zu stellen. Die Kunst ist nur eine: meine Geisteskräfte sind der Wiedergabe dichterischer Schöpfungen gewidmet; meine Gestalt soll gerne den Schöpfungen der Maler und Bildhauer zum Vorwurf dienen. Ich würde Verrat an Victor Hugo üben, wenn ich nicht meine seelische Kapazität für ihn aufwendete, und an der zeitgenössischen bildenden Kunst, wenn ich mit meinen Körpervorzügen geizte. Sie werden mir das ohne weiteres nachfühlen.

Ich habe also für ihn Modell gestanden, für diesen Römer. Dieser Römer, der den Schmerz eines ganzen Landes verkörpert, der bin ich, ich ganz und gar! Monsieur, Sie mögen es mir glauben oder nicht, aber ich hatte den Ehrgeiz, in meine Pose die Seele eines ganzen Volkes zu legen. Ich sagte zu Montescure – das ist der Name des Bildhauers, er steht hier unter meinem linken Fuße – ich sagte zu ihm: »Montescure, betrachten Sie wohl den schmerzlichen Zug um meine Lippen. Liegt darin nicht die ganze Bitterkeit der Niederlage? Wenn sie nicht darin liegt, werde ich sie hineinlegen.« Ich leugne es nicht, Monsieur, ich bin Patriot. Es klingt vielleicht lächerlich, aber im Jahre 1870 habe ich das Meinige getan, um der Umschlingung der Fremdlinge zu entgehen. Es hat nur am Zufall – der das Schicksal der Völker bestimmt – gelegen, daß ich den Lauf der Weltgeschichte geändert hätte, und ich bewahre von dieser Zeit Erinnerungen, die ich schmerzlich-ruhmreich oder ruhmreich-schmerzlich nennen möchte, wie Sie wollen. Kurz, alles dies wollte ich in den schmerzlichen Zug um meine Lippen hineinlegen. Ich wiederholte: »Liegt es darin?« Montescure antwortete hustend: »Es liegt darin, Brichanteau. Überanstrengen Sie sich nicht, es würde zur Grimasse werden.« Es war keine Gefahr, daß ich mich überanstrengte. Es gab lange Unterbrechungen in den Sitzungen. Der arme Junge! Er wurde manchmal von solchen Hustenanfällen ergriffen, daß er sich niedersetzte und sich auf dem Sessel krümmte. Dann erhob ich mich, brachte ihm ein Glas Wasser oder machte ihm Tee; und, wie Sie begreifen werden, wenn ich meine Pose wieder annahm, dann hatte der schmerzliche Zug nichts Gemachtes mehr an sich, und ich fand ihn, ohne erst lange nach dem bitteren Gefühl der Niederlage suchen zu müssen ,...

Auch Montescure legte auf diesen bitteren Ausdruck Wert. Es war die Idee seiner Figur. Er hielt nichts von einem Kunstwerk ohne Idee. Ich gehe von demselben Prinzip aus. Er wollte die ganze ohnmächtige Wut des Besiegten ausdrücken, ganz ebenso wie ich, wenn ich zu Heinrich III. sage: »Ich trotze Ihnen, Sire, obgleich ich entwaffnet und schäumend unter Ihrer eisernen Ferse liege!« Er war ein edler Mensch, dieser Montescure. Ein tapferes Herz! Und ein Talent! Ach, ein Talent! Sie brauchen nur das hier anzusehen. Ich hielt es für sehr schwer, die ganze stumme Beredsamkeit meiner Pose wiederzugeben; aber Sie sehen, er hat sie wiedergegeben!

Wie ich Montescure kennen lernte? Oh, das ist eine ganze Geschichte. Setzen wir uns hierher, ich will Sie Ihnen erzählen. Der arme Montescure! Auf diesem Sofa hier habe ich seit Eröffnung der Ausstellung schon viele Leute sitzen sehen. Keiner betrachtet den »besiegten Römer« des unglücklichen Montescure! Die große Kunst findet heute keinen Anklang. Und Gott weiß, welche Hoffnungen Montescure auf dieses Werk setzte! Einen Auftrag, eine Medaille, einen Platz im Luxembourg, im Museum oder im Garten. Ach, sein Geist eilte, eilte immer weiter, geriet in Feuer. Überdies hatte er immer Fieber. Ich sah ihm beim Arbeiten zu und konnte mich nicht enthalten, ihm zu sagen: »Mein lieber junger Freund, nehmen Sie sich in acht. Die Klinge nützt die Scheide ab, so wie die Zeit den Schmerz abnutzt!« Und er erwiderte: »Ah bah, karren wir weiter!«

Er war ein Kind des Südens, aber nicht kräftig und stämmig wie seine Landsleute, nein, ein Halb-Toulousaner, schwächlich wie irgendein Pariser Pflänzchen, dabei aber sehr tapfer und sehr arm. Er war zuerst Musiker im Théâtre du Capitole in Toulouse gewesen; dann kam er nach Paris, und im Atelier blies er das Waldhorn, wenn er nicht Ton knetete. Er hat mir das oft erzählt. Das Waldhorn blasen! Ein komischer Beruf, werden Sie sagen. Monsieur, alle Berufe sind ehrenhaft, wenn sie die Kunst zum Ziele haben. Es gibt Leute, die eine Leidenschaft für das Waldhorn haben. Im Konservatorium ist ein Professor alt geworden und hat nie in seinem Leben andres getan als Waldhorn geblasen und gelehrt, Waldhorn zu blasen. Man hat weniger heldenhaften Menschen Statuen errichtet. Nun denn, Montescure hatte, ehe er in das Atelier Chavanat eintrat, die Schule dieses Helden absolviert und hat sie mit einem ersten Preis verlassen. Erster Preis im Waldhorn! Dieser Triumph brachte ihm übrigens nicht viel ein. Er konnte auf seine Karte setzen: »Laureatus des Konservatoriums« und sich als Waldhornbläser in Schenken und zu Hochzeiten anbieten. Die Künstler haben Leiden zu erdulden, Monsieur, von denen der gewöhnliche Mensch nichts ahnt.

Das Waldhorn war für Montescure übrigens nur ein Mittel zum Leben; sein Lebenszweck war die Bildhauerei; seinen Namen in Marmor oder Bronze oder selbst auch nur in Terrakotta zu verewigen, ich gestehe, Monsieur, daß dieser Ehrgeiz edel ist und würdig eines stolzen Herzens. Montescure hatte sich gesagt, daß das Horn ihm seinen Lebensunterhalt gewähren würde. Und während er des Tages modellierte, spielte er am Abend im Orchester des Theaters in Montmartre, wo die Ungunst der Zeit mich selbst gezwungen hatte, Engagement zu nehmen, ja, mich, Brichanteau.

Ein flüchtiges Engagement übrigens nur, welches nicht ganz ohne Nutzen für mein Talent war. Ich habe da angesichts eines ganz eigenartigen und häufig spärlichen Auditoriums dem Volke der Pariser Bannmeile an den künstlerischen Puls gefühlt. Monsieur, dieses Volk liebt noch das Drama. Wenn ich in »Marceau« auftrat, lief, wie ich deutlich fühlte, ein patriotischer Schauer durch diese plebejischen und doch enthusiastischen Bänke. Eines Sonntags habe ich den Bitten einer jungen, vielversprechenden Künstlerin, deren künstlerischer Ernst mich mehr noch als ihre, obgleich seltene Schönheit rührte, nachgegeben und mich herbeigelassen, den »Ruy Blas« ohne Probe zu spielen. Monsieur, man hat mich beinahe im Triumph davongetragen, und der Direktor des Theaters von Nantes, der eigens gekommen war, um Fräulein Pascali zu hören – sie hieß Pascali, Léa Pascali –, sagte mir nach der Vorstellung: »Ich bin gekommen, um Fräulein Léa zu hören, denn ich bedarf einer jungen Tragödin; aber Sie haben mich ergriffen, Sie allein! Ich bedaure lebhaft, daß Sie keine junge Tragödin sind.« Dieses Kompliment, obgleich sehr originell, war mir schmeichelhaft. Es mißfiel Fräulein Léa, wie ich sagen muß, und war die Ursache eines Bruches, den ich übrigens selbst herbeigeführt hätte, denn ich fühlte, daß dieses Mädchen in mir einen Platz einnahm, den lediglich die Kunst ausfüllen durfte. Aber lassen wir das.

Ich spielte also im Theater in Montmartre. Und wenn ich unter dem Tremolo des Orchesters auf der Bühne erschien, fiel mir oft ein eigentümlicher, zugleich klagender und männlicher Ton auf, der mein Auftreten begleitete – der Ton des Horns, melancholisch und kraftvoll zugleich ,...

»Oh, wie so traurig klingt das Horn vom Walde her!«

Vom Orchester her auch.

Unwillkürlich sah ich also hin – obgleich ich die Musik nicht leiden mag, diese reine Gefühlskunst, die so tief unter der Poesie steht, die auf dem Gedanken beruht. Ich sah also auf den jungen Mann hin, der im Orchester das Horn spielte. Ein ganz junger Mann, blaß, mager, leidend aussehend, dessen hohle Wangen rot wurden, wenn er mit seiner kranken Lunge in sein Instrument blies; oft hörte ich ihn husten und husten, und eines Abends, während der Szene in » La Tour de Nesle«, wo ich zu Margarete von Burgund sage: »Königin, wo sind deine Garden? Wenn ein Mann und ein Weib einander allein gegenüberstehen, so soll der Mann befehlen und das Weib erzittern, dann ist der Mann der König!« – gerade in diesem Augenblick wird der junge Musiker unten von einem Anfall erfaßt, einem Anfall – oh, welch ein Anfall! Lärm, Geschrei, Protestrufe. »Hinaus! Ruhig! Gebt ihm Hustenzucker! Holt einen Apotheker!« ,... Ich hielt mittlerweile noch immer die angstvoll zitternde Margarete von Burgund unter der männlichen zweifachen Drohung meines Blickes und meiner Gebärde, und der Husten des armen Jungen dauerte in jammervoller Weise fort, als plötzlich von der Höhe der letzten Galerie ein Ruf den Unglücklichen mitten in die Brust traf wie ein geschleuderter Dolch: »Pack dich hinaus, du hustender Kadaver!«

Monsieur, die spontane Huldigung der Menge bewegt mich ebenso lebhaft, als ihre Grausamkeit mir furchtbar ist. Auf den Ruf dieses Chamfort des Paradieses Der französische Schriftsteller Sébastien Chamfort war bekannt und gefürchtet wegen seines beißenden Spottes. – Unter »Paradies« versteht man bekanntlich die oberste Galerie eines Theaters. Anm. d. Übers. – wenn ich mich so ausdrücken darf – erfolgte ein solcher Ausbruch von Gelächter, daß ich bis in die tiefste Seele von Mitleid erfüllt und auch erzürnt war, ja, um so mehr erzürnt, als Frau Nathan, die die Margarete von Burgund spielte, und die übrigens eine jener Frauen war, die in der Bühne weniger einen Tempel als ein Piedestal für ihre Schönheit sehen – als Frau Nathan in Lachen ausbrach, jawohl, sie, Margarete, Königin von Frankreich, die wie zerschmettert und vernichtet unter meinem Blick hätte verharren sollen.

Es war eine peinliche Episode, Monsieur, in meiner langen künstlerischen Laufbahn. Der unglückliche Musiker – es war Montescure – sprang unter diesem Peitschenhieb eines brutalen Volkspossenreißers von seinem Platz auf, durcheilte das Orchester, und indem er den Kontrabassisten beinahe umwarf und der ersten und übrigens einzigen Violine einen ungewollten Stotz mit dem Ellbogen versetzte, verschwand er durch das Türchen der Musiker, wie Mordaunt vor dem Degen D'Artagnans sich in die Mauer flüchtet. Aber so rasch auch seine Flucht gewesen war, so hatte mein Auge, das gewohnt ist, in die letzten Tiefen eines – vollen oder leeren – Hauses zu dringen, doch Zeit gehabt, auf seinem abgemagerten Gesicht jenen Ausdruck der Verzweiflung zu erhaschen, auf dessen Wiedergabe die Kunst manchmal verzichten muß; und im Augenblicke des Verschwindens hatte ich gesehen, daß er sein Taschentuch rasch an die Augen und dann an die Lippen drückte und daß das Linnen sich alsbald mit einem roten Flecken färbte, der – muß ich es Ihnen sagen? – Blut war!

Hustender Kadaver! Das Scherzwort tönte mir grausam in den Ohren, während ich die Szene zu Ende spielte, und die Seele Buridans war einige Minuten lang sehr entfernt von Margarete von Burgund. Ich dachte an den Musiker, und die Zauberkraft der Kunst konnte mich nicht ganz von der traurigen Realität losreißen: ein blutbeflecktes Taschentuch, wie jenes, welches Andre Roswein – eine meiner wirkungsvollen Rollen – Delila darreicht. Ich konnte mir vorstellen, wie düster, wie traurig diese Realität war ,... Als mein Akt zu Ende war und ich wieder zu meiner Garderobe hinaufstieg, begegnete ich auf der Treppe, stieß fast an ihn, dem jungen Musiker, der mich, das gerötete Taschentuch noch an den Lippen, erwartete. Er schien furchtsam und zitternd.

»Ach, Herr Brichanteau, ich bin verzweifelt, verzweifelt! Mein Gott, wie verzweifelt bin ich!«

»Warum denn, mein junger Freund?«

»Über diesen Husten ,... den Skandal ,... meine Flucht.«

Ich fühlte innerlich Mitleid mit dieser Furchtsamkeit, die gleich einer unbewußten Huldigung war.

»Mein junger Freund,« sagte ich tröstend zu ihm, »beruhigen Sie sich! Ich habe schon ganz andre Dinge erlebt. Ich habe oft den Stürmen des Publikums die Stirn geboten, und die Kabale hat mich mehr als einmal mit faulen Äpfeln bombardiert, jenen vegetabilischen Geschossen, denen die Soldaten der Kunst die Stirn bieten. Eine Unterbrechung mehr oder weniger verschlägt mir nichts. Um so weniger, als ich trotz alledem meinen Hervorruf bekommen habe, wie Sie gesehen haben. Ach ja, Sie haben es nicht gesehen, Sie waren hinausgegangen. Und zwar einen warmen Hervorruf, einen sehr warmen Hervorruf.«

Er lehnte sich gegen die Wand, blaß und tieftraurig. Ich lud ihn ein, in meine Garderobe zu treten. Und dies mit um so lebhafterer Dringlichkeit, als wir im Luftzuge standen, und als ich meine, wie Sie hören, sehr kräftige, aber dabei auch sehr empfindliche Stimme vor Schnupfen bewahren muß. Drinnen bat ich ihn, Platz zu nehmen, und hier erzählte er mir, seinen Filzhut in den Händen drehend, seine Geschichte, die ich Ihnen eben skizziert habe, sein Verlassen von Garigat-sur-Garonne bei Toulouse, sein zweifaches Talent für die Musik und die bildende Kunst oder eigentlich seinen Wunsch, den Traum seines Herzens, Bildhauer zu werden, zu verwirklichen, indem er sich durch das Blasen des Hornes (welches für unser Orchester zum Flügelhorn geworden war) sein tägliches Brot erwarb. Und während er sprach, betrachtete er mich so unverwandt, daß ich mich gegen den Spiegel drehte, um zu sehen, ob meine Maske vielleicht schlecht sei. Nicht im entferntesten! Ich war ausgezeichnet geschminkt! Er betrachtete mich nur so, weil ich so ausgezeichnet geschminkt war.

»Sie finden, daß ich meinen Buridan gut erfaßt habe, nicht wahr?« sagte ich. »Ich sehe ihm ähnlich, wie?«

Ich verstand darunter, daß ich dem Ideal ähnele, welches das Volk sich von diesem Manne gebildet hat. Sie wissen wohl, ich bin für das Ideal, nur für das Ideal!

Er antwortete: »Ich finde, Herr Brichanteau, daß Sie ein Römergesicht haben.«

Buridan war ein Burgunder, ich hatte ein Römergesicht. Das tat nichts. Es ist wahr, ich habe ein Römergesicht. Als ich in Montpellier tragierte, sagte mir der Präfekt eines Abends: »Herr Brichanteau, Sie ähneln einer Medaille!« Montescure, der kleine Musiker, war der gleichen Ansicht wie der Präfekt. Ich hatte ein Römergesicht und, was mehr war, ich hatte das Gesicht eines gewissen Römers, den er suchte, wie wir unsre Typen suchen. Alle Künste sind Schwestern.

»Ach, Herr Brichanteau,« sagte er, »wenn ich für mein Werk ein Modell hätte wie Sie!«

»Ein Modell?«

Er hatte da ein Wort gesagt, welches einen Widerhall in meinem Herzen hervorrief. Ich war noch sehr jung, als Ingres, der große Ingres, mich auserwählte, um ihm als Modell für eine der Gestalten seines berühmten Heiligen Simphorian zu dienen. Auch er, Ingres, fand, daß ich einen antiken Kopf hatte. Er nannte mich den jungen Talma, Talma II.! Daher habe ich mich mehr als einmal im Laufe meines Lebens bereit gefunden, meine physischen Gaben dazu zu verwenden, meinen geistigen Gaben Nahrung zu verschaffen. Ich habe Delaroche, Léon Cogniet gekannt. Mein Profil hängt in drei Reproduktionen im Museum zu Versailles: als Kreuzfahrer, als Edelmann aus der Zeit Franz I. und als freiwilliger Soldat. Sie werden mich mit und ohne Schnurrbart erkennen. Aber seit Jahren hatte ich nicht Modell gestanden. Ich gehörte ganz dem Theater, einzig dem Theater, mit allen seinen Zufällen und Widrigkeiten.

Indessen vertraute mir der arme Montescure seine Pläne an. Er hatte die Idee zu einer Statue gefaßt, die er für gut hielt. Er hatte die Skizze Falguière gezeigt, der sie lobte. Er wollte, wie ich Ihnen sagte, in einem »Römer unter dem Joche« die ganze Bitterkeit der Niederlage verbildlichen – mein Gedanke, mein eigenster Gedanke, ich wiederhole es!

Aber er hatte kein Geld, um ein Modell zu bezahlen, nicht einen Sou, um die Statue auszuführen.

»Nun denn,« sagte ich zu Montescure, »ich werde ihn Ihnen posieren, Ihren Römer! Ich werde mein Dasein in zwei Hälften teilen gleich Ihnen: eine der dramatischen, eine der bildenden Kunst. Wann soll ich in Ihr Atelier kommen?«

»Ach, es sah hübsch aus, sein Atelier! Der arme Teufel! Eine Art Hühnerstall aus Brettern, ganz hinten in einem Garten jenseits der Butte Montmartre. Eine elende Hüfte, wo der Bedauernswerte, ein Schwindsüchtiger im letzten Stadium, mit so großen Kavernen in der Lunge, beim Arbeiten von der Kälte steife Finger bekommen mußte. Das Licht fiel oben durch ein großes Fenster herein, in welchem einzelne zerbrochene Scheiben durch vorgeklebtes Zeitungspapier ersetzt waren. Aber in dieser Baracke befanden sich Stücke, Skizzen, Modelle, die Meisterwerke waren. Vortreffliche Werke, wenn Sie den Ausdruck Meisterwerke zu stark finden; kühn hingeworfene Sachen von schöner Bewegung und origineller Auffassung. Und vor allem stand da der Römer, die künftige Nummer 3773, noch ganz roh gearbeitet, aber in gelungener Stellung, gebeugt wie ein Stier und den Kopf zur Seite gewendet, die Stirn drohend wie die eines Kampfstieres in der Arena.

Bei Gott, als ich diesen armen, bleichen, schwächlichen Menschen an dieser mächtigen Gestalt hantieren sah, da begeisterte ich mich für das Werk. Ich sagte mir: »Er soll sie vollenden, seine Statue; ich werde ihn inspirieren, diesen Musiker, der den Ton zum Bildwerk knetet, ich werde sein Mitarbeiter, ich werde sein Modell sein!« Und ich hielt Wort. Zwischen zwei Proben ging ich ins Atelier – das Atelier, welche Ironie! – und wenn ich an einem Abend Hernani oder Monteclain in » La closerie des Genêts« gewesen war, so wurde ich am nächsten Tage der Römer Montescures, der gebeugte Römer, wie der des Malers Eleyre, der besiegte, aber drohende Römer, wie ich es 1871 im Gefängnis zu Versailles gewesen war, als ich um ein kleines den König von Preußen entführt oder zum Gefangenen gemacht hätte ,... Ich erzähle Ihnen das einmal ,... Um Montescures willen demütigte ich mich vor dem Direktor des Odeon, einem gewesenen Kollegen, um einen Harnisch und Teile des Kostüms des Horatius geliehen zu bekommen. Ich erhielt diese Requisiten, und ich, der ich tragische Rollen auf der Bühne der Comédie Française hätte spielen können und vielleicht sollen, ich, der Talma II. des großen Ingres, ich posierte einen besiegten Zenturio in dem eisigen Atelier eines armen, kleinen, unbekannten Bildhauers jenseits der Butte Montmartre! ,... Im übrigen ein wunderbares Symbol: das kaudinische Joch, das Sinnbild meines Lebens, das kaudinische Joch, das mich wohl beugen, aber nicht verkleinern konnte!

Und der arme Montescure war närrisch vor Freude, seit er sein Modell erlangt hatte. Und er arbeitete, er arbeitete, der arme Junge! ,...

»Ruinieren Sie sich nicht, Montescure,« sagte ich ihm. »Nicht so fieberhaft! Beherrschen Sie Ihr Werk. Das Paradoxon Diderots ist falsch; der Künstler soll sein ganzes Herz, sein ganzes Wesen in seine Arbeit legen, aber nur bis zu einem gewissen Grade. Er soll sein Genie dem Jahrhundert ins Gesicht schleudern, aber nicht seine Lunge. Arbeiten Sie sich nicht zu Tode, Montescure!«

Ich hatte leicht reden. Aber er, der Inspirierte, hatte Eile, sein Werk zu vollenden. Er fühlte, wie das Leben ihm entschlüpfte wie zu weicher Ton seinen abgemagerten Fingern. Häufig sagte er zu mir:

»Wenn ich nur den Salon noch erleben könnte!«

»Sind Sie verrückt?« versetzte ich. »Sie werden mich noch begraben, Montescure, und ich habe doch Muskeln! Und wollen Sie mir eine Freude machen? Machen Sie eine Büste von mir, die man auf mein Grab stellen soll, mit der Inschrift: ›Sébastien Brichanteau, französischer Schauspieler.‹«

Er lachte, und ich fuhr fort:

»Ich möchte durch einen großen Bildhauer verewigt werden, wie Talma durch David d'Angers. Ich werde es durch Sie werden.«

Und er war glücklich, so glücklich, aufgehellt wie eine Lampe, tapfer, fast kräftig, der arme Montescure. Ich flößte ihm Vertrauen zu sich selber ein.

Ach, dieser Winter, dieser lange Winter war kein fröhlicher für den Schöpfer des »Römers unter dem kaudinischen Joch«! Montescure arbeitete in seinem Eiskeller wie ein belgischer Kohlenarbeiter in seiner Mine, und der Schweiß bedeckte oft seine schwächlichen Glieder, seine Stirn, seine Schläfen, in deren Höhlungen ich hätte drei Finger legen können. Und dazu kam dieses Spielen im Theater, das seine Lunge verzehrte, das ihn tötete! Ich zerbrach mir den Kopf, um Mittel zu finden, ihm zu ersparen, im Orchester zu spielen und dann in der Nacht allein nach Hause zu gehen im Schnee, im Nebel, ganz zu schweigen von dem Gesindel, das sich auf der Butte herumtreibt! Ich brachte ihn oft an meinem Arm nach Hause und kehrte dann allein in meine Wohnung zurück, indem ich Verse rezitierte. Meine Kraft hatte eine Zuneigung zu dieser Schwäche gefaßt.

Ich war nicht bloß sein Modell – und oft habe ich mich in diesem schrecklichen Atelier der Gefahr eines Schnupfens oder einer Influenza ausgesetzt –, ich war auch sein Ratgeber. Hatte er sich nicht in unsre Naive verliebt, der arme Montescure? Er sah sie so, wie sie an der Rampe erschien, blond, rosig, sanft, und er sprach von nichts Geringerem, als sie zu heiraten, wenn sie einwilligte.

»Mein Sohn,« sagte ich zu ihm, »der Künstler ist verloren, der sich an die Röcke einer Schauspielerin hängt. Ich kenne sie, die Weiber! Sie sind große Verführerinnen; aber haben Sie ihr Lächeln beobachtet, ihren Tonfall studiert? Komödie, alles Komödie! Ein Künstler braucht eine ergebene Gefährtin und, lassen Sie sich sagen, eine hausbackene Frau, der er Flügel verleiht!«

Montescure antwortete nicht. Dann seufzte er und sagte:

»Trotzdem ist Fräulein Martinet sehr hübsch. Ich werde eine Statuette: ›Palmsonntag‹ nach ihr machen.«

»Oh, Palmsonntage so viel Sie wollen. Wenn sie Sie inspiriert, um so besser. Aber sie heiraten ,...«

Er nickte und seufzte, spottete über seine Hoffnungen. Palmsonntag! Würde er, ehe er an ein neues Werk denken konnte, auch nur Zeit finden, seinen Römer zu vollenden, dem ich so oft einen steifen Hals zu verdanken hatte? Denn, wie ich Ihnen nicht erst zu sagen brauche, ich posierte mit ganzer Seele, wie ich spiele. Ob Modell, ob Schauspieler, ich bin stets mit der gleichen Hingebung bei der Sache.

Und der Römer schritt langsam, sehr langsam vor; es fehlte dem armen jungen Menschen an Kraft, denn die Bildhauerei ist eine Athletenkunst. Ich brachte ihn dazu, daß er den Platz im Orchester der Theaters aufgab. Er konnte sich nun früher schlafen legen und verwirrte sich nicht mehr den Kopf damit, daß er wie von den Stufen eines Altars zu den blonden Haaren der Martinet, unsrer Naiven, aufsah, die sich hinter den Kulissen über ihn lustig machte und sagte, er spiele Melodien, in denen sein Flügelhorn mit ihr liebäugle! Ich hatte ihm versichert, daß der Direktor ihm seinen Platz bewahren und daß kein andrer Musiker an seiner Statt angestellt würde. Er ließ sich überreden.

»Aber wie soll ich leben, Brichanteau?«

»Leben Sie denn nicht?«

»Wie soll ich Ihnen unsre Sitzungen bezahlen?«

»Sind Sie verrückt? Sind wir nicht übereingekommen, daß von diesen Dingen zwischen uns nie die Rede sein soll?«

»Aber der Ofen – er frißt die Kohle, der Ofen!«

»Nun gut, so wird er sie fressen. Die Kohle kostet ja nichts. Man hat schon wieder neue Kohlenminen entdeckt. Der Koks ist im Überfluß vorhanden; man kriegt ihn schon geschenkt.«

Man kriegte ihn nicht geschenkt, aber es kostete kein Vermögen. Ich hatte daran gedacht, im Theater eine Subskription zu eröffnen, irgendeine Skizze Montescures in einer Tombola auszuspielen: »Tombola zu Gunsten eines interessanten Künstlers.« Aber Montescure war eine vornehme Seele, eine Mimose. Er hätte sich verletzt fühlen können. Ich verzichtete auf dieses Hilfsmittel, das wir häufig unter uns anwenden und das schon viel Elend lindern geholfen hat. Es blieb noch die außerordentliche Vorstellung: »Matinee zugunsten eines Ungenannten.«

Ich hätte gern bei dieser Gelegenheit wieder einmal den Tyrrel in den »Kindern Eduards« gespielt. Tyrrel, einer meiner Triumphe! Aber die Saison war schlecht. Wenn wir nun nicht einmal die Spesen einbrächten! Alles ist möglich. Überdies hätte es vielleicht die Schicklichkeit erfordert, Montescure um seine Einwilligung zu fragen, und Montescure hätte sie verweigert, selbst wenn sein Name ungenannt bleiben sollte.

Du lieber Gott, was hätte ich tun sollen? Ich nahm eben alles auf mich, das heißt, ich brachte selbst in einem Korb oder in meinen Taschen den Koks, der zum Heizen des armseligen Ateliers diente. Ich kam oft auch mit verschiedenen Nahrungsmitteln, die ich, wie ich sagte, aus dem Süden von ungenannten – immer die Ungenannten – Bewunderern erhalten hatte. Ich sagte nicht Bewundererinnen, um nicht das Bild der Martinet in seiner Erinnerung heraufzubeschwören. Ich hatte an solchen Tagen immer schon vorher gegessen, einiges Wenige in Gemeinschaft mit Montescure und ließ ihm das übrige, indem ich sagte: »So, ich habe keinen Hunger mehr.«

Es war eine Art wie eine andre, um seinen Speiseschrank zu versorgen. Um das tun zu können, suchte ich Nebenverdienste, gab ich einem jungen moldauischen Fürsten Lektionen, der zum Steinerweichen stotterte, sich für das Konservatorium vorbereitete und fand, daß ich das klassische Repertoire besser beherrschte, als man es im Faubourg Poissonnière beherrscht. Worin er allerdings recht hatte.

Kurz, ich war während dieses Winters für meinen Bildhauer, was – wie hieb er nur? – jener Neger für den portugiesischen Dichter war. Als Camoëns in seinen letzten Lebensjahren in Not geriet, soll sein javanischer Diener Antonio in den Straßen Lissabons für ihn gebettelt haben. Anm. d. Übers. Auch ich hätte, bei meinem Worte! für diesen neuen Camoëns, diesen Camoëns der Bildhauerei, gebettelt. Um so mehr, als die Bettler oft eine edle Haltung haben. Sehen Sie nur Callots Bilder an. Wenn ich unter den Lumpen eines Don Cäsar de Bazan für Montescure das Mitleid der Vorübergehenden angerufen hätte, so hätte sich mein Beutel mit Goldkarolinen gefüllt.

Ich hatte keine Goldkarolinen. Aber meine wenigen Sous genügten, um den kleinen Toulousaner am Leben zu erhalten, dessen Husten mir weh tat. Und die Tage vergingen, und die Statue näherte sich ihrer Vollendung. Er lebte, der Römer, er wurde ingrimmig, gewaltig! Ich fuhr fort, die ganze Bitterkeit der Niederlage auszudrücken, und Montescure strebte in fieberhaftem Bemühen, sie wiederzugeben. Und sie ist darin! Sehen Sie nur hin, sie ist darin, die Bitterkeit! – Und die Knospen zeigten sich an den Bäumen. Es ward weniger kalt auf der Butte – es ward März, es ward April.

»Wohlan, wohlan,« sagte Montescure, »ich fühle nun, daß ich den Firnistag erleben werde!«

Er war fröhlich und glücklich. Er hustete fast nicht mehr.

Als das Tonmodell fertig war, brauchte er Geld für den Gips, für die Vorarbeiter. Ich glaube, ich verkaufte damals einige Kleider, auch ein oder zwei Bücher: »Polyeukt«, mit einer Widmung von Samson: »Dem jungen und schon großen Schüler Beauvallets«. Aber ich bedaure es nicht. Als die Gipsfigur vollendet war, so wie Sie sie hier sehen, fühlte ich mich reichlich für alles belohnt.

Und Montescure umarmte mich und sagte: »Oh, Brichanteau, wenn ich nun Erfolg haben sollte, so danke ich ihn Ihnen, mein teurer, aufopferungsvoller Freund!«

Er war mit seinen Kräften zu Ende, buchstäblich zu Ende, und an demselben Tage, da der »Römer unter dem kaudinischen Joch« das armselige Atelier aus der Butte verließ, um in den Champs-Elysées vor die Jury zu kommen, legte er sich zu Bette. Er brach erschöpft von der Anstrengung nieder, er konnte nicht mehr. Ich sehe ihn noch, wie er der Gipsfigur, die er vorher umarmt hatte, mit den Augen folgte, als sagte er sich: »Vielleicht sehe ich sie nicht wieder ,...« Ich sah aus sein bleiches, abgezehrtes Gesicht, seine tiefliegenden Augen, seine langen Haare, seinen spärlichen roten Bart. Er erschien mir wie ein ausgemergelter Heiliger, ein geisterhafter Asket. Dabei hatte er das Fieber; von Unruhe verzehrt, sagte er zwischen zwei Hustenanfällen mit heiserer Stimme zu mir:

»Wenn sie nur angenommen wird, meine Statue! Wenn sie nun zurückgewiesen würde, Brichanteau?«

»Wie wäre das möglich? Ein Meisterwerk!«

»Glauben Sie wirklich? Sie ist gut, finden Sie sie gut?«

»Sie ist mehr als gut, sie ist ergreifend, sie ist erschütternd! Sie ist so schön, als ob der alte Rüde sie gemacht hätte. Und wenn der Römer auch nicht nach mir geformt wäre, so würde ich ihn bewunderungswürdig finden.«

Das flößte ihm etwas Zuversicht ein, und er wurde ein wenig ruhiger in seinem Bett; denn er mußte liegen bleiben, er war vollkommen erschöpft. Er bezahlte jetzt für die Anstrengungen des Winters. Und in den Schubladen des Ärmsten nicht ein Sou für Medizin, für den Arzt! Der Arzt übrigens kostete nicht viel. Er war ein Stammgast des Theaters, und er dilettierte ein wenig in Literatur.

Er hatte mich eines Abends behandelt, als mich im »Buckligen« dieser ungeschickte Mensch von Dorbigny mit einem Degenstoß verwundet hatte, und wir blieben Freunde. Die Geschichte Montescures, die ich ihm erzählte, hatte ihn interessiert, und er brachte an das Lager des Kranken den Beistand der Wissenschaft, wie ich den der Kunst. Denn ich las und deklamierte Montescure die Dichter vor, um ihn zu beruhigen und selbst um ihn – ich gestehe es, ohne mich zu schämen – um ihn einzuschläfern.

Er war ein guter Arzt, mein Freund, aber er hatte keine Hoffnung auf Genesung Montescures.

»Der Mann ist abgetakelt, ausgepumpt. Er hat die Elendkrankheit und Ph, th, Das heißt Phthisie (Lungenschwindsucht). Das Wörterbuch der » Académie« setzt seit 1878 die Schreibart » Phtisie« fest. Hierauf bezieht sich der folgende Satz. Anm. d. Übers. wie unsre Altvordern sagten, ehe die neue Orthographie eingeführt war.«

Und das traurigste ist, Monsieur, daß der arme Junge sterben sollte, ohne zu wissen, ob der Römer, unser Römer, Erfolg haben würde, ohne selbst zu wissen, ob seine Statue angenommen war. Er schlief eines Morgens in meinen Armen ein, schwach wie ein Kind, und sein armer abgezehrter Kopf sank gegen diese meine Schulter. Er wiederholte nur: »Dank, Dank!« und seine Finger versuchten meine kräftigen Hände zu drücken. Ich hörte ihn auch ein Wort flüstern, das unser aller Fata Morgana ist: »Ruhm!«

Ach ja, der Ruhm! Die Schlauen haben das Gute davon, das heißt den Lärm und das Geld; die Naiven haben die Dornen.

Wir gingen unser sechs hinter dem Sarge Montescures: der Arzt, zwei Musiker aus dem Orchester, unser Regisseur und die Hausmeisterin des kleinen Hühnerstalls, wo der Bildhauer gestorben war.

Ich versuchte, Fräulein Martinet zu bewegen, mitzukommen. Sie hatte andres zu tun. Und dann sagte sie: »Kenne ich ihn denn überhaupt, Ihren Musiker?« Es hätte ihm doch Vergnügen gemacht, da drunten, dem armen Jungen. »Palmsonntag!« Einer seiner Träume. – Keine Verwandten. Er war in Paris versunken wie ein Kiesel, der ins Meer gefallen ist, der kleine Toulousaner. Als ich in seine Wohnung zurückkehrte, nachdem wir ihn in die Erde versenkt hatten – es war ein herrlicher Apriltag, ein Tag, der unser zu spotten schien –, fand die Hausmeisterin einen amtlich aussehenden Brief an Montescure vor. Es war die Verständigung, daß der »besiegte Römer« angenommen war! Man hat ihm hier einen ziemlich schlechten Platz gegeben, dem Römer, und am Firnistag hat ihn niemand bemerkt. Aber von jetzt an ,...

In diesem Augenblick unterbrach sich Brichanteau mit einem: »Entschuldigen Sie!«

Ein großer Kranz aus künstlichen Blumen, Veilchen, um den sich ein mit schwarzem Krepp umhülltes Band in den Nationalfarben schlang, wurde von einem Kommissionär, den ein Wächter begleitete, hereingebracht.

Und Sébastien Brichanteau sagte mit majestätischer, triumphierender Gebärde, den kräftigen Kopf mit der langen Haarmähne zurückwerfend:

»Dies hier wird wenigstens die Blicke der gedankenlosen Menge auf sich ziehen und ihnen sagen: ›Hier ist ein Meisterwerk und ein tragisches Schicksal. Seht her!‹«

Brichanteau hatte nach dem Tode des Künstlers nicht länger gezögert und im Theater eine Kollekte veranstaltet, aus deren Erlös er den Kranz angeschafft hatte, den er nun hier pietätvoll an dem Sockel der Nummer 3773 niederlegte.

Neugierige blieben stehen, während Brichanteau die Bänder und den Krepp ordnete. Es sammelte sich eine Gruppe.

»Armer Montescure!« sagte der Schauspieler kopfnickend; »er macht volle Häuser!«

Dann einige Schritte zurücktretend, um den Eindruck der Anordnung zu prüfen, wie ein Regisseur am Gedenktage eines Dichters von dessen lorbeerbekränzter Büste zurücktritt, sagte Brichanteau:

»Da gehört noch eine Palme her. Sie wird morgen hier sein!«

Und wieder an mich herantretend, sagte er leise:

»Mehr als das, es scheint, als habe der Tod Montescures im Ministerium der schönen Künste einige Rührung erweckt. Der Staat soll seine Statue ankaufen und sie in Erz gießen lassen. Das ist seine unabweisbare Pflicht! Man wird diesen Römer nach der Provinz schicken, und er wird in seiner ganzen ergreifenden Leibhaftigkeit mitten im Grün eines Platzes stehen. Armer Montescure! Er hat meine Büste nicht gemacht, nein; aber er hat den ganzen Schmerz, das ganze Sichaufbäumen des Unterlegenen in meiner Gestalt verkörpert; ich bin es, meine Züge sind es, die er der Nachwelt übermittelt hat, und wenn, was ich nicht hoffen kann, das Leben mir noch Gerechtigkeit widerfahren läßt und es mir ermöglicht, durch eine unerwartete Schaffenstat meiner künstlerischen Individualität Geltung zu verschaffen, so wird man nicht in den Schaukästen der Modephotographen nach meinem vergänglichen Abbild zu suchen haben, Gott sei Dank, nein! – ich hege nur die tiefste Verachtung für dieses Pantheon der Straße, wo die Tänzerinnen der öffentlichen Vergnügungslokale sich zu den weniger zweifelhaften Größen des Vaterlandes gesellen – unter freiem Himmel, in freier Lust zwischen Bäumen und im Licht der Sonne wird man, unter den von der Zeit patinierten stolzen Zügen eines römischen Soldaten, Sébastien Brichanteau finden, den Soldaten der Kunst, der die Ehre gehabt hat, sein Brot zu teilen mit Claude André Montescure, geboren zu Garigat bei Toulouse, Departement Haute-Garonne, Schüler der Akademie der bildenden Künste zu Toulouse, Nummer 3773, siehe Katalog. – Und, wer weiß – diesem armen Jungen als Modell gedient zu haben, wird vielleicht meine beste Rolle bleiben ,... Er macht sich gut, dieser Kranz, wie alle Grabkränze.«

Dann verließ mich Brichanteau auf einen Augenblick.

Er hatte vor einer Statue in der Nähe einen Mann von robuster Gestalt mit rotem Gesicht, schmutziggrauem Bart und einem Zwicker auf der kurzen Nase erblickt, der die Statuen aus nächster Nähe, wie die Kurzsichtigen die Bilder, betrachtete, so daß man ihm hätte sagen mögen, wie Rembrandt, wenn sich einer zu sehr seiner Leinwand näherte: »Bleiben Sie doch entfernt, es riecht schlecht!«

»Der Vizebürgermeister von Garigat-sur-Garonne,« flüsterte mir Brichanteau rasch zu. »Ich stehe Ihnen im Augenblick wieder zu Diensten.«

Er hatte mit edelm Anstand seine schöngeformte Hand – gemacht, um den Pinsel oder den Stoßdegen zu führen – an seinen großen braunen Filzhut gelegt, der ihm das Ansehen eines Musketiers gab, und war mit drei Schritten dicht bei dem Manne mit dem grauen Bart, den er in liebenswürdiger, aber würdevoller Weise ansprach, nachdem er ihm euren eleganten und stolzen Gruß geboten hatte – gleich d'Artagnan, der sich verneigt, indem er den Schmuck der Königin überbringt.

Und während er in vornehmer Haltung, lebhaft, mit breiter und sicherer Gebärde sprach, betrachtete ich diesen wackeren Schauspieler der alten Schule, der für mich mehr als eine Generation von Künstlern mit ihrer Fieberhaftigkeit, ihren Hoffnungen, ihrer Hingabe, ihren Illusionen verkörperte, diesen Sébastien Brichanteau, dieses Kunstwrack, das zum Spielball der Wellen geworden war, wie eine steuerlose Fischerbarke nach dem Sturm, diesen tapferen Menschen, der mit zwanzig Jahren von Ruhm und Gold – den beiden Polen des Landes der Schimären – geträumt hatte, und der mit sechzig Jahren in naiver Herzensgüte und mit brüderlicher Opferfähigkeit die kargen Bissen, die ihm das Schicksal gönnte, einem Gefährten im Unglück überließ, den das Leben noch nicht so hartgehämmert hatte wie ihn.

Die Geschichte Montescures, die er mir erzählt, hatte mich interessiert. Ich ahnte in ihm eine ganze Welt von Erinnerungen. Er mußte so viel gesehen haben, der arme Wanderkomödiant, so viel erlebt in seinen mühseligen Kreuz- und Querzügen! Und das Leben hatte ihn einen schönen Menschen bleiben lassen, so wie es ihn einen guten Menschen hatte bleiben lassen. Groß, mit hochgetragenem Kopf und breiten Schultern, glich er eher einem Gallier, der dem Einsturz des Himmels Trotz bietet, als einem gedemütigten Römer, dieser Sechzigjährige, dem das Alter das dichte schwarze Haar unverändert gelassen hatte und in dessen kräftigen Schnurrbart sich kaum einige Silberfäden mengten. Mit seinen schönen blauen, ein wenig melancholischen, ein wenig träumerischen Augen, die nicht selten feurig unter seinen buschigen Brauen flammten, trotz seiner etwas dicken Wangen und der leichten Fettfalte am Halse hätte man ihm kaum fünfzig Jahre gegeben – fünfundvierzig im Notfall, wie man auf dem Theater sagt. Er schien wie aus kernigem Eichenholz geschnitzt.

»Ich sehe Flaubert ähnlich,« pflegte er mir in unsern folgenden Gesprächen häufig zu sagen. Er hatte recht. Er war ein guter Riese dieses Schlages. Indem Montescure ihn so schön darstellte, hatte er einfach nur die Wirklichkeit dargestellt.

Er näherte sich wieder dem Sofa, auf dem ich sitzen geblieben war, nachdem er drei Minuten mit dem Südländer gesprochen und sich mit edelm Stolze von ihm verabschiedet hatte; er kam strahlend, die Augen vor Freude funkelnd.

»Verzeihen Sie, bitte. Ich habe eben wieder für Montescure gearbeitet. Ich kenne Herrn Cazenave, den Vizebürgermeister von Garigat-sur-Garonne, von Toulouse her. Er ist sogar ein Dichter, Cazenave, ein Naturdichter, und ich habe seine Verse deklamiert. Patriotische Gelegenheitsdichtungen. Dienst um Dienst. Als ich ihn erblickte, schoß mir ein Gedanke wie ein Blitz durch den Kopf. Wenn ich Ihnen sagte, daß Montescure ein Toulousaner war, so heißt das, daß er ganz nahe bei Toulouse geboren wurde, zwei Schritte davon: in Garigat-sur-Garonne. Meine Idee ist nun folgende. Sie ist ausgezeichnet. Falls der Staat sich widerspenstig zeigen oder kein Geld haben sollte, so muß der Gemeinderat von Garigat-sur-Garonne den ›Römer unter dem kaudinischen Joch‹ kaufen! Jawohl, ich werde mich dafür einsetzen! Das erste Samenkorn habe ich schon ausgestreut. Es wird keimen. Cazenave hat nicht nein gesagt. Die Seelen der Dichter und der Schauspieler sind verschwistert. Er wird mir helfen, Cazenave, und ich schwöre bei Gott, bei meinem Leben, daß dem armen Teufel Genugtuung werden soll, dessen Meisterwerk man so schlecht placiert hat.«

Sich sodann gegen die Statue des besiegten Römers wendend und mit temperamentvoller Gebärde, die in jedem andern als diesem verlassenen Teile des Ausstellungsraumes eine Menschenansammlung verursacht hätte, legte Sébastien Brichanteau den Manen des toten Bildhauers das Gelübde ab, es dahin zu bringen, daß seine Statue im Museum von Garigat-sur-Garonne aufgestellt werde, das heißt, da seine Geburtsstadt kein Museum besaß, im vollen Sonnenlichte des Forums, den Blicken aller freigegeben, ein Gegenstand des Stolzes für die Bürger und der Bewunderung für die Fremden.

»Ja, Montescure, man wird dein Kunstwerk im Baedeker erwähnen, das verspricht dir dein alter Freund Brichanteau! Ich sehe dich, wie du, in den Ruhepausen deines Modells, und um die Zeit nicht unbenutzt zu lassen, dein Horn zur Hand nahmst und dir die Lunge herausbliesest, um die Stücke zu proben, die du am Abend im Theater spielen solltest! Wie oft habe ich dir dein Todesinstrument aus der Hand gerungen! Du spieltest Tremolos, du, der du dazu geschaffen warst, mit den marmornen Gestalten deiner Phantasie die Museen des Luxembourg und des Louvre zu bevölkern! Montescure, ich werde meinen Schwur halten, und dir soll Genugtuung werden! Montescure, du sollst gerächt werden!«

Und sich gegen mich wendend, fügte er hinzu:

»Ja, Monsieur, ich, der ich es nie verstanden habe, mich in meinem Interesse zu rühren, ich werde mich rühren. Ich, der ich nie intrigiert habe, ich werde intrigieren. Ich werde in Cafékonzerten Vorstellungen geben, wenn es sein muß. Ich werde Petitionen unterschreiben lassen, ich werde Subskriptionslisten in den Foyers der Theater zirkulieren lassen. Meine Kollegen sind stachlige Menschen, aber sie haben ein gutes Herz. Selbst die Frauen, die kein Herz haben, wissen eins zu finden, wenn man sie rührt. Und wenn Montescure einmal berühmt wird, so wird es mir bedünken, als hätte auch Sébastien Brichanteau, der Talma von einst, seine Genugtuung erhalten. Ich habe Anspruch auf diese Genugtuung. Ah! Ohimé! Ahi! Ahi! Povero Calpigi! Monsieur, wenn Sie meine Lebensgeschichte kennten!« ,...

Er wartete nur auf die Aufforderung, um sie zu erzählen, um den Rosenkranz seines Daseins mit seinen schwarzen Kugeln ablaufen zu lassen, dieser Besiegte der Kunst, dieser Römer, dem das Joch des Elends auf dem Nacken lag. Er verlangte danach, sein volles Herz zu erleichtern – er, der ein Herz hatte – und in Ermanglung von Hoffnungen seinen Erinnerungen nachzuhängen.

Ich war an diesem Tage durch Zufall sein Hörer geworden; ich wollte es fortan mit Absicht werden. Und indem ich die vertraulichen Mitteilungen des trotz allem unverzagten, gläubigen und stolzen Künstlers hier der Reihe nach wiedergebe, lasse ich ihm nun selbst das Wort. Er selbst soll in seiner eignen, blühenden, bilderreichen Sprache, in seinem mit Bühnenreminiszenzen, Rollenfragmenten, Tiradenbruchstücken gespickten, mit Flittern und Edelsteinen geschmückten pikaresken Pikaresk (von picaro, Spitzbube), ein vornehmlich in der spanischen Literatur heimisches Genre von Romanen und Theaterstücken, welche die Taten von Abenteurern, Raufbolden und dergleichen zum Gegenstande haben. Anm. d. Übers. und pittoresken Stil – er selbst, Sébastien Brichanteau, französischer Mime, Mitglied aller Theater Frankreichs, soll seine Erinnerungen, gute und schlechte, hier aufflattern lassen.

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