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Brichanteau, der Mime

Jules Claretie: Brichanteau, der Mime - Kapitel 12
Quellenangabe
authorJules Claretie
titleBrichanteau, der Mime
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
yearo.J.
printrun
translatorLeopold Rosenzweig
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180103
projectid3dee22c9
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11. Letzte Begegnung

Brichanteau sah tiefbetrübt aus, als ich zum letztenmal mit ihm zusammentraf. Er ging längs der Läden des Boulevard Clichy hin, ohne sie zu beachten, trotz seiner abgetragenen Kleider eine imposante Erscheinung unter der gewöhnlichen Menge. Die Haare unter seinem breiten, romantischen Filz schienen mir weißer geworden. Er trug seine große, schlanke Gestalt noch immer aufrecht, aber die Schulterblätter zeichneten sich deutlicher unter dem glänzenden Tuch ab. Er hielt einen geschlossenen Schirm in der Hand, den er, es war ein schöner Frühlingstag, als Stock benutzte oder eigentlich als Degen oder Rapier, mit solch vornehmer Leichtigkeit handhabte er ihn. Er trug fleckige schwedische Handschuhe, die ihm zu lang waren und an den Fingerspitzen klafften, und sein weites graues Beinkleid legte sich schraubenförmig um seine Unterschenkel.

In seinen unbeweglich hinausschauenden Augen lag eine müde Schwermut und auf seinem noch immer aufgezwirbelten Schnurrbart der weiße Schnee des Alters. Er schüttelte von Zeit zu Zeit seinen schönen Musketierkopf, und seine etwas bitter lächelnden Lippen murmelten unhörbare Worte.

Es war vor dem kleinen Batignolles-Theater, auf dessen frischaufgeklebten Plakaten der Titel irgendeiner neuen Posse prangte, und ich sah, als Brichanteau an den Stufen des Eingangs vorüberschritt und die großgedruckten Schauspielernamen las, wie sein Kopfschütteln sich verstärkte, während sein Murmeln lauter wurde, gleich einem halblauten Protest, der sich gern zum Donnern verstärkt hätte.

»Sieh da, Herr Brichanteau!« rief ich. »Ich freue mich, Sie zu sehen. Sie wissen, wie sehr ich in Ihnen den tapferen Mann schätze, der Sie immer sein werden, und den überzeugten Künstler, der Sie noch immer sind. Was ist Ihnen widerfahren? Sie scheinen mir traurig.«

»Ach, lieber Herr, wenn ich traurig bin, so habe ich Ursache dazu! Sie erinnern sich ja der Statue, der Statue Montescures, deren Enthüllung in Garigat-sur-Garonne ich diesen Herbst beizuwohnen gedachte. Nun denn, es ist nichts damit! Die Statue liegt im Schuppen, und der Tag der Enthüllung ist nicht abzusehen. Und die Galavorstellung, von der ich Ihnen sprach, ist mißglückt! Haben Sie einen Augenblick Zeit? Ich will Ihnen die Geschichte im Gehen oder auf einer Bank des Monceauparks erzählen.«

Und im Lärm der Fiaker und Omnibusse, durch den die Hornsignale der Tramway und die Glockentöne der Radfahrer schnitten, in dem tosenden Wirrsal der Straße und dem wilden Hasten der glückjagenden Menge erzählte mir Brichanteau den letzten Abschnitt seines Künstlertraumes, wies mir das Postskriptum seines Ehrgeizes, den letzten Wechsel, den er auf das Schicksal gezogen, und den das Schicksal unbezahlt zurückgewiesen hatte.

Oh, sagte er, ich habe genug vom Theater! Es ist wirklich noch besser, Starter zu sein. Ich habe eine letzte Erfahrung hinter mir. Ich habe eine Benefizvorstellung arrangiert, und nach übermenschlichen Anstrengungen stürzt der Felsen des Mißgeschicks wieder auf mich zurück wie der des Sisyphus, und es ist nur ein Wunder, daß ich nicht ganz zerschmettert bin.

Zu wessen Benefiz war diese Vorstellung? Sie würden es erraten, auch wenn ich es Ihnen nicht eben gesagt hätte. Ich wollte meinen Schwur halten, den Schwur, den ich im Salon vor der Statue Montescures, Nummer 3773, getan hatte. Ich habe Himmel und Erde für den »Römer unter dem Kaudinischen Joch« in Bewegung gesetzt. Und ich war mit um so größerem Feuereifer bei der Sache, als zu dem Verlangen nach Gerechtigkeit und Vergeltung, das mich für den lungenkranken Bildhauer beseelte, ein andres zarteres und vielleicht auch schmerzvolleres Motiv hinzugekommen war: der Wunsch, einer Frau zu Hilfe zu kommen, die ich sehr, sehr geliebt habe. Ich habe viele galante Abenteuer gehabt. Ich spreche nicht von meinen Rollen. In fünfundvierzig Jahren auf dem Theater habe ich vielleicht sechshundert junge Mädchen verführt, sieben- bis achthundert verfolgte Waisen gerettet, Tausende von jugendlichen Liebhaberinnen geheiratet und selbst vornehme Damen vergewaltigt. Aber derlei Abenteuer zwischen Rampe und Dekoration zählen nur für die Idee. Ich spreche von der Wirklichkeit.

Sie werden mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, Herr, daß ich in meinen vertraulichen Mitteilungen an Sie keine zarten Geheimnisse verletzt habe. Ich habe vollkommene Diskretion bewahrt. Ich könnte Bände anfüllen mit der Erzählung von Herzensgeschichten, die oft Tränen im Gefolge hatten. Ich war weder ein Lovelace (die Rolle habe ich allerdings in Béziers gespielt) noch ein Casanova. Aber ich habe meine Stunden der Leidenschaft gehabt. Von einigen habe ich Ihnen erzählt. Über die andern habe ich Schweigen bewahrt.

Wenn ich denke, daß ich einmal von einer Frau vergiftet wurde! Ja, ich, Brichanteau, vergiftet wie in der »Dolorida« des Dichters! Frau Patricio, meine Direktorin (Sie werden vielleicht bemerkt haben, daß ich stets sehr gut mit meinen Direktorinnen war, es war wie eine Schicksalsbestimmung oder eigentlich, es war eine Gabe, ein Talent), Frau Patricio, die sich dem Tode nahe fühlte – sie war schwindsüchtig wie die Kameliendame, die arme Frau, und außerdem überspannt, hysterisch, ein wenig anormal, wie Charcots Diagnose lautete – Frau Patricio rief mich also eines Abends an ihr Sterbebett und sagte zu mir:

»Geliebter, verzeihe mir! Ich liebe dich zu sehr, ich bin eifersüchtig, und da ich nicht haben will, daß du eine andre lieben sollst, nachdem du mich geliebt hast – noch einmal, verzeihe mir! – ich habe dich vergiftet!«

»Vergiftet?«

»Ja. Ich habe von dem Laudanum, das mir verordnet wurde, etwas in deinen Grog gegossen, und du hast es getrunken.«

In der Tat, ich hatte es getrunken wie in »Lucrezia Borgia«!

Teufel! Sie können sich denken, wie mich das traf. Vergiftet! Vergiftet aus Liebe! Das war kühn, romantisch, aber es war unangenehm, höchst unangenehm! Ich hielt mich nicht damit auf, Suzannen (Frau Patricio hieß Suzanne) erst Vorwürfe zu machen, sondern lief eiligst zu einem Apotheker. Auf dem Wege schien es mir bereits, als sähe ich jene »Flammen im Schatten«, von denen Victor Hugo im »Hernani« spricht, und ich beobachtete sogar meine Gefühle, um die Szene im fünften Akt bei nächster Gelegenheit um so besser spielen zu können. Ein gewöhnliches Vomitiv beendigte das Abenteuer, und Frau Patricio starb, ohne mich mit ins Grab zu nehmen.

Ich schwor ihr in der Ergriffenheit über ihren nahen Tod, ihr treu zu bleiben, obgleich ich ihr ihre egoistische Leidenschaft ein wenig übelnahm. Aber nun, nachdem das Vomitiv seine Wirkung getan, blieb mir nur eine großartige und fast gerührte, ja gerührte, dankbare und geschmeichelte Erinnerung an diese neue und originelle Situation. Sie sehen, daß ich wohl das Recht habe, zu sagen, daß ich geliebt worden bin. Ich wäre beinahe getötet worden. Ich hatte das Gift schon getrunken, das die Eifersucht mir gereicht hatte.

Und als ich die Unglückliche nach ihrer letzten Ruhestätte begleitete, da hätte nicht viel gefehlt, daß ich in Goldbuchstaben auf die Kranzschleifen hätte drucken lassen: »Seiner teuern Direktorin – ihr dankbares Opfer.« Ich führte den Gedanken nicht aus, es wäre zu rätselhaft gewesen.

Und Virginie Gérard – die, für die ich zum Teil die Galavorstellung veranstaltet habe – auch sie war meine Direktorin, auch sie hat mich geliebt, die Arme – ohne Laudanum, das muß ich gerechterweise hinzufügen – und nachdem sie Déjazetrollen in der Provinz gespielt hat, spielt sie nun in der Wirklichkeit Ophelia im Irrenhause von Villejuif. Ich komme eben von dort, das ist die Ursache, daß ich nicht sehr fröhlich aussehe.

Eines Tages hatte ich erfahren, daß ein alter Kollege, Canterive, sich in diesem Irrenhause befinde. Er sei gut aufgehoben, hieß es, aber einsam und zweifellos in trauriger Gemütsverfassung. Und in Erinnerung an vergangene Zeiten erbat ich die Erlaubnis, ihn zu besuchen, um ihm die Hand zu drücken, ihm etwas Tabak zu bringen. Auch einer, der kein Glück hatte, Canterive. Er war mehr wert als mancher andre. Und nun in Villejuif! Alas poor Yorick!

Ich begab mich also nach Villejuif, und ich werde meinen Besuch dort nie vergessen. Wenn ich einen Hamlet zu spielen, einen Wahnsinnigen darzustellen gehabt hätte, so hätte ich damals Studien nach der Natur machen können.

Während ich auf der Place du Châtelet auf die Tramway wartete, nächst den beiden Theatern, in denen ich – unter Pseudonymen – oft Statistendienste geleistet hatte, dachte ich, wie ironisch doch das Leben sei. Ich hatte Canterive auf der Bühne des städtischen Theaters Châtelet gesehen, und nun war ich im Begriff, ihn in einer Anstalt des Departements aufzusuchen – in seinem Invalidenasyl!

Und von dem Dachsitze des Tramwaywagens herab sah ich die breiten Hauptstraßen, die seit langem die bevölkerten Viertel von damals, meiner Jugendzeit, durchschneiden, die Avenue des Gobelins, das naturalistische Venedig des Bièvreflüßchens, das Théâtre des Gobelins, wo ich den gealterten Bocage gesehen habe, die Avenue d'Italie, die kahlen Wälle, das große Gebäude des Bicêtrespitals, wo so viele Arme ihre letzten Tage verbringen, Villejuif, wo ich 1870 Wache gestanden hatte, und das von Winterstürmen durchfegte Plateau, von dem aus wir in der Ferne Chevilly, l'Hay erblickten – von Preußen besetzt! ,...

Dann tauchte am Ende einer langen Straße ein großes neues Gebäude mit rotem Dach auf, von einem Gitter abgeschlossen, mit Arkaden, wie manche Klöster in Italien, eher einem Gemeindehause als einer Irrenanstalt gleichend. Das war mein Ziel. Ich fragte nach dem Arzt, der mich sehr liebenswürdig empfing, mich in sein Ordinationszimmer treten ließ und einen Wärter absandte, um Canterive zu holen. Es dauerte nicht lange. Canterive mußte in der Nähe gewesen sein. Er trat ein, feist wie ein Mönch, in der Uniform der Anstalt, Jacke und Beinkleid aus blauem Tuch, die Mütze in der Hand.

»Canterive,« sagte der treffliche Doktor zu ihm, »ein Freund wünscht Sie zu sprechen.«

Der arme Teufel richtete ein Paar große, verlorene Augen auf mich, sah mich lange an, ohne mich zu erkennen, und stammelte endlich mit Anstrengung:

»Bri–Bri–ch–chan– Brich– Brichanteau!«

Er reichte mir eine zitternde Hand. Oder eigentlich ich ergriff diese Hand. Die Paralyse hatte seine Bewegungen schon sehr beeinträchtigt. Tiefbetrübt sah ich auf diese Ruine. Was war das einmal für ein hübscher Junge gewesen! Stark wie ein Bär, hatte er sich zu seinem Vergnügen an Stierkämpfen in Nîmes beteiligt und in den Arenen des Südens Berufsathleten in den Sand geworfen. Nun war er aufgedunsen, kraftlos, ein Nichts. Dabei übrigens sehr glücklich.

»Fehlt es dir an etwas, Canterive?«

»An n–nichts. Es g–g–geht mir sehr gu–gut hier. G–gu–gutes Essen. Se–sehr g–gutes Essen. Und zur be–be–be ,...«

»Zur bestimmten Stunde. Ja, und wenn man so oft Hunger gelitten hat, wie?«

»Und wo sind Sie hier?« fiel der Arzt ein. »Wissen Sie, daß Sie hier in einem Irrenhause sind?«

Canterive zeigte ein blöd-schlaues Lächeln, wie einer, der einen schlechten Scherz geringschätzig von sich weist, und stammelte:

»O–o–o nein. Erstes Ho–Hotel von – Paris. Sehr gu–gutes – Hotel. Vo–vorzüglich. Sehr v–v–viel Reisende!«

Dann verfiel er in eine Art selige Stumpfheit. Vergebens sprach ich zu ihm, befragte ihn; er antwortete nichts mehr. Ein glückliches Lächeln lag festgebannt auf seinem ausdruckslosen Gesichte. Seine starren, weitgeöffneten Augen sahen unbestimmte Visionen. Der arme Junge; der sich wie kaum einer mit dem Leben, mit Not und Elend herumgebalgt hatte, fand endlich das Glück und die Ruhe – wo? in einem Irrenhause!

»Sie brauchen sich seinethalben keinen Kummer zu machen,« sagte der Arzt. »Er wird friedlich und glücklicher als wir enden.«

Canterive zeigte keine Betrübnis, als ich Abschied von ihm nahm. Er schien sogar froh zu sein, daß er sich wieder allein auf eine Bank in die Sonne setzen konnte. Ich ergriff seine Hand, rief ihm ein »Auf Wiedersehen!« zu, und er stammelte: »A–adieu!« und wankte hinaus.

›Das ist vielleicht das Glück,‹ dachte ich.

Der Arzt war so liebenswürdig, mich im ganzen Hause herumzuführen, und in mir wurde der Eindruck immer stärker, daß die Irren interessanter sind als die Dummköpfe und nicht viel verrückter als die geistreichen Leute. Ich sah Wahnsinnige aller Gattungen, und als ich im Begriffe war, das Haus zu verlassen, wurde meine Aufmerksamkeit von einem jungen Manne mit militärischem Kopfe gefesselt, der den Korridor herabkam, in die Lektüre eines Buches vertieft.

Wir redeten ihn an.

Er lese, sagte er, eines der interessantesten und fesselndsten Bücher: »Eine neue Theorie über das Triplo-Isotherm-Orthogonal-System und seine Anwendung auf die koordinierten Kurven.«

Ich ließ mir den Titel wiederholen, um ihn meinem Gedächtnisse einzuprägen – mein Gedächtnis ist nach wie vor ausgezeichnet – und sah den Doktor an, indem ich leise sagte: »Das Triplo-Isotherm-Orthogonal-System – armer Mann!«

Aber der Arzt berichtigte meinen Irrtum.

»Nein, nein,« sagte er, »das Buch ist ein wirkliches, es existiert, und es ist ein schönes Buch. Es hat einen Vicomte de Salvert zum Verfasser, Doktor und Professor an der Universität zu Lille. Sie können es bei Gauthier-Villars finden.«

Die koordinierten Kurven! Das Orthogonal-System! Mir schwindelte der Kopf. Und ich eilte, aus einem Hause fortzukommen, wo die Mathematiker mir wahnsinnig erschienen und Irre wie Canterive so vollkommen glücklich. Ich verabschiedete mich von dem Arzte und wollte wieder die Tramway erreichen.

Da, als ich eben das Gittertor durchschreiten wollte, hielt ein Wagen davor, und diesem entstieg, von einem Wärter und einer Wärterin gestützt, eine alte, sehr alte, kleine Frau, ganz gebeugt, mit tausend Runzeln im Gesicht, die mit der Miene eines erstaunten Kindes rings um sich blickte. Und trotz des Alters, der Runzeln, der weißen Haare erkannte ich dieses arme verwelkte Antlitz, erweckte es die Erinnerung an die Blüten meiner Vergangenheit, und aus tiefstem Herzen rief ich:

»Virginie!«

Sie wandte sich gegen mich.

Virginie! Die Déjazet von Saint-Etienne, Lyon, Dijon, Straßburg, die Rivalin der Skriwanek, das entzückende Mädchen mit der graziösen Gestalt eines Meißener Porzellanfigürchens, die Richelieu, Gentil-Bernard und Létorières ebenso gut, ja wahrlich, fast ebenso gut spielte wie die wirkliche Déjazet! Virginie Gérard, meine einstige Direktorin, dieses reizende, liebevolle, fröhliche, übermütige, gutherzige, sorglose Geschöpf! Virginie hier, Virginie einem Wagen entsteigend, um in ein Irrenhaus aufgenommen zu werden, in dieses »gute Hotel«, wo der ausgehungerte Canterive wenigstens Brot für seine alten Tage hatte!

Das gab mir noch einen Stoß mitten in die Brust. Und was mich noch mehr erschütterte, das war, daß Virginie, im Gegensatz zu Canterive, mich nicht erkannte. Mechanisch hatte sie den Blick nach der Seite gewandt; von der ihr Name, von einer Stimme ausgesprochen, deren Metall die Zeit nichts anhaben kann, an ihr Ohr schlug. Aber in dem Blicke war nichts. Keine Spur von Leben. Die Pupillen sahen nichts, das Gehirn reagierte nicht. Das Lächeln, das die schadhaften Zähne enthüllte (ach, die weißen, kleinen, leuchtenden Perlenzähne von einst!), dieses einst so schalkhafte, so lebensprühende Lächeln, war nun blöde und ausdruckslos!

Ich bemühte mich, eine Erinnerung in ihr zu erwecken, indem ich sagte: »Ich bin es – Brichanteau – Sébastien – in Lyon – Lyon – Théâtre des Célestins ,...«

Aber sie achtete nicht auf mich, hörte mich nicht; eine sechzigjährige Ophelia, trällerte sie mit heiserer Stimme Bruchstücke von Liedern aus damaliger Zeit:

»Ach, wie so schade,
Um meine Rundlichkeit,
Meine zierliche Wade
Und die verlorne Zeit!«

» La Douairière de Brionne«! Ihr großer Erfolg, eben in Lyon, in den Célestins! Ich spielte damals Lazar, den Hirten, im Grand-Théâtre, das Gérard, ihr Gatte, ebenfalls gepachtet hatte, und wir erfanden tausend Listen, um uns, sie das Lustspiel, und ich, das Drama, in Rendezvous zu treffen, die unsre Leidenschaft um so entschuldbarer machte, je heißer sie war.

Ihr Gatte übrigens, ein brutaler Mensch, Trinker und Spieler, verdiente hundertfach das Schicksal, das ihm zuteil geworden. Durch seine sinnlosen Spekulationen ruinierte er die arme Virginie (sie liebte diesen Namen, der auch derjenige der Déjazet war) und stürzte seine treue – im kommerziellen Sinne treue – Gefährtin ins Unglück. Er war die erste Ursache, daß sie schließlich dem Wahnsinn verfiel. Friede seiner Asche! Er tötete sich oder wurde getötet in einer Spielhölle zu Montevideo. Sein Tod war seines Lebens würdig!

Ach, Virginie! Die Erinnerungen! Wie hübsch war sie! Und wie lustig! Brünett, lebhaft wie ein Vogel, graziös und elegant wie eine Pariserin und feurig wie eine Andalusierin. Teure Direktorin! Sie fügte meinen Bezügen freigebig eine unschätzbare Prämie hinzu: die Liebe. Alles, was ich von meinem Verdienste erübrigte, verwendete ich auf Buketts, Armbänder und andre Geschenke, die ich ihr darbrachte. Ich hätte Monte-Christo sein mögen, um sie und ihre beiden Theater mit Geld zu überschütten. Aber sie verachtete klingende Münze wie ich. Sie hätte mit Freuden diesen widerwärtigen Gérard verlassen, um mit mir in einem sechsten Stock zu leben, Apfelwein zu trinken und Kastanien zu essen. Ich nannte sie Mimi Pinson.

»Was willst du?« sagte sie zu mir. »Ich spiele ja die Frétillon. Man muß sich in seine Rolle hineinleben.«

Um diese Zeit gingen übrigens beide Theater glänzend, und wäre ihr Mann nicht gewesen, so hätte Mimi Pinson ein Vermögen erworben. – Welche gewaltige Verwandlungen bringt doch das Leben! Diese Frau, die ich einst so reizend gesehen hatte, wie war sie nun verwelkt! Eine Greisin, eine kleine, ganz kleine Greisin! Eine Greisin ohne Erinnerung, ohne Blick, fast ohne Leben! Eine alte, verschrumpfte Frau, die lallend ein Stückchen Lied sang, das in einer Falte ihres Hirns liegen geblieben war, wie ein Fetzen in einem ausgeräumten Zimmer:

»Ach, wie so schade
Um meine Rundlichkeit ,...«

Die Kehle schnürte sich mir zusammen, wie ich sie sah und hörte, und auf meine Brust legte es sich zentnerschwer, daß ich kaum zu atmen vermochte.

Meine arme Virginie! Meine süße, kleine Virginie! Frétillon! Meine ganze Vergangenheit! Diese schmutziggrauen Haare, mit ihnen spielte ich einst unter Scherzen und Lachen, und drehte Papilloten hinein. Wie schön braun und seidenweich waren sie einst gewesen, Virginiens Haare! Ich muß einige Locken daran noch in meinen Laden bewahren. Und nun! Und nun! ,... Das ist deine Jugend, Brichanteau! Das ist aus deinem Liebesglück geworden!

Ich war tief erschüttert und bebte; nur mit Anstrengung überwand ich meine Erregung und folgte Virginie Gérard zum Ordinationszimmer des leitenden Arztes der Frauenabteilung, der sie untersuchen sollte.

Aber man verstellte mir den Weg.

»Sie dürfen nicht eintreten,« sagte man mir. »Diese Kranke ist uns vom Armenspital zugesandt worden und wird nun hier interniert.«

Gut, ich würde also wiederkommen. Jawohl, ich wollte wiederkommen; ich wollte Nachforschungen über das Schicksal Virginiens anstellen und sie wiedersehen. Später würde man mir das wohl erlauben.

Ich begann also meine Nachforschungen. Sie war von Stufe zu Stufe bis ins tiefste Elend herabgesunken. Seinerzeit hatte sie wahre Wunder an Tapferkeit vollbracht, um die Theaterunternehmungen ihres Mannes, seine tollen Spekulationen zu stützen. Sie hatte in den Pampas Déjazetrollen gespielt, hatte vor den Cowboys getanzt und gesungen, die ihr Beifall zollten, indem sie Revolverschüsse abfeuerten. Sie selbst, die zierliche Grisette mit den kleinen Händen, schlief manchmal, einen Revolver an der Seite, in der Savanne und heimste die Dollars in Scheunen ein. Dann war das Alter, das Unglück und die Armut gekommen. Eines Tages griff man auf dem Kai zu Nantes eine arme Herumirrende auf, die sagte, sie sei dramatische Künstlerin und gewesene Direktorin verschiedener subventionierter Provinztheater, und die als ihr ganzes Hab und Gut ein außer Kurs gesetztes Zehnsousstück und einen einzelnen Band von Bérangers Liedern bei sich trug. Das war Virginie! Ach, arme Frétillon!

Die Theaterfürsorge und das Liebesglück dieser Welt laufen nicht selten in solch ein Ende aus. Frau Gérard wurde nach Paris gebracht. Aber in Paris ist der Abgrund nur größer, das ist alles. Man kann, wenn man stolz ist, in Paris unauffälliger Hungers sterben, das ist der einzige Vorteil. Niemand kümmerte sich hier um Virginie, und ich wußte gar nicht, daß sie hier war und daß sie überhaupt noch lebte. Sie lief herum, bat, flehte, bettelte, die arme Alte. Wollte hier Statistin, dort Auskehrerin sein; bat um die Gunst, in einer Kneipe mit Damenbedienung die Fußbänkchen zu reichen, mit ebensoviel Inständigkeit, als ob es sich darum handelte, Dogaressa zu werden. Und überall wies man sie ab! Die Armen sind so zahlreich, der offenen Stellen sind wenige, und sie sind rasch wieder besetzt, die Jungen sind flinker, der Alten sind zu viel, und das Leben ist hart. Wenn ich sehe, wie viele junge Mädchen sich zum Theater drängen, so möchte ich sie gern dort in das Irrenhaus führen, wo mit gebrochener Stimme die Déjazet der Célestins, meine arme wahnsinnige Direktorin, Liederfragmente vor sich hinträllert.

Ach, lieber Herr, wenn ich hundert Jahre leben sollte – was ich wohl imstande wäre, was ich mir aber nicht wünsche –, so würde ich die Besuche nicht vergessen, die ich Virginien im Irrenhause machte. Einmal sah ich sie nach einem Anfall von Raserei in der Isolierzelle wie die aufgeregtesten Irren: arme Frauen, junge und alte, die man durch das Guckloch an der Tür sehen kann, auf dem Stroh hingestreckt, manchmal nackt, weil sie ihre Kleider zerrissen haben, oder die erregten Gesichter mit den zerzausten Haaren ans Gitter gedrückt, manche gleich armen Verdammten nach dem entschwundenen Glücke rufend, die eine nach verlorenem Reichtum, die andre nach einem untreuen Geliebten – nach Mutterschaft, nach Liebe, nach Idealen – nach allem, was lügt, was trügt, was tötet. Welch ein Jammer, welch ein Elend!

Virginie rast nicht immer; die Anfälle sind sogar selten. Aber gleichviel, in welchem Zustande sie sich auch befinde, sie erkennt mich nie. Ihr Gedächtnis ist für immer vernichtet.

Für sie also machte ich mich zum Benefizianten. Für sie und für den Römer Montescures. Der doppelte Zweck spornte mich zu doppelter Anstrengung auf. Eine Frau, die mich so sehr geliebt hatte! Die mir gesagt hatte – wie alle mir gesagt haben, aber mit einem Ton, der den andern nicht zu Gebote stand –:

»Ich schwöre dir bei dem Haupte meines Vaters, daß ich nur einen auf dieser Welt jemals geliebt habe, dich!«

Das war wohl einiger Mühe wert, nicht wahr?

Wohlan denn, auf, ans Werk für die Benefizvorstellung!

Anfangs stieß ich auf unzählige Hindernisse. Benefizvorstellungen werden bis zum Überdruß veranstaltet. Und Statuen werden an allen Ecken und Enden errichtet – aus Mode und aus Berechnung. Wenn einer sich in Szene setzen, die Blicke auf sich lenken will, so klettert er auf den Sockel der Statue eines mehr oder minder berühmten Zeitgenossen. Er gründet ein Komitee, erläßt einen Aufruf zu Beiträgen, gibt eine Nachmittagsvorstellung im Trocadero und wird so eine Persönlichkeit, indem er seinen Ruhm mit dem Gelde und dem Talente andrer bezahlt. – Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß ich nicht zu dieser Gattung gehörte. Ich will nicht leugnen, daß sich ein wenig Eitelkeit in mir regte bei dem Gedanken, mich als Römer unter der Sonne des Südens aufragen zu sehen; aber dieses Gefühl war geringfügig im Vergleiche zu dem warmen Herzensbedürfnis, Montescure, dem unglücklichen Bildhauer, diese nachträgliche Genugtuung zu erwirken – ganz abgesehen von der Hilfe für die arme Wahnsinnige.

Ich rechnete zur Erzielung eines großen Erfolges sehr auf die Mitwirkung eines erfolgreichen Journalisten, den ich gekannt hatte, als er noch, ein armer kleiner Reporter, in der Rue Cardinet unterm Dache wohnte. Ich bat ihn um einen kleinen Artikel, einen Trompetenstoß in den Zeitungen, für die er schrieb.

»Ja, mein lieber Brichanteau,« erwiderte er mir, »wenn wir einen Reklameartikel für jede Statue bringen wollten, die aufgestellt werden soll, so würden unsre Spalten dafür nicht ausreichen, und die Geduld unsrer Leser auch nicht. Wir wären dann nichts weiter als Vorredner für Pantheons. Diese Statuen werden uns schließlich ganz ruinieren. Sie schießen hervor wie die Pilze. Ich allein habe seit Neujahr für elf Statuen subskribiert, und wir haben jetzt erst Mai! Ebenso geht es mit den Benefizvorstellungen. Alle Tage verlangt man eine neue Reklame von uns, und aus meiner Vergangenheit kommen tiefgebeugt, die Hand bittend ausgestreckt, alle hübschen Schauspielerinnen von damals herbei. Sie sind verwelkt, verrunzelt, sie sind unglücklich und sie erbitten von mir nur das Almosen einiger Zeilen, sie, die ich einst mit heißen, sehnsüchtigen Gymnasiastenblicken von der Galerie herab verschlang. Und ich schreibe ihnen aus Egoismus den erbetenen Artikel; indem ich sie, ihre Vergangenheit feiere, scheint es mir, als feiere ich mich selbst. Ihr Alter erinnert mich an meine Jugend, und ich besinge meine Jugend, indem ich sie beklage. Aber Ihr Montescure da, Ihr kleiner brustkranker Flügelhornbläser mit seinem »Römer unter dem Kaudinischen Joch«, und Ihre Gelegenheitsdichtung Cazenaves, des Vizebürgermeisters von Garigat-sur-Garonne – was soll daran unser Publikum interessieren? Was wollen Sie, daß unsre Pariser sich daraus machen sollen?«

Von seinem Standpunkte hatte er recht. Die Unterlegenen sind im Unrecht. Aber in meiner Seele und in meinem Bewußtsein hatte ich recht, und seine Einwendungen erschütterten meinen Entschluß nicht, schwächten meine Energie nicht ab.

»Gut,« erwiderte ich ihm, »behalten Sie Ihre veralteten Sympathien und Ihre rückschauende Bewunderung, ich bitte Sie nur um das eine, daß Sie eine Anzeige über die Benefizvorstellung für Montescure und Virginie bringen. Ich nehme alles auf mich; ich werde alles veranstalten, alles organisieren, alles erreichen. Sie können, wenn Sie wollen, bloß hinzufügen, daß es sich darum handelt, einer armen Wahnsinnigen zu Hilfe zu kommen.«

Er lachte: »Das wäre keine Ausnahme; wahnsinnig sind sie alle.«

Aber nicht alle haben mich geliebt wie Virginie!

Ach, welche Last hatte ich mir da aufgeladen! Vor welch schweren Karren hatte ich mich gespannt! Ein Benefiz, lieber Herr, ein Benefiz ist die Hölle. Der Benefiziant wird ein lästiger Bittender für alle, die einen Namen, eine Stellung, ein Vermögen haben. Als ich jung war, hatte ich mich stets geweigert, in der Provinz die Karten für meine Benefizvorstellungen zu kolportieren. Meine Kollegen machten ihre Aufwartung beim Präfekten, beim Bürgermeister, beim General, bei den einflußreichen Damen der Stadt. Ich nicht. Ich kündigte mein Benefiz an, setzte meinen Namen in großen Buchstaben auf die Plakate und erwartete in Ruhe und Würde den Billettverkauf. Ich muß allerdings hinzufügen, daß ich werktätige Unterstützung im Ewig-Weiblichen fand. In den meisten Fällen nahmen es meine Direktorinnen, meine platonischen Freundinnen oder meine Geliebten auf sich, die Folgen meines Hochmuts wettzumachen, indem sie selber bei den Mächten für mich wirkten und Logen und Sitze an den Mann brachten. Ich war ihnen dankbar dafür.

Ihre Bemühungen hatten nichts Verletzendes für meinen stolzen Charakter. Und das, was meine verschiedenen, aber gleich liebenswürdigen Direktorinnen für mich getan hatten, das tat ich nun für eine von ihnen, die dem Wahnsinn verfallen war. Alles Gute findet eines Tages seine Vergeltung. Auch ich trug Theaterbilletts von Haus zu Haus. Auch ich ließ eindringliche Zirkulare drucken, in die ich (der Stil ist der Spiegel des Menschen) mein ganzes Herz legte:

 

Geehrter Herr oder gnädige Frau!

Der diese Zeilen an Sie richtet, ist ein Künstler, der für einen Künstler einen letzten Kampf kämpft.

Wenn er sagt, für einen Künstler, so soll es richtig heißen für zwei Künstler: eine lebend Tote, einen vergessenen Toten.

Gegen den Wahnsinn, der die erstere umfängt, bittet der Unterzeichnete Sie um Gold. Gegen die Verkennung, die dem letzteren zuteil geworden, verlangt er den Ruhm.

Ruhm, Gesundheit, alles das muß erkauft werden, muß bezahlt werden. Eine Benefizvorstellung, deren Programm später veröffentlicht werden und die alle großen Namen des Theaters vereinigen wird, soll der Leidenden das Leben versüßen, soll das Andenken des Dahingeschiedenen versöhnen.

Lassen Sie mich hoffen, verehrter Herr oder gnädige Frau, daß Sie es nicht verweigern werden, an dieser zweifachen Kundgebung für die Kunst und die Barmherzigkeit teilzunehmen, und daß Sie die Vorstellung, die am ,... im Théâtre du Châtelet stattfinden wird, mit Ihrer Subskription und Ihrer Gegenwart beehren werden.

Empfangen Sie meine hochachtungsvoll brüderlichen Grüße

Sébastien Brichanteau,
Schauspieler,
Mitglied verschiedener Theater Frankreichs.

 

Da das Châtelet ein städtisches Theater ist, hatte Herr Cazenave die Überlassung des Hauses für mein Unternehmen durchgesetzt, dank seinen Verbindungen mit einigen Gemeinderäten – die ich übrigens auch persönlich durch die Erzählung meines Abenteuers von 1871 eroberte – wie ich um ein kleines den Kaiser gefangengenommen und Frankreich gerettet hätte. Sie erinnern sich doch? – Da ich also das Theater hatte, blieb mir nur noch übrig, die Künstler zu gewinnen. Ich ging ans Werk.

Haben Sie den »Benefizianten« gesehen, Herr? Nein. Nun, dann lesen Sie ihn. Es ist eine Posse, wenn Sie wollen. Aber so wahr! Ewig wahr! Das Stück machte Sensation, als Potier es im April 1825 in den Variétés kreierte, um es zwanzig Tage später in Saint-Cloud vor Karl X. und seinem Hof zu spielen. Der alte Souffleur Atemlos entwickelt da, um sein Benefiz zustande zu bringen, mehr Diplomatie als Talleyrand auf dem ,... ich weiß nicht, auf welchem Kongreß, und mehr Energie als der alte Pélissier vor Sebastopol. Er läuft Herrn Kothurn, dem Tragöden, nach, er fleht Herrn Bemoll, den großen Tenoristen, an (wir müssen heute über den naiven Humor dieser Namen lächeln, die unsern Vätern komisch erschienen), er sucht Fräulein Zephirine, die erste Tänzerin, zu bewegen – der Tenor ist verschnupft, die Tänzerin ist ermüdet, der Tragöde will nach Lille, Straßburg oder Marseille reisen – das tut alles nichts, der Benefiziant stellt seinen Abend zusammen, und alles geht gut, bis, im Augenblick, da der Vorhang sich heben soll, knacks! alles zusammenstürzt, alles absagt, der Heldenvater, die Sentimentale, der Charakterspieler, der Sänger, und Atemlos gezwungen ist, ganz allein seine Benefizvorstellung zu bestreiten.

Monsieur, das Vaudeville kommt ebenso in der Wirklichkeit vor wie das Drama. Das habe ich an mir selber erfahren. Das Vaudeville kann sogar tragisch werden, und ich habe das Stück von Théaulon und Etienne unfreiwillig ins Leben übertragen, zwischen Hoffnungen und Enttäuschungen grausam hin und her geworfen.

Ich hatte mir gesagt: »Die außerordentliche Vorstellung soll zum Besten eines toten Freundes und einer lebenden Freundin gegeben werden. Sie muß wirklich außerordentlich werden, diese außerordentliche Vorstellung. Sie muß ein Ereignis werden. Sie soll zugleich meine Abschiedsvorstellung sein, und nachdem ich ein letztes Mal vor dem Publikum erschienen bin, nachdem ich, der Vergessene, mich noch einmal unter die Erfolgreichen gemischt habe, werde ich verschwinden, indem ich die Freude erfüllter Pflicht mit mir nehme, und werde mich in diese letzte Erinnerung einhüllen wie die sinkende Sonne in ihren Purpurmantel. Ebenso einfach als würdevoll.«

Dann begann ich die mühselige Reise über die Treppen meiner erfolgreichen Kollegen. Ich bin glücklicherweise gut zu Fuß und bedarf keines Aufzuges, um in die Stockwerke zu gelangen. Ich muß auch sagen, daß ich fast überall freundlich empfangen wurde. Die Kunst erweitert die Herzen, und meine Kollegen sind gute Menschen. Wenn man alles zusammenrechnen würde, was die Schauspieler im Laufe eines Jahres von ihrer Kraft, ihren Lungen, ihren Nerven, ihrem Feuer und ihrer Zeit den Armen schenken, so würde man finden, daß sie große Wohltäter sind. Man verlangt ohne Unterlaß von ihnen, und sie geben ohne Unterlaß alles, was sie können. – Ich ging also bitten, wie die andern.

Ich spielte, wie ich Ihnen schon sagte, den »Benefizianten«, ich wurde Herr Atemlos für andre. Ich beschrieb nach meinem besten Vermögen den schrecklichen, verzweifelten, herzzerreißenden Zustand Virginiens und wies auf den zweifachen edeln Zweck meines Unternehmens hin: einerseits einer in tiefstes Elend geratenen Künstlerin einige Annehmlichkeiten und Erleichterungen zu verschaffen, anderseits den letzten Restbetrag aufzubringen für die Errichtung einer Statue, die ebenso das Andenken eines toten Künstlers – der durch seine Orchestertätigkeit mit dem Theater zusammenhing – ehren, wie die Opferwilligkeit einer französischen Stadt für den Gedanken einer patriotischen Genugtuung dartun sollte. Mit einem Wort: mein Zirkular, mein lithographiertes Zirkular, aber erweitert und erläutert.

Ich sprach, wiederholte und wiederholte abermals mit einer in meiner Überzeugung wurzelnden und immer neuen Beredsamkeit dieses mein kleines Plädoyer und ich muß sagen, daß ich alle Ursache hatte, mich für erfolgreich zu halten. Ich erhielt allerdings auch mehr als einen abschlägigen Bescheid, besonders von seiten der Sänger, die mir oft mit den Worten in die Rede fielen: »Wenn es im Trocadero ist, so sage ich Ihnen gleich, daß Sie nicht auf mich zählen können.« Aber seien wir gerecht: die Sänger müssen ängstlich auf ihre Stimme acht geben, und ihre Direktoren sind oft nicht minder ängstlich als sie.

Einer sagte mir: »Ich singe nur noch in Kirchen. Ich will damit Buße tun für meine Vergangenheit.«

Er hatte keine Ursache, für seine ruhmreiche Vergangenheit Buße zu tun. Aber derlei Gewissensfragen muß jeder mit sich allein ausmachen.

Die Tänzerinnen waren liebenswürdiger. Ich hatte früher ein Vorurteil gegen die Tänzerinnen, aber ich habe es ihnen abgebeten. Sie sind nicht bloß Akrobatinnen, wie ich früher dachte. Sie haben Poesie in den Zehenspitzen. Sie sind wortlose Träume. Und ich muß sagen, daß sie ebensoviel Herz als Grazie besitzen. Nicht eine sagte mir nein.

»Für eine wahnsinnig gewordene Kollegin? Alles, was Sie wollen!«

»Für das Werk Ihres lungenkranken Bildhauers? Ich stehe Ihnen zur Verfügung!«

Gute Mädchen! So opferwillig. Und ich spreche von den berühmtesten, von denen, deren Photographien Sie in allen Schaukästen finden und deren Bilder im Salon ausgestellt sind. Die meisten von ihnen haben nicht in goldenen Wiegen geschlafen, haben harte Tage gesehen, und das Elend, das sie aus eigner Erfahrung kennen, erweckt ihr Mitleid. Also sind sie bereit zu tanzen, nicht für die Lorgnetten der Reichen, sondern für die leere Börse der Armen. Sie haben mich gerührt, die Tänzerinnen, gerührt und bezaubert. Ach, wenn ich noch zwanzig Jahre alt wäre!

Diese Besuche bei den Kollegen von Namen haben übrigens meine Kenntnis der Künstlerschaft von heute wesentlich bereichert. Ich habe dabei psychologische und praktische Studien gemacht. Mit der Bohème ist es vorbei, Monsieur. Vorbei mit den braven Komödianten des Boulevard du Temple, die sich zu gemeinsamer Wirtschaft zusammentaten, eine Junggesellenkolonie bildeten und sich in die verschiedenen Verwaltungszweige teilten, um so billiger leben zu können, wobei zum Beispiel einer von ihnen auch die Küche besorgte. Aber die Schauspieler von heute – du meine Güte! Einige von ihnen sind gute Kaufleute und können rechnen wie ein Bankdirektor.

Sie besitzen Gemäldegalerien, Tabatierensammlungen. So hat Daltimare Meisterwerke an seinen Wänden hängen, zu denen die Amerikaner wallfahrten wie in die Museen, und für die sie oft wahnsinnige Preise bieten, einmal, weil es Perlen sind, und dann, weil sie aus der Galerie Daltimare stammen. – Ein guter Junge übrigens, Daltimare. Er empfing mich in liebenswürdiger Weise und versprach mir ohne Zögern seinen Namen, seine Mitwirkung, seinen Einfluß für meine Vorstellung.

»Das ist wohl das Geringste,« sagte er mit gewinnendem Freimut, »was die Großen tun können, daß sie den Kleinen beistehen.«

Dabei hat er allerdings erstaunliche Ansichten über die Kunst.

»Man wirft uns unsre Kunstreisen vor,« sagte er, »man klagt uns an, daß wir dem Beifall der Pariser die Dollars der Amerikaner und die Piaster der Brasilianer vorziehen. Die Leute gefallen mir, die das sagen! Verkaufen nicht auch sie ihre Waren so teuer als möglich? Verlangen nicht auch die Journalisten zum Beispiel so hohe Preise für ihre Artikel, als sie erzielen können? Die Frage liegt für mich sehr einfach. Amerika: Bilder. Paris: keine Bilder. Da ist die Entscheidung nicht schwierig. Von Herzen gern will ich für Ihre armen Schützlinge tun, was ich kann, mein lieber Brichanteau.«

Gleichwohl, wenn ich die weichbelegten Stufen dieser Könige von Paris – und sie sind würdig ihres Königtums, kleinlicher Neid ist mir fremd – hinabstieg, mußte ich an die hochgestimmten Toren meiner Zeit denken, die Romantiker mit den wirren Haarmähnen, die Tapferen, die mit der harten Not des Lebens kämpften. Ich dachte dabei nicht an mich, ich schwöre es Ihnen. Ich dachte nur an die andern, die ich geliebt, bewundert habe, und denen ich mit ein wenig Glück – ach, das Glück, die feile Dirne! – vielleicht hätte gleich werden können. Ich dachte an Beauvallet, der gegen armseliges Honorar in Belleville Theater spielte und der seine Bilder (denn er war Maler) für einen Pappenstiel verkaufte, um sich Brot kaufen zu können. Beauvallet, dem ich heute alle seine Gegnerschaft verzeihe, weil er ein Künstler war, hat uns oft von seinen Anfängen erzählt. Wie er im Dezember durch schneebedeckte Straßen in dünnen Nankinghosen ins Theater ging, um den Orosman zu spielen. Wie er als Othello abging, indem er über Jago einen Bocksprung machte und zum Publikum sagte: »Auf Befehl des Rats der Zehn.« Wie er im Theater einen Sack voll Maikäfer losließ, die er im Bois de Boulogne gesammelt hatte, und so das Drama »Die Templer« durch das Flügelschwirren dieser Insekten heiter belebte. »Die Maikäfer besitzen,« sagte Beauvallet – »eine Beobachtung, die Buffon entgangen ist – große Vorliebe für das Drama.« Und diese tollen Streiche ließen einen den Hunger vergessen. Man sättigte sich an Lachen und Übermut. Die Heiterkeit ist das beste Lebenselixier.

Und Mélingue, Sohn eines Zollbeamten, Enkel eines Volontärs der Republik, der unstet umherzog, in Scheunen spielte, mit seinem Freunde Tisserant, dem künftigen Direktor des Odeontheaters, von Dorf zu Dorf wanderte, in der Winterkälte, durch Regen und Schnee, ein Tagelöhner der Kunst, der sein Brot verdiente, wie er konnte, er, der später so große und stolze Künstler! Mélingue, der nach Torschluß vor der festen Stadt Lille ankam und die Nacht in einem leeren Schilderhäuschen verbrachte, während er die vom eisigen Nordwind erstarrten Glieder seines Gefährten rieb. Mélingue, der ein mittelalterliches Beinkleid verkaufte, um am nächsten Tage den Kaffee zu bezahlen, der ihn und Tisserant erwärmte. Mélingue, der in Armantières trommelnd durch die Straßen zog, um die Vorstellung für den Abend anzukündigen. Mélingue, der auf seinem Wege nach Paris Frösche fing und sie von gutherzigen Bauern braten ließ, denen er zum Dank Verse vordeklamierte. Mélingue, der so tapfer dem Hunger gegenüber war, wie d'Artagnan gegen die Kugeln, und der den Erfolg Schritt um Schritt, Entbehrung um Entbehrung eroberte, ein Kämpfer gegen das Schicksal, ein Musketier unsrer Kunst.

Und Bocage, der, müde des Lebens als kleiner Schreiber, dem Bureau seines Notars entlief, der die Nächte damit verbrachte, seine Rollen laut zu lernen und damit seine Nachbarn um den Schlaf brachte, und der den Erfolg in Gestalt eines Portiers herankommen sah, der dem Hamlet, Othello, Cid, Horatio bedeutete, daß er sich zur Nachtzeit ruhig zu verhalten habe, damit die Leute schlafen könnten. Bocage, der einst den Buridan spielen sollte und der alle Hebel in Bewegung setzte, um im Bobino als Statist Aufnahme zu finden! – Alle diese großen Namen, alle diese großen Schatten – meine Jugend und ihre Götter – tauchten vor meinem Geiste auf, während ich die Wohnungen meiner jungen Kollegen von heute betrat, mit ihren den Boudoirs in Trianon gleichenden weißen Salons und den mit Bildern und Kunstgegenständen bedeckten Wänden und Kaminen.

Oh, für manche ist es ein einträglicher Beruf, dieses harte Metier des Schauspielers, der sein Gehirn zermartert, um das Richtige zu finden und zu erfassen, der sein Gedächtnis überladet, der die Nächte damit hinbringt, Rollen zu lernen, zu verschlingen, die er bald wieder vergessen muß. Ich wiederhole Ihnen, daß nicht eine Spur von Neid in mir lebt. Nicht eine Spur. Ich bin nicht glücklich, nein, aber ich kenne viele, die unglücklicher sind als ich. Ich finde nur, daß das Leben für diese Neuen des kleinen Tropfens Bitterkeit ermangelt, der es erst schmackhaft macht. Sie sind zu schnell angelangt und auf zu glatten Wegen. Sie haben es zu bequem gehabt. Entbehrung, Entbehrung, die du mir so viel Nagen in den Eingeweiden, so viel Magenknurren verursacht hast, du bist vielleicht die beste Würze eines Künstlerlebens. Wenn man dich erst gründlich gekostet hat, dann ist jedes Stück Butterbrot himmlische Speise!

Mehr als einen Künstler gab es auch, der, indem er mir seine Mitwirkung zusagte, hinzufügte: »Diese Gelegenheit wird sich vorzüglich dazu eignen, um ein Stück von mir aufzuführen.«

»Von Ihnen, verehrter Meister?«

Schließlich – warum nicht? Wer zu interpretieren versteht, muß wohl auch zu schaffen verstehen.

Andre wieder benutzten den Anlaß, um mir zu sagen: »Ich stehe Ihnen zur Verfügung, jedoch unter der Bedingung, daß ich diese oder jene große Rolle spiele, die mir mein Dummkopf von Direktor nicht geben will, unter dem Vorwand, daß er ›sich mich nicht darin vorstellen kann‹.«

Die Frauen verlangten Célimène; die Männer Ruy Blas oder Alkest. Montdidier verlangte den Rysoor im »Vaterland«. Ich glaub's ihm gerne; es ist ein Meisterwerk.

Man wundert sich darüber, daß wir um jeden Preis gewisse Rollen spielen wollen, die uns bezaubern. Célimène oder Silva, wenn man Frau und erste Kokette ist, Alkest oder Hernani, wenn man Mann und erster Held ist. Gibt es aber etwas Natürlicheres? Wenn man, und sei es auch nur an einem Abend, Célimène oder der Misanthrop gewesen ist, so ist man es fürs ganze Leben. Nichts, nichts auf der Welt, nichts kann es einem mehr nehmen, daß man das »gewesen ist«. Wenn man auch gestürzt ist, man hat doch an einem Abend an die Sterne gerührt, einen Abend die Krone getragen. Wenn Napoleon auch Gefangener auf St. Helena war, so hatte er darum doch nicht minder die Schlacht bei Friedland gewonnen. Kein Hudson Lowe, kein Mensch der Welt konnte ihm das wegnehmen. Célimène, Hernani, das sind unsre Friedland. Und die Siege der Kunst haben noch den edeln Vorzug, daß sie keines Menschen Blut kosten. Sind nicht auch Sie dieser Ansicht?

Um also wieder auf meine Vorstellung zu kommen: es war mir gelungen, ein sehr schönes Programm zusammenzustellen. Das städtische Theater Châtelet würde nicht oft einen solchen Abend gesehen haben. Tänze, Gesang, Lustspiel, Monologe, ein Akt der »Burgraves«, dargestellt von mir, Dorfeuil und Richardet, die Oper, die komische Oper, die Comédie Française, die Variétés – kurz alles, was gut und teuer ist. Ich hatte den Druck der Plakate aufs sorgfältigste vorbereitet, denn ich kenne die sehr natürliche Empfindlichkeit der Künstler. Man wirft ihnen ihre Eigenliebe vor. Aber man übersieht dabei, daß sie durch die geringste Zurücksetzung an einem Abend das in Jahren errungene Terrain verlieren können.

Ich hatte also wohl acht, keinen Verstoß in der Rangordnung meiner Mitarbeiter zu begehen. Oper und Comédie nach den Gründungsjahren, ihre Mitglieder nach der Anciennität. Das war einfach und sicher. Aber die andern! Da lag die Schwierigkeit. Drei Stunden nach dem Erscheinen des Plakats auf den Anschlagsäulen regnete es Proteste in Telegrammen und Rohrpostbriefen:

»Es ist nicht meine Gewohnheit, meinen Platz nach Fräulein Stella von den Bouffes zu finden. Ich bitte Sie, meinen Namen zu streichen. – Emma Roger, Mitglied der Folies-Dramatiques.«

»Herr Brichanteau, ich glaubte, daß die dramatischen Künstler mehr Gewicht für Sie besäßen als die Sänger. Ihr Programm beweist das Gegenteil. Lassen Sie Ihre Tenore im Drama spielen. Ich werde in den ›Burgraves‹ nicht mitwirken. – Dorfeuil.«

Die »Burgraves«! Ich hatte sie nach »Mignon« angesetzt, weil ich selbst darin spielte. Ich hatte es aus Bescheidenheit getan. Aber Dorfeuil verstand mich nicht. Ich hatte keine Zeit mehr, einen andern Job zu finden. Aus war's mit den »Burgraves!«

Ich antwortete Brief auf Brief, Depesche auf Depesche. Ich trachtete die Abtrünnigen wiederzugewinnen, die Flüchtlinge zurückzuhalten. Aber die Depeschen folgten einander mit unheilvoller Regelmäßigkeit. Der Tenor hatte eine Halsentzündung – »Mignon« mußte wegfallen. Mein Monologist entschuldigte sich; er mußte in die Provinz reisen, um zu einem wohltätigen Zweck zu spielen. Die »Pavane«, die eine Glanznummer hätte werden sollen, fiel ins Wasser gleich den »Burgraves«. Die Tänzerin hatte sich den Fuß verstaucht. Eine Epidemie, Monsieur, eine förmliche Epidemie verheerte, verwüstete, vernichtete, demolierte mein Programm.

Da entwarf ich denn ein andres, improvisierte ein neues Plakat. Jeden Morgen kündigte ich eine andre Galavorstellung an. Der Drucker sagte zu mir: »Aber mit diesen fortwährenden Änderungen werden Sie sich ja in Setzerkosten zugrunde richten!« – Die Änderungen übten übrigens einen unheilvollen Einfluß auf den Kartenvorverkauf aus. Zu Anfang war die Nachfrage lebhaft gewesen. Die Kassiererin war voll Zuversicht. Die Kartenhändler, die Schwalben des Erfolges, strichen um das Châtelet. Aber in dem Maße, als die Depeschen mich zwangen, meine Plakate zu ändern, flatterten diese Schwalben davon, der Kartenverkauf stockte, und die Kassierin wurde skeptisch.

Was tun? Die Vorstellung verschieben? Die Heilung des verstauchten Fußes abwarten, um die »Pavane«, die der Halsentzündung, um »Mignon« geben zu können? »Krankheitshalber aufgeschoben.« Gut, aber wie sollte ich die wenigen Gutwilligen, die mir treu geblieben waren, dann wieder bereit finden? Und würde mir das Châtelet noch einmal zur Verfügung gestellt werden? Überdies schritt die Saison vor. Schon war der Grand-Prix in bedrohlicher Nähe. Nach diesem großen Tage leert sich Paris. Und Cazenave schrieb mir, daß, wenn die Stadtväter von Garigat-sur-Garonne nicht den fehlenden Betrag für die Aufstellung des Römers erhielten, sie diese Aufstellung ad calendas graecas verschieben würden. Und endlich bedurfte Virginie dort in der Anstalt der kleinen Annehmlichkeiten, die meine Treue ihren Leiden schuldete. Außerdem hatte ich die Vorstellung für den bestimmten Tag fest zugesagt. Ich wollte unbedingt und unter allen Umständen mein Wort halten. Brichanteau hat das noch immer getan.

Und der bestimmte Tag kam heran – der 31. Mai. Ich werde ihn nie vergessen. Ich muß anerkennen, daß die Zeitungen die Vorstellung in wohlwollender Weise angekündigt hatten; mein Freund, der ehemalige Reporter und jetzige große Journalist, widmete mir bei dieser Gelegenheit sogar einige Epitheta, die mich zugleich erfreuten und melancholisch machten: »Ein gealterter, aber vortrefflicher Künstler ,... Ein unermüdlicher Kämpfer für das nationale Drama ,... Ein glorreicher Verkannter ,...« und solcher und weniger guter Bezeichnungen mehr. Die Plakate waren riesig auffallend gemacht, um den Erfolg herbeizuführen, und trotz der willkürlichen und unwillkürlichen Desertionen hatte ich noch Namen, blieben mir noch genug Namen, um eine große Einnahme zu erzielen.

Aber alles verschwor sich gegen mich, alles – die Elemente und die Menschen.

Ich hatte auf Regen gehofft. Aber die Sonne, die unbarmherzige, sengende Sonne, erhob sich an diesem Morgen in strahlender Pracht. Das Thermometer kletterte gerade an diesem Tage zu hundstagsmäßiger Höhe hinauf. Man hatte viel mehr Lust ins Bad als ins Theater zu gehen. Die Trottoirs glühten wie erhitzte Ofenplatten. Und die Folge war natürlicherweise, daß es wieder Depeschen regnete, teils ins Châtelet, teils in mein bescheidenes Heim in Batignolles. Es war der einzige Regen an dem Tage. Aber er fiel dicht.

Die »Namen« schmolzen zusammen wie Schnee. Ich hatte zwölf am Abend des 29., am 30. nur noch sieben. Am Morgen des 31. blieben mir nur drei. Ich blickte betrübt auf mein so mühselig zusammengestelltes Programm. Neun – neun Namen fehlten mir! Die Zahl der Musen!

Aber ich gab mich trotz alledem nicht besiegt. »Sie lassen dich im Stiche, Brichanteau? Sie halten das Versprechen nicht, das sie dem Schatten Montescures und den Überbleibseln Virginiens gegeben? Gleichviel, noch bist du da, noch stehst du auf deinem Posten, treu deiner Pflicht! Vervielfältige dich, Brichanteau, und zeige dem Publikum, daß ein willenskräftiger und findiger Mann allein eine ganze Schar von Mitwirkenden ersetzen kann, besonders, wenn sie nicht da sind!«

Wenn mir nur das Publikum treu blieb, so war alles andre Nebensache. »Ich, sag ich, und das genügt!« Ich werde Verse sprechen, ich werde einzelne Szenen spielen, ich werde im Notfall die Szenen aus dem »Alten Korporal« pantomimisch darstellen, da die Pantomime wieder in die Mode kommt. Ich konnte einige realistische Szenen meines alten Kollegen Henri Monnier. Die wollte ich sprechen, und das Publikum sollte sehen, daß der Realismus nicht von heute datiert. Auch wir konnten realistisch sein, wenn es not tat, nur aber waren wir es mit Herz! – Kurz, ich war entschlossen, ein Proteus der Bühne, alles zu spielen, um Montescures und Virginiens willen.

Und das Publikum würde es mir Dank wissen. Aber, das war's eben: das Publikum kam nicht! Es kam nicht, das Publikum! Der weite Zuschauerraum des Châtelet hatte, als ich hineinblickte, das Aussehen eines großen leeren Schiffes. Einige besetzte Logen, einige spärliche Zuhörer im Parkett, der Balkon ein wenig garniert, die Galerien leer. Nur das Parterre war voll: es war von der Claque besetzt. Man brachte mir den ersten Kassenrapport!

»2780!«

Mit den allgemeinen Spesen, den Wagen und den im voraus bestellten Buketts für die Künstlerinnen (das ist man doch den Damen schuldig, nicht wahr?) waren 2780 Franken so gut wie nichts. Eine Katastrophe! Ich fragte mich sogar, ob ich nicht schließlich aus meiner Tasche würde draufzahlen müssen. Und der Inhalt meiner Tasche – du lieber Gott! Er würde mich nicht auf den Grund gezogen haben, wenn ich ins Wasser gefallen wäre.

»2780!«

Armer Montescure! Arme Virginie!

Aber was half's? Es galt nun, den Kopf hochzuhalten, trotz allen Mißgeschicks, und für die wackeren Leute zu spielen, die Vertrauen zu Sébastien Brichanteau gehabt hatten und seinem Rufe gefolgt waren. Es war eine kleine, aber gewählte Schar, diese edeln Herzen, diese feinen Kenner, diese Ausdauernden, diese Treuen. Sie hatten mir ihr Geld gebracht – nicht in Mengen allerdings, aber was tat das? Sie hatten für ihr Geld Rechte erworben. Und so oft eine neue Depesche mir eine neue Entschuldigung brachte, trat ich vor, um dies anzukündigen, und um mich, bescheiden, aber entschlossen, zu erbieten, die Lücke zu füllen, die Bresche zu schließen.

»An Stelle des ›Corsetier‹, des angekündigten Monologes, wird Ihr ergebener Diener die Ehre haben, ›Der Streik der Schmiede‹, Gedicht von François Coppée, zu deklamieren, meine Damen und Herren!«

Das Publikum erhob keine Einwendung bei der ersten Ankündigung. Es applaudierte sogar. Es murrte ein wenig bei der zweiten. Bei der dritten wurde es böse. Aber bei der vierten nahm es die Sache von der heiteren Seite und zollte mir sogar lebhaften Beifall, als ich, endlich den Stier bei den Hörnern fassend, erklärte, daß ich, um die Geduld des Publikums nicht zu ermüden, hiermit zugleich für alle folgenden Nummern ankündige, daß ich für alle Abwesenden, für alle Absagenden einspringen würde.

»So daß, meine Damen und Herren, das Programm an Einheitlichkeit gewinnen wird, was es an Abwechslung verliert!«

Und ich hatte die Geistesgegenwart, hinzuzufügen: »Wie schön wäre es, wenn es auch die politischen Parteien so halten würden!«

Damit hatte ich gewonnenes Spiel. Mit einem guten Einfall erobert man ein Publikum. Ich hatte das Haus in der Hand. Die Vorstellung war gesichert. Wenn man mich nun wieder erscheinen sah, nahm man sich nicht einmal mehr die Mühe, auf dem Programm den Namen des Fehlenden zu suchen. Es bestand nunmehr ein stiller Pakt zwischen dem Publikum und mir. Ich war der große Stellvertreter, so wie ich der große Gonfaloniere in den »Schrecken von Venedig«, einem ungedruckten Drama, das ich in Valparaiso kreierte, gewesen war.

Und wenn ich an dem Nachmittag des 31. Mai nicht heiser geworden bin, so kommt dies daher, daß meine Stimme noch nichts von ihrer Kraft und ihrem Metall verloren hat. Ich habe damals im Châtelet ein Quantum rezitiert, das vierzehn Akten in zwölffüßigen Versen gleichkam. Satiren, Sonette, Elegien, Monologe, Dramenfragmente – alles habe ich vorgetragen. Alles, was mein Gedächtnis an edelm Stoff bewahrt hatte, bot ich der Menge dar. Wenn ich sage Menge, so verstehe ich darunter die Elite, die mir die 2780 Franken gebracht hatte. Ich holte meinen ganzen Vorrat hervor. Ich war ermüdet, aber nicht erschöpft. Ich spielte, ich kam, ich ging, ich schritt die gewaltige Bühne hinauf und hinab, ich schrie, ich deklamierte, ich weinte! ,... Die 2780 Franken waren nicht gestohlen, bei meiner armen Seele!

Ach, was half mir all dieser Mut! Als die Vorstellung zu Ende war und ich mit dem Kassier die Rechnung zusammenstellte, war ich im Defizit. Ich wußte wohl, daß die Autoren zugunsten des wohltätigen Zweckes auf ihre Tantièmen verzichten würden. Auch die Armenverwaltung würde wohl die ihr gebührende Abgabe ermäßigen. Trotz alledem gähnte mich das schreckliche Gespenst des Defizits an. Wenn es mir gelang, meine Auslagen für Druckkosten, Wagen, Buketts wieder hereinzubekommen, so war dies der günstigste Fall. Aber kein Stein blieb für den Sockel des Römers, keine Tüte Tabak für die einst so rosigen Nüstern Virginiens.

Ich befand mich im Zimmer des Regisseurs, die Augen auf diese schrecklichen Ziffern geheftet und sie nach allen Richtungen hin und her wendend – ach, die Kunst, gezwungen, mit schnödem Gelde zu rechnen! – als ein leichtes Klopfen an der Tür erscholl.

»Wer ist da?« rief ich.

»Herein!« fügte der Regisseur hinzu.

Und im Rahmen der Tür erschien ein kleiner, alter Mann, ganz vertrocknet und verrunzelt, aber zierlich und sauber gekleidet, der mit ausgestreckten Händen auf mich zukam und ausrief:

»Bravo, bravo, mein alter Brichanteau! Welch eine Stimme! Welch tapferer Mut! Welch eine Seele! Ja, das können nur wir, wir Alten, die wir aus kernigem Holze sind! ,... Du erkennst mich nicht?«

Ich suchte in meinem Gedächtnis und es schien mir, als fände ich in diesem kleinen, runzeligen Gesichte bekannte Züge, aber die ferne Erinnerung wollte nicht klar werden.

»Lanteclave!« rief er aus. »Wie, so hast du Lanteclave vergessen?«

Er hatte kaum diesen Namen ausgesprochen, als meine ganze Vergangenheit vor mir aufsprang und ich ihm um den Hals fiel. Lanteclave! Mein Kollege eben in den Célestins. Ein Gefährte aus der schönen Lyoner Zeit!

»Ich glaubte, du seiest tot, mein lieber Alter!« sagte ich.

»Ja, stirbt man denn?« erwiderte er lächelnd. »Ich habe wohl etwas dergleichen gehört, aber ich glaube kein Wort davon. Pessimistische Einbildungen!«

Er war immer ein fröhlicher Geselle gewesen. Alt, mager, trocken, bewahrte dieser kleine Bordelaiser Rebenstock immer noch etwas von seinem Saft.

Er hatte der Vorstellung beigewohnt. Er hatte ein Billett genommen, hatte applaudiert und applaudiert und mich immer wieder herausgerufen. Er war ein gutes Publikum und ein guter Kamerad, Lanteclave.

»Aber,« sagte er, »was mich ärgert, das ist, daß du nur ein halbvolles Haus gehabt hast, was, armer Freund?«

Ich nickte trübselig:

»Ach ja, wenn ich nur ein halbvolles Haus gehabt hätte!«

Ich reichte ihm den Rapport:

»Ich muß aus meiner Tasche draufzahlen, alter Freund, und meine Tasche hat ein Loch.«

»O weh!« sagte der kleine Mann. »Armer Brichanteau! Arme Virginie!«

»Ja, ja,« erwiderte ich, »du magst sie beklagen, denn ich – ein Taler mehr oder weniger, was liegt daran! Aber richtig, Lanteclave, Virginie ,...?«

»Nun, Virginie?«

»Sie war ja auch deine Direktorin?«

Lanteclave lächelte, und in einem Winkel seines Auges schimmerte etwas Spitzbübisches.

»Jawohl,« erwiderte er, »sie war auch meine Direktorin. Du erinnerst dich wohl der Célestins? Was für ein Vieh ihr Mann war! Hör einmal, Brichanteau, wenn es der Armen an etwas fehlt, und wenn die Vorstellung keinen Ertrag gegeben hat, so erlaube mir, ihr die Unterstützung zu widmen, auf welche ich nach Paragraph 34 der Statuten der Bühnenkünstlergenossenschaft Anspruch habe. Wackere Genossenschaft, wackerer Baron Taylor! Man kann beitreten, nachdem man ein Jahr Schauspieler gewesen ist, man zahlt einen Franken monatlich, und man hat das Recht auf eine Unterstützung nach einjähriger Mitgliedschaft, abgesehen von der Pension von fünfhundert Franken. Kurz, eine fürstliche Apanage!«

»Wenn auch keine fürstliche Apanage,« sagte ich leise, »aber Brot für seine alten Tage. Ich hätte der Genossenschaft beitreten sollen. Die Trotzigen haben unrecht.«

»Nun denn,« schloß Lanteclave, »die Unterstützung, auf die ich ein Recht habe – fünfzig Franken – und meine Pension für dieses Jahr widme ich den Zwecken deiner Vorstellung. Ich widme sie deinem Montescure und« (derselbe spitzbübische Schimmer erhellte seine kleinen grauen Augen) »deiner Virginie, unsrer Virginie.«

Er hatte dieses »unsre« zweifellos »mit Beziehung« ausgesprochen, wie man auf dem Theater sagt.

Unsre Virginie? Was wollte er damit sagen? Ich hatte (wie kindisch bei meinem Alter!) eine Art Angst, ihn zu fragen. Aber er ließ mir dazu auch gar keine Zeit.

»Ich darf dir alles sagen, Brichanteau?«

»Gewiß.«

»Du wirst nicht böse werden?«

»Warum sollte ich böse werden?«

»Übrigens ist auch Verjährung eingetreten ,...«

»So mach doch, mach!«

Er fing an, mich zu ärgern.

»Nun denn, in Lyon, du erinnerst dich doch?«

»Ob ich mich erinnere!«

»Das Théâtre des Célestins?«

»Natürlich.«

»›Gentil Bernard‹?«

»Ja, ja, ja!«

»Du erinnerst dich wohl, daß die Direktorin manchmal, wenn du sie gegen Perrache zu erwartetest, dir sagte, daß sie einen schlechten Zahn habe und sich beim Zahnarzt verspätet habe?«

»Ob ich mich erinnere!«

»Weißt du, Brichanteau, sie hatte ebensowenig einen schlechten Zahn wie du. Der Zahnarzt, mein Lieber, der Zahnarzt ,...«

Und immer der spitzbübische Schimmer im Auge.

»Der Zahnarzt warst du!« rief ich aus.

Er hatte den guten Geschmack, mir, indem er es eingestand, zu versichern, daß Virginie die Ordinationszeit bei ihm damit verbrachte, daß sie ihm immer wieder beteuerte, daß sie mich innig liebe und daß sie nicht wisse, warum sie mich betrüge. Vielleicht nur darum, weil Lanteclave die Lieder Bérangers so hübsch sang.

Ich wurde nicht böse, lieber Herr. Es wäre albern gewesen, um eines längst verjährten Verrates willen den Degen zu ziehen, den Othello zu spielen gegen eine Ungetreue, die im Irrenhause zu Villejuif eingeschlossen war, die Ärmste! Gleichviel. Es schien mir doch bitter, daß ich so viele Treppen erklettert und, ohne Benefiz, den »Benefizianten« gespielt hatte, um als schließliches Ergebnis die Entdeckung zu machen, daß selbst dieser vergangene Traum, dieser letzte kleine holde Traum eine Seifenblase war, die gleich den andern platzte.

Virginie! Frétillon, die zierliche Frétillon, die mir geschworen hatte, daß sie nur ein Wesen auf dieser Welt je geliebt habe, und das sei ich – und die es mir beim Haupte ihres Vaters geschworen hatte! Das Haupt ihres Vaters muß was Hübsches mitgemacht haben!

Schließlich, da es nun einmal unabwendbar ist, daß man betrogen werden muß, so ist es mir noch immer lieber, daß ich es durch Lanteclave wurde als durch einen andern. Er war wenigstens zierlich, sauber appetitlich, der kleine Südländer. – Ihr Zahnarzt! Trotz allem und allem, wenn ich daran denke! Ihr Zahnarzt!

Ach, wie so schade
Um ihre Rundlichkeit,
Ihre zierliche Wade
Und die vergangene Zeit!
– – – – – – –

Dies ist mein letztes Abenteuer, Monsieur, und ich lasse es nun dabei bewenden. Man wird mich nicht mehr auf den Brettern sehen. Platz den Jungen! Virginie wird ihren Schnupftabak und ihre Schokolade haben; aber es müßte mit Wunderdingen zugehen, wenn Garigat-sur-Garonne jemals mein Bildnis, meine Statue sehen sollte. Der Gießer ist noch nicht bezahlt. Ich bleibe im Schuppen, verpfändet, ins Gerümpel geworfen, verstaubt, vergessen. Der neue Gemeinderat findet, daß ein Römer sehr banal sei, und daß die Kriegsidee zu verherrlichen, ein Attentat auf das Ideal einer brüderlichen Vereinigung aller Völker bedeuten würde.

So sei's denn, schnür dein Bündel, Brichanteau! Und wenn du mit einer schlechten Einnahme abschließest, so endigst du doch wenigstens nicht mit einer schlechten Handlung!

*

Und als ich ihm sagte, daß er ein wackerer Mann sei, der das Herz auf dem rechten Fleck habe, erhob sich Sébastien Brichanteau von der Bank, auf der wir saßen, und erwiderte, den Kopf aufrichtend:

»Es ist wahr, daß man eine polizeiliche Nachforschung in meinem menschlichen und künstlerischen Gewissen anstellen könnte, ohne etwas Gemeines zu finden. Ich fürchte nicht die Späherblicke der Sbirren. Aber denken Sie nur ja nicht daran, mir einen Tugendpreis oder auch nur ein Diplom zu geben. Damit wäre ich hoffnungslos lächerlich gemacht. Ich kannte einst einen Schauspieler namens Moessard, der Talent hatte. Ich weiß nicht, welche schöne Tat er außerhalb seines künstlerischen Berufes zu begehen so unklug war. Die Akademie verlieh ihm einen Tugendpreis, und von dem Tage ab war der arme Junge nur noch der »tugendhafte Moessard« in den Zeitungen und konnte dieses Epitheton nicht mehr abschütteln. Spielen Sie da nun Verführer- oder Verräterrollen, wenn Sie der ›tugendhafte Moessard‹ sind! Nicht zu viel Lob, Monsieur! Für den sterbenden und für den toten Montescure, ebenso wie für die wahnsinnige Virginie habe ich nur getan, was jeder Mann von Herz getan hätte. Hilfsbereitschaft liegt in meiner Natur.

Und nun, addio! Die schönen Träume sind entflohen. Das Theater hat mir Illusionen gegeben in meiner Jugend, in meinem Alter soll mir nun das Velodrom Brot geben!«

Ich schritt mit ihm gegen die Avenue Velasquez zu, und die sinkende Sonne warf den vergrößerten Schatten des alten Schauspielers auf den Sand des Weges. Ich blickte um mich auf die fröhliche Szenerie dieses Erdenwinkels, des Monceauparks, der erfüllt war von Kindergeschrei und Vogelgesang, von Luxus und Leben. Das untergehende Tagesgestirn warf das Gold seiner Strahlen in Streifen auf die Alleen, in Tropfen durch das Laubwerk der Bäume, in breiten Flächen auf den grünen Samt der Wiesen mit den gelben Pünktchen der Butterblumen und den weißen der Gänseblümchen.

Und Brichanteau blieb von Zeit zu Zeit stehen, um das, was er sah, in einer pittoresken Bemerkung in Beziehung zu sich selbst zu bringen.

Indem er auf den Schlangenbeschwörer deutete, um dessen Flöte sich die Viper ringelt, und dessen eigner Leib von der warmen Sonne vergoldet wurde, sagte er kopfnickend:

»Bezauberer der Schlangen, Bezauberer der Menschen, fürchte das Gift der Reptile!«

Dann wies er auf einige Veteranen mit grauen Schnurrbärten und roten Bändchen im Knopfloch, gewesene Offiziere, die, auf einer Bank sitzend, von vergangenen Schlachten sprachen, indem sie mit den abgenutzten Enden ihrer Stöcke strategische Linien in den Sand zogen:

»Auch dies sind glorreich Besiegte,« sagte er.

Ein alter Maler mit breitem Filzhut saß gebückt auf einem Klappstuhl und malte ein Aquarell nach einer Gruppe roter Rosen, während neugierige Jungen ihm über die Schulter sahen.

»Dieser da,« sagte Brichanteau, »glaubt vielleicht auch noch, daß er die Sterne herunterholen wird!«

Und mit einem schwachen Lächeln fügte er hinzu:

»Bankrotteure der Armee, Bankrotteure der Malerei, Bankrotteure des Theaters! Man könnte ein Armeekorps aufstellen aus den Besiegten des Lebens, welche ihre Niederlage nicht verdient haben!«

Aber er sagte es in bittererem Ton als gewöhnlich, in der strahlenden Schönheit dieses Juniabends, er wurde traurig angesichts der neuen Jugend dieses köstlichen Parkes, durch den, bewegliche Blumen, die Kinder in roten und hellen Kleidchen, mit Strohhüten und blauen Matrosenkragen flatterten, wo der weiße Hagedorn, die Azaleen, die Tulpen ihre fröhliche Farbenpracht auf dem grünen Grunde des Rasens entfalteten.

Die so oft vom Licht der Lampen angestrahlten Augen des alten Schauspielers schienen, ehe sie in das Halbdunkel seiner Wohnung in Batignolles zurückkehrten, all diese bunte Freude, all dieses neue, blühende Leben in sich aufsaugen zu wollen.

Ehe er mich verließ, sagte er noch, indem er den Park mit einer Gebärde umfaßte:

»Eine schöne Dekoration für ein Drama aus der Zeit Ludwigs XV. Ich habe den Regenten vor Dekorationen gespielt, die sich nicht mit diesen Bäumen messen konnten. Denn auch ich habe die roten Hacken getragen! Ach, der Regent in ›Mademoiselle Aïssé‹ von Bouilhet! Louis Bouilhet, der letzte Romantiker! Der letzte – mit mir!«

Ein trübes Lächeln, ein Händedruck, ein letzter Gruß. Und wie durch eine Kulissentür schritt Brichanteau durch das Gitter gegen die Avenue Velasquez hinaus.

Ich folgte ihm mit den Augen. Aufgerichtet, mit stolz getragenem Kopfe, ging er langsamen Schrittes den Boulevard des Batignolles entlang, manchmal vor sich hinnickend, manchmal stehen bleibend, um mit seinem vornehm-geringschätzigen Ausdruck auf das Gewirr der Wagen, Tramways und Omnibusse zu blicken, deren Rasseln seine Ohren erfüllte, ohne seine Gedanken beeinflussen zu können. Dann sah ich ihn in der Ferne sich gegen seine Wohnung wenden, ein lebender Schatten, verschwunden in der Menge, verschluckt von dem tosenden Strudel des großen Paris.

Aber findet er zu Hause nicht vielleicht in einer Lade irgendeine Locke, eine vergessene Photographie – auf den Weichholzbrettern seiner armseligen Bibliothek unter verdorrten Kränzen nicht einen alten fleckigen Band von Victor Hugo, oder selbst ein abgegriffenes Theaterbuch von Bouchardy?

Seine ganze Jugend! Die Liebe und der Ruhm, seine Träume!

Und in Gesellschaft dieser Phantome, wer weiß, ist er vielleicht glücklich, Sébastien Brichanteau, französischer Schauspieler, Mitglied aller Theater Frankreichs!

*

 

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