Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alfred Brehm >

Brehms Tierleben. Vögel. Band 15: Brehms Tierleben. Vögel. Band 15: Raubvögel II - Sperlingsvögel I

Alfred Brehm: Brehms Tierleben. Vögel. Band 15: Brehms Tierleben. Vögel. Band 15: Raubvögel II - Sperlingsvögel I - Kapitel 3
Quellenangabe
typereport
authorAlfred Brehm
titleBrehms Tierleben. Vögel. Band 15: Brehms Tierleben. Vögel. Band 15: Raubvögel II - Sperlingsvögel I
publisherGutenberg-Verlag
seriesBrehms Tierleben
volumeBand 15
editorAdolf Meyer
year1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140117
projectid56b51c90
Schließen

Navigation:

Sechste Ordnung: Die Sperlingsvögel ( Passerinae)

Drosselvögel. Wasserschwätzer. Zaunkönige.

Mehr als die Hälfte aller Vögel wird, bis jetzt noch ziemlich allgemein, in einer einzigen Ordnung vereinigt. Verschiedene Versuche, die letztere, der man ungefähr fünftausendsiebenhundert Heute sind es schon weit über 11000 Arten. Herausgeber. Arten zuweist, in mehrere gleichwertige Gruppen aufzulösen, sind gescheitert. Bei der erheblichen Artenzahl und Vielgestaltigkeit der Sperlingsvögel ist es schwierig, allgemeine Merkmale aufzustellen. Die Größe der unsrer Ordnung zugewiesenen Vögel schwankt zwischen der des Kolkraben und der des Goldhähnchens; Schnabel und Fuß, Flügel und Schwanz, Beschaffenheit und Färbung des Gefieders bieten nicht minder erhebliche Unterschiede dar. Dem Schnabel der verschiedenen Sperlingsvögel darf wohl nur das eine als gemeinsames Merkmal zugesprochen werden, daß er mittellang ist und einer Wachshaut entbehrt, den Beinen dagegen, daß das Schienbein bis zur Ferse herab befiedert, der Lauf vorn stets mit größeren, in den meisten Fällen mit sieben Tafeln bekleidet, der Fuß zierlich gebaut und die innere Zehe, die die zweite an Stärke und Länge gewöhnlich übertrifft, nach hinten gerichtet ist. Als wichtigstes Merkmal gilt, daß bei den meisten, jedoch keineswegs bei allen Sperlingsvögeln der untere Kehlkopf besondere Entwicklung erlangt hat, indem derselbe von zwei bis fünf, auf die Vorder- und Hinterfläche verteilten Muskelpaaren bewegt wird.

siehe Bildunterschrift

Singvögelgruppe:

  1. Gartenrotschwanz ( Ruticilla phoenicurus)
  2. Buchfink ( Fringella coelebs)
  3. Nachtigall ( Luscinia megarhyncha)
  4. Mönchsgrasmücke ( Sylva atricapilla)
  5. Rotkehlchen ( Erithacus rubecola)
  6. Amsel ( Turdus merula)
  7. Zaunkönig ( Troglodytes parvulus)

Entsprechend ihrer außerordentlichen Anzahl ist die Verbreitung der Sperlingsvögel. Sie sind Weltbürger und bilden den wesentlichen Teil der gefiederten Einwohnerschaft aller Gürtel der Breite oder Höhe, aller Gegenden, aller Örtlichkeiten. Sie bewohnen jedes Land, jeden Gau, die eisigen Felder des Hochgebirges oder Nordens wie die glühenden Niederungen der Wendekreisländer, die Höhe wie die Tiefe, den Wald wie das Feld, das Rohrdickicht der Sümpfe wie die pflanzenlose Steppe, die menschenwogende Weltstadt wie die Einöde; sie fehlen nirgends, wo ihnen irgendeine Möglichkeit zum Leben geboten ist: sie finden noch auf öden Felseninseln mitten im Eismeer Aufenthalt und Nahrung.

Nur eine einzige Ordnung der Vögel, die der Raubvögel, beherrscht ein annähernd gleich ausgedehntes und verschiedenes Gebiet; die Sperlingsvögel aber sind ungleich zahlreicher an Arten und Einzelwesen als jene und schon deshalb verbreiteter. Das Meer stößt sie zurück; sie sind Kinder des Landes. Soweit der Pflanzenwuchs reicht, dehnt sich ihr Wohngebiet. In den Wäldern treten sie häufiger auf als in waldlosen Gegenden, unter den Wendekreisen in zahlreicherer Menge als im gemäßigten oder kalten Gürtel; doch gilt auch dies für die Gesamtheit nur bedingungsweise. Viele Arten leben fast oder ausschließlich auf dem Boden, und weitaus die meisten sind demselben mindestens nicht fremd. Die Nähe des Menschen meiden die wenigsten unter ihnen; viele bitten sich vielmehr bei dem Gebieter der Erde zu Gaste, indem sie vertrauensvoll sein Haus und sein Gehöft, seinen Obst- und Ziergarten besuchen, und kein einziger von ihnen würde die Nachbarschaft der Wohnungen scheuen, träte der Mensch ihnen nicht feindlich gegenüber, sei es auch nur insofern, als er ihnen zusagende Wohnsitze seinen Zwecken gemäß umgestaltet.

Wer die Sperlingsvögel insgemein zu den hochbegabten Gliedern ihrer Klasse zählt, gewährt ihnen nicht mehr als Recht. Fast ausnahmslos gewandt in Leibesübungen aller Art, beherrschen sie so ziemlich jedes Gebiet. Nicht alle sind ausgezeichnete Flieger; einzelne von ihnen aber wetteifern in dieser Beziehung mit jedem andern Vogel. Auf dem Boden bewegen sich mindestens die meisten leicht und geschickt, die einen schreitend, die andern hüpfend, wenige nur trippelnd; dichtes Gezweig durchschlüpfen viele mit der Hurtigkeit einer Maus; am Stamm wie auf den Ästen und Zweigen klettern die einen, turnen die andern, treiben einige Gauklerkünste mancherlei Art. Das Wasser scheuen zwar die meisten; einige aber bemeistern es in einer Weise, die kaum ihresgleichen hat: denn sie laufen jagend auf dem Grunde dahin, oder durchfliegen den donnernd und schäumend zur Tiefe stürzenden Fall. Alle Sinne sind wohlentwickelt. Obenan steht vielleicht ausnahmslos das Gesicht, nächstdem scheinen Gehör und Gefühl besonders ausgebildet zu sein. Geschmack ist schwerlich von besonderer Bedeutung und Geruch endlich wohl nur bei einzelnen einigermaßen scharf. Dem großen Gehirn entspricht die Lebendigkeit des Wesens. Wer sie kennt, wird sie gewiß nicht geistesarm schelten, er müßte denn die Beweise des Gegenteils, die sie tagtäglich geben, nicht gelten lassen wollen. Die meisten von ihnen sind allerdings gutmütige und vertrauensselige Vögel, die falsche Beurteilung wohl möglich erscheinen lassen; alle aber bekunden bei entsprechender Gelegenheit volles Verständnis für maßgebende Verhältnisse. Sie lernen ihre Feinde kennen und würdigen, Gefahren ausweichen, wie sie mit ihren Freunden innigen Umgang pflegen und deren Wirtlichkeit wohl beherzigen: sie ändern also ihr Betragen je nach den Umständen, je nach Zeit und Örtlichkeit, je nach den Menschen, mit denen sie verkehren, nach Verhältnissen, Ereignissen, Begebenheiten. Sie sind groß in ihren Eigenschaften und Leidenschaften, gesellig, friedfertig und zärtlich, aber auch wiederum ungesellig, streitlustig, dem sonst so geliebten Wesen gegenüber gleichgültig; sie sind feurig in der Zeit ihrer Liebe, daher auch eifersüchtig und eigenwillig; sie kämpfen, wenn es gilt, mit Klaue und Schnabel wie mit der singfertigen Kehle, im Flug wie im Sitzen, mit denselben Artgenossen, in deren Verein sie sich sonst friedlich bewegen. Daß so lebendigen und leidenschaftlichen Tieren fast ununterbrochene Regsamkeit zur Notwendigkeit wird, ist begreiflich. Träumerischer Untätigkeit entschieden abhold, bewegen sie sich, wirken und handeln sie ohne Unterlaß vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Jede Begabung wird erprobt, jede Befähigung geübt. Nur solange sie schlafen, sind sie tatsächlich untätig; wachend beschäftigen sie sich gewiß in irgendeiner Weise, und wäre es auch nur, daß sie sich das Gefieder putzen. Weitaus die große Mehrzahl besitzt in hohem Grad die Fähigkeit zu singen und weiß Kenner ihres Gesanges ebenso gut zu begeistern wie geschulte Menschensänger ihre Zuhörer. Alle, die wirklich singen, tun dies mit Begeisterung und Ausdauer, und alle singen nicht bloß ihrem Weibchen, oder, wenn sie gefangen sind, ihren Pflegern, sondern auch sich selbst zur Freude, wie sie anderseits ihr Lied zur Waffe stählen, mit ihm kämpfen, durch dasselbe siegen oder unterliegen. Man hat den Singvogel oft mit dem Dichter verglichen, und der Vergleich, mag er auch hinken wie jeder andere, und mag man über ihn spötteln, darf gelten; denn was der Dichter unter den Menschen, ist der Sänger in gewissem Sinne wenigstens unter den Vögeln.

So vielseitiger Begabung, wie sie dem Sperlingsvogel geworden ist, entsprechen Lebensweise, Betragen, Ernährung, Fortpflanzung und andere Tätigkeiten und Handlungen. Im allgemeinen läßt sich hierüber wenig sagen; denn eigentlich scheint unter Sperlingsvögeln alles möglich zu sein. Ihre Lebensweise ist ebenso verschieden wie ihre Gestalt, Begabung und ihr Aufenthalt, ihr Betragen so veränderlich wie sie selbst. Die meisten von ihnen sind in hohem Grade gesellige Tiere. Einzelnen begegnet man nur zufällig, Paaren bloß in der Brutzeit; während der übrigen Monate des Jahres sammeln sich die Paare und Familien zu Trupps, die Trupps zu Scharen, die Scharen oft zu förmlichen Heeren. Und nicht bloß die Mitglieder einer Art versammeln sich, sondern auch Artverwandte, die unter Umständen monatelang zusammenbleiben, in einen Verband treten und gemeinschaftlich handeln. Solche Versammlungen sind es, die wir im Spätherbst, nach vollendeter Brut und Mauser, in unsern Wohnorten, auf unsern Fluren sehen können; solche Genossenschaften stellen sich während des Winters in Bauerngehöften oder in den Straßen der Städte als Bettler ein; solche Verbindungen bleiben auch in der Fremde bestehen. Der Klügere pflegt für das wohl der Gesamtheit Sorge zu tragen, und seinem Vorgehen wird Nachahmung zuteil. Bei andern Sperlingsvögeln, die ebenfalls in Gesellschaft leben, walten abweichende Verhältnisse ob. Kein Mitglied des von ihnen gebildeten Verbandes opfert diesem seine Selbständigkeit; einer steht zwar dem andern in Gefahr und Not freundlich bei, die Gatten eines Paares hängen mit inniger Zärtlichkeit aneinander, und die Eltern lieben ihre Jungen in so hohem Grad wie irgendein anderer Vogel die seinigen; im übrigen aber handelt jeder einzelne zu seinem Nutzen. Andere Sperlingsvögel wiederum sind Einsiedler, wie solche unter Vögeln nur gedacht werden können, grenzen eifersüchtig ein bestimmtes Gebiet ab, dulden innerhalb desselben kein zweites Paar, vertreiben aus ihm sogar die eigenen Jungen.

Streng genommen hat man die Mitglieder unserer Ordnung als Raubvögel zu betrachten, so wenig dies auch der geläufigen Bedeutung des Wortes entsprechen mag. Die große Mehrzahl nährt sich, wenn nicht ausschließlich, so doch vorwiegend, von andern Tieren, von Kerfen, Weichtieren und Gewürm aller Art, und die größten Mitglieder der Klasse zählen tatsächlich zu den tüchtigsten Räubern, da sie ihre Jagd keineswegs auf Kleingetier beschränken, sondern mit wirklichen Raubvögeln wetteifern und bei ihrer Jagd Kraft und Gewandtheit mit Mut und List vereinigen. Fast alle aber, die vorwiegend von andern Tieren sich ernähren, verzehren nebenbei auch Früchte, Beeren und Körner, und diejenigen, die letztere fressen, jagen fast ausnahmslos zeitweilig Kerbtieren nach. So bezeichnet man sie vielleicht am richtigsten als Allesfresser, wenn auch die wenigsten dies in so unbeschränkter Weise sein mögen, wie einzelne, denen alles Genießbare recht zu sein scheint, und die um die Mittel zur Erwerbung nie verlegen sind.

Je nachdem der Hauptteil der Nahrung aus tierischen oder aus pflanzlichen Stoffen besteht, ist der Sperlingsvogel gezwungen, sein heimatliches Gebiet zu verlassen, wenn der Winter ihm den Tisch verdeckt, oder aber befähigt, jahraus, jahrein wesentlich dieselbe Örtlichkeit zu bewohnen. Alle in warmen Ländern lebenden Sperlingsvögel ziehen nicht, sondern streichen höchstens von einem Gebiet zum andern, wie einzelne unsrer nordischen Arten auch zu tun pflegen. Bei uns zulande entvölkert der Herbst Wald und Flur; denn verhältnismäßig wenige von den in unserm Vaterland heimischen Arten der Ordnung sind befähigt, hier den Winter zu bestehen, und nicht bloß die meisten Kerbtierfresser, sondern auch viele Körnerfresser wandern nach Süden, ja, selbst ein Teil der Allesfresser gehorcht derselben zwingenden Notwendigkeit.

Der Frühling, möge er nun Lenz oder Regenzeit heißen, ist die Zeit der Liebe für die Mehrzahl der Sperlingsvögel; gerade unter ihnen gibt es jedoch einige Arten, die sich wenig um das neuerwachende Leben in der Natur kümmern und hinsichtlich des Brutgeschäfts an keine bestimmte Zeit des Jahres binden, vielmehr ebenso dem eisigen Winter des Nordens wie der ertötenden Sommerhitze der Wendekreisländer trotzen. Die große Menge hingegen hält treulich fest an dem Wechsel des Jahres und erkennt im Lenz dessen schönste Zeit. Bis dahin haben sich alle größeren Gesellschaften, die der Herbst vereinigte, gelöst, und die geselligen Tugenden sind einer Leidenschaftlichkeit gewichen, wie sie bei wenigen andern Vögeln stärker auftritt. Der Schnabel ist jetzt nicht bloß dem Jubellied der Liebe geöffnet, sondern auch zum Kampf der Eifersucht gewetzt. Fast möchte man glauben, daß der Sperlingsvogel sein Tagewerk nur in Singen und Kämpfen einteilt. Er betätigt die lebhafteste Erregung in allen Handlungen, nimmt mit Hast die notwendige Nahrung zu sich, singt und jubelt, übt allerlei Flugspiele, die er sonst niemals aufführt, und gibt sich mit vollem Feuer, meist vielmal des Tages, ehelichen Zärtlichkeiten hin. Diejenigen, die zu den Einsiedlern zählen, verfolgen ihresgleichen jetzt mit mehr Ingrimm als je; diejenigen, die ihren Verband nicht lösen, bilden Siedlungen, und wenn es anfänglich in ihnen auch nicht immer friedlich hergeht, manchmal vielmehr Streit um Niststätte und Niststoffe die Gemüter erhitzt, endet doch der Kampf, und tritt der Friede ein, wenn der Platz wirklich in Besitz genommen und der Bau vollendet oder mit Eiern belegt wurde. Das Nest selbst ist so verschieden wie der Sperlingsvogel selbst, an dieser Stelle sei daher nur zu sagen, daß die größten Baumeister in dieser Beziehung, wahre Künstler, gerade innerhalb unserer Ordnung gefunden werden. Das Gelege besteht aus vier bis zwölf und mehr, meist buntfarbigen Eiern. Beide Eltern brüten, und beide füttern gemeinschaftlich ihre Jungen auf. Meist folgt im Laufe des Sommers eine zweite, selbst dritte Brut auf die erste.

Im allgemeinen haben wir die Sperlingsvögel als vorwiegend nützliche Tiere anzusehen. Zwar gibt es unter ihnen einzelne, die uns vielleicht mehr schaden als nützen; ihrer aber sind so wenige, daß man ihre Tätigkeit dem Wirken der Gesamtheit gegenüber kaum in Anschlag bringen darf. Weitaus die meisten Arten erwerben sich durch Vertilgung schädlicher Kerbtiere, Schnecken und Würmer hohe Verdienste um unsere Nutzpflanzen, und nicht wenige beleben durch ihre köstliche Begabung, zu singen, Wald und Flur in so hohem Grade, daß sie uns den Frühling erst zum Frühling stempeln. Sie würden wir nicht missen mögen, selbst wenn sie schädlich sein sollten. Gerade die besten Sänger aber bringen uns nur Nutzen; die schädlichsten sind diejenigen, die als Stümper im Gesang bezeichnet werden müssen. Hierher haben wir zu rechnen einzelne Raben, hierher auch mehrere kleine Finken und Webervögel, die zwar durch Auflesen von Unkrautgesämen und gelegentlichen Fang von Kerbtieren ebenfalls Nutzen bringen, zu gewissen Zeiten aber, wenn sie zu großen Schwärmen vereinigt in reifendes Getreide oder fruchttragende Obstbäume einfallen, doch auch recht lästig werden können.

Mindestens ebensoviel Sperlingsvögel, als man in unsrer Zeit dem Moloch Magen opfert, werden gefangen, um als Stubengenossen des Menschen zu dienen. Keine andere Ordnung der Klasse liefert so viele Käfigvögel wie diese. Ihnen entnahmen wir das einzige Haustier, das wir im eigentlichen Sinne des Wortes im Käfig halten, ihnen gewähren wir das Vorrecht, uns mitten im Winter Lenz und Lenzesgrün vorzutäuschen. Gefühlsüberschwängliche Seelen haben geklagt und gejammert über die armen gefangenen Vögel im Käfig, in ihrer Beschränktheit aber vergessen, daß auch der Stubenvogel nichts anderes ist als ein Haustier, bestimmt, dem Menschen zu dienen. Ein Säugetier zu züchten, zu mästen, zu schlachten, zu verspeisen, findet jedermann in der Ordnung; einen Vogel zu fangen, mit aller Liebe zu pflegen, ihm den Verlust seiner Freiheit so gut als möglich zu ersetzen, um dafür als Dankeszoll die Freude zu ernten, seinem Lied lauschen zu dürfen, bezeichnet man als ungerechtfertigte Beraubung der Freiheit eines hochedlen Wesens. Solange unsere Erde wie bisher reicher an Toren als an Weisen sein wird, solange der Unverstand selbst in Tierschutzvereinen herrscht, ja gerade hier förmlich regelrecht großgezogen wird, ist auf Änderung so verkehrter Anschauungen kaum zu hoffen. Wir aber, die die Vögel und ihr Leben besser kennen als jene zünftigen und nichtzünftigen Klageweiber, werden uns deshalb unsere Freude an ihnen und somit auch an unseren Stubengenossen nicht beschränken noch verkümmern lassen, nach wie vor Vögel fangen und pflegen und diejenigen, die kein Verständnis für unsere Freude gewinnen wollen, höchstens im innersten Herzen beklagen.

*

Über die Einteilung dieser artenreichsten aller Ordnungen, bei deren Schilderung ich mich mehr als bei irgendeiner andern beschränken muß, herrschen so verschiedene Auffassungen, daß man behaupten darf, jeder einigermaßen selbständig arbeitende Forscher befolge sein eigenes System. Einige erachten es als richtig, die Gesamtheit in zwei Unterordnungen, die der Sing- und Schreivögel, zu teilen, je nachdem die Singmuskeln am untern Kehlkopf entwickelt sind oder nicht. Ich werde dieser Auffassung Rechnung tragen. Bei den Singvögeln ( Oscines), der großen Mehrzahl aller Sperlingsvögel, ist der untere Kehlkopf vollständig entwickelt und meist mit fünf Paaren, auf die Vorder- und Rückseite verteilten Muskeln ausgerüstet. Dem Vorgang von Cabanis folgend, stelle ich unter den hierher gehörigen Sperlingsvögeln die Drosselvögel ( Rhacnemididae) obenan. Sie sind Weltbürger, bewohnen alle Gürtel der Höhe und Breite und ebenso die verschiedenartigsten Örtlichkeiten, obwohl die Mehrzahl von ihnen im Walde seßhaft ist. Die Familie wird zur leichteren Übersicht in Unterfamilien zerfällt. Eine solche umfaßt die Erdsänger ( Humicolinae), kleinere und verhältnismäßig schlank gebaute Arten der Familie mit pfriemenförmigem Schnabel, hochläufigen Füßen, ziemlich kurzen Flügeln, selten mehr als mittellangem Schwanz und glattfederigem Gefieder. Die Erdsänger bewohnen vorzugsweise die Alte Welt, insbesondere das nördlich altweltliche Gebiet, siedeln sich im Gebüsch der Waldungen an, sind vorzügliche Sänger, ernähren sich fast ausschließlich von Kerbtieren, brüten auf oder nahe über dem Boden und legen einfarbige oder nur bleich gefleckte Eier.

 

Die höchste Stelle innerhalb der Unterfamilie gebührt den Nachtigallen ( Luscinia). Sie kennzeichnen sich durch schlanken Leibesbau, fast geraden, ziemlich gestreckten, am Grunde ein wenig verbreiterten, vorn spitzigen, pfriemenförmigen Schnabel, hochläufige, kräftige Füße, mittellange Flügel, mittellangen, abgerundeten Schwanz und verhältnismäßig knappes Gefieder, dessen Färbung beiden Geschlechtern gemeinsam ist.

Unsere seit altersgrauer Zeit hochberühmte Nachtigall ( Luscinia megarhyncha) kann mit wenigen Worten beschrieben werden. Das Gefieder der Oberseite ist rostrotgrau, auf Scheitel und am Rücken am dunkelsten, das der Unterseite licht gelblichgrau, an der Kehle und Brustmitte am lichtesten; die Schwingen sind auf der Innenfahne dunkelbraun, die Steuerfedern rostbraunrot. Das Auge ist rostbraun, der Schnabel und die Füße sind rötlich graubraun. Das Jugendkleid ist auf rötlich braungrauem Grunde gefleckt, weil die einzelnen Federn der Oberseite lichtgelbe Schaftflecken und schwärzliche Ränder haben. Die Länge beträgt siebzehn, die Breite fünfundzwanzig, die Fittichlänge acht, die Schwanzlänge sieben Zentimeter. Das Weibchen ist ein wenig kleiner als das Männchen.

Der Sprosser oder die Aunachtigall ( Luscinia philomela) ist größer, namentlich stärker als die Nachtigall, ihr aber sehr ähnlich. Als wichtigste Unterscheidungsmerkmale gelten die viel kürzere erste Schwinge und die wolkig gefleckte, wie man zu sagen pflegt, »muschelfleckige« Oberbrust. Die Länge beträgt neunzehn, die Breite etwa achtundzwanzig, die Fittichlänge neun, die Schwanzlänge acht Zentimeter.

Über die Verbreitung der Nachtigall und des Sprossers läßt sich das Folgende sagen: erstere bewohnt als Brutvogel von Großbritannien an West-, Mittel- und Südeuropa, findet sich auf den Britischen Inseln nur in England, ist in Schweden sehr selten, tritt dagegen geeigneten Orts westlich von der Peene in Nord-, Mittel- und Süddeutschland häufig auf, bewohnt ebenso in zahlreicher Menge Ungarn, Ober- und Unterösterreich, Mähren, Böhmen und ist auf allen drei südlichen Halbinseln gemein, findet sich noch zahlreich in Südrußland und der Krim, ebenso in Kaukasien, Kleinasien und Palästina, wogegen nach Süden hin ihr Vaterland nicht über die Atlasländer hinab sich erstreckt. Sie bevorzugt die Ebene, meidet aber auch bergige Gelände nicht gänzlich. In der Schweiz ist sie, nach Tschudi, in einem Höhengürtel von tausend Meter über dem Meere »nicht ganz selten«. Laubwaldungen mit viel Unterholz, noch lieber Buschwerk, das von Bächen und Wassergräben durchschnitten wird, die Ufer größerer Gewässer und Gärten, in denen es heimliche Gebüsche gibt, sind ihre Lieblingsplätze. Hier wohnt Paar an Paar, ein jedes allerdings in einem bestimmt umgrenzten Gebiete, das streng bewacht und gegen andere mutvoll verteidigt wird. Wo es Örtlichkeiten gibt, die ihren Anforderungen genügen, ist sie stets häufig, bei uns zulande aber doch in geringerem Grade als in Südeuropa. Hier hat mich die Menge der Nachtigallen, die einen und denselben Landesteil oder Garten bewohnen, in Erstaunen gesetzt. Man sagt kaum zuviel, wenn man behauptet, daß in Spanien zum Beispiel, geeigneten Orts, in jeder Hecke oder in jedem Busche ein Nachtigallenpärchen herbergt. Ein Frühlingsmorgen auf dem Montserrat, eine abendliche Lustwandlung innerhalb der Ringmauern der Alhambra, wird jedem unvergeßlich bleiben, der ein Ohr hat, zu hören. Man vernimmt hundert Nachtigallen zu gleicher Zeit; man hört überall das eine Lied. Die ganze, große, grüne Sierra Morena darf als ein einziger Nachtigallengarten angesehen werden, und solcher Gebirge gibt es noch viele. Man begreift nicht, wie es möglich ist, daß ein so kleines Stück Erde zwei so anspruchsvolle Vögel nebst ihrer zahlreichen Brut ernähren kann. Genau dasselbe gilt nach meinen neuesten Erfahrungen auch für Südungarn, woselbst sie den früher dort häufig gewesenen Sprosser mehr und mehr zu verdrängen scheint und nicht, wie vormals, allein im Gebirge, sondern auch im Donautale auftritt.

Das Verbreitungsgebiet des Sprossers begrenzt den Wohnkreis der Nachtigall im Norden und Osten. Er ist die häufigste Nachtigall Dänemarks und die einzige, die in Skandinavien, dem östlichen Pommern und ganz Nord- und Mittelrußland gefunden wird, ersetzt die Verwandte ebenso in Polen und vielleicht auch in Galizien, bewohnt noch immer, wenn auch nur einzeln, das mittlere Donautal von Wien abwärts und tritt endlich jenseits des Urals in allen Fluß- und Stromtälern der Steppe Westsibiriens auf, hat sich gerade hier auch die volle Reinheit, Fülle und Reichhaltigkeit seines Schlages bewahrt und entzückt noch heute das Ohr des Reisenden durch dieselben Strophen, die unsere Väter begeisterten.

Beide Nachtigallen wandern im Winter nach Mittel- und Westafrika, der Sprosser wahrscheinlich auch nach südlichen Ländern Asiens.

Nachtigall und Sprosser stimmen unter sich in allen wesentlichen Zügen ihrer Lebensweise so vollständig überein, daß man bei einer Schilderung derselben sich fast auf eine Art beschränken kann. Auch ich werde dies im nachstehenden tun und vorzugsweise die Nachtigall ins Auge fassen. Da, wo diese köstliche Sängerin des Schutzes seitens des Menschen sich versichert hält, siedelt sie sich unmittelbar bei dessen Behausung an, bekundet dann nicht die mindeste Scheu, eher eine gewisse Dreistigkeit, läßt sich daher ohne Mühe in ihrem Tun und Treiben beobachten. Gewöhnlich gewahrt man sie, niedrig über dem Boden auf Zweigen sitzend, ziemlich aufgerichtet, den Schwanz erhoben, die Flügel so tief gesenkt, daß ihre Spitzen unter die Schwanzwurzel zu liegen kommen. Im Gezweige hüpft sie selten, wenn es aber geschieht, mit großen Sprüngen umher; auf dem Boden trägt sie sich hoch aufgerichtet und springt, den Schwanz gestelzt, mit förmlichen Sätzen, wie Naumann sagt, »stolz« dahin, immer in Absätzen, die durch einen Augenblick der Ruhe unterbrochen werden. Erregt irgend etwas ihre Aufmerksamkeit, so schnellt sie den Schwanz kräftig und jählings empor; diese Bewegung wird überhaupt bei jeder Gelegenheit ausgeführt. Ihr Flug ist schnell, leicht, in steigenden und fallenden Bogen, auf kleinen Räumen flatternd und wankend; sie fliegt aber nur kurze Strecken, von Busch zu Busch, und am Tage nie über freie Flächen. Daß sie auch sehr schnell fliegen kann, sieht man, wenn zwei eifersüchtige Männchen streitend sich verfolgen.

Die Lockstimme der Nachtigall ist ein helles gedehntes »Wiid«, dem gewöhnlich ein schnarrendes »Karr« angehängt wird. Geängstigt, wiederholt sie das »Wiid« oft nacheinander und ruft nur ab und zu einmal »Karr«. Im Zorne läßt sie ein unangenehmes »Räh«, in behaglicher Gemütsstimmung ein tief klingendes »Tak« vernehmen. Die Jungen rufen anfangs »Fiid«, später »Kroäk«. Daß alle diese Umgangslaute durch verschiedene Betonung, die unserem Ohre in den meisten Fällen entgeht, auch verschiedene Bedeutung gewinnen, ist selbstverständlich. Der Schlag, der der Nachtigall vor allem anderen unsere Zuneigung erworben hat und den aller übrigen Vögel, mit alleiniger Ausnahme der Sippenverwandten, an Wohllaut und Reichhaltigkeit übertrifft, ist, wie Naumann trefflich schildert, »so ausgezeichnet und eigentümlich, es herrscht in ihm eine solche Fülle von Tönen, eine so angenehme Abwechslung und eine so hinreißende Harmonie, wie wir in keinem andern Vogelgesange wieder finden. Mit unbeschreiblicher Anmut wechseln sanft flötende Strophen mit schmetternden, klagende mit fröhlichen, schmelzende mit wirbelnden; während die eine sanft anfängt, nach und nach an Stärke zunimmt und wiederum ersterbend endigt, werden in der andern eine Reihe Noten mit geschmackvoller Härte hastig angeschlagen und melancholische, den reinsten Flötentönen vergleichbare, sanft in fröhlichere verschmolzen. Die Pausen zwischen den Strophen erhöhen die Wirkung dieser bezaubernden Melodien, so wie das in denselben herrschende mäßige Tempo trefflich geeignet ist, die Schönheit derselben recht zu erfassen. Man staunt bald über die Mannigfaltigkeit dieser Zaubertöne, bald über die Fülle und außerordentliche Stärke, und wir müssen es als ein halbes Wunder ansehen, daß ein so kleiner Vogel imstande ist, so kräftige Töne hervorzubringen, daß eine so bedeutende Kraft in solchen Kehlmuskeln liegen kann. Manche Strophen werden wirklich mit so viel Gewalt hervorgestoßen, daß ihre gellenden Töne dem Ohre, das sie ganz in der Nähe hört, wehe tun.«

Der Schlag einer Nachtigall muß zwanzig bis vierundzwanzig verschiedene Strophen enthalten, wenn wir ihn vorzüglich nennen sollen; bei vielen Schlägern ist die Abwechslung geringer. Die Örtlichkeit übt bedeutenden Einfluß aus; denn da die jungen Nachtigallen nur durch ältere ihrer Art, die mit ihnen dieselbe Gegend bewohnen, gebildet und geschult werden können, ist es erklärlich, daß in einem Gaue fast ausschließlich vorzügliche, in dem andern hingegen beinahe nur minder gute Schläger gehört werden. Ältere Männchen schlagen regelmäßig besser als jüngere; denn auch bei Vögeln will die edle Kunst geübt sein. Am feurigsten tönt der Schlag, wenn die Eifersucht ins Spiel kommt; dann wird das Lied zur Waffe, die jeder Streiter bestmöglichst zu handhaben sucht. Einzelne Nachtigallen machen ihren Namen insofern wahr, als sie sich hauptsächlich des Nachts vernehmen lassen, andere singen fast nur bei Tage. Während des ersten Liebesrausches, bevor noch das Weibchen seine Eier gelegt hat, vernimmt man den herrlichen Schlag zu allen Stunden der Nacht; später wird es um diese Zeit stiller: der Sänger scheint mehr Ruhe gefunden und seine gewohnte Lebensordnung wieder angenommen zu haben. Die Lockstimme des Sprossers klingt anders, – nicht »Wiid–karr«, sondern »Glock–arr«; der Schlag kennzeichnet sich durch größere Tiefe der Töne und langsameren, mehr gehaltenen, durch längere Pausen unterbrochenen Vortrag, ist stärker und schmetternder als der der Nachtigall, die Mannigfaltigkeit seiner Strophen aber geringer; er steht jedoch demungeachtet mit dem Nachtigallenschlage vollkommen auf gleicher Höhe. Einzelne Liebhaber ziehen ihn dem Liede der Nachtigall vor und rühmen mit Recht die sogenannten Glockentöne als etwas Unvergleichliches.

Erdgewürm mancherlei Art und Kerbtierlarven, die des Schattenkäfers, der Ameisen z. B., oder kleine glatthäutige Räupchen und dergleichen, im Herbste verschiedene Beeren, bilden die Nahrung der Nachtigallen. Sie lesen diese vom Boden auf und sind deshalb gleich bei der Hand, wenn irgendwo die Erde aufgewühlt wird. Nach fliegenden Kerfen sieht man sie selten jagen. Fast jeder Fund wird durch ausdrucksvolles Aufschnellen des Schwanzes begrüßt.

Die Nachtigallen erscheinen bei uns in der letzten Hälfte des April, je nach der Witterung etwas früher oder später, ungefähr um die Zeit, in der der Weißdorn zu grünen beginnt. Sie reisen einzeln des Nachts, die Männchen voran, die Weibchen etwas später. Zuweilen sieht man am frühen Morgen eine aus hoher Luft herniederstürzen, einem Gebüsche sich zuwendend, in dem sie dann während des Tages verweilt; gewöhnlich aber bekunden sie sich zuerst durch ihren Schlag. Eine jede sucht denselben Waldesteil, denselben Garten, dasselbe Gebüsch, in welchem sie vergangene Sommer verlebte, wieder auf; das jüngere Männchen strebt, in der Nähe der Stelle sich anzusiedeln, wo seine Wiege stand. Sofort nach glücklicher Ankunft in der Heimat beginnt das Schlagen; in den ersten Nächten nach der Rückkehr tönt es ununterbrochen. Das Pärchen einigt sich nicht ohne Kampf und Sorge; denn jedes unbeweibte Männchen versucht einem andern die Gattin abwendig zu machen. Wütend verfolgen sich die Gegner, mit »schirkendem« Gezwitscher jagen sie durch das Gebüsch, bis zu den Wipfeln der Bäume hinauf und bis zum Boden herabsteigend; ingrimmig fallen sie über einander her, bis der Kampf entschieden und einer Herr des Platzes und des Weibchens geblieben oder geworden ist. Die Nachtstunden, der frühe Morgen und der späte Abend werden jetzt von dem Männchen dem Gesange gewidmet; die Zwischenzeit füllt die Sorge um das liebe Brot aus. Zu ihr gesellt sich bald die um die Wiege der Kinder. Das Nest wird nunmehr in Angriff genommen und rasch vollendet. Es ist kein Kunstbau, um den es sich handelt. Ein Haufen dürres Laub, namentlich Eichenlaub, bildet die Grundlage, trockene Halme und Stengel, Schilf und Rohrblätter stellen die Mulde her, die mit seinen Würzelchen oder Hälmchen und Rispen, auch wohl mit Pferdehaaren und Pflanzenwolle ausgekleidet wird. Ausnahmsweise verwendet die Nachtigall zum Unterbaue starke Reiser, zu den Wandungen Stroh. Das Nest des Sprossers unterscheidet sich, nach Päßler, von dem der Nachtigall durch dickere Wandungen und reichlichere Ausfütterung von Tierhaaren. Das eine wie das andere steht regelmäßig auf oder dicht über dem Boden, in Erdhöhlungen, zwischen jungen Schößlingen eines gefällten Baumes oder an der Seite eines Baumstrunks, im Gestrüppe, in einem Grasbusche. Die vier bis sechs Eier, die das Weibchen legt, sind bei der Nachtigall einundzwanzig, beim Sprosser dreiundzwanzig Millimeter lang, bei jener fünfzehn, bei diesem sechzehn Millimeter dick, übrigens einander sehr ähnlich, zart- und glattschalig, mattglänzend und grünlich braungrau von Farbe, in der Regel einfarbig, zuweilen dunkler gewölkt.

Sobald das Gelege vollzählig ist und das Brüten beginnt, ändert das Männchen sein Betragen. Die Brut beansprucht auch seine Tätigkeit; es muß das Weibchen wenigstens auf einige Stunden, gegen Mittag, im Brüten ablösen und findet schon um deshalb weniger Zeit zum Singen. Noch schlägt es am Tage, kaum mehr des Nachts. Das Nest bewahrt es sorgsam, die Gattin hält es zu eifrigem Brüten an: ein Sprosser, dessen Weibchen Päßler vom Neste jagte, unterbrach sofort seinen Gesang, stürzte sich nach der Gattin hin und führte sie »mit Zornesrufen und Schnabelbissen zur Pflicht der Häuslichkeit zurück.« Nahenden Feinden gegenüber zeigen sich die um die Brut besorgten Nachtigallen sehr ängstlich, aber auch wieder mutig, indem sie rührende und gefährliche Aufopferung betätigen. Die Jungen werden mit allerlei Gewürm groß gefüttert, wachsen rasch heran, verlassen das Nest schon, »wenn sie kaum von einem Zweige zum andern flattern können,« und bleiben bis gegen die Mauser hin in Gesellschaft ihrer Eltern. Diese schreiten nur dann zu einer zweiten Brut, wenn man ihnen die Eier raubte. Ihre Zärtlichkeit gegen die Brut erleidet keinen Abbruch, wenn man die Jungen vor dem Flüggewerden dem Neste entnimmt, in ein Gebauer steckt und dieses in der Nähe des Nestes aufhängt; denn die treuen Eltern füttern auch dann ihre Kinder, als ob sie noch im Neste säßen. Schon kurze Zeit nach ihrem Eintritte in die Welt beginnen die jungen Männchen ihre Kehle zu proben: sie » dichten« oder versuchen zu singen. Dieses Dichten hat mit dem Schlage ihres Vaters keine Ähnlichkeit; der Lehrmeister schweigt aber auch bereits, wenn seine Sprößlinge mit ihrem Stammeln beginnen; denn bekanntlich endet schon um Johanni der Nachtigallenschlag. Noch im nächsten Frühling lernen die jugendlichen Sänger. Anfangs sind ihre Lieder leise und stümperhaft; aber die erwachende Liebe bringt ihnen volles Verständnis der herrlichen Kunst, in der sie später Meisterschaft erreichen.

Im Juli wechseln die Nachtigallen ihr Kleid, nach der Mauser zerstreuen sich die Familien; im September begibt sich alt und jung auf die Wanderschaft, gewöhnlich wiederum zu Familien, unter Umständen auch zu Gesellschaften vereinigt. Sie reisen rasch und weit, machen sich aber in der Fremde wenig bemerklich. Ich habe sie einzeln in den Waldungen Ostsudans angetroffen.

Der vielen Feinde halber, die den Nachtigallen, und zumal ihrer Brut, nachstellen, tut der vernünftige Mensch nur seine Schuldigkeit, wenn er den edlen Sängern Plätze schafft, auf denen sie möglichst geschützt leben können. In größeren Gärten soll man, wie der hochverdiente Lenz rät, dichte Hecken pflanzen, aus Stachelbeerbüschen bestehende zum Beispiel, und alles Laub, das im Herbste abfällt, dort liegen lassen. Derartige Plätze werden bald aufgesucht, weil sie allen Anforderungen entsprechen. Das dichte Gestrüpp schützt, das Laub wird zum Sammelplatze von Würmern und Kerfen und verrät raschelnd den sich nahenden Feind. Noch mehr als vor vierbeinigen und geflügelten Räubern hat man die Nachtigallen vor nichtsnutzigen Menschen, insbesondere gewerbsmäßigen Fängern zu wahren und diesen das Handwerk zu legen, wo und wie man immer vermag. Die unvergleichlichen Sänger scheuen sich wenig vor Fallen, Schlingen und Netzen; auch das einfachste Fangwerkzeug berückt sie. Dann kommen alle Leiden der Gefangenschaft über sie. Alte Nachtigallen, die eingefangen werden, wenn sie sich schon gepaart haben, sterben regelmäßig auch bei der besten Pflege, jüngere, vor der Paarung ihrer Freiheit beraubte ertragen die Gefangenschaft nur dann, wenn ihnen die sorgsamste Wartung zuteil wird. Wer schlagende Nachtigallen in seinem Garten, von seinem Fenster aus hören kann, braucht sie nicht im Käfige zu halten; wer dagegen durch seinen Beruf an das beengende Zimmer gebannt ist, wer keine Zeit oder keine Kraft hat, die herrliche Sängerin draußen unter freiem Himmel zu hören, und die rechte Liebe in sich fühlt, mag unbeanstandet nach wie vor seine Nachtigall pflegen.

*

Als nahe Verwandte der Nachtigallen betrachten wir die Blaukehlchen ( Erithacus). Ihr Leib ist schlank, der Schnabel gestreckt, vor den Nasenlöchern etwas zusammengedrückt, daher hochrückig, vorn pfriemenspitzig, der Fuß hoch und dünn, der Fittich kurz und ziemlich stumpf, in ihm die dritte und vierte Schwinge gleichlang, der Schwanz mittellang, das Gefieder locker, die Färbung desselben verschieden nach Geschlecht und Alter. Bei den Männchen ist die Oberseite tief erdbraun, die Unterseite schmutzigweiß, seitlich und hinterwärts graubraun überlaufen, die Kehle aber prachtvoll lasurblau, mit oder ohne andersfarbigen Stern, nach unten hin in eine schwarze Binde übergehend, die durch ein schmales, lichtes Bändchen von einem halbmondförmigen Brustflecke geschieden wird, ein Streifen über dem Auge, der auf der Stirn zusammenfließt, weißlich, der Zügel schwärzlich; die Schwingen sind braungrau, die Schwanzfedern, mit Ausnahme der mittleren, gleichmäßig schwarzbraun, von der Wurzel an bis zur Hälfte lebhaft rostrot, gegen die Spitze hin dunkelbraun. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel schwarz, der Fuß auf seiner Vorderseite grünlich-, auf der Hinterseite gelblichgrau. Bei den Weibchen sind alle Farben blasser, und die Kehlfärbung ist höchstens angedeutet. Die Jungen sind oben auf dunklem Grunde tropfenartig rostgelb gefleckt, unten längsgestrichelt; ihre Kehle ist weißlich. Die Länge beträgt ungefähr fünfzehn, die Breite zweiundzwanzig, die Fittichlänge sieben, die Schwanzlänge sechs Zentimeter.

Die verschiedenen Arten sind hauptsächlich an der Kehlfärbung zu erkennen. So zeigt das Männchen des Tundrablaukehlchens ( Erithacus suecicus) inmitten des blauen Kehlfeldes einen zimmetroten, das Weißsternblaukehlchen ( Erithacus leucocyanus) einen weißen Stern, während dieser dem Blaukehlchen ( Erithacus cyaneculus) gänzlich fehlt. Zudem machen sich Größenunterschiede bemerklich: das Weißsternblaukehlchen ist das größte und stärkste, das Blaukehlchen das kleinste und schwächste unter seinen Verwandten. Die Weibchen entsprechen stets den Männchen; es hält aber schwer, sie zu unterscheiden.

Die Blaukehlchen sind heimisch im Norden der Alten Welt und besuchen von hier aus Südasien und Nordafrika. Das Tundrablaukehlchen haust und brütet in äußerst zahlreicher Menge im nördlichen Skandinavien, in Nordfinnland, Nordrußland und ganz Nordsibirien. Das Weißsternblaukehlchen dagegen gehört mehr dem Süden und dem Westen an, brütet in ganz Norddeutschland, insbesondere in Pommern, der Mark, Sachsen, Anhalt, Braunschweig, Mecklenburg und Hannover, ebenso in Holland. Das Blaukehlchen endlich bewohnt, wie es scheint, höhere Lagen. Auf ihrem Zuge durchwandern alle Arten ganz Deutschland und ebenso Südeuropa, Nord- und Mittelafrika, die ihr so ausgedehntes Wohngebiet verlassenden Tundrablaukehlchen selbstverständlich auch Mittel- und Südasien, hierbei erwiesenermaßen Gebirge von fünftausend Meter übersteigend, um in Indien und anderen südasiatischen Ländern Herberge zu nehmen. Bei uns zulande erscheinen die Blaukehlchen Anfang April, selten früher, meist erst gegen die Mitte des Monats hin, und reisen im September ihrer Winterherberge zu. Busch- und gras- oder schilfreiche Fluß-, Bach- und Seeufer sind in unserem Vaterlande, die Tundren im Norden ihre Wohnsitze; während der Wintermonate nehmen sie in Gärten und Buschdickichten, auf Feldern, auf hochgrasigen Wiesen, in schilfreichen, nicht allzu wasserreichen Sümpfen und an ähnlichen Orten ihren Aufenthalt. Sie dehnen ihre Wanderung nicht so weit aus wie andere Sänger, überwintern schon in Unter- und Mittelägypten oder in Mittelchina und in Nordindien, streifen aber einzeln doch bis in die südlichen Tiefebenen Ostindiens oder bis in die Waldungen des oberen Nilgebietes hinab. Auf ihrer Reise pflegen sie bestimmte Straßen, Fluß- und Bachtäler z. B., einzuhalten, und hier an gewissen Stellen regelmäßig zu rasten. Während des Frühlingszuges wandern die Männchen einzeln den Weibchen voraus, im Herbste zieht alt und jung gesellschaftlich; im Frühling folgen die Reisenden ausschließlich den Bach- oder Flußufern, im Herbste binden sie sich nicht an diese natürlichen Straßen, sondern wandern gerade durch das Land, tagsüber in Feldern rastend, deren Frucht noch nicht eingeheimst wurde, kommen dann auch wohl vereinzelt mitten in der Wüste vor.

Für den Sommeraufenthalt des Blaukehlchens sind feuchte Buschdickichte nahe am Wasser Bedingung. Deshalb meidet das Weißsternblaukehlchen in Deutschland während der Brutzeit Gebirge fast gänzlich, wogegen das Tundrablaukehlchen im Norden zwischen der Tiefe und Höhe keinen Unterschied macht, in Skandinavien sogar Höhen vorzieht, weil hier auf den breiten Fjelds der Berge See an See, oder mindestens Pfuhl an Pfuhl, durch Hunderte von kleinen Bächen verbunden und wie diese mit niederem Gestrüpp eingefaßt und umgeben, sich finden. Solche Örtlichkeiten sind Paradiese für unsere Vögel, und ihnen müssen diejenigen Niederungen Deutschlands ähneln, in denen es dem Weißsternblaukehlchen gefallen, in denen das nach Vermehrung seines Geschlechts strebende Paar sich ansiedeln soll.

Das Blaukehlchen ist ein liebenswürdiger Vogel, der sich jeden Beobachter zum Freunde gewinnt. Nicht seine Schönheit allein, auch, und wohl noch in höherem Grade, sein Betragen, seine Sitten und Gewohnheiten ziehen uns an und fesseln uns. Die größte Gewandtheit der Bewegung zeigt es auf dem Boden: es ist der Erdsänger im eigentlichen Sinne des Wortes. Sein Gang ist kein Schreiten, sondern ein Hüpfen; die einzelnen Sprünge folgen sich aber so rasch, daß man sie nicht unterscheiden kann und im laufenden Blaukehlchen eher einen Rennvogel als einen Sänger zu sehen glaubt. Dabei ist es ihm gleichgültig, ob es sein Weg über trockenen oder schlammigen Boden, über freie Stellen oder durch das verworrenste Busch- und bezüglich Grasdickicht führt; denn es versteht meisterhaft, überall fortzukommen. Im Gezweigs selbst fliegt es höchstens von einem Aste zum andern und bleibt da, wo es aufflog, ruhig sitzen. Auf dem Boden sitzend oder laufend, macht es einen sehr angenehmen Eindruck. Es trägt sich aufrecht und den Schwanz gestelzt, sieht deshalb keck aus. Der Flug ist schnell, aber nicht besonders rasch, geschieht in größeren oder kleineren Bogen, wird aber selten weit ausgedehnt. Gewöhnlich erhebt sich der Vogel nur einen bis zwei Meter über den Boden und stürzt sich beim ersten Verstecke, das er auffindet, wieder zu ihm hernieder, um seinen Weg laufend fortzusetzen. Die Sinne stehen mit denen der Nachtigall ungefähr auf gleicher Stufe, der Verstand auf gleicher Höhe. Das Blaukehlchen zeigt sich gewöhnlich harmlos, dem Menschen gegenüber zutraulich; erfährt es jedoch Nachstellungen, so wird es bald äußerst vorsichtig und scheu. Ungestört ist es, solange es sein tägliches Brot findet, beständig guter Laune, heiter, vergnügt und bewegungslustig, im Frühlinge auch singfertig. Mit andern Vögeln lebt es im Frieden, mit seinesgleichen neckt es sich gern; aus solchem Spiele kann aber bitterer Ernst werden, wenn die Liebe und mit ihr die Eifersucht rege wird. Dann mag es geschehen, daß zwei Männchen einen Zweikampf beginnen und mit größter Erbitterung fortführen, ja, nicht eher voneinander ablassen, als bis der eine Gegner erlegen ist. Zwei Blaukehlchen, die zusammen ein Zimmer, einen Käfig bewohnen, geraten oft miteinander in Zwiespalt und streiten sich zuweilen so heftig, daß eines unter den Bissen des andern verendet.

Das so vielen Sängern geläufige »Tak, tak« ist auch die Lockstimme des Blaukehlchens, ein sanftes »Fied fied«, der Laut der Zärtlichkeit, ein unnachahmliches Schnarren der Ausdruck des Zornes. Der Gesang ist je nach der Art verschieden. Am besten und fleißigsten singt das Blaukehlchen, am schlechtesten das Tundrablaukehlchen. Bei ihm ist der Schlag, laut Naumann, sehr bezeichnend in mehrere kurze Strophen abgeteilt, zwischen denen kleine Pausen gehalten werden. Einige dieser Strophen sind aus hellpfeifenden, sanften und sehr angenehmen Tönen zusammengesetzt, die aber dadurch sehr verlieren, daß sie sehr oft wiederholt werden, ehe eine neue Strophe anfängt. Die größte Eigenheit in diesem Gesange ist ein leises, nur in der Nähe vernehmbares Schnurren zwischen den lauten Tönen, wodurch man zu glauben verleitet wird, der Vogel sänge mit doppelter Stimme. Fast alle Männchen nehmen in ihren ursprünglichen Gesang Töne oder selbst Strophen aus den Liedern anderer Vögel, auch wohl Schreie und Rufe nicht singfähiger Tiere auf: so hat Naumann das »Biswit« der Rauchschwalbe, das »Pikperwik« der Wachtel, den Lockruf des Finken und Sperlings, Töne aus dem Gesange der Nachtigall, der Grasmücken, Laub- und Schilfsänger, das Gekreisch des Fischreihers, das Quaken des Laubfrosches von singenden Weißsternblaukehlchen nachahmen hören. Daß diese Spöttergabe auch anderswo bemerkt worden ist, beweisen die Lappen, die das Tundrablaukehlchen den »hundertzungigen Sänger« nennen. Zum Singen wählt das Männchen gewöhnlich einen erhabenen Sitzort und wippt dann viel seltener als sonst, begleitet wenigstens nicht jede Strophe mit einer Bewegung des Schwanzes, wie es beim Ausstoßen des Lockrufes regelmäßig zu tun pflegt.

Die Nahrung besteht in Gewürm und Kerfen allerlei Art, wie sie feuchte Örtlichkeiten beherbergen, im Herbste auch in Beeren. In der Tundra nährt sich die dort wohnende Art zeitweilig fast ausschließlich von Mücken und deren Larven.

Das Nest steht nahe am Wasser, meist am Ufer von Gräben oder Bächen, nach Hinz stets auf der Seite, die die Morgen- oder Mittagssonne bescheint, auf oder dicht über dem Boden, in Erdhöhlen, die es halb verdecken, zwischen Gewurzel oder Gestrüpp, ist ziemlich gut gearbeitet, verhältnismäßig groß, oben stets offen, aus einer Grundlage von dürrem Weidenlaub und Reisig aus Halmen und feinen Pflanzenstengeln erbaut und innen mit zarten Hälmchen, in nördlichen Gegenden auch wohl mit Haaren und Federn ausgefüttert. Mitte Mai findet man in ihm sechs bis sieben zwanzig Millimeter lange, sechzehn Millimeter dicke, sehr zartschalige Eier von lichtblaugrüner Grundfärbung, die mit rotbraunen Punkten gefleckt oder am stumpfen Ende bräunlich gewölkt sind. Die Bebrütung währt etwa zwei Wochen und wird von beiden Alten abwechselnd besorgt; die Jungen, denen die Eltern allerlei Gewürm und kleine Kerfe zutragen, verlassen das Nest, ehe sie noch fliegen können, und rennen anfänglich mit der Hurtigkeit der Mäuse auf dem Boden dahin.

Die Örtlichkeit, die das Blaukehlchen bewohnt, und seine Gewandtheit schützen es vor vielen Feinden, die andern Sängern gefährlich werden. Die brütenden Alten und noch mehr die Eier und die unbeholfenen Jungen fallen dem spürenden Fuchse, den kleinen schleichenden Raubtieren und den Ratten gewiß nicht selten zur Beute; sonst aber lebt alt und jung ziemlich unbehelligt.

Gefangene Blaukehlchen sind eine wahre Zierde des Bauers. Bei geeigneter Pflege werden sie bald und in hohem Grade zahm, so wild und scheu sie sich anfangs auch gebärdeten, singen dann auch fleißig, verlangen aber die sorgfältigste Wartung, um ausdauern zu können.

*

Ein drosselartiger, auf der Oberfirste etwas gebogener, vor dem angedeuteten Haken seicht eingekerbter Schnabel, mittelhohe, schwache Füße, ziemlich kurze und schwächliche Flügel, mittellanger, leicht ausgeschnittener Schwanz und lockeres, weitstrahliges, bei beiden Geschlechtern gleichfarbiges, in der Jugend geflecktes Gefieder sind die Kennzeichen der artenarmen Sippe, deren bekanntester Vertreter unser allbekanntes Rotkehlchen oder Rotbrüstchen ( Erithacus rubecula) ist. Die Oberseite ist dunkelolivengrau, die Unterseite graulich, Stirn, Kehle und Oberbrust sind gelbrot. Das Weibchen ist etwas blasser als das Männchen; die Jungen zeigen oben auf olivengrauem Grunde rostgelbe Schaftflecken, unten auf mattrostgelbem Grunde graue Schaftflecken und Ränder. Das große Auge ist braun, der Schnabel schwärzlichbraun, der Fuß rötlichhornfarben. Die Länge beträgt fünfzehn, die Breite zweiundzwanzig, die Fittichlänge sieben, die Schwanzlänge sechs Zentimeter.

Es scheint, daß unser Rotkehlchen nur in Europa heimisch ist. Sein Brutgebiet reicht vom siebenundsechzigsten Grade der Breite bis Kleinasien und vom Atlantischen Weltmeere bis zum Ob. Auf seinem Zuge besucht es Nordafrika, Syrien, Palästina und Persien; die Hauptmenge der uns im Winter verlassenden Rotkehlchen bleibt aber schon in Südeuropa, ein und das andere sogar in Deutschland. Das südliche England verläßt es überhaupt nicht oder doch nur zum geringsten Teile. In Deutschland ist es überall gemein. Jeder Wald mit dichtem Unterholz gewährt ihm Herberge, und während seiner Reisen besucht es jedes Gebüsch, jede Hecke, im Gebirge wie in der Ebene, im Felde wie im Garten, unmittelbar vor oder zwischen den Wohnungen der Menschen.

Es ist ein liebenswürdiges Geschöpf, das sein munteres, fröhliches Wesen bei jeder Gelegenheit bekundet. Auf dem Boden sitzend, trägt es sich aufrecht, die Flügel etwas hängend, den Schwanz wagerecht, auf Baumzweigen sitzend, etwas lässiger. Es hüpft leichten Sprunges rasch, meist aber in Absätzen über den Boden oder auf wagerechten Ästen dahin, flattert von einem Zweige zum andern und fliegt sehr gewandt, wenn auch nicht regelmäßig, über kurze Entfernungen halb hüpfend, halb schwebend, wie Naumann sagt, schnurrend, über weitere Strecken in einer aus kürzeren oder längeren Bogen gebildeten Schlangenlinie, schwenkt sich hurtig zwischen dem dichtesten Gebüsche hindurch und betätigt überhaupt große Behendigkeit. Gern zeigt es sich frei auf einem hervorragenden Zweige oder auf dem Boden; ungern aber, bei Tage wohl kaum, fliegt es in hoher Luft dahin, ist vielmehr stets mehr auf seine Sicherung bedacht, so keck es sonst auch zu sein scheint. Den Menschen fürchtet es kaum, kennt aber seine Feinde wohl und bekundet bei ihrem Erscheinen Angst oder Besorgnis. Schwachen Geschöpfen oder seinesgleichen gegenüber zeigt es einen liebenswürdigen Mutwillen, aber auch Necklust und unliebenswürdige Zanksucht, lebt deshalb nicht eben gesellig und selten in Frieden. Andererseits äußert es auch so etwas wie Mitleid. Zwei Rotkehlchenmännchen, die in meinem Heimatsorte gepflegt wurden und einen und denselben Käfig bewohnten, lebten beständig in Hader und Streit, mißgönnten sich jeden Bissen, anscheinend selbst die Luft, die sie atmeten, und bissen sich aufs heftigste, jagten sich wenigstens wütend in dem ihnen gegönnten Raume umher. Da geschah es, daß eins durch einen unglücklichen Zufall das Bein brach. Von Stund' an war aller Kampf beendet. Das gesunde Männchen hatte seinen Groll vergessen, nahm sich mitleidig des schmerzgepeinigten Kranken an, trug ihm Nahrung zu und pflegte ihn aufs sorgfältigste. Der zerbrochene Fuß heilte, das krankgewesene Männchen war wieder kräftig wie vorher; aber der Streit zwischen ihm und seinem Wohltäter war für immer beendet. Ein anderes männliches Rotkehlchen, von welchem Snell Kunde erhielt, wurde am Neste seiner Jungen gefangen, mit diesen in das Zimmer gebracht, widmete sich nach wie vor deren Pflege, fütterte und wärmte sie und zog sie glücklich groß. Etwa acht Tage später brachte der Vogelsteller ein anderes Nest mit jungen Rotkehlchen in das Zimmer zu dem alten Männchen, das er zurückbehalten hatte. Und siehe da: als die Jungen hungrig wurden und laut zu werden anfingen, kam jener Vogel heran, betrachtete sie lange, eilte dann zu dem Näpfchen mit Ameisenpuppen, begann das Pflegevatergeschäft mit der größten Emsigkeit und erzog auch diese Jungen, als ob es seine eigenen gewesen wären. Naumann erfuhr Ähnliches, als er einen jungen Hänfling auffüttern wollte. Der ewig hungrige Vogel schrie fortwährend und erregte dadurch die Teilnahme eines im Zimmer umherfliegenden Rotkehlchens. Es begab sich zu dem Käfige des Schreihalses und wurde von diesem um Futter gebeten. »Sogleich flog es zum Tische, holte Brotkrümchen, stopfte ihm damit das Maul und tat dieses endlich so oft, als sich der Verwaiste meldete.«

Aber das Rotkehlchen hat noch andere gute Eigenschaften. Es ist einer unserer lieblichsten Sänger. Sein Lied besteht aus mehreren miteinander abwechselnden, flötenden und trillernden Strophen, die laut und gehalten vorgetragen werden, so daß der Gesang feierlich klingt. Dieses Lied nun ist im Zimmer ebenso angenehm wie im Walde, und deshalb wird unser Vogel sehr häufig zahm gehalten. Er gewöhnt sich bald an die Gefangenschaft, verliert alle Scheu, die er anfänglich noch zeigte, und bekundet dafür wieder feine altgewohnte Zutraulichkeit dem Menschen gegenüber. Nach einiger Zeit gewinnt er seinen Pfleger ungemein lieb und begrüßt ihn mit lieblichem Zwitschern, aufgeblasenem Kropfe und allerhand artigen Bewegungen. Bei geeigneter Pflege hält er viele Jahre lang in der Gefangenschaft aus und scheint sich vollständig mit seinem Lose auszusöhnen. Man kennt Beispiele, daß Rotkehlchen, die einen Winter im Zimmer verlebt hatten und im nächsten Frühjahre freigelassen worden waren, im Spätherbste sich wiederum im Hause des Gastfreundes einfanden und diesen gleichsam baten, sie wieder aufzunehmen; man hat einzelne zum Aus- und Einfliegen gewöhnt; einige Paare haben sich im Zimmer auch fortgepflanzt.

Das Rotkehlchen erscheint bei uns bereits im Anfange des März, falls die Witterung es irgend erlaubt, hat aber im Vaterlande, dem es den kommenden Frühling verkündet, oft noch viel von Kälte und Mangel zu leiden. Es reist des Nachts und einzeln, laut rufend, in hoher Luft dahin und senkt sich mit Anbruch des Tages in Wälder, Gebüsche und Gärten hernieder, um sich hier zu sättigen und auszuruhen. Sobald es sich fest angesiedelt hat, tönt der Wald wider von seinem schallenden Gelock, einem scharfen »Schnickerikik«, das oft wiederholt wird und zuweilen trillerartig klingt; der erste warme Sonnenblick erweckt auch den schönen Gesang. Geht man seinen Tönen nach, so sieht man das auf dem Wipfelzweige eines der höchsten Bäume der Dickung sitzende Männchen aufgerichtet, mit etwas herabhängenden Flügeln und aufgeblasener Kehle, in würdiger, stolzer Haltung, ernsthaft, feierlich, als ob es die wichtigste Arbeit seines Lebens verrichte. Es singt bereits in der Morgendämmerung und bis zum Einbruche der Nacht, im Frühling wie im Herbst. Sein Gebiet bewacht es mit Eifersucht und duldet in ihm kein anderes Paar; aber der Bezirk des einen Pärchens grenzt unmittelbar an den des andern. Inmitten des Wohnkreises, den eins sich erwarb, steht das Nest, stets nahe am oder auf dem Boden, in Erdhöhlen oder in ausgefaulten Baumstrunken, zwischen Gewurzel, im Moose, hinter Grasbüscheln, sogar in verlassenen Bauen mancher Säugetiere usw. Dürre Baumblätter, mit denen auch eine sehr große Höhlung teilweise ausgefüllt wird, Erdmoos, trockene Pflanzenstengel und Blätter oder Moos allein werden zu den Außenwandungen verwoben, zarte Würzelchen, Hälmchen, Haare, Wolle, Federn zum inneren Ausbau zierlich zusammengeschichtet. Bildet die Höhlung nicht zugleich eine Decke über dem Neste, so wird eine solche gebaut und dann seitlich ein Eingangsloch angelegt. Ende April oder Anfang Mai sind die fünf bis sieben zwanzig Millimeter langen, fünfzehn Millimeter dicken, zartschaligen, auf gelblichweißem Grunde mit dunkleren, rostgelblichen Punkten über und über bedeckten Eier vollzählig; beide Eltern brüten nun abwechselnd, zeitigen sie in etwa vierzehn Tagen, füttern die Jungen rasch heran, führen und leiten sie nach dem Ausfliegen noch etwa acht Tage lang, überlassen sie sodann ihrem eigenen Geschick und schreiten, falls die Witterung es gestattet, zu einer zweiten Brut. Wenn man sich dem Neste oder den eben ausgeflogenen Jungen nähert, stoßen die Alten ihre Lockstimme und den Warnungsruf »Sih« wiederholt aus und gebärden sich sehr ängstlich; die Jungen, deren Gezwitscher man bisher vernahm, schweigen auf dieses Zeichen hin augenblicklich still und klettern mehr, als sie fliegen, im Gezweige empor.

Anfänglich werden die Jungen mit allerlei weichem Gewürm geatzt, später erhalten sie dieselbe Nahrung, die die Alten zu sich nehmen: Kerfe aller Art und in allen Zuständen des Lebens, Spinnen, Schnecken, Regenwürmer usw.; im Herbst erlabt sich alt und jung an Beeren der Wald- und Gartenbäume oder Sträucher. In Gefangenschaft gewöhnt sich das Rotkehlchen fast an alle Stoffe, die der Mensch genießt.

Nach vollendeter Brutzeit, im Juli oder August, mausern die Rotkehlchen; nachdem das neue Kleid vollendet, rüsten sie sich allgemach zum Wegzuge. »Wenn man in der Zugzeit des Abends im Zwielicht in einem Walde ist«, schildert Naumann, »hört man ihre fröhlichen Stimmen aus jedem Strauche erschallen, anfänglich nahe an der Erde, dann immer höher, bis sie die Baumwipfel erreichen. Hier verstummen sie; denn sowie der letzte Schein des Tages verschwindet, wird alles still im Walde, und man vernimmt dann ihre Stimme nur in den Lüften.« Nunmehr füllt sich die Winterherberge. Da, wo man während des Sommers vergeblich nach dem Rotkehlchen aussah, lugt es jetzt aus jedem Busche hervor. Alle Hochgebirge Süd- und Mittelspaniens, jede Baumhecke, jeder Garten beherbergen es. Jedes hat sich auch hier ein bestimmtes Gebiet erworben und weiß es zu behaupten; aber jedes ist bescheidener als in der Heimat: ein einziger Busch genügt ihm, und die Gesamtheit bildet gewissermaßen nur eine einzige Familie. Zuerst sind die Wintergäste still und stumm, sobald aber die Sonne sich hebt, regt sich auch ihre Lebensfreudigkeit wieder: sie singen, sie necken sich, sie kämpfen miteinander. Leise, mehr ein Gezwitscher als ein Gesang, ist das Lied, das man zuerst von ihnen hört; aber jeder neue Tag erhöht ihre Freudigkeit, und lange, bevor der Frühling einzog in ihrer Heimat, ist er wach geworden in ihrem Herzen. Der Anfang des Singens ist der Anfang zur Heimkehr.

*

Die Rotschwänze oder Rötlinge ( Ruticilla) kennzeichnen sich durch schlanken Leib, pfriemenförmigen, an der Spitze des Oberschnabels mit einem kleinen Häkchen versehenen, jedoch nicht eingekerbten Schnabel, schlanke, hochläufige, schwächliche Füße, ziemlich lange Flügel, mittellangen, fast gerade abgeschnittenen Schwanz und lockeres, je nach Geschlecht und Alter verschiedenfarbiges Gefieder. Sie bewohnen die Alte Welt und sind namentlich in Asien zahlreich vertreten.

Unser Hausrotschwanz oder Hausrötling, auch Rotsterz genannt ( Ruticilla titys), ist schwarz, auf dem Kopfe, dem Rücken und der Unterbrust mehr oder weniger aschgrau, am Bauche weißlich, auf den Flügeln weiß gefleckt; die Schwanz- und Bürzelfedern sind, mit Ausnahme der beiden mittleren dunkelbraunen, gelblichrostrot. Beim Weibchen und einjährigen Männchen ist die Hauptfärbung ein gleichmäßiges Tiefgrau; bei den Jungen ist das Grau schwärzlich gewellt. Die Länge beträgt sechzehn, die Breite sechsundzwanzig, die Fittichlänge neun, die Schwanzlänge sieben Zentimeter.

Das Wohngebiet des Rotschwanzes erstreckt sich über Mittel- und Südeuropa und außerdem Kleinasien und Persien. Im Süden unseres heimatlichen Erdteiles ist er Standvogel, im Norden nötigt ihn der Winter, sein Brutgebiet zu verlassen und nach Südeuropa, Kleinasien, Syrien, Palästina und Nordafrika zu flüchten. Ursprünglich Gebirgskind und Felsenbewohner, hat der gegenwärtig bei uns zulande zum Haustiere gewordene Vogel nach und nach sich bequemt, auf dem Wohnhause des Menschen Herberge zu nehmen, ohne zwischen der volkreichen Stadt und dem einsamen Gehöfte einen Unterschied zu machen. Er ist in demselben Verhältnisse weiter nach Norden vorgedrungen, in dem die hier üblichen Häuser mit Strohdächern durch solche mit Ziegeldächern ersetzt worden sind. Aber noch heutigentags lebt er in Südeuropa wie in der Schweiz, hier und da selbst in unsern Mittelgebirgen, nach Altväterweise an steil abfallenden Felsenwänden, und noch gegenwärtig ist er in ganz Norddeutschland eine seltene Erscheinung. Am Rheine soll er erst seit dem Jahre 1817 hausen, und ebenso, wie diesen Teil unseres Vaterlandes, hat er sich auch Großbritannien erst in der Neuzeit erobert, Irland vom Jahre 1818, England vom Jahre 1829 an. Und noch scheint er weiter und weiter nördlich zu wandern; denn neuerdings hat man ihn auch auf den Färinseln und im südlichen Skandinavien beobachtet. Im Gebirge ist er überall häufiger als in der Ebene, nimmt hier auch wohl mit einem Schindeldache vorlieb.

Bei uns zulande erscheinen die Hausrotschwänze im letzten Drittel des März, in Süddeutschland schon etwas früher. Auch sie reisen einzeln während der Nachtzeit, die Männchen voran, die Weibchen einige Tage später. Sofort nach der Ankunft in der Heimat nimmt der Vogel auf derselben Dachfirste, die sein Lieblingsaufenthalt war, wieder seinen Stand, und nunmehr beginnt sein reges, lebendiges Sommertreiben. Er ist, wie alle Glieder seiner Familie, ein ungemein regsamer, tätiger, munterer, unruhiger und flüchtiger Gesell und vom Tagesgrauen bis nach Sonnenuntergang wach und in Bewegung; sein Lied gehört zu den ersten Gesängen, die man an einem Frühlingsmorgen vernimmt, seine einfache Weise erklingt noch nach der Dämmerung des Abends. In seinen Bewegungen hat er mit den Erdsängern wenig, mit den Steinschmätzern viel gemein. Er ist außerordentlich hurtig und gewandt, hüpft und fliegt mit gleicher Leichtigkeit und bückt sich oder wippt wenigstens mit dem Schwanz bei jeder Veranlassung, auch wohl ohne eine solche. Seine Haltung im Sitzen ist eine aufgerichtete, kecke; sein Hüpfen geschieht mit großen Sprüngen, ruckweise oder mit kurzen Unterbrechungen; sein Flug führt ihn, wie Naumann sagt, »fast hüpfend oder schußweise schnurrend, auf weite Strecken aber in einer unregelmäßigen, aus größeren und kleineren Bogenlinien bestehenden Schlangenlinie fort. Er weiß sich meisterhaft zu überpurzeln, zu schwenken, mit Schnelligkeit aus der Höhe herabzustürzen und schnurrend wieder hinaufzuschwingen«; seine Flugfertigkeit ist so groß, daß er nach Fliegenfängerart Beute gewinnen, nämlich fliegende Kerbtiere bequem einholen und sicher wegschnappen kann. Seine Sinne sind vorzüglich. Klug und findig, weiß er sehr wohl, seine Feinde zu würdigen, ist sogar mißtrauisch seinen Freunden gegenüber, traut dem Menschen, bei dem er sich zu Gaste bittet, in der Regel nicht, hält sich lieber in einer bescheidenen Entfernung von ihm, womöglich auf der Firste des Hausdaches auf. Hier fühlt er sich sicher und nimmt anscheinend keinen Anteil an dem Getriebe unter ihm. Wenig gesellig, liebt er, mit seinem Gatten allein ein gewisses Gebiet zu bewohnen, und duldet in ihm kein anderes Pärchen der gleichen Art, neckt und zankt sich auch regelmäßig mit andern Vögeln, die in seinem Bereiche sich niederlassen wollen. Seine Lockstimme ist angenehm, sein Gesang aber nicht viel wert und durch ein sonderbares Schnarren ausgezeichnet. Erstere klingt wie »Fid tek tek« und wird bei Angst oder Gefahr unzählige Male schnell wiederholt; letzterer besteht aus zwei oder drei Strophen teils pfeifender, teils kreischender und krächzender Töne, die jedes Wohlklanges bar sind. Aber auch er besitzt die Gabe, anderer Vögel Lieder nachzuahmen. Jäckel hat gehört, daß er den Gesang des Laub-, Garten- und Schilfsängers, der Grasmücke, der Finkmeise, den Lockton der Haubenmeise, des Goldammers, des Zeisigs, ja selbst das Geschwätz der Staren täuschend nachahmte; mein Vater hat Ähnliches beobachtet. Doch läßt er, auch wenn er nachahmt, zwischen den erborgten Klängen immer seine krächzenden Laute vernehmen.

Der Rotschwanz nährt sich fast ausschließlich von Kerbtieren, vorzugsweise von Fliegen und Schmetterlingen. Auf den Boden herab kommt er selten, hält sich hier auch nur in stillen Gehöften, dort oder auf Lattenzäunen längere Zeit auf, um niedrig fliegende Beute zu erhaschen oder reife Beeren im Garten zu pflücken. Schmetterlinge, die andere Vögel verschmähen, verzehrt er gerne und erweist sich durch Vertilgung schädlicher Arten sehr nützlich.

Die Fortpflanzung fällt in den Mai. Jedes Männchen zeigt sich währenddem und schon vorher im höchsten Grade erregt, verfolgt, wie Karl Müller richtig schildert, das Weibchen ungestüm durch Höfe, Gärten und Gassen, krächzt und singt dabei abwechselnd, stürzt sich von hoher Firste herab und legt sich der Gattin förmlich zu Füßen, platt auf einen Ziegel, schlägt mit den ausgebreiteten Flügeln, drückt den gefächerten Schwanz bald gegen das Dach, fleht und jauchzt und berührt mit dem Schnabel den des Weibchens. Auch dieses teilt die Erregung des Gatten und verfolgt mit Wut jedes andere seines Geschlechts, das dem erwählten Männchen oder der erkorenen Niststätte sich nähert. Im Gebirge nistet das Paar in Felsenlöchern und Ritzen; in der Ebene legt es sein Nest fast ausschließlich in Gebäuden an, bald in Mauerlöchern mit weiterer oder engerer Öffnung, bald frei auf Balkenköpfen, auf Gesimsen und auf andern hervorragenden Punkten, die einigermaßen vor dem Wetter geschützt sind. Wo im Gebirge Knieholz und Fichten einzelne Felsmassen umgeben, kann es während der Brutzeit zum Waldbewohner werden und auf dem Boden, unter Gestrüpp und Gestein sein Nest erbauen, wo es ihm an passenden Nistgelegenheiten gebricht, alle Scheu vergessen und zum Zimmerbewohner werden, selbst einen Schulofen oder Briefkasten als geeignete Niststätte erachten. Das Nest füllt, wenn es in Höhlungen errichtet wurde, diese einfach aus; zierlicher gearbeitet dagegen ist es, wenn es frei auf einem Balken steht. Hier wird allerdings auch ein großer Haufen von Wurzeln, Pflanzenstengeln und Halmen unordentlich zusammengetragen, die Mulde innen aber mit vielen Haaren und Federn sehr weich ausgepolstert. Fünf bis sieben niedliche, neunzehn Millimeter lange, vierzehn Millimeter dicke, zartschalige, glänzend hellweiße Eier bilden das Gelege. Beide Eltern brüten, beide füttern die Brut groß, nehmen überhaupt gleichen Anteil an ihrem Geschick. Bei Gefahr beweisen sie wahrhaft erhabenen Mut und suchen durch allerlei Mittel die Aufmerksamkeit des Feindes von ihren geliebten Kindern abzuwenden. Die Jungen verlassen das Nest meist zu früh, werden daher leicht eine Beute der Raubtiere, erlangen aber binnen wenigen Tagen Gewandtheit und Selbständigkeit. Sobald die Eltern glauben, daß sie hinlänglich geschickt im Gewerbe sind, schreiten sie zur zweiten und selbst zur dritten Brut.

 

Die zweite Art ( Ruticilla phoenicurus), die in Deutschland vorkommt, wird zum Unterschiede Garten-, Baum- oder Waldrotschwanz genannt und verdient seinen Namen; denn er lebt fast nur auf Bäumen, im Walde ebensowohl wie im Garten. Beim alten Männchen sind Stirn, Kopfseiten und Kehle schwarz, die übrigen Oberteile aschgrau, Brust, Seiten und Schwanz hochrostrot, Vorderkopf und die Mitte der Unterseite weiß. Das Weibchen ist oben tiefgrau, unten grau, die dunklere Kehlfärbung zuweilen angedeutet. Beim Jungen ist der Oberkörper grau, rostgelb und braun gefleckt, und die grauen Federn der Unterseite sind rostgelb gerandet. Das Auge ist braun, Schnabel und Füße sind schwarz. Die Länge beträgt vierzehn, die Breite dreiundzwanzig, die Fittichlänge acht, die Schwanzlänge sechs Zentimeter.

Der Gartenrotschwanz bewohnt ein ausgedehnteres Gebiet als sein Verwandter; denn er fehlt keinem Lande Europas, bevorzugt ihrer Laubwaldungen wegen zwar die Ebene, meidet aber auch das Gebirge nicht und macht sich daher in jeder einigermaßen entsprechenden Gegend seßhaft. Nach Osten hin dehnt sich sein Wohnkreis bis Persien; weiter östlich wird er durch Verwandte vertreten. Er erscheint bei uns zulande erst im April, verläßt uns im September wieder und wandert bis ins Innere Afrikas oder ebenso bis Indien.

Lebensweise und Betragen, Sitten und Gewohnheiten des Gartenrotschwanzes erinnern vielfach an das Getriebe des Verwandten, nur daß sich jener vorzugsweise auf Bäumen aufhält. Der Gesang ist besser, wohlklingender und reicher als bei seinem Vetter; die Töne der zwei und drei Strophen, aus denen er besteht, sind sanft und flötenartig, etwas melancholisch zwar, im ganzen aber höchst angenehm. Auch er ahmt gern anderer Vögel Laute nach. Die Nahrung ist dieselbe, die der Hausrotschwanz beansprucht; doch liest der Gartenrötling, seinem Aufenthalt entsprechend, viel von den Blättern ab und mehr von dem Boden auf als jener. Das Nest steht regelmäßig in hohlen Bäumen, ausnahmsweise nur in Mauern oder Felsenlöchern, aber fast immer in einer Höhle und womöglich in einer solchen, die einen engen Eingang hat; eines jedoch wurde von Walter am Boden, angelehnt an einem dicken Kiefernstamme, gefunden, und zwar in einer Gegend, in der es an Höhlungen nicht mangelte. Es ist liederlich gebaut, aus dürren Würzelchen und Hälmchen unordentlich zusammengeschichtet und im Innern reich mit Federn ausgekleidet. Die fünf bis acht Eier, die man in der letzten Hälfte des Mai in ihm findet, sind achtzehn Millimeter lang, dreizehn Millimeter dick, glattschalig und schön blaugrün von Farbe. Die zweite Brut findet im Juli statt; das Pärchen erwählt aber jedesmal eine andere Baumhöhlung zur Anlage des zweiten Nestes und kehrt erst im nächsten Sommer zu der früheren zurück.

Der Gartenrotschwanz wird öfter als sein Verwandter im Bauer gehalten, singt hier fleißig und fast das ganze Jahr hindurch, wird aber durch seinen ewig wiederholten Lockton »Uit uit tak tak« lästig. Gleichwohl hat er sich unter den Liebhabern warme Freunde erworben, die über die Zierlichkeit seiner Bewegungen, seiner Farbenschönheit und sauberen Haltung des Gefieders den andere störenden Lockton vergessen.

*

Die Felsschmätzer oder Steinrötel ( Monticola) gehören zu den größten Arten der Familie. Der Steinrötel oder die Gebirgsamsel ( Monticola saxatilis) ist nichts anderes als ein Rotschwanz im großen. Das Gefieder ist auf Kopf, Vorderhals, Nacken und Bürzel schön blaugrau, auf dem Unterrücken weißblau oder weiß, auf der ganzen Unterseite prächtig hochrostrot; die Schulterfedern sind dunkel aschgrau oder schieferschwarz, die Schwingen schwarzbraun, an den Spitzen heller, die großen Deckfedern an der Spitze rostgelblichweiß gesäumt; die Steuerfedern, mit Ausnahme der beiden mittelsten, die gleichmäßig matt dunkelgrau sind, haben dieselbe Farbe wie die Unterseite. Das Weibchen ist oben auf mattbraunem Grunde licht gefleckt, am Vorderhalse weiß, auf dem Unterkörper blaß rostrot; die Federn sind hier dunkler gekantet. Die Jungen sind gefleckt. Das Auge ist rotbraun, der Schnabel mattschwarz, der Fuß rötlichgrau. Die Länge beträgt dreiundzwanzig, die Breite siebenunddreißig, die Fittichlänge dreizehn, die Schwanzlänge sieben Zentimeter.

Der Steinrötel ist ein Vogel des Mittelmeergebietes und daher fast auf allen Hochgebirgen Südeuropas zu Hause. Nach Norden hin kommt er als Brutvogel vereinzelt vor, so ziemlich regelmäßig in Steiermark, Kärnten, Oberösterreich, Tirol, auf den Kotuschfelsen bei Stramberg in Mähren und längs des Rheins, ausnahmsweise in Böhmen, in der Lausitz und am Harze; nach Osten hin reicht sein Verbreitungsgebiet bis Südsibirien. Auf seinem Zuge durchreist er einen großen Teil Nordafrikas; ich bin ihm noch in den Waldungen des Blauen Flusses begegnet. In der Heimat erscheint er mit dem Hausrotschwanz, oft schon um die Mitte des März, spätestens im April, und verweilt hier bis Ende September oder Anfang Oktober. Zu seinem Aufenthalte wählt er mit Vorliebe Weinberge oder weite steinige, mit einigen alten Bäumen bestandene Talmulden. Sein Betragen ähnelt dem unserer Rotschwänze, mit denen er überhaupt die größte Ähnlichkeit hat.

 

Die Blaumerle oder Blaudrossel ( Monticola cyana) ist etwas größer als der Steinrötel; die Länge beträgt dreiundzwanzig bis fünfundzwanzig, die Breite siebenunddreißig, die Fittichlänge zwölf, die Schwanzlänge neun Zentimeter. Das Gefieder des Männchens ist gleichmäßig schieferblau; die mattschwarzen Schwingen und Steuerfedern sind blau gesäumt. Beim Weibchen herrscht blaugrau vor; die Kehle ist licht rostbräunlich gefleckt und jeder Flecken schwarzbraun umsäumt; die übrige Unterseite zeigt dunkelbraune Mondflecken und bräunlichweiße Federkanten; die Schwingen und Steuerfedern sind dunkelbraun. Die Nestjungen ähneln dem Weibchen, unterscheiden sich aber durch lichtbräunliche Tropfenflecken auf der Oberseite. Nach der Mauser sind auch beim Männchen alle Federn gerandet; die Ränder schleifen sich jedoch bald ab, und das Gefieder erhält dann seine volle Schönheit. Das Auge ist braun, der Schnabel und die Füße sind schwarz.

Ganz Südeuropa, Nordafrika und ein großer Teil Mittelasiens bis Mittelchina und zum westlichen Himalaja sind die Heimat der Blaumerle, In den südlichen Kronländern Österreich-Ungarns kommt sie, besonders in Südtirol und am Gardasee, häufig als Brutvogel vor. In Deutschland ist sie, wenn überhaupt, wohl nur im Bayrischen Hochgebirge als Strichvogel beobachtet worden. Häufig tritt sie in Griechenland, Italien, Südfrankreich und Spanien auf, ebenso in Palästina, Ägypten bis Habesch und den Atlasländern. Während des Winters erscheint sie regelmäßig in Indien, obgleich man sie nicht eigentlich als Zugvogel betrachten darf; denn schon in Südeuropa begegnet man ihr jahraus, jahrein auf denselben Standorten, höchstens mit dem Unterschiede, daß sie im Winter sonnige Gehänge bevorzugt.

In ihrem Wesen und Betragen ähnelt sie dem Steinrötel sehr, unterscheidet sich aber doch in mancher Hinsicht. Mehr als der letztgenannte liebt sie die Einöde, Felswände und enge Gebirgsschluchten, denen der Baumschlag mangelt, besonders felsige Flußtäler. Regelmäßig besucht sie Ortschaften und treibt sich hier auf Türmen, Wallmauern und hochgelegenen Dachfirsten oder in Ägypten auf Tempeltrümmern umher. Nichtsdestoweniger trägt sie den Namen »Einsiedler« mit vollem Rechte. Sie lebt stets für sich, befreundet sich nie mit den Menschen und bewahrt sich auch dann, wenn sie in die Ortschaften kommt, ihre Selbständigkeit, vereinigt sich nicht einmal mit ihresgleichen in derselben innigen Weise wie andere Vögel. Nur während der Brutzeit sieht man das Paar unzertrennlich zusammen und kurz nachher die Familie gesellt; schon gegen den Herbst hin aber trennen sich die Glieder eines derartigen Verbandes, und jeder einzelne geht seinen eigenen Weg. Die Blaumerle ist ein außerordentlich munterer, regsamer, bewegungslustiger Vogel und singt sehr fleißig. Ihr Gesang steht dem des Steinrötels zwar nach, darf aber noch immer als vorzüglich gelten und wird beinahe zu jeder Jahreszeit vernommen. In ihren Bewegungen ähnelt auch sie den Steinschmätzern, nicht aber den Drosseln, mit denen sie überhaupt nur die flüchtigste Betrachtung vergleichen kann. Sie ist vielleicht noch gewandter als alle übrigen Schmätzer, und zwar nicht bloß im Laufen, sondern auch im Fliegen. Keine andere von den mir bekannten Arten der Familie fliegt so viel und so weit in einem Zuge wie sie, die oft Entfernungen von einem Kilometer in einem Zuge durchmißt und, von einem ihrer Lieblingssitze in der Höhe ausgehend, ohne sich auf den Boden herabzusenken, von einem Bergesgipfel zum andern streicht. Der Flug selbst erinnert an den unserer gewandtesten Drosseln; doch schwebt die Blaumerle mehr als diese, namentlich kurz vor dem Niedersetzen, und ebenso steigt sie, wenn sie singt, ganz gegen Drosselart in die Luft. Der Gesang vereinigt die Klänge mehrerer Vögel, hat beispielsweise von dem Steinrötel die zusammenhängenden Halstöne, nur daß sie rauher und stärker sind, von der Singdrossel die lauten, nachtigallähnlichen Pfiffe und von der Amsel ebenfalls mehrere Strophen. Zuweilen läßt die Blaumerle so leise und zwitschernde Töne vernehmen, wie sie nur der kleinste Vogel hervorbringen kann. Sie singt gern und viel in der Abenddämmerung. Auch sie hat eine Lieblings- und Begrüßungsstrophe, mit der sie einen sich nahenden Bekannten empfängt, wiederholt dieselbe aber sechs bis zwanzigmal ohne Unterbrechung und kann deshalb lästig werden. Der Lockton ist das übliche »Tack tack«, der Ausdruck der Furcht das »Uit uit« des Steinrötels.

Die Liebeswerbungen der Blaumerle erinnern an den Tanz des Steinrötels; das Männchen nimmt aber, wie Homeyer sagt, eine wagerechte Haltung an, bläht sich auf und erscheint deshalb viel größer, »ballartig«, duckt den Kopf nieder und schnellt den hochgehobenen, zusammengelegten Schwanz dann und wann nach Art der Amsel in die Höhe. Das Nest steht in Felsspalten, auf Kirchtürmen, verfallenen Bergschlössern und andern hochgelegenen oder erhabenen Gebäuden, ist ansehnlich groß, aber kunstlos, äußerlich aus Grasstücken, groben und feinen Halmen gebaut, in der flachen Mulde mit gekrümmten Wurzelfasern ausgelegt, und enthält Anfang Mai vier bis sechs eirunde, glänzende, entweder einfarbig grünlichblaue oder auf so gefärbtem Grunde spärlich und namentlich gegen das dicke Ende hin mit schwach violettgrauen Unter- und rötlich- oder rotbraunen Oberflecken gesprenkelte Eier, deren Längsdurchmesser achtundzwanzig und deren Querdurchmesser neunzehn Millimeter beträgt. Irby hatte treffliche Gelegenheit, Blaumerlen bei ihrem Brutgeschäfte zu beobachten; denn ein Paar von ihnen nistete in einer Höhlung der Mauer seines Stalles in Gibraltar. Den fünf Eiern entschlüpften am zwanzigsten Juni die Jungen, und beide Eltern bemühten sich nun auf das eifrigste, dieselben großzuziehen. Um sie hierbei belauschen zu können, befestigte der Beobachter, nachdem er von innen ein Loch durch die Mauer gebrochen hatte, im Innern des Stalles einen kleinen Käfig, brachte in denselben die Jungen und überdeckte den Käfig bis auf ein Guckloch mit dichtem Zeug. Durch das Loch konnte er das Treiben der Alten wahrnehmen. Beide Vögel fütterten und brachten ungefähr alle fünf Minuten einmal Nahrung, fast ausschließlich Tausendfüße, dann und wann auch große Spinnen und Schmeißfliegen. Wie die Alten imstande waren, so viele Tausendfüße zu finden, blieb unerforschbar, da diese Kerbtiere bekanntlich unter Steinen leben. Der Kopf mit den gifteinflößenden Beißwerkzeugen war stets abgebissen, die zur Atzung verwendeten Tiere überhaupt immer getötet. Zwei von den Jungen starben im Käfig, weil die Alten nicht gut zu ihnen kommen konnten; die übrigen gediehen und wurden später vollends künstlich aufgefüttert.

Alte Blaudrosseln sind schwer zu berücken; deshalb erhält man für den Käfig meist junge Vögel, die dem Nest entnommen wurden. Sie halten sich bei geeigneter Pflege, wie der Steinrötel, jahrelang, gewöhnen sich aber sehr an eine bestimmte Sittlichkeit und ertragen etwaigen Wechsel schwer.

*

Die Steinschmätzer ( Saxicola) sind ziemlich schlanke Vögel mit pfriemenförmigem, vor den Nasenlöchern verschmälertem Schnabel, der an der Wurzel breiter als hoch, an der Spitze etwas abgebogen, an der Schneide kaum merklich eingekerbt und auf der Firste kantig ist, hohen und schwachläufigen Füßen und mittellangen Zehen, etwas stumpfem Flügel, in dem die dritte und vierte Schwinge die andern überragen, kurzem, ziemlich breitem und vorn gerade abgeschnittenem Schwanze und ziemlich reichem, locker anliegendem, in seiner Färbung bei aller Verschiedenheit doch in gewisser Hinsicht übereinstimmendem Gefieder.

siehe Bildunterschrift

Steinschmätzerweibchen am Nest ( Saxicola venanthe)

Unser Steinschmätzer ( Saxicola oenanthe) ist auf der Oberseite hell aschgrau, auf dem Bürzel und der Unterseite, mit Ausnahme der rostgelblichen Brust, weiß; die Stirne und ein von ihr aus verlaufender Augenstreifen sind weiß, ein Zügelfleck, die Flügel und die beiden mittleren Schwanzfedern schwarz, die übrigen am Grunde weiß, an der Spitze schwarz. Das Auge ist braun, der Schnabel und die Füße sind schwarz. Im Herbst nach der Mauser zieht die Färbung der Oberseite ins Rostfarbige, die der Unterseite ins Rostgelbliche. Beim Weibchen herrscht Rötlichaschgrau vor; die Stirn und der Augenstreif sind schmutzigweiß, die Zügel mattschwarz, die Unterteile lichtbräunlich rostfarben, die rauchschwarzen Flügelfedern lichtgelblich gesäumt. Die Länge beträgt sechzehn, die Breite neunundzwanzig, die Fittichlänge neun, die Schwanzlänge sechs Zentimeter. Das Weibchen ist um mehrere Millimeter kürzer und schmäler.

Es ist leichter, zu sagen, in welchen Ländern des nördlich alt- und nördlich neuweltlichen Gebietes der Steinschmätzer nicht gefunden wird, als anzugeben, wo er vorkommt. Brutvogel ist er von den Pyrenäen und dem Parnaß an bis nach Lappland hinauf, ebenso in allen Ländern Asiens, die ungefähr unter derselben Breite liegen, wogegen er in Amerika auf den hohen Norden beschränkt zu sein scheint und südlich von Neuyork überhaupt nicht mehr beobachtet worden ist. Gelegentlich seiner Winterreise durchwandert er mehr als die Hälfte Afrikas; ich habe ihn im Sudan beobachtet, andere Forscher trafen ihn in Westafrika an. Dasselbe gilt für Asien.

Gegenden, in denen Steine vorherrschend sind, bilden die Lieblingsplätze aller Steinschmätzer. Sie sind selten im bebauten Lande, finden sich regelmäßig aber bereits da, wo zwischen den Feldern Felsblöcke hervorragen, Steinmauern aufgeschichtet oder Steinhaufen zusammengetragen wurden. In dem steinreichen Schweden, in Süddeutschland, in der Schweiz ist unser Steinschmätzer gemein; in Skandinavien darf er als einer der letzten Vertreter des Lebens betrachtet werden. Ich habe ihn überall angetroffen, wo ich hinkam, in Lappland ebensowohl wie in der Nähe der Gletscher des Galdhöpiggen, der Furka oder des Großglockners. In den Schweizer Alpen steigt er bis über den Gürtel des Holzwuchses empor. In ähnlicher Weise leben die übrigen Arten. Sie sind die Bewohner der wüstesten Gegenden und der eigentlichen Wüste selbst; sie gewahrt man noch inmitten der glühenden Öde, wo alles Leben erstorben zu sein scheint.

Unser Steinschmätzer, auf den ich meine Schilderung beschränken darf, ist ein höchst beweglicher, munterer, gewandter, unruhiger, flüchtiger, ungeselliger und vorsichtiger, ja fast menschenscheuer Vogel. Er liebt allein zu wohnen und lebt mit keinem andern Vogel in engerem Verein. Nur auf dem Zuge und noch mehr in der Winterherberge vereinigt er sich mit andern Arten seiner Sippe oder Familie; aber niemals geht er mit ihnen einen Freundschaftsbund ein. Es kommt vor, daß zwei Pärchen nahe beieinander hausen und brüten; sie aber liegen dann fortwährend in Hader und Streit. Wer beobachtet, muß den Steinschmätzer bald bemerken. Er wählt sich stets den höchsten Punkt seines Wohnkreises zum Ruhesitze, ist aber kaum eine Minute lang wirklich ruhig, sondern bewegt sich fast ununterbrochen. Auf den Felsen sitzt er in aufrechter Haltung, jedoch niemals still; schlägt wenigstens von Zeit zu Zeit mit dem Schwanze nach unten und macht wiederholt Bücklinge, zumal, wenn er etwas Auffallendes bemerkt. Auf dem Boden hüpft er mit schnellen und kurzen Sprüngen dahin, so rasch, daß er, wie Naumann sagt, nur hinzurollen scheint. Aber im schnellsten Lauf hält er plötzlich an, wenn ein Stein im Wege liegt, gewiß klettert er auf die Erhöhung, bückt sich wiederholt und setzt erst dann seinen Weg fort. Der Flug ist sehr ausgezeichnet. Immer fliegt der Steinschmätzer dicht über dem Boden dahin, auch wenn er kurz vorher auf einer bedeutenden Höhe saß und sich erst in die Tiefe hinabgesenkt hat. Er bewegt die Flügel sehr rasch und steigt in einer fast geraden, aber, genau besehen, kurzbogigen Linie über der Erde fort, gewöhnlich nach einem ziemlich weit entfernten zweiten Sitzpunkte hin, zu dessen Höhe er förmlich emporklettert, indem er, am Fuße angelangt, sich wieder nach oben schwingt. Nur während der Zeit der Liebe ändert er seine Flugbewegung. Er steigt dann in schiefer Richtung sechs bis zehn Meter in die Luft empor, singt währenddem fortwährend, fällt hierauf mit hoch emporgehobenen Schwingen wieder schief herab und beendet sein Lied, nachdem er unten angekommen. Er lockt »Giuv, giuv« und hängt diesem sanft pfeifenden Laute gewöhnlich, zumal wenn er in Aufregung gerät, ein schnalzendes »Tack« an. Der sonderbare und nicht gerade angenehme Gesang besteht meist auch nur aus wenigen Strophen, in denen vorzüglich der Lockton und krächzende Laute abwechseln. Doch gibt es auch unter Steinschmätzern einzelne Meistersänger, die ziemlich gute Spottvögel sind, und außerdem sucht jeder durch Eifer zu ersetzen, was ihm an Begabung abgeht: er singt mit wenigen Unterbrechungen vom frühen Morgen bis zum späten Abend, und häufig noch mitten in der Nacht.

Kleine Käfer, Schmetterlinge, Fliegen, Mücken und deren Larven bilden die Nahrung unseres Vogels. Von seinem hohen Standpunkt aus überschaut er sein Gebiet, und sein scharfes Auge nimmt jedes Wesen wahr, das sich auf dem Boden oder in der Luft bewegt. Laufenden Kerfen jagt er zu Fuß nach, fliegende verfolgt er nach Rotschwanzart bis hoch in die Luft.

Das Nest steht regelmäßig in Felsenritzen oder Steinlöchern, seltener in Holzstößen, unter alten Stämmen, in Erdhöhlen, unter überhängenden Felsen oder selbst in Baumlöchern, stets wohl verborgen und von oben her regelmäßig geschützt. In vielen Gegenden Deutschlands findet er kaum noch geeignete Niststätten und nimmt mit jeder Höhlung vorlieb, die sein Nest aufnehmen kann. Letzteres ist ein wirrer, liederlicher, dickwandiger Bau aus feinen Würzelchen, Grasblättern und Halmen, der nach innen mit Tier- oder Pflanzenwolle, Haaren und Federn dicht und weich ausgefüttert wird. Fünf bis sieben dickbäuchige, zartschalige Eier, von sanftbläulicher oder grünlichweißer Färbung und einundzwanzig Millimeter Längs-, fünfzehn Millimeter Querdurchmesser, bilden das Gelege; nur ausnahmsweise findet man solche, die mit bleichen, gelbroten Punkten gezeichnet sind. Das Weibchen besorgt die Bebrütung fast allein; in die Erziehung der Jungen teilen sich aber beide Geschlechter mit gleichem Eifer. Ihre Sorge um die Brut ist sehr groß. Solange das Weibchen auf den Eiern sitzt, hält das Männchen in geringer Entfernung von dem Neste förmlich Wache und umkreist jeden herannahenden Feind mit ängstlichem Geschrei. Das Weibchen nimmt bei großer Gefahr zu Verstellungskünsten Zuflucht. Gewöhnlich brütet das Paar nur einmal im Jahre, und zwar im Mai. Die ausgeflogenen Jungen verweilen bis zum Wegzug bei den Alten und treten mit diesen gemeinschaftlich ihre Reise an. Sie verschwinden Ende September und kehren im März wieder zurück.

Alt eingefangene Steinschmätzer gewöhnen sich schwer, aus dem Neste gehobene Junge leicht an den Verlust ihrer Freiheit, gewinnen sich aber nur kundige Beobachter zu Freunden.

*

Wiesenschmätzer ( Pratincola) nennt man kleine, buntfarbige, etwas plump gebaute Mitglieder der Unterfamilie mit verhältnismäßig kurzem und dickem, rundem Schnabel, mittellangen Flügeln, kurzem, schmalfederigem Schwanze und hohen, schlankläufigen Beinen.

Das Braunkehlchen oder Kohlvögelchen ( Pratincola rubetra), die bei uns zulande häufigste Art der Sippe, ist auf der Oberseite schwarzbraun, wegen der breiten rostgrauen Federränder gefleckt, auf der Unterseite rostgelblichweiß, am Kinn und neben dem Vorderhalse, über den Augen und auf der Flügelmitte weiß. Beim Weibchen sind alle Farben unscheinbarer; der Augenbrauenstreif ist gelblich und der lichte Flügelfleck wenig bemerkbar. Die Jungen sind auf der rostfarben und grauschwarz gemischten Oberseite rostgelblich in die Länge gestreift, auf der blaßroten Unterseite mit rostgelben Flecken und grauschwarzen Spitzenrändern gezeichnet. Das Auge ist dunkelbraun, Schnabel und Füße sind schwarz. Die Länge beträgt vierzehn, die Breite einundzwanzig, die Fittichlänge neun, die Schwanzlänge fünf Zentimeter.

Das Schwarzkehlchen oder der Schollenhüpfer ( Pratincola rubicola) ist etwas größer und schöner gefärbt. Oberseite und Kehle sind schwarz, die unteren Teile rostrot, Bürzel und Unterbauch sowie ein Flügel- und ein Halsseitenfleck reinweiß. Das Weibchen ist oben und an der Kehle grauschwarz, auf der Unterseite rostgelb, jede Feder der Oberseite rostgelb gerandet.

Das Braunkehlchen ist in allen Ebenen Deutschlands und der benachbarten Länder, nach Norden hin bis zum siebenundsechzigsten Grade, sehr häufig, kommt außerdem in Nord- und Südeuropa, auch im westlichen Asien vor und besucht im Winter Afrika und Indien. Bei uns erscheint es erst Ende April und verweilt hier höchstens bis Ende September; in Spanien hingegen sieht man es während des ganzen Jahres; ja, schon Großbritannien verläßt es während des Winters nicht mehr. Das Schwarzkehlchen, im allgemeinen in Deutschland seltener als die verwandte Art und mehr im Westen unseres Vaterlandes heimisch, bewohnt die gemäßigten Länder Europas und Asiens, nach Norden hin bis zur Breite Südschwedens, und wandert im Winter bis nach Innerafrika und Indien.

Wiesen, die von Bächen durchschnitten werden oder in der Nähe von andern Gewässern liegen, an freies Feld oder an Waldungen grenzen und mit einzelnen niederen Gebüschen bestanden sind, bilden die beliebtesten Aufenthaltsorte der Wiesenschmätzer. Sie meiden die Öde und finden sich fast ausschließlich im bebautenLande. Je fruchtbarer eine Gegend ist, um so häufiger trifft man sie an. Während der Brutzeit halten sie fest an den Wiesen, nach ihr wenden sie sich dem Felde zu und treiben sich hier auf demselben, am liebsten auf Kartoffel- oder Krautäckern umher. Da, wo sie vorkommen, wird man sie selten vermissen; denn sie wählen sich

stets erhabene Punkte zu ihren Ruheorten und spähen von diesen nach Beute aus.

Die Wiesenschmätzer gehören zu den muntersten, bewegungslustigsten, unruhigsten und hurtigsten Vögeln unseres Vaterlandes. Auf der Erde hüpfen sie schnellen Sprunges dahin, halten auf jeder Erhabenheit an, beugen sich schnell vorwärts und Wippen mit dem Schwanze nach unten. Im Fluge beschreiben sie kurze Bogen niedrig über dem Boden weg, wissen sich aber sehr gewandt zu schwenken und zu wenden und sind imstande, fliegende Kerbtiere aller Art mit Sicherheit aufzunehmen. Tagsüber sieht man sie fast immer in Tätigkeit. Sie sitzen auf der Spitze eines niederen Busches oder Baumes, schauen sich hier nach allen Seiten um, stürzen plötzlich auf den Boden herab, nehmen die erspähte Beute auf und kehren zu dem früheren Standorte zurück oder fliegen einem andern erhabenen Punkte zu. Sie sind nicht gerade gesellig, aber doch verträglicher als andere Arten ihrer Familie, vereinigen sich, wie es scheint, gern mit ihren Sippschaftsverwandten oder auch mit fremdartigen Vögeln und hadern selten. Ihr Lockton ist ein schnalzendes »Tza«, an das gewöhnlich die Silbe »teck« angehängt wird, so daß das Ganze wie »Tza-« oder »Tjaudeck« klingt. Der hübsche Gesang besteht aus verschiedenen kurzen Strophen voller und reiner Töne, die in vielfacher Abwechselung vorgetragen und in die, je nach der Gegend, anderer Vögel Stimmen, so Teile aus den Liedern des Grünlings, Stieglitzes, Hänflings, des Finken, der Grasmücke usw., verwebt werden. Die Braunkehlchen singen bis zu Anfang des Juli fleißig, beginnen frühzeitig, schweigen tagsüber selten und lassen sich bis in die Nacht hinein hören.

Die Nahrung besteht in Kerbtieren, vorzüglich in Käfern, kleinen Heuschrecken und deren Larven, Raupen, Ameisen, Fliegen, Mücken und dergleichen, die sie vom Boden absuchen oder im Fluge fangen. Das Nest steht regelmäßig auf den Wiesen im Grase, meist in einer seichten Vertiefung, zuweilen unter einem kleinen Busche, immer außerordentlich verborgen, so daß es überaus schwer fällt, dasselbe zu entdecken. Fünf bis sieben sehr bauchige, neunzehn Millimeter lange, vierzehn Millimeter dicke, glattschalige, glänzend hellblaugrüne Eier, die zuweilen am stumpfen Ende fein gelbrot gepunktet sind, bilden das Gelege, das Ende Mai oder Anfang Juni vollständig ist und in dreizehn bis vierzehn Tagen vom Weibchen allein gezeitigt wird. Beide Eltern füttern die Brut, lieben sie im hohen Grade und gebrauchen allerlei List, um Feinde von ihr abzuwenden. Ungestört brütet das Paar nur einmal im Jahre.

Viele Feinde, namentlich alle kleineren Raubtiere, Ratten und Mäuse bedrohen die Jungen, unsere kleinen Edelfalken auch die alten Braunkehlchen. Der Mensch verfolgt sie nirgends regelrecht, schützt sie vielmehr hier und da. Für das Gefangenleben eignen sie sich nicht; denn sie sind, auch wenn man sie im Zimmer frei herumfliegen läßt, langweilig und still.

*

Die Drosseln ( Turdinae), eine zahlreiche, über die ganze Welt verbreitete Unterfamilie bildend, deren Mitglieder in Gestalt und Wesen sich außerordentlich ähneln, gehören zu den großen Singvögeln und sind mehr oder weniger gestreckt gebaut. Ihr Schnabel ist mittellang, fast gerade, längs der Firste des Oberkiefers sanft gebogen und vor der Spitze seicht eingekerbt, der Fuß mittelhoch und schlank, der Flügel zwar nicht besonders lang, aber verhältnismäßig spitzig, der Schwanz selten mehr als mittellang und in der Regel gerade abgeschnitten, das Gefieder endlich sanft und weich, jedoch nicht besonders weitstrahlig, die Färbung desselben sehr verschieden. Bei den meisten Arten sind beide Geschlechter ähnlich gezeichnet. Die Jungen tragen ein geflecktes Kleid. Unsere heimischen Arten lehren uns die Sitten und Gewohnheiten fast aller echten Drosseln kennen.

 

Unter den in Deutschland brütenden Arten ist die Misteldrossel ( Turdus viscivorus) die größte. Ihre Länge beträgt sechsundzwanzig, die Breite vierundvierzig, die Fittichlänge vierzehn, die Schwanzlänge elf Zentimeter. Das Gefieder der Oberseite ist tiefgrau und ungefleckt, das der Kopfseiten rostgelbfahl, mit seinen dunklen, einen vom Mundwinkel herablaufenden Bartstreifen bildenden Schaftflecken besetzt, das der Unterseite rostgelblichweiß, an der Gurgel mit dreieckigen, an der Brust mit ei- oder nierenförmigen braunschwarzen Flecken gezeichnet; die Schwung-, größten Flügeldeck- und Steuerfedern sind schwarzgrau, lichtgraugelblich gesäumt. Das Auge ist braun, der Schnabel dunkel, der Fuß lichthornfarben. Das Weibchen unterscheidet sich nur durch etwas geringere Größe von dem Männchen. Die Jungen zeigen auf der Unterseite gelbe Längs- und schwärzliche Spitzenflecke auf den Federn, und die Deckfedern ihrer Flügel sind gelb gekantet. Alle Länder Europas vom hohen Norden an bis zum äußersten Süden und der Himalaja sind die Heimat, hochstämmige Waldungen verschiedener Art, namentlich aber Schwarzwald, der Aufenthalt der Misteldrossel. Aus den hochnordischen Gegenden wandert sie in südlichere und westlichere herab und dringt dabei bis Nordwestafrika vor.

siehe Bildunterschrift

Singdrossel ( Turdus musicus)

Ihr nicht unähnlich, aber bedeutend kleiner, ist der Liebling aller Gebirgsbewohner, die Singdrossel oder Zierdrossel ( Turdus musicus). Ihre Länge beträgt zweiundzwanzig, die Breite vierunddreißig, die Fittichlänge elf, die Schwanzlänge acht Zentimeter. Das Gefieder ist oben ölgrau, unten gelblichweiß mit dreieckigen oder eiförmigen braunen Flecken, die jedoch auf dem Bauche spärlicher auftreten als bei der Misteldrossel. Auch sind bei jener die Unterflügeldeckfedern blaßrostgelb, bei dieser dagegen weiß und die Oberflügelfedern durch schmutzigrostgelbe Spitzenflecke gezeichnet. Die Geschlechter unterscheiden sich nur durch die Größe; das Gefieder der Jungen zeigt auf der Oberseite gelbliche Längs- und braune Spitzenflecke. Die Singdrossel bewohnt den größten Teil Europas sowie Nord- und Mittelasien und erscheint gelegentlich ihrer Wanderung häufig in Nordwest-, seltener in Nordostafrika. In Deutschland brütet sie in allen größeren Waldungen. Viele Drosselarten, noch vor wenigen Jahrzehnten nur als überaus scheue Waldvögel bekannt, haben sich allmählich immer mehr in städtischen Parks und Gärten angesiedelt und sind teilweise nicht weniger häufig als die Sperlinge. Diese Wandlung vom Wald- zum Stadt- und Gartenvogel hat neben der Singdrossel vor allem die Amsel durchgemacht. Es braucht hier nicht gesagt zu werden, daß diese Vögel eine sehr erwünschte Bereicherung vor allem des großstädtischen Tierlebens bedeuten. Der Herausgeber.

Die Rot- oder Weindrossel ( Turdus iliacus) ist oberseits olivenerdbraun, unterseits weißlich, an den Brustseiten hochrostrot, am Halse gelblich, überall mit dunkelbraunen, dreieckigen und runden Längsflecken gezeichnet. Das Weibchen ist blasser als das Männchen. Bei den Jungen ist der grünlichbraune Oberkörper gelb gefleckt, und die Unterflügeldeckfedern sind rostrot. Das Auge ist kaffeebraun, der Schnabel schwarz, am Grunde des Unterschnabels horngelb, der Fuß rötlich. Die Länge beträgt zweiundzwanzig, die Breite fünfunddreißig, die Fittichlänge elf, die Schwanzlänge acht Zentimeter.

Regelmäßiger Brutvogel im hohen Norden Europas und ebenso im nördlichen und östlichen Asien sowie im nordwestlichen Himalaja, nistet die Rotdrossel ausnahmsweise auch in südlicheren Breiten. Gewöhnlich erscheint sie mit dem Krammetsvogel bei uns zulande und wandert bis Nordafrika, obwohl die große Mehrzahl bereits im Süden Europas für die Winterzeit Herberge nimmt.

Die Wacholderdrossel oder der Krammetsvogel ( Turdus pilaris) ist bunt gefärbt. Kopf, Hinterhals und Bürzel sind aschgrau, Oberrücken und Schultergegend schmutzig kastanienbraun, Schwingen und Schwanzfedern schwarz, die Flügeldeckfedern außen und an der Spitze aschgrau, die beiden äußersten Steuerfedern weiß gesäumt, Kehle und Vorderhals dunkelrostgelb, schwarz längsgefleckt, die braunen Federn der Brustseiten weißlich gerandet, die übrigen Unterteile weiß. Das Auge ist braun, der Schnabel gelb, der Fuß dunkelbraun. Das Weibchen ist etwas blasser als das Männchen. Die Länge beträgt sechsundzwanzig, die Breite dreiundvierzig, die Fittichlänge vierzehn, die Schwanzlänge zehn Zentimeter. Ursprünglich im Norden Europas und Asiens heimisch und hauptsächlich in Birkenwaldungen brütend, hat sich die Wacholderdrossel seit etwa achtzig Jahren in Deutschland angesiedelt und nistet hier in Wäldern und Obstpflanzungen aller Art, selbst in Gärten, bleibt oft auch im Winter in der Heimat und wandert höchstens bis Nordafrika, Palästina und Kaschmir hinab.

Auf Hochgebirgen lebt die Ringdrossel oder Ringamsel und Schneedrossel ( Turdus torquatus). Ihre Länge beträgt sechsundzwanzig, die Breite zweiundvierzig, die Fittichlänge vierzehn, die Schwanzlänge elf Zentimeter. Das Gefieder des Männchens ist, bis auf ein breites, halbmondförmiges, weißes Brustband, auf mattschwarzem Grunde mit lichten, halbmondförmigen Flecken gezeichnet, die durch die Federränder gebildet werden; die Schwingen und Flügeldeckfedern sind graulich überlaufen und bräunlichgrau gesäumt, die Schwanzfedern einfarbig rußschwarz, die beiden äußersten durch ein schmales, feines, weißgraues Säumchen geziert. Das Weibchen ist düsterfarbiger, infolge der breiteren Federsäume mehr graulich, das Brustband auch nur angedeutet und nicht weiß, sondern schmutziggrau. Das Jugendkleid erinnert an die Tracht der Wacholderdrossel, ist aber dunkler. Das Auge ist braun, der Schnabel schwarz, der Fuß schwarzbraun. Die Ringamsel ist nur Gebirgsvogel und findet sich deshalb am häufigsten in unseren Hochgebirgen, seltener schon im Mittelgebirge. In Skandinavien ist sie ebenso gemein wie in der Schweiz. Auf ihrem Zuge durchstreift sie alle von Skandinavien südlich gelegenen Länder Europas und dehnt ihre Reise bis zum Atlas aus.

Die Amsel, Schwarzdrossel oder Merle ( Turdus merula) endlich unterscheidet sich von ihren Verwandten, wenn auch nicht gerade augenfällig, durch ihre verhältnismäßig kurzen, stumpfen Flügel sowie den verhältnismäßig langen, an der Spitze etwas abgerundeten Schwanz. Das Gefieder des alten Männchens ist gleichmäßig schwarz, das Auge braun, der Augenliderrand hochgelb, der Schnabel orangegelb, der Fuß dunkelbraun. Beim alten Weibchen ist die Oberseite mattschwarz, die Unterseite auf schwarzgrauem Grunde durch lichtgraue Saumflecke gezeichnet; Kehle und Oberbrust sind auf gleichfarbigem Grunde weißlich und rostfarben gefleckt. Das Jugendkleid zeigt oben auf schwarzbraunem Grunde rostgelbe Schaft-, unten auf rostfarbigem Grunde bräunliche Querflecke. Die Länge beträgt fünfzehn, die Breite fünfunddreißig, die Fittichlänge elf, die Schwanzlänge zwölf Zentimeter. Vom sechsundsechzigsten Grade nördlicher Breite an bis zum äußersten Süden Europas ist die Amsel an allen geeigneten Orten eine regelmäßige Erscheinung, lebt außerdem aber auch in Westasien und Nordwestafrika. Sie bevorzugt feuchte Waldungen Vergl. Anmerkung auf S. 144. Der Herausgeber. oder größere Baumgehege überhaupt, die viel Unterholz haben, und verweilt, wo sie irgendwie auszuhalten vermag, jahraus, jahrein an derselben Stelle. Nur einzelne der im hohen Norden groß gewordenen Amseln treten eine Wanderung an, viele aber überwintern schon im südlichen Schweden.

 

Die Drosseln sind Weltbürger und leben in den verschiedenen Ländern auch unter verschiedenen Verhältnissen, vorzugsweise jedoch immer und überall im Walde. Weniger wählerisch als die Erdsänger, herbergen sie in jedem Bestande; denn nicht bloß der reiche Wald der Auen oder der Urwald unter den Wendekreisen, sondern auch der Schwarzwald oder der dünn bestandene Buschwald der Steppe weiß sie zu fesseln; ja, noch über der Grenze des Holzwuchses, unmittelbar unter und zwischen den Gletschern finden sie Wohnplätze, die ihren Ansprüchen genügen. Allerdings verweilen nur die wenigsten Arten jahraus, jahrein an derselben Stelle; die Mehrzahl zeigt eine Wanderlust wie wenig andere Vögel.

Alle Drosseln sind hochbegabt, bewegungsfähig, gewandt, gesangeskundig, munter und unruhig, gesellig, aber keineswegs auch friedfertig. Sie haben viele gute Eigenschaften, aber auch manche, dir wir als schlechte bezeichnen. Vom frühen Morgen an bis zum späten Abend sieht man sie in fast ununterbrochener Bewegung; nur die Glut des Mittags lähmt einigermaßen ihre Tätigkeit. In ihren Bewegungen erinnern sie vielfach an die Erdsänger. Auf dem Boden hüpfen sie absatzweise mit großen Sprüngen gewandt umher; bemerken sie etwas Auffallendes, so schnellen sie den Schwanz wie die Erdsänger nach oben und zucken gleichzeitig mit den Flügeln nach unten. Im Gezweige hüpfen sie rasch und geschickt; größere Entfernungen überspringen sie, indem sie die Flügel zu Hilfe nehmen. Der Flug ist vortrefflich. Die meisten Arten flattern, wenn sie aufgescheucht werden, in anscheinend täppischer Weise über den Boden dahin, womöglich von einem Busch zum andern; aber dieselben Vögel streichen, sobald sie sich einmal in eine gewisse Höhe erhoben haben, mit außerordentlicher Schnelligkeit durch die Luft. Unter unsern deutschen Drosseln fliegen die Sing-, die Rot- und die Ringdrossel am besten, die Misteldrossel und die Amsel, ihren kurzen Flügeln entsprechend, am schlechtesten. Bei der Misteldrossel ist der Flug scheinbar schwerfällig und schief; aber auch sie durchmißt rasch weitere Entfernungen, wogegen die Amsel in langen Absätzen gleichsam über den Boden dahinschießt und die Flügel dabei weniger bewegt, dafür aber jähe Windungen äußerst gewandt ausführt.

Die Sinne sind gleichmäßig entwickelt. Drosseln nehmen selbst das kleinste Kerbtier auf weite Entfernungen wahr und erkennen, wenn sie in hoher Luft dahinziehen, die Gegenstände tief unter ihnen auf das genaueste; sie vernehmen nicht nur sehr scharf, sondern unterscheiden auch genau, wie schon aus ihrem Gesange hervorgeht; sie beweisen endlich durch ihre Leckerhaftigkeit feinen Geschmack. Über die übrigen Sinne haben wir kein Urteil. Sie sind nicht allein klug, sondern auch listig, nicht bloß scheu, sondern vorsichtig, dreist und gleichwohl mißtrauisch; sie benutzen alle Mittel und Wege, um sich zu sichern. Im Walde werden sie zu Warnern, auf die nicht bloß andere ihrer Sippschaft, sondern auch fremdartige Vögel, ja sogar Säugetiere, achten. Alles Auffallende, Ungewohnte, Neue erregt ihre Aufmerksamkeit. Sie kommen mit ausgesprochener Neugier herbei, um einen Gegenstand, der sie reizt, genauer ins Auge zu fassen, geben sich aber auch dann nicht rücksichtslos preis, sondern halten sich stets in wohlgemessener Entfernung. Die in den stillen, menschenleeren Wäldern des Nordens groß gewordenen Arten lassen sich leicht berücken, durch zur Schau gehängte Nahrung betören oder durch andere ihrer Art in versteckte Fallen locken; Erfahrung aber witzigt sie sehr bald, und diejenigen, die einmal betrogen worden sind, lassen sich auf dieselbe Weise nicht so leicht wieder täuschen. Geselligkeit scheint den meisten Arten Bedürfnis zu sein. Sie sind, wie schon bemerkt, keineswegs friedfertig, geraten vielmehr recht häufig in Streit; aber sie können, wie man zu sagen pflegt, nicht voneinander lassen, und der Lockruf, den eine von ihnen ausstößt, wird von andern selten gehört, ohne befolgt zu werden. Sie vereinigen sich nicht bloß mit andern derselben Art, sondern mit allen Drosseln überhaupt, und es kann geschehen, daß verschiedene lange Zeit zusammenbleiben, gemeinschaftlich reisen und gemeinschaftlich den Winter in der Fremde verleben. Den Menschen trauen sie nie vollständig; aber sie unterscheiden recht wohl zwischen gefährlichen und ungefährlichen Leuten. Gewaltsam in Gefangenschaft gebracht, gebärden sie sich anfänglich äußerst ungestüm; bald aber erkennen sie in dem, der sie freundlich behandelt, einen Freund und schließen sich ihm innig an.

Stimme und Gesang der Drosseln ähneln sich und sind doch auch wieder sehr verschieden. Die Lockstimme der Misteldrossel klingt wie »Schnerr«, dem Laute ähnlich, den man hervorbringen kann, wenn man mit einem Stäbchen über die Zähne eines Kammes streicht. Im Eifer wird das »Schnerr« durch ein dazwischen geschobenes »Ra ta ta« verstärkt. Der Angstruf ist ein unbeschreibliches Geschrill, wie es überhaupt die meisten Drosseln unter denselben Umständen hören lassen. Die Lockstimme der Singdrossel ist ein heiser pfeifendes, nicht weit hörbares »Zip« an das häufig die Silbe »tack« oder »töck« angehängt wird. Bei besonderer Erregung klingt der verlängerte Lockruf wie »Styx styx styx«. Die Lockstimme der Wacholderdrossel ist ein schnell und scharf hervorgestoßenes »Tschack tschack tschack«, dem ein helles »Gri gri« angehängt wird, wenn sie andere einladen will. Der Lockruf der Rotdrossel ist ein hohes »Zi« und darauf folgendes tiefes »Gack«, der Angstruf ein schnarrendes »Scherr« oder Tscherr«. Die Ringdrossel lockt: »Töck töck töck« und dazwischen tief betont »tack«, schnarrt aber auch nach anderer Verwandten Art. Die Amsel endlich ruft trillernd »Sri« und »Tränk«, beim Anblick von etwas Verdächtigem aber schallend und gellend »Dix, dix«, worauf, falls Flucht nötig wird, ein hastiges »Gri, gich, gich« folgt. Alle diese Laute, die selbstverständlich nur höchst unvollkommen ausgedrückt werden können, ändern, je nach den Umständen, vielfach ab. Sie sind übrigens allen Drosseln verständlich; denn eine Art hört auf den Lockruf der andern, und namentlich der Warnungsruf wird von allen wohl beachtet. Die Gesänge gehören zu den besten aller Singvögel überhaupt. Unserer Singdrossel gebührt die Krone; ihr fast ebenbürtig ist die Amsel; auf sie folgen die Mistel- und Wacholderdrossel. Mit Stolz nennt der Norweger die Singdrossel »Nachtigall des Nordens«. Ihr Gesang ist ein inhaltreiches, wohl- und weittönendes Lied. Mit den flötenden Lauten wechseln allerdings auch schrillende, minderlaute und nicht sehr angenehme Töne ab; aber die Anmut des Ganzen wird trotzdem kaum beeinträchtigt. Der Amselgesang steht dem der Singdrossel kaum nach, besitzt mehrere Strophen von ausgezeichneter Schönheit, klingt aber nicht so fröhlich, sondern feierlicher oder trauriger als der ihrer begabten Verwandten. Das Lied der Misteldrossel besteht aus wenigen, höchstens aus fünf bis sechs Strophen, die unter sich nicht sehr verschieden, aber fast ausnahmslos aus vollen flötenden Tönen zusammengesetzt sind, weshalb auch dieser Gesang als vorzüglich gelten darf. Dasselbe gilt von der Rotdrossel und von der Ringdrossel. »Ihr Gesang, dem freilich der reiche Schmelz des Nachtigallenschlages fehlt«, sagt Tschudi, »schallt in jubelnden Chören hundertstimmig von allen Hochwäldern her und bringt unaussprechlich fröhliches Leben in den stillen Ernst der großen Gebirgslandschaften.« Bezeichnend für die Drosseln ist die Art und Weise ihres Vortrages. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß der Gesang im Widerspruch mit dem Betragen zu stehen scheint. Viele Vögel begleiten ihre Lieder mit lebhaften Bewegungen; die Drosseln sitzen still, während sie singen, und ihre Lieder selbst fließen ruhig, feierlich dahin wie Kirchengesang. Jede einzelne Strophe ist klar abgerundet, jeder Ton in sich abgeschlossen, der Drosselschlag daher mehr für den Wald als für das Zimmer geeignet. Die Amsel, die bei uns verweilt, beginnt bereits im Februar, wenn Schnee und Eis noch die Herrschaft im Walde führen, mit ihrem Liede; die zu derselben Zeit in der Fremde weilende Singdrossel gedenkt ihrer Heimat und scheint sie singend begrüßen zu wollen. Wie bei den meisten guten Sängern, eifern sich die Männchen gegenseitig an. Wenn eine Drossel ihren Gesang beginnt, beeilt sich jede andere, die sie hört, singend ihr zu antworten. Eine lernt auch von der andern: gute Sänger erziehen treffliche Schüler, Stümper verderben ganze Geschlechter. Zumal die Amsel nimmt leicht von andern ihrer Art, selbst von fremdartigen Vögeln an und wird zuweilen zum wirklichen Spottvogel. Es scheint, als ob jede Drossel singend eine gewisse Eitelkeit bekunden wolle; denn so versteckt sie sich für gewöhnlich zu halten pflegt, so frei zeigt sie sich, wenn sie ihr Lied beginnt. Sie wählt dann immer eine hohe Baumspitze zu ihrem Sitze und schmettert von da oben herab ihre herrlichen Klänge durch den Wald.

Die Nahrung besteht in Kerbtieren, Schnecken und Würmern, im Herbst und Winter auch in Beeren. Alle Drosseln nehmen erstere größtenteils vom Boden auf und verweilen deshalb hier täglich mehrere Stunden. Vom Walde aus fliegen sie auf Wiesen und Felder, an die Ufer der Flüsse und Bäche und nach andern Nahrung versprechenden Plätzen. Hier lesen sie auf oder wühlen mit dem Schnabel im abgefallenen Laube herum, um sich neue Vorräte zu erschließen. Fliegende Kerfe achten sie wenig oder nicht. Beeren scheinen den meisten Arten außerordentlich zu behagen, und die einen lieben diese, die andern jene Arten. So trägt die Misteldrossel nicht umsonst ihren Namen; denn sie ist förmlich erpicht auf die Mistelbeere, sucht sie überall auf und streitet sich wegen ihr mit andern ihrer Art auf das heftigste. Schon die Alten behaupteten, daß die Mistel nur durch diese Drossel fortgepflanzt werde, und diese Angabe scheint in der Tat begründet zu sein. Daß die Wacholderdrossel ihren Namen nicht umsonst trägt, braucht kaum erwähnt zu werden: sie durchsucht im Winter die Wacholderbüsche auf das eifrigste und frißt so viel von der ihr besonders zusagenden Beere, daß ihr Fleisch infolgedessen einen besonderen Wohlgeschmack erhält. Außerdem verzehren alle Drosseln Erd-, Him-, Brom- und Johannisbeeren, rote und schwarze Hollunderbeeren, Preisel-, Faulbaum-, Kreuzdorn-, Schlingbaum-, Ebereschbeeren, Kirschen, Weinbeeren usw.

Bald nach ihrer Ankunft in der Heimat schreiten die Drosseln zur Fortpflanzung, die im Norden wohnenden allerdings selten vor Anfang Juni. Mehrere Arten, namentlich Wacholder- und Ringdrossel, behalten auch am Brutplatze ihre Geselligkeit bei, andere sondern sich während der Fortpflanzungszeit von ihresgleichen ab und bewachen eifersüchtig das erworbene Gebiet. Der Standort der Nester ist verschieden, je nach Art und Aufenthalt unserer Vögel; die Nester selbst aber sind sich im wesentlichen ähnlich. Die Misteldrossel baut schon im März, gewöhnlich auf einem Nadelbaum und meist in einer Höhe von zehn bis fünfzehn Metern über dem Boden. Der Bau besteht aus zarten, dürren Reisern, Stengeln, Flechten, Baum- und Erdmoos, mit noch anhängender Erde, aus zarten Wurzeln oder feinen Zweigen und dergleichen; das Innere ist mit trockenen Grasblättern, Hälmchen und Rispen glatt und nett ausgelegt. Das Gelege enthält vier bis fünf verhältnismäßig kleine, dreißig Millimeter lange, zweiundzwanzig Millimeter dicke, glattschalige Eier, die auf blaß meergrünem Grunde mit gröberen oder feineren violettgrauen Punkten gezeichnet sind. In nicht ganz ungünstigen Jahren brütet das Paar zweimal im Laufe des Sommers. Das Nest der Singdrossel steht in der Regel niedriger, meist auf schwachen Bäumchen oder in Büschen, ist äußerlich aus ähnlichen Stoffen zusammengebaut, aber zierlicher, dünnwandiger und innen mit klar gebissenem, faulem Holze, das mit dem Speichel zusammengeklebt, mit dem Schnabel durchknetet und sehr glatt gestrichen wird, glatt und fest ausgelegt. Anfang April liegen vier bis sechs siebenundzwanzig Millimeter lange, achtzehn Millimeter dicke, glattschalige und glänzende, auf meergrünem Grunde mit feinen oder größeren Flecken von schwarzer oder schwarzbrauner Farbe gezeichnete Eier im Nest. Im Vorsommer findet eine zweite Brut statt. Die Wacholderdrossel nistet, wie bereits oben bemerkt, seit fast einem Jahrhundert regelmäßig auch in Deutschland; ihre eigentlichen Brutplätze aber sind die Birkenwaldungen des Nordens. Hier sieht man beinahe auf jedem Stamme ein Nest stehen. Einzelne Bäume tragen nach eigenen Beobachtungen deren fünf bis zehn, von denen jedoch in den meisten Fällen zur Zeit nur ein einziges benutzt wird, woraus hervorgeht, daß ein und derselbe Waldesteil alljährlich zum Brüten wieder aufgesucht wird. Betritt man ihn, während die Vögel Eier oder Junge haben, so herrscht hier überaus reges Leben. Der ganze Wald hallt wider von dem Gesange und dem ängstlichen Geschrei unserer Vögel; denn die Anzahl der brütenden Pärchen läßt sich nur noch Hunderten abschätzen. Die Nester stehen selten tiefer als zwei Meter über dem Boden, gewöhnlich näher dem Wipfel der übrigens immer niedrigen und buschartigen Birken. Jedes einzelne Pärchen behauptet sein eigenes Gebiet; der Umfang desselben ist aber so gering, daß man sagen darf, jeder passende Baum sei Mittelpunkt eines solchen. Das Nest, ein Napf von ziemlicher Größe, das aus einigen Reisern, groben Halmen und Gräsern besteht und innen mit zarteren Gräsern ausgefüllt ist, wird auf dem mit einer dicken Schicht Erde vermischten Unterbau errichtet. Die fünf bis sechs Eier des Geleges sind sechsundzwanzig Millimeter lang und zwanzig Millimeter dick, auf matt- oder lebhaftgrünem Grunde mit größeren und verwaschenen oder schärfer gezeichneten kleineren Flecken und Punkten von rotbrauner Farbe, am dickeren Ende gewöhnlich dichter als im übrigen, zuweilen kranzartig gezeichnet. An den in Deutschland brütenden Wacholderdrosseln beobachten wir, daß auch sie sich in kleinen Gesellschaften halten. Die Rotdrossel brütet ungefähr in denselben Gegenden wie die letztgenannte, scheint aber sumpfige Wälder zu bevorzugen. In Deutschland ist sie ebenfalls, jedoch sehr selten als Brutvogel gefunden worden. Die Nester stehen niedrig über dem Boden, ähneln denen der Singdrossel und sind innen wie jene mit zerbissenem Holz, Erde und Lehm überkleistert. Die Eier gleichen denen der Singdrossel bis auf die etwas geringere Größe. Die Ringdrossel baut da, wo sie während des Sommers lebt, in Mitteleuropa nur im Hochgebirge und nicht unter tausend Meter über dem Meere, in Skandinavien hingegen an allen geeigneten Plätzen, von der Meeresküste an bis zu einer unbedingten Höhe von etwa anderthalbtausend Meter aufwärts. Im Riesengebirge oder in der Schweiz wählt sie sich zu ihren Brutplätzen die kümmerlichen Baumgruppen, die man nur im beschränkten Sinne Wälder nennen kann, oder diejenigen Stellen, wo Knieholz und Halden abwechseln. Gloger und ich fanden im Riesengebirge die Nester noch in einer Höhe von fast fünfzehnhundert Meter über dem Meere, auf verkrüppelten Fichten und im Knieholz, nicht höher als drei, gewöhnlich einen bis zwei Meter über dem Boden, und zwar in der Nähe bewohnter »Bauden« ebensowohl wie fernab vom Getriebe der Menschen. Jedes Pärchen bewohnt hier ein kleines Gebiet und lebt in Frieden mit benachbarten Pärchen. Die Nester werden zwischen den auf den Zweigen wachsenden Flechten gleichsam festgekittet und etwa vorhandene dürre Rütchen der Zweige selbst teilweise mit verarbeitet. Grobe Pflanzenstengel, feine Reiserchen, Grasstoppeln, dürre Halme und grünes Moos, welche Stoffe im Innern mit Moorerde oder Kuhdünger durchknetet und auf diese Art sehr fest verbunden sind, bilden die Grundlage; die Mulde wird mit feinen Grashalmen und Stengeln dick ausgelegt. Vier, höchstens fünf Eier, die denen der Amsel ebenso ähneln wie denen der Wacholderdrossel, also auf blaßgrünem Grunde mit vielen feinen Punkten, Flecken und Strichelchen von violettgrauer oder rostbrauner Farbe gezeichnet sind, bilden das im Mai vollzählige Gelege. In Mitteleuropa scheinen wenigstens die alten Paare zweimal im Jahr zu brüten, in Skandinavien ist dies höchstwahrscheinlich nicht der Fall; mindestens fand ich bereits im Juni die Alten in einem so gänzlich abgetragenen Kleide und teilweise sogar in der Mauser, daß an ein nochmaliges Brüten schwerlich gedacht werden konnte. Die Amsel endlich nistet in den Dickichten, am liebsten auf jungen Nadelbäumen und immer niedrig über dem Boden, zuweilen selbst auf ihm. Das Nest ist nach dem Standorte verschieden. Wenn es in Baumlöcher mit großer Öffnung gebaut wird, wie es wohl auch vorkommt, ist es nur ein Gewebe von Erdmoos und dürren Halmen; wenn es freisteht, bilden feine Würzelchen, Stengel und Gras die Außenwände, eine Schicht fettiger feuchter Erde, die sehr geglättet ist, aber immer feucht bleibt, das Innere. Bei sehr günstigem Wetter findet man bereits um die Mitte des März, sonst gegen das Ende des Monats, die vier bis sechs, aus blaugrünem Grunde mit hellzimmet- oder rostfarbigen Flecken, Schmitzen und Punkten über und über bedeckten, verhältnismäßig großen Eier. Das zweite Gelege pflegt Anfang Mai vollzählig zu sein. Nach mir gewordenen Mitteilungen guter Beobachter brütet das Paar in manchen Jahren sogar dreimal. Das Weibchen wird nur in den Mittagsstunden vom Männchen abgelöst; beide Eltern aber lieben ihre Brut auf das zärtlichste und gebärden sich überaus ängstlich, wenn ein Feind dem Neste naht. Nahende Feinde greifen sie nicht selten förmlich an, indem sie auf sie herabstoßen, dicht an ihnen vorüberfliegen und sie auf diese Weise zu schrecken suchen. Fruchtet Mut nicht, so nehmen sie zur List ihre Zuflucht, stellen sich krank und lahm und flattern und hüpfen, scheinbar mit der größten Anstrengung, auf dem Boden dahin, locken den Räuber, der sich betören läßt, dadurch wirklich vom Nest ab, führen ihn weiter und weiter und kehren dann frohlockend zu den Jungen zurück. Nach vierzehn- bis sechzehntägiger eifriger Bebrütung sind die Eier gezeitigt und schon drei Wochen später die Jungen, die vorzugsweise mit Kerbtieren aufgefüttert und reichlich versorgt werden, flugfähig. Wenige Wochen nach dem Ausfliegen beginnt bei ihnen die Mauser, und wenn die Winterreise herannaht, tragen sie bereits das zweite Kleid.

Mit Ausnahme der Amsel verlassen alle unsere Drosseln im Herbste die Heimat und wandern in südlichere Gegenden. Für die hochnordischen Arten kann schon Deutschland zur Winterherberge werden; das eigentliche Heer zieht bis Südeuropa. Hier wimmelt es während der Wintermonate allerorten von Drosseln. Diese wandern in zahlreichen Gesellschaften, zuweilen in ungeheuren Flügen, die sich bereits im Norden sammeln. Im Verlaufe der Reise zerteilen sich derartige Schwärme in kleinere Gesellschaften, aber diese stehen unter sich gewissermaßen im Verbande, so daß unter Umständen mehrere Geviertkilometer von ihnen besetzt sind und jeder größere Busch seinen Bewohner gefunden hat.

» Inter aves turdus, si quis me judice certet,
Inter quadrupedes gloria prima lepus«

singt schon der alte Martial, das vortreffliche Fleisch der Drosseln rühmend. Andere Naturbeobachter des Altertums versichern, daß dieses Wildbret auch gegen mancherlei Krankheit mit Erfolg gebraucht werden könne, und schildern deshalb genau die Art und Weise seiner Zubereitung. Wir dürfen annehmen, daß die Drosseln bereits vorzeiten in derselben Weise gefangen wurden wie jetzt, wenn man auch damals vielleicht noch keine Vogelherde oder Dohnenstiege Seit 1908 ist die Dohnenstiege durch Reichsgesetz glücklicherweise verboten. Bis dahin waren jährlich ungezählte Tausende von »Krammetsvögeln« erbeutet worden. Herausgeber. wie heutzutage anwendete. Gegenwärtig kommen bei uns zulande beiderlei Fanganstalten mehr und mehr in Abnahme; in Italien, Spanien und Griechenland dagegen stellt den Drosseln jedermann nach, und die Anzahl derer, die dort vernichtet werden, ist kaum zu berechnen.

Für die Gefangenschaft eignen sich alle Drosseln; ihr volltönender und kräftiger Gesang ist jedoch für das enge Zimmer fast zu stark, und ihre rege Freßlust hat Übelstände zur Folge, die auch durch die sorgfältigste Reinlichkeit nicht gänzlich beseitigt werden können. Ein großes, im Freien errichtetes Gesellschaftsbauer beleben sie in höchst ansprechender Weise. Ihre Munterkeit und Regsamkeit wirbt ihnen warme Freunde, und ihr köstlicher Gesang entzückt den Liebhaber schon in den ersten Monaten des Jahres, zu welcher Zeit andere Vögel noch schweigen.

*

Als die nächsten Verwandten der Drosseln werden die in Amerika ansässigen Spottdrosseln ( Miminae) angesehen. Das berühmteste Mitglied und Urbild dieser wohlumgrenzten Unterfamilie ist die Spottdrossel ( Mimus polyglottus). Das Gefieder der Oberseite ist graubraun, in der Zügel- und Ohrgegend etwas dunkler, das der Unterseite fahlbräunlich, auf Kinn und Bauch lichter, fast weiß; Schwingen, Flügeldeck- und Steuerfedern sind dunkelbraun; das Auge ist blaßgelb, der Schnabel bräunlichschwarz, der Fuß dunkelbraun. Die Länge beträgt fünfundzwanzig, die Breite fünfunddreißig, die Fittichlänge elf, die Schwanzlänge dreizehn Zentimeter.

Die Vereinigten Staaten, vom vierzigsten Grade an südlich bis Mexiko, sind das Vaterland der Spottdrossel; sie ist aber im Süden häufiger als im Norden. Von hier aus wandert sie im Herbst regelmäßig in niedere Breiten; schon in Louisiana aber verweilt sie jahraus, jahrein, wenn auch nicht an demselben Orte, so doch in derselben Gegend. Sie bewohnt Buschwerk aller Art, den lichten Wald wie die Pflanzungen und Gärten, brütet ungescheut in der Nähe des Menschen, dessen Schutz sie genießt, und hält sich namentlich während des Winters in unmittelbarer Nähe der Wohnungen auf. Ihre Lieblingsplätze sind sandige Ebenen an Flußufern oder an der Küste des Meeres, die mit niederen Bäumen oder Büschen einzeln bestanden sind. Im tiefern Walde kommt sie selten, das heißt höchstens während ihrer Wanderung vor.

Ihre Bewegungen ähneln denen der Drosseln, erinnern aber auch an die der Sänger. Sie hüpft auf dem Boden nach Drosselart umher, breitet aber dabei sehr häufig ihren Schwanz aus und legt ihn dann rasch wieder zusammen. Ihr Flug geschieht in kurzen Bogen, wenn sie von einem Busche zum andern fliegt, und auch dabei wird der Schwanz bald gebreitet, bald zusammengelegt. Auf ihren Wanderungen durchzieht sie weitere Räume, streicht jedoch niemals nach Art unserer Drosseln dahin, sondern fliegt immer nur von einem Baum zum nächsten.

Nicht der ursprüngliche Gesang, sondern die Nachahmungsgabe der Spottdrossel ist es, die ihr Berühmtheit verschafft und die amerikanischen Forscher zu begeisterten Beschreibungen veranlaßt hat. Wilson und Audubon stimmen in der Meinung überein, daß die Spottdrossel der König aller Singvögel genannt werden dürfe, und behaupten, daß ihr kein anderer Sänger hinsichtlich der Ausdehnung, und Mannigfaltigkeit der Stimme gleichkomme.

Die Lieder wechseln je nach der Örtlichkeit. Im freien Walde ahmt die Spottdrossel die Waldvögel nach, in der Nähe des Menschen webt sie dem Gesange alle diejenigen Klänge ein, die man nahe dem Gehöfte vernimmt. Dann werden nicht bloß das Krähen des Hahns, das Gackern der Hennen, das Schnattern der Gänse, das Quaken der Enten, das Miauen der Katze und das Bellen des Hundes, das Grunzen des Schweines nachgeahmt, sondern auch das Kreischen einer Tür, das Quieken einer Wetterfahne, das Schnarren einer Säge, das Klappern einer Mühle und hundert andere Geräusche mit möglichster Treue wiedergegeben. Zuweilen bringt sie die Haustiere in förmlichen Aufruhr. Sie pfeift dem schlafenden Hunde so täuschend nach Art des Herrn, daß jener eiligst aufspringt, um den Gebieter zu suchen, bringt Gluckhennen zur Verzweiflung, indem sie das Gekreisch eines geängstigten Küchleins bis zur Vollendung nachahmt, entsetzt das furchtsame Geflügel durch den wiedergegebenen Schrei des Raubvogels und täuscht den verliebten Kater, indem sie die zärtliche Einladung weiblicher Katzen getreulich wiederholt. Gefangene Spottdrosseln verlieren nichts von ihren Begabungen, eignen sich im Gegenteil noch allerlei andere Töne, Klänge und Geräusche an und mischen sie oft in der drolligsten Weise unter ihre wohltönenden Weisen. Ich habe viele Spottdrosseln gepflegt und gehört, jedoch keine einzige kennengelernt, deren Lieder, nach meinem Empfinden, den Schlag des Sprossers oder der Nachtigall erreicht hätten. Nach Versicherung ausgezeichneter Kenner gibt es aber in der Tat einzelne Männchen, die Unerreichbares und Unvergleichliches leisten.

Je nach der Örtlichkeit brütet der Spottvogel früher oder später im Jahre. Im Süden der Vereinigten Staaten beginnt er schon im April mit dem Bau seines Nestes, in dem nördlichen Teile seines Heimatkreises selten vor Ausgang Mai. Hier zeitigt er gewöhnlich nicht mehr als zwei, dort, nach Audubon, in der Regel drei Bruten im Laufe eines Sommers. Das Männchen wirbt nicht bloß durch Lieder, sondern auch durch allerlei anmutige Bewegungen um die Gunst seines Weibchens, spreizt den Schwanz, läßt die Flügel hängen und schreitet in dieser Weise stolz auf dem Boden oder auf einem Aste dahin, umfliegt, schmetterlingsartig flatternd, die Gattin, tanzt förmlich durch die Luft, sucht überhaupt seinen Gefühlen in jeder Weise Ausdruck zu geben. Das Nest wird in dichten Baumkronen oder Büschen angelegt, oft sehr nahe an den Wohnungen, oft in alleinstehenden Dornhecken des Feldes, fernab von den Ortschaften. Trockene Zweige bilden den Unterbau, dürre Ranken, Grashalme, Werg- und Wollflocken die Wandungen und ziemlich dicke Lagen von feinen, gebogenen Wurzeln die innere Ausfütterung. Das Gelege der ersten Brut enthält vier bis sechs, das der zweiten höchstens fünf, das der dritten selten mehr als drei Eier. Sie sind etwa sechsundzwanzig Millimeter lang und zwanzig Millimeter dick, rundlich und auf lichtgrünem Grunde mit dunkelbraunen Flecken und Punkten gezeichnet. Das Weibchen, das allein zu brüten scheint, zeitigt sie in vierzehn Tagen. Die Jungen der beiden ersten Bruten wachsen rasch heran, die des dritten Gehecks aber erreichen oft erst spät im Jahre ihre volle Größe. Während das Weibchen brütet, zeigen sich beide Geschlechter ungemein besorgt um die Eier, und wenn das Weibchen findet, daß dieselben berührt oder in eine andere Lage gebracht worden sind, stößt es klagende Laute aus und ruft ängstlich nach dem Männchen. Die Amerikaner behaupten, daß das Paar seine Brut unter solchen Umständen verließe; Audubon versichert aber, daß es im Gegenteil seine Liebe und Sorgfalt verdoppele und nach trüben Erfahrungen das Nest kaum auf einen Augenblick verlasse.

Die Nahrung ist verschiedener Art. Während des Sommers bilden Kerbtiere das hauptsächlichste Futter; im Herbste erlabt sich alt und jung an mancherlei Beeren. Ganz gegen die Art der Drosseln verfolgen die Alten fliegende Schmetterlinge, Käfer, Schnaken und Fliegen bis hoch in die Luft, und ebenso lesen sie derartiges Getier von den Blättern der Bäume ab. Im Käfige gewöhnen sie sich an Drosselfutter, sind aber anspruchsvoller als unsere Drosseln und verlangen vor allem andern ziemlich viel Mehlwürmer und Ameiseneier. Bei guter Behandlung werden sie überaus zahm und zutraulich. Einzelne sind nach der Versicherung der amerikanischen Forscher zum Aus- und Einfliegen gebracht worden; andere, auch von mir gepflegte, haben sich in der Gefangenschaft fortgepflanzt.

Das gesamte Raubzeug Amerikas stellt den alten Spottdrosseln, Schlangengezücht besonders der Brut im Neste nach. Der Amerikaner hat den Vogel so lieb gewonnen, daß er ihn niemals seines Fleisches halber verfolgt, vielmehr nach Kräften in Schutz nimmt und gegen Unberufene sichert. Dagegen werden viele von den so beliebten Vögeln für das Gebauer gefangen und namentlich Junge dem Neste entnommen und großgefüttert.

*

Auf die Spottdrosseln mögen die Heckensänger oder Baumnachtigallen folgen. Drosselvögel sind sie gewiß, nicht aber Sänger, wie gewöhnlich angenommen wird. Sie wollen sich nirgends einreihen lassen und dürfen daher als Urbilder einer besonderen Unterfamilie ( Aëdoninae) gelten. Die Baumnachtigall oder afrikanische Nachtigall ( Aëdon galactodes) ist auf der Oberseite rostrotgrau, auf dem Scheitel dunkler, im Nacken mehr graulich, auf der Unterseite graugelblich oder schmutzigweiß, mit rötlichem Anflug an den Halsseiten und rostgelblichem an den Weichen, die Wange weißbräunlich, ein weit nach hinten reichender Brauenstreifen weiß; die Schwingen, Flügeldeckfedern und Oberarmschwingen sind braun, die Steuerfedern schön rostrot, an der Spitze weiß, vorher durch einen rundlichen Fleck von schwarzbrauner Farbe gezeichnet. Das Auge ist dunkelbraun, Schnabel und Füße sind rötlich. Die Jungen ähneln den Alten. Die Länge beträgt achtzehn, die Breite siebenundzwanzig, die Fittichlänge acht, die Schwanzlänge über sieben Zentimeter, beim Männchen, wie beim Weibchen.

Unser Vogel bewohnt Spanien und Nordwestafrika, besucht von hier aus zuweilen Italien, Deutschland und Großbritannien, bevölkert vorzugsweise jene dürren, nur vom Regen befeuchteten Stellen des Südens, die spärlich mit niederem Buschwerk bestanden sind, ohne jedoch bebaute Örtlichkeiten und die Nähe menschlicher Wohnsitze zu meiden. Im Urwalde habe ich keine Baumnachtigall gesehen; im dünn bestandenen Steppenwalde ist sie häufig; hohe Gebirgs-, nicht aber Bergwaldungen scheint sie zu meiden.

In Mittelafrika sind die Baumnachtigallen Standvögel, in Nordafrika und Südeuropa Zugvögel. Sie erscheinen in Griechenland und Spanien Mitte oder Ende April, in Ägypten kaum früher, und verlassen das Land Ende September wieder. Die Männchen kommen zuerst an, die Weibchen folgen einige Tage später nach. Während des Zuges macht sich der muntere Vogel allerorten bemerklich; später muß man ihn auf seinen Lieblingsplätzen aufsuchen. Hier freilich fällt er jedem auf, der Augen hat, zu sehen; in Spanien ist er ebenso bekannt wie bei uns zulande das Rotkehlchen. Die Baumnachtigall liebt es, auf die Spitzen zu gehen. Der höchste Zweig des Lieblingsbusches, der Pfahl, an dem die Rebe befestigt ist, ein Baumwipfel oder ein Telegraphendraht sind Warten, wie sie solche haben mag. Hier sitzt sie, den Schwanz gestelzt, die Flügel gesenkt, mit eingeknickten Beinen, aber ziemlich aufgerichtet; von hier herab trägt sie ihr Lied vor, von hier aus späht sie nach Beute aus. Entdeckt sie einen Wurm, ein Kerbtier oder etwas Ähnliches, so stürzt sie sich rasch auf den Boden herab, bückt sich, wippt mit dem Schwänze und breitet ihn aus, seine volle Schönheit zeigend, rennt dann eilig ein Stück auf dem Boden dahin, fängt den Raub, ruft dabei behaglich ihr lockendes »Tak, tak« und kehrt nach demselben Ruhepunkt, den sie früher einnahm, wieder zurück. Sie nimmt ihre Nahrung hauptsächlich vom Boden auf und sucht deshalb alle nackten Stellen ab, kommt auch auf freie Blößen heraus und läuft namentlich oft auf Wegen und Straßen umher. Sie ist vorsichtig, ja selbst scheu, wo sie es nötig hat, zutraulich da, wo sie es sein darf, unstet, flüchtig und bewegungslustig in hohem Grad. In Spanien fanden wir sie überall scheu; in Mittelafrika läßt sie den braunen Eingeborenen dicht neben sich vorübergehen, weicht aber dem ihr fremdartig erscheinenden Europäer sorgsam aus. Andern Vögeln gegenüber friedfertig, liegt sie mit ihresgleichen oft im Streite. Zwei Männchen verfolgen sich mit großem Ingrimm, wirbeln zusammen hoch empor, stürzen sich rasch wieder in die Tiefe und jagen sich pfeilschnell zwischen den Büschen umher, dabei eine auffallende Gewandtheit beweisend und den prächtigen Schwanz bald breitend, bald wieder zusammenlegend.

In einer Hinsicht stehen sie weit hinter ihrer Namensverwandten zurück: ihr Gesang kann sich mit dem der Nachtigall nicht vergleichen. Von der Mühle nennt ihn »einförmig« und vergleicht ihn mit dem Liede der Grasmücke; ich muß beistimmen, will aber ausdrücklich bemerken, daß er mir trotz seiner Einfachheit stets wohl gefallen hat. Gerade weil die Baumnachtigall an solchen Orten lebt, die die Nachtigall meidet, und Weil sie durch fleißiges Singen das zu ersetzen sucht, was ihr im Vergleich zu ihrer hochbegabten Schwester abgeht, wird sie dem Tierfreunde lieb und wert. Sie singt, auf ihrer Warte sitzend, am Boden dahinlaufend, selbst fliegend, fast ununterbrochen, und die einzelnen Töne sind immerhin wohllautend genug, um zu gefallen.

Die Brutzeit beginnt im zweiten Drittel des Mai. Das große, aber unschöne Nest wird auf Baumstrunken zwischen den stärkeren Ästen oder im dichten Gebüsch aus Reisig, Moos, Grasblättern oder weichen Pflanzenstengeln erbaut und seine Mulde mit Haaren, Wolle, Baumwolle und Federn ausgelegt. Die vier bis sechs Eier sind sehr verschieden in Größe, Gestalt und Färbung, durchschnittlich etwa zweiundzwanzig Millimeter lang und fünfzehn Millimeter dick, auf trübweißem oder blaugrauem Grunde mit wenig hervortretenden Schalenflecken dunklerer Färbung und außerdem mit braunen Pünktchen und Flecken gezeichnet, über die Aufzucht der Jungen mangelt mir jede Kunde; ich kann nur sagen, daß wir noch Anfang September, während die meisten Alten bereits in voller Mauser standen, flügge Nestjunge antrafen.

*

Während einige Forscher die Wasserschwätzer ( Cinclidae) als Drosseln ansehen, erkennen wir in ihnen eine eigene Familie, obgleich wir derselben nur eine einzige Sippe zuweisen können. Der Leib erscheint wegen der sehr dichten Befiederung dick, ist aber tatsächlich schlank, der Schnabel verhältnismäßig schwach, gerade, aus der Firste ein wenig aufwärts, mit der Spitze abwärts gebogen, seitlich zusammengedrückt und vorn schmal auslaufend, die Nasenöffnung durch einen Hautdeckel verschließbar, der Fuß hoch, aber stark, langzehig und mit sehr gekrümmten, starken, schmalen, unten zweischneidigen Nägeln bewehrt, der Flügel ungewöhnlich kurz, stark abgerundet und fast gleich breit, die dritte Schwinge die längste, die vierte ihr fast gleichlang, die erste sehr kurz, der Schwanz so kurz, daß er fast als ein Stummel betrachtet werden darf; das Gefieder endlich, das nur mit dem der Sumpf- oder Schwimmvögel verglichen werden kann, ist sehr dicht und weich und wie bei den Schwimmvögeln aus Oberfedern und flaumartigen Unterfedern zusammengesetzt. Besonders entwickelt sind die Bürzeldrüsen, die das zum Glätten und Einölen des Gefieders nötige Fett absondern, und ebenso die Nasendrüsen, die bei den übrigen Singvögeln wegen ihrer Kleinheit kaum wahrgenommen werden.

Die Wasserschwätzer bewohnen die Alte und die Neue Welt, vorzugsweise den Norden der Erde, finden sich aber auch noch auf südlichen Gebirgen, so auf dem Himalaja und auf den Anden. In ihrer Lebensweise ähneln sich die wenigen bis jetzt bekannten Arten, so daß ein Lebensbild unserer deutschen Art vollständig zur Lebenskunde aller Familienglieder ausreicht.

Der Wasserschwätzer oder Wasserstar, die Wasser- und Seedrossel ( Cinclus aquaticus) ist zwanzig Zentimeter lang und dreißig Zentimeter breit; der Fittich mißt neun, der Schwanz sechs Zentimeter. Kopf, Nacken und Hinterhals sind fahlbraun, die Federn der übrigen Oberseite schieferfarbig mit schwarzen Rändern, Kehle, Gurgel und Hals milchweiß, Unterbrust und Bauch dunkelbraun; die Oberbrust ist rotbraun. Das etwas kleinere Weibchen gleicht dem Männchen; bei den Jungen sind die hell schieferfarbigen Federn der Oberseite dunkel gerandet, die schmutzig milchweißen der Unterseite dunkler gesäumt und gestrichelt.

Alle Gebirge Mitteleuropas, die reich an Wasser sind, beherbergen unsern Wasserschwätzer. An geeigneten Orten ist er, wenn auch nicht häufig, so doch eine sehr regelmäßige Erscheinung. Lieblingsplätze von ihm sind die klaren, beschatteten Forellenbäche, an denen unsere Hoch- und Mittelgebirge so reich sind. Er hält treu an dem einmal gewählten Stande und verläßt ihn auch während des strengsten Winters nicht, lebt aber, wie Kronprinz Rudolf von Österreich mir mitteilt, in den Hochalpen im Sommer fast ausschließlich an den kleinsten Gebirgsbächen und zieht erst mit Beginn des Herbstes, dem Laufe jener Bäche folgend, den tieferen Haupttälern und wasserreicheren Flüßchen zu. Im Hügellande wählt er sich eine Bachstrecke, die wenigstens hier und da von der eisigen Decke verschont bleibt, denn das Wasser, nicht aber das Bachufer ist sein eigentliches Weidegebiet. Je rauschender der Waldbach ist, je mehr Fälle er bildet, je ärger er braust und zischt, um so sicherer fesselt er ihn. Jedes einzelne Paar nimmt höchstens zwei Kilometer des Baches in Besitz, streicht innerhalb dieser Strecke auf und nieder und verläßt den Wasserfaden niemals. Da, wo das Gebiet des einen Paares endet, beginnt das eines zweiten, und so kann ein Gebirgsbach besetzt sein von seiner Quelle bis zur Mündung in ein größeres Gewässer.

Der Wasserschwätzer gehört nicht allein zu den auffallendsten, sondern auch zu den anziehendsten aller Vögel. Seine Begabungen sind eigentümlicher Art. Er läuft mit der Gewandtheit und Behendigkeit einer Bachstelze über die Steine des Flußbettes dahin, nach Art der Stelzen oder Uferläufer, Schwanz und Hinterleib auf und nieder bewegend, watet von den Steinen herab bis in das Wasser hinein, tiefer und tiefer, bis zur halben Oberbrust, bis zu den Augen, noch tiefer, bis das Wasser über ihm zusammenschlägt, und lustwandelt sodann fünfzehn bis zwanzig Sekunden lang auf dem Grunde weiter, unter den Wellen oder im Winter unter der Eisdecke dahin, gegen die Strömung oder mit ihr, als ginge er auf ebenem Boden. Er stürzt sich in den ärgsten Strudel, in den tollsten Wassersturz, watet, schwimmt, benutzt seine kurzen Flügel als Ruder und fliegt sozusagen unter dem Wasser dahin, wie er eine senkrecht hinabstürzende Wassermasse in Wirklichkeit fliegend durchschneidet. Kein anderer Vogel beherrscht in derselben Weise wie er das Wasser. Nicht immer watet er von seinem erhöhten Sitzpunkte aus allmählich in das Wasser, sondern sehr häufig auch stürzt er sich von seiner Warte herab jählings in die Tiefe, eher nach Art des Frosches als nach Art eines Eisvogels. Sein Flug erinnert an den des Eisvogels, ähnelt aber vielleicht noch mehr dem unseres Zaunkönigs. Aufgescheucht fliegt er mit schnell aufeinanderfolgenden Flügelschlägen in gleicher Höhe über dem Wasser dahin, jeder Krümmung des Baches folgend. Der Flug endet plötzlich, sowie er bei einem neu gesicherten Ruhepunkt angekommen ist; es geschieht aber auch – und gar nicht selten –, daß er, von einer erspähten Beute angezogen, jählings aus der Luft herab in das Wasser stürzt. Wenn er sich verfolgt sieht, durchfliegt er wohl eine Strecke von vier- bis fünfhundert Schritten; sonst schwirrt er gewöhnlich nur von einem erhabenen Stein zum andern. Wird die Jagd ernster und sieht er sich gefährdet, so verläßt er zuweilen die Tiefe, in der er bisher dahinzog, und steigt steil in die Luft empor, bis über die Wipfelhöhe der Uferbäume und noch höher. Unter solchen Umständen kann es auch geschehen, daß er von der einmal begonnenen Richtung abweicht, selbst den Lauf des Baches verläßt und in großen Bogen sich weiter vorwärts wendet oder zu seinem früheren Sitzpunkt zurückkehrt. Wenn er sich unbehelligt sieht, kommt es nach Alexander von Homeyers Beobachtungen vor, daß er im Fluge haltmacht, fast rüttelnd über ein und derselben Stelle sich hält, hierauf mit lang herabhängenden Ständern zum Wasser herniederstürzt und in ihm verschwindet.

Obgleich wir mit Bestimmtheit nur behaupten können, daß die höheren Sinne und namentlich Gesicht und Gehör des Wasserschwätzers auf sehr hoher Stufe stehen, müssen wir doch annehmen, daß auch die übrigen nicht verkümmert sind. Der Wasserschwätzer ist klug, vorsichtig, verschlagen und allerorten, wenn auch nicht scheu, so doch höchst aufmerksam auf alles, was rings um ihn vorgeht. Er kennt seine Freunde genau und nicht minder gut seine Feinde. Den Menschen, der seinen stillen Wohnsitz einmal betritt, flieht er von weitem; vor Raubtieren aller Art nimmt er sich nicht weniger in acht. Aber derselbe Vogel gewöhnt sich an das Treiben des Menschen und wird sogar ungemein zutraulich. In der Nähe der Mühlen ist er ein regelmäßiger Gast, der in dem Müller und seinen Knappen nur gute Freunde sieht; er kann sich aber auch inmitten der Dorfschaften sehr sicher fühlen.

Nach Art so vieler anderer Fischer liebt der Wasserschwätzer die Gesellschaft seinesgleichen durchaus nicht. Bloß während der Brutzeit sieht man die Paare im innigen Verband, und nur solange die Jungen der elterlichen Führung bedürftig sind, die Familien zusammen; in allen übrigen Abschnitten des Jahres lebt jeder Wasserschwätzer mehr oder weniger für sich, obgleich die Gatten eines Paares sich wiederholt besuchen. Wagt sich ein Nachbar in das von einem Pärchen besetzte Gebiet, so gibt es eine heftige Jagd, und der rechtmäßige Eigentümer vertreibt den aufdringlichen Gast unerbittlich. Sogar die eigenen Kinder werden, sobald sie selbständig geworden sind, rücksichtslos in die weite Welt hinausgestoßen. Um fremdartige Vögel bekümmert er sich nicht, Bachstelzen und Eisvogel sind von ihm geduldete Bewohner eines und desselben Gebiets.

Die Stimme, die man gewöhnlich und regelmäßig dann, wenn er aufgejagt wird, von ihm vernimmt, ist ein wie »Zerr« oder »Zerb« klingender Laut, der Gesang des Männchens ein leises, aber höchst anmutendes Geschwätz, das aus sanft vorgetragenen, schnurrenden und lauter vernehmlichen schnalzenden Lauten besteht, ebenso an einzelne Teile des Blaukehlchenliedes wie an das Schnalzen des Steinschmätzers erinnert und von Snell treffend mit dem leisen Rieseln und Rauschen eines auf steinigem Grunde dahinfließenden Bächleins verglichen wird. Besonders eifrig singt er an heitern Frühlingstagen und zumal in den Morgenstunden, läßt sich aber auch von der größten Kälte nicht beirren: er singt, solange der Himmel blau ist.

Die Nahrung besteht vorzugsweise aus Kerbtieren und deren Larven. Mein Vater fand in dem Magen der von ihm untersuchten Wasserschwätzer Mücken, Wassermotten, Hafte und verschiedene Käferchen, nebenbei auch Pflanzenteilchen, die wahrscheinlich bloß zufällig mit verschluckt werden, und Kieskörner, wie solche so viele Vögel fressen, um ihre Verdauung zu befördern. Gloger ist der erste, der angibt, daß der Wasserschwätzer im Winter auch kleine Muscheln und junge Fischchen verzehrt und davon einen tranigen Geruch erhält; später erfuhr ich, daß die liebe Schuljugend einer meinem heimatlichen Dorfe benachbarten Ortschaft junge Wasserschwätzer im Nest zu ihrem besonderen Vergnügen mit kleinen, mühselig gefangenen Fischchen fütterte, und hatte die Freude, zu erfahren, daß die Jungen bei dieser Nahrung sehr wohl gediehen. Vollkommenen Aufschluß verdanken wir Girtanner. »Um die Frage der Fischliebhaberei unseres Vogels aufzuklären, gab es nur ein Mittel: den Vogel zum Hausgenossen zu machen. Um Neujahr erhielt ich zwei alte, die ich jedoch nur unter der Bedingung annahm, daß mir gleichzeitig mit denselben täglich die nötige Anzahl kleiner Fische geliefert werden mußte. Die Vögel kamen mitsamt den Fischen bei mir an: und entlarvt waren die Fischer. Vielfältige Beobachtungen zeigten, daß der Wasserschwätzer jedem ihm im Wasser zu Gesicht kommenden Fisch nachstürzte, die Beute nach einigen Sprüngen und Stößen faßte, möglichst rasch vor der Hand ans Ufer warf und erst dann zu näherer Besichtigung herbeikam. Stellte sich der Fisch als zu groß heraus, so ließ er ihn einfach liegen und verderben, tauchte aufs neue und holte sich einen zweiten. War ihm dieser mundgerecht, so erfaßte er ihn quer über der Mitte des Leibes, schlug ihn mit Gewalt links und rechts an die Steine, bis er in Stücke ging und schlang diese einzeln herunter, um dasselbe Spiel erstaunlich bald zu wiederholen. Ich mußte immer auf einen Bedarf von zwanzig bis dreißig fingerlangen Fischchen auf den Tag für jedes Stück rechnen. Sobald aber Frühlingswitterung eintrat, gingen die Gefangenen zu Nachtigallfutter über und mieden die Fischnahrung vollständig.«

Über die Fortpflanzung hat mein Vater schon vor fast sechzig Jahren ausführliche Beobachtungen veröffentlicht und dieselben später vervollständigt. »Der Wasserschwätzer«, sagt er, »brütet ungestört gewöhnlich nur einmal, ausnahmsweise jedoch auch zweimal im Jahre, das erste Mal im April. Zu Anfang dieses Monats fängt er an zu bauen und um die Mitte desselben zu legen. Das Nest steht immer am Wasser, besonders da, wo ein Felsen über dasselbe hinweg- oder an demselben emporragt, wo ein Erlenstock oder ein Wehr eine passende Höhlung bildet, auch unter Brücken, Wasserbetten, in den Mauern der Radstuben von Mühlen, Eisenhämmern und dergleichen, selbst in den Schaufeln der Mühlräder, wenn diese eine Zeitlang stillgestanden haben. Am angenehmsten ist es unserm Vogel, wenn er das Nest so anbringen kann, daß vor demselben eine Wassermasse hinabstürzt. Dann ist es natürlich vollkommen gegen die Nachstellungen der Katzen, Marder, Iltisse und Wiesel geschützt und nur noch den Ratten zugänglich. Das Nest besteht äußerlich aus Reisern, Grasstengeln, Graswurzeln und Grasblättern, Strohhalmen, oft auch aus Wasser- oder Erdmoos, und ist inwendig mit Baumblättern ausgelegt. Es ist locker gebaut, aber dickwandig, inwendig tiefer als eine Halbkugel und hat stets einen engen Eingang, der gewöhnlich dadurch entsteht, daß jenes die Höhlung, in der es sich befindet, ganz ausfüllt. Ist aber das Nistloch zu groß, dann bekommt es eine Decke, wie ein Zaunkönigsnest, und ein enges Eingangsloch. Es besteht dann größtenteils aus Moos. Man findet darin vier bis sechs Eier, die zweiundzwanzig bis sechsundzwanzig Millimeter lang und achtzehn bis neunzehn Millimeter dick, sehr verschieden gestaltet, dünn- und glattschalig, mit deutlichen Poren und glänzend weiß sind. Das Weibchen bebrütet sie so emsig, daß man es auf ihnen oder auf den zarten Jungen ergreifen kann. Wenn die Alten bei dem Neste nicht gestört werden, legen sie ihr scheues Wesen ab und werden zutraulich, so daß sie sich vor den Menschen wenig fürchten. Besonders hübsch sieht es aus, wenn sie, um zu ihrer Brut zu gelangen, einen Wassersturz durchfliegen.« Zur Vervollständigung des Vorstehenden will ich noch erwähnen, daß der Wasserschwätzer zuweilen auch vollständig freistehende Nester auf Steinplatten am Rande des Baches baut und infolge der übereinstimmenden Färbung der Baustoffe mit der Umgebung dennoch auf Schutz seiner Brut rechnen darf. Tschudi, dem wir die Mitteilung verdanken, erzählt, daß die von ihm aus solchem Nest gescheuchten Jungen sofort ins Wasser stürzen, untertauchen, in der Tiefe geschickt fortschwimmen, bis sie eines der ausgehöhlten Ufer erreichen, um sich hier zu verbergen.

Feinde der Wasserschwätzer sind die nächtlich umherschleichenden Raubtiere, die, wenn es einer leckeren Beute gilt, auch einen Sprung ins Wasser nicht scheuen. Die Brut mag öfters von Katzen geraubt werden; alte Vögel lassen sich von diesen Raubtieren kaum betören. Raubvögel unterlassen es wohlweislich, auf Wasserschwätzer Jagd zu machen, weil diese bei ihrem Erscheinen sofort in die sichere Tiefe stürzen. Von einzelnen Fisch-, zumal Forellenzüchtern, sind auch unsere Schwätzer auf die Liste derjenigen Vögel gesetzt worden, deren Vertilgung notwendig erscheint. Tatsächlich aber dürfte der Schaden, den sie einer Fischzucht zufügen, kaum nennenswert sein. »Soll man sie vertilgen?«, fragt Girtanner. »Nein, schonen! denn erstens bedient sich die Bachamsel nur während kurzer Zeit des Jahres der Fischnahrung und auch dann nur, wenn sie die Fischchen bekommt, was ihr im Freien sehr schwer zu fallen scheint. Im übrigen Jahre vertilgt sie eine Menge von Kerbtieren zu Wasser und zu Lande.« Und außerdem, füge ich hinzu, ist sie eine Zierde jedes Gewässers, die zu erhalten in unserer vernichtungssüchtigen Zeit dringend angeraten werden dürfte. Zum Glück sind Jagd und Fang des Wasserschwätzers nicht jedermanns Sache. Girtanner hat jung dem Neste entnommene Vögel regelmäßig aufgefüttert und selbst alt eingefangene an das Futter gewöhnt. Einige Paare habe ich von ihm erhalten und längere Zeit gepflegt, und ich darf wohl sagen, daß mir wenige Vögel unseres Vaterlandes größere Freude bereitet haben als sie.

*

Gestalt und Wesen, Lebensweise und Betragen lassen uns in den Zaunkönigen ( Troglodytidae) Verwandte der Wasserschwätzer erkennen. Was diese für die Flut, sind jene für das Land. Die Zaunkönige sind kleine, gedrungen gebaute, kurzflügelige und kurzschwänzige Singvögel, mit sehr übereinstimmendem Federkleide. Der Schnabel ist schwach, pfriemenförmig, seitlich zusammengedrückt und längs der Firste gebogen, der Fuß mittelhoch, ziemlich schwach und kurzzehig, der Flügel kurz, abgerundet und gewölbt, der Schwanz sehr kurz, keilförmig oder wenigstens zugerundet.

Unser Zaunkönig oder Zaunschlüpfer ( Troglodytes parvulus) vertritt würdig seine Familie. Seine Länge beträgt zehn, die Breite sechzehn Zentimeter, die Fittichlänge fünfundvierzig, die Schwanzlänge fünfunddreißig Millimeter. Das Gefieder der Oberseite ist auf rostbraunem oder rostgrauem Grunde mit dunkelbraunen Wellenlinien gezeichnet; ein brauner Zügelstreifen zieht durchs Auge, ein rostbräunlichweißer, schmaler Streifen verläuft über demselben; die mittleren Flügeldeckfedern sind an der Spitze durch länglichrunde weiße, hinterwärts schwarz begrenzte Punkte geziert, die Schwingen auf der Innenfahne dunkel braungrau, auf der äußern abwechselnd licht rostgelblich und schwarz gebändert oder gefleckt, die Schwanzfedern rötlichbraun, seitlich lichter, mit deutlichen, wellenförmigen, dunkelbraunen Querstreifen durchzogen. Das Auge ist braun, der Schnabel und die Füße sind rötlichgrau. Das Weibchen ist etwas blasser als das Männchen; die Jungen sind auf der Oberseite weniger, auf der Unterseite mehr, aber schwächer als die Alten gefleckt.

Man hat den Zaunkönig in allen Ländern Europas, vom nördlichen Skandinavien oder von Rußland an bis zur Südspitze Spaniens und Griechenlands und außerdem in Nordwest- und Mittelasien gefunden. In Deutschland gibt es keine Gegend, keinen Gau, in dem er nicht beobachtet worden wäre, und an geeigneten Orten ist er überall häufig. Er bewohnt die verschiedensten Örtlichkeiten, am liebsten aber doch Täler, deren Wände mit Gebüsch bedeckt sind, und in deren Grunde ein Wässerchen fließt. Er kommt bis in die Dörfer und selbst in die Gärten der Städte herein und siedelt sich in unmittelbarer Nähe der Wohnungen an, falls es hier dichte Gebüsche, Hecken oder wenigstens größere Haufen dürren Reisholzes gibt. Sein Wesen ist höchst anziehend. Er hüpft in geduckter Stellung überaus schnell über den Boden dahin, so daß man eher eine Maus als einen Vogel laufen zu sehen glaubt, kriecht mit staunenswerter Fertigkeit hurtig durch Ritzen und Löcher, die jedem andern unserer Vögel unzugänglich scheinen, wendet sich rastlos von einer Hecke, von einem Busche, von einem Reisighaufen zum andern, untersucht alles und zeigt sich nur auf Augenblicke frei, dann aber in einer Stellung, die ihm ein keckes Ansehen verleiht: die Brust gesenkt, das kurze Schwänzchen gerade empor gestelzt. Reizt etwas Besonderes seine Aufmerksamkeit, so deutet er dies durch rasch nacheinander wiederholte Bücklinge an und wirft den Schwanz noch höher auf als gewöhnlich. Fühlt er sich sicher, so benutzt er jeden freien Augenblick zum Singen oder wenigstens zum Locken; nur während der Mauser ist er stiller als gewöhnlich. Sobald aber sein Lied vollendet ist, beginnt das Durchschlüpfen und Durchkriechen der Umgebung von neuem. Zum Fliegen entschließt er sich nur, wenn es unbedingt notwendig ist. Gewöhnlich streicht er mit zitternden Flügelschlägen ganz niedrig über dem Boden in gerader Linie dahin; beim Durchmessen größerer Entfernungen aber beschreibt er eine aus flachen, kurzen Bogen bestehende Schlangenlinie. Wie schwer ihm das Fliegen wird, bemerkt man deutlich, wenn man ihn im freien Felde verfolgt. Ein schnell laufender Mensch kann ihn, laut Naumann, so ermüden, daß er ihn mit den Händen zu fangen vermag. Der Zaunkönig ist sich seiner Schwäche im Fliegen übrigens so bewußt, daß er freiwillig niemals sein schützendes Gebüsch verläßt und selbst dann, wenn er nicht einmal weit von demselben entfernt ist, im Notfall lieber in eine Höhlung sich verkriecht als den gefährlichen Flug wagt. Die Stimme, die man am häufigsten vernimmt, ist ein verschieden betontes »Zerr« oder »Zerz«, der Warnungsruf, auf den auch andere Vögel achten, eine Verlängerung dieser Laute oder auch wohl ein oft wiederholtes »Zeck zeck zeck.« Der vortreffliche und höchst angenehme Gesang besteht »aus vielen, anmutig abwechselnden, hellpfeifenden Tönen, die sich in der Mitte der eben nicht kurzen Weise zu einem klangvollen, gegen das Ende im Tone sinkenden Triller gestalten«; letzterer wird oft auch gegen das Ende des Gesanges wiederholt und bildet dadurch gewissermaßen den Schluß des Ganzen. Die Töne sind so stark und voll, daß man erstaunt, wie ein so kleiner Vogel sie hervorbringen kann. In den Wintermonaten macht dieser Gesang einen außerordentlichen Eindruck auf das Gemüt des Menschen. Die ganze Natur still und tot, die Bäume entlaubt, die Erde unter Schnee und Eis begraben, alle andern Vögel schweigsam und verdrießlich, nur er, der kleinste fast, heiter und wohlgemut und immer das eine Lied im Munde: »Es muß doch Frühling werden« – das ungefähr sind die Gedanken, die jedem kommen müssen, selbst dem erbärmlichsten, trockensten Philister, der nie begreifen will, daß auch eine dichterische Anschauung der Natur berechtigt ist. Wem im Winter beim Lied des Zaunkönigs das Herz nicht aufgeht in der Brust, ist ein trauriger, freudloser Mensch!

Kerbtiere in allerlei Zuständen ihres Lebens, Spinnen und anderes Kleingetier, im Herbste auch mancherlei Beeren bilden die Nahrung des Zaunkönigs. Im Sommer ist seine Tafel reichlich beschickt; denn er weiß überall etwas zu finden, auch da, wo andere Vögel, wie es scheint, vergeblich suchen; im Winter hingegen mag er wohl manchmal Not leiden. Er kommt dann auch in die Häuser der hier schlafenden Fliegen wegen. Hat er einmal ein Schlupfloch erspäht, das ihm Zutritt zu dem Innern eines Gebäudes gestattet, so benutzt er es regelmäßig; denn er besitzt eine überaus große Ortskenntnis und weiß seinen Weg immer wieder zu finden.

Das Nest wird gebaut nach des Ortes Gelegenheit und deshalb außerordentlich verschiedenartig ausgeführt; auch der Standort wechselt vielfach ab. Man hat Zaunkönigsnester ziemlich hoch oben in Baumwipfeln und auf dem Boden, in Erd- oder Baumhöhlen, Mauerlöchern und Felsenspalten, in Köhlerhütten oder unter Hausdächern, im Gestrüppe oder unter Gewurzel, in Holzstößen und in Bergwerkstollen gefunden, immer und überall aber auf sorgfältig gewählten Plätzen, zumal, wenn es sich um das erste Nest im Frühjahre handelte, das erbaut wurde, bevor die Pflanzen sommerliche Üppigkeit zeigten. Einzelne Nester bestehen nur aus grünem, andere aus vergilbtem Moose, das so dicht zusammengefilzt ist, daß es aussieht, als ob das ganze zusammengeleimt wäre; ihre Gestalt ist kugelförmig, und ein hübsches Schlupfloch führt ins Innere. Andere gleichen einem wirren Haufen von Blättern und sind im Innern mit Federn ausgefüttert; andere wieder sind nichts weiter als eine Aufbesserung bereits vorgefundener Nester. Wie dem aber auch sein möge, unter allen Umständen ist das Nest seinem Standorte gemäß gestaltet, und sind die Stoffe der Umgebung entsprechend gewählt, so daß es oft schwer fällt, das im Verhältnisse zur Größe des Zaunkönigs ungeheure Nest zu entdecken. Bemerkenswert ist, daß der Vogel zuweilen eine gewisse Örtlichkeit entschieden bevorzugt. So erzählt Trinthammer, daß ein im Gebirge lebender Zaunkönig mit den Köhlern oder Pechschmelzern wanderte, das heißt immer in der Hütte dieser Leute sich ansiedelte und in ihr sein Nest baute, gleichviel ob die Hütte an derselben Stelle, wie im vorigen Jahre, oder an einem andern Orte errichtet wurde. Die Köhler kannten den Vogel sehr genau: sie wußten, daß es der ihre war; denn er bekundete dies durch sein Benehmen. Ebenso muß bemerkt werden, daß der Zaunkönig Nester baut, die nur als Schlafstellen, nicht aber zum Brüten dienen. Sie aber sind stets kleiner als die Brutnester, meist nur aus Moos errichtet und innen nicht mit Federn ausgefüttert. Boenigk hat einen Zaunkönig vom April an bis zum August beobachtet und das Erfahrene sehr ausführlich, in wenig Worte zusammengedrängt, wie folgt beschrieben: Ein Männchen baut viermal ein fast vollkommenes Nest, bevor es ihm gelingt, eine Gefährtin zu finden. Nachdem es endlich sich gepaart hat, müssen beide Gatten, verfolgt von Mißgeschick, dreimal bauen, ehe sie zum Eierlegen gelangen können, und als nun das Weibchen, erschreckt durch sein Unglück, flieht, vielleicht, um sich einen andern Gatten zu suchen, müht sich das verlassene Männchen noch mehrere Wochen ab und baut in dieser Zeit nochmals zwei Wohnungen fertig, die es nicht benutzt. Dieses Einzelarbeiten eines Zaunkönigs scheint mit einer andern Eigentümlichkeit des Vogels zusammenzuhängen. Durch Beobachtungen von Ogilby ist es nämlich festgestellt, daß die Zaunkönige sehr gern in ihren alten Nestern Nachtruhe halten, und zwar nicht bloß einer oder ein Pärchen, sondern die ganze Familie. Dasselbe hat, nach Päßler, ein Bauer in Anhalt erfahren, der an einem Winterabend in den Viehstall geht, um in einem der dort hängenden Schwalbennester einen Sperling zu fangen, aber die ganze Hand voll Vögel bekommt und zu seiner Verwunderung fünf Zaunkönige erkennt, die sich in Eintracht des Nestes als Schlafstätte bedient hatten; genau dasselbe hat auch Schacht beobachtet. Unter regelmäßigen Verhältnissen brütet das Zaunkönigspaar zweimal im Jahre, das erstemal im April, das zweitemal im Juli. Das Gelege besteht aus sechs bis acht fünfzehn Millimeter langen und zwölf Millimeter dicken, also verhältnismäßig großen, rundlichen Eiern, die auf rein- oder gelblichweißem Grunde mit kleinen Pünktchen von rotbrauner oder blutroter Farbe, am dicken Ende oft kranzartig gezeichnet sind. Beide Eltern brüten abwechselnd dreizehn Tage lang, füttern gemeinschaftlich die Jungen groß. Diese bleiben lange im Nest, halten, wenn sie schon ausgeflogen sind, noch geraume Zeit zusammen, besuchen auch wahrscheinlich allnächtlich ihre Kinderwiege wieder, um in ihr zu schlafen.

Man gewöhnt den Zaunkönig nicht leicht an die Gefangenschaft. Gelingt dies, so hat man seine Freude an dem auch im Käfig außerordentlich anmutigen Geschöpf. Ein Zaunkönig, den Gourcy hielt, begann schon im November mit seinem Gesang und endete erst im Spätsommer, nach Eintritt der Mauser. Gefangene, die ich pflegte oder bei andern sah, haben mich wahrhaft entzückt.

Wir kennen die Gefahren, die der Zaunkönig zu bestehen hat, nur zum geringsten Teile, nicht einmal seine Feinde alle; daß er aber ihrer viele haben muß, unterliegt keinem Zweifel: denn er müßte, wäre dies nicht der Fall, ungleich häufiger sein, als er es ist.

*

Sänger

Eine der artenreichsten Familien umfaßt die Sänger ( Sylviidae), kleine, gestreckt gebaute Sperlingsvögel, mit schlankem, dünnem, pfriemenförmigem, auf der Firste bis zur leicht ausgerandeten Spitze gekrümmtem Schnabel, kurzen oder höchstens mittelhohen Füßen, deren Läufe vorn mit geteilten Schildern bekleidet sind, mittellangen, meist gerundeten Flügeln, deren Handteil stets zehn Schwingen trägt, verschiedenartig gebildetem, kürzerem oder längerem Schwanze und seidenweichem Gefieder. Alle bei uns im Norden wohnenden Arten sind Zugvögel; die meisten erscheinen auch erst, wenn der Frühling wirklich eingezogen ist, in der Heimat. Dann grenzt sich jedes Paar sein Brutgebiet, sei dasselbe groß oder klein, gegen andere derselben Art ab und duldet nur ausnahmsweise innerhalb desselben ein zweites. Unmittelbar nach der Wahl des Gebietes beginnt der Bau des Nestes, das je nach der Art ebenso verschieden gestellt als ausgeführt sein kann. Alle verdienen unseren Schutz und die Liebe, die sie, dank ihres vortrefflichen Gesanges, glücklicherweise fast ausnahmslos bei alt und jung sich erworben haben; alle eignen sich auch zu Käfigvögeln.

 

Unter allen Sängern stehen wohl die Grasmücken ( Sylviinae) obenan. Sie bewohnen die Osthälfte der Erde, in größter Anzahl den nördlichen altweltlichen Gürtel, nehmen in Laub- und Nadelwäldern, Gebüschen und Gärten ihren Stand, halten sich in der Höhe wie in der Tiefe auf, singen vorzüglich, fressen Kerbtiere, Spinnen, Früchte und Beeren und bauen niedrig im Gebüsch unkünstliche Nester.

Die größte aller in Deutschland lebenden Arten der Sippe ist die Sperbergrasmücke ( Sylvia nisoria). Ihre Länge beträgt achtzehn, ihre Breite neunundzwanzig, ihre Fittichlänge neun, ihre Schwanzlänge acht Zentimeter. Die Oberseite des Gefieders ist olivenbraungrau, der Oberkopf etwas dunkler, die Unterseite weiß, an den Kopf- und übrigen Körperseiten, an Kinn und Kehle mit schmalen, dunklen Endsäumen; Schwingen und Schwanzfedern sind dunkelbraun. Die Iris ist zitronengelb, der Schnabel hornbraun, unterseits horngelb, der Fuß lichtgelb. Das Weibchen unterscheidet sich durch mattere Färbung. Vom südlichen Schweden an bewohnt oder besucht die Sperbergrasmücke Mittel- und Südeuropa, mit Ausschluß Großbritanniens, ebenso das westliche Asien und Nordchina, und wandert im Winter bis ins Innere Afrikas. In einzelnen Teilen unseres Vaterlandes, namentlich in den Auen und an buschigen Ufern größerer Flüsse, ist sie häufig, an andern Orten fehlt sie gänzlich oder gehört wenigstens zu den größten Seltenheiten. Bei uns zulande erscheint sie nie vor dem letzten Tage des April, meist erst Anfang Mai, und verweilt höchstens bis zum August in der Heimat. Zu ihrem Sommeraufenthalt wählt sie niederes Gebüsch, dabei mit Vorliebe Dickichte, verläßt dieselben aber, wenn sie zum Stangenholze heranwuchsen, um sich andern, aus jungem Nachwuchse gebildeten zuzuwenden. Höhere Bäume besucht sie bloß während ihres Zuges.

Auf dem Boden bewegt sie sich schwerfällig, kommt daher auch selten zu ihm herab, fliegt dagegen, obschon ungern, recht gut und durchschlüpft das Gezweige mit überraschender Fertigkeit. Ihre Lockstimme ist ein schnalzendes »Tschek«, der Warnungslaut ein schnarchendes »Err«, der Gesang nach Örtlichkeit und Vogel verschieden, im allgemeinen wohllautend und reichhaltig. Der Pfiff des Pirols, der Schlag des Finken, der sogenannte Überschlag des Mönchs und andere, den umwohnenden Singvögeln abgeborgte Töne werden häufig eingewoben; das Schnarren oder Trommeln aber, das der Sperbergrasmücke eigentümlich ist und dem Gesange vorauszugehen pflegt, fällt unangenehm in das Ohr. Wie die meisten Verwandten ist auch die Sperbergrasmücke ein sehr fleißiger Sänger und deshalb ein wahrer Schatz für den Wald.

Sofort nach der Ankunft im Frühjahre wählt sich jedes Paar ein Gebiet und vertreibt aus ihm alle andern, die etwa eindringen. »Das Männchen«, sagt Naumann, »ruht, wenn ein anderes in seinen Bezirk kommt, nicht eher, bis es dasselbe mit grimmigen Bissen daraus vertrieben hat, und beide raufen sich oft tüchtig. Während das Weibchen das niedere Gebüsch durchkriecht, am Nest baut oder auf demselben sitzt, treibt sich das Männchen über ihm in den höheren Bäumen unruhig umher, singt, schreit und achtet darauf, daß kein Nebenbuhler kommt. Erscheint einer, so wird er sogleich angefallen und so lange verfolgt, bis er die Flucht ergreift.«

Das Nest steht im Dickicht oder in großen, natürlichen Dornhecken, meist ziemlich gut versteckt, in einer Höhe von einem Meter und mehr über dem Boden. Es unterscheidet sich in der Bauart nicht von dem allgemeinen Gepräge. Ende Mai oder Anfang Juni findet man in ihm vier bis sechs gestreckte, zwanzig Millimeter lange, vierzehn Millimeter dicke, zartschalige, wenig glänzende Eier, die gewöhnlich auf grauweißem Grunde mit hell aschgrauen und blaß olivenbraunen Flecken gezeichnet sind. Die Eltern bekunden am Neste das tiefste Mißtrauen und versuchen regelmäßig, sich zu entfernen, wenn sie ein Geschöpf bemerken, das sie fürchten. Das Weibchen gebraucht im Notfalle die bekannte List, sich lahm und krank zu stellen. Nähert man sich einem Neste, bevor es vollendet ist, so verlassen es die Alten gewöhnlich sofort und erbauen dann ein neues; sie verlassen selbst die bereits angebrüteten Eier, wenn sie merken, daß diese von Menschenhänden berührt wurden. Die Jungen bringen die Gewandtheit ihrer Eltern im Durchschlüpfen des Gebüsches sozusagen mit auf die Welt, treten daher sehr bald selbständig auf und entfernen sich vom Nest, noch ehe sie ordentlich fliegen können. Ungestört brütet das Paar nur einmal im Jahre.

Die Nahrung besteht, wie bei alten Grasmücken, in Kerbtieren, die auf Blättern und in Blüten leben, zumal Räupchen und Larven verschiedener, meist schädlicher Schmetterlinge und Käfer, Spinnen und allerlei Gewürm, im Herbst aber vorzugsweise in genießbaren Beeren aller Art, im Sommer wohl auch in Kirschen.

Bei geeigneter Pflege gewöhnt sich die Sperbergrasmücke im Bauer ebenso gut und rasch ein wie ihre übrigen deutschen Verwandten, ist auch nicht anspruchsvoller als diese, singt bald fleißig und wird zuletzt sehr zahm.

 

»Der Vogel, der von allen andern der Kanarischen Inseln den schönsten Gesang hat, der Capriote, ist in Europa unbekannt. Er liebt so sehr die Freiheit, daß er sich niemals zähmen läßt. Ich bewunderte seinen weichen, melodischen Schlag in einem Garten bei Orotava, konnte ihn aber nicht nahe genug zu Gesicht bekommen, um zu bestimmen, welcher Gattung er angehörte.« So sagt Alexander von Humboldt, und es sind nach des großen Forschers Besuch auf den Inseln noch Jahre vergangen, bevor wir erfuhren, welchen Vogel er meinte. Jetzt wissen wir, daß der hochgefeierte Capriote, den der Kanarier mit Stolz seine Nachtigall nennt, kein anderer ist als die Mönchsgrasmücke, Mönch, Schwarzplättchen oder Kardinälchen ( Sylvia atricapilla), einer der begabtesten, liebenswürdigsten und gefeiertesten Sänger unserer Wälder und Gärten. Das Gefieder der Oberseite ist grauschwarz, das der Unterseite lichtgrau, das der Kehle weißlichgrau, das des Scheitels beim alten Männchen tiefschwarz, beim Weibchen und jungen Männchen rotbraun gefärbt. Das Auge ist braun, der Schnabel schwarz, der Fuß bleigrau. Die Länge beträgt fünfzehn, die Breite einundzwanzig Zentimeter, die Fittichlänge fünfundsechzig, die Schwanzlänge sechzig Millimeter. Das Weibchen ist ebenso groß wie das Männchen. Der Mönch bewohnt ganz Europa, einschließlich Madeiras, nach Norden hin bis Lappland, Westasien, die Kanarischen Inseln und Azoren. Er trifft bei uns gegen die Mitte des April ein, nimmt in Waldungen, Gärten und Gebüschen seinen Wohnsitz und verläßt uns im September wieder. Soviel mir bekannt, fehlt er keinem Gau unseres Vaterlandes.

»Der Mönch«, sagt mein Vater, der die erste eingehende Schilderung seines Lebens gegeben hat, »ist ein munterer, gewandter und vorsichtiger Vogel. Er ist in steter Bewegung, hüpft unaufhörlich und mit großer Geschicklichkeit in den dichtesten Büschen herum, trägt dabei seinen Leib gewöhnlich wagerecht und die Füße etwas angezogen, legt die Federn fast immer glatt an und hält sich sehr schmuck und schön. Auf die Erde kommt er selten. Sitzt er frei, und nähert man sich ihm, so sucht er sich sogleich in dichten Zweigen zu verbergen oder rettet sich durch die Flucht. Die Jungen sind, auch im Herbste noch, weniger vorsichtig. Sein Flug ist geschwind, fast geradeaus mit starker Schwingenbewegung, geht aber selten weit in einem Zuge fort. Nur nach langer Verfolgung steigt er hoch in die Luft und verläßt den Ort ganz. Zur Brutzeit hat er einen ziemlich großen Bezirk und hält sich zuweilen nicht einmal in diesem. Bei kalter und regnerischer Witterung habe ich die Mönche, die unsere Wälder bewohnen, manchmal nahe bei den Häusern in den Gärten gehört. Sein Lockton ist ein angenehmes ›Tack, tack, tack‹, worauf ein äußerst sanfter Ton folgt, der sich mit Buchstaben nicht bezeichnen läßt. Dieses ›Tack‹ hat mit dem der Nachtigall und der Klappergrasmücke so große Ähnlichkeit, daß es nur der Kenner gehörig zu unterscheiden vermag. Es drückt, verschieden betont, verschiedene Gemütszustände aus und wird deswegen am meisten von den Alten, die ihre Jungen führen, ausgestoßen. Das Männchen hat einen vortrefflichen Gesang, der mit Recht gleich nach dem Schlage der Nachtigall gesetzt wird. Die Reinheit, Stärke und das Flötenartige der Töne entschädigen den Liebhaber hinlänglich für die Kürze der Strophen. Dieser schöne Gesang fängt mit Anbruch des Morgens an und ertönt fast den ganzen Tag.« Hinsichtlich seiner Nahrung unterscheidet er sich nur insofern von andern Grasmücken, als er leidenschaftlich gern Früchte und Beeren frißt und sie auch schon seinen Jungen füttert.

Der Mönch brütet zweimal des Jahres, das erstemal im Mai, das zweitemal im Juli. Das Nest steht stets im dichten Gebüsch, da wo der Schwarzwald vorherrscht, am häufigsten in dichten Fichtenbüschen, da wo es Laubhölzer gibt, hauptsächlich in Dornbüschen verschiedener Art. Es ist verhältnismäßig gut, aber durchaus nach der Art anderer Grasmückennester erbaut. Das Gelege besteht aus vier bis sechs länglichrunden, glattschaligen, glänzenden Eiern von achtzehn Millimeter Länge und vierzehn Millimeter Dicke, die auf fleischfarbenem Grunde mit dunkleren und braunroten Flecken, Schmitzen und Punkten gezeichnet sind. Beide Geschlechter brüten, beide lieben ihre Brut mit gleicher Liebe, und beide betragen sich bei Gefahr wie ihre Verwandten. Kommt durch Zufall die Mutter ums Leben, so übernimmt das Männchen ausschließlich die Aufzucht der Jungen.

Des ausgezeichneten Gesanges wegen wird der Mönch häufiger als alle übrigen Grasmücken im Käfige gehalten. Alle Mönche, selbst die Wildfänge, werden außerordentlich zahm und sind dann ihrem Herrn so zugetan, daß sie ihn oft schon von weitem mit Gesang begrüßen und sich darin, selbst wenn er ihren Käfig umherträgt, nicht stören lassen. »Die Hauptstadt Kanarias«, erzählt Bolle, »erinnert sich noch des Capriote einer früheren Nonne, die täglich, wenn sie dem noch jungen Vögelchen Futter reichte, wiederholt: » mio niño chiceritito« (mein allerliebstes Kindchen) zu ihm sagte, welche Worte dasselbe bald ohne Mühe, laut und tönend, nachsprechen lernte. Das Volk war außer sich ob der wundersamen Erscheinung eines sprechenden Singvogels. Jahrelang machte er das Entzücken der Bevölkerung aus.«

 

Dem Mönch als Sängerin fast ebenbürtig ist die Gartengrasmücke, Grasmücke oder Grashexe ( Sylvia hortensis). Ihre Länge beträgt sechzehn, die Breite fünfundzwanzig, die Fittichlänge acht, die Schwanzlänge sechs Zentimeter. Das Weibchen ist bedeutend kleiner, dem Männchen aber durchaus ähnlich gefärbt. Das Gefieder der Oberseite ist olivengrau, das der Unterseite hellgrau, an der Kehle und am Bauche weißlich; Schwingen und Schwanz sind olivenbraun, außen schmal fahlgrau, erstere innen breiter fahlweißlich gesäumt. Ein das Auge umgebender, sehr schmaler Federkranz ist weiß, das Auge selbst licht graubraun, der Schnabel wie der Fuß schmutzig bleigrau.

Als die Heimat der Gartengrasmücke darf Mitteleuropa angesehen werden. Nach Norden hin verbreitet sie sich bis zum neunundsechzigsten Grade nördlicher Breite; nach Süden hin nimmt sie rasch an Anzahl ab; nach Osten hin überschreitet sie den Ural nicht. In Südfrankreich und in Italien tritt sie häufig auf; in Spanien und Portugal ist sie ebenfalls Brutvogel; Griechenland und Kleinasien dagegen berührt sie nur während ihres Zuges, der sie bis Westafrika führt. Sie trifft bei uns frühestens Ende April oder Anfang Mai ein und verläßt uns im September wieder. Auch sie lebt im Walde, und zwar im Laub- wie im Nadelwalde, bewahrheitet jedoch auch ihren Namen; denn jeder buschreiche Garten, namentlich jeder Obstgarten, weiß sie zu fesseln. Sie treibt sich ebensoviel in niederen Gebüschen wie in den Kronen mittelhoher Bäume umher, wählt aber, wenn sie singen will, gern eine mäßige Höhe.

siehe Bildunterschrift

Gruppe von Sperlingsvögeln:

  1. Blaumerle ( Monticola cyanea)
  2. Blaukehlchen ( Erithacus leucocyaneus)
  3. Sprosser ( Iuscinia philomela)
  4. Waldflüevogel ( Accentor modularis)
  5. Spottdrossel ( Mimus polygIottus)
  6. Heidelerche ( Alauda arborea)
  7. Alpenflüevogel ( Accentor alpinus)

»Sie ist« wie Naumann sagt, »ein einsamer, harmloser Vogel, der sich durch stilles, jedoch tätiges Leben auszeichnet, dabei aber keinen der ihn umgebenden Vögel stört oder anfeindet und selbst gegen die Menschen einiges Zutraun verrät; denn sie ist vorsichtig, aber nicht scheu, und treibt ihr Wesen oft unbekümmert in den Zweigen der Obstbäume, während gerade unter ihr Menschen arbeiten. Sie hüpft wie die andern Grasmücken in sehr gebückter Stellung leicht und schnell durch die Äste hin, aber ebenso schwerfällig, schief und selten auf der Erde wie jene. Da sie mehr auf Bäumen als im Gebüsche lebt, so sieht man sie auch öfters als andere Arten von Baum zu Baum selbst über größere freie Flächen fliegen; sie schnurrt dann schußweise fort, während sie im Wanderfluge eine regelmäßigere Schlangenlinie beschreibt.« Die Lockstimme ist ein schnalzendes »Täck, täck«, der Warnungsruf ein schnarchendes »Rhahr«, der Angstruf ein schwer zu beschreibendes Gequak, der Ausdruck des Wohlbehagens ein sanftes, nur in der Nähe vernehmliches »Biwäwäwü«. Der Gesang gehört zu den besten, die in unsern Wäldern oder Gärten laut werden. »Sobald das Männchen«, fährt Naumann fort, »im Frühling bei uns ankommt, hört man seinen vortrefflichen, aus lauter flötenartigen, sanften, dabei aber doch lauten und sehr abwechselnden Tönen zusammengesetzten Gesang, dessen lange Melodie im mäßigen Tempo und meistens ohne Unterbrechung vorgetragen wird, aus dem Grün der Bäume erschallen, und zwar vom frühen Morgen bis nach Sonnenuntergang, den ganzen Tag über, bis nach Johannistag. Nur in der Zeit, wenn das Männchen brüten hilft, singt es in den Mittagsstunden nicht, sonst zu jeder Tageszeit fast ununterbrochen, bis es Junge hat; dann macht die Sorge für diese öftere Unterbrechungen notwendig. Während des Singens ist es immer in Bewegung, hüpft von Zweig zu Zweig und sucht dabei seine Nahrung. Der Gesang hat die längste Melodie von allen mir bekannten Grasmückengesängen und einige Ähnlichkeit mit dem der Mönchsgrasmücke, noch viel mehr aber mit dem der Sperbergrasmücke, dem er, bis auf einen durchgehends reineren Flötenton, vollkommen gleichen würde, wenn in jenem nicht einige weniger melodische oder unsanftere Stellen vorkämen.« Nach meinen Beobachtungen ist der Gesang je nach Örtlichkeit und Fähigkeit verschieden. Am besten von allen Gartengrasmücken, die ich kennengelernt habe, singen die Ostthüringens. Eine Sperbergrasmücke, die ihnen gleichgekommen wäre, habe ich nie gehört, wohl aber mehr als eine Gartengrasmücke, die mit dem Mönche wetteifern durfte. Eine, die meinem Vater in ergreifender Weise das Grablied sang und länger als zehn Jahre unsern Garten bewohnte, war die ausgezeichnetste Sängerin, der ich je gelauscht, und hat eine Nachkommenschaft hinterlassen, deren Lieder mich noch allsommerlich erquicken und entzücken, obgleich sie das unvergleichliche Vorbild nicht erreichen.

Hinsichtlich der Nahrung stimmt die Gartengrasmücke mit dem Mönche am meisten überein. Das Nest steht bald tief, bald hoch über dem Boden, zuweilen in niedern Büschen, zuweilen auch auf kleinen Bäumchen, bei großer Wohnungsnot sogar, wie Eugen von Homeyer auf Hiddensöe erfuhr und zweifellos feststellte, in Erdlöchern mit engem Eingang. Es ist unter allen Grasmückennestern am leichtfertigsten gebaut und namentlich der Boden zuweilen so dünn, daß man kaum begreift, wie er die Eier festhält. Zudem wird es sorglos zwischen die dünnen Äste hingestellt, so daß es kaum das oftmalige Aus- und Einsteigen des Vogels aushält oder vom Winde umgestürzt wird. Das Gelege ist erst Ende Mai vollzählig. Die fünf bis sechs neunzehn Millimeter langen, vierzehn Millimeter dicken Eier, die es bilden, ändern in Farbe und Zeichnung außerordentlich ab, sind aber gewöhnlich auf trüb rötlichweißem Grunde mattbraun und aschgrau gefleckt und gemarmelt. Beide Geschlechter brüten, das Männchen aber nur in den Mittagsstunden. Nach vierzehntägiger Bebrütung schlüpfen die Jungen aus, nach weiteren vierzehn Tagen sind sie bereits so weit entwickelt, daß sie das Nest augenblicklich verlassen, wenn ein Feind ihnen sich nähert. Allerdings können sie dann noch nicht fliegen, huschen und klettern aber mit so viel Behendigkeit durchs Gezweige, daß sie dem Auge des Menschen bald entschwinden. Die Eltern benehmen sich angesichts drohender Gefahr wie andere Mitglieder ihrer Familie, am ängstlichsten dann, wenn die Jungen in ihrem kindischen Eifer sich selbst zu retten suchen. Ungestört brütet das Pärchen nur einmal im Jahre.

Des ausgezeichneten Gesanges wegen wird die Gartengrasmücke häufig im Käfige gehalten, eignet sich hierzu ebensogut wie irgendeine andere Art ihres Geschlechtes, wird leicht sehr zahm, singt fleißig und dauert bei guter Pflege zehn bis fünfzehn Jahre in Gefangenschaft aus.

siehe Bildunterschrift

Zaungrasmücke ( Sylvia curruca )

Die allbekannte Zaun- oder Klappergrasmücke, das Müllerchen ( Sylvia curruca), ist der Gartengrasmücke nicht unähnlich gefärbt, aber bedeutend kleiner; ihre Länge beträgt nur vierzehn, die Breite höchstens einundzwanzig Zentimeter; der Fittich mißt fünfundsechzig, der Schwanz achtundfünfzig Millimeter. Das Gefieder ist auf dem Oberkopfe aschgrau, auf dem Rücken bräunlichgrau, auf dem Zügel grauschwärzlich, auf der Unterseite weiß, an den Brustseiten gelbrötlich überflogen; die olivenbraunen Flügel- und Schwanzfedern sind außen schmal fahlbraun, erstere auch innen, und zwar weißlich gesäumt; die äußerste Schwanzfeder jederseits ist außen, ihre Endhälfte auch innen weiß. Das Auge ist braun, der Schnabel dunkel-, der Fuß blaugrau.

Das Verbreitungsgebiet des Müllerchens erstreckt sich über das ganze gemäßigte Europa und Asien, nach Norden hin bis Lappland, nach Osten hin bis China, nach Süden hin bis Griechenland, das Wandergebiet bis Mittelafrika und Indien. Die Zaungrasmücke trifft bei uns erst Anfang Mai ein und verläßt uns schon im September wieder. Während ihres kurzen Sommerlebens in der Heimat siedelt sie sich vorzugsweise in Gärten, Gebüschen und Hecken an, neben den Ortschaften wie zwischen den Wohnungen derselben, selbst sogar inmitten größerer Städte. Doch fehlt sie auch dem Walde nicht gänzlich, bewohnt mindestens dessen Ränder und Blößen.

»Sie ist«, wie Naumann schildert, »ein außerordentlich munterer und anmutiger Vogel, der fast niemals an einer Stelle verweilt, sondern immer in Bewegung ist, sich gern mit andern Vögeln neckt und mit seinesgleichen herumjagt, dabei die Gegenwart des Menschen nicht achtet und ungescheut vor ihm sein Wesen treibt. Nur bei rauher oder nasser Witterung sträubt sie zuweilen ihr Gefieder; sonst sieht sie immer glatt und schlank aus, schlüpft und hüpft behend von Zweig zu Zweig und entschwindet so schnell dem sie verfolgenden Auge des Beobachters. So leicht und schnell sie durchs Gebüsch hüpft, so schwerfällig geschieht dies auf dem Erdboden, und sie kommt deshalb auch nur selten zu ihm herab.« Ihr Flug ist leicht und schnell, wenn es gilt, größere Strecken zu durchmessen, sonst jedoch flatternd und unsicher. Die Lockstimme ist ein schnalzender oder schmatzender, der Angstruf ein quakender Ton. Der Gesang, den das Männchen sehr fleißig hören läßt, »besteht aus einem langen Piano aus allerlei abwechselnd zwitschernden und leise pfeifenden, mitunter schirkenden Tönen, denen als Schluß ein kürzeres Forte angehängt wird«: ein klingendes oder klapperndes Trillern, das das Lied vor dem aller andern Grasmücken kennzeichnet.

Die Nahrung ist im wesentlichen dieselbe, die die Verwandten genießen. Das Nest steht in dichtem Gebüsche, niedrig über dem Boden, im Walde vorzugsweise in Schwarz- und Weißdorngebüschen, auf Feldern in Dornhecken, im Garten hauptsächlich in Stachelbeerbüschen, ist überaus leicht gebaut, einfach auf die Zweige gestellt, ohne mit ihnen verbunden zu sein, und ähnelt im übrigen den Nestern der Verwandten. Das Gelege besteht aus vier bis sechs sechzehn Millimeter langen, zwölf Millimeter dicken, zartschaligen Eiern, die besonders am dickeren Ende auf reinweißem oder bläulichgrünem Grunde mit asch- oder violettgrauen, gelbbraunen Flecken und Punkten bestreut sind. Beide Eltern brüten wechselweise, zeitigen die Eier innerhalb dreizehn Tage, lieben ihre Brut mit derselben Zärtlichkeit wie andere Grasmücken, brauchen auch dieselben Künste der Verstellung, wenn ihnen Gefahr droht, und verfolgen noch außerdem den sich nähernden Feind mit ängstlichem Geschrei. Im allgemeinen sind die Zaungrasmücken während ihrer Fortpflanzungszeit äußerst mißtrauisch, lassen ein bereits angefangenes Nest oft liegen, wenn sie erfahren haben, daß es von einem Menschen auch nur gesehen, und verlassen das Gelege, sobald sie bemerken, daß dasselbe berührt wurde; diejenigen aber, die von dem Wohlwollen ihrer Gastfreunde sich überzeugt haben, verlieren nach und nach ihr Mißtrauen und gestatten, daß man sie, wenn man sich vorsichtig dem Neste naht, während ihres Brutgeschäftes beobachtet. Die Jungen lassen sie nie im Stich; auch die ihnen untergeschobenen jungen Kuckucke, bei denen sie sehr häufig Pflegeelternstelle vertreten müssen, ziehen sie mit Aufopferung groß.

Wie die meisten Grasmücken läßt sich das Müllerchen leicht berücken, ohne sonderliche Mühe an ein Ersatzfutter gewöhnen und dann lange Zeit im Käfige halten. Bei guter Behandlung wird es sehr zahm und erwirbt sich dadurch ebenfalls die Gunst des Liebhabers.

 

Die Dorngrasmücke oder das Weißkehlchen ( Sylvia cinerea), die letzte Art ihrer Sippe, die in Deutschland brütet, zeichnet sich durch Schlankheit aus. Ihre Länge beträgt fünfzehn, die Breite zweiundzwanzig, die Fittich- wie die Schwanzlänge sieben Zentimeter. Die Oberteile sind rötlich erdbraun, Oberkopf, Hinterhals und Ohrgegend braungrau, Kinn, Kehle und Unterbacken weiß, die übrigen Unterteile zart fleischrötlich. Die Iris und der Schnabel sind braun, der Fuß gelb. Beim Weibchen sind Oberkopf und Hinterhals erdfahl, die Unterteile weiß und die braunen Außensäume der Armschwingen schmaler und blasser.

Unter allen Verwandten dringt die Dorngrasmücke am weitesten nach Norden vor, da sie noch im nördlichen Skandinavien gefunden wird; nach Osten hin dehnt sich ihr Verbreitungsgebiet bis Westasien; im Winter wandert sie bis Mittelafrika, besucht auch um diese Zeit die Kanarischen Inseln. Bei uns zu Lande bevorzugt sie niedere Dorngebüsche jedem andern Bestande. Den Wald meidet sie; auch in Gärten nimmt sie ihren Aufenthalt nicht, obwohl sie einzelne höhere Bäume in ihrem Gebiete wohl leiden mag, um in den niederen Ästen der Krone zu singen oder während der Paarungszeit aus der Höhe, zu der sie fliegend sich erhob, auf jene sich herabzulassen. Sie trifft spät, selten vor Ende April, meist erst Anfang Mai bei uns ein, bezieht sofort ihr Brutgebiet und verweilt auf ihm bis zum August, beginnt dann zu streichen und verläßt uns im September, spätestens im Oktober wieder.

»Sie ist«, sagt mein Vater, »ein äußerst lebhafter, rascher und gewandter Vogel, ruht keinen Augenblick, sondern hüpft unaufhörlich in den Gebüschen herum und durchkriecht vermöge ihres schlanken Leibes mit ungemeiner Geschicklichkeit auch die dichtesten, durchsucht alles und kommt sehr oft lange Zeit nicht zum Vorschein. Dann aber hüpft sie wieder herauf, setzt sich auf die Spitze eines vorstehenden Zweiges, sieht sich um und verbirgt sich von neuem. Dies geht den ganzen Tag ununterbrochen so fort. Ihr Flug ist geschwind, mit starkem Schwingenschlage, geht aber gewöhnlich tief über dem Boden dahin und nur kurze Strecken in einem fort. Ihr Lockton lautet ›Gät gät scheh scheh‹ und drückt verschiedene Gemütszustände aus. Das Männchen hat einen zwar mannigfachen, aber wenig klangvollen Gesang, der aus vielen abgebrochenen Tönen zusammengesetzt ist und an Anmut und Schönheit dem der meisten deutschen Sänger sehr nachsteht; er dient aber doch dazu, eine Gegend zu beleben, und bringt in die flötenden Gesänge der Gartengrasmücke, des Weidenlaubsängers und anderer eine angenehme Mannigfaltigkeit. Die Dorngrasmücke läßt ihren Gesang nicht bloß im Sitzen und Hüpfen, sondern auch im Fluge hören. Sie kommt nämlich singend auf die höchste Spitze eines Busches herauf, steigt flatternd fünfzehn bis dreißig Meter in die Höhe und stürzt sich, immer singend, entweder flatternd in schiefer, oder mit angezogenen Schwingen fast in senkrechter Richtung wieder herab.« Hierdurch macht sie sich dem kundigen Beobachter schon von weitem kenntlich. Vor dem Menschen nimmt sie sich wohl in acht. Bei uns ist sie zwar nicht gerade scheu, aber doch vorsichtig genug. »Merkt sie, daß man sie verfolgt, dann verbirgt sie sich sorgfältig in dichtem Gesträuch oder hohem Grase, daß man ihr oft lange vergeblich nachjagen muß«; sie sucht sich, wie Naumann bemerkt, »durch das Gebüsch fortzuschleichen«. Äußerst angenehm ist die Heiterkeit dieses Vogels. Dasselbe Betragen behält sie nach meinen Beobachtungen auch auf ihrer Wanderung bei. Sie ist überall dieselbe, überall gleich aufmerksam, überall gleich mißtrauisch und überall gleich listig.

Bald nach ihrer Ankunft in Deutschland macht die Dorngrasmücke Anstalt zu ihrer Brut. Sie baut in dichte Büsche, Ried und langes Gras, selten mehr als einen Meter über dem Boden, oft so niedrig, daß der Unterbau des Nestes die Erde berührt. Die wie gewöhnlich aus Halmen zusammengesetzte dünne Wandung wird oft mit Schafwolle gemischt, die innere Ausfütterung aus den Spitzen der Grashalme hergestellt. Schon in der zweiten Hälfte des April enthält das Nest das volle Gelege, vier bis sechs, in Größe, Gestalt und Färbung außerordentlich abändernde Eier, die durchschnittlich siebzehn Millimeter lang, dreizehn Millimeter dick, auf elfenbeinweißem, gelbem, grauem oder grünlich gelbgrauem, auch wohl grünlichweißem und bläulichweißem Grunde deutlicher oder undeutlicher mit aschgrauen, schieferfarbigen, ölbraunen, gelbgrünen usw. Punkten und Flecken gewässert, gemarmelt, gepunktet und sonstwie gezeichnet sind. Die Eltern betragen sich beim Neste wie andere Grasmücken auch. Die zweite Brut folgt unmittelbar auf die erste.

Im Käfig wird die Dorngrasmücke seltener gehalten als ihre Verwandten. Ihr Gesang gefällt nicht jedem Liebhaber, verdient aber die allgemeine Mißachtung der Pfleger nicht, der Vogel daher mehr Beachtung, als ihm bisher zuteil geworden ist.

*

Die Laubsänger ( Phylloscopinae) bilden eine zweite, fast über die ganze Erde verbreitete Unterfamilie und kennzeichnen sich durch schlanken Bau, pfriemenförmigen, an der Wurzel abgeplatteten Schnabel, schwachen Fuß, mittellangen Flügel, meist etwas ausgeschnittenen Schwanz und blattfarbiges Gefieder. Die Wipfel der Bäume sind ihr Wohn- und Jagdgebiet. Wie die Grasmücken sind auch sie rege, lebhaft, gewandt und sangeskundig, aber doch nicht so vorzügliche Sänger wie jene. Ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Gruppen ist im Nestbaue zu finden; denn die Laubsänger errichten stets mehr oder weniger künstliche Gebäude.

Obenan stellen wir die Gartenfänger oder Bastardnachtigallen ( Hypolais), über das nördlich altweltliche, indische und äthiopische Gebiet verbreitete, verhältnismäßig große Laubsänger, mit großem, starkem und breitem, an den Schneiden scharfem, jedoch kaum eingezogenem Schnabel, kräftigen Füßen, mäßig langen Flügeln und mittellangem oder kurzem, seicht ausgeschnittenem Schwanze.

siehe Bildunterschrift

Gartenlaubvogel ( Hypolais icterina)

Der Gartensänger, auch Gartenlaubvogel und Bastardnachtigall genannt ( Hypolais icterina), ist auf der Oberseite olivengrüngrau, auf dem Zügel und der unteren Seite blaß schwefelgelb, in der Ohrgegend, auf den Hals- und Körperseiten schwach ölgrau verwaschen; die Schwingen sind olivenbraun, auf der Außenfahne grünlich, innen breit fahlweiß gesäumt, die Schwanzfedern lichter als die Schwingen, außen wie diese gesäumt. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel graubraun, an der Wurzel der Unterkinnlade rötlichgelb, der Fuß lichtblau. Die Länge beträgt einhundertfünfundvierzig, die Breite zweihundertfünfzig, die Fittichlänge neunzig, die Schwanzlänge dreiundfünfzig Millimeter. Als Vaterland des Gartensängers müssen wir Mitteleuropa ansehen. Von hier aus verbreitet er sich nördlich bis Skandinavien, während er im Süden des Erdteiles durch Verwandte vertreten wird, so in Südeuropa, von Portugal an bis Dalmatien, wie in Nordwestafrika durch den etwas kleineren und lebhafter gefärbten Sprachmeister ( Hypolais polyglotta).

Unter seinen Verwandten ist der Gartensänger der weichlichste und zarteste. Er erscheint bei uns zulande erst, wenn alle Bäume sich belaubt haben, niemals vor Ende des April, und verweilt in Deutschland höchstens bis zu Ende des August. Den Winter verbringt er in Afrika. Er wohnt gern in unmittelbarer Nähe des Menschen, bevorzugt Gärten und Obstpflanzungen dem Walde, bevölkert mehr die Ränder als die Mitte desselben, fehlt im Nadelwalde gänzlich und steigt auch im Gebirge nicht hoch empor. Gärten mit Hecken und Gebüschen, in denen Holunder-, Flieder-, Hartriegel- und ähnliche Gesträuche dichte und nicht allzu niedrige Bestände bilden, oder Obstpflanzungen, die von Hecken eingefaßt werden, beherbergen ihn regelmäßig.

Sein Gebiet wählt er mit Sorgfalt aus; hat er aber einmal von ihm Besitz genommen, so hält er mit Hartnäckigkeit an ihm fest und kehrt alle Sommer zu ihm zurück, solange er lebt. Wir haben einen, den wir seines wenig ausgezeichneten Gesanges halber »den Stümper« nannten, sieben Jahre nacheinander in einem und demselben Garten beobachtet. Im Laufe des Tages ist er bald hier bald dort, solange ihn nicht die Sorge um das brütende Weibchen oder um die Brut selbst an eine bestimmte Stelle fesselt. Gewöhnlich hüpft er in dichten Bäumen umher, immer möglichst verborgen, und es kann geschehen, daß man viele Minuten lang ihn vergeblich mit dem Auge sucht, trotzdem er sich beständig hören läßt. Gewisse Bäume, gewöhnlich die höchsten und belaubtesten seines Wohnraumes, werden zu Lieblingsplätzen; sie besucht er täglich mehrere Male, und auf ihnen verweilt er am längsten. Im Sitzen trägt er die Brust aufgerichtet; wenn er etwas Auffälliges bemerkt, sträubt er die Scheitelfedern; im Hüpfen hält er sich wagerecht und streckt dabei den Hals vor. Der Flug ist rasch, gewandt und jäher Wendungen fähig. Auf den Boden herab kommt der Gartensänger selten. Nur während des Singens verweilt er längere Zeit an einer und derselben Stelle; sonst ist er, sozusagen, beständig auf der Wanderung begriffen. Die Lockstimme ist ein sanftes »Teck teck«, dem ein wohllautendes »Terüt« angehängt wird, wenn besonderes Verlangen, Eifersucht oder Zorn, auch wohl drohende Gefahr ausgedrückt werden sollen; seinen Ärger oder vielleicht auch seine Kampfeslust pflegt er durch die Silben »Hettettett« kundzugeben. Der Gesang spricht nicht jedermann an und wird deshalb verschieden beurteilt; auch singt keineswegs ein Gartensänger wie der andere; dieser ist vielleicht ein ausgezeichneter Spötter, der die verschiedensten Laute der umwohnenden Vögel in seine Weise mischt, jener nur ein erbärmlicher Stümper, der bloß wenige wohllautende Töne vorträgt und die minder angenehmen gewissermaßen zur Hauptsache macht. Ich muß sagen, daß ich den Gesang ansprechend finde und die abgebrochenen und schwatzenden Laute über die herrlich flötenden vergesse. Er singt von der Morgendämmerung an bis gegen Mittag hin und abends bis zu Sonnenuntergang, am eifrigsten selbstverständlich, während das Weibchen brütet oder wenn ein Nebenbuhler zum Kampf auffordert.

Die Hauptnahrung besteht aus Käferchen und andern kleinen fliegenden Kerbtieren, die von den Blättern abgelesen oder aus der Luft weggefangen werden. Deshalb sieht man ihn auch häufig in den Baumkronen umherflattern oder selbst über die schützenden Zweige hinausflattern. Wenn die Kirschen reif werden, besucht er die fruchtbeladenen Bäume und erlabt sich an dem weichen Fleische der süßen Früchte; wenn es Johannisbeeren gibt, erhebt er sich von ihnen seinen Zoll: irgendwie nennenswerten Schaden richtet er hierdurch aber nicht an.

Ungestört brütet er nur einmal im Jahre, und zwar zu Ende des Mai oder zu Anfang des Juni. Das Nest steht regelmäßig in dem dichtesten Busche seines Gebietes, am liebsten in Flieder-, Hasel-, Hartriegel-, Faulbaum-, selten oder nie in Dornen tragenden Büschen, nicht gerade verborgen, aber doch immer durch das Laub verdeckt und geschützt. Es ist ein sehr zierlicher, beutelförmiger Bau, dessen Außenwandung aus dürrem Grase und Queggenblättern, Bastfasern, Pflanzen- und Tierwolle, Birkenschalen, Raupengespinst, Papier und ähnlichen Stoffen äußerst kunstreich und dauerhaft zusammengefilzt, und dessen Inneres mit einigen Federn ausgepolstert und mit zarten Grashalmen und Pferdehaaren ausgelegt wird. Die vier bis sechs länglichen, siebzehn Millimeter langen, dreizehn Millimeter dicken Eier sind auf rosenrotem oder rosenrot-ölgrauem Grunde mit schwärzlichen oder rotbraunen Punkten und Äderchen gezeichnet. Männchen und Weibchen bebrüten sie wechselweise, zeitigen sie innerhalb dreizehn Tagen und füttern die ausgeschlüpften Jungen mit allerlei kleinen Kerbtieren auf.

Der Gartensänger zählt zu den hinfälligsten Stubenvögeln, verlangt die sorgsamste Pflege und ausgewählte Nahrung, hält aber trotzdem, zum Kummer aller Liebhaber, selten längere Zeit im Käfige aus.

*

Die nächsten Verwandten der Bastardnachtigallen sind die Laubsänger ( Phyllopneuste), kleine Arten mit schwachem, an der Wurzel etwas verbreitertem, übrigens pfriemenförmigem, vorn zusammengedrücktem Schnabel, mittellangen, schwachen, kurzzehigen Füßen, ziemlich langen Flügeln, mäßig langem, gerade abgeschnittenem oder schwach ausgekerbtem Schwanze und lockerem, bei beiden Geschlechtern fast im ganzen sehr übereinstimmend gefärbtem Kleide. Innerhalb der Grenzen unseres Vaterlandes wohnen vier Arten, deren Lebensweise in allen Hauptzügen so übereinstimmt, daß ich sie gemeinschaftlich abhandeln darf.

Die schönste und größte Art ist der Waldlaubsänger ( Phyllopneuste sibilatrix). Die Länge beträgt einhundertsiebenunddreißig, die Breite zweihundertfünfundzwanzig, die Fittichlänge siebenundsiebzig, die Schwanzlänge sechsundfünfzig Millimeter. Die Oberteile sind hell olivengrün, ein bis auf die Schläfen reichender Augenstreifen, Kopfseiten, Kinn und Kehle, Kropf und untere Flügeldecken blaßgelb, die übrigen Unterteile weiß, die Seiten olivenfarb verwaschen, die Schwingen und Schwanzfedern olivenbraun, außen schmal grün, innen breiter weißlich gerandet, die Schwanzfedern am Ende licht, die Schwingen außen grüngelb gesäumt. Der Augenring ist dunkelbraun, der Oberschnabel braun, unterseits fleischbräunlich, der Fuß braun, an den Schilderrändern gelblich. Das Verbreitungsgebiet umfaßt vom mittleren Schweden an ganz Mitteleuropa und ebenso Westasien; auf dem Winterzuge besucht der Vogel Nordafrika bis Habesch.

Die fast allerorten in Deutschland häufigere und gemeinste Art der Sippe ist der Fitislaubsänger ( Phyllopneuste trochilus). Die Länge beträgt einhundertundzwanzig, die Breite einhundertfünfundachtzig, die Fittichlänge zweiundsechzig, die Schwanzlänge fünfzig Millimeter. Die Oberteile sind olivenbraungrün, deren Färbung auf dem Bürzel in das Grüne übergeht, die Unterteile blaßgelb, auf Kehle und Kropf am lebhaftesten, Ohrgegend, Hals- und Körperseiten olivengelbbräunlich, Unterbrust und Bauch weiß, die Federn hier mit schmalen, verwaschenen, blaßgelben Säumen, ein Augenstreif blaßgelb, ein Zügelstreif bräunlich, die Schwingen und Schwanzfedern olivenbraun, außen schmal bräunlichgrün, erstere innen breiter weißlich gesäumt. Der Augenring ist dunkelbraun, der Schnabel schwarzbraun, an der Wurzel des Unterschnabels gelb, der Fuß gelbbräunlich. Vom mittleren Schweden und Schottland an verbreitet sich der Fitis über ganz Europa und den größten Teil Asiens und wird im Winter ebenso in Indien wie in fast ganz Afrika angetroffen.

siehe Bildunterschrift

Fitislaubvogel ( Phylloscopus trochilus)

In einzelnen Teilen unseres Vaterlandes tritt der Weidenlaubsänger, auch Zilpzalp genannt ( Phyllopneuste collybita), häufiger auf als der Fitis. Seine Länge beträgt einhundertundzehn, seine Breite einhundertundachtzig, die Fittichlänge sechzig, die Schwanzlänge sechsundvierzig Millimeter. Die Oberteile sind lebhaft olivengrünlichbraun, Kopf, Hals- und Körperseiten olivengelblichbraun, Kehle und Kropf blasser, die Federn hier einzeln seitlich verwaschen, blaßgelb gesäumt, Unterbrust und Bauch weiß, ein schmaler Augenstreif blaßgelb, ein undeutlicher Zügelstrich braun, die unteren Flügeldecken gelb, die Schwingen und Schwanzfedern olivenbraun, außen schmal grünbräunlich, erstere auch innen breiter fahlweißlich gesäumt. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel hornbraun, an der Wurzel des Unterschnabels gelblich, der Fuß graulichbraun. Auch der Weidenlaubvogel dringt bis nach Nordschweden und Westasien vor, ebenso wie er im Winter seine Reise bis Mittelafrika ausdehnt.

Im Nordosten Europas, insbesondere im nördlichen Ural, vertritt ihn der Trauerlaubsänger ( Phyllopneuste tristis), der sich durch matt olivenbraune Oberseite und roströtlichfahle Augenstreifen, Kopf- und Körperseiten, Kehle und Kropf unterscheidet.

Der Berglaubsänger endlich ( Phyllopneuste bonellii) ist ebenso groß wie der Fitis, oberseits düster olivenbraun, schwach grünlichgelb angeflogen, auf dem Bürzel lebhaft olivengelb, ein Augenstrich und der Zügel weißlich, ein kürzerer Strich hinter den Augen dunkel, die Ohrgegend fahlrostbräunlich, die Unterseite weißlich, seitlich schwach rostfahl verwaschen, das untere Flügeldeckgefieder schwefelgelb; die Schwingen und Schwanzfedern sind olivenbraun, außen schmal olivengrün, innen weißlich, die Armschwingen breiter olivengelb gesäumt, die oberen braunen Flügeldecken am Ende olivengrünlich gerandet. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel hornbraun, an den Schneiden und an der Wurzel des Unterschnabels horngelb, der Fuß braun. Das Vaterland dieser Art ist der Süden Europas, aber schon von Süddeutschland an, das westliche Asien und Nordafrika. Auf dem Winterzuge besucht der Vogel Südnubien und den Senegal.

Außer den genannten wurde auf Helgoland auch noch eine asiatische Art der Sippe, der Wanderlaubvogel ( Phyllopneuste magnirostris), erbeutet. Das Gefieder dieser Art ist oberseits düster olivengrün, der Augenstreif wie Backen und Ohrgegend gelblichweiß, letztere undeutlich dunkler gestrichelt, unterseits weiß, schwachgelblich angeflogen, auf den Hals- und Körperseiten bräunlichgrau verwaschen, das untere Flügeldeckgefieder gelblichweiß; die dunkelbraunen Schwingen und Schwanzfedern zeigen schmale, olivengrünliche Außen-, die ersteren breitere fahlweiße Innensäume, die ersten Decken der Armschwingen fahlgrüne Endränder, wodurch ein undeutlicher Spiegel entsteht.

Unter unseren deutschen Laubvögeln trifft zuerst, meist schon um die Mitte des März, der Weidenlaubsänger, später, gegen Ende des März, der Fitislaubsänger und in der letzten Hälfte des April endlich der Waldlaubsänger ein, dieser, um bis zum August in unsern Wäldern zu verweilen, wogegen der Fitislaubsänger nicht vor Ende des September und der Weidenlaubsänger erst im Oktober von uns wegzieht. Der Berglaubsänger, ein Alpenvogel, der innerhalb der Grenzen unseres Vaterlandes nur Schwaben und Bayern bewohnt, erscheint noch später als seine Verwandten und verläßt sein Brutgebiet bereits im August wieder. In Deutschland lebt der Waldlaubsänger wohl in jeder Provinz, nicht aber in jeder Gegend; denn sein Wohnbaum ist die Buche, und er findet sich ausschließlich da, wo sie vorkommt und zusammenhängende Bestände bildet, ungemein häufig; da, wo sie im Nadelwalde eingesprengt ist, seltener, unter Umständen auf eine einzige Buche sich beschränkend. Diesem Baume zu Gefallen steigt er bis zur oberen Waldgrenze empor, wie er überhaupt im Gebirge lieber zu wohnen scheint als in der Ebene. Der Fitis beschränkt seinen Aufenthalt nicht in dieser Weise, tritt vielmehr buchstäblich allerorten auf, wo er Unterkunft und Unterhalt zu finden glaubt, obwohl er gewisse Waldungen, namentlich gemischte mit viel Unterholz, andern bevorzugt. In ähnlicher Weise verbreitet sich auch der Weidenlaubsänger, obschon er seinen Namen nicht umsonst trägt. In manchen Gegenden wohnen beide Arten friedfertig nebeneinander, hier tritt der eine, dort der andere häufiger auf. Der Berglaubvogel endlich wählt am liebsten südlich oder östlich gelegene, mit Lärchen und dichtem Unterholze bewachsene, hier und da durch Blößen unterbrochene Gehänge des Gebirges zu seinen Wohnsitzen, ohne deshalb Laubwaldungen mit Unterholz und dichter Pflanzendecke zu meiden. Für den Waldlaubvogel bilden die unteren Äste hoher Buchen die beliebtesten Sitz- und Ruheorte, wogegen der Weidenlaubsänger die äußerste Wipfelspitze aufzusuchen pflegt und der Fitis zwischen hoch und niedrig kaum einen Unterschied macht. Jedes Pärchen grenzt sich auf der erwählten Örtlichkeit sein Brutgebiet ab, duldet innerhalb desselben kein anderes der gleichen Art, neckt und verfolgt auch alle übrigen kleinen Vögel, die sich ihm allzu nah aufdrängen, und trägt dadurch, wie durch die ihm eigene Unruhe und den zwar einfachen, aber doch nicht unangenehmen Gesang wesentlich zur Belebung der Wälder bei.

Wie die Grasmücken sind auch die Laubsänger fast ununterbrachen in Bewegung, bald geschickt durch Zweige schlüpfend, bald einer Zweigspitze zufliegend und flatternd vor derselben sich erhaltend, um ein Kerbtier wegzunehmen, bald singend einem andern Baume zustrebend. Selbst wenn sie wirklich einmal auf einer Stelle sitzen, wippen sie wenigstens noch mit dem Schwanze. Ihr Flug ist flatternd und etwas unsicher, wie Naumann sich ausdrückt, hüpfend; auch beim Durchmessen weiterer Strecken beschreiben sie eine unregelmäßige, aus längeren und kürzeren Bogen zusammengesetzte Schlangenlinie. Nicht umsonst heißt der Waldlaubvogel auch der schwirrende; denn die Hauptstrophe seines Liedes ist in der Tat kaum mehr als ein Schwirren, das man durch die Laute »Sisisisisirrrrrirrirr« ungefähr versinnlichen kann. Bei Beginn der Strophe, die anscheinend mit größter Anstrengung hervorgestoßen wird, pflegt sich der Vogel von seinem Sitze herabzuwerfen und, mit den Flügeln zitternd oder schwebend, einem andern Aste zuzuwenden, immer aber einem solchen, den er mit Beendigung der Strophe zu erreichen vermag, worauf er dann noch zwei- oder dreimal die äußerst zartklingende Silbe »Hoid« verlauten läßt. Der Gesang des Fitis besteht nur aus einer Reihe sanfter Töne, die wie »Hüid, hüid, hoid, hoid, hoid, hoid« klingen; aber das Schmelzende und Flötenartige, das Steigen und die Weichheit der Laute gibt ihm, wie mein Vater sagt, etwas Eigenes und Ansprechendes, daß er dem Schlage vieler Vögel vorzuziehen ist. Das Lied des Weidenlaubvogels dagegen beginnt mit den Silben »Trip, trip, trip, het«, worauf die lauteren »Dillr, dellr, dillr, dellr« folgen; der Gesang des Berglaubsängers endlich klingt, laut Landbeck, wie »Se-e-e-e-trrre-e-e, da, da da, uit, uit, uit«. Alle Arten singen, solange die Brutzeit währt, außerordentlich eifrig, blähen daher die Kehle auf, sträuben die Scheitelfedern, lassen die Flügel hängen, zittern vielleicht auch mit ihnen, beginnen schon am frühesten Morgen und enden erst nach Sonnenuntergang.

Alle Laubsänger bauen mehr oder weniger künstliche, backofenförmige Nester auf oder unmittelbar über dem Boden. Die Nester des Waldlaubsängers, Fitis und Berglaubvogels stehen stets auf letzterem, die des Weidenlaubsängers in der Regel ebenfalls, zuweilen aber auch einen halben bis einen Meter hoch in Sträuchern, da, wo das Unterholz aus Wacholder besteht, fast stets in diesem. Der Waldlaubsänger wählt zu seinem Nistplatze den unteren Teil eines alten Stockes, den Fuß eines großen oder kleinen Baumstammes, der von Heidekraut, Heidel- oder Preißelbeeren, Moos und Gras dicht umgeben ist, errichtet hier aus starken Grashalmen, feinen Holzspänen, Moosstengeln, Kieferschalen, Splittern und ähnlichen Stoffen den äußerlich ungefähr dreizehn Zentimeter im Durchmesser haltenden Kuppelbau mit vier Zentimeter weitem Eingangsloche und kleidet das Innere mit feineren Grashalmen äußerst sauber aus, wogegen Fitis und Weidenlaubsänger den Bau aus Gras, Blättern und Halmen herstellen, mit Moos und Laub umkleiden, innen aber mit Federn, namentlich Rebhuhnfedern, ausfüttern, und der Berglaubvogel endlich, der das größte Nest unter allen Verwandten zu bauen scheint, Wurzeln, Gras, dürre Ästchen zum Außenbau, feiner gewählte Stoffe derselben Art zum Innenbau und zuweilen noch Tierhaare zur Auskleidung der Mulde verwendet. Um den großen Bau zustandezubringen, beginnen die weiblichen Laubsänger, wie mein Vater vom Fitis beobachtete, damit, die Vertiefung auszuhöhlen, in der das Nest steht, ziehen, oft mit großer Anstrengung, die Gras- und Moosstengel aus und bearbeiten die Stelle mit dem Schnabel so lange, bis sie den Grund halbkugelförmig ausgegraben haben. Nunmehr erst gehen sie zum Herbeitragen und Ordnen der Niststoffe über, betätigen hierbei aber, obgleich sie nur in den Morgenstunden daran arbeiten, so viel Fleiß und Eifer, daß das Ganze binnen wenigen Tagen vollendet ist. Während der Arbeit suchen sie sich und das Nest sorgfältig zu verbergen, rupfen fern von jenem Moos und Gras aus, fliegen damit auf hohe, nahe beim Neste stehende Bäume und kommen erst von letzteren zur Niststelle herab. Der Waldlaubsänger brütet nur einmal im Jahre, und zwar zu Ende des Mai oder im Anfang des Juni, der Fitis früher, meist schon in der ersten Hälfte des März, der Weidenlaubsänger ungefähr um dieselbe Zeit, der Berglaubsänger dagegen, der Lage seiner Wohnsitze entsprechend, kaum vor den letzten Tagen der ersten Hälfte des Juni. Das Gelege zählt bei den erstgenannten fünf bis sechs, beim Fitis fünf bis sieben, beim Weidenlaubsänger fünf bis acht, beim Berglaubsänger endlich vier bis fünf Eier, die durchgängig fünfzehn bis siebzehn Millimeter lang und elf bis dreizehn Millimeter dick, verschiedengestaltig, aber stets dünn- und glattschalig, glänzend und gefleckt sind. Die des Waldlaubsängers zeigen auf weißem Grunde viele rotbraune und verwaschen aschbläuliche, mehr oder minder dicht über die ganze Oberfläche verteilte oder gegen das Ende hin gehäufte, die des Fitislaubsängers in ähnlicher Anordnung auf milchweißem Grunde hellrote oder hell lehmrötliche, auch wohl hell rötlichbraune und verwaschen blaurötliche, die des Weidenlaubsängers auf kreideweißem Grunde rotbraune und braunrote, auch wohl dunkel rotbraune und aschgraue, die des Berglaubsängers endlich auf weißem Grunde bläuliche oder bräunliche, entweder über das ganze Ei verteilte, oder gegen das dicke Ende hin gehäufte, hier auch wohl kranzartig zusammenfließende Punkte und Flecke. Beide Geschlechter brüten abwechselnd, das Männchen jedoch nur während der Mittagstunden, auch nicht so hingebend wie das Weibchen, das sich fast mit Händen greifen oder tatsächlich ertreten läßt, bevor es wegfliegt, und, wenn endlich entschlüpft, in kriechender Weise dicht über dem Boden dahinfliegt, falls aber bereits Junge im Neste liegen, unter allerlei mit kläglichem Schreien begleiteten Listen und Verstellungskünsten flüchtet. Nach höchstens dreizehntägiger Brutzeit entschlüpfen die Jungen; ebenso viele Tage später sind sie erwachsen, noch einige Tage darauf selbständig geworden, und nun entschließen sich Fitis und Weidenlaubsänger auch wohl, zum zweitenmal zu brüten.

Den behaarten und befiederten Räubern, die kleinen Vögeln insgemein nachstellen, gesellen sich als Feinde der Laubsängerbrut Mäuse, Waldspitzmäuse, vielleicht auch Schlangen und Eidechsen; mehr aber als durch alles dieses Gezücht ist sie durch länger anhaltende Platzregen gefährdet. Der Mensch verfolgt die munteren und liebenswürdigen Vögel nur in Welschland, Südfrankreich und Spanien, um auch sie für die Küche zu verwerten. Im Käfig sieht man Laubsänger selten, obwohl sie sich recht gut für die Gefangenschaft eignen, zwar nicht in allen Fällen und ohne ihnen gewidmete Aufmerksamkeit, aber doch unter sorgsamer Pflege an ein Ersatzfutter sich gewöhnen, bald zahm und zutraulich werden und dann alle auf ihre Pflege verwendete Mühe reichlich vergelten.

 

Unbemerkt oder unerkannt durchwandert alljährlich ein dem fernen Ostasien angehöriger Laubsänger unser Vaterland, um viele tausend Kilometer von seiner Heimat, in Westafrika, Herberge für den Winter zu nehmen: der Goldhähnchenlaubsänger ( Phyllopneuste superciliosa). Die Oberseite ist matt olivengrün, die ganze Körperseite vom Kopf an bis zu den Schenkeln zart grünlichgelb, die übrige Unterseite weißgelblich überflogen. Die Ausdehnung des Brutgebietes unseres Goldhähnchenlaubsängers ist zur Zeit noch unbekannt; wir wissen nur, daß er Turkestan, Ostsibirien, China und den Himalaja bewohnt, in einem Höhengürtel zwischen ein- und dritthalbtausend Meter haust und brütet und allwinterlich nach Südindien hinabwandert. Kaum minder regelmäßig, stets aber in ungleich geringerer Anzahl, zieht er auch die westliche Straße, die ihn durch Nord- und Westeuropa führt. Nach mündlicher Mitteilung Gätkes sieht man ihn fast alljährlich auf der kleinen Insel Helgoland, und die Annahme dieses scharfen Beobachters, daß der Vogel unzweifelhaft in jedem Jahre durch Deutschland wandern muß, erscheint vollkommen gerechtfertigt. In der Tat hat man unseren Laubsänger in den verschiedensten Teilen Europas erbeutet, so mehrmals in der Nähe Berlins und in Anhalt, außerdem in England, Holland, bei Wien, Mailand, auch in Palästina beobachtet. Über seine Lebensweise hebt Gätke hervor, daß Wesen und Betragen mit dem Auftreten und Gebaren anderer Laubsänger übereinstimmen.

*

Vielfach hin und her geworfen, haben die Goldhähnchen ( Regulus) endlich in der Unterfamilie der Laubsänger unbestrittene Stellung gefunden. Ihre Merkmale sind: gerader, dünner, nadelspitzer, an der Wurzel etwas breiterer, hochrückiger Schnabel, dessen Oberkiefer vor der abwärts gebogenen Spitze eine seichte Kerbe zeigt, schlanke, hochläufige Füße, kurze, stark gerundete, breite Flügel, mittellanger, etwas ausgeschnittener Schwanz und reiches, aus langen, weitstrahligen Federn bestehendes Gefieder. Kammartige Federchen bedecken die Nasenlöcher, einige schwarze Barthaare stehen am Schnabelwinkel; die Federn der Scheitelmitte sind verlängert und durch lebhafte Färbung ausgezeichnet. Die Sippe verbreitet sich über Europa, Asien und Nordamerika. Mein Vater unterschied zuerst die beiden Arten, die in Europa leben.

siehe Bildunterschrift

Goldhähnchen ( Regulus cristatus)

Das Wintergoldhähnchen oder Safrangoldhähnchen, auch Goldköpfchen, Goldvögelchen genannt ( Regulus cristatus), ist oberseits olivenfahlgrün, auf Schläfen und Halsseiten olivenfahlbräunlich; der Stirnrand und ein Streif über den Augen sind heller, Zügel und Augenkreis weißlich, die Federn des Oberkopfes gelb, die verlängerten des Scheitels lebhaft orange, seitlich durch einen schwarzen Längsstrich begrenzt; die Unterteile sind rostgelblichweiß, an den Seiten rostbräunlich, die Schwingen und Schwanzfedern olivenbraun. Das Auge ist tiefbraun, der Schnabel hornschwarz, der Fuß bräunlich. Die Länge beträgt sechsundneunzig, die Breite einhundertvierundfünfzig, die Fittichlänge achtundvierzig, die Schwanzlänge achtunddreißig Millimeter. Fast über ganz Europa bis zum höchsten Norden und über das nördliche Asien bis in die Amurländer verbreitet, zählt das Goldhähnchen auch in Deutschland zu den in allen Nadelwaldungen, namentlich in Kiefernbeständen vorkommenden Brutvögeln, lebt während des Sommers ebenso in den höheren Gebirgen Südeuropas und besucht während seines Zuges im Herbst auch die dortigen Ebenen, mit Beginn des Frühlings wieder verschwindend.

Das gleich große Sommergoldhähnchen oder Feuerköpfchen ( Regulus ignicapillus) ist oberseits lebhaft olivengrün, seitlich am Halse orangegelb, der Stirnrand rostbräunlich, ein schmales Querband über dem Vorderkopf wie ein breites Längsband über dem weißen Augenstreifen schwarz, ein breites von beiden eingeschlossenes, den Scheitel und Hinterkopf deckendes Feld dunkel orangefarben, die Unterseite gräulichweiß, an Kinn und Kehle rostfahlbräunlich. Außer in Deutschland ist der niedliche Vogel in Frankreich, Italien, Griechenland und Spanien, hier namentlich als Wintergast, aufgefunden worden. Beide Arten haben in ihrem Wesen und Treiben die größte Ähnlichkeit. Die erste ausführliche Beschreibung von ihrem Leben rührt von meinem Vater her.

In Deutschland ist das Wintergoldhähnchen Stand- und Strichvogel. Oft hält es sich das ganze Jahr in dem kleinen Gebiet einer ganzen oder halben Geviertstunde; doch kommen im Oktober viele Vögel dieser Art aus dem Norden an, die in Gärten, Nadel- und Laubhölzern oder in buschreichen Gegenden gesehen werden, zum Teil bei uns überwintern, zum Teil aber auch südlich ziehen, im März und April wieder bei uns durchstreichen und dieselben Orte wie im Herbst besuchen. Das Sommergoldhähnchen dagegen bringt den Winter nicht in Deutschland, sondern in wärmeren Ländern zu und erscheint bei uns in den letzten Tagen des März oder in den ersten des April und verweilt bis zu den letzten Tagen des September oder den ersten des Oktober. Bei der Ankunft streicht es in den Hecken und Büschen umher, eilt aber bald in die Nadelwälder, wo es sich in Fichtenbeständen vereinzelt. Viele ziehen weiter nördlich, viele bleiben bei uns. Sie wandern des Nachts und suchen am Tage ihre Nahrung. Im Sommer leben sie fast immer auf hohen Bäumen und kommen nur selten in Dickichte oder in niederes Stangenholz; im September streichen sie. Beide Goldhähnchen halten sich vorzugsweise in den Nadelwaldungen auf, meist auf den Bäumen, aber auch in niederen Gebüschen, kommen nicht selten selbst zum Boden herab. Jenes bevorzugt die Kiefer, dieses die Fichte jedem andern Baum; beide aber lieben kleinere Bestände von fünfzig bis hundert Hektar mehr als ausgedehnte Waldungen. Ihr Aufenthalt und ihr Streichen im Herbst und Winter richtet sich nach den Umständen. Ist im Winter das Wetter schön, heiter und nicht zu kalt, dann sind sie hoch auf den Nadelbäumen, bei Regen, Wind und Sturm oder sehr strenger Kälte aber kommen sie auf niedrige Gebüsche und auf den Boden herab. Im Winter halten sie sich immer auf denjenigen Stellen des Waldes auf, die von der Sonne beschienen werden.

Auffallend ist die außerordentliche Unruhe der Goldhähnchen. Das Feuerköpfchen hüpft unaufhörlich von einem Zweige zum andern und verhält sich nur selten kurze Zeit ruhig, hängt sich, nach Meisenart, unten an die Zweige, erhält sich flatternd auf einer Stelle, um nach Laubsängerart ein Kerbtier von einer Zweigspitze wegzunehmen, und fliegt leicht und geräuschlos von einem Baum zum andern. Die Brutzeit ausgenommen, findet man es selten allein, gewöhnlich in Gesellschaft seinesgleichen und anderer Vögel. Wir haben beide Arten besonders unter den Hauben- und Tannenmeisen, weniger oft in Gesellschaft von Baumläufern und Kleibern, Sumpf-, Blau- und Kohlmeisen gesehen.

Der Lockton klingt schwach »Si si«, auch »Zit«, und wird von beiden Geschlechtern im Sitzen ausgestoßen. Der Gesang, den man von den Alten im Frühjahr und im Sommer, von den Jungen im August, September und Oktober, selbst von denen, die mitten in der Mauser stehen, vernimmt, fängt mit »Si si« an, wechselt aber dann hauptsächlich in zwei Tönen von ungleicher Höhe ab und hat einen ordentlichen Schluß. An warmen Wintertagen singen die Goldköpfchen herrlich, während der Paarungszeit ungemein eifrig und überraschend laut; während der Nistzeit dagegen sind sie sehr still. Ein eigenes Betragen zeigen sie oft im Herbste, von Anfang September bis Ende November. Eines von ihnen beginnt »Si si« zu schreien, dreht sich herum und flattert mit den Flügeln. Auf dieses Geschrei kommen mehrere herbei, betragen sich ebenso und jagen einander, so daß zwei bis sechs solch außergewöhnliches Spiel treiben. Sie sträuben dabei die Kopffedern ebenso wie bei der Paarung, bei der das Männchen sein Weibchen solange verfolgt, bis es sich seinem Willen fügt. Streben zwei Männchen nach einem Weibchen, dann gibt es heftige Kämpfe. Das Feuerköpfchen ist viel gewandter und unruhiger und in allen seinen Bewegungen rascher, auch ungeselliger als sein Verwandter. Während man letzteren, die Brutzeit ausgenommen, immer in Gesellschaft und in Flügen sieht, lebt dieses einsam oder paarweise. Im Herbste trifft man öfters ein Pärchen. Schießt man eins davon, dann gebärdet sich das andere sehr kläglich, schreit unaufhörlich und kann sich lange Zeit nicht zum Weiterfliegen entschließen. Auch der Lockton unseres Vogels ist ganz anders als der seines Sippenverwandten, denn das »Si si si« ist viel stärker und wird anders betont, so daß man beide Arten sogar am Locktone unterscheiden kann, obgleich man nicht imstande ist, die Verschiedenheit so anzugeben, daß auch ein Unkundiger sie richtig auffassen würde. Viel leichter ist dies beim Gesange möglich. Beim Wintergoldhähnchen wechseln in der Mitte des Gesanges zwei Töne miteinander ab, und am Ende hört man die Schlußstrophe; beim Sommergoldhähnchen dagegen geht das »Si« in einem Tone fort und hat keinen Schluß, so daß der ganze Gesang weit kürzer, einfacher und nichts als ein schnell nacheinander herausgestoßenes »Si si si« ist. Zuweilen hört man von dem Männchen auch einige Töne, die an den Gesang der Haubenmeise erinnern. Im Frühjahr und Hochsommer singt dieses Goldhähnchen oft, selbst auf dem Zuge, im Herbst aber, und auch darin weicht es vom gewöhnlichen ab, äußerst selten. Der Gesang der beiden verwandten Arten ist so verschieden, daß man bei stillem Wetter den einen jeder Art auf weithin unterscheiden kann.

Bei der Paarung sträubt das Männchen des Feuerköpfchens die Kopffedern, so daß eine prächtig schimmernde Krone aus ihnen wird, umhüpft sodann unter beständigem Geschrei mit etwas vom Körper und Schwanze abstehenden Flügeln und in den sonderbarsten Stellungen sein Weibchen, das ein ähnliches Betragen annimmt, und neckt es solange, bis die Begattung geschieht.

Beide Goldhähnchen brüten zweimal im Jahre, das erste Mal im Mai, das zweite Mal im Juli. Die ballförmigen, sehr dickwandigen, außen neun bis elf, innen nur sechs Zentimeter im Durchmesser haltenden, etwa vier Zentimeter tiefen, bei beiden Arten gleichen Nester stehen sehr verborgen auf der Spitze langer Fichten- und Tannenäste, zwischen dichten Zweigen und Nadeln und auf herabhängenden Zweigen, die von der ersten Lage der Neststoffe ganz oder zum Teil umschlossen sind und bis an den Boden oder über ihn hinausreichen. Das Weibchen, das beim Herbeischaffen der Baustoffe zuweilen vom Männchen begleitet, aber hierbei ebenso selten wie beim Verarbeiten unterstützt wird, bedarf mindestens zwölf, zuweilen auch zwanzig Tage, bis es den Bau vollendet hat, umwickelt zunächst, zum Teil fliegend, mit großer Geschicklichkeit die Zweige, füllt dann die Zwischenräume aus und beginnt nunmehr erst mit der Herstellung der Wandungen. Die erste, fest zusammengewirkte Lage besteht aus Fichtenflechten und Baummoos, die zuweilen mit etwas Erdmoos und Rehhaaren untermischt werden und durch Raupengespinst, das besonders um die das Nest tragenden Zweige gewickelt ist, gehörige Festigkeit bekommen, die Ausfütterung aus vielen Federn kleiner Vögel, die oben alle nach innen gerichtet sind und am Rande so weit vorstehen, daß sie einen Teil der Öffnung bedecken. Bei zwei Nestern des Feuerköpfchens, die mein Vater fand, ragten aus der äußeren Wand Reh- und Eichhornhaare hervor. Die Ausfütterung bestand zu unterst zum größten Teil aus Rehhaaren, die bei dem einen über wenige Federn weggelegt waren, oben aber aus lauter Federn, die so künstlich in den eingebogenen Rand des Nestes eingebaut waren, daß sie die oben sehr enge Öffnung fast oder ganz bedeckten. Das erste Gelege enthält acht bis zehn, das zweite sechs bis neun sehr kleine, nur dreizehn Millimeter lange, zehn Millimeter dicke, auf weißlichgrauem oder blaß fleischfarbenem Grunde mit lehmgrauen, am dickeren Ende gewöhnlich dichter zusammenstehenden Punkten gezeichnete, auch wohl geaderte oder gewässerte Eier. Sie sind so zerbrechlich, daß man sie mit der größten Vorsicht behandeln muß, will man sie nicht mit den Fingern zerdrücken. Die Jungen werden von den Eltern mit vieler Mühe, weil mit den kleinsten Kerfen und Kerbtiereiern, aufgefüttert, sitzen im Nest dicht auf- und nebeneinander und müssen, um Platz zu finden, ihre Wohnung nach und nach mehr und mehr erweitern. Eine Goldhähnchenfamilie bleibt nur kurze Zeit zusammen, denn die Alten trennen sich bald von den Jungen.

Verschiedene Kerbtiere und deren Larven, aber auch feine Sämereien, bilden die Nahrung der Goldhähnchen. Im Sommer fressen sie kleine Käferchen und Räupchen, im Winter fast ausschließlich Kerbtiereier und Larven. Sie lesen diese gewöhnlich von den Zweigen ab, zwischen den Nadeln oder dem Laube hervor, erhalten sich vor einer erspähten Beute flatternd und jagen einer fliegenden nach.

In der Gefangenschaft sieht man Goldhähnchen selten, weil es schwierig ist, sie an Stubenfutter zu gewöhnen, und sie sehr hinfällig sind, oft sogar bereits beim Fange sterben. Haben sie sich einmal eingewöhnt, so können sie, geeignete Pflege vorausgesetzt, jahrelang im Käfig ausdauern und sind dann allerliebste Stubengenossen. Frei im Zimmer gehalten, erwerben sie sich durch Wegfangen von Fliegen nicht geringere Verdienste als draußen im freien Walde durch Aufzehren von forstschädlichen Kerbtieren.

*

Die Unterfamilie der Schilfsänger ( Calamoherpinae), die vorzugsweise das nördlich-altweltliche Gebiet bevölkert, kennzeichnet sich durch schlanken Leib, gestreckten, flachstirnigen Kopf, verhältnismäßig starken, schlank kegel- oder pfriemenförmigen Schnabel, hochläufige, kräftige Füße mit dicken Zehen und großen, scharf gekrümmten Nägeln, kurze und abgerundete Flügel, mittellangen, zugerundeten oder keilförmigen Schwanz und glattes, etwas hartes Gefieder von grüner oder graugelblicher, Ried und Röhricht entsprechender Färbung. Wesen und Gebaren dieser eigenartigen Sänger entsprechen deren Aufenthaltsorten. Sie, die Rohr-, Schilf-, Ried- und Grassänger, hausen stets am Boden und betätigen hier alle Eigenschaften, die solche Lebensweise bedingt. Ihre Gesänge sind Sumpf- und Wasserlieder.

 

Die größte und bekannteste Art der ersten hierhergehörigen Sippe der Rohrsänger ( Acrocephalus) ist der Drosselrohrsänger er, auch Rohrdrossel genannt ( Acrocephalus tudoides). Seine Länge beträgt einundzwanzig, die Breite neunundzwanzig, die Fittichlänge neun, die Schwanzlänge achteinhalb Zentimeter. Das Gefieder ist oberseits dunkelbraun, unterseits rostgelblichweiß, auf der Kehle und Brustmitte lichter; die dunkelbraunen Schwingen sind innen rostfahl, die Steuerfedern am Ende verwaschen fahlweißlich gesäumt. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel dunkel hornbraun, unterseits horngelb, der Fuß hornbräunlich.

Mit Ausnahme Großbritanniens bewohnt der Drosselrohrsänger vom südlichen Schweden an abwärts alle ebenen Gegenden des gemäßigten und südlichen Europa sowie Westasien und besucht im Winter den größten Teil Afrikas, bis in die Kapländer vordringend. Niemals verläßt er das Röhricht, fliegt selbst auf der Reise stets von Gewässer zu Gewässer. Am Brutorte erscheint er frühestens gegen Ende des April und verweilt höchstens bis Ende des September in der Heimat.

Sofort nach seiner Ankunft im Frühjahre vernimmt man ununterbrochen vom frühesten Morgen bis zum späten Abend, während der ersten Zeit seines Hierseins sogar zu allen Stunden der Nacht, den lauten, weit schallenden, aus vollen, starken Tönen zusammengesetzten, in mehrere mannigfach abwechselnde Strophen gegliederten Gesang der Männchen. Ihm meint man es anzumerken, daß die Frösche beachtet worden sind, denn er erinnert ebensosehr an das Knarren und Quaken derselben wie an das Lied irgendeines andern Vogels. Sanft flötende Töne sind unserm Sänger fremd: das ganze Lied ist nichts anderes als ein Geknarr oder ein Quieken. »Dorre, dorre, dorre, karre karre karre, kerr kerr kerr, kei kei kei kei, karre karre karre, kitt« sind die wichtigsten und wesentlichsten Teile dieses Liedes. Und dennoch spricht es an. Es liegt etwas Gemütliches in jenen Lauten, etwas Lustiges in der Art und Weise, wie sie vorgetragen werden. Dem Männchen ist es Ernst mit seinem Singen; es gebärdet sich, als ob es mit einer Nachtigall wetteifern wolle. Hochaufgerichtet, mit hängenden Flügeln und ausgebreitetem Schwanze, dick aufgeblasener Kehle, den Schnabel nach oben gewendet, sitzt es auf seinem schwankenden Halme, sträubt und glättet abwechselnd die Scheitelfedern, auch wohl das übrige Gefieder, so daß es viel größer erscheint als übrigens, und schmettert sein Gequak fröhlich in die Welt hinaus.

Die Rohrdrossel brütet, wie alle ihre Verwandten, erst, wenn das neu aufschießende Röhricht geeignete Höhe erlangt hat, also frühestens Ende Mai, meist erst Mitte Juni, gewöhnlich gesellig auf einem Brutplatze, auch wenn derselbe nur ein kleiner Teich ist. Das Nest steht durchgehends auf der Wasserseite des Röhrichts, nie tief im Rohr, im Gegenteil, oft sehr frei und an oder richtiger zwischen vier, seltener fünf, höchstens sechs Rohrstengeln, die in seine Wandungen eingewoben sind oder diese durchbohren, regelmäßig in einer Höhe, bis zu der das Wasser nicht emporsteigt, auch wenn es ungewöhnlich anschwellen sollte, selten einen vollen Meter über dem Wasserspiegel. Ausnahmsweise brütet der Drosselrohrsänger auch außerhalb des Röhrichts, in Gebüschen oder hohen Teichbinsen sein Nest anlegend, ebenso wie er an verschiedene Verhältnisse, beispielsweise hart an seinen Brutplätzen vorüberrasselnde Eisenbahnzüge, sich leicht gewöhnt. Das Nest selbst ist viel höher als breit, dickwandig und der Rand seiner Mulde einwärts gebogen. Die Wandungen bestehen aus dürren Grasblättern und Halmen, die nach innen feiner werden und mit einigen Würzelchen die Ausfütterung bilden. Je nach dem Standorte werden die Blätter verschieden gewählt, auch wohl mit Bastfaden von Nesseln, mit Weiderich, Samenwolle und selbst mit Raupengespinst, Hanf- und Wollfaden untermischt, oder trockene Grasrispen, Rosmarinkronen, Pferdehaare und dergleichen zur inneren Ausfütterung benutzt. Das Gelege, das gewöhnlich aus vier bis fünf Eiern besteht, ist selten vor Mitte des Juni vollzählig; die Eier, die zweiundzwanzig Millimeter lang, fünfzehn Millimeter dick, auf bläulichem oder graugrünlichweißem Grunde mit sehr dunkel olivenbraunen, aschgrauen und schieferfarbigen Flecken, Punkten und Schmitzen fast gleichmäßig bedeckt sind, werden vierzehn bis fünfzehn Tage eifrig bebrütet. Beide Eltern nahen sich dem Störenfriede am Neste bis auf wenige Schritte, verstecken sich und erscheinen abwechselnd vor ihm, umfliegen ihn auch wohl mit kläglichem Geschreie, sind aber so empfindlich gegen derartige Störungen, daß sie, wenn auch nicht in allen Fällen, noch wenig bebrütete Eier verlassen, wenn man das Nest wiederholt besucht. Die Jungen werden mit Kerbtieren großgefüttert, von den Alten zärtlich geliebt und vor Gefahr gewarnt, auch nach dem Ausfliegen noch lange geleitet. Dieser Fürsorge bedürfen sie um so mehr, als sie, ehe sie ordentlich fliegen können, das Nest zu verlassen pflegen und nun die ersten Tage ihres Lebens sich kletternd forthelfen. Ende Juli sind sie selbständig geworden, und nunmehr denken sie schon an die Winterreise.

Gefangene Rohrdrosseln sind angenehme, obschon ziemlich hinfällige Zimmergenossen, halten sich, wenn sie sich einmal an das Stubenfutter gewöhnt haben, glatt und nett, erfreuen durch ihre außerordentliche Behendigkeit und Gewandtheit, durch ihr geschicktes Klettern, singen auch recht eifrig und können mit der Zeit sehr zahm werden.

 

Ein Abbild des Drosselrohrsängers im kleinen ist der Teichrohrsänger, der Wasser- und Rohrzeisig ( Acrocephalus streperus). Seine Länge beträgt hundertvierzig, die Breite zweihundert, die Fittichlänge fünfundsechzig, die Schwanzlänge achtundfünfzig Millimeter. Die Oberteile und Außensäume der olivenbraunen Schwingen und Schwanzfedern sind olivenrostbraun, Bürzel und Oberschwanzdecken lebhafter, die Unterteile rostgelblichweiß, Kinn und Kehle lichter, deutlich ins weiße ziehend, Zügelstreifen, Rückengegend, Hals- und Körperseiten nebst unteren Flügel- und Schwanzdecken lebhaft rostgelb. Der Augenring ist dunkelbraun, der Schnabel hornbraun, am Mundrande orangerot, unterseits horngelb, der Fuß hornbräunlich.

Vom südlichen Schweden und dem Weißen Meere an verbreitet sich der Teichrohrsänger über ganz Europa und Westasien, ist noch in den Atlasländern Brutvogel und durchwandert im Winter ganz Afrika, bis zum Vorgebirge der Guten Hoffnung vordringend. In Deutschland bewohnt er ähnliche Gegenden wie sein größerer Verwandter, ist aber weiter verbreitet als dieser, dehnt sein Wohngebiet mehr und mehr aus, nimmt auch an Menge merklich zu. Aus seiner Winterherberge kommend, erscheint er Mitte April und zieht nun langsam nordwärts, so daß man ihm noch zu Ende Mai, selbst im Juni, auf dem Zuge begegnen kann. Auch er wohnt stets in der Nähe des Wassers und regelmäßig im Rohre, siedelt sich jedoch häufiger als der Drosselrohrsänger ebenso in benachbarten Gebüschen an, besucht überhaupt diese und selbst Bäume nicht selten. In Wesen und Eigenschaften erinnert er in jeder Beziehung an seinen größeren Verwandten; selbst sein Lied hat mit dessen Gesange die größte Ähnlichkeit, nur daß es sich in höherer Tonlage bewegt als letzteres.

 

Dem Teichrohrsänger täuschend ähnlich, in der Lebensweise jedoch durchaus verschieden, ist der Sumpfrohrsänger, Sumpf- oder Sumpfschilfsänger ( Acrocephalus palustris). Er ist unbedeutend größer als der vorstehend beschriebene Verwandte und läßt sich mit Sicherheit namentlich an den längeren Flügeln erkennen. Seine Länge beträgt ebenfalls hundertundvierzig, die Breite aber mindestens zweihundertundzehn, die Fittichlänge siebenundsechzig, die Schwanzlänge sechzig Millimeter. Hinsichtlich der Färbung besteht der einzige Unterschied zwischen ihm und jenem darin, daß die Oberseite olivengrüngrau, nicht aber rostbräunlich überhaucht, und der Bürzel stets der übrigen Oberseite gleichgefärbt ist. Auch der etwas kürzere und kräftigere, an der Schneide schwach eingezogene Schnabel und die um vier Millimeter kürzere Fußwurzel unterscheiden ihn von jenem. Das Verbreitungsgebiet des Sumpfschilfsängers reicht nicht so weit nach Norden hinauf, sein Wandergebiet nicht soweit nach Süden hinab als das des Verwandten.

Als selbständige Art gibt sich der Sumpfrohrsänger auch durch seinen Aufenthaltsort und wundervollen Gesang zu erkennen. Abweichend von den bisher genannten Arten bezieht er sofort nach seiner Ankunft, die frühestens im Anfange des Mai stattfindet, niedriges, sumpfiges Gebüsch an Fluß- und Bachufern, Wassergräben, Seen und Teichen, in dessen Nähe Schilf und andere Wasserpflanzen oder Brennesseln wachsen oder Viehweiden, Wiesen und Getreidefelder sich ausdehnen. In solchen Gebüschen verbringt er die vier Monate seines Sommeraufenthalts, ohne sich um das Röhricht viel zu kümmern. Seine Wohnpflanze ist die Weide, vorausgesetzt, daß sie als Schnittweide gehalten und mit allerlei kletternden und rankenden oder hoch aufschießenden Pflanzen und Kräutern durchwachsen wird. Von hier aus begibt er sich oft auf die Bäume und in die benachbarten Felder, namentlich in solche, die mit Hanf und Raps bestanden sind, äußerst selten dagegen in das Rohr oder Schilf, und, wenn dies der Fall, bloß in solches, das sein Gebüsch begrenzt. Äußerst gesellig, wie die meisten Rohrsänger überhaupt, wohnt auch er gern in unmittelbarer Nähe anderer seiner Art, so daß man, laut Altum, auf einer Fläche von vierhundert Schritt Durchmesser sieben bis acht Nester finden kann. Er ist ununterbrochen in Bewegung, hüpft beständig hin und her, klettert nicht selten zur höchsten Spitze des Gebüsches empor und verkriecht sich aber ebenso in den dichtesten Zweigen. Dem Menschen gegenüber zeigt er sich vorsichtig, verstummt bei dessen Ankunft, auch wenn er eben aus voller Kehle singt, schweigt lange Zeit und stiehlt sich währenddem kriechend so geschickt fort, daß man ihn oft trotz aller Mühe nicht zu sehen bekommt. Sein Lied ähnelt am meisten dem des Gartensängers, ist aber durchaus lieblich und zart, obschon klangvoll und kräftig. Trotz dieser Eigenschaften erkennt man jedoch, laut Altum, sofort den Rohrsänger: das »Terr, zerr, zirr, tiri, tirr« wird bald so, bald anders eingewoben. Der Hauptsache nach besteht der Gesang aus einer Mengung von einem Dutzend und mehr Vogelgesängen und Stimmen. »Kraus und bunt durcheinander folgen Bruchstücke der Gesänge und die Rufe von Singdrossel, Gartengrasmücke, Rauchschwalbe, Wachtel, Schaf- und Bachstelze, Kohlmeise, Haus- und Feldsperling, Buchfink und Stieglitz, Feldlerche, Plattmönch, Kleiber; ja sogar das Gequake des Wasserfrosches darf zuweilen nicht fehlen. Aber alle diese Stimmen reiht er nicht schlechthin und steif aneinander, sondern macht sie ganz zu seinem Eigentum. Sie kommen wie aus einem Gusse hervor; seine Silberkehle veredelt sie alle. Er singt eben nur sein Lied, geläufig, ohne sich zu besinnen, ohne Pause, in voller, anderweitiger Beschäftigung, im Klettern, Durchschlüpfen, Kerbtierfangen, im Verfolgen eines Nebenbuhlers. Einen größeren Singmeister kenne ich unter unsern einheimischen Singvögeln nicht. Freilich beherrscht und erhebt sein Lied nicht, wie das der Feldlerche, die ganze Umgegend; freilich bleiben Sprosser und Nachtigall unerreichbare Künstler: aber die Meisterschaft in der Nachahmung, verbunden zugleich mit entsprechender Tonfarbe, mit lieblicher, klangvoller Stärke, erreicht kein anderer. An mondscheinlosen Abenden beginnt er, sobald die Tagessänger verstummen; daraus tritt etwa von zehn bis elf Uhr eine Pause ein, und nun bleibt er Nachtsänger. Jedoch folgen seine Strophen weniger rasch, sind weniger lang und werden weniger feurig vorgetragen als am Morgen. Am Tage verstummt er nur um die Mittagszeit.«

Das Nest steht innerhalb des von ihm gewählten Wohnplatzes, jedoch nicht immer im dichtesten Gestrüpp, sondern meist am Rande der Pflanzungen, oft in einzelnen dicht am Fußwege stehenden kleinen Büschen, niemals über Wasser, aber ebenfalls niedrig über dem Boden. In seiner Bauart ähnelt es denen anderer Rohrsänger, wird auch in ähnlicher Weise zwischen aufrecht stehenden Baumschossen oder tragfähigen Pflanzenstengeln, seltener an einem einzigen Zweige angehängt. Trockene Blätter und Halme von feinen Gräsern mit Rispen, Nesselbastfasern, auch wohl mit Raupen- und Tiergespinst vermengt, alles gut durcheinander verflochten und verfilzt, bilden die Außenwandungen und den sehr dicken Boden, seine Hälmchen und Pferdehaare die innere Auskleidung. Die vier bis fünf, höchstens sechs, achtzehn Millimeter langen und vierzehn Millimeter dicken Eier sind zart und glattschalig und auf graubläulichem oder bläulichweißem Grunde mit größeren, zuweilen etwas verwaschenen, aschgrauen, oliven- oder dunkelbraunen Flecken, vielleicht auch braunschwarzen Punkten oder Strichelchen spärlich, unregelmäßig und verschiedenartig gezeichnet. Das Brutgeschäft verläuft in der beim Teichrohrsänger geschilderten Weise, vielleicht mit dem Unterschiede, daß die Jungen frühzeitig das Nest verlassen und anfänglich nur kriechend und schlüpfend im Gebüsche sich bewegen. Ihnen wie den Alten stellen verschiedene Feinde nach, und auch der Mensch wird, indem er die Brutplätze zerstört, zuweilen gefährlich.

Gefangene lassen sich leicht eingewöhnen und entzücken durch ihren unvergleichlichen Gesang jeden Liebhaber.

 

Weit verbreitet in Deutschland und anderswo ist auch der Uferschilfsänger oder Schilfrohrsänger ( Acrocephalus phragmitis). Seine Länge beträgt einhundertundvierzig, die Breite zweihundert, die Fittichlänge dreiundsechzig, die Schwanzlänge fünfzig Millimeter. Die Oberteile und die schmalen Außensäume der dunkelbraunen Schwingen, Flügeldecken und Steuerfedern sind fahlbräunlich, Bürzel und Oberschwanzdecken rostbräunlich, Mantel und Schultern mit verwaschenen dunklen Schaftstrichen gezeichnet, Scheitel und Oberkopf auf schwarzbraunem Grunde mit einem fahlbräunlichen, dunkel gestrichelten Mittellängsstreifen, an jeder Seite mit einem breiten Augenbrauenstreifen, die Zügel mit einem durchs Auge verlaufenden schmalen Striche geziert, die Kopfseiten und die Unterteile zart rostgelblich, Kehle, Bauch und Unterschwanzdecken heller, mehr weißlich gefärbt. Der Augenring ist hellbraun, der Schnabel oberseits hornschwarz, unterseits, wie der Fuß, grau. Vom achtundsechzigsten Grade nördlicher Breite an verbreitet sich der Uferschilfsänger über ganz Europa und ungefähr von derselben Breite an auch über Westsibirien und Westasien.

siehe Bildunterschrift

Schilfrohrsänger ( Acrocephalus phragmatis)
(Junger Kuckuck im Nest)

Unser Uferschilfsänger bewohnt vorzugsweise die Sümpfe oder die Ufer des Gewässers, am liebsten diejenigen Stellen, die mit hohem Seggengrase, Teichbinsen und andern schmalblättrigen Sumpfpflanzen bestanden sind, sonst aber auch Felder in den Marschen, zwischen denen schilfbestandene Wassergräben sich dahin ziehen, mit einem Worte, das Ried und nicht das Röhricht. Rohrteiche und Gebüsche oder in Afrika die mit Halfa bestandenen dürren Ebenen besucht er nur während seiner Winterreise. Er erscheint bei uns im letzten Drittel des April und verläßt uns erst im Oktober wieder; einzelne sieht man sogar noch im November. Den Winter verbringt er in Mittelafrika.

Der Uferschilfsänger übertrifft als Schlüpfer alle bisher genannten Arten und kommt hierin den Heuschreckensängern vollständig gleich. Mit mäuseähnlicher Gewandtheit bewegt er sich in dem Pflanzendickicht oder auf dem Boden; weniger behend zeigt er sich im Fluge, da er bald schnurrend, bald flatternd, förmlich hüpfend, in Schlangenlinien dahinzieht, selten weitere Strecken durchfliegend und meist plötzlich in gerader Linie in das Ried herabstürzend. Letzteres gewährt ihm das Bewußtsein so vollständiger Sicherheit, daß er durchaus nicht scheu ist, einen sich nahenden Menschen gar nicht beachtet, in zehn Schritten Entfernung von demselben auch wohl die Spitze eines Busches erklettert und von dort aus unbesorgt sein Lied zum besten gibt, und ebenso plötzlich wieder erscheint, als er aus irgendeinem Grunde in der Tiefe verschwand. Die Lockstimme ist ein schnalzender Laut, der Ausdruck des Unwillens ein schnarchendes »Scharr«, der Angstruf ein kreischendes Quaken, der Gesang sehr angenehm, durch einen langen, flötenartigen, lauten Triller, der oft wiederholt wird, ausgezeichnet, dem Liede anderer Rohrsänger zwar ähnlich, aber auch wieder an das der Bachstelze oder der Rauchschwalbe erinnernd, seine Abwechslung überhaupt so groß, daß man ihn dem Gesange einzelner Grasmücken gleichstellen darf.

In der Regel hält sich der Uferschilfsänger so viel wie möglich verborgen; während der Begattungszeit aber kommt er auf die Spitzen hoher Pflanzen oder auf freie Zweige empor, um zu singen oder einen Nebenbuhler zu erspähen, dessen Lied seine Eifersucht reizte. Neugier veranlaßt ihn zu gleichem Tun. Wenn man den Hühnerhund das Gestrüpp durchsuchen läßt und dieser sich ihm nähert, sieht man ihn oft an einem Binsen- oder Rohrhalme in die Höhe kommen, sich umschauen und dann blitzschnell wieder in die Tiefe verbergen. Erschreckt erhebt er sich, fliegt aber, solange er in der Heimat weilt, nie weit und immer sehr niedrig über den Boden oder über dem Wasser dahin. Ununterbrochen in Bewegung, hält er sich nur, solange er singt, minutenlang ruhig auf einer und derselben Stelle und wählt hierzu bestimmte Halme oder Zweige, zu denen er oft zurückkehrt. Andere Vögel, die sich auf denselben Sitzplätzen niederlassen wollen, werden mit Heftigkeit angegriffen und vertrieben. Wenn das Weibchen brütet, singt das Männchen zu allen Tageszeiten sehr eifrig, am meisten in der Morgendämmerung, aber auch in hellen Nächten, und belebt dann in anmutender Weise Gegenden, in denen man sonst kaum Sang und Klang vernimmt. Je eifriger er wird, um so mehr ändert er sein Betragen. Wenn er recht im Feuer ist, gebärdet er sich so, daß ihn der Ungeübte kaum für einen Rohrsänger halten kann; denn er fliegt jetzt, zumal bei schönem Wetter und um die Mittagszeit, sehr häufig mit langsamen Flügelschlägen von seinem Sitzpunkte aus in schiefer Richtung singend in die Höhe und schwebt, die Schwingen so hoch gehalten, daß die Spitzen sich oben berühren, langsam wieder herab oder stürzt sich gerade von oben hernieder, dabei aber immer aus voller Kehle singend und sich noch außerdem ballartig aufblähend.

Ungefähr dieselben Kerbtiere, die andern Rohrsängern zur Speise dienen, bilden auch die Nahrung dieses Schilfsängers; Beeren frißt er ebenfalls. Das Nest steht an sehr verschiedenen, in der Regel wohl schwer zugänglichen Orten, im Seggengrase und ziemlich tief im Sumpfe, oft aber auch auf ganz trockenem Gelände in der Nähe und ebenso hundert bis zweihundert Schritte entfernt vom Wasser, sogar auf sandigem, aber mit Buschwerk und Gräsern bewachsenem Grunde, entweder auf dem Boden selbst oder in niedrigen, kleinen Weidenköpfchen, zwischen Weidenruten, Nesselstielen und andern derben Stengeln verwoben. Erst in der zweiten Woche des Mai beginnt der Bau, der aus dürren Gräsern, Stoppeln, Hälmchen, feinen Wurzeln, grünem Laube, Moos und dergleichen hergestellt, innen aber mit Pferdehaaren und andern weichen Stoffen ausgepolstert und ausgelegt wird. Die fünf bis sechs siebzehn Millimeter langen, zwölf Millimeter dicken, an dem einen Ende stark abgerundeten, an dem andern auffallend spitzen Eier, die man Anfang Juni findet, sind auf schmutzigem oder graulichweißem Grunde mit matten und undeutlichen Flecken, kritzeligen Punkten von braungrauer und grauer Färbung gezeichnet und gemarmelt. Beide Eltern brüten in der unsern Schilfsängern überhaupt üblichen Weise mit großer Hingebung, sind während der Brutzeit noch weniger scheu als sonst und fliegen, wenn sie ihre Jungen füttern, unbekümmert um einen dicht neben dem Neste stehenden Beobachter, mit Schmetterlingen und Wasserjungfern im Schnabel ab und zu, verlassen das Nest bei Störung überhaupt nur in den ersten Tagen der Brutzeit. Nähert man sich dem brütenden Weibchen mit Vorsicht, so kann man bis unmittelbar zum Nest gelangen, bevor es letzteres verläßt. Die Jungen verlassen das Nest, wenn sie vollkommen flügge sind, gebrauchen aber ihre Schwingen in der ersten Zeit gar nicht, sondern kriechen wie Mäuse durch die dichtesten Wasserpflanzen dahin.

Gefangene Uferschilfsänger gehören zu den Seltenheiten, nicht weil sie sich schwer halten, sondern weil sie schwer zu erlangen sind. Auch sie gewöhnen sich bald an ihre neue Lage, sind nicht so zart und weichlich wie andere Familienverwandte und wegen ihrer Munterkeit, Gewandtheit, schlanken Haltung und lieblichen Gesanges sehr geschätzt.

 

Der nächste Verwandte des vorstehend beschriebenen Vogels ist der Binsenrohrsänger ( Acrocephalus aquaticus). Seine Länge beträgt einhundertdreiunddreißig, die Breite einhundertneunzig, die Fittichlänge achtundfünfzig, die Schwanzlänge siebenundvierzig Millimeter. Die allgemeine Färbung ist die des Uferschilfsängers, und die Unterschiede beschränken sich darauf, daß Mantel und Schultern mit scharf ausgeprägten dunklen Schaftstrichen geziert sind, der braune Oberkopf einen ungestrichelten, deutlichen, fahlbraunen Mittelstreifen zeigt, die Unterteile lebhafter rostgelblich und Kropf und Seiten mit sehr feinen dunklen Schaftstrichen gezeichnet sind. Mittel- und Südeuropa, Westasien und Nordwestafrika, einschließlich der Kanaren, bilden das Brutgebiet des Vogels. In Deutschland tritt er überall weit seltener als der Uferschilfsänger auf, namentlich an geeigneten Orten der ganzen Norddeutschen Ebene, so beispielsweise im Spreewalde und im Braunschweigischen. Weite, etwas sumpfige, von Wasserarmen durchschnittene Wiesenflächen mit einzelnen dazwischenstehenden Büschen, nasse Moore, Sümpfe und Brüche sind es, die er während der Brutzeit bewohnt. Er erscheint und verschwindet mit dem Uferschilfsänger, dem er in seinem Wesen und Betragen überhaupt außerordentlich ähnelt. Er läßt einen ähnlichen Lockton vernehmen wie jener und unterscheidet sich nur durch den Gesang einigermaßen von ihm, so schwierig es auch ist, diese Unterschiede mit Worten hervorzuheben.

*

Als Urbild der Sippe der Heuschreckenschilfsänger ( Locustella) darf der Feldschwirl, Schwirl, Busch- und Heuschreckenrohrsänger ( Locustella naevia) gelten. Seine Länge beträgt einhundertfünfunddreißig, die Breite einhundertundneunzig, die Fittichlänge dreiundsechzig, die Schwanzlänge achtundvierzig Millimeter. Das Gefieder ist auf der Oberseite olivenbraun, auf dem Kopfe durch kleine rundliche, auf Mantel und Schultern durch breite pfeilförmige, braunschwarze Flecke gezeichnet; die Unterteile sind rostfahlgelb, Kinn, Kehle, Unterbrust und Bauchmitte lichter, ins Weißliche ziehend, auf dem Kropfe mit feinen dunklen Schaftstrichen, auf den Unterschwanzdecken mit breiten verwaschenen Schaftflecken geziert, die Schwingen schwärzlichbraun mit schmalen ölgrauen Seitenkanten, die nach hinten zu breiter werden, die Steuerfedern dunkel grünlichbraungrau, lichter gesäumt und gewöhnlich dunkler in die Quere gebändert. Das Auge ist graubraun, der Schnabel hornfarben, der Fuß lichtrötlich. Im Herbstkleide ist die Unterseite gelblicher, im Jugendkleide die Brust gefleckt.

siehe Bildunterschrift

Feldschwirl ( Locustella naevia)

Von Schweden oder Rußland an verbreitet sich der Schwirl über ganz Mitteleuropa; gelegentlich seines Zuges erscheint er im Süden unseres Erdteils oder in Nordostafrika. Er bewohnt die Ebenen, findet sich aber keineswegs überall, sondern nur stellenweise, hier und da häufig, an andern Orten, zumal im Gebirge, gar nicht. In Deutschland erscheint er Mitte April und verweilt hier bis Ende September, ebensowohl in großen Sümpfen wie auf kleineren, mit Weidengebüsch bewachsenen Wiesen, im Walde nicht minder als auf Feldern seinen Aufenthalt nehmend. Eine Örtlichkeit, die ihm hundert- und tausendfach Gelegenheit bietet, sich jederzeit zu verbergen, scheint allen Anforderungen zu entsprechen. Auf dem Zuge verbringt er den Tag allerorten, wo niedere Pflanzen dicht den Boden bedecken. »Es mag«, bemerkt Naumann, »nicht leicht einen unruhigeren und dabei versteckter lebenden Vogel geben als diesen. Sein Betragen ist ein Gemisch des Wesens der Rohrsänger, Schlüpfer und Pieper. Unablässig kriecht er im dichtesten Gestrüppe von Buschholz und von Sumpfpflanzen dicht über dem Boden oder auf diesem herum und treibt hier sein Wesen fast ganz im Verborgenen. Nur ein plötzlicher Überfall kann ihn einmal aus seinen Verstecken hervorscheuchen; aber er fliegt auch dann gewiß nie weit über das Freie und bloß niedrig und dicht über dem Boden dahin. Er ist ein ungemein hurtiger, lebhafter Vogel und dabei scheu und listig. Auf dem Erdboden läuft er schrittweise mit einer Leichtigkeit und Anmut wie ein Pieper, wenn er sich verfolgt glaubt, aber mit einer Schnelligkeit, wie man eine Maus laufen zu sehen gewohnt ist. Wenn er Gefahr ahnt, schlüpft er so schnell durch das dichte Gezweig, daß man ihn im Nu aus dem Auge verliert. Beim Gehen trägt er den Leib wagerecht und streckt dabei den Hals etwas vor; er läuft ruckweise und bewegt dazu den Schwanz und den ganzen Hinterleib mehrmals nacheinander auf und nieder. Wenn er durch die Zweige hüpft, beugt er die Brust tief; wenn er etwas Verdächtiges bemerkt, zuckt er mit den Flügeln und dem Schwanze; bei großer Angst schnellt er den letzteren ausgebreitet hoch aufwärts und bewegt dabei die hängenden Flügel oft nacheinander. Im ruhigen Forthüpfen, und namentlich dann, wenn er an senkrechten Zweigen und Pflanzenstengeln auf- und absteigt, ist er wieder ganz Rohrsänger.« Seinen Familiengenossen ähnelt er auch im Fluge, erhebt sich selten zu nennenswerter Höhe über den Boden, flattert vielmehr meist in gerader Linie, anscheinend unsicher und unregelmäßig dahin und wirft sich nach Art seiner Verwandtschaft plötzlich senkrecht in das dichte Pflanzengewirr unter ihm herab. Demungeachtet durchmißt der anscheinend wenig flugfähige Vogel zuweilen doch auch Strecken von mehreren tausend Schritten im Fluge.

Mehr als jede andere Begabung zeichnet den Schwirl und seine Verwandten ein absonderlicher Gesang aus. Derselbe besteht nämlich nur in einem einzigen wechsellosen, langgezogenen, zischenden Triller, dem Schwirren vergleichbar, das die großen Heuschrecken mit den Flügeln hervorbringen. Versucht man, den Laut durch Buchstaben auszudrücken, so kann man sagen, daß er wie »Sirrrrr« oder »Sirrlrlrlrl« klinge. »Ganz sonderbar ist es mir vorgekommen«, sagt Naumann, »daß man dieses feine Geschwirre, das in der Nähe gar nicht stark klingt, so weit hören kann. Ein gutes Ohr vernimmt es an stillen Abenden auf tausend Schritt und noch weiter ganz deutlich. Ich habe diese Vögel zu allen Stunden des Tages und der Nacht zu belauschen versucht, deshalb ganze Nächte im Walde zugebracht und kann versichern, daß der merkwürdige Gesang stets einen höchst eigentümlichen Eindruck auf mein Gemüt machte, so daß ich stundenlang, nachdem ich den Wald längst im Rücken hatte, immer noch dieses Schwirren zu hören glaubte. Es schien mir aus jedem rauschenden Zweige, an dem ich vorüberging, aus jedem säuselnden Lüftchen entgegenzukommen. Gewöhnlich schwirrt der merkwürdige Sänger seine Triller gegen eine Minute lang in einem Atem weg, ohne einmal abzusetzen; wenn er aber recht eifrig singt, so hält er ohne Unterbrechung oft zwei und eine halbe Minute aus, wie ich's mit der Uhr in der Hand öfters beobachtet habe. Nach einer Unterbrechung von wenigen Sekunden fängt er dann wieder an zu schwirren, und so hört man ihn seine einförmige Musik nicht selten stundenlang fortsetzen. Am Brutplatze schwirrt der Vogel selten am Tage und noch seltener anhaltend. Er fängt hier erst nach Sonnenuntergang ordentlich an, singt immer eifriger, je mehr die Mitternacht naht, bis nach zwölf Uhr, setzt nun eine gute Stunde aus, beginnt wieder und treibt es ebenso eifrig als vor Mitternacht bis zum Aufgang der Sonne. Hat das Weibchen erst Nest und Eier, so singt das Männchen am Tage gar nicht mehr, sondern bloß bei mitternächtlicher Stille oder früh, wenn der Morgen kaum zu grauen anfängt.«

Die Nahrung entspricht der anderer Familienverwandten und ändert höchstens infolge der verschiedenen Örtlichkeit, die der Schwirl bewohnt, einigermaßen ab.

Das Nest ähnelt mehr dem einer Grasmücke als irgendeinem aller bisher genannten Rohrsänger, steht aber ausnahmslos auf dem Boden, gleichviel ob derselbe trocken oder so naß ist, daß man selbst unmittelbar unter den Eiern die Feuchtigkeit spüren kann, entweder unter einem kleinen Strauche oder, und häufiger, im Grase in der Nähe eines Strauches oder Baumstammes, zwischen herabhängenden trockenen Grasblättern außerordentlich verborgen. Der einfache, flache Bau wird ausschließlich aus trockenen Grasblättern errichtet, und der hauptsächlichste Unterschied zwischen ihm und einem Gartengrasmückennest besteht darin, daß der Schwirl breitere Blätter zur Herstellung der Außenwände wie der inneren Auskleidung verwendet. Ausnahmsweise findet man wohl auch etwas Moos als Unterlage. Das Gelege besteht aus fünf bis sieben siebzehn Millimeter langen, dreizehn Millimeter dicken, ungleichhälftigen, zartschaligen, mäßig glänzenden Eiern, die auf gelb-, oder matt-, oder bräunlichrötlichem Grunde mehr oder minder gleichmäßig am dicken wie am spitzigen Ende kranzartig mit matt veilchenblauen Schalenflecken und kleinen bläulichrötlichen Punkten gezeichnet sind. Nach etwa vierzehntägiger Brutzeit entschlüpfen die Jungen, wachsen rasch heran, verlassen, wenigstens bei Störung, das Nest, ehe sie vollständig flügge sind, und verschwinden dann, mäuseartig rennend, in dem benachbarten Pflanzendickicht. In der ersten Hälfte des August verläßt alt und jung die Niststätte, wendet sich zunächst dichter bestandenen Brüchen zu und tritt nun allmählich die Winterreise an.

 

Mehr den Südosten Europas und außerdem Westasien und Ostafrika bewohnt der in Deutschland seltene Schlagschwirl oder Flußrohrsänger ( Locustella fluviatilis). Seine Länge beträgt einhundertsiebenundvierzig, die Breite zweihundertfünfunddreißig, die Fittichlänge dreiundsiebzig, die Schwanzlänge zweiundsechzig Millimeter. Die Oberseite und die Außenfahnen der olivenbraunen Schwingen und Schwanzfedern sind olivenfahlbraun, die Unterseite heller, Kehle und Bauchmitte fast weiß, die breiten Endsäume der rostbräunlichen unteren Schwanzdecken verwaschen weiß, Kehle und Kopf mit sehr verwischten olivenbräunlichen Längsstreifen gezeichnet. Der Augenring hat braune, der obere Schnabel hornbraune, der untere wie der Fuß horngelbliche Färbung.

Wahrscheinlich kommt der Schlagschwirl in Deutschland öfter vor, als man bis jetzt annimmt; denn er mag sehr oft mit seinen Verwandten verwechselt werden. Mit Sicherheit ist er an der Elbe, Oder und Memel, sowie an der Göltsch, einem Nebenfluß der Elster, beobachtet worden. Häufiger tritt er an der mittleren und unteren Donau, in Galizien, Polen und ganz Rußland auf. Wir verdanken die eingehendsten Berichte über sein Freileben Wodzicki und Schauer, die ihn in Galizien beobachtet haben. Hier bewohnt er zwar ebenfalls niedrige Lagen, mit Weidengebüsch bestandene Waldwiesen ausgedehnter Föhrenwaldungen, von Wiesen und Viehweiden umgebene Erlenbrüche oder ähnliche Örtlichkeiten; am häufigsten aber doch die Buchenholzschläge des Mittelgebirges, in denen über starken Wurzelstöcken und alten, faulenden Stämmen der üppigste, aus hohen Gräsern, Halbgräsern, Doldengewächsen, Brombeer- und Himbeersträuchern bestehende Unterwuchs wuchert. In seinem Brutgebiete erscheint er erst Mitte Mai, wenn der Pflanzenwuchs schon so weit vorgerückt ist, daß er sich verstecken kann, nimmt auch nicht sogleich nach seiner Ankunft seine Brutstätte ein, sondern schweift erst an Orten umher, wo man ihn nicht vermuten oder suchen möchte: in kleinen Gärtchen mit Stachelbeerbüschen, sogar in trockenen, aus Ruten geflochtenen Zäunen zum Beispiel. Aber auch an solchen so wenig deckenden Orten weiß er sich auf das geschickteste zu verbergen; denn sein ganzes Wesen ist versteckt und geheimnisvoll. Selbst am Brutplatze, vielleicht einer Wiese, auf der unzusammenhängende Weidenbüsche stehen, gewahrt man das Männchen bloß, wenn es sich ganz sicher glaubt, und auch dann voraussichtlich nur auf bestimmten Zweigen, seinen Singplätzen, zu denen es regelmäßig zurückkehrt; übrigens hält es sich stets versteckt, fliegt so selten wie möglich und bloß über kurze Strecken, unter gleichartigem, schnurrendem Flügelschlage, einer großen Sphinx vergleichbar, hält dabei stets eine schnurgerade Linie ein, hat nur sein Ziel vor Augen und läßt sich durch nichts beirren. Beunruhigt, sucht es sich nur durch Flucht zu retten; nähert man sich ihm, wenn es, wie gewöhnlich, auf einem hervorragenden trockenen Zweige des Weidenbaumes sitzt, so stürzt es wie totgeschossen, ohne einen Flügel zu rühren, senkrecht herab, verkriecht sich im Grase, weiß binnen wenigen Augenblicken die dichtesten und verworrensten Stellen zu gewinnen und läßt sich durch kein Mittel, nicht einmal durch einen Hund, zum Ausfliegen zwingen. Einzig und allein im Eifer des Gesanges vergißt es zuweilen die ihm eigene Vorsicht und gestattet unter Umständen, daß ein versteckter Beobachter es und sein Treiben belauscht. Beim Singen gebärdet es sich ganz wie seine Verwandten, erklettert einen überragenden Zweig oder hebt den Kopf in die Höhe, so daß der Schnabel fast senkrecht emporgerichtet wird, öffnet ihn sehr weit, sträubt gleichzeitig die Kehlfedern und schwirrt nun unter eigentümlichen Zungenbewegungen seinen Triller ab. Dieser besteht aus zwei nebeneinanderliegenden gezogenen Tönen, von denen der eine tiefer und stärker, der andere höher und schwächer ist, und wird, nach Schauers Meinung, ebensowohl beim Einatmen wie beim Ausstoßen von Luft hervorgebracht. Verglichen mit dem Triller des Feldschwirls ist er stark und kräftig, weniger zischelnd, sondern mehr wetzend, der vielleicht fünfzig- bis sechzigmal aneinandergereihten Silbe »Zerr« etwa ähnlich, stets merklich kürzer, auch im Gange langsamer und dem Schwirren der grünen Heuschrecken ähnlicher. Er wird von Zeit zu Zeit durch den abgerissenen, schnarrenden Lockton unterbrochen und erinnert in gewisser Beziehung an den Anfang des Goldammergesanges. Während des Singens wendet der Schlagschwirl den Kopf mehr oder weniger bald nach rechts, bald nach links und bewirkt dadurch, daß das Schwirren bald etwas stärker, bald etwas schwächer erklingt. Niemals schwirrt er, wenn er sich von einem Orte zum andern bewegt; will er seinen Platz wechseln oder auch nur einen Sprung ausführen, so unterbricht er sich. Fühlt er sich sicher, und ist gutes Wetter, so sitzt er stets auf einem hervorragenden trockenen Zweige eines Busches, seltener auf den unteren oder mittleren Ästen, niemals im Wipfel eines Baumes. Wurde er gestört, so beginnt er aus der Mitte eines Busches ganz ungesehen und versteckt kurze, durch Pausen unterbrochene Strophen zu trillern, springt aber gewöhnlich nach jedem Triller, nach jeder Pause auf einen höheren Ast, bis er endlich sein Lieblingsplätzchen wieder eingenommen hat. Erst wenn er hier sich vollkommen sicher glaubt, fängt er aus voller Brust nach Herzenslust zu singen an. Bei starkem Winde und leichtem Regenwetter hört man ihn ebenfalls; dann aber sitzt er tief unten im Busche und kommt nicht zum Vorschein. Dem Schwirren läßt er, wie seine Verwandten auch, ein eigentümliches Gurgeln, Glucksen, Murksen vorausgehen, namentlich, wenn er gestört wurde. Oft aber will auch sein Gesang nicht recht in Gang kommen; er räuspert und gurgelt, hält aber plötzlich inne und schwirrt gar nicht oder läßt nur einen einzigen Triller vernehmen. Das Weibchen antwortet jedesmal, sobald das Männchen zu singen aufhört, mit einem »Tschick, tschick«, das offenbar Wohlgefallen bekundet, da der Ausdruck der Angst ein knarrendes »Kr, kr« ist.

Das Nest steht immer auf dem Boden, aber auf sehr verschiedenen Örtlichkeiten, entweder in Büschen oder auf Graskufen, zwischen Wurzeln eines Baumes usw., ist auch sehr ungleichmäßig gebaut, bald aus groben Schilfblättern unordentlich zusammengefügt und innen mit Moos und seinen Wurzeln ausgelegt, bald etwas besser geflochten und innen auch zierlicher ausgekleidet, bald wiederum aus kleinen, feinen Gräsern und Moos hergestellt, von außen regelmäßig mit einem großen zusammengetragenen Haufen derselben Stoffe, die die Wandungen bilden, so locker umgeben, daß man das Nest aus dieser Ringmauer herausheben kann. Um die Mitte des Mai, oft aber erst zu Ende des Monats, beginnt das Weibchen seine vier bis fünf Eier zu legen und vom ersten an zu brüten. Die Eier haben einen Längsdurchmesser von vierundzwanzig, einen Querdurchmesser von achtzehn Millimeter, ändern in der Form vielfach ab und sind auf weißem, schwach glänzendem Grunde mit äußerst schmutziggelblichen und braunen, gegen das dicke Ende zu einem undeutlichen Kranze zusammentretenden Punkten gezeichnet. Das Weibchen hängt an seiner Brut mit solcher Liebe, daß Wodzicki drei Fehlschüsse auf ein solches tun und beobachten konnte, wie dasselbe trotzdem zum Neste zurückgelaufen kam und weiter brütete. Gleichwohl sind die Vögel gegen Gefahr nicht unempfindlich; denn schon beim leisesten Geräusch hört man das Männchen wie das Weibchen warnend »Kr, kr, tschik« ausrufen und erst dann wieder schweigen, wenn beide von ihrer Sicherheit sich überzeugt haben. Die Jungen verlassen das Nest, wenn sie kaum mit Federn bedeckt und ihre Schwanzfedern eben im Hervorsprossen begriffen sind, laufen wie Mäuse im Grase umher, locken eintönig »Zipp, zipp«, selbst wenn die Alten sie durch ihren Warnungslaut zum Schweigen bringen wollen, und würden sich leichter verraten, als dies der Fall, täuschte nicht auch bei ihnen der Ton in auffallender Weise selbst den kundigen Beobachter.

 

Die dritte Art der merkwürdigen Gruppe ist der Rohrschwirl oder Nachtigallrohrsänger ( Locustella luscinioides). Seine Länge beträgt einhundertundvierzig, die Breite zweihundertundzehn, die Fittichlänge siebenundsechzig, die Schwanzlänge neunundfünfzig Millimeter. Die Oberteile sind olivenrostbraun, Schwingen und Steuerfedern etwas dunkler, die Unterteile und ein schmaler Augenstreifen viel heller, olivenroströtlich, Kinn, Bauchmitte und die verloschenen Endsäume der unteren Schwanzdecken rostweißlich; auf der Unterkehle bemerkt man einige verwaschene rostbraune Schaftflecke. Der Augenring ist tiefbraun, der Oberschnabel braunschwarz, der Unterschnabel gelblich, die Wachshaut fleischfarbig.

Vorzugsweise dem Süden Europas angehörend, findet sich der Rohrschwirl auch in Galizien, an der Donau, in Südrußland, in Holland und ebenso im westlichen Asien und Nordafrika; immer und überall aber beschränkt sich sein Vorkommen auf einzelne Gegenden. Er ist laut Wodzicki ein wahrer Rohrvogel, der das Röhricht nie verläßt, nach Art seines Geschlechtes sich aber immer bewegt und bald auf dem Boden, bald im Rohre dahinläuft. Im Frühjahr belustigt er sich sogar durch Balzflüge, indem er flatternd in die Luft aufsteigt und sich nach Art der Grasmücken und Pieper, jedoch ohne zu singen, mit zurückgelegten Flügeln wieder ins Röhricht wirft. Viel zutraulicher und neugieriger als der Schlagschwirl, pflegt er, sobald er ein Geräusch hört, vom Boden aufzufliegen und sich aufs Rohr zu setzen, um den Hund oder Jäger erstaunt anzusehen. Bezeichnend für ihn ist seine außerordentliche Kampflust: während der Brutzeit verfolgen sich die Gatten oder Nebenbuhler bis zu den Füßen des Beobachters, gleichviel, ob auf sie geschossen wurde oder nicht, denn sie schwirren selbst bei Gefahr. Ihr Gesang ist noch schwerer zu beschreiben als der der Verwandten, um so mehr, als man denselben im bewegten Rohre nur undeutlich vernehmen kann und er außerdem unter den drei Schwirlen zwar die angenehmste, aber auch die schwächste Stimme hat, so daß man, etwas entfernt von ihm, glauben kann, Ohrensausen zu empfinden. »Wer auf fetten Morästen das Geräusch der schnell auf die Wasserfläche kommenden Blasen gehört hat«, sagt Wodzicki, »wird sich den Gesang des Rohrschwirls gut versinnlichen können. Oft ist der Ton höher oder tiefer, ohne das sonst vorherrschende R, als ob man schnell die Buchstaben ›gl gl gl gl‹ wiederholte.« Beim Singen sitzt der Vogel hoch oder niedrig, ausnahmsweise auch ganz ruhig, den Kopf zurückgelegt, den Hals langgezogen, den Kropf stark aufgeblasen. Während der Brutzeit singt er fleißig den ganzen Tag über bis zum Sonnenuntergang, nach Schauers Beobachtungen auch lebhaft während der ganzen Nacht.

Zum Bau des Nestes, an dem sich beide Gatten des Paares beteiligen, schleppen sie mühselig die Niststoffe herbei. Anfangs tun sie dies gemeinschaftlich, später teilen sie die Arbeit, indem das Männchen zuträgt und das Weibchen die Stoffe aus dem Schnabel nimmt und sie sodann verbaut. Das Männchen ist emsig bei der Arbeit und läßt sein eintöniges »Kr, kr« fast ohne Aufhören ertönen. Zur Niststätte wird eine geeignete Stelle im alten, hohen Schilfe oder im dichten, jedoch nur ausnahmsweise im hohen Grase gewählt, und hier steht der große Bau zumeist auf eingeknickten Schilfstengeln, zuweilen fünfzehn, manchmal auch bis sechzig und neunzig Zentimeter über dem Wasser. Das Nest besteht nur aus breiten Schilfblättern, ist aber so sorgsam geflochten und inwendig so glatt, daß die Eier in der Mulde rollen. Jeder Unbefangene würde es eher für das Nest des Zwergrohrhuhns als für das eines Schilfsängers halten, so ähnlich ist es jenem, nur kleiner. Das Gelege besteht aus fünf, seltener vier Eiern, die entweder Ende Mai oder Anfang Juli vollzählig sind, in Form und Farbe außerordentlich abändern, einen Längsdurchmesser von einundzwanzig bis fünfundzwanzig, einen Querdurchmesser von fünfzehn bis neunzehn Millimeter haben und auf weißlichem oder kalkweißem Grunde mit äußerst feinen, das dicke Ende ganz bedeckenden oder mit größeren gelben und braunschwarz violetten Punkten nur sparsam bespritzt und dann denen der Klappergrasmücke sehr ähnlich sind, ebenso wie andere wiederum an Pieper- und Heidelercheneier erinnern. Beide Gatten des Paares brüten abwechselnd und mit solcher Hingebung, daß man sie währenddem ganz gut beobachten kann; beide kommen auch, verscheucht, ohne Bedenken sofort zurück, und zwar entweder im Fluge oder von Ast zu Ast hüpfend. Ist die Brut großgezogen, so verläßt alt und jung das Rohr, übersiedelt ins Schilf und höhere Gras und verbleibt hier bis spät in den September, fortan auf dem nassen Boden sich umhertreibend.

*

An die Rohrsänger schließen sich die Buschsänger ( Drymoicinae) an. Wir vereinigen unter diesem Namen eine auf die Alte Welt und Australien beschränkte, im heißen Gürtel besonders zahlreich auftretende Sängergruppe, deren Merkmale in dem mäßig langen, seitlich zusammengedrückten, gewöhnlich sanft gebogenen Schnabel, den verhältnismäßig sehr kräftigen Füßen, aber kurzen, abgerundeten Flügeln und verschieden langem, meist gesteigertem Schwanze sowie endlich dem einfarbigen, ausnahmsweise auch prachtvollen Gefieder zu suchen sind. Hinsichtlich des Aufenthaltsortes im allgemeinen mit den Rohrsängern übereinstimmend, unterscheiden sich die Buschsänger von ihnen vielleicht dadurch, daß sie noch mehr als jene niedriges Gestrüpp, Binsen und langes Gras zum Aufenthaltsort wählen.

 

Berühmt geworden ist wegen seines überaus kunstvollen Nestbaues der Schneidervogel ( Orthotomus bennettii), Vertreter einer gleichnamigen Sippe ( Orthotomus). Er ist auf dem Mantel gelblich olivengrün, auf dem Scheitel rostrot, im Nacken graurötlich, auf der Unterseite weiß, seitlich graulich verwaschen. Die Länge beträgt siebzehn, beim Weibchen dreizehn, die Fittichlänge fünf, die Schwanzlänge neun, beim Weibchen fünf Zentimeter.

Vom Himalaja an bis zum Kap Comorin, auf Ceylon, Java, in Burma usw., fehlt der Schneidervogel nirgends, vorausgesetzt, daß die Gegend nicht gänzlich des Baumwuchses entbehrt. Er bewohnt Gärten, Obstpflanzungen, Hecken, Rohrdickichte und Waldungen mit mittelhohen Bäumen, lebt gewöhnlich paarweise, zuweilen aber auch in kleinen Familien zusammen, hüpft ohne Unterlaß auf den Zweigen der Bäume und Gebüsche herum, läßt häufig einen lauten Ruf ertönen, der wie »Tuwi« oder »Pretti pretti« klingt, ist zutraulich und hält sich gern dicht bei den Häusern auf, wird aber vorsichtig, wenn er sich beobachtet, und scheu, wenn er sich verfolgt sieht. Seine Nahrung besteht aus verschiedenen Kerbtieren, vorzugsweise aus Ameisen, Zikaden, Raupen und andern Larven, die er von der Rinde und von den Blättern, nicht selten aber auch vom Boden aufnimmt. Beim Hüpfen oder beim Fressen pflegt er den Schwanz zu stelzen und das Gefieder seines Kopfes zu sträuben.

Nester, die Hutton fand, waren sehr zierlich gebaut und bestanden aus Rohr- und Baumwolle, auch Bruchstücken von Wollfäden, alle Stoffe fest ineinander verwoben, mit Pferdehaaren dicht ausgefüttert und wurden zwischen zwei Blättern eines Zweiges des Amaltusbaumes in der Schwebe gehalten. Diese beiden Blätter waren zuerst der Länge nach aufeinandergelegt und in dieser Lage von den Spitzen aus bis etwas über die Hälfte an den Seiten hinauf mit einem vom Vogel selbst gesponnenen starken Faden zusammengenäht, so daß der Eingang zum Neste am oberen Ende zwischen den Blattstielen freiblieb, gerade da, wo diese am Baumzweige hafteten. Ein anderes Nest hing an der Spitze eines Zweiges, etwa sechzig Zentimeter über dem Boden, und war aus denselben Stoffen wie das vorige gearbeitet. Die Blätter waren hier und da mit Fäden, die der Vogel selbst gesponnen, hier und da mit dünnen Bindfäden, die er aufgelesen hatte, zusammengenäht. Alle übrigen Nester, die Hutton untersuchte, glichen den beschriebenen, bestanden aus Baum- und Schafwolle, Roßhaaren und Pflanzenfasern verschiedener Art, hatten die Gestalt eines Beutels und füllten stets das Innere zusammengenähter Blätter aus. Nicholson, der in bewässerten Gärten zu allen Zeiten des Jahres belegte Nester fand, glaubt, daß die Blätter der Bringal ( Solanum esculentum) oder die einer Kürbisart ( Cucurbita octangularis) bevorzugt werden. Mit Hilfe des Schnabels und der Füße schiebt der Vogel die Blattränder gegen- oder übereinander, durchsticht sie dann mit dem Schnabel, in dem er einen selbstgedrehten oder aufgefundenen Faden hält, bis sie in ihrer Lage verbleiben, und baut endlich das Innere aus. Das Gelege besteht aus drei bis vier Eiern, die auf weißem Grunde, namentlich am dünneren Ende, braunrötlich gefleckt sind.

*

Die Kennzeichen der Flüevögel ( Accentorinae) sind kräftiger Leib, kegelpfriemenförmiger, gerader, mittellanger, an den scharfen Schneiden stark eingezogener Schnabel, dessen ritzenförmige Nasenlöcher oben von einer Haut bedeckt werden, mittelhohe, etwas starke Füße, mit kurzen, aber kräftigen Zehen und stark gekrümmten Nägeln, mittel- oder ziemlich lange Flügel, in denen die dritte oder vierte Schwinge die längste zu sein pflegt, kurzer, mäßig breiter Schwanz und lockeres Gefieder. Die Geschlechter unterscheiden sich wenig, die Jungen merklich von den Alten. Europa gehören nur zwei Arten an.

Der Waldflüevogel, auch Heckenbraunelle genannt ( Accentor modularis), ist schlank gebaut, der Schnabel schwach, die Flügel, in denen die vierte Schwinge die längste, mäßig, der Schwanz ziemlich lang, auf Kopf, Hals, Kehle und Kropf aschgrau, am Kinn graulichweiß, auf dem Oberkopfe mit verwaschenen braunen Schaftstrichen gezeichnet, in der Ohrgegend bräunlich, heller gestrichelt, auf Brust und Bauch weißlich, an den Seiten bräunlich mit dunklen Schaftstrichen, auf den unteren Schwanzdecken braun, jede Feder hier weißlich gerandet; die Schwingen und Steuerfedern sind braunschwarz, letztere etwas matter als die ersteren, außen rostbraun gesäumt. Das Auge ist lichtbraun, der Schnabel braun, der Fuß rötlich. Die Jungen sind auf der Oberseite auf rostgelbem Grunde schwarzbraun, auf der Unterseite auf rostgelblichem, in der Mitte weißlichem Grunde grauschwarz gefleckt. Die Länge beträgt hundertfünfzig, die Breite zweihundertvierzehn, die Fittichlänge einundsiebzig, die Schwanzlänge sechzig Millimeter.

Vom vierundsechzigsten Grade nördlicher Breite an bis zu den Pyrenäen, den Alpen und dem Balkan scheint der Waldflüevogel überall Brutvogel zu sein, kommt aber auch noch weiter nach Norden hin vor und erscheint im Winter sehr regelmäßig im Süden Europas, streift selbst nach Nordafrika und nach Westasien hinüber. In Mitteldeutschland trifft er im März ein, hält sich eine Zeitlang in Hecken und Gebüschen auf und begibt sich dann an seinen Brutort, in den Wald, Fichten- und Kiefernbestände, Laubhölzer und ebenso das Gebirge der Ebene bevorzugend.

»In ihrem ganzen Wesen«, sagt mein Vater, »zeichnet sich die Braunelle so sehr aus, daß sie der Kenner schon von weitem an dem Betragen von andern Vögeln unterscheiden kann. Sie hüpft nicht nur im dichtesten Gebüsch, sondern auch auf der Erde mit größter Geschicklichkeit herum, durchkriecht alle Schlupfwinkel, drängt sich durch dürres, hohes Gras, durchsucht das abgefallene Laub und zeigt in allem eine große Gewandtheit. Auf dem Boden hüpft sie so schnell fort, daß man eine Maus laufen zu sehen glaubt. Ihren Leib trägt sie auf die verschiedenste Weise, gewöhnlich wagerecht, den Schwanz etwas aufgerichtet, die Fußwurzeln angezogen, oft aber auch vorn erhoben, den Hals ausgestreckt, den Schwanz gesenkt. Wenn man sie vom Boden aufjagt, fliegt sie auf einen Zweig, sieht sich um und verläßt den Ort erst, wenn ihr die Gefahr sehr nahe kommt. Ihr Flug ist geschwind, geschieht mit schneller Flügelbewegung und geht ziemlich geradeaus. Von einem Busche zum andern streicht sie niedrig über der Erde dahin; wenn sie aber den Platz ganz verläßt, steigt sie hoch in die Luft empor und entfernt sich nun erst. So gern sie sich beim Aussuchen ihrer Nahrung verbirgt, ebensogern sitzt sie frei beim Singen. Man sieht sie dann stets auf den Wipfeln der Fichten, doch selten höher als zwanzig Meter über dem Boden, oder auf freistehenden Zweigen, besonders auf denen, die den Wipfeln am nächsten stehen. Ihr Gesang besteht aus wenigen Tönen, die durcheinander gewirbelt werden und nicht viel Anmutiges haben.« Der Lockton klingt wie »Di dui dii« oder »Sri sri«; der Ausdruck der Angst hell wie »Didü«, ein Ruf, den sie im Fluge vernehmen läßt, wie »Bibibil«; das Lied besteht hauptsächlich aus den Lauten »Dididehideh«. Ein Vogel singt fast wie der andere, doch sind auch geringe Abweichungen bemerkt worden. Im Sitzen lockt die Braunelle selten, am häufigsten, wenn sie hoch durch die Luft fliegt. Sie scheint dann die sitzenden Vögel zum Mitwandern ermuntern zu wollen. Oft sind die lockenden Vögel so hoch, daß sie das menschliche Auge nicht erblicken kann. »Bei Annäherung einer Gefahr stürzt sie sich von der Spitze des Baumes fast senkrecht ins Gebüsch herab und verbirgt sich gänzlich. Sie ist jedoch keineswegs scheu, vielmehr sehr zutraulich und kirre und läßt den Beobachter nahe an sich kommen.« Im Sommer nährt sie sich hauptsächlich von Kerbtieren, zumal kleinen Käferchen und deren Larven; auf dem Zuge verzehrt sie fast nur feine Sämereien, nimmt auch, um die Verdauung zu erleichtern, Kieskörner auf.

Ende April schreiten die Paare zum Nestbau. Das Männchen singt jetzt unaufhörlich, streitet sich heftig mit Nebenbuhlern und hilft später am Bau des künstlichen Nestes. Dieses steht stets in dichtem Gezweig, gewöhnlich in Fichtenbüschen, durchschnittlich ein Meter über dem Boden. »Es hat eine Unterlage von wenigen dürren Zweigen und besteht ausschließlich aus feinen, grünen Erdmoosstengeln, die bisweilen auch die Ausfütterung bilden und seine Schönheit vollenden. Gewöhnlich ist es inwendig mit den roten Staubträgern des Erdmooses ausgelegt und erhält dadurch das Ansehen, als wäre es mit Eichhornhaaren ausgefüttert. Unter den Moosstengeln finden sich oft auch Fichtenbartflechten und einzelne Heidekrautstengel, und die innere Lage besteht zuweilen aus schlanken, dürren Grasblättern, etwas Schafwolle und einzelnen Federn. Im Mai findet man das erste, im Juli das zweite Gelege in ihm. Ersteres besteht aus vier bis sechs, letzteres gewöhnlich aus vier zwanzig Millimeter langen, vierzehn Millimeter dicken, blaugrünen Eiern. Sie werden wahrscheinlich von beiden Geschlechtern in dreizehn bis vierzehn Tagen ausgebrütet und wie die Brut sehr geliebt. Bei Gefahr verstellt sich das Weibchen nach Art der Grasmücken.« Auf die erste Brut folgt im Juni eine zweite.

Die Braunellen gewöhnen sich rasch an die Gefangenschaft und werden bald sehr zahm. Ihre Zutraulichkeit macht sie dem Liebhaber wert, trotz des unbedeutenden Gesanges.

 

Hoch oben in dem Alpengürtel der Schneegebirge Südspaniens begegnete ich zu meiner Freude zum ersten Male einer mir bisher nur durch Beschreibungen bekannt gewordenen Art der Familie, dem auf allen Hochgebirgen Europas häufigen Alpenflüevogel, auch Bergspatz oder Gadenvogel genannt ( Accentor alpinus). Bald rasch über die zerstreut liegenden Felsblöcke hinweggleitend, bald zwischen den duftigen Rosmarin- und Thymianbüschen sich verbergend, bald auf einen größeren Block fliegend, sang er hier sein leises, klangreiches Liedchen, trotz Sturmgebrause und Schneegestöber, wie es dort oben uns oft umtobte in den Tagen des November. Auch jetzt noch war er lebendig, behend und munter, wenig scheu, eher zutraulich, gewandt in seinen Bewegungen, anmutig in seinem Wesen. Einzeln oder in kleinen Gesellschaften trafen wir ihn bis zu den Schneefeldern hinauf, in weit größerer Anzahl aber auf den sonnigen Gehängen der Südseite des mächtigen Gebirges. Hier ging er zuweilen auch tiefer hinab in die Täler; sein eigentliches Gebiet aber schien die Höhe zu sein, und namentlich gegen Abend flogen auch die zerstreut da unten lebenden immer wieder nach oben empor. Es versammelten sich dann die einzelnen Gesellschaften auf gemeinschaftlichen Schlafplätzen, auf oder an steilen Felsenwänden mit Löchern und Spalten oder einzelnen Büschen und Grasbüscheln, auf denen auch Alpenkrähen und Felsentauben sich einfanden, um dort die Nacht zu verbringen. Am frühen Morgen verließ der Schwarm den Schlafplatz, zerteilte sich in Trupps, und jeder von diesen ging nun seinem Tagewerke nach. Später habe ich den anmutigen Vogel oft wiedergesehen, in den Alpen sowohl wie auf dem Riesengebirge, außer dem Bayerischen Hochgebirge seinem einzigen Brutorte in Deutschland.

Der Alpenflüevogel hat mit einer Lerche Ähnlichkeit. Der Schnabel ist verhältnismäßig stark, von oben und unten etwas gekrümmt und zugespitzt. Die Oberteile des Gefieders sind graubraun, Nacken und Halsseiten deutlicher grau, Mantel und Schultern durch breite, dunkelbraune Schaftflecke gezeichnet, Kinn und Kehlfedern weiß mit schwarzen Endsäumen, die übrigen Unterteile bräunlichgrau, seitlich rostrot. Das Auge ist braun, der Schnabel hornschwarz, der Unterschnabel horngelb, der Fuß gelbbräunlich. Das Weibchen unterscheidet sich durch etwas mattere Färbung. Die Länge beträgt achtzehn, die Breite dreißig, die Fittichlänge zehn, die Schwanzlänge sieben Zentimeter.

Alle höheren Gebirge Süd- und Mitteleuropas beherbergen die Flüelerche, wie unser Vogel auch noch heißt. Auf den Alpen ist sie überall häufig, auf dem Riesengebirge eine zwar seltenere, aber doch regelmäßige Erscheinung. So hoch wie der Schneefink steigt sie nicht empor, treibt sich vielmehr am liebsten an Steinhalden umher, die an Felsenwände sich anlehnen und nicht alles Pflanzenlebens ermangeln. An regengeschützten Stellen der Absätze jener Wände steht auch gewöhnlich das Nest des Paares. Zum Singen wählt sich das Männchen entweder einen hervorstehenden Felsbrocken oder einen einzelnen hohen Stein. Der Gesang ist nicht eben bedeutend, doch auch nicht langweilig, und entspricht ganz dem im allgemeinen sanften, freundlichen Wesen des Sängers selbst.

Unbeobachtet oder wenigstens vollster Sicherheit sich bewußt, hüpft der zusammengehörende Haufe unablässig über und zwischen bemoosten Felsstücken umher, dabei beständig freundliche Locktöne ausstoßend und allmählich vorwärts rückend. Währenddem ergreift der Schnabel bald ein Kerbtier, bald ein Samenkörnchen, bald ein Würmchen, bald eine Beere, denn der Flüelerche ist fast alles recht, was nicht zu hart oder zu wehrfähig erscheint. Solange sie in den höheren Gebirgen auszuhalten vermag, d. h. solange nicht Schneemassen den Boden allzudick überschütten, verläßt sie ihren Stand nicht, weicht aber natürlich der Tiefe zu, sobald jene die kalte Hand auf ihre Futterquelle legen. Im Winter kommt sie bis in die Bergdörfer herunter, geht dann mit der Steinkrähe und den Schneefinken den Spuren der Pferde auf den Landstraßen nach oder erscheint selbst zwischen den stillen Hütten der Alpler.

In günstigen Sommern brütet auch der Alpenflüevogel zweimal; denn man findet sehr frühzeitig und noch zu Ende des Juli Eier im Neste. Letzteres wird in Steinritzen und Löchern unter Felsblöcken oder in dichten Alpenrosenbüschen, immer aber auf gedeckten und versteckten Plätzen, aus Erdmoos und Grashalmen erbaut und innen mit dem feinsten Moose oder mit Wolle, Pferde- und Kuhhaaren zierlich ausgelegt. Die vier bis sechs länglichen, glattschaligen, blaugrünen Eier unterscheiden sich von denen der Heckenbraunelle nur durch die Größe: ihr Längsdurchmesser beträgt vierunddreißig, ihr Querdurchmesser siebzehn Millimeter.

Gefangene Alpenflüevögel gewöhnen sich leicht ein, werden außerordentlich zahm, dauern bei geeigneter Pflege einige Jahre im Käfige aus und erfreuen durch ihren angenehmen, sanften Gesang und die Unermüdlichkeit, mit der sie ihr einfaches Lied vortragen.

 << Kapitel 2 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.