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Brichanteau, der Mime

Jules Claretie: Brichanteau, der Mime - Kapitel 10
Quellenangabe
authorJules Claretie
titleBrichanteau, der Mime
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
yearo.J.
printrun
translatorLeopold Rosenzweig
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180103
projectid3dee22c9
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9. Das Leichenbegängnis Panazols

Er ist tot, der arme Panazol! Vor einigen Tagen haben wir ihn auf den Friedhof von Montmartre gebracht, wo er sich vor langer Zeit eine Grabstätte gekauft hatte und ein Grabmal nach seinem Geschmack hatte errichten lassen, ein heiteres Grabmal, dessen Entwurf er selbst geprüft und dessen Ausführung er überwacht hatte, indem er pünktlich in die Werkstatt des Steinmetzen kam wie zu einer Probe. Panazol, der sich immer höchst sorgfältig und gewählt gekleidet hatte, legte Wert darauf, daß diese letzte steinerne Hülle ganz nach seinem Sinne sei.

Ein großes Talent, Panazol! Mir für meinen Teil gefiel er ungemein. Er war wohl ein klein wenig altmodisch, tremolierte mit der Stimme und fuhr sich regelmäßig mit der Hand ins Haar, wenn er eine Liebeserklärung machte; aber bei all dem ein wirklicher jugendlicher Liebhaber, der es wie kein zweiter verstand, einer Frau die Hand zu küssen und niederzuknien, ohne lächerlich zu werden. Ja, wenn ich Leidenschaften erweckt habe, so konnte mir Panazol darin einiges vorgeben. Wir waren Rivalen im Theater, Rivalen außerhalb, aber immer Freunde, gute Freunde.

Nun ist er tot. Er hatte das Theater in voller Kraft verlassen. Dieser unverwüstliche Mensch, der geschaffen war für eine lange künstlerische Laufbahn, wollte nicht alt werden. In ein andres Rollenfach überzutreten, hätte ihm eine Schande geschienen. Er war gewohnt, geliebt zu werden und wollte immer nur geliebt werden. An dem Tage, an dem er bemerkte, daß er ein wenig zu viel weiße Haare hatte und daß seine Zähne schlecht wurden, gab er seine Abschiedsvorstellung, empfahl sich vom Publikum, weinte ein wenig und zog sich nach Asnières in ein kleines, aber, so wie er selbst, elegantes Häuschen zurück, worin er nun lebte, indem er sagte:

»Es gibt keine jugendlichen Liebhaber mehr!«

Sein Grabmal lag ihm ungemein am Herzen. Er ordnete an, daß eine Liste seiner besten Rollen hineingemeißelt werde, in zwei Reihen, die durch eine verlöschte Fackel geschieden waren. Fackel des Ruhmes oder Fackel der Liebe, das weiß ich nicht; Panazol kann keine Auskunft mehr darüber geben. Er starb vergangene Woche in seinem kleinen Hause in Asnières, und, was man auch von der Pietätlosigkeit der Theaterleute sagen mag, wir fanden uns in sehr großer Zahl vor dem schwarzdrapierten Tor ein, und wir haben ihn fast alle auf den Friedhof begleitet.

Ich will allerdings nicht verschweigen, daß das Wetter mild war und daß der Winter die Feindseligkeiten eingestellt zu haben schien. Bei dem Leichenbegängnis sah man alte, sehr alte Freunde wieder, auch alte Freundinnen, alte Frauen mit weißen Haaren, die einmal hübsche Brünetten oder Blondinen gewesen waren. Da hieß es: »Sieh da, Angèle! Und Irène! Und Martinard! Und Durandel! Der liebe Chevrier! Der gute Duverdy!« Denn, wie ich schon sagte, sie waren alle da, fast alle, die Kollegen des seligen Panazol. Panazol war nie eifersüchtig, noch mißgünstig, noch boshaft gewesen. Seine Genossen bewahrten ihm ein gutes Angedenken und legten ihm Blumen aufs Grab.

Er hatte ein schönes Begräbnis. Mit unvorhergesehenen Episoden, wie ich hinzufügen muß. Für die Fahrt von Asnières nach Montmartre hatte die Familie (sie bestand nur aus einem Neffen) zwei Omnibusse zu unsrer Verfügung gestellt. Diese Einrichtung ist sehr modern und auch sehr angenehm, wenn man unter Bekannten ist. Wenn der Weg lang ist, kann man plaudern. Wir kannten einander glücklicherweise alle. Da war Duverdy, der einmal kleine Rollen im Gaîté gegeben hatte, Martinard, der Komiker, Topinet, trefflich als komischer Alter, und Damen, alte und junge, die alten, weil sie Panazol gekannt und – wer weiß? – vielleicht geliebt hatten, die jungen aus Neugierde, und weil sie hofften, daß irgendein Journalist ihre Namen in seinem Berichte erwähnen werde.

Wir saßen also im rollenden Omnibus, Ellbogen an Ellbogen, Knie an Knie, ein wenig gedrängt.

»Komplett!« rief Duverdy.

»Und kein Umsteigen,« sagte Topinet.

Wir waren anfangs nicht sehr heiter. Durch die Scheiben der Wagenfenster und über die schwarzen Pferde hinweg sahen wir vor uns den Leichenwagen, der langsam, langsam vorwärtsschwankte, bedeckt von Kränzen, die unter den Stößen der Räder erzitterten. Als wir über die Brücke kamen, blickten wir auf die Seine, die ihr von dem letzten Regen schmutzig gefärbtes Wasser träge hinwälzte.

»Heute wär's nicht angenehm, zu rudern,« warf einer hin.

»Oh, man rudert jetzt nicht mehr, man fährt Rad,« sagte eine der Damen.

»Ein schädlicher Sport für Damen,« sagte Chevrier. »Das wird sich später zeigen.«

»Und für die Männer nicht minder,« rief Mattinard, »für die jungen Leute besonders. Sie machen sich ganz bucklig damit.«

Ich, der ich sonst gern spreche, sagte nichts. Ich hörte nachdenklich zu. Ich hörte zu und dachte an Panazol. Ich gedachte seiner als jungen Mannes, als brillanten, leidenschaftlichen Künstlers mit feurigen Augen, wie er in Versailles den Montéclain in » La Closerie des Genêts« gespielt hatte, oder in Montpellier im »Hernani« mein Partner gewesen war. Ich gab den Hernani, er den Don Carlos; ein schöner Abend. Und nun wanderte der arme Panazol, der einst so bejubelte, von den Frauen geliebte, langsam in seinem rüttelnden letzten Eichenbette dem kleinen steinernen Hause zu, dessen Plan und Ausführung er so sorgsam selbst bestimmt hatte.

Ich fand, daß man nicht viel von ihm sprach in diesem Omnibus, der nun, nachdem er die Wälle hinter sich hatte, über die langen, breiten, trübseligen Straßen der Bannmeile hinrollte. Nein, man sprach nicht viel von ihm – man sprach nicht einmal genug von ihm.

»Armer Panazol!« sagte ich plötzlich, auf die Leute deutend, die beim Vorbeikommen des Leichenzuges das Haupt entblößten. »Das sind die letzten Grüße, die ihm zuteil werden.«

»Ach ja, diese Grüße haben mir neulich eine tüchtige Lektion in der Bescheidenheit gegeben,« sagte Martinard lachend. »Ich gehe die Avenue de l'Opéra hinab, gegen das Palais Royal, meinen einstigen Tempel, zu, als ein mir begegnender Herr mich grüßt. ›Jemand, der mich kennt,‹ denke ich, erwidere seinen Gruß und setze meinen Weg fort. Zwei Schritte weiter begegne ich wieder einem Herrn, der wieder grüßt. Ich ziehe höflich den Hut. Ein dritter Herr, dritter Gruß. ›Teufel,‹ denke ich mir, ›das ist ja geradezu Berühmtheit! Siehst du, Martinard, das Publikum hat dich nicht vergessen, obgleich die Photographien der Jungen die deinigen in den Schaukästen verdrängt haben.‹ Und ich war stolz, wirklich sehr stolz. Da begegnet mir eine Dame, die, als sie an mir vorbeigeht, sich bekreuzigt. Ein Lichtstrahl! Ich drehe mich um. Wißt ihr, Kinder, was es war? Ich ging wenige Schritte vor einem blumenbedeckten Sarg, ähnlich diesem da, der auf seinem Wege zum Friedhof Montparnasse die Avenue de l'Opéra herabkam. Die Grüße hatten dem Toten gegolten. Wie gesagt, das hat meine Bescheidenheit bedeutend gekräftigt!«

»Die Geschichte ist nicht schlecht,« sagte Topinet. »Seh einer den alten Martinard! Wie er uns sein Stücklein hergesagt hat! Er hat noch immer seinen alten Schwung!«

Und die Damen lachten.

Es folgten allerlei Theatererinnerungen, Geschichten aus vergangenen Jahren mit immer wiederkehrenden: »Erinnerst du dich?« »Denkst du noch daran?« »Hast du mich gesehen?« »Hast du ihn gesehen?« und so weiter.

Man suchte Anekdoten von Panazol hervor, aus seinen Anfängen, seiner Jugendzeit. Duverdy erinnerte an die Jahre der Dürftigkeit, die Panazol, der später so Gefeierte, durchgemacht hatte.

»Wenn ich denke, daß ich in › La Tour de Nesle‹ mit ihm gespielt habe!«

»In › La Tour de Nesle‹?«

»Jawohl. Und Panazol spielte den Gaultier d'Aulnay!«

»Panazol in anliegenden Beinkleidern und Schnabelschuhen – er, der Modekönig! Das hätte ich sehen mögen!«

Sie sagte das so drollig mit einem Seufzer, Irène Gauthier, die einst so hübsche kleine Spitzbübin, daß der ganze Omnibus lachte. – Sich ihn vorzustellen im mittelalterlichen Wams und Beinkleidern, halb rosa, halb veilchenfarben, den armen Toten, den man dort auf seiner letzten Fahrt durch die Straßen führte!

Und Duverdy benutzte mit Freuden die Gelegenheit, sich zum Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit zu machen – er war ein ehemaliger Doktorand, der den Spatzen in der Hand um der Taube auf dem Dache willen losgelassen hatte und unglaublich viel herumgewandert war – und erzählte die Geschichte der Vorstellung von » La Tour de Nesle«. Sie war übrigens unterhaltend.

»Diese Aufführung von › La Tour de Nesle‹ ist eine angenehme Erinnerung für uns, Panazol und mich. Angenehm, weil ich sie dazu gemacht habe, denn der Abend hatte kühl, sehr kühl begonnen. Es lag Schnee in der Luft, und der Schnee, oh, das ist der Tod des Theaters, er läßt den Billettenverkauf einfrieren und bringt ein verschnupftes Haus. Wir spielten also › La Tour de Nesle‹ an einem 30. Januar – ich habe ein Gedächtnis wie ein Kilometerzähler. Ich hatte den Orsini übernommen. Mein Fach war damals Buridan; aber ich hatte ihn Dalvimar überlassen, der mich um diese Gefälligkeit gebeten hatte. Die Tochter eines Gerichtsvollziehers hatte sich in ihn verliebt und wollte ihn trotz des Einspruchs ihrer Eltern heiraten; sie führte nun diese ins Theater, um ihnen zu beweisen, eine wie große Zukunft Dalvimar habe.«

Die ganze Omnibusgesellschaft fand die Geschichte sehr lustig.

»Famos! Probevorstellung zu Heiratszwecken!«

»Und hat der Gerichtsvollzieher Dalvimar engagiert?«

»Freilich! Und bald nach ihrer Heirat ist ihm seine Frau mit einem Tenor durchgegangen.«

»Traut den Gerichtsvollzieherinnen nicht!«

Und während die Leute auf der Straße den Leichenzug grüßten, fuhr Duverdy in seiner Erzählung fort, trug sie vor, inszenierte sie, mimte sie ein wenig, ungefähr wie ich es tue, wenn ich ins Schwatzen komme.

»Ich spielte also den Orsini, wie gesagt. Ich spielte ihn gut. Aber dieses Publikum aus Stein, dieses Publikum aus Pappe schien wie erstarrt. Ich mochte noch so sehr die Augen rollen, noch so sehr die r rollen, es rührte sich so wenig wie ein Stück Holz. Der arme Panazol sagte zu mir: ›Sollen wir Wärmflaschen unter die Bänke legen lassen?‹ Kein einziger Effekt packte. Das zweite Bild, im Turme, ging vorüber, ohne daß die Zuhörer erbebt wären. Und doch kommt da die Stelle vor, wo ich mit einem gewissen Ausdruck, wie ich mir schmeichle, sage: ›Eine Nacht, wie geschaffen für tolle Lust. Der Himmel ist schwarz, der Regen fällt, die Stadt schläft. Der Fluß schwillt an, als höbe er sich den Leichen entgegen, die seine Beute werden sollen. Draußen das Krachen des Donners. Drinnen Gläserklirren, Küsse und Liebesworte. Ein seltsam Konzert, in dem Gott und Satan jeder seinen Part spielen!‹ In diesen Sätzen liegt Metall, liegt Glut! Aber die Liller blieben ungerührt. Sie hörten nichts und spürten nichts. Ich war wütend – wütend! Panazol versuchte mich hinter den Kulissen zu beruhigen, umsonst! Ich wütete, ich schäumte! – Da kam mir plötzlich eine Idee: ›Man muß den Leuten etwas hinwerfen, was sie interessiert. Das Paris Ludwigs des Zänkers und Enguerrand de Marignys interessiert sie nicht. Nun denn, so wollen wir ihnen von Lille sprechen, diesen Kleinstädtern. Wartet, meine lieben Flamänder, ich werd's euch schon zeigen!‹ Ich wartete also das vierte Bild ab, Taverne Orsinis, dieselbe Szene wie im ersten Akt, und beim Aufgehen des Vorhangs, wo Orsini allein ist und ruft: ›Es scheint, daß es heute im Turm nichts zu tun gibt; um so besser, denn all das vergossene Blut muß auf irgendwen zurückfallen, und wehe dem, der von Gott dazu ausersehen wird, es zu sühnen!‹ da fackele ich nicht lange und hänge dem Text Dumas' und Gaillardets eine Improvisation an: ›Ja, wehe dem, der dazu ausersehen wird, es zu sühnen, denn die Stunde der Gerechtigkeit naht! Als die Kugeln der Österreicher auf die Vorstädte Lilles regneten, als in jener denkwürdigen Belagerung die Liller Kanoniere von 1792 den Fremdlingen heldenhaft widerstanden, da konnten sie glauben, daß Gott den Eindringling nicht mehr bestrafen werde, als er bisher Margarete von Burgund bestraft hat. Aber die stolze Erzherzogin von Österreich, die Lille in Asche zu legen gedachte, sah sich enttäuscht, und ich, Orsini, einfacher Schenkenwirt an der Porte Saint-Honoré, erkläre vor der Geschichte und vor der Zukunft, daß die tapfere Stadt Lille sich unvergängliche Verdienste um das Vaterland erworben hat!‹ – Kinder, da hättet ihr den Effekt sehen sollen! Das Haus geriet in Aufruhr, entzündete sich wie unter einem elektrischen Funken. Alles rief: ›Bis! Bis! Hoch die Belagerung von Lille! Bravo, Orsini!‹ Ich wollte sprechen. Unmöglich. Immer wieder tönte mir der Ruf entgegen: ›Wiederholen! Wiederholen!‹ Und ich ließ mich nicht lange bitten. Ich wiederholte meine Improvisation, ich sprach von den Liller Kanonieren, von den Bomben, von 1792, und wieder erdröhnte das Haus von Beifall, als ich vollendet hatte. Nunmehr pochte meine Kollegin Lardenoy, die die Margarete spielte, wieder und wieder an die Tür. Es war ihr Auftritt. Ich rief: ›Wer da?‹ – ›Öffnet!‹ – ›Die Königin ,... Allein um diese Stunde?‹ Die Königin trat ein. Sie erwartete Buridan. Sie verabschiedete Orsini. ›Laßt mich allein.‹ Worauf ich erwiderte: ›Wenn die Königin meiner bedarf, wird ihr Knecht zur Stelle sein!‹ – ›Gut, der Knecht vergesse nur nicht, daß er nichts hören darf.‹ Worauf ich zu sagen hatte: ›Er wird taub sein, ebenso wie er stumm sein wird,‹ womit ich abgehe. Aber ich fand diesen Abgang etwas zu nichtssagend und fügte wieder unter dem donnernden Beifall des Hauses hinzu: ›Er wird taub sein, ebenso wie stumm, ausgenommen, wenn die Erinnerung an die Belagerung Lilles sein Herz hochaufwallen macht!‹ – Und da, meine Lieben, geschah das vielleicht Unerhörte in der Geschichte des Theaters, daß Orsini, zweite Nebenrolle, direkt in die allererste Reihe in der Anteilnahme des Publikums vorrückte und daß das ganze leidenschaftdurchbebte, beifalldurchtobte Haus während der großen Szenen Margaretes und Buridans immer und immer wieder rief: ›Orsini! Orsini!‹ – ›Es ist nicht der Zigeuner,‹ sagt Margarete zurückweichend. ›Nein, es ist der Kapitän!‹ erwidert Buridan. Aber das Publikum rief: ›Nichts da, Zigeuner! Nichts da, Kapitän! Orsini! Orsini! Or–si–ni!‹ Sie wollten nur Orsini, sie verlangten nur Orsini. Orsini immerfort! Orsini for ever! Ihr müßt wissen, daß Orsini in diesem Akt nur noch erscheint, um zu sagen: ›Ja, Madame,‹ und Margarete in den Kerker zu geleiten, in dem Buridan angekettet ist, im vierten Akt, um einen Befehl zu empfangen, und im fünften, um ein letztes Verbrechen zu begehen. Aber er mußte damals in jedem Bild, fast in jeder Szene erscheinen und überall, selbst im Louvre, irgendeine Erinnerung an die Belagerung von Lille anbringen. So zum Beispiel beim Vorbeiziehen König Ludwigs X., als der Offizier der Garden rief: ›Platz dem König! – Platz der Königin! – Platz dem ersten Minister! ‹ – da fügte Orsini hinzu: ›Platz dem Gedenken an unsre tapfre Stadt Lille, die furchtlos den Bomben trotzte!‹ – Ach, Kinder, es war ein unvergleichlicher, unvergeßlicher Abend! Ich wünsche jedem von euch einen solchen. Unser armer Panazol sprach immer und immer wieder davon, so oft ich ihn sah. Ich habe es stets verstanden, ein eisiges Haus zum Auftauen zu bringen. Aber man muß Geistesgegenwart haben.«

»Und historische Kenntnisse,« sagte ich unwillkürlich, an Compiègne und an die glorreiche Aufführung von »Ludwig XI.« denkend.

»Und Dreistigkeit,« sagte Martinard.

»So ist's,« sagte Topinet.

Aber Duverdy hatte nicht nur das Publikum in Lille auftauen machen, auch die Gesellschaft im Omnibus. Und das Kapitel der alten Erinnerungen war eröffnet, und diese flatterten auf wie die Rebhühner. Martinard erzählte von seinen Wanderungen durch die Provinz. Topinet ahmte Kollegen aus vergangener Zeit nach. Er hatte Grassot gekannt, der eine ganze Generation damit unterhalten hatte, daß er seine rechte Hand schüttelte wie ein Besessener und immerfort rief: › Gnouf! Gnouf!‹ Topinet machte: › Gnouf! Gnouf!‹ wie Grassot, und alles lachte. Jeder gab nun etwas zum besten. Als man auf ein Strophenlied zu sprechen kam, das die Arnal in »Reich durch Liebe« gesungen hatte, fing Irène Gauthier, die eine hübsche Stimme gehabt hatte, es zu singen an. Und Durandet sprach begeistert vom Strophenlied, das man mit Unrecht vernachlässige, und gab Proben einer Menge solcher Lieder, gefühlvoller und komischer, so daß der Omnibus sich mit Beifall und von Zeit zu Zeit mit Gelächter erfüllte.

»Erinnert ihr euch, wie er das in ›Berthas Klavier‹ gab?«

Und das Couplet wurde gesungen.

»Und kennt ihr auch dieses?«

Dann sang Durandet wieder ein andres nach der Melodie von »Das Glockenspiel von Dunkerque«:

»Liebe Freunde,
Teure Freunde,
Es lebe das Leben,
Es lebe die Lust!«

Alle sangen es im Chor nach. Panazol war vergessen. Es war wie eine Landpartie. Wäre es Sommer gewesen, so hätten wir wohl haltgemacht, um uns in irgendeinem Wirtshaus zu erfrischen. Es war sehr lustig.

»Da haben wir,« sang Topinet nach der Melodie von »Da haben wir den richtigen Soldaten,«

»Da haben wir, da haben wir
Das richtige Begräbnis!«

Je mehr wir uns indessen unserm Ziel näherten, desto weniger lachten wir. Wir erreichten endlich den Friedhof. Sehr ernst jetzt, langsamen Schrittes, mit dem Gesichtsausdruck von Leidtragenden folgten wir dem Sarge bis zu der Stelle, wo wir uns auf immer von unserm Freunde trennen sollten. Zwischen den Gräbern durch ging der Zug und erreichte endlich das Grabmal, das Panazol sich selbst hatte errichten lassen. Die Deckplatte war weggehoben und zeigte die gähnende Grube, an deren oberem Ende sich der hübsch geschnittene Stein erhob mit den eingemeißelten zwei Reihen von Rollen, die durch eine verlöschte Fackel getrennt waren; und darüber stand von Lorbeerblättern umgeben, unter einem griechischen Alpha und Omega, in goldenen Lettern der Name, der so oft auf den Anschlagsäulen geprangt hatte: Panazol.

Da sind wir.

Der Zug hält. Die Teilnehmer bilden einen Kreis, und jeder trachtet in die Nähe der Redner zu kommen, die am Grabe sprechen sollen. Ich sehe mir die Redner an. Der eine ist Valbousquet – der jugendliche Komiker der Folies Dramatiques – der im Namen der Jungen sprechen und dem Veteranen der Theaterschlachten von einst seinen Gruß bieten soll; der andre Maurevel, der als erster im Namen der Gesellschaft der Bühnenkünstler sprechen wird. Maurevel ist Literat in seinen Mußestunden und hat auch einen Band Erinnerungen veröffentlicht: »Im Zwischenakt. Gedanken und Studien.« Ich empfehle Ihnen, ihn zu lesen.

Ich beobachte die Redner und studiere sie. Wenn man nicht selber spielt, ist man kritischer Zuschauer.

Maurevel sieht ernst aus, und der kleine Valbousquet ist so blaß wie seine weiße Krawatte. Es ist das erste Mal, daß er jemand begräbt, und er ist sehr erregt. Maurevel, ein alter Praktikus, zeigt mehr Sicherheit. Wie viel Leichenbegängnisse hat er schon mitgemacht! Dann versteht er auch zu sprechen. Er hat über die Kunst der Rede und über den Gedankengang der Dichter eine Reihe von Vorlesungen im Athenäum von Batignolles gehalten.

Der Priester spricht die Gebete und segnet das Grab ein. Die Redner treten vor. Panazol wird nun in seinem Sarge der Apotheose seines arbeitsreichen Lebens beiwohnen.

Wir waren alle sehr bewegt, das muß ich sagen. Jawohl, alle. So bewegt wie der kleine Valbousquet. Selbst die, die kurz vorher im Omnibus am meisten gelacht hatten, selbst die fühlten sich erschüttert. Als ich Maurevel vortreten sah, würdevoll und hochaufgerichtet, den Arm vorgestreckt, einen mächtigen Arm, der wie der Kragen seines Winterrocks mit Astrachan verbrämt war, dachte ich mir:

›Nun, mein lieber Panazol, höre zu und freue dich! Es ist deine letzte Vorstellung!‹

Maurevel fängt also an. Was er uns da sagte, werde ich nie im Leben vergessen. Seine Stimme ist tönend, voll, weniger stark als die meinige; sie hätte Beauvallet nicht eifersüchtig gemacht, aber sie ist schön.

»Meine Herren,« sagte er – und dieses »meine Herren« tönte über den Friedhof und gebot Stille – »meine Herren, der treffliche Mann, den wir beweinen, der so ungewöhnlich begabte Kollege, den wir zur letzten Ruhestätte begleiten, war ein Künstler in der vollen Bedeutung des Wortes, ein Schöpfer, ein Menschendarsteller. Er begnügte sich nicht damit, in seinem Beruf berühmt zu werden, er gereichte diesem Beruf zur Ehre. Wenn Panazol gestorben ist, die Stirn von grünem Lorbeer bekränzt, aber ohne rotes Bändchen im Knopfloch, so kommt das daher, daß er ein Künstler und kein Beamter war, und daß er niemals nach jenen äußerlichen Zeichen einer vergänglichen Wertschätzung getrachtet hat, die sich auf gar manche begünstigte, zweifelhafte Brust herabsenkten.«

Die Phrase verfehlte ihre Wirkung nicht. Man bleibt ja gewöhnlich steif auf einem Friedhof; aber es gibt ein stummes Erbeben, das so viel wert ist wie schmeichelhaftes Gemurmel.

»Es ist also, meine Herren, ein Schauspieler, und nur ein Schauspieler, ein Kollege, und nur ein Kollege, dem wir heute zu der Reise nach dem Ruheplatze, der uns alle einmal aufnehmen wird, das Geleite geben. Als Zeugen des erfolgreichen Lebens meines ruhmbedeckten Freundes kommt es mir zu, ihm, seinem Verdienste, seinem künstlerischen Werte eine unparteiische Huldigung darzubringen. Bei allen Prüfungen des Konservatoriums fallen gelassen, war Jean Jacques Panazol im wahren Sinne des Wortes ein Produkt seiner eignen Arbeit und seines Talents. Er hat sich selbst gemacht, sich selbst geschaffen.

»Ich habe ihn von Jugend aus gekannt und habe, ich darf es sagen, ohne Eifersucht, ohne Eitelkeit, ohne Widerwillen meine Rollen mit ihm geteilt. Er befand sich damals in jener Periode des Zögerns, die wir alle – oder fast alle – durchgemacht haben, und in der wir uns selbst zu finden trachten, indem wir eifrig nach unsern Vorzügen und unsern Fehlern suchen. Dieser Fehler besaß Panazol zahlreiche. Eine häufig mangelhafte Aussprache, eine Haltung, die ich unschön nennen möchte, eine Schüchternheit, die an Unbeholfenheit grenzte, deuteten noch nicht auf den Darsteller, der unser Panazol später werden sollte. Du verzeihst mir meine Aufrichtigkeit, teurer Freund, ja, du verzeihst sie nicht nur, du hättest mir sie anempfohlen, du hättest sie gefordert. Zu jener Zeit warst du – man kann das ja heute sagen, nachdem du es in so ruhmreicher Weise wettgemacht hast – warst du, von seltenen Ausnahmen abgesehen, ausgesprochen schlecht!«

Verblüffung unter den Hörern. Wir sahen uns ein wenig erschrocken an.

Aber Maurevel fuhr, ohne sich daran zu kehren, mit ausgestrecktem pelzverbrämtem Arme fort:

»Wenn ich dies feststelle, mein alter Freund, so geschieht dies nur, um mit um so größerer Bewunderung von den Siegen zu sprechen, die du nach dieser Periode des Zögerns und des Mißgeschicks davongetragen hast. Welch prächtige Abende verdanken wir dir! Welche erlesene Genüsse! Welch schöne Erinnerungen!

»Es ist nicht zu leugnen, meine Herren, daß Panazol sich häufig verleiten ließ, Rollen zu übernehmen, für die er nicht geeignet war. Sie erinnern sich des übrigens ungerechten und übertriebenen Mißerfolges, den er als d'Artagnan erlitt. Aber welch eigenartigen persönlichen Stempel drückte er dem des Verrats bezichtigten Patrioten im ›Bürger von Gent‹ auf! Er war schlecht beraten, als er, der durch seine körperlichen Gaben zum jugendlichen Liebhaber des Lustspiels, der leichten Komödie bestimmt war, eines Tages durchaus sich im klassischen Repertoire versuchen wollte. Hier trat der Mangel jedes grundlegenden Studiums allzudeutlich zutage. Aber dagegen, welch hinreißende Gaben, welch originelle Details, wenn er sich seiner angeborenen Natur und seinen Eingebungen überließ, die ich genial nennen möchte, ja, meine Herren, genial, wenn sie nicht so regellos gewesen wären.

»Und wie elegant verstand er sich für seine Rollen zu kleiden! Welch wohldurchdachte Effekte in seinem Kostüm! Und mit wie viel Wahrheit, auch mit Bosheit vielleicht, konnte man sagen, daß er das Beste an seiner Kunst seinem Schneider danke. Als ob es so leicht wäre, meine Herren, seinen Schneider zum Hilfsmittel seiner Erfolge zu machen!

»Alle diese glorreichen Erinnerungen, alle diese Siege bedeutenden Namen hat Jean Jacques Panazol auf der marmornen Liste verewigt, die hier über seinem Grabe erglänzt. Indem er zu diesen Schatten einstigen Ruhms die Fackel und den Rauch der Liebe fügte, hat er selbst, in rührender Fürsorge für seinen Nachruhm, das Verzeichnis seiner Erfolge in den Stein graben lassen. Vielleicht befinden sich Rollen darunter, die die Nachwelt von diesem Marmor wegwischen würde. Zweifellos ist es so. Aber nicht uns kommt es zu, daran zu rühren. Die Zeit allein kann die Grabschriften der Menschen korrigieren. Wenn es sich um einen Freund, um seinen Ruhm und um seine Selbstliebe handelt, so müssen wir ihn und sie respektieren.

»Und daher,« schloß Maurevel, »will ich, ohne weiter auf die Einzelheiten einer ehrenvollen Laufbahn einzugehen, mich damit begnügen, dem teuern Geschiedenen unser tiefbewegtes Gedenken und die Tränen seiner ihn überlebenden Kollegen zu widmen. Lebe wohl, Panazol! Auf Wiedersehen, du, der du, ehe die unvermeidlichen Runzeln kamen, das Muster eines jugendlichen Liebhabers warst! Auf baldiges Wiedersehen, alter Freund!«

Hierauf wischte sich Maurevel mit seinem Ärmel eine Träne ab, die sich in dem Astrachanbesatz verlor, und die Blätter, aus denen er seine Rede gelesen hatte, zusammenrollend, trat er unter die Umstehenden zurück, indem er den Blick umherschweifen ließ, um einen Beifall einzuheimsen, der ihm nicht zuteil wurde.

»Das war ja keine Leichenrede, das war ein Herunterreißen!« sagte Duverdy.

»Er hat Essig in sein Weihwasser getan,« sagte Irène Gauthier.

Ich für meinen Teil war sprachlos: Armer Panazol! So also sieht deine Apotheose aus! Dein Mausoleum hat schöne Dinge zu hören bekommen. Ich blickte auf den Neffen des Toten, einen großen, plumpen, rotwangigen Menschen, der aus der Provinz gekommen war. Er dankte Maurevel herzlich. Er fand, daß Maurevel sehr schön von seinem Onkel gesprochen habe. Er hatte nichts gemerkt. Oh, diese Erben!

Ich wechselte kummervolle Blicke mit den alten Freunden. Aber es sollte noch schlimmer kommen, als der kleine Valbousquet sich anschickte, im Namen der Vereinigung dramatischer Künstler zu sprechen.

Er war noch bleicher als vorher, war schrecklich aufgeregt, als er nun vortrat, und man sah fast nichts von ihm als seine lange, spitze, gerötete Nase in dem schmalen Gesicht. Sein Kopf steckte in einem weißen Seidentuch wie der Pierrots in seinem Halskragen. Er machte hm, hm, um seine Stimme zu klären, und nachdem er in den Taschen seines Überrocks gesucht hatte, entnahm er einer derselben eine Papierrolle, die er mit nervös zuckenden Lippen entfaltete. Dabei zitterten seine Hände heftig.

»Er wird nicht lesen können,« sagte jemand hinter mir.

Valbousquet sah gar nicht auf sein Papier; er blickte mit großen, vorquellenden Augen um sich wie ein Debütant, der, erstickt von Angst, in ein Haus blickt, das bereit ist, ihn zu verschlingen. Er zögerte lange, das Wort zu ergreifen, und einige fingen an, mit den Füßen auf den feuchten Boden zu stampfen, um sich zu erwärmen. Plötzlich raffte er sich aber auf, und die Augen auf das Papier senkend, begann er:

»Wer ich bin? Wer ich bin? Sehen Sie es denn nicht? Ich bin das Wörterbuch. Jawohl! Ich bin das Wörterbuch der Académie!«

Wie? Was war das? Was sagte er? Wir sahen einander verblüfft und verständnislos an.

Das Wörterbuch? Hatte Valbousquet den Verstand verloren? Das Wörterbuch der Académie? Was hatte das mit Panazol, unserm Freund Panazol, zu tun? Wir wußten nicht, was wir denken sollten. Wenn eine Granate mitten unter uns geplatzt wäre, hätten wir nicht betäubter sein können.

Valbousquet fuhr fort:

»Oh, man vollendet mich nicht zu häufig. Aber ich will es nur gleich verraten: wenn ich wirklich einmal vollendet bin, werde ich gleich wieder von vorne angefangen. Ich bin das endlose Wörterbuch, das ewige Wörterbuch, das ,...«

Plötzlich hielt Valbousquet inne, schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirn, daß ein roter Fleck auf dieser erschien, und rief laut aus:

»Verzeihen Sie! Ich bitte sehr um Verzeihung! Ich habe mich geirrt! Oh, das ist albern! Verzeihen Sie mir! Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, meine Damen und Herren! Das ist meine Rolle, nicht meine Rede, meine Rolle!«

Valbousquet hatte sich vergriffen. Anstatt des Abschieds von Panazol, den er sich aufgesetzt hatte, war ihm eine der Rollen in die Hand geraten, die er für eine »Revue« in den Folies Dramatiques zu proben hatte, wo er nacheinander das »Wörterbuch«, den »Bazillus« und den »Phonographen« gab. Und nun mochte er noch so rührend von dem Talent Panazols, von den Tugenden Panazols, von dem Beispiel, das Panazol gegeben, sprechen, niemand hörte mehr auf ihn. Er war als Redner endgültig abgetan, und er sollte fortan nur noch »das kleine Wörterbuch« heißen.

Duverdy, der hinter mir stand, sagte zu mir: »Der Irrtum war köstlich. Das war sehr unterhaltend, das war gutes Theater!«

»Und weniger boshaft als Maurevels freundschaftliche Nachrede,« sagte Irène Gauthier. »Was für eine Niedertracht von diesem Maurevel!«

So wurde Panazol begraben, der arme Panazol, ein braver Freund, eine unsrer Berühmtheiten!

Während Valbousquet sprach, hatte ich da und dort Lachen gehört, das durch die Achtung vor dem Orte unterdrückt wurde. Aber es hätte nur wenig gefehlt, daß die Ecke des Friedhofs von lautem Gelächter widerhallt hätte, so wie vorher der Omnibus. Ein seltsames Leichenbegängnis! Valbousquet mochte sich so sehr bemühen, seiner Stimme einen düsteren Ton zu verleihen, mit gerührtem Beben zu sagen: »Lebe wohl, teurer und verehrter Meister!« man hörte nicht auf ihn, man sah ihn immer nur in Gestalt der Rolle aus der Revue: »Wer ich bin? Ich bin das Wörterbuch!«

Wir warfen Erdschollen in das offene Grab und zogen an dem Neffen vorbei, der keinen einzigen von uns kannte, und der uns mit dem feindseligen Mißtrauen ansah, das die ehrsamen Bürger gegen die Theaterleute hegen.

Dann besuchten wir zum Schlusse noch die Gräber in der Nähe: das von Régnier, von Samson, Lockroy, Laferrière ,... So viele Größen von einst schlummern hier unter den grauen Steinen. Wir besuchen sie nicht allzu häufig, aber wenn die Gelegenheit sich darbietet, benutzen wir sie.

Beim Fortgehen bot ich Irène Gauthier den Arm, die sich infolge ihres Rheumatismus schwer bewegte.

»Siehst du,« sagte sie, »wenn ich einmal dahingehe, will ich keinerlei Reden an meinem Grabe. Wenn du mich überlebst, mein alter Brichanteau, bring mir nur ein Veilchenbukett für zwei Sous. Das ist mehr wert als alles das. – Armer Panazol!«

Er hatte sie geliebt, glaube ich. Sie ihn auch vielleicht.

Am Tor des Friedhofs sagte sie dann:

»Ich verlasse dich nun. Ich muß zur Probe. Ich bin auch bei der Revue in den Folies beschäftigt wie dieser Tropf von Valbousquet.«

Ich sah auf die alte, dicke, unförmliche Frau mit den grauen Haaren, in denen gelbe Flecken sichtbar waren.

»Jawohl,« sagte sie, meine Gedanken erratend, »ich bin auch dabei beschäftigt. Aber ich spiele nicht, ich bin Ankleiderin. Man bringt sich fort, wie man kann, ich bin Garderobiere geworden. Was willst du, mein guter Alter? Das ist noch immer besser als Sitzanweiserin oder – Lumpensammlerin zu sein.«

Und sie stieg in den Omnibus, indem sie dem Kutscher die Adresse der Folies Dramatiques gab. Der Omnibus stand den Trauergästen den ganzen Tag zur Verfügung. Der Neffe hatte ihn vorausbezahlt.

Armer Panazol! Ich denke wie Irène Gauthier. Wenn man mich einmal begräbt, so soll man keine Rede an meinem Grabe halten, sondern sich darauf beschränken, die Aufzeichnungen, die ich selbst dafür machen werde, zu verlesen (ohne sie mit einem andern Schriftstück zu verwechseln). Das ist sicherer.

Aber warten Sie. Panazol sollte noch eine letzte Demütigung erleiden. Als ich mich anschickte, den Friedhof zu verlassen, traf eben ein neuer Leichenzug ein – ein gewöhnlicher Wagen, herkömmlich aufgeputzt, mit banalen Blumen – und als der Friedhoftürsteher ihn erblickte, ließ er einen lauten Pfiff erschallen.

Dieser schrille Laut, der die Luft zerriß, ging mir durchs Herz. Mich unwillkürlich gegen die Alleen kehrend, die wir eben verlassen hatten, und mit dem Blicke durch die Bäume und Grabsteine hindurch den fernen – und unsichtbaren – Platz suchend, wo unser geschiedener Kamerad ruhte, machte ich meiner Empörung in dem Ausruf Luft, der die beste aller Leichenreden, der Protest eines alten treuen Freundesherzens war:

»Mein armer Panazol! Es ist das erstemal, daß man dich auspfeift!«

Aber wie wahr sind die Worte Shakespeares, die ich mit meiner eindringlichsten Stimme im »Hamlet« als Gonzago spreche:

»Will' und Geschick sind stets im Streit befangen,
Was wir ersinnen, ist des Zufalls Spiel,
Nur der Gedank' ist unser, nicht sein Ziel.«

Was in einfacher Prosa so viel sagen will, als daß in unserm tollen Dasein die Posse eng mit dem Drama verknüpft ist, und daß auf Schritt und Tritt die Operette an die Tragödie stößt.

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