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Brichanteau, der Mime

Jules Claretie: Brichanteau, der Mime - Kapitel 11
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authorJules Claretie
titleBrichanteau, der Mime
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
yearo.J.
printrun
translatorLeopold Rosenzweig
correctorJosef Muehlgassner
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10. Irrsterne

Shakespeare! Ich sprach keine Unwahrheit, als ich Lady Maud auf der Schloßterrasse von Pau sagte, daß es meine Sehnsucht wäre, Shakespeare zu spielen. Ich habe mir übrigens diesen Genuß vergönnt und habe ihn zwischen zwei Melodramen von Pixérécourt, Bouchardy oder d'Ennery gespielt. Aber ein solcher Phantast ich auch bin, darf ich doch nicht ungerecht gegen unsern Molière sein. Ich bin auch Molierist, Monsieur. Molière und Shakespeare, das sind die beiden Pole unsrer Kunst. Molière ist der klarere, Shakespeare der stürmischere. Ich möchte sagen, der große Will und der große Poquelin sind die Großväter des Theaters; zwischen ihnen stehen Racine und Corneille, die ich wieder, wie jener Kritiker, dessen Namen mir entfiel, charakterisieren möchte: Racine ist der weiblichere, Corneille der romanischere, Corneille ist der Vater, Racine die Mutter. Verstehen Sie, wie ich es meine?

Ich habe sogar, wie ich gestehen muß, eine Weile Shakespeare für Molière geopfert. Ich habe eine starke Molieritis gehabt. Das war, als ich, in dem Gefühl, daß mir im Vaterlande der Boden unter den Füßen wich, daran dachte, vom Auslande das Brot des Ruhmes zu begehren. Der Amerikaner Duncan sagte zu mir: »Im Norden zieht das französische Melodram nicht. Sie könnten Ihr Repertoire in Brasilien, in Peru, in Argentinien spielen. Aber der Norden liebt das Heitere. Wollen Sie Molière spielen?«

Welche Frage! Ich spiele alles. Die Rollenfächer sind Ketten, die den künstlerischen Temperamenten von Mittelmäßigkeiten auferlegt wurden. Molière spielen? Hatte ich ihn denn nicht im Konservatorium unter Beauvallet gelernt und gespielt? Ich hatte sogar als Alkest eine der halbjährlichen Prüfungen bestanden. Man kann ganz ebenso gut in einem Monolog aus dem »Geizigen« phrasieren und deklamieren, wie in den Versen des »Cid«. Beauvallet, der sich meiner vermutlich entledigen wollte, indem er mich dem Lustspiel zuschob, fand sogar, daß ich gut spielte. »Sie wissen gar nicht,« sagte er mir oft mit seiner massigen Stimme, »wie komisch Sie sind. Sie sind ein unbewußter Komiker, Brichanteau.« Ich dachte mir: ›Er ist eifersüchtig. Er hat Furcht.‹ Vielleicht täuschte ich mich aber. Ich frage mich oft, ob mein Professor nicht recht hatte.

Wie gesagt, ich antwortete also Herrn Duncan, Molière, das sei nicht minder mein Fall. Er wollte ein heiteres Repertoire. Er solle ein heiteres Repertoire haben.

»So heiter als nur möglich,« sagte mein Yankee.

»Sie wollen doch nicht etwa, daß ich Chansonetten singe?«

»Ei, ei,« erwiderte er, »das wäre nicht so übel.«

Ich sang keine Chansonetten, aber ich warf mich wieder auf Molière. Ich versuchte mich zuerst in Chartres in »Die Schule der Frauen«. Großartiger Erfolg. Ich stellte ihnen einen Arnulph hin, der einen Schwung hatte wie ein Don Diego. Das Genie ist übrigens nur eines. Alkest ist ein Othello, dessen Jago Arsinoe heißt. Diese geistesverwandten Titanen wissen alles. Ein alter Fechtmeister hat mir einmal gesagt, daß die beste Fechtlektion die ist, die der Lehrer im »Bürger-Edelmann« Jourdain gibt. Und so ist es auch. Wo habe ich gelesen, daß Shakespeare den Wahnsinn so gründlich studiert hat wie Charcot? Das ist unbestreitbar. Vergleichen Sie ferner die Ratschläge, die Molière im » Impromptu de Versailes«, mit denen, die Shakespeare im »Hamlet« den Schauspielern gibt. Wie schade, daß sie nicht beide Professoren am Konservatorium gewesen sind. Sie hätten die alte Methode des Unterrichts umgestoßen. Ich stellte also einen Shakespearischen Arnulph dar. Aber ich bewahrte Molière seinen gallischen Charakter. Ich flößte Schrecken ein, indem ich mir vor Agnes die Haare ausriß, aber ich erweckte auch Heiterkeit. Und der große Molière nahm mich so gefangen, daß ich eine Zeitlang ungerecht gegen Shakespeare wurde. Ich sah nichts als Molière. Ich wurde ein Poquelin-Chauvinist. Ich sagte zu den jungen Schauspielerinnen, die ich von Modelaffen umschwärmt sah:

»Schenkt euer Herz nur einem, Kinder. Liebet Molière! Der betrügt euch nicht.«

Ich für meinen Teil verdanke ihm zum mindesten, daß Herr Duncan mich engagierte und daß dadurch meine erste Kunstreise zustande kam – eine Freude der ich hatte entsagen müssen, als die Rachel es ablehnte, mich in ihre Truppe aufzunehmen. Oh, diese Reisezeit nach den vielen Jahren in der Provinz!

Jawohl, natürlich, ich habe Kunstreisen gemacht wie alle Welt. Die Kunstreise ist die Probe auf die Popularität. Wenn das Vaterland einem Ruhm gegeben hat, so verlangt man Urlaub von ihm und geht ins Ausland, um sich dort den Ruhm sanktionieren zu lassen. Sie glauben vielleicht, das Ausland verstehe nichts? Es besitzt oft mehr Feingefühl als wir, und ich habe in Südamerika Erfolge errungen, für welche die blasierten Gecken der Boulevards kein Verständnis besessen hätten. Ja, ich habe die Seelen der Romanen in Mexiko und die der Angelsachsen in Neuyork vibrieren machen. Es war eine schöne Zeit.

Wie oft sagte ich bei mir:

»Wenn man bedenkt, daß man mich in Frankreich nicht immer verstanden hat!«

So zum Beispiel hat man mich in Mont-de-Marsan als Marino Faliero ausgepfiffen! Und dieser selbe Marino Faliero war einer meiner Triumphe in Valparaiso. Ich wurde an dem Abend achtzehnmal gerufen. Achtzehnmal! Im fünften Akt geriet das Haus außer Rand und Band, wie ich, nachdem ich meine Verdammung durch den Patrizier Leoni, einen der Zehn, gelesen, ausrief:

»O Himmel meiner Heimat, teure Ufer,
Ihr Wellen, die so oft mein Blut gerötet,
Auf denen heut Venezias Patrizier,
Wär' ich nicht, an Galeerenrudern keuchten,
Vernehmet meiner Stimme Abschiedslaute!«

Ich hatte allerdings eine ganz eigne Art, diese Patrizier zu malen, wie sie gleich Sklaven auf den genuesischen Galeeren ruderten. Ich krümmte mich, ich keuchte, ich arbeitete – mein Gebärdenspiel war so wirkungsvoll wie meine Deklamation. Und das Gebärdenspiel ist im Ausland sehr nötig.

Ja, es war eine schöne Zeit!

Welch ein Genuß ist das Reisen! Wie schön ist es, in fortwährendem Wechsel zu leben, die schwere Kette seiner Gewohnheiten und Vorurteile abzuwerfen. Wenn ich jung wäre, würde ich sofort wieder zu Schiff gehen und wieder Kunstreisen machen.

Ich bin weder abergläubisch noch dumm, ich bitte Sie, mir das zu glauben, aber ich habe gleichwohl nicht umhin können, einen seltsamen Umstand zu bemerken, einen ganz merkwürdigen Umstand, der mit mir persönlich zusammenhängt. Jedesmal, so oft ich, auf dem Wege nach Amerika oder auf der Heimkehr nach Frankreich, zu Schiffe ging, jedesmal, verstehen Sie wohl, mochte es tags vorher noch so gestürmt haben, das Meer noch so wild gewesen sein, beruhigten sich die Wogen im Augenblicke, wo ich an Bord kam. Ein bloßer Zufall, ich räume es ein, aber ein seltsamer Zufall, das müssen Sie mir zugeben. Und diese Tatsache war von andern so sehr bemerkt worden, daß es Passagiere gab, die von der Gesellschaft verlangten, mit demselben Schiffe wie ich zu fahren – jawohl, ich übertreibe nicht – und daß, als einmal der französische Gesandte auf der »Champagne« die Überfahrt machte, der Vertreter der Gesellschaft zu ihm sagte: »Exzellenz haben Glück. Die Fahrt wird gut sein, Brichanteau ist an Bord!«

Und das Reisen hat auch noch einen Vorteil. Man kommt aus den heimischen Gewohnheiten hinaus, man erweitert seinen Horizont. Der Geist atmet mit vollen Lungen, man fängt erst wirklich zu leben an.

Nur durch Reisen lernt man die Menschen und die Dinge kennen. Nur auf Reisen bildet, und ich möchte sagen, stählt sich der Geist. Ich habe auf meinen Reisen in zwei Jahren mehr gelernt als in zwanzig Jahren in Paris. Ich spreche nicht von der Inszenierung, die etwas bizarr war. Es wurden Blasen mit einer roten Flüssigkeit zerdrückt, um bei Duellen das Blut vorzustellen, und ich habe im »Faust« auf dem Jahrmarkt einen Bären, ja, einen wirklichen lebenden Bären mit zugebundener Schnauze auftreten sehen, der Gounod eine Nervenkrise verursacht hätte. Ich spreche auch nicht von der Geographie, die man zu Hause lernen kann, ich spreche von der Politik, der Philosophie, mit einem Wort, der Menschheit.

Zum Beispiel, sehen Sie, ich war Republikaner, als ich fortging. Mein Gott, ich bin es ja noch immer ebensosehr, aber ich habe Vergleiche angestellt. Ich hege keinen solchen Haß mehr gegen die Könige, seitdem ich sie aus der Nähe gesehen habe. Es gibt deren sehr nette. Nein, ich übertreibe nicht. Ich habe mehr als einen kennen gelernt. Ich habe Gelegenheit gehabt, mich von ihrer umfassenden Bildung zu überzeugen, und diese hat mich mehr als einmal in Erstaunen gesetzt. Im allgemeinen kennen sie unsre Literatur vorzüglich. Man sieht, daß sie sich eingehend damit befaßt haben. Einige haben sogar mein Urteil über ihre eignen Werke verlangt. Ich habe ihnen mit dem Freimut geantwortet, mit dem Alkest zu Orontes spricht. Oh, ich bin kein Höfling – es sei denn ein Höfling der Kunst.

So hatte einmal, um nur diesen anzuführen, der König von Ruthenien, der mich am Abend vorher in einer meiner Rollen gesehen und gewürdigt hatte – ich war damals in meiner zweiten, der Molière-Periode – die Artigkeit, mich zum Déjeuner einzuladen. Er wollte mich aus der Nähe sehen. Mir war es ebenfalls nicht unwillkommen, ihn studieren zu können. Ich nahm die Einladung an.

Ich muß sagen, daß er mich mit ganz besonderer Liebenswürdigkeit empfing. Hätte ich nicht, geführt von einem Kämmerer, so viele Salons durchschritten, nachdem ich in einen von Schildwachen bewachten Palast eingetreten war, so hätte ich nicht das Gefühl gehabt, mich im Hause eines Souveräns und einem König gegenüber zu befinden. Es war eine höchst angenehme Mahlzeit, während deren wir von allem möglichen, von Paris, vom Theater, von unsern Malern, unsern Dichtern sprachen. Ich hätte gewünscht, daß die Konversation sich der Politik zuneige, da ich gerne gewußt hätte, wie ein König über all die schwarzen Punkte am europäischen Horizonte denkt. Aber bei jeder solchen Anspielung, die ich machte, ließ mein Wirt den Gegenstand fallen, so daß ich wohl sah, daß ich ihm Unruhe bereitete, ihn in Verwirrung setzte. Er wich mir aus, das war klar, indem er das Gespräch stets nur auf Gegenstände der Kunst lenkte.

Sei's drum, sprechen wir also von Kunst! Und in einem gegebenen Momente sagte der König: »Herr Brichanteau, ich möchte mir Ihren Rat erbitten.«

Ich wagte eine letzte Anspielung:

»Über den russisch-türkischen Konflikt?«

Es gab damals gerade einen Konflikt zwischen der Hohen Pforte und dem heiligen Rußland.

Der König erwiderte:

»Nein; über eine Übersetzung, die ich begonnen habe. Eine Übersetzung Shakespeares.«

Ich sah ihn einen Augenblick an, ehe ich antwortete. Mir, dem Franzosen, sprach er von diesem Engländer? Mir, der ich mich, nachdem ich so viele Melodramen da und dort gespielt, eben vollständig – ich war dafür engagiert – in die durch und durch französische Kunst, in das klassische Lustspiel, in den köstlichen Humor Molières versenkt hatte? »Soll ich ihm meine ganze Meinung sagen?« fragte ich mich in Gedanken. Und in Gedanken antwortete ich mir: »Warum nicht?« Und ich sagte ihm meine Meinung, ich sagte sie ihm mit einem republikanischen Freimut, der vielleicht unsre Republikaner entsetzt hätte.

»Sire,« rief ich aus, »Sie übersetzen Shakespeare? Sie haben unrecht!«

»Oh, Herr Brichanteau, erlauben Sie ,...«

»Wissen Sie, wer Shakespeare ist? Wissen Sie es, Sire?«

»Ich denke wohl, Herr Brichanteau.«

»Mein Gott, Sire, nachdem ich selbst den großen Will sehr bewundert habe und bewundere, will ich nicht so weit gehen, das Wort Voltaires zu unterschreiben. Nein, Shakespeare ist kein ›betrunkener Wilder‹, aber gestehen wir es unter uns, er ist ein dampfendes, zügelloses, krauses Genie. Das ist das Wort: ein krauses Genie. Er braucht Verwandlungen ohne Zahl, Gespenster, Erscheinungen, einen unerhörten szenischen Apparat. Ich kenne seine Stücke sehr gut, ich habe sie gespielt. Ohne Kostüme und Beleuchtungseffekte, was wird aus dieser Kunst? Dagegen Molière, ah, Molière! Sehen wir uns Molière an! Molière schließt die ganze Menschheit, die ganze, sage ich, in eine Krankenstube ein. Er bedarf keiner Hexen, keiner Gespenster, keiner Gewitterstürme; nein, einen alten Fauteuil, darin Argan, darum herum Männer und Frauen, und in seiner lachenden Weise zeigt er uns darin die ganze menschliche Tragödie. Das ist meine eigne Entdeckung. Man braucht keine Wämser und keine Degen, um den göttlichen Molière zu spielen. Ein abgetragener Rock, ein alter Hut, das ist alles. Ich würde heute, Sire, alle Dramen Shakespeares, ich sage alle (und Gott weiß, daß sie großartig sind, großartig!), ich würde sie heute insgesamt für die Tirade Renés oder den Monolog Harpagons geben!« – Sie sehen, ich hatte die Molièritis.

Der König hatte mir sinnend zugehört. Er war gleich mir in seinem Kultus Shakespeares erschüttert. Ich sah es deutlich. Vergeblich versuchte er eine Einwendung:

»Aber ›Don Juan‹, Herr Brichanteau?«

»Welcher ›Don Juan‹?«

»Der ›Don Juan‹ Molières. In dem kommen doch auch Geister vor. Die Statue des Kommandeurs!«

»Das ist richtig, Sire. Aber als Dichter des ›Don Juan‹ ist Molière kein französischer Genius mehr, er wird wie Hugo fast zum Spanier. Und sein Kommandeur aus Stein ist aus Pappe. Nicht darin ist er groß. In der Szene mit dem Armen – jawohl! Säße ich nicht Eurer Majestät gegenüber, so würde ich sagen, daß die Szene mit dem Armen bester Sozialismus ist. Und der Sozialismus, Sire ,...«

Aber ich fühlte, daß ich zu weit ging, und unterbrach mich.

Der König erwiderte nichts. Er blieb einen Augenblick in Nachdenken versunken. Ich sehe ihn noch und werde ihn immer sehen, sein Manuskript, das Manuskript seiner Shakespeare-Übersetzung in der Hand. Er hatte das Heft geöffnet; er schloß es nun wieder, und wissen Sie, was er sagte? Ja, er, der König, der König von Ruthenien? Der König, mit dem ich fast in dem Ton gesprochen hatte, mit dem Saint-Vallier zum König von Marignan spricht?

Er sagte: »Herr Brichanteau, Sie haben recht. Ich lege die Shakespeare-Übersetzung beiseite, und morgen, morgen, Herr Brichanteau, beginne ich Molière zu übersetzen!«

Dieser Vorfall hat mein Urteil über die Könige wesentlich beeinflußt; und, unter uns, wenn es geschehen wäre, daß ein republikanischer Unterrichtsminister mich während einer Audienz über eines seiner literarischen Projekte befragt hätte, so hätte er wohl nicht gesagt: »Herr Brichanteau, ich lasse mein Projekt fallen und werde Ihrem Rate folgen.« – Ich beklage es im Interesse unsers Vaterlandes, aber ich kann mir nicht verhehlen: was ein König aus einem so alten und edeln Hause, wie das der Braganza getan hat – mich anhören – das hätte ein Tribun meines Vaterlandes vielleicht nicht getan. Und derlei, sehen Sie, hätte ich nicht für möglich gehalten, wenn ich nicht gereist wäre.

Unglücklicherweise brachte das Repertoire, für das ich engagiert war, kein Geld ein, und ich war gezwungen, in Amerika wieder die Dramen meiner Jugend zu spielen, und das in Kostümen, die den dargestellten Personen nicht entsprachen. Ich habe den Triboulet im Mascarillomantel gespielt! Aber was lag daran? Die Südamerikaner verlangten nichts Besseres, und die Hauptsache, die Seele, war immer dabei. Die Seele schuf sich ihre Gestalt, und sie bedurfte keines Kostüms. Und wenn ich den Triboulet im schwarzen Frack gespielt hätte, so wäre ich durch und durch, bis ins Innerste hinein, der Triboulet des Dichters gewesen.

Ich war also reif für Amerika, und ich ging hin. Das erstemal, wie ich Ihnen schon sagte, mit dem Amerikaner Duncan (voller Erfolg), das letztemal mit Marchandier. Das Unglück wollte es, daß aus dieser letzten Reise – ich habe immer Pech gehabt – mich mitten in meinen transatlantischen Erfolgen das gelbe Fieber packte. Und das in schrecklicher Weise. Mitten auf offener Szene, in Havanna. Ein fast tödlicher Anfall von vomito negro. Ich schlug, wie vom Blitz getroffen, auf die Bretter hin; das Publikum wurde in Schrecken versetzt, das Haus leerte sich. Ich starb nicht daran, aber da die Gesellschaft gezwungen war, ihre Reise fortzusetzen, ließ mich Marchandier im Hotel zurück, nachdem er meine Rechnung beglichen, meine Bezüge für mich hinterlegt und meine Rückreise in die Heimat auf einem nach Frankreich gehenden Schiff vorausbezahlt hatte.

Ach, welch ein Zusammenbruch aller meiner Hoffnungen! Ich hatte mir schon gesagt: »Ich gefalle in Amerika. Ich gefalle augenscheinlich. In diesem Jahre werde ich wohl nicht reich werden, weil ich, nachdem ich von Duncan ausgenutzt worden bin, nun von Marchandier ausgenutzt werde. Aber ich säe für die Zukunft. In zwei oder drei Jahren werde ich auf eigne Rechnung hierher zurückkehren als bekannter Mann, als ein Mann, der sich seinen Platz errungen hat. Ich werde an der Spitze einer Gesellschaft stehen. Auf den Ankündigungen wird es heißen: ›Tournée Brichanteau. Sébastien Brichanteau, von allen Theatern Paris' und der Departements‹! – Und ich werde ein Vermögen gewinnen!«

Aber da vernichtet mir das gelbe Fieber alle meine Träume. In einem Tag, in einer Stunde verwandelte es den Triumphator in einen Invaliden. Meine Genossen setzten ihre Reise, die Jagd nach dem Dollar fort. (Ich will nicht verschweigen, daß Marchandier auf dem Wege fallit wurde.) Ich war im Hotel zurückgelassen worden wie ein Gepäckstück auf dem Bahnhofe. Heute, aus der Entfernung, denke ich nur mit Vergnügen an meine Reisen zurück. Aber damals war mir nicht rosig zumute. Ich war wütend, ich war verzweifelt!

Was sollte ich tun? Der Gesellschaft nachreisen? Marchandier war über alle Berge. Auf eigne Rechnung spielen? Was sollte ich spielen? Ich war ganz allein. Monologe sprechen, humoristische Vorträge halten? Etwa gar Chansonetten singen, wie Duncan gemeint hatte? Ich sollte mich so weit erniedrigen, ich, Brichanteau, der ich Hugo nur verlassen hatte, um zu Molière überzugehen, und Molière nur, um zu Hugo zurückzukehren, ich sollte zum Possenreißer der Tingeltangel herabsinken? Niemals – niemals!

Nein. Da es das Schicksal also beschlossen hatte, so wollte ich nach Frankreich zurückkehren und wollte eine günstigere Gelegenheit abwarten, um wieder auf Reisen zu gehen, mit Königen literarische Gespräche zu führen und die Dollars der Amerikaner zu erobern. Die Gelegenheit würde sich wohl bieten, sollte ich denken!

Ach ja, die Gelegenheit! Ventre-Saint-Gris, wie ich als Heinrich IV. sage, es ist nur zu wahr, wenn man sagt, daß die Gelegenheit kahlköpfig ist. Sie bot mir nicht ein Haar mehr dar – nicht eines! Sie hatte eine vollständige Glatze für den armen Brichanteau! Dieses verdammte vomito negro hatte mich erschöpft, ausgemergelt, und ich kehrte in die Heimat zurück wie ein verirrtes Schaf in den Stall, um mich da zu erholen.

Ich bedurfte der Erholung. Und dann – und dann – es half nichts, es mir zu verheimlichen: ich wurde alt. Auch die Eichen werden alt. Ich fühlte mich oder glaubte mich ebenso kräftig, ebenso elastisch, ebenso feurig zu fühlen wie einst, wenn ich meine Muskeln nach meiner Seele beurteilte. Aber der Spiegel sagte mir die Wahrheit, wenn ich ihn befragte und in meinem einst urwalddichten Haare Lichtungen entdeckte, die von der sengenden Arbeit des Gehirns oder vom Alter verursacht worden waren. Und ich sah auch Runzeln. Ja, ich hatte Runzeln. Meine Zähne fingen an, ihren Schmelz zu verlieren, und die Zähne sind die Diamanten der männlichen Künstler.

Ich sagte mir also kopfschüttelnd:

»Brichanteau, mein lieber Freund, der Herbst kommt, die Blätter fallen; du mußt daran denken, in ein andres Rollenfach überzutreten, Brichanteau!«

Ein andres Rollenfach? Ach ja, zu den Heldenvätern übergehen. Es heißt nun Baß singen, nachdem man Tenor gesungen hat. Ruy Gomez sein, nachdem man Hernani gewesen ist. Gegen das Naturgesetz nützt weder Trotz noch Schlauheit. Man muß sich darein ergeben.

»Gut,« sagte ich zu mir. »Sei's drum, Brichanteau, du wirst in ein andres Fach übertreten!«

Aber um in ein andres Fach überzutreten, muß man erst ein Engagement haben, und um Ruy Gomez oder einen andern der Graubärte zu spielen, muß man eine Bühne haben. Aber das war's eben: ich hatte keine Bühne. Ich hatte keine mehr. Ich war ein Zigeuner, ein Deklassierter, ein Vergessener, ein altmodischer Schauspieler. Ich stammte aus einer andern Gesellschaft, aus einer andern Zeit. Ich war eine Mumie; ein mit Klassizismus versetzter Romantiker, nicht die Spur naturalistisch oder ibsenistisch, rokoko, antiquiert, alt wie Methusalem. Die Operette hatte meine Kunst überrannt, meine Idole zerstört, meine Götter gestürzt. Wie sollte man »Marino Faliero« nach der »Seufzerbrücke« spielen? Die »Seufzerbrücke« ist so viel lustiger. Es gibt nichts Lustigeres. Ludovic Halévy ist ein sehr geistreicher Mann! »Laßt die Dogen fahren!« Ach, sie waren mehr als nur fahren gelassen worden, die Dogen, sie waren erdrosselt, in den Kanal Orfano geworfen worden, abgetan, vernichtet!

Und mit ihnen mein Repertoire, »Dom Sebastian von Portugal«, »Wilhelm Collmann«, »Perrinet Leclerc« – alle, alle! Kaum konnte ich meine Antiquitäten Sonntags in der Umgebung von Paris spielen. Ich habe Nebenrollen im Montparnasse angenommen. Ich habe in den Bouffes du Nord statiert. Ich, der ich Herrschern Ratschläge gegeben habe, ich bin, eine nach der andern, die Sprossen einer Leiter hinabgestiegen, die vom Mißgeschick gehalten wurde. Und die Jahre gingen hin, die harten Jahre, die traurigen Jahre, wo die Rheumatismen entstehen und die Zähne ausfallen, ohne daß der Hunger sich vermindert.

Ebensowenig der Hunger nach dem Ideal, nach dem Beifall, nach dem Triumph! Ich kam mir wie ein Gespenst vor unter den Neuen, denen, die alles zu wissen glauben, wenn sie das Konservatorium verlassen, den Schauspielerkapitalisten, die in reichen Häusern Soloszenen spielen, den Komikern, die sich zu Hochzeiten vermieten, den Realisten, die sich Künstler glauben, weil sie ihre Alltagsgebärden auf die Bühne bringen – man muß seine Gebärden veredeln, verschönern, ihr Herren! – und denen, welche sagen: »Die Kunst? Wo hält sie sich auf? Durchs Cafékonzert führt der Weg zum Erfolg!« – und die diesen Weg gehen. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie ich unter all dem litt. – Ich rief meinen ganzen Stolz auf:

»Brichanteau, du bist nicht wie die andern. Du bist deinen Idealen treu geblieben, Brichanteau! Du hast nicht paktiert. Du bist nicht herabzudrücken. Selbst als Statist statierst du auf den Stätten und in Werken der wahren Kunst. Du stirbst mit dem Drama, Brichanteau! Brichanteau, stolzer Besiegter, du hast, und das ist nichts Geringes, du hast dein Schild rein erhalten, du hast deine Selbstachtung bewahrt!«

Aber alle Selbstachtung hindert nicht, daß man alt wird.

Und da ich nun fühlte, wie mir der Boden unter den Füßen wich, und da ich in meinem Widerwillen gegen alle Vereinswirtschaft, in meiner Unabhängigkeitsliebe nicht einmal die Vorsicht gebraucht hatte, seinerzeit in die Genossenschaft der Bühnenkünstler einzutreten (ich hätte heute meine Pension, ich Dummkopf!), ergriff mich die Sorge um mein Alter, und da ich keine Billigkeit bei den Direktoren fand, die mich nicht kennen und mich in ihren Vorzimmern warten lassen, so habe ich den Posten angenommen, den mir ein eifriger Radfahrer, der mit mir auf demselben Flur wohnt, eines Tages antrug.

Einen Posten? Welchen Posten? Fast bringe ich es nicht über die Lippen. Soll ich es Ihnen sagen, Monsieur? Ich bin Starter bei den Radrennen! Ich gebe das Zeichen zur Abfahrt. Manchmal, indem ich einen Schuß abfeure – bum! – manchmal, indem ich mit jener Stimme, die Beauvallet eifersüchtig machte, und die ihre Kraft behalten hat, »Los!« rufe. – »Los!« Sie hören diesen Ton. »Los!« Ja, die Stimme hat ihr Metall bewahrt.

Und so weit ist es nun gekommen: ich, der Partisan der Kunst, ich arbeite mit an der Vernichtung der Kunst durch das Rad. Denn das Rad ist der Tod des Theaters. Man kommt erschöpft von einer Fahrt nach Hause. Hat man da Lust, sich für Corneille umzukleiden? Man verbringt seine Tage auf der stählernen Maschine, und hat daher keine Zeit zum Lesen. Höchstens noch für die Sportzeitungen. Gleichheit der Geschlechter. Mann und Weib sehen einander ähnlich. Es ist wahr, der Sport schafft Muskeln. Aber bei allen Heiligen, auch wir hatten Muskeln, aber dabei auch Hirn, Enthusiasmus, Ideale!

Und soll ich Ihnen noch etwas sagen? Die Musik ist neben dem Radfahren die zweite Todfeindin der Literatur. Man läßt seine Gefühle von der Musik erregen und läßt seine Gedanken feiern. Richard Wagner – ein Gigant übrigens – die Glocken Parsifals haben mich weinen gemacht so gut wie einen – Wagner hat Hugo entthront, Wagner ist der nebulöse Shakespeare der Snobs, die Shakespeare nicht gelesen haben, und die glauben, daß der Riese von Baireuth der Vater aller Dinge ist. Dieser Germane hat die Gallier durch allmähliche Infiltration langsam, aber sicher erobert. Es gibt keine französische Musik mehr, es gibt nur noch Wagnersche Musik. Keine Cafés mehr, wo man plaudert, nur noch Bierhäuser, wo man raucht. Nur noch der Absinth und der Germanismus. Vorbei mit der Gabe Bacchus' und mit französischem Geist! – Ich maße mir nicht an, ein Musikkenner zu sein, aber die Literatur ist mir die erste aller Künste, und das Theater, die Königin der Literatur, ist das Leben, ist die Welt. Den skandinavischen Mythologien, dem Brocken und dem Venusberg ziehe ich den reinen Wein des alten Corneille, das Gascogner Gewächs des ältern Dumas, die edle Marke Balzacs vor. Was mir die Inferiorität der Deutschen zu beweisen scheint, das ist ihre Superiorität in der Musik. Kein andrer als Victor Hugo hat uns das eines Tages gesagt, als wir ihm eine Subskriptionsliste für eine Kanone vorlegten, die der Artillerie der Nationalgarde gewidmet werden sollte. Wenn ich es genau überlegte, schien mir das gar nicht unberechtigt.

Ich nehme also tätigen Anteil an diesen Festen des Niederganges: Velodrome und Konzerte. Anteil? Schlimmer als das, ich sagte es Ihnen ja: ich leite sie. Ich bin Starter – ich! Starter im Velodrom! So weit ist es mit mir gekommen. Manchmal schließe ich die Augen, wenn ich rufe: »Los!« und es dünkt mir, als gebe ich das Zeichen nicht für eine Wettfahrt, sondern für ein Duell, ein dramatisches, wie im »Buckligen« oder in der »Dame von Monsoreau«. »Los!« Und ich warte auf das aufregende Klirren der Degen und auf das Rauschen des Beifalls. Oder wenn das Zeichen ein Pistolenschuß ist, so ist mir's, als wäre ich wieder Andrès, als spiele ich wieder in den »Räubern der Savanne« oder im »Gaucho« wie in Perpignan. Ich rieche wieder Pulverdampf wie einmal. Einmal! ,...

Einmal hielt ich, wie der Sportausdruck lautet, den Rekord der Hoffnungen. Ich war in meinen Träumen zugleich Bocage, Ligier, Talma – Talma II., wie Ingres sagte. Ich war alles. Ich schlief auf einem Lorbeerlager, gleich einem siegreichen General, der auf erbeuteten Fahnen schläft. Ich war berühmt, ich war geliebt. Wenn mir die Häupter der Städte, in denen ich spielen sollte, die Schlüssel ihrer Städte auf einem Samtkissen dargebracht hätten, so hätte ich das ganz natürlich gefunden. – Einmal! Es ist erstaunlich, was ein Wort, ein einziges Wort, für Enttäuschungen in sich begreifen kann!

Ach ja, das Leben hat mich hübsch genarrt! Ich frage mich manchmal, ob ich alter Komödiant, der als Starter für Radfahrerinnen endet, ob ich nicht einfach nur ein eitler Nichtskönner, ein Bankrotteur bin. Nun denn, nein, ich fühle noch das ganze Feuer der Jugend in mir. Ich habe noch dieselben Ideale, denselben Schwung, dasselbe Talent wie »einmal«! Ist es meine Schuld, wenn man es nicht benutzt? Ist es meine Schuld? Ist auch Belisar ein Bankrotteur, weil er bettelte, und Lamartine, weil er arm war? Und wer ist kein Bankrotteur in diesem Zeitalter verzehrenden Ehrgeizes? Auch unser armes Frankreich wurde es, als es sich ritterlich in einen Kampf mit den deutschen Ingenieuren einließ.

Ich denke häufig darüber nach. Ich blicke auf die Vergangenheit zurück und bereue nichts. Ich ende schlecht, aber ich habe recht gelebt. Ich habe keine Konzession gemacht. Ich konnte ruhig Starter werden, das ist ein Beruf wie ein andrer, aber nicht um ein Königreich würde ich mich dazu verstehen, in einem Cafékonzert aufzutreten ,... Halt, Pardon, ich habe es getan! Ja, im Faubourg Saint-Martin. Aber ich habe da nur die Tirade Saint-Valliers und Verse Corneilles gesprochen. Ich wurde sogar ausgepfiffen, das heißt Corneille wurde ausgepfiffen, nicht ich. Die Leute fanden das langweilig. Sie riefen: »Eine Chansonette!« Von mir eine Chansonette zu verlangen, wie seinerzeit der amerikanische Impresario! ,... Ich nahm meine Entlassung. Und ich wußte an dem Abend, da ich das tat, nicht, wo ich morgen schlafen würde!

Aber man spielt nicht mit der Kunst. Man kann Starter, man kann Handlanger werden, alles, was man will und was man kann, aber man darf nicht zum Possenreißer für den gemeinen Geschmack herabsinken. Nein, niemals, niemals, niemals!

Und dann, wenn ich so bedenke, wovon hängt der Ruhm ab? Von einem Nichts, Monsieur, von der Gelegenheit zuerst, sodann vom Zufall. – Hören Sie einmal diese Geschichte. Sie ist grausam, aber sie ist interessant. Ich kannte einen Mann, einen Kollegen, der die schönste Stimme der Welt hatte, eine Stimme, die das für die Oper war, was die meinige für das Drama war, eine Stimme, dazu angetan, alle andern Sänger, die begabtesten, die berühmtesten, in den Schatten zu stellen, das Andenken der Duprez, der Roger, der Capoul zu verdunkeln. Er war ein Toulousaner, mein Freund – aus der Umgebung von Toulouse wie Montescure – und ein Tenor. Er war ein wackerer Junge, und, was mehr ist, nicht häßlich. Ein wenig kurz geraten, ein wenig untersetzt, mit dickem Halse, aber man bringt den Sängern in Beurteilung ihrer körperlichen Gaben eine Nachsicht entgegen, die man uns, den Interpreten der Dichter, verweigert. Man kann auch als häßlicher Mann den Cid singen, wenn man eine schöne Stimme hat, aber man darf ihn nicht spielen, wenn man von der Natur nicht mit der entsprechenden Gestalt begabt worden ist. Daher, und ob man mir auch entgegne: »Sie sind Goldschmied, Herr Josse?« D. h. Sie sprechen in eigner Sache. Zitat aus Molières » Amour médecin«. Anm. d. Übers. ist es meine Überzeugung, daß der Schauspieler über dem Sänger steht. Aber lassen wir das. Das gehört ins Gebiet der Ästhetik.

Mein Freund Cadenet besaß also alle Eigenschaften. Eine unvergleichliche Stimme! Er konnte, wie ich Ihnen schon sagte, jeden Sänger in die Tasche stecken. Im übrigen musikalisch vollständig ungebildet, sang er, wie ein Vogel singt, und natürlich besser als ein Vogel.

Wir sagten zu ihm: »Cadenet, du hast achtmalhunderttausend Franken in der Kehle; lerne singen!«

»Wie soll ich das anstellen?«

»Such dir einen Lehrer. Nur nimm dich in acht. Wenn er auf deine Stimme eifersüchtig wird, bist du verloren.«

Ich erinnerte mich an meinen Lehrer, meinen Professor im Konservatorium, an die schrecklichen Unterrichtsstunden, in denen ich die Eifersucht des Meisters entstehen fühlte ,... Aber genug von mir. Ich will Cadenets Geschichte erzählen, nicht die meinige.

Der gute Cadenet, der damals bei einem Tuchhändler in der Rue de Mail Verkäufer war, ging also zu Roger. Dieser ließ ihn singen, und als er diese kristallklare Stimme hörte, rief er aus:

»Ich möchte der Bühne, da ich nicht mehr spielen kann, einen Nachfolger geben. Wollen Sie mein Schüler werden?«

Ob Cadenet wollte! Er war überglücklich! Bei Roger zu lernen, dem großen Künstler, dem ersten Sänger des »Propheten«! Cadenet war ganz arm, aber Roger verlangte kein Honorar. Er wollte nichts als den Ruhm, eine solche Stimme entdeckt zu haben, die Freude, sie auszubilden.

Cadenet begann also seine Stimmübungen bei Roger. Aber der arme Cadenet hatte einen Fehler, einen großen, einen schrecklichen Fehler: er hatte kein Gedächtnis. Auch nicht das mindeste Gedächtnis, sage ich Ihnen! Er konnte wohl singen, aber eine Rolle, Worte, Verse, Szenen im Kopf zu behalten, das war ihm ganz unmöglich. Es ist ein merkwürdiges Ding um das Gedächtnis. Ich habe in meinem Leben wohl an die achthundert Rollen – die unbedeutenden leider miteingerechnet – einstudiert und gespielt; aber ich brauchte irgendeine davon nur heute abend vor dem Zubettegehen einmal durchzulesen, dann darüber zu schlafen, und könnte sie morgen früh spielen. Das ist eine angeborene Gabe und eine der wertvollsten für den Schauspieler.

Cadenet besaß sie nicht, und er schrak davor zurück, eine Oper zu lernen, wie eine Katze davor, ein Meer auszutrinken.

»Nun aber, Cadenet,« sagte Roger zu ihm, »Sie müssen ja doch endlich eine Rolle können, wenn Sie auftreten wollen.«

»Ja, Herr Roger. Ja, freilich, ich werde eine Rolle auswendig lernen. Aber du mein gütiger Gott, es ist so schwer!«

»Ei freilich,« erwiderte sein Lehrer, »das Leben besteht nicht bloß im Pastetenessen. Man muß kämpfen!«

»Ich werde kämpfen, Herr Professor!«

Roger verlangte übrigens nicht zu viel von ihm. Er sollte bloß zwei Opern lernen: »Robert der Teufel« und die »Hugenotten«. Den Robert und den Raoul, zwei Rollen, und zwei schöne Rollen, einzustudieren, das war wahrlich nicht so schwer, als den Malakoff zu erstürmen. Der gute Cadenet warf sich also auf die Rollen, büffelte sie, kaute sie und kaute sie wieder, brütete darüber, trug sie mit sich herum, schlief über dem Lernen ein.

»Nun, Cadenet, geht's?« fragte Roger.

»Es geht, Herr Professor, es geht. Ich kann schon drei Akte von ›Robert‹!«

Roger brauchte eine geraume Zeit dazu, aber endlich gelang es ihm, Cadenets widerspenstiges Gedächtnis zu zähmen und ihm die beiden Rollen einzuprägen; und es gelang Roger, ihm in Havre ein Engagement zu verschaffen.

Von Havre nach Rouen ist nicht weit; von Rouen nach Paris ist nur ein Schritt. Wenn Cadenet in Havre Erfolg hatte, konnte er über kurz oder lang sein Billett nach Paris nehmen. Seine außerordentliche Stimme berechtigte ihn dazu.

Kurz, er reiste nach Havre als nach dem Hafen, der sich gegen das weite Meer öffnet, das Meer der Unsterblichkeit. Ich befand mich gerade auf einer Kunstreise in der Heimat Casimir Delavignes, als ich im » Journal de Havre« die Anzeige von Cadenets Debüt las. Der liebe Cadenet! Ich spielte im »Ruy Blas« – nicht gerade den Ruy Blas selbst, sondern den Alguazil, der Don César verhaftet. Mein Gott, man muß leben. Und dann ist die Szene von größter Wichtigkeit. Es ist Drama, Situation darin. Wenn die Rolle nicht in kräftigen Händen liegt, wankt der ganze Akt. Ich habe ihn, wie ich mir schmeichle, stets gehalten und gefestigt.

Am Tage vor Cadenets Debüt holte ich ihn nach der Probe vom Grand-Théâtre ab. Er strahlte. Eben waren die »Hugenotten« probiert worden, und alles war vortrefflich gegangen.

Der Direktor war entzückt, der Regisseur rieb sich die Hände: es würde ein schönes Debüt werden.

»Wenn mir nur mein verdammtes Gedächtnis nicht einen Streich spielt,« sagte Cadenet.

»Du kannst deine Rolle?«

»Ich kann zwei. Wie es Roger verlangt hat. Nicht eine mehr. Aber die zwei kann ich unfehlbar: Robert und Raoul.«

»Gut, wenn du nur in ›Robert der Teufel‹ und in den ›Hugenotten‹ auftrittst, so genügt das. Später wirst du Zeit haben, mehr zu lernen. Das Gedächtnis vervollkommnet sich mit der Zeit. Ich werde dir eine Methode lehren.«

Aber er hörte nicht auf mich. Er murmelte abgerissene Worte vor sich hin: »Die Wälle von Amboise ,... Ja, du hast's gesagt, da hast's gesagt, du liebst mich!« – Er überlernte seine Rolle. Er hatte recht.

»Du kommst doch morgen, um mich zu unterstützen?« fragte er, indem er mit den Händen die Gebärde des Beifallklatschens machte.

»Ob ich komme! Ich bleibe während der ersten zwei Akte. Dann gehe ich, um mich für meinen Alguazil umzukleiden, und bin zum letzten Akt wieder da, um zu rufen ›Cadenet! Cadenet!‹ Du wirst mich ›Cadenet!‹ rufen hören, dafür stehe ich dir gut. Du kennst mein Organ. Die Kanonenstimme! Die Donnerstimme!«

Er war entzückt.

Den ganzen folgenden Tag spazierte er vor dem Grand-Théâtre auf und ab und las mit Stolz die Plakate: »Debüt des Herrn Cadenet, erster Tenor. ›Die Hugenotten‹, Oper von Scribe. Musik von Meyerbeer.« Und angesichts seines gedruckten Namens richtete er seine kleine Gestalt auf, als wollte er mit der Stirne an die Sterne reichen.

Am Abend war ich im Parkett – nahe der Tür, um schneller hinausschlüpfen zu können – und hörte die Stammgäste und Abonnenten fragen, wer denn dieser Cadenet sei, den die Direktion dem Publikum von Havre zum erstenmal vorführe. Man hatte ihm eine kleine Biographie zurechtgemacht. Er war ein junger Mann aus gutem Hause, Neffe eines höheren Offiziers, und ein unwiderstehlicher Drang hatte ihn auf die Bretter geführt. Man erzählte, daß Ambroise Thomas, nachdem er ihn in einem Konzert gehört, sich die Haare ausgerissen habe, daß ein solches Phänomen nicht aus dem Konservatorium hervorgehe. Kurz, der Boden war sehr gut vorbereitet. Gute Reklame, geschickt eingeleitet.

Der Vorhang geht auf. Ich war so erregt, als ob es sich um mein eignes Auftreten gehandelt hätte. So sind wir, wir Künstler: entweder hassen wir einander tödlich, und dann ist Krieg bis aufs Messer, oder wir verstehen besser als irgendeiner die Angstgefühle eines Kollegen, und wenn sein Herz wie eine Alarmglocke schlägt, so schlägt das unsre unisono mit. Seine Erregung wird die unsre. Sein Lampenfieber wird das unsre.

Im Grunde genommen zweifelte ich aber nicht, daß Cadenet das Publikum im Sturm erobern werde. Eine junge, schöne, glockenreine Stimme! Und eine schöne Rolle auch – denn man glaubt nicht, was eine schöne Rolle aus einem Menschen macht. Er braucht nur aufzutreten.

»Ich werde ihm einen Empfang bereiten,« sagte ich mir. »Ich werde sein ›Wohltäter‹ sein« (so nennt man den Anführer der Claque). »Halten wir die Schlaginstrumente bereit!«

Der Vorhang geht auf. Sie kennen die »Hugenotten«. Die Szene stellt einen Saal im Schlosse des Grafen von Nevers, katholischen Edelmannes (auch eine schöne Rolle!) vor. Im Hintergrund hohe Fenster, ein Garten, eine Rasenfläche. Türen rechts und links. Junge Edelleute spielen Karten, Würfel, Federball. Und Nevers singt: Die Operntextstellen sind nach der Castellischen Übersetzung gegeben, mit geringfügigen Änderungen, die der Zusammenhang erfordert. Anm. d. Übers.

»Lasset uns der Jugend freuen,
Und den Tag der Lust nur weihen,
Eilen wir, die Zeit zu nützen,
Welche uns, welche uns, welche uns Kränze flicht.«

Dreimal »welche uns«. Sie wollen eilen und verlieren die Zeit. Nun fällt der Chor ein:

»Eilen wir, die Zeit zu nützen,
Welche uns, welche uns, welche uns Kränze flicht.«

Alles dreimal wiederholt. In einem Drama wäre das absolut lächerlich. In einer Oper sagt man alles dreimal. Bei Shakespeare übrigens auch.

Dann kommt der Chor:

»Ja, nur dem heitern Streben
Geweiht sei unser Leben,
Und alles sei vergessen,
Nur das Vergnügen nicht.«

Sie sehen, ich kenne das Stück. Ich kann es auswendig. Oh, ich habe ein Gedächtnis! Ich muß übrigens zur Erklärung bemerken, daß ich in Lons-le-Saunier und in Albi in den Chören mitgesungen habe. Mein Kontrakt zwang mich dazu, ich konnte nicht anders. Ich mußte derlei Demütigungen auf mich nehmen.

Nach diesem Chor tritt Raoul auf. Raoul de Nangis, protestantischer Edelmann, kommt nach der Ensemblenummer und dem Allegretto moderato. Sein Kommen wird durch einen Dialog zwischen Tavannes, katholischem Edelmann, und Nevers angekündigt:

»Wollet, freundlicher Wirt, mir die Frage zugestehen,
Warum wir noch nicht, da es schon spät, zur Tafel gehen.«

Worauf Nevers:

»Wir müssen einen Gast noch erwarten.«

»Und der ist?«

»Ein junger Edelmann, ein neuer Kamerade,
Der durch des Admirals und unsers Königs Gnade
Feldhauptmann erst geworden ist.«

»Der ist ja Hugenott!«

Inmitten ihrer Freuden vergessen sie ihren Haß nicht, die jungen Herren! Der Hugenott, das ist der Feind. De Retz ruft aus: »Ich werde ihn hänseln!« Nevers erwidert: »Und ich ihn bekehren:

Zum Kult der wahren Götter, der Liebe und der Freude!«

Ziemlich leichtfertig, diese jungen katholischen Herren.

Nach obigen Worten tritt Raoul de Nangis auf. Das Orchester spielt eine Begleitung quasi allegretto. Er erscheint, kommt nach vorn, sieht die jungen Edelleute der Reihe nach an, lächelt, und beginnt:

»An diesem Ort, an diesem Ort mich hier zu finden,
In diesem edeln Kreis, in diesem lustbewegten Haus,
Ich, Raoul, ganz unbekannt, den keine Heldentaten künden,
Die Ehr' dank' ich nur euch, die Ehr' dank ich nur euch!«

Und Cossé, katholischer Edelmann, erwidert: »Sehr hübsch, bei meiner Ehre!« während Tavannes geringschätzig sagt:

»Ein Edelmann vom Lande, mit linkischen Gebärden.«

Ich muß Ihnen bemerken, daß ich Cadenet vorher geraten hatte, seine Auftrittsszene zu verwerten – auf dem Theater muß man alles verwerten –, indem er sich weniger an die jungen katholischen Edelleute wendete als an das Publikum von Havre und, die rechte Hand auf die Herzseite seines Wamses gelegt, bescheiden sagte:

»An diesem Ort, an diesem Ort mich hier zu finden,
In diesem edeln Kreis, in diesem lustbewegten Haus –«

»Blicke in das Publikum, blicke auf die Frauen,« hatte ich ihm gesagt, »zeige dich zugleich lächelnd und bewegt, zugleich zaghaft und selbstvertrauend, das wird sich sehr gut machen.«

Cadenet tritt also auf, mitten unter die jungen katholischen Edelleute. Er ist nicht übel kostümiert. Eine etwas zu große Feder am Hut, ein wenig einem Tiroler Jäger gleich, aber das Bein recht hübsch in dem anliegenden Beinkleid und den Stulpenstiefeln. Wirklich gar nicht übel. Pittoresk. Er tritt vor. Er grüßt. Er sieht auf Cossé, Nevers, de Retz, Tavannes, er blickt ins Publikum und beginnt plötzlich mit seiner hübschen Stimme:

»Den Wein, das Spiel, die Schönen,
Sie lieb' ich nur fortan!
Sie lieb' ich nur fortan!«

Und er sang so herzhaft, so zuversichtlich:

»Den Wein, das Spiel, die Schönen!«

Allgemeine Verblüffung. Der Unglückliche hatte den Kopf verloren. Er vergaß Raoul, er vergaß die »Hugenotten«, und er sang »Robert der Teufel«! Von den zwei Opern, die er konnte, stürzte er sich kopfüber in die, die gerade in seinem armen, schwachen, schwankenden Gedächtnisse obenauf kam. Auf der Bühne und im Zuschauerraum war alles so starr vor Staunen, daß es zuerst den Anschein hatte, als hätte niemand den unglaublichen Irrtum bemerkt. Ich selbst war stumm, versteinert. Von den Mitspielern sagte nur Berrouillet, der den Nevers gab, ganz leise zu dem unglücklichen Cadenet:

»Aber Sie singen ja Robert! Sie singen Robert! Sie geben heute den Raoul und nicht den Robert! Raoul! Raoul!«

Cadenet hörte ihn nicht, verstand ihn nicht. Er fuhr fort zu singen:

»Den Wein, das Spiel, die Schönen,
Sie lieb' ich nur fortan!«

Aber schließlich, auf einem Feste junger Edelleute, die eben gesungen hatten:

»Und alles sei vergessen,
Nur das Vergnügen nicht.«

ging es gerade noch an, zu singen: »Den Wein, das Spiel, die Schönen.« Die Sänger und das Orchester hielten es daher für das beste, die »Hugenotten« fortzusetzen, indem sie hofften, der Debütant werde bald seines Irrtums inne werden. Und Berrouillet sang mit erhobener Stimme als Nevers:

»Nun, Bacchus zu Ehren
Laßt die Becher uns leeren
Beim fröhlichen Mahl!«

Aber der arme Cadenet steckte bis über die Ohren in »Robert der Teufel«, und er schmetterte zornig aus voller Brust:

»Das ist zu viel! Man nehm' den Frechen fest!«

Die jungen Edelleute wichen entsetzt zurück oder brachen in Lachen aus. Und das Publikum schrie:

»Ja, ja! Das ist zu viel! Man hält uns zum Narren! Hinaus mit ihm! Fort mit dem Debütanten! Unser Geld zurück!«

Aber Cadenet war im Schwung und nicht aufzuhalten. Er schritt gegen Nevers vor und brüllte:

»Eine Stunde geb' ich dir,
Sprich dein Gebet und dann – werd' er sofort gehängt!«

Nun gab es aber kein Weiterspielen mehr. Ein furchtbarer Sturm brauste durchs Haus:

»Vorhang! Vorhang! Polizei! Einsperren! Einsperren!«

Man bewaffnete sich mit Fußbänken und wollte sie Cadenet an den Kopf werfen; man schlug auf die Sitzlehnen, daß sie beinahe in Trümmer gingen. Polizisten eilten herbei. Der Regisseur gab den Befehl: »Vorhang!«

Und Cadenet sah zwischen sich und dem Publikum die Leinwand herabrollen, die sich, eine dünne, aber unheilvolle Schranke, zwischen ihn und den Ruhm schob. Man führte ihn weg. Er wollte weitersingen. Seine kraftvolle Stimme rief:

»Ich habe meine Rolle begonnen, ich will sie vollenden!«

»Aber wir geben ja die ›Hugenotten‹, Unglücklicher, und nicht ›Robert der Teufel‹!«

»Das macht nichts! Ich habe angefangen, ich will vollenden!«

Man mußte ihn mit Gewalt in die Kulissen zerren. Mit zerrissenem Wams, zerknülltem Hut, die herabgefallene Feder, die er aufgehoben hatte, in der Hand schwingend, wehrte er sich wie ein wirklicher Protestant in der Bartholomäusnacht. Bald aber raufte er sich die Haare aus, schlug mit den Händen gegen seine Brust und warf sich zu Boden. Der arme Junge hatte endlich – aber zu spät – sein Mißgeschick begriffen!

Umsonst bat der Regisseur um die Nachsicht des Publikums, versuchte, das »bedauerliche Mißverständnis« aufzuklären, das Publikum wollte keine Entschuldigung annehmen:

»Nichts von Cadenet! Weg mit Cadenet! Hinaus mit Cadenet! Unser Geld zurück!«

Die Direktion erbot sich endlich, den unglücklichen Cadenet durch Fourgousse, auch einen Toulousaner, zu ersetzen, der sehr beliebt war. Und Fourgousse, der aus dem Zuschauerraum hereingeholt worden war, erschien bald darauf im Kostüm Raouls unter donnerndem Beifall. Dieses Mal sagte Raoul zu den katholischen Edelleuten richtig sein:

»An diesem Ort, an diesem Ort mich hier zu finden,
In diesem edeln Kreis, in diesem lustbewegten Haus –«

Er hatte einen riesigen Erfolg.

Ich führte indessen Cadenet nach seinem Zimmer im Hotel Frascati, während er kopfschüttelnd und in verzweifeltem Tone sagte:

»Welch ein Gedächtnis! Welch ein schreckliches Gedächtnis! Nein, niemals werde ich es wieder wagen, die Bretter zu betreten. Niemals! Niemals!«

In der Ferne donnerte das Meer, ebenso erregt wie eben noch der Zuschauerraum im Grand-Théâtre.

»Wenn der ›Transatlantique‹ noch nicht abgegangen wäre, ginge ich nach Amerika,« sagte Cadenet unter Tränen, »und ließe mich wo immer engagieren. Dort könnte ich wenigstens straflos die Rollen verwechseln, sie verstehen nicht Französisch.«

»Rechne nicht darauf,« erwiderte ich ihm. »Sie lesen im Textbuch mit. Man sagt sogar, daß das Textbuch sie am meisten interessiert.«

Plötzlich erhob Cadenet, seine Tränen trocknend, den Kopf:

»Brichanteau,« sagte er, »bist du Fourgousses sicher?«

»Wieso?«

»Bei den Proben hörte er mir immer zu und beobachtete mich mit einem Lächeln – oh, einem Lächeln! Hat er nicht vielleicht eine Kabale angezettelt?«

Ich sah Cadenet an, ohne zu antworten. Eine Kabale! Er glaubte nun an eine Kabale!

»Aber mein armer Junge, du selbst hast ja ,...«

»Ja, ja,« sagte er. »Ich weiß. Ich fürchte nur, daß ich in eine Falle geraten bin.«

Wenn Sie Cadenet begegnen sollten, wird er Ihnen nun erzählen, wie die Eifersucht Fourgousses ihn gehindert hat, in Havre einen Erfolg zu erzielen. Und Sie werden ihm begegnen. Er ist bei der Polizei. Er ist Schutzmann geworden. Seine Aufgabe ist es, die Leute hinauszuführen, wenn sie drohen, die Sitze zu demolieren. Wenn er hier und da in der Oper Dienst hat, seufzt er, wenn er durch eine offene Tür den Beifall hört, der einem Tenor gespendet wird. Er denkt, daß Fourgousse ein Elender ist; dann richtet er sich in seiner Uniform auf und tröstet sich, indem er sich sagt (er hat es mir erzählt):

»Schließlich habe ich Besseres als das geleistet! Ich habe dem Publikum von zwei Opern Meyerbeers gleichzeitig einen Begriff gegeben, und wenn man mich hätte fortfahren lassen, hätte ich gewonnenes Spiel gehabt ,... Gedächtnis! Was ist Gedächtnis? In der Kunst« (das hat er von mir) »gibt es nur das da!«

Und er schlägt sich kräftig auf die Stelle, wo unter dem Tuch der Polizistenuniform sein Herz klopft – das gleich dem meinigen ein Künstlerherz ist.

Was hat Cadenet gefehlt? Glück! Auch mir hat es nicht gelächelt. Ich bin Starter, so wie er Polizist ist. Und ich sage oft zu ihm:

»Wer weiß, wir waren vielleicht dazu geschaffen, um, du die Oper, ich das Drama neu zu beleben!«

Ach, die Bankrotte des Lebens! Aber halt! Es gibt seinen Gläubigern auch Abschlagszahlungen, und ich wäre, alt und herabgekommen, wie ich bin, mit tausend Freuden bereit, wieder von vorn anzufangen und seine Dividenden wieder einzustreichen: die seltenen Glücksstunden, den Beifall der Menge und die Liebe der Frauen.

Entschuldigen Sie mich, bitte. Ich verplaudere mich, und die Zeit der Probe naht heran. Zwei Stunden gegenwärtig. Die Probe? Sehen Sie, welche Ironie! Die Probe! Aber es ist nicht Hugo, der geprobt wird, es ist nicht einmal Bouchardy. Es sind die Rennen für Sonntag. Auf die Bahn, Starter! Auf die Bahn! – Auf Wiedersehen!

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