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Brehms Tierleben. Säugetiere. Band 7: Zahnarme - Beuteltiere - Gabeltiere - Einhufer

Alfred Brehm: Brehms Tierleben. Säugetiere. Band 7: Zahnarme - Beuteltiere - Gabeltiere - Einhufer - Kapitel 3
Quellenangabe
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authorAlfred Brehm
titleBrehms Tierleben. Säugetiere. Band 7: Zahnarme - Beuteltiere - Gabeltiere - Einhufer
publisherGutenberg-Verlag
seriesBrehms Tierleben
volumeBand 7
editorAdolf Meyer
year1927
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Achte Ordnung: Beuteltiere ( Marsupialia).

Die Klasse der Säugetiere weist neben den Ordnungen der Hochtiere und der Wale keine gleichwertige Gruppe auf, die unsere Beachtung mehr auf sich ziehen könnte als die Ordnung der Beuteltiere. Wir vereinigen in ihr eine nicht unbeträchtliche Anzahl verschiedenartiger Säuger, die mit Ausnahme des Beutels wenig miteinander gemein haben. Sehr gewichtige Gründe deuten darauf hin, daß die Beuteltiere nichts anderes sind als auf uns überkommene vergangener Schöpfungsabschnitte, als Anfangssäugetiere, Vorläufer höher entwickelter Gestalten, Versuche der schaffenden Natur, ein Säugetier überhaupt zu bilden. Wahrscheinlich würde diese Anschauung schon längst zur herrschenden geworden sein, gelte es nicht in den Augen vieler als eine Ketzerei, von unvollendeten Werken des Schöpfers zu reden. Selbst anerkannt tüchtige Naturforscher haben sich herbeigelassen, die Unvollkommenheiten der ersten Versuchstiere, die gegenwärtig vorzugsweise Australien bewohnen, durch die Wasserarmut dieses Erdteils erklären und in ihr den Grund der Beutelbildung finden zu wollen, obgleich dieselben Naturforscher recht gut wußten, daß Beuteltiere in früheren Tagen auch Europa bevölkerten und noch gegenwärtig in Amerika zu Hause sind, wo es wahrlich nicht an Wasser fehlt. »Denkt euch«, sagt Owen, »einen unserer wilden Vierfüßler, meinetwegen einen Fuchs, eine Wildkatze: sie machen ihr Nest, sie haben ihr Lager. Nehmt an, die säugende Mutter müsse, getrieben von dem furchtbaren Durste, ein- oder zweihundert (zwanzig bis vierzig) Meilen wandern, um ihre lechzende Zunge zu erfrischen, müsse ihre kleine Familie zu Hause lassen: was würde aus der jungen, blinden, verwaisten, armen Gesellschaft geworden sein, wenn sie zurückkehrte von ihrem hundertmeiligen Wege? Nun, verschmachtet, verkommen. Tiere, die ein Land wie Australien bewohnen, müssen im Einklang mit seinen klimatischen und allen übrigen Verhältnissen gebaut sein. Und so ist es: die jenem großen Festlande eingeborenen und zur Notwendigkeit des Wanderns bestimmten Tiere besitzen den andern Säugern überflüssigen Beutel und geschlechtliche Eigentümlichkeiten, welche Gaben sie befähigen, ihre Brut mit sich zu nehmen, wohin immer sie gehen.«

Demjenigen, der sich durch vorstehende Berufung an das Gefühl des geneigten Lesers nicht bestechen läßt, wird es leicht, die Haltlosigkeit dieses sogenannten Beweises darzulegen. Es ist eine wohlbekannte Tatsache, daß alle Säugetiere Junge bringen in derjenigen Zeit des Jahres, die die Aufzucht, die erste Ernährung der letzteren am meisten begünstigt, in den wasserreichen Monaten des Jahres nämlich, mögen dieselben nun Frühling oder Sommer oder sonstwie genannt werden. Wenn es sich bei Erschaffung der Beuteltiere wirklich darum gehandelt hätte, die säugende Mutter eines Tieres zu versorgen, wäre es entschieden zweckmäßiger und einfacher gewesen, ein Hochgebirge in Australien zu schaffen, um den Wolken dadurch Gelegenheit zu geben, sich verdichten und die Tiefe mit Wasser versorgen zu können. Die schwarze Menschenmutter, die keinen Beutel erhielt, die Dingohündin, die in der gleichen Lage sich befindet, und die Nutztiere, die das Land schließlich in Besitz nehmende Europäer einführten, würden dann auch weniger vom Durste zu leiden gehabt haben. Erklärungsversuche, wie Owen sie aufstellt, fördern unsere Erkenntnis um keinen Schritt und leiden noch außerdem unter dem Fluche der Lächerlichkeit.

Genauere Betrachtung der Beuteltiere und Vergleichung derselben mit den Mitgliedern anderer Ordnungen ergibt, daß die Ungleichmäßigkeit ihrer Gestalt nicht minder auffällig ist als die Unvollkommenheit derselben, verglichen mit Tieren, denen sie ähneln. Gerade diese Ähnlichkeit mit anderen, höher entwickelten Klassenverwandten scheint ein Fingerzeig für ihre Bedeutung zu sein. Wären sie wirklich Angehörige einer entwickelten Gruppe, so müßte auch das hauptsächlichste Merkmal einer solchen, das Gebiß, wenigstens eine ähnliche Gleichartigkeit zeigen, als dies bei anderen Ordnungen der Fall ist; denn der Begriff einer Ordnung gründet sich, ebensogut wie der der Sippe oder Familie, auf das Gebiß. Bei den Walen sehen wir, indem wir die durch sie gebildeten Ordnungen begrenzen, ab von jener Gleichartigkeit des Gebisses, sind dazu aber auch berechtigt, da die ganze Gestalt der Waltiere eine Zusammengehörigkeit der verschiedenen Formen bekundet, während bei den Beuteltieren die Gestalt ebenso verschieden ist wie das Gebiß. Welche Ähnlichkeit besteht zwischen einem Känguruh und einem Wombat, welche zwischen dem Beutelwolfe und einem Beuteldachse? Sie haben den Beutel als Merkmal gemein, kein anderes. Jedes einzelne Glied ändert in einer Weise ab, was beispiellos ist in der gesamten Klasse; aber jedes einzelne Glied zeigt auch seine Absonderlichkeiten. Viel leichter als unter sich lassen die Beuteltiere sich mit andern Säugern vergleichen, die einen beispielsweise mit Raubtieren, die anderen mit Nagern. Abgesehen von dem Beutel erscheint uns der Beutelwolf als ein ziemlich wohlgebildeter Hund, der Beutelbär als ein beim Schaffen verunglückter Marder oder Katzenbär, der Beutelmarder als der erste rohe Entwurf der Schleichkatze, der Beutelbilch als Vorbild des zierlichen Spitzhörnchens, die Beutelmaus als eine leidlich gelungene Spitzmaus, die Beutelratte als erster Gedanke eines Raubtieres verwandter Art, eines Schlitzrüßlers oder einer Spitzratte etwa, der Schwimmbeutler als ein Vertreter der Bisamspitzmaus, der Stutzbeutler als ein nicht zur Entwicklung gelangter Rohrrüßler, der Kusu als roh ausgebreiteter Rollmarder, der Beutelbär als mißlungener Bär, der Wombat als der erste, aber entschieden verfehlte Versuch eines Nagetieres, während man das männliche Beuteleichhorn kaum von dem Flughörnchen unterscheiden kann und in dem Känguruh Tiere vor sich sieht, die Nager und Wiederkäuer in sich vereinigen zu wollen scheinen. Wäre der Beutel nicht, man würde, wenn nicht alle, so doch die meisten Tiere, vielleicht als Vertreter besonderer Familien, den Raubtieren und Nagern einreihen, um so mehr, als diese Ordnungen so gestaltenreich sind, daß es an passender Verwandtschaft für die meisten Beuteltiere nicht fehlen könnte.

Vergleicht man nun ein Beuteltier mit dem ihm verwandten Raubtier oder Nager, so macht sich sofort auch dem blödesten Auge bemerklich, daß das Beuteltier unter allen Umständen minder ausgebildet, entwickelt und vollendet ist als der ihm ähnliche Räuber oder Nager. Dieses Rückständige, nicht selten sogar Verkümmerte des Beutlers bekundet sich entweder in der Gestaltung des ganzen Leibes oder in der Bildung einzelner Glieder oder im Gebisse. Man spricht mit Befriedigung vom anmutigen Bau vieler Raub- und Nagetiere, gelangt aber bei Betrachtung eines Beuteltieres nur selten zu ähnlichen Empfindungen. Irgend etwas fehlt unserem, durch andere Tiergestalten verwöhntem Auge stets, wenn es das Beuteltier mustert. Der Kopf desselben ist entweder zu groß oder zu klein, der Fuß zu lang oder zu kurz, seine Gliederung unvollkommen, der Schwanz entweder zu gewaltig oder zu schwach, oft auch nackt und widerwärtig, die Schnauze zu stumpf oder spitzig, das Haar entweder zu borstig und ungleich oder zu dürftig, das Auge zu klein oder zu geistlos. Vereinigt ein Beutler mehrere dieser Mängel in sich, so erregt er unabwendbar unsern Widerwillen.

Über die Leibesbildung der Beuteltiere läßt sich im allgemeinen wenig sagen. Die verschiedenen Glieder der Ordnung weichen mehr von einander ab als die jeder andern. Ganz abgesehen von der Größe, die zwischen der eines mittelgroßen Hirsches und einer Spitzmaus schwankt, vereinigt keine andere Ordnung so verschiedenartige Tiere in sich, und erscheint es deshalb überflüssig, an dieser Stelle etwas zu sagen, was im Verlaufe der Schilderung doch wiederholt werden müßte. Das Gehirn zeichnet sich durch seine geringe Entwicklung der beinahe vollkommen platten Hemisphären nicht eben zum Vorteile der Beuteltiere aus und erklärt den durchschnittlich geringen Verstand derselben zur Genüge. Der Magen ist bei den Fleisch, Kerbtiere und Früchte fressenden Arten einfach und rundlich, bei anderen merklich verlängert, der Darm ebenso vielfach verschieden. Das Gebiß der Beuteltiere läßt sich nur insoweit mit dem der höher entwickelten Säugetiere vergleichen, als die Zähne zum Teil gewechselt werden, unterscheidet sich aber in allem übrigen sehr wesentlich. Gemeinsam allen Mitgliedern der Ordnung ist nur eins: der Beutel. Die Sehne des äußern schiefen Bauchmuskels, der sich vorn auf dem Schambein aufsetzt, verknöchert und wird somit zu dem sogenannten Beutelknochen, der zur Unterstützung einer Tasche dient, die sich vorn am Bauche befindet. In dieser liegen die Milchzitzen, an denen die frühgeborenen Jungen sich ansaugen. Die Tasche kann ein vollkommener Beutel sein, aber auch bis auf zwei Hautfalten verkümmern, genügt jedoch unter allen Umständen ihrem Zwecke, indem sie sich innig über die an den Zitzen hängenden Jungen hinweglegt. Diese kommen in einem Zustande zur Welt wie kein einziges anderes Säugetier. Sie sind nicht bloß nackt, blind und taub, sondern haben noch nicht einmal einen After und nur stummelartige Gliedmaßen. Nachdem sie geboren sind, saugen sie sich an einer der Zitzen, die gewöhnlich wie eine lange, keulenförmige Warze aussieht, fest und wachsen nun in der nächsten Zeit beträchtlich. Von hier aus macht das junge Beuteltier später größere und immer größere Ausflüge; seine ganze Kindheit aber verbringt es in dem Beutel, und bei mehr als einem Mitglied dieser merkwürdigen Ordnung, das bloß einen Monat oder etwas darüber in dem wirklichen Fruchthalter ausgetragen wurde, währt die Tragzeit im Beutel sechs bis acht Monate. Von dem Tage der Empfängnis bis zu dem, an dem das Junge seinen Kopf aus dem Beutel steckt, vergehen bei dem Riesenkänguruh ungefähr sieben Monate, von dieser Zeit bis dahin, wann es den Beutel zum erstenmal verläßt, noch etwa neun Wochen, und ebenso lange lebt dann das junge Geschöpf noch teils in dem Beutel, teils außerhalb desselben. Die Anzahl der Jungen schwankt bedeutend.

Die Beuteltiere bewohnen gegenwärtig Australien und einige benachbarte Inseln sowie Süd- und Nordamerika. Das Festland von Australien darf als das eigentliche Vaterland derselben angesehen werden, da alle übrigen gegenwärtig hier lebenden Säugetiere, einige Fledermäuse, der Dingo und mehrere Nager, unzweifelhaft als später eingewanderte gelten müssen. In Amerika finden sich nur wenige Mitglieder einer kleinen Familie, diese aber ebensowohl im Norden wie im Süden des Erdteils. Entsprechend dem sehr verschiedenen Leibesbaue haben die Beuteltiere in ihrer Lebensweise wenig Gemeinsames; die einen sind eben Raubtiere, die anderen Nager; diese leben auf dem festen Boden, jene auf Bäumen, einige selbst im Wasser; die meisten sind Nachttiere, viele auch bei Tage tätig. Unter den Raubtieren gibt es gewandte Läufer und Kletterer, unter den Pflanzenfressern behende und ausdauernde Springer; doch läßt sich bei Vergleichung mit höher entwickelten Säugetieren nicht verkennen, daß diese wie jene auch an Beweglichkeit hinter letztgenannten zurückstehen: selbst der vollendetste Raubbeutler erreicht nicht entfernt die Beweglichkeit des Raubtieres. Das Känguruh, das bei eiligem Hüpfen Sätze von acht bis zehn Meter Weite ausführen kann, steht dennoch einem Hirsche oder einer Antilope entschieden nach, und der Wombat wird von jedem, selbst dem plumpsten Nager bei weitem übertroffen. Ähnlich verhält es sich mit den höheren Fähigkeiten der Beuteltiere; sie kommen auch in dieser Hinsicht anderen Säugern nicht gleich. Höchstens die Sinnesfähigkeiten dürften bei ihnen annähernd auf derselben Stufe stehen wie bei anderen Krallentieren, der Verstand dagegen ist immer unverhältnismäßig gering. Jedes einzelne Beuteltier erscheint, verglichen mit einem ihm etwa entsprechenden Krallentiere, als ein geistloses, weder der Ausbildung noch der Veredelung fähiges, der Lehre und dem Unterricht unzugängliches Geschöpf. Aus dem Auge, mag es auch groß und klar sein, spricht geistige Öde und Leere, und die eingehendste Beobachtung straft diesen Eindruck nicht Lügen. Gleichgültigkeit gegen die Umgebung, soweit es sich nicht um eine vielleicht zu bewältigende Beute handelt, also soweit der Magen nicht ins Spiel kommt, Teilnahmlosigkeit gegenüber den verschiedenartigsten Verhältnissen, Mangel an Zuneigung, Liebe und Freundschaft scheinen allen Beuteltieren gemeinsam zu sein. Von einem Sichfügen in die Verhältnisse, von einem An- und Eingewöhnen bemerkt man bei diesen rückständigen Geschöpfen wenig oder nichts. Man nennt einzelne Raubbeutler bösartig und bissig, weil sie, in die Enge getrieben, ihre Zähne rücksichtslos gebrauchen, einzelne pflanzenfressende Beutler dagegen sanft und gutmütig, weil sie sich kaum oder nicht zu wehren versuchen, bezeichnet damit aber weder das Wesen der einen noch der anderen richtig. Aus dem wehrhaftesten Krallentier, das im Anfang seiner Gefangenschaft wütend und grimmig um sich beißt, wird bei guter Behandlung nach und nach ein menschenfreundliches, zutunliches Wesen: das Beuteltier bleibt sich immer gleich und lernt auch nach jahrlanger Gefangenschaft den ihn pflegenden Wärter kaum von andern Leuten unterscheiden. Ebensowenig als es sich dem Menschen unterwirft, ihm etwas zu Gefallen tut, seinen Wünschen sich fügt, Zuneigung und Anhänglichkeit an ihn gewinnt, befreundet es sich mit andern Tieren, kaum mit seinesgleichen. Liebe und Haß scheinen in der Seele des Beuteltieres nur angedeutet zu sein; Gleichgültigkeit und Teilnahmlosigkeit bekundet selbst die Mutter den Jungen gegenüber, mit denen sie sich mehr und länger beschäftigt als irgendein anderes entsprechendes Krallentier. Zeigt sie wirklich Regungen der Mütterlichkeit und Zärtlichkeit, so erscheinen diese dem aufmerksamen Beobachter als mechanische, nicht aber als selbstbewußte Handlungen. Von dem mütterlichen Stolz angesichts der Sprossen, von der Freude, die die höherstehende Säugetiermutter an ihrem Nachkömmling hat, bemerkt man bei dem Beuteltier nichts. Keine Beuteltiermutter spielt, soweit mir bekannt, mit ihren Jungen, keine belehrt, keine unterrichtet dieselben. Das Junge lernt, schon solange es sich im Beutel befindet, nach und nach in dem engen Kreise seines Wirkens sich zurechtfinden und bewegen, flüchtet, einigermaßen selbständig geworden, bei Gefahr in den Beutel zurück, wird auch wohl von der Mutter hierzu eingeladen, und verläßt den Beutel endlich, wenn der Mutter die Last zu groß, vielleicht indem es von seiner Erzeugerin vertrieben wird, kehrt jedoch auch dann noch, selbst wenn es bereits Mutterfreuden genießt und für eigene Nachkommenschaft zu sorgen hat, zeitweilig zu der Alten zurück, um womöglich mit den nachgeborenen Geschwistern zu saugen, erlangt also eine wirkliche Selbständigkeit erst in einem sehr späten Abschnitt seines Lebens.

siehe Bildunterschrift

Beutelwolf (Thylacinus cynocephalus)

Die Nahrung der Beuteltiere ist eine höchst verschiedene. Alle Arten, die Raubtieren entsprechen, stellen andern Tieren nach, fressen Muscheln, Fische, und was sonst die See auswirft, oder Aas von Landtieren; die kleineren Arten jagen auf Vögel, Kerbtiere und Würmer; die Grasfresser endlich nähren sich von Blättern, Gräsern und Wurzeln, die sie abpflücken und abweiden. Jene verursachen mancherlei Schaden und Ärger, indem sie den Herden nachstellen, nachts sich in die Hühnerställe einschleichen und sonstigen Unfug verüben, die übrigen werden schon aus dem Grunde kaum lästig, weil der einwandernde Weiße, der das Land in Besitz nimmt, sie sobald als möglich ausrottet, weniger einen bestimmten Zweck verfolgend, als ungezügelter Jagdlust genügend. Im allgemeinen ist weder der Nutzen noch der Schaden, den die Beuteltiere bringen, von erheblichem Belang. Man benutzt das Fleisch und das Fell nur von wenigen und weiß mit den übrigen nichts anzufangen.

*

Unter den Raubbeuteltieren stellt man die Beutelmarder (Dasyuridae) obenan. Alle zu dieser Familie zählenden Arten leben gegenwärtig nur noch in Australien. Der Beutelwolf oder Beutelhund (Dasyrus cynocephalus), der einzige jetzt lebende Vertreter einer besonderen Sippe, trägt seinen Namen nicht mit Unrecht; denn er scheint in der Tat ein wilder Hund zu sein. Sein gestreckter Leib, die Gestalt des Kopfes, die stark abgesetzte Schnauze, die aufrechtstehenden Ohren und die Augen sowie der aufrechtgetragene Schwanz erinnern an letztern; nur sind die Glieder verhältnismäßig kurz, und das Gebiß weicht wesentlich von dem der Hunde ab. Die Beutelknochen werden nur durch sehnige Knorpel vertreten.

Der Beutelwolf ist das größte aller fleischfressenden Beuteltiere. Seine Leibeslänge beträgt über 1 Meter, die Länge des Schwanzes 50 Zentimeter, alte Männchen sollen, wie man behauptet, noch merklich größer werden und im ganzen etwa 1,9 Meter in der Länge messen. Der kurze, locker anliegende Pelz ist graubraun, auf dem Rücken zwölf- bis vierzehnmal quergestreift. Die Rückenhaare sind am Grunde dunkelbraun und vor der dunklen Spitze auch gelblichbraun, die Bauchhaare blaßbraun an der Wurzel und bräunlichweiß an der Spitze. Der Kopf ist hellfarbig, die Augengegend weißlich; am vordern Augenwinkel findet sich ein dunkler Flecken und über dem Auge eine Binde. Das Fell ist nicht eben fein, sondern kurz und etwas wollig. Der Gesichtsausdruck des Tieres ist ein ganz anderer als beim Hunde, und namentlich das weiter gespaltene Maul sowie das größere Auge fallen auf.

Der Beutelwolf bewohnt Tasmanien oder Vandiemensland. In den ersten Tagen der europäischen Ansiedlung fand er sich sehr häufig, zum größten Nachteile und Ärger der Viehzüchter, deren Schafherden und Geflügelbeständen er fleißig Besuche abstattete. In der Folge vertrieb ihn das Feuergewehr mehr und mehr, und gegenwärtig ist er in das Innere zurückgedrängt worden. In den Hampshire- und Woolnorshbergen findet man ihn noch immer in hinreichender Anzahl, am häufigsten in einer Höhe von etwa tausend Meter über dem Meere. Felsspalten in dunklen, dem Menschen fast unzugänglichen Schluchten, natürliche oder selbstgegrabene tiefe Höhlen bilden seine Zufluchtsorte während des Tages, und von hier aus unternimmt er seine Raubzüge. Er ist ein nächtliches Tier und scheut das helle Licht im hohen Grade. Die außerordentliche Empfindlichkeit seiner Augen gegen die Tageshelle verrät das unaufhörliche Zucken der Nickhaut: keine Eule kann das Auge sorgsamer vor dem widerwärtigen Glanze des Lichtes zu schützen suchen als er. Wahrscheinlich wegen dieser Empfindlichkeit ist er bei Tage langsam und ungeschickt, bei Nacht dagegen munter, rege und sogar wild und gefährlich; denn er scheut den Kampf nicht und geht meistens als Sieger hervor, weil seine einzigen Feinde eben bloß Hunde sein können. Wenn er auch nicht der wildeste aller Raubbeutler ist, übertrifft er doch seine sämtlichen Familienverwandten an Stärke und Kühnheit und verdient schon aus diesem Grunde seinen Namen. Er ist wirklich ein echter Wolf und richtet im Verhältnis zu seiner Größe ebensoviel Schaden an wie sein nördlicher Namensvetter.

Die Nahrung des Zebrahundes besteht aus allen kleineren Tieren, die er erlangen und überwältigen kann, und zwar aus Wirbeltieren ebensowohl wie aus wirbellosen, von den Kerbtieren und Weichtieren an bis zu den Strahlentieren herab. Wo die Gebirge bis an die Seeküsten reichen und die Ansiedler noch nicht festen Fuß gefaßt haben, streift er zur Nachtzeit am Strande umher, schnüffelt und sucht die verschiedenartigsten Tiere zusammen, die die Wellen ausgeworfen haben. Muschel- und andere Weichtiere, die so häufig gefunden werden, scheinen die Hauptmasse seiner Mahlzeiten zu bilden, falls ihm das Glück nicht wohl will und ihm die See ein Leckergericht bereitet, indem sie ihm einen halbverfaulten Fisch oder Seehund an den Strand wirft. Aber der Beutelwolf unternimmt auch schwierigere Jagden. Auf den grasreichen Ebenen und in den niedrigen, parkähnlichen Waldungen verfolgt er das schnelle Buschkänguruh und in den Flüssen und Tümpeln das Schnabeltier, trotz dessen Schwimm- und Tauchfertigkeit. Wenn er besonders hungrig ist, verschmäht er keine Speise und läßt sich nicht einmal von dem spitzigen Kleide des Ameisenigels zurückschrecken. So unglaublich es auch scheint, daß ein Raubtier eine Beute verzehren kann, deren Haut mit nadelscharfen Stacheln besetzt ist, so gewiß weiß man dies von dem Beutelwolfe; denn man hat Überreste des Stachelfelles in seinem Magen gefunden.

siehe Bildunterschrift

Ameisenigel (Echidna hystrix)

Man fängt das Tier, wenn es seine Raubzüge bis zu den Ansiedelungen ausdehnt, in Fallen oder jagt es mit Hunden. Letzteren gegenüber versteht es sich gut zu verteidigen und zeigt dabei eine Wildheit und Bösartigkeit, die zu seiner geringen Größe in keinem Verhältnisse steht. Im Notfalle kämpft es wahrhaft verzweifelt und macht einer ganzen Hundemeute zu schaffen.

über das Gefangenleben des Beutelwolfes ist wenig zu berichten. Wie seine ganze Verwandtschaft dumm und geistlos, vermag er kaum mehr als flüchtige Teilnahme zu erregen. Frisch gefangene sollen sich im Anfang sehr trotzig und widerspenstig gebärden, mit Katzenbehendigkeit in ihrem Käfige oder im Gebälke eines Hauses umherklettern und Sätze von zwei bis drei Meter Höhe ausführen. Bei langer Gefangenschaft legt sich wie die Beweglichkeit so auch das wilde Wesen angesichts eines Menschen; doch befreunden sich Beutelwölfe niemals wirklich mit ihrem Wärter, lernen denselben nur mangelhaft kennen und kaum von andern Leuten unterscheiden, Verhalten sich ihm gegenüber auch vollkommen gleichgültig und geraten höchstens angesichts des ihnen dargereichten Fleisches einigermaßen in Aufregung. Im übrigen laufen sie stundenlang in ihrem Käfige umher, ohne sich um die Außenwelt viel zu kümmern, oder liegen ruhend und schlafend ebenso teilnahmlos auf einer und derselben Stelle. Ihr klares, dunkelbraunes Auge starrt dem Beobachter leer entgegen und entbehrt vollständig des Ausdrucks eines wirklichen Raubtierauges. Jedem Wildhunde und jeder Katze leuchtet das Wesen aus dem Auge hervor, in dem des Beutelwolfes dagegen vermag man nichts zu lesen als Geistlosigkeit und Beschränktheit. In dieser Hinsicht wird das Auge allerdings auch bei ihm zum Dolmetscher des Geistes.

*

Ungleich häßlicher und im höchsten Grade abstoßend und widerlich ist der nächste Verwandte des Beutelwolfes, der Teufel der Ansiedler (Dasyurus ursinus). Diesen bedeutungsvollen Namen erhielt das Tier wegen seiner unglaublichen Wildheit und Unzähmbarkeit. Alle Beobachter sind einstimmig, daß man sich kaum ein ungemütlicheres, tolleres, unsinnigeres und wütenderes Geschöpf denken könne als diesen Beutelteufel, dessen schlechte Laune und Ärger niemals endet und dessen Zorn bei der geringsten Gelegenheit in hellen Flammen auflodert. Nicht einmal in der Gefangenschaft und bei der sorgfältigsten Pflege verliert er seine Eigenschaften, und niemals lernt er den kennen oder lieben, der ihn mit Nahrung versieht und ihm Pflege angedeihen läßt, sondern greift auch seinen Wärter mit derselben Gehässigkeit und sinnlosen Wut an wie jedes andere Wesen, das sich ihm zu nahen wagt. Bei dieser widerwärtigen Grimmigkeit fällt die seinem Namen keineswegs entsprechende Dummheit und Trägheit unangenehm auf. Der Beutelteufel schläft entweder in dem dunkelsten Winkel seines Käfigs oder fletscht sein furchtbares Gebiß und beißt rasend um sich, sobald er glaubt, den sich ihm Nähernden erlangen zu können. In diesen Zornesausbrüchen gibt er die einzige geistige Tätigkeit kund, deren er fähig zu sein scheint.

Im Anfange machte der Beutelteufel den Ansiedlern auf Vandiemensland viel zu schaffen, weil er ihre Geflügelzucht beinahe vereitelte. Nach Marderart brach er allnächtlich in den Hühnerhof ein und wütete hier mit einer Blutgier, wie sie sonst nur ein Marder zeigen kann. Er wurde daher von allem Anfange an grimmig gehaßt und auf das rachsüchtigste verfolgt, und dies um so mehr, als man sein Fleisch wohlschmeckend oder wenigstens genießbar gefunden hatte. Fallen aller Art wurden gelegt, große Jagden veranstaltet, und so kam es, daß auch dieser Teufel sehr bald die Herrschaft und den Verstand des Menschen erkennen und fürchten lernte und sich in die dichtesten, unzugänglichsten Wälder in den Gebirgen zurückzog. In vielen Gegenden ist er bereits ausgerottet, und auch da, wo er noch vorkommt, wird er jetzt ziemlich selten bemerkt.

Er ist ein echtes Nachttier und scheut das Tageslicht im gleichen Grade wie der Beutelwolf oder wie eine unserer Eulen. Nach Einbruch der Nacht verläßt er sein Lager und streift nun nach Raub umher; dabei zeigt er sich verhältnismäßig rasch und behend in seinen Bewegungen und ausdauernd in seinem Laufe, obgleich er an Gewandtheit und Gelenkigkeit noch immer unendlich weit zurücksteht hinter den altweltlichen Schleichkatzen und Mardern, die er in Neuholland vertritt. Seine Haltung und manche Sitten erinnern an die des Bären. Beim Gange tritt er mit voller Sohle auf, im Sitzen ruht er wie ein Hund auf dem Hinterteile.

Mit seiner gewöhnlichen Wut fällt er über alle Tiere her, die er erlangen kann. Alles, was das im ganzen arme Land oder das Meer ihm bietet, ist ihm recht? denn seine Gefräßigkeit wetteifert mit seiner Wut. Bei seinen Raubzügen läßt er auch seine Stimme vernehmen, die zwischen einem hellen Bellen und Knurren ungefähr in der Mitte liegt.

Die Beutelmarder im engern Sinne (Dasyurus), von denen man gegenwärtig vier bis fünf Arten kennt, vertreten eine besondere Untersippe. Sie stehen hinsichtlich ihres Leibesbaues ungefähr in der Mitte zwischen den Füchsen und Mardern, ohne jedoch mit den einen oder den andern besonders auffallende Ähnlichkeit zu zeigen. Eine der bekanntesten Arten, der Tüpfelbeutelmarder (Dasyurus viverrinus), ist fahlbraun, zuweilen lichter, unten weiß. Auf der ganzen Oberseite stehen unregelmäßig gestaltete und verteilte weiße Flecken, die am Kopf kleiner als am Körper sind. Die Schnauzenspitze ist fleischrot. Ein ausgewachsenes Tier erreicht eine Leibeslänge von 40 Zentimeter und eine Schwanzlänge von 30 Zentimeter, bei 15 Zentimeter Höhe am Widerrist.

Den Lieblingsaufenthalt des Tüpfelbeutelmarders bilden die Wälder an den Küsten des Meeres. Hier verbirgt er sich bei Tage in Erdlöchern unter Baumwurzeln und Steinen oder in hohlen Stämmen. Nach Einbruch der Nacht streift er, seiner Nahrung nachgehend, weit umher. Er frißt hauptsächlich tote Tiere, die das Meer ausgeworfen hat, stellt aber auch kleineren Säugetieren oder auf der Erde nistenden Vögeln im Walde nach und verschmäht ebenso Kerbtiere nicht. Den Hühnerställen stattet er ebenfalls Besuche ab und würgt nach Marderart schonungslos das von ihm ergriffene Geflügel, stiehlt auch wohl Fleisch und Fett aus den Wohnungen der Menschen. Sein Gang ist schleichend und bedächtig, seine Bewegungen aber sind rasch und behend; doch klettert er schlecht und hält sich deshalb am liebsten am Boden auf, obwohl er zuweilen schiefliegende Stämme zu besteigen pflegt. Die Anzahl seiner Jungen schwankt zwischen vier und sechs.

Der Beutelmarder wird mit ebenso großem Hasse verfolgt wie die bisher genannten Raubbeutler. Man fängt ihn, oft in namhafter Anzahl, in eisernen Fallen, die man mit irgendwelcher tierischen Nahrung ködert. Für die Gefangenschaft empfiehlt er sich nicht; denn er ist eins der langweiligsten Geschöpfe, die ich kenne.

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In den Beutelbilchen sehen wir kleine, mehr oder weniger den Spitzmäusen ähnliche Raubbeutler vor uns. Sie bewohnen ausschließlich Australien, leben auf Bäumen und nähren sich fast nur von Kerbtieren. Mit dieser Gruppe mag uns die Tafa (Dasyurus penicillatus) bekannt machen. In der Größe gleicht sie etwa unserm Eichhörnchen; ihre Leibeslänge beträgt 25 Zentimeter und die des Schwanzes 20 Zentimeter. Der lange, weiche, wollige, nur leicht auf der Haut liegende Pelz ist auf der Oberseite grau, an den unteren Leibesteilen aber weiß oder gelblichweiß. Die Tafa ist eine der größten Plagen der Ansiedler, ein wildes und kühnes Raubtier, das sich in dem Blute der von ihm getöteten Tiere förmlich berauscht und auf seinen Raubzügen bis in den innersten Teil der menschlichen Wohnungen einzudringen weiß. Es stiehlt sich durch den engsten Spalt, es klettert, springt über Mauer und Hage und findet so überall einen Zugang, sei es von unten oder von oben, von dieser oder jener Seite her. Zum Glück der Ansiedler fehlen ihr die Nagezähne unserer Ratte, und eine gute Tür reicht aus, sie abzuhalten. Hätte die Tafa die Größe eines Zebrawolfs, aber verhältnismäßig dieselbe Blutgier: sie würde ganze Gegenden entvölkern und unbedingt das fürchterlichste aller Raubtiere sein.

Die Spitzmäuse scheinen innerhalb der Ordnung der Beuteltiere in den Beutelmäusen ( Antechinus) ihre Vertreter gefunden zu haben, denn diese ähneln jenen ebenso in der Gestalt wie in der Lebensweise und im Betragen. Die Beutelmäuse gehören unbedingt unter die häufigsten Säugetiere Neuhollands. Von den Beutelbilchen unterscheiden sie sich hauptsächlich durch ihre geringe Größe, die bei den meisten kaum die einer gewöhnlichen Maus übertrifft und sich nur bei wenigen der Größe einer kleinen Ratte nähert; außerdem ist ihr Schwanz gleichmäßig und sehr kurz behaart. Auch sie sind zumeist Baumtiere und gehören zu den beweglichsten und gewandtesten aller Kletterer, denn sie laufen nicht bloß auf der Oberseite eines wagerechten Astes hin, sondern faultierartig auch auf der Unterseite, aber mit der Schnelligkeit eines Baumläufers. Sie können ebenso gut kopfunterst an einem Aste hinab- wie an ihm hinaufsteigen und springen mit bewunderungswürdiger Behendigkeit und Sicherheit von einem Zweige zum andern, dabei über ziemlich weite Entfernungen setzend. Die Beutelgilbmaus ( Antechinus flavipes), eine typische Vertreterin dieser Sippe, ist ein Tierchen, das etwa 13 Zentimeter lang wird und einen 8 Zentimeter langen Schwanz besitzt.

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Der Ameisen- oder Spitzbeutler ( Myrmecobius fasciatis) vertritt die letzte Sippe der Familie. Das Weibchen hat keine Tasche, aber acht in einem Kreise stehende Zitzen. Auffallend ist das reiche Gebiß; denn die Anzahl der Zähne beträgt mehr als die irgendeines Säugetiers. Man darf den Ameisenbeutler mit Recht als eins der schönsten und ausfallendsten Beuteltiere betrachten. In der Größe ähnelt er ungefähr unserm gemeinen Eichhörnchen. Die Färbung ist höchst eigentümlich. Das Ockergelb des vordern Oberkörpers, das durch eingemengte weiße Haare lichter erscheint, geht nach hinten zu allmählich in ein tiefes Schwarz über, das den größten Teil der hintern Körperhälfte einnimmt, aber durch neun weiße oder graulichweiße Querbinden unterbrochen wird. Die ganze Unterseite ist gelblichweiß.

siehe Bildunterschrift

Ameisenbeutler (Myrmecobius fasciatis)

Ungeachtet dieser merklich voneinander abstechenden Farben macht das Tier einen angenehmen Eindruck, und dieser wird noch bedeutend erhöht, wenn man es lebend sieht. Es ist ebenso beweglich wie die vorhergehenden. Die Schnelligkeit seines Laufes ist nicht eben groß, aber seine Gewandtheit und Schlauheit ersetzen reichlich, was ihm in dieser Beziehung abgeht. Die Hauptnahrung des Ameisenbeutlers ist durch seinen Namen ausgedrückt. Man findet ihn auch vorzugsweise in solchen Waldgegenden, wo es Ameisenarten in Menge gibt. Seine Zunge streckt er ganz nach Art des Ameisenbären unter die wimmelnde Schar und zieht sie dann, wenn sich eine Masse der erbosten Kerle an ihr festgebissen, rasch in den Mund zurück. Im Gegensatze zu den Sippen der erwähnten Raubbeutler ist der Ameisenbeutler im höchsten Grade harmlos.

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Die Beutelratten ( Didelphydiae), die die zweite Familie der Beuteltiere bilden, erreichen höchstens die Größe einer Katze. Unter diesen Tieren ist das Opossum ( Didelphys virginiana) wohl das bekannteste. Weder die Färbung noch irgendwelche Anmut oder Annehmlichkeit in seinen Sitten zeichnen es aus, und so gilt es mit Recht als ein höchst widriges Geschöpf. Die Leibeslänge des Opossums beträgt über 50 Zentimeter, die des Schwanzes etwa 30 Zentimeter. Der Leib ist wenig gestreckt und ziemlich schwerfällig, der Hals kurz und dick, der Kopf lang, an der Stirne abgeflacht und allmählich in eine lange, zugespitzte Schnauze übergehend, die Beine sind kurz; der ziemlich dicke, runde und spitzige Schwanz ist bloß an seiner Wurzel behaart und von da bis zu seinem Ende nackt und von feinen Schuppenhaaren umgeben, zwischen denen nur hier und da einige kurze Haare hervortreten. Das Weibchen hat einen vollkommenen Beutel.

Nordamerika, von Mexiko bis an die großen Seen Kanadas, ist die Heimat des Opossums. In den mittleren Teilen dieses gewaltigen Landstrichs wird es überaus häufig gefunden, und zwar keineswegs zur Freude der Menschen. Wälder und Gebüsche bilden seine Aufenthaltsorte, und je dichter dieselben sind, um so lieber hält sich das Opossum in ihnen auf.

siehe Bildunterschrift

Opossum (Didelphys virginiana)

Das Opossum ist, wie seine ganze Ausrüstung beweist, ein Baumtier, auf dem Boden dagegen ziemlich langsam und unbehilflich. Es tritt beim Gehen mit ganzer Sohle auf. Alle Bewegungen sind träge, und selbst der Lauf fördert nur wenig, obgleich er aus einer Reihe von paßartigen Sprüngen besteht. In den Baumkronen dagegen klettert das Tier mit großer Sicherheit und ziemlich hurtig umher. Dabei kommen ihm der abgesonderte Daumen seiner Hinterhände, mit dem es die Äste umspannen und festhalten kann, und der Rollschwanz gut zu statten. Nicht selten hängt es sich an letzterem auf und verbleibt stundenlang in dieser Lage. Sein schwerfälliger Bau hindert es freilich, mit derselben Schnelligkeit und Gewandtheit zu klettern, wie Vierhänder oder Nager es vermögen; doch ist es auf dem Baume so ziemlich vor Feinden geborgen. Unter seinen Sinnen ist der Geruch besonders ausgebildet, und das Spürvermögen soll sehr groß sein. Gegen blendendes Licht zeigt es Empfindlichkeit und vermeidet es deshalb sorgfältig. Dies genügt also, um anzunehmen, daß auch das Gesicht ziemlich gut sein muß. Die andern Sinne aber stehen unzweifelhaft auf einer sehr niedrigen Stufe.

In den großen, dunklen Wäldern schleicht das Opossum bei Tag und Nacht umher, obgleich es die Dunkelheit dem Lichte vorzieht. Da aber, wo es Gefahr befürchtet, ja schon da, wo ihm die Helle beschwerlich fällt, erscheint es bloß nachts und verschläft den ganzen Tag in Erdlöchern oder Baumhöhlungen. Nur zur Zeit der Paarung lebt es mit seinem Weibchen zusammen; im übrigen Teil des Jahres führt es ein einsames, ungeselliges Leben nach Art aller ihm nahe verwandten Tiere. Es hat keine bestimmte Wohnung, sondern benutzt jeden Schlupfwinkel, den es nach vollbrachter Nachtwanderung mit Anbruch des Morgens entdeckt. Ist ihm das Glück besonders günstig und findet es eine Höhlung auf, in der irgendein schwacher Nager wohnt, so ist ihm das natürlich um so lieber; denn dann muß der Urbewohner einer solchen Behausung ihm gleich zur Nahrung dienen. Es verzehrt alle kleinen Säugetiere und Vögel, die es erlangen kann, ebenso auch Eier, mancherlei Lurche, größere Kerfe, deren Larven und selbst Würmer, begnügt sich aber in Ermangelung tierischer Nahrung ebenso mit Baumfrüchten, z. B. mit Mais und nahrungshaltigen Wurzeln. Blut zieht es allen übrigen Speisen vor, und deshalb wütet es da, wo es kann, mit unbeschreiblicher Mordgier. In den Hühnerställen tötet es oft sämtliche Bewohner und saugt dann bloß deren Blut aus, ohne ihr Fleisch anzurühren. Dieser Blutgenuß berauscht es, wie unsere Marder, so daß man es morgens nicht selten unter dem toten Geflügel schlafend antrifft. Im ganzen vorsichtig, wird es, solange es seiner Blutgier fröhnen kann, blind und taub, vergißt jede Gefahr und läßt sich, ohne von seinem Morden abzustehen, von den Hunden widerstandslos erwürgen oder von dem erbosten Bauer totschlagen.

Man hat durch Beobachtung an Gefangenen mit hinlänglicher Sicherheit festgestellt, daß das Weibchen ungefähr nach vierzehntägiger Tragzeit seine Jungen wirft oder, bester gesagt, aus dem Mutterleibe in den Beutel befördert. Die Anzahl der Jungen schwankt zwischen vier und sechzehn, die Keimlinge sind anfänglich noch ganz formlos und klein. Sie haben ungefähr die Größe einer Erbse und wiegen bloß fünf Gran. Augen und Ohren fehlen, nicht einmal die Mundspalte ist deutlich, obwohl sie natürlich hinlänglich ausgebildet sein muß, um als Verbindungsmittel zwischen ihnen und der Mutter zu dienen. Der Mund entwickelt sich auch viel eher als alle übrigen Teile des Leibes; denn erst viel später bilden sich die Augen und Ohren einigermaßen aus. Nach etwa vierzehn Tagen öffnet sich der Beutel, den die Mutter durch besondere Hautmuskeln willkürlich verengern oder erweitern kann, und nach etwa fünfzig Tagen sind die Jungen bereits vollständig ausgebildet. Sie haben dann die Größe einer Maus, sind überall behaart und öffnen nun auch die Augen. Nach sechzig Tagen Saugzeit im Beutel ist ihr Gewicht auf mehr als das Hundertfache des früheren gestiegen. Die Mutter gestattet unter keiner Bedingung, daß ihr Beutel geöffnet werde, um die Jungen zu betrachten. Sie hält jede Marter aus, läßt sich sogar über dem Feuer aufhängen, ohne sich solchem Verlangen zu fügen. Erst wenn die Jungen die Größe einer Ratte erlangt haben, verlassen sie den Beutel, bleiben aber auch, nachdem sie schon laufen können, noch bei der Mutter und lassen diese für sie jagen und sorgen.

Wegen des Schadens, den das Opossum unter dem Hausgeflügel anrichtet, wird es überall gehaßt und schonungslos verfolgt. Zumal die Neger sind eifrige Feinde des Tieres und erlegen es, wann und wo sie nur können, wissen es auch am besten zu benutzen. Das Wildbret des Tieres, für europäische Gaumen ungenießbar, weil ein äußerst widriger, stark knoblauchartiger, aus zwei zu beiden Seiten des Mastdarms liegenden Drüsen stammender Geruch sich dem Fleisch mitteilt und es verdirbt, behagt den Negern sehr und entschädigt sie für die Mühe des Fangens.

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Die zweite Sippe der Familie wird durch das einzige bis jetzt bekannte Beuteltier, das vorzugsweise im Wasser lebt, den Schwimmbeutler (Chironectes variegatus)), vertreten. Ihn unterscheidet der Fußbau von seinen Verwandten. Die nacktsohligen Vorder- und Hinterfüße sind fünfzehig, diese aber merklich größer als jene und durch große Schwimmhäute, die die Zehen verbinden, sowie durch starke, lange und sichelförmige Krallen vor den Vorderfüßen ausgezeichnet. Unser Tier hat im allgemeinen ungefähr das Aussehen einer Ratte. Große Backentaschen, die sich weit rückwärts in die Mundhöhle öffnen, lassen das Gesicht oft dicker erscheinen, als es wirklich ist. Der weiche, glatte, anliegende Pelz, der aus zerstreuteren, längeren Grannen und dichtem Wollhaar besteht, ist auf dem Rücken schön aschgrau gefärbt und sticht scharf ab von der weißen Unterseite. Ausgewachsene Tiere haben bei etwa 40 Zentimeter Leibeslänge einen beinahe ebenso langen Schwanz. Der Schwimmbeutler ist über einen großen Teil von Südamerika verbreitet. Er findet sich von Rio de Janeiro an durch das ganze Küstenland Südamerikas bis nach Honduras, scheint aber überall selten vorzukommen oder wenigstens schwer zu erlangen zu sein. Natterer, der siebzehn Jahre in Brasilien sammelte, erhielt das Tier bloß dreimal und auch nur zufällig. So darf es uns nicht wundernehmen, daß wir von seiner Lebensweise noch kaum etwas wissen. Man hat erfahren, daß er hauptsächlich in den Wäldern, an den Ufern kleiner Flüsse und Bäche sich aufhält und nach Art der meisten Wassersäugetiere hauptsächlich in Uferlöchern sich versteckt oder mitten im Strome herumschwimmt, somit aber gewöhnlich der Beobachtung entgeht. Er soll sowohl bei Tage als bei Nacht nach Nahrung ausgehen, mit größter Leichtigkeit schwimmen und sich auch auf dem Lande rasch und behend bewegen können. Die Nahrung besteht, wie man angibt, in kleinen Fischen oder in andern kleinen Wassertieren und in Fischlaich; doch deuten die großen Backentaschen wohl darauf hin, daß der Schwimmbeutler nebenbei auch Pflanzenstoffe nicht verschmäht.

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Zu der Familie der Beuteldachse gehört der Nasenbeuteldachs (Perameles nasuta), ein Tier von eigentümlicher Gestalt, das mit einem Kaninchen fast ebensoviel Ähnlichkeit hat wie mit einer Spitzmaus. Er trägt seinen Namen insofern mit Recht, als er die längste Schnauze unter allen echten Beuteldachsen besitzt. Der fast borstenartige Pelz ist oben bräunlich-fahlgelb und schwarz gesprenkelt; die Unterseite ist schmutzig gelblichweiß. Erwachsene Tiere messen etwa 50 Zentimeter, einschließlich des Schwanzes, dessen Länge 15 Zentimeter beträgt, und sind am Widerrist etwa 10 Zentimeter hoch. Der Nasenbeuteldachs lebt wie seine Verwandten in höheren, kühleren Berggegenden Australiens, zumal in Neusüdwales. Er fehlt in den heißen Ebenen dieses Erdteils, steigt jedoch öfter bis zur Seeküste herab. Wo er vorkommt, tritt er sehr häufig auf und durchgräbt oft ganze Strecken, teils der Nahrung wegen, teils um sich eine Wohnung zu gründen. Die langen und kräftigen Krallen machen es ihm leicht, diese halb und halb unterirdischen Gänge und Höhlen auszugraben, und da gerade Wurzeln und Knollen die hauptsächlichste Nahrung aller Beuteldachse zu bilden scheinen, muß er, wie der Maulwurf, beständig neue Gänge ausscharren, um leben zu können. Der lange Rüssel dient ihm jedenfalls auch zum Wühlen. Neben den Wurzeln frißt er Würmer und Kerbtiere; solange er aber Pflanzennahrung haben kann, scheint er diese aller übrigen vorzuziehen. Zuweilen richtet er in Kartoffelfeldern oder in Kornspeichern ziemlich bedeutende Verheerungen an und wird dort fast ebenso lästig wie Mäuse und Ratten. Glücklicherweise fehlen ihm die Nagezähne dieses Ungeziefers, und somit ist der Pflanzer bei einiger Vorsicht imstande, ihn von unerwünschten Besuchen abzuhalten; gleichwohl muß jener bedacht sein, die Mauern solcher Speicher tief einzusenken, weil das Tier sonst, unter ihnen sich durchgrabend, neue Wege sich bahnen würde. Sein Gang ist ein eigentümliches Mittelding zwischen Rennen und Springen und soll noch am meisten dem des Kaninchens ähneln, da es abwechselnd auf die Hinter- und Vorderfüße, also nicht wie die Känguruhs bloß auf die letzteren tritt. Die Stimme hört man bloß, wenn der Beuteldachs verwundet wird; sie besteht aus scharf pfeifenden Tönen, die lebhaft an das Gequieke der Ratten erinnern. Die Ansiedler scheinen ihn und seine Verwandten mit demselben Widerwillen anzusehen, mit dem wir letztgenannte Nager betrachten, und verfolgen alle Beuteldachse, wo und wie sie nur können. Das Weibchen soll mehr als einmal im Jahre drei bis sechs Junge werfen und diese lange Zeit in seiner nach hinten geöffneten Tasche umhertragen.

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Die Kletterbeuteltiere (Phalangistidae), die sippen- und artenreichste Familie der fruchtfressenden Beuteltiere, erreichen höchstens die Größe eines starken Marders. Ihre vorderen und hinteren Gliedmaßen sind von gleicher Länge und auch ziemlich regelmäßig gebaut, weil beide Füße fünf Zehen haben. Die Kletterbeuteltiere bewohnen Australien und einige Inseln Südasiens. Sie sind sämtlich Baumtiere und finden sich deshalb nur in Wäldern.

Als die bewegungsfähigsten Kletterbeutler müssen wir wohl die Flugbeutelbilche (Petaurus) ansehen. Sie zeigen in ihrer Gestalt eine so täuschende Ähnlichkeit mit den bekannteren Flugeichhörnchen, daß sie mit diesen verwechselt werden könnten, wenn nicht das Gebiß sie wesentlich von jenen Nagern unterschiede. Die behaarte Flug- oder Flatterhaut an den Seiten des Rumpfes zwischen den vorderen und hinteren Gliedmaßen ist jedenfalls ihr Hauptkennzeichen. Der Körper ist gestreckt; der sehr lange Schwanz ist buschig, der Pelz weich und fein. Als den bekanntesten Flugbeutelbilch darf man wohl das Zuckereichhorn (Petaurus sciureus) betrachten; denn schon aus dem Namen geht hervor, daß diese Art ein volkstümliches Tier geworden ist. Man kann nicht leugnen, daß der Name, den die ersten Ansiedler gaben, passend gewählt ist; denn nicht bloß in der Gestalt, sondern auch in der Größe ähnelt das Tier unserm Eichkätzchen. Der gestreckte und schlanke Leib erscheint durch die Flughaut, die sich zwischen beiden Beinen ausspannt, ungewöhnlich breit; der Hals ist kurz und ziemlich dick; der flache Kopf endet in eine kurze, etwas spitzige Schnauze; der Schwanz ist sehr lang, rundlich, schlaff und buschig. Das Weibchen besitzt einen vollständigen Beutel. Der Pelz ist sehr dicht, außerordentlich fein und weich, die Flatterhaut behaart, und nur die Ohren sind auf der Innenseite nackt, auf der Außenseite dagegen, wenigstens gegen die Wurzel hin, mit Haaren bedeckt. Die ganze Oberseite des Leibes ist aschgrau, die Flatterhaut außen dunkel-nußbraun und weiß eingefaßt, die Unterseite weiß mit schwach-gelblichem Anfluge, gegen den Rand der Flatterhaut hin aber bräunlich. Das Tierchen erreicht eine Gesamtlänge von 46 Zentimeter, wovon etwas über die Hälfte auf den Schwanz kommt.

Man findet das Zuckereichhorn hauptsächlich in Neusüdwales. Es ist ein echtes Baumtier. Während des Tages verbirgt es sich in den dichtesten Baumkronen, wo es entweder eine Höhlung oder einen Gabelast aufsucht und, zu einer Kugel zusammengerollt und gleichsam in seine Flatterhaut eingewickelt, dem Schlafe sich hingibt; mit der Nacht beginnt seine Tätigkeit. Nunmehr klettert es mit der Gewandtheit eines Eichhorns auf den Bäumen umher, immer von unten nach oben; denn von oben nach unten zu springt es mit Hilfe seiner Flatterhaut, die es wie einen Fallschirm ausbreitet. Es ist imstande, außerordentlich weite Sprünge auszuführen und dabei die Richtung beliebig zu ändern. Schon wenn es aus einer Höhe von zehn Meter abspringen kann, ist es fähig, einen zwanzig bis dreißig Meter von ihm entfernten Baum zu erreichen. An Bord eines an der Küste Neuhollands segelnden Schiffes befand sich ein Flugbeutler, der bereits so gezähmt war, daß man ihm gestatten durfte, frei auf dem Schiff umherzulaufen. Das muntere Geschöpf, die Freude der ganzen Schiffsmannschaft, war an Bord so vertraut geworden, daß es bald auf den höchsten Mastspitzen, bald unten im Raum gesehen werden konnte. Eines Tages kletterte es bei heftigem Wehen nach seinem Lieblingsplatze, der Mastspitze, empor. Man besorgte, daß es während eines seiner Sprünge vom Sturm erfaßt und in das Meer geworfen werden möchte, und einer der Matrosen entschloß sich, seinen Liebling von oben herunterzuholen. Als er dem Tier nahe auf den Leib rückte, suchte sich dieses der ihm unangenehmen Gefangennahme zu entziehen und vermittels eines seiner herrlichen Luftsprünge das Deck zu erreichen. In demselben Augenblick legte sich das Schiff, von einem heftigen Windstoß erfaßt, derart auf die Seite, daß aller Berechnung nach der Flugbeutler in die Wellen geschleudert werden mußte. Man gab ihn bereits verloren, aber er wußte sich zu helfen. Plötzlich änderte er durch eine geschickte Wendung seines vortrefflichen Steuerruders die Richtung seines Fluges und schoß, in großem Bogen sich drehend, weit aus nach vorn, glücklich das sichere Deck erreichend. Alle Beobachter sind einstimmig in der Bewunderung dieser Flugbewegung und versichern, daß sie mit ebensoviel Zierlichkeit als Anmut ausgeführt wurde und schwerlich ihresgleichen haben könne. Während seines Schlafes kann der Flugbeutler von einem geschickten Kletterer leicht gefangen werden; denn das Licht blendet ihn so, daß er, auch wenn er von seiner Fluggabe Gebrauch macht, den ins Auge gefaßten Zweig verfehlt und anstatt auf dem sicheren Baume auf dem Boden anlangt, wo ihn der Mensch sehr bald erreicht. Man findet ihn gar nicht selten in den Häusern der Ansiedler, die ihn mit großer Sorgfalt pflegen. Sein Verstand ist gering; aber er ersetzt durch seine Lustigkeit und Heiterkeit, durch Sanftmut und Zierlichkeit einigermaßen den Mangel an geistigen Fähigkeiten. Im Käfig springt er während der ganzen Nacht ohne Unterlaß umher und nimmt dabei oft die wunderlichsten Stellungen ein. Ohne große Mühe gewöhnt er sich an allerlei Kost, wenn ihm auch Früchte, Knospen und Kerbtiere das liebste bleiben, schon weil diese Stoffe seiner natürlichen Nahrung entsprechen. Besonders gern frißt er den Honig der Eucalypten oder Gummibäume, und sicherlich bilden auch die Kerbtiere einen nicht unbedeutenden Teil seines Futters. In manchen Gegenden tun sie unter den Pfirsichen und Apfelsinen erheblichen Schaden.

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Der Zwerg unter den Flugbeutlern, die Beutel- oder Opossummaus (Acrobates pygmaeus), wird mit Recht als Vertreter einer Sippe betrachtet. Ihr Zahnbau ist gewissermaßen umgekehrt der des vorhergehenden, da sie oben sechs und unten sieben Backzähne hat. Das niedliche Tierchen hat ungefähr die Größe unserer Hausmaus, und wenn es auf einem Ast sitzt, die dehnbare Flughaut an den Leib gelegt, sieht es unseren zierlichen und doch so verhaßten Nagern täuschend ähnlich. Seine ganze Länge beträgt etwa 15 Zentimeter, wovon ein wenig mehr als die Hälfte auf den Leib und das übrige auf den Schwanz kommt. Der kurze, weiche Pelz ist oben graubraun, unten gelblichweiß gefärbt; die Augen sind schwarz umringelt, die Ohren vorn dunkel, hinten weißlich. Beide Hauptfarben des Leibes trennen sich scharf voneinander. Im Sitzen legt sich die Flughaut faltig an den Leib an und wird so zu einem ganz besonderen Schmuck der Opossummaus. Das zarte Weiß am untern Rande erscheint dann wie ein geschmackvoller Spitzensaum an dem Mantel, der auf den Schultern des Tieres liegt. Der Schwanz zeichnet sich durch zweizeilige, federbartartige Behaarung aus.

Der Zwergflugbeutler nährt sich, wie seine übrigen Verwandten, von Blättern, Früchten, Knospen und andern zarten Pflanzenteilen, verschmäht aber auch ein kleines Kerbtier nicht, falls er dieses zufällig entdeckt. An Lebendigkeit und Beweglichkeit steht er seinen übrigen Verwandten kaum nach, und in der Fähigkeit, große Entfernungen mit Hilfe der ausgebreiteten Flughäute zu überspringen oder zu überfliegen, wird er nur von wenigen übertroffen.

In den Wäldern der Molukken, Neu-Guineas und der Timorgruppe haust eine eigentümliche Sippschaft unserer Familie, die der Kuskuten (Cuscus). Der Tüpfelkuskus oder Wangal (Phalangista maculata), eine der schönsten Arten der Gruppe, erreicht, ausgewachsen, eine Gesamtlänge von 1,1 Meter, wovon der Schwanz etwa 46 Zentimeter wegnimmt. Ein dichter, wolliger, seidenweicher Pelz bekleidet den Leib. Seine Färbung ändert vielfach ab. Die in der Regel weiße, gelblich oder graulich überflogene Oberseite des Pelzes wird durch große, unregelmäßige, brennend rostrote, tiefbraune oder schwarze Flecken gezeichnet, die auf der Außenseite der Beine verschwimmen; die Unterseite ist immer ungefleckt und reinweiß, Gesicht und Stirn gelb.

Nach Wallaces Beobachtungen ernähren sich die Kuskuten fast ausschließlich von Blättern und verschlingen von diesen sehr bedeutende Mengen. Infolge der Dicke ihres Pelzes und ihrer auffallenden Lebenszähigkeit erlangt man sie nicht leicht. Ein tüchtiger Schuß bleibt oft in ihrer Haut stecken, ohne ihnen zu schaden, und selbst wenn sie das Rückgrat brechen oder ein Schrotkorn ins Gehirn erhalten, sterben sie oft erst nach einigen Stunden. Die Eingebornen fangen sie ohne Mühe, indem sie ihnen auf die Bäume nachklettern, so daß man sich eigentlich wundern muß, sie noch auf den Inseln zu finden. Auf einer der Aruinseln brachten Eingeborene Wallace einen erlegten Tüpfelkuskus, wollten denselben aber nicht abtreten, weil sie das Fleisch zu genießen beabsichtigten. Da es dem Reisenden um den Balg zu tun war, mußte er sich entschließen, sofort mit dem Abstreifen desselben zu beginnen, um ihn überhaupt zu erlangen. Der entfellte Leib wurde von den glücklichen Jägern unverzüglich zerschnitten und geröstet.

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Fuchskusu (Phalangista vulpina)

Viel häufiger gelangen die Kusus (Phalangista) zu uns, den Kuskuten sehr nah verwandte Kletterbeuteltiere, äußerlich unterschieden durch rundlichen Augenstern, ziemlich große Ohren, glatthaarigen Pelz und bis auf die Unterseite der Endspitze behaarten Schwanz. Eine der bekanntesten Arten dieser Untersippe ist der Fuchskusu (Phalangista vulpina), ein Tier von Wildkatzengröße, das den zierlichen Bau unseres Eichhörnchens mit der Gestalt des Fuchses zu vereinigen scheint. Die Leibeslänge beträgt 60 Zentimeter, die des Schwanzes 45 Zentimeter. Ein dichter und weicher, aus seidenartigem Wollhaar und ziemlich kurzem, steifen Grannenhaar bestehender Pelz kennzeichnen das Tier noch außerdem. Die Farbe der Oberseite ist bräunlichgrau mit rötlich fahlem Anflug, die der Unterseite licht ockergelb. Der Fuchskusu bewohnt Neuholland und Vandiemensland und ist eines der häufigsten aller australischen Beuteltiere. Wie die Verwandten lebt er ausschließlich in Wäldern auf Bäumen und führt eine durchaus nächtliche Lebensweise, kommt sogar erst eine oder zwei Stunden nach Sonnenuntergang aus seinen Verstecken hervor. So ausgezeichnet er auch klettern kann und so vortrefflich er zu solcher Bewegung ausgerüstet ist, so träge und langsam erscheint er im Vergleich zu andern ähnlich gebauten Tieren, zumal zu Eichhörnchen. Der Greifschwanz wird viel benutzt; denn der Fuchskusu führt eigentlich keine Bewegung aus, ohne sich mittels dieses ihm unentbehrlichen Werkzeuges vorher gehörig zu versichern. Auf ebenem Boden soll er noch viel langsamer sein als auf Bäumen. Die Nahrung besteht größtenteils aus Pflanzenstoffen; jedoch verschmäht er ein kleines Vögelchen oder ein anderes schwaches Wirbeltier keineswegs. Die Eingebornen stellen ihm eifrig nach und betrachten sein Fleisch, trotz des für uns höchst widerlichen Geruches, den es von sich gibt, als einen vorzüglichen Leckerbissen, wissen auch das Fell vielfach zu verwenden. Einen aus Kusupelz gefertigten Überwurf tragen sie mit derselben Befriedigung wie wir einen Zobel- oder Edelmarderpelz. In der Tat gibt das weiche, wollige Fell ein Pelzwerk, über das sich Sachkenner sehr anerkennend ausgesprochen haben.

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Die fünfte Familie der Ordnung macht uns mit einem der merkwürdigsten aller Beuteltiere, dem Koala oder Australischen Bären ( Phascolarctus cinereus), der einzigen Art seines Geschlechtes, bekannt. Der wissenschaftliche Name, der »Beutelbär« bedeutet, ist bezeichnend; denn wirklich hat der Koala in der Gestalt wie in seinem Gange und in der ganzen Haltung entschiedene Ähnlichkeit mit einem jungen Bären. Seine Länge beträgt etwa 60 Zentimeter, die Höhe am Widerrist ungefähr die Hälfte. Der Gesamteindruck ist ein eigentümlicher, hauptsächlich wegen des dicken Kopfes mit den auffallend rauh behaarten, weit auseinanderstehenden Ohren, den lebhaften Augen und der breiten und stumpfen Schnauze. Der Schwanz besteht aus einem warzenartigen Höcker, der leicht übersehen werden kann. Die Behaarung ist sehr lang, fast zottig und dicht, dabei aber fein, weich und wollig, die Färbung der Oberseite rötlichaschgrau, die der Unterseite gelblichweiß, die der Außenseite der Ohren schwarzgrau.

siehe Bildunterschrift

Koala (Phascolarctus cinereus)

Neusüdwales, und zwar die südwestlich von Port Jackson gelegenen Wälder, sind die Heimat des Beutelbären. Er ist nirgends häufig und deshalb auch noch ziemlich unbekannt. Paarweise, mit seinem Weibchen, bewegt er sich auf den höchsten Bäumen mit einer Langsamkeit, die ihm auch den Namen »Australisches Faultier« eingetragen hat. Was ihm an Schnelligkeit abgeht, ersetzt er reichlich durch die unglaubliche Sorgsamkeit und Sicherheit, mit der er klettert und die ihn befähigt, selbst die äußersten Äste zu betreten. Nur höchst selten, jedenfalls bloß gezwungen durch den Mangel an Weide, verläßt er die Baumkronen und wandert über den Boden, womöglich noch langsamer, träger und unbehilflicher als auf den Ästen, zu einem andern Baume, der ihm neue Nahrung verspricht. Er ist ein halb nächtliches Tier, wenigstens verschläft er die größte Helle und Hitze des Tages tief versteckt in den Kronen der Gummibäume, die seinen bevorzugten Aufenthalt bilden. Gegen Abend beginnt er seine Mahlzeit. Ruhig und unbehelligt von den übrigen Geschöpfen der Wildnis, weidet er äußerst gemächlich die jungen Blätter und Schößlinge der Äste ab, indem er sie mit den Vorderpfoten festhält und mit seinen Schneidezähnen abbeißt. In der Dämmerung steigt er wohl auch zuweilen auf den Boden herab und wühlt hier nach Wurzeln. In seinem ganzen Wesen und Treiben offenbart er eine mehr als gewöhnliche Stumpfheit. Man nennt ihn ein überaus gutmütiges und friedliches Tier, das nicht so leicht in den Harnisch zu bringen ist und schweigsam seinen Geschäften nachgeht. Höchstens dann und wann läßt er seine Stimme vernehmen, ein dumpfes Gebell, das bloß, wenn er sehr hungrig ist oder hartnäckig gereizt wird, in ein gellendes, schrillendes Geschrei übergeht. Bei großem Zorne kann es wohl auch vorkommen, daß er eine wilddrohende Miene annimmt; dann funkeln auch die lebhaften Augen böswillig dem Störenfriede entgegen. Aber es ist nicht so schlimm gemeint, denn er denkt kaum daran, zu beißen oder zu kratzen.

Die Eingebornen verfolgen den Koala seines Fleisches wegen mit großem Eifer, und zwar kletternd, wie er, auf den Bäumen. Einen Koala jagend, lassen sie es sich nicht verdrießen, an den schlanken, über zwanzig Meter hohen Stämmen emporzuklimmen und in der Krone des Baumes eine Verfolgung zu beginnen, die einem kletternden Affen Ehre machen könnte. So treiben sie das Tier bis zu dem höchsten Ast hinauf und werfen es von dort auf ihren Gefährten herab oder schlagen es oben mit Keulen tot.

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Die Känguruhs ( Macropodida), gewissermaßen Vertreter der Wiederkäuer unter den Beuteltieren und die Riesen der ganzen Ordnung, sind höchst auffallend gestaltete Geschöpfe. Ihr Leib nimmt von vorn nach hinten an Umfang zu; denn der entwickeltste Teil des Körpers ist die Lendengegend, wegen der in merkwürdigem Grade verstärkten Hinterglieder. Diesen gegenüber sind Kopf und Brust ungemein verschmächtigt. Der Hinterteil des Leibes vermittelt fast ausschließlich die Bewegung der Springbeuteltiere, und somit ist seine Entwicklung erklärlich. Das Känguruh vermag seine schwachen Vorderbeine nur in sehr untergeordneter Weise zum Fortbewegen und zum Ergreifen der Nahrung zu benutzen, während die sehr verlängerten Hinterläufe und der mächtige Schwanz ihm eine satzweise Bewegung möglich machen. Hinterbeine und Schwanz sind unbedingt das Bezeichnendste am ganzen Tiere. Die Läufe haben starke Schenkel, lange Schienbeine und unverhältnismäßig verlängerte Fußwurzeln mit starken und langen Zehen, von denen die mittelste einen gewaltigen hufartigen Nagel trägt. Die Anzahl der Zehen beträgt hier, weil der Daumen fehlt, nur vier. Der Schwanz ist verhältnismäßig dicker und länger als bei jedem andern Säugetier und äußerst muskelkräftig. Im Vergleich zu diesen Gliedern sinken die vorderen zu stummelhaften Greifwerkzeugen herab, obwohl hiermit keineswegs gesagt sein soll, daß sie auch hinsichtlich ihrer Beweglichkeit verkümmert wären. Die Vorderfüße des Känguruhs, die gewöhnlich fünf mit runden Nägeln bekrallte Zehen haben, sind gewissermaßen zu Händen geworden und werden von dem Tier auch handartig gebraucht. Der Kopf erscheint als ein Mittelding zwischen dem eines Hirsches und dem eines Hasen.

Australien ist die Heimat der Springbeuteltiere; die weiten, grasreichen Ebenen inmitten des Erdteils bilden ihre bevorzugten Aufenthaltsorte. Einige Arten ziehen buschreiche Gegenden, andere felsige Gebirge den parkähnlichen Grasflächen vor, noch andere haben sich zu ihrem Aufenthalt undurchdringliche Dickichte erkoren, in denen sie sich erst durch Abbrechen von Ästen und Zweigen Laufgänge bereiten müssen, oder leben, so unglaublich dies auch scheinen mag, auf den Felsen und Bäumen selbst. Die meisten Arten treiben bei Tage ihr Wesen; die kleineren dagegen sind Nachttiere, die sich bei Tage in seichten Vertiefungen verbergen und zu ihnen zurückzukehren pflegen. Einzelne bewohnen auch Felsenklüfte, zu denen sie sich regelmäßig wiederfinden, wenn sie auf Äsung ausgegangen waren.

In den meisten Gegenden Australiens, die von Europäern besiedelt wurden, hat man die Känguruhs zurückgedrängt. »Schon gegenwärtig«, erzählt der ›alte Buschmann‹, »sieht man im Umkreise von dreißig Meilen um Melbourne kaum ein einziges Känguruh mehr. Die Tiere sind der zweck- und rücksichtslosen Verfolgung der Ansiedler bereits erlegen. Ich meinesteils traf sie in Port Philipp in so großer Anzahl an, daß ich mit meiner Reisegesellschaft während unseres zweijährigen Aufenthaltes über zweitausend Stück erlegen konnte. Die Beschaffenheit des Landes begünstigt sie hier ungemein. Große zusammenhängende Waldungen wechseln mit weiten Ebenen, und solche Gegenden sind es, die den Känguruhs alles zu ihrem Leben Erforderliche bieten. Ihre liebsten Weideplätze sind grasreiche Ebenen, die von buschigen Waldungen umgeben werden oder solche umschließen. Im Sommer bevorzugen sie feuchte, im Winter trockene Gegenden. Das Wasser scheinen sie entbehren zu können; ich habe wenigstens oft Ansiedlungen von ihnen gefunden, die meilenweit von einem Gewässer entfernt waren, und auch nicht beobachtet, daß sie des Nachts regelmäßig zu bestimmten Wasserlachen gekommen wären. Dagegen ist es mir aufgefallen, daß sie sich gern in der Nähe der weidenden Rinder aufhalten. Jede Herde behauptet einen bestimmten Weideplatz oder mehrere derselben, die durch wohl ausgetretene Pfade verbunden werden. Die Stückzahl der Herden ist verschieden. Ich habe oft solche von hundert Stück, meist aber ihrer fünfzig zusammen gesehen; denn sie sind sehr gesellig. Die kleineren Arten pflegen sich in geringerer Anzahl zusammenzuhalten; man sieht sie gewöhnlich einzeln oder höchstens zu einem Dutzend vereinigt. Eine und dieselbe Herde bleibt stets beieinander und vermischt sich mit andern nicht. Jeder Gesellschaft steht ein altes Männchen vor, und diesem folgen die übrigen blindlings nach, auf der Flucht ebensowohl, als wenn es sich um die Äsung handelt, ganz so wie die Schafe ihrem Leithammel. Am frühen Morgen und in der Abenddämmerung weiden, während des Tages ruhen sie, wenn sie sich ungestört fühlen, oft stundenlang. Manchmal gewähren sie einen reizenden Anblick; einige weiden langsam das dürre Gras ab, andere spielen miteinander, andere liegen halb schlafend auf der Seite.

Bis zur Brunstzeit lebt jede Herde im tiefsten Frieden. Die Liebe aber erregt auch diese Geschöpfe und zumal die Männchen, die dann oft ernsthafte Kämpfe untereinander ausfechten. Nach der Brunstzeit pflegen sich die ältesten von der Herde zu trennen und im dichteren Walde ein einsames Leben zu führen.

Die Känguruhs gehören unbedingt zu den beachtenswertesten Säugetieren. An ihnen ist eigentlich alles merkwürdig: ihre Bewegungen und ihr Ruhen, die Art und Weise ihres Nahrungserwerbes, ihre Fortpflanzung, ihre Entwicklung und ihr geistiges Wesen. Der Gang, den man namentlich beim Weiden beobachten kann, ist ein schwerfälliges, unbehilfliches Forthumpeln. Das Tier stemmt seine Handflächen auf und schiebt die Hinterbeine dann an den Vordergliedern vorbei, so daß sie zwischen diese zu stehen kommen. Dabei muß es sich hinten auf den Schwanz stützen, weil es sonst die langen Hinterläufe nicht so hoch heben könnte, daß solche Bewegungen möglich wären. Aber das Känguruh verweilt in dieser ihm höchst unbequemen Stellung auch niemals länger, als unumgänglich notwendig ist. Selbst beim Abbeißen sitzt es regelmäßig auf Hinterbeinen und Schwanz und läßt die Vorderarme schlaff herabhängen. Sobald es irgendeine Lieblingspflanze abgerupft hat, steht es auf, um sie in der gewöhnlichen Stellung zu verzehren. Bei dieser stützt es den Leib auf die Sohle und gleichzeitig auf den nach hinten fest angestemmten Schwanz, wodurch der Körper sicher und bequem wie auf einem Dreifuße ruht. Seltener steht es auf drei Beinen und dem Schwanze; dann hat es mit der einen Hand irgend etwas am Boden zu tun. Halb gesättigt, legt es sich, die Hinterläufe weit von sich gestreckt, der Länge nach auf den Boden. Fällt es ihm in dieser Stellung ein zu weiden, so bleibt es hinten ruhig liegen und stützt sich vorn höchstens mit den kurzen Armen auf. Beim Schlafen nehmen die kleineren Arten eine ähnliche Stellung an wie der Hase im Lager: sie setzen sich, dicht auf den Boden gedrückt, auf alle vier Beine und den der Länge nach unter den Leib geschlagenen Schwanz. Diese Stellung befähigt sie, jederzeit sofort die Flucht zu ergreifen. Das geringste Geräusch schreckt ein ruhendes Känguruh augenblicklich auf, und namentlich die alten Männchen schnellen sich dann, um sich zu sichern, so hoch als möglich empor, indem sie auf die Zehenspitzen treten und sich mehr auf die Spitze des Schwanzes stützen.

Wenn ein Känguruh irgend etwas Verdächtiges bemerkt, denkt es zunächst an die Flucht. Hierbei zeigt es sich in seiner ganzen Beweglichkeit. Es springt, wie bei jeder Beschleunigung seines Ganges, ausschließlich mit den Hinterbeinen, macht aber Sätze, die die aller übrigen Tiere hinsichtlich ihrer Weite übertreffen. Es legt seine Vorderfüße dicht an die Brust, streckt den Schwanz gerade und nach rückwärts aus, schnellt mit aller Kraft der gewaltigen Schenkelmuskeln seine langen, schlanken und federnden Hinterbeine gegen den Boden, wirft sich empor und schießt nun in einem flachen Bogen wie ein Pfeil durch die Luft. Einzelne Arten halten im Springen den Körper wagerecht, andere mehr steil, die Ohren in einer Ebene mit dem Widerrist, während sie bei ruhigem Laufe gesteift werden. Ungeschreckt macht das Tier nur kleine Sprünge von höchstens drei Meter Weite; sobald es aber ängstlich wird, verdoppelt und verdreifacht es seine Anstrengungen. Es springt mit dem rechten Fuße ein klein wenig eher als mit dem linken ab und auf, ebenso tritt es mit jenem etwas weiter vor. Bei jedem Satze schwingt der gewichtige Schwanz auf und nieder, und zwar um so heftiger, je größer die Sprünge sind. Drehungen aller Art führt das Känguruh mit zwei bis drei kleinen Sätzen aus, ohne dabei ersichtlich mit dem Schwanze zu steuern. Immer tritt es nur mit den Zehen auf, und niemals fällt es auf die Vorderarme nieder. Diese werden von verschiedenen Arten verschieden getragen, bei den einen vom Leibe gehalten, bei den andern mehr angezogen und gekreuzt. Ein Sprung folgt unmittelbar dem andern, und jeder ist mindestens drei Meter weit und dabei zwei bis drei Meter hoch. Schon gefangene springen, wenn man sie in einer größern Umhegung hin- und herjagt, bis acht Meter weit. Es ist erklärlich, daß ein ganz vortrefflicher Hund dazu gehört, einem Känguruh zu folgen, und in der Tat gibt es nur wenige Jagdhunde, die dies vermögen. Auf bedecktem Boden hört die Verfolgung sehr bald auf; denn das flüchtige Känguruh schnellt leicht über die im Wege liegenden Büsche weg, während der Hund dieselben umgehen muß. Auf unebenem Boden bewegt es sich langsamer; namentlich wird es ihm schwer, an Abhängen hinunterzueilen, weil es sich hier bei der Heftigkeit des Sprunges leicht überschlägt. Übrigens hält das laufende Tier stundenlang aus, ohne zu ermüden.

Unter den Sinnen der Springbeuteltiere dürfte das Gehör obenan stehen; wenigstens bemerkt man an gefangenen ein fortwährendes Bewegen der Ohren nach Art unseres Hochwildes. Das Gesicht ist schwächer und der Geruch wahrscheinlich unentwickelt. Der ›alte Buschmann‹ behauptet zwar, daß sie ausgezeichnet äugen, vernehmen und wittern, fügt jedoch hinzu, daß sie, wie die Hasen, Gegenstände vor sich schlecht wahrnehmen und sozusagen blindlings auf den Menschen losstürmen, falls dieser sich nur nicht bewegt, woraus also hervorgeht, daß ihre Sinne keineswegs besonders entwickelt sein können. Noch viel weniger läßt sich dies von den geistigen Fähigkeiten sagen. Die Känguruhs machen unter den Beuteltieren keine Ausnahme, sondern sind im hohen Grade geistlose Geschöpfe. Alles Ungewohnte bringt sie außer Fassung, weil ihnen ein rasches Übersehen neuer Verhältnisse abgeht. Ihr Hirn arbeitet langsam; jeder Eindruck, den sie empfangen, wird ihnen nur ganz allmählich verständlich; es bedarf einer geraumen Zeit, ihn sich zurechtzulegen. Das freilebende Känguruh stürmt bei Gefahr, oder wenn es solche vermutet, blindlings geraden Weges fort, läßt sich kaum aufhalten und führt unter Umständen Sätze aus, bei denen es nach Versicherung des ›alten Buschmanns‹ die starken Knochen seiner Beine zerbricht; dem gefangenen Känguruh erscheint ein neues Gehege im allerhöchsten Grade bedenklich. Es kann zwischen Eisengittern groß geworden sein und, auf einen andern Platz gebracht, an demselben den Kopf sich zerschellen, wenn sein Pfleger nicht die Vorsicht gebraucht, es vorher tagelang in einen Stall zu sperren, in dem es sich den schwachen Kopf nicht einrennen kann und gleichzeitig Gelegenheit findet, den neuen Raum sich anzusehen. Nach und nach begreift es, daß ein solcher dem früheren Aufenthaltsorte doch wohl in allem wesentlichen entspricht, nach und nach gewöhnt es sich ein, nach und nach hüpft es sich seine Gangstraße zurecht. Nebenan sind vielleicht andere Känguruhs eingestellt worden; der Neuling aber sieht in diesen anfangs entsetzliche Geschöpfe, und letztere denken genau ebenso wie er. Später freilich kämpfen Känguruhs derselben oder verschiedener Art durch die Gitter hindurch heftig miteinander; denn für niedere Leidenschaften wie Neid und Eifersucht ist selbst ein Känguruhhirn hinreichend entwickelt. Seinen Wärter lernt das gefangene Springbeuteltier ebenfalls kennen; doch bezweifle ich, daß es ihn von andern Leuten unterscheidet. Es tritt mit den Menschen überhaupt, nicht aber mit einem einzelnen, in ein gewisses Umgangsverhältnis, legt mindestens seine anfängliche Ängstlichkeit allmählich ab, gelangt aber niemals dahin, einen wirklichen Freundschaftsbund einzugehen.

Diese Ängstlichkeit ist der hervorstechendste Zug im Wesen unseres Tieres; ihr fällt es gar nicht selten zum Opfer. Nicht bloß durch Anrennen ans Gitterwerk töten sich gefangene Springbeuteltiere: sie sterben im buchstäblichen Sinne des Wortes vor Entsetzen. Ihre Gefühle bekunden sie zunächst durch starkes Geifern, wobei sie sich Arme und Beine einnässen, oft versuchen, den Geifer abzulecken, und dadurch die Sache nur noch ärger machen. Dabei laufen sie wie toll umher, setzen hierauf sich nieder, schütteln und zucken mit dem Kopfe, bewegen die Ohren, geifern und schütteln wieder. So gebärden sie sich, solange ihre Angst anhält. Ein Känguruh, das ich beobachtete, starb kurz nach einem heftigen Gewitter an den Folgen des Schrecks. Ein Blitzstrahl war Ursache seiner unsäglichen Bestürzung. Scheinbar geblendet, sprang es sofort nach dem Aufleuchten des Blitzes empor, setzte sich dann auf die Hinterbeine und den Schwanz, neigte den Kopf zur Seite, schüttelte höchst bedenklich und fassungslos mit dem durch das gewaltige Ereignis übermäßig beschwerten Haupte, drehte die Ohren dem rollenden Donner nach, sah wehmütig auf seine von Regen und Geifer eingenäßten Hände, beleckte sie mit wahrer Verzweiflung, atmete heftig und schüttelte das Haupt bis zum Abend, um welche Zeit ein Lungenschlag, schneller als das Verständnis des fürchterlichen Ereignisses gekommen zu sein schien, seinem Leben ein Ende machte.

Bei freudiger Erregung gebärdet sich das Känguruh anders. Es geifert zwar auch und schüttelt mit dem Kopfe, trägt aber die Ohren stolz und versucht durch allerlei Bewegungen der Vorderglieder sowie durch heiseres Meckern seinen unklaren Gefühlen Ausdruck zu geben. In freudige Erregung kann es geraten, wenn es nach länger währender Hirnarbeit zur Überzeugung gelangt, daß es auch unter Känguruhs zwei Geschlechter gibt. Sobald eine Ahnung der Liebe in ihm aufgedämmert ist, bemüht es sich, dieser Ausdruck zu geben, und das verliebte Männchen macht nunmehr dem Weibchen in der sonderbarsten Weise den Hof. Es umgeht oder umhüpft den Gegenstand seiner Liebe mit verschiedenen Sprüngen, schüttelt dabei wiederholt mit dem Kopfe, läßt das erwähnte heisere Meckern vernehmen, das man am besten mit unterdrücktem Husten vergleichen könnte, folgt der sehr gleichgültig sich gebärdenden Schönen auf Schritt und Tritt, beriecht sie von allen Seiten und beginnt dann den Schwanz, dieses wichtigste Werkzeug eines Känguruhs, zu krabbeln und zu streichen. Eine große Teilnahme schenkt es auch der Tasche des Weibchens; es befühlt oder beriecht sie wenigstens, sooft es solches tun kann. Wenn dies eine geraume Zeit gewährt hat, pflegt sich das Weibchen spröde umzudrehen und vor dem zudringlichen Männchen aufzurichten. Das hüpft augenblicklich herbei und erwartet, scheinbar gelassen, eine verdiente Züchtigung, benutzt aber den günstigen Augenblick, um das Weibchen zu umarmen. Letzteres nimmt diese Gelegenheit wahr, um dem Zudringlichen mit den Hinterbeinen einen Schlag zu versetzen, findet aber, nachdem es wiederholt umarmt worden ist, daß es wohl auch nichts Besseres tun könne, und so stehen denn endlich beide Tiere innig umschlungen nebeneinander, schütteln und wackeln mit dem Kopfe, beschnuppern sich und wiegen sich, auf den Schwanz gestützt, behaglich hin und her. Sobald die Umarmung beendet ist, beginnt die alte Geschichte von neuem, und eine zweite Umarmung endet sie wieder. Das ganze Liebesspiel sieht im höchsten Grade komisch aus und erregt, wie billig, die Lachlust eines jeden Beschauers.

Etwas anders gestaltet sich die Sache, wenn mehrere verliebte Männchen um ein Weibchen werben. Dann kommt es selbstverständlich zum Kampf und Streit. Die zarten Liebesbeweise, die dem Schwanze gespendet werden, bleiben weg. Beide Gegner umhüpfen sich drohend und streben, sobald als möglich sich zu umarmen. Ist ihnen dies geglückt, so stemmen sie sich beide zugleich auf den Schwanz und schlagen mit den hierdurch frei gewordenen Hinterbeinen aufeinander los, versuchen, sich gegenseitig mit den scharfen Nägeln den Bauch aufzuritzen, prügeln sich auch gleichzeitig mit den Vorderhänden. Derartige Zweikämpfe sind keineswegs ungefährlich, weil die Kraft der Hinterbeine bedeutend ist und die großen Nägel tiefe Wunden verursachen können. Besonders unverträglich scheinen die kleineren Arten zu sein: sie liegen sich beständig in den Haaren und kratzen sich gegenseitig halb oder ganz kahl.

Die Vermehrung aller Springbeuteltiere ist schwach. Die großen Arten werfen selten mehr als ein Junges. Trotz der bedeutenden Größe einiger Känguruhs tragen die Weibchen erstaunlich kurze Zeit, die Riesenkänguruhs z. B. nur neununddreißig Tage. Nach Ablauf dieser Zeit wird das Junge im eigentlichen Sinne des Wortes geboren. Die Mutter nimmt es mit dem Munde ab, öffnet mit beiden Händen den Beutel und setzt das kleine, unscheinbare Wesen an einer der Zitzen fest. Zwölf Stunden nach der Geburt hat das junge Riesenkänguruh eine Länge von etwas mehr als drei Zentimeter. Es kann nur mit den Keimlingen anderer Tiere verglichen werden; denn es ist vollkommen unreif, durchscheinend, weich, wurmartig; seine Augen sind geschlossen, die Ohren und Nasenlöcher erst angedeutet, die Gliedmaßen noch nicht ausgebildet. Zwischen ihm und der Mutter scheint nicht die geringste Ähnlichkeit zu bestehen. Gerade die Vorderglieder sind um ein Dritteil länger als die hinteren. In stark gekrümmter Lage, den kurzen Schwanz zwischen den Hinterbeinen nach auswärts gebogen, hängt es an der Zitze, ohne wahrnehmbare Bewegung, unfähig, selbst zu saugen. Sobald es an die Zitze angeheftet worden ist, schwillt diese so bedeutend an, daß die großen Lippen sie und der angeschwollene Teil der Saugwarzen wiederum den Mund genau umschließen. Soviel man bis jetzt weiß, saugt das junge Känguruh gar nicht, sondern wird ohne eigene Anstrengung mit Milch versorgt, indem ihm diese aus den Zitzen geradezu ins Maul spritzt. Fast acht Monate lang ernährt es sich ausschließlich im Beutel; doch schon etwas eher streckt es ab und zu einmal den Kopf hervor, ist aber auch dann noch immer nicht imstande, sich selbständig zu bewegen. Geoffroy St. Hilaire hat auch einen Muskel nachgewiesen, der über dem Euter liegt und dem noch kraftlosen Jungen die Milch in den Mund preßt oder wenigstens pressen kann; denn eigentlich fehlt die Bestätigung dieser Angabe. Aus den übrigen und neuesten Beobachtungen geht hervor, daß das Känguruh, wenn es einmal eine gewisse Größe erreicht hat, sehr schnell wächst, namentlich von der Zeit an, in der es Haare bekommt. Es ist dann fähig, seine langen Ohren, die bis dahin schlaff am Köpfchen herabhingen, aufzurichten. Von nun an zeigt es sich sehr häufig, wenn die Mutter ruhig dasitzt. Der ganze Kopf wird vorgestreckt, und die hellen Augen blicken lebhaft um sich, ja, die Ärmchen stöbern auch schon im Heu herum, und das Tierchen beginnt bereits zu fressen. Die Alte zeigt sich noch äußerst vorsorglich gegen das Junge, jedoch nicht mehr so ängstlich als früher. Anfangs gestattet sie nur mit dem größten Widerstreben irgendwelche Versuche, das Junge im Beutel zu sehen oder zu berühren. Selbst gegen das Männchen, das eine lebhafte Neugierde an den Tag legt und sich beständig herbeidrängt, um seinen Sprößling zu sehen, benimmt sie sich nicht anders als gegen den Menschen. Sie beantwortet Zudringlichkeiten dadurch, daß sie sich abwendet, weist fortgesetzte Behelligung durch ein ärgerliches, heiseres Knurren zurück und versucht wohl auch, sich durch Schlagen derselben zu erwehren. Von dem Augenblicke an, wo das Junge den Kopf zum Beutel herausstreckt, sucht sie es weniger zu verbergen. Das Kleine ist auch selbst äußerst furchtsam und zieht sich bei der geringsten Störung in den Beutel zurück. Hier sitzt es übrigens keineswegs immer aufrecht, sondern nimmt alle möglichen Lagen an. Man sieht es mit dem Kopfe herausschauen und gar nicht selten neben diesem die beiden Hinterbeine und den Schwanz hervorstrecken, bemerkt aber auch diese Glieder allein, ohne vom Kopfe etwas zu sehen. Sehr hübsch sieht es aus, wenn die Mutter, die weiter zu hüpfen wünscht, das aus dem Beutel herausschauende Junge zurücktreibt: sie gibt dem kleinen Dinge, falls es nicht ohne weiteres gehorcht, einen gelinden Schlag mit den Händen. Geraume Zeit nach dem ersten Ausschauen verläßt das Junge ab und zu seinen Schutzort und treibt sich neben der Alten im Freien umher; noch lange Zeit aber flüchtet es, sobald es Gefahr fürchtet, in den Beutel zurück. Es kommt mit gewaltigen Sätzen einhergerannt und stürzt sich, ohne auch nur einen Augenblick anzuhalten, kopfüber in den halbgeöffneten Beutel der ruhig auf ihren Hinterläufen sitzenden Mutter, kehrt im Nu sich um und schaut dann mit einem unendlich komischen Ausdrucke des beneidenswertesten Sicherheitsbewußtseins aus der Beutelöffnung hervor.

»Ende September«, sagt Weinland, dem ich vorstehendes nacherzählt habe, »bemerkten wir das im Januar geborene, weibliche Junge des Bennettschen Känguruhs zum letzten Male in dem Beutel; aber wenn die Tochter nunmehr auch auf den Schutz der Mutter verzichtete, hörte sie doch nicht auf, Nahrung von ihr zu fordern. Noch am 22. Oktober sahen wir das Junge an der Mutter saugen, und zu unserer nicht geringen Überraschung beobachteten wir an demselben Tage jenes eigentümliche Zittern und Zucken in seinem Beutel, das uns über den eigenen Zustand keinen Zweifel ließ. Der sonderbare, unseres Wissens noch nie beobachtete Fall steht fest: selbst schon Mutter, ja bereits ein Junges im Beutel säugend, verlangt dieses Tier noch immer die nährende Milch seiner Alten! Aber noch mehr Enthüllungen lieferte die leider notwendig gewordene Zergliederung des Muttertieres, die sich durch Anrennen an das Gitter den Tod zugezogen hatte. Es fand sich in dem Beutel ein bereits totes, noch nacktes Junge von sieben Zentimeter Länge, das also mindestens vor zwei Monaten schon geboren worden war, und somit stellte sich heraus, daß das Känguruhweibchen unter Umständen zugleich die Kinder zweier Würfe und unmittelbar noch sein Enkelchen säugte: das erwähnte herangewachsene, selbst schon tragende und säugende, und dessen Kind, sowie das kleine nackte im Beutel.«

Reisende in Australien berichten, daß Känguruhmütter ihr Junges bei großer Gefahr, namentlich wenn sie sich verwundet fühlen, in eigentümlicher Weise zu retten suchen. Falls sie sich nicht mehr imstande sehen, dem drohenden Verderben zu entrinnen, heben sie das Junge schnell aus dem Beutel, setzen es auf den Boden und fliehen, beständig traurig nach ihrem Sprößlinge sich umsehend, weiter, solange sie können: sie geben sich also gern zu Gunsten ihrer Jungen Preis und erreichen wirklich nicht selten den Zweck, indem die hitzig gewordenen Verfolger ihr Augenmerk ausschließlich auf die Alte richten und an den Jungen vorbeistürmen.

Die Nahrung ist gemischter Art. Gras und Baumblätter bleiben die bevorzugteste Speise, außerdem verzehren die Tiere aber auch Wurzeln, Baumrinden und Baumknospen, Früchte und mancherlei Kräuter. Ihre Lieblingsnahrung ist ein gewisses Gras, das geradezu Känguruhgras genannt wird und ihren Aufenthalt bedingt; außerdem äsen sie von den Spitzen der Heide und von den Blättern und Knospen gewisser Gesträuche.

Die Springbeuteltiere vertreten in ihrer Heimat gewissermaßen das dort fehlende Wild und werden auch, wie dieses, leidenschaftlich gejagt, von den Raubtieren wie von den Menschen, von den Eingebornen wie von den Weißen. Die Schwarzen suchen sich so unbemerkt als möglich an eine Gesellschaft werdender Känguruhs heranzuschleichen und verstehen es meisterhaft, sie derart zu umstellen, daß wenigstens einige des Trupps ihnen zum Opfer fallen. Bei Hauptjagden legen sich die einen in den Hinterhalt, und die anderen treiben jenen das Wild zu, indem sie erst so nahe als möglich an die werdenden Herden herankriechen, dann aber plötzlich mit Geschrei aufspringen. Schreckerfüllt wenden sich die Tiere nach der ihnen offen erscheinenden Seite hin und fallen somit ziemlich sicher in die Gewalt der versteckten Jäger. Außerdem verstehen es die Australier, Schlingen aller Art und Fangnetze anzufertigen und geschickt zu stellen. Weit größere Verluste als die eingeborenen Australier fügen die Weißen den Känguruhs zu. Man gebraucht, sagt ›ein alter Buschmann‹, alle denkbaren Mittel, um sie auszurotten, fängt sie in Schlingen, erlegt sie mit dem Feuergewehre, jagt sie mit Hunden zu Tode, und zwar aus reinem Übermute, nur um sie zu töten; denn die erlegten läßt man im Walde verfaulen. »Dies ist der Grund, weshalb die Känguruhs in der Umgebung aller größeren Städte und Ansiedlungen bereits ausgerottet sind. Und wenn diese wüste Jagd so fortdauert, wird es nicht lange währen, bis sie auch im Innern zu den selteneren Säugetieren zählen. Ich kann den Schaden, den sie auf den weiten, grasbewachsenen Ebenen anrichten sollen, nicht einsehen. In der Nähe von Ansiedlungen werden sie allerdings lästiger als unsere Hasen und Kaninchen; dies aber berechtigt wahrlich nicht zu unvernünftigen Verfolgungen. Sie kommen nachts über die Umzäunungen herein und fressen einfach Pflanzen ab; aber schon ein paar Scheuchen genügen, um sie abzuhalten. Mich will es bedünken, daß diejenigen, die die Känguruhs in solch rücksichtsloser Weise verfolgen, gar nicht imstande sind, die Tiere zu würdigen. Ich will nicht in Abrede stellen, daß Fell und Fleisch weniger Wert haben als die Decke und das Wildbret unseres Hirsches: so wertlos aber, als man beides in Australien hält, ist es denn doch nicht. Ich kann aus eigener Erfahrung versichern, daß das Fleisch durchaus nicht schlecht und das Fell wenigstens ebenso gut, ja feiner als Kalbleder ist. Mein alter Zeltgenosse und ich lebten von Känguruhfleisch, solange wir im Walde waren.

Die ergiebigste Art, Känguruhs zu jagen, ist, eine Schützenlinie zu bilden und die Tiere durch einen berittenen, von Hunden unterstützten Gehilfen sich zutreiben zu lassen. Ein guter Treiber ist für die Jagd von großer Bedeutung. Die Känguruhs lassen sich nach jeder beliebigen Gegend hintreiben und halten die einmal genommene Richtung unter allen Umständen fest, zerteilen sich wohl, weichen jedoch dann nicht von dem eingeschlagenen Wege ab. Die Schützen setzen sich am besten unter Bäume und verharren in niedergebeugter Stellung, bis die Tiere in schußrechter Entfernung angelangt sind. Bisweilen durchbricht der ganze Haufen die Schützenlinie an einer Stelle; meist aber teilen sich die Känguruhs beim ersten Schusse und laufen längs der Linie herunter. Wer das Schießen versteht, erlegt bei jedem Treiben mehrere Stücke. Einer aus der Gesellschaft muß, noch ehe die Herde in Schußweite angekommen, einen Schuß auf sie abfeuern, um sie zu zerstreuen, die übrigen müssen womöglich zwei Büchsen schußfertig bei sich haben und ihres Schusses selbstverständlich sicher sein. Ich meinesteils habe auf diese Weise oft vier Stück bei einem einzigen Treiben erlegt. Niemals darf man sich verleiten lassen, auf das zuerst niedergeschossene zuzueilen, weil man durch sein voreiliges Erscheinen oft alle übrigen verscheucht. Wenn die Känguruhs nicht zu stürmisch herankommen, empfiehlt es sich, sie durch einen Pfiff anzurufen, da sie dann oft wie ein anderes Wild auf einen Augenblick stutzen und den Kopf erheben. Sie sind übrigens sehr lebenszäh und laufen verwundet noch eine weite Strecke weg.

siehe Bildunterschrift

Riesenkänguruh (Macropus giganteus)

Das große Geheimnis beim Känguruhschießen, das von vielen für überaus schwierig gehalten wird, beruht darin, sich nie zu übereilen. Man muß niemals eher schießen, als bis das Känguruh in guter Schußweite angelangt ist, und dann nach dem Halse zielen. Doch will ich nicht verkennen, daß die eigentümliche Art der Tiere, zu springen, Anfänger sehr verwirrt, und es auch für den ausgelernten Schützen keineswegs leicht ist, ein in voller Flucht dahinjagendes Känguruh zu erlegen. Leider muß ich sagen, daß die Jagd, wenn man sie monatelang Tag für Tag betreibt, zuletzt doch sehr einförmig wird. Würdiger eines Weidmannes ist es offenbar, mit der treu erprobten Büchse in der Hand an die werdenden Känguruhs sich anzupirschen, das stärkste Männchen aus dem Haufen aufs Korn zu nehmen und niederzustrecken. Ein Schuß mit der Büchse ist aus dem Grunde besonders schwierig, weil Hals und Brust sehr verschmächtigt sind, auf einen Schuß durch den Unterleib aber das Tier nur selten fällt. Wohlhabende Ansiedler pflegen die Känguruhs mit Hunden zu jagen und benutzen hierzu eine Art Pirschhunde, die man geradezu Känguruhhunde nennt. Gute Hunde jagen Känguruhs bald nieder, besonders wenn der Grund feucht ist, und wissen auch den gefährlichen Waffen der Tiere geschickt zu entgehen. Nicht immer nämlich geht die Känguruhjagd so ungehindert vonstatten, als man meinen möchte; denn auch dieses friedliche Tier weiß sich zu verteidigen. Seine Stärke liegt in den kräftigen Hinterläufen, deren Mittelzehe, wie bekannt, einen scharfen Nagel trägt. Mit diesem bringt es seinen Feinden gefährliche Wunden bei. Junge Hunde geraten regelmäßig in den Bereich der Hinterklauen; einige tiefe Verwundungen oder von dem mit den Hinterfüßen ausschlagenden Känguruh empfangene Hiebe machen sie jedoch sehr bald vorsichtig. Im Notfalle sucht sich das Tier auch durch Beißen zu wehren; ich habe gesehen, daß ein altes Männchen einen Hund mit den Vorderarmen umklammerte und ihn zu beißen versuchte. Auch der Mensch hat sich vorzusehen, um nicht die Kraft der Klauen an sich zu erfahren, und jedenfalls tut der Jäger wohl, wenn er dem niedergeschossenen Wilde sofort die Sehnen durchschneidet; denn noch todeswund schlagen die Känguruhs in gefährlicher Weise mit den Hinterbeinen um sich. Ich bin zweimal in Gefahr gewesen, von einem Känguruh verwundet zu werden, und beide Male mit einer Kraft zu Boden geworfen worden, daß mir Hören und Sehen verging, war aber jedesmal glücklicherweise dem Känguruh ganz nahe, so daß ich die Schläge anstatt mit der Klaue nur mit der Sohle empfing. Einmal wurde ich von einem alten Männchen förmlich angegriffen und war herzlich froh, als das Tier vor Erschöpfung zusammenbrach, ehe es seine Kräfte an mir auslassen konnte.«

Befindet sich in der Nähe des Weidegrundes ein Fluß oder See, so eilen, wie wir von früheren Beobachtern wissen, die gejagten Känguruhs regelmäßig dem Wasser zu und stellen sich hier ruhig auf, die ankommenden Hunde erwartend. Ihre große Leibeshöhe erlaubt ihnen zu stehen, wenn die Hunde bereits schwimmen müssen, und gerade hierdurch erlangen sie Vorteile. Der erste Hund, der ankommt, wird augenblicklich von dem Känguruh gepackt und zunächst mit den Vorderfüßen, dann aber mit den Hinterfüßen unter das Wasser gedrückt und hier so lange festgehalten, bis er ertränkt ist. Ein starkes Männchen der größeren Arten kann selbst einer zahlreichen Meute zu schaffen machen. Es läßt mit der größten Seelenruhe einen der Feinde nach dem andern schwimmend an sich kommen und nimmt geschickt den günstigen Augenblick wahr, um sich der Angreifer zu entledigen. Der einmal angepackte Hund ist regelmäßig verloren, wenn ihm nicht ein zweiter zu Hilfe kommt, und derjenige, der wirklich gerettet wird, eilt nach dem wider Willen genommenen Bade so schnell, als er kann, dem Ufer zu, ist auch durch kein Mittel zu bewegen, den mißlungenen Angriff zu erneuern. Erfahrene Hunde stürmen in Menge herbei, umstellen das Tier von allen Seiten, stürzen plötzlich vereint auf dasselbe los, packen es an der Kehle, reißen es zu Boden, schleppen es immer nach vorwärts, so daß es seine gefährlichen Waffen kaum brauchen kann, und würgen es entweder ab oder halten es so lange fest, bis die Jäger herbeikommen.

»Nach beendeter Jagd«, fährt der ›alte Buschmann‹ fort, »werden die erlegten Känguruhs zusammengetragen und zunächst ausgeweidet. Dies geschieht in eigentümlicher Weise. Man benutzt nämlich nur die Hinterhälfte des Tieres und überläßt Eingeweide und Vorderteil den Dingos und Adlern. Zu diesem Behufe häutet man das ganze Vorderteil ab, trennt es unterhalb der Niere vom Hinterteile und schlägt die Haut über dieses hinweg; dann schneidet man ein Loch durch die Haut, steckt den Schwanz hindurch, schiebt die Haut bis an die Wurzel des Schwanzes und bedeckt so die Bruchseite des Hinterviertels. Hierauf wirft man das Tier über die Schulter, so daß man mit jeder Hand eins der Hinterbeine fassen kann, und trägt es in dieser, dem Jäger bequemsten Weise dem Zelt zu. Ein so beladener Weidmann gleicht ungefähr einem Savoyardenknaben mit einem Affen, dessen Schwanz hinten weit herabhängt, auf der Schulter. Das erbeutete Wildbret gewährt den hauptsächlichsten Nutzen, den die Jagd abwirft. Das Fell wird kaum besonders verwendet, obgleich nicht zu bezweifeln ist, daß es gutes Pelzwerk abgeben würde. Etwas besser lohnt der Fang der Jungen, die in allen Küstenstädten von Tierhändlern gekauft und ziemlich gut bezahlt werden.

In die Gefangenschaft fügen sich alle Arten ohne viele Umstände, lassen sich mit grünem Futter, Blättern, Rüben, Körnern, Brot u. dgl. auch ohne Mühe erhalten, verlangen oder bedürfen im Winter keinen sonderlich warmen Stall und pflanzen sich bei geeigneter Pflege ohne Umstände fort. Obwohl sie der Wärme zugetan sind und sich gern behaglich im Strahle der Sonne dehnen und recken, schaden ihnen doch auch strengere Winterkälte und Schnee nicht, falls sie nur ein trockenes und gegen Wind geschütztes Plätzchen haben, nach dem sie sich zurückziehen können. Dank dieser Genügsamkeit und Unempfindlichkeit gegen Witterungseinflüsse sieht man Känguruhs gegenwärtig in allen Tiergärten als regelmäßige Erscheinungen, züchtet auch alljährlich viele von ihnen.«

 

Unter den wenigen Sippen, in die die Familie zerfällt, stellt man die Känguruhs im engern Sinne ( Macropus) obenan. Das Riesenkänguruh ( Macropus giganteus, der »Boomer« der Ansiedler, gehört zu den größten Arten der Familie. Sehr alte Männchen haben in sitzender Stellung fast Manneshöhe; ihre Länge beträgt gegen drei Meter, wovon etwa 90 Zentimeter auf den Schwanz gerechnet werden müssen, ihr Gewicht schwankt zwischen 100 bis 150 Kilogramm. Das Weibchen ist durchschnittlich um ein Dritteil kleiner als das Männchen. Die Behaarung ist reichlich, dicht, glatt und weich, fast wollig, die Färbung ein schwer zu bestimmendes Braun, gemischt mit Grau.

Cook entdeckte das Känguruh 1770 an der Küste von Neusüdwales und gab ihm nach einer Benennung der dortigen Eingeborenen den Namen, der später zur Bezeichnung der ganzen Familie gebraucht wurde. Das Tier lebt auf grasbewachsenen Triften oder in spärlich bestandenen Buschwaldungen, wie solche in Australien häufig gefunden werden. In das Gebüsch zieht es sich namentlich im Sommer zurück, um sich vor der heißen Mittagssonne zu schützen. Gegenwärtig ist es durch die fortwährende Verfolgung weit in das Innere gedrängt worden, und auch hier beginnt es seltener zu werden. Es lebt in Trupps, ist jedoch nicht so gesellig, als man anfangs glaubte, getäuscht durch Vereinigung verschiedener Familien. Gewöhnlich sieht man nur ihrer drei oder vier zusammen, und diese in so losem Verbande, daß sich eigentlich keines um das andere kümmert, sondern jedes unabhängig seinen eigenen Weg geht. Besonders gute Weide vereinigt eine größere Anzahl, die sich wieder trennt, wenn sie eine Örtlichkeit ausgenutzt hat. Früher glaubte man, in den Männchen die Leittiere eines Trupps annehmen zu dürfen, wahrscheinlich, weil sie ihrer bedeutenden Größe wegen zu solchem Amte geeignet erscheinen mochten; aber auch diese Annahme hat sich als unrichtig herausgestellt. Alle Beobachter stimmen darin überein, daß das Känguruh im hohen Grade scheu und furchtsam ist und dem Menschen nur selten erlaubt, sich ihm in erwünschter Weise zu nähern. Gould, der ein vortreffliches Werk über diese Familie geschrieben hat, sagt über die flüchtigen Känguruhs folgendes: »Ich erinnere mich mit besonderer Vorliebe eines schönen Boomers, der sich in der offenen Ebene zwischen den Hunden plötzlich aufrichtete und dann dahinjagte. Zuerst warf er seinen Kopf empor, um nach seinen Verfolgern zu schielen und gleichzeitig zu sehen, welche Seite des Wegs ihm offen war; dann aber jagte er, ohne einen Augenblick zu zögern, vorwärts und gab uns Gelegenheit, das tollste Rennen zu beobachten, das ein Tier jemals vor unseren Augen ausgeführt hat. Vierzehn (englische) Meilen in einem Zuge rannte der vogelschnelle Läufer, und da er vollen Spielraum hatte, zweifelte ich nicht im geringsten, daß er uns entkommen würde. Zu seinem Unglück aber hatte er seinen Weg nach einer Landzunge gerichtet, die ungefähr zwei Meilen weit in die See hinauslief. Dort wurde ihm der Weg abgeschnitten und er gezwungen, schwimmend seine Rettung zu suchen. Der Meeresarm, der ihn vom festen Lande trennte, mochte ungefähr zwei Meilen breit sein, und eine frische Brise trieb die Wellen hart gegen ihn. Aber es blieb ihm keine andere Wahl, als entweder den Kampf mit den Hunden aufzunehmen, oder seine Rettung in der See zu suchen. Ohne Besinnen stürzte er sich in die Wogen und durchschwamm sie mutig, obgleich die Wellen halb über ihn weggingen. Schließlich jedoch wurde er genötigt umzukehren, und abgemattet und entkräftet, wie er war, erlag er nunmehr seinen Verfolgern in kurzer Frist. Die Entfernung, die er auf seiner Flucht durchjagt hatte, konnte, wenn man die verschiedenen Krümmungen hinzurechnen wollte, nicht unter achtzehn Meilen betragen haben, und sicherlich durchschwamm er deren zwei. Ich bin nicht imstande, die Zeit zu bestimmen, in der er diese Strecke durchrannte, glaube jedoch, daß ungefähr zwei Stunden vergangen sein mochten, als er am Ende der betreffenden Landzunge ankam. Dort aber rannte er noch ebenso schnell wie im Anfange.« Im übrigen habe ich über das Leben des Tieres nach dem bereits Mitgeteilten nichts weiter zu bemerken.

 

Eine der kleineren und hübschesten Arten der Familie ist das Pademelon ( Macropus Thetidis). Es erreicht kaum den dritten Teil der Größe des Känguruhs; seine Länge beträgt nur 1,1 Meter, wovon 45 Zentimeter auf den Schwanz zu rechnen sind. Das Fell ist lang und weich, die Färbung der obern Teile braungrau, das im Nacken in Rostrot übergeht, die der Unterseite weiß oder gelblichweiß. Nach Gould bewohnt das Pademelon buschreiche Gegenden in der Nähe der Moritonbai und lebt hier einzeln und in kleinen Trupps, wegen seines zarten, höchst wohlschmeckenden Fleisches, das dem Wildbret unseres Hasen ähnelt, eifrig verfolgt von den Eingeborenen wie von den Ansiedlern. In seiner Lebensweise ähnelt es durchaus seinen Verwandten.

 

Eine andere kleinere Art ist der Hasenspringer ( Macropus leporoides), so genannt, weil er in Wesen und Färbung vielfach an einen Hasen erinnert. Seine Länge beträgt 60 Zentimeter, wovon etwa 35 Zentimeter auf den Schwanz kommen. Der Leib ist gestreckt, die Läufe und Klauen sind schlank, die kleinen Vorderpfoten mit scharfen, spitzigen Nägeln bewehrt. Der Pelz zeigt das so schwer zu beschreibende Farbengemisch der Hasen. Ein dunkler Flecken steht auf dem Unterschenkel.

Der Hasenspringer bewohnt den größten Teil des innern Australien und erinnert auch in seiner Lebensweise vielfach an unsern Hasen. Wie dieser, ist er ein Nachttier, das sich bei Tage in ein tief ausgegrabenes Lager drückt und Jäger und Hunde nahe auf den Leib kommen läßt, bevor er aufspringt, in der Hoffnung, daß sein mit dem Boden gleichgefärbtes Kleid ihn verbergen müsse. Wirklich täuscht er die Hunde oft, und auch, wenn er vor ihnen flüchtet, wendet er gewisse Listen an, indem er, wie Freund Lampe, plötzlich Haken schlägt und so eilig als möglich rückwärts flüchtet. Eine Beobachtung, die Gould machte, verdient erwähnt zu werden. »In einer der Ebenen Südaustraliens«, erzählt er, »jagte ich ein Hasenkänguruh mit zwei flinken Hunden. Nachdem es ungefähr eine Viertelmeile laufend zurückgelegt hatte, wandte es sich plötzlich und kam gegen mich zurück. Die Hunde waren ihm dicht auf den Fersen. Ich stand vollkommen still, und so lief das Tier bis gegen sechs Meter an mich heran, bevor es mich bemerkte. Zu meinem großen Erstaunen bog es jedoch weder zur Rechten noch zur Linken aus, sondern setzte mit einem gewaltigen Sprunge über meinen Kopf weg. Ich war nicht imstande, ihm einen Schuß nachzusenden.«

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Gebirgstiere sind die Bergkänguruhs ( Petrogale), von den übrigen durch ihr etwas abweichendes Gebiß, die kurzen Hinterbeine und den buschigen Schwanz unterschiedene mittelgroße Springbeutler.

Das Felsenkänguruh ( Petrogale penicillata) erreicht, einschließlich des körperlangen Schwanzes, 1,25 Meter an Länge und ist tief purpurgrau, seitlich weißbraun, hinten schwarz, unten braun oder gelblich, an Kinn und Brust weiß, auf den Wangen graulichweiß, am Rande der übrigens schwarzen Ohren gelb, an Füßen und Schwanz schwarz gefärbt.

Das gleich große Bergkänguruh ( Petrogale xanthopus) ist blaß rötlichbraun, mit Grau gemischt, längs der Rückenmitte dunkler, unterseits weiß, eine Querbinde über dem Schenkel ebenso, eine seitliche, von der weißen Unterseite scharf begrenzte Längsbinde schwärzlich, der Fußwurzelteil gelb gefärbt, der Schwanz gelb und schwarzbraun geringelt. Mehr oder minder erhebliche Abänderungen scheinen beim Berg- wie beim Felsenkänguruh nicht selten zu sein.

Die Gebirge von Neusüdwales beherbergen das Felsenkänguruh in ziemlicher Anzahl; doch wird es nicht häufig bemerkt, weil es ein Nachtfreund ist, der nur äußerst selten vor Sonnenuntergang aus dunklen Höhlen und Gängen zwischen den Felsen hervorkommt. Die Behendigkeit, mit der es auf den gefährlichen Abhängen umherklettert, würde einem Affen alle Ehre machen, und wirklich glaubt der Europäer, der dieses Tier zum ersten Male im dämmerigen Halbdunkel des Abends erblickt, einen Pavian vor sich zu sehen. Seine Kletterfertigkeit schützt es weit mehr als die übrigen Verwandten vor den Nachstellungen des Menschen und anderer Feinde. Das Felsenkänguruh verlangt einen sehr geübten Jäger und fällt auch diesem nur dann zur Beute, wenn er den von seinem Wilde streng eingehaltenen Wechsel aufgespürt hat. Die Eingebornen folgen der deutlich wahrnehmbaren Fährte wohl auch bis zu dem Geklüft, in dem sich das Tier bei Tage verborgen hält; zu solcher Jagd gehört aber die bewunderungswürdige Geduld des Wilden, der Europäer unterläßt sie weislich. Ein schlimmerer Feind als der Mensch soll der Dingo sein, weil er häufig genug in den Höhlen wohnt, in die das Felsenkänguruh sich bei Tage zurückzieht. Doch gelingt es auch ihm nur durch Überrumpelung, sich des sehr vorsichtigen Tieres zu bemächtigen; denn wenn dieses seinen Feind bemerkt, ist es mit wenigen Sätzen außer aller Gefahr. Seine Gewandtheit läßt es die höchsten und unzugänglichsten Stellen ohne Mühe erreichen. Nach Versicherung der Eingebornen soll übrigens das Felsenkänguruh vorzugsweise solche Klüfte bewohnen, die mehrere Ausgänge haben. Verwundete Tiere dieser Art gehen dem Jäger gewöhnlich verloren, sie schlüpfen wenige Augenblicke vor ihrem Tode noch in eine Höhle und verenden dort.

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Die Kletterfertigkeit der Springbeuteltiere gipfelt im Baum- oder Bärenkänguruh aus Neuguinea ( Dendrolagus ursinus), einem der auffallendsten und von dem Gesamtgepräge am meisten abweichenden Mitglieds der Familie, von dem man bis jetzt nur noch einen Verwandten kennt. Die großen und kräftigen Vorderarme, die gegen die Hinterbeine wenig zurückstehen, sind ein sehr bezeichnendes Merkmal dieser Sippe. Das Baumkänguruh ist ein ziemlich großes Tier von 1,25 Meter Leibeslänge, wovon etwas mehr als die Hälfte auf den Schwanz gerechnet werden muß, sein Leib gedrungen und kräftig, der Kopf kurz. Der Pelz besteht aus straffen, schwarzen, an der Wurzel bräunlichen Haaren; die Ohrenspitzen, das Gesicht und die Unterteile sind braun, die Wangen gelblich, ein Ring um das Auge ist dunkler.

Alle Beobachter stimmen darin überein, daß man sich keine merkwürdigere Erscheinung denken könne als ein Baumkänguruh, das sich lustig auf den Zweigen bewegt und fast alle Kletterkünste zeigt, die in der Klasse der Säugetiere überhaupt beobachtet werden. Mit der größten Leichtigkeit klimmt das Tier an den Baumstämmen empor, mit der Sicherheit eines Eichhorns steigt es auf- und abwärts; aber gleichwohl erscheint es so fremd da oben, daß jeder Beschauer geradezu verblüfft ist, wenn das dunkelhaarige, langgliederige Geschöpf unversehens vom Boden auf einen Baum hinaufhüpft und dort im schwankenden Gezweige sich bewegt. Dem Aufenthalt entsprechend, äst es vorzugsweise von Blättern, Knospen und Schößlingen der Bäume; wahrscheinlich verzehrt es auch Früchte.

In der Gefangenschaft sieht man es selten. Rosenberg hat, wie er mir schreibt, ebensowohl das Bärenkänguruh wie seinen Verwandten längere Zeit gepflegt. »Beide Arten werden rasch zahm und gewöhnen sich leicht an ihren Pfleger, bekunden auch nicht die mindeste Furcht vor Hunden. Die meinen liefen frei umher und folgten mir auf Schritt und Tritt, mit rasch sich wiederholenden Sprüngen der Hinterbeine. Das Klettern, wobei der Stamm oder Ast mit den Vorderfüßen umfaßt wurde, geschah etwas schwerfällig. Ich fütterte sie mit Pflanzenkost, namentlich mit reifen Pisangfrüchten, die sie, auf den Hinterbeinen sitzend, nach Art der Affen, nur plumper, zum Munde brachten und verzehrten.« Das Bärenkänguruh kommt häufiger vor als sein Verwandter, ist allen Papuas auf Neuguinea unter dem Namen » Niaai« wohlbekannt, wird von ihnen oft gefangen und gelangt auch keineswegs selten lebend nach Ternate.

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Die kleinen Springbeuteltiere nennt man Känguruhratten ( Hypsiprymnus). Sie ähneln den größeren Verwandten noch sehr, unterscheiden sich aber außer der geringen Größe durch verhältnismäßig kürzern Schwanz und hauptsächlich durch das Gebiß, das im Oberkiefer bestimmt ausgebildete Eckzähne besitzt. Die Känguruhratte ( Hypsiprymnus murinus) ist an ihrem länglichen Kopfe, den kurzen Läufen und dem Rattenschwanze zu erkennen. Ihre Leibeslänge beträgt 40 Zentimeter, die Länge des Schwanzes 25 Zentimeter. Der lange, lockere, schwach glänzende Pelz ist oben dunkelbraun, mit schwarzer und blaßbrauner Mischung, auf der Unterseite schmutzig- oder gelblichweiß. Der Schwanz hat an der Wurzel und oben bräunliche, längs der Seiten und unten schwarze Färbung.

Neusüdwales und Vandiemensland sind die Heimat der Känguruhratte; bei Port Jackson ist sie häufig. Sie liebt spärlich mit Büschen bestandene Gegenden und meidet offene Triften. Auf ihren Wohnplätzen gräbt sie sich zwischen Grasbüscheln eine Vertiefung in den Boden, kleidet diese mit trockenem Grase und Heu sorgfältig aus und verschläft in ihr, gewöhnlich in Gesellschaft anderer ihrer Art, den Tag; denn auch sie ist ein echtes Nachttier, das erst gegen Sonnenuntergang zum Vorschein kommt. Das Lager wird ebenso geschickt angelegt wie das der beschriebenen Verwandten.

In ihren Bewegungen unterscheidet sich die Känguruhratte sehr wesentlich von den Springbeuteltieren. Sie läuft nach eigenen Beobachtungen ganz anders und weit leichter als diese, mehr nach Art der Springmäuse, d. h. indem sie einen der Hinterfüße nach dem andern, nicht aber beide zu gleicher Zeit bewegt. Dieses Trippeln, wie man es wohl nennen kann, geschieht ungemein rasch und gestattet zugleich dem Tiere eine viel größere Gewandtheit, als die satzweise springenden Känguruhs sie an den Tag legen. Die Känguruhratte ist schnell, behend, lebendig und gleitet und huscht wie ein Schatten über den Boden dahin. Ein geübter Hund fängt sie ohne besondere Mühe, der ungeübte Jäger bedroht sie vergeblich, wenn sie einmal ihr Lager verlassen hat. In diesem wird sie auch von dem Menschen leicht gefangen, da sie ziemlich fest schläft oder ihren ärgsten Feind sehr nahe an sich herankommen läßt, ehe sie aufspringt. Hinsichtlich der Nahrung unterscheidet sie sich von den bisher beschriebenen Verwandten. Sie gräbt hauptsächlich nach Knollen, Gewächsen und Wurzeln und richtet deshalb in den Feldern manchmal empfindlichen Schaden an.

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Die Familie der Wombats ( ascolomyida) macht uns bekannt mit den Nagern unter den Beuteltieren. Ihr Bau ist in hohem Grade plump, der Leib schwer und dick, der Hals stark und kurz, der Kopf ungeschlacht, der Schwanz ein kleiner, fast nackter Stummel; die Gliedmaßen sind kurz, krumm, die Füße fünfzehig, bewehrt mit langen, starken Sichelkrallen, die bloß an den Hinterdaumen fehlen, die Sohlen breit und nackt, die Zehen zum großen Teil miteinander verwachsen. Der Wombat ( Phascolomys ursinus) erreicht etwa 95 Zentimeter an Länge und hat kurze und gerundete Ohren. Die Färbung ist ein gesprenkeltes, dunkles Graubraun, das durch die an der Wurzel dunkelbraunen, an der Spitze zumeist silberweißen, hier und da aber schwarzen Haare hervorgebracht wird. Vandiemensland und die Südküste von Neusüdwales sind die Heimat des Wombats. Sie leben in dichten Wäldern, graben sich hier weite Höhlen und sehr tiefe Gänge in den Boden und verbringen in ihnen schlafend den ganzen Tag. Erst nachdem die Nacht vollständig eingetreten ist, humpelt der Wombat ins Freie, um Nahrung zu suchen. Diese besteht zumeist aus einem harten, binsenartigen Grase, das weite Strecken überzieht, sonst aber auch in allerlei Kräutern und Wurzeln, welch letztere durch kraftvolles Graben erworben werden.

siehe Bildunterschrift

Bärenwombat (Phascolomys wombat)

Der Wombat sieht noch unbehilflicher aus, als er ist. Seine Bewegungen sind langsam, aber stetig und kräftig. Ein so stumpfsinniger und gleichgültiger Gesell, wie er ist, läßt sich nicht leicht aus seiner Ruhe bringen. Er geht seinen Weg gerade und unaufhaltsam fort, ohne vor irgend einem Hindernis zurückzuschrecken. Es hält wirklich schwer, einen Wombat irgendwie zu erregen, obgleich man ihn unter Umständen erzürnen kann. So viel ist sicher, daß man ihn einen Trotzkopf ohnegleichen nennen muß, falls man es nicht vorziehen will, seine Beharrlichkeit zu rühmen. Was er sich einmal vorgenommen hat, versucht er, aller Schwierigkeit ungeachtet, auszuführen. Eine Höhle, die er einmal begonnen, gräbt er mit der Ruhe eines Weltweisen hundertmal wieder aus, wenn man sie ihm verstopft. Die australischen Ansiedler sagen, daß er höchst friedlich wäre und sich, ohne Unwillen oder Ärger zu verraten, vom Boden aufnehmen und wegtragen ließe, dagegen ein nicht zu unterschätzender Gegner würde, wenn ihm plötzlich einmal der Gedanke an Abwehr durch seinen Querkopf schösse, weil er dann wütend und in gefährlicher Weise um sich beiße. Ich kann diese Angabe bestätigen. Gefangene, die ich pflegte, benahmen sich nicht anders. Namentlich wenn man ihnen die Füße zusammenschnürte oder sie auch nur an den Füßen packte, zeigten sie sich sehr erbost und bissen, wenn ihnen die Sache zu arg wurde, sehr boshaft zu.

Wie die meisten australischen Tiere, hält auch der Wombat bei uns in der Gefangenschaft vortrefflich aus. Bei guter Pflege und geeigneter Nahrung scheint er sich sehr wohl zu befinden, wird dann auch leidlich zahm, d. h. gewöhnt sich insofern an den Menschen, daß man ihm gestatten darf, frei im Hause umherzulaufen. Seine Gleichgültigkeit läßt ihn die Gefangenschaft vergessen und macht ihn mit seinem Lose bald zufrieden; wenigstens kommt er nie auf den Gedanken, zu entfliehen. Auf Vandiemensland soll er der gewöhnliche Genosse der Fischer sein und wie ein Hund zwischen den Hütten umherlaufen. Doch darf man deshalb nicht glauben, daß er sich jemals mit seinem Pfleger befreunde. Der Mensch ist ihm ebenso gleichgültig wie die ganze übrige Welt. Wenn er zu fressen hat, kümmert er sich um nichts, was um ihn her vorgeht; jeder Ort ist ihm dann recht und jede Gegend angenehm.

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