Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alfred Brehm >

Brehms Tierleben. Vögel. Band 14: Raubvögel I

Alfred Brehm: Brehms Tierleben. Vögel. Band 14: Raubvögel I - Kapitel 2
Quellenangabe
typereport
authorAlfred Brehm
titleBrehms Tierleben. Vögel. Band 14: Raubvögel I
publisherGutenberg-Verlag
seriesBrehms Tierleben
volumeBand 14
editorAdolf Meyer
year1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140115s
projectidcbb780d8
Schließen

Navigation:

Fünfte Ordnung. Die Raubvögel ( Accipitres)

Falken. Habichte. Kranichgeier

Wollten wir bei den Vögeln in demselben Sinne von Raubtieren sprechen, wie wir es bei den Säugetieren getan haben, so würden wir kaum eine einzige Ordnung als Nichträuber kennenlernen. Die Vögel sind ihrer großen Menge nach Raubtiere und gerade diejenigen, die wir als die harmlosesten anzusehen uns gewöhnt haben, unsere Singvögel, leben fast ausschließlich von andern Tieren und verzehren Früchte oder Körner nur nebenbei. Dessenungeachtet ist es gebräuchlich geworden, bei den Vögeln den Begriff »Raubtier« auf eine einzige Ordnung zu beschränken; wir nehmen sogar die Strand- und Seevögel aus, wenn wir von Raubvögeln sprechen, obwohl sie sich fast ausschließlich von Wirbeltieren ernähren.

Die Raubvögel sind große, mittelgroße oder kleine Mitglieder ihrer Klasse. Mehrere von ihnen erreichen eine Größe, die nur von wenigen Lauf- und Schwimmvögeln überboten wird, einzelne stehen einer Lerche an Leibesumfang gleich. Zwischen diesen beiden äußersten sind alle Größen unter ihnen vertreten. Wie bedeutend die Verschiedenheit hierin aber auch sein möge: das allgemeine Gepräge ist fast ausnahmslos zu bemerken und der Raubvogel nicht zu verkennen. Es ist nicht schwer, die Raubvögel im allgemeinen zu kennzeichnen. Ihr Leib hat mit dem der Papageien viel Ähnlichkeit. Er ist kräftig, gedrungen, breitbrüstig; seine Glieder sind, ungeachtet ihrer zuweilen fast unverhältnismäßig erscheinenden Länge, stark und verraten Fülle von Kraft. Der Kopf ist, wie bei den vollkommensten aller Vögel, groß, wohlgerundet, nur ausnahmsweise verlängert, der Hals gewöhnlich kurz und kräftig, letzteres selbst dann, wenn er ungewöhnliche Länge erreicht, der Rumpf kurz, namentlich auf der Brustseite, stark; die Arm- und Fußglieder zeigen dasselbe Gepräge; und so würde ein Raubvogel auch dann noch leicht zu erkennen sein, wenn man ihn betrachten wollte, nachdem er seiner Waffen und seines Gefieders beraubt worden. Und doch machen ihn diese Waffen hauptsächlich zu dem, was er ist; sie sind das eigentlich Bezeichnende an ihm. Der Schnabel ähnelt in mancher Hinsicht dem der Papageien. Auch er ist kurz, auf der Firste des Oberkiefers stark gebogen und hakig übergekrümmt, auch seine Wurzel auf der Oberhälfte mit einer Wachshaut bedeckt; aber er ist nicht »kugelig« wie jene der Papageien, sondern stets seitlich zusammengedrückt, daher höher als breit, der Oberschnabel breiter als der untere, den er umschließt, und unbeweglich, der Haken spitzer, der Rand der Schneiden schärfer, als es bei den letztgenannten Vögeln der Fall. Häufig wird die Schärfe der Schneiden noch durch einen Zahn erhöht, der sich über der Spitze des Unterkiefers befindet; wo dieser Zahn nicht vorhanden, ist die Oberkieferschneide wenigstens vorgebogen; nur ganz ausnahmsweise sind die Schneiden nicht ausgebuchtet. Der Fuß erinnert ebenfalls an den der Papageien. Er ist kurz, stark und langzehig, die Paarzehigkeit durch die nicht allzu selten vorkommende Wendefähigkeit einer Zehe angedeutet, sogar in der Beschuppung eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Papageifuße nicht zu verkennen; der Raubvogelfang unterscheidet sich von letzterem aber stets durch die Entwicklung der Krallen, die den Fuß eben zum Fange umgestalten. Die Krallen sind mehr oder weniger stark gebogen und dann sehr spitzig, selten flach gekrümmt und stumpf, auf ihrer Oberseite gerundet, auf der Unterseite aber meist etwas ausgehöhlt, so daß zwei fast schneidige Ränder entstehen, stellen daher ein ebenso vorzügliches Greifwerkzeug wie eine furchtbare Waffe dar. Die Befiederung zeigt je nach den Familien und Sippen erhebliche Unterschiede. Ein Afterschaft fehlt bei dem Fischadler, den neuweltlichen Geiern und den Eulen. Dunen treten in Form von Staubdunen bei Geiern und andern Tagraubvögeln entweder auf allen Teilen des Körpers oder in besonders ersichtlicher Weise auf dem Halse und in Zügen auf, die die Fluren der Außenfedern bekleiden und unter Umständen auch ihre Stelle einnehmen. Die Federn fehlen zuweilen einzelnen Stellen des Kopfes, oft dem Zügel und, wie bei vielen Papageien, einer Stelle ums Auge; bei einzelnen dagegen umgibt gerade das Auge ein strahliger Federkranz, der sogenannte Schleier, den wir beim Kakapo auch schon kennenlernten. Schwingen und Steuerfedern sind immer beträchtlich groß; ihre Anzahl ist eine sehr regelmäßige; zehn Handschwingen, mindestens zwölf, meist aber dreizehn bis sechzehn Armschwingen und fast durchgehends zwölf paarig sich gleichende Steuerfedern sind vorhanden. Wie bei den edelsten Papageien ist auch bei den höchststehenden Raubvögeln kleinfederiges Gefieder vorherrschend, und zwar erstreckt sich die Befiederung bei vielen Arten über den ganzen Lauf, bis zu den Zehen herab, ja sogar auf diese selbst und wird am Schenkel oft zur Hose. Düstere Färbung herrscht im Gefieder vor; doch fehlt ihm entsprechende Farbenzusammenstellung keineswegs und noch weniger unsern Schönheitssinn befriedigende Zeichnung. Einzelne Raubvögel dürfen sogar als farbenschöne Geschöpfe bezeichnet werden. Die federlosen Hautstellen am Kopfe, die Kämme und Kehllappen am Schnabel, die ebenfalls vorkommen, der Zügel, die Wachshaut, der Schnabel, der Fuß und das Auge sind zuweilen sehr lebhaft gefärbt.

Unter den Sinneswerkzeugen ist vor allen das Auge beachtenswert. Es ist immer groß, bei den Nachtraubvögeln verhältnismäßig überhaupt am größten, gestattet ein gleichscharfes Sehen in verschiedenen Entfernungen und stellt sich für diese mit größter Leichtigkeit ein. Das Gehör ist bei den Raubvögeln ebenfalls hoch entwickelt, am höchsten überhaupt bei den Eulen. Die Geruchsorgane sind hingegen im Vergleich zu Auge und Ohr als verkümmert anzusehen. Das Gefühl ferner ist besser entwickelt als Geruch oder Geschmack.

Geistige Beschränkung wird nur bei wenigen Raubvögeln beobachtet; die übrigen lassen über ihren hohen Verstand keinen Zweifel aufkommen. Die meisten Eigenschaften des Geistes, die man ihnen nachrühmt, sind begründet, Mut und Selbstbewußtsein, freilich auch Gier, Grausamkeit, List und sogar Tücke für sie bezeichnend. Welch hoher Ausbildung sie fähig sind, beweisen am schlagendsten die Edelfalken, die vorzüglichsten Räuber unter allen Raubvögeln, die sich zum Dienste des Menschen heranbilden lassen. Eine die Vögel insgemein auszeichnende Begabung fehlt den geflügelten Räubern: sie ermangeln einer wohltönenden Stimme. Viele sind nur imstande, einen, zwei oder drei verschiedene einfache, selbst mißtönende Laute hervorzustoßen. Doch sind wenigstens nicht alle Raubvögel jedes Wohllautes unfähig; denn einige lassen Töne vernehmen, die auch einem tonkünstlerisch gebildeten Ohre als ansprechend erscheinen müssen.

Die Raubvögel bewohnen die ganze Erde und jeden Breiten- und Höhengürtel. Der Mehrzahl nach Baumvögel und daher vorzugsweise dem Walde angehörend, meiden sie doch weder das baumlose Gebirge noch die öde Steppe oder Wüste. Man begegnet ihnen auf den kleinsten Eilanden im Weltmeere oder auf den höchsten Gipfeln der Gebirge, steht sie über die Eisfelder, die Grönland oder Spitzbergen umlagern, wie über die sonnendurchglühten Ebenen der Wüste dahinschweben, bemerkt sie im Schlingpflanzendickicht des Urwaldes wie auf den Kirchen großer Städte. Der Verbreitungskreis der einzelnen Art pflegt ausgedehnt zu sein, entspricht jedoch keineswegs immer der Bewegungsfähigkeit derselben, kann im Verhältnis zu dieser sogar eng erscheinen. Einzelne Arten freilich kennen kaum Beschränkung und schweifen fast auf der ganzen Erde umher.

Viele der gefiederten Räuber wandern, wenn der Winter ihr Jagdgebiet verarmen läßt, dem kleinen Geflügel in südlichere Gegenden nach; gerade die im höchsten Norden wohnenden Arten aber streichen nur. Auf solchen Wanderungen bilden sie zuweilen Schwärme, wie sie sonst nicht beobachtet werden; denn die wenigsten sind als gesellige Tiere zu bezeichnen. Jene Gesellschaften lösen sich schon gegen den Frühling hin in kleinere und schließlich in die Paare auf, aus denen sie im Herbst sich bildeten oder die während des Zusammenseins in der Fremde sich fanden. Diese Paare kehren ziemlich genau zu derselben Zeit in die Heimat zurück und schreiten hier baldmöglichst zur Fortpflanzung.

Alle Raubvögel brüten in den ersten Frühlingsmonaten und, wenn sie nicht gestört wurden, nur einmal im Jahre. Der Horst kann sehr verschieden angelegt und dementsprechend verschieden ausgeführt sein. Weitaus in den meisten Fällen steht er auf Bäumen, häufig auch auf Felsvorsprüngen, an unersteiglichen Wänden oder in Mauerlöchern alter Gebäude; seltener ist eine Baumhöhlung die Nistkammer, am seltensten der nackte Boden die Unterlage eines Reisighaufens, auf dem die Eier zu liegen kommen. Alle Horste, die auf Bäumen oder Felsen stehen, sind große und breite, jedoch niedrige Nester mit flacher Mulde, werden aber meist mehrere Jahre nacheinander benutzt, jedesmal neu aufgebessert und dadurch allmählich sehr erhöht. Beide Geschlechter helfen beim Aufbau; das Männchen trägt wenigstens zu. Für die großen Arten ist es schwer, die nötigen Stoffe, namentlich die starken Knüppel, zu erwerben; die Adler müssen sie sich, wie Tschudi vom Steinadler angibt, von den Bäumen nehmen, indem sie sich mit eingezogenen Fittichen aus hoher Luft herabstürzen, den ausersehenen Ast mit ihren Fängen packen und durch die Wucht des Stoßes abbrechen. In den Klauen tragen sie die mühsam erworbenen Äste und Zweige dann auch dem Horste zu. Diejenigen Raubvögel, die in Höhlen brüten, legen die Eier auf den Mulm der Baumlöcher, einzelne auch wohl auf die Erde oder auf das nackte Gestein. Wahrscheinlich darf man sagen, daß nur die wenigsten Arten sich selbst eigene Horste errichten. Bei uns zulande ist, nach Eugen von Homeyers langjährigen Beobachtungen, der ursprüngliche Baumeister für die größeren Arten der Bussard, für die kleineren Arten die Nebel- oder Raben-, seltener die Saatkrähe oder Elster. Manche Raubvögel, beispielsweise die großen Adler, wechseln regelmäßig mit zwei Horsten, und sehr gern nimmt der kleine Wanderfalk die Horste der Adler, die letztere schon der bedeutenden, für sie erforderlichen Größe halber selbst errichten müssen, in Beschlag. So kann es geschehen, daß in dem einen Jahre der See- oder Fischadler, in dem andern der Wanderfalk abwechselnd auf einem Horste brüten. In Horsten, die ursprünglich wahrscheinlich vom Bussard erbaut worden waren, fand Homeyer Schreiadler, Königsmilane, Wanderfalken, Uhus und Waldkäuze brüten.

Der Paarung gehen mancherlei Spiele voraus, wie sie den stolzen Vögeln angemessen sind. Prachtvolle Flugübungen, wahre Reigen in hoher Luft, oft sehr verschieden von dem sonst gewöhnlichen Fluge, sind die Liebesbeweise der großen Mehrzahl; eigentümliche, gellende oder äußerst zärtliche Laute bekunden die Erregung einzelner Arten. Eifersucht spielt natürlich auch unter dem Herrschergeschlechts seine Rolle: jeder Eindringling ins Gehege wird angegriffen und womöglich verjagt, nicht einmal ein fremder, das heißt nicht derselben Art angehöriger Vogel geduldet. Prachtvolle Wendungen, pfeilschnelle Angriffe, glänzende Abwehr, mutiges gegenseitiges Verfolgen und ebenso mutiges Standhalten kennzeichnen derartige Kämpfe. Wenn sich die ritterlichen Kämpen packen, geschieht es immer gegenseitig: sie verkrallen sich ineinander und stürzen nun, unfähig, die Schwingen fernerhin geschickt zu gebrauchen, wirbelnd aus der Höhe herab. Unten wird der Kampf augenblicklich abgebrochen; aber sowie sich beide wieder in die Luft erheben, beginnt er von neuem mit gleicher Heftigkeit. Nach langem Zweikampfe zieht sich der schwächere Teil zurück und flieht, verfolgt von dem Sieger, über die Grenzen des Gebietes. Trotz der erlittenen Niederlage gibt er aber den Streit nicht auf; oft währt dieser tage-, ja wochenlang, und nur wiederholtes Siegen verschafft dem Überwinder die Ruhe des Besitzes. Das erwählte oder erkämpfte Weibchen, das mit inniger Liebe an seinem Gatten hängt und derartige Kämpfe mit entschiedener Teilnahme verfolgt, scheint keinen Anstand zu nehmen, bei einem für ihren Gatten ungünstigen Ausgange des Streites dem Sieger sich zu eigen zu geben.

Die Eier sind rundlich, in den meisten Fällen ziemlich rauhschalig und entweder rein weiß, graulich, gelblich oder auf lichtem Grunde mit dunkleren Flecken und Punkten gezeichnet. Ihre Anzahl schwankt zwischen eins und sieben. Bei den meisten Raubvögelarten brütet das Weibchen allein, bei einzelnen löst das Männchen es zeitweilig ab. Die Brutdauer währt zwischen drei bis sechs Wochen; dann schlüpfen die unbehülflichen Jungen aus: kleine, runde, über und über in weißgrauen Wollflaum gekleidete Tiere mit großen Köpfen und meist offenen Augen. Sie wachsen rasch heran und bekommen wenigstens auf der Oberseite bald eine dichte Befiederung. Ihre Eltern lieben sie, wie auch schon die Eier, ungemein, verlassen sie nie und geben sich ihrethalben selbst dem Tode preis, falls sie sich zu schwach fühlen, Angriffe abzuwehren. Manche tragen die gefährdeten Jungen auch wohl einem andern Orte zu, um sie zu sichern. Ebenso aufopfernd, wie sie einem Feinde gegenüber sich zeigen, mühen sie sich, ihrer Brut die nötige Atzung herbeizuschaffen. Sie schleppen im Überfluß Beute herbei, werfen solche, bei Gefahr, sogar aus hoher, sicherer Luft aufs Nest hernieder. Anfänglich erhalten die Jungen halbverdaute Nahrung, die die Alten aus ihrem Kropfe aufwürgen, später werden ihnen zerstückelte Tiere gereicht. Auch nach dem Ausfliegen noch werden die jungen Räuber längere Zeit von ihren Eltern geführt, ernährt, unterrichtet und beschützt.

Wirbeltiere aller Klassen und Kerfe der verschiedensten Art, Vogeleier, Würmer, Schnecken, Aas, Menschenkot, ausnahmsweise auch Früchte bilden die Nahrung der Raubvögel. Sie erwerben sich ihre Speise durch Fang der lebenden Tiere, durch Abjagen der von andern Gliedern ihrer Ordnung gewonnenen und durch einfaches Wegnehmen der gefundenen Beute. Zum Fangen dienen die Füße, die deshalb »Fänge« oder bei den Jagdfalken »Hände« genannt werden; zum Zerstückeln oder richtiger zum Zerreißen der Nahrung wird der Schnabel verwendet. Kerbtiere werden auch wohl unmittelbar mit dem Schnabel aufgenommen. Die Verdauung ist äußerst lebhaft. Bei denen, die einen Kropf besitzen, wird in ihm die Nahrung zuvörderst eingespeichelt und teilweise bereits zersetzt; der scharfe Magensaft tut das übrige. Knochen, Sehnen und Bänder werden zu Brei aufgelöst, Haare und Federn zu Klumpen geballt und diese, die sogenannte Gewölle, von Zeit zu Zeit ausgewürgt. Der Kot ist ein flüssiger, kalkartiger Brei, der als Strahl ausgeworfen wird. Alle Raubvögel können auf einmal sehr viel fressen, aber auch sehr lange hungern.

Die Tätigkeit der Raubvögel ist noch von einem andern Gesichtspunkte zu betrachten: ihre Räubereien können uns nützliche und können uns schadenbringende Tiere betreffen, die Vögel selbst daher uns als schädliche oder nützliche erscheinen. Die Gesamtheit als solche dürfte als eine äußerst nützliche angesehen werden können; einzelne dagegen fordern unsere Abwehr heraus. Nicht bloß der Kranichgeier, der der Giftschlange den Kopf zertrümmert, nicht bloß der Geier, der die Straßen der Städte Afrikas, Südasiens und Amerikas säubert, sind als unersetzliche Vögel anzusehen: auch auf unsern Fluren und Feldern leben segenbringende Raubvögel, die das verderbliche Heer der schädlichen Nager und Kerbtiere vernichten. Sie zu schützen, zu erhalten, ihnen freie Bahn zu gewähren, ist Pflicht des vernünftigen Menschen.

Die Raubvögel sondern sich schärfer als andere ihrer Klassenverwandten in Gruppen, und diese sind deshalb auch seit Anbeginn der Vogelkunde umgrenzt worden. Wir erkennen, wenn wir die ganze Ordnung überblicken, drei solcher Gruppen, die wir als in sich abgeschlossene bezeichnen dürfen, nämlich die Falken, die Geier und die Eulen.

*

Die Falken ( Falconidae) bilden eine an Formen und Arten reiche Familie. Sie sind kleine, höchstens mittelgroße, kräftig gebaute, großköpfige und kurzhalsige, knapp befiederte Raubvögel mit verhältnismäßig kurzem, auf der Firste stark gerundetem, spitzhakigem und vor der Spitze mit einem mehr oder minder deutlichen Zahne ausgerüsteten Ober- und kurz ausgebuchteten Unterschnabel, kurz- oder mäßig langläufigen, langzehigen Füßen, langen und spitzigen Flügeln, unter deren Schwingen die zweite die längste zu sein pflegt, und mittellangem, mehr oder minder abgerundetem Schwanze.

Unter allen Raubvögeln gebührt meiner Ansicht nach den Edelfalken ( Falco) die erste Stellung. Sie sind unter den Vögeln dasselbe, was die Katzen unter den Raubtieren: die vollendetsten aller Raubvögel überhaupt. »Ihre geistigen Eigenschaften«, so habe ich früher von ihnen gesagt, »gehen mit ihren leiblichen Begabungen Hand in Hand. Sie sind Räuber der schlimmsten Art; aber man verzeiht ihnen das Unheil, das sie anrichten, weil ihr ganzes Leben und Wirken zur Bewunderung hinreißt. Stärke und Gewandtheit, Mut und Jagdlust, edler Anstand, ja, fast möchte man sagen, Adel der Gesinnung, sind Eigenschaften, die niemals verkannt werden können.«

Die Edelfalken, von denen man einige fünfzig Arten unterschieden hat, zeigen das Gepräge der Raubvögel am vollkommensten. Ihr Leib ist sehr gedrungen gebaut, der Kopf groß, der Hals kurz, der Schnabel verhältnismäßig kurz, aber kräftig, auf der Firste stark gerundet, und in einem scharf herabgebogenen Haken, der an den Schneiden durch einen mehr oder minder hervorspringenden Zahn noch einmal bewaffnet wird, ausgezogen, der Unterschnabel dagegen kurz, aber scharfschneidig, dem Zahne des oberen entsprechend ausgebuchtet. Die Fänge sind verhältnismäßig die größten und stärksten, die Raubvögel besitzen. Der Schenkel ist stark, muskelig, der Lauf kurz, der eigentliche Fang aber sehr langzehig: bei den wahren Edelfalken kommt die Mittelzehe dem Laufe an Länge annähernd gleich. Das Gefieder ist dicht und hart; namentlich die Schwingen und Steuerfedern sind sehr stark. Im Fittich ist die zweite, ausnahmsweise die dritte Schwinge die längste, die erste der dritten oder bezüglich der vierten gleich. Der Schwanz pflegt seitlich verkürzt und deshalb abgerundet zu sein. Bezeichnend für die Edelfalken ist außerdem eine nackte, lebhaft gefärbte Stelle um das Auge, die diesem wichtigsten Sinneswerkzeuge die größtmögliche Freiheit gewährt. Über die Färbung des Gefieders läßt sich im allgemeinen nur sagen, daß ein lichtes Blaugrau oder Rotbraun auf dem Rücken und ein helles Weißgrau, Fahlgelb oder Weiß auf der Unterseite vorwaltend und ebenso ein schwarzer Wangenstreifen, den man treffend Bart genannt hat, vielen Falken eigentümlich ist. Die Männchen unterscheiden sich bei den echten Edelfalken nur durch geringere Größe, bei den unechten auch durch andere Färbung von den Weibchen. Die Jungen tragen ein Kleid, das von dem beider Eltern abweicht, und erhalten die Tracht der letzteren erst im zweiten oder dritten Jahre.

Alle Erdteile und alle Gegenden beherbergen Edelfalken. Sie finden sich von der Küste des Meeres an bis zu den Spitzen der Hochgebirge hinauf, vorzugsweise in Waldungen, kaum minder häufig aber auf Felsen und alten Gebäuden, an menschenleeren Orten ebensowohl wie in volksbelebten Städten. Jede Art verbreitet sich über einen großen Teil der Erde und wird in andern durch sehr ähnliche ersetzt; außerdem wandert oder streicht jede Art weit umher. Viele Arten sind Zugvögel, andere wandern nur, und einzelne endlich zählen zu den Strichvögeln.

Sämtliche Edelfalken sind äußerst bewegungsfähige Tiere. Ihr Flug ist sehr ausgezeichnet, weil ungemein schnell, anhaltend und im hohen Grade gewandt. Der Falk durchmißt weite Strecken mit unglaublicher Raschheit und stürzt sich beim Angriff zuweilen aus bedeutenden Höhen mit solcher Schnelligkeit zum Boden herab, daß das Auge nicht fähig ist, seine Gestalt aufzufassen. Bei den wahren Edelfalken besteht der Flug aus schnell aufeinanderfolgenden Flügelschlägen, die nur selten durch kurze Zeit währendes Schweben unterbrochen werden; bei andern ist er langsam und mehr schwebend; auch erhalten sich diese durch längere zitternde Bewegung oder »Rütteln«, wie der Vogelkundige zu sagen pflegt, längere Zeit auf einer und derselben Stelle in der Luft, was jene, nicht zu tun pflegen. Auf dem Fluge und während der Zeit der Liebe steigen die Edelfalken zu unermeßlichen Höhen empor und schweben dann lange in prächtigen Kreisen hin und her, führen zu eigener Belustigung und Erheiterung des Weibchens förmliche Flugreigen auf. Sonst halten sie gewöhnlich eine Höhe von sechzig bis hundertzwanzig Meter über dem Boden ein. Im Sitzen nehmen sie, weil die Kürze ihrer Füße dies bedingt, eine sehr aufrechte Stellung an, im Gehen tragen sie den Leib wagerecht; sie sind aber höchst ungeschickt auf dem Boden und hüpfen mit abwechselnder Fußbewegung in sonderbar unbehilflicher Weise dahin, müssen auch gewöhnlich die Flügel mit zu Hilfe nehmen, um fortzukommen.

Wirbeltiere, und zwar vorzugsweise Vögel, bilden die Nahrung der echten Edelfalken, Kerbtiere die hauptsächlichste Speise der unechten. Kein einziger Edelfalk nährt sich in der Freiheit von Aas; jeder genießt vielmehr nur selbst erworbene Beute; in der Gefangenschaft freilich zwingt ihn der Hunger, auch tote Tiere anzugehen. Die gefangene Beute wird selten an dem Ort verzehrt, der sie lieferte, sondern gewöhnlich einem andern passenden, der freie Umschau gewährt, zugetragen, hier erst gerupft, auch teilweise enthäutet und dann aufgefressen. Die Morgen- und Abendstunden bilden die Jagdzeit der Edelfalken. Während des Mittags sitzen sie gewöhnlich mit gefülltem Kropfe an einer erhabenen und ruhigen Stelle regungslos und still, mit gesträubtem Gefieder, einem Halbschlummer hingegeben, um zu verdauen. Sie schlafen ziemlich lange, gehen aber erst spät zur Ruhe; einzelne sieht man noch in der Dämmerung jagen.

Geselligkeit ist dem Edelfalken zwar nicht fremd, aber doch durchaus kein Bedürfnis. Während des Sommers leben die meisten von ihnen paarweise in dem einmal erwählten Gebiete und dulden hier kein anderes Paar der gleichen Art, nicht einmal einen andern Raubvogel. Während ihrer Reise scharen sie sich mit andern derselben Art und mit Verwandten zusammen, und einzelne Arten bilden dann ziemlich bedeutende Schwärme, die, wie es scheint, wochen- und monatelang zusammenhalten. Gegen Adler und Eulen zeigen aber auch diese Scharen denselben Haß, den die einzelnen in ihrer Heimat an den Tag legten. Keiner dieser stärkeren Raubgesellen bleibt unangefochten.

Der Horst der Edelfalken wird verschieden angelegt, am liebsten in passenden Höhlungen steiler Felswände, auf hohen Gebäuden und auf dem Wipfel der höchsten Waldbäume; doch horsten einzelne Arten da, wo es an Bäumen und Felsen mangelt, auch auf der bloßen Erde, oder erwählen sich eine geräumige Baumhöhlung zu demselben Zwecke. Sehr gern nehmen sie auch die Nester anderer großer Vögel, namentlich der verschiedenen Raben, in Besitz. Besondere Mühe geben sie sich mit dem Nestbaue nicht. Der selbst zusammengetragene Horst ist regelmäßig flach und an der Stelle der Nestmulde nur ein wenig mit feineren Würzelchen ausgekleidet. Das Gelege besteht aus drei bis sieben Eiern von sehr übereinstimmendem Gepräge. Sie sind rundlich, mehr oder minder rauhschalig und in der Regel auf blaßrötlichbraunem Grunde dicht mit dunkleren feinen Punkten und größeren Flecken derselben Farbe gezeichnet. Das Weibchen brütet allein und wird, so lange es auf den Eiern sitzt, vom Männchen ernährt, das auch für die Unterhaltung der beschäftigten Gattin Sorge trägt, indem es angesichts derselben seine Flugkünste übt. Die Jungen werden von beiden Eltern aufgefüttert, mit großer Liebe behandelt und gegen Feinde, bis zu einem gewissen Grade auch gegen den Menschen, mutvoll verteidigt und nach dem Ausfliegen sorgfältig unterrichtet.

Leider gehören die stärkeren Edelfalken zu den schädlichen Vögeln und können bei uns zulande deshalb nicht geduldet werden; nicht einmal alle kleineren Arten sind nützliche Tiere, die Schonung verdienen. Außer den Menschen haben sie wenig Feinde, die schwächeren Arten, wenn sie erwachsen sind, solche wohl nur in den größeren Verwandten. Den Eiern und den Jungen mögen kletternde Raubsäugetiere zuweilen verderblich werden; doch ist dies nur eine Vermutung, nicht durch Erfahrung bestätigte Tatsache.

siehe Bildunterschrift

Isländischer Jagdfalke (Falco arkticus)

Dagegen sind die Edelfalken seit altersgrauer Zeit von den Menschen benutzt worden und werden es in mehreren Ländern Asiens und Afrikas noch heutigentages. Sie sind die »Falken« unserer Dichter, diejenigen, die zur Beize abgerichtet wurden. Unter andern war Kaiser Friedrich der Zweite einer der geschicktesten und leidenschaftlichsten Falkner und schrieb ein Buch, ›De arte venandi cum avibus‹, das aber erst im Jahre 1596, und zwar zu Augsburg, gedruckt wurde. Die Handschrift war mit Anmerkungen von Friedrichs Sohn, Manfred, König von Sizilien, versehen. Jahrhunderte bestand die beste und zuletzt einzige Falknerschule Europas in dem Dorfe Falkenwerth in Flandern, über den Zustand der dortigen Falknerei teilt der holländische General von Ardesch um das Jahr 1860 folgendes mit: »In Falkenwerth leben noch jetzt mehrere Leute, die den Fang und die Ablichtung der Falken eifrig betreiben. Der Ort liegt auf einer ganz freien Heide und begünstigt daher das Geschäft sehr. Im Herbste werden die Falken gefangen. Man behält in der Regel nur die Weibchen und zwar am liebsten die vom selbigen Jahre, weil diese am besten sind; die zweijährigen galten auch noch als brauchbar; ältere läßt man aber wieder fliegen. Der Fang ist so eingerichtet: Der Falkner sitzt gut verborgen auf freiem Felde, und von ihm aus geht ein etwa hundert Meter langer Faden, an dessen Ende eine lebende Taube befestigt ist, die übrigens frei auf der Erde sitzt. Etwa vierzig Meter vom Falkner geht der genannte Faden durch einen Ring, und neben diesem Ringe liegt ein Schlagnetzchen, von dem ebenfalls ein Faden bis zum Falkner geht. Ist ein Falk im Anzuge, so wird der Taube mit dem Faden ein Ruck gegeben, wodurch sie emporfliegt, den Falken anlockt und von ihm in der Luft ergriffen wird. In dem Augenblick, wo dies geschieht, zieht der Falkner die Taube und mit ihr den sie krampfhaft festhaltenden Falken allmählich bis zu dem Ringe, wo plötzlich das Schlagnetz beide bedeckt. Es kommt viel darauf an, es sogleich zu erfahren, wenn ein Falk die Gegend durchstreift, und deswegen bedient sich der Jäger eines eifrigen und scharfsichtigen Wächters, nämlich des Raubwürgers ( Lanius excubitor), der unweit der Taube angefesselt wird und nicht verfehlt, sobald er einen Falken in unermeßlicher Ferne gewahrt, sein weitschallendes Geschrei zu erheben. Neben ihm ist eine Grube, in der er sich verkriecht, wenn es not tut. Der frisch gefangene Falk muß regelmäßig drei Tage hungern und wird während der Zeit und späterhin so viel wie möglich verkappt auf der Hand getragen. Schlaflosigkeit wird nicht angewendet. Bis zum Frühjahre muß der Falk gut abgerichtet sein, und alsdann reisen die Falkenwerther Falkner nach England zum Herzog von Bedford, dem sie sich und ihre Falken auf eine bestimmte Zeit vermieten. Ein gewöhnlicher Falk dient kaum drei Jahre.

Im achtzehnten Jahrhundert ist die Falkenbeize allmählich aus der Mode gekommen. Als Knabe kannte ich in Weimar einen Falkner, der sein Geschäft noch mit großem Eifer betrieb, und ein ähnlicher lebte damals noch in Meiningen. Jetzt ist sie in Europa meines Wissens noch an folgenden Orten in Gebrauch: erstens zu Bedford in England, beim Herzog von Bedford; zweitens zu Didlington-Hall in der Grafschaft Norfolk, beim Lord Barnars. Jeden Herbst kommen nach Bedford und Didlington-Hall Falkner aus Falkenwerth, die ihre Falken mitbringen und im Winter wieder zurückreisen. Zu Didlington ist ein eigener Reihergarten, woselbst die Reiher in zahlloser Menge nisten und gehegt werden. Drittens: im Loo, einem Landgute des Königs von Holland, ist ums Jahr 1841 fleißig mit Falken gejagt worden. Neuerdings hat Professor Thienemann in Rossitten die Falknerei wieder zu beleben versucht. Ebenso ist in Westfalen vor einigen Jahren ein neuer Falknerklub gegründet worden. Herausgeber.

Die zur Falkenjagd gehörigen Gerätschaften sind: eine lederne Haube, die so eingerichtet ist, daß sie die Seher nicht drückt, eine Kurzfessel und eine Langfessel, beide aus Riemen, die letztere gegen zwei Meter lang; sie werden an dem Geschühe, das heißt der ledernen Fußumkleidung, des Beizvogels befestigt. Das Federspiel ist ein mit ein Paar Vogelflügeln besetzter eirunder Körper, der dazu dient, den Falken, der ihn von weitem für einen Vogel hält, wieder anzulocken. Starke Handschuhe müssen die Hände des Falkners vor den Krallen des Falken sichern. Sobald die Abrichtung beginnen soll, wird der Vogel verkappt angefesselt, und muß vierundzwanzig Stunden hungern, worauf er auf die Faust genommen, abgekappt, und mit einem Vogel gespeist wird. Will er nicht kröpfen, so wird er wieder verkappt und erst nach vierundzwanzig Stunden wieder vorgenommen, und sollte er auch fünf Tage lang auf der Faust nicht freiwillig kröpfen wollen, so wird er unbarmherzig jedesmal wieder verkappt und hungrig angefesselt. Je öfter er übrigens während dieser Zeit abgekappt und auf der Faust getragen wird, desto eher wird er zahm werden und freiwillig auf der Faust kröpfen. Ist er so weit, so beginnen nun die eigentlichen Lehrübungen, vor deren jeder er erst lange abgekappt auf der Faust getragen und nach jeder Übung verkappt angefesselt wird, damit er das vorgetragene in Ruhe einstudieren kann. Die beiden ersten bestehen darin, daß der Vogel abgekappt auf eine Stuhllehne gesetzt wird und von da, um zu kröpfen, auf die Faust des Falkners erst hüpfen, später immer weiter fliegen muß; dasselbe wird dann im Freien wiederholt, wobei er aber durch einen langen, an der Langfessel angebrachten Faden am Entweichen gehindert wird; der Falkner steht übrigens so, daß der Vogel gegen den Wind fliegen muß, da er, wie alle Vögel, nicht gern mit dem Winde zieht. Macht er nun seine Sachen so weit gut, so wird er des Abends verkappt in einen schwebenden Reif gesetzt und die ganze Nacht hindurch geschaukelt, so daß er gar nicht schlafen kann; am folgenden Morgen werden die früheren Übungen wiederholt: er bekommt auf der Faust zu kröpfen, wird dann bis zum Abend getragen und dann wieder die ganze Nacht im Reife geschaukelt; ebenso wird am dritten Tage und in der dritten Nacht verfahren; am vierten Tage wird wieder alles wiederholt und ihm nun erst nächtliche Ruhe gegönnt. Am folgenden Tage wird er ohne Bindfaden, nur mit Beibehaltung der Langfessel, frei auf den Boden gesetzt, und muß, um zu kröpfen, auf die Faust fliegen; fliegt er an dieser vorbei, so geht man ihm nach und lockt ihn so lange, bis er doch endlich kommt. Diese Übung wird nun oft im Freien wiederholt, auch der Vogel gewöhnt, dem zu Pferde sitzenden Jäger auf die Faust zu fliegen, und weder Menschen noch Hunde zu scheuen. Jetzt kommen die eigentlichen Vorübungen zur Beize selbst. Man wirft eine tote Taube in die Luft, läßt den am langen Bindfaden gehaltenen Vogel nachschießen, und das erstemal ein wenig davon kröpfen; späterhin aber wird ihm die Taube immer gleich abgenommen und er bekommt auf der Faust etwas zu kröpfen. Dieselbe Übung wird an den folgenden Tagen mit lebenden Vögeln, deren Schwingen verstutzt sind, wiederholt; darauf sucht man mit dem Hühnerhunde Rebhühner, womöglich ein einzelnes, auf, kappt den Vogel, sobald es auffliegt, schnell ab und läßt ihn nachschießen. Sollte er fehlstoßen, so lockt man ihn mit einer lebenden Taube, deren Schwingen verstutzt sind, oder mit dem Federspiele zurück. Um ihn zu gewöhnen, auch stärkere Vögel, z. B. Reiher und Kraniche, anzugreifen, übt man ihn erst an jungen Vögeln der Art oder an alten, deren Schwingen verstutzt sind und deren Schnabel in einem Futterale steckt; auch läßt man ihn anfangs, wo möglich, in Gesellschaft eines guten alten Falken daran. Den zu dieser Übung bestimmten Reihern und Kranichen legt man, damit sie nicht so leicht erwürgt werden, ein Futteral von weichem Leder um den Hals. Dem Reiher suchen die Falken, rasch emporsteigend, die Höhe abzugewinnen, um von oben auf ihn zu stoßen; der Reiher hingegen sucht seinerseits auch immer höher zu steigen, und streckt mit erstaunlicher Schnelligkeit den stoßenden Feinden die scharfe Spitze seines Schnabels entgegen, um sie zu spießen. Endlich wird er gepackt und stürzt mit ihnen aus der Höhe herab. Die herbeieilenden Jäger lösen schnell die Falken, reichen ihnen zur Belohnung guten Fraß, und berauben den Reiher seiner schönsten Federn. Es wird ihm dann ein metallener Ring um den Fuß gelegt, auf dem die Jahreszahl und der Ort des Fanges eingegraben ist, und darauf die Freiheit geschenkt. Einzelne Reiher sind öfters, manchmal nach langen Jahren wieder gebeizt und so mit mehreren Ringen geziert worden. Soll ein Falk gut auf Hasen stoßen, wozu man sich hauptsächlich des Habichtes bedient, so stopft man einen Hasenbalg gut aus, läßt den Falken mehrmals darauf seine Mahlzeit verzehren, bindet dann Fleisch daran und läßt den ausgestopften, auf Rädern stehenden Hasen von einem Manne erst langsam, dann schnell auf einem Boden hinziehen, spannt auch endlich gar ein flinkes Pferd davor, jagt mit dem Hasen fort und läßt den Falken hinterdrein. Zur Falkenjagd gehört eine ebene, waldlose Gegend.«

Regelmäßig wird die Falkenjagd noch von den Arabern, insbesondere den Beduinen der Sahara, die unter den Arabern überhaupt unseren Adel vertreten, von den Persern, Indern, verschiedenen Völkerschaften in Kaukasien und Mittelasien, den Chinesen und andern Mongolen betrieben. Erstere benutzen mit entschiedener Vorliebe den Würgfalken Südosteuropas, ihren »Sukhr el Hhor«, der sich als Wintergast im Norden Afrikas einstellt oder aus Syrien, Kleinasien, der Krim und Persien eingeführt wird, und bezahlen gut abgerichtete Vögel mit ganz außerordentlichen Preisen.

Nach diesen einleitenden Bemerkungen mögen die bekanntesten und wichtigsten Arten der Familie an uns vorüberziehen.

 

Die edelsten Glieder der Familie sind die Jagdfalken ( Falco arcticus), Bewohner des hohen Nordens der Erde. Sie kennzeichnen ihre sehr bedeutende Größe, der verhältnismäßig starke, in scharfem Bogen gekrümmte Schnabel, die bis zu zwei Drittel der Länge befiederten Fußwurzeln und der im Vergleiche zu den Flügeln lange Schwanz. In allem übrigen sind sie andern Edelfalken durchaus ähnlich. Das Gefieder der Jagdfalken ist rein weiß, mehr oder weniger mit düster schwarzbraunen Flecken gezeichnet, die fast vollständig verschwinden können, wenn vorhanden aber am Ende der Federn des Kleingefieders entweder tropfen- oder pfeilspitzenartige Form haben. Das von einem nackten, grünlichgelben Ringe umgebene Auge ist braun, der Schnabel bei alten Vögeln gelblichblau, dunkel an der Spitze, gelb auf der Wachshaut, der Fuß im Alter strohgelb, in der Jugend blau.

So gefärbte und gezeichnete Falken werden als Brutvögel ausschließlich in den höchsten Breiten, erwiesenermaßen in Nordgrönland und Nowaja Semlja, gefunden und berühren den Süden Grönlands, Nordisland, den Nordrand Ostasiens wie den höchsten Norden Amerikas nur während des Winters. Sie insbesondere hat man mit dem Namen Polarfalken bezeichnet, und von ihnen die auf Island und in Südgrönland sowie auch die auf Labrador lebenden, durchaus gleich gebauten Jagdfalken als besondere Arten unterschieden. Die Jagdfalken bewohnen vorzugsweise steile Seeküsten, auf deren Felswänden sie sich ansiedeln, ohne jedoch den Wald gänzlich zu meiden. Am liebsten siedeln sie sich in der Nähe der Vogelberge an, da, wo während des Sommers Millionen von Seevögeln sich vereinigen, um zu brüten. Die jungen Vögel, das heißt alle diejenigen, die noch nicht gepaart und fortpflanzungsfähig sind, streifen oft, unter Umständen weit im Innern des Landes, umher und kommen nicht selten auch in den nordischen Alpen vor, wogegen alte Vögel im Gebirge selten gefunden werden. Jedes Paar hält an dem einmal gewählten Wohnsitz mit zäher Beharrlichkeit fest und wird, wenn es von demselben Vertrieben wurde, sehr bald durch ein anderes ersetzt. Gewisse Felswände in Lappland beherbergen Jagdfalken seit Menschengedenken: am Warangerfjord z. B. konnte mir der vogelkundige Kaufmann Nordvy mit aller Bestimmtheit eine Stelle angeben, wo ich ein Paar von ihnen finden würde; und doch hatte er diese Stelle seit vielen Jahren nicht besucht und von dem Vorhandensein der Falken neuerdings keine Kunde erhalten.

In ihrem Betragen und Wesen haben die Jagdfalken mit dem Wanderfalken die größte Ähnlichkeit. Man kann höchstens sagen, daß ihr Flug nicht so schnell und ihre Stimme tiefer ist als bei diesem. Ich wenigstens habe an denen, die ich im Freileben und in der Gefangenschaft beobachtete, einen andern Unterschied nicht wahrnehmen können. Es wird wahrscheinlich alles, was wir vom Betragen der Wanderfalken kennengelernt haben, auch auf sie zu beziehen sein.

In früheren Jahren sandte die dänische Regierung alljährlich ein besonderes Schiff, das das Falkenschiff genannt wurde, nach Island, um von dort Edelfalken zu holen. Die stolzen Vögel wurden entweder von mitreisenden Falknern gefangen oder waren von den Isländern bereits ausgehoben und großgefüttert worden. Die Kosten für Ankauf und Unterhalt der Falken, Löhnung der Mannschaft usw. waren nicht unerheblich; da der Fang jedoch geregelt war, kam ein Falk immerhin auf nicht mehr als neun oder zehn Taler dänisch zu stehen. Von Kopenhagen aus gelangten die edlen Vögel in den Besitz der Falkner oder wurden als kostbare Geschenke an verschiedene Höfe gesandt. In unsern Tagen bekümmert sich die Regierung erklärlicherweise nicht mehr um den Fang; gleichwohl bringt das Sommerschiff, das nach Island geht, fast alljährlich noch einige lebende Falken mit nach dem Mutterlande hinüber, und sie sind es, die man dann und wann in unsern Tiergärten sieht. In Lappland oder in Skandinavien überhaupt scheint niemand sich auf den Falkenfang zu legen, wie denn überhaupt der Jagdfalk dort, ungeachtet des von ihm angerichteten Wildschadens, nur von dem Naturforscher verfolgt wird. Freilich sind die Vogelberge während des Sommers so massenhaft belebt und die Gebirge so stark mit Schneehühnern bevölkert, daß der Schaden nicht sehr bemerklich wird.

Nach meinen Beobachtungen betragen sich die Jagdfalken im Gebauer ebenso wie gefangene Wanderfalken. Sie verlangen dieselbe Pflege wie diese, erreichen aber nur ausnahmsweise ein höheres Alter im Käfig. Aus der Geschichte der Falknerei wissen wir, daß Jagdfalken zwanzig Jahre lang benutzt werden konnten; die Geschichte unserer Tiergärten hat ähnliches nicht aufzuweisen. Man ist froh, wenn man einen der prächtigen Vögel bis zum Anlegen seines Alterskleides bringt. Freilich ist man hier kaum imstande, allen Edelfalken eine so ausgezeichnete Pflege angedeihen zu lassen, wie sie solche nach älteren Schriftstellern seitens der Falkner erhalten haben. Die Kunst der letzteren bestand nicht allein darin, die Falken regelrecht abzutragen, sondern auch, sie entsprechend zu füttern und etwaige Krankheiten zu heilen oder zu verhüten.

 

Ein Edelfalk, der vormals nicht viel weniger geschätzt wurde als der hochberühmte Jagdfalk, ist der Würgfalk ( Falco landarius), ein stattlicher Vogel von 54 Zentimeter Länge, 1,4 Meter Breite, 41 Zentimeter Fittich- und 20 Zentimeter Schwanzlänge, der einem jungen Wanderfalken nicht unähnlich gefärbt ist und deshalb öfters mit ihm verwechselt worden sein mag. Der Würgfalk zählt nicht zu den deutschen Brutvögeln, sondern verbreitet sich über den Südosten unseres heimatlichen Erdteils, insbesondere Niederösterreich, Galizien, Polen, Ungarn, die Donautiefländer, Südrußland und die Balkanhalbinsel, kommt außerdem geeigneten Ortes in ganz Mittelasien bis nach China hin vor, lebt ebenso in Armenien, Kleinasien, wahrscheinlich auch in Persien, und wandert im Winter bis Indien und Mittelägypten herab, brütet hier aber nicht.

In seinem Wesen, seinem Betragen und Gebaren ähnelt der Würgfalk dem Wanderfalken; doch unterscheiden ihn die arabischen Falkner genau von seinem Verwandten und sprechen ihm Eigenschaften zu, die nach ihrer Versicherung letzterer nicht besitzt. Die jüngstvergangenen Tage haben mich belehrt, daß man den Falknern beistimmen muß. Gelegentlich eines Jagdausflugs des Kronprinzen Erzherzog Rudolf von Österreich nach Ungarn, an dem wir, Eugen von Homeyer und ich, teilzunehmen das Glück hatten, sahen wir den Würgfalken mehrere Male, und wenn auch die Zeit mangelte, uns eingehender mit ihm zu befassen, konnten wir doch wesentliche Unterschiede zwischen ihm und dem Wanderfalken nicht verkennen. Sein Flugbild unterscheidet ihn auf den ersten Blick von der letztgenannten Art. Der im Vergleich mit dem des Wanderfalken gestreckte Leib, der längere Schwanz und spitzigere, im Schulter- und Oberarmteile aber breitere, daher im ganzen stark ausgebauchte Fittich sind Merkmale, die vollkommen ausreichen, ihn mit aller Sicherheit anzusprechen. Er fliegt schneller als sein Verwandter, mehr dem Baum- als dem Wanderfalken gleich, bewegt rasch und heftig die Flügel, um nach mehreren Schlägen gleitend dahinzuschießen, und beschreibt, über dem Horste spielend, weite Kreise mit wundervoller Leichtigkeit, fast ohne Flügelschlag längere Zeit dahinschwebend. Von seiner Jagdlust lieferte uns ein Männchen einen Beleg. Der uns begleitende, auch als Schriftsteller wohlbekannte Forstmeister von Dombrowski lockte durch täuschende Nachahmung der Stimme einige Ringeltauben auf die Donauinsel, die wir durchstreiften. Kaum hatten die Vögel sich erhoben, als der Würgfalk unter sie stieß. Erschreckt suchten die Tauben, alle Scheu vor uns vergessend, Zuflucht in den Wipfeln der um uns stehenden Bäume, und einen Augenblick später jagte der Falk zwischen ihnen hindurch. Pfeilschnell im buchstäblichen Sinne des Worts war jetzt sein Flug und deutlich hörbar das Brausen, das er hervorbrachte; aber so schnell er auch die Luft durchschnitt, das fast unfehlbar sichere Blei des fürstlichen Schützen ereilte ihn doch: er büßte seine Kühnheit mit dem Leben. Über das Leben des Würgfalken in der Winterherberge berichtet Heuglin in malerischer Weise. »Wenn die auf den Lagunen und Sümpfen des Nildelta überwinternden Wasservögel anlangen, sammeln sich um sie gleichzeitig eine Menge von Falken und Adlern, die hier an frischer Beute nicht Mangel leiden. Mit ihnen erscheint auch hier und da der Würgfalk oder Sukhr. Bald hat er sich seinen Standort auf einer einzelnstehenden Sykomore, Palme oder Akazie ausersehen, von der aus er seine Jagdbezirke überblicken kann. Erwacht der Tag und mit ihm der betäubende Lärm von tausenden in Flüge gescharten Gänsen, Enten, Strandläufern, die auf Schilfinseln in den Lagunen oder im seichten, freien Wasser einfallen, so verläßt auch der Würgfalk seinen Stand. Doch deckt dann noch ein dichter, niedriger Nebelschleier das Gewässer, was den Räuber in seinem Werke übrigens keineswegs hindert. Er streicht, meist ohne vorheriges Kreisen, in gerader Linie und niedrig auf einen munter schäkernden Flug von Enten zu. Nun erfolgt ein Augenblick lautloser Stille. Wasserhühner und andere schlechte Flieger ducken sich und tauchen im Nu unter, während die ihrer Fertigkeit in den Lüften bewußten Enten plötzlich aufsteigen und sich durch schleunige Flucht zu retten suchen. Jetzt steigt der Falk auch etwas, saust wie ein Pfeil dahin und erhascht entweder mit erstaunlicher Gewandtheit stoßend sein Schlachtopfer oder schlägt dasselbe mit den Fängen nieder und trägt es, oft verfolgt von kreischenden Milanen und Turmfalken und ohne sich im mindesten um die Schreihälse zu bekümmern, auf den nächsten, etwas erhabenen, trockenen Platz, um es zu kröpfen. Zuweilen kreist er auch hoch in den Lüften und stürzt sich wie spielend auf hin- und herstreichendes Sumpfgeflügel, seinen Flug erst beschleunigend, wenn er die Beute gehörig ins Auge gefaßt hat. Letztere entgeht ihm selten, obgleich der Sukhr bei seiner Jagd viel weniger hastig und ungestüm zu Werke geht als seine Verwandten. Während der wärmeren Tageszeit bäumt er und zieht mit einbrechender Abenddämmerung ruhigen, geraden, etwas schleppenden Fluges seinem Nachtstande zu. Zur Gazellenjagd läßt sich nur der Würgfalk verwenden; die übrigen Edelfalken stoßen meist zu gewaltig und töten sich oft selbst durch Zerschellen des Brustbeins. Aus diesem Grunde bezahlt man gut abgerichtete Würgfalken mit außerordentlichen Preisen.«

siehe Bildunterschrift

Wanderfalke (Falco peregrinus)

Die Wanderfalken unterscheiden sich von den Jagdfalken durch geringere Größe, verhältnismäßig kleineren und stärker gebogenen Schnabel, die minder weit befiederten Fußwurzeln und einen im Verhältnis zu den Flügeln kürzeren Schwanz. Unser Wanderfalk ( Falco peregrinus) ist auf der ganzen Oberseite hell schiefergrau, mit dunkel schieferfarbigen, dreieckigen Flecken bandartig gezeichnet. Die Stirn ist grau, die Kehle, die durch schwarze Backenstriche eingefaßt wird, wie die Oberbrust weißgelb, die Unterbrust wie der Bauch lehmrötlichgelb, erstere braungelb gestrichelt und durch rundlich herzförmige Flecke gezeichnet, der Bauch durch dunklere Querflecke, die namentlich am After und auf den Hosen hervortreten, gebändert. Die Schwingen sind schieferschwarz, auf der Innenfahne mit rostgelben, bänderartigen Flecken besetzt, die Steuerfedern hell aschgrau gebändert und an der Spitze der Seitenfedern gelblich gesäumt. Im Leben liegt ein graulicher Duft auf dem Gefieder. Das Weibchen zeigt gewöhnlich frischere Farben als das Männchen. Bei den Jungen ist die Oberseite schwarzgrau, jede Feder rostgelb gekantet, die Kropfgegend weißlich oder graugelblich, die übrige Unterseite weißlich, überall mit licht- oder dunkelbraunen Längsflecken gezeichnet. Die Iris ist dunkelbraun, der Schnabel hellblau, an der Spitze schwarz, die Wachshaut, der Mundwinkel, die nackte Stelle ums Auge und der Fuß sind gelb. Bei jüngeren Vögeln ist der Schnabel hellbläulich, der Fuß bläulich oder grünlichgelb, die Wachshaut wie die übrigen nackten Stellen am Kopfe sind blaugrünlich. Die Länge des alten Männchens beträgt zweiundvierzig bis siebenundvierzig, die Breite vierundachtzig bis einhundertundvier, die Fittichlänge sechsunddreißig, die Schwanzlänge zwanzig, die Länge des bedeutend größeren Weibchens siebenundvierzig bis zweiundfünfzig, die Breite einhundertneunzehn bis einhundertundzwanzig, die Fittichlänge zweiundachtzig, die Schwanzlänge zwanzig Zentimeter.

Der Wanderfalk verdient seinen Namen; denn er streift fast in der ganzen Welt umher. Seine außerordentliche Verbreitung erklärt sich, wenn man weiß, daß er nicht bloß den gemäßigten, sondern auch den nördlichen kalten Gürtel bewohnt, in der Tundra rings um den Pol sogar der vorherrschende Falk ist, aber selbstverständlich allwinterlich gezwungen wird, dieses Brutgebiet zu verlassen und nach Süden zu wandern. Gelegentlich seines Zuges nun berührt er alle nördlichen Länder Europas, Asiens und Amerikas, durchfliegt unsern heimatlichen Erdteil bis zum äußersten Süden und tritt dann hier in den Wintermonaten stellenweise sehr häufig auf, folgt den Zugvögeln auch bis über das Mittelländische Meer und wandert, deren Heerstraßen entlang, bis Südnubien und Ostsudan, ebenso wie er in Asien bei dieser Gelegenheit in Japan, China und Indien, in Amerika in den Vereinigten Staaten, Mittelamerika und Westindien angetroffen wird. Nach meinen und anderer Erfahrungen sind es jedoch hauptsächlich Weibchen, die ihre Reisen weit nach Süden hin ausdehnen, wogegen die Männchen mehr im Norden zurückbleiben. Nicht wenige von beiden überwintern nun aber schon bei uns zu Lande, und da nun außerdem ihr Brutgebiet sich über ganz Europa, vielleicht mit alleiniger Ausnahme der Südspitze der Iberischen Halbinsel, und ebenso über Mittelasien und die nördlicheren Teile Amerikas erstreckt, kann es nicht wundernehmen, daß Wanderfalken beinahe auf der ganzen Erde gefunden werden. Allerdings ändern sie in Größe und Färbung erheblich ab. Infolgedessen besitzt der Wanderfalk die ausgesprochenste Fähigkeit, unter den verschiedensten Umständen sich wohnlich und häuslich einzurichten. Seiner außerordentlichen Wanderfähigkeit sind Reisen von tausend Kilometer gewissermaßen Spazierflüge; ich bin fest überzeugt, daß er, ohne sich anzustrengen, im Laufe eines einzigen Tages über das Mittelmeer fliegt.

Bei uns bewohnt der Wanderfalk ausgedehnte Waldungen, am liebsten solche, in deren Mitte steile Felswände sich erheben. Ebenso häufig trifft man ihn im waldlosen Gebirge, und gar nicht selten endlich sieht man ihn inmitten großer, volkbelebter Städte. Auf den Kirchtürmen Berlins, auf dem Stephansturme in Wien, auf den Domen von Köln und Aachen habe ich ihn selbst als mehr oder weniger regelmäßigen Bewohner beobachtet, daß er auf andern hohen Gebäuden sogar ständig vorkommen soll, durch glaubwürdige Beobachter erfahren. Besonders günstige Örtlichkeiten, namentlich unersteigliche Felswände, beherbergen ihn mit derselben Regelmäßigkeit wie die nordischen Vogelberge den Jagdfalken. So trägt der Falkenstein im Thüringer Walde seinen Namen mit Fug und Recht; denn auf ihm horstet ein Wanderfalkenpaar seit Menschengedenken. Aber weder Bäume noch Felsen, noch hohe Gebäude sind zu seinem Wohlbefinden notwendige Bedingung. Keineswegs seltener, eher noch häufiger als bei uns zulande begegnet man ihm, wie bereits bemerkt, in der Tundra. In Lappland habe ich ihn allerdings nicht oft gesehen, um so öfter aber auf meiner letzten Reise in Nordwestsibirien beobachtet. In der Tundra der Samojedenhalbinsel fehlen ihm Felswände, wie er sie sonst liebt, fast gänzlich; gleichwohl findet er auch hier Örtlichkeiten, die ihm zur Anlage des Horstes geeignet erscheinen, und ist deshalb regelmäßiger Sommergast des unwirtsamen, für ihn aber wirtlichen Gebietes.

»Der Wanderfalk«, sagt Naumann, »ist ein mutiger, starker und äußerst gewandter Vogel; sein kräftiger Körperbau und sein blitzendes Auge beurkunden dies auf den ersten Blick. Die Erfahrung lehrt uns, daß er nicht vergeblich von der Natur mit so furchtbaren Waffen ausgerüstet ward, und daß er im Gebrauche derselben seinen nahen Verwandten, dem Jagd- und Würgfalken, rühmlichst an die Seite zu setzen sei. Sein Flug ist äußerst schnell, mit hastigen Flügelschlägen, sehr selten schwimmend, meist niedrig über die Erde hinstreichend. Wenn er sich vom Boden aufschwingt, breitet er den Schwanz aus und fliegt, ehe er sich in die Höhe erhebt, erst eine kleine Strecke dicht über der Erde hin. Nur im Frühjahr schwingt er sich zuweilen zu einer unermeßlichen Höhe in die Luft. Er ist sehr scheu und so vorsichtig, daß er zur nächtlichen Ruhe meist nur die Nadelholzwälder aufsucht. Hat er diese nicht in der Nähe, so bleibt er öfters lieber im freien Felde, auf einem Steine sitzen, und es gehört unter die seltenen Fälle, wenn er einmal in einem kleinen Laubholze übernachtet. Aus Vorsicht geht er auch in letzterem des Abends erst sehr spät zur Ruhe und wählt dazu die dichten Äste hoher, alter Bäume. Am Tage setzt er sich ungern auf Bäume. Sitzend zieht er den Hals sehr ein, so daß der runde Kopf auf den Schultern zu stehen scheint; die weiße Kehle, mit den abstechenden schwarzen Backen, machen ihn von weitem kenntlich. Im Fluge zeichnet er sich durch den schlanken Gliederbau, den schmalen Schwanz und durch seine langen, schmalen und spitzigen Flügel vor andern aus. Seine Stimme ist stark und volltönend, wie die Silben: ›Kgiak, kgiak‹ oder ›Kajak, kajak‹. Man hört sie aber außer der Begattungszeit eben nicht oft.« Naumanns Angabe bezüglich der Scheu und Vorsicht des Wanderfalken gilt wohl für unsere Waldungen, nicht aber für alle übrigen Verhältnisse. Auch in der menschenleeren Tundra weicht der Wanderfalk dem herankommenden Jäger vorsichtig aus; in größeren Städten hingegen kümmert ihn das Getriebe unter ihm nicht im geringsten, und er bekundet dann nicht selten eine Dreistigkeit, die mit seinem sonstigen Verhalten, abgesehen von seinem Benehmen angesichts einer ihm winkenden Beute, in auffallendem Widerspruche steht. Noch mehr aber erstaunt man, ihn in Nordafrika, namentlich in Ägypten, unbesorgt mitten in Dörfern auf wenigen Palmen oder einer den Marktplatz beschattenden Sykomore, auf Tempeltrümmern, Häusern und Taubenschlägen sitzen und von hier aus seine Raubzüge unternehmen zu sehen. Man erkennt hieraus, daß sich sein Betragen immer und überall nach den Verhältnissen richtet.

Es scheint, daß der Wanderfalk nur Vögel frißt. Er ist der Schrecken aller gefiederten Geschöpfe, von der Wildgans an bis zur Lerche herab. Unter Rebhühnern und Tauben richtet er die ärgsten Verheerungen an; die Enten verfolgt er mit unermüdlicher Ausdauer, und selbst den wehrhaften Krähen ist er ein furchtbarer Feind: er nährt sich oft wochenlang ausschließlich von ihnen. Nach Art seiner nächsten Verwandtschaft raubt er für gewöhnlich nur fliegendes Wild, solange dieses sich in der Luft bewegt. Auch auf Bäumen sitzende Vögel ergreift er ohne Umstände, er ist aber, so schreibt mir Eugen van Homeyer, gänzlich außerstande, einen Vogel vom Boden oder vom Wasser aufzunehmen. Wo man dies gesehen haben will, hat man sich durch mangelhafte Beobachtung täuschen lassen, indem ein durch den auf ihn stoßenden Falken erschreckter Vogel einen unbesonnenen Fluchtversuch wagte, sich etwas vom Boden oder vom Wasser erhob und nun sofort vom Falken erfaßt wurde. Einmal habe ich in einer Entfernung von zweihundert Schritten einen Wanderfalken auf eine am Boden liegende Taube wohl fünfzigmal, immer aber vergebens stoßen sehen. Einen andern Fall beobachtete ich auf einer Fahrt von Stralsund nach Hiddensee bei schönem, sonnigem Wetter, als das Boot von dem sehr schwachen Winde nur äußerst langsam bewegt wurde, die See auch sehr ruhig war. Ein Wanderfalk kam, eine Hohltaube verfolgend, in die größte Nähe der Taube, als diese sich auf das Wasser herabwarf, und der Falk durch fortwährende heftige Stöße sie aufzuschrecken suchte. Dies gelang ihm jedoch nicht, sondern die Taube lag fest auf dem Wasser. Endlich entfernte sich der Falk; allein wie bei dem vorerwähnten Falle, so auch hier: die Taube war zu eilig bemüht, von dem gefährlichen Feinde sich zu entfernen. Sobald sie sich jedoch vom Wasser erhob, war der Falk wieder in der Nähe, und die Taube flüchtete sich nochmals auf das Wasser. So dauerte diese Jagd fort, solange ich von dem allmählich sich entfernenden Boote noch etwas sehen konnte. Dies bestätigte mir von neuem, daß der Wanderfalk außerstande ist, ein Tier vom Wasser aufzunehmen, und daß dies, wer es auch zu sehen geglaubt haben mag, nur beim Auffliegen eines Vogels geschehen kann.« Ich muß indessen noch bemerken, daß gerade die wiederholten Versuche des Falken für vereinzeltes Gelingen seiner Anstrengungen sprechen. Erwiesenermaßen fängt auch er sich im Habichtskorbe; dies dürfte aber unmöglich sein, wenn er nicht bis auf den Boden herabstieße, da der Köder, meist eine Taube, hier angefesselt wird. Führen seine Stöße auf sitzendes Wild nicht zum Ziele, so hilft er sich durch List. »Da, wo man ihn im Felde auf der Erde sitzen sieht«, sagt Naumann, »liegt gewöhnlich ein Volk Rebhühner in der Nähe, von denen er, sobald sie auffliegen, eines hinwegnimmt, denen er aber, solange sie still liegen bleiben, keinen Schaden zufügen kann. Er lauert jedoch gewöhnlich solange, bis die Rebhühner glauben, er sei fort. Sie fliegen dann auf und er erreicht seinen Zweck.« Fliegend gelingt es selbst den schnellsten Vögeln selten, sich vor ihm zu retten. »Gewitzigte Haustauben wissen«, wie Naumann sagt, »kein anderes Rettungsmittel, als in möglichster Schnelle und dicht aneinander gedrängt die Flucht zu ergreifen. Auf diejenige, die sich etwas vom Schwarm absondert, stürzt er sich pfeilschnell von oben nieder. Stößt er das erstemal fehl, so sucht ihn die Taube zu überfliegen, und glückt ihr das nur einigemal, so wird der Falk müde und zieht ab.« Seine Taubenjagd in Städten schildert Altum nach dreijähriger Beobachtung in Berlin. »Hier pflegte ein Weibchen des Morgens früh ruhig und zusammengekauert auf einem Ziegelvorsprunge des Daches der Garnisonkirche zu sitzen. Taubenflüge erfüllen die Luft; der Falk wird erregt und verfolgt mit den Augen die Tauben. Dies währt etwa fünf Minuten, und nun erhebt er sich. Noch gewahren ihn die Tauben nicht; doch er rückt ihnen in wenigen Sekunden so nahe, daß nun plötzlich ihr leichter, ungezwungener Flug sich in ein wirres, ungestümes Fliegen und Steigen verwandelt. Aber unglaublich schnell hat er sie eingeholt und etwa um zehn Meter überstiegen. Nun entfaltet er seine ganze Gewandtheit und Schnelligkeit. In sausendem, schrägem Sturze fällt er auf eine der äußersten hinunter und richtet diesen jähen Angriff so genau, daß er allen verzweifelten Flugwendungen des schnellen Opfers folgt. Aber in dem Augenblick, als er dasselbe ergreifen will, ist es unter ihm entwischt. Mit der durch den Sturz erlangten Geschwindigkeit steigt er sofort ohne Flügelschlag wieder empor, rüttelt schnell, und ehe zehn Sekunden verflossen sind, ist die Taube von ihm wiederum eingeholt und in derselben Höhe überstiegen, der Angriff in sausendem Sturze mit angezogenen Flügeln erneuert, und die Beute zuckt in den Fängen des Räubers. In wagerechter Richtung fliegt er nun mit derselben ab und verschwindet bald aus dem Gesichtsfelde. Von den übrigen Tauben sieht man noch einzelne in fast Wolkenhöhe wirr umherfliegen, wogegen sich die andern jäh herabgeworfen und unter dem Schutze ihrer Behausung Sicherheit gefunden haben.« Mein Vater erzählt von einem Wanderfalken, der, den Tauben nachfliegend, bis in den Taubenstall eindrang und hier gefangen wurde. Ausdrücklich bemerken will ich noch, daß der von Homeyer mitgeteilte Fall nicht vereinzelt dasteht. Auch Naumann sah eine Haustaube sich ins Wasser stürzen und durch Untertauchen glücklich retten. Nächst Rebhühnern und Tauben, wilden wie zahmen, haben nach Altums Beobachtungen namentlich die Kiebitze von ihm zu leiden. In Pommern wie in der Mark sind die Waldesteile, in denen der Horst steht, bestreut mit den größeren auffälligen Kiebitzfedern.

Alle Vögel, die der Wanderfalk angreift, kennen ihn sehr wohl und suchen sich vor allen Dingen zu retten. Nicht einmal die mutigen Krähen bedrohen ihn, sondern stiegen, sobald sie ihn erblicken, so eilig als möglich davon, haben auch alle Ursache, vor ihm zu flüchten; denn er läßt sich durch sie, die fast jeden anderen Falken angreifen und lange verfolgen, nicht im mindesten beirren, erhebt sich vielmehr über solche, vielleicht noch ungewitzigte, die sich erdreisten wollten, ihn zu necken, stößt von oben auf sie herab und schlägt sie unfehlbar. Aus eigener Beobachtung kenne ich nur einen einzigen Vogel, der mit Erfolg auf ihn stößt und ihn unweigerlich aus seinem Gebiete vertreibt; die Schmarotzermöve. Diesem äußerst gewandten, mutigen und raublustigen Bewohner der Tundra flößt jeder vorübergehende Wanderfalk Sorge um die unmündige Brut ein, und jeder, der sich von ferne blicken läßt, wird daher augenblicklich aufs heftigste angegriffen. Auf der Samojedenhalbinsel beobachtete ich mit Vergnügen solche Jagd. Der Falk flog geradeswegs seinem offenbar ziemlich entfernten Horste zu, als er einer Schmarotzermöve ins Auge fiel. Sofort erhob sich diese unter lautem Rufen, hatte in kürzester Frist den Räuber eingeholt und belästigte ihn nunmehr ununterbrochen durch die heftigsten Stöße. Mit spielender Leichtigkeit und unnachahmlicher Gewandtheit hob sie sich fortwährend über den Gegner und stieß von oben herab auf ihn. Der Falk versuchte so viel als tunlich auszuweichen, nicht aber, den Angriffen durch andere zu begegnen, sondern zog, augenscheinlich sehr belästigt, so eilig als möglich weiter, fortwährend verfolgt von der unermüdlichen Möve. So ging die Jagd durch die Tundra, bis beide meinen Augen entschwanden.

Schlägt der Wanderfalk eine Beute, so erdolcht oder erwürgt er sie gewöhnlich schon in der Luft, sehr schwere Vögel aber, die er nicht fortschleppen kann, wie Waldhühner und Wildgänse, auf dem Boden, nachdem er sie so lange gequält, bis sie mit ihm zur Erde herabstürzen. Bei Verfolgung seiner Beute fliegt er so fabelhaft schnell, daß man alle Schätzungen der Geschwindigkeit verliert. Man hört ein Brausen und sieht einen Gegenstand durch die Luft herniederstürzen, ist aber nicht imstande, in demselben einen Falken zu erkennen. Im Vollbewußtsein der außerordentlichen Gewandtheit, mit der er fliegt, zeigt er sich auf seinen Raubzügen oft außerordentlich dreist, nimmt dem Jäger ein im Fluge geschossenes Wild vor den Augen weg, ehe es den Boden berührt, und bezahlt solche Unklugheit nicht selten mit dem Leben. Die gewonnene Beute wird dann von ihm einer freien Stelle zugetragen und hier verzehrt, bloß größere Vögel werden da angefressen, wo sie getötet wurden. Vor dem Kröpfen rupft er wenigstens eine Stelle des Leibes vom Gefieder kahl. Kleinere Vögel verschlingt er samt dem Eingeweide, während er letzteres bei größeren verschmäht.

Hierzulande horstet der Wanderfalk am liebsten in Höhlungen an steilen Felswänden, die schwer oder nicht zu ersteigen sind, im Notfalle aber auch auf hohen Waldbäumen. Einen eigenen Bau errichtet er wohl nur in seltenen Fällen, benutzt vielmehr andere Raubvögelhorste, vom Seeadler- bis zum halbverfallenen Milanhorste herab, ebenso auch ein verlassenes oder gewaltsam in Besitz genommenes Krähennest. Gern bezieht er einen Horst inmitten einer Reihersiedlung, auch wohl solchen des Reihers selbst; denn die jungen Reiher, die er einfach aus dem Neste nimmt, erleichtern ihm seine Jagd und das Auffüttern seiner eigenen Brut. Bei uns zulande findet man im April oder Mai, zuweilen auch erst im Juni, das vollständige Gelege, drei, höchstens vier rundliche, auf gelbrötlichem Grunde braun gefleckte Eier. Das Weibchen brütet allein. Beide Eltern lieben ihre Brut außerordentlich und suchen durch heftige Stöße jeden dem Horste sich nahenden Feind zu vertreiben. So wenigstens beobachteten wir in der Tundra Sibiriens. Schon von Ferne machten uns die Wanderfalken auf den Horst aufmerksam. Auf weite Strecken flogen sie uns entgegen, umkreisten uns laut schreiend in hoher Luft, kamen um so tiefer herab, je mehr wir uns dem Horste näherten und stießen dann fortwährend auf uns hernieder. Das Schauspiel, das so geängstigte Falken bieten, ist im allerhöchsten Grade fesselnd; denn sie entfalten dabei alle Künste des Fluges. Eben sieht man sie noch in schwindelnder, weit mehr als schußfreier Höhe ihre Kreise ziehen, plötzlich aber die Flügel anlegen und nun sausend herunter bis auf wenige Meter an einem vorüberstürzen, an der tiefsten Stelle angekommen, ihr Steuerruder in entsprechender Weise gebrauchen und ohne Flügelschlag wieder sich erheben, soweit die Kraft des Stoßes sie treibt, dann wiederum mit einigen kurzen, raschen Flügelschlägen die vorherige Höhe erklettern, von neuem kreisen und von neuem herabstürzen. Zu wirklichen Angriffen entschließen sie sich jedoch nicht, kommen einem auch niemals so nahe, wie Habichte oder Möven unter gleichen Verhältnissen. Die Jungen werden anfänglich mit halbverdautem Fleische aus dem Kropfe geatzt, später mit verschiedenartigen Vögeln reichlich gefüttert, nach dem Ausfliegen ordentlich in die Lehre genommen und erst, wenn sie vollendete Fänger geworden sind, sich selbst überlassen.

Der Wanderfalk kann bei uns zulande nicht geduldet werden; denn der Schaden, den er anrichtet, ist sehr beträchtlich. Wenn der stolze Räuber nur zu eigenem Bedarfe rauben wollte, könnte man ihn vielleicht gewähren lassen: er aber muß für eine zahlreiche Sippschaft anderer Raubvögel sorgen. Es ist eine auffallende Tatsache, daß alle Edelfalken, wenn sie sich angegriffen sehen, die eben gewonnene Beute wieder wegwerfen. Dies wissen die Bettler unter den Raubvögeln sehr genau. »Da sitzen die trägen und ungeschickten Gesellen«, schildert Naumann, »auf den Grenzsteinen oder Feldhügeln, geben genau auf den Falken acht, und sobald sie sehen, daß er etwas gefangen hat, fliegen sie eiligst herbei und nehmen ihm ohne Umstände seine Beute weg. Der sonst so mutige, kühne Falk läßt, wenn er den ungebetenen Gast ankommen sieht, seine Beute liegen, schwingt sich mit wiederholt ausgestoßenem ›Kjak kjak‹ in die Höhe und eilt davon. Ja sogar dem feigen Gabelweih, den eine beherzte Gluckhenne von ihren Küchlein abzuhalten imstande ist, überläßt er seine Beute.« In Nordostafrika sind es hauptsächlich die Schmarotzermilane, die ihren Namen betätigen. Ich selbst habe gesehen, daß ein Wanderfalk binnen wenigen Minuten drei Enten erhob, alle drei dem unverschämten Bettlergesindel zuwarf und erst mit der vierten unbelästigt davonflog. Man hat sich bemüht, die Handlungsweise des Wanderfalken zu erklären und zu diesem Behufe verschiedene Annahmen verlautbaren lassen. Ich meinesteils kann nur sagen, daß ich den eigentlichen Grund des Verfahrens eines so kräftigen und stolzen Vogels nicht kenne, und muß somit, wenn ich eine Erklärung suchen soll, als allein wahrscheinlich annehmen, daß ihm das Gebaren der bettelnden Raubvögel überlästig wird und er aus diesem Grunde, im Vollbewußtsein seiner Raubfertigkeit, ihnen die leicht erworbene und leicht zu ersetzende Beute überläßt. Dem nicht in Abrede zu stellenden Schaden gegenüber spricht man dem Wanderfalken jeglichen Nutzen ab, und Jäger und Taubenzüchter sehen in ihm einen ihrer ärgsten Feinde, dessen Ausrottung jedes Mittel heiligt. Und doch möchte ich und mit mir jeder andere, der den stolzen Vogel jemals fliegen und rauben sah, ihn nimmermehr missen; denn er ist eine Zierde unserer Wälder und Fluren. Heute ist unser Vogel überall bei uns so selten geworden, daß man alle Ursache hat, ihn zu schützen. Die Natur ist ein wohlgegliedertes Ganzes, das kein Lebewesen, es sei denn, daß es auf natürliche Weise ausstirbt, ohne Schaden für den Gesamthaushalt entbehren kann. So sind auch Nutzen und Schaden sehr relative Begriffe. Ein Tier, das bei massenhaftem Auftreten uns schadet, erweist sich bei geringerem Vorkommen als sehr nützlich; seine Ausrottung dagegen bringt uns wieder andere Schäden. Herausgeber.

siehe Bildunterschrift

Baumfalk (Falco subbueto)

Der Baumfalk ( Falco subbuteo) gehört zu den kleinen Edelfalken. Seine Länge beträgt einunddreißig, seine Breite achtundsiebzig, die Fittichlänge fünfundzwanzig, die Schwanzlänge sechzehn Zentimeter. Das Weibchen ist um vier Zentimeter länger und um fünf bis sieben Zentimeter breiter. Die ganze Oberseite ist blauschwarz, der Kopf graulich, der Nacken weißfleckig; die Schwingen sind schwärzlich, rostgelb gekantet, auf der Innenfahne mit fünf bis neun roströtlichen, länglich runden Querflecken besetzt; die Schwanzfedern oben schieferblau, unten graulicher, auf der Innenfahne durch acht rostgelbrote Querflecke geziert, die sich zu Binden vereinigen, den beiden mittelsten Federn aber fehlen. Die Unterseite ist auf weißem oder gelblichweißem Grunde vom Kropfe an mit schwarzen Längsflecken besetzt; die Hosen, die Steiß- und die Unterschwanzdeckfedern sind schön rostrot. Die Bartstriche treten deutlich hervor. Das Auge ist dunkelbraun, der nackte Ring um dasselbe, die Wachshaut und die Füße sind gelb, der Schnabel ist an der Spitze dunkel-, an der Wurzel hellblau.

Europa, vom mittleren Skandinavien, Südfinnland und Nordrußland an bis Griechenland und Spanien, beherbergt diesen schnellsten Unserer Edelfalken als Brutvogel. Außerdem bewohnt er ganz Mittelasien vom Ural bis zum Amur. Nach Süden hin wird er seltener, so daß die Grenzen seines Brutgebietes den Balkan, die Alpen und Pyrenäen nur ausnahmsweise überschreiten. Auf dem Zuge berührt er Nordafrika höchst selten, kommt aber noch auf den Kanaren regelmäßig vor; in Indien hingegen erscheint er als Wintergast ziemlich häufig. In Deutschland bevorzugt er Feldhölzer und namentlich Laubwälder vor allen anderen Örtlichkeiten; in ausgedehnten Waldungen wird er nur auf dem Zuge bemerkt. Ebenso wie solche Wälder meidet er auch das Gebirge, besucht es mindestens ausnahmsweise und immer nur einzeln. Häufig kann man ihn überhaupt nicht nennen, als selten freilich auch nicht bezeichnen. Im ebenen Norddeutschland findet man ihn regelmäßig, hier und da kaum seltener als den Turmfalken, immer aber nur einzeln, so daß der Standort eines Paares von dem eines anderen oft durch viele Kilometer getrennt sein kann. Er ist bei uns ein Sommervogel, der uns im September und Oktober regelmäßig verläßt und im April wieder zurückkehrt.

In seinem Betragen zeichnet sich der Baumfalk in mancher Hinsicht vor andern Edelfalken aus. »Er ist«, sagt mein Vater, »ein äußerst munterer, kecker und gewandter Raubvogel, der sich in der Schnelligkeit seines Fluges mit jedem andern messen kann. Sein Flug hat viel Ähnlichkeit mit dem der Schwalben. Er hält wie diese die Flügel meist sichelförmig, breitet den Schwanz wenig und ähnelt in seiner ganzen Haltung dem Mauersegler sehr. Verläßt er einen Baum, dann streicht er oft ganze Strecken, aus drei- bis vierhundert Schritte weit, fast ohne alle bemerkbare Flügelbewegung durch die Lüfte hin und nicht etwa wie die Bussarde oder Turmfalken langsam, sondern sehr geschwind. Kommt er zu tief – denn er senkt sich bei diesem Hingleiten durch die Luft merklich –, dann kostet es ihm nur wenige Flügelschläge, und er hat seine vorige Höhe erreicht. So geht dieser herrliche Flug fort und entrückt den Falken in kurzer Zeit dem menschlichen Auge. Ist der gewöhnliche Flug schnell, so ist er beim Verfolgen eines Vogels reißend. Wie ein Pfeil schießt der Baumfalk hinter einer Rauchschwalbe her, und hat er freien Spielraum, sie zu verfolgen, dann ist sie verloren. Wir sahen das alte Männchen in nicht großer Entfernung stoßen. Es hatte dem kleinen Vogel, den es verfolgte, die Höhe abgewonnen und durch schnellen Schwingenschlag den zum Stoße nötigen Schuß bekommen. Jetzt legte es die Flügel zurück, und nachdem es zehn Meter weit in schiefer Richtung herabgefahren war, hatte es den Vogel schon ergriffen. Ein Grünspecht, der eben unter dem Falken vorüberflog, geriet über das Stoßen desselben in solche Angst, daß er laut aufschrie und in größter Hast in das nahe Dickicht stürzte.« Bei solchen Jagden vergißt er oft alle Scheu vor dem Menschen, eilt blindlings hinter den von ihm verfolgten Vögeln her und dringt dabei zuweilen in Häuser, selbst in das Innere eines fahrenden Wagens ein, falls seine geängstigte und verwirrte Beute hier wie dort Rettung sucht. Schwebend führt er die schönsten Schwenkungen mit der größten Leichtigkeit aus. Auf den Boden setzt er sich selten, vielmehr regelmäßig auf Stämme. Seinen Raub verzehrt er hier wie dort.

Männchen und Weibchen treten im Herbste miteinander ihre Winterreise an. Sie rauben auch gemeinschaftlich, werden aber hierbei aufeinander eifersüchtig und nicht selten miteinander uneinig. Solche eheliche Zwiste abgerechnet sind die Baumfalken sehr treue Gatten. Man sieht das Paar stets zusammen. Die Stimme ist ein helles und angenehm klingendes »Gäth gäth gäth«, das oft und schnell wiederholt wird. Während der Brutzeit vernimmt man ein helles »Gick«. Der Baumfalk ist immer scheu und vorsichtig, bäumt deshalb zum Schlafen erst aus, wenn die Dunkelheit vollständig eingebrochen ist, und weicht jedem Menschen fast ängstlich aus.

Wie schon Naumann hervorhebt, ist der Baumfalk der Schrecken der Feldlerchen. Er verschmäht aber auch andere Vögel keineswegs, und wird selbst den schnellen Schwalben gefährlich. »Die sonst so kecken Schwalben, die so gern andere Raubvögel mit neckendem Geschrei verfolgen, fürchten sich auch so sehr vor ihm, daß sie bei seinem Erscheinen eiligst die Flucht ergreifen. Ich sah ihn zuweilen unter einen Schwarm Mehlschwalben fahren, die darüber so erschraken, daß einige von ihnen vom Schreck förmlich betäubt wurden, wie tot zur Erde herabstürzten und sich von mir aufnehmen ließen. Lange hielt ich sie in der offenen Hand, ehe sie es wagten, wieder fortzufliegen. Auch die Lerchen fürchten sich so vor ihrem Erbfeinde, daß sie, wenn er sie verfolgt, ihre Zuflucht oft zu den Menschen nehmen, den Ackerleuten und Pferden zwischen die Füße fallen und von Furcht und Schrecken so betäubt sind, daß man sie nicht selten mit den Händen fangen kann. Der Baumfalk fliegt gewöhnlich niedrig und schnell über der Erde hin. Wenn ihn im Frühling die Lerchen von weitem erblicken, so schwingen sie sich schnell in die Luft zu einer Höhe hinauf, daß sie das menschliche Auge kaum erreichen kann, weil er allemal von oben herab auf seinen Raub stößt und sie daher, wenn sie einmal in einer so beträchtlichen Höhe sind, niemals angreift. Die Schwalben verursachen bei seiner Ankunft einen großen Lärm, sammeln sich zu einem Schwarm und schwingen sich girbelnd in die Höhe. Auf die einzeln niedrig fliegenden macht er Jagd und fängt sie; stößt er aber öfters fehl, so wird er müde und zieht ab.« Seine Jagd auf Schwalben gewährt ein prachtvolles Schauspiel. Regelmäßig vereinigen sich beide Gatten eines Paares, und während der eine die behenden Schwalben zu übersteigen sucht, hält sich der andere so viel als möglich unter denselben. Beide aber wechseln im Verlaufe der Jagd fortwährend ihre Rollen und entfalten dabei ebenso überraschende Flugkünste wie die geängstigten Schwalben. Unter gewissen Umständen vernichtet er so viele von unsern Haus- oder Mehlschwalben, daß man die Abnahme derselben deutlich merken kann; so große Verheerungen wie unter den Lerchen richtet er jedoch unter jenen wohl niemals an.

Selbstverständlich beschränkt er seine Jagden nicht auf Rauch- und Mehlschwalben, Segler und Feldlerchen allein, sondern raubt ebenso Heide- und Haubenlerchen, überhaupt alle Arten der Familie, mit denen er zusammenkommt, begnügt sich auch keineswegs immer mit so kleiner Beute, fängt vielmehr Vögel bis zu Wachtel- und Turteltaubengröße und stößt auf Rebhühner, ja sogar auf Kraniche. Alle Beobachter, die ihn in der Winterherberge antrafen, heben hervor, daß er hier mit den Wachteln erscheint und verweilt; Sachse fand an einem Sommermorgen nach starkem Regen ein junges Männchen, das eine Turteltaube ergriffen hatte, aber so durchnäßt worden war, daß es nicht auffliegen konnte und ergriffen wurde, und von Meyerinck, ein ebenso sicherer als bewanderter Beobachter, teilt mir mit, daß er ihn wiederholt auf Rebhühner stoßen sah. Kleine Vögel bilden unter allen Umständen seine bevorzugte Beute. Eine Maus nimmt er, weil er ebensowenig wie der Wanderfalk auf den Boden stoßen kann, nur in seltenen Fällen auf. Dagegen fängt er regelmäßig Kerbtiere im Fluge, namentlich Heuschrecken, Wasserjungfern und selbst die männlichen Ameisen, wenn sie schwärmen. Man hat mehrere erlegt, deren Kröpfe nur mit Kerfen angefüllt waren. Meines Vaters Beobachtungen erweisen, daß er die Käfer mit dem Schnabel, nicht aber mit den Fängen ergreift. »Ein Männchen verfolgte in unserer Gegenwart einen Roßkäfer in der Abenddämmerung. Es war dabei so eifrig, daß es bis auf zwanzig Meter über unserem Scheitel herabkam und wie ein Ziegenmelker rüttelte. Aber durch den Luftzug, den der Sturz des Baumfalken bewirkte, war der Käfer aus seiner Bahn gekommen, und so schnappte der Falk, der ihn mit dem Schnabel fangen wollte, vergeblich. Jetzt flog er hinter dem Käfer her, aber dieser bog zufällig auf die Seite aus und näherte sich der Erde, so daß der Vogel die Jagd auf ihn aufgeben mußte. Man sah es recht deutlich, daß ihm die zum Fange der Käfer notwendigen Eigenschaften, ein weiter Rachen und ein Flug, der keinen starken Luftzug bewirkt, fehlen; einem Ziegenmelker wäre dieser Käfer schwerlich entgangen.«

Da dem Baumfalken erst der Spätfrühling und Frühsommer, nachdem die kleinen Vögel bereits ausgeflogen sind, so reichliche Beute gewähren, als er für seine begehrlichen Jungen herbeischaffen muß, schreitet er nicht vor der Mitte des Mai, meist im Juni und nicht selten erst Ende Juli zur Fortpflanzung. Der Horst steht auf Bäumen, im Gebirge auch auf Felsen und in der Steppe jedenfalls hier und da auf dem Boden. Im ersteren Falle benutzt der Falk regelmäßig ein altes Krähennest zur Grundlage seines Horstes; doch geschieht es wohl auch, daß er diesen vom Grunde auf aus dürren Reisern erbaut und inwendig mit Haaren, Borsten und Moos auskleidet. Die vier bis fünf Eier haben längliche, ausnahmsweise auch rundliche Gestalt, sind vierzig bis dreiundvierzig Millimeter lang und zweiunddreißig bis dreiunddreißig Millimeter breit und auf weißlichem oder rötlichem Grunde mehr oder minder dicht mit sehr feinen, ineinander verschwimmenden gelbrötlichen und rotbräunlichen Flecken gezeichnet, einzelne so dicht, daß sie fast ziegelrot oder graubraun erscheinen. Von den Turmfalkeneiern unterscheiden sie sich durch stärkere, weniger glänzende Schale und ansehnlichere Größe. Das Weibchen brütet ungefähr drei Wochen lang, wird aber währenddem vom Männchen gefüttert. »Sobald dieses mit einem gefangenen Vogel oder Käfer in die Nähe des Horstes kommt«, sagt mein Vater, »erhebt es seine laute Stimme, verläßt den Horst, fliegt seinem Männchen schreiend entgegen und verzehrt die Beute im Horste.« Erlegt man im Anfange der Brutzeit das Männchen, so fliegt das Weibchen augenblicklich aus, um sich ein anderes Männchen anzupaaren, erreicht seinen Zweck auch meist schon in den ersten Tagen. Beide Eltern lieben ihre Brut außerordentlich, verlassen sie nie und verteidigen ihren Horst gegen jeden Feind, stoßen auch mit unvergleichlichem Mut auf den den Horst erklimmenden Menschen herab, bis auf Meterweite am Haupte des gewaltigen Feindes vorüberfliegend. Als Briggs einen Baumfalkenhorst bestieg, um sich der Jungen zu bemächtigen, wurde er zunächst mit lautem Geschrei der beiden Eltern begrüßt und dann in der erwähnten Weise fortwährend angegriffen. Glücklich mit seiner Beute auf dem Boden angelangt, beschloß der Nesträuber, auch die Alten zu erlegen, setzte zu diesem Behufe die Jungen auf ein benachbartes freies Feld, stellte sich in der Nähe auf und machte sich zum Schusse fertig. Kaum vernahmen die alten Baumfalken das Geschrei ihrer Jungen, als sie wiederum erschienen und von neuem zum Angriffe schritten; dies aber geschah von einer so bedeutenden Höhe aus und mit so außerordentlicher Schnelligkeit, daß Briggs nicht imstande war, einen Schuß abzugeben. Erlegt man das Weibchen, so übernimmt das Männchen allein die Mühwaltung der Aufzucht der Jungen und schleppt unverdrossen vom frühen Morgen bis tief in die Nacht hinein in reichlicher Fülle Atzung herbei. Anfänglich erhalten die jungen Baumfalken größtenteils wohl Kerbtiere, namentlich Libellen, Heuschrecken, Brach- und andere weichschalige Käfer, später kleine Vögel verschiedenster Art, insbesondere Lerchen und Schwalben. Im Anfange wissen sie noch nicht recht mit den ihnen gebrachten Vögel umzugehen und lassen sie nicht selten von den hohen Bäumen, auf denen sie ihre Mahlzeit halten, herabfallen; später zerlegen, zerfleischen und verzehren sie die ihnen gebrachte Beute ebenso geschickt als rasch. Sind sie so weit erstarkt, daß sie kleine Ausflüge unternehmen können, so treiben sie sich in der Nähe des Horstes umher, versuchen ihre Fittiche und ruhen nach kurzem Fluge bald auf dem Rande des Horstes, bald auf benachbarten Bäumen, machen auch wohl schon auf eine erspähte Heuschrecke oder ein kleines Vögelchen Jagd. Noch lange aber sind die Eltern ihre wirklichen Ernährer. Sind die Jungen so weit im Fluge geübt, daß sie ihren Eltern auf weiterhin folgen können, so beginnen diese den regelrechten Unterricht, um die Kinder zur Selbständigkeit vorzubereiten. Rufend und schreiend fliegen beide Eltern in die Luft hinaus, rufend und schreiend folgt ihnen die junge Gesellschaft. Anfänglich ziehen jene in verhältnismäßig langsamem und einfachem Fluge dahin; bald aber beginnt der eine von ihnen allerlei Schwenkungen auszuführen, der andere tut dasselbe und die Jungen folgen, anfänglich ersichtlich ungeschickt, im Verlaufe der Zeit aber mit von Tag zu Tag sich steigernder Gewandtheit. Eine Beute kommt in Sicht und wird rasch gefangen, entweder von einem Alten allein oder unter Mithilfe des zweiten. Sofort nach dem Fange erhebt sich der glückliche Jäger hoch in die Luft, übersteigt die Schar der Jungen und läßt nun die Beute fallen. Sämtliche Jungen versuchen ihr Geschick, und alle gemeinschaftlich stürzen unter lautem Schreien dem fallenden Vogel nach. Gelingt es einem, ihn zu ergreifen, so trägt er ihn, nicht immer unbelästigt durch die andern, einem geeigneten Baumaste zu, um ihn hier zu verspeisen; fehlen alle, so stößt der unter den Kindern einherfliegende zweite Gatte des Paares auf den Vogel, fängt ihn und steigt nun seinerseits über die Jungen empor, um das alte Spiel zu beginnen. So währen Lehre und Unterricht acht, vierzehn Tage, vielleicht auch drei Wochen fort, bis die Jungen hinlänglich geübt sind, um sich auf eigene Faust ihr tägliches Brot zu erwerben. Damit ist dann auch in der Regel die Zeit der Abreise gekommen, und alt und jung zieht, meist noch gemeinschaftlich, der Winterherberge zu, bereits getrennt aber im nächsten Frühjahr wieder heimwärts.

Der Baumfalk ist der liebenswürdigste Hausgenosse, den wir aus dieser Familie gewinnen können. »Ich habe«, sagt mein Vater, »nie einen Vogel gehabt, der mir mehr Freude gemacht hätte, als mein zahmer Baumfalk. Wenn ich vor dem Stalle, in dem er gehalten wurde, vorüberging, schrie er, noch ehe er mich sah, kam nach der Tür geflogen, nahm mir einen Vogel ab und verzehrte ihn. Ging ich in den Stall, so setzte er sich mir auf die Hand, ließ sich streicheln und sah mich dabei mit treuherzigen Blicken an. Trug ich ihn in die Stube und setzte ihn auf den Tisch, so blieb er hier ruhig sitzen, verzehrte auch wohl in Gegenwart fremder Leute einen ihm dargereichten Vogel mit der größten Behaglichkeit. Wenn man ihn neckte oder ihm den Raub abnehmen wollte, zwickte er mit dem Schnabel, verwundete aber nie mit den Fängen. Jedermann, der diesen Falken sah, hatte ihn gern.« Ich kann diese Angaben meines Vaters nur bestätigen. Die Baumfalken. die ich gehalten, haben auch mir stets die größte Freude bereitet. Auch meine Freunde haben diesen Vogel ohne Mühe zum Aus- und Einfliegen gewöhnen können.

Während der Blüte der Falkenjagd wurde auch unser Baumfalk abgetragen und zur Beize auf Wachteln und anderes Kleingeflügel benutzt, soll auch von einzelnen Falknern so weit gebracht worden sein, daß er sogar wilde Gänse am Halse packte und so lange quälte, bis sie mit ihm zum Boden herabfielen; demungeachtet scheint er in der Falknerei eine besondere Rolle nicht gespielt zu hoben und mehr seiner jeden Beobachter erfreuenden Fluggewandtheit als der eigentlichen Beize halber gehalten worden zu sein.

siehe Bildunterschrift

Merlin (Falco aesalon)

Vom hohen Norden, seiner Heimat, aus durchzieht unser Vaterland allherbstlich ein kleiner reizender Edelfalk, um in Südeuropa und Nordafrika den Winter zu verbringen und im Frühling nach seinem Brutgebiet zurückzuwandern. Dies ist der Merlin ( Falco aesalon), dessen Merkmale in dem kurzen, zusammengelegt nur Zweidrittel der Schwanzlänge erreichenden Flügel, dem schwachen Bartstreifen und der verschiedenartigen Färbung beider Geschlechter zu suchen sind. Die Länge des Merlin beträgt zweiunddreißig, die Breite sechsundachtzig, die Fittichlänge zwanzig, die Schwanzlänge dreizehn Zentimeter; das Weibchen ist um zwei Zentimeter länger und um drei bis vier Zentimeter weniger breit als das Männchen. Bei letzterem sind Stirne und Wangen gelblichweiß, Scheitel und Vorderkopf sowie die ganze Oberseite dunkelbläulich aschgrau, Kehle und Gurgel rein weiß, ein Streifen über dem Auge, ein breites Nackenband, die Halsseiten und die ganze übrige Unterseite schön rostgelb, bald lichter, bald dunkler, alle Federn durch schwarze Flecke geziert, die Schwingen braunschwarz, am Ende schmutzigweiß gesäumt und mit weißen Querflecken gezeichnet. Beim alten Weibchen sind die Stirne, ein Streifen über dem Auge, die Wangen und die Kehlfedern weiß, die übrigen Oberteile dunkel braungrau, licht fahlgelb gesäumt und schwarz in die Länge gestrichelt; der Bürzel ist lichtblau überflogen, die Unterseite endlich ist blaß rostbraun oder rostgelblichweiß, durch schwarze Schaftstriche und große dunkelbraune Tropfenflecke sehr von denen des Männchens unterschieden; die Schwingen sind dunkelbraun. Bei einzelnen Weibchen tritt der schieferblaue Ton mehr hervor und zwar auch auf den Querbinden des Schwanzes. Der junge Vogel ähnelt dem Weibchen, ist jedoch oberseits lichtrostbraun, zeigt ein deutliches Nackenband und über dem Auge einen gelblichen Brauenstrich.

Wiederholt, am bestimmtesten von Bechstein und Päßler, ist behauptet worden, daß der Merlin in Deutschland brüte. Solche Fälle gehören jedoch zu den seltenen Ausnahmen; denn das wirkliche Brutgebiet ist der hohe Norden Europas, insbesondere die Tundra und der nach Süden hin sich anschließende Waldgürtel, ungefähr bis zur Breite der Insel Gothland. Im nördlichen Skandinavien wie auf Island und den Färinseln zählt der Merlin unter die regelmäßigen Brutvögel des Landes; in Sibirien bewohnt er von Nowaja Semlja an ähnliche Örtlichkeiten, dringt aber, im Einklange mit der Beschaffenheit der Waldungen, weiter nach Süden vor als in Europa. Nach Osten hin scheint er bis zum untern Amur überall vorzukommen; wenigstens fanden ihn Pallas, Middendorf und Radde auf allen ihren Reisen in jenen Gegenden. Ob er auch die Tundra Amerikas bewohnt, ist noch nicht entschieden, weil der hier vorkommende Merlin von den meisten Naturforschern als besondere Art betrachtet und nur von wenigen als gleichartig mit dem europäischen Vogel angesehen wird. In Berücksichtigung der ständigen Abweichungen, die man bei andern rings um den Pol brütenden Falken beobachtet, möchte ich mich der letzterwähnten Meinung anschließen und glauben, daß auch der Merlin wie der Jagd- und Wanderfalk nur eine einzige Art darstellen. Notwendigerweise ist der kleine, fast ausschließlich von Sperlingsvögeln sich ernährende Falk ebenso gut wie der nicht den Meeresvögeln nachjagende Wanderfalk gezwungen, mit Beginn des Winters seine Heimat zu verlassen und nach Süden zu wandern; hierbei aber muß er selbstverständlich alle zwischen ihr und der Winterherberge liegenden Länder berühren, in Asien sogar Gebirge von viertausend Meter unbedingter Höhe überschreiten und auf seinen Herbst- und Winterzügen bemerkt werden. In Europa überwintert er alljährlich in erheblicher Anzahl auf den drei südlichen Halbinseln, in noch größerer aber in Nordafrika, insbesondere in Ägypten, wo er zuweilen, ganz gegen Art seines Geschlechtes, in zahlreichen Trupps auftritt.

Ungeachtet seiner geringen Größe steht der Merlin an Raubfertigkeit, Mut und Kühnheit hinter keinem einzigen andern Edelfalken zurück. Ein so ausgezeichneter Flieger wie der Baumfalk ist er nicht; sein Flug erinnert im Gegenteil oft an den des Sperbers. Alles Kleingeflügel, das in der Tundra lebt, liefert dem Merlin die nötige Nahrung. Blaukehlchen und Sporenammer, Pieper, Zitron- und Schafstelzen, Meisen und Laubsänger haben viel von ihm zu leiden, nicht minder aber auch alle Strandläufer, überhaupt das kleine Strandgesindel, und ebenso die Drosseln. Denn mit gleichem Mute wie der Baumfalk schlägt er Vögel, die ihm an Gewicht gleichkommen, vielleicht ihn selbst noch überbieten. Für seine Gewandtheit spricht die Tatsache, daß er ebenso wie der Baumfalk auf Schwalben jagt und alle Schwenkungen derselben mit der unvergleichlichsten Gewandtheit wiederholt. Eigene Beobachtungen lassen mich glauben, daß er im Gegensatze zu andern Edelfalken, vom Boden oder vom Wasser mühelos Beute aufzunehmen vermag. Ich habe wenigstens wiederholt gesehen, wie er, ganz nach Sperberart, so dicht einzelne Gebüsche umkreiste, daß seine Schwingen fast deren Laubwerk berührten, und traue ihm deshalb alle Fertigkeiten zu, die der Sperber erwiesenermaßen ausübt. Für meine Ansicht spricht die Mitteilung Colletts, daß im Sommer des Jahres 1872 der Merlin viel häufiger als früher auftrat, im Einklange mit der in diesem Jahre stattgefundenen großartigen Wanderung der Lemminge. Echt sperberartig ist auch seine Gewohnheit, beim Aufbäumen stets die unteren Äste zu wählen und hier möglichst nahe am Stamme zu fußen.

Wie die meisten andern Edelfalken, horstet auch der Merlin je nach des Ortes Gelegenheit, in gebirgigen Gegenden des Nordens wohl regelmäßig auf oder in den Felsen, in waldigen auf Bäumen, in der Tundra oder in Mooren auf dem Boden. Um die Mitte oder zu Ende des Mai findet man hier, im hohen Norden jedenfalls erst später, die vier bis sechs entweder gestreckten oder rundlichen, auf weißlichem oder dunkelziegelrotem Grunde mit sehr feinen und gröberen, braunrötlichen oder schwärzlichen Flecken, ausnahmsweise wohl auch auf schokoladenfarbigem Grunde mit dunkelbraunen Flecken gezeichneten Eier, die denen des Turm- und Rotfußfalken oft täuschend ähnlich sind. Die Jungen entschlüpfen nach ungefähr dreiwöchentlicher Brutzeit, werden von beiden Eltern großgefüttert, warm geliebt, tapfer verteidigt, jedenfalls auch in ähnlicher Weise wie die des Baumfalken unterrichtet und verlassen dann mit den Eltern oft schon Ende August das Brutgebiet, um der Winterherberge zuzuwandern.

Obgleich der Merlin sich hauptsächlich von kleinen Vögeln ernährt, fällt der Schaden, den er verursacht, kaum ins Gewicht. Seine Heimat ist so reich an dem von ihm bevorzugten Wilde, daß man eine irgendwie ersichtliche Abnahme desselben nicht bemerken kann. Nutzen bringt uns der niedliche Falk freilich ebensowenig; denn die Zeiten sind vorüber, in denen man auch ihn zur Beize abrichtete. Ich verstehe, weshalb dieser Vogel sich die Liebe jedes Pflegers erwarb. Auch bei uns zulande wird zuweilen einer gefangen, auffallenderweise am häufigsten in Dohnen, in denen er vielleicht gefangene Drosseln wegnehmen will, und so gelangt dann und wann auch wohl einer der reizenden Gesellen in unsere Gebauer. Dank seinen ebenso zierlichen als gewandten Bewegungen weiß er sich auch im kleineren Raume fliegend so zu benehmen, daß er sich selten die Schwingen abnutzt. Mit dem Wärter befreundet er sich bald innig, und wenn man sich mehr mit ihm abgibt, wird er so zahm wie irgend ein Mitglied seiner Familie. Ein Bekannter von mir besaß einen dieser Falken, der sich behandeln ließ wie ein Papagei, alle Furcht vor dem Pfleger abgelegt hatte und ruhig auf seinem Stocke sitzend den ihm vorgehaltenen Sperling oder die ihm gereichte Maus aus der Hand nahm.

siehe Bildunterschrift

Junge Turmfalken (Falco tinnunculus)

Der Turmfalk ( Falco tinnunculus) ist ein sehr schmucker Vogel. Beim ausgefärbten Männchen sind Kopf, Nacken und der Schwanz, mit Ausnahme der blauschwarzen, weiß gesäumten Endbinden, aschgrau, die Oberteile schön rostrot, alle Federn mit dreieckigem Spitzenflecke, die Unterteile an der Kehle weißlichgelb, auf Brust und Bauch schön rotgrau oder blaßgelb, die einzelnen Federn mit schwarzem Längsflecke gezeichnet, die Schwungfedern schwarz und mit sechs bis zwölf weißlichen oder rostroten dreieckigen Flecken an der Innenfahne geschmückt, an der Spitze lichter gesäumt. Der Augenstern ist dunkelbraun, der Schnabel hornbraun, die Wachshaut und die nackte Stelle ums Auge sind grünlichgelb, der Fuß ist zitrongelb. Ein Bartstreifen ist vorhanden. Das alte Weibchen ist auf dem ganzen Oberkörper rötelrot, bis zum Oberrücken mit schwärzlichen Längsflecken, von hier an aber mit Querflecken gezeichnet; sein Schwanz auf graurötlichem Grunde an der Spitze breit und außerdem schmal gebändert, nur der Bürzel rein aschgrau. Auf der Unterseite ähnelt die Färbung der des Männchens. Die Jungen tragen das Kleid der Mutter. Die Länge beträgt dreiunddreißig, die Breite siebzig, die Fittichlänge vierundzwanzig, die Schwanzlänge sechzehn Zentimeter. Das Weibchen ist um zwei bis drei Zentimeter länger und um drei bis vier Zentimeter breiter als das Männchen.

Von Lappland an bis Südspanien und von den Amurländern an bis zur Westküste Portugals fehlt der Turmfalk keinem Lande, keinem Gaue Europas. Er lebt in Ebenen wie in gebirgigen Gegenden, gleichviel ob dieselben bewaldet sind oder nicht; denn er ist ebensowohl Felsen-, wie Waldbewohner. Im Süden unseres Erdteiles tritt er häufiger auf als im Norden, fehlt hier jedoch keineswegs. Auf seinem Zuge überfliegt er das Schwarze und das Mittelländische Meer, sucht bei heftigen Stürmen nötigenfalls auf Schiffen Zuflucht, ruht einige Stunden, vielleicht tagelang, am jenseitigen Ufer aus und wandert nun weiter bis nach Südasien und tief ins innere Afrika. Demungeachtet überwintert er, wenn auch nicht gerade regelmäßig, so doch nicht allzuselten, einzeln in Deutschland, häufiger schon im Süden unseres Vaterlandes oder in Österreich, beispielsweise im Salzkammergut, alljährlich bereits in Südtirol und auf allen drei südlichen Halbinseln unseres Erdteiles. Zurückkehrend aus seiner Winterherberge erscheint er oft schon im Februar, spätestens im März, und wenn der Herbst einigermaßen günstig ist, verweilt er nicht bloß wie gewöhnlich bis Ende Oktober, sondern noch bis tief in den November hinein in seinem Brutgebiete. Im Gebirge begegnet man ihm noch in der Höhe von zweitausend Meter über dem Meere, vorausgesetzt, daß sich hier, und wenn auch einige hundert Meter tiefer, ein passender Brutplatz findet. So gern er übrigens im Gebirge wohnt, so darf man ihn doch nicht zu den Hochgebirgsvögeln zählen. Er liebt mehr die Vorberge und das Mittelgebirge als die höchsten Kuppen und ist wohl überall, in der Ebene noch häufiger als in den Bergen. Dort bildet das eigentliche Wohngebiet ein Feldgehölz oder auch ein größerer Wald, wo auf einem der höchsten Bäume der Horst steht, ebenso häufig aber eine Felswand und, zumal in südlichen Gegenden, ein altes Gebäude. Verfallenen Ritterburgen fehlt der Turmfalk selten; auch die meisten Städte geben ihm regelmäßig Herberge. Als Brutvogel aber bewohnt er den Stephansturm in Wien, den Kölner Dom und viele der altertümlichen, aus Ziegeln erbauten Kirchen der Mark, ebenso wie er im Süden Europas an entsprechenden Orten stets gefunden wird.

Der Turmfalk zählt unbestritten zu den liebenswürdigsten Falken unseres Vaterlandes. Seine Allverbreitung und sein hier und da häufiges Vorkommen geben jedermann Gelegenheit, ihn zu beachten; wer dies aber tut, wird ihn lieb gewinnen müssen. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend, oft noch in tiefer Dämmerung, sieht man ihn in Tätigkeit. Von seinem Horste aus, der immer den Mittelpunkt des von ihm bewohnten Gebietes bildet, fliegt er einzeln oder paarweise, im Herbste wohl auch in größeren Gesellschaften, mindestens im Verein mit seiner herangewachsenen Familie, auf das freie Feld hinaus, stellt sich rüttelnd über einem bestimmten Punkte fest, überschaut von diesem sehr sorgfältig das Gebiet unter sich und stürzt, sobald sein unübertrefflich scharfes Auge ein Mäuschen, eine Heuschrecke, Grille oder sonst ein größeres Kerbtier erspäht, mit hart an den Leib gezogenen Flügeln fast wie ein fallender Stein zum Boden herab, breitet, dicht über demselben angelangt, die Fittiche wiederum ein wenig, faßt die Beute nochmals ins Auge, greift sie mit den Fängen, erhebt sich und verzehrt sie nun entweder fliegend, wie oben geschildert, oder trägt sie, wenn sie größer ist, zu einer bequemeren Stelle, um sie dort zu verspeisen. Brütet das Weibchen auf den Eiern, so kündet er durch ein von seinem sonstigen Lockrufe sehr verschiedenes, gezogenes und etwas schrillendes Geschrei schon von weitem seine Ankunft und sein Jagdglück. Wird er von seinen im Fange noch ungeübten Jungen umgeben, so entsteht ein lustiges Getümmel um den Ernährer, und jeder bemüht sich, den andern zu übervorteilen, jeder, der erste zu sein, dem die Jagdbeute gereicht wird. Ein solches Familienbild gewährt ein überaus reizendes Schauspiel: die treue Hingebung des Vogels an seine Brut läßt ihn noch anmutender erscheinen, als er in Tat und Wirklichkeit ist.

Je nach der Witterung schreitet der Turmfalk früher oder später zur Fortpflanzung. Vor Anfang des Mai findet man selten, in vielen Jahren nicht vor Anfang des Juni das vollständige Gelege. Zum Horste dient meist ein Krähennest, in Felsen und Gebäuden irgend welche passende Höhlung. Bei uns zulande horstet er in alten Raben- oder Saatkrähennestern, in Norddeutschland ebenso in Elsternnestern, in alten Beständen gern auch in Baumhöhlungen. Gesellig, wie alle unechten Edelfalken, bildet auch er zuweilen förmliche Nistansiedlungen; man kennt Beispiele, daß zwanzig bis dreißig Paare in einem und demselben Feldgehölze friedlich nebeneinander horsteten. Um den Brutplatz muß er mit den Erbauern des von ihm benutzten Horstes oft ernstliche Kämpfe bestehen; denn weder ein Krähen- noch ein Elsternpaar läßt sich gutwillig von ihm vertreiben. Die flache Mulde des Horstes, der sich von dem anderer Raubvögel wenig unterscheidet, wird mit Wurzeln, Stoppeln, Moos und Tierhaaren spärlich ausgekleidet. Das Gelege besteht aus vier bis neun, in der Regel vier bis sechs, rundlichen, auf weißem oder rostgelbem Grunde überall braunrot gefleckten und gepunkteten, in Größe und Gestalt vielfach abwechselnden Eiern, deren größter Durchmesser sechsunddreißig bis einundvierzig und deren kleinster neunundzwanzig bis zweiunddreißig Millimeter beträgt. Sie werden zwar vorzugsweise vom Weibchen ausgebrütet; doch beteiligt sich hieran zuweilen auch das Männchen, das sonst während der Brutzeit für Ernährung des Weibchens zu sorgen hat: mein Vater beobachtete sogar, daß das Männchen auf den eben ausgekrochenen Jungen hudernd saß, obwohl das Weibchen noch lebte. Als dieses jedoch erlegt wurde, ließ jenes die Jungen sterben. Wie bei den meisten übrigen Raubvögeln, fühlt es sich wohl befähigt, Beute herbeizuschaffen, ist aber nicht imstande, dieselbe den zarten Jungen mundgerecht zu zerlegen oder vorher noch im eigenen Kropfe für die Verdauung vorzubereiten. Sind die Jungen dagegen schon mehr erstarkt, vielleicht bereits flugbar geworden, dann übt es treulichst Vaterpflicht, auch wenn die Mutter durch Zufall ums Leben kommt. Beide Eltern lieben ihre Brut mit der warmen Zärtlichkeit aller Raubvögel und beweisen dem Menschen gegenüber außerordentlichen Mut.

Die bevorzugte Beute des Turmfalken bilden Mäuse, nächstdem verzehrt er Kerbtiere. Erwiesenermaßen frißt er auch kleinere Vögel, falls er sie bekommen kann, und es mag sein, daß er die Brut manchen Lerchen- oder Pieperpaares seinen Jungen zuträgt, ich halte es ebenso nicht für undenkbar, daß er dann und wann ein junges, eben gesetztes Häschen auffindet und abwürgt, und erinnere mich endlich der bemerkenswerten Beobachtung meines Vaters, daß ein Turmfalk einem laufenden, ausgewachsenen Hasen nachflog, aus einer Höhe von wenigstens zwanzig Meter auf ihn herabstieß, sich zweimal wieder emporschwang und zweimal aus gleicher Höhe mit solcher Kraft auf Lampe herabstürzte, daß die Haare stiebten; ihn aber deshalb zu den schädlichen Vögeln zu zählen und zu verfolgen, anstatt ihm den vollsten Schutz angedeihen zu lassen, ist ebenso unrecht wie töricht. Wer den Turmfalken kennt, weiß, daß er zu unsern nützlichsten Vögeln zählt und unsern Feldern nur zum Segen gereicht, mag auch dann und wann dem habgierigen Jäger ein Häschen oder Rebhuhn von ihm weggenommen werden!!! – Wenn ich erwähne, daß Preen die Gewölle unter den Horsten einer aus zwanzig Turmfalken bestehenden Siedelung untersuchte und fand, daß dieselben lediglich aus Mäusehaaren und Mäuseknochen bestanden, darf ich mich wohl der Mühe überhoben erachten, weitere Zeugnisse für die wirkliche Bedeutung des Turmfalken anzuführen.

»Der Turmfalk«, schreibt mir Liebe so recht aus dem Herzen heraus oder ins Herz hinein, »ist ein prächtiger Hausgenosse, der sich sogar für das Zimmer eignet. Vor seinen Verwandten zeichnet er sich durch große Reinlichkeit aus. Wenn man den Boden des Käfigs mit Moos belegt, so entwickelt sich kein übler Geruch. Denn einerseits läßt der erwachsene Vogel den Schmelz einfach herabfallen und spritzt ihn nicht an und durch die Käfigwände, wie dies die leidige Art derer vom edlen Geschlecht Sperber ist, und anderseits scheint der Schmelz selbst nicht so schnell zu verwesen, sondern bald zu trocknen. Die Turmfalken halten ihr Gefieder besser in Ordnung als alle andern Raubvögel und dulden nicht leicht Schmutz auf demselben. Auch sind die Bewegungen der Turmfalken weicher und sanfter und nicht so stürmisch wie bei den Verwandten. Man kann sie daher, wie ich dies stets getan habe, alle Tage einmal aus dem Bauer nehmen und sich im Zimmer ausfliegen lassen. Die andern kleinen Vögel in dem Zimmer geraten dabei nicht in eine so entsetzliche Angst wie beim Anblicke eines Sperbers. Flattern sie auch während der ersten Male ängstlich in ihren Gebauern umher, so gewöhnen sie sich doch bald an die Ausflüge des edlen Herrn und zeigen bald keine Spur von Ängstlichkeit mehr. Zu einem alt gefangenen Turmfalken setzte ich einmal ein ebenfalls alt gefangenes Gimpelweibchen in den Bauer, um zu versuchen, ob der Raubvogel letzteres annehme, überhaupt um das Tun desselben zu beobachten. Zu meinem Erstaunen zeigte der Gimpel durchaus keine Angst, sondern setzte sich ruhig auf die Sitzstange des Falken. Ich ließ ihn fünf Tage bei dem letzteren, der allerdings wie gewöhnlich gefüttert wurde, und sah, daß ihm nicht das geringste Leid geschah.

 

Dem Turmfalken nahe verwandt ist ein anderer kerbtierfressender Raubvogel Südeuropas, der Abend- oder Rotfußfalk ( Falco vespertinus), einer der schönsten Falken überhaupt. Seine Länge beträgt einunddreißig, die Breite achtundsiebzig, die Fittichlänge zweiundzwanzig, die Schwanzlänge vierzehn Zentimeter. Das Weibchen ist um drei Zentimeter länger und um vier bis fünf Zentimeter breiter. Im ausgefärbten Kleide kann das Männchen mit keinem andern Falken verwechselt werden. Der Unterbauch, die Hosen und die Unterschwanzdeckfedern sind dunkelrostrot; das übrige Gefieder ist sehr gleichmäßig schieferblau, nur der Schwanz etwas dunkler. Die Wachshaut, der nackte Ring ums Auge, sowie die Füße sind ziegelrot, der Schnabel ist hinten gelb, vorn hornbläulich. Das Weibchen ist auf dem Kopfe und Nacken hell rostfarben, auf dem übrigen Oberkörper blaugrau, auf Mantel und Schwanz dunkel gebändert, am Vorderhalse und auf den Halsseiten, mit Ausnahme der braunen Bartstreifen, weiß, auf dem übrigen Unterkörper rostgelb mit einzelnen braunen Schaftstrichen. Wachshaut, Augenring und Füße sind orangerot. Im Jugendkleid ist der Oberkörper dunkelbraun, jede Feder rostgelblich gerandet, der Schwanz rostgelb, elf- bis zwölfmal dunkler in der Quere gebändert, der Unterkörper von der weißen Kehle ab rostgelblichweiß mit breiten braunen Längsflecken. Die nackten Stellen sind noch lichter als bei dem Weibchen. Der Augenstern ist immer braun.

Der Rotfußfalk gehört dem Südosten Europas sowie Mittelasien an. Im Westen unseres heimatlichen Erdteiles ist er selten, kommt hier aber gelegentlich seines Zuges dann und wann einmal vor, indem er die Grenzen seines Wandergebietes überschreitet. Unter diesen Umständen ist er wiederholt in verschiedenen Gegenden Deutschlands, ebenso auf Helgoland, in England und selbst in Schweden erlegt worden. Eugen von Homeyer erhielt aus Ostpreußen jugendliche, offenbar erst vor wenigen Tagen dem Horste entflogene Abendfalken, und Kratzsch hat in den sechziger Jahren im Altenburgischen ein Paar horstend gefunden. Wenn damit erwiesen ist, daß der zierliche Vogel auch innerhalb der Grenzen Deutschlands gebrütet hat, so gehört dies doch zu den seltensten Ausnahmen. Unser Falk ist im vollsten Sinne des Wortes Charaktervogel der Steppe und bewohnt dieselbe von der ungarischen Pußta an durch Südrußland und ganz Mittelasien hindurch bis zur Grenze Chinas. Dementsprechend richtet sich sein Zug vorzugsweise nach Indien, nicht aber nach Afrika.

In den von mir bereisten Steppen des südlichen Westsibirien und nördlichen Turkestan gehört der Abendfalk zu den so regelmäßigen Erscheinungen, daß man sagen darf, er fehle dem Gebiete ebensowenig wie die Schäfchenwolke am Himmel. Nur äußerst selten habe ich ihn einzeln, vielmehr fast stets in Gesellschaften beobachtet. Wo in der Steppe Ruheplätze für sie vorhanden sind, wo es eine Telegrafenleitung gibt, wo der Weg für die Winterszeit, durch Pfähle, kegelförmige, mit Erde ausgefüllte Körbe oder eingerammte Stangen mit zwei bis drei in gewisser Weise verschnittenen Zweigen angemerkt wurde, fehlen sie gewiß nicht. Sie sitzen auf allen diesen Erhöhungen, ihren Warten, ausruhend, verdauend und gleichzeitig nach neuer Beute spähend. Mit einigen pfeilschnellen, gewandten Flügelschlägen, vielfach an die echten Edelfalken erinnernd, eilen sie eine Strecke weit weg, beginnen zu schweben und halten sich nunmehr, kaum bemerkbar rüttelnd genau auf einer und derselben Stelle, fliegen ein wenig weiter und verfahren wie früher. Nicht selten sieht man ihrer zehn, zwanzig, dreißig zu gleicher Zeit über der Steppe schweben. Einer nach dem anderen fährt zum Boden herab, verweilt einen Augenblick, um ein kleines Kerbtier, im Frühjahr hauptsächlich ein Käferchen, aufzunehmen, schwingt sich hierauf von neuem empor und beginnt wie vorher das alte Spiel. Im Vollbewußtsein ihrer Sicherheit lassen sie sich hierbei durch den Beobachter nicht im geringsten stören, treiben über dessen Kopfe ihre Flugkünste, stoßen dicht neben ihm herab auf den Boden, lassen sich sogar durch ein angezündetes Feuerchen von ferne herbeilocken.

Bemerken will ich noch, daß sie keineswegs überall in der Steppe in gleicher Häufigkeit auftreten, hervorheben ebenso, daß sie während ihres Zuges ersichtlich den größeren Flüssen folgen, während ihres Gehens und Kommens in Stromtälern wenigstens weit häufiger auftreten als sonst in der weiten Steppe. Hier verteilen sie sich schon aus dem Grunde mehr, weil passende Nistplätze für sie nicht überall zu finden sind. Nach meinem Bedünken bevorzugen sie sanfte Gehänge der Hügel vor der freien, offenen Ebene, obgleich sie auch hier keineswegs fehlen. Stehen irgendwo einige hohe Bäume, so bilden diese unter Umständen eine förmliche Siedelung, in jedem Falle aber morgens und zumal des abends einen Vereinigungspunkt der niedlichen Falken. Hier sieht man sie dann während der Mittagszeit in Gesellschaften von zwanzig, dreißig und mehr dicht nebeneinander aufgebäumt sitzen, der Ruhe pflegen und die ihrer Jagd besonders förderlichen Spätnachmittags- und Abendstunden abwarten. Nordmann versichert, sie zuweilen so gehäuft gesehen zu haben, daß ein einziger Schuß ein Dutzend von ihnen zu Boden streckte, ungezählt noch die leichter verwundeten, die nicht in die Gewalt des Jägers fielen. Sobald sich die Kerbtierwelt zu regen beginnt, erheben sie sich und fliegen nun nach allen Seiten in die Steppe hinaus. Kerbtiere in allen Lebenszuständen, besonders aber Käfer, bilden den größten Teil ihrer Nahrung; ein Mäuschen, junges, unbehilfliches Vögelchen oder eine kleine Eidechse wird ihnen seltener zuteil. Erstaunlich ist die Geschicklichkeit, mit der sie kleine, auf dem Boden kriechende Käfer aufnehmen, zwischen ihren kurzen Klauen festhalten und im Fluge verspeisen. Je mehr der Abend herankommt, um so reger werden alle Bewegungen, weil mit hereinbrechender Nacht mehr und mehr Kerbtiere ihre Schlupfwinkel verlassen und umherschwärmen. Daher sieht man die Falken oft noch spät nach Sonnenuntergang ihrem Fange obliegen und erst, wenn die Nacht wirklich eingetreten ist, gemeinschaftlich ihren Schlafplätzen zufliegen.

Gegen die Brutzeit hin lösen sich die Scharen in einzelne Paare auf, und man sieht jetzt die Männchen ebenfalls allerlei Schwenkungen zur Freude des Weibchens ausführen, überhaupt alle ihm eigenen Flugkünste entfalten, über die Fortpflanzung selbst habe ich zu meinem Bedauern eigene Beobachtungen nicht anstellen können und muß mich daher auf andere Forscher, namentlich Radde und Nordmann, stützen. Nach Angabe des erstgenannten legen sie sich ihren Horst im Mai auf Bäumen an und wählen hierzu vorzugsweise hohe Weiden; nach Angabe des letzteren richten sie nicht selten ein Elsternest zum Horste her. Ein solches geben die rechtmäßigen Besitzer nicht gutwillig her; das Falkenpaar muß daher harte Kämpfe bestehen, um sein Ziel zu erreichen. Die vier bis fünf Eier, aus denen das Gelege besteht, sind sehr klein, kugelig, feinkörnig und auf gelblichweißem Grunde mit blässeren und dunkleren rotbraunen Punkten und Spritzflecken dicht bedeckt. Anfang August sind die Jungen ausgeflogen und werden nun von ihren Eltern eifrig unterrichtet. Sobald sie die Kunst des Fangens erlernt haben, tritt alt und jung die Winterreise an.

Leichter als jeder andere Edelfalk läßt sich der Rotfußfalk durch einfache Fangvorkehrungen berücken. Eine Heuschrecke, Grille oder sonstiges größeres Kerbtier wird da, wo er vorkommt, in ersichtlicher Weise zur Schau gestellt und mit Leimruten umgeben, die an seinem Gefieder hängenbleiben und seinen Flug lähmen, sowie er sich anschickt, die erhoffte Beute aufzunehmen. Wie ich von denen, die ich selbst pflegte oder in Tiergärten sah, folgern zu dürfen glaube, fügt er sich leicht in die Gefangenschaft. Ich darf wohl sagen, daß ein mit Rotfußfalken besetzter Käfig jedermann fesseln und jeden Beobachter anmuten muß. Sie besitzen alle guten Eigenschaften der Falken und noch außerdem ihre Schönheit. Ihre Haltung ist zierlich, ihr Wesen verträglich, ihre Raubsucht, der Kerbtiernahrung entsprechend, verhältnismäßig gering. Ihnen gewidmete Aufmerksamkeit und Pflege erkennen sie dankbar an. Sie kennen ihre Freunde genau und begrüßen sie, wenn sie dieselben sehen, durch freudigen Zuruf. Ohne jegliches Bedenken darf man sie gesellschaftsweise zusammenhalten. Meine Pfleglinge ernährte ich mit Drosselfutter; dabei schienen sie sich recht wohl zu befinden. Sie hatten sich bald an die Mischung gewöhnt und zeigten sich sehr geschickt, das Gemengsel aufzuklauben. Sonderbar genug sieht es freilich aus, einen Falken in dem Gemische von klar gehacktem Fleische, geriebenem Brote, Möhren und Ameiseneiern herumstöbern zu sehen.

Als die nächsten Verwandten der Edelfalken dürfen wir die Habichte ( Accipitridae) ansehen. Sie gehören zu den raubfähigsten Gliedern der Ordnung, übertreffen sogar in gewisser Hinsicht die Edelfalken noch; es fehlt ihnen jedoch der Adel, der jene auszeichnet. Die Familienkennzeichen liegen in dem gedrungenen Leibe mit etwas langem Halse und ziemlich kleinem Kopfe, in den kurzen, abgerundeten Schwingen, dem sehr langen Schwanze und den hohen Läufen mit großen oder kleinen Fängen. Der nackte Kreis ums Auge fehlt. Das Gefieder ist dicht und ziemlich weich, auf der Oberseite in der Regel dunkel blaugrau, auf der untern lichter, oft dunkler gebändert. Im Alter sind beide Geschlechter gleich gefärbt; die Jungen hingegen unterscheiden sich wesentlich durch das Gefieder von ihren Eltern.

Die Familie, die etwa achtzig Arten zählt, verbreitet sich über alle Erdteile. Im Gegensatze zu den Edelfalken bewohnen die Habichte fast ausnahmslos dichte Waldungen und halten sich hier möglichst verborgen, wie es ihr Strauchritterleben erfordert. Sie fliegen rasch und ungemein geschickt, sind imstande, ihre Richtung jählings in eine andere umzuändern und bewegen sich, fast nach Art der Marder, in den verschlungensten Gebüschen mit überraschender Gewandtheit, meiden jedoch so viel wie möglich die Höhen. Ihr Flug führt meistens niedrig über der Erde hin. Auf dem Boden gehen sie gut, obgleich mit Zuhilfenahme ihrer Flügel; das Geäst dichter Bäume durchschlüpfen sie mit ungewöhnlicher Fertigkeit. Sie sind furchtbare Feinde aller Tiere, die sie bezwingen können. Ihre Jagd gilt den Säugetieren wie den Vögeln; sie verschmähen selbst Lurche nicht. Sie fangen im Fliegen, im Sitzen, im Laufen und im Schwimmen und verfolgen die einmal ins Auge gefaßte Beute mit einer Rücksichtslosigkeit ohnegleichen. Ihre Mordgier läßt sie nicht selten ihre Sicherheit vergessen. Mit starken Tieren balgen sie sich in wütendem Kampfe oft lange herum, bis ihnen der Sieg gelingt. Zuweilen büßen sie in solchen Kämpfen ihr Leben ein.

Unter sich halten die Habichte ebensowenig Freundschaft wie mit anderen Tieren. Das Weibchen frißt sein Männchen auf, die Mutter oder der Vater seine Kinder, und diese fallen, wenn sie stark genug sind, über ihre Eltern her. Nur wenn sie ihre Raubsucht und Freßgier vollständig befriedigen können, halten sie Frieden innerhalb der Familie im gewöhnlichen Sinne des Wortes.

Die Vermehrung der Habichte ist eine verhältnismäßig starke, das Gelege besteht aus einer beträchtlichen Anzahl von Eiern. Der Horst wird stets auf Bäumen, meist aber niedrig über dem Boden angelegt und, wie es scheint, immer selbständig errichtet. Angriffe gegen die Brut versuchen sie mit Heldenmut abzuwehren: sie stoßen furchtlos selbst nach dem Menschen.

siehe Bildunterschrift

Sperberpaar am Nest (Accipiter nisus)

Unser Sperber ( Accipiter nisus) gilt als Urbild der artenreichsten, über alle Erdteile verbreiteten, nach ihm benannten Sippe ( Accipiter). Er zählt zu den kleineren Arten der Familie. Seine Länge beträgt zweiunddreißig, die Breite vierundsechzig, die Fittichlänge zwanzig, die Schwanzlänge fünfzehn Zentimeter. Das bedeutend stärkere Weibchen ist um acht bis neun Zentimeter länger und um zwölf bis fünfzehn Zentimeter breiter. Bei den alten Vögeln ist die ganze Oberseite schwärzlich aschgrau, die Unterseite weiß mit rostroten Wellenlinien und Schaftstrichen von rostroter Färbung, die beim Männchen lebhafter zu sein pflegt als beim Weibchen; der Schwanz ist fünf- bis sechsmal schwarz gebändert und an der Spitze weiß gesäumt. Die jungen Vögel sind oben graubraun, unten weiß, an Kehle und Vorderhals braun in der Länge gestreift, an Bauch und den Schenkeln quer gefleckt. Der Schnabel ist blau, die Wachshaut gelb, die Iris goldgelb, der Fuß blaßgelb.

In Europa scheint der Sperber nirgends zu fehlen, und auch im größten Teile Mittelasiens dürfte er Standvogel sein. Er horstet in Lappland und Nordskandinavien überhaupt wie in Griechenland, vom Amur an durch ganz Mittelasien und Europa hindurch bis Madeira, findet sich also durch das ganze nördlich altweltliche Gebiet. Im Einklang mit der Beschaffenheit der Waldungen tritt er in Europa häufiger auf als in Asien, fehlt jedoch hier keinem Gebiete, das seinen Anforderungen an das Leben einigermaßen entspricht. Im Herbste unternimmt auch er, mehr den Finken als den Lerchen folgend, Wanderungen, die ihn von uns aus bis Nordafrika, in Asien bis nach Indien führen. Er bewohnt Waldungen aller Art, namentlich Feldgehölze, am liebsten solche in bergigen Gegenden, scheut sich aber keineswegs vor dem Menschen, siedelt sich im Gegenteil gern in unmittelbarer Nähe der Dörfer und Städte an, jagt selbst kleine Baumgärten im Herzen großer Städte ab, erscheint hier, wenn er einmal so glücklich war, Beute zu gewinnen, tagtäglich zu bestimmten Stunden und gibt sich zuweilen nicht einmal die Mühe, den erjagten Raub wegzutragen, sondern kröpft ihn auf einem versteckten Plätzchen in unmittelbarer Nähe bewohnter Gebäude.

»Der Sperber«, sagt mein Vater, »hält sich den größten Teil des Tages verborgen und kommt nur zum Vorschein, wenn er rauben will. Ungeachtet seiner kurzen Schwingen fliegt er leicht, schnell und sehr gewandt; sein Gang dagegen ist hüpfend und ungeschickt. Er ist ebenso scheu wie dreist und ohne Furcht vor größeren Vögeln.« Mit der Dreistigkeit verbindet der Sperber bemerkenswerte Geistesgegenwart, List und Verschlagenheit. Er ist das treue Bild eines strolchenden Diebes oder Wegelagerers und unterscheidet sich in seinem Auftreten wesentlich von allen übrigen europäischen Falken. Seine Bewegungen, die selbstverständlich durchaus im Einklang seiner kurzen Flügel und des langen Schwanzes stehen, lassen ihn in jeder Entfernung bestimmt erkennen. Nur wenn er von einem Waldesteile zum andern und über freies Feld fliegen will, zieht er, abwechselnd durch einige rasch aufeinander folgende Flügelschläge sich fördernd und dann mit ausgebreiteten Flügeln schwebend, geradesweges dahin; gewöhnlich folgt er dem Saume des Waldes oder dem Rande von Gebüschen und beschreibt hierbei beständig Schwenkungen der verschiedensten Art. Im Walde sieht man ihn dann und wann wohl auch über den Baumkronen, viel häufiger aber zwischen und unter denselben fliegen; in Gebüschen oder an Zäunen streicht er förmlich lauernd dicht über dem Boden weg, schwenkt plötzlich zwischen dem Astwerke hindurch, jagt die andere Seite der Buschreihe ab, streift hart über die Wipfelspitzen hinweg, schwenkt wiederum, erscheint so immer urplötzlich in unmittelbarer Nähe der zwischen den Zweigen sitzenden Vögel, schwingt sich jählings in die Höhe und stürzt sich pfeilschnell auf die ins Auge gefaßte Beute herab. Mehr als irgendein anderer Raubvogel übt er die Kunst der Verstellung. Schon Naumann erzählt, daß er zuweilen, um Kleingeflügel zu täuschen, den Flug des Hähers annehme; Eugen von Homeyer hat dasselbe beobachtet. Ein Vogel erschien am untern Ende einer langen, wohl aus zwanzig Eichen bestehenden Baumreihe und flog, nach Häherart, langsam von Baum zu Baum, auf jedem kurze Zeit verweilend. Dies Gebaren glich so deutlich dem des Hähers, daß Homeyer gedachten Vogel nur deshalb weiter mit dem Auge folgte, weil die Eichen noch nicht reife Früchte trugen, für Häher daher keine Veranlassung vorlag, ihre Wipfel zu durchstreifen. Mit einiger Überraschung erkannte mein Gewährsmann einen Sperber. Mehr und mehr näherte sich der verschlagene Strauchdieb der letzten Eiche, auf der ein Schwarm kleiner Vögel saß, entpuppte sich endlich als Räuber, schoß wie ein Blitz unter die arglose Schar und flog einen Augenblick später mit einem blutenden Opfer in seinen Klauen davon.

Ist die Raubgier des Sperbers einmal erregt worden, so vergißt er alles um sich her, achtet weder des Menschen, noch der Hunde und Katzen, nimmt vielmehr die ins Auge gefaßte Beute in unmittelbarster Nähe des Beobachters weg, stürzt sich sausenden Fluges dicht über dem ruhig Sitzenden hinweg, daß seine Fittiche beinahe dessen Haupt berühren, packt das Opfer mit fast unfehlbarem Griffe und ist mit ihm entflogen und verschwunden, bevor man recht zur Besinnung gelangt. Im Innern von Häusern oder selbst von fahrenden Wagen sind Sperber sehr oft gefangen worden; sie hatten ihre Beute bis dahin so gierig verfolgt, daß sie alles übrige vergaßen. Noch neuerdings wurde erzählt, daß ein Sperber bei Verfolgung eines Vogels in einen in voller Fahrt begriffenen Eisenbahnwagen flog und hier gefangen wurde. Der Sperber ist der fürchterlichste Feind aller kleinen Vögel; er wagt sich aber auch gar nicht selten an größere. Vom Rebhuhn an bis zum Goldhähnchen herab scheint kein Vogel vor seinen Angriffen gesichert zu sein, und kleine Säugetiere verschmäht er ebensowenig. Seine Kühnheit ist zuweilen wirklich maßlos. Es liegen Beobachtungen vor, daß er Haushähne angriff, und man hat wiederholt gesehen, wie er auf Hasen stieß. Ich kenne ferner mehrere Fälle, daß Sperber Tauben schlugen. An Mut und Raubgier fehlt es dem Sperber gewiß nicht, jedes Wild zu schlagen, das er irgendwie bewältigen zu können glaubt; er wagt sich selbst an wehrhafte Tiere. »Ich ging einst«, sagt Naumann, »in meinem Wäldchen umher und sah einem Reiher nach, der ruhig und dicht über den Bäumen hin davonfliegen wollte. Plötzlich stürzte sich aus den dichten Zweigen eines der letzten Bäume ein Sperber hervor, packte den erschrockenen Reiher augenblicklich am Halse, und beide kamen nun mit gräßlichem Geschrei aus der Höhe herab. Ich lief sogleich hinzu, ward aber zu früh von dem Sperber bemerkt; er erschrak darüber und ließ den Reiher los, worauf dann jeder ruhig seine Straße zog. Wohl möchte ich wissen, was aus diesem ungleichen Kampfe geworden wäre, wenn ich beide nicht gestört hätte. Ob wohl der kleine tollkühne Räuber den Reiher überwältigt und wirklich getötet haben würde?« Karl Müller beobachtete, weil verborgen, längere Zeit einen Sperber, der wiederholte Angriffe auf ein Eichhörnchen ausführte und dasselbe in größte Lebensgefahr brachte.

Alle kleinen Vögel kennen und fürchten ihren furchtbarsten Feind in hohem Grade. »Die Sperlinge treibt«, wie Naumann sagt, »die Angst vor ihm in die Mäuselöcher«, und alle übrigen suchen sich in ähnlicher Weise zu retten, so gut ihnen dies gelingen will. Manche verfahren dabei mit nicht geringer Klugheit. Sie beschreiben enge Kreise um Baumzweige oder Baumstämme, wobei ihnen der Sperber trotz seiner Gewandtheit doch nicht so schnell folgen kann, gewinnen hierdurch einen kleinen Vorsprung und schlüpfen dann blitzschnell in dichtes Gebüsch; andere werfen sich beim Erscheinen des Räubers platt auf den Boden, verharren regungslos und werden oft übersehen; kurz, jeder sucht sich nach besten Kräften zu retten. Nur im Sitzen fürchten die Vögel nach meines Vaters Beobachtungen den Sperber nicht, verweilen vielmehr manchmal längere Zeit auf demselben Baum, den er zum Ausruhen erkoren. Die gewandtesten unter dem kleinen Geflügel verfolgen den Wüterich mit lautem Geschrei und machen hierdurch andere Vögel aufmerksam und vorsichtig. Zumal die Rauchschwalben verleiden ihm oft die Jagd, und er weiß recht wohl, wieviel Schaden sie ihm zufügen; denn wenn sie ihm einmal nahe gekommen sind, schwingt er sich in die Höhe, schwebt noch einige Male im Kreise herum und fliegt dann dem Walde zu. Bei seinen Angriffen stößt er nicht selten fehl; dafür nimmt er aber auch zwei Vögel auf einmal weg, wenn das Glück ihm hold ist. Die gefangene Beute trägt er einem verborgenen Orte zu, rupft ihr die großen Federn aus und verzehrt sie hierauf gemächlich. Knochen, Federn und Haare gibt er in Gewöllen wieder von sich. Junge Nestvögel, namentlich solche, die am Boden ausgebrütet werden, gehören zu seinem Lieblingsfutter; er verschont aber auch die Eier nicht.

Die Stimme des Sperbers vernimmt man selten, gewöhnlich nur beim Horste. Sie ist ein schnell hintereinander ausgestoßenes »Ki ki ki« oder ein langsames »Käk käk.« Ersteres scheint der Warnungston zu sein.

Der Horst steht in Dickichten oder Stangenhölzern, selten hoch über dem Boden, aber möglichst gut verborgen, wenn tunlich auf Nadelbäumen, nahe am Stamme. In jenen Gegenden, wie er sie liebt, wo Feld und Wald vielfach miteinander abwechseln, wählt er sich ein den Feldern oder selbst den Dörfern möglichst nahegelegenes Dickicht oder Stangenholz, um hier seinen Horst zu errichten, und wenn er sich einmal der Mühe unterzogen hat, solchen zu erbauen, brütet er jahrelang nacheinander oder, wenn man ihm in einem Frühjahre die Eier raubt, zweimal in einem Jahre in demselben. Je nach Ort und Gelegenheit ist der Horst verschieden. Zuweilen besteht er nur aus dürren Fichten-, Tannen- und Birkenreisern und ist so liederlich gebaut, daß man ihn eher für das Nest einer Ringeltaube als für den Horst eines Raubvogels ansehen möchte; ein andermal wiederum ist er aus den genannten Stoffen, Moos, Laub und Erde aufgeschichtet, innen zierlich mit Reisern, Wurzeln und Haaren ausgelegt, auch wohl mit einigen Flaumfedern des Weibchens ausgekleidet und dann in der Tat ein sehr hübscher Bau. Zwischen dem zehnten Mai und zwanzigsten Juni findet man in ihm drei bis fünf mäßig große, ziemlich glatte, dickschalige Eier von verschiedener Gestalt, Größe und Färbung, die gewöhnlich auf kalkweißem, mehr oder minder graulichem oder grünlichem Grunde mit rotbraunen, lehmroten und graublauen, deutlichen oder verwaschenen, großen und kleinen Flecken und Punkten besetzt sind, zuweilen sehr dicht, manchmal sehr vereinzelt. Das Weibchen brütet allein, sitzt sehr fest und bekundet außerordentliche Liebe zu den Eiern, verläßt sie, selbst wenn es wiederholt gestört wurde, nicht und sucht Angriffe mit allen Kräften abzuwehren. Beide Eltern tragen den Jungen Nahrung in Fülle zu; doch nur das Weibchen ist imstande, diese in entsprechender Weise zu zerlegen. Man hat beobachtet, daß junge Sperber, deren Mutter getötet worden, bei vollbesetzter Tafel verhungerten, weil der Vater zu ungeschickt war, ihnen die Speise mundrecht zu machen. Auch nach dem Ausfliegen werden die Jungen noch lange von den Eltern gefüttert, geführt und unterrichtet.

Die größeren Edelfalken und der Habicht fressen den Sperber ohne Umstände, wenn sie seiner habhaft werden können; die kleineren Vögel betätigen ihren Haß wenigstens durch Verfolgung. Der Mensch tritt dem überaus schädlichen Räuber überall feindlich entgegen, wo er ihn und sein verderbliches Treiben kennen gelernt hat. Dieser Raubvogel verdient keine Schonung, sondern die unablässigste und rücksichtsloseste Verfolgung. Man tut nicht zu viel, wenn man anrät, gegen ihn jedes Mittel anzuwenden. So denken jedoch nicht alle Leute. Bei vielen Völkern Asiens ist der Sperber heutigentages noch ein hochgeachteter Beizvogel und hat sich als solcher viele Freunde erworben. »Im südlichen Ural«, sagt Eversmann, »wird er unter allen Falken am meisten zur Jagd gebraucht, wenn auch hauptsächlich nur zu solcher auf Wachteln. Man füttert die Jungen im Sommer auf, richtet sie ab, benutzt sie im Herbst zur Jagd und läßt sie dann wieder fliegen; denn es lohnt nicht, sie den Winter hindurch zu füttern, weil man im Frühjahre so viele Junge bekommen kann, wie man nötig hat. Nur die größeren Weibchen werden zur Jagd aufgefüttert, die kleineren Männchen wirft man weg, weil sie nicht taugen.« Eine erheiternde Geschichte erzählt Radde. Im Süden des Kaukasus, und zwar im Quellgebiete des Euphrat, hauste in den Bergen ein Stamm der Kurden, die noch jetzt die Niederjagd mit Falken betreiben, und deren Häuptling besonders gut abgerichtete Habichte, Sperber und Schreiadler als Beizvögel verwendete. Bei diesem Häuptling nun sah Radde einen Raubvogel, der in seiner Färbung und in seinem Körperbaue den Sperber nicht verhehlen konnte, aber unverkennbar den Schwanz des Turmfalken trug. Da an eine Bastardart nicht zu denken war, mußte die Entstehung einer so sonderbaren Form auf eine natürliche Erklärung zuückzuführen sein, die sich dann auch folgendermaßen ergab. Der Sperber hatte sich den Schwanz derartig zerstoßen, daß er nicht mehr imstande war, denselben bei der Jagd zu gebrauchen. Da kam der alte Häuptling auf den klugen Gedanken, seinem Beizvogel einen Schwanz des Turmfalken künstlich einzusetzen. Die alten zerstoßenen Schwanzfedern wurden an den Spulen abgeschnitten, die neuen Federn in die so entstandenen Hülsen gesteckt und mit sehr klebrigem, bald hart werden Zuckersyrup beschmiert. Der künstliche Schwanz leistete dem Sperber später bei der Jagd durchaus die notwendigsten Dienste.

Wer selbst Sperber gefangen gehalten hat, muß die Geschicklichkeit der asiatischen Falkner anerkennen. Angenehme Gefangene sind diese Raubvögel nicht, ihre Scheu, Wildheit und Gefräßigkeit ist geradezu abstoßend. Von letzterer erzählt Liebe ein Beispiel, das ich zum Schlusse noch anführen will, weil es das Wesen des Vogels kennzeichnen hilft. »Einst«, so schreibt er mir, »ward mir ein Sperber gebracht, der beim Stoße auf einen Vogel an den Leimruten hängen geblieben und so in Gefangenschaft geraten war. Meine Frau, die den Sperber vom Vogelfänger in Empfang genommen hatte, war unvorsichtig, ließ sich von dem grimmen Wichte hauen und ihn erschrocken fahren. Der Räuber aber nahm, anstatt das Fenster und das Weite zu suchen, einen meiner Vogelbauer an und stieß nach den darin befindlichen Vögeln, und zwar mit einer so blinden Wut, daß ich ihn vom Bauer, an den er sich geklammert hatte, wieder wegnehmen konnte.« Auch ich habe oft längere oder kürzere Zeit Sperber gefangen gehalten, mich aber niemals mit ihnen befreunden können.

siehe Bildunterschrift

Habicht auf geschlagenem Kaninchen (Astur palumbarius)

Das Urbild der Familie, unser Habicht oder Hühnerhabicht ( Astur palumbarius) verdient die Ehre, die man ihm angetan hat, indem man eine ganze Familie nach ihm benannte. Er ist nicht bloß dem Namen, sondern auch seinem Wesen nach der Habicht im eigentlichen Sinne des Wortes. Die Kennzeichen der gleichnamigen Sippe ( Astur), die er vertritt, sind wesentlich dieselben wie bei den Sperbern; doch unterscheiden sich die Habichte von diesen durch gedrungenen Leib, längeren Schnabel, abgerundeteren Schwanz und stärkere Füße.

Der Habicht ist ein großer, kräftiger Raubvogel von 55 Zentimeter Länge und 1,1 Meter Breite, bei 31 Zentimeter Fittich- und 22 Zentimeter Schwanzlänge. Das bedeutend größere und stärkere Weibchen ist 12 bis 15 Zentimeter länger und 15 bis 18 Zentimeter breiter als das Männchen. Im ausgefärbten Kleide ist der Oberkörper schwärzlich graubraun, mehr oder weniger aschblau überflogen, der Unterkörper weiß, jede Feder mit braunschwarzen Schaftstrichen und Wellenlinien gezeichnet. Der Schnabel ist hornschwarz, die Wachshaut blaßgelb, das Auge hochgelb, der Fuß gelb. Im Jugendkleide ist der Oberkörper braun, jede Feder rostgelb gekantet und gefleckt, der Unterkörper roströtlich, später rostweislich, braun in die Länge gefleckt. Der Schnabel und das Auge, der Fuß und die Wachshaut sind blasser als bei alten Vögeln. Spielarten sind selten, sehr licht gefärbte Habichte und Weißlinge dagegen mehrfach beobachtet worden.

Das Verbreitungsgebiet des Habichts erstreckt sich über den größten Teil Europas und Mittelasiens; innerhalb der inbegriffenen Länder kommt er jedoch keineswegs überall und, wenn doch, nicht in gleicher Häufigkeit vor. In Großbritannien gehört er zu den so seltenen Erscheinungen, daß die Fälle seines Vorkommens in den tierkundlichen Werken sorgfältig verzeichnet worden sind. Auf Island und den Färinseln fehlt er gänzlich. Dagegen bewohnt er Skandinavien, soweit es bewaldet ist, Dänemark, Holland, Deutschland und Frankreich, ganz Österreich, die Donautiefländer, Rußland vom Norden bis zum Süden, Kleinasien und Nordpersien, Nord- und Mittelspanien als Brutvogel, die südlichsten Länder aber bei weitem seltener als Deutschland.

Bei uns ist er in bewaldeten Gegenden eine gewöhnliche Erscheinung. Im November beginnt er zu streichen, darf aber kaum als regelmäßiger Zugvogel angesehen werden, obgleich er eigenen Beobachtungen zufolge bis Nordägypten wandert. Dies geschieht aber immer selten und unregelmäßig. Ganz zweifellos ist festgestellt, daß man in Deutschland während des Winters ebensogut Männchen wie Weibchen beobachtet und erlegt. Dasselbe gilt für Asien. Wo der Habicht sich einmal festgesetzt hat, läßt er sich schwer vertreiben, falls die Bedingungen für sein Leben einigermaßen günstig sind. Er verlangt einen dichten Baumbestand, in dem er der Ruhe pflegen und von dem aus er leicht Beute gewinnen kann, macht zwischen Schwarz- und Laubholz kaum einen Unterschied, liebt daher besonders Wälder, die mit Feldern und Wiesenflächen abwechseln, kommt jedoch in größeren Waldungen häufiger vor als in kleineren.

Nach meinem Dafürhalten ist die von meinem Vater vor nunmehr fünfzig Jahren gegebene Beschreibung dieses Raubvogels noch nicht übertroffen; ich werde sie deshalb dem nachfolgenden zugrunde legen und nur hier und da neuere Beobachtungen, die mir wichtig zu sein scheinen, einschieben.

Der Habicht, ein einsamer, ungeselliger Raubvogel, der sich nur in der Paarungs- und Brutzeit mit seinem Gatten zusammenhält, ist ein höchst ungestümer, wilder, dreister, schneller, starker und dabei listiger und scheuer Falk. Sein Flug ist immer schnell, wenn er stößt, aber reißend, rauschend, außerdem oft schwebend; der lange Schwanz wird dabei gewöhnlich etwas ausgebreitet. Der einigermaßen geübte Beobachter unterscheidet ihn leicht und in jeder Entfernung von allen heimischen Raubvögeln, vielleicht mit alleiniger Ausnahme eines Sperberweibchens; denn seine verhältnismäßig kurzen Flügel und der lange Schwanz, die sein Flugbild dem einer Wildtaube nicht unähnlich erscheinen lassen, sind außer seiner beträchtlichen Größe bezeichnende Merkmale. Wenn er von einem Waldesteile zum anderen zieht und, zumal in bergigen Gegenden, von einer Erhöhung der anderen zustrebt, fliegt er auch wohl in bedeutender Höhe, der Schätzung nach zwei- bis vierhundert Meter über dem Boden dahin; für gewöhnlich schleicht er nach Strauchritterart niedrig über letzterem fort, Waldsäumen und Buschreihen folgend, Baumgruppen und Gebüsche oft kreuzend oder hart über deren Spitzen hinwegschwenkend. Kaum ein anderer Raubvogel entfaltet im Fluge so viele Verschiedenheiten der Bewegung wie der Habicht, der Schnelligkeit mit jähen und unerwarteten Wendungen, dahinstürmendes Jagen mit für einen so großen Vogel überraschender Gewandtheit in sich vereinigt. Jetzt steigt er rasch empor, schwebt einigemal umher, stößt plötzlich herab, fliegt mit der größten Sicherheit durch dichte Bäume hindurch und ist bald hoch, bald tief. Auf der Erde ist auch er ungeschickt, hüpft gewöhnlich und geht nur selten. Zum Aufbäumen wählt er sich stets die untersten Äste und so viel als möglich die Stammnähe. Auf Felsen oder Gemäuer habe ich ihn niemals sitzen sehen; auf Häusern in Dörfern soll er sich jedoch zuweilen niederlassen. Die Stimme ist ein starkes, weit hörbares, widriges Geschrei, das jedoch nicht häufig vernommen wird. Aus Bosheit oder Verdruß schreit der Habicht langgezogen »Iwiä«, aus Freude über einen Raub »Iwiä iwiä«, bei der Paarung »Gäck gäck gäck«, »Gick gick gick« und nachher schnell hintereinander »Kjak kjak«; in Furcht gesetzt stößt er entweder das »Wiä wiä« oder ein leises »Wis wis« aus.

Man sieht den Habicht zu jeder Tageszeit, auch in den Mittagstunden, die die meisten übrigen Raubvögel der Ruhe widmen, in Bewegung und Tätigkeit. Er durchstreift ein großes Gebiet ziemlich regelmäßig und kehrt dahin, wo er einmal glücklich war, längere Zeit hindurch tagtäglich zurück. Seine erstaunliche Gefräßigkeit zwingt ihn fast zu fortwährendem Jagen; er ist, wie der Sperber, selten wirklich befriedigt, sondern immer hungrig und wenigstens mordgierig. Seine Jagd gilt sämtlichem Geflügel, von dem Trappen oder Auerhuhne an bis zu dem kleinen Finken herab, und allen Säugetieren, die er bewältigen zu können glaubt. Er stößt auf den Hasen, um ihn umzubringen, erhebt das bissige Wiesel vom Boden, wie er das Eichhörnchen vom Neste wegnimmt, raubt im Fliegen wie im Sitzen, den schwimmenden Vogel wie das laufende Säugetier, zieht seine Beute selbst aus ihren Versteckplätzen hervor. Ungeheurer Schrecken ergreift die Tiere, die sich ihm gegenüber gefährdet wissen; er bemeistert sich ihrer oft so, daß sie starr sitzen bleiben und, wie Naumann sagt, »schon unter seinen Klauen bluten, ehe sie sich noch entschlossen haben, die Flucht zu ergreifen oder sich platt an die Erde niederzudrücken.« Seine Raubgier wird nur durch seine Dreistigkeit überboten, die eine wie die andere aber durch seine Mordlust übertroffen: er kennt keine Schonung. Im Norden und Osten unseres Vaterlandes haben alle Rauhfußhühner vom Auerhuhn bis zum Schneehuhn herab von ihm zu leiden; bei uns zulande ist er der Schrecken der Rebhühner, Wild- und Haustauben, Wild- und Hausenten, in vielen Walddörfern der gefährlichste Feind unseres Hausgeflügels überhaupt. Wie der Sperber überrascht er stets durch seine Erscheinung und kommt dadurch fast immer zum Ziele. »Bei den Landwohnungen«, beschreibt Altum sehr richtig, »saust er ebenso unerwartet wie am Rande eines Gehölzes über das Dach eines niedrigen Nebengebäudes oder durch den Zwischenraum zweier Gebäude, ergreift mit Blitzesschnelle auf dem Hofraume eines der Haushühner oder eine Taube und ist damit verschwunden, ehe man noch recht zur Würdigung des fremden Gastes kommt.« Unsern Haustauben jagt er fortwährend nach, und ein einziges Habichtpaar kann den reichsten Schlag binnen wenigen Monaten entvölkern. Die Tauben ergreifen, sobald sie den Habicht gewahr werden, eilig die Flucht; dieser aber stürzt in schiefer Richtung pfeilschnell hinter ihnen her und sucht eine zu ergreifen, indem er gewöhnlich von oben auf sie herabstößt. Dies geschieht ohne bemerkbare Flügelbewegung mit weit vorgestreckten Fängen und etwas eingezogenen Schwingen, aber mit einer solchen Geschwindigkeit, daß ein Rauschen entsteht, das man aus hundert bis hundertfünfzig Schritte weit hören kann. Sehr erklärlich, weil nur zu gerechtfertigt, ist die Todesangst, die alle von ihm bedrohten Vögel bei seinem Erscheinen ergreift. Sobald er sich in weiter Ferne zeigt, entsteht Aufruhr in der gesamten Vogelwelt. Tauben oder Hühner, die von ihm ergriffen, aber noch gerettet wurden, bleiben bewegungslos am Boden sitzen, lassen sich vom Menschen mit den Händen ergreifen oder flüchten sich irgendeinem Versteckplatze zu und vergessen den gehabten Schrecken tage- und wochenlang nicht. Starke Hühner rennen mit Aufbietung der letzten Kräfte, den Räuber auf dem Rücken, in das Innere des Hauses, als wollten sie Schutz beim Menschen suchen, und nur die mutigen Krähen, die ebenfalls arg von ihm zu leiden haben, ermannen sich zu Rachegefühlen.

Mit ebenso unermüdlicher Ausdauer wie den Vögeln stellt er auch Säugetieren nach. »Die jungen Hasen«, sagt mein Vater, »überwältigt er leicht; die alten aber greift er planmäßig an. Er stößt nämlich, wenn sich Lampe durch die Flucht zu retten sucht, zu wiederholten Malen mit dem Schnabel auf denselben; und wenn der Hase dann verwundet und ermattet ist, greift er mit den Fängen zu und tötet ihn allmählich mit dem Schnabel und mit den Nägeln. Dieser Kampf dauert gewöhnlich lange, und ich weiß ein Beispiel, daß sich der Hase einige Zeit mit dem Habichte herumwälzte, ohne daß dieser ihn losgelassen hätte, ob er gleich oft unten zu liegen kam. Ein glaubwürdiger Freund von mir schoß auf dem Anstand einen Hasen und einen Habicht auf einen Schuß, während dieser auf jenen stieß.« Im Norden, und zumal in Skandinavien, raubt er mehr Säugetiere als bei uns. Den Lemmingherden z. B. folgt auch er, weil sie ihm am leichtesten Beute gewähren.

Wenn der Habicht es haben kann, begnügt er sich übrigens durchaus nicht mit einem Opfer, sondern mordet zunächst so viele Vögel, als er zu fangen vermag, und frißt sie dann in Ruhe auf. So sah Riesenthal wie ein und derselbe Habicht in Zeit von einer Stunde fünf fast flügge Krähen hintereinander aus dem Neste holte, trotz den zur Verteidigung scharenweise herbeigeströmten alten Krähen. Mit seiner unersättlichen Raub- und Mordlust verbindet dieser Strolch Dreistigkeit und Leckerhaftigkeit. Das Gehöft, auf dem er einmal Beute gewonnen hat, wird von ihm wieder und immer wieder besucht, ganz unbekümmert um die Vorkehrungen, die der Mensch zu seinem Empfange trifft. Kein Raubvogel weicht listiger allen ihm geltenden Nachstellungen aus als er. Das urplötzliche seines Erscheinens gewährt ihm nicht allein regelmäßig Beute, sondern ebenso auch Sicherheit. Sein ganzes Wesen ist das eines auf den rechten Augenblick lauernden Diebes, der ein von ihm wiederholt heimgesuchtes Gehöft beschleicht.

Es ist wahrscheinlich, daß die Ungeselligkeit des Habichts in seiner unglaublichen Raubgier ihren Grund hat. An gefangenen haben wir Familienmord im weitesten Umfange beobachtet. Unbeschreiblicher Haß begegnet ihm deshalb, sobald er sich sehen läßt. Namentlich die Krähen, die er im Sitzen wohl zuweilen wegnehmen mag, sind unermüdlich in seiner Verfolgung und stoßen mit wahrer Todesverachtung nach ihm. Sobald er sich sehen läßt, wird er von der schwarzen Rotte umringt; lautes Schreien ruft fortwährend neue Helfer herbei, und so kann es kommen, daß die Krähen ihn förmlich stellen. Namentlich geschieht dies, wenn er mit einer geschlagenen Beute in den Fängen davonfliegt oder dieselbe auf dem Boden verzehren will. In der Hitze des Gefechts vergessen dann beide Teile zuweilen vollständig die Außenwelt um sich her. So wurde am 19. Mai 1868 ein von den Krähen angegriffener Habicht von dem Forstgehilfen Müller aus Hermannsgrün mit dem Hirschfänger erlegt. Durch den Lärm der Krähen herbeigezogen, schlich der Genannte vorsichtig der betreffenden Stelle zu und bekam hier einen großen Raubvogel zu Gesicht, dessen Aufmerksamkeit von der schwarzen Bande um ihn her derartig in Anspruch genommen war, daß Müller bis auf etwa zehn Schritte sich nähern und mit dem unterdessen gezogenen Hirschfänger nach dem aufstiebenden Räuber werfen konnte. Der Zufall führte die Klinge so, daß sie den Habicht an dem Kopf traf, betäubt zu Boden warf und dem Verfolger in die Hand gab. Nächst den Krähen stoßen unsere kleinen Edelfalken auf den auch von ihnen gehaßten Raubvogel, und die Schwalben machen sich regelmäßig ein Vergnügen daraus, ihn unter schallendem und warnendem Geschrei zu begleiten.

Der Horst wird auf den ältesten und höchsten Bäumen des Waldes, meist auf starken Ästen nahe am Stamm, angelegt, ist sehr groß und flach, besteht unten aus dürren Ästen, weiterhin aus Reisern und wird oben mit grünen Tannen-, Fichten- und Kieferzweigen belegt, die fortwährend erneuert zu werden scheinen. Die eigentliche Nestmulde, eine sehr leichte Vertiefung, ist gewöhnlich mit Flaumfedern des Brutvogels selbst ausgekleidet. Der einmal gebaute Horst wird im nächsten Jahre von demselben Habichtspaare wieder benutzt, ausgebessert, erweitert und mit frischen Zweigen besteckt; bisweilen hat dasselbe jedoch drei oder vier Horste, die in geringer Entfernung von einander errichtet wurden, und wechselt unter diesen. Schon im März sieht man an schönen, heiteren Tagen die beiden Gatten eines Paares in gleichmäßigen Drehungen sich emporschrauben, in der Absicht, ihre Liebesgefühle an den Tag zu legen. In der letzten Hälfte des April oder im Anfange des Mai pflegt das aus zwei bis vier großen, mehr länglichen als rundlichen, in der Mitte sehr bauchigen, dick- und rauhschaligen, auf grünlichweißem Grunde spärlich mit gelben Flecken bezeichneten, oft aber auch fleckenlosen Eiern bestehende Gelege vollzählig zu sein. Das Weibchen brütet mit der wärmsten Hingebung und verläßt das Nest auch nach wiederholter Störung nicht, fliegt zuweilen nicht einmal auf, wenn man den Horst mit Hagel beschießt. Altum verbürgt sogar einen Fall, daß den brütenden Habicht ein Büchsenschuß, der ihm freilich nur einige Schwanzfedern kostete, nicht von den Eiern verscheuchte. Angriffe auf die Brut versuchen beide Gatten abzuwehren und beweisen dabei einen Mut, der zuweilen in Tollkühnheit übergeht. Man hat beobachtet, daß sie mit Heftigkeit Menschen angriffen, die an ihrem Nestbaume emporkletterten; ja, es ist wiederholt vorgekommen, daß ein Habicht während der Brutzeit, ohne eigentlich gereizt worden zu sein, Menschen und selbst Pferde anfiel. Die Jungen wachsen rasch heran, fressen aber auch unglaublich viel, und beide Eltern haben vollauf zu tun, ihren Heißhunger zu befriedigen. Der Horst wird dann zu einer wahren Schlachtbank. Beide Alten schleppen herbei, was sie finden, nach der Beobachtung eines durchaus glaubwürdigen Mannes unserer Bekanntschaft sogar ganze Nester mit den in ihnen befindlichen Jungen, namentlich Drossel- und Amselnester, die sie aufgestöbert haben. Daß die stärkeren Nestjungen, wenn sie Hunger leiden, über ihre Geschwister herfallen und diese, wie behauptet worden ist, auffressen, dürfte kaum zu bezweifeln sein.

Des unschätzbaren Schadens wegen, den der Habicht anrichtet und der sehr häufig den Menschen ganz unmittelbar betrifft, wird der tückische Räuber selbstverständlich eifrig verfolgt. Ihre Jagd ist nicht eben leicht, weil die Vorsicht der alten Habichte dem Jäger viel zu schaffen macht; um so besser belohnt sich der Fang oder eine kluge Benutzung des Hasses, den der Habicht gegen den Uhu an den Tag legt. So wenig er es liebt, durch andere streitlustige Vögel behelligt zu werden, so eifrig, heftig und anhaltend greift er den Uhu an. In eigentümlicher Weise mit den Flügeln schlagend, mehr flatternd als rüttelnd, nähert er sich der verhaßten Eule bis auf wenige Zentimeter, so daß man oft verhindert ist, auf ihn zu schießen, um nicht den Uhu zu gefährden. Da er jedoch gelegentlich auf den Krackeln vor der Hütte aufzubäumen pflegt, schießt man ihn vor der Krähenhütte ohne Mühe, wie vom Horste herab das brütende Weibchen. Auch in Netzen und Raubvogelfallen, zumal im Habichtskorbe, erbeutet man den listigen Schelm, wenn die Vorkehrungen gut getroffen sind, gewiß.

Ein gefangener Habicht ist für uns ein ebenso hassenswerter Vogel wie der freilebende. Seine Wildheit und Bosheit, seine Unverträglichkeit und Mordgier machen ihn uns bald im höchsten Grade widerwärtig. Freilich habe ich nie einen zahmen Habicht gesehen, sondern nur wilde und ungestüme, die bei Annäherung eines Menschen sich wie unsinnig gebärdeten, in ihrem Käfige umhertobten und rasten, gegen die Gitter stießen und dabei die Stirn entfederten oder die Flügel blutig schlugen, die vor lauter Wut und Ingrimm gar nicht wußten, was sie tun sollten. Daß sie gezähmt werden können, haben uns die alten Falkner bewiesen und beweisen uns die asiatischen Falkenjäger noch tagtäglich; wie man es aber anzufangen hat, solche Trotzköpfe zu brechen, bleibt mir ein Rätsel. Ich bin den alten Habichten mit vertrauensvoller Tierliebe entgegengekommen: vergeblich; ich habe den Jungen alle denkbare Freundlichkeit erzeigt: umsonst. Noch mehr: ein anderer Raubvogel gewöhnt sich endlich, wenn auch nicht an den Käfig, das heißt an den Verlust seiner Freiheit, so doch an das ihm gereichte Futter; der Habicht ist nie zufrieden, man mag ihm reichen, was man wolle. Immer und immer sitzt er verdrießlich, gleichsam zerfallen mit sich und der Welt, in einem Winkel des Gebauers, die gelben Augen rollend, mit dem Rücken halb an die Wand gelehnt, mit dem Schwanze aufgestemmt, beide Fänge bereit, jedmänniglich zu fassen und zu schlagen, scheinbar nur auf den Augenblick wartend, in dem er seine tolle und unsinnige Wut betätigen kann. Er ist ein abscheulicher Vogel, im Käfige wie im Walde, ein ebenso unbändiges als hinterlistiges Geschöpf, das nun und nimmermehr von seinen Untaten abläßt und mit keinem anderen Vogel gleicher Größe, möge er so wehrhaft sein als er wolle, zusammengehalten werden darf. Jeder Bussard, jeder Milan, jeder Baumkauz ist verloren, wenn man ihn mit einem Habichte in demselben Käfige unterbringt: früher oder später wird er überfallen, abgewürgt und aufgefressen.

*

Der Kranichgeier oder Sekretär ( Gypogeranus serpentarius), Vertreter einer gleichnamigen Familie ( Sagittaridae), zeichnet sich vor allen übrigen Raubvögeln durch seine ungewöhnlich langen Fußwurzeln aus, infolge deren seine Beine an die wirklicher Renn- oder Sumpfvögel erinnern. Er ist schlank gebaut, der Kopf ziemlich klein, breit und auf dem Scheitel etwas flach gedrückt, der Hals verhältnismäßig lang und dünn, der Leib gestreckt, der Schnabel kürzer als der Kopf, das Bein in allen Teilen, besonders aber im Laufteile verlängert, der Fang kurzzehig und mit mittellangen, kräftigen Klauen bewehrt, der Fittich lang, der scharf abgestufte Schwanz auffallend lang, die Mittelfeder jederseits über alle andern noch weit verlängert, das Gefieder endlich reich und großfedrig, am Hinterhaupte zu einem Schopfe verlängert, der aufgerichtet werden kann. Die Färbung ist einfach, aber ansprechend. Die Oberteile sind licht aschgrau, bräunlich überflogen, die Unterteile schmutzig graugelb, die Hand- und Armschwingen schwarz, die oberen Schwanzdecken weiß. Das Auge ist graulichbraun, der Schnabel dunkel hornfarben, an der Spitze schwarz, die Wachshaut dunkelgelb, der Lauf orangegelb. Das Weibchen unterscheidet sich durch kürzeren Schopf und kürzere Schwanzfedern vom Männchen; sein Gefieder ist lichter, die Schenkelfedern sind braun und weiß gebändert, der Bauch ist weiß. Die Jungen ähneln dem Weibchen. Die Länge des Männchens beträgt 1,15 bis 1,25 Meter, die Fittichlänge 62, die Länge der mittleren Schwanzfedern 68, die Höhe des Laufes 29 Zentimeter. Das Weibchen ist etwas größer als das Männchen.

Der Kranichgeier ist über einen großen Teil Afrikas verbreitet. Man hat ihn vom Kap bis zum sechzehnten Grad nördlicher Breite und von der Küste des Roten Meeres bis zum Senegal gefunden. Sein eigentümlicher Bau läßt im voraus vermuten, daß er nur in jenen weiten, steppenartigen Ebenen lebt, die sich über den größten Teil des inneren Afrikas ausdehnen. Ein wie der Kranichgeier gebildeter Raubvogel ist auf den Boden angewiesen und mehr oder weniger fremd in der Höhe. Nach Heuglins Befund steigt er in Habesch allerdings auch im Gebirge bis zu dritthalbtausend Meter unbedingter Höhe empor, bewohnt jedoch hier ausschließlich Ebenen. Nicht allein den Wald, sondern schon die Nähe hoher Bäume meidet er; sein Jagdgebiet sind die Steppe, trockene wie feuchte, wiesenartige Flächen, und hier und da vielleicht noch dünn bestandene Felder, nicht aber Waldungen.

»Wie Strauß, Trappe und Wüstenläufer«, sagt Heuglin, »ist auch der Sekretär ein echter Steppenvogel, der nur selten, niedrig und schlecht fliegt, aber sein Jagdgebiet flüchtigen Fußes durcheilt. Namentlich Gang und Haltung sind schön. Aufrecht, den Hals und Kopf hochtragend und gleichmäßig vor- und rückwärts bewegend, selten nur rascher trippelnd, durchschweift er gemessenen Ganges, nach Beute spähend, das Flachland.« Ich stimme hinsichtlich der Würdigung des stolzen Ganges durchaus, nicht aber auch bezüglich der Schilderung des Fluges mit meinem verstorbenen Freunde überein. Der gehende Kranichgeier ist eine höchst ansprechende, weil edle und stolze Erscheinung; aber auch der in der hohen Luft dahinschwebende Vogel verleugnet sein Geschlecht nicht, obgleich er selbstverständlich mit einem fliegenden Falken, Adler oder Geier nicht wetteifern kann. Entsprechend seinen hohen Läufen geht er leichter und besser als jeder andere Raubvogel. Hoch aufgerichtet schreitet er über den Boden, meilenweit, ohne zu ermüden. Bei der Jagd oder auf der Flucht läuft er mit vorgebogenem Leib ebenso schnell fast wie eine Trappe oder wie ein anderer Laufvogel, und nur ungern entschließt er sich, seine Schwingen zu gebrauchen; auch muß er, um sich zu erheben, erst einen Anlauf nehmen. Das Fliegen scheint ihm anfänglich schwer zu werden; hat er sich jedoch einmal in eine gewisse Höhe gearbeitet, so schwebt er leicht und schön dahin, gewöhnlich auf weite Strecken, ohne irgend einen Flügelschlag. Dabei streckt er die Ständer wie ein Storch nach hinten und den Hals oft gerade vor, und das Flugbild des Vogels wird dadurch so bezeichnend, daß man ihn mit einem anderen fliegenden Räuber gar nicht verwechseln kann. Es mag sein, daß er vorzugsweise laufend seine Jagd betreibt, und, aufgescheucht, kaum jemals zu bedeutenderen Höhen aufsteigt; daß er letzteres aber zu tun vermag, darf ich, auf eigene Erfahrungen gestützt, bestimmt versichern.

Alle Beobachter stimmen darin überein, daß der Kranichgeier paarweise lebt und ein ziemlich ausgedehntes Gebiet bewohnt. Eigentlich häufig ist er nirgends, kommt aber überall vor. Nur bei besonderen Gelegenheiten vereinigt sich ausnahmsweise eine größere Anzahl dieser merkwürdigen Vögel. Wenn z. B. vor der Regenzeit das Gras der Steppe angezündet wird und der Brand sich auf Meilen ausdehnt, alle Steppentiere auftreibend, findet sich regelmäßig der Kranichgeier ein, reicher Beute gewiß, und läuft und fliegt stundenlang vor der eilend vorrückenden Flammenlinie dahin. Der Kranichgeier ist hauptsächlich Kriechtier- und Lurchfresser, verschmäht aber auch andere Wirbeltiere nicht, falls sich solche ihm bieten, und noch viel weniger Kerbtiere, die zeitweilig seine Hauptnahrung bilden. Seine Freßlust ist merkwürdig groß: man kann ihn fast unersättlich nennen. Levaillant zog aus dem Kropfe eines von ihm getöteten einundzwanzig kleine Schildkröten, elf Eidechsen und drei Schlangen hervor, fand aber außerdem noch eine Menge Heuschrecken und in dem weiten Magen einen Klumpen von Wirbeltierbeinen, Schildkrötschalen und Kerbtierflügeln, die später wahrscheinlich als Gewölle ausgespien worden wären. Der Kranichgeier ist von altersher berühmt als Schlangenvertilger. Jules Verreaux schildert die Schlangenjagd unseres Vogels ausführlich. »Der ohnehin so zierliche und majestätische Vogel erscheint anziehender und anmutiger als je, wenn er zum Kampfe mit Schlangen schreitet. Um das Kriechtier, das er anzugreifen beabsichtigt, zu überraschen, entfaltet er alle ihm eigene Vorsicht, nähert sich daher mit größter Behutsamkeit. Sträuben der Schopf- und Hinterhalsfedern bezeichnen den Beginn des Kampfes. Mit mächtigem Sprunge stürzt er sich auf das Kriechtier, versetzt ihm mit dem kräftigen Fange einen gewaltigen Schlag und streckt es nicht selten mit dem ersten Streiche zu Boden. Gelingt ihm der erste Angriff nicht, hebt sich die Schlange, breitet die in höchste Wut versetzte Uräusschlange drohend ihren Schild, so zwingt sie ihn zunächst, mit einem Sprunge zurückzuweichen. Doch tut er dies nur, um lauernd auf den rechten Augenblick zu harren. Mit aufgerichtetem Haupte züngelt und zischt die Schlange, um den Feind zu schrecken; diesem aber wächst der Mut in demselben Grade, wie die Gefahr sich steigert. Mit gelüfteten Fittichen schreitet er von neuem vor, und wiederum versetzt er ihr Fußschläge von so unwiderstehlicher Kraft, daß die Schlange sicherlich binnen kurzem kampfunfähig darniederliegt. Stürzt sich, wie wir dies wiederholt gesehen haben, die Schlange angreifend auf ihren Gegner, so weiß dieser auch jetzt noch ihren Bissen auszuweichen, sei es, daß er ihr die ausgebreiteten Schwingen vorhält, sei es, daß er nach rückwärts oder zur Seite springt. Ermattet und erschöpft fällt die Schlange endlich platt auf den Boden nieder, und nunmehr verdoppelt der Vogel seine Anstrengungen, zerbricht ihr mit vernichtenden Schlägen seiner Fänge die Wirbelsäule, raubt ihr dadurch Beweglichkeit und Macht und setzt ihr endlich, blitzschnell vorgreifend, den eisernen Fang in den Nacken. Ohne weitere Umstände beginnt er sodann seine Mahlzeit. Binnen wenigen Minuten hat er eine Schlange von fast zwei Meter Länge aufgezehrt, bis auf den Kopf, zertrümmert letzteren mittels einiger Schnabelbisse, schreitet hierauf gemächlich seinem Ruheort zu, zieht den Kopf zwischen die Schultern herab und verweilt, ruhig verdauend, mehrere Stunden nacheinander in dieser Stellung. Heuglin sah, daß ein Kranichgeier Wüstenschildkröten mit einem Schlage des mächtigen Fanges zerschmetterte. Ältere Beobachter wollen gesehen haben, daß unser Vogel große Schlangen in die Luft hebt und sie aus bedeutender Höhe zu Boden fallen läßt, um sie zu zerschmettern. Die neueren Reisenden wissen hiervon zwar nichts zu berichten; doch ist die Angabe keineswegs unwahrscheinlich, weil auch andere Raubvögel in derselben Weise Verfahren.

Über die Fortpflanzung des Kranichgeiers liegen mehrfache, durchaus übereinstimmende Angaben vor. Im Juni oder Juli beginnen eifersüchtige Kämpfe zwischen den Männchen um den Besitz einer Gattin, die sodann mit dem glücklichen Sieger gemeinschaftlich den Bau des Horstes in Angriff nimmt. Letzterer steht fast immer auf der Spitze eines hohen und dichten Busches, meist einer Mimose, sonst auch auf einzeln stehenden Bäumen. Zusammengelegte Reiser, die mit Lehm gedichtet werden, bilden die Grundlage; die flache Mulde ist mit Pflanzenwolle, Federn und andern weichen Stoffen ausgefüttert. Der Horst wird jahrelang von demselben Paare benutzt; man erkennt sein Alter leicht an den verschiedenen Schichten, deren jedes Jahr eine neue bringt. Nicht selten ereignet es sich, daß die Zweige der äußeren Bedeckung neue Schößlinge treiben, die alsdann den ganzen Bau vollständig umgeben und verdecken. Jeden Abend begibt sich das Paar zum Neste, zunächst, um hier zu übernachten. Ein zweites Paar seinesgleichen duldet es nicht in dem von ihm in Beschlag genommenen Gebiete; wohl aber gestattet es, wie andere große Raubvögel auch, daß kleine Körnerfresser in unmittelbarer Nähe oder zwischen dem Reisig des Horstes selbst sich ansiedeln. Erst im August legt das Weibchen seine Eier, drei bis vier an der Zahl. Diese haben beinahe die Größe eines Gänseeies, sind aber rundlicher, entweder reinweiß von Farbe oder spärlich mit rötlichen Tüpfeln gezeichnet. Nach sechswöchentlicher Brutzeit, während der das Weibchen vom Männchen ernährt wird, entschlüpfen die Jungen in einem schneeweißen Daunenkleide. Sie sind im hohen Grade hilflos und bleiben lange Zeit schwach auf den Beinen, verlassen aus diesem Grunde das Nest auch selten vor Ablauf des sechsten Monats. Entnimmt man sie dem Horste, so erfährt man, daß sie erst nach fünf bis sechs Monaten einigermaßen laufen können, sich aber immer noch oft auf die Fersen niederlassen müssen.

Sorgsam gepflegt, werden sie bald zahm, ergötzen durch ihren Anstand, die edle Haltung, den stolzen Gang, das schöne, feurige Auge und das lebhafte Spiel ihrer Nackenfedern, unterdrücken jedoch, wie Heuglin erfahren mußte, Raubgelüste niemals gänzlich, werden dem Hofgeflügel oft verderblich und wagen sich selbst an Katzen und Hunde, denen sie nicht selten gefährliche, immer nach dem Kopfe gerichtete Fußschläge versetzen. Sie sind mit jeder Art geeigneten Futters zufrieden, aber überaus gefräßig, verschlingen außerordentlich große Bissen und geben sich nicht oft die Mühe, ein Beutestück erst mit dem Schnabel zu zerfleischen. In unsern Tiergärten zählen sie noch immer zu den Seltenheiten, verfehlen aber nie, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Die Jagd des Kranichgeiers hat ihre Schwierigkeiten. Der Vogel ist schwer zu entdecken und noch schwerer zu beschleichen. Heuglin und ebenso Anderson versichern, daß eine längere Zeit fortgesetzter Hatz zu Pferde von dem besten Erfolge gekrönt zu sein pflegt. Der Vogel sucht vor dem Reiter laufend zu entrinnen, ermattet, erhebt sich, schon beinahe atemlos, fällt bald wieder ein, steht nochmals auf, läuft und fliegt abwechselnd, fortdauernd verfolgt, bis er nicht mehr zu fliegen oder zu laufen vermag und fällt dann dem Jäger zur Beute. Heuglin erhielt binnen zwei Tagen nicht weniger als sechs Stück dieser Vögel, die in dieser Weise gefangen worden waren.

Adler

Die größten Raubvögel, die selbst erworbene Beute genießen und nur ausnahmsweise Aas angehen, werden Adler ( Aquilidae) genannt. Sie sind Vögel von gedrungenem Leibesbau mit mittelgroßem, durchaus befiedertem Kopfe und starkem, an der Wurzel geradem, erst gegen die Spitze gekrümmtem Schnabel, dessen Oberkiefer keinen Zahn besitzt, dafür aber an der betreffenden Stelle ausgebuchtet ist, und dessen Wachshaut nicht vom Gefieder verdeckt wird. Die Fußwurzeln sind mittellang, stets kraftvoll, oft nur wenig, oft wiederum bis zu den Zehen herab befiedert, diese selbst stark, von mittelmäßiger oder bedeutender Länge und immer mit großen, sehr gekrümmten, spitzigen Nägeln bewehrt. Die Flügel, die bei einigen das Ende des Schwanzes, bei andern nur dessen Wurzelteil erreichen, erscheinen stets abgerundet, weil die vierten oder fünften Schwingen fast ohne Ausnahme die längsten sind. Der Schwanz ist groß, lang und breit, entweder gerade abgeschnitten oder zugerundet. Das Gefieder besteht aus großen, gewöhnlich zugespitzten Federn, ist immer reich, zuweilen sehr weich, ausnahmsweise derb und hart. Bezeichnend für den Adler ist, daß die Federn des Hinterkopfes und Nackens sich entweder zuspitzen oder zu einer Holle verlängern. Das große, feurige Auge erhält einen sehr kühnen Ausdruck dadurch, daß das Augenbrauenbein weit hervortritt.

Die Adler bewohnen die ganze Erde. Die Verschiedenheit der Gestalt läßt erwarten, daß nicht alle Arten dieselben Wohnorte wählen. Auch die Mehrzahl der Adler lebt und jagt im Walde; einzelne Arten aber sind Gebirgs- und Felsenbewohner, andere an das Wasser, entweder an die Küste des Meeres oder an Seen und Flüsse gebunden; einige finden selbst in freien Steppen ihre Heimat. In der Nähe des Menschen siedeln sich Adler selten an; ihr eigentlicher Wohnsitz muß möglichst unbehelligt sein. Von ihm aus unternehmen sie weite Ausflüge, und gelegentlich dieser kommen sie oft genug in unmittelbare Nähe der Dorfschaften und rauben hier, wenn sie sich nicht verfolgt sehen, zuweilen vor den Augen ihres gefährlichsten Gegners. Die nordischen Arten sind größtenteils Wandervögel, alle wenigstens Strichvögel, die außer der Brutzeit im Lande umherschweifen und während ihrer langen Jugendzeit unter Umständen ganz andere Gegenden oder Länder bewohnen als die alten, gepaarten und horstenden Vögel ihrer Art. Auch die Adler lieben Gesellschaften ihresgleichen nicht, dulden wenigstens während des Sommers in ihrem Gebiete kein zweites Paar. Die Gatten eines Paares halten außerordentlich treu zusammen, und es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß eine unter Adlern geschlossene Ehe für die ganze Lebenszeit währt. Im allgemeinen machen die Adler ihrem Namen Ehre: sie sind wirklich edle Vögel. Unter den gefiederten Räubern gibt es wenige, die höher begabt sind als sie; nur die Edelfalken dürfen ihnen vielleicht vorausgestellt werden. Leibliche und geistige Begabungen sind ihnen in gleicher Weise zuteil geworden. Ihr Flug ist ausgezeichnet schön. Die Flügel werden, wenn es sich darum handelt vom Boden aufzusteigen, gewaltig, obschon verhältnismäßig langsam bewegt, sobald aber einmal eine gewisse Höhe gewonnen wurde, einfach ausgebreitet, und dennoch schweben die Adler ungemein rasch dahin. Man sieht von ihnen oft minutenlang nicht einen einzigen Flügelschlag, und doch entschwinden sie bald dem Auge. An dem kreisenden Adler bemerkt man, wie er durch Drehen und Wenden, durch Heben und Senken des Schwanzes steuert, wie er sich hebt, wenn er dem Winde entgegenschwebt, und wie er sich senkt, wenn das Gegenteil stattfindet. Beim Angriff auf lebende Beute stürzt der gewaltige Räuber mit außerordentlicher Schnelligkeit unter lautem, weit hörbarem Rauschen hernieder, allerdings nicht so schnell, daß er einen gewandt fliegenden Vogel zu ergreifen vermöchte, aber immer noch rasch genug, um eine fliegende Taube einzuholen. Der Gang auf dem Boden ist ungeschickt und besteht aus sonderbaren Sprungschritten, bei denen, unter Zuhilfenahme der Flügel, ein Bein um das andere bewegt wird. Der Adler erscheint in laufender Stellung am unedelsten. Viel schöner nimmt er sich aus, wenn er aufgebäumt hat. Dann hält er sich senkrecht wie ein sitzender Mann, und übt einen wirklich erhabenen Eindruck auf den Beschauer. Die stolze Ruhe seines ganzen Wesens prägt sich am deutlichsten im Sitzen aus.

Unter den Sinnen steht zweifellos das Gesicht obenan, wie schon das herrliche Auge bekundet. Nächstdem dürfte das Gehör am entwickeltsten sein. Der Adler vernimmt außerordentlich fein und gibt gegen grelle Töne entschiedenen Widerwillen zu erkennen. Über den Geruch ist viel gesprochen, aber, wie ich meine, auch viel gefabelt worden. Er ist gewiß nicht wegzuleugnen; doch glaube ich, daß er keineswegs so hoch ausgebildet ist, als man behauptet hat. Das Gefühl, Empfindungsvermögen sowohl wie Tragfähigkeit, steht auf hoher Stufe, und Geschmack beweist jeder gefangene Adler, dem verschiedene Nahrung vorgeworfen wird, in nicht verkennbarer Weise. Im Freileben zeigt sich der Adler außerordentlich vorsichtig und scheu da, wo er Gefahr vermutet, dreist und frech dort, wo er früher ungestraft raubte, richtet also sein Betragen nach den Umständen ein. Andern Tieren gegenüber legt auch er zuweilen eine gewisse List an den Tag, und bei seinen Räubereien bekundet er beachtenswerte Berechnung. In der Gefangenschaft schließt er sich nach kurzer Zeit dem Menschen an, den er früher ängstlich mied, tritt mit ihm in ein Freundschaftsverhältnis, das sehr innig werden kann.

Der freilebende Adler nährt sich, wie im Eingange bemerkt, vorzugsweise von selbst erbeuteten Tieren, namentlich von Wirbeltieren; keine einzige Art aber von denen, die ich kenne, verschmäht Aas, und gänzlich unbegründet ist es, wenn man behauptet hat, daß nur der Hunger den Adler zu solcher Speise zwinge. Er bevorzugt das lebende Tier, findet es aber bequem, an einem bereits gedeckten Tische zu schmausen. Ein Kostverächter ist er überhaupt nicht und mit wenigen Ausnahmen jedes höhere Wirbeltier ihm genehm. Fische gehören, wie es scheint, zu einem beliebten Beigericht, wogegen Lurche nur in wenigen Arten Liebhaber finden dürften. Der Adler raubt im Sitzen wie im Laufen und selbst im Fliegen, erhebt die Beute, die er ergriff, und trägt sie, falls er dies vermag, einem bestimmten Futterplatze zu, um sie dort zu verzehren. Bei dem Angriff entfaltet er seine ganze Kraft und beweist dabei außerordentliche Erregung, die in förmliche Wut übergehen kann. Durch Widerstand läßt er sich selten oder nicht von dem einmal gefaßten Vorsatze abbringen: was er einmal ins Auge gefaßt hat, sucht er mit Hartnäckigkeit festzuhalten. Er greift mutig starke und große Tiere an und begnügt sich mit sehr kleinen und schwachen. Sein Erscheinen bedeutet, wie Naumann sehr richtig sagt, den Tod aller Tiere, die ihm nicht zu schwer oder zu schnell sind. Die stärksten Arten erheben den bissigen Fuchs vom Boden oder nehmen den wehrhaften Marder vom Aste weg. Unter den Säugetieren sind bloß die kräftigsten, größten und schwersten, unter den Vögeln die gewandtesten vor ihm gesichert. Ein abgerichteter Adler würde sich ohne Besinnen auf den Strauß stürzen und diesen unzweifelhaft umbringen: fällt doch selbst der freilebende Menschen an.

Die Fortpflanzung unserer nordischen Adlerarten findet in den ersten Monaten des Jahres statt. Die Standvögel unter ihnen horsten selbstverständlich früher als die Zugvögel, die erst gegen den Mai hin bei uns eintreffen. Der Horst ist im Verhältnis zur Größe des Vogels ein gewaltiger Bau, von sehr übereinstimmendem Gepräge, regelmäßig niedrig, aber sehr breit und seine Nestmulde flach. Starke Reiser, bei den größten Arten armdicke Knüppel, bilden den Unterbau, feinere Reiser den oberen, Reiser, die zuweilen mit weichen Stoffen ausgekleidet werden, die Nestmulde. Ein und derselbe Horst dient dem einen Adlerpaare mehrere Jahre nacheinander, wird aber alljährlich neu ausgebessert und dabei vergrößert, so daß er zuweilen auch zu bedeutender Höhe anwachsen kann. In den meisten Fällen steht er auf Bäumen, sonst auf einem möglichst unersteiglichen Felsvorsprung, im Notfalle auf dem flachen Boden. Das Gelege enthält ein einziges oder zwei, selten drei Eier, die vom Weibchen allein bebrütet werden. Vor der Paarungszeit vergnügen sich auch die Adler durch prachtvolle Spiele in der Luft und diese setzt das Männchen noch fort, während das Weibchen brütet. Die Jungen werden von beiden Eltern groß gefüttert. Sie leiden keinen Mangel; denn unter Umständen tragen ihnen die Alten von meilenweit her Futter zu. Nach dem Ausfliegen genießen sie eine Zeitlang sorgfältigen Unterricht; dann aber werden sie im eigentlichen Sinne des Wortes in die Welt hinausgestoßen und führen nun mehrere Jahre lang ein unstetes Wanderleben, bis auch sie sich einen Gatten und später einen Horstplatz erwerben.

Außer dem Menschen haben die Adler keinen Feind, der ihnen gefährlich werden könnte, wohl aber viele Gegner. Alle kleinen Falken, Würger, Raben, Schwalben, Bachstelzen hassen sie und betätigen dieses Gefühl durch Angriffe, die zwar machtlos sind, die stolzen Räuber aber doch so arg behelligen, daß sie gewöhnlich das Weite suchen, um die lästige Rotte loszuwerden. Der Mensch muß dem Adler feindselig entgegentreten, denn die meisten Arten fügen ihm nur Schaden zu; doch gibt es auch unter ihnen einzelne, die sich nützlich erweisen und Schutz verdienen.

*

Zwei große, in Gestalt und Wesen nahe verwandte Adlerarten verdienen an erster Stelle aufgeführt zu werden, weil sie in unserm heimatlichen Erdteile leben, sogar in unserm Vaterlande vorkommen und dem Begriffe, den wir mit dem Worte Adler verbinden, am besten entsprechen.

Die Sippe der Edeladler ( Aquila), die sie mit einigen andern bilden, kennzeichnet sich durch kräftigeren Leib, großen, wohlgeformten Kopf, breite und lange Flügel, unter deren Schwingen die vierte die längste ist, und die bis zum Schwanzende herabreichen, durch einen geraden abgeschnittenen, mittellangen und breiten Schwanz und sehr starke, mittelhohe Ständer. Der Schnabel ist kräftig und lang, sein Oberkiefer schon auf der Wachshaut, besonders aber vor ihr stark gebogen, an der Schneide ziemlich ausgebuchtet. Das große Auge liegt tief unter dem weit hervorspringenden Augenbrauenbein. Die mittellangen Zehen sind kräftig, die Krallen groß, spitzig und stark gekrümmt. Die Federn sind zugespitzt, namentlich am Hinterkopfe und im Nacken verschmälert und verlängert; die Fußwurzeln bis zu den Zehen herab bekleidet.

 

Der Stein- oder Goldadler ( Aquila chrysaëtos) ist der größte und stärkste, auch am gedrungensten gebaute unter den zunächst verwandten Arten, der »Adler« ohne weitere Nebenbezeichnung, der Beizvogel aller innerasiatischen Reitervölker, der Held der Fabel und das Urbild des Wappentieres, das Sinnbild der Kraft und Stärke. Seine Länge beträgt achtzig bis fünfundneunzig Zentimeter, die Breite zwei Meter und darüber, die Fittichlänge achtundfünfzig bis vierundsechzig, die Schwanzlänge einunddreißig bis sechsunddreißig Zentimeter. Erstere Maße gelten für das Männchen, letztere für das größere Weibchen. Beim alten Vogel ist der Nacken, einschließlich des Hinterhalses, rostbraungelb, das übrige Gefieder in den ersten beiden Wurzeldritteilen weiß, an der Spitze sehr gleichmäßig dunkelbraun, der Schwanz in seinem Wurzeldritteil weiß, sodann schwarz gebändert oder gefleckt, in der Endhälfte schwarz. Die Hosen sind braun, die Unterschwanzdeckfedern weiß. Im Jugendkleide ist das Gefieder durchgehend lichter, das Lichtbraun des Nackens viel weiter, bis auf den Scheitel und die Halsseiten, verbreitert, der Flügel durch einen großen weißen Spiegel ausgezeichnet, der Schwanz nur im Enddritteil schwarz, übrigens grauweiß, die Hose sehr licht, oft ebenfalls weiß. Mit vorstehenden Worten ist nur die am häufigsten vorkommende Färbung beschrieben, demgemäß hinzuzufügen, daß das Kleid dieses Adlers außerordentlich abändert. Einzelne alte Vögel sind gleichmäßig dunkelbraun, andere goldbraun, andere in der Kropfgegend und am Bauche goldbraun, übrigens dunkelbraun gefärbt; einige behalten den Flügelspiegel bis ins höhere Alter, andere zeigen schön gebänderte Schwingen usw.

Der Steinadler bewohnt die Hochgebirge und sehr ausgedehnte Waldungen Europas und Asiens, streift auch, laut Heuglin, gelegentlich, immer aber selten, nach Nordostafrika hinüber. In unserm Vaterlande horstet er, so viel mir bekannt, gegenwärtig regelmäßig einzig und allein im bayerischen Hochgebirge sowie in den ausgedehnten Staatswaldungen des südöstlichen Teils der Provinz Ostpreußen; das übrige Deutschland besucht er wohl einzeln dann und wann als Strichvogel, siedelt sich jedoch nur äußerst selten bleibend an. Noch vor einigen Jahrzehnten war dies anders: in den dreißiger, selbst in den vierziger Jahren durfte man den Steinadler noch mit Bestimmtheit zu den Brutvögeln Ost-, Süd- und Mitteldeutschlands zählen. Weit häufiger als innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches lebt der stolze Vogel in Österreich-Ungarn, insbesondere in den Alpen Steiermarks, Tirols, Kärntens und Krains, woselbst ich ihn wiederholt beobachtet habe, ebenso und keineswegs selten in den Karpathen und Siebenbürger Alpen, außerdem im größten Teile Ungarns und im ganzen Süden dieser Länder. Außerdem verbreitet sich der Vogel über die Schweiz, Südeuropa, die Atlasländer, Skandinavien, ganz Rußland, soweit es bewaldet oder felsig ist, Kleinasien, Nordpersien und Mittelasien, vom Ural an bis nach China und vom Waldgürtel Sibiriens an bis zum Himalaja. In Westeuropa, zumal Frankreich und Belgien, tritt er viel seltener auf als im Osten und Süden; in Großbritannien erscheint er wohl nur noch als Strichvogel; in der Schweiz ist er zwar nicht gerade selten, aber doch auch nicht häufig, im Süden Rußlands eine regelmäßige, in den Gebirgen Mittelasiens eine alltägliche Erscheinung.

siehe Bildunterschrift

Steinadler (Aquila chrysaëtos)

Ohne größere Waldungen zu meiden, siedelt sich der Adler, wie ich der Kürze halber fortan sagen werde, doch mit entschiedener Vorliebe im Hochgebirge und an einer mehr oder minder schwer zu ersteigenden, am liebsten gänzlich unzugänglichen Felsenwand an. Das einmal erwählte Gebiet hält das vereinte Paar mit Zähigkeit fest, verläßt es, wenn der Wildreichtum der Gegend es gestattet, auch im Winter nicht, besucht um diese Zeit sogar regelmäßig die Horste, gleichsam als wolle es seine Anrechte auf dieselben wahren. Ungezwungen wandern oder streichen wohl nur junge Vögel, und sie sind es daher auch, die bei uns zulande erlegt werden. Denn der Adler braucht viele, vielleicht sechs, möglicherweise zehn Jahre und darüber, bevor er im eigentlichen Sinne des Wortes erwachsen, das heißt fortpflanzungsfähig ist und durchstreift bis dahin die weite Welt, wahrscheinlich viel ausgedehntere Strecken als wir glauben. Seßhaft wird er erst, wenn er sich gepaart hat und an die Errichtung des eigenen Horstes denkt. Auch dann noch ist sein Gebiet ein sehr ausgedehntes, wie es der bedeutende Nahrungsbedarf des Vogels erfordert. Von dem Nistorte aus unternimmt das Paar tagtäglich Streifzüge, häufig in derselben Richtung. Es verläßt den Ort der Nachtruhe erst längere Zeit nach Sonnenuntergang und streicht nun in ziemlich bedeutender Höhe kreisend durch das Gebiet. Bergzüge werden in gewissem Sinne zur Straße, über die der Adler meist verhältnismäßig niedrig dahinstreicht, wenn die Berge hoch sind, oft in kaum Flintenschußnähe über dem Boden. »Ich habe«, berichtet Girtanner, »den Steinadler und sein Weib oft ganze Alpengebiete so regelmäßig absuchen sehen, daß ich in der Tat nicht begreifen konnte, wie diesen vier Adleraugen bei so überlegtem Vorgehen auch nur eine Feder hätte entgehen mögen. Von der Felsenkante in der Nähe des Horstes gleichzeitig abfliegend, senkt sich das Räuberpaar rasch in die Tiefe hinab, überfliegt die Talmulde und zieht nun an dem untern Teil der Gehänge des gegenüberliegenden Höhenzuges langsam in wagerechter Richtung dahin, der eine Gatte stets in einiger Entfernung vom andern, doch in gleicher Höhe, so daß, was dem ersten entgangen, dem nachfolgenden um so sicherer zu Gesicht, und was etwa von jenem aufgescheucht, diesem um so bestimmter in die Krallen kommen muß. Auf diese Weise am Ende des Gebietes angelangt, erheben sich beide, um hundert Meter und darüber aufsteigend, ziehen in dieser Höhe in entgegengesetzter Richtung zurück, erheben sich sodann wieder und suchen so in weiten Zickzacklinien den ganzen Gebirgsstock aufs sorgfältigste ab.« Wehe dem nicht allzu schnellen Wilde, das eines der vier scharfen Augen erspäht: es ist verloren, wenn nicht ein Zufall es rettet. Ebenso wie beide Adler gemeinschaftlich jagen, verzehren sie auch gemeinsam die erlegte Beute; bei der Mahlzeit geht es jedoch keineswegs immer friedlich her: ein leckeres Gericht kann selbst unter den zärtlichsten Adlergatten Streit hervorrufen. Die Jagd währt bis gegen Mittag; dann kehrt der Räuber in die Nähe des Horstes zurück oder wählt sich einen andern sicheren Punkt, um auszuruhen. Regelmäßig geschieht dies, wenn er im Fange glücklich war. Er sitzt dann mit gefülltem Kropfe und lässig getragenem Gefieder längere Zeit auf einer und derselben Stelle und gibt sich der Ruhe und der Verdauung hin, ohne jedoch auch jetzt seine Sicherheit aus den Augen zu verlieren. Nachdem diese Ruhe vorüber, fliegt der Adler regelmäßig zur Tränke. Es ist behauptet worden, daß ihm das Blut seiner Schlachtopfer genüge; jeder gefangene Adler beweist das Gegenteil. Er trinkt viel und bedarf des Wassers noch außerdem, um sich zu baden. Bei warmem Wetter geht selten ein Tag hin, an dem er letzteres nicht tut. Nachdem er getrunken und sich gereinigt, tritt er einen nochmaligen Raubzug an; gegen Abend pflegt er sich in der Luft zu vergnügen; mit dem Einbruch der Dämmerung erscheint er vorsichtig und ohne jedes Geschrei auf dem Schlafplatze, der stets mit größter Vorsicht gewählt wird. Dies ist, mit kurzen Worten geschildert, das tägliche Leben des Vogels.

Der Adler ist nur im Sitzen und im Fliegen schön und majestätisch, im Laufen dagegen so unbehilflich und ungeschickt, daß er zum Lachen reizt. Wenn er sich sehr langsam auf dem Boden fortbewegt, trägt er sich fast wagerecht und setzt dann gemächlich ein Bein um das andere vor; wenn er sich aber beeilt, sei es, daß er flugunfähig entrinnen will oder sonst in Erregung gerät, hüpft er, unter Zuhilfenahme seiner Flügel in großen, wundersamen Sprüngen dahin, keineswegs langsam zwar, im Gegenteil so rasch, daß man sich anstrengen muß, um ihn einzuholen, aber so unregelmäßig und täppisch, daß man den stolzen Vogel bedauern möchte. Um vom flachen Boden aufzufliegen, nimmt er, in ähnlicher Weise hüpfend, stets einen Anlauf und schlägt langsam und kräftig mit den Flügeln; hat er sich jedoch erst in eine gewisse Höhe aufgeschwungen, so schwebt er oft Viertelstunden lang, ohne einen einzigen Flügelschlag zu tun und nur wenig sich senkend, rasch dahin, steigt, indem er sich gegen den Wind dreht, wieder zu der etwa verlorenen Höhe empor und hilft nur ausnahmsweise durch einige langsame Flügelschläge nach. Wie von dem fliegenden Geier werden die Fittiche so weit gebreitet, daß die Spitzen der einzelnen Schwungfedern sich nicht mehr berühren, wogegen die Schwanzfedern einander stets überdecken. Das Flugbild des Vogels erhält durch den gerade abgeschnittenen Schwanz etwas so Bezeichnendes, daß man den Steinadler niemals mit einem Geier verwechseln kann. Beim Herabstürzen und Ergreifen des Raubes verfährt der Adler verschieden. Der in hoher Luft kreisende Räuber, der eine Beute erspäht, senkt sich gewöhnlich erst in Schraubenlinien hernieder, um den Gegenstand genauer ins Auge zu fassen, legt, wenn dies geschehen, plötzlich seine Flügel an, stürzt mit weit vorgestreckten, geöffneten Fängen vernehmlich sausend, schief zum Boden herab, auf das betreffende Tier los und schlägt ihm beide Fänge in den Leib. Ist das Opfer wehrlos, so greift er ohne weiteres zu; ist es fähig, ihn zu gefährden, verfehlt er nie, einen Fang um den Kopf zu schlagen, um so gleichzeitig zu blenden und zu entwaffnen. Mein Vater hat an seinem gefangenen Goldadler die Art und Weise des Angriffes oft gesehen und ausgezeichnet beschrieben; seine Schilderung will ich daher, wenn auch nur im Auszuge, wiedergeben. »Beim Ergreifen der Beute«, sagt er, »schlägt er die Nägel so heftig ein, daß man es deutlich hört und die Zehen wie krampfhaft zusammengezogen aussehen. Katzen schlägt er den einen Fang um den Hals, benimmt ihnen so alle Luft und frißt sie an, noch ehe sie tot sind. Gewöhnlich greift er so, daß die Zehen des einen Fanges den Kopf einschließen. Bei einer Katze, die ich ihm bot, hatte er mit einem Nagel das Auge durchbohrt, und die Vorderzehen lagen so um die untere Kinnlade, daß die Katze den Rachen keine Linie breit öffnen konnte. Die Nägel des anderen Fußes waren tief in die Brust eingedrückt. Um sich im Gleichgewicht zu halten, breitete der Adler die Flügel weit aus und gebrauchte sie und den Schwanz als Stützen; dabei waren seine Augen blutrot und größer als gewöhnlich, alle Federn am ganzen Körper glatt angelegt, der Rachen geöffnet und die Zunge vorgestreckt. Man bemerkte bei ihm aber nicht nur auffallende Wut, sondern auch ungewöhnliche Kraftanstrengung, bei der Katze das ohnmächtige Streben, ihren überlegenen Feind loszuwerden. Sie wand sich wie ein Wurm, streckte aber alle vier Füße von sich und konnte weder die Nägel noch die Zähne gebrauchen. Wenn sie zu schreien anfing, faßte der Adler mit dem einen Fange weiter und schlug ihn an einer andern Stelle der Brust ein, den zweiten Fang hielt er beinahe unbeweglich um den Rachen geschlagen. Den Schnabel gebrauchte er gar nicht, und so kam es, daß die Katze erst nach Verlauf von dreiviertel Stunden tot war. So lange hatte der Adler mit eingeschlagenen Nägeln und ausgebreiteten Flügeln auf ihr gestanden. Jetzt ließ er sie liegen und schwang sich auf die Sitzstange. Dieses lange Leiden der Katze machte auf mich einen solchen Eindruck, daß ich ihm nie wieder eine lebend gab.« Andere Opfer hauchen unter der gewaltigen Kralle des Räubers viel eher ihr Leben aus, weil sie weit weniger als die Katze fähig sind, Widerstand zu leisten. Aber der Adler wagt sich auch an noch stärkere Tiere; man hat beobachtet, daß er selbst den bissigen Fuchs nicht verschont. Daß solcher Kampf überhaupt stattfindet, beweist schlagend den Mut, das Selbstbewußtsein des mächtigen Vogels. Man übertreibt nicht, wenn man behauptet, daß sich letzteres deutlich ausdrückt, wenn der Adler mit kühn blitzendem Auge, gesträubten Nackenfedern und halb gelüfteten Schwingen auf seiner Beute steht und, wie gewöhnlich, ein förmliches Siegesgeschrei ausstößt. Er ist in solcher Stellung ein überwältigendes Bild stolzer Schönheit und markiger Kraft, dessen Eindruck sich niemand entziehen kann. Vollbewußtsein seiner Stärke verleitet ihn zuweilen, sogar an dem Herrn der Erde sich zu vergreifen. Es ist keine Fabel, wenn erzählt wird, daß er auf kleine Kinder gestoßen und sie, falls er es vermochte, davongetragen hat; man kennt sogar verbürgte Fälle, daß er, ohne durch gerechtfertigte Abwehr oder Verteidigung seines Horstes gezwungen zu sein, erwachsene Menschen anfiel.

Viel zu weitläufig würde es sein, wenn ich alle die Tiere aufzählen wollte, auf die der Adler jagt. Unter unseren deutschen Vögeln sind nur die Raubvögel, die Schwalben und die schnellen Singvögel vor ihm sicher, unter den Säugern, abgesehen von den großen Raubtieren, nur Wiederkäuer, Ein- und Vielhufer. Daß er aber auch die Jungen nicht verschont und kleine Tiere nicht verschmäht, ist durch hinlängliche Beobachtung festgestellt worden. Viele Tiere, die durch ihren Aufenthalt Schutz genießen, werden ihm dennoch zur Beute, weil er sie so lange jagt, bis sie ermattet sich ihm hingeben. So ängstigt er Schwimmvögel, die sich bei seinem Erscheinen durch Tauchen zu retten suchen, bis sie nicht mehr tauchen können und nimmt sie dann ohne Umstände weg. Ungeachtet des nicht wegzuleugnenden Stolzes, der ihn bei allen seinen Handlungen beseelt, verschmäht er nicht, zu schmarotzen, läßt andere Räuber, beispielsweise den Wanderfalken, für sich arbeiten und zwingt sie, die eben gewonnene Beute ihm abzulassen. Zuweilen nimmt er selbst dem Jäger erlegtes Wild vor den Augen weg. Auch auf dem Aase stellt er sich regelmäßig ein. Allerdings bevorzugt er erst vor kurzem verendete Tiere solchen, die bereits in Fäulnis übergegangen sind, darf jedoch in dieser Beziehung durchaus nicht als Kostverächter bezeichnet werden. Unter besonderen Umständen, vielleicht bei großem Hunger, verschlingt er sogar Pflanzenstoffe: Reichenow hat Kartoffeln in seinem Magen gefunden.

Die gefangene und getötete oder wenigstens halb erwürgte Beute wird vor dem Verzehren von dem Adler erst oberflächlich gerupft; nachdem dies geschehen, fängt er beim Kopfe zu fressen an, zertrümmert die Knochen desselben und verspeist auch sie mit, falls ihm ersteres gelang. Bei größeren Vögeln läßt er nur den Schnabel liegen. Nach dem Kopf wird der Hals verzehrt, sodann der übrige Körper. Die mit Unrat gefüllten Gedärme verschmäht er, alles übrige, das er zerbeißen kann, verschluckt und verdaut er. Da er wie Habichte und Edelfalken nur kleine Stücke verschlingt, bringt er mit dem Kröpfen einer halben Krähe etwa zwanzig Minuten zu. Er frißt mit größter Vorsicht, sieht sich von Zeit zu Zeit um und lauscht nach allen Seiten hin. Bei dem geringsten Geräusch hält er inne, blickt lange nach der Gegend, von der es herkam, und fängt erst dann wieder zu fressen an, wenn alles ruhig geworden ist. Nach der Mahlzeit putzt er sich den Schnabel sehr sorgfältig. Haare und Federn sind auch ihm dringendes Bedürfnis; sie scheinen zur Reinigung seines Magens unentbehrlich zu sein. Nach vollendeter Verdauung ballen sie sich zu einem Klumpen zusammen, und diesen, das Gewölle, speit er aus, gewöhnlich alle fünf bis acht Tage einmal. Entzieht man ihm Haare oder Federn, so würgt er Heu oder Stroh hinab. Knochen, die er sehr gern mit verschlingt, werden vollständig verdaut.

Der Adler horstet frühzeitig im Jahre, gewöhnlich schon Mitte oder Ende März. Sein Horst steht im Gebirge, wenn auch nicht ausnahmslos so doch vorzugsweise in großen, oben gedeckten Nischen oder auf breiten Gesimsen an möglichst unersteiglichen Felswänden, in ausgedehnten Waldungen dagegen auf den Wipfelzweigen der höchsten Bäume, ist daher je nach dem Standorte verschieden. Wenn er auf einem Baume angelegt wurde, besteht er regelmäßig aus einem massigen Unterbau von starken Knüppeln, die der Adler entweder vom Boden aufhebt oder, indem er sich aus großer Höhe herab auf dürre Äste stürzt und sie im rechten Augenblick mit den Fängen packt, von den Bäumen abbricht. Dünnere Zweige bilden den Oberbau, feinere Reiser und Flechten die Ausfütterung der sehr flachen Mulde. Ein solcher Horst hat 1,30 bis 2 Meter, die Mulde 70 bis 80 Zentimeter im Durchmesser, wächst aber, da er lange Zeit nacheinander benutzt wird, von Jahr zu Jahr, wenn auch nicht an Umfang, so doch an Höhe, und stellt so bisweilen ein wahrhaft riesiges Bauwerk dar. Auf einer sichern Unterlage, wie sie Felsnischen darbieten, macht der Adler weniger Umstände. Zwar trägt er auch hier in der Regel große Knüppel zusammen, um aus ihnen den Unterbau zu bilden, und stellt dann den Oberbau in ähnlicher Weise her; unter Umständen aber genügen ihm auch schwache Reiser. Die Eier sind verhältnismäßig klein, sehr rundlich, rauhschalig und auf weißlichem oder grünlichgrauem Grunde unregelmäßig mit größeren und kleineren graulichen und bräunlichen Flecken und Punkten, die oft zusammenlaufen, gezeichnet. Man findet ihrer zwei bis drei im Horste, selten aber mehr als zwei Junge, oft nur ein einziges. Das Weibchen brütet ungefähr fünf Wochen. Die aus dem Ei geschlüpften Jungen, die bereits in den ersten Tagen des Mai das Licht der Welt erblicken, sind wie andere Raubvögel dicht mit graulichweißem Wollflaum bedeckt, wachsen ziemlich langsam heran und werden kaum vor der Mitte, meist erst zu Ende des Juli flugfähig. Beide Eltern widmen sich ihnen mit hingebender Zärtlichkeit, und namentlich die Mutter zeigt sich treu besorgt, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Solange sie noch klein sind, verläßt sie kaum das Nest, hudert sie, um sie zu erwärmen, trägt, wie Girtanner selbst gesehen hat, tagtäglich frische Lärchenzweige in das Nest, um die vom Kot der Jungen beschmutzten und benetzten, die vorher weggeschafft wurden, zu ersetzen und so den Kleinen stets ein trockenes Lager zu bereiten, und schleppt endlich mit dem Männchen im Übermaß Beute herbei, um sich vor jedem Mangel zu schützen. In der frühesten Jugend erhalten sie nur solche Atzung, die bereits im Kropfe der Mutter vorverdaut ist; später zerlegt ihnen diese die gefangene Beute; endlich tragen beide Eltern unzerfleischten Raub in den Horst und überlassen es den Jungen, ihre Mahlzeit zu halten, so gut sie vermögen, um sie allgemach an Selbständigkeit zu gewöhnen. Damit hängt zusammen, daß beide Eltern eines Adlerpaares, mindestens das Weibchen, anfänglich sehr viel im Horste sich aufhalten, wogegen sie später, im Einklang mit der zunehmenden Entwicklung ihrer Jungen, länger und auf weiterhin sich entfernen und zuletzt, wenn sie die Brut mit Nahrung versorgt wissen, sich oft tagelang nicht mehr zu Hause sehen lassen. Gegen das Ende der Brutzeit hin ähnelt der Adlerhorst einer Schlachtbank oder einer förmlichen Luderstätte. Denn so sorgfältig die Alten auch auf Erneuerung der Niststoffe bedacht sind, so gleichgültig lassen sie die Nestvögel zwischen den faulenden, im Horste liegenden Fleischüberresten und dem in Masse herbeigezogenen und dort entstehenden Ungeziefer sitzen. Wie groß die Anzahl der Opfer ist, die ihr Leben lassen müssen, um das zweier junger Adler zu erhalten, geht aus einer Angabe Bechsteins hervor, laut der man in der Nähe des Horstes die Überbleibsel von vierzig Hasen und dreihundert Enten gefunden haben soll. Diese Schätzung ist vielleicht übertrieben, schlimm genug aber haust das Adlerpaar unter den Tieren der Umgegend, und zwar einer Umgegend im weiteren Sinn des Wortes; denn man hat beobachtet, daß es Reiher zwanzig bis dreißig Kilometer weit dem Horste zuschleppte. In einem Horst, zu dem sich der Jäger Ragg am 2. Juli 1877 hinabseilen ließ, lagen ein noch unberührtes und ein zu drei Vierteilen verzehrtes Gemskitz, die Reste eines Fuchses, eines Murmeltieres und von nicht weniger als fünf Alpenhasen. Dem kleineren Herdenvieh wird der Adler während der Brutzeit zu einer wahren Geisel, dem Hirten zur schlimmsten Plage; kein Wunder daher, daß der Herdenbesitzer alles aufbietet, des so furchtbaren Räubers sich zu erwehren.

Die Jagd des Steinadlers verlangt in den meisten Fällen einen guten Bergsteiger und sehr sicheren Büchsenschützen; denn der Vogel ist einzig und allein da, wo er noch niemals Nachstellungen erfuhr, so vertrauensselig, daß er unterlaufen und ohne sonderliche Anstrengungen beschlichen werden kann, weitaus in den meisten Fällen dagegen, und zwar schon in früher Jugend, ungemein vorsichtig und scheu. Mit zunehmendem Alter steigert sich sein Mißtrauen sehr. Selbst am Horste setzt er die ihm eigene Vorsicht selten aus den Augen, und wenn er vollends erfahren mußte, daß sein Gatte dem mörderischen Blei erlag, ist ihm gar nicht mehr beizukommen. Am leichtesten gelingt es, auf ausgelegtem Luder seiner habhaft zu werden; doch darf man sich längeres Warten in der benachbarten, wohl verdeckten Hütte nicht verdrießen lassen. Gefallenes Wild bevorzugt er allem übrigen Aase, und wenn man in der Nähe eines solchen einen lebenden Uhu aufstellt und sich nebenbei in einen wohl verdeckten Hinterhalt legt, darf man mit ziemlicher Sicherheit auf günstige Jagd rechnen. So erzählte mir Kronprinz Rudolf von Österreich, einer der eifrigsten und glücklichsten Steinadlerjäger. Leichter als von dem Jäger läßt sich der Adler durch Fallen berücken; ein richtig geköderter Schwanenhals führt ziemlich sicher zum Ziele; auch ein Schlaggarn leistet gute Dienste. Die Chinesen zum Beispiel gebrauchen nur das letztere, um sich unseres Vogels zu bemächtigen.

Jung aufgezogene Adler werden bald zahm und menschenfreundlich, gewöhnen sich so an ihren Gebieter, daß sie ihn vermissen, wenn er längere Zeit nicht bei ihnen war, ihn mit fröhlichem Geschrei begrüßen, wenn er wieder zu ihnen kommt, und ihm nie gefährlich werden. Mit ihresgleichen, auch mit anderen großen Raubvögeln, vertragen sie sich in der Regel gut, aber doch wohl nur dann, wenn sie sich überzeugt haben, daß sie ihren Mitgefangenen nichts anhaben können. Zu trauen ist ihnen ebensowenig wie allen übrigen Raubvögeln. Die für sie geeignetsten Genossen sind offenbar die Geier, deren Tölpelhaftigkeit ihnen gestattet, sich stets rechtzeitig eines Futterbrockens zu bemächtigen, und deren achtunggebietende Stärke sie von Hause aus vor Übergriffen bewahrt. Wind und Wetter fechten sie wenig an; doch verlangen auch sie, wenn sie sich auf die Dauer Wohlbefinden sollen, einen geschützten Raum, nach dem sie sich zurückziehen können, wenn es ihnen beliebt. An die Nahrung stellen sie geringe Ansprüche. Jede Fleischsorte ist ihnen recht. Dagegen verlangen sie unter allen Umständen viel und reines Wasser, um nach Belieben trinken, und noch mehr, um sich baden zu können. Denn sie sind sehr reinlich, dulden ebensowenig an ihrem Gefieder wie an ihrem Schnabel irgendwelchen Schmutz und putzen sich fortwährend. Bei einigermaßen genügender Pflege halten sie viele Jahre in der Gefangenschaft aus.

Schon Pallas und nach ihm Eversmann haben uns berichtet, daß Steinadler von den Baschkiren und anderen innerasiatischen Völkerschaften zur Jagd abgetragen werden. Alle kirgisischen Jäger, die sich des Steinadlers als Beizvogel bedienen, entnehmen denselben so jung als möglich dem Horste und ziehen ihn mit größter Sorgfalt auf. Der junge Adler wird nur aus und auf der Hand des Falkners gekröpft, um sich von frühester Kindheit auf an seinen Pfleger zu gewöhnen, später, jedoch nicht bevor er vollständig ausgefiedert, nach dem Kröpfen auch jedesmal sorgfältig behäubt. Eine besondere Abtragung hält der Kirgise nicht für notwendig, begnügt sich vielmehr, den Vogel auf die Faust und an den Anruf zu gewöhnen; vererbte Gewohnheit muß das Fehlende ergänzen. Nachdem der Adler vollkommen flugbar geworden, zieht der Falkner mit ihm in die Steppe hinaus, um ihn zunächst auf schwaches Wild, namentlich Bobaks und Zisel, zu werfen. Da der schwere Vogel die durch einen starken Handschuh geschützte Faust bald ermüdet, hat der Reiter entweder vorn am Sattelknopfe oder im Steigbügel eine Stütze angebracht, auf der er seinen Vorderarm ruhen läßt. Dank der Fertigkeit aller Kirgisen, auch auf den schwierigsten Wegen zu reiten, erklimmt der berittene Falkner mit seinem Beizvogel stets eine Höhe, die weitere Umschau gewährt, enthäubt den Vogel, wenn er für ihn geeignetes Wild erspäht hat, und wirft ihn in die Luft. Der Adler stellt sich im Anfange meist ziemlich ungeschickt an, erwirbt sich aber bald die nötige Fertigkeit, um ein Steppenmurmeltier zu schlagen, bevor es seinen Bau erreicht. Versteht er solche Jagd, so wird er nunmehr auf den Fuchs verwendet. Letzteren scheuchen die Gehilfen des Jägers aus seinem Verstecke, verfolgen ihn zu Pferde und versuchen, ihn so zu treiben, daß er in der Nähe des Falkners vorüber kommen muß. Im geeigneten Augenblick wirft letzterer seinen Beizvogel. Dieser erhebt sich, beschreibt einen oder zwei Kreise, stürzt sich dann in schiefer Richtung von oben auf den Fuchs herab und schlägt ihm die Fänge in den Hinterleib. Der Fuchs duckt sich augenblicklich nieder, um seinem Gegner einen tätlichen Biß zu versetzen; dieser aber nimmt den Augenblick wahr und greift jenen im Gesicht an, seine Fänge womöglich in die Augen schlagend. Reineke versucht auch jetzt noch, sich seiner Haut zu wehren, und vereitelt, indem er sich mit dem Adler plötzlich zu Boden wirft und auf dem Rücken wälzt, auch wohl noch einen zweiten oder dritten Angriff; die Reiter aber sind ihm stets auf den Fersen und lähmen, wenn nicht seine Kraft so doch seinen Mut. Auch erkennt der Adler sehr bald, mit welchem gefährlichen Gegner er es zu tun hat, löst in demselben Augenblick, in dem der Fuchs sich auf den Rücken drehen will, seine Fänge, erhebt sich in die Luft und schwebt als drohende Gewitterwolke wiederum über dem armen Schelm, bereit, den furchtbaren Fang nochmals um sein Haupt zu schlagen. So wiederholt angegriffen und fortwährend bedroht, ermattet der Fuchs schneller als man annehmen möchte und läßt sich endlich ziemlich widerstandslos festhalten, bis die nacheilenden, durch jauchzenden Zuruf den Adler anfeuernden Jäger herbeikommen und jenen durch einen geschickten Schlag mit der Keule von seinen Leiden befreien. Wenn der Adler auch die Fuchsjagd genügend versteht, wirft ihn der Falkner auf den Wolf, der ebenso wie sein Verwandter aufgescheucht wurde. Nicht jeder Adler wagt es, dieses unverhältnismäßig stärkere Raubtier anzugreifen; ein in der Fuchsjagd wohlerfahrener Beizvogel aber tut dies unabänderlich, obwohl stets mit der größten Vorsicht, so genau auch die Art und Weise seines Angriffes der bisher geübten entspricht. Den Wolf ernstlich zu gefährden, wie es hinsichtlich des Fuchses sehr oft der Fall ist, würde für den Adler unmöglich sein; die nachjagenden Reiter aber beeifern sich jetzt mehr als je, rechtzeitig zu Hilfe zu kommen, und daher ist auch der von einem Adler angegriffene Wolf regelmäßig verloren. Ein Adler, der Isegrim, den verhaßten, schlägt, und dann ohne weiteres auch auf Antilopen und anderes Wild verwendet werden kann, ist den Kirgisen nicht feil; schon ein Beizvogel, der mäßigen Ansprüchen genügt, hat in seinen Augen den Wert von drei bis vier Stuten. Mit zwei Adlern zugleich kann man nicht jagen, weil die Eifersucht beide so erregt, daß sie sich gegeneinander kehren und auf Leben und Tod bekämpfen.

Viel allgemeiner als der lebende, findet der tote Adler Verwendung. Schon unter unsern Tirolern und den mit ihnen demselben Volksstamm angehörenden Oberbayern gelten einzelne Teile des Adlers als kostbarer Schmuck. Obenan stehen die »Adlerflaumen« oder Unterschwanzdeckfedern, die gerne mit zwei bis fünf Gulden bezahlt werden; nächstdem werden die Krallen geschätzt. Man liebt es, an der meist aus Silber bestehenden Uhrkette die Haken des Edelhirsches, die Fangzähne des Fuchses, die Krallen des Habichtes und Uhus, als höchste Zierde aber die Klauen des Adlers zu tragen. Die Indianer Amerikas nehmen, so erzählt der Prinz von Wied, den großen Adler gern aus dem Horste, um ihn aufzuziehen, und sammeln alsdann seine Schwanzfedern, die bei ihnen einen hohen Wert haben. Die Federn sind bei allen indianischen Völkerschaften von Nordamerika Zeichen ihrer Heldentaten, und bei den meisten derselben steckt man eine solche Feder für die Erlegung eines Feindes auf. Mit Zinnober rotgefärbte Adlerfedern, an deren Spitze die Schwanzklapper einer Klapperschlange befestigt wird, haben eine Bedeutung, die nur in indianischen Augen ehrenvoll ist: sie bezeichnen nämlich die höchst ausgezeichnete und verdienstvolle Tat eines Pferdediebstahls. Die Indianer verzieren ferner ihre großen Federhauben damit, indem die Federn aufrecht in einer langen Reihe auf einem roten Tuchstreifen befestigt werden, an dem oben eine Federmütze angebracht ist. Hat man diese Mütze aufgesetzt, so hängt der rote Tuchstreifen mit den kammartig aufrechtstehenden Adlerfedern bis zur Erde über den Rücken hinab. Auch an ihren Waffen befestigen die Indianer öfters Adlerfedern, oder sie tragen sie in den Haaren, und der Flügel dient ihnen als Fächer.

 

Häufiger als irgendeiner der großen Adler, lebt in Deutschland der Schrei- oder Entenadler ( Aquila naevia). Seine Länge beträgt fünfundsechzig bis siebzig, die Breite einhundertachtundsechzig bis einhundertfünfundachtzig, die Fittichlänge achtundvierzig bis zweiundfünfzig, die Schwanzlänge vierundzwanzig bis sechsundzwanzig Zentimeter. Ein sehr gleichmäßiges, schwach glänzendes Kaffeebraun, das im Frühjahre und Sommer bis zu glanzlosem Erdbraun verblaßt und im Nacken sich ein wenig lichtet, ist die vorherrschende Färbung. Die Iris ist gelb mit einzelnen braunen, die des Weibchens goldgelb mit roten Punkten an der Unterseite des Auges, die Wachshaut gelb, der Schnabel hornblau, an der Spitze schwarz, der Fuß, soweit er unbefiedert, gelb. Junge Vögel sind stets merklich dunkler als alte. So viel gegenwärtig mit Sicherheit bekannt, bewohnt der Schreiadler als Brutvogel außer Norddeutschland nur noch Polen, Westrußland, Ungarn, Galizien, die europäische Türkei und Griechenland, besucht auf dem Zuge einzeln wohl auch Westdeutschland, Frankreich, die Schweiz und Italien, vielleicht Nordostafrika, fliegt ebenso ein wie das andere Mal nach Holland und Großbritannien hinüber oder nach Schweden hinauf, fehlt aber schon in Spanien gänzlich und wird im Osten Europas durch zwei verwandte Arten, Schell- und Steppenadler ( Aquila clanga und nipalensis) vertreten.

Der Schreiadler, auf den ich die nachfolgende Darstellung beschränke, liebt feuchte und bezüglich sumpfige Gegenden, siedelt sich deshalb vorzugsweise in Au- und Laubhölzern an. In der Mark, in Braunschweig, Hannover und Mecklenburg ist er nicht selten, in Pommern gemein, kommt aber keineswegs in allen Waldungen vor, sondern wählt sich seine Aufenthaltsorte, wie es scheinen will, ebensooft nach Laune wie nach Bedürfnis. Doch steht für Deutschland so viel fest, daß er Buchenwaldungen allen übrigen bevorzugt, in reinen Kiefernwäldern dagegen nur äußerst selten sich seßhaft macht. Das Gebiet eines Paares ist verhältnismäßig klein, wird aber um so treuer festgehalten. Ein Schreiadler, der sich einmal bleibend angesiedelt hat, läßt sich so leicht nicht vertreiben, kehrt sogar dann wieder zu seinem Horst zurück, wenn ihm seine Eier oder Brut geraubt wurden, obwohl er es in der Regel vorzieht, einen neuen zu beziehen, meist wenige hundert Schritte von dem Baume, auf dem der erste stand. Er erscheint frühzeitig im Jahre, gewöhnlich im April, auch wohl schon zu Ende März, und verweilt bis Ende September im Lande; seine Zugzeit beginnt jedoch bereits im August und währt bis zur angegebenen Zeit fort. Einzelne hat man freilich auch im Winter angetroffen.

Hinsichtlich seines Wesens steht er weit hinter seinen Verwandten zurück. Er ist der feigste und harmloseste Adler, den ich kenne. Sein Wesen ist sanft, viel mehr bussard- als adlerartig; schon sein Aussehen, sein Blick bekunden dies. Im Sitzen sieht er unedel aus, im Fluge hingegen zeigt er sich als echter Adler. Auch er erhebt sich hoch in die Lüfte und schwebt namentlich bei schönem Wetter in wundervollen Kreisen stundenlang umher. Die Stimme ist ein weit schallendes Geschrei, das man durch die Silben »Jef jef« wiedergegeben hat. Sein Wohlbehagen drückt er durch angenehme Töne aus, welche Naumann mit einem sanften Geklingel vergleicht. Einzelne gefangene schreien viel, ebensoviel wie die frei lebenden; andere schweigen gänzlich.

Seine Nahrung besteht aus kleinen Wirbeltieren. Bei uns zulande bilden Frösche und vielleicht noch andere Lurche, Kriechtiere und kleine Nager seine bevorzugte Beute. Frösche bleiben wohl unter allen Umständen die Hauptnahrung, und daraus erklärt sich sein häufigeres oder spärlicheres Auftreten, beziehentlich gänzliches Fehlen in dieser oder jener Gegend zur Genüge. Eugen von Homeyer hat auch die Reste eines Hechtes in seinem Magen gefunden, woraus wenigstens das eine hervorgeht, daß er Fische frißt, wenn er sich derselben, ob tot oder lebendig lasse ich dahingestellt, bemächtigen kann. Viel häufiger als auf letztere jagt er auf Kriechtiere: Eidechsen, Nattern und vielleicht auch Vipern. Zu einem höhere Tiere gefährdenden Vogel wird er wohl nur gegen das Ende der Brutzeit hin. Denn wenn seine Jungen heranwachsen und viel Nahrung verlangen, raubt er, was er erbeuten kann, und dann fallen ihm nicht allein junge Drosseln und Stare, sondern auch wohl junge Hasen zur Beute. Nach Art des Bussards sieht man ihn auf einzeln stehenden Bäumen, auf Steinen oder Pfählen sitzen und hier auf seine Beute lauern. Hat er etwas erzielt, so schwingt er sich behend zu Boden und sucht das betreffende Tier zu ergreifen, im Notfalle auch durch schnelles Nachhüpfen oder rasches Gehen mit großen Schritten, nach Art einer Krähe, wie meines Wissens sonst kein anderer Edeladler verfährt. Auf das Aas fällt er ohne Umstände, fast wie ein echter Geier.

Unter allen deutschen Adlern ist der Schreiadler derjenige, der am treuesten am Walde hängt und, wie es scheint, nur gezwungen unbewaldete Gegenden besucht. Innerhalb des Waldes bevorzugt er bestimmte Stellen mit Entschiedenheit; zum Stande seines Horstes wählt er namentlich, wie Eugen von Homeyer mir mitzuteilen die Güte hatte, regelmäßig die Nähe einer kleinen Waldblöße, um vom Horste durch Äste und dergleichen möglichst unbehindert abfliegen zu können. Ist der Wald hügelig, so steht der Horst gewöhnlich hier, jedoch immer wieder so, daß der Adler nach dem Abfliegen bald wieder ins Freie kommt. Zur Anlage des Horstes verlangt er alte, starke Bäume. Buchen und Eichen scheinen allen übrigen bevorzugt zu werden; mit einem Nadelbaume nimmt er nur in den seltensten Fällen vorlieb; viel häufiger als auf diesen kann man den Horst auf einer Birke oder Erle finden. Er selbst baut wohl nur im äußersten Notfalle, sucht sich aber einen passenden Bussard- oder Habichthorst aus, wechselt auch gern mit einem zweiten, so daß er in dem einen Jahr auf diesem, in dem andern auf jenem brütend gefunden wird. Vor dem Legen trägt er stets einige Reiser auf, und während des Brütens schmückt er, wie andere Adler auch, den Horst unwandelbar mit grünen Zweigen, sei es in der Absicht, sich oder die Jungen durch diese zu verdecken, sei es, um den Horst besser rein halten zu können. Durch dieses Auftragen wächst ein vom Schreiadler regelmäßig besetzter Horst im Laufe der Jahre zu bedeutender Höhe empor. In den ersten Tagen des Mai, ausnahmsweise vielleicht auch schon Ende April, legt das Weibchen im Laufe von etwa drei oder vier Tagen die beiden Eier, aus denen der Satz zu bestehen pflegt. Ein Ei findet man wohl nur dann im Horste, wenn das Paar vorher gestört worden ist; drei Einer zählen zu den größten Seltenheiten. Ihre Gestalt ändert ab: es gibt eiförmige, rundliche und längliche; auch Färbung und Zeichnung sind verschieden: die blaß bläulichgrauen Flecke, die auf weißem Grunde stehen, sind bald mehr, bald weniger sichtbar oder spielen bei diesen in das Gelbe, bei jenen in das Braunrötliche; einzelne Eier zeigen einen schönen Fleckenkranz um die Mitte usw. Beide Gatten des Paares beteiligen sich am Brüten, sitzen außerordentlich fest auf den Eiern, lieben ihre Brut ungemein und zeigen sich daher angesichts eines Menschen selten scheu, vorausgesetzt, daß ihnen vorher nicht nachgestellt worden ist. Vom Horste verscheucht, kehrt der brütende Schreiadler in der Regel sehr bald wieder zurück. Kommt man zur Brutstelle, so richtet er sich langsam im Horste auf und sieht einen oft geraume Zeit an, bevor er sich zum Fortfliegen entschließt. Zuweilen sitzt er so fest, daß er den Horst erst nach wiederholtem Klopfen verläßt. Tut er dies, so geschieht es stets in absonderlicher Weise. Er wirft sich nämlich anfänglich eigentümlich schwankend von einer Seite zur andern, bis er imstande ist, seine Schwingen zu vollständiger Breite zu entfalten, wird daher auch beim Abfliegen selbst von tüchtigen Schützen oft gefehlt. Nach einigen Kreisen, die er über den Wipfeln der Bäume beschreibt, kehrt er in die Nähe des Horstes zurück, setzt sich zuweilen auf den nächsten Baum und beginnt kläglich zu schreien. Raubt man ihm die Eier, so verläßt er den Horst zwar in der Regel, aber doch nicht in allen Fällen. Den Jungen schleppen beide Eltern so viel Futter zu, als sie vermögen, aber auch jetzt noch bilden Lurche die Hauptnahrung der Eltern und Kinder.

Jung aufgezogene Schreiadler werden ebenso zahm als irgend ein anderer Raubvogel; selbst alt erbeutete gewöhnen sich bald an die Gefangenschaft. Eugen von Homeyer pflegte einen von ihnen fünf Jahre und hatte denselben so gezähmt, daß er ihn aus dem Gebauer befreien und nach Belieben umherfliegen lassen konnte. Wenn ihm Futter gereicht werden sollte, wurde sein Käfig geöffnet und Homeyer zeigte sich auf dem Hofe, trat an ein für den Adler bereitetes Sitzgestell und ließ den Vogel zu sich heranfliegen, damit er sein Futter aus des Pflegers eigener Hand empfange. Einmal hatte der Adler sich bis auf das Scheunendach erhoben und mußte mit Hilfe einer Leiter herabgeholt werden, versuchte aber auch jetzt noch nicht zu entfliehen. Er unterschied seinen Pfleger genau von anderen Leuten, zeigt sich diesen gegenüber mißtrauisch und wich solchen, die er noch nicht gesehen hatte, förmlich aus. Nach fünfjähriger Gefangenschaft hatten sich die Flecke des Jugendkleides noch kaum verändert, Beweis genug, daß auch der Schreiadler mehrere Jahre braucht, bevor er erwachsen und fortpflanzungsfähig ist.

Abgesehen von stärkeren Raubvögeln, die den Horst in Beschlag nehmen, Schmarotzern, die Haut und Eingeweide bewohnen, und Raben und Krähen, die ihn schreiend verfolgen, hat unser Adler keine Feinde unter den Tieren, leider aber noch viele unter den Schießjägern und Eiersammlern, unter letzteren die schlimmsten, weil unbarmherzigsten. Der Nutzen einer wissenschaftlich angelegten reichhaltigen Eiersammlung wird von mir niemals in Abrede gestellt werden, der Schaden aber, den ein rücksichtsloser Eiersammler unter der Vogelwelt einer von ihm heimgesuchten Gegend anrichtet, ist noch bei weitem größer als der Gewinn, den sein Sammeleifer für die Vogelkunde haben kann. Unter der Maske der Wissenschaft durchstreift der Eiersammler gewöhnlichen Schlages die ganze Gegend, und jedes Nest, das er auffindet, verfällt seiner Habgier. Kein Raubtier haust ärger als ein solcher Sammler, dem es nicht um Wissenschaft, sondern um schnöden Geldgewinn, um den Erlös aus den geraubten Eiern zu tun ist. Der Schreiadler nun ist, weil sein Horst leicht aufgefunden werden kann, solchen Raubgesellen aufs ärgste ausgesetzt und durch sie buchstäblich schon aus vielen Waldungen vertrieben worden, zum Kummer aller, denen der große, harmlose und fast unschädliche Raubvogel Freude und Genuß bereitete. Der Schreiadler bringt weit mehr Nutzen als Schaden. Es mag sein, daß er ab und zu auch einen älteren Hasen oder ein Rebhuhn wegnimmt; diesen geringen Schaden vergütet er aber durch seine Mäuse- und Schlangenjagd mehr als reichlich.

siehe Bildunterschrift

Zwergadler (Aquila pennata)

Der Zwerg- oder Stiefeladler ( Aquila pennata) ist vielleicht das anmutigste Glied der ganzen Gruppe. Die Länge des Männchens beträgt siebenundvierzig, die Breite einhundertunddreizehn, die Fittichlänge sechsunddreißig, die Schwanzlänge neunzehn Zentimeter. Das Weibchen ist um vier Zentimeter länger und um acht Zentimeter breiter als das Männchen. In der Färbung, die sehr variiert, herrscht ein dunkles Braun vor. Der Zwergadler verbreitet sich über einen großen Teil Südwest- wie Südosteuropas und Asiens. Bei uns erscheint er nur gelegentlich, in Niederösterreich ist er schon häufiger. Mit Ausnahme Indiens und, wie es scheint, auch Algeriens, ist er überall Sommervogel, der in den ersten bis letzten Tagen des April am Horste erscheint und Ende September das Land wieder verläßt. Gelegentlich dieser Reise durchstreift er buchstäblich ganz Afrika, bis endlich das Meer seinem Wanderdrange Halt gebietet. Nach Art anderer Wandervögel schart er sich auf den eigentlichen Heerstraßen, beispielsweise längs des Bosporus und im Niltale, zu förmlichen Flügen, wogegen er, in der Winterherberge angelangt, wiederum einigermaßen sich vereinzelt. So wenigstens habe ich in Ägypten und im Innern Afrikas beobachtet.

Der Zwergadler ist ein echter Edeladler in Geist und Wesen. Er unterscheidet sich von seinen größeren Verwandten nach meinem Dafürhalten nur durch zwei Eigentümlichkeiten: durch größere Gewandtheit und geringere Vorsicht. Sein Flug ist schnell, kräftig und leicht, auf lange Zeit hin schwebend, beim Angriffe auf die Beute pfeilschnell. Zu eigener Belustigung kreist der Zwergadler in höchst anmutiger Weise lange Zeit über ein und derselben Stelle umher, liebt es auch, in bedeutende Höhen emporzusteigen; bei seiner Jagd hingegen schwebt er ziemlich niedrig über dem Boden dahin, nach Lázárs Beobachtungen rüttelt er nicht selten nach Art des Turmfalken. Zum Aufbäumen wählt er seltener die höchsten Spitzen der Bäume, vielmehr niedere Äste derselben. Hier sitzt er aufrecht, oft lange Zeit, ohne ein Glied zu bewegen, achtet jedoch auf alles, was um ihn vorgeht, und am allermeisten auf ein sich ihm etwa bietendes Wild. Männchen und Weibchen halten sich stets zusammen, auch auf dem Zuge. Niemals habe ich in Afrika einen einzelnen Zwergadler gesehen; immer waren es Paare oder Gesellschaften, die sich zusammenhielten. Dieser treuen Anhänglichkeit der Gatten entspricht das Betragen am Horste in allen Stücken.

Die Stimme ist verschieden, Wodzicki gibt sie durch die Silben »Koch koch kei kei«, Lázár durch »Wüd wüd« wieder und vergleicht diese Laute mit einem helltönenden Pfeifen.

Der Zwergadler ist ein sehr tüchtiger Räuber; denn kleine Vögel bilden das bevorzugte Wild, dem er nachstellt. Lázár gibt als Nahrung Ammer, Lerchen, Pieper, Finken, Wachteln und Rebhühner, Wodzicki außerdem noch Stare und Meisen an; ich habe Turteltauben in seinem Kropfe gefunden. Neben seinem Lieblingswilde jagt der Zwergadler auch auf kleine Säugetiere, namentlich Mäuse, mit denen Goebel die Kröpfe der von ihm untersuchten angefüllt fand, und ebenso verschmäht er Kriechtiere nicht; in Spanien bildet nach den Beobachtungen meines Bruders die Perleidechse geradezu einen wesentlichen Bestandteil seiner Mahlzeiten. Wahrscheinlich steht er dem Habicht nicht im geringsten nach und fängt im Fluge und im Sitzen mit gleicher Geschicklichkeit. »Auf einem Moraste«, erzählt Wodzicki, »beschäftigten sich große Scharen von Staren mit Aufsuchung ihrer Nahrung und lockten, wie es schien, einen Zwergadler aus dem benachbarten Walde herbei. Er kreiste in schönen Schwenkungen über den Staren, die alle Augenblicke einmal aufflogen und sich wieder setzten. Dieses Spiel war dem Zwergadler zu langweilig, er wollte sie also zum Aufstehen bringen, um schneller sein Frühstück zu bekommen. Mit Blitzesschnelligkeit flog er in gerader Linie auf die Stare zur Erde herab. Die Schar erschrak und wollte in den Bäumen, unter denen ich ruhte, Zuflucht suchen. Trotz der geringen Entfernung, und obwohl die Vögel den Weiden zuflogen, wurde es dem Adler möglich, einen von ihnen zu fangen. Als er herabstieß, verursachte sein unbegreiflich schneller Flug lautes Brausen. Nach glücklichem Fange flog der Räuber auf eine nahestehende Bude, setzte sich hier auf das Dach, ohne auf die Jäger und Hunde zu achten, besah die Umgegend mit großer Vorsicht längere Zeit und fing dann an, den Star zu rupfen. Diese Zubereitung der Mahlzeit dauerte über eine Viertelstunde, und als ich dann den Adler schoß, war der Star so schön gerupft, als wenn er vom besten Koch zubereitet gewesen wäre.« Am liebsten jagt der Zwergadler im Walde.

Über die Fortpflanzungen liegen gegenwärtig verschiedene, unter sich im wesentlichen übereinstimmende Beobachtungen vor; insbesondere haben Holtz und Goebel in dieser Beziehung unsere Kunde wesentlich erweitert. Am liebsten horstet der Zwergadler in Laubwäldern, wenn es möglich, in der Nähe größerer Flüsse, ohne jedoch Nadelwaldungen gänzlich zu verschmähen. Wie der Schreiadler benutzt er alle passenden Horste seines Gebietes, nach den Beobachtungen von Holtz solche des Seeadlers, des Bussards, Milans und Kolkraben, nach Goebels Erfahrungen unter Umständen sogar den Horst eines Reihers, und begnügt sich damit, höchstens ein wenig nachzubessern. Die untersuchten Horste waren regelmäßig mit grünen Blättern ausgeputzt. Im Anfang des Mai pflegt das aus zwei Eiern bestehende Gelege vollständig zu sein. Die Eier haben einen Längsdurchmesser von durchschnittlich sechsundfünfzig, höchstens neunundfünfzig, mindestens zweiundfünfzig, und einen Querdurchmesser von durchschnittlich fünfundvierzig, höchstens siebenundvierzig, mindestens dreiundvierzig Millimeter; ihre Gestalt schwankt von der reinen Ei- bis zur spitzbirnenförmigen und sehr rundlichen Form; die Schale ist bald stärker, bald schwächer, das Korn gröber oder feiner, die Zeichnung ebenfalls verschieden. Gewöhnlich sind sie auf gelblichem oder weißgrünlichem Grunde mit kleinen rostgelben oder rostroten Punkten und Flecken unregelmäßig gezeichnet. Alle Beobachter, die den Zwergadler während seines Brutgeschäftes kennen lernten, sind seines Lobes voll. Das Paar ist außerordentlich zärtlich: Wodzicki sah eines auf dem Horste stehen und sich nach Taubenart schnäbeln. Während das Weibchen brütet, sitzt das Männchen stundenlang auf demselben Baume, ja, es löst die Gattin auch einigemal des Tages, das heißt nicht bloß in den Mittagstunden, im Brüten ab. Nach Wodzicki ist es bezeichnend für den Zwergadler, wie er seinen Horst besteigt. Er setzt sich weit von demselben auf den Ast, bückt den Kopf hernieder, bläst den Kropf auf und schreitet langsam wie eine Taube gegen den Horst zu, bis er endlich auf dessen Rand kommt. Dabei läßt er ein wohltönendes, flötenartiges »Kei kei kei« hören. Angesichts des den Horst bedrohenden Menschen benimmt er sich verschieden. In der Regel sitzt er sehr fest und läßt sich erst durch längeres Klopfen aufscheuchen, kommt auch, wenn er endlich abgeflogen war, während der Wegnahme der Eier öfters besorgt heran, setzt sich hin und wieder in die Wipfel benachbarter Bäume und vergißt dann oft seine Sicherheit; manchmal bricht er auch in klägliches Geschrei aus, niemals aber wagt er, so viel bis jetzt beobachtet worden, einen Angriff auf den Menschen. Anders beträgt er sich, sobald ein fremdartiger Raubvogel in Sicht kommt, gleichviel, ob es sich um einen Adler oder um einen Falken handelt. Seinen Verwandten gegenüber ist er immer kühn; während der Brutzeit aber greift er mit bewunderungswürdigem Mute und ersichtlichem Ingrimm alle größeren Raubvögel an, die in der Nähe seines Horstes vorüberfliegen. Ebenso wie beide Zwergadler sich in das Brutgeschäft teilen, tragen sie auch den Jungen gemeinschaftlich Nahrung zu. Letztere entschlüpfen nach etwa vierwöchentlicher Brutzeit, gewöhnlich in der zweiten Hälfte des Juni, dem Ei und zwar in einem aus langem, seidenweichen Flaume von lichter, auf dem Kopfe gelblicher Färbung bestehenden Kleide, erhalten aber bald das beschriebene Nestgefieder. Doch geht auch ihre Entwickelung verhältnismäßig langsam vor sich, so daß sie kaum vor Ende August den Horst verlassen können.

Gegen den Uhu zeigt der Zwergadler tätlichen Haß. »Ich wollte«, schreibt mir Lázár, »Schreiadler schießen, stellte meinen Uhu deshalb auf einer abgemähten Wiese auf und zog mich wartend hinter einen Heuhaufen zurück. Da sah ich einen kleinen, braunen Raubvogel heranziehen mit solcher Eile, daß ich kaum Zeit hatte, mein Gewehr zu ergreifen. Der Zwergadler, als den ich den Raubvogel bald erkannte, stieß mit voller Gewalt auf den Uhu. Das Gewehr knallte, aber mein Vogel flog unbeschädigt davon. Doch entfernte er sich nicht, sondern erhob sich nur in eine Höhe von etwa anderthalbhundert Meter und kreiste hier wohl über eine halbe Stunde über dem Uhu. Endlich stieß er abermals herunter und kam in vollkommen gerechte Schußnähe; mich aber hatte das Jagdfieber ergriffen; ich feuerte und – schoß zum zweiten Male vorbei. Als sich jetzt der Adler entfernte, hatte ich alle Hoffnung verloren; allein nach zehn Minuten kam er nochmals zurück, kreiste wiederum und stieß zum dritten Male nieder. Jetzt streckte ich ihn zu Boden.«

Jung dem Neste entnommene Zwergadler werden bei geeigneter Pflege ebenso zahm wie andere Adler auch.

In Spanien wird der Zwergadler zuweilen in eigentümlicher Weise abgerichtet. Ein geistreicher Kopf ist auf den Gedanken verfallen, die Vögel als Glücksbringer zu benutzen. Zu diesem Zwecke stellt er sich mit einem durch Raubvögel herausgeputzten Kasten auf einem belebten Platze auf und ladet die Vorübergehenden ein, sich durch die Vögel Glücksnummern zum Lottospiel offenbaren zu lassen. Die Raubvögel, unter ihnen auch unsere Zwergadler, sind abgerichtet, aus einem Haufen Nummern, die der betreffende Glücksritter ihnen vorhält, einzelne mit dem Schnabel herauszulesen und diese somit zu wählen. Man scheint der Ansicht zu sein, daß durch solches Verfahren das Glück im eigentlichen Sinne des Wortes vom Himmel herniedergebracht werde.

*

Schlanker Leib, verhältnismäßig kurze Flügel, deren Spitzen das Ende des sehr langen Schwanzes nicht erreichen, lange, bis zu den Zehen befiederte Füße, hohe Fußwurzeln und große, kräftige Fänge mit langen, flach gebogenen Nägeln, sowie endlich der langgestreckte, aber doch starke Schnabel kennzeichnen die Sippe der Habichtsadler ( Nisaëtus), die im Süden Europas durch ein gleichnamiges Mitglied vertreten wird ( Nisaëtus fasciatus). Seine Länge beträgt siebzig, die Breite einhundertfünfundvierzig, die Fittichlänge fünfundvierzig, die Schwanzlänge sechsundzwanzig Zentimeter. Das Weibchen ist um acht Zentimeter länger und um reichlich zehn Zentimeter breiter. Im ausgefärbten Kleide sind Stirn und ein Streifen über dem Auge weiß, Scheitel und Nacken auf braunem Grunde dunkler gestreift, Unterhals und Oberrücken weiß, mit schwarzbraunen Flecken an den Federkanten, die Mantelfedern einfarbig dunkelbraun, die des Unterrückens schwarzbraun, die Oberschwanzdecken weißlich und braun gemarmelt, Kehle, Brust und Bauchmitte auf weißem Grunde durch schwarze Schaftflecke, die Hosen aber durch breite, dunkle, zackige Bandflecke gezeichnet, die inneren Schenkel wie die Laufbefiederung rostbräunlich und grau gewellt, mit schwarzen Längsflecken, die Schwingen schwarzbraun, leicht purpurn scheinend, die Steuerfedern auf der Oberseite graubraun, auf der Unterseite weißgelblich überlaufen und braungrau getüpfelt. Das Auge ist erzgelb, der Schnabel hornblau, die Wachshaut schmutzig-, der Fuß graugelb.

Der Habichtsadler, der ebenfalls schon in Deutschland erlegt worden ist, bewohnt ziemlich häufig Südfrankreich, Spanien, Portugal, Süditalien, Griechenland und die Türkei, Nordwestafrika, ebenso wahrscheinlich Turkestan und ganz Indien, vom Himalaja an bis zum äußersten Süden. In Griechenland und Süditalien ist er nicht selten, in Spanien, und Algier der häufigste Adler. Waldlose Gebirge mit steilen Felsenwänden bilden hier seine Wohnsitze; in Indien haust er vorzugsweise in hügeligen, mit Dschungeln bewachsenen Gegenden. Er wandert nicht, streicht aber während der Brutzeit im Lande umher und vereinigt sich dabei oft in Gesellschaften von ziemlich bedeutender Anzahl; mein Bruder sah einmal ihrer zwanzig über dem königlichen Lustgarten Pardo bei Madrid dahinziehen. Am Horstplatze duldet auch dieses Adlerpaar selbstverständlich kein anderes oder überhaupt keine anderen Raubvögel.

Der Habichtsadler ist ein außerordentlich gewandter, mutiger, kühner, ja ein dreister, frecher Vogel, der geistig dem Habicht vollkommen ähnelt, ihn aber durch leibliche Begabungen vielfach übertrifft. Sein Flug ähnelt mehr dem eines Edelfalken als dem eines Adlers, und die schlanke Gestalt des Vogels trägt noch wesentlich dazu bei, eine derartige Meinung aufkommen zu lassen.

Er kreist zwar auch nach Adlerart, fliegt aber mit viel rascherem Flügelschlag und deshalb auch weit schneller als alle übrigen mir bekannten Mitglieder seiner Familie. Im Stoßen saust er wie ein Pfeil vom Bogen durch die Luft. Nur im Sitzen trägt er sich weniger edel als andere Adler, nämlich mehr wagerecht, vorn niedergebeugt; doch nimmt auch er oft eine sehr aufrechte Stellung an. Sein Blick ist nicht bloß lebhaft, sondern brennend. Wut und Wildheit leuchten aus seinem Auge heraus, und sein Gebahren widerspricht diesem Ausdrucke nicht. Er vereinigt die Schnelligkeit des Falken mit der Gewandtheit des Sperbers, den Mut des Adlers mit der Mordsucht des Habichts, fürchtet sich vor keinem anderen Vogel und greift jeden an, der in seine Nähe kommt, sei es, um ihn zu vertreiben, oder sei es, um sich seiner zu bemächtigen.

Seine Jagd gilt, wie ich glaube, ebenso vielen Tieren wie die Jagd des Steinadlers. In Spanien ist er der gefürchtetste Feind der Haushühner, erhebt sie unmittelbar vor den Augen des Menschen, und verfolgt sie mit einer Hartnäckigkeit, daß er den Hühnerbestand mancher einsam gelegenen Bauernhöfe buchstäblich vernichtet. Den Tauben stellt er nicht minder eifrig nach. Säugetiere bis zur Größe eines Hasen werden von ihm ohne Unterlaß bedroht. Alle Tiere, denen der Habichtsadler nachstellt, kennen seine Furchtbarkeit wohl und suchen dem Räuber deshalb so schleunig als möglich zu entgehen. »Wenn ich«, erzählt Powys, »gut im Riede verborgen an den Seen Albaniens auf Enten und Wasserhühner lauerte, habe ich oft bemerkt, welchen Eindruck das Erscheinen eines Habichtsadlers hervorbrachte. Alle Wasservögel bekümmerten sich kaum um die Rohrweihen, die über ihnen dahinschwebten, und erhoben kaum ihr Haupt, wenn sich ein Schreiadler zeigte; sobald aber ein Habichtsadler sichtbar wurde, rannten die Wasserhühner in der bekannten Weise dem Riede zu; die Enten drückten sich mit wagerecht niedergebeugtem Halse platt auf das Wasser, und Warnungs- und Angstrufe wurden laut von allen Seiten, bis der Tyrann vorüber war. Ich habe zweimal gesehen, daß diese Raubvögel sich auf Vögel stürzten, die ich verwundet hatte, bin aber niemals imstande gewesen, einen Schuß auf sie anzubringen.«

Der Horst steht, wie es scheint, stets in Höhlungen steiler Felsenwände, an möglichst gesicherten Stellen. Krüper untersuchte einen, der in der Felsenhöhle eines griechischen Gebirges stand und zwei Eier enthielt. Das Bauwerk war aus kleinen Zweigen des wilden Ölbaumes, aus einigen Blättern der Stecheiche zusammengetragen und die Nestmulde mit den Daunen des Vogels belegt. Die beiden Eier waren in Färbung und Korn verschieden, denn das eine war fleckenlos und schmutzigweiß, das andere reinweiß mit kleinen deutlichen Flecken. Als auffallend hebt Krüper hervor, daß der betreffende Horst den Strahlen der Mittagssonne ausgesetzt und die Höhle deshalb ungemein erwärmt war. Mit dem Bau des Horstes geben sich die Habichtsadler wenig Mühe, versäumen aber nie, den oberen Teil wiederholt mit frischen, grünen Olivenzweigen zu belegen. Mit der Ausbesserung beschäftigen sie sich in der Regel schon von Weihnachten an, obgleich das Weibchen erst frühestens Anfang Februar zu legen beginnt. Die Jungen entschlüpfen nach vierzehntägiger Bebrütung. Beide Gatten des Paares brüten abwechselnd, sitzen auch oft gleichzeitig auf dem Horste. Die Eier drehen sie mit dem Schnabel um, und daher rühren eingekratzte Striche, die man an länger bebrüteten Eiern sehen kann. Diese sind wundervoll mit roten Strichen und Punkten gezeichnet.

Während meines Aufenthalts in Spanien erhielten wir zweimal lebende Habichtsadler. Der eine, ein alter Vogel, war auf einem mit Leimruten zum Sperlingsfange hergerichteten Baume gefangen worden, nachdem er sich sein ganzes Gefieder mit dem Leime zusammengekleistert hatte; sein Fänger hatte ihn jedoch so mißhandelt, daß er nach wenigen Stunden, die er in unserer Pflege verlebt hatte, seinen Geist aufgab. Der andere, ein junger Vogel, den der Fänger, wie er sagte, ausgehoben hatte, war bereits vollständig befiedert und schien schon alle Eigenschaften alter Vögel zu besitzen. Wir brachten ihn in einen Käfig, der bisher einen Steinadler, einen schmutzigen Aasgeier, einen Bartgeieradler und eine Dohle beherbergt hatte. Unter dieser eigentümlichen Genossenschaft hatte bisher die größte Einigkeit geherrscht, sie wurde aber durch den Habichtsadler augenblicklich gestört. Dieser gebärdete sich wie rasend, tobte im Käfig umher, versuchte mit allen Genossen anzubinden, warf sich, wenn diese ihm auf den Leib rückten, auf den Rücken und hieb mit den Klauen nach jedem seiner Kameraden. Die kecke, muntere Dohle wurde das erste Opfer des Wüterichs: eine Stunde nach seiner Ankunft hatte er sie bereits im Magen. Gegen uns benahm er sich ebenso ungestüm wie gegen seine Gefährten und griff uns ebenfalls ohne Besinnen an. Auch sein Betragen im Käfig erinnerte an das des Habichts.

Jerdon meint, daß dieser Adler wahrscheinlich leicht zur Jagd von Antilopen, Hasen, Trappen und ähnlichem großen Wild abgerichtet werden könnte, und hat wahrscheinlich recht; denn derselbe gefangene, von dem ich oben sprach, zeigte sich später im Frankfurter Tiergarten als liebenswürdiges und zutrauliches Geschöpf.

*

Der gewaltigste aller Adler, der im Süden Amerikas lebt, ist der Harpyie ( Harpyia destructor), Vertreter einer eigenen Sippe ( Harpyia). Er ist der Habichtsadler in seiner Vollendung. Der Leib ist sehr kräftig, der Kopf groß, die Bewaffnung auffallend stark, der Schnabel ungemein hoch und kräftig, mit stark gerundeter Kuppe und geschärftem Rande, der unter dem Nasenloch eine Ausbiegung und davor einen stumpfen Zahn bildet, der Fuß stärker als bei jedem andern Raubvogel, der Fang sehr lang und jede der langen Zehen noch mit einer außerordentlich großen, dicken und stark gebogenen Kralle bewehrt, der Lauf hinten bis zur Ferse nackt, vorn bis zur Mitte herab befiedert, an den nackten Stellen mit großen Tafelschuppen bekleidet, der Flügel, der, zusammengelegt, noch nicht bis zur Mitte des Schwanzes reicht, kurz, der Fittich, in dem die fünfte Schwinge alle andern überragt, wie der Schwanz zugerundet, das Gefieder reich und weich, fast wie bei den Eulen, im Nacken zu einer langen und breiten, aufrichtbaren Holle verlängert. Kopf und Hals sind grau, die verlängerten Nackenfedern, der ganze Rücken, die Flügel, der Schwanz, die Oberbrust und die Rumpfseiten schieferschwarz, die Steuerfedern dreimal weißlich gebändert, Unterbrust und Steiß weiß, die übrigen Unterteile auf weißem Grunde schwarz getüpfelt, die Schenkel auf gleichfarbigem Grunde schwarz gewellt. Der Schnabel und die Krallen sind schwarz, die Beine gelb; das Auge ist rotgelb. In der Jugend ist die allgemeine Färbung trüber; die Rückenfedern sind grau gebändert, die Brust- und Bauchfedern schwarz gefleckt. Je reiner die Farben, um so älter sind die Vögel. Nach Tschudi beträgt die Länge der Harpyie einen Meter, die Fittichlänge fünfundfünfzig, die Schwanzlänge vierunddreißig Zentimeter. Die Mittelzehe ist acht, die Hinterzehe vier Zentimeter lang; diese aber trägt noch eine Kralle, die der Krümmung nach acht, und jene eine solche, die in gleicher Weise gemessen, vier Zentimeter ergibt. Von Mexiko an bis zur Mitte Brasiliens und vom Atlantischen bis zum Stillen Weltmeere scheint die Harpyie in keinem größeren Walde Südamerikas zu fehlen. Im Gebirge bewohnt sie jedoch nur die tieferen, heißeren Täler; in die Höhe hinauf versteigt sie sich nicht. Sie ist, wo sie vorkommt, ein wohlbekannter, seit altersgrauer Zeit in hoher Achtung stehender Raubvogel, über dessen Leben und Treiben von jeher allerlei Fabeln in Umlauf gesetzt worden sind.

siehe Bildunterschrift

Harpyie (Harpyia destructor)

Die Harpyie bewohnt die feuchten, wasserreichen Waldungen Südamerikas und hier vorzugsweise die Flußufer, die, wie überall, das Leben vereinigen. D'Orbigny versichert, im Innern der Wälder, das heißt fernab von den Flüssen, niemals eine Harpyie gesehen zu haben. Sie kommt überall vor, ist jedoch nirgends häufig, wahrscheinlich nur deshalb, weil ihre Federn seit uralter Zeit einen überaus geschätzten Schmuck der Indianer bilden und sie deswegen hart verfolgt wird. Außer der Paarungszeit beobachtet man sie stets einzeln, gleichsam als fürchte sie, selbst durch den Gatten in ihrem Gewerbe beeinträchtigt zu werden. Nach Art des Habichts sieht man sie selten auf hohen Bäumen, vielmehr regelmäßig auf den untern Ästen sitzen. Von hier aus erhebt sie sich mit kurzem, stoßweisem, aber pfeilschnellem Fluge zunächst senkrecht in die Höhe, kreist wenige Minuten und stürzt sich, wenn sie so glücklich war, Beute zu erspähen, mit Gewalt auf diese herab. Sie soll durchaus nicht scheu sein und den Menschen sehr nahe an sich herankommen lassen; doch gilt dies wahrscheinlich nur für diejenigen Waldungen, in denen sie wenig Gelegenheit hat, die Bekanntschaft ihres furchtbarsten, wenn nicht alleinigen Feindes zu machen.

Soviel aus den verschiedenen Angaben hervorgeht, verschmäht die Harpyie kein höheres Wirbeltier, vorausgesetzt, daß dasselbe durch seine Größe oder Wehrhaftigkeit nicht vor ihr geschützt ist. Einige Beobachter sind geneigt zu glauben, daß sie nur Säugetiere und zwar vorzugsweise Affen und Faultiere angreift; Tschudi aber beobachtete, daß sie auch Vögeln eifrig nachjagt. »Kein Raubvogel«, sagt er, »wird von den Indianern so sehr gefürchtet wie die Harpyie. Ihre Größe, ihr Mut und ihre Verwegenheit machen sie in der Tat zu einem der gefährlichsten Feinde der Pflanzungen Perus, und sie wird deshalb, wo sie sich nur blicken läßt, mit der größten Wut verfolgt. In vielen Waldgegenden ist es den Indianern ganz unmöglich, Federvieh oder kleine Hunde zu halten, da dieser unersättliche Raubvogel dieselben mit bewunderungswürdiger Kühnheit entführt. Wir haben gesehen, daß eine Harpyie neben einem Indianer, der kaum drei Schritte von seinen Hennen entfernt stand, auf eine derselben herunterstürzte und sie mit sich forttrug. In den Wäldern findet sie reichliche Nahrung an den zahlreichen Penelope- und Steißhühnern, richtet aber auch unter den Eichhörnchen, Beutelratten und Affen bedeutende Verwüstungen an.«

Der Horst steht, nach Schomburgk, auf den höchsten Bäumen, hat die Größe eines Riesenstorchnestes, und wird, nach Aussage der Indianer, jahrelang benutzt. Eine verläßliche Beschreibung der Eier kenne ich nicht.

D'Orbigny erzählt, daß die Harpyie von den Indianern sehr häufig aus dem Neste genommen, aufgezogen und gefangen gehalten werde, einzig und allein, um die geschätzten Federn auf leichtere Weise zu gewinnen, als dies durch Erlegung des alten Vogels möglich. Derjenige Indianer, der eine lebende Harpyie besitzt, ist ein angesehener Mann in den Augen der andern und deshalb sehr glücklich. Den Frauen fällt die Last zu, die Vögel zu füttern und bei den Wanderungen durch die Wälder zu tragen. Sobald die gefangenen Harpyien ausgefärbt sind, beginnt ihre Qual; denn der Eigentümer reißt zweimal im Jahre jeder die Federn des Schwanzes und der Flügel aus, um seine Pfeile damit zu verzieren oder sich einen Kopfputz zu bereiten. Die Federn sind einer der wichtigsten Tauschgegenstände der Indianer, und gewisse Stämme, die als geschickte Jäger der Harpyie bekannt sind, gewinnen damit alles, auf was ein Indianer überhaupt Wert legt. In Peru wird dem glücklichen Jäger noch eine besondere Belohnung zuteil. »Gelingt es einem Indianer«, sagt Tschudi, »eine Harpyie zu erlegen, so geht er mit derselben von Hütte zu Hütte und sammelt seinen Zoll an Eiern, Hühnern, Mais und dergleichen Dingen ein.« Bei den Wilden und Europäern am Amazonenstrom gelten nach Pourlamaque Fleisch, Fett und Kot des Vogels als geschätztes Heilmittel. Gefangene Harpyien sind schon wiederholt nach Europa, namentlich London, Amsterdam und Berlin gekommen. Sie sind, wie ich aus eigner Anschauung versichern darf, wirklich stolze, majestätische Vögel.

siehe Bildunterschrift

Weißkopfseeadler (Haliaëtus Ieucocephalus)

Eine weit verbreitete, scharf abgeschlossene Gruppe der Unterfamilie umfaßt die Seeadler (Haliaëtus). Die hierher zu zählenden Adler sind große, meist sogar sehr große Raubvögel mit sehr starkem und langem, auf und vor der Wachshaut wenig aufgeschwungenem, vor ihr nach der scharf gekrümmten Spitze abwärts gebogenem Schnabel und kräftigen, nur zur Hälfte befiederten Fußwurzeln, gewaltigen Fängen, getrennten Zehen, langen, spitzigen und sehr gekrümmten Nägeln, großen Schwebeflügeln, in denen die dritte Schwungfeder die andern überragt, und die, zusammengelegt, beinahe das Ende des gewöhnlich mittellangen, breiten, mehr oder weniger abgerundeten Schwanzes erreichen sowie endlich ziemlich reichem Gefieder. Die Federn des Kopfes und Nackens sind nicht sehr verlängert, aber scharf zugespitzt. Ein mehr oder minder dunkles, lebhaftes oder düsteres Grau bildet die Grundfärbung; der Schwanz ist gewöhnlich, der Kopf oft weiß.

siehe Bildunterschrift

Seeadler (HaIiaëtus albicilla)

An allen Seeküsten Europas lebt häufig der See- oder Meeradler ( Haliaëtus albicilla), ein gewaltiger, je nach der Gegend in der Größe, weniger in der Färbung erheblich abändernder Adler von fünfundachtzig bis fünfundneunzig Zentimeter Länge, fast zwei und einem halben Meter Breite, fünfundsechzig bis siebzig Zentimeter Fittich- und dreißig bis zweiunddreißig Zentimeter Schwanzlänge. Der ausgefärbte Vogel ist auf Kopf, Nacken, Kehle und Oberhals licht fahlgraugelb, durch die düster braune Färbung der Federwurzeln und die dunklen Schaftstriche undeutlich in die Länge gezeichnet; Oberrücken und Mantel sind düster erdbraun, Unterrücken und Unterseite einfarbig düster erdbraun, nach dem Schwanze zu etwas dunkler, die Schwingen schwarzbraun, die Federn des etwas abgerundeten Schwanzes endlich rein weiß. Augenring, Schnabel, Wachshaut und Füße sind erbsengelb. Ihr Augenstern ist braungelb, der Schnabel hornbläulich, der Fuß grünlichgelb.

Das Verbreitungsgebiet des Seeadlers fällt mit dem des Steinadlers fast zusammen. Der mächtige Vogel bewohnt ganz Europa, als Brutvogel erwiesenermaßen Deutschland, insbesondere Ost- und Westpreußen, Pommern, vielleicht auch einzelne Teile der Mark sowie Mecklenburg, außerdem Schottland, Skandinavien, Nord- und Südrußland, Ungarn, Siebenbürgen, die Donautiefländer, die Türkei und Griechenland, Italien, Kleinasien, Palästina und Ägypten, nach Osten hin endlich ganz Nord- und Mittelsibirien.

 

Der nordamerikanische Weißkopfseeadler ( Haliaëtus leucocephalus) vertritt unsere europäische Art im Westen, hat sich wiederholt nach Europa verflogen und soll sogar im Innern Deutschlands, in Thüringen, erlegt worden sein. Er ist etwas kleiner als der Seeadler. Bei dem alten Vogel ist das Rumpfgefieder sehr gleichmäßig dunkelbraun, jede einzelne Feder lichter gerandet; Kopf, Oberhals und Schwanz aber sind blendend weiß, die Schwingen schwarz, Auge, Wachshaut, Schnabel und Füße etwas lichter gefärbt als bei dem europäischen Verwandten.

 

Hinsichtlich ihrer Lebensweise und ihres Betragens ähneln sich alle mir bekannten großen Seeadler. Sie sind träge, aber kräftige, ausdauernde und beharrliche Raubvögel, dabei Räuber der gefährlichsten Art. Alle Seeadler verdienen ihren Namen. Sie sind vorzugsweise Küstenvögel, verlassen wenigstens bloß ausnahmsweise die Nähe des Wassers. Im Innern des Landes kommen alte Seeadler fast nur an großen Strömen oder großen Seen vor; die jüngeren hingegen werden oft fern vom Meere gesehen: sie wandern in der Zeit, die zwischen ihrem Ausfliegen und der Paarung liegt, das heißt mehrere Jahre, ziel- und regellos durch die weite Welt, und gelegentlich solcher Reisen erscheinen sie auch tief im Binnenlande, großen Strömen oder wenigstens Flüssen folgend. Solche Reisen geschehen größtenteils unbeachtet, weil die wandernden Seeadler gewöhnlich in sehr hoher Luft dahinziehen und sich nur da, wo Waldungen ihre Heerstraßen begrenzen, in die Tiefe hinabsenken mögen. Namentlich im Spätherbste und Frühjahre müssen viele durch Deutschland wandern, weil sich sonst ihr massenhaftes Auftreten an Beute versprechenden Plätzen nicht erklären ließe. Von unsern deutschen Küsten werden die Seeadler allerdings nicht in jedem Winter vertrieben; diejenigen aber, die östlich vom Warangerfjord am Eismeere, in Lappland oder Nordrußland horsten, müssen notgedrungen auswandern, wenn ihr Jagdgebiet sich mit Eis oder ungewöhnlich hoch mit Schnee bedeckt, und sie sind es auch dann, die einesteils längs der offenen Küsten, andernteils mitten durch das Land längs der Flüsse nach Süden hin fliegen und sich in Südeuropa oder Nordafrika während des Winters denjenigen gesellen, die hier wie da jahraus, jahrein an den Küsten leben. Aufmerksame Beobachtung ergibt wenigstens für Griechenland und Nordägypten, daß während des Winters die Seeadler weit häufiger sind als im Sommer. Alte Seeadler entschließen sich ungleich seltener als junge zum Wandern, einmal, weil sie ihren Stand ungern verlassen, und ebenso, weil sie sich in ihrem Räubergewerbe besser ausgebildet haben als jene. Sie wandern selbst nicht immer in Rußland oder andern nordischen Binnenländern aus, sondern nähern sich im Winter einfach den Ortschaften, lungern und hungern in deren Nähe, bis ihnen Beute wird, sei es das Aas eines Haustieres oder ein Hund oder eine Katze, ein Ferkel, ein Böcklein oder Zicklein, Huhn oder Truthuhn, eine Gans oder Ente. Bei uns zulande verweilen sie, wenn sie die Küstenwälder wirklich verlassen, an großen Landseen und beschäftigen sich fleißig mit Fisch- und Wassergeflügeljagd, bis die Seen zufrieren, kehren hierauf vielleicht nochmals an die See zurück und treten erst dann eine weitere Reise an, wenn keines ihrer gewohnten Jagdgebiete mehr Beute gewähren will. Wie übrigens ein Seeadler auch wandern möge: eine Wasserstraße verläßt er wohl nur im ärgsten Notfalle. Soviel mir bekannt, wird der alte wie der junge Vogel bloß ausnahmsweise einmal auch in wasserärmeren Gegenden, namentlich in Gebirgen, erlegt, obgleich es keinem Zweifel unterliegen kann, daß er solche überfliegt. Noch viel seltener dürfte es vorkommen, daß im Binnenlande, fern von Gewässern, ein Seeadlerpaar wohnen bleibt, das heißt seinen Horst auf einem der höchsten Bäume des Waldes gründet. Er meidet die Steppe nicht, entschließt sich im südlichen Rußland sogar, in ihr zu horsten, siedelt sich aber nur in der Nähe eines Stromes an.

Außer der Brutzeit lebt der Seeadler ziemlich gesellig, mehr nach Geier- als nach Adlerart. Ein günstig gelegener Wald oder Felsen wird zum Vereinigungs- oder Schlafplatze. Im Hochsommer übernachtet er gern auf kleinen Inseln, namentlich auf den Schären, im Küsten- oder Binnenwalde auch auf hohen Bäumen und dann regelmäßig auf den unteren Wipfelästen, so daß er in dichteren Baumkronen fast verdeckt sitzt. Fesselt ihn reichliche Beute in der Nähe, so hält er an solchen Schlafplätzen beinahe mit derselben Zähigkeit fest wie am Horste, findet sich allabendlich ein und läßt sich auch durch wiederholte Störungen nicht vertreiben. Er geht sehr spät zur Ruhe und fliegt früh am Morgen, meist schon vor Aufgang der Sonne, davon, um sein Jagdgebiet zu durchstreifen. Findet er bald Beute, so kröpft er in den Vormittagsstunden und ruht, nachdem er den Schnabel geputzt und getrunken, über Mittag einige Stunden aus, nestelt im Gefieder, schläft auch wohl ein wenig und tritt des Nachmittags einen zweiten Jagdzug an, bis die Zeit zum Schlafen herangekommen ist.

Wie der Steinadler jagt auch der Seeadler auf alles Wild, das er überwältigen kann, und macht außerdem von seinen unbefiederten, das Fischen erleichternden Fängen umfassenden Gebrauch. Den Igel schützt sein Stachelkleid ebensowenig wie den Fuchs sein Gebiß, der Wildgans nützt ihre Vorsicht nicht mehr als dem Tauchvogel seine Fertigkeit, unter den Wellen zu verschwinden. An der Seeküste stellt er verschiedenen Meeresvögeln, namentlich Enten und Alken sowie Fischen oder Meersäugetieren, nach. Die Taucher sind, nach Wallengrens Bericht, mehr gefährdet als die nicht tauchenden Vögel. Diese erheben sich beim Anblick des allgefürchteten Räubers so schnell sie können, und entweichen, jene vertrauen oft zu viel auf die Wassertiefe, warten den Adler ruhig ab, tauchen und glauben sich gesichert, während der böse Feind doch nur darauf lauert, daß sie wieder zum Vorschein kommen müssen. Sie entrinnen vielleicht zwei-, dreimal der verderbenden Klaue – beim vierten Auftauchen, wenn sie dem Ersticken nahe einen Augenblick länger verweilen als sonst, sind sie gefaßt und wenige Sekunden später erwürgt. Am Mensalehsee in Ägypten, in Ungarn und in Norwegen habe ich den Seeadler oft beobachtet und immer gesehen, daß groß und klein, selbst andere Raubvögel, seine Nähe fürchteten; ich zweifle auch nicht daran, daß er den Fluß- oder Fischadler, seinen nächsten Verwandten, dem er oft seine Beute abjagt, ebenso ruhig verzehren würde wie jedes andere Wild. Mit der Kühnheit und dem Bewußtsein der Kraft dieses Vogels vereinigt sich die größte Hartnäckigkeit. Alexander von Homeyer beobachtete, daß ein Seeadler sich wiederholt auf Meister Reineke stürzte, der, wie bekannt, seiner Haut sich wohl zu wehren weiß, und derselbe Forscher erfuhr von glaubwürdigen Augenzeugen, daß ein Adler bei einer derartigen Jagd den von ihm erspähten Fuchs beinahe umbrachte, indem er fortwährend auf ihn stieß, den Bissen des Vierfüßlers geschickt auszuweichen und alle Versuche des letzteren, den nahen, deckenden Wald zu erreichen, zu vereiteln wußte. Daß die kleineren Herdentiere aufs höchste durch diesen Adler gefährdet sind, ist eine bekannte Tatsache, daß er Kinder angreift, keinem Zweifel unterworfen; erzählt doch Nordmann, daß einer in Lappland sogar auf einen kahlköpfigen Fischer herabstieß und ihm den Skalp vom Schädel nahm, ebenso wie ein anderer aus einem Fischerboote einen eben gefangenen Hecht erhob, während der daneben sitzende Fischer beschäftigt war, das Netz in Ordnung zu bringen. An den Vogelbergen des Nordens findet auch er sich regelmäßig ein und zieht mit aller Gelassenheit die Bergvögel aus ihren Nestern hervor. Die Eidergänse fängt er wie oben beschrieben, die jungen Seehunde nimmt er dicht neben ihren Müttern weg, die Fische verfolgt er bis in die Tiefe des Wassers. Zuweilen mißglücken solche Versuche. Lenz erzählt folgendes: »Ein Seeadler schwebte Beute suchend über der Havel und entdeckte einen Stör, auf den er sogleich herabschoß; allein der kühne Adler hatte seiner Kraft zu viel zugetraut: der Stör war ihm zu schwer, und es war ihm unmöglich, denselben aus dem Wasser emporzuheben; jedoch war auch der Fisch nicht stark genug, den Adler in die Tiefe hinabzuziehen. Er schoß wie ein Pfeil an der Oberfläche des Wassers dahin; auf ihm saß der Adler mit ausgebreiteten Flügeln, so daß beide wie ein Schiff mit Segeln anzusehen waren. Einige Leute bemerkten dies seltene Schauspiel, bestiegen einen Nachen und fingen sowohl den Stör als den Adler, der sich so fest in den Fisch eingekrallt hatte, daß er seine Krallen nicht befreien konnte.« Derartige Fälle mögen wohl noch öfter vorkommen, als man annimmt. In den Steppen Südrußlands muß sich der Seeadler oft mit erbärmlichem Wilde begnügen. Hier bilden, laut Nordmann, wenn er seine Jagd fern von den Flüssen betreibt, kleine Steppensäugetiere und Vögel die hauptsächlichste Beute. Auf den Werstpfählen oder den zur Bezeichnung der Wege errichteten Erdhügeln, im Winter oft in unmittelbarer Nähe menschlicher Wohnungen, sitzend, lauert er auf Zisel und Eidechsen, und ebenso weiß er sich des unterirdisch wühlenden Blindmolls zu bemächtigen, indem er diesen mit größter Gewandtheit in dem Augenblick ergreift, in dem derselbe seine Haufen aufstößt. In den Magen von mehr als einem Dutzend Seeadlern, die Nordmann in den Steppen erlegt und untersucht hat, fanden sich niemals die Überreste von Fischen, sondern unabänderlich solche von Säugetieren, Vögeln und, obschon seltener, auch Eidechsen. Als Aasfresser steht der Seeadler den Geiern kaum nach. Selbst an der Küste nährt er sich nicht zum geringsten Teile von toten, an das Ufer gespülten Fischen; im Binnenlande verfehlt er nie, an einem gefundenen Aase sich einzustellen. Ungeachtet aller Übergriffe und Verirrungen, die der stattliche Raubvogel sich zuschulden kommen läßt, sind und bleiben Fische seine Hauptnahrung; sie bilden daher das Wild, dem er in erster Reihe nachstellt. An der Seeküste sowohl wie an Süßgewässern verweilt und horstet er nur der Fische halber. Niemals verfehlt er in der Nähe von Fischereistellen, die liederlich bewirtschaftet werden, sich einzufinden, wird hier auch, wenn er keine Nachstellung erfährt, zuletzt so dreist, daß er wenige Schritte von den Fischerhütten entfernt aufbäumt und lungernd späht, ob etwas für ihn abfalle.

In ihren Begabungen stehen alle Seeadler hinter den Edeladlern zurück. Sie bewegen sich auf dem Boden vielleicht geschickter als diese und beherrschen, wie bemerkt, in gewissem Grade das Wasser; ihr Flug aber ermangelt der Gewandtheit und Zierlichkeit, die den aller Edeladler in so hohem Grade auszeichnet. Ihr Flugbild ist ein von dem letztgenannten Adler verschiedenes: der kurze Hals und der kurze, stark zugerundete Schwanz im Verhältnisse zu den sehr langen aber wenig und fast gleichmäßig breiten Schwingen sind so bezeichnend, daß man sie kaum mit ihren edleren Verwandten verwechseln kann. Auch fliegen sie mit viel schwerfälligeren Schwingenschlägen und weit langsamer als diese, obwohl noch immer sehr rasch, auch wenn sie ohne Flügelschlag gleitend oder kreisend dahinschweben. Dagegen übertreffen sie die Edeladler in einer Fertigkeit, die nur wenigen Raubvögeln eigen ist, in der Gewandtheit nämlich, mit der sie das Wasser beherrschen. Auch der Seeadler ist ein Stoßtaucher wie der Fischadler und der Fischgeier und wetteifert in dieser Beziehung mit jeder Möve oder Seeschwalbe. Nach einer dem schwedischen Naturforscher Nilsson gewordenen Mitteilung eines trefflichen Beobachters legt er sich zuweilen, um auszuruhen, geradezu auf die Meeresfläche, als ob er ein Schwimmvogel wäre, bleibt solange es ihm gefällt, auf den Wellen liegen, richtet, wenn er auffliegen will, die Schwingen fast senkrecht empor und erhebt sich mit einem einzigen Flügelschlage vom Wasser. Die Sinne stehen mit denen der Edeladler ungefähr auf gleicher Höhe.

Im März schreitet der Seeadler zur Fortpflanzung. Es ist wahrscheinlich, daß auch er mit seinem Weibchen in treuer Ehe auf Lebenszeit lebt, demungeachtet hat er mit jedem vorüberziehenden Männchen schwere Kämpfe zu bestehen, und ein ungünstiger Ausgang desselben kann ihm möglicherweise die Gattin kosten. Zwei ineinander verkrallte Männchen stürzten einmal, angesichts meines Gewährsmannes, des Försters Ruzsovitz, in die Donau und trieben, ein wirrer Federknäuel, geraume Zeit mit dem Strome dahin. Der Stand des Horstes richtet sich nach den Umständen. Überall da, wo steile Klippen unmittelbar an das Meer herantreten, sucht sich der Seeadler hier eine geeignete Niststelle; da, wo Waldungen die Küste oder die Ufer breiter Flüsse besäumen, wählt er hierzu in ihnen einen hohen Baum; da, wo an einem fischreichen Gewässer höhere Bäume fehlen, begnügt er sich oft mit erbärmlichen Büschen, die den schweren Bau kaum zu tragen vermögen, oder sogar mit Röhricht, indem er in den hohen, dichtesten und undurchdringlichsten Beständen auf einer weiten Fläche die Rohrstengel zusammenknickt, bis sie eine genügend feste Unterlage für den kaum meterhoch über der Wasserfläche stehenden Horst bilden; in der Steppe endlich hilft er sich, so gut er kann, an den Steppenseen wahrscheinlich ebenfalls mit Röhricht, und im Notfalle kommt es ihm auch nicht darauf an, sein Genist auf dem Boden zu ordnen. Längs der ganzen Küste der Ostsee, wo er noch regelmäßig horstet, wählt er, laut Holtz, stets hohe Bäume, die ihm freie Aussicht auf die angrenzenden Waldstrecken, Wiesen und Gewässer gestatten, insbesondere Kiefern, außerdem Buchen und Eichen. Der Horst selbst ist unter allen Umständen ein gewaltiger Bau von anderthalb bis zwei Meter Durchmesser und dreißig Zentimeter bis ein Meter Höhe und darüber; denn auch er wird von einem Paar wiederholt benutzt und durch jährliche Aufbesserung im Verlaufe der Zeit bedeutend erhöht. Armdicke Knüppel bilden den Unter-, dünne Äste den Oberbau; die sehr flache Nestmulde ist mit zarten Zweigen bedeckt und mit trockenen Gräsern, Flechten, Moosen und dergleichen ausgekleidet.

Gegen Ende des März, selten früher, meist noch etwas später, findet man das vollständige Gelege, das aus zwei, höchstens drei, verhältnismäßig kleinen, nur siebenundsechzig bis dreiundsiebenzig Millimeter langen, dreiundfünfzig bis siebenundfünfzig Millimeter dicken, vielfach abändernden Eiern besteht. Die Schale ist dick, rauh und großkörnig, die Färbung verschieden; es gibt kalkweiße Eier ohne alle Flecke und solche, die aus ähnlichem Grunde mehr oder weniger mit rötlichen, braunen und dunkelbraunen Flecken bedeckt sind. Wie lange die Brutzeit währt, ist zurzeit noch nicht mit Sicherheit bestimmt; wohl aber weiß ich, daß der männliche Adler dem Weibchen beim Brüten hilft, zur Ruhe stets in einer gewissen Entfernung vom Horste auf einem bestimmten, weite Umschau gestattenden Felsen oder dürren Zacken bäumt, und bei dem geringsten Anscheine von Gefahr sofort herbeieilt, um die Gattin zu unterstützen. Ein Vorfall, den ich beobachtete, läßt mich glauben, daß er der letzteren auch tätliche Hilfe leistet oder doch zu leisten sucht. Ich hatte in der Fruschkagora einen weiblichen Seeadler schwer angeschossen und gab dem mich begleitenden Jäger den Auftrag, in der Tiefe des Tales, zu der er hinabgeflattert war, nach ihm zu suchen. Da vernehme ich ein gewaltiges Brausen über, neben und unter mir, als ob eine rasende Windsbraut im Anzuge sei, sehe einen mächtigen Vogel an meiner Hütte vorbeisausen und erfahre später von dem Jäger, daß ein Seeadler auf ihn gestoßen und sich ihm mit weit vorgestreckten Fängen bis auf halbe Flintenschußweite genähert, er aber für das Beste erachtet habe, hinter einem Baumstamme Schutz gegen den Raubvogel zu suchen. Da sich nur ein Seeadlerpaar in der Nähe befand, dürfte der Schluß gestattet sein, daß es das Männchen gewesen war, das an dem Menschen, dessen Tücke sein Weibchen zum Opfer gefallen, Rache zu nehmen versuchte. Am Horste selbst sind ähnliche Angriffe meines Wissens nicht beobachtet worden; der Seeadler zeigt sich hier im Gegenteil sehr vorsichtig, scheu und ängstlich. Das brütende Weibchen sitzt nicht besonders fest auf den Eiern, verläßt diese meist nach dem ersten Anklopfen, kehrt nicht immer bald zurück und kreist gewöhnlich erst lange über dem Nistbaume, bevor es wieder zu Horste geht. Für die ausgeschlüpften Jungen schleppen beide Eltern, nach anderer Adler Art, Nahrung in Hülle und Fülle herbei, zeigen sich um so dreister, je mehr die Sprößlinge heranwachsen und wandeln den Horst nach und nach zu einer wahren Schlachtbank um, auf der man die Reste der allerverschiedensten Tiere, namentlich von Fischen und Wassergeflügel, findet. Sobald sie Beute erhoben haben, eilen sie schnurstracks dem Horste zu und durchfliegen dabei Strecken von vier bis fünf Kilometer so rasch, daß sie mit noch zappelnden Fischen bei ihren hungernden Kindern anlangen. Wenn sie mit Beute beladen sind, vergessen sie auch alle sonst üblichen Vorsichtsmaßregeln, kreisen nicht über dem Horst, sondern stürzen sich wie ein fallender Stein so schnell in schiefer Richtung in denselben, daß selbst ein fertiger Jäger nicht zu Schusse gelangt. Fällt, was nicht allzuselten geschieht, ein Junges aus dem Horste, ohne dem Sturze zu erliegen, so atzen sie es unten weiter, als ob es noch im Horste säße. Wird das Weibchen getötet, so füttert das Männchen allein die Jungen auf. Unter günstigen Umständen brauchen letztere zehn bis vierzehn Wochen, bevor sie den Horst verlassen, kehren aber nach dem Ausfliegen noch oft zu ihm zurück. Erst gegen den Herbst hin trennen sie sich von ihren Eltern.

Raubt man einem Seeadlerpaare das erste Gelege, so entschließt es sich zuweilen, jedoch nicht immer, zu einer zweiten Brut. Das Weibchen legt dann aber selten mehr als ein Ei, gewöhnlich in denselben Horst. An letzterem hängt das Paar überhaupt mit der den Adlern insgemein eigenen Zähigkeit fest. Selbst nach wiederholten Störungen verläßt es die Gegend nicht, und wenn der Winter einigermaßen günstig ist, verweilt es auch in der kalten Jahreszeit in der Nähe des Horstes, der so recht eigentlich zum Mittelpunkt seines Gebietes wird.

Der Seeadler erweist sich nur aus dem Grunde minder schädlich als der Steinadler, als er einen großen Teil seiner Nahrung aus der See erhebt. In Ungarn wissen die Jäger von seiner Schädlichkeit nicht viel zu berichten. Man gönnt ihm die Fische, die er aus der reichen Donau und ihren Altwässern erhebt, und rechnet ihm Übergriffe nicht eben hoch an. Nicht anders ist es in Rußland und Sibirien. Überall aber, wo er in der Nähe von Ortschaften horstet und die Felder ringsum, zuweilen sogar die Gehöfte selbst, auf seinen Raubzügen heimsucht, steht er dem Steinadler nicht nur nicht nach, sondern übertrifft ihn womöglich noch hinsichtlich seiner Eingriffe in menschliches Besitztum. Von unserem Hausgeflügel ist höchstens die fluggewandte Taube vor ihm gesichert; unter kleineren oder jungen Haussäugetieren erwählt er sich gar nicht selten ein Opfer; in der Wildbahn endlich richtet er erheblichen Schaden an. Kein Wunder daher, daß jedermanns Hand über ihm ist. Doch weiß er die meisten Nachstellungen geschickt zu vereiteln. Er ist immer scheu, läßt sich weder unterlaufen, noch leicht beschleichen, erhebt sich, gleichviel ob er gebäumt hat oder auf dem Boden sitzt, schon in mehr als Büchsenschußweite, und wird, wenn er mehrfach Nachstellungen erfahren hat, so vorsichtig, daß ihm in der Tat kaum beizukommen ist. Am leichtesten erlegt man ihn vor der Krähenhütte, da auch er den Haß der übrigen Tagraubvögel gegen den Uhu betätigt.

Im Käfig benimmt sich der Seeadler anfänglich ungestüm, geht selbst seinem Wärter zu Leibe, wird aber bald zahm und tritt dann mit dem Menschen in ein wahres Freundschaftsverhältnis. Den Vorstehern aller Tiergärten sind Seeadler aus diesem Grunde lieb und wert. Sie begrüßen ihren Gebieter, sooft sie ihn sehen, mit hellem, frohem Geschrei und erfreuen ihn besonders dadurch, daß sie ihn genau von allen übrigen Menschen zu unterscheiden wissen. Mit der Zeit gewöhnen sie sich so an die Gefangenschaft, daß sie glücklich wieder erlangte Freiheit kaum mehr zu schätzen wissen. Ein von mir gepflegter Seeadler trieb sich tagelang in der Umgegend umher, kehrte täglich, wahrscheinlich wohl angelockt durch den Ruf seiner Genossen, zurück und wurde schließlich auf deren Gebauer wieder eingefangen.

siehe Bildunterschrift

Fischadler (Pandion haliaëtus)

Das letzte Mitglied der Adlergruppe, das wir hier erwähnen wollen, ist der durch Gestalt und Lebensweise gleich auffallende Fluß- oder Fischadler ( Pandion haliaëtus), Vertreter der Sippe der Flußadler ( Pandion). Er wird noch allgemein zu den Adlern gezählt, unterscheidet sich aber doch in vieler Hinsicht wesentlich von ihnen, und darf vielleicht im gewissen Sinne auch als Verbindungsglied der Adler und Weihen betrachtet werden. Bezeichnend für den Flußadler ist sein glatt anliegendes fettiges Gefieder. Kopf und Nacken sind auf gelblichweißem Grunde schwarzbraun in die Länge gestreift und alle Federn hier scharf zugespitzt, die übrigen Oberteile braun, alle Federn lichter gerandet, die Schwanzfedern braun und schwarz gebändert, die Unterteile dagegen weiß oder gelblichweiß. Auf der Brust bilden braune Federn ein Schild oder Halsband, das zuweilen sehr deutlich hervortritt, zuweilen auch wiederum kaum merklich ist; vom Auge zur Halsmitte herab läuft ein dunkles Band. Das Auge ist hochgelb, die Wachs- und Fußhaut sind bleigrau, der Schnabel und die Krallen glänzend schwarz. Die Länge beträgt dreiundfünfzig bis sechsundfünfzig, die Breite einhundertsechsundfünfzig bis einhundertvierundsechzig, die Fittichlänge fünfzig bis zweiundfünfzig, die Schwanzlänge achtzehn bis neunzehn Zentimeter.

Der Fischadler ist einer der wenigen Vögel, die buchstäblich auf der ganzen Erde gefunden werden. Allerdings hat man versucht, die amerikanischen, asiatischen und australischen Flußadler von dem unsrigen zu trennen; bei Vergleichung einer zahlreichen Reihe von Bälgen ergibt sich jedoch, daß eine solche Trennung nach unserer heutigen Auffassung als ungerechtfertigt erscheinen muß. Die den verschiedenen Ländern entstammenden Fischadler zeigen alle Übergänge, und die Arteinheit wird nicht minder bestätigt durch ihre unter allen Verhältnissen gleiche Lebensweise. In Europa bewohnt der Fischadler als Brutvogel während des Sommers alle Länder von Lappland, Finnland und Nordrußland an bis zum äußersten Süden, einzeln auch Inseln und selbst kleine Eilande des Meeres. In Asien lebt er an allen größeren Strömen und Seen des Nordens wie des Südens, hier wie in einzelnen Teilen Afrikas jahraus, jahrein. Im letzteren Erdteile zeigt er sich mindestens zeitweise an geeigneten Orten überall, so weit das Land bis jetzt durchforscht wurde. In Amerika hat man ihn so weit nördlich beobachtet, als die süßen Gewässer genügend lange Zeit offen bleiben, und von hier aus bis Südbrasilien nirgends vermißt. In Australien endlich findet er sich geeigneten Ortes ebenfalls im ganzen Lande. Im Norden ist unser Fischadler Sommervogel, im Süden, wie es scheint, Strichvogel. Seine einseitige Jagdweise bestimmt sein Leben. Er nährt sich fast ausschließlich von Fischen, nur im äußersten Notfalle von Lurchen, und verschmäht jede andere Beute.

In unserem Vaterlande siedelt sich der mit Recht gehaßte und eifrig verfolgte Raubvogel selbstverständlich nur in wasserreichen Gegenden bleibend an, erscheint während seines Zuges aber überall und findet selbst den kleinsten Teich noch immer seiner Beachtung wert. Unmittelbar nach seiner Ankunft, die erst ziemlich spät im Frühjahre, das heißt nicht vor Ende März, erfolgt, beginnt er sein Sommerleben und gleichzeitig die Ausbesserung seines alten oder den Aufbau eines neuen Horstes, der fortan förmlich zu seiner Behausung wird. Zur Anlage desselben wählt er regelmäßig Bäume, die ihre Umgebung überragen, womöglich solche, die freie Umschau auf ein Gewässer, mindestens auf freies Feld, nahe gelegene Waldblößen und Wiesen gestatten. Dem entsprechend steht der Horst fast immer in bedeutender Höhe, fünfzehn bis zwanzig Meter über dem Boden, und ebenso regelmäßig in den obersten Wipfelzweigen, nicht auf einem Seitenaste. Da er selbst baut und den größten Teil der Baustoffe aus dem Wasser fischt, unterscheidet sich der Horst schon durch letztere von denen aller übrigen Adler. Zum Unterbaue nämlich verwendet er stets dicke, morsche Prügel von drei bis vier Centimeter Durchmesser, zum Oberbaue schwächere Zweige, zur Ausfütterung der flachen Mulde Riedgras, Stroh, Moos und Baumflechten. Die Prügel pflegt er im Wasser aufzufischen; das Moos reißt er in großen Klumpen von Baumästen ab. Durch die Stellung aus den höchsten Baumspitzen sowie durch die sanft zugerundete Unterfläche läßt sich der Horst von weitem als der eines Flußadlers erkennen. Der Durchmesser der Nestmulde beträgt annähernd einen Meter, wogegen die Höhe desselben, je nach seinem Alter, zwischen einem und dritthalb Meter schwankt. In jedem Jahre nämlich trägt das Fischadlerpaar neue Baustoffe herbei und türmt so im Laufe der Jahre einen derartigen Riesenbau auf. Zwei Fischadlerhorste auf einem Baume wurden bei uns zulande zwar nur in äußerst seltenen Fällen, aber doch dann und wann beobachtet. Je nach der Witterung beginnt das Weibchen früher oder später, in der Regel zwischen dem vierundzwanzigsten und dreißigsten April zu legen, und fährt damit, an jedem zweiten Tage ein Ei zur Welt bringend, fort, bis das Gelege vollzählig ist. Letzteres besteht aus drei, selten vier, zuweilen auch nur zwei, länglichen, festschaligen, fast glanzlosen Eiern von neunundfünfzig bis siebzig Millimeter Länge und vierundvierzig bis zweiundfünfzig Millimeter Querdurchmesser an der dicksten Stelle, und ebenso veränderlicher Färbung und Zeichnung. Die Grundfärbung ist, nach Päßler, ein klares Weiß; die Zeichnung besteht aus matt schieferblaugrauen und rostfarbenen Flecken. Die schönsten Eier sind diejenigen, die blutrote, entweder am stumpfen oder am spitzigen Ende zusammenfließende, oft noch von schwarzen Adern durchzogene Flecke zeigen. Nach zweiundzwanzig bis sechsundzwanzigtägiger Brutzeit, die nach dem Legen des ersten Eies beginnt, und an der beide Eltern sich zu beteiligen scheinen, entschlüpfen die Jungen, in seltenen Fällen jedoch mehr als ihrer zwei. Sie sind, wie alle Adler, an Gefräßigkeit wahrhafte Ungeheuer, die jedoch so überreichlich mit Nahrung versorgt werden, daß der Horst mit kaum zur Hälfte aufgezehrten und immer nur in der Vorderhälfte angefressenen frischen und der Boden unter ihnen mit verfaulenden Fischen förmlich bedeckt ist, falls nicht ein Milanpaar die günstige Gelegenheit wahrnimmt, in der Nähe des Fischadlerhorstes den seinigen aufbaut und seine Jungen größtenteils mit den Überresten von der Tafel des Reichen auffüttert. Mindestens acht, vielleicht zehn Wochen bedürfen die Jungen, bevor sie flugfähig geworden sind; dann verlassen sie unter Führung der Eltern den Horst, lernen unter ihrer Anleitung fischen und treten endlich im September, Oktober, spätestens im November, ihre Reise nach südlichen Gegenden an.

Wird der Horst durch Stürme oder Fällen des Baumes zerstört, so verläßt der Fischadler nicht selten den Wald, in dem er gestanden, gänzlich; raubt man ihm nur die Eier, so kehrt er trotzdem alljährlich zu demselben Brutplatze zurück. Findet sich in der Nähe eines hochstämmigen Waldes ein größeres fischreiches Gewässer, so siedelt sich zuweilen ein Fischadler unweit des anderen an; in der Regel aber beherrscht jedes einzelne Paar ein weit ausgedehntes Gebiet, womöglich ein solches, das nicht unmittelbar an der Seeküste liegt.

Das tägliche Leben des Fischadlers verläuft in sehr geregelter Weise. Ziemlich spät am Tage verläßt das Paar, einer der Gatten nach dem andern, seinen Horst und fliegt nun, eine bestimmte Straße mit großer Genauigkeit innehaltend, dem oft entfernten Gewässer zu, um hier Fischfang zu treiben. Die langen Schwingen setzen unseren Fischadler in den Stand, weite Strecken mit Leichtigkeit zu durchfliegen. Er schwebt zuerst in beträchtlicher Höhe dahin, senkt sich dann über den Wasserspiegel tiefer herab und beginnt nun seine Fischjagd. Solange die Gewässer dampfen, erscheint er nicht über ihnen, weil er durch den aufsteigenden Dunst im Sehen behindert wird; daher sieht man ihn erst in den Vormittagsstunden mit seiner Jagd beschäftigt. Er kommt kreisend an, versichert sich durch sorgfältiges Spähen von der Gefahrlosigkeit, senkt sich hernieder und streicht nun in einer Höhe von ungefähr zwanzig Meter über dem Wasser auf und nieder, hält auch wohl zeitweilig still, rüttelt wie ein Turmfalke über einer Stelle, um einen etwa erspähten Fisch fester ins Auge zu fassen, und stürzt dann mit weit vorgestreckten Fängen in etwas schiefer Richtung mit großer Schnelligkeit und Gewandtheit auf das Wasser nieder, verschwindet unter den Wellen, arbeitet sich aber rasch wieder empor, erhebt sich durch einige federnde Flügelschläge auf die Oberfläche des Wassers, schüttelt die Tropfen durch zuckende Bewegungen bestmöglichst ab und verläßt hierauf ein kleineres Gewässer, gleichviel ob er glücklich oder unglücklich war. Seine eigentümliche Jagd erklärt, daß er in vielen Fällen fehlstößt; deshalb leidet er aber durchaus keinen Mangel; denn er läßt sich durch wiederholtes Mißgeschick keineswegs abschrecken. Im glücklichsten Falle schlägt er beide Fänge mit solcher Gewalt in den Rücken eines Fisches, daß er nicht imstande ist, die Klauen augenblicklich wieder auszulösen: die Baschkiren nennen ihn deshalb bezeichnend »eiserne Kralle«. Nicht allzuselten gerät er in Lebensgefahr oder findet wirklich seinen Untergang, indem ihn ein zu schwerer Fisch mit sich in die Tiefe zieht und ertränkt. An den ihm abgejagten Fischen hat man beobachtet, daß er stets zwei Zehen auf der einen, zwei Zehen auf der anderen Seite des Rückens einschlägt. Die gefangene Beute erhebt er, falls er sie mit Leichtigkeit tragen kann, und schleppt sie weit mit sich fort, am liebsten dem Walde zu, um sie hier mit aller Sicherheit zu verspeisen. Schwerere Fische schleift er wenigstens bis an das Ufer, oft mit solcher Mühe, daß er ab und zu den Wasserspiegel mit dem Opfer und seinen Fängen berührt. Von der glücklich gefangenen Beute verzehrt er nur die besten Stücke, alles übrige läßt er liegen; von den Schuppen verschlingt er einige, niemals aber auch die Eingeweide. Nur im größten Notfalle entschließt er sich, auf anderes Wild zu jagen. So teilt mir Freund Liebe mit, daß er Teichfrösche fängt, wenn er, durch wiederholte Verfolgungen scheu geworden, sich nicht mehr getraut, ein fischreiches Gewässer abzusuchen.

Mit anderen seiner Art lebt der Fischadler höchst verträglich. Um fremdartige Vögel bekümmert er sich seinerseits niemals und ist sicherlich herzlich froh, wenn diese ihn nur in Ruhe lassen. Kleinen Vögeln gestattet er ohne Mißgunst, in seinem großen Horste sich anzusiedeln, und diese Mietleute sind ihrerseits seiner Gutmütigkeit so vollkommen sicher, daß sie auch Nester zu bauen wagen, die durch einen so starken Raubvogel entschieden gefährdet werden könnten, wenn letzterer daran dächte, seine Gastfreunde zu belästigen. Bei uns zulande siedeln sich nur ausnahmsweise kleinere Vögel in dem Horste eines Fischadlers an; schon auf dem Roten Meere aber werden die großen Gebäude von solchen, insbesondere einer Würgerart, gern zur Anlage des Nestes benutzt, und in Amerika flechten und weben die Hängenestler, vornehmlich die Purpurgrakeln ( Quiscalus purpureus), ihre luftigen und schwankenden Nestbeutel so regelmäßig an den Unterbau eines Fischadlerhorstes, daß dieser gerade dadurch schon von weitem kenntlich wird. Wilson fand nicht weniger als vier solcher Beutelnester an einem einzigen Fischadlerhorste befestigt. Wenn schon dies für die Gutmütigkeit des Fischadlers oder, richtiger ausgedrückt, dafür spricht, daß er sich niemals an Geflügel vergreift, so wird der Beweis für letztere Annahme überzeugend doch erst durch die Schwimmvögel geliefert. Sie alle kennen den Fischadler so genau, daß sie sich nicht im geringsten vor ihm fürchten, betrachten ihn gewissermaßen als ihresgleichen und dulden ihn deshalb ohne Bedenken in ihrer Nähe. Am Mensalehsee in Ägypten, wo jeden Winter hunderte von Fischadlern Herberge nehmen und ein sehr bequemes Leben führen, habe ich wiederholt gesehen, daß sie mitten unter den Enten saßen, ohne von ihnen auch nur beachtet zu werden. Dagegen hat der Fischadler von anderen Raubvögeln viel auszustehen. Bei uns verfolgen ihn Schwalben und Bachstelzen wohl mehr in der Absicht, um ihn zu necken, als ihm zu schaden; da aber, wo Seeadler leben, muß er oft für diese arbeiten, und namentlich der Weißkopfseeadler soll in beständigem Kriege mit ihm liegen, sich auf ihn stürzen, sobald er eine Beute erhoben hat, und ihn so lange peinigen, bis er diese ihm zuwirft. Auch schmarotzende Milane, Kolkraben, Nebel- und Rabenkrähen jagen ihm oft den glücklich gefangenen Fisch wieder ab. Die größten und ältesten Horste endlich geben mitunter dem Baummarder Herberge, und er mag es wohl sein, der sich dann der Eier bemächtigt hat, deren geleerte Schalen man zuweilen am Fuße der Horstbäume findet.

Nächst dem Fischotter ist der Fischadler der größte Feind einer geordneten Teichwirtschaft und allen Fischereibesitzern aus diesem Grunde verhaßter als jeder andere Raubvogel. Infolge der unablässigen Nachstellungen, die der Vogel bei uns zu erleiden hat, ist er hier zulande vorsichtig und scheu, und setzt nur am Horste ausnahmsweise einmal seine Sicherheit mutwillig aufs Spiel, bewahrt sich daher schon hierdurch, noch mehr aber durch seine Jagd über weite Wasserflächen vor mancher ihm zugedachten Büchsenkugel und erschwert unter allen Umständen die Jagd; in südlichen Ländern dagegen, wo seine Räubereien keineswegs mit schelem Auge betrachtet werden, hält es nicht schwer, ihn, wenn er aufgebäumt hat, zu unterlaufen oder bei seinen regelmäßigen Hin- und Herflügen aus der Luft herabzuschießen. Leichter erbeutet man ihn mit Hilfe eines Tellereisens, das mit einem Fische geködert und unter Wasser aufgestellt wurde. In dieser Weise werden in Norddeutschland alljährlich mehrere Fischadler gefangen, und einer oder der andere gelangt dann wohl auch lebend in unsere Käfige. Doch gehört der Vogel hier, die größten Tiergärten nicht ausgenommen, immer zu den Seltenheiten. Ich habe alte wie jung aus dem Nest gehobene gepflegt, mich aber nicht mit ihnen befreunden können. Die alt eingefangenen gewöhnen sich im Käfige niemals ein, sitzen tagelang auf einer und derselben Stelle, gebärden sich, wenn jemand ihren Käfig betritt, geradezu sinnlos, Furcht und Schrecken in jeder Weise an den Tag legend, treten mit ihrem Wärter niemals in ein erträgliches Verhältnis, welken sichtlich dahin, magern mehr und mehr ab und liegen eines Morgens tot im Käfige, ohne daß man den Grund ihres Hinscheidens zu erkennen vermag. Auch jung eingefangene, aus dem Neste gehobene Vögel halten sich schlecht, gewöhnen sich schwer daran, selbst zu fressen und verkümmern früher oder später selbst bei bestem Futter.

Weihen. Bussarde. Geierfalken

Die Weihen ( Milvidae) bilden eine artenreiche Familie, die in allen Erdteilen vertreten ist und sich durch Mannigfaltigkeit der Gestalt auszeichnet. Es hält schwer, für die Gesamtheit allgemein gültige Kennzeichen aufzustellen, weil im Leibesbau erhebliche Unterschiede bemerklich werden; doch finden sich so viele Übergangsglieder zwischen den verschiedenen Arten, daß deren Zusammengehörigkeit kaum in Frage gestellt werden darf. Die Weihen sind meist gestreckt gebaut. Das Gefieder, fast immer reich, zeichnet sich durch Weiche aus, umgibt besonders dicht den Kopf und bildet hier ausnahmsweise sogar einen Schleier, wie ihn sonst nur die Eulen zeigen. Alle Weihen sind vortreffliche Flieger, unterscheiden sich fliegend aber von andern Raubvögeln sehr wesentlich. Ihr Flug ist selten rasch und niemals stürmend wie bei den Edelfalken, auch kaum durch jähe Wendungen ausgezeichnet, gewöhnlich vielmehr ein ruhiges, gleichmäßiges Schweben ohne Flügelschlag, das bei einigen Arten zu einem Schaukeln wird. Die Flügelspitzen werden dabei über den Körper erhoben, und das Bild des fliegenden Vogels erhält dadurch etwas sehr Eigentümliches. Unter den Sinnen steht ausnahmslos das Auge obenan; diejenigen, die den Schleier tragen, zeichnen sich auch durch ihr vortreffliches Gehör aus. Die Weihen sind durchgehends listig, neugierig und scheu, aber nicht vorsichtig, raubgierig, aber nicht mutig, eher feig, jedoch dreist, frech und zudringlich; einzelne von ihnen lassen gern andere Raubvögel für sich arbeiten, indem sie ihnen die erfaßte Beute abjagen, sind also mehr Diebe als Räuber. Unstet und ruhelos sind sie alle. Man sieht einzelne langsamen Fluges über Steppen, Feldern, Wiesen, Sümpfen und Gewässern dahinstreichen, scharf nach unten spähen, plötzlich etwas aufnehmen und ihren Weg weiter fortsetzen oder gewahrt andere in hoher Luft dahinziehend und wunderbare Flugkünste offenbarend, bis auch ihrem Auge die Tiefe Nutzbares bietet. Dann lassen sie sich langsam hernieder und nehmen das Gefundene mit raschem Griffe weg; auf längere Verfolgung lassen sie sich nicht ein. Die Beute der Gesamtheit besteht in kleinen Säugetieren, unbehilflichen Vögeln, in Kriechtieren, Lurchen, Fischen und in Kerbtieren, endlich auch in Aas, doch wird dieses nur von unedleren Arten angerührt. Einige schaden mehr, als sie nützen; die Mehrzahl macht sich, vom menschlichen Standpunkte aus betrachtet, verdient.

Ganz Afrika, vom sechzehnten Grade nördlicher Breite an bis zum Vorgebirge der Guten Hoffnung, bewohnt einer der merkwürdigsten Raubvögel überhaupt, dem wir hier die erste Stelle geben wollen, weil er auch in Gestalt und Wesen noch vielfach an den Adler erinnert. Levaillant hat diesem Vogel den bezeichnenden Namen Gaukler gegeben, Smith ihn mit Recht zum Vertreter einer besonderen Sippe ( Helotarsus) erhoben, die wir die der Schlangenweihen nennen dürfen. Färbung und Zeichnung des Gauklers ( Helotarsus ecaudatus) sind ebenso auffallend wie seine Gestalt. Ein schönes Mattschwarz, Kopf, Hals, Hinterrücken und die ganze Unterseite einnehmend, sticht lebhaft ab von dem hellkastanienbraunen Mantel, dem ebenso gefärbten Schwanze, dem etwas lichteren Unterrücken sowie einer breiten Flügelbinde, die durch die, im Gegensatze zu den tiefschwarzen ersten Handschwingen, graulichbraunen, auf der Innenfahne weißen, mit breitem, schwarzem Endrande verzierten letzten vier Hand- und die sämtlichen Handschwingen gebildet wird. Das Auge ist schön braun, goldig glänzend, der Schnabel rotgelb an der Wurzel, hornblau an der Spitze, der Fuß korallroth. Die Länge des Weibchens beträgt achtundfünfzig, die Breite einhundertdreiundachtzig, die Fittichlänge achtundfünfzig, die Schwanzlänge nur dreizehn Zentimeter; das Männchen ist kleiner.

Der Gaukler liebt Gebirge, ohne sich jedoch an sie zu binden; ich glaube sogar behaupten zu dürfen, daß er in der eigentlichen Steppe häufiger ist als in bergigen Gegenden. Man sieht ihn sehr oft, ist jedoch selten imstande, mit ihm genauer bekanntzuwerden. Gewöhnlich zeigt er sich fliegend. Er streicht in hoher Luft dahin, stets außer Schußweite, und sucht von oben aus weite Strecken ab. Heuglin erfuhr, daß er schon mit Tagesanbruch die höheren Bäume, auf denen er die Nacht zubrachte, verläßt, und von nun an, anhaltend fliegend, sein Gebiet durchkreist; ich habe ihn so früh nicht in Bewegung gesehen und nur ausnahmsweise kreisend beobachtet, vielmehr fast stets gefunden, daß er in gerader Richtung seines Weges zieht, ohne sich aufzuhalten, es sei denn, daß er eines seiner Flugspiele ausführen wolle oder eine Beute entdeckt habe. In den letzten Vormittagsstunden erscheint er regelmäßig am Wasser, verweilt hier einige Zeit und fliegt dann einem benachbarten Baume zu, um hier stundenlang zu ruhen. Gegen Abend tritt er einen neuen Jagdzug an, und erst bei einbrechender Dunkelheit begibt er sich zur Ruhe. Nach meinen Erfahrungen zeigt er sich regelmäßig einzeln. Das Paar scheint ein sehr ausgedehntes Gebiet zu bewohnen und außer der Brutzeit sich nur selten zu vereinigen, vielmehr einzeln seine Wege zu wandeln.

Auch der ungeübteste Beobachter wird den Gaukler erkennen müssen. Seine Erscheinung ist so auffallend, daß sie überall zu Sagen Veranlassung gegeben hat. Vor allem ist es der Flug, der in seiner Art so wunderbar ist wie von keinem Vogel weiter. Nicht umsonst gab Levaillant unserm Raubvogel den Namen Gaukler; denn wie ein solcher bewegt sich dieser Weih in der Luft: er schwimmt, tummelt, spielt, fliegt, als sei es nur, um seines Herzens Lust Genüge zu leisten, nicht aber, um Nahrung zu suchen. Schon Levaillant erwähnt, daß er bisweilen plötzlich eine Strecke herabfällt und die Flügel so heftig zusammenschlägt, daß man glaubt, er habe einen von ihnen gebrochen und müsse auf die Erde fallen; ich habe ihn förmlich Luftsprünge ausführen sehen. Eigentlich beschreiben läßt sich der Flug des Gauklers nicht; er ist einzig in seiner Art. Die Flügel werden oft hoch über den Körper erhoben, viele Minuten lang nicht bewegt und dann wieder so heftig geschlagen, daß man ein eigentümliches, auf weithin hörbares Geräusch vernimmt. Nur während des Fluges zeigt der Vogel seine volle Schönheit; im Sitzen erscheint er mehr auffallend als anziehend. Namentlich wenn er aufgebäumt hat, sieht er sonderbar aus. Er bläst sich manchmal zu einem wahren Federklumpen auf, sträubt Kopf- und Halsfedern und dreht und wendet den Kopf dabei bald nach oben, bald nach unten, ganz wie ein Uhu. Wenn er etwas Auffallendes bemerkt, nimmt er besondere Stellungen an; er breitet dann auch die Flügel aus und begleitet dies durch noch heftigere Kopfbewegungen als sonst.

Unter seinen Sinnen steht das Gesicht unzweifelhaft obenan, wie schon das große Auge hinlänglich beweist; aber auch das Gehör ist wohl entwickelt und das Gefühl nicht verkümmert. Eigentlich mutig kann man den Gaukler nicht nennen, obwohl er Kämpfe der gefährlichsten Art besteht; er scheint vielmehr ziemlich feig und gutmütig zu sein. Im Freileben zeigt er sich außerordentlich scheu und meidet jede auffallende Erscheinung. In der Gefangenschaft hingegen wird er bald und in hohem Grade so zahm, daß er förmlich mit sich spielen läßt, wie man mit einem Papagei spielt. Alle Raubvögel leiden ungern, wenn man sie streichelt; der Gaukler scheint ein besonderes Wohlgefallen zu bekunden, wenn man ihn zwischen den Federn seines Halses kraut oder ihn streichelt. Doch muß ich bemerken, daß er sich dies nicht von jedermann, sondern nur von seinen genauesten Bekannten gefallen läßt. Andern Vögeln gegenüber zeigt er sich höchst verträglich, denkt mindestens niemals daran, irgendeinem der größeren, die man zu ihm bringt, etwas zuleide zu tun. Überhaupt ist er, wenn er sitzt, ebenso still und ruhig, als lebhaft, wenn er fliegt. Von gefangenen Gauklern vernimmt man nur höchst selten einen Laut, gewöhnlich ein leises »Qua, qua«, seltener ein lauteres »Kack kack« oder ein gellendes »Kau«; im Fluge hingegen stößt er gar nicht selten ein bussardartig schallendes »Hihihi« oder »Hiahia« aus.

Seine Beute besteht in Kriechtieren der verschiedensten Art, namentlich aber in Schlangen und Eidechsen; erstere sieht man ihn oft durch die Lüfte tragen. Ohne vorher zu kreisen oder nach Art eines Bussards oder Turmfalken zu rütteln, hält er plötzlich in seinem scharfen Zuge an, und wie ein fallender Stein stürzt er sich mit brausendem Geräusche auf die erspähte Schlange hernieder. Er raubt kleine ebensowohl als große, giftzähnige nicht minder als giftlose. Wie alle übrigen schlangenvertilgenden Raubvögel Mittelafrikas eilt unser Vogel von weitem herbei, wenn das Gras der Steppe angezündet wird, jagt beständig längs der Feuerlinie auf und nieder und streicht oft durch die dichtesten Rauchwolken hindurch, hart über den Flammen dahin, um eines der Kriechtiere aufzunehmen, die das Feuer in Bewegung setzte. Daß er auch kleine Säugetiere, Vögel und selbst Heuschrecken erjagt, hat Heuglin durch Untersuchung des Magens festgestellt; daß er auch aus das Aas fällt, unterliegt keinem Zweifel; Kirk erhielt einen, der das von einer Hyäne ausgebrochene vergiftete Fleisch gefressen und davon betäubt worden war.

Levaillant sagt, daß der Gaukler auf hohen Mauern horste und drei bis vier weiße Eier lege; Speke dagegen behauptet, daß der Horst nur ein Ei enthalte. Die Wahrheit scheint in der Mitte zu liegen; denn Heuglin erhielt zwei flügge Junge aus einem Horste. Die Brutzeit fällt mit dem Beginne der Dürre zusammen, weil diese dem Vogel leichtere Jagd gewährt als der Frühling, der unter der üppigen Grasdecke die Kriechtiere verbirgt.

In neuerer Zeit sind öfters lebende Gaukler nach Europa gebracht worden, und gegenwärtig fehlen sie in keinem der größeren Tiergärten. Doch gehören sie noch immer zu den gesuchtesten Vögeln, und namentlich die ausgefärbten werden gut bezahlt. In der Tat fesselt kaum ein anderer Raubvogel den Beschauer so wie der farbenprächtige und außerdem noch durch sein Betragen so auffallende Gaukler. Seine Haltung verursacht kaum Schwierigkeiten. Er ist gewohnt, erhebliche Wärmeunterschiede mit Gleichmut zu ertragen und kann deshalb in milden Wintern im Freien gehalten werden, läßt sich auch leicht an das gewöhnliche Futter der Raubvögel, rohes Fleisch, gewöhnen und ist überhaupt höchst bescheiden in seinen Ansprüchen. Ich muß ihn nach meinen Erfahrungen für einen der liebenswürdigsten Käfigvögel erklären, den die Ordnung überhaupt uns liefern kann.

*

Die Gleitaare ( Elanus) sind über alle Erdteile, mit Ausnahme Europas, verbreitet, aber auch hier nicht fremd, weil eine Art von ihnen schon wiederholt sogar in Deutschland vorgekommen ist. Die wenigen Arten, die man unterschieden hat, ähneln sich außerordentlich. Der Gleitaar ( Elanus melanopterus) ist auf der Oberseite schön aschgraublau, auf der Stirne und der Unterseite weiß, auf Flügeldecken und Schultern schwarz. Ein schwarzer Fleck steht vor dem Auge und zieht sich als schmaler Strich über demselben bis zur Schläfe fort. Das Auge ist prachtvoll hochrot, der Schnabel schwarz, die Wachshaut wie der Fuß orangegelb. Bei dem Männchen beträgt die Länge fünfunddreißig, die Breite achtundsiebzig, die Fittichlänge dreißig, die Schwanzlänge vierzehn Zentimeter. Das Weibchen ist etwas größer. Schon in Syrien tritt der Gleitaar nicht selten auf, in Ägypten ist er gemein. Von hier aus verbreitet er sich über ganz Afrika und über Südasien, verfliegt sich auch nicht allzuselten nach Europa, woselbst er nicht allein in Spanien, Süditalien, Griechenland und Dalmatien, sondern auch wiederholt in Frankreich, mehrere Male in Deutschland, in Flandern und in Großbritannien erlegt worden ist. In seinem eigentlichen Wohngebiete liebt er Gegenden, in denen Wald und Feld abwechseln, meidet also die großen ausgedehnten Waldungen. Er lebt immer paarweise und vereinigt sich nicht mit andern seiner Art, es sei denn, daß er Junge habe, die des Unterrichts noch bedürftig sind. Aber ein Paar wohnt dicht neben dem andern, und so kann es kommen, daß man zu gleicher Zeit vier bis sechs von ihnen in der Luft schweben sieht.

In seiner Lebensweise hat der Gleitaar manches mit den Bussarden, manches aber auch wieder mit den Weihen und Eulen gemein. Er ist am frühen Morgen und in den Abendstunden besonders tätig, auch in der Dämmerung, wenn andere Tagraubvögel bereits ihre Schlafstätten aufgesucht haben, noch rege. Zu verkennen ist er nicht, mag er nun fliegend sich bewegen oder auf einer seiner beliebten Warten sitzen. Im Fluge unterscheidet er sich von den meisten Raubvögeln dadurch, daß er seine Flügel hoch hält, das heißt die Schwingenspitzen bedeutend höher trägt als den Leib; im Sitzen erkennt man ihn an seiner blendenden Färbung, die im Strahle der südlichen Sonne auf weithin schimmert. In Ägypten pflegt er auf den Hebestangen der Schöpfeimer, mit deren Hilfe die Bauern ihre Felder bewässern, zu ruhen und heißt deshalb geradezu »Schöpfeimerfalk«. In Nubien wählt er sich einen günstig gelegenen Baum zu seiner Warte und hält von hier aus Umschau. Erblickt er eine Beute oder treibt ihn der Hunger, so streicht er ab und gleitet nun fast ohne Flügelschlag in mäßiger Höhe über den Boden dahin, hält sich, wenn er auf demselben ein Mäuschen laufen oder eine Heuschrecke sich bewegen sieht, rüttelnd eine Zeitlang auf einer und derselben Stelle fest, legt plötzlich die Flügel an, stürzt herab und trägt im günstigen Falle die gefangene Beute seiner Warte zu, um sie dort zu verspeisen. Heuschrecken verzehrt er oft auch noch im Fluge, die Mäuse immer auf Bäumen. Ein großes Feld genügt seinen Bedürfnissen, denn auch er ist sehr anspruchslos. Seine Haupt-, ja fast seine ausschließliche Nahrung besteht in Mäusen; Heuschrecken verzehrt er nur nebenbei. Junge Nestvögel verschmäht er natürlich auch nicht, und Wüsteneidechsen nimmt er, laut Heuglin, ebenfalls auf, vergreift sich sogar an Fledermäusen, die sonst nur noch von einzelnen Eulen erjagt werden.

Der Gleitaar ist ein ebenso anmutiges wie liebenswürdiges Tier. In Ägypten vertraut er den Menschen, weil er ihnen hier wirklich vertrauen darf. Er schwebt ungescheut zwischen den arbeitenden Bauern auf und nieder und legt seinen Horst ohne Sorge auf Orangenbäumen an, die der Gärtner allwöchentlich besucht, um die Früchte abzunehmen. Doch wird er auch vorsichtig, wenn er den mordlustigen Europäer kennengelernt hat, und scheut sich dann wohl, in Schußnähe zu kommen. Gegen sein Weibchen benimmt er sich sehr zärtlich; um harmlose Vögel bekümmert er sich nicht, starke Raubvögel hingegen verfolgt er eifrig und unter viel Geschrei. Seine Stimme hat Ähnlichkeit mit der unseres Baumfalken; die einzelnen Töne sind aber länger gezogen, fast pfeifend und auf weithin vernehmbar.

Die Brutzeit fällt in Ägypten in unsere Frühlingsmonate, im Sudan in den Anfang der Regenzeit. Die Eier sind auf grauweißem Grunde höchst unregelmäßig kirschbraun gefleckt und gestrichelt, so daß das Weiß kaum durchschimmert. Ihre Länge beträgt vierzig, ihr Durchmesser an der dicksten Stelle einunddreißig Millimeter. Alle Horste, die ich bestieg, standen auf niedrigen, dichtwipfeligen Bäumen, höchstens sechs Meter über dem Boden, waren flach, aus feinem Reisig erbaut und innen mit Würzelchen und Grashalmen ausgefüttert, wenn sie Junge enthielten, mit Mäusegewölle und Mäusehaaren bedeckt, ja förmlich ausgepolstert.

Jung aus dem Nest genommen, werden die Gleitaare ebenso zahm wie unser Turm- oder Baumfalk, aber auch alt eingefangene und selbst solche, die verwundet in die Gewalt des Menschen kamen, zeigen sich bald zutraulich, bedienen sich dem Gebieter gegenüber ihrer scharfen Waffen nicht, und öffnen nur zuweilen drohend den Schnabel, ohne jedoch zu beißen. Das Futter nehmen sie schon nach wenigen Tagen ihrem Wärter aus der Hand. Im Zimmer gewöhnen sie sich rasch ein, scheinen sich überhaupt wenig nach ihrer Freiheit zu sehnen. Mit andern Vögeln vertragen sie sich aber nicht. Die Haltung gefangener Gleitaare fordert übrigens einige Vorsicht. Wenn man ausschließlich mit rohem Fleisch füttert, gehen sie bald zugrunde; sie bedürfen, wie die Eulen, einer Nahrung, die ihnen gestattet, Gewölle zu bilden.

*

Ein in jeder Hinsicht auffallender und bei aller Einfachheit der Zeichnung prachtvoller Raubvogel Süd- und Mittelamerikas, der sich jedoch schon wiederholt nach Europa verflogen und deshalb auch unter den Vögeln dieses Erdteiles aufgezählt wird, ist der Schwalbenweih ( Nauclerus forficatus), Vertreter einer gleichnamigen Sippe ( Nauclerus). Sein Flügel ist schwalbenartig gebaut, sehr lang und sanft zugespitzt, in ihm die zweite oder dritte Schwinge die längste, der Schwanz außerordentlich entwickelt und so tief gegabelt, daß die äußersten Federn mehr als noch einmal so lang sind als die mittelsten. Das ganze Gefieder ist mit Ausnahme des Mantels, der Flügel und des Schwanzes weiß; letztere Teile sind schwarz, metallischgrün glänzend, die Armschwingen an der Innenfahne bis gegen die Spitze hin rein weiß, die letzten Schwingen nur an der Spitze schwarz. Das Männchen ist etwas kleiner als das Weibchen. Die Länge beträgt sechzig, die Breite einhundertunddreißig, die Fittichlänge vierzig bis fünfundvierzig, die Schwanzlänge, an der äußersten Feder gemessen, dreißig Zentimeter.

In ganz Südamerika, von Südbrasilien an bis zu den südlichen Vereinigten Staaten, ist der Schwalbenweih ein an vielen Orten vorkommender und stellenweise häufiger Vogel. Die Vereinigten Staaten und Texas bewohnt er nur während der Sommermonate. Er erscheint, laut Audubon, in Louisiana und Mississippi, wo er gemein ist, zu Anfang des April in großen Scharen und verläßt das Land wieder im September. Einzelne schweifen über die Grenzen ihres Verbreitungskreises hinaus und zeigen sich in Pennsylvanien, Neuyork und andern nördlichen Staaten, sind aber ebensogut als verflogene anzusehen, wie diejenigen, die in Europa erlegt wurden. Eigentlich seßhaft sind sie nur im Süden Nordamerikas.

Höchst selten sieht man den Schwalbenweih einzeln oder paarweise, gewöhnlich in zahlreichen Trupps, in hoher Luft schwebend oder teilweise aufgebäumt. Solche Flüge zählen zwanzig bis zweihundert Stück. »Der Flug des Schwalbenweihes«, sagt Audubon, »ist überraschend schön und sehr anhaltend. Der Vogel bewegt sich durch die Luft mit solcher Leichtigkeit und Zierlichkeit, daß jeder, der auch nur einigermaßen Vergnügen an Beobachtung der Vögel hat, von dem Schauspiel entzückt sein muß. Dahingleitend, steigt der Weih in großen Kreisen zu unschätzbarer Höhe auf, nur mit dem tiefgegabelten Schwanz die Richtung des Fluges bestimmend, stößt plötzlich hernieder mit der Schnelligkeit des Blitzes, erhebt sich von neuem, segelt Weg und ist bald außer Sicht. Ein anderes Mal sieht man einen Schwarm rund um einen Baum oder zwischen den Zweigen hindurch jagen, den Stamm fast berührend, um Kerfe oder kleine Eidechsen zu ergreifen. Die Bewegungen sind bewunderungswürdig schnell und mannigfaltig. Die tiefen Bogen, die plötzlichen Kreise und Querzüge und die außerordentliche Leichtigkeit, mit der die Vögel die Luft zerschneiden, muß jeden Beobachter entzücken.«

Die Nahrung des Schwalbenweihs besteht vorzugsweise, zeitweilig ausschließlich in Kerbtieren. Er jagt ganz in der Weise, wie Schwalben bei ihrer Jagd zu Werke gehen, nur mit dem Unterschied, daß der Schwalbenweih seine Beute nicht mit dem Schnabel, sondern mit dem Fuße ergreift. »Bei unserer Reise durch die Berge« erzählt Owen, »sahen wir einen großen Schwarm von Schwalbenweihen niedrig über unserm Weg durch die Luft gleiten. Manche von ihnen schwebten kaum vier Meter über dem Boden weg. Der ganze Haufen hielt sich eng zusammen und erinnerte an unsern Turmsegler. Die Vögel flogen nicht schnell, aber kräftig und stetig, ohne jegliche sichtbare Bewegung der Flügel. Einige zogen vier oder fünf Meter an uns vorüber und gaben uns dabei die beste Gelegenheit, ihre Bewegungen genau zu beobachten. Dann und wann wurde ein Haupt langsam und anmutig gedreht oder niedergebogen, dann zugleich der Fuß, der sich vorher zusammenkrampft und einen Gegenstand gefaßt hatte, vorgeschoben, so daß er den bisher geschlossenen Schnabel berührte. In dieser Stellung verblieb der Weih aber nur einen Augenblick. Der Schnabel wurde geöffnet, die Beute verschluckt und das Haupt wieder erhoben. Diese Bewegung wiederholte die ganze Gesellschaft. Die Ursache wurde uns bald klar: die Schwalbenweihen jagten auf eine prächtig gefärbte Bienenart.«

»Der Schwalbenweih«, schließt Audubon, »paart sich sofort nach seiner Ankunft in den südlichen Staaten. Seine Brautwerbung geschieht im Fluge, und seine Bewegungen sind dann schöner als je. Der Horst wird regelmäßig in den Wipfelästen der höchsten Eichen oder Fichten erbaut, am liebsten an dem Ufer eines Stromes oder Teiches. Er ähnelt dem der gewöhnlichen Krähe, besteht äußerlich aus trockenen Reisern, vermischt mit ›spanischem‹ Moos, und ist innerlich mit weichem Gras und einigen Federn ausgefüllt. Die vier bis sechs Eier des Geleges, deren Längsdurchmesser ungefähr fünfzig, und deren Querdurchmesser etwa vierzig Millimeter beträgt, sind auf grünlich- oder milchweißem Grund gegen das stärkere Ende hin mit wenigen unregelmäßigen Flecken von dunkel- oder rostbrauner Farbe gezeichnet. Männchen und Weibchen brüten abwechselnd, und einer der Gatten füttert dabei den andern. Die Jungen entschlüpfen dem Ei in einem Daunenkleid von gelblicher Farbe, erhalten sodann ihr Jugendkleid und ähneln bereits im Herbst vollständig den Alten, deren Kleid sie im nächsten Frühling tragen.«

*

Die Milane ( Milvus) sind mittelgroße, schlank gebaute Raubvögel mit verhältnismäßig kleinem, jedoch ziemlich langhakigem, zahnlosen, weit gespaltetem Schnabel, kurzen, wenig befiederten Läufen und mäßig großen, mit schwach gekrümmten Krallen bewaffneten Fängen, verhältnismäßig sehr großen und langen Flügeln, langem, mehr oder minder gabelförmigem Schwanz und großem, lockerem, abstehendem Gefieder.

Wohl der ausgezeichnetste aller Milane ist der Königsweih, Rotmilan oder Gabelweih ( Milvus regalis), ein stattlicher Raubvogel von fünfundsechzig bis zweiundsiebzig Zentimeter Länge, einhundertundvierzig bis einhundertundfünfzig Zentimeter Breite, fünfzig Zentimeter Fittichlänge und, an den äußersten, längsten Federn gemessen, achtunddreißig Zentimeter Schwanzlänge. Von seinen europäischen Verwandten und allen andern Milanen überhaupt unterscheidet er sich durch seinen etwa zehn Zentimeter tief gegabelten Schwanz. Beim alten Männchen sind Kopf und Kehle weiß, alle Federn in der Mitte durch einen schmalen, schwarzbraunen Schaftstrich gezeichnet, die Kopffedern hell rostfarben überhaucht, Hinterhals, Nacken und Vorderbrust rostrot, die Rücken- und Schulterfedern in der Mitte schwarzbraun, rostrot eingefaßt, Bauch, Brust und Hosen schön rostrot, durch mäßig breite, schwarze Schaftstriche geziert, die Handschwingen schwarz, an der Wurzel weiß, die mittleren schwarz, rostbraun überlaufen und mit dunklen, schmalen Querbinden geschmückt, die kleinen Unterflügeldeckfedern rostrot und schwarz gefleckt, die großen schwarz, rostrot umsäumt, die mittleren Schwanzfedern rostrot, die äußeren schwärzlich, gegen die Spitze hin braun überlaufen, an dieser schmal schmutzigweiß gesäumt, Schwingen und Steuerfedern unterseits weiß, schmal schwärzlich quergebändert. Beim Weibchen ist der Kopf dunkler, der Rücken einfarbiger braun, die Rostfarbe im ganzen lichter, die schwarze Fleckenzeichnung und die weiße Federbesäumung schmäler, letztere auch schmutziger als beim Männchen. Das Auge hat silberfarbene, in hohem Alter blaßgelbe Iris, der Schnabel ist an der Wurzel gelb, bei mittelalten Vögeln bläulich, an der Spitze immer schwarz, die Wachshaut gelb wie der Fuß. Beim jungen Vogel sind alle Farben lichter und trüber als beschrieben, die Schaftstriche minder deutlich ausgedrückt, die Federn meist mit breiten, gelben Kanten umsäumt, der Augenstern braun, der Schnabel schwarz, die Wachshaut wie der Fuß blaßgelb.

Ebene Gegenden Europas von Südschweden an bis Spanien und von hier bis Sibirien sind die Heimat des unedlen Raubvogels, den Schiller als »König der Lüfte« bezeichnet hat. Innerhalb dieses für einen Milan ausgedehnten Verbreitungsgebietes findet sich der Königsweih keineswegs überall, sondern nur hier und da. Im südlichen Skandinavien ist er häufiger, in Dänemark über alle Inseln verbreitet, in Holland und Belgien höchstens auf dem Zuge anzutreffen, in Frankreich, Portugal und Spanien, ebenso in Süd- und Mittelitalien an passenden Orten ständiger Ansiedler, in den Donautiefländern überall vorkommender, im ebenen Polen regelmäßiger, in Südrußland gelegentlich auftretender Brutvogel. In Deutschland horstet er im ebenen Thüringen, in der Mark, in Sachsen, Braunschweig, Hannover, Rheinpreußen, Mecklenburg, Pommern, Posen, West- und Ostpreußen geeigneten Ortes wohl überall, wogegen er in Westfalen und Oberschlesien strichweise gänzlich zu fehlen scheint, in Bayern nur die weiten Ebenen bewohnt und im Südwesten Deutschlands durch seinen Verwandten vertreten wird. Gebirgige Gegenden unsers Vaterlandes berührt er nur während seines Zuges. Er erscheint regelmäßig zu Anfang des März und verweilt im Lande bis zu den ersten Tagen des Oktober, bleibt auch wohl in gelinden Wintern einzeln in der Heimat. Auf seinen Zügen vereinigt er sich oft zu zahlreichen Flügen von fünfzig bis zu zweihundert Stück, und solche Reisegesellschaften scheinen während des ganzen Winters zusammenzuhalten. Bei Toledo beobachteten wir mitten im Winter einen Flug, der mindestens achtzig Stück zählte, in inniger Verbindung, bei Tage gemeinschaftlich jagend, nachts ein kleines Wäldchen am Ufer des Tajo zum Schlafplatz erwählend, wogegen zur Sommerszeit in derselben Gegend der Königsweih höchstens paarweise getroffen wird. Seine Wanderung führt ihn durch Nordwestafrika, bis zu den Inseln des Grünen Vorgebirges. Die Straße von Gibraltar kreuzt er jährlich zweimal in größerer Anzahl.

Der Königsweih ist nichts weniger als ein königlicher Vogel, weil träge, ziemlich schwerfällig und widerlich feig. Sein Flug ist langsam, aber ungemein anhaltend und sanft schwimmend, wird zuweilen viertelstundenlang durch keinen Flügelschlag unterbrochen und dann nur durch den breiten Schwanz geregelt, hebt den Vogel, scheinbar ohne jegliche Anstrengung, zu ungemessenen, dem menschlichen Auge kaum noch erreichbaren Höhen empor und trägt ihn ein andermal durch weite Strecken, auch dicht über den Boden dahin. Der Gang ist schlecht, mehr ein Hüpfen als ein Schreiten, die Haltung des aufgebäumten Vogels dadurch bezeichnend, daß er den Hals soviel als möglich einzieht, weshalb der Kopf zwischen den Schultern zu sitzen scheint, und ebenso dadurch, daß er den Schwanz nicht immer gerade herabhängen läßt, sondern meistens ein wenig nach vorn biegt, wodurch die Gestalt, von der Seite gesehen, durch eigentümlich geknickte Umrißlinien ausfällt. Unter den Sinnen steht offenbar das Gesicht obenan, wie schon das schöne Auge, deutlicher aber das Benehmen des in unendlicher Höhe dahinziehenden Vogels beweist, wenn ihm irgendwelche Beute winkt oder eine größere Eule sich zeigt; nächstdem dürften Gehör und vielleicht noch Gefühl als entwickelt bezeichnet werden. Mehr als jeder andere richtet er sein Benehmen den Umständen entsprechend ein, unterscheidet den Jäger mit großer Sicherheit von dem Landmann, meidet Ortschaften, in denen er üble Erfahrungen gemacht hat, und wird in anderen zu einem ebenso dreisten und zudringlichen Bettler wie seine Verwandten. Seine Stimme ist wenig anmutig, langgezogen und lachend meckernd; die Silben »Hihihiää« geben sie ungefähr wieder. Zur Begattungszeit hört man ein eigentümliches Getriller.

Kleine Säugetiere und noch nicht flugfähige Vögel, Echsen, Schlangen, Frösche und Kröten, Heuschrecken, Käfer und Regenwürmer bilden die Nahrung des Königsweihes. In den Bauerngehöften raubt er junge Küchlein weg, dem Gänsehirten macht er Sorgen, den Jäger erbittert er wegen seiner Angriffe auf junge Hasen oder Rebhühner, dem Edelfalken treibt er durch schamloses Betteln die erworbene Beute ab. Aller dieser Sünden ungeachtet gehört er kaum zu den schädlichen Vögeln unseres Vaterlandes. Wenn eine Mäusepest die Felder heimsucht, stellt auch er sich ein, und nunmehr lebt er wochenlang herrlich und in Freuden. Rechnet man ihm die Vertilgung der Mäuse und verderblicher Kerbtiere gebührend an, so muß man zu dem Schlusse kommen, daß ihm ein junges Häschen oder Gänslein wenigstens nicht zu mißgönnen ist. Unter der Jägerei aber gilt es als unbestreitbare Tatsache, daß er der Wildbahn unendlichen Schaden zufügt, und jedermann fühlt sich deshalb berufen, ihn samt seiner Brut zu zerstören, wo dies immer möglich. In Wahrheit zählt er zu den harmlosesten aller unserer Raubvögel. Nur während der Fortpflanzungszeit wird er im Gehöfte wie in der Wildbahn wirklich schädlich.

Bald nach seiner Ankunft im Frühjahre schreitet der Königsweih zur Fortpflanzung. Falls irgend möglich, bezieht er wiederum den Brutplatz, den er im vorigen Jahre innehatte, nicht aber immer auch denselben Horst. Wenn er es haben kann, nimmt er mit einem alten Krähenneste oder Falkenhorste vorlieb; sonst führt er den Bau selbst aus. Nachdem das Paar längere Zeit in herrlichen Flugspielen über dem ausersehenen Walde sich vergnügt, entscheidet es sich endlich für einen bestimmten Baum und beginnt nun entweder in den Wipfelzweigen oder auf einem Seitenaste den etwa einen Meter im Durchmesser haltenden Horst zu errichten. Dieser unterscheidet sich in der Bauart nicht wesentlich von dem eines Bussards oder eines andern Raubvogels, wohl aber regelmäßig dadurch, daß der Königsweih die Nestmulde mit Lumpen und Papier verschiedener Art auszukleiden beliebt und nicht immer dazu die saubersten Lumpen oder Fetzen erwählt. Einzelne Paare des Königsweihes haben ganze Vogelscheuchen in ihren Horst geschleppt, andere der Wäscherin Vorhänge von den Trockenleinen gestohlen, um mit ihnen die Nestmulde auszupolstern. Die zwei bis drei, in sehr seltenen Fällen auch wohl vier Eier ähneln denen des Mäusebussards in hohem Grade, sind jedoch in der Regel etwas größer. Ihr Längsdurchmesser beträgt neunundfünfzig bis zweiundsechzig, ihr Querdurchmesser fünfundvierzig bis siebenundvierzig Millimeter. Ihre Schale ist feinkörnig, jedoch glanzlos, die Grundfärbung ein schwach ins Grünliche spielendes Weiß, die Zeichnung aus bunten Spitzenflecken und grobem Gekritzel von dunkel rotbrauner Färbung hergestellt. Wie es scheint, brütet nur das Weibchen; wenigstens sieht man, so lange es sitzt, das Männchen eifrig beschäftigt, die Gattin mit der nötigen Nahrung zu versorgen. Nach einer Brutzeit von etwa vier Wochen entschlüpfen die Jungen, und nun wetteifern beide Eltern, ihnen Nahrung in Hülle, und Fülle herbeizuschleppen. Ihre Gefräßigkeit steht der anderer Raubvögel vollkommen gleich, spornt die Alten zu fast ununterbrochener Jagd an und wird Ursache zu den meisten Übergriffen, die sie sich gestatten. Solange das Weibchen brütet, sitzt es sehr fest auf den Eiern und fliegt erst nach wiederholtem Klopfen vom Horste ab; wenn jedoch die Jungen erst einigermaßen groß geworden sind und der elterlichen Hilfe nicht dringend bedürfen, setzen sich die Alten nicht mehr so rücksichtslos der Gefahr aus, entfliehen vielmehr bei Ankunft eines Menschen rechtzeitig, lassen sich auch durch die hungrigen, schreienden Jungen nicht in den Bereich eines Gewehres locken und versuchen höchstens aus sicherer Höhe herab Nahrung auf den Horst zu werfen.

Unter geeigneter Pflege wird der Königsweih in der Gefangenschaft bald zahm. Ist er beim Einfangen bereits erwachsen, so pflegt er sich, wie Stölker erfuhr, angesichts des Menschen in höchst absonderlicher Weise zu gebaren, indem er sich tot stellt, sich platt auf den Boden legt und sich regungslos verhält, sich wohl auch von einer Sitzstange herabfallen und Flügel und Schwanz schlaff hängen läßt, selbst den Schnabel öffnet und die Zunge hervorstreckt, gestattet, ohne ein Lebenszeichen zu geben, daß man ihn an einem Fange aufhebt, und, wenn man ihn wieder auf den Boden bringt, genau ebenso liegen bleibt, wie man ihn hinlegte. Solch heuchlerisches Spiel treibt er geraume Zeit, verstellt sich aber bald immer seltener, spielt nicht mehr den vollständig, höchstens den Halbtoten, sieht endlich ein, daß alle Täuschung nichts fruchtet, gibt fernere Versuche auf, vertraut mehr und mehr und betätigt endlich größte Hingebung an den fütternden Gebieter. Von mir gepflegte Vögel dieser Art verfehlten nie, mich zu begrüßen, so bald ich mich von weitem sehen ließ, gleichviel, ob ich ihnen Futter brachte oder nicht, unterschieden mich auf das bestimmteste von anderen Leuten und erkannten mich in jeder Entfernung, selbst im dichtesten Menschenstrome. Genügsam sind die Königsweihen in hohem Grade, mit ihresgleichen und mit anderen Tieren höchst verträglich, daher wohl als liebenswürdige Raubvögel zu bezeichnen.

*

In manchen Gegenden unseres Vaterlandes vertritt den Königsweih, an anderen Orten gesellt sich ihm der Milan ( Milvus migrans). Er ist merklich kleiner als der Königsweih. Seine Länge beträgt fünfundfünfzig bis achtundfünfzig, die Breite einhundertsechsundreißig bis einhundertfünfundvierzig, die Fittichlänge vierundvierzig bis siebenundvierzig, die Schwanzlänge sechsundzwanzig bis neunundzwanzig Zentimeter. Erstere Maße gelten für das Männchen, letztere für das Weibchen. Das Gefieder ist in allen Teilen erheblich dunkler als das des Königsweihes, der Name »schwarzer Milan« im Vergleiche zu »roter Milan« daher nicht gänzlich ungerechtfertigt. Kopf, Nacken, Kinn, Ober- und Unterkehle sind auf weißgrauem Grunde durch schmale, ungleich breite, schwarzbraune Striche längsgezeichnet, die Mantelfedern dunkel erdbraun, lichter gerändert, die der Kropfgegend fahl erdbraun, mit ziemlich breiten, aus beiden Seiten grauweiß gesäumten Schaftstrichen geziert, die der Brust rötlichgrau, die des Bauches und die unteren Schwanzdecken mehr oder weniger rein rostbraun, leicht graulich überflogen und schmal schwarz längsgestrichelt, die Schwingen schwarzbraun mit Kupferglanz, die Oberflügeldecken licht erdgrau, heller gesäumt, die Steuerfedern dunkel erdbraun, mit acht bis zwölf verloschenen, aber regelmäßigen Binden und einem licht fahlgrauen Saum an der Spitze des Schwanzes ausgestattet. Der Augenring ist braungrau, der Schnabel hornschwarz, die Wachshaut gelb, der Fuß orangegelb.

Das Verbreitungsgebiet des Milan ist wie das aller seiner Verwandten ziemlich beschränkt. In Mitteldeutschland gehört er zu den seltenen Vögeln; in der Mark, namentlich in der Nähe der Havelseen, in Pommern, Mecklenburg, am Oberrheine und in der unteren Maingegend, zumal in Rheinhessen und Baden, ist er häufiger, in Niederösterreich, Ungarn, den Donautiefländern, einem großen Teile von Rußland und ebenso in Italien und Spanien ein regelmäßig vorkommender, an geeigneten Stellen gemeiner, sogar gesellschaftlich horstender Brutvogel. Bei uns zulande Sommergast, der im März eintrifft und die Heimat im Oktober wieder verläßt, überwintert er bereits im südlichen Europa; der eine oder der andere seines Geschlechtes reist jedoch auch von hier ab, um in Afrika die rauhe und arme Jahreszeit zu verbringen.

Unmittelbar nach seiner Ankunft im Frühjahre begibt sich der Milan auf seinen vorjährigen Horstplatz und beginnt nunmehr sein Sommerleben. Ich danke dem Kronprinzen, Erzherzog Rudolf von Österreich, eine so vortreffliche und richtige Schilderung des letzteren, daß ich nichts besseres tun kann, als sie hier wiederzugeben und hier und da einzelne Beobachtungen anderer Forscher einzuschalten. »In Ungarn ist der schwarze Milan ein ziemlich gewöhnlicher Vogel; in Niederösterreich habe ich ihn immer nur in bestimmten Gegenden, hier aber regelmäßig, beobachtet. Seine eigentlichen Aufenthaltsorte sind Wälder, die an Flüssen, besonders großen Strömen, und in der Nähe von Sümpfen sich erstrecken. Die hohen Bäume sucht er übrigens nur deshalb auf, um auf ihnen zu horsten oder zu schlafen. Im Laufe des Tages zieht er fortwährend über und unter den Gebüschen und längs der Gewässer umher. Sein ganzes Sein und Wesen erfordert eine flache Gegend mit viel Wasser; daher sagen ihm unsere Donauauen besonders zu. Wer ihn kennt, wird ihn sich gewiß nicht im Hügel- oder Mittelgebirge denken können. Man findet ihn hier niemals, weder im Hoch- noch im Waldgebirge, noch auf Hochebenen; er meidet selbst jene Waldungen, die an ausgedehnte Wiesen und Felder stoßen. Die scharfe Abgrenzung seines Aufenthaltsortes geht so weit, daß er z. B. in den von dem Donaustrome durchflossenen Auen unter den vielen in diesen Gegenden lebenden Raubtieren das häufigst vorkommende ist, wogegen er eine Meile von hier, in den Vorhölzern des Wiener Waldes, niemals bemerkt wird.

Eigentlich läßt sich der Milan nur während der Paarungs- und Brutzeit leicht beobachten; außerdem verhindert sein flüchtiges, unstetes Leben, ihm zu nahen. Wenn man in die Auen an der Donau eindringt, wird man zuerst über dem niederen Gestrüppe am Rande der Felder einzelne streichende Milane gewahren, die entweder über die Auen hinaus oder in dieselben zurück auf Raub ausziehen. Je weiter man in die dichteren und höheren Bestände hineinwandert, desto mehr wird man unserem Vogel allenthalben begegnen. Besteigt man einen Kahn, um einen einsamen Stromarm zu befahren, so wird man um die hohen Bäume der kleineren, wirr verwachsenen Inseln die Männchen im Frühjahre kreisen sehen, während drinnen die Weibchen auf dem Horste sitzen. Von Zeit zu Zeit sieht man einen Milan nach dem anderen aus den Inseln über den Hauptstrom nach den Auen des anderen Ufers streichen, das Boot oft gar nicht berücksichtigend.

Der Flug dieses Vogels ist außerordentlich schön, besonders wenn er über dem Wasserspiegel größerer Ströme gaukelt, wie er dies Viertelstunden lang zu tun pflegt. Doch gewinnt man erst im Frühjahre zur Paarungszeit die richtige Vorstellung seiner Flugkünste. Angeregt durch das Hochgefühl der Liebe, steigt das Paar hoch in die Lüfte und kreist. Plötzlich läßt sich der eine oder der andere mit schlaff hängenden Flügeln bis knapp über die Wasserfläche fallen, zieht dann pfeilschnell in krummen Linien eine kurze Strecke dahin, fliegt rasch wieder umgekehrt, rüttelt wie der Turmfalk und führt die wunderbarsten Bewegungen nach allen Richtungen aus.

Auf den verlassensten Inseln, die nur selten ein Mensch betritt, hat man den einfach gebauten Horst zu suchen. Er steht tiefer als halbe Baumeshöhe auf den stärksten Bäumen, meist in der Zwisel zwischen dem Stamme und einem dicken Aste. Dünn übereinander gelegte Reiser bilden den schlenderischen Bau, außerhalb dessen schon von weitem der gegabelte Stoß des Weibchens zu bemerken ist. In den meisten Fällen bemächtigt sich unser Milan verlassener Reiherhorste, und so kommt es, daß der seinige von dem des Fischreihers oft kaum zu unterscheiden ist. Ich fand weitaus die meisten Horste auf jenen Inseln, auf denen sich Reiher- und Scharbenstände befanden; auf solchen, wo der Bussard, Königsweih und die größeren Falken nisten, bemerkte ich während der Brutzeit unseren Vogel niemals. Die Zeit, in der dieser brütet, schwankt erheblich. Ende April besuchte ich Horste, in denen die Weibchen schon sehr fest auf den Eiern saßen, wogegen mehrere andere Paare noch bauten, einige sogar erst Nistplätze suchend umherstrichen. Um die Mitte des Mai waren die meisten Horste von brütenden Weibchen besetzt.

Wer den Milan beobachtet, muß bemerken, daß er die Gesellschaft des Sumpf- und Wassergeflügels in hohem Grade liebt, und es darf wohl als ein Beweis seiner Harmlosigkeit dienen, daß diese Vögel in dem freundschaftlichsten Verhältnisse mit ihm leben. Ich fand einmal einen Horst am Ufer einer großen Insel; hundert Schritte davon waren alle Bäume mit Reiher- und Scharbennestern besetzt, zwischen denen man auch die Horste des Turm- und Baumfalken bemerkte. Alle Bewohner dieser Ansiedelung strichen im besten Einvernehmen untereinander umher, und der männliche Milan führte seine Flugkünste zwischen den kreisenden Reihern aus. Ich glaube, daß ein Hauptgrund des Zusammenlebens der Reiher und Scharben mit den Milanen die große Freßgier der letzteren und ihre Trägheit im Suchen nach Beute ist. Ihre Lieblingskost bilden Fische, und leicht wird es ihnen, in der Nähe der Reiher ihren Hunger zu stillen, da diese von ihren Horsten herab viele große Fische fallen lassen, deren sich dann andere Schmarotzer bemächtigen. Zwar ist unser Milan ein nicht ungeschickter Fischer, findet es aber bequemer, zu betteln und zu schmarotzen. Auch im Fluge jagt er den großen Wasservögeln und den Fischadlern durch seine Zudringlichkeit Beute ab. Abgesehen von Fischen, bilden junge Hasen, Hamster, Zisel und Mäuse, vor allem aber Frösche, seine gewöhnliche Nahrung. Dem Hühnerhofe wird er durch unglaubliche Keckheit gefährlich; denn ohne jede Sorge und Rücksicht raubt er in allen Ortschaften die Küchlein und jungen Enten angesichts ihrer Eltern weg, und nur das Feuergewehr kann seinen Raubgelüsten hier steuern. Ich sah einst in einem Dorfe, das am Rande der Aue in der Ebene liegt, einen Milan regelmäßig jagen, über einem Gehöfte in der Höhe der Rauchfänge nach Turmfalkenart rudernd nach Beute spähend.«

Hinsichtlich des Fortpflanzungsgeschäftes unseres Milans habe ich hinzuzufügen, daß der Horst ebenso wie der des Königsweihes regelmäßig mit Lumpen, alten Schürzen, Nachtjacken oder zusammengeballten Säugetierhaaren, Werg und ähnlichen Stoffen ausgekleidet wird, sich also leicht von dem aller übrigen einheimischen Raubvögel unterscheiden läßt. Ob der Milanhorst besetzt ist, verrät sich, laut Blasius, gewöhnlich durch die Lumpen oder Wergflocken, die am Rande des Horstes oder auf den Zweigen in der Nähe des letzteren beim Zutragen hängen geblieben sind. Das Gelege, das durchgehends zu Ende des April vollzählig zu sein pflegt, besteht aus drei bis vier, denen des Königsweihes täuschend ähnlichen, auf gelblichem oder graulichweißem Grunde braun gemarmelten und dicht gefleckten Eiern. Wie es scheint, brütet nur das Weibchen; es sitzt meist so außerordentlich fest auf dem Horste, daß es sich nur durch einen Schuß aus demselben vertreiben läßt. Wenn das Weibchen vorher nicht gestört wurde, pflegt es nach kurzer Frist zu dem Horste zurückzukehren, von dem es gescheucht wurde, wogegen das Männchen oft stundenlang auf sich warten läßt. Behelligt man das Paar fortdauernd und erlegt man endlich das Weibchen, so kann es, wie Preen erfuhr, geschehen, daß das Männchen die Eier vernichtet. Die Jungen entschlüpfen nach ungefähr dreiwöchentlicher Brutzeit den Eiern und werden anfänglich mit vorverdautem Fleische, mit Fröschen und Fischen geatzt. So wie der alte Milan in Flug und Haltung etwas Adlerähnliches nicht verleugnen kann, so erinnert er auch im Dunenkleide an den Schreiadler. Noch ehe seine Füße ihn tragen, hält er den Kopf aufrecht, und furchtlos und ruhig sieht er jedem entgegen, der sich ihm nähert. Gewöhnlich verläßt er den Horst schon, ehe die Schwanz- und Flügelfedern ihre volle Größe erreicht haben, und kann dann bei Regenwetter auf dem Boden oder auf niederen Bäumen leicht mit der Hand gefangen werden. Der Königsweih dagegen ist anfangs scheu und furchtsam und liegt gewöhnlich lang hingestreckt, den Kopf auf den Boden des Horstes gedrückt. Vollkommen ausgebildet, verläßt er nur zwangsweise den Horst, drückt sich lieber platt nieder und läßt sich noch mit der Hand fangen, wenn er schon volle Flugfertigkeit erreicht hat. Ein einziger Blick auf den mit Jungen besetzten Horst läßt also keinen Zweifel darüber, ob man den schwarzen oder den roten Milan vor sich hat.« Sie verlangen nach dem Ausfliegen noch längere Unterstützung von Seiten ihrer Eltern; denn man sieht die Familie mehrere Wochen beisammen und kann bei einigermaßen aufmerksamer Beobachtung leicht gewahren, wie die Alten ihre Jungen nicht bloß in allen Künsten des Fluges, sondern auch in der für ihr späteres Leben wichtigen Fertigkeit zu betteln und zu schmarotzen unterrichten. Erst im Spätsommer vereinzelt sich die Familie, und jedes Glied geht nunmehr selbständig seinen Geschäften nach, bis gegen Herbst hin die Paare sich zu Trupps und diese zu Schwärmen vereinigen, die sodann gemeinsam die Winterreise antreten.

Das allgemeine Urteil bezeichnet den Milan als einen unserer schädlichsten Raubvögel. Ich vermag nicht, dieser Ansicht bedingungslos beizutreten, meine vielmehr, daß der von ihm verursachte Schaden in denjenigen Gegenden, die er als Wohnungsorte bevorzugt, nicht so erheblich in das Gewicht fällt. Am meisten schadet er unzweifelhaft dadurch, daß er andere Raubvögel in der widerwärtigsten Weise anbettelt oder so lange belästigt, bis sie ihm die erhobene Beute zuwerfen, sie also zwingt, mehr zu rauben, als sie selbst bedürfen. Er selbst erhebt allerdings, was er erlangen kann, schädigt den Bestand der freilebenden wie der gezähmten Tierwelt aber doch nur in den letzten Tagen seiner Fortpflanzungszeit in erwähnenswerter Weise. Wägt man seine uns nützenden und seine uns schadenden Taten gewissenhaft ab, so kommt man zu dem Schlusse, daß sich beide ungefähr das Gleichgewicht halten.

Der Milan ist, wie Erzherzog Rudolf noch hervorhebt, ein ausgesprochener Feind des Uhu, ohne aber mit der Lebhaftigkeit anderer Falken zu stoßen. »In einem dichten, jungen Holze, das, durch einen Wasserarm von den Feldern getrennt, am Rande der Aue liegt, setzte ich meinen Uhu auf einen freien Platz und verbarg mich im Gebüsche, um einige daselbst nistende Wiesenweihen zu erlegen. Kaum daß einige der letzteren zu stoßen begannen, erschienen, durch den Lärm herbeigelockt, aus der Höhe auch ein paar Milane und kreisten über dem Uhu. Sie blieben aber stets in derselben Höhe, durch Schrotschuß unerreichbar, stießen nicht, ließen sich ebensowenig durch vergebens abgefeuerte Schüsse zum Aufsteigen in höhere Luftschichten bewegen und verließen nach etwa zehn Minuten den Platz in derselben Richtung, aus der sie gekommen waren.«

Im Käfige ist der Milan, wie seine Verwandten, ein angenehmer Vogel. Er macht wenig Ansprüche und ergibt sich bald in den Verlust seiner Freiheit, gewinnt nach kurzer Zeit seinen Pfleger außerordentlich lieb, begrüßt ihn mit fröhlichem Geschrei, wenn er ihn von weitem erblickt, und versucht überhaupt, seine Zuneigung in jeder Weise an den Weg zu legen. Mit anderen Raubvögeln gleicher Größe verträgt er sich vortrefflich.

*

Die Feldweihen ( Circus) endlich sind mittelgroße, schlank gebaute Raubvögel mit kleinem, schwächlichem Leibe, zartem, schwachem, stark gekrümmtem, langhakigem und stumpfzähnigem Schnabel, sehr langen, schlanken und kurzzehigen Füßen, großen und langen, aber ziemlich schmalen Flügeln, mittellangem, breitem Schwanze und weichem, seidig glänzendem Gefieder. Im Fittiche überragen die dritte und vierte Schwinge die anderen; die erste dagegen ist auffallend kurz. Die Gesichtsfedern sind zu einem Schleier ausgebildet.

*

Unser Kornweih ( Circus cyaneus) ist einer der schönsten Falken unseres Erdteiles. Die ganze Oberseite des alten Männchens, mit Ausnahme des braun und weiß längsgestreiften Genickes, hat licht aschbraune, die Unterseite weiße Färbung; die erste Schwinge ist schwarzgrau, die fünf folgenden sind schwarz, gegen die Wurzel hin grau oder weiß, die übrigen aschgrau, die mittleren Schwanzfedern hell aschgrau, nach dem Rande zu lichter, ins Weißliche spielend; die äußersten mit schwacher, unregelmäßiger Bänderung im Wurzelteile. Bei dem alten Weibchen ist die Oberseite fahlbraun, das Gefieder des Hinterkopfes, Hinterhalses und des Obergeflügels rostgelblich gerändert, ein Streifen über dem Auge weißlich, die Unterseite auf rostgelblichem Grunde bräunlich längsgefleckt, der Schwanz abwechselnd braun und rostgelb gebändert. Junge Vögel ähneln dem Weibchen. Augenstern, Wachshaut und Fuß sind zitrongelb; der Schnabel hat hornschwarze Färbung. Die Länge beträgt sechsundvierzig, die Breite einhundertunddreizehn, die Fittichlänge sechsunddreißig, die Schwanzlänge einundzwanzig Zentimeter. Das Weibchen ist um etwa sechs Zentimeter länger und neun Zentimeter breiter als das Männchen. In Südrußland, den Donautiefländern, der Türkei und Griechenland, dem Süden Mittelasiens und Nordafrika vertritt der Steppenweih ( Circus swainsonii), der auch wiederholt in Deutschland vorgekommen ist und hier sogar gebrütet hat, den Kornweih. Das alte Männchen unterscheidet sich durch die blassere oder bleigraue, nach dem Rücken weiße Färbung, die deutlich aschgrau gebänderten Bürzel- und Schwanzfedern und die schwarzen Flügelspitzen, das alte Weibchen durch braune, hell rostfarbig gekantete Federn der Oberseite und Brust, rotgelbe, rostfarbig in die Länge gefleckte der Unterseite; junge Vögel von letzterem durch ganz ungefleckte, rostgelbe Unterseite.

Das Verbreitungsgebiet des Kornweihes ist ein ziemlich ausgedehntes. Er bewohnt ganz Mitteleuropa und ebenso einen großen Teil von Mittelasien, berührt auf seiner Wanderung alle Länder Nordafrikas bis an den Gleicher hin und ebenso ganz Südasien, soweit das Gelände hier den Anforderungen entspricht, die er an ein behagliches Leben stellt. Nach Norden hin bildet ungefähr der fünfundfünfzigste Breitengrad die Grenze seines Verbreitungsgebietes. Im Süden Europas tritt er, wie es scheint, nur auf dem Zuge auf. In unserem Vaterlande kommt er in Preußen, Posen, Niederschlesien, Pommern, der Mark Brandenburg, in Sachsen, Mecklenburg, Hannover und im ebenen Westfalen sowie in Bayern geeigneten Ortes überall vor, tritt außerdem einzeln in Westthüringen, Hessen und den Rheinlanden auf, fehlt aber allen Gebirgsgegenden gänzlich und zählt schon im Hügellande zu den seltenen Erscheinungen. Auch zusammenhängende Waldungen meidet er. Er ist, wie alle mir bekannten Glieder seiner Sippe, Charaktervogel der Ebenen, insbesondere solcher, in denen Felder, Wiesen und Gewässer miteinander abwechseln. Genau unter denselben Verhältnissen, wie es scheint auch in denselben Gegenden, lebt, unter allen Umständen jedoch sehr selten und einzeln, der Steppenweih, der hier und da, beispielsweise in Westfalen, von verläßlichen Beobachtern als deutscher Brutvogel beobachtet wurde, als solcher regelmäßig aber erst in den angegebenen Ländern Südeuropas, vor allem in der Dobrudscha, auftritt.

In ihren Sitten und Gewohnheiten unterscheiden sich die beiden verwandten Weihearten, soweit ich habe beobachten können, nur in unwesentlichen Einzelheiten; es genügt daher vollständig, wenn ich im nachstehenden den Kornweih ins Auge fasse. Wenn dieser in den letzten Tagen des März bei uns eingetroffen ist und sein Gebiet bezogen hat, führt er eine so geregelte Lebensweise, daß man ihn hier sicherlich nicht übersehen kann. Das von ihm gewählte, gegen andere seiner Art keineswegs abgeschlossene Gebiet pflegt zwar ziemlich ausgedehnt zu sein; er durchstreift seinen Wohnkreis aber täglich mehrere Male und meist mehr oder weniger genau auf denselben Straßen, so daß er also jedem einigermaßen aufmerksamen Beobachter bestimmt vor das Auge kommen muß. Sobald der Frühtau auf Gebüsch, Gras und Getreide abgetrocknet ist, beginnt er seine Raubzüge, setzt dieselben fort, bis er Beute gewonnen, ruht nach glücklichem Fange mehr oder minder lange Zeit aus, tritt einen zweiten Beutezug an und treibt es so, abwechselnd ruhend und fliegend, bis in die späte Dämmerung. Schaukelnden Fluges, schwankend und anscheinend unsicher dicht über dem Boden dahinstreichend, bald mit über den Leib gehobenen Flügeln schwebend, bald durch matte Flügelschläge sich fördernd, streicht er auf seinen Straßen dahin, mit Vorliebe einem Gebüsche, Bache oder Wassergraben, auch einer Buschreihe folgend, macht von dieser Hauptstraße einen kleinen Abstecher nach rechts und links, dreht sich bisweilen in einem Kreise mehrmals über einer Stelle umher, fällt wiederholt zu Boden herab, als ob er bei jedem Niedersinken ein Opfer greife, erhebt sich aber meist ohne dasselbe und setzt seinen Flug wie früher fort, umschwebt fast gaukelnd eine Baumkrone, kreuzt wiederholt eine Buschreihe, bald auf der einen, bald auf der anderen Seite derselben dahinziehend, überfliegt eine Wiese oder ein Getreidefeld und kehrt endlich in weitem Bogen nach dem Ausgangspunkte seiner Flugwanderung zurück. Wer genau auf ein ihm bekanntes Paar achtet, bemerkt, daß dasselbe, namentlich das Männchen, bestimmte Zärtlichkeiten immer mehr oder weniger genau in derselben Weise absucht, sie aber nicht zu derselben Tageszeit, vielmehr bald in den Früh-, bald in den Mittags-, bald in den Abendstunden bejagt. Ein solcher Jagdzug kann bis anderthalb Stunden währen; nach dieser Zeit pflegt der Weih Viertel- oder Halbestunden lang, mindestens aber mehrere Minuten, auszuruhen. Hierzu wählt er irgend welche Erhebung des Bodens oder eine bestimmte Stelle im Grase und Getreide, sitzt hier träumerisch zunächst einige Minuten regungslos, ohne jedoch zu versäumen, nach allen Seiten hin Umschau zu halten, und beginnt dann sein Gefieder zu glätten und zu putzen. Letzteres geschieht so regelmäßig, daß man seinen Ruheplatz, mindestens während der Mauserzeit, an den hier umhergestreuten Federn zu erkennen vermag. Auf Bäumen habe ich den Kornweih niemals sitzen sehen, wogegen der Steppenweih regelmäßig hier zu ruhen pflegt.

Anders benimmt sich derselbe Vogel während der Paarungszeit. Gewaltig erregt auch ihn die allmächtige Liebe. Während man sonst in der Regel nur einen Gatten des Paares seinen Weg ziehen sieht, bemerkt man jetzt Männchen und Weibchen gesellt, unter Umständen so nebeneinander fliegend, daß der eine den anderen bei der Jagd unterstützen zu wollen scheint, auch wohl in Ringen, die sich ineinander verschlingen, längere Zeit auf einer und derselben Stelle kreisend. Plötzlich erhebt sich das Männchen, steigt fast senkrecht, den Kopf nach oben gerichtet, in die Höhe, bewegt sich schneller als man jemals bei ihm voraussetzen möchte, überstürzt sich, fällt mit halbangezogenen Flügeln steil nach abwärts, beschreibt einen Kreis und steigt von neuem empor, um ebenso zu verfahren wie vorher. Dieses Spiel kann der liebesbegeisterte Vogel minutenlang fortsetzen und binnen einer halben Stunde zehn- oder zwölfmal wiederholen. Auch das Weibchen versucht, ähnliche Flugkünste auszuführen, treibt es aber, soweit meine Beobachtungen reichen, stets gemäßigter als jenes.

Der Horst, den der Kornweih errichtet, ist ein erbärmlicher Bau. Er steht unter allen Umständen auf dem Boden, entweder in einem sperrigen und niedrigen Strauche, auf jungen Holzschlägen oder im schossenden Getreide, im hoch gewachsenen Grase sumpfiger Wiesen und selbst im Schilf oder Rohr, hier dann stets auf einer Kaupe. Eigentlich ist er nichts anderes als ein untergeordneter Haufen trockener Reiser, Gras- und Rohrhalme, Kartoffelstengel, Mistklumpen und dergleichen, die mit den Fängen aufgenommen und an ihre Stelle gelegt, auch fast ohne Hilfe des Schnabels verbaut und innen mit ebenso zugetragenen Moosen, Tierhaaren, Federn und anderen weichen Stoffen liederlich ausgefüttert werden. Eine gewisse Ordnung der letzteren Stoffe bemerkt man erst, nachdem das Weibchen schon brütet. Da der Kornweih wie alle anderen Arten seines Geschlechtes nicht früher brüten kann, als bis Gras und Getreide so hoch gewachsen sind, um den Horst zu verdecken, findet man selten vor der Mitte des Mai vollständige Gelege. Die Eier, vier bis fünf, seltener sechs an Zahl, haben einen Längsdurchmesser von vierzig bis sechsundvierzig und einen Querdurchmesser von einunddreißig bis siebenunddreißig Millimeter und sind bald gestreckter, bald gerundeter, meist den Euleneiern ähnlich, also etwas bauchig, feinkörnig, glanzlos und matt grünlichweiß gefärbt, meist ohne alle Zeichnung, wenn mit solcher versehen, nur mit einzelnen, selten dichter stehenden, kleinen, rötlichgrauen oder gelbbraunen Spritzflecken bedeckt. Soweit ich beobachten konnte, brütet ausschließlich das Weibchen; wenigstens habe ich während der Brutzeit immer nur das Männchen einsam umherfliegen sehen und muß daher wohl annehmen, daß sich das Weibchen von ihm mit Nahrung versorgen läßt. Es sitzt fest auf den Eiern und verläßt dieselben erst, wenn ein Feind in unmittelbare Nähe gelangt ist, versteht aber dann, äußerst geschickt sich davonzustehlen. Wie lange die Brutzeit währt, vermag ich nicht zu sagen: Naumann gibt drei Wochen an und mag wohl das richtige treffen. Die kleinen, allerliebsten, in ein dichtes graulich überflogenes Jugendkleid gehüllten Vögel hocken mit den Köpfen zusammen im Nest, drücken sich bei Ankunft eines fremdartigen Wesens platt auf den Boden nieder und verharren in dieser Stellung, als ob sie leblos wären, bis der Feind sie ergreift oder sich wieder entfernt hat, schweigen auch gänzlich still, wie lebhaft sonst sie ihr an das Piepen junger Küchlein erinnerndes Geschrei vernehmen lassen. Auch sie sitzen lange im Nest; denn man sieht sie nicht vor Mitte Juli, meist erst zu Ende des Monats, umherfliegen. Anfänglich durchstreifen sie das Brutgebiet noch in Gesellschaft ihrer Eltern, die sie auch unterrichten und zur Jagd anleiten; bald aber regt sich in ihnen die Lust, selbständig aufzutreten, und ehe noch drei Wochen vergangen sind, treiben sie es schon ganz wie ihre Eltern und gehen, die Gemeinschaft mit letzteren freilich auch jetzt noch nicht meidend, nach eigenem Belieben und Behagen ihren Weg durchs Leben. Vom August an beginnen sie im Lande umherzuschweifen, kehren vielleicht dann und wann noch nach dem Brutgebiet zurück, dehnen ihre Streifzüge weiter und weiter aus und treten endlich im September ihre Winterreise an. Einer und der andere Vogel verweilt noch länger in der Heimat, und in sehr günstigen Wintern kann es geschehen, daß ein Kornweih an besonders bevorzugten Zärtlichkeiten auch wohl in derselben verbleibt.

Zu meinem aufrichtigsten Bedauern darf ich nicht als Anwalt des Kornweihes auftreten. Es läßt sich nicht verkennen, daß der schöne lichtblaue Vogel, zumal im Frühjahr, wenn er über den grünen Feldern dahinschwebt, als ein wahrer Schmuck der Ebene bezeichnet werden muß; es läßt sich ebensowenig in Abrede stellen, daß er durch Aufzehren von Mäusen und Kerbtieren, namentlich Heuschrecken, uns entschieden nützlich wird, durch Wegfangen von Eidechsen und Fröschen, die nächst den Mäusen wohl seine hauptsächlichste Nahrung bilden dürften, uns wenigstens nicht Schaden bringt; zahlreiche Übergriffe in unsern Augen aber, die er sich erlaubt, berauben ihn des Rechtes, von uns gehegt und gepflegt zu werden. Ungeachtet seiner anscheinenden Schwächlichkeit ist er ein ebenso dreister als gefährlicher Feind aller Tiere, die er bewältigen kann. Vom Zisel und jungen Häschen an blutet jedes kleinere Säugetier, vom halb erwachsenen Fasan und Rebhuhn an bis zum Laubsänger herab jeder in einem auf dem Boden stehenden Neste geborene junge, noch unbehilfliche Vogel in seinen Räuberklauen. Ausgefiederte und flugbare Vögel vermag er allerdings nicht zu fangen; eine auf dem Boden brütende Vogelmutter aber nimmt er unter Umständen ebenso geschickt weg, als er den halb erwachsenen Vogel aus dem Nest hebt oder dieses seiner Eier beraubt.

Mit den Krähen lebt der Kornweih in beständigem Streit, und von dem mutigen Kleingeflügel, namentlich von Schwalben und Bachstelzen, muß er sich viel gefallen lassen. Endlich behelligen ihn noch Schmarotzer, die auf und in seinem Körper leben. Unter den Menschen dürfte ihm der Eisammler am gefährlichsten werden; denn dem Jäger weiß er in den meisten Fällen zu entgehen. Der Uhu lockt, wenn man ihn nicht in der Nähe des Horstplatzes aufstellt, in der Regel nur junge Vögel herbei, und Fallen, mit Ausnahme eines sorgfältig verdeckten und richtig geköderten Tellereisens vielleicht, führen gewöhnlich auch nicht zum Ziel. So bleibt die Jagd eigentlich Sache des Zufalles. Wer sich das Warten nicht verdrießen läßt, erlegt ihn, wenn er sich an einer seiner durch längere Beobachtung erkundeten Flugstraßen verdeckt aufstellt, und wer einmal einen geschossen hat, braucht sich bloß in einem Busch zu verbergen und bei Ankunft eines zweiten den getöteten in die Luft zu werfen, um ziemlich sicher auch den zweiten zum Schusse zu bekommen; denn die allen Weihen, insbesondere aber den Kornweihen eigene Neugier lockt einen fliegenden sofort herbei, wenn er einen andern seiner Art, ja selbst seines Geschlechtes, zu Boden herabfallen sieht.

In Gefangenschaft zeigt sich auch der altgefangene Kornweih bei weitem ruhiger als irgendein anderer mir bekannter Raubvogel, mit alleiniger Ausnahme seiner nächsten Verwandtschaft. Anscheinend ohne Groll fügt er sich in den Verlust seiner Freiheit, betrachtet mit gleichgültigen Blicken den vor seinem Käfig stehenden Menschen, trabt in dem Käfig gemächlich auf und ab und nimmt dabei so wundersame Stellungen an, daß man eigentlich jetzt erst einen Begriff von seinem wirklichen Aussehen erlangt. Auf das ihm gereichte Futter stürzt er sich ohne Besinnen, frißt auch von allem, was man ihm reicht, beweist aber bald, daß er nur bei ausgesuchter Speise längere Zeit in Gefangenschaft gehalten werden kann. Wer ihn am Leben erhalten will, muß seine Tafel mit dem verschiedenartigsten Kleingetier beschicken, und wer ihn aufziehen will, die Nahrung noch außerdem zerstückelt vorlegen. Aus diesen Gründen sieht man die in so vieler Beziehung fesselnden Vögel nur äußerst selten und stets nur auf kurze Zeit in diesem oder jenem Tiergarten.

siehe Bildunterschrift

Weihen (Circus):
1. Kornweih (C. cyaneus)
2. und 3. Wiesenweih (C. cineraceus)

Hier und da in Deutschland gesellt sich dem Kornweih, in einzelnen Gegenden vertritt ihn der Wiesen- oder Bandweih ( Circuscineraceus). Die Länge beträgt vierundvierzig, die Breite einhundertfünfundzwanzig, die Fittichlänge achtundvierzig, die Schwanzlänge dreiundzwanzig Zentimeter. Das alte Männchen, unzweifelhaft die schönste unserer Weiharten, ist auf Kopf, Nacken, Rücken und Oberbrust bläulich-, im Nacken und Rücken wegen der hier merklich hervortretenden dunklen Federsäume dunkel aschgrau gefärbt, auf Unterbrust, Bauch und Hose weiß, durch schmale rostrote Schaftstriche in hohem Grade geschmückt. Die Schwingen erster Ordnung sind schwarz, die der zweiten licht aschblau, durch ein schwarzes Band gezeichnet, die hintersten Augenschwingen braungrau, die beiden Mittelfedern des Schwanzes aschgrau, die übrigen, auf der Innenfahne nach außen zu sich verbreiternd, heller, so daß die äußersten fast weiß erscheinen, die beiden seitlichen Federn dagegen rostbräunlich, alle schwarz gebändert. Beim alten Weibchen wie beim jüngeren Weibchen, die ein sehr ähnliches Kleid tragen, ist die vorherrschende Färbung der Oberseite braungrau, die der Unterseite weiß, mit kleinen, undeutlichen, rostfarbigen Flecken besprenkelt, der Scheitel rostrot und schwarz gestreift. Junge Vögel sind auch unterseits durchaus rostfarbig, ohne Flecke, die Federn der Oberseite aber dunkel braungrau, mit rostfarbigen Spitzensäumen, über dem Auge steht ein weißer Fleck und unter diesem auf den Wangen ein großer dunkelbrauner. Die Iris ist bei alten Vögeln lebhaft hochgelb, bei jungen braun, der Schnabel blauschwarz, die Wachshaut gelb, der sehr hohe und dünne Fuß wachsgelb.

Das Verbreitungsgebiet des Wiesenweihes ist nicht minder ausgedehnt als der Wohnkreis der beiden geschilderten Verwandten; doch gehört der Vogel mehr dem Osten als dem Westen des nördlich altweltlichen Gebietes an. In Deutschland zählt er zu den selteneren Arten der Sippe, ohne jedoch an geeigneten Orten zu fehlen. Seinem Namen entsprechend, verlangt er weite Wiesen oder wenigstens im Sommer auf größere Strecken hin trockene Sümpfe, siedelt sich daher vornehmlich in der Nähe von Flüssen und insbesondere in Niederungen an, die während des Winters bei hohem Wasserstande unter Wasser gesetzt werden. Daher bewohnt er in unserm Vaterland vorzugsweise die norddeutsche Ebene, von Ostpreußen an bis zu den Rheinlanden. Häufiger tritt er in Niederösterreich, dem Tieflande Ungarns, den südlicheren Donauländern und hier und da in Rußland auf; als Brennpunkt seines Verbreitungsgebietes aber dürften vielleicht die Steppen Sibiriens und des nördlichen Turkestan angesehen werden. Gelegentlich seines Zuges durchstreift er im Herbst und im Frühling ganz Südeuropa, den größten Teil Südasiens und Afrikas, bevölkert im Winter Indien geeigneten Ortes in erheblicher Anzahl, wandert bis in das Gebiet der innerafrikanischen Steppen und steigt, nach Heuglin, bis zu den höchsten Gebirgen von Habesch auf. In seinem Auftreten und Wesen sowie in allen Sitten und Gewohnheiten weicht der Wiesenweih nicht erheblich vom Korn- oder Steppenweih ab.

 

Die letzte Art der Sippe, deren ich Erwähnung zu tun habe, ist der Rohrweih oder Sumpfbussard ( Circus aeruginosus). Das Kleid unterscheidet sich nicht allein nach Geschlecht und Alter, sondern auch nach der Jahreszeit ziemlich erheblich. Beim alten Männchen sind die Federn der Stirn und des Scheitels braungelb gerändert, die der übrigen Oberseite kaffeebraun, die der Wangen und Kehle blaßgelb, dunkler geschäftet, die des Vorderhalses und der Vorderbrust gelbbraun in die Länge gefleckt, die des übrigen Unterkörpers rostrot, an der Spitze heller, die Handschwingen schwarzbraun, ein Teil der Armschwingen und die großen Flügeldecken schön aschgrau, die Steuerfedern heller grau, rötlich überflogen, von unten gesehen weißlich. Beim alten Weibchen ist die Färbung stets minder lebhaft und eintöniger, namentlich das Aschgrau der Flügel- und Schwanzteile selten ausgeprägt. Beim jungen Vogel, der im ganzen dem Weibchen ähnelt, herrscht einfarbiges Dunkelbraun vor. Die Länge beträgt fünfundfünfzig, die Breite einhundertsechsunddreißig, die Fittichlänge dreiundvierzig, die Schwanzlänge vierundzwanzig Zentimeter. Das Weibchen ist um drei bis vier Zentimeter länger und sieben bis neun Zentimeter breiter.

Vom siebenundfünfzigsten Breitengrad an nach Süden hin fehlt der Rohrweih keinem Lande und keinem Gau Europas, vorausgesetzt, daß derselbe den Bedingungen entspricht, die dieser Vogel an seinen Aufenthalt stellt. Außerdem kommt er in ganz Westasien, etwa von der Breite des Altaigebirges nach Süden hin, regelmäßig vor, tritt aber je weiter nach Osten je seltener, beispielsweise am Amur und in China nur sehr vereinzelt auf. Gelegentlich seines Zuges durchstreift er das festländische Südasien und ebenso einen großen Teil Afrikas. Mehr als jeder andere Weih ist er an Niederungen gebunden; denn Sumpf und Wasser gehören so unbedingt zu den Bedürfnissen seines Lebens, daß man behaupten darf, er lasse beide niemals außer Sicht. Bei uns zulande Zugvogel, der erscheint, sobald die Gewässer im Frühjahre aufgehen, also frühestens im März, spätestens im April eintrifft, schon im August zu wandern beginnt und spätestens bis Ende Oktober uns gänzlich verlassen hat, beobachtet man ihn bereits im Süden Europas, namentlich in Griechenland und Spanien, ebenso aber auch in Nordafrika, insbesondere in Ägypten, und nicht minder häufig in Persien und Indien während des ganzen Jahres als eigentlichen Standvogel. Gesellig, wie alle Weihen, sucht er während der Reise nicht allein die Gesellschaft seinesgleichen, sondern vereinigt sich sogar zeitweilig mit Bussarden und Sperbern, in deren Gesellschaft er sodann, jedoch immer in seiner eigenen Weise, umherstreift und jagt.

»In den ausgedehnten Sümpfen Ungarns«, so schildert Erzherzog Rudolf, »ist der Rohrweih vielleicht noch häufiger als in der Norddeutschen Tiefebene und den Marschen Schleswigs und Hollands, in den übrigen Ländern Österreichs dagegen entweder gar nicht anzutreffen oder auf eng begrenzte Gebiete beschränkt, so beispielsweise auf die sumpfigen Stellen der Auwaldungen und die Ufer der Donau. Dies tritt um so mehr hervor, als der Rohrweih weniger noch als andere Arten seiner Sippe zu weiteren Streifzügen Veranlassung findet. Fast ängstlich vermeidet er, sein Wohngebiet zu verlassen, und niemals wird man ihm im Walde oder im Gebirge begegnen. Schon trockenen Kornfeldern weicht er aus. Selbst in jenen Waldgebieten, die höchstens zehn Kilometer von seinem Wohnorte entfernt sind, vermißt man ihn, und zwar während der Zugzeit ebenso wie während der Brutzeit. In den Donauauen hält er sich ebenfalls an ganz bestimmte Plätze. Es fällt auf, daß man ihn in hochstämmigen Gehölzen niemals antrifft, obgleich häufig einige hundert Schritte davon entfernt sein Horst gefunden werden mag.

Lebensweise und Wesen kennzeichnen den Rohrweih als unedlen Raubvogel. Sein schwacher Bau erlaubt nur gemeine Jagd auf kraftloses Wild, das er am Boden oder im Verstecke des Morastes im wahrsten Sinne des Wortes mordet. Dem Menschen weicht er ängstlich aus, weiß sich auch geschickt durch die Flucht ins Schilf oder nach ungangbaren Sumpfstellen zu retten und entrinnt so, ohne eigentlich scheu zu sein, in den meisten Fällen der Verfolgung. Außer der Paarungszeit bemerkt man den großen Raubvogel viel weniger, als man glauben sollte. Tagsüber verhält er sich ruhig im Schilfe und betreibt hier seine Jagd in aller Stille, jedenfalls aber mit genügendem Erfolge. Dies gilt besonders dann, wenn er seine Wohnstätte in ausgedehnten Morästen, an stehenden Gewässern und in Brüchen aufgeschlagen hat. Hier sitzt er tagsüber auf starken Rohrstengeln, Schilfköpfen, umherschwimmenden Holzstücken, alten herausstehenden Pfählen und dergleichen, immer aber soweit als möglich vom Gestade entfernt. Einen Kahn, der durch das Röhricht fährt, oder einen umherschwimmenden Jagdhund läßt er so nahe herankommen, als ob er sich auf sein dunkles Gefieder verlassen wolle, und erst wenn ihm ernstere Bedenken ankommen, erhebt er sich, nicht aber nach Art anderer Raubvögel, die so schnell als möglich eine gewisse Entfernung zu erreichen trachten, sondern langsam mit schwerem Schlage der runden Flügel, niedrig über dem Rohre dahinziehend. In den ersten Augenblicken nach dem Auffliegen, oder wenn er nur einen kurzen Flug beabsichtigt, läßt er seine langen Ständer schlaff herunterhängen und kann dann selbst von nicht ungeübten Jägern leicht mit einer Rohrdommel oder dem Purpurreiher verwechselt werden. Zum ersten Male aufgetrieben, sucht er nicht in der Flucht sein Heil, sondern läßt sich baldmöglichst wieder nieder und trachtet, sich zu verstecken. Am Neusiedler See sah ich einmal aus einem dichten Röhricht, das bis tief in den See hinein das Ufer umgibt, ein Rohrweihpaar nicht weit von unserm Kahne sich erheben und längere Zeit in der Nähe des letzteren, unmittelbar über dem Schilfe, umherkreisen. Beide Vögel hielten sich eben so weit entfernt, daß ein Schrotschuß sie nicht erreichen konnte, ließen sich von Zeit zu Zeit nieder, erhoben sich wieder und setzten ihr Spiel während der ganzen Zeit meiner Jagd fort, ohne sich durch die Schüsse, die ich auf Möven, Enten und Rohrdommeln abfeuerte, vertreiben zu lassen. Ganz anders benimmt sich der Rohrweih auf solchen Wohnplätzen, auf denen er sich vor den Nachstellungen des Menschen nicht gesichert fühlt. Hier zeigt er sich merklich vorsichtiger als in den Sümpfen; aber gerade deshalb bekommt man ihn hier weit häufiger zu sehen als dort. Die einzige Zeit, während der er seine träge Langsamkeit, sein kriechendes Leben, wie ich sagen möchte, verleugnet, während der er Sumpf und Schilf verläßt und sich unter den wunderbarsten Flugkünsten in den höchsten Lüften umhertummelt, gleichsam als wolle er zeigen, was er im Fliegen vermöge, ist die seiner Liebe. Ein Paar dieser sonst so verborgen lebenden Vögel, die man fast das ganze Jahr über nicht bemerkt, ist imstande, im Monate April die ganze Gegend zu belehen. Bevor das Weibchen seine Eier legt, also während der Begattungszeit, steigt das Paar oft in die höchsten Luftschichten und führt, in höherem Grade noch als die Milane, kunstvolle und wechselreiche Spiele aus, die sich von denen der Milane hauptsächlich dadurch unterscheiden, daß die Vögel sich dann und wann aus bedeutender Höhe auf den Boden herabfallen lassen, daselbst einige Augenblicke verweilen und von neuem zu spielen beginnen, ganz ähnlich wie andere Weihen ebenfalls tun. An den Ufern der Donau erblickt man im April nicht selten vier oder fünf, zuweilen noch mehr Rohrweihen, die gemeinschaftlich ihre Flugkünste ausführen, hierauf niedrig über dem Wasserspiegel von einem Ufer zum andern gleiten, über den Sandbänken dahinschweben und gelegentlich unter den Möven umherkreisen. Gesellen sich ihnen, wie dies die Regel, Milane und silberfarbglänzende Wiesenweihen, vielleicht auch noch ein Königsweih, und üben die verschiedenen Vögel gemeinschaftlich ihre Flugkünste aus, so bieten die so belebten Auen dem Beobachter ein reizendes Frühlingsbild.

Anfang Mai ist die Zeit für diese Scherze vorüber; die Weibchen sitzen bereits auf ihren Horsten, und nur die Männchen unterhalten sich und sie dann und wann noch durch ihre Flugkünste. Wenn man sie immer auf einer Stelle umherkreisen sieht, darf man bestimmt darauf rechnen, daß der Horst in der Nähe sein müsse; es ist daher nicht schwer, ihn zu finden. Auf stehenden Gewässern, im Röhricht und in Sümpfen steht er auf erhöhten Grasbülten, die den Wasserspiegel überragen, oder nahe am Ufer im Riedgrase, unter Umständen sogar im Getreide, falls Felder unmittelbar an das von Rohrweihen bewohnte Ufer grenzen. Ist kein anderer Platz vorhanden oder der ganze Sumpf unter Wasser, so wird der Horst einfach wie das Nest der Wasserhühner zwischen das hohe Rohr auf das Wasser gebaut, schwimmt also im letzteren Falle. In den Auen findet man ihn am häufigsten in den Rohrsäumen der Altwasser und schmalen Arme, sehr regelmäßig aber auch auf Holzschlägen und in jungen Wäldern, die sich nicht weit entfernt vom Ufer befinden. Als Ausnahme habe ich beobachtet, daß einzelne Horste auffallend weit vom Wasser auf ganz trocknem Boden stehen. Der Horst pflegt dann ein ziemlich großer, aus Ästen und Gräsern zusammengesetzter Bau zu sein, der flach wie ein Teller am Boden liegt, wogegen er in Sümpfen und Röhricht regelmäßig aus Rohr, Schilf und anderen Wasserpflanzen besteht, die man das Weibchen in den Fängen, oft von weither, heranschleppen sieht. Bedingung für die Wahl des Nistplatzes ist, daß derselbe dem Vogel beim Zu- und Anstreichen keine Hindernisse biete. Daher steht der Horst auf Schlägen und in jungen Hölzern, in denen die dichten Äste auf Strecken hin dem langflügeligen großen Vogel Raum zu raschem Aufflattern nicht gewähren, stets auf kleinen Blößen. Das Weibchen baut noch, nachdem es bereits einige Eier gelegt hat, am Horste fort und erachtet denselben erst dann für vollendet, wenn es zu brüten beginnt. Frühestens in den letzten Tagen des April, meist nicht vor den ersten Tagen des Mai, findet man das vollzählige, aus vier bis fünf, im selteneren Falle sechs Eiern bestehende Gelege im Horste. Die Eier, deren größter Durchmesser vierzig bis sechsundvierzig und deren Querdurchmesser einunddreißig bis siebenunddreißig Millimeter beträgt, haben eine rauhe, mindestens matte, glanzlose Schale von grünlichweißer Färbung, wogegen das Innere lebhaft grün aussieht.

Die Rohrweihen sind die zärtlichsten Eltern, die man sich denken kann. Während alle übrigen Raubvögel, die Feldweihen ausgenommen, nach einmaligem Verscheuchen vom Neste sich mehr oder minder lange besinnen, ehe sie auf dasselbe zurückkehren, läßt sich der Rohrweih einige Male hintereinander vertreiben und kommt immer sogleich wieder zurück, häufig sogar angesichts seines Gegners. Wenn der Horst frei steht, versucht das Weibchen, das wie bei anderen Weihen allein dem Brutgeschäft obliegt, durch Niederlegen auf den Boden und Abplatten seines Leibes, dem Auge sich zu entziehen, und steht erst, wenn man sich auf zwei bis drei Schritte genähert hat, unter lautem Geräusche vom Horste auf, eilt dann aber nicht nach Art anderer Raubvögel so rasch als möglich davon, sondern streicht langsam dicht über dem Boden dahin, und erst, wenn es sich auf etwa hundert Schritte entfernt hat, ein gutes Stück senkrecht in die Höhe, beschreibt aber dann einen weiten Kreis um den Horst und kehrt von der anderen Seite zurück. Bemerkt es auch jetzt noch den Eindringling unmittelbar neben demselben, so kreist es mit jämmerlichem Geschrei umher; aber kaum daß sich der Friedensstörer auf hundert Schritte entfernt hat, fällt es, senkrecht aus der Luft sich herablassend, wieder auf das Nest. Ich fand einmal einen Horst in der Rohrwand eines Altwassers der Donauauen. Das Weibchen, durch den Lärm aufgeschreckt, entfernte sich höchstens einen Schritt vor meinen Füßen vom Neste und wurde von mir sofort erlegt. Das Männchen kreiste in der Nähe, kam auf den Schuß herbei und beschrieb schreiend immer engere Kreise um mich, trotzdem ich ganz frei auf einer Blöße stand, bis ich es durch einen schlecht gezielten Schuß verscheuchte. So leicht man unseren Weih am Horste zu erlegen vermag, so schwer läßt er sich sonst blicken. Mit dem Uhu vermag man nichts auszurichten, da er kein echter Stößer ist. Zwar nähert er sich rasch der verhaßten Eule, überfliegt sie aber höchstens ein- oder zweimal und sucht sogleich darauf das Weite.«

Unter den Weihen muß der Rohrweih unbedingt als der schädlichste angesehen werden. Seine Nahrung besteht fast ausschließlich aus Wasser- und Sumpfvögeln und deren Brut, Eiern nicht minder als jungen Nestvögeln. Nur wenn letztere fehlen, begnügt er sich mit Lurchen, Fischen und Kerbtieren. Seine Jagd betreibt er im wesentlichen ganz nach Art seiner Verwandtschaft, stellt aber viel eifriger als diese, die immerhin viel kleine Nager und Kerbtiere fangen, der Vogelbrut nach und verübt in dieser Beziehung Übeltaten wie kein einziger anderer Raubvogel.

»Wenngleich mir wohlbekannt war«, sagt Nehrkorn, »daß die Rohrweihen arge Räuber sind und besonders, so lange die Teiche noch nicht in ihrem Rohrschmucke prangen, alle Nester der Wasserhühner plündern, hatte ich doch von ihrem Treiben noch keine Vorstellung gewonnen. In der Nähe eines Horstes, auf einem Raume von ungefähr fünfzig Geviertmetern, lagen auf den Bülten die Kopffedern und sogar Überbleibsel hauptsächlich von jungen Rohrhühnern und Enten in solcher Menge, daß ich mir die sonst unerklärliche Abnahme genannter Vögel nunmehr erklären konnte. Während in anderen Jahren hunderte von Wasserhühnern die Teiche bevölkerten, zählte ich in diesem Frühjahre kaum zehn Paare, und eine ähnliche Abnahme zeigte sich auch bei den verschiedenen Steißfüßen. An den Rohrsängern scheinen sich die Weihen nicht so vergriffen zu haben; denn ihre Menge ist noch unzählbar.«

 

Die Bussarde ( Buteonidae), die eine anderweitige Raubvogelfamilie bilden, sind plumpgestaltete Falken von mittlerer Größe. Ihr Schnabel ist kurz, von der Wurzel an gekrümmt, seitlich zusammengedrückt, am Rande zahnlos, der Fuß mittelhoch, kurz und schwachzehig, aber mit spitzigen, scharf gekrümmten Krallen bewehrt, der Flügel ziemlich lang und rundlich, der Schwanz mittellang, das Gefieder reich und mehr oder weniger schlaff. Düstere Färbung ist vorherrschend, die Zeichnung aber mannigfachem und oft zufälligem Wechsel unterworfen.

Die Bussarde bewohnen Gebirge und Ebenen, am liebsten kleinere Waldungen, die von Feldern umgeben werden. Während der Brutzeit siedelt sich das Paar fest an und bemächtigt sich der Herrschaft über ein gewisses Gebiet, doch vertreiben die Bussarde, durchgehends sehr friedliche Vögel, nur aus der nächsten Nähe des Horstes eifersüchtig andere ihrer Art. Unsere nordischen Arten sind Wander- oder Strichvögel; diejenigen, die in wärmeren Ländern leben, können als Standvögel angesehen werden. Alle Arten fliegen langsam, aber anhaltend und lange Zeit schwebend, mehr nach Art der Adler als nach Art der Weihen. Wenn sie eine Beute erspäht haben, rütteln sie über ihr, wie die kleineren Falken tun; beim Angriff stoßen sie verhältnismäßig langsam in schiefer Richtung nach unten. Sehr gern jagen sie von einer Warte aus. Auf dem Boden sind auch sie ungeschickt: ihr Gang ist ein Hüpfen, kein Schreiten. Unter ihren Sinnen steht das Gesicht unzweifelhaft obenan; ihr Auge kommt an Schärfe dem Adlerauge gleich. Das Gehör ist gut, Gefühl und Geschmack sind ziemlich entwickelt.

Die Bussarde sind nicht in dem Sinne Räuber wie viele andere ihrer Verwandten. Es fehlt ihnen das ungestüme und insbesondere der Blutdurst, der jene, nicht immer zu ihrem Vorteil, auszeichnet. Sie sind tüchtige Fresser; haben sie aber einmal das Nötige erlangt, so begnügen sie sich und jagen nicht weiter. Mit anderen Raubvögeln leben sie in leidlichem Frieden; nur gegen den Uhu bekunden sie tödlichen Haß. Sie werden dagegen von kleinen Raubvögeln vielfach angegriffen.

Kleine Wirbeltiere und Kerfe, Schnecken, Würmer, Larven, ja sogar Pflanzenstoffe bilden die Nahrung der Bussarde. Alle Arten der Familie erweisen sich nützlich, einzelne in hohem Grade. Sie vertilgen die lästigen Mäuse in unzählbarer Menge, kämpfen außerdem wacker mit Schlangen und anderem widerwärtigem Gezücht und greifen höchstens dann und wann ein Tier an, das wir ihnen mißgönnen, weil wir es selbst jagen. Alle uns nützlichen Vögel sind, so lange sie gesund und bewegungsfähig, vor ihnen gesichert.

Der ziemlich kunstlose, dem anderer Raubvögel im wesentlichen ähnliche Horst, wird auf hohen Bäumen angelegt. Die Zahl der Eier eines Geleges schwankt zwischen eins und vier, beträgt gewöhnlich aber drei bis vier. Die Jungen werden von beiden Eltern ernährt, reichlich versorgt, warm geliebt, gegen Angriffe verteidigt und nach dem Ausfliegen noch längere Zeit geführt, belehrt und unterrichtet.

Jung aus dem Neste genommene Bussarde werden so zahm, daß sie zum Aus- und Einfliegen gewöhnt werden können. Auch alt eingefangene überwinden bald den Verlust ihrer Freiheit und schließen sich nach kurzer Zeit ihrem Pfleger innig an. Sie sind zwar nicht gerade liebenswürdige, immerhin aber angenehme Raubvögel, die man mit der Zeit lieb gewinnt.

 

Die Schlangenbussarde ( Circaëtus), die von vielen Naturforschern zu den Adlern gestellt und dann Schlangenadler genannt werden, mögen als Übergangsglieder von den Adlern zu den Bussarden die erste Stelle finden. In Europa lebt eine Art der Sippe, der Schlangenbussard ( Circaëtus gallicus). Seine Länge beträgt siebzig, die Breite einhundertundachtzig, die Fittichlänge sechsundfünfzig, die Schwanzlänge dreißig Zentimeter. Die spitzigen Federn des Kopfes und Hinterhalses sind mattbraun, heller gesäumt, die Rücken-, Schulter- und kleinen Flügeldeckfedern tiefbraun, heller gekantet, die Schwingen schwarzbraun, fein hellbraun gesäumt, weiß gekantet und mit schwarzen Querbinden gezeichnet, die Schwanzfedern dunkelbraun, breit weiß zugespitzt und dreimal breit schwarz gebändert, Stirn, Kehle und Wangen weißlich, schmal braun gestrichelt, Kropf und Oberbrust lebhaft hellbraun, die übrigen Unterteile weiß, spärlich hellbraun in die Quere gefleckt. Ein Kreis von wolligem Flaum umgibt das große Auge; nach vorn gerichtete Borsten bedecken den Zügel. Das Auge ist gelb, der Schnabel bläulichschwarz, die Wachshaut und die Füße sind lichtblau. Junge Vögel unterscheiden sich wenig von den Alten.

Noch zu Anfang dieses Jahrhunderts wurde der Schlangenadler als ein sehr unbekannter Vogel angesehen, und seine Naturgeschichte ist auch wirklich erst in den letztvergangenen Jahren festgestellt worden. Der auffallende und leicht kenntliche Raubvogel mag früher mit lichten Bussarden verwechselt worden sein, bis man anfing, auf ihn zu achten. Seit dieser Zeit hat man ihn überall in Deutschland, namentlich in Preußen, Pommern, Schlesien, der Mark Brandenburg, Mecklenburg, auf dem Westerwalde und in der Pfalz als Brutvogel, außerdem aber in allen Teilen unseres Vaterlandes als Zugvogel beobachtet. Regelmäßiger tritt er im Süden des österreichischen Staates, in Südrußland, auf der Balkanhalbinsel und ebenso in Italien, Frankreich und Spanien auf. Bei uns zulande ist er ein Sommervogel, der Anfang Mai ankommt und uns im September wieder verläßt, um den Winter in Mittelafrika und Südasien zu verbringen. Seinen Stand wählt er sich in großen, einsamen Waldungen, und hier führt er, soweit bis jetzt bekannt, ein wahres Stilleben oder macht sich doch wenig bemerklich.

Lebensweise und Betragen, Sitten und Gewohnheiten des Schlangenbussards erinnern ungleich mehr an unsern Mäusebussard als an irgendeinen Adler. Am Horste ist er nach allen Angaben scheu und vorsichtig, doch sieht man ihn nur gegen Abend und in den frühesten Morgenstunden aufgebäumt; während des ganzen übrigen Tages betreibt er langsam und gemächlich seine Jagd. Kreisend schwebt er über nahrungsversprechenden Gefilden, oder bewegungslos sitzt er am Rande der Gewässer, um auf Beute zu lauern. Im Fluge rüttelt er oft wie sein Vetter, der Bussard; beim Angriff senkt er sich langsam in die Tiefe herab und bewegt sich vermittels einiger Flügelschläge noch einige Zeit lang über dem Boden dahin, bis er endlich mit weit ausgebreiteten Fängen auf diesen herabfällt, um das ins Auge gefaßte Tier zu ergreifen. Bei seinen Fußjagden, wie ich sie nennen möchte, watet er oft in das seichte Wasser hinein und greift dann plötzlich mit einem Fange vorwärts. Besonders auffallend war es mir, zu erfahren, daß er alle andern seiner Art mit scheelen Augen betrachtet und futterneidisch über sie herfällt, wenn sie glücklicher waren. Der Schlangenbussard verdient seinen Namen; denn seine Jagd gilt vorzugsweise diesen Kriechtieren. Aber er begnügt sich nicht mit ihnen, sondern nimmt auch Eidechsen und Frösche auf, stellt Fischen nach, jagt auch, nach Jerdon, selbst auf Ratten, schwache Vögel, Krebse, große Kerbtiere und Tausendfüßler. Doch bilden Kriechtiere und Lurche unter allen Umständen sein Lieblingswild. Er geht beim Angriff so verständig zu Werke, daß ihm selbst die gefährlichste Schlange wenig oder nichts anhaben kann. »Mein jung aufgezogener Schlangenadler«, so schreibt Mechlenburg an Lenz, »stürzt sich blitzschnell auf jede Schlange, sie mag so groß und wütend sein, als sie will, packt sie dicht hinter dem Kopfe mit dem einen Fuße und gewöhnlich mit dem andern weiter hinten, unter lautem Geschrei und Flügelschlägen; mit dem Schnabel beißt er dicht hinter dem Kopfe die Sehnen und Bänder durch, und das Tier liegt widerstandslos in seinen Fängen. Nach einigen Minuten beginnt er das Verschlingen, indem er die sich noch stark windende Schlange, den Kopf voran, verschluckt und bei jedem Schluck ihr das Rückgrat zerbeißt. Er hat in einem Vormittage binnen wenigen Stunden drei große Schlangen verzehrt, worunter eine über einen Meter lang und sehr dick war. Nie zerreißt er eine Schlange, um sie stückweise zu verschlingen. Die Schuppen speit er späterhin in Ballen aus. Schlangen zieht er jedem andern Nahrungsmittel vor. Zu gleicher Zeit habe ich ihm lebende Schlangen, Ratten, Vögel und Frösche gebracht; doch fuhr er, die ihm näher befindlichen Tiere nicht berücksichtigend, auf die Schlangen los.« Übrigens ist seine Geschicklichkeit und sein dichtes Gefieder der einzige Schutz gegen das Gift der Schlangen, er selbst aber keineswegs giftfest, wie man früher glaubte. Auf den Wunsch von Lenz ließ Mechlenburg seinen Schlangenbussard von einer Kreuzotter in den Kopf beißen; der Vogel verlor von Stund an seine Munterkeit und endete am dritten Tage.

Der Horst, der regelmäßig auf hohen Laub- oder Nadelbäumen, aber in sehr verschiedener Höhe über dem Boden, ausnahmsweise auch auf Felsen steht, wird Anfang Mai erbaut oder wieder bezogen; denn das Paar kehrt, auch wenn ihm die Eier genommen werden, viele Jahre lang regelmäßig zu demselben Brutgebiete zurück. Der Horst selbst ist kaum größer als der unseres Bussards, besteht aus dürren, nicht eben starken Zweigen, und die flache Nestmulde ist mit eben solchen ausgelegt. Wie bei andern Raubvögeln kleiden die Alten die Nestmulde wohl auch mit grünem Laube aus und befestigen außerdem grüne Zweige als Schattendach. Man hat angegeben, daß das Weibchen zwei Eier legt, immer aber nur ein einziges Ei gefunden und zwar in den ersten Tagen des Mai, bald nach Ankunft der Vögel am Horste. Es ist länglichrund, verhältnismäßig sehr groß, dünn und rauhschalig und bläulichweiß von Farbe. Der Paarung gehen, laut Tristram, oft wiederholte Flugspiele voraus. Männchen und Weibchen verfolgen einander unter lautem Geschrei, erheben sich in die Luft, beschreiben in bedeutender Höhe über dem Boden enge Kreise und stürzen sich dann plötzlich wieder niederwärts, das Weibchen in den Horst, das Männchen dicht daneben auf seinen Ruhesitz und Wachtposten. Beide Gatten brüten, nach Mechlenburg, achtundzwanzig Tage lang, beide teilen sich auch in Erziehung und Auffütterung der Jungen. Bei Gefahr trägt die besorgte Mutter ihr Junges einem andern Horste zu; so beobachteten übereinstimmend und voneinander gänzlich unabhängig Graf Wodzicki und die Jäger des Prinzen von Wied.

Jung aufgezogene Schlangenadler werden zahm und zutraulich; doch muß man sich, um das zu erreichen, viel mit ihnen abgeben.

*

Der Wespenbussard, Vertreter einer gleichnamigen Sippe ( Pernis), ist gestreckter gebaut als alle andern Glieder seiner Familie.

Unser Wespen- oder Honigbussard ( Pernis apivorus) erreicht eine Länge von neunundfünfzig bis zweiundsechzig, eine Breite von einhundertfünfunddreißig bis einhundertvierzig Zentimeter; die Fittichlänge beträgt vierzig, die Schwanzlänge dreiundzwanzig Zentimeter. Das Gefieder ist mannigfachem und zufälligem Wechsel unterworfen; zuweilen ist das Kleid einfarbig braun, der Kopf des Männchens graublau und nur der Schwanz durch drei große und mehrere kleine braune Binden gezeichnet; oft wieder ist der Oberkörper braun, der Unterkörper hingegen mehr oder weniger weiß gefleckt oder weiß und durch braune Querflecke und Schaftstriche gezeichnet. Junge Vögel sind gewöhnlich braun oder gelbbraun, die Federn dunkler geschaftet, die des Nackens heller. Das Auge ist silberweiß bis goldgelb, der Schnabel schwarz, die Wachshaut goldgelb, der Fuß zitrongelb.

Ganz Europa, mit Ausnahme der nördlichen Länder, ist die Heimat des Wespenbussards. Vom mittleren Skandinavien und Finnland an fehlt er nirgends, tritt aber, vielleicht mit alleiniger Ausnahme Ostrußlands, überall vereinzelt und bloß stellenweise auf. In Deutschland bevorzugt er den Westen, ohne jedoch im Norden zu fehlen. Er tritt in der Tiefebene häufiger auf als im Mittelgebirge, scheint überhaupt tausend Meter unbedingter Höhe nicht zu übersteigen und läßt sich außerdem durch den herrschenden Bestand der Wälder beeinflussen. Reine Nadelholzbestände meidet er mehr oder weniger, zieht ihnen mindestens Laubwaldungen unbedingt vor und scheint sich, laut Altum, wiederum lieber in Buchen als in Eichenwaldungen festzusetzen. Erst spät im Frühjahre, in der Regel zu Ende des Monats April, stellt er sich bei uns ein, zieht aber bis zu Ende Mai noch einzeln durch Deutschland, seinen nördlichen Wohnkreisen zu, und bereits von August an beginnt er seine Rückwanderung, die ihn bis ins Innere, sogar bis zum Süden Afrikas führt. In der Regel wandert er einzeln oder in kleinen Gesellschaften; es kann aber auch vorkommen, daß er im Laufe eines Tages zu Hunderten auf einer seiner Heerstraßen bemerkt wird.

»Der Wespenbussard«, sagt Naumann, »ist ein sehr unedler, feiger Vogel und übertrifft in dieser Hinsicht alle andern einheimischen Raubvögel. Gutmütigkeit und Furchtsamkeit sind die Grundzüge seines Charakters. Er ist scheu und fliegt langsam und schwerfällig, auch meistenteils nur niedrig über dem Boden dahin. Fliegend bewegt er die Schwingen mit matten, bei Wendungen ziemlich ungeschickten Schlägen, gleitet oft streckenweise auch ganz ohne diese durch die Luft und wendet sich dann auch leichter, fliegt überhaupt sanfter und noch träger als die andern Bussarde.« Sein Flugbild unterscheidet sich, wie ich hinzufügen will, leicht von dem seines in Deutschland gewöhnlichen Verwandten. Der ganze Vogel erscheint merklich gestreckter als der Bussard und läßt sich, auch wenn er das für alle Bussarde bezeichnende Bild des Dreispitzes vor das Auge führt, mit Sicherheit an seinen verhältnismäßig längeren und schmäleren Flugwerkzeugen, den Schwingen wie dem Schwanze, erkennen. »In seinem Betragen«, fährt Naumann fort, »verrät er die größte Trägheit. Man sieht ihn stundenlang auf einem Flecke, mehrenteils auf Grenzsteinen und einzelnen Feldbäumen sitzen und auf Raub lauern. Gegen die Gewohnheit anderer Raubvögel geht er ziemlich gut, verfolgt auch die Kerbtiere sehr oft zu Fuß. Auf der Erde umherschreitend, den Kopf etwas hoch getragen, dagegen die Federn des Hinterkopfes und Nackens gestreift, würde er einem kleinen Adler nicht unähnlich sehen, wenn sein krähenartiger Gang ihn nicht sogleich unterschiede und kenntlich machte. Die Stimme ist ein hastiges, oft wiederholtes ›Kikikik‹, das zuweilen mehrere Minuten in einem Zuge fortdauert.«

Nicht umsonst trägt der Wespenbussard seinen Namen; denn Wespen und andere Bienen bilden in der Tat einen Hauptteil seiner Mahlzeiten. Den über der Erde bauenden Bienen bricht er wahrscheinlich ihre Kuppelnester von den Zweigen ab, den unter dem Boden wohnenden kommt er bei, indem er die Nester ausscharrt. »Ich sah einst«, schreibt mir Liebe, »ein paar Wespenbussarde auf einem Feldrande damit beschäftigt, ein Hummelnest auszugraben. Das Weibchen packte mit dem Fange Rasenstücke und Erde und riß so Brocken für Brocken heraus, bisweilen mit dem Schnabel nachhelfend. Das Männchen löste seine Ehehälfte einige Male auf kurze Zeit ab. Nach etwa einer Viertelstunde war die Arbeit getan.« Hat der Vogel ein Bienennest entdeckt, so läßt er sich nicht leicht von ihm vertreiben. Naumann betrachtet ihn als einen argen Nestplünderer und bezichtigt ihn außerdem, neben Mäusen, Ratten, Hamstern und dergleichen auch wohl einen jungen Hasen abzuwürgen. Beim Habicht soll er sich zuweilen zu Gaste bitten, das heißt so lange in der Nähe des fressenden Räubers warten, bis dieser seine Tafel aufgehoben hat, und dann mit dem vorlieb nehmen, was jener übrig läßt. Im Hochsommer endlich soll er, außer den Heidelbeeren, auch Preißel- und andere Waldbeeren verzehren. »Bald«, sagt Altum, »ist der Kropf gefüllt mit Erdraupen und kleinen Grasraupen, bald mit Wespen- und namentlich mit Hummelbrut, bald mit kleinen, nackten Spannräupchen, bald mit Fröschen, bald mit einer Familie Nestvögel, von denen er die Drosseln besonders zu lieben scheint; Mäuse, die er ohne Zweifel verzehrt, fand ich nie. Kerbtiere, namentlich Käfer, Hummelbrut, Erd-, Gras- und Spannraupen scheinen nebst Fröschen seine Hauptnahrung zu sein.«

Alle Beobachter, die die Kerbtiere im Kropfe und Magen des Wespenbussards untersuchten, bemerkten übereinstimmend, daß der Vogel nie verfehle, dem Immengeschlechte, also Hornissen, Wespen, Hummeln und Bienen, vor dem Verschlingen den Stachel abzubeißen. Er weiß diese Tiere, wie Naumann schildert, so geschickt zu fangen, daß er sie beim Zuschnappen seitlich quer in den Schnabel bekommt, durch rasches Zusammenrücken der Kiefer die Spitze des Hinterleibes in einige Millimeter Breite zusamt dem Stachel abbeißt, diese Stückchen fallen läßt und nicht mit verschluckt, weil ihn sonst der Stachel im Munde, Schlunde usw. tödlich verletzen könnte. Sämtliche Kerbtiere werden stets so verstümmelt, und nie war ein Stachel darunter zu finden. Beim Fange selbst schützen ihn schon das derbe Gefieder und die harten Fußschilder vor den Stichen der ihn Umsummenden.

Unmittelbar nach seiner Ankunft in der Heimat beginnt der Wespenbussard mit dem Baue oder der Aufbesserung seines Horstes. Zur Anlage desselben bevorzugt er an Felder und Wiesen grenzende Laubwaldungen allen übrigen Beständen. Selbst zu bauen entschließt er sich nur in Notfällen; weit lieber benutzt er den vorjährigen Bau eines Bussards oder Milans, selbst ein altes Krähennest, das er so weit, als ihm nötig scheint, herrichtet, namentlich, wenn auch nicht in allen Fällen, mit frischen, grünen Reisern versieht. Wenn er sich entschließen muß, selbst zu bauen, verfährt er so ungeschickt und liederlich wie möglich. Der Bau ist dann immer schlecht und besteht meist nur aus dünnen Reisern, die leicht übereinander geschichtet, zuweilen sogar so wenig zusammengelegt sind, daß man von unten her die Eier durchschimmern sehen kann. Während der Begattungszeit vergnügt sich das Paar nach anderer Raubvögel Art durch Flugspiele in hoher Luft, und es ist dann, wie Naumann sagt, »sehr ergötzlich, bei heiterem Wetter diesen Spielen über dem Nitzplatze zuzusehen; wie das Paar hoch in den Lüften ohne Flügelschlag zunächst in weiten Kreisen sich immer höher hinaufdreht, dann das Männchen allmählich sich hoch über das Weibchen erhebt, nun aus größter Höhe mit fast senkrecht nach oben gestellten Flügeln und einer eigentümlichen, schnell schüttelnden Bewegung derselben sich wieder zu ihm herabläßt, jedoch sogleich wieder zu voriger Höhe heraufschraubt, um sich auf jene Weise abermals herabzusenken, dann wieder aufzusteigen und so dies anmutige Spiel Viertelstunden lang zu wiederholen.«

Noch bevor die Eier gelegt werden, sitzen beide Gatten lange im Horste. Sachse, der im Westerwalde binnen zwölf bis vierzehn Jahren nicht weniger als einunddreißig Horste des in andern Gegenden seltenen Raubvogels besuchte, fand, daß schon am elften Mai grünes Laub eingetragen wurde, obwohl erst am vierten Juni frische Eier im Horste lagen. Zwei Eier, die nach Gestalt und Farbe sehr abweichen, bilden das Gelege. Sie sind bald rundlich, bald eiförmig; ihre Schale ist mehr oder weniger glänzend und auf gelbweißem oder braunrotem Grunde heller oder dunkler gemarmelt, zuweilen gleichmäßig, zuweilen auf der einen Hälfte dunkler als auf der andern. Nach Sachses Erfahrungen werden die Eier frühestens Ende Mai, und zwar in Zwischenräumen von drei bis fünf Tagen gelegt. Männchen und Weibchen bebrüten sie abwechselnd und füttern einander gegenseitig mit Wespen- und Hummelbrut, die in Waben herbeigeschleppt und oft in Menge im Horste aufgespeichert wird. Auffallend ist die geringe Scheu der brütenden Wespenbussarde am Horste. »Am 6. Juni 1870 vermutete ich in einem öfters zuvor besuchten Horste Eier. Der Vogel saß auf denselben, und der Schwanz reichte über den Nestrand. Ich klopfte mit dem Stocke an die Eiche, der Vogel aber blieb sitzen. Erst nach wiederholtem Klopfen trat er auf den Rand des Horstes, blies das Gefieder auf und sträubte die Kopffedern, sah mich grimmig an, schüttelte sich und setzte sich wieder auf seine Eier. Erst als ich den Horst beinahe erreicht hatte, stand er auf, ging gemächlich den Zweig, auf dem der Horst stand, entlang und stob dann ab. Von Krähen und kleineren Vögeln verfolgt, umkreiste er den Baum eine Zeitlang und bäumte ungefähr fünfzig Schritte von mir wieder auf. Die beiden Eier waren vier bis fünf Tage bebrütet. Es ist mir wiederholt vorgekommen, daß der Vogel erst vom Horste flog, als ich denselben beinahe erreicht hatte.« Die Jungen werden anfänglich mit Raupen, Fliegen und andern Kerbtieren ernährt, und zwar, indem die Eltern ihnen die im Schlunde gesammelte Speise vorspeien, während sie später ganze, mit Brut angefüllte Waben und Wespennester auftischen und schließlich auch junge Frösche, Vögel und dergleichen herbeischaffen. Auch nach dem Ausfliegen benutzen die Jungen den Horst noch einige Zeit zur Nachtruhe, später beginnen sie umherzustreifen, halten sich aber noch zusammen und kehren wahrscheinlich auch jetzt immer und immer wieder zu ihrer Geburtsstätte zurück. Unter Führung und Leitung ihrer Eltern erwerben sie sich bald die Fähigkeit, sich selbst zu ernähren, verharren jedoch noch geraume Zeit in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnisse zu ihnen.

In der Gefangenschaft ist der Wespenbussard, laut Behrends, höchst unterhaltend. »Ein flugbares Männchen, das ich eingefangen, ward schon nach wenigen Wochen gegen ihm bekannte Leute wie auch gegen meine Hunde in hohem Grade zutraulich, ja anhänglich, nahm aber jedem fremden Hunde gegenüber eine Angriffsstellung an, sträubte die Federn und ging auf ihn los. Besondere Zuneigung hatte er zu einem kleinen Hunde gewonnen. Lag dieser, so setzte der Vogel sich zwischen seine Füße, spielte mit ihm oder zauste mit dem Schnabel seine Haare, was er sich denn auch gutwillig gefallen ließ. Nur beim Fressen war der Bussard zuweilen tückisch, jagte die Hunde, die sich ihm nicht widersetzten, vom Futter und bewachte letzteres oft längere Zeit, ohne selbst davon zu fressen. Er lief in und außer dem Hause umher, und schrie, wenn er eine Tür verschlossen fand, aus Leibeskräften so lange, bis solche geöffnet wurde. Er hörte auf den Ruf ›Hans‹, kam aber nur, wenn er gut gelaunt oder hungrig war. In Zeiten guter Laune sprang er Frauen auf den Schoß, hob oft einen Flügel auf, um sich unter demselben krauen zu lassen, wobei er unter sichtlichem Wohlbehagen die Augen zudrückte, oder setzte sich auf deren Schultern und spielte in den Haaren. Tat ihm jemand etwas zuleide, so merkte er es lange Zeit und mied diese Person. Hatte er Hunger, so lief er der Magd, die ihn gewöhnlich fütterte, schreiend im ganzen Hause nach und zupfte dabei an deren Kleidern; wollte sie ihn abwehren, so schrie er entsetzlich und stellte sich zur Wehr. Seine liebste Nahrung war Semmel und Milch; doch fraß er auch alles andere, wie Fleisch, Mehlspeisen, Kartoffeln, zuweilen auch einen kleinen Vogel. Ein Wespennest, das in einem Garten an einem Busche hing, fesselte ihn nicht im mindesten. Wespen, die ihm um den Kopf flogen, suchte er durch Kopfschütteln abzuwehren; hielt man ihm solche vor den Schnabel, so biß er dieselben tot, fraß sie aber nie. Gegen Kälte war er sehr empfindlich. Im Winter versteckte er sich häufig unter dem Ofen und verhielt sich, da er nicht gern im Zimmer geduldet wurde, ganz ruhig, um seine Anwesenheit nicht zu verraten. Im allgemeinen hatte er mehr das Betragen einer Krähe als eines Raubvogels; nur waren seine Bewegungen gemessener und bedächtiger, sein Gang schreitend, nie hüpfend, nur wenn er gejagt wurde, machte er einige Sätze. Er starb nach drei Jahren.

»Ein alt eingefangenes Weibchen liebte Wespenbrut leidenschaftlich. Hielt man ihm ein Wespennest vor, so wurde es sichtlich aufgeregt, stieß mit Begierde danach und verschluckte ganze Stücke davon. Leere Wespennester zerriß es, nach Brut suchend, in Fetzen. Sonst war, wie bei dem vorigen, Semmel und Milch seine Lieblingsspeise. Tote Vögel ließ es oft unberührt; lieber waren ihm Frösche; auch Maikäfer fraß es, doch nicht besonders gern. Gegen meine übrigen Haustiere war der Wespenbussard im hohen Grade verträglich. Ergötzlich war es anzusehen, wenn er mit denselben, nämlich zwei Meerschweinchen, einem Stare, einem Goldregenpfeifer und zwei Wachteln, aus einer Schüssel fraß. Keines der genannten Tiere zeigte die geringste Furcht vor ihm, ja, der naseweise Star biß oft aus Futterneid nach ihm oder spritzte ihm Milch ins Gesicht, was er ganz ruhig hinnahm. Zuweilen erhob er sich dabei sehr würdevoll und überschaute mit stolzem Blicke den bunten Kreis seiner Tischgenossen. Einmal erhielt ich eine Taube, setzte sie neben den Wespenbussard und erstaunte nicht wenig, als dieselbe, statt Furcht zu zeigen, sich innig an den Falken schmiegte. Sie zeigte überhaupt bald eine solche Anhänglichkeit an ihn, daß sie nicht mehr von dessen Seite wich. War sie von der Stange, auf der sie neben ihm saß, zum Futter herabgehüpft, so lief sie, da sie nicht fliegen konnte, so lange unter ihrem Freunde hin und her, bis man sie wieder hinauf setzte; verhielt sich der Falke nicht ruhig, so hackte sie oft nach ihm, was ihn aber gar nicht zu beleidigen schien. So gutmütig der Wespenbussard gegen Menschen und die genannten Tiere, so bösartig war er, wenn ein Hund in seine Nähe kam; pfeilschnell und mit größter Wut schoß er nach dem Kopfe des Hundes, schlug seine Fänge ein, biß, und schlug ihn mit den Flügeln; dabei sträubte er die Federn und fauchte wie eine Katze. Die Hunde, auch die stärksten und bösartigsten, gerieten in die größte Angst und suchten das Weite. Auch wenn der Hund entronnen war, beruhigte er sich nicht gleich, sondern biß eine Zeitlang in blinder Wut nach allem, was sich ihm näherte.

Er liebte sehr den Sonnenschein, setzte sich daher oft mit ausgebreiteten Flügeln und geöffnetem Schnabel an ein offenes Fenster und flog auch auf die benachbarten Dächer. Regen scheute er sehr; wurde er von einem solchen überrascht, so verkroch er sich schnell in die nächste Ecke. Gegen Kälte war auch er sehr empfindlich und mußte deshalb im Winter in der Arbeitsstube gehalten werden.«

Der Wert des Wespenbussards ist, wie Altum hervorhebt, leicht zu überschätzen, wenn man nur die von ihm verzehrten Raupen, Grillen und Wespen berücksichtigt, dagegen außer acht läßt, daß Frösche und Hummeln durchaus keine schädlichen Tiere sind, und er viele Vogelbruten zerstört. Gerechte Abwägung des Schadens und des Nutzens, den er leistet, muß aber zu der Erkenntnis führen, daß er Schonung und nicht Verfolgung verdient.

siehe Bildunterschrift

Bussarde:
Mäusebussard (Buteo vulgaris)
Schlangenbussard (Circaëtus gallicus)

Unser Mäusebussard ist das Urbild der Familie und der Sippe der Bussarde ( Buteo). Von dem Wespenbussard unterscheidet er sich augenfällig durch feine, weiche, haarförmige, von der Mitte strahlenförmig ausgehende Federchen, die die Zügel und die Umgebung des Schnabels bekleiden. Der Mäusebussard ( Buteo vulgaris) erreicht eine Länge von fünfzig bis sechsundfünfzig bei einer Breite von hundertzwanzig bis hundertfünfundzwanzig Zentimeter; die Länge des Fittichs beträgt achtunddreißig bis vierzig, die des Schwanzes sechsundzwanzig Zentimeter. Über die Färbung ist schwer etwas Allgemeingültiges zu sagen; denn der Bussard ändert außergewöhnlich ab, so daß man selten zwei vollkommen gleich gefärbte Stücke von ihm sieht. Einzelne sind gleichmäßig schwarzbraun, aus dem Schwanz gebändert, andere braun auf der Oberseite, der Brust und den Schenkeln, sonst aber auch auf lichtbraunem Grund in die Quere gefleckt, andere lichtbraun, bis auf den Schwanz längs gestreift, andere gelblichweiß mit dunkleren Schwingen und Schwanzfedern, auf der Brust gefleckt, auf den Steuerfedern gebändert usw. Das Auge ist in der Jugend graubraun, später rötlichbraun, im hohen Alter grau, die Wachshaut wachs-, der Fuß hellgelb, der Schnabel am Grunde bläulich, an der Spitze schwärzlich.

Das Verbreitungsgebiet des Bussards reicht nicht weit über Europa hinaus. Schon in den Steppen Südrußlands ersetzt ihn der merklich größere und hochläufigere, an seinem meist lichten, fast weißem Schwanze zu erkennende Raub- oder Adlerbussard ( Buteo ferox); in Sibirien, Kleinasien, Nordostafrika wird er durch den, auf dem Zuge nach Deutschland durchwandernden Steppenbussard ( Buteo desertorum) vertreten, der sich, im Gegensatz zu jenem, durch merklich geringere Größe und vorwaltend rötliches Gefieder, mindestens deutlich rötlichen Schwanz kennzeichnet, unserm Bussard jedoch so nahe steht, daß er leicht mit ihm verwechselt werden kann. Unser Bussard ist in Großbritannien fast ausgerottet worden, im südlichen Skandinavien, Nord- und Mittelrußland, Dänemark, Deutschland, Österreich-Ungarn dagegen einer der häufigsten Raubvögel, in Holland hauptsächlich auf die östlichen Teile beschränkt, in Belgien und Frankreich seltener Stand-, aber häufiger Wandervogel, auf den drei südlichen Halbinseln regelmäßiger Wintergast. Im südlichen Deutschland verweilt er gewöhnlich auch während der Winterzeit, in den nördlichen Teilen wandert der größere Teil der Brutvögel; kältere Gegenden verläßt der Bussard allherbstlich, und zwar im September und Oktober, um im März oder April zurückzukehren. Gelegentlich des Zuges bildet er Gesellschaften von zwanzig bis mehr als hundert Stück, die zwar miteinander in gleicher Richtung dahinfliegen, aber durchaus keine Schwärme bilden, sondern sich über Flächen von mehreren Geviertkilometern verteilen, langsam und meist in ziemlicher Höhe dahinfliegen, auch stets noch Zeit finden, halbe Stunden lang in weiten Kreisen sich emporzuschrauben. Auf dem Rückzuge verweilen sie gern einige Tage an nahrungversprechenden Orten und wandern dann ein Stück weiter. Zum Standorte wählt das Paar Waldungen aller Art, am liebsten solche, die mit Feld und Wiesen abwechseln, fehlt jedoch auch in ausgedehnten Forsten nicht und steigt hoch im Gebirge empor.

Der geübte Beobachter erkennt den Bussard auf den ersten Blick, derselbe mag sitzen oder fliegen. Gewöhnlich sitzt er zusammengedrückt, mit wenig anliegenden Federn, gern auf einem Fuße, den andern zusammengebogen zwischen den Federn versteckt. Der Stein, der Erdhügel oder der Baum, den er zum Ruhesitze erwählt hat, dient ihm als Warte, von der aus er sein Gebiet überschaut. Der Flug ist langsam, aber leicht, fast geräuschlos und auf weite Strecken hin schwebend. Jagend erhält sich der Bussard rüttelnd oft längere Zeit über einer und derselben Stelle, um diese auf das genaueste abzusuchen oder ein von ihm bemerktes Tier genauer ins Auge zu fassen. Angreifend fällt er mit hart angezogenen Schwingen zu Boden herab, breitet dicht über demselben die Fittiche wieder, fliegt wohl auch noch eine kurze Strecke über dem Boden dahin und greift dann mit weit ausgestreckten Fängen nach seiner Beute. Bei gewöhnlicher Jagd erhebt er sich seltener in bedeutende Höhe; im Frühjahre aber, und namentlich zur Zeit seiner Liebe, steigt er ungemein hoch empor und entfaltet dabei Künste, die man ihm kaum zutrauen möchte. »Da, wo er horstet«, sagt Altum sehr richtig, »ist er eine wahre Zierde der Gegend. Es gewährt einen prachtvollen Anblick, wenn die beiden Alten an heiteren Frühlingstagen und auch später noch in den schönsten Kreisen über dem Walde sich wiegen. Ihr lautes und schallendes »Hiäh« erhöht noch die angenehme Belebung. Haben sie ihre Künste im Fliegen lange genug ausgeführt, so zieht einer die beiden Flügel an und wirft sich in laut sausendem Sturze herab in den Wald, und sofort folgt auch der andere nach.« Seine Stimme ähnelt dem Miauen einer Katze, und ihr verdankt er seinen Namen, da das Wort »Buse« soviel als Katze bedeutet, der Bussard also Katzenaar genannt worden ist. Unter den Sinnen steht das Gesicht obenan; aber auch das Gehör ist scharf, das Gefühl fein, der Geschmack wenigstens nicht verkümmert und der Geruch vielleicht ausgebildeter, als wir glauben. Sowohl der freilebende, wie der gefangene geben oft Beweise großer Klugheit, List und Verschlagenheit.

Ende April oder zu Anfang des Mai bezieht der Bussard seinen alten Horst wieder oder erbaut einen neuen. Er erwählt hierzu einen ihm passenden Baum in Laub- oder Nadelwäldern und errichtet hier, bald höher, bald niedriger über dem Boden, in der Regel möglichst nahe am Stamme, entweder in Zwiseln oder in passenden Astgabeln, den fast immer großen, mit den Jahren an Umfang zunehmenden Bau, falls er nicht vorzieht, ein ihm geeignet erscheinendes Kolkraben- oder Krähennest zu benutzen. In den meisten Fällen ist er nicht allein Baumeister für sich, sondern auch für viele andere Raubvögel unseres Vaterlandes. Der Horst hat ungefähr sechzig, höchstens achtzig Zentimeter im Durchmesser und besteht aus stärkeren Zweigen, die nach obenhin immer dünner und zuletzt mit großer Sorgfalt ausgewählt zu werden pflegen, so daß die flache Vertiefung mit zarten, grünen Reisern ausgeschmückt erscheint. Zuweilen füttert er die Mulde auch mit Moos, Tierhaaren und anderen weichen Stoffen aus. Drei bis vier Eier, die auf grünlichweißem Grunde hellbraun gefleckt sind, bilden das Gelege. Das Weibchen scheint allein zu brüten; die Jungen aber werden von beiden Eltern gemeinschaftlich ernährt.

Dem Bussarde ergeht es ungefähr ebenso wie dem Fuchse. Jeder Übergriff von ihm wird mit mißgünstigen Blicken bemerkt, seine uns Nutzen bringenden Tätigkeiten dagegen regelmäßig unterschätzt. In den Augen aller Jäger gilt er als der schädlichste Raubvogel unseres Vaterlandes und wird deshalb mit förmlicher Erbitterung verfolgt. Wahr ist es freilich, daß der Bussard, ebenso gut wie Mäuse, Ratten und Hamster, Schlangen, Frösche, Kerbtiere und Regenwürmer, auch junge Hasen fängt oder alten, kranken, namentlich verwundeten den Garaus macht und von ihrem Wildprete kröpft, nicht minder richtig, daß er zuweilen Rebhühner schlägt, möglich sogar, daß er gewandt genug ist, um selbst im Sommer und Herbste gesunde Feldhühner oder Fasane zu schlagen, erwiesen ferner, daß er seinen Jungen außer den eben genannten Wildarten Maulwürfe, Finken, Lerchen, Amseln und andere junge Vögel, deren er sich bemächtigen kann, zuträgt, nicht wohl in Abrede zu stellen endlich, daß er nach Art der Weihen unter Umständen sogar Enten-, vielleicht noch andere Jagdvogeleier frißt. Aber die Hauptnahrung des Bussards besteht trotzdem in allen Arten von Mäusen, in Ratten, Hamstern, Ziseln, Fröschen, Heuschrecken und anderen Kerbtieren, also in Tieren, welche uns entweder auf das empfindlichste schädigen oder, wie die Frösche, in so zahlreicher Menge vorhanden sind, daß die Vernichtung einzelner von ihnen nicht in Betracht kommt. Blasius hat dreißig Mäuse dem Magen eines einzigen Bussards entnommen, Martin hunderte dieser ihm zum Ausstopfen überlieferten Raubvögel geöffnet und in aller Kröpfe nur Mäuse gefunden. Es mag sein, daß die Annahme von Lenz, nach welcher ein Bussard bei dreißig Mäusen täglich ungefähr zehntausend Stück der schädlichen Nager vertilgen soll, wie alle ähnlichen auf derartige Berechnungen gegründete Mutmaßungen, falsch ist; richtig aber wird trotz alledem sein und bleiben, daß der Bussard im allgemeinen durch Aufzehren der Mäuse mehr nützt, als er durch Schlagen einzelner Wildarten schadet. Nicht vergessen darf man hierbei namentlich noch das eine, daß auch dieser Raubvogel wie alle Verwandten mehr oder weniger den Verhältnissen sich anbequemt, also in besonders wildreichen Gegenden in erklärlicher Weise öfters an einer Wildart sich vergreift als in einer wildarmen, wo ihm die Flüchtigkeit solcher Beute ungleich mehr Mühe verursacht als die Erwerbung seiner regelmäßigen Nahrung, ebensowenig außer acht lassen, daß er zeitweilig besonders schädlich wird, namentlich, wenn er hungrige, viel verlangende Junge aufzufüttern hat, alles schlägt, was er zu erlangen und zu bewältigen imstande ist, und wenn der Hunger ihn treibt, sich im Winter besonders kühn zeigt.

Um den Bussarden, die ich auf unseren Fluren nicht missen möchte, noch einige Freunde zu werben, will ich noch ausdrücklich hervorheben, daß der so oft geschmähte Vogel einer der wirksamsten Vertilger der Kreuzotter ist. Um die Gefährlichkeit der Kämpfe des Bussards mit Vipern zu würdigen, muß man wissen, daß er nicht gefeit ist gegen das Gift der Kreuzottern, sondern den Bissen des tückischen Kriechtieres erliegt, wenn diese einen blutreichen Teil des Leibes getroffen haben. Es mag allerdings selten vorkommen, daß der Raubvogel nicht als Sieger aus dem Kampfe hervorgeht; einzelne aber finden gewiß ihren Tod in dem Kampfe mit Kreuzottern. So erfuhr Holland eine wirklich rührende Geschichte von einem ihm befreundeten glaubwürdigen Forstmanne. Derselbe hatte einen Bussardhorst erstiegen, weil der Vogel, den er von unten schon gesehen, nicht abgeflogen war. Als er nun zum Horste kam, bemerkte er, daß der Bussard nicht mehr lebte. Er nahm ihn in die Höhe und sah zu seinem nicht geringen Schrecken eine lebende Kreuzotter unter dem Bussard liegen. Dieser mußte also die Schlange in den Horst getragen, einen Biß von ihr empfangen haben und an demselben verendet sein.

*

Die nördlichen Länder der Erde, insbesondere aber die Tundra, bewohnt ein Bussard, der sich durch seine wie bei den Adlern befiederten Fußwurzeln besonders auszeichnet und deshalb von meinem Vater zum Vertreter einer gleichnamigen Sippe ( Archibuteo) erhoben worden ist, der Rauhfußbussard oder Schneeaar ( Archibuteo lagopus). Der Schnabel ist klein und schmal, stark gekrümmt und langhakig; die ungemein abändernde Färbung ist ein Gemisch von Weiß, Gelblichweiß, Rotgrau, Braunschwarz und Braun. Die Länge beträgt fünfundsechzig, die Breite etwa hundertundfünfzig, die Fittichlänge fünfundvierzig, die Schwanzlänge vierundzwanzig Zentimeter.

Obwohl der Rauhfußbussard in verschiedenen Teilen Deutschlands, insbesondere aber auf Rügen, in Westpreußen, der Lausitz, Thüringen und am Taunus, gehorstet haben soll, liegt unser Vaterland doch jenseit der Grenze seines eigentlichen Brutgebietes. Als dieses hat man die Tundra anzusehen. In Europa sind es vor allem Skandinavien und Nordrußland, wo man ihm während des Sommers begegnet; in Sibirien haben wir ihn erst am nördlichen Rande des Waldgürtels, weit häufiger aber in der eigentlichen Tundra beobachtet, und in Nordamerika, wo er ebenfalls vorkommt, werden zweifellos dieselben Verhältnisse maßgebend sein. Selbst da, wo er weiter im Süden horstet, wie beispielsweise in Skandinavien, pflegt er sich zu einem Wohnsitze solche Stellen auszusuchen, die der Tundra gleichen oder, streng genommen, Tundra sind, ob sie auch rings von Waldungen umgeben sein sollten, wie beispielsweise die nackten, kahlen Fjelds der Gebirge. Bei uns zulande trifft der Rauhfußbussard, von Norden kommend, um die Mitte des Oktober, selten früher, meist etwas später ein, um hier, in seiner Winterherberge, bis in den März, selbst bis zum April, zu verweilen. Von Nordrußland aus besucht er die südlichen Teile des Landes oder bezieht die an das Schwarze Meer grenzenden Landstriche; von Sibirien aus wandert er bis in die Steppen Turkestans.

Ein geübter Beobachter ist imstande, den Rauhfußbussard in jeder Stellung, namentlich aber im Fliegen, von seinen einheimischen Verwandten zu unterscheiden. Die längeren Flügel mit den schwarzen Flecken am Handgelenke und die auffallende Schwanzzeichnung lassen das Flugbild von dem des Bussards hinlänglich abweichend erscheinen. Auch sind die Bewegungen beider Vögel verschieden, indem der Rauhfußbussard die Schwingen beim Schlagen tiefer nach unten bewegt und nach je zwei oder drei Schlägen eine Strecke geradeaus zu schweben pflegt. Abgesehen hiervon, unterscheiden sich beide Arten in ihrem Winterleben so wenig, daß man das von dem einen beobachtete unbedenklich auch auf den anderen beziehen kann. Viel eher und bestimmter lassen sich hinsichtlich des Sommerlebens der beiden so nahe verwandten Vögel Unterschiede nachweisen.

Der Horst unseres Vogels steht in der Tundra nur höchst selten auf einer Stelle, die nicht ohne weitere Anstrengung erreicht werden könnte. Zwar verfehlt auch der Rauhfußbussard nie, Bäume oder passende Felsennischen zu verwenden, ist aber auf weite Strecken hin hierzu gar nicht imstande, weil es an vielen Stellen seines eigenartigen Brutgebietes wohl hinreichende Nahrung, nicht aber Bäume oder Felsen gibt, er sieht sich daher genötigt, seinen Horst auf dem Boden selbst anzulegen. Abweichend von dem Wanderfalken wählt er hierzu nicht solche Stellen, die an Abhänge grenzen, sondern regelmäßig die Spitze eines Hügels, gleichviel ob derselbe dreißig bis fünfzig oder nur zwei bis drei Meter über die durchschnittliche Höhe der Ebene sich erhebt. Abgesehen von dem für einen Bussard sicherlich auffallenden Standort, zeichnet sich der Horst, der in waldigen Gegenden von dem unseres Mausers kaum abweicht, in der Tundra noch dadurch aus, daß ausschließlich dünne, gebrechliche Zweige zu seinem Aufbau verwendet werden; kostet es doch unserm Rauhfußbussard Mühe genug, selbst diese herbeizuschaffen. Weite Strecken durchfliegend, findet er nur hier und da einen durch irgendeinen Zufall abgebrochenen Zwergbirkenzweig, im günstigsten Fall einen ausgerissenen Zwergbirkenstrauch oder einen dürren Lärchenast, den er verwenden kann: sehr erklärlich daher, daß er sich mit den unbedeutendsten Zweigen begnügt und selbst solche zum Unterbau verwendet, die nicht dicker sind als die ineinander verfilzten der Zwergbirkenkronen, auf denen der Horst steht. Findet der Rauhfußbussard Renntierhaare oder sonstige weiche Stoffe zur Ausfütterung, so schleppt er auch diese herbei, wenn nicht, begnügt er sich, die sehr flache Nestmulde regelmäßiger als den unteren Teil des Horstes mit sehr dünnen Zweigen und einzelnen Riedgrashalmen auszukleiden. Im nördlichen Skandinavien legt er, nach Wolleys Beobachtungen, in der Zeit von Mitte Mai bis zu Ende Juni, in der Tundra Westsibiriens anscheinend auch nicht später. Ende Juli und Anfang August fanden wir in verschiedenen Horsten Junge im Dunenkleid.

Betritt man das Wohngebiet eines Rauhfußpaares, so wird man gewiß durch die Alten selbst auf den Horst aufmerksam gemacht und, wenn man verständnisvoll ihnen folgt, von ihnen sogar zur Brutstätte geführt werden. Einer der Alten hat den herbeikommenden Menschen, einen ihm ungewohnten Gegenstand, von fern entdeckt und fliegt eilig herbei, um sich den Eindringling genau zu betrachten, bricht dann in lautklagendes Geschrei aus und lockt damit regelmäßig, meist bereits in den ersten Minuten, seinen Gatten herbei. Beide kreisen in vorsichtig bemessener Höhe, mindestens außer der Schußweite eines Schrotgewehres, über dem Wanderer, schrauben sich im Kreise allmählich höher und höher, stürzen von Zeit zu Zeit wieder tief herab, als ob sie einen Angriff ausführen wollten, wagen aber niemals einen ebenso kühnen Stoß wie Wanderfalken unter gleichen Umständen, und setzen ihre Sicherheit nicht aus den Augen. Aus der zunehmenden Heftigkeit ihres Geschreies und ihrer Bewegungen kann man zwar entnehmen, daß man sich dem Horste nähert, demungeachtet ist es nicht immer leicht, ihn zu finden. Man kann in nicht allzu großer Entfernung an ihm vorübergehen, da er selbst in keiner Weise auffällt und nur durch die auf weithin sichtbaren lebenden Dunenklümpchen, die Jungen, erkenntlich wird. Findet man ihn rechtzeitig auf, so kann man, mit dem Fernglas vor dem Auge, weiter und weiter schreitend, das Treiben der Jungen trefflich beobachten. Harmlos, wie üblich die Köpfe nach innen gerichtet, sitzen sie in verschiedenen Stellungen nebeneinander. Der eine lagert, den Hals ausgestreckt und den Kopf auf den Boden der Horstmulde gelegt, behaglich, halb geschlossenen Auges, träumend oder schlummernd; der andere hockt auf den Fußwurzeln und nestelt sich mit dem Schnabel im dunigen Gefieder; der dritte versucht, die stummelhaften Fittiche zu bewegen, als ob er fliegen wollte; der vierte sträubt ärgerlich das Kopfgefieder, auf dem mehr als ein Dutzend blutgieriger Mücken sitzt; der fünfte kauert halb in sich zusammengesunken zwischen den übrigen. Nun stößt plötzlich der Alte, auf dessen ängstliches Rufen die gesamte junge Schar bisher noch nicht geachtet, tief herab und streicht eiligen Fluges schwebend unmittelbar über dem Horst dahin, und augenblicklich ducken sich alle Jungen zu Boden nieder und verharren regungslos in der Stellung, die sie infolgedessen erlangten. Der eine, der seine Flügel zu bewegen versuchte, wurde durch den, der den Mücken zürnte, über den Haufen geworfen und liegt jetzt schief auf dem Rücken, den einen geöffneten Fang dicht an den Leib angezogen, den andern, halb geschlossenen weit von sich gestreckt, ohne irgendeine Bewegung zu wagen, ohne durch mehr als ein Zucken seines Auges und das Heben und Senken der atmenden Brust zu verraten, daß noch Leben in ihm sei. So bildsäulenhaft verfahren die Jungen, solange man am Neste sich aufhält. Man kann sie zeichnen, ohne befürchten zu müssen, daß einer derselben die Stellung verändere; man darf sie aus dem Neste heben und wieder zurücklegen, sie werden sich stets gebaren, als ob sie leblos seien, und diejenige Stellung getreulich beibehalten, die man ihnen zu geben für gut befunden. Währenddem schreien die Alten jämmerlich, stoßen herab, schwingen sich in Kreislinien wieder nach oben empor, geben durch tausend Zeichen ihre Angst zu erkennen, wagen aber auch jetzt noch nicht, bis in Schußweite zu nahen. Ihre Liebe zu den Jungen betätigen sie übrigens auch in anderer Weise, dadurch, daß sie ihnen reichlich Nahrung herbeischleppen. Das Beutetier, das den Rauhfußbussard an die Tundra fesselt, ist der Lemming. Dank der außerordentlichen Häufigkeit besagter Wühlmäuse leidet der Vogel während der wichtigsten Zeit seines Lebens niemals Mangel. Lemminge fängt er mühelos, so viel wie er will und braucht; mit ihnen ernährt er sich und seine Jungen. Daß er auch andere Tiere der Tundra nicht verschmäht, daß er selbst den Schneehasen gefährden kann, wenn die heranwachsenden Jungen mehr als sonst zu rücksichtslosem Raub anspornen, läßt sich aus den Beobachtungen schließen, die wir an unserm Vogel während der Zeit seines Winteraufenthalts bei uns zulande gesammelt haben.

*

In der letzten Familie vereinigen wir die Geierfalken ( Polyboridae), Raubvögel mit verhältnismäßig langem, an der Wurzel geradem, an der Spitze schwach gebogenem, zahnlosem und kurzhakigem Schnabel, hoch- und dünnläufigen Füßen, deren mittellange und schwache Fänge mit wenig gebogenen, an der Spitze aber schlank zugespitzten Nägeln bewehrt werden, kurzen Flügeln, langem und breitem Schwanze und hartem Gefieder, das die Zügel, ausnahmsweise auch Kehle und Vorderstirn, frei läßt, und am Hinterkopf sich zuspitzt.

Über Heimat, Aufenthalt, Lebensweise und Betragen dieser merkwürdigen Vögel, »die«, wie Darwin sagt, »durch ihre Anzahl, geringe Scheu und widrige Lebensweise jedem ausfallen müssen, der bloß an die Vögel des nördlichen Europa gewöhnt ist«, liegen zahlreiche und ausführliche Beobachtungen vor. Sie ersetzen nicht allein die Geier, sondern auch die Raben, Krähen und Elstern. Wo man aber auch seinen Fuß hinsetzen mag in Südamerika, vom Meeresgestade an bis zu den Hochbergen der Anden hinauf, überall wird man ihnen begegnen. »Die Geierfalken«, sagt d'Orbigny, »sind die aufdringlichsten Schmarotzer des Menschen in den verschiedensten Stufen seiner Gesittung. Treue Gefährten des wilden Wanderers begleiten sie ihn von einem Saume des Waldes zu dem andern, längs der Ufer der Flüsse oder durch die Ebene dahin und nehmen ihren zufälligen Aufenthalt da, wo jener sich niederläßt. Wo man auch einige Zeit verweilen mag, wo man eine Hütte aufschlägt, erscheint der Geierfalk, um auf ihr sich niederzulassen, gleichsam als wolle er zuerst Besitz nehmen, bereit, die weggeworfenen Nahrungsreste des vereinsamten Ansiedlers aufzuheben. Wenn der Mensch einen Weiler gründet, folgt ihm der Geierfalk auch dahin, nimmt in der Nachbarschaft seinen Stand und streift nun ohne Unterlaß zwischen den Häusern umher, die ihm reichliche und leicht zu gewinnende Nahrung versprechen. Wenn endlich der Mensch sich anschickt, Ländereien urbar zu machen und sich mit einer großen Anzahl von Haustieren umgibt, scheint sich die nie ermattende Beschäftigung des Geierfalken noch zu vermehren. Sein Leben wird jetzt gesichert; denn er fürchtet sich nicht, selbst inmitten der Ortschaften sein Wesen zu treiben und hier aus der Nachlässigkeit der Bewohner Vorteil zu ziehen, sei es, indem er ein junges Hühnchen erhebt, oder sei es, indem er von den zum Trocknen aufgehängten Fleischstücken eines oder das andere wegstiehlt. Wie der Geier, muß auch er der Fahrlässigkeit der Dörfer- und Städtebewohner abhelfen, indem er die Tierleichen und den Unflat verschlingt.«

Das Flugbild macht die Geierfalken von weitem kenntlich; denn ihr Flügel sieht viereckig zugestutzt aus, weil die ausgebreiteten Schwingen an Länge gleich zu sein scheinen. Der Flug selbst kann schnell sein, ist aber meist langsam und führt niedrig über dem Boden dahin; der Gang geschieht ohne Beschwerde, würdevoll und mit gemessenen Schritten. Eine Art ist so sehr auf dem Boden zu Hause, daß sie niemals Bäume, sondern immer Felsblöcke zu ihren Ruheplätzen erwählt. Unter den Sinnen steht das Auge obenan; das Gehör ist gut entwickelt; aber auch der Geruch scheint wohl ausgebildet zu sein. Ihr ganzes Wesen ist ein Gemisch von Harmlosigkeit und Frechheit, Geselligkeit und Unverträglichkeit. Besonders unangenehm ist auch ihr oft wiederholter, durchdringender Schrei, der unter lebhaften Bewegungen des Kopfes ausgestoßen und namentlich dann vernommen wird, wenn sie etwas Genießbares erspäht haben.

Der Horst wird oft auf dem Boden oder auf Bäumen angelegt. Die zwei bis sechs Eier sind rundlich und fleckig, nach Art anderer Falkeneier. Beide Eltern scheinen zu brüten.

 

Zur Sippe der Geierfalken im engsten Sinne ( Polyborus) gehört die verbreitetste Art der Familie, der Carancho ( Polyborus tharus). Er erreicht eine Länge von siebzig bei einer Breite von einhundertfünfundzwanzig Zentimetern, die Fittichlänge beträgt achtunddreißig, die Schwanzlänge zwanzig Zentimeter. Die Federn des Ober- und Hinterkopfes, die zu einer Haube aufgerichtet werden können, sind dunkel bräunlichschwarz, die des Rückens schwarzbraun und weiß in die Quere gestreift, Wangen, Kinn, Kehle und Unterhals weiß oder gelblichweiß, Brust- und Halsseiten in derselben Weise wie der Rücken gestreift, Bauch, Schenkel und Steiß gleichmäßig schwarzbraun. Das Auge ist grau oder rötlichbraun, der Schnabel hellbläulich, der Fuß orangegelb, die Wachshaut wie der Zügel und die nackte Umgebung des Auges bräunlichgelb. Das etwas größere Weibchen unterscheidet sich von dem Männchen unerheblich durch blassere Färbung. Bei dem jungen Vogel sind alle Farben blaß und verloschen.

Unser Raubvogel bewohnt paarweise nicht selten alle ebenen Gegenden Südamerikas, am häufigsten die Steppen und dünn bestandene Waldungen. In den Urwaldungen fehlt er ebensogut wie im Gebirge. Besonders zahlreich tritt er in sumpfigen Gegenden auf. »Man erblickt hier«, sagt der Prinz von Wied, »viele dieser schönen Raubvögel, wie sie auf den Triften umherschreiten oder mit niedrigem Fluge, stark mit den Flügeln schlagend, von einem Gebüsch zu dem andern eilen. Auf der Erde nehmen sich die bunten und stolzen Tiere besonders schön aus. Sie gehen aufgerichtet und schreiten geschickt, da ihre hohen Fersen, ziemlich kurzen Zehen und wenig gekrümmten Klauen zum Gang ganz vorzüglich geeignet sind«. Der Federbusch gibt ihnen, nach Boeck, ein majestätisches Aussehen, und ihre Dreistigkeit entspricht der Meinung, die man sich von ihnen bildet, wenn man sie zuerst erblickt.

Ihre Nahrung besteht aus tierischen Stoffen aller Art. In den Steppen jagen sie nach Art unserer Bussarde auf Mäuse, kleine Vögel, Lurche, Schnecken und Kerbtiere; am Meeresgestade lesen sie das auf, was die Flut an den Strand warf. Der Prinz fand die Überreste von Kerbtieren und besonders großen Heuschrecken, deren es in den brasilischen Triften sehr viele gibt, in ihrem Magen; Boeck sah sie häufig in Gesellschaft der den Boden aufwühlenden Schweine, mit denen sie gemeinschaftlich Maden und Würmer verzehrten; Azara lernte sie als Verfolger des amerikanischen Straußes, der Lämmer und Hirschkälber kennen. »Ist eine Schafherde«, berichtet er, »nicht von einem guten Hunde bewacht, so kann es vorkommen, daß der Carancho über die neugeborenen Lämmer herfällt, sie bei lebendigem Leibe anfrißt und ihnen die Därme aus der Leibeshöhle herausreißt. Traut sich einer nicht, über einen Raub Meister zu werden, so ruft er vier oder fünf andere herbei, und dann wird er zu einem gefährlichen Räuber.« Auf dem Aas ist er ein regelmäßiger Gast. »Wenn ein Tier«, sagt Darwin, »auf der Ebene stirbt, so pickt der Carancho die Knochen rein. Längs der Straßen in den Wüstenebenen Patagoniens sieht man oft eine erhebliche Anzahl der Vögel, um die Leichen von Tieren zu verzehren, die aus Hunger oder Durst gestorben waren.« Dem Landvolk ist der Carancho sehr verhaßt, weil er das zum Trocknen bestimmte Fleisch mit der größten Frechheit wegstiehlt, zur Abwechselung aber auch sehr gern junge Hühner raubt oder andere schwache, ja selbst stärkere Haustiere belästigt. Nach Darwin soll er ebenso Eier stehlen. Oft sieht man ihn auf dem Rücken der Pferde und Maultiere stehen und hier die Schmarotzer zusammenlesen oder den Grind von den Wunden aufhacken, wobei das arme Tier mit gesenktem Ohr und gewölbtem Rücken ruhig dasteht, weil es sich des Vogels doch nicht erwehren kann. Daß sich der Carancho, falls er kann, ohne Umstände an menschlichen Leichnamen sättigt, unterliegt kaum einem Zweifel; man kann dies aus dem Betragen der Vögel schließen, wenn man sich auf einer jener öden Ebenen zum Schlafe hinlegt. »Beim Munterwerden«, sagt Darwin, »bemerkt man aus jedem benachbarten Hügel einen oder mehrere dieser Vögel und sieht sich von ihnen geduldig mit üblem Auge bewacht.« Jagdgesellschaften, die mit Hunden und Pferden ausziehen, werden während des Tages immer von einigen Caranchos begleitet, und oft nehmen diese dem Schützen den erlegten Vogel vor dem Auge weg. Auch andern Räubern fliegen sie nach, in der Absicht, ihnen eine eben gefangene Beute abzujagen. Sie verfolgen die großen Störche, die ein Stück Fleisch verschlungen haben, und quälen sie solange, bis jene dasselbe wieder von sich und ihnen zur Beute geben. Dagegen werden sie wieder von allerlei Vögeln geneckt, geärgert und gequält. Selbst seine nächsten Verwandten zanken sich beständig mit dem Carancho herum. Läuse bevölkern sein Gefieder in solcher Menge, daß man kaum imstande ist, einen getöteten Vogel abzuziehen.

Beim Schreien legt der Carancho den Kopf ganz auf den Rücken und schnarrt »Traaa«, erhebt ihn wieder und ruft »Rooo« mit einer krächzenden, heiseren Stimme, ähnlich dem Geknarr, das entsteht, wenn Holz an Holz heftig angeschlagen oder gerieben wird. Dieser Schrei ist auf weithin hörbar, aber höchst unangenehm.

Der Carancho ist vom frühen Morgen bis gegen Sonnenuntergang ununterbrochen tätig und viel in Bewegung. Gegen Abend vereinigt er sich mit andern seiner Art und seinen treuen Genossen, den Aasgeiern, auf gewissen Schlafplätzen, am liebsten auf einzeln stehenden, alten Bäumen in der Steppe, wo er die untersten Äste in Besitz nimmt. Zu solchen Bäumen kommt er aus einer Entfernung von fünf bis sechs englischen Meilen herbei. In Ermangelung derselben bäumt er auf niedern Büschen auf oder setzt sich endlich auf passende Felsen und bezüglich Termitenhügel nieder.

Die zusammengehörigen Paare leben während des ganzen Jahres im engsten Verbande. Man erkennt sie auch dann, wenn Gesellschaften von ihnen sich vereinigt haben, an ihrem treuen Zusammenhalten. Die Brutzeit ist verschieden, je nach den Gegenden, die der Carancho bewohnt. In Paraguay horstet er im Herbst, in Mittelamerika während der Frühlingsmonate. Der Horst, ein großer, flacher Bau aus Reisig, dessen Nestmulde mit feinen Wurzeln, Gras und Moos ausgelegt ist, wurde ebensowohl auf sehr hohen, als auf niederen Bäumen gefunden. Die Eier, drei, höchstens vier, oft nur zwei an der Zahl, sind birnförmig, jedoch auffallend gestreckt, ungefähr fünfundvierzig Millimeter lang und an der dicksten Stelle fünfunddreißig Millimeter breit, sehr verschiedenartig gefärbt und gezeichnet, meist aber auf gelblichem Grunde braun und blutrot gefleckt. Die Jungen kommen in einem weißen Dunenkleid zur Welt, werden von ihren Eltern mit größter Sorgfalt erzogen und so lange sie der Hilfe bedürftig sind, in jeder Hinsicht unterstützt, bald aber verstoßen oder wenigstens mit Gleichgültigkeit behandelt.

 << Kapitel 1 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.