Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alfred Brehm >

Brehms Tierleben. Säugetiere. Band 5: Raubtiere. Schleichkatzen. Marder. Bären

Alfred Brehm: Brehms Tierleben. Säugetiere. Band 5: Raubtiere. Schleichkatzen. Marder. Bären - Kapitel 3
Quellenangabe
typereport
authorAlfred Brehm
titleBrehms Tierleben. Säugetiere. Band 5: Raubtiere. Schleichkatzen. Marder. Bären
publisherGutenberg-Verlag
seriesBrehms Tierleben
volumeBand 5
editorAdolf Meyer
year1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140102
projectidb3f14e0f
wgs
Schließen

Navigation:

Marder

Reicher an Arten und Formen als die Gruppe der Schleichkatzen ist die Familie der Marder ( Mustelidae). Es hält sehr schwer, eine allgemein gültige Beschreibung derselben zu geben; der Leibesbau, das Gebiß und die Fußbildung schwanken mehr als bei allen übrigen Fleischfressern, und man kann deshalb nur sagen, daß die Mitglieder der Abteilung mittelgroße oder kleine Raubtiere sind, deren Leib sehr gestreckt ist und auf sehr niedrigen Beinen ruht, und deren Füße vier oder fünf Zehen tragen. In der Nähe des Afters finden sich ebenfalls Drüsen wie bei den meisten Schleichkatzen; niemals aber sondern sie einen wohlriechenden Stoff ab wie jene, vielmehr gehören gerade die ärgsten Stänker den Mardern an. Die Behaarung des Leibes ist gewöhnlich eine sehr reichliche und feine, und deshalb finden wir in unserer Familie die geschätztesten aller Pelztiere.

Das Gerippe zeichnet sich durch zierliche Formen aus. Elf oder zwölf rippentragende Wirbel umschließen die Brust, acht oder neun bilden den Lendenteil, drei, die gewöhnlich verwachsen, das Kreuzbein und zwölf bis sechsundzwanzig den Schwanz. Das Schulterblatt ist breit, das Schlüsselbein fehlt regelmäßig. Im Gebisse sind die Eckzähne sehr entwickelt, lang, stark und häufig schneidend an der Kante, die Lückzähne scharf und spitz; der untere Fleischzahn ist zweizackig, der obere durch einen Zacken und einen Höcker ausgezeichnet. Die Krallen sind nicht zurückziehbar.

Die Marder traten zuerst, aber nur einzeln, in der Tertiärzeit auf. Gegenwärtig bewohnen sie alle Erdteile mit Ausnahme von Australien, alle Klimate und Höhengürtel, die Ebenen wie die Gebirge. Ihre Aufenthaltsorte sind Wälder oder felsige Gegenden, aber auch freie, offene Felder, Gärten und die Wohnungen der Menschen. Die einen sind Erdtiere, die andern bewohnen das Wasser; jene können gewöhnlich auch vortrefflich klettern, und alle verstehen zu schwimmen. Viele graben Löcher in die Erde oder benutzen bereits vorhandene Baue zu ihren Wohnungen; andere bemächtigen sich der Höhlen in Bäumen oder auch der Nester des Eichhorns und mancher Vögel: kurz man kann sagen, daß diese Familie fast alle Örtlichkeiten zu benutzen weiß, von der natürlichen Steinkluft an bis zur künstlichen Höhle, vom Schlupfwinkel in der Wohnung des Menschen bis zu dem Gezweige oder Gewurzel im einsamsten Walde. Die meisten haben einen festen Wohnsitz; viele schweifen aber auch umher, je nachdem das Bedürfnis sie hierzu antreibt. Einige, die den Norden bewohnen, verfallen in Winterschlaf, die übrigen bleiben während des ganzen Jahres in Tätigkeit.

Fast sämtliche Marder sind in hohem Grade behende, gewandte, bewegliche Geschöpfe und in allen Leibesübungen ungewöhnlich erfahren. Beim Gehen treten sie mit ganzer Sohle auf, beim Schwimmen gebrauchen sie ihre Pfoten und den Schwanz, beim Klettern wissen sie sich, trotz ihrer stumpfen Krallen, äußerst geschickt anzuklammern und im Gleichgewichte zu erhalten. Ihre Bewegungen stehen selbstverständlich mit ihrer Gestalt vollständig im Einklange. Zobel und Edelmarder zum Beispiel bewegen sich beim Springen in kühn aufgerichteter Haltung, während der ihnen so nah verwandte Steinmarder sich schon viel geduckter hält und mehr schleicht, der Iltis fast nach Art einer Ratte, das Wiesel mäuseartig flink über den Boden huscht, der Fischotter langsam aalartig gleitet, der Vielfraß in Bogen rollend sich fortwälzt, die Tayra mit sprenkelkrummgebogenem Rücken sich fortschnellt, der Dachs bedächtig trabt, der Honigdachs noch lässiger fortgeht, ich möchte sagen »bummelt«. Je höher die Beine, um so kühner die Sätze, je niedriger, um so behender und rennender der Gang, beziehentlich um so fischähnlicher die Bewegung im Wasser. Unter den Sinnen der Marder scheinen Geruch, Gehör und Gesicht auf annähernd gleich hoher Stufe zu stehen; aber auch Geschmack und Gefühl dürfen als wohlentwickelt bezeichnet werden. Ebenso ausgezeichnet wie ihre Leibesbegabungen sind die geistigen Fähigkeiten. Sie sind klug, listig, mißtrauisch, äußerst mutig, blutdürstig und grausam, gegen ihre Jungen aber ungemein zärtlich. Die einen lieben die Geselligkeit, die andern leben einzeln oder zeitweilig paarweise. Viele sind bei Tag und bei Nacht tätig; die meisten müssen jedoch als Nachttiere angesehen werden. In bewohnten und belebten Gegenden gehen alle nur nach Sonnenuntergang auf Raub aus. Ihre Nahrung besteht vorzugsweise in Tieren, namentlich in kleinen Säugetieren, Vögeln, deren Eiern, Lurchen und Kerbtieren. Einzelne fressen Schnecken, Fische, Krebse und Muscheln; manche verschmähen nicht einmal das Aas, und andere nähren sich zeitweilig auch von Pflanzenstoffen. Auffallend groß ist der Blutdurst, der alle beseelt. Sie erwürgen, wenn sie können, weit mehr, als sie zu ihrer Nahrung brauchen, und manche Arten berauschen sich förmlich in dem Blute, das sie ihren Opfern aussaugen.

Die Jungen, deren Anzahl erheblich, soviel man weiß, zwischen zwei und zehn schwankt, kommen blind zur Welt und müssen lange gesäugt und gepflegt werden. Ihre Mutter bewacht sie sorgfältig und verteidigt sie bei Gefahr mit großem Mute oder schleppt sie, sobald sie sich nicht sicher fühlt, nach andern Schlupfwinkeln. Eingefangene und sorgsam aufgezogene Junge erreichen einen hohen Grad von Zahmheit und können dahin gebracht werden, ihrem Herrn wie ein Hund nachzulaufen und für ihn zu jagen und zu fischen. Eine Art ist sogar gänzlich zum Haustiere geworden und lebt seit unbestimmbaren Zeiten in der Gefangenschaft.

Wegen ihrer Raublust und ihres Blutdurstes fügen einige dem Menschen zuweilen nicht unbeträchtlichen Schaden zu; im allgemeinen überwiegt jedoch der Nutzen, den sie mittelbar oder unmittelbar bringen, den von ihnen angerichteten Schaden bei weitem. Aber leider wird diese Wahrheit nur von wenigen Menschen anerkannt und deshalb ein wahrer Vernichtungskrieg gegen unsere Tiere geführt, nicht selten zum empfindlichen Schaden des Menschen. Durch Wegfangen von schädlichen Tieren leisten sie nicht unerhebliche Dienste, und wenn man ihnen auch ihre Eingriffe in das Besitztum des Menschen nicht verzeihen kann, muß man doch zugeben, daß sie in der Regel nur die Nachlässigkeit ihrer unfreiwilligen Brotherren zu bestrafen pflegen. Wer seinen Taubenschlag oder Hühnerstall schlecht verwahrt, hat unrecht, dem Marder zu zürnen, der sich dies zunutze macht, und wer über Verluste klagt, die diese Raubtiere dem Haar- oder Federwildstande zufügt, mag bedenken, daß zum mindesten Iltis, Hermelin und Wiesel weit mehr schädliche Nager als Jagdtiere vertilgen. Unbedingt schädlich sind überhaupt nur diejenigen Marderarten, die der Fischjagd obliegen: alle übrigen bringen auch Nutzen. Der Jäger mag die Tätigkeit des Baum- und Steinmarders verdammen: der Forstwirt wird sie nicht rückhaltlos verurteilen können.

Damit will ich nicht gesagt haben, daß eine eifrige und verständige Jagd auf unsere größeren Marderarten unberechtigt sei. Abgesehen von den mongolischen Marderjägern und einzelnen Gläubigen, die, entsprechend den unfehlbaren Satzungen der Kirche, im Fischotterfleische eine fastengerechte Speise sehen, oder einigen Jägern, die Dachswildbret für ein schmackhaftes Gericht erklären, ißt niemand Marderfleisch; wohl aber verwertet man das Fell fast aller Arten der Familie zu trefflichem Pelzwerke.

*

Gray, der die Marder vergleichend untersucht hat, teilt die Gesamtheit in vier Unterfamilien ein, unter denen er die Landmarder ( Mustelina) obenan stellt. Sie kennzeichnen der sehr gestreckte Leib mit mittellangem, gleichmäßig dickem Schwanze, die kurzen Füße mit scharfen, zurückziehbaren Krallen und das wegen der ungleichen Anzahl von Backenzähnen im oberen und unteren Kiefer bemerkenswerte Gebiß, dessen letzter oberer Backenzahn kurz, klein und in die Quere verlängert ist.

Die oberste Stellung innerhalb dieser Unterfamilie nehmen die Edelmarder ( Martes) ein, mittelgroße, schlank gebaute und langgestreckte, kurzbeinige Tiere, mit vorn verschmälertem Kopfe, zugespitzter Schnauze, quergestellten, ziemlich kurzen, fast dreiseitigen, an der Spitze schwach abgerundeten Ohren und mittelgroßen, lebhaften Augen, mit fünfzehigen, scharfkralligen Füßen, eine bisamartige Flüssigkeit absondernden Afterdrüsen und langhaarigem, weichem Pelze. Das Gebiß besteht aus 38 Zähnen, sechs Schneidezähnen und einem kräftigen Eckzahne in jedem Kiefer, drei nach hinten zu sich vergrößernden Lückzähnen in jedem Ober-, vier in jedem Unterkiefer, und je zwei Backenzähnen oben und unten.

Als vorzüglichstes Mitglied der Sippe gilt uns der Edel-, Baum- oder Buchmarder ( Martes abietum), ein ebenso schönes als bewegliches Raubtier von etwa 55 Zentimeter Leibes- und 30 Zentimeter Schwanzlänge. Der Pelz ist oben dunkelbraun, an der Schnauze fahl, an der Stirn und den Wangen lichtbraun, an den Körperseiten und dem Bauche gelblich, an den Beinen schwarzbraun und an dem Schwanze dunkelbraun. Ein schmaler, dunkelbrauner Streifen zieht sich unterhalb der Ohren hin. Zwischen den Hinterbeinen befindet sich ein rötlichgelber, dunkelbraun gesäumter Flecken, der sich zuweilen in einem schmutziggelben Streifen bis zur Kehle fortzieht. Diese und der Unterhals sind schön dottergelb gefärbt, und hierin liegt das bekannteste Merkmal unseres Tieres. Die dichte, weiche und glänzende Behaarung besteht aus ziemlich langen, steifen Grannenhaaren und kurzem, feinem Wollhaare, das an der Vorderseite weißgrau, hinten und an den Seiten aber gelblich gefärbt ist. Auf der Oberlippe stehen vier Reihen von Schnurren und außerdem noch einzelne Borstenhaare unter den Augenwinkeln sowie unter dem Kinn und an der Kehle. Im Winter ist die allgemeine Färbung dunkler als im Sommer. Das Weibchen unterscheidet sich vom Männchen durch blässere Färbung des Rückens und einen weniger deutlichen Flecken. Bei jungen Tieren sind Kehle und Unterhals heller gefärbt.

Das Vaterland des Edelmarders erstreckt sich über alle bewaldeten Gegenden der nördlichen Erdhälfte. In Europa findet er sich in Skandinavien, Rußland, England, Deutschland, Frankreich, Ungarn, Italien und Spanien, in Asien bis zum Altai, südlich bis zu den Quellen des Jenissei. Solch ausgedehntem Verbreitungskreise entsprechend, ändert er namentlich in seinem Felle nicht unwesentlich ab. Die größten Edelmarder wohnen in Schweden, und der Pelz derselben ist noch einmal so dicht und so lang als der unserer deutschen Marder, die Färbung grauer. Unter den deutschen finden sich mehr gelbbraune als dunkelbraune, welche letztere namentlich in Tirol vorkommen und dem amerikanischen Zobel oft täuschend ähneln. Die Edelmarder der Lombardei sind blaßgraubraun oder gelbbraun, die der Pyrenäen groß und stark, aber ebenfalls hell, die aus Mazedonien und Thessalien mittelgroß, aber dunkel.

Der Edelmarder bewohnt die Laub- und Nadelwälder und findet sich um so häufiger, je einsamer, dichter und finsterer dieselben sind. Er ist ein echtes Baumtier und klettert so meisterhaft, daß ihn kein anderes Raubsäugetier hierin übertrifft. Hohle Bäume, verlassene Nester von wilden Tauben, Raubvögeln und Eichhörnchen wählt er am liebsten zu seinem Lager; selten sucht er auch in Felsenritzen eine Zufluchtsstelle. Auf seinem Lager ruht er gewöhnlich während des ganzen Tages; mit Beginn der Nacht aber, meist schon vor Sonnenuntergang, geht er auf Raub aus und stellt nun allen Geschöpfen nach, von denen er glaubt, daß er sie bezwingen könnte. Vom Rehkälbchen und Hasen herab bis zur Maus ist kein Säugetier vor ihm sicher. Er beschleicht und überfällt sie plötzlich und würgt sie ab. Daß er sich, mindestens zuweilen, auch an junge oder schwache Rehe wagt, ist neuerdings von mehreren Forstleuten beobachtet worden. Dem Förster Schaal wurden zwei zerrissene und verendende Rehkälber eingeliefert; unser Gewährsmann schrieb aber die Untat schwachen Hunden zu, bis er gelegentlich eines Pürschganges den Edelmarder auf einem Rehkalbe, dessen Klagen ihn herbeigelockt hatten, sitzen sah und dieses bei näherer Untersuchung genau in derselben Weise wie die früheren verwundet fand; Oberförster Kogho berichtet von mehreren ähnlichen Fällen. Gleichwohl gehört es zu den seltenen Vorkommnissen, daß dieser sich an so große Säugetiere wagt; das beliebteste Haarwild, das er jagt, sind und bleiben die baumbewohnenden Nager, insbesondere Eichhörnchen und Bilche. Unter dieser ebenso niedlichen als nichtsnutzigen, beziehentlich schädlichen Sippschaft richtet er arge Verheerungen an, wie ich dies gelegentlich der Beschreibung des Eichhörnchens zu schildern haben werde. Daß er ein sonstwie ihm sich bietendes Säugetier, das bewältigen zu können er glaubt, nicht verschmäht, ist selbstverständlich, weil Marderart. Einen Hasen überfällt er im Lager oder während jener sich äset; die Wasserratte soll er sogar in ihrem Elemente verfolgen. Ebenso verderblich wie unter den Säugetieren haust der Edelmarder übrigens auch unter den Vögeln. Alle Hühnerarten, die bei uns leben, haben in ihm einen furchtbaren Feind. Leise und geräuschlos schleicht er zu ihren Schlafplätzen hin, mögen diese nun Bäume oder der flache Boden sein; ehe noch die sonst so wachsame Henne eine Ahnung von dem blutgierigen Feinde bekommt, sitzt dieser ihr auf dem Nacken und zermalmt ihr mit wenigen Bissen den Hals oder reißt ihr die Schlagadern auf, an dem herausfliegenden Blute gierig sich labend. Außerdem plündert er alle Nester der Vögel aus, sucht die Bienenstöcke heim und raubt dort den Honig oder geht den Früchten nach und labt sich an allen Beeren, die auf dem Boden wachsen, frißt auch Birnen, Kirschen und Pflaumen. Wenn ihm Nahrung im Walde zu mangeln beginnt, wird er dreister; in der höchsten Not kommt er zu den menschlichen Wohnungen. Hier besucht er die Hühnerställe und Taubenhäuser und richtet Verwüstungen an wie kein anderes Tier, mit Ausnahme der Glieder seiner eigenen Sippschaft. Er würgt weit mehr ab, als er verzehren kann, oft den ganzen Stall, und nimmt nur eine einzige Henne oder eine einzige Taube mit sich weg. So wird er der gesamten kleinen Tierwelt wahrhaft verderblich und ist deshalb fast mehr gefürchtet als jedes andere Raubtier.

Ende Januar oder Anfang Februar beginnt die Rollzeit. Der Beobachter, der bei Mondschein in einem großen Walde unsern Strauchdieb zufällig entdeckt, sieht jetzt mehrere Marder im tollsten Treiben auf den Bäumen sich bewegen. Fauchend und knurrend jagen sich die verliebten Männchen, und wenn beide gleich stark sind, gibt es im Gezweige einen tüchtigen Kampf zur Ehre des Weibchens, das nach Art ihres Geschlechts an diesem eifersüchtigen Treiben Gefallen zu finden scheint und die verliebten Bewerber längere Zeit hinhält, bis es endlich dem stärksten sich ergibt. Nach neunwöchentlicher Tragzeit, also zu Ende des März oder im Anfang des April, wirft das Weibchen drei bis vier Junge in ein mit Moos ausgefüttertes Lager in hohle Bäume, selten in Eichhorn- oder Elsternester oder in eine Felsenritze. Die Mutter sorgt mit aufopfernder Liebe für die Familie und geht, voll Besorgnis sie zu verlieren, niemals aus der Nähe des Lagers. Schon nach wenigen Wochen folgen die Jungen der Alten bei ihren Lustwandelungen auf die Bäume nach und springen auf den Ästen munter und hurtig umher, werden von der vorsichtigen Alten auch in allen Leibesübungen tüchtig eingeschult und bei der geringsten Gefahr gewarnt und zu eiliger Flucht angetrieben. Solche Junge kann man ziemlich leicht auffüttern und anfangs mit Milch und Semmel, später mit Fleisch, Eiern, Honig und Früchten lange erhalten.

Viele Edelmarder werden sehr zahm und zeigen sich ungemein anhänglich an ihren Gebieter. »Ich habe« so erzählt Ritter von Frauenfeld, »einen Edelmarder gesehen, der meinem Bruder auf dem Wege von Tulln nach Wien auf eine Entfernung von mehreren Meilen durch den Wald von Dornbach wie ein Hund auf dem Fuße folgte. In Wien schlug er seine Wohnung in einem Holzschuppen auf und bereitete sich hier ein Lager auf einem ungeheuren Haufen von Hühner- und Taubenfedern, den Beuteresten der Tiere, die er auf seinen nächtlichen Wanderungen erjagte. Des Morgens kam er vom Hofe herauf in die im ersten Stockwerk gelegene Wohnung, wo er durch Kratzen und Schnarren Einlaß verlangte. Er bekam allda seinen Kaffee, den er außerordentlich liebte, spielte und neckte sich mit den Kindern in der launigsten Weise herum und liebte es unendlich, wenn ihm gestattet wurde, daß er eine Stunde im Schoße ruhen und schlafen durfte.«

»Ein Baummarder«, schreibt mir Grischow, »war so zahm, daß ich ihn auf den Arm nehmen und streicheln durfte. Die Taschen meines Vaters untersuchte er stets auf das genaueste, weil er gewohnt war, in ihnen Leckerbissen zu finden; uns kroch er gern zwischen Ärmel und Arm, um sich zu wärmen. Ein schwarzer Affenpintscher spielte so gern und so hübsch mit ihm, daß man wahre Freude an den Tieren haben mußte. Beide jagten sich unter lautem Bellen des Hundes hin und her, und der Marder entfaltete dabei alle ihm eigene Gewandtheit. Oft saß er auf dem Rücken des Hundes wie ein Affe auf dem Rücken des Bären; gefiel der Reiter dem Hunde nicht länger, so wußte er ihn schlau dadurch zu entfernen, daß er soweit lief, bis die Leine, an der der Marder gefesselt war, diesen herabriß. Mitunter erzürnten sich beide ein wenig; dann schlüpfte der Marder in eine kleine Tonne, und der Hund wartete, vor dieser stehend, bis sein Spielgefährte wieder guter Laune war. Lange währte es nie, bis der Marder, schelmisch sich umsehend, hervorkam, dem Hund eine Ohrfeige versetzte und damit das Zeichen zu neuen Spielen gab.«

Sehr unfreundlich benahmen sich von mir gepflegte Edelmarder gegen einen Iltis, den ich zu ihnen bringen ließ, weil ich sehen wollte, ob sich zwei so nahverwandte Tiere vertragen würden oder nicht. Der Iltis suchte ängstlich nach einem Auswege; aber auch die Edelmarder nahmen den Besuch nicht günstig auf. Sie stiegen sofort zur höchsten Spitze ihres Kletterbaumes empor und betrachteten den Fremdling funkelnden Auges. Neugier oder Mordlust siegten jedoch bald über ihre Furcht: sie näherten sich dem Iltis, berochen ihn, gaben ihm einen Tatzenschlag, zogen sich blitzschnell zurück, näherten sich von neuem, schlugen nochmals, schnüffelten hinter ihm her und fuhren plötzlich beide zugleich, mit geöffnetem Gebiß nach dem Nacken des Feindes. Da nur einer sich festbeißen konnte, ließ der zweite ab und beobachtete aufmerksam den Kampf, der sich zwischen seinem Genossen und dem gemeinsamen Gegner entsponnen hatte. Beide Streiter waren nach wenig Augenblicken ineinander verbissen und zu einem Knäuel geballt, der sich mit überraschender Schnelligkeit dahinkugelte und wälzte. Nach einigen Minuten eifrigen Ringens schien der Sieg sich auf die Seite des Edelmarders zu neigen. Der Iltis war festgepackt worden und wurde festgehalten. Diesen Augenblick benutzte der zweite Edelmarder, um sich im Hinterteile des Iltis einzubeißen. Jetzt schien dessen Tod gewiß zu sein: da mit einem Male ließen beide Edelmarder gleichzeitig los, schnüffelten in der Luft und taumelten dann wie betrunken hinter dem ein Versteck suchenden Iltis einher. Ein durchdringender Gestank, der sich verbreitete, belehrte uns, daß der Ratz seine letzte Waffe gebraucht hatte. In welcher Weise der Gestank gewirkt hatte, ob besänftigend oder abschreckend, blieb unentschieden: die Edelmarder folgten wohl, eifrig schnüffelnd, den Spuren des Stänkers, griffen ihn aber nicht wieder an.

Die gefangenen Edelmarder unserer Tiergärten pflanzen sich nicht selten fort, fressen aber ihre Jungen nach der Geburt gewöhnlich auf, selbst wenn man ihnen überreichliche Nahrung vorwirft. Doch hat man auch, beispielsweise in Dresden, das Gegenteil beobachtet, und die im Käfig geborenen Edelmarder unter treuer Pflege ihrer Mutter glücklich großwachsen sehen.

Man verfolgt den Edelmarder überall auf das nachdrücklichste, weniger um seinem Würgen zu steuern, als vielmehr, um sich seines wertvollen Felles zu bemächtigen. Am leichtesten erlegt man ihn bei frischem Schnee, weil dann nicht bloß seine Fährte auf dem Boden, sondern auch die Spur auf den beschneiten Ästen verfolgt werden kann. Zufällig bemerkt man ihn wohl auch ab und zu einmal im Walde liegen, gewöhnlich der Länge nach ausgestreckt auf einem Baumaste. Von dort aus kann man ihn leicht herabschießen und, wenn man gefehlt hat, oft noch einmal laden, weil er sich manchmal nicht von der Stelle rührt und den Jäger unverwandt im Auge behält. Die vor ihm aufgestellten Gegenstände beschäftigen ihn derart, daß er gar nicht daran denkt, zu entrinnen. Ein glaubwürdiger Mann erzählte mir, daß er vor Jahren mit mehreren andern jungen Leuten einen Edelmarder mit Steinen vom Baume herabgeworfen habe. Das Tier schien zwar die an ihm vorübersausenden Steine mit großer Teilnahme zu betrachten, rührte sich aber nicht von der Stelle, bis endlich ein größerer Stein es an den Kopf traf und betäubte.

Bei der Jagd des Edelmarders muß man einen recht scharfen Hund haben, der herzhaft zubeißt und den Marder faßt, weil dieser wütend gegen seine Verfolger zu springen und einen minder guten Hund abzuschrecken pflegt. Verhältnismäßig leicht fängt er sich in Eisen, die eigens dazu verfertigt worden und sehr verborgen aufgestellt sind. Als Anbiß dient gewöhnlich ein Stückchen Brot, das man nebst einem Scheibchen Zwiebel in ungesalzener Butter und Honig gebraten und mit Kampfer bestreut hat. Außerdem bedient man sich einer Falle, die aus einem langen, nach einer Seite offenen Kasten mit einer Falltüre besteht. In der Mitte ist ein tellerförmiges Brettchen und die Lockspeise oder, noch besser, am hinteren Ende der Falle ein enggeflochtener Drahtkäfig angebracht, der ein lebendes junges Kaninchen, Täubchen oder Mäuschen enthält. Der Marder kriecht durch die Falltür in den Kasten und wird gefangen sobald er nach der Lockspeise greift, weil die geringste Bewegung an dem Brettchen die Tür zum Fallen bringt.

Das Pelzwerk des Edelmarders ist das kostbarste aller unserer einheimischen Säugetiere und ähnelt in seiner Güte am meisten dem des Zobels. Die schönsten Felle liefert Norwegen, die nächstbesten Schottland; die übrigen, in der hier eingehaltenen Reihe an Güte abnehmend, kommen aus Italien, Schweden, Norddeutschland, der Schweiz, der Tatarei, Rußland, der Türkei und Ungarn. Man schätzt diesen Pelz ebenso seiner Schönheit wie seiner Leichtigkeit halber.

 

Der Stein- oder Hausmarder ( Martes foina) unterscheidet sich vom Edelmarder durch seine etwas geringere Größe, die verhältnismäßig kürzeren oder niedrigeren Beine, den trotz des kürzeren Gesichtes längeren Kopf, die kleineren Ohren, den kürzeren Pelz, die lichtere Haarfärbung und die weiße Kehle; außerdem weichen der dritte obere Lückzahn, der obere Reiß- und Höckerzahn in ihrer Gestalt und ihren Verhältnissen von denen des Edelmarders ab. Die Gesamtlänge des ausgewachsenen Männchens beträgt 70 Zentimeter, wovon etwas über ein Drittel auf den Schwanz kommt. Der graubraune Pelz, zwischen dessen Grannenhaaren das einfarbig weißliche Wollhaar durchschimmert, dunkelt auf Beinen und Schwanz und geht auf den Füßen in Dunkelbraun über; der Kehlfleck, der in Form und Größe manchem Wechsel unterworfen, immer aber kleiner als beim Edelmarder ist, wird durch rein weiße Haare gebildet; die Ohrränder sind mit kurzen weißlichen Haaren besetzt.

Der Steinmarder findet sich fast in allen Ländern und Gegenden, in denen der Edelmarder vorkommt. Ganz Mitteleuropa und Italien, mit Ausnahme von Sardinien, England, Schweden, das gemäßigte europäische Rußland bis zum Ural, der Krim und dem Kaukasus sowie Westasien, insbesondere Palästina, Syrien und Kleinasien, sind seine Heimat. In den Alpen steigt er während der Sommermonate über den Tannengürtel hinauf, im Winter zieht er sich gewöhnlich nach den tieferen Gegenden zurück. In Holland scheint er gegenwärtig fast ausgerottet zu sein, wird wenigstens unverhältnismäßig selten gefunden. Er ist fast überall häufiger als der Edelmarder und nähert sich weit mehr als jener den Wohnungen der Menschen; ja man darf sagen, daß Dörfer und Städte geradezu sein Lieblingsaufenthalt sind. Einsam stehende Scheuern, Ställe, Gartenhäuser, altes Gemäuer, Steinhaufen und größere Holzstöße in der Nähe von Dörfern werden regelmäßig von diesem gefährlichen Feinde des zahmen Geflügels bewohnt. »Im Walde«, sagt Karl Müller, der ihn sehr eingehend beobachtet hat, »ist sein Versteck fast immer der hohle Baum; in der Scheuer geht seine Höhle mehr oder weniger tief in das Heu oder Stroh hinein, in der Regel an der Wand hin. Diese Gänge bildet er teils durch Beiseitedrängen, teils durch Zerbeißen der Stoffe. Unter Heu- und Strohvorräten, gewöhnlich in einer Mauerecke oder an einem Balken des betreffenden Gebäudes, legt er seine Familienstätte an, die in einer bloßen Vertiefung in der an und für sich weichen Umgebung besteht, mit dieser im Verein aber einen kugeligen Behälter bildet, der zuweilen mit Federn, Wolle, Haarwerk, auch wohl vollständig mit Flachs ausgepolstert wird.«

Lebensweise und Sitten des Hausmarders stimmen vielfach mit denen des Edelmarders überein. Er ist in allen Leibesübungen Meister und ebenso lebendig, gewandt und geschickt, ebenso mutig, listig und mordsüchtig wie jener, klettert selbst an glatten Bäumen und Stämmen hinauf, versteht es, weite Sprünge zu machen, schwimmt mit Leichtigkeit, weiß zu schleichen und sich durch die engsten Ritzen zu zwängen. Im Winter schläft er, laut Müller, solange er nicht beunruhigt wird, bei Tage in seinem Lager; im Sommer dagegen geht er in der Nähe desselben nicht selten auch angesichts der Sonne auf Raub aus und wagt sich bis in entferntere Gärten und Felder. Geheimnisvoll ist sein Wandel. Wie ein Schatten huscht er vorüber und weiß die kleinste Erhöhung zu benützen, um sich zu decken. Kommt er einmal in Verlegenheit, so daß er im ersten Augenblick der Überraschung nicht weiß, wohinaus er seinen Rückzug antreten soll, dann nickt er, wie ein altes Weib, sonderbar mit dem Kopfe, steckt denselben in etwa vor ihm befindliche Vertiefungen, zieht ihn aber rasch wieder zurück, wirft sich wohl auch in eine verteidigende Stellung und zeigt das blendendweiße Gebiß. Auch habe ich ihn in solchen Augenblicken, gleich dem Fuchse in ähnlichen Lagen, die Augen zudrücken sehen, als ob er irgendeinen Schlag erwarten müsse. Auf seinen Raubgängen ister ebenso kühn und verwegen wie listig und schlau. Kein Taubenschlag ist ihm zu hoch: er erreicht ihn, und sei es auf Umwegen der schwierigsten Art. Eine Öffnung, die den Kopf durchläßt, genügt an Weite auch dem ganzen Leibe. Auf schlechten Dächern hebt er zuweilen die Ziegel auf, um zur Beute zu gelangen.

Seine Nahrung ist dieselbe wie die des Edelmarders; gleichwohl wird er weit schädlicher als dieser, weil er viel mehr Gelegenheit findet, dem Menschen merkbare Verluste beizubringen. Wo er nur irgend kann, schleicht er sich in die Wohnungen des Hausgeflügels ein und würgt hier mit unersättlicher Mordlust. Nicht selten findet man zehn bis zwölf, ja selbst zwanzig Stück totes Geflügel, das er in einer einzigen Nacht umgebracht hat. Außerdem fängt er Mäuse, Ratten, Kaninchen, allerhand Vögel und, wenn er im Walde jagt, Eichhörnchen, Kriechtiere und Lurche. Eier scheinen für ihn ein Leckerbissen zu sein, und auch an Früchten aller Art, Kirschen, Pflaumen, Birnen und Stachelbeeren, Vogelbeeren, Hanf und dergleichen findet er Gefallen. Gute Obstsorten muß man vor ihm schützen und erreicht diesen Zweck einfach dadurch, daß man, sobald man den Unfug wahrnimmt, den Stamm mit Tabaksaft oder Steinöl bestreicht. Hühnerhäuser und Taubenschläge muß man aber durch festes Verschließen vor ihm bewahren und dabei bedacht sein, jedes nur halbwegs große Rattenloch zu verstopfen. Außer dem Schaden, den er den Geflügelbesitzern anrichtet, wird er noch besonders deshalb sehr lästig, weil er die bedrohten Tiere so erschreckt, daß sie, d. h. die glücklich entkommenen, lange Zeit gar nicht wieder in den Stall gehen wollen. Seine Mordlust wird zur förmlichen Raserei, und das Berauschen des Marders im Blute seiner Schlachtopfer scheint tatsächlich begründet zu sein. Nach von ihm angerichteten Blutbädern in Taubenschlägen und Hühnerställen, hat man, laut Müller, den Marder in solchen Behältern wie in einem Schlupfwinkel schlafend angetroffen. »Vor einigen Jahren«, so erzählt dieser Gewährsmann, »wurde ein Taubenschlag in der Nähe Alsfelds geplündert. Sämtliche Tauben ließen ihr Blut. Der Marder wurde, offenbar berauscht, Tags darauf in einer Hecke, nahe den Gebäuden angetroffen, und zwar in einem Zustande eigentümlicher Blödigkeit und Dummheit, so daß er ohne Mühe und List erlegt werden konnte. Bei solchen Gelegenheiten verachtet er das Fleisch, und der Kopf mit dem wohlschmeckenden Hirn ist noch das einzige, was er als Nachtisch verzehrt, übrigens schleift er da, wo es möglich ist, mehrere Körper nach, um für künftige Tage zu sorgen.«

Gewöhnlich beginnt die Rollzeit drei Wochen später als die des Edelmarders, meist Ende Februar. Dann hört man, noch öfters als sonst, das katzenartige Miauen des Tieres und wohl auch ein merkwürdiges Murren und Zanken auf den Dächern, woselbst ein paar verliebte Männchen sich herumbalgen. Um diese Zeit riecht der Steinmarder stärker als je nach Bisam, im Zimmer so, daß man es kaum aushalten kann, und lockt damit wahrscheinlich andere seiner Art herbei. Nicht allzuselten paart er sich auch mit dem Edelmarder und erzeugt mit diesem lebenskräftige Blendlinge. Im April oder Mai wirft das Weibchen drei bis fünf Junge, die von ihm ungemein geliebt, sorgfältig verborgen und später eingehend unterrichtet werden. »Die Mutter«, schildert Müller, »ist auf das angelegentlichste bemüht, den Kindern vorzuturnen. Ich habe Gelegenheit gehabt, dies einige Male zu sehen. In einem Parke stand eine fünf Meter hohe Mauer in Verbindung mit einer Scheune, in der ein Marderpaar mit vier Jungen hauste. Zur Zeit der einbrechenden Dämmerung kam zuerst die Alte vorsichtig hervor, sah sich scharf um und lauschte, schritt sodann langsam, nach Art der Katzen, einige Schritt weit auf der Mauer dahin und blieb dort ruhig sitzen. Es verging eine Minute, ehe das erste Junge erschien und sich neben sie drückte; ihm folgte rasch das zweite, das dritte und vierte. Nach einer kurzen Pause völliger Regungslosigkeit erhob die Alte sich bedächtig und durchmaß in fünf bis sechs Sätzen eine lange Strecke der Mauer. Mit eiligen Sprüngen folgte das kleine Volk. Plötzlich war die Alte verschwunden, und, kaum meinem Ohre vernehmlich, hörte ich einen Sprung in den Garten. Nun machten die Kleinen lange Hälse, unentschlossen, was sie tun sollten. Endlich entschieden sie sich, einen an der Mauer stehenden Pappelbaum benutzend, hinabzuklettern. Kaum waren sie unten angelangt, als ihre Führerin an einer Holunderstaude wieder auf die Mauer sprang. Diesmal wurde das Kunststück ohne Zögern von den Jungen nachgeahmt, und erstaunlich war es, wie sie den leichteren Weg in raschem Überblick zu finden wußten. Nunmehr aber begann das Rennen und Springen mit solchem Eifer und in so halsbrechender Weise, daß das Spielen der Katzen und Füchse mir dagegen wie Kinderspiel vorkam. Mit jeder Minute schienen die Zöglinge gelenker, gewandter und entschlossener zu werden. An Bäumen auf und nieder, über Dach und Mauer hin und zurück, immer der Mutter nach, zeigten diese Tiere eine Fertigkeit, die zur Genüge andeutet, wie sehr die Vögel des Gartens künftig vor ihnen auf der Hut würden sein müssen.«

Mit ihren Jungen gefangene Mardermütter widmen sich ersteren auch im Käfig ohne Scheu und Zögern. Ein säugendes Weibchen, das Lenz besaß, machte keine Umstände, sondern versorgte sein Junges vor aller Augen. Das kleine Tierchen kreischte oft laut, wenn es hungrig oder mißvergnügt war, roch auch, wenn es von der Alten nicht rein gehalten wurde, nach Bisam, während Lenz an dem alten Weibchen nur wenig Geruch wahrnehmen konnte. Zuweilen hat man junge Steinmarder durch Katzen aufziehen lassen, weil diese sich, wie ich oben mitgeteilt habe, gern einem so auffallenden Pflegegeschäfte hingeben. Solche Jungen werden sehr zahm und zu förmlichen Haustieren. Sie gehen aus und ein, verunglücken aber fast alle früher oder später, weil sie ihre Räubereien nicht lassen können.

Selbst alt eingefangene Tiere erreichen einen gewissen Grad von Zähmung. In Schottland fing man einmal einen Steinmarder auf absonderliche Weise. Lange Zeit hatte der ungebetene Gast in einem Gebirgsdorf gehaust und dort an dem Hühnergeschlecht namenlose Schandtaten verübt. Es gab keinen einzigen Hühnerstall im Dorfe, in dem nicht Wehklage über ihn erhoben worden wäre: da entdeckte man seinen Aufenthaltsort. Mit Hilfe von guten Hunden trieb man ihn endlich aus der einsamen Scheuer, seiner Räuberhöhle, fort und ins Freie. Vergebens versuchte er alle List und Gewandtheit, den Hunden zu entgehen. Sie kamen ihm näher und näher und hatten ihn, als er zum Rande eines Abgrundes gelangt war, beinahe gefaßt. Er entschloß sich kurz und sprang mit einem einzigen kühnen Satze in die wohl dreißig Meter tiefe Schlucht hinab. Der Sturz war doch zu heftig; denn unten lag er wie tot und rührte und regte sich nicht. Seine Verfolger waren der festen Überzeugung, daß er sich zerschellt habe. Des Felles wegen stieg einer der Leute hinab und hob den Verunglückten auf. Plötzlich begann dieser, von neuem sich zu regen, gab seinem Fänger auch sofort mit einem gehörigen Bisse das deutlichste Zeichen seines wiedererlangten Bewußtseins. Gleichwohl ließ der verwundete Mann das Tier nicht fahren, sondern faßte es sicher am Halse und brachte es so nach Hause. Hier wurde es freundlich und mild behandelt und war nach wenig Zeit wirklich zahm, sei es nun infolge des hohen Sturzes oder aus Dankbarkeit für die ihm angetane Freundschaft. Der Besitzer beschloß, ihn als Mäusefänger zu verwenden und brachte ihn in den Pferdestall. Hier war er binnen kurzem nicht nur eingewohnt, sondern hatte sich sogar einen Freund zu erwerben gewußt, und zwar – eines der Pferde selbst. So oft man in den Stall trat, fand man ihn bei seinem Gesellen, den er durch dumpfes Knurren gleichsam zu verteidigen suchte. Bald saß er auf dem Rücken des Pferdes, bald auf dem Halse, bald rannte er auf ihm hin und her, bald spielte er mit dem Schwanze oder mit den Ohren seines Gastfreundes, und dieser schien höchst erfreut zu sein über die Zuneigung, die der kleine Räuber zu ihm gefaßt hatte. Leider wurde dieser merkwürdige Freundschaftsbund grausam zerrissen. Der Marder geriet bei einem seiner nächtlichen Ausflüge in eine Falle und wurde am andern Morgen tot aufgefunden.

Auch der Steinmarder ist ein höchst angenehmes Tier in der Gefangenschaft, unterhaltend wegen der außerordentlichen Behendigkeit und Anmut seiner Bewegungen, eigentlich auch keinen Augenblick in Ruhe, da er sich rennend, kletternd, springend ohne Unterlaß in allen Richtungen bewegt. Die Gewandtheit des Tieres läßt sich schwer beschreiben, und wenn er zuweilen sich recht übermütig herumtummelt, kann man kaum unterscheiden, was Kopf oder Schwanz von ihm ist. Doch macht ihn der unangenehme Geruch, den namentlich das Männchen verbreitet, oft widerlich, und er wird auch durch seine Mordlust andern, schwachen Tieren sehr gefährlich.

Jagd und Fang des Steinmarders erfordern einen wohlerfahrenen Weidmann. Das Tier hält zwar seine Wechsel mit größter Regelmäßigkeit ein, wird jedoch leicht mißtrauisch und weiß dann selbst den geschicktesten Jäger zu überlisten. »Die gerühmte Vorsicht und den scharfen Witterungssinn des Marders«, bemerkt Müller, »fanden wir durch unsere Erfahrung nicht allein bestätigt, sondern unsere Erwartungen noch weit übertroffen. Jede Veränderung des auf dem Passe vom Marder besuchten Ortes, jede kleine Erhöhung, jeder verdächtige Gegenstand kann ihn auf Wochen und Monate vertreiben. Nur dann, wenn es gelungen ist, ihn durch den Köder an einer Stelle vertraut zu machen, fängt man ihn ohne besondere Mühe im Schwanenhalse oder in der Kastenfalle.« Verzweiflungsvoll sind oft seine Sprünge, wenn es sich darum handelt, der Verfolgung zu entgehen oder einer andern Bedrängnis loszuwerden.

Die schönsten, größten und dunkelsten Felle kommen aus Ungarn und der Türkei. Sie stehen am höchsten im Preise, während die in Deutschland erbeuteten viel geringer bezahlt werden.

 

An unsere deutschen Marder reiht sich der hochberühmte Zobel ( Martes zibellina) auf das innigste an. Ihn unterscheiden von dem nah verwandten Edelmarder der kegelförmige Kopf, die großen Ohren, die hohen, starken Beine, die großen Füße und das glänzende, seidenweiche Fell. »Beim Zobel«, bemerkt Mützel, »dessen Leib und Gliederbau im Vergleiche zu andern Mardern stark und gedrungen ist, erscheint der Kopf gleichmäßig kegelförmig, man mag ihn betrachten, von welcher Seite man wolle. Die Spitze des Kegels bildet die Nase; die von ihr zur Stirn verlaufende fast gerade Linie steigt steil an, was seinen vorzüglichsten Grund darin hat, daß die sehr langen Haare der Stirn und der Schläfengegend, indem sie sich an die großen, aufrechtstehenden Ohren anlegen, diese in ihrem untern Teile bedecken und damit den Winkel, den die Ohren mit der Oberfläche des Kopfes bilden, ausfüllen. Auch die Haare auf Wangen und Unterkiefer sind lang und nach hinten gerichtet, und beides trägt ebenfalls viel zu der erwähnten Kegelgestalt bei. Die Ohren des Zobels sind die größten und spitzigsten aller mir bekannten Marderarten, viel größer als die des Steinmarders, verleihen daher dem Gesicht einen durchaus eigentümlichen Ausdruck. Die Beine endlich zeichnen sich vor denen der Verwandten durch ihre Länge und Stärke, die Füße durch ihre Größe aus; letztere machen daher den schwächeren oder zarten Füßchen anderer Marder gegenüber den Eindruck bärenartiger Tatzen, während infolge der verhältnismäßig größeren Länge der Beine die Gesamterscheinung des Tieres durch ihre gedrungene Kürze und die bedeutende Höhe auffällt.«

Das Fell gilt für um so schöner, je größer seine Dichtigkeit, Weichheit und Gleichfarbigkeit, insbesondere aber, je ausgesprochener die ins Bläulichgraue ziehende rauchbraune Färbung des Wollhaares ist. Diese Färbung wird von den sibirischen Zobelhändlern das »Wasser« genannt und nach ihm der Wert des Felles abgeschätzt. Je gelber das Wasser, je lichter das Grannenhaar, um so geringer, je gleichfarbiger und dunkler dieses und das Wasser, um so höher ist der Wert des Felles. Die schönsten Felle sind oberseits schwärzlich, an der Schnauze braun und grau gemischt, auf den Wangen grau, am Halse und an den Seiten rötlich kastanienbraun, am Unterhalse schön dottergelb gefärbt; das Ohr pflegt grauweißlich oder lichtblaßbraun umrandet zu sein. Das Gelb der Kehle, das, laut Radde, bisweilen zum Rotorange dunkelt, bleicht nach dem Tode des Tieres um so rascher aus, je lebhafter es war.

Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet des Zobels erstreckt sich vom Ural bis zum Behringsmeer und von den südlichen Grenzgebirgen Sibiriens bis gegen den 68. Grad nördlicher Breite sowie über einen nicht sehr ausgedehnten Teil Nordwestamerikas, ist aber nach und nach sehr beschränkt worden. Die unablässige Verfolgung, der er ausgesetzt ist, hat ihn in die dunkelsten Gebirgswälder Nordostasiens zurückgedrängt, und da ihm der Mensch auch hier begierig, ja mit Aussetzung seines Lebens, nachfolgt, muß er immer weiter sich zurückziehen und wird immer seltener. »In Kamtschatka« sagt Steller, »hat es bei der Eroberung der Halbinsel so viele Zobel gegeben, daß es den Kamtschadalen nicht die geringste Schwierigkeit machte, Zobelfelle zur Bezahlung der Steuern zusammenzubringen; ja die Leute lachten die Kosaken aus, daß sie ihnen ein Messer für ein Zobelfell gaben. Einmal hatte ein Mann, ohne sich anstrengen zu müssen, sechzig, achtzig und noch mehr Zobel in einem Winter zusammengebracht. Es gingen deshalb ganz erstaunliche Mengen von Zobeln aus dem Lande, und ein Kaufmann konnte durch Tauschhandel mit Eßwaren leicht das Fünfzigfache gewinnen. Ein Beamter, der in Kamtschatka war, kam als reicher Mann, wenigstens als ein Besitzer von dreißigtausend Rubeln und mehr nach Jakutsk zurück.« Diese Goldzeit für die Zobelhändler gründete Fängergesellschaften auf Kamtschatka, von da ab verminderten sich die Tiere dergestalt, daß zu Stellers Zeiten, also etwa vor hundert Jahren, nicht einmal der zehnte Teil der Zobelfelle ausgeführt wurde wie früher. Dessenungeachtet ist Kamtschatka immer noch einer der reichsten Orte an Zobeln, und die Tiere können auch, der vielen und beschwerlichen Gebirge wegen, nicht so leicht vertilgt werden als an andern Orten Sibiriens. Sie können auch nicht so leicht aus Kamtschatka auswandern, weil ihnen nach drei Seiten das Meer, nach der vierten große Torfmoore den Weg versperren. Doch sind sie auch hier in steter Abnahme begriffen und finden sich bloß noch an den unzugänglichsten Orten.

»Der Zobel«, sagt Radde, »ist im Verhältnis zu seiner geringen Größe unter allen Tieren Ostsibiriens wohl das schnellste, ausdauerndste und stellenweise durch Verfolgung der Menschen das gewitzigste. Auch an ihm, wie an den meisten andern Tieren, die zu den klugen zählen, läßt sich sehr wohl eine Bildungsfähigkeit der geistigen Grundlagen überall da nachweisen, wo bei häufigerem Begegnen mit den nachstellenden Jägern sie genötigt wurden, ihre Körperkraft und List in gesteigerter Weise zu gebrauchen. So wird der Zobel im Baikalgebirge, wo er die Trümmergesteine mit ihren Löchern und Gängen sehr gut zu benutzen weiß, viel schwerer durch Hunde gestellt als im Burejagebirge, in dem er die hohlen Bäume aufsucht und jene Gesteinsritzen meidet. Hier zeigt er sich nicht ausschließlich als nächtliches Raubtier, wie er es dort ist, sondern geht, weniger behindert, seiner Nahrung auch während des Tages nach und schläft nur dann, wenn er durch die nachts erworbene Beute gesättigt wurde. Am liebsten und eifrigsten schweift er vor Sonnenaufgang um die Talhöhen. Seine Spur ist etwas größer als die verwandter Marder, und zeichnet sich infolge der längeren seitlichen Zehenbehaarung durch die größere Undeutlichkeit der Umrisse aus; auch setzt er beim Laufen gemeiniglich den rechten Vorderfuß zuerst vor.« Die Nahrung besteht hauptsächlich in Eichhörnchen und andern Nagern, Vögeln und dergleichen; doch verschmäht der Zobel auch Fische nicht, da er sich durch Fischköder in Fallen locken läßt. Zedernnüsse sind ihm eine sehr erwünschte Speise: die Magen der meisten, die Radde erbeutete, waren mit diesen Samenkernen straff gefüllt. Die Rollzeit soll in den Januar fallen und das Weibchen ungefähr zwei Monate später drei bis fünf Junge zur Welt bringen.

Jagd und Fang des Zobels setzen alljährlich die gesamte waffenfähige Mannschaft ganzer Stämme in Bewegung und treiben Kaufleute durch Tausende von Meilen. Dem Jäger winkt ein hoher Gewinn, wenn er glücklich ist, er geht jedoch bei der Zobeljagd auch vielfachen Gefahren entgegen. Ein plötzlich hereinbrechender Schneesturm raubt ihnen oft alle Hoffnung, zu ihren Freunden zurückzukehren. Nur die größte Abhärtung und eine oft geprüfte Erfahrung kann den Jäger aus Gefahren erretten, und es fallen von Jahr zu Jahr noch genug Opfer. Vom Oktober an währen die Jagden bis zur Mitte des Novembers oder bis Anfang Dezember. In kleine Genossenschaften vereinigen sich die kühnen Jäger auf den Jagdplätzen, wo jede Gesellschaft ihre eigenen Wohnungen hat; die Hunde müssen während der Reise zugleich die Schlitten ziehen, die mit Lebensmitteln für mehrere Monate beladen sind. Nun beginnt die Jagd, wesentlich noch immer in derselben Weise, wie Steller sie beschreibt. Man verfolgt auf Schneeschuhen die Spur des Zobels, bis man sein Lager antrifft oder ihn bemerkt; man stellt Fallen oder Schlingen der allerverschiedensten Arten. Entdeckt man einen Zobel in einer Erd- oder Baumhöhle, in die er sich zurückgezogen hat, so stellt man ringsum ein Netz und treibt ihn aus seinem Schlupfwinkel, oder man fällt den Baum und erlegt dann den Flüchtenden mit Pfeilen und mit der Flinte. Am beliebtesten sind diejenigen Fallen, in denen sich die Tiere fangen, ohne ihrem Felle irgendwie Schaden zu tun. Der Jäger braucht mehrere Tage mit seinen Genossen, um alle die Fallen zurechtzumachen, und oft genug findet er dann beim Nachsehen, das er täglich vornehmen muß, daß ein naseweiser Schneefuchs oder ein anderes Raubtier die kostbare Beute aufgefressen hat bis auf wenige Fetzen, die gleichsam noch daliegen, um ihm sicher zu beweisen, daß er beinahe eine Summe von vierzig, fünfzig, ja sechzig Silberrubel hätte verdienen können! Oder der Arme wird von Ungewitter aller Art überrascht und muß nun eilig darauf bedacht sein, sein eigenes Leben zu retten, ohne weiter an die Auslösung der möglicherweise gefangenen Tiere zu denken. So ist der Zobelfang eigentlich eine ununterbrochene Reihe von Mühseligkeiten aller Art.

In den Hochgebirgen des südlichen Baikal fängt man, laut Radde, schon Ende September an, die Zobeljagd zu betreiben, weil das Tier hier seinen Winterpelz früher anlegt als in tieferen Gegenden. Die schwierige Zugänglichkeit der meisten Talhöhen des Gebirges hat die Jäger eine besondere Jagdweise und besonderes Fangzeug, Kurkafka genannt, ersinnen lassen. Der Zobel geht, zumal zu so vorgerückter Jahreszeit, nicht gern ins Wasser, sondern sucht sich zum Übergange von Bächen die Windfälle auf, die je zwei Bachufer überbrücken. Nun hauen die Zobeljäger, im Tale aufwärtsgehend, absichtlich viele Stämme an den Ufern des Baches um und lassen sie über letzteren fallen. Etwa in der Mitte solcher schmalen Brücken befestigen sie aus dicker Weiden- oder Birkenrute einen Bogen und bringen seitwärts so viele schlanke und hohe Weidenruten an, daß der Zobel nicht gut über dieselben hinwegspringen kann, sondern beim Übergange auf die Mitte unter dem Bogen angewiesen ist. Hier hängt eine Haarschlinge, die oben im Bogen nur lose eingekerbt, dagegen an einem längeren mit einem Stein beschwerten Haarseile befestigt ist. Der Zobel, der solche Brücke überschreitet, gerät trotz aller Vorsicht mit dem Halse in die Schlinge, wird von dem lose aufliegenden Steine in die Tiefe des Wassers gerissen, festgehalten und ertränkt. Außerdem bedient man sich der Prügelfalle, die das den Köder aufnehmende Raubtier erschlägt, legt Stellpfeile und andere Selbstgeschosse, folgt mit Hunden seiner Spur, falls nicht Trümmergestein vorhanden ist, und läßt es sich nicht verdrießen, tagelang dem unruhigen Tiere nachzulaufen, bis der Hund es endlich gestellt hat, und es, meist erst durch Ausräuchern aus der Höhle, zum Schusse gebracht werden kann.

Über das Gefangenleben des Zobels sind die Berichte noch sehr dürftig. Ein Zobel wurde in dem Palaste des Erzbischofs von Tobolsk gehalten und war so vollkommen gezähmt, daß er nach eigenem Ermessen in der Stadt lustwandeln durfte. Er verschlief, wie seine Verwandten, den größten Teil des Tages, war aber bei Nacht um so munterer und lebendiger. Wenn man ihm Futter gereicht hatte, fraß er sehr gierig, verlangte dann immer Wasser und fiel in einen so tiefen Schlaf, daß er während der ersten Stunden desselben wahrhaft ohne Gefühl zu sein schien. Man konnte ihn zwicken und stechen, er rührte sich nicht. Um so munterer war er bei Nacht. Er war ein arger Feind von Raubtieren aller Art. Sobald er eine Katze sah, erhob er sich wütend auf die Hinterfüße und legte die größte Lust an den Tag, mit ihr einen Kampf zu bestehen. Andere gezähmte Zobel spielten sehr lustig miteinander, setzten sich oft aufrecht, um so besser fechten zu können, sprangen munter im Käfig umher, wedelten mit dem Schwanze, wenn sie sich behaglich fühlten, und grunzten und knurrten im Zorne wie junge Hunde.

 

Im Nordosten und hohen Norden Amerikas wird der Zobel vertreten durch den Fichtenmarder oder amerikanischen Zobel ( Martes americana), ein Tier von 45 Zentimeter Leibes- und 15 Zentimeter Schwanzlänge, das dem Edelmarder näher steht als dem Zobel. Die Färbung ist ein mehr oder minder gleichmäßiges Braun; der Brustfleck sieht gelb, der Kopf einschließlich der Ohren grau oder weiß aus. Das Haar ist bedeutend gröber als beim Zobel und kommt dem unseres Edelmarders etwa gleich.

 

Denselben Ländern entstammt der Fischermarder, Fischer der Nordamerikaner, Pekan der Kanadier, Wijack der Indianer ( Martes Pennantii), ein großes, stämmiges, »fuchsartiges« Tier von mehr als 60 Zentimeter Leibes- und 30 bis 35 Zentimeter Schwanzlänge. Der aus dichtem, feinem, glänzendem Grannenhaar und langem, weichem Wollhaar bestehende Pelz hat in der Regel sehr dunkle, selbst schwarze Färbung, und nur am Kopfe, im Nacken und auf dem Rücken mischt sich ein Grau ein; doch gibt es auch sehr helle, kastanien- oder hellbraune und selbst gelblichweiße Stücke. Das Vaterland des Fischermarders erstreckt sich über den ganzen Norden Amerikas. In der Lebensweise ähnelt er bald mehr dem einen, bald mehr dem andern seiner Verwandten. Seine gewöhnlichen Wohnungen sind Höhlen, die er sich in der Nähe von Flußufern ausgräbt. Die Nahrung soll größtenteils aus Fleisch von Vierfüßlern bestehen, die nahe am Wasser leben.

 

Das letzte Mitglied der Sippe, das allgemeiner gekannt zu werden verdient, ist der Charsamarder der Birar-Tungusen ( Martes favigula) aus Nepal, Java, Sumatra, den Vorbergen des Himalaja und den nordöstlicher liegenden Gebirgen bis zum Amurlande. Er zählt zu den größten Arten seiner Sippschaft; seine Leibeslänge beträgt 61 Zentimeter, seine Schwanzlänge 46 Zentimeter. Der Kopf, einschließlich der Ohren, und ein seitlicher Halsstreifen, Hinterteil, Füße und Schwanz sind schwarz oder braunschwärzlich, Oberlippe, Kinn und Kehle rein weiß, alle übrigen Teile glänzend hellgelb, auf der Bauchseite reiner und heller als oben, an dem Halse und an der Kehle guttigelb.

Radde fand den Charsamarder, den man bis zu seiner Reise nur in den südasiatischen Gebirgen beobachtet hatte, auch im Amurlande auf. Das Tier lebt nach seiner Beschreibung meistens zu zweien oder dreien und betreibt gemeinschaftlich seine Jagden, ist äußerst schnell im Laufen, geschickt im Klettern, und wählt nicht wie der Zobel gewisse Talhöhen zu seinem alltäglichen Ruheplatze, sondern schweift beständig umher. Der Marderhund wird ihm während des Sommers vorzugsweise zur Beute: mit andern seinesgleichen verfolgt er Rehe und Moschustiere; im Herbste zieht er den Eichhörnchen nach und betreibt dann in den dichten Arven- und Zedernwaldungen seine Jagden auch auf Bäumen, während er dieses sonst nur im Notfalle tut, weil ihn seine Schwere untüchtig macht, die biegsamen Spitzen der Äste zu betreten und von ihnen auf die nächstgelegenen zu springen. Von Hunden gestellt, verteidigt er sich wie der Luchs, auf dem Rücken liegend und Klauen und Zähne als Waffen gebrauchend.

*

Stinkmarder oder Stänker ( Putorius) heißen die Mitglieder einer andern Sippe, und zwar zu Ehren des allbekannten Iltis, der den obigen Namen allerdings verdient, während dies bei andern Arten der Gruppe keineswegs der Fall ist. Die hierher gehörigen Marderarten kennzeichnen sich durch vorn stark verschmälerten Kopf, zugespitzte Schnauze, kurz abgerundete, dreiseitige Ohren, schlanken und langgestreckten Leib, kurze Beine mit langzehigen Füßen und runden, ziemlich lang behaarten Schwanz von nicht halber Leibeslänge. Das Gebiß besteht aus 34 Zähnen, und zwar sechs Schneidezähnen und einem Eckzahn in jedem Kiefer, zwei Lückzähnen im oberen, drei im unteren Kiefer und zwei Backenzähnen oben und unten, deren erster, der sogenannte Reißzahn, in beiden Kiefern stark und kräftig entwickelt ist, während der dreimal so breite als lange Höckerzahn durch seine Querstellung auffällt. Fast alle Arten der Sippe halten sich in Erdlöchern oder Gebäuden auf und stehen in Raublust und Mordsucht hinter den verwandten Mardern nicht im geringsten zurück, erwerben sich aber durch Wegfangen schädlicher Nager und besonders Schlangen viel größere Verdienste als jene.

Der Iltis oder Ratz ( Mustela Putorius) hat eine Leibeslänge von 40 bis 42, eine Schwanzlänge von 16 bis 17 Zentimeter. Der Pelz ist unten einfarbig schwarzbraun, oben und an den Rumpfseiten heller, gewöhnlich dunkelkastanienbraun, an dem Oberhalse und den Seiten des Rumpfes, wegen des besonders hier durchschimmernden gelblichen Wollhaares, lichter. Über die Mitte des Bauches verläuft eine undeutlich begrenzte rötlichbraune Binde; Kinn und Schnauzenspitze, mit Ausnahme der dunklen Nase, sind gelblichweiß. Hinter den Augen steht ein kaum begrenzter gelblichweißer Flecken, der mit einer undeutlichen, unterhalb der Ohren beginnenden Binde zusammenfließt. Verschiedene Abänderungen, die zum Teil als eigene Arten angesehen worden sind, kommen vor, unter andern auch Weißlinge oder ganz gelb gefärbte Iltisse. Das Weibchen unterscheidet sich vom Männchen hauptsächlich durch rein weiße Färbung aller Stellen, die bei jenem gelblich sind. Der Pelz ist zwar dicht, aber doch weit weniger schön als der des Edelmarders. Im südöstlichen Europa, nach Norden hin bis Polen vordringend, tritt neben dem Iltis ein Verwandter auf: der Tigeriltis ( Mustela sarmatica). Seine Gesamtlänge beträgt 50 Zentimeter, wovon 16 Zentimeter auf den Schwanz kommen. Das kurzhaarige und straffe Fell ist auf der Oberseite und der Außenseite braun, mit unregelmäßigen gelben Flecken gezeichnet, am Kopfe, auf der Unterseite und der Innenseite der Beine schwarz. Hinsichtlich der Lebensweise, der Sitten und Gewohnheiten ähnelt der Tigeriltis durchaus seinem Verwandten, so daß es ausreichend sein dürfte, ein Lebensbild des letzteren zu entwerfen.

Der Iltis bewohnt die ganze gemäßigte Zone von Europa und Asien, geht sogar ein Stück in den nördlichen Gürtel hinüber. Mit Ausnahme von Lappland und Nordrußland ist er überall in unserm Erdteil zu finden. In Asien trifft man ihn durch die Tatarei bis an den Kaspischen See und nach Osten hin durch ganz Sibirien bis nach Kamtschatka. Ihm ist jeder nahrungversprechende Ort recht, und deshalb bewohnt er ebenso die Ebenen wie die Gebirge, die Wälder wie die Felder, vor allem aber die Nähe menschlicher Wohnungen, zumal größerer Bauerngüter. Im Freien schlägt er sein Lager in hohlen Bäumen, im Geklüft, in alten Fuchsbauen und andern Erdlöchern auf, die er zufällig findet; im Notfalle gräbt er sich selbst einen Bau. Auf den Feldern bezieht er das hohe Getreide; außerdem haust er in der Nähe von Felsen, zwischen Pfahlwerk, unter Brücken, in altem Gemäuer, dem Gewurzel größerer Bäume, dichten Hecken: kurz, er weiß es sich überall wohnlich zu machen, wo es irgend angeht, scheut sich jedoch vor eigener Arbeit und läßt lieber andere Tiere für sich graben und wühlen. Im Winter zieht er sich bei uns nach Dörfern oder Städten zurück und kommt hier der Hauskatze oder dem Hausmarder in das Gehege, dabei aber auch gelegentlich in Hühnerhäuser, Taubenschläge, Kaninchenställe und an andere Orte, wo er dann nicht eben zur Freude des Menschen eine Tätigkeit entwickelt, die bloß von seinen Familienverwandten erreicht, kaum aber übertroffen werden kann. Auf der andern Seite ist er aber auch nützlich, und wenn die Bauern sonst Hühner, Tauben und Kaninchen gut verwahren, können sie mit ihrem Gaste ganz zufrieden sein; denn dieser fängt ihnen eine unschätzbare Menge von Ratten und Mäusen weg, säubert auch die Nähe der Wohnungen von Schlangen gründlich und verlangt dafür weiter nichts als ein warmes Lager im dunkelsten Winkel des Heubodens. Es gibt Gegenden, wo man ihn ebenso gern sieht, als man ihn an andern Orten haßt. Er genießt dort eines gewissen Schutzes von seiten der Landwirte und steht so hoch in der Achtung, daß er auch dann noch für unschuldig erklärt wird, wenn einmal der Hühnerstall oder Taubenschlag von dem nächtlichen Besuche eines gefährlichen Räubers Blutspuren aufweist.

Ehe wir Meister Ratz auf seinen Raubzügen weiter verfolgen und uns mit seinem übrigen Leben beschäftigen, wollen wir uns zu seiner bessern Kennzeichnung mit den Beobachtungen vertraut machen, die Lenz an gezähmten anstellte: sie werden wesentlich dazu dienen, das Bild des Tieres zu zeichnen. Vollkommen einverstanden müssen wir uns erklären, wenn der genannte Naturforscher jedem Forstmann anrät, den Ratz im Walde zu schonen; denn hier ist er an seinem Platze und wirkt unstreitig viel Gutes durch Wegfangen der Mäuse und zumal auch der Kreuzottern, sowie er auf dem Felde durch Vertilgung der Hamster sich sehr verdient macht. Doch lassen wir Lenz selbst reden:

»Am 4. August kaufte ich fünf halbwüchsige Iltisse, tat sie in eine große Kiste und warf ihnen zehn lebende Frösche, eine lebende Blindschleiche und eine tote Drossel hinein. Am folgenden Morgen waren acht Frösche verzehrt, die Blindschleiche und Drossel noch nicht angerührt. Am zweiten Tage verzehrten sie die beiden lebenden Frösche, die Blindschleiche, drei Hamster und eine zwei Fuß lange Ringelnatter. In der folgenden Nacht fraßen sie die Drossel und sechs Frösche sowie eine fast meterlange, lebende Ringelnatter. Am dritten Tage speisten sie wiederum Frösche nebst zwei großen, toten Kreuzottern und eine Eidechse. Am vierten Tage fraßen sie vier Hamster und drei Mäuse. Am fünften Tage brachte ich einen Iltis in eine Kiste allein, gab ihm Futter vollauf und, als er satt war, eine große, jedoch matte Kreuzotter. Als ich nach einer Stunde wieder hinkam, hatte er ihr den Kopf zerbissen und sie in eine Ecke gelegt. Nun ließ ich eine große, recht bissige Otter zu ihm; er zeigte vor ihrem Fauchen gar keine Furcht, sondern blieb ruhig liegen (denn der Iltis ruht oder schläft den ganzen Tag, woher die Redensart kommt: »Er schläft wie ein Ratz«), und als ich am andern Morgen zusah, hatte er sie getötet. Er befand sich so wohl wie gewöhnlich.

Am andern Tage legte ich neben den andern ruhig in seiner Ecke sich pflegenden Iltis eine recht bissige Otter. Er wollte doch sehen oder vielmehr riechen, was da los wäre; kaum aber rührte er sich, als er zwei Bisse in die Rippen und einen in die Backen bekam. Er kehrte sich wenig daran, blieb aber, wohl hauptsächlich aus Furcht vor mir, ziemlich ruhig. Jetzt warf ich ein Stück Mausefleisch auf die Otter. Er ist nach Mausefleisch außerordentlich lüstern und konnte es daher unmöglich liegen sehen, ohne mit der Schnauze danach zu langen und es wegzukapern, aber wupp! da hatte er wieder einen tüchtigen Biß ins Gesicht. Er fraß sein Fleisch, und ich warf nun ein neues Stück auf die Otter; doch wagte er nicht mehr, es wegzunehmen, sondern ließ sich durch das Fauchen und Beißen abschrecken.

Während er nun beschäftigt war, wenigstens die Fleischstücke, die um die Otter herumlagen, zu beobachten, brachte mir zufällig ein Mann einen andern, halbwüchsigen Iltis, den ich sogleich kaufte. Er war so fest an allen vier Beinen geknebelt, daß die Bindfaden tiefe Furchen eingeschnitten hatten, und daß er, sobald ich ihn seiner Fesseln entledigt und zu dem andern getan hatte, weder stehen noch gehen konnte. Er mußte wohl hungrig sein; denn er schob sich, auf der Seite liegend, mit seinen Beinen, die alle wie zerschlagen aussahen, nach der Otter hin und wollte von ihr fressen; doch wurde ihm dieses bald durch drei derbe Bisse vergolten, worauf er es bequemer fand, ein Stückchen Mausefleisch zu benagen. Es wollte durchaus nicht gehen; denn seine Kinnladen waren ganz verrenkt, und erst nach einer halben Stunde konnte er wieder ein wenig kauen. Trotzdem nun, daß dieser Unglückliche in einer eisernen Falle gefangen worden war, seine Beine darin gebrochen, dann, fürchterlich geknebelt, einen ganzen Tag gelegen und endlich die Otternbisse geschmeckt hatte: erholte er sich doch nach und nach wieder und ward gesund; die Beine aber blieben lahm. Nachdem ich ihn einige Tage lang durch Frösche, Mäuse, Blindschleichen und Hamster erquickt hatte, legte ich ihm wieder eine tüchtige Otter vor die Füße. Er wollte sie fressen, bekam aber gleich einen furchtbaren Biß in die Backen. Wegen des lahmen Beines war er zu langsam, und da er immer wieder heranrückte, bekam er nach und nach vier Bisse. Jetzt ließ er ab, besann sich jedoch eines bessern, kam wieder, trat mit dem gesunden Fuße auf die Schlange, wobei er eine Menge Bisse erhielt, faßte den Kopf zwischen die Zähne, zermalmte ihn und fraß mit Begierde das ganze Tier. Es zeigte sich gar kein Merkmal von Krankheit. Ich tötete ihn nach siebenundzwanzig Stunden und zog ihm das Fell ab, fand aber keine Spur der Bisse, als zwei kleine Flecken, die wohl auch vom Knebeln herrühren konnten.

Doch kehren wir in Gedanken zu dem andern Iltis zurück. Er blieb in der Nacht mit der wütenden Otter zusammen, ohne sie weiter anzutasten. So oft er sich rührte, fauchte sie; als er aber einmal lange Zeit ruhig lag und schlief, ging sie hin und wärmte sich an ihm, kroch jedoch gerade über ihn weg. Es war schon eine Stunde lang dunkel, als ich ohne Licht in das Zimmer trat, sie noch immer fauchen hörte. Endlich, zehn Uhr abends, da ich zu Bett gehen wollte und nochmals mit dem Lichte nachsah, war sie verstummt und zerrissen. – Ein vierter Iltis ließ sich auch noch vier Bisse von einer Otter versetzen. Er litt aber ebensowenig wie die schon angeführten.«

siehe Bildunterschrift

Iltis ( Mustela putorius)

Außer den giftigen Schlangen verzehrt der Iltis nach Marderart alles Getier, das er überwältigen kann. Er ist ein furchtbarer Feind aller Maulwürfe, Feld- und Hausmäuse, Ratten und Hamster, selbst der Igel, sowie sämtlicher Hühner und Enten. Die Frösche scheinen eine Lieblingsspeise für ihn zu sein; denn er fängt sie oft massenweise und sammelt sie in seinen Wohnungen zu Dutzenden. Im Notfalle begnügt er sich mit Heuschrecken und Schnecken. Aber auch auf den Fischfang geht er aus und lauert an Bächen, Seen und Teichen den Fischen auf, springt plötzlich nach ihnen ins Wasser, taucht und packt sie mit sehr großer Gewandtheit. Außerdem frißt er sehr gern Honig und Früchte. Seine Blutgier ist ebenfalls groß, jedoch nicht so groß wie die der Marder. Er tötete in der Regel nicht alles Geflügel eines Stalles, in den er sich geschlichen, sondern nimmt das erste, beste Stück und eilt mit ihm nach seinem Schlupfwinkel, wiederholt aber seine Jagd mehrere Male in einer Nacht. Mehr als andere Marderarten hat er die Gewohnheit, sich Vorratskammern anzulegen, und nicht selten findet man in seinen Löchern hübsche Mengen von Mäusen, Vögeln, Eiern und Fröschen aufgespeichert. Seine Behendigkeit macht es ihm leicht, sich immer zu versorgen.

In Ostsibirien ändert der Iltis, nach Radde, seine Lebensweise. Er bleibt den dichten Wäldern meistens fern, wählt aber auch nicht wie in Europa die Ansiedlungen der Menschen zu seinem Lieblingsaufenthalt. Wo Wälder sind, bevorzugt er die Ränder derselben oder sucht die Heuschläge auf, die Feld- und Spitzmäuse anlocken; mehr noch sagt ihm der öde und feste Boden der Hochsteppen zu, weil er hier sein Hauptwild, die Bobaks- oder Steppenmurmeltiere, in größerer Menge findet, ebenso wie in den trockeneren Teilen der Hochgebirge ihn eine Zieselart zu fesseln weiß. In den Daurischen Hochsteppen, wo sein Dasein eng an die genannten Murmeltiere geknüpft ist, sorgt er für die lange Winterszeit, in der letztere schlafen, sehr listig, indem er schon im Herbste, wenn das Erdreich noch nicht gefroren ist, tiefe Röhren gräbt, die nach den dann noch leeren Nestern der Murmeltiere führen; hier läßt er aber, sobald er merkt, daß er dem Neste nahe ist, eine dünne Erdschicht stehen, die er erst im Winter durchbricht, wenn die Murmeltiere, die die von ihnen selbstgegrabenen Röhren verstopfen, im Winterschlafe liegen. Die Art und Weise, wie der Iltis seine Arbeit anlegt, um später zu den schlafenden Murmeltieren zu gelangen, soll sehr verschieden sein. Zuweilen gräbt er ziemlich senkrecht gegen zwei Meter tief und verfehlt die Stelle, an der sich das Nest befindet, nicht, ohne äußere leitende Kennzeichen zu haben; häufig aber gräbt er den Gang der Murmeltiere, der mit Steinen und Erde verstopft wird, noch im Spätherbst nach.

Alle Bewegungen des Iltis sind gewandt, rasch und sicher. Er versteht meisterhaft zu schleichen und unfehlbare Sprünge auszuführen, läuft bequem über die dünnste Unterlage, klettert, schwimmt, taucht, kurz, macht von allen Mitteln Gebrauch, die ihm nützen können. Dabei zeigt er sich schlau, listig, behutsam, vorsichtig und mißtrauisch, sehr scharfsinnig und, wenn er angegriffen wird, mutig, zornig und bissig, also ganz geeignet, großartige Räubereien auszuführen. Nach Art der Stinktiere verteidigt er sich im Notfalle durch Ausspritzen einer sehr stinkenden Flüssigkeit und schreckt dadurch oft die ihn verfolgenden Hunde zurück.

Seine Lebenszähigkeit ist unglaublich groß. Er springt ohne Gefahr von bedeutender Höhe herab, erträgt Schmerzen aller Art fast mit Gleichmut und erliegt nur unverhältnismäßig starken Verwundungen. Lenz führt davon Beispiele an, die geradezu an das Unglaubliche grenzen. »Es brachte mir ein Mann«, erzählt er, »einen Iltis, der unter Bruch seiner Beine in der Falle gefangen worden war. Der Mann glaubte, nachdem er eine halbe Stunde auf ihn losgeprügelt, ihn totgeschlagen zu haben. Er tat ihm unrecht; denn der Ratz war bald wieder lebendig und biß um sich her. Was war zu tun? Ihn wieder zu knebeln, wäre in der Stube ein böses Geschäft gewesen. Ich gedachte, ihn so schnell als möglich zu töten, griff zum Bogen und schoß einen mit langer Stahlspitze versehenen Pfeil ihm mitten durch die Brust, so daß er fest an den Boden genagelt war. Nun, dachte ich, ist's gut; aber der Ratz dachte nicht so, sondern krümmte sich und fauchte immer noch. Schnell ergriff ich einen zweiten Pfeil, und dieser flog ihm mitten durch den Kopf, gerade durchs Gehirn, und nagelte auch den Kopf an den Boden. Jetzt war endlich Ruhe. Das Tier rührte sich nicht, und nach etwa vier Minuten zog ich den Pfeil aus der Brust und wollte dann den aus dem Kopfe ziehen. Er saß aber so fest in dem Schädelknochen, daß die Stahlspitze in dem Kopfe blieb. Kaum war eine Minute verflossen, so bewegte sich der Iltis und begann zu fauchen. Ich aber hatte es recht satt und sagte dem Manne, er solle mir das Untier eiligst aus der Stube schaffen und nie wiederbringen.«

Die Rollzeit des Iltis fällt in den März. An Orten, wo er häufig ist, gewahrt man, daß Männchen und Weibchen sich von Dach zu Dach verfolgen, oder daß zwei Männchen ihre nebenbuhlerischen Kämpfe ausfechten. Dabei schreien alle sehr laut, beißen sich nicht selten ineinander fest und rollen, zu einem Knäuel geballt, über die Dächer herab, fallen zu Boden, trennen sich ein wenig und beginnen den Tanz von neuem. Nach zweimonatlicher Tragzeit wirft das Weibchen in einer Höhle und noch lieber in einem Holz- und Reisighaufen vier bis fünf, zuweilen auch sechs Junge, gewöhnlich im Mai. Die Mutter liebt ihre Kleinen ungemein, sorgt für sie auf das zärtlichste und beschützt sie gegen jeden Feind; ja, sie geht zuweilen, wenn sie in der Nähe ihres Nestes Geräusch vernimmt, auch unangefochten auf Menschen los. Nach etwa sechswöchentlicher Kindheit gehen die Jungen mit der Alten auf Raub aus, und nach Ablauf des dritten Monats sind sie fast ebenso groß geworden wie diese.

Man kann junge Iltisse durch Katzenmütter säugen und zähmen lassen, erlebt jedoch nicht viel Freude an ihnen, weil der angeborene Blutdurst mit der Zeit durchbricht und sie dann jedem harmlosen Haustier nachstellen. Mehrere Gefangene, die in einem Raume leben müssen, vertragen sich keineswegs immer gut, fallen im Gegenteil oft wütend übereinander her, kämpfen auf Tod und Leben zusammen und fressen die von ihnen erwürgten Mitbrüder auf, so daß zuletzt oft nur der Stärkste übrig bleibt. Doch tun Zähmung und Abrichtung viel, selbst an Iltissen. Zum Austreiben der Kaninchen können sie ebensogut gebraucht werden wie das Frettchen; ihr Gestank ist aber viel heftiger als bei diesem. Selbst Füchse werden von solchen gezähmten Iltissen aus ihren Bauen vertrieben; denn ihr Mut ist unverhältnismäßig groß, und sie greifen jedes Tier ohne weiteres an, oft in der unverschämtesten Weise. Wie sie Hunden zuweilen mitspielten, geht aus nachstehender Mitteilung Geyers hervor. Ein Iltis, der einen Igel umgebracht und zum Erstaunen der Jäger etwa eine Viertelstunde weit geschleppt und verzehrt hatte, wurde durch zwei Dachshunde aufgestöbert und gestellt. »Nachdem die beiden Dächsel, die sich infolge der Witterung des Iltis wie rasend gebärdeten, von der Leine gelöst waren, versuchten wir, ihn mit einer Stange zum Auffahren zu zwingen; da aber bei der vorderen Röhre beide Dachshunde vorlagen und das unausgesetzte Stoßen in den Rücken seine Lage verzweifelnd gestalten mußte, beschloß er, selbst zum Angriffe überzugehen. Dies geschah, indem er sich in die Nase des ersten Hundes derart verbiß, daß alles Stoßen, Wälzen und Schleudern auf den Schnee ihn nicht zum Loslassen bewog. Der zweite Hund kam seinem Kameraden zu Hilfe und packte den Iltis in der Mitte, ward aber nicht besser behandelt als sein Genosse; denn nun ließ der Iltis den ersten Hund los und packte den andern bei einem Vorderlaufe, ließ überhaupt nicht eher vom Kampfe ab, bevor er von den Hunden förmlich in Stücke zerrissen war. Nachdem alles beendet, bemerkten wir, welche Verwundungen der tapfere Iltis den Hunden beigebracht hatte. Dem einen war die Nase bis auf die Wurzel gespalten, so daß sie klaffte und genäht werden mußte, der andere ging wochenlang krumm, und sein Vorderlauf heilte erst nach längerer Zeit.«

Freilebende Iltisse betragen sich zuweilen wahrhaft tolldreist den Menschen gegenüber, und können Kindern sogar gefährlich werden. »In Verna, einem Dorfe Kurhessens«, erzählt Lenz, »hatte ein sechsjähriger Knabe sein Brüderchen in der Nähe eines Kanals auf die Landstraße gesetzt, um sich die Wartung desselben leichter zu machen. Plötzlich erschienen drei Ratze und griffen das Kind an. Der eine setzte sich im Genick fest, der andere an der Seite des Kopfes und der dritte an der Stirn. Das Kind schrie laut auf, der Bruder wollte ihm zu Hilfe kommen, allein aus dem Kanal eilten noch andere Ratze herbei und wollten ihn angreifen. Glücklicherweise kamen zwei Männer vom Felde den Kindern zu Hilfe und schlugen zwei von den Ratzen tot, worauf die übrigen Tiere abließen.

In Riga drang ein Ratz durch ein Loch des Fußbodens in die Stube, fiel über ein in der Wiege liegendes Kind, tötete es und biß es an der linken Wange an. In Schnepfental wurde sogar ein Hirt von einem Iltisse angegriffen, der aber freilich seine Kühnheit mit dem Leben bezahlen mußte.«

Wegen des bedeutenden Schadens, den das Tier anrichtet, ist es fast überall einer sehr lebhaften Verfolgung ausgesetzt. Man gebraucht alle üblichen Waffen und Fallen, um es zu erbeuten. Am erfolgreichsten sind die Kastenfallen, die an einer Seite eine Falltür haben, auf den Wechsel gestellt werden und den hereintretenden Iltis einsperren, sobald er ein Brettchen berührt, auf dem die Lockspeise befestigt wurde. Wo man sehr von Mäusen geplagt ist, tut man wohl, den Ratz laufen zu lassen, und die Mühe, die sein Fang verursachen würde, lieber auf Ausbesserung und dichten Verschluß der Hühnerställe zu verwenden.

Das Fell des Iltis liefert ein warmes und dauerhaftes Pelzwerk, das aber seines anhaltenden und wirklich unleidlichen Geruches wegen weit weniger geschätzt wird, als es seiner Dichtigkeit halber verdient. Neuerdings erst ist es etwas mehr zu Ehren gekommen und wird selbst von den empfindsamsten Damen ohne Widerstreben getragen. Die besten liefern die Bayerische Hochebene, Holland, Norddeutschland und Dänemark, weniger gute Ungarn und Polen, die geringsten Rußland und Asien. Aus den langen Schwanzhaaren fertigt man Pinsel; das Fleisch ist vollkommen unbrauchbar und wird sogar von den Hunden verachtet.

Außer den Menschen scheint der Ratz wenig Feinde zu haben. Gute Jagdhunde fallen ihn allerdings wütend an, falls sie ihn nur erreichen können, und beißen ihn gewöhnlich bald tot; außerdem dürfte wohl bloß noch Reineke sein Gegner sein. Lenz beschreibt in ergötzlicher Weise, wie im Käfige der Fuchs einem Iltis mitspielt: »Der Fuchs, der nach seinem Fleische durchaus nicht leckert und es, wenn der Iltis tot ist, gar nicht einmal fressen mag, kann doch gegen den lebenden Ratz seine Tücke nicht lassen. Er schleicht heran, liegt lauernd auf dem Bauche, springt plötzlich zu, wirft den Ratz über den Haufen und ist schon weit entfernt, wenn jener sich wütend erhebt und ihm die Zähne weist. Der Fuchs kommt wieder, springt ihm mit großen Sätzen entgegen und versetzt ihm in dem Augenblick, wenn er ihn zu Boden wirft, einen Biß in den Rücken, hat aber schon wieder losgelassen, ehe jener sich rächen kann. Jetzt streicht er von fern im Kreise um den Ratz herum, der sich immer hindrehen muß, endlich schlüpft er an ihm vorüber und hält den Schwanz nach ihm hin. Der Ratz will hineinbeißen, der Fuchs hat ihn schon eiligst weggezogen, und jener beißt in die Luft. Jetzt tut der Fuchs, als ob er ihn nicht beobachte; der Ratz wird ruhig, schnuppert umher und beginnt an einem Kaninchenschenkel zu nagen. Das ist dem bösen Feinde ganz recht. Auf dem Bauche kriechend kommt er von neuem herbei, seine Augen funkeln, die Ohren sind gespitzt, der Schwanz ist in sanft wedelnder Bewegung: plötzlich springt er zu, packt den schmausenden Ratz am Kragen, schüttelt ihn tüchtig und ist verschwunden. Der Ratz, um nicht länger geschabernackt zu werden, wühlt in die Erde und sucht einen Ausweg. Vergebens! Der Fuchs ist wieder da, beschnuppert das Loch, beißt plötzlich durch und fährt dann schnell zurück. Ein solches Schauspiel, bei dem weder der eine noch der andere Schaden leidet, dauert oft stundenlang und erweckt mit Recht die Heiterkeit der versammelten Zuschauer.

 

Gegenwärtig gilt es unter allen Naturforschern als ausgemacht, daß das Frettchen ( Mustela Putorius Furo) nichts anderes als der durch Gefangenschaft und Zähmung etwas veränderte Abkömmling des Iltis ist.

Man kennt das Frettchen zwar seit den ältesten Zeiten, aber bloß im gezähmten Zustande. Aristoteles erwähnt es unter dem Namen Ictis, Plinius unter dem Namen Viverra. Auf den Balearen hatten sich einmal die Kaninchen so vermehrt, daß man den Kaiser Augustus um Hilfe anrief. Er sandte den Leuten einige Viverrae, deren Jagdverdienste groß waren. Sie wurden in die Gänge der Kaninchen gelassen und trieben die verderblichen Nager heraus in das Netz ihrer Feinde. Spanien hat fast keine schädlichen Tiere, mit Ausnahme der Kaninchen, die Wurzeln, Kräuter und Samen fressen. Diese Tiere hatten sich so verbreitet, daß man in Rom Hilfe erbitten mußte. Man erfand verschiedene Mittel, um sie zu verjagen. Das beste blieb aber, sie durch afrikanische Katzen (unter diesem Namen verstehen alle alten Naturforscher die Marder), die mit verschlossenen Augen in die Höhlen gesteckt wurden, aus ihrem Baue zu vertreiben. Zu Zeiten der Araber hieß das Frett bereits Furo, wurde auch schon, wie Albertus Magnus berichtet, in Spanien zahm gehalten und wie heutzutage verwendet.

Das Frett ähnelt dem Iltis in Gestalt und Größe. Es ist zwar etwas kleiner und schwächlicher als dieser, allein ähnliches bemerken wir fast bei vielen Tieren, die nur in abhängigen Verhältnissen von den Menschen, also in der Gefangenschaft, leben. Die Leibeslänge beträgt 45 Zentimeter, die des Schwanzes 13 Zentimeter. Dies sind genau die Verhältnisse des Iltis, und auch im Bau des Gerippes weicht es nicht wesentlich von diesem ab. Nur wenige sehen dunkler und dann echt iltisartig aus. Das Frett wird von uns einzig und allein für die Kaninchenjagd gehalten; nur die Engländer gebrauchen es auch zur Rattenjagd und achten diejenigen Frette, die Rattenschläger genannt werden, weit höher als die, die sie bloß zur Kaninchenjagd verwenden können. Man hält die Tiere in Kisten und Käfigen, gibt ihnen oft frisches Heu und Stroh und bewahrt sie im Winter vor Kälte. Sie werden gewöhnlich mit Semmel oder Milch gefüttert; doch ist es ihrer Gesundheit weit zuträglicher, wenn man ihnen zartes Fleisch von frisch getöteten Tieren reicht. Mit Fröschen, Eidechsen und Schlangen kann man sie nach den Beobachtungen unseres Lenz ganz billig erhalten; denn sie fressen alle Lurche und Kriechtiere sehr gern.

In seinem Wesen ähnelt das Frettchen dem Iltis, nur daß es nicht so munter ist wie dieser; an Blutgier und Raublust steht es seinem wilden Bruder nicht nach. Selbst wenn es schon ziemlich satt ist, fällt es über Kaninchen, Tauben und Hühner wie rasend her, packt sie im Genick und läßt sie nicht eher los, bis die Beute sich nicht mehr rührt. Das aus den Wunden hervorfließende Blut leckt es mit einer unglaublichen Gier auf, und auch das Gehirn scheint ihm ein Leckerbissen zu sein. An Lurche geht es mit größerer Vorsicht als an andere Tiere, und die Gefährlichkeit der Kreuzotter scheint es zu ahnen. Ringelnattern und Blindschleichen greift es, nach Lenz, ohne weiteres an, auch wenn es diese Tiere noch niemals gesehen hat, packt sie trotz ihrer heftigen Windungen, zerreißt ihnen das Rückgrat und verzehrt dann von ihnen ein gutes Stück. Den Kreuzottern aber naht es sich äußerst vorsichtig und versucht, diesem tückischen Gewürm Bisse in die Mitte des Leibes zu versetzen. Ist es erst einmal von einer Otter gebissen worden, so gebraucht es alle erdenkliche List, um die Giftzähne zu meiden. Der Biß der Otter tötet das Frett nicht, macht es aber krank und mutlos.

Selten gelingt es, ein Frettchen vollkommen zu zähmen; doch sind Beispiele bekannt, daß einzelne ihrem Herrn wie ein Hund auf Schritt und Tritt nachgingen und ohne Besorgnis frei gelassen werden konnten. Die meisten wissen, wenn sie einmal ihrem Käfige entrinnen konnten, die erlangte Freiheit zu benutzen, laufen in den Wald hinaus und beziehen dort eine Kaninchenhöhle, die ihnen nun während des Sommers als Lager und Zufluchtsort dienen muß, entwöhnen sich nach kurzer Frist vollkommen des Menschen, gehen jedoch, wenn sie nicht zufällig wieder eingefangen werden, im Winter regelmäßig zugrunde, weil sie viel zu zart sind, als daß sie der Kälte widerstehen könnten. Auf den Kanaren verwildern sie, laut Bolle, oft vollständig.

Die Stimme des Fretts ist ein dumpfes Gemurr, bei Schmerz ein helles Gekreisch. Letzteres hört man selten; gewöhnlich liegt das Frett ganz still in sich zusammengerollt auf seinem Lager, und nur wenn es seine Raubgier betätigen kann, wird es munter und lebendig.

Das Weibchen wirft nach fünfwöchentlicher Tragzeit anfangs Mai fünf bis acht Junge, die zwei bis drei Wochen blind bleiben. Sie werden mit großer Sorgfalt von der Mutter gepflegt und nach etwa zwei Monaten entwöhnt; dann sind sie geeignet, abgesondert aufgezogen zu werden. Junge Iltisse pflegt die Frettmutter ohne Umstände unter ihre Kinderschar aufzunehmen und mit derselben Sorgsamkeit zu behandeln wie diese; solche Milchgeschwister vertragen sich auch später vortrefflich miteinander. Man pflegt das Frettchen wie jeden andern Marder, muß aber auf seine Entwöhnung von frischer Luft und Freiheit die gebührende Rücksicht nehmen und darf den Weichling namentlich strenger Kälte nicht aussetzen. Frische Luft, Reinlichkeit und entsprechende Nahrung sind die Hauptbedingungen zu seinem Wohlsein: im Sommer muß man es stets kühl, im Winter warm legen; Käfig, Freß- und Trinkgefäß sind stets rein zu halten; mit dem Futter hat man entsprechend zu wechseln. In Ermangelung eines besseren Behälters sperrt man ihrer zwei bis drei Frettchen zusammen in einen Bretterkasten, der etwa 1 Meter lang, 70 Zentimeter tief und ebenso hoch, mit einem verschließbaren Deckel versehen, an einer Wand mit einem Gitter und innen mit einem Schlafkästchen ausgestattet ist. Für letzteres genügt eine Länge von 40 Zentimeter, eine Höhe und Breite von 20 bis 25 Zentimeter; es besitzt ein Schlupfloch und unten ein zum Ausschieben eingerichtetes enges Drahtgitter, auf das durch den oben zu öffnenden Deckel Leinen- oder Wolläppchen zur Unterlage für die ein weiches Bett liebenden Tiere gebreitet werden; in der entgegengesetzten Ecke des Kastens bringt man im Boden ein Loch an und befestigt unter demselben ein Kästchen mit einem Tonnapfe zur Aufnahme der Losung der Frettchen, die man dadurch an einen bestimmten Ort gewöhnt, daß man zuerst ihren Unrat aufsammelt und in den betreffenden Napf legt, oder denselben mit jenem einreibt; wollen sie sich nicht bequemen, auf einem bestimmten Ort sich zu lösen, so muß man alle verunreinigten Teile des Kastens sorgfältig reinigen und durch Auflegen von Ziegelsteinen und dergleichen sie abhalten, dieselben wieder zu beschmutzen. Zur Äsung erhalten die Frettchen, laut Zeiller, dem ich in Vorstehendem gefolgt bin, morgens Milchsemmel, abends rohes Fleisch und wöchentlich ein- oder zweimal ein rohes Ei; auch kann man ihnen, wie allen Mardern, verschiedene Früchte, insbesondere Kirschen, Pflaumen und Birnenschnitzel reichen. Nach geschehener Paarung hat man das Männchen von dem Weibchen zu trennen, weil es sonst regelmäßig die kaum geborenen Jungen auffrißt, darf aber ohne Bedenken mehrere, mindestens zwei Weibchen mit Jungen in demselben Käfig lassen. Nicht wohlgetan ist es, die rechtzeitige Paarung des Frettchens zu verhindern, weil Männchen wie Weibchen, wenn man ihren natürlichen Trieb unterdrückt, erkranken und zugrunde gehen können. Bei sorgfältiger Pflege erhält man die Tierchen sechs bis acht Jahre lang am Leben und bei guter Gesundheit.

So treffliche Dienste das Frett bei der Kaninchenjagd leistet, so gering ist der wirkliche Nutzen, den es bringt, im Vergleiche zu den Kosten, die es verursacht. Man darf die Kaninchenjagd mit dem Frett eben nur während der gewöhnlichen Jagdzeit vom Oktober bis Februar betreiben und muß das ganze übrige Jahr hindurch das Tierchen ernähren, ohne den geringsten Nutzen von ihm zu erzielen; zudem ist es bloß gegen halb oder ganz erwachsene Kaninchen zu gebrauchen, weil es Junge, die es im Baue findet, augenblicklich tötet und auffrißt, worauf es sich gewöhnlich in das weiche, warme Nest legt und nun den Herrn Gebieter draußen warten läßt, solange es ihm behagt.

Zur Jagd zieht man am Morgen aus. Die Frettchen werden in einem weich ausgelegten Korbe oder Kästchen, unter Umständen auch in der Jagdtasche getragen. Am Baue sucht man alle befahrenen Röhren auf, legt vor jede ein sackartiges, etwa drei Fuß langes Netz, das um einen großen Ring geflochten ist, und läßt nun eins der Frettchen in die Hauptröhre, die hierauf ebenfalls verschlossen wird. Sobald die Kaninchen den eingedrungenen Feind merken, fahren sie erschreckt heraus, geraten in das Netz und werden in ihm erschlagen. Wenn die Röhren etwas breiter sind, und sich gerade mehrere Kaninchen in dem Baue aufhalten, rennen die ziemlich geängstigten Tiere zuweilen am Frett vorüber, und zwar so schnell, daß dieses nicht einmal Zeit hat, sie zu packen. Das Frettchen selbst wird durch einen kleinen Beißkorb oder durch Abfeilen der Zähne gehindert, ein Kaninchen im Bau abzuschlachten, und bekommt, um von seinem Treiben beständig Kunde zu geben, ein helltöniges Glöckchen um den Hals gehängt. In früheren Zeiten war man, namentlich in England, so grausam, zu gleichem Behufe die Lippen des armen Jagdgehilfen zusammenzunähen, ehe man ihn in die Höhle kriechen ließ; glücklicherweise hat man sich überzeugt, daß ein Beißkorb dieselben Dienste leistet. Sobald das Frettchen wieder an der Mündung der Höhle erscheint, wird es aufgenommen; denn wenn es zum zweiten Male in den Bau geht, legt es sich in das Nest zur Ruhe und läßt dann oft stundenlang auf sich warten. Sehr wichtig ist es, wenn man es an einen Pfiff und Ruf gewöhnt. Kommt es dann nicht heraus, so sucht man es durch allerhand Lockungen wieder in seine Gewalt zu bringen. So bindet man an eine schwankende Stange ein Kaninchen und schiebt dieses in die Röhre. Einer solchen Aufforderung, der unser Tier beherrschenden Blutgier Folge zu leisten, kann kein Frett widerstehen; es beißt sich fest und wird samt dem Kaninchen herausgezogen.

siehe Bildunterschrift

Frettchen ( Mustela putorius furo)

In England benutzt man das Frett häufiger noch, als zur Jagd der Kaninchen, zum Vertreiben der Ratten und noch lieber zu Kämpfen mit diesen bissigen Nagern, die, wie bekannt, einen echten Engländer stets zu fesseln wissen. Mein englischer Gewährsmann versichert, daß verhältnismäßig wenige Fretts zur Rattenjagd zu gebrauchen sind, nachdem sie einige Male von den Zähnen der gefräßigen Langschwänze zu leiden gehabt haben. Ein Frett, das bloß an Kaninchenjagd gewöhnt ist, soll für die Rattenjagd gänzlich unbrauchbar sein, weil es sich vor jeder großen Ratte fürchtet. Der Rattenjäger muß also besonders erzogen werden.

Ich habe schon bemerkt, daß das Frett bei seinen Kaninchenjagden zuweilen auch auf andere Feinde trifft, die in einem verlassenen Kaninchenbau Zuflucht gefunden haben. So ereignet es sich zuweilen, daß es in einer Kaninchenhöhle mit einem Iltis zusammenkommt. Dann beginnt ein furchtbarer Kampf zwischen beiden gleich starken und gewandten Tieren, keineswegs zur Freude des Besitzers des gezähmten Mitgliedes der Marderfamilie, weil er alle Ursache hat, für das Leben seines Jagdgehilfen zu fürchten. »Ein Frett, das in eine Kaninchenhöhle gesandt wurde«, erzählt ein Jäger, »verblieb so lange Zeit darin, daß ich ungeduldig wurde und bereits glauben wollte, mein Tier habe sich in das warme Nest gelegt und schlafe dort. Ich stampfte deshalb heftig auf den Boden, um es zu erwecken und wieder zu mir zu bringen. Freilich erfuhr ich bald, daß mein Frettchen sich keiner Unterlassungssünde schuldig gemacht hatte. Ich hörte ein ganz eigentümliches Geschrei, das dem Murren und Kreischen des Frettchens glich, aber doch noch von Tönen begleitet war, die ich mir nicht enträtseln konnte. Der Lärm wurde lauter, und bald konnte ich unterscheiden, daß es von zwei Tieren herrühren mußte. Endlich sah ich in dem Dunkel der Höhle den Schwanz meines Frettchens und entdeckte nun zu gleicher Zeit, daß es mit einem Tiere im Kampfe lag. Das Frett bemühte sich nach Kräften, seine Beute nach der Mündung der Höhle zu schleppen, stieß aber auf einen bedeutenden Widerstand. Endlich kam es doch hervor, und ich entdeckte zu meiner nicht geringen Überraschung, daß es sich mit einem männlichen Iltis in den Kampf eingelassen hatte. Beide waren ineinander verbissen; eines hatte das andere am Nacken gefaßt, und keines schien gewillt zu sein, seinen Gegner so leichten Kampfes davon zu lassen. Plötzlich erblickte mich der Iltis und versuchte nun, mein armes Frettchen nach der Tiefe der Höhle zu schleppen, um den Kampf dort weiter auszufechten. Das vorzügliche Tierchen hielt jedoch trefflich stand und brachte seinen Feind nach kurzer Zeit nochmals an die Mündung der Höhle zurück. Aber es war zu schwach, um ihn vollends bis an das Tageslicht zu bringen. Der Iltis gewann wieder die Oberhand, und beide verschwanden von neuem. Nun sah und hörte ich wieder lange Zeit nichts von ihnen, und meine Ängstlichkeit nahm begreiflicherweise mit jeder Minute zu. Aber zum dritten Male sah ich das Frett, das seinen Feind an das Tageslicht zu schleppen versuchte. An der Mündung der Höhle entstand ein verzweifeltes Ringen; das Frettchen kämpfte mit unübertrefflichem Geschick, und ich hoffte schon die Niederlage des Iltis zu sehen, als jenes plötzlich den Kampf aufgab und mit zerfetzter Brust auf mich zusprang.«

Ungeachtet solcher Kämpfe paaren sich Frett und Iltis ohne viele Umstände miteinander und erzielen Blendlinge, die von den Jägern sehr geschätzt werden. Solche Bastarde ähneln dem Iltis mehr als dem Frett, unterscheiden sich von ersterem auch bloß durch die lichtere Färbung im Gesichte und an der Kehle. Ihre Augen sind ganz schwarz und aus diesem Grunde feuriger als die des Frettchens. Sie vereinigen die Vorzüge beider Eltern in sich; denn sie lassen sich weit leichter zähmen, stinken auch nicht so heftig wie der Iltis, sind aber stärker, kühner und weniger frostig als das Frettchen. Ihr Mut ist unglaublich. Sie stürzen sich wie rasend auf jeden Feind, dem sie in einer Höhle begegnen, und hängen sich wie Blutegel an ihm fest. Nicht selten sind sie aber auch gegen ihren Herrn heftig und beißen ihn ohne Rücksicht höchst empfindlich.

 

Das Wiesel ( Mustela nivalis) erreicht eine Gesamtlänge von 20 Zentimeter, wovon 4,5 Zentimeter auf das kurze Schwänzchen zu rechnen sind. Der außerordentlich gestreckte Leib sieht wegen des gleichgebauten Halses und Kopfes noch schlanker aus, als er ist. Vom Kopfe an bis zum Schwanze fast überall gleich dick, erscheint er nur bei Erwachsenen in den Weichen etwas eingezogen und an der Schnauze ein wenig zugespitzt. Er ruht auf sehr kurzen und dünnen Beinen mit äußerst zarten Pfoten, deren Sohlen zwischen den Zehenballen behaart und deren Zehen mit dünnen, spitzigen und scharfen Krallen bewaffnet sind. Der Schwanz hat etwa Kopflänge und spitzt sich von der Wurzel nach dem Ende allmählich zu. Die Nase ist stumpf und durch eine Längsfurche einigermaßen geteilt. Die breiten und abgerundeten Ohren stehen seitlich und weit hinten; die schiefliegenden Augen sind klein, aber sehr feurig. Eine mittellange, glatte Behaarung deckt den ganzen Leib und zeigt sich nur in der Nähe der Schnauzenspitze etwas reichlicher. Lange Schnurren vor und über den Augen und einzelne Borstenhaare unter diesen sind außerdem zu bemerken. Die Färbung des Pelzes ist rötlichbraun; der Rand der Oberlippe und die ganze Unterseite sowie die Innenseiten der Beine sind weiß. Hinter jedem Mundwinkel steht ein kleiner, rundlicher, brauner Flecken, und zuweilen finden sich auch einzelne braune Punkte auf dem lichten Bauche. In gemäßigten und südlichen Gegenden ändert diese Färbung nicht wesentlich ab; weiter nördlich hingegen legt das Wiesel, wie sein nächster Verwandter, eine Wintertracht an und erscheint dann weißbraun gefleckt, ohne jedoch die schöne, schwarze Schwanzspitze zu erhalten, die das Hermelin so auszeichnet.

Das Wiesel bewohnt ganz Europa ziemlich häufig, obschon vielleicht nicht in so großer Anzahl wie das nördliche Asien, und zwar ebensowohl die flachen, wie die gebirgigen Gegenden, buschlose Ebenen so gut wie Wälder, bevölkerte Orte nicht minder zahlreich als einsame. Überall findet es einen passenden Aufenthalt; denn es weiß sich einzurichten und entdeckt aller Orten einen Schlupfwinkel, der ihm die nötige Sicherheit vor seinen größeren Feinden gewährt. So wohnt es denn bald in Baumhöhlen, in Steinhaufen, in altem Gemäuer, bald unter hohlen Ufern, in Maulwurfsgängen, Hamster- und Rattenlöchern, im Winter in Schuppen und Scheuern, Kellern und Ställen, unter Dachböden usw., häufig auch in Städten. Wo es ungestört ist, streift es selbst bei Tage umher, wo es sich verfolgt sieht, bloß des Nachts, oder wenigstens bei Tage nur mit äußerster Vorsicht.

Wenn man achtsam und ohne Geräusch an Orten vorübergeht, die ihm Schutz gewähren, kann man leicht das Vergnügen haben, es zu belauschen. Man hört ein unbedeutendes Rascheln im Laube und sieht ein kleines, braunes Wesen dahinhuschen, das, sobald es den Menschen gewahrt, aufmerksam wird und auf seine Hinterbeine sich erhebt, um bessere Umschau halten zu können. Gewöhnlich fällt es dem zwerghaften Gesellen gar nicht ein, zu fliehen; er sieht vielmehr mutig und trotzig in die Welt hinaus und nimmt eine wahrhaft herausfordernde Miene an. Wenn man ihm dicht an den Leib kommt, ist er auch wohl so dreist, dem Störenfriede selbst sich zu nähern und ihn mit einer unbeschreiblichen Unverschämtheit anzusehen, als wolle es sich Kunde verschaffen, was der ungebetene Gast zu suchen habe.

Mehr als einmal ist es vorgekommen, daß das kühne Geschöpf sogar den Menschen angegriffen und von ihm erst nach langem Streite abgelassen hat. Auch in den Beinen von vorübergehenden Pferden hat es sich festgebissen und konnte nur durch vereinte Anstrengung von Roß und Reiter abgeschüttelt werden. Mit diesem Mute ist eine unvergleichliche Geistesgegenwart verbunden. Das Wiesel findet fast immer noch einen Ausweg: es gibt sich in den Krallen des Raubvogels noch nicht verloren. Der starke und raubgierige Habicht freilich macht wenig Umstände mit dem ihm gegenüber allzuschwachen Zwerge, nimmt ihn vielmehr, ohne die geringste Gefahr befürchten zu müssen, mit seinen langen Fängen vom Boden auf und erdolcht oder erdrosselt ihn, ehe der arme Schelm noch recht zur Besinnung gelangt; die schwächeren Räuber aber haben sich immerhin vorzusehen, wenn sie Gelüste nach dem Fleische des Wiesels verspüren. So sah ein Beobachter einen Weih auf das Feld herabstürzen, von dort ein kleines Säugetier aufheben und in die Luft tragen. Plötzlich begann der Vogel zu schwanken, sein Flug wurde unsicher, und schließlich fiel der Raubvogel tot zur Erde herab. Der überraschte Zuschauer eilte zur Stelle und sah ein Wiesel lustig dahinhuschen. Es hatte seinem fürchterlichen Feinde geschickt die Schlagader zerbissen und sich so gerettet. Ähnliche Beobachtungen hat man bei Krähen gemacht, die so kühn waren, das unscheinbare Tier anzugreifen und sich arg verrechneten, indem sie ihr Leben lassen mußten, anstatt einen guten Schmaus zu halten.

Es versteht sich von selbst, daß ein so mutvolles kleines Geschöpf ein wahrhaft furchtbarer Räuber sein muß, und ein solcher ist das Wiesel in der Tat. Es hat allen kleinen Säugetieren den Krieg erklärt und richtet unter ihnen oft entsetzliche Verwüstungen an. Unter den Säugetieren fallen ihm die Haus-, Wald- und Feldmäuse, Wasser- und Hausratten, Maulwürfe, junge Hamster, Hasen und Kaninchen zur Beute; aus der Klasse der Vögel raubt es junge Hühner und Tauben, Lerchen und andere auf der Erde wohnende Vögel, selbst solche, die auf Bäumen schlafen, plündert auch deren Nester, wenn es dieselben auffindet. Unter den Kriechtieren stellt es den Eidechsen, Blindschleichen und Ringelnattern nach, wagt sich selbst an die gefährliche Kreuzotter, obgleich es deren wiederholten Bissen erliegen muß. Außerdem frißt es auch Frösche und Fische, genießt überhaupt jede Art von Fleisch, selbst das der eigenen Art. Kerbtiere der verschiedensten Ordnungen sind ihm ein Leckerbissen, und wenn es Krebse erlangen kann, weiß es deren harte Kruste geschickt zu zerbrechen. Seine geringe Größe und unglaubliche Gewandtheit kommen ihm bei seinen Jagden trefflich zu statten. Man kann wohl sagen, daß eigentlich kein kleines Tier vor ihm sicher ist. Den Maulwurf sucht es in seinem unterirdischen Palaste auf, Ratten und Mäusen kriecht es in die Löcher nach, Fischen folgt es ins Wasser, Vögeln auf die Bäume. Es läuft außerordentlich gewandt, klettert recht leidlich, schwimmt sehr gut und weiß durch blitzschnelle Wendungen und rasche Bewegungen, im Notfalle auch durch ziemlich weite Sprünge seiner Beute auf den Leib zu kommen oder seinen Feinden zu entgehen. In der Fähigkeit, die engsten Spalten und Löcher zu durchkriechen und somit überall sich einzuschleichen, liegt seine Hauptstärke, und Mut, Mordlust und Blutdurst tun dann vollends noch das ihrige, um das kleine Tier zu einem ausgezeichneten Räuber zu machen. Man will sogar beobachtet haben, daß es gemeinschaftlich jagt, hat auch keinen Grund, dies zu bezweifeln, weil es gesellig lebt und an manchen Orten in großer Anzahl sich sammelt. Kleine Tiere packt es im Genicke oder beim Kopfe, große sucht es am Halse zu fassen und womöglich durch Zerbeißen der Halsschlagader zu töten. In die Eier macht es geschickt an einem Ende eines oder mehrere Löcher und saugt dann die Flüssigkeit aus, ohne daß ein Tropfen verloren geht. Größere Eier soll es zwischen Kinn und Brust klemmen, wenn es sie fortschaffen muß; kleinere trägt es im Maule weg. Bei größeren Tieren begnügt es sich mit dem Blute, das es trinkt, ohne das Fleisch zu berühren, kleinere frißt es ganz auf; die, die es einmal gepackt hat, läßt es nicht wieder fahren. Und dabei gilt es ihm gleich, ob seine Räubertaten bemerkt werden oder nicht. In einer Kirche bei Oxford sah man während des Gottesdienstes plötzlich ein Wiesel aus einer kleinen Öffnung, die nach dem Kirchhofe führte, hervorkommen, sich neugierig umschauen, plötzlich wieder verschwinden und nach wenigen Minuten von neuem erscheinen mit einem Frosche im Maule, den es angesichts der ganzen Gemeinde gemächlich verzehrte. In unmittelbarer Nähe von bewohnten Gebäuden jagt es fast ohne alle Scheu.

Die Paarungszeit fällt in den März. Im Mai oder Juni, also nach fünfwöchentlicher Tragzeit, bekommt das Weibchen fünf bis sieben, manchmal aber bloß drei, zuweilen auch acht blinde Junge, die es meist in einem hohlen Baume oder in einem seiner Löcher zur Welt bringt, immer aber an einem versteckten Orte auf ein aus Stroh, Heu, Laub und dergleichen bereitetes, nestartiges Lager bettet. Es liebt sie außerordentlich, säugt sie lange und ernährt sie dann noch mehrere Monate mit Haus-, Wald- und Feldmäusen, die es ihnen lebendig bringt. Wenn sie beunruhigt werden, trägt es sie im Maule an einen andern Ort. Bei Gefahr verteidigt die treue Mutter ihre Kinder mit grenzenlosem Mut. Sowie die allerliebsten Tierchen erwachsen sind, spielen sie oft bei Tage mit der Alten, und es sieht ebenso wunderlich als hübsch aus, wenn die Gesellschaft im hellsten Sonnenschein auf Wiesen sich umhertreibt, zumal auf solchen, die an unterirdischen Gängen, namentlich an Maulwurfslöchern, reich sind. Lustig geht es beim Spielen zu. Aus diesem und jenem Loche guckt ein Köpfchen hervor; neugierig sehen sich die kleinen, hellen Augen nach allen Seiten um. Es scheint alles ruhig und sicher zu sein, und eines nach dem andern verläßt die Erde und treibt sich im grünen Grase umher. Die Geschwister necken, beißen und jagen sich und entfalten dabei alle Gewandtheit, die ihrem Geschlechte eigentümlich ist. Wenn der versteckte Beobachter ein Geräusch macht, vielleicht ein wenig hustet oder in die Hand schlägt, stürzt alt und jung voll Schrecken in die Löcher zurück, und nach weniger als einer Zehntelminute scheint alles verschwunden zu sein. Doch nein! Hier schaut bereits wieder ein Köpfchen aus dem Loche hervor, dort ein zweites, da ein drittes: jetzt sind sie sämtlich da, prüfen von neuem, vergewissern sich der Sicherheit, und bald ist die ganze Gesellschaft vorhanden. Wenn man nunmehr das Erschrecken fortsetzt, bemerkt man gar bald, daß es wenig helfen will; denn die kleinen, mutigen Tierchen werden immer dreister, immer frecher und treiben sich zuletzt ganz unbekümmert vor den Augen des Beobachters umher.

siehe Bildunterschrift

Kleines Wiesel ( Mustela nivalis)

Junge Wiesel, die noch bei der Mutter sind, haben das rechte Alter, um gezähmt zu werden. Die Ansicht, die sich unter den Naturforschern von Buffon her fortgeerbt hat, daß unser Tierchen unzähmbar sei, hat mit Recht Widerlegung gefunden; gänzlich unbegründet aber ist sie nicht. Gefangene Wiesel gehören zu großen Seltenheiten, nicht weil man sie schwer erlangt, sondern weil sie nur in wenigen Ausnahmefällen den Verlust ihrer Freiheit ertragen. Ich meinesteils habe mir die größte Mühe gegeben, ein Wiesel längere Zeit am Leben zu erhalten, ihm die ihm zusagendsten Aufenthaltsorte und die passendste Nahrung geboten, es in keiner Weise an umsichtiger Pflege fehlen lassen, und bin doch nicht zum Ziele gelangt. Ein oder zwei Tage, manchmal auch wochenlang geht es ganz gut; plötzlich aber liegt das Tierchen zuckend und sich windend auf dem Boden, und bald darauf ist es verendet. In seiner außerordentlichen Reizbarkeit dürfte meiner Meinung nach die hauptsächlichste Ursache dieser Hinfälligkeit gefunden werden: das Wiesel ärgert sich, falls man so sagen darf, zu Tode. Anders verhält es sich, wenn man junge, womöglich noch blinde Wiesel aufzieht, beziehentlich sie durch eine sanfte Katzenmutter aufsäugen läßt; sie, die von Kindheit an an den Menschen sich gewöhnen, werden ungemein zahm und dann zu wirklich allerliebsten Geschöpfen. Unter den verschiedenen Geschichten, die von solchen Wieseln berichten, scheint mir eine von Frauenhand niedergeschriebene, die Wood in seiner » Natural History« mitteilt, die anmutigste zu sein, und deshalb will ich sie im Auszuge wiedergeben.

»Wenn ich etwas Milch in meine Hand gieße«, sagt die Dame, »trinkt mein zahmes Wiesel davon eine gute Menge; schwerlich aber nimmt es einen Tropfen von der so geliebten Flüssigkeit, wenn ich ihm nicht die Ehre antue, ihm meine Hand zum Trinkgefäße zu bieten. Sobald es sich gesättigt hat, geht es schlafen. Mein Zimmer ist sein gewöhnlicher Aufenthaltsort, und ich habe ein Mittel gefunden, seinen unangenehmen Geruch durch wohlriechende Stoffe vollständig aufzuheben. Bei Tage schläft es in einem Polster, zu dessen Innern es Eingang gefunden hat; während der Nacht wird es in einer Blechbüchse in einem Käfig verwahrt, geht aber stets ungern in dieses Gefängnis und verläßt es mit Vergnügen. Wenn man ihm seine Freiheit gibt, ehe ich wach werde, kommt es in mein Bett und kriecht nach tausend lustigen Streichen unter die Decke, um in meiner Hand oder an meinem Busen zu ruhen. Bin ich aber bereits munter geworden, wenn es erscheint, so widmet es mir wohl eine halbe Stunde und liebkost mich auf die verschiedenste Weise. Es spielt mit meinen Fingern, wie ein kleiner Hund, springt mir auf den Kopf und den Nacken oder klettert um meinen Arm oder um meinen Leib mit einer Leichtigkeit und Zierlichkeit, die ich bei keinem andern Tiere gefunden habe. Halte ich ihm in einer Entfernung von einem Meter meine Hand vor, so springt es in sie hinein, ohne jemals zu fallen. Es bekundet große Geschicklichkeit und List, um irgendeinen seiner Zwecke zu erreichen, und scheint oft das Verbotene aus einer gewissen Lust am Ungehorsam zu tun.

Bei seinen Bewegungen zeigt es sich stets achtsam auf alles, was vorgeht. Es schaut jede hohle Ritze an und dreht sich nach jedem Gegenstand hin, den es bemerkt, um ihn zu untersuchen. Sieht es sich in seinen lustigen Sprüngen beobachtet, so läßt es augenblicklich nach und zieht es gewöhnlich vor, sich schlafen zu legen. Sobald es aber munter geworden ist, bestätigt es sofort seine Lebendigkeit wieder und beginnt seine heiteren Spiele sogleich von neuem. Ich habe es nie schlecht gelaunt gesehen, außer wenn man es einsperrt oder zu sehr geplagt hatte. In solchen Fällen suchte es dann sein Mißvergnügen durch kurzes Gemurmel auszudrücken, gänzlich verschieden von dem, das es ausstößt, wenn es sich wohl befindet.

Das kleine Tier unterscheidet meine Stimme unter zwanzig andern, sucht mich bald heraus und springt über jeden hinweg, um zu mir zu kommen. Es spielt mit mir auf das liebenswürdigste und liebkost mich in einer Weise, die man sich nicht vorstellen kann. Mit seinen zwei kleinen Pfötchen streicht es mich oft am Kinn und sieht mich dabei mit einer Miene an, die sein großes Vergnügen auf das beste ausdrückt. Aus dieser seiner Liebe und tausend andern Bevorzugungen meiner Person ersehe ich, daß seine Zuneigung zu mir eine wahre und nicht eingebildete ist. Wenn es bemerkt, daß ich mich ankleide, um auszugehen, will es mich gar nicht verlassen, und niemals kann ich mich so ohne Umstände von ihm befreien. Listig, wie es ist, verkriecht es sich gewöhnlich in ein Zimmer an der Ausgangstür, und sobald ich vorbeigehe, springt es plötzlich auf mich und versucht alles mögliche, um bei mir zu bleiben.

In seiner Lebendigkeit, Gewandtheit, in der Stimme und in der Art seines Gemurmels ähnelt es am meisten dem Eichhörnchen. Während des Sommers rennt es die ganze Nacht hindurch im Hause umher; seit Beginn der kälteren Zeit aber habe ich dies nicht mehr beobachtet. Es scheint jetzt die Wärme sehr zu vermissen, und oft, wenn die Sonne scheint und es auf meinem Bette spielt, dreht es sich um, setzt sich in den Sonnenschein und murmelt dort ein Weilchen.

Wasser trinkt es bloß, wenn es Milch entbehren muß, und auch dann immer mit großer Vorsicht. Es scheint just, als wolle es sich nur ein wenig abkühlen und sei fast erschreckt über die Flüssigkeit; Milch hingegen trinkt es mit Entzücken, jedoch immer bloß tropfenweise, und ich darf stets nur ein wenig von der so beliebten Flüssigkeit in meine Hand gießen. Wahrscheinlich trinkt es im Freien den Tau in derselben Weise wie bei mir die Milch. Als es einmal im Sommer geregnet hatte, reichte ich ihm etwas Regenwasser in einer Tasse und lud es ein, hin zu gehen, um sich zu baden, erreichte aber meinen Zweck nicht. Hierauf befeuchtete ich ein Stücken Leinenzeug in diesem Wasser und legte es ihm vor, darauf rollte es sich mit außerordentlichem Vergnügen hin und her.

Eine Eigentümlichkeit meines reizenden Pfleglings ist seine Neugier. Es ist geradezu unmöglich, eine Kiste, ein Kästchen oder eine Büchse zu öffnen, ja bloß ein Papier anzusehen, ohne daß auch mein Wiesel den Gegenstand beschaut. Wenn ich es wohin locken will, brauche ich bloß ein Papier oder ein Buch zu nehmen und aufmerksam auf dasselbe zu sehen, dann erscheint es plötzlich bei mir, rennt auf meiner Hand hin und schaut mit größter Aufmerksamkeit auf den Gegenstand, den ich betrachte.

Ich muß schließlich bemerken, daß das Tierchen mit einer jungen Katze und einem Hunde, die beide schon ziemlich groß sind, gern spielt. Es klettert auf ihren Nacken und Rücken herum und steigt an den Füßen und dem Schwanze empor, ohne ihnen jedoch auch nur das leiseste Ungemach zuzufügen.«

Der Herausgeber der eigenartigen Geschichte bemerkt nun noch, daß das Tierchen hauptsächlich mit kleinen Stückchen Fleisch gefüttert wurde, die es ebenfalls am liebsten aus der Hand seiner Herrin annahm.

Dies ist nicht das einzige Beispiel von der vollständig gelungenen Zähmung des Wiesels. Ein Engländer hatte ein jung aus dem Neste genommenes so an sich gewöhnt, daß es ihm überall folgte, wohin er auch ging, und andere Tierfreunde haben die niedlichen Geschöpfe dahin gebracht, daß sie nach Belieben nicht nur im Hause herumlaufen, sondern auch aus- und eingehen durften.

Bei guter Behandlung kann man das Wiesel vier bis sechs Jahre am Leben erhalten; in der Freiheit dürfte es ein Alter von acht bis zehn Jahren erreichen. Leider werden die kleinen, nützlichen Geschöpfe von unwissenden Menschen vielfach verfolgt und aus reinem Übermute getötet. In Fallen, die man mit Eiern, kleinen Vögeln oder Mäusen ködert, fängt das Wiesel sich sehr leicht. Oft findet man es auch in Rattenfallen, in die es zufällig geraten ist. Wegen des großen Nutzens, den es stiftet, sollte man das ausgezeichnete Tier kräftig schützen, anstatt es zu verfolgen. Man kann dreist behaupten, daß zur Mäusejagd kein anderes Tier so vortrefflich ausgerüstet ist wie das Wiesel. Der Schaden, den es anrichtet, wenn es zufällig in einen schlechtverschlossenen Hühnerstall oder Taubenschlag gerät, kommt diesem Nutzen gegenüber gar nicht in Betracht. Doch ist gegen Vorurteile aller Art leider nur schwer anzukämpfen, und die Dummheit gefällt sich eben gerade darin, Vernunftgründe nicht zu beachten. Nicht genug, daß man die Tätigkeit des Tieres vollkommen verkennt, schmückt man auch seine Geschichte noch mit mancherlei Fabeln aus. Unter vielen ist noch hier und da die Meinung verbreitet, daß das Wiesel seine Jungen aus dem Munde gebäre, jedenfalls deshalb, weil man die Mutter oft ihre Jungen von einem Orte zum andern tragen sieht und dabei zufällig nicht an die Hauskatze denkt, die doch genau dasselbe tut. Außerdem glaubt man, daß alle Tiere, die mit ihm in Berührung kommen oder von ihm gebissen werden, an den betreffenden Stellen bösartige Geschwülste bekommen, und fürchtet namentlich für Kühe, die den Bissen des vollkommen harmlosen Geschöpfes mehr als alle andern Haustiere ausgesetzt sein sollen. In den Augen abergläubischer Leute ist, laut Wuttke, das Wiesel ein äußerst gefährliches Tier. Wenn jemand von ihm angefaucht wird, so schwillt das Gesicht auf, oder man wird blind oder muß sterben, ja schon das bloße Ansehen des Tierchens macht blind oder krank. Man darf das Wiesel nicht beim Namen nennen, sonst verfolgt es den Menschen und bläst ihn an, deshalb muß man zu ihm sagen: »Schönes Dingel behüt' dich Gott.« Es bläst auch das Vieh an, wodurch dieses krank wird und Blut statt Milch gibt. Ein langsam zu Tode gemartertes Wiesel heilt Beulen, das ihm abgezapfte, noch warm getrunkene Blut die Fallsucht, das einem lebendigen Wiesel ausgerissene und sofort gegessene Herz verleiht die Kraft der Wahrsagung. Von sonstiger Quacksalberei, wie solche der alte Geßner erzählt, will ich schweigen; nach den Proben, die ich weiter oben gegeben, genügt es zu sagen, daß so ziemlich jeder Teil des Leibes im Arzneischatze früherer Zeiten seine Rolle spielte. Dagegen glauben die Landleute in andern Gegenden, daß die Anwesenheit eines Wiesels im Hofe dem Hause und der Wirtschaft Glück bringe, und diese Leute haben, in Anbetracht der guten Dienste, die der kleine Räuber leistet, jedenfalls die Wahrheit besser erkannt, als jene, die mit Inbrunst an albernen Weibermärchen hängen.

 

Der nächste Verwandte ist das Hermelin, auch wohl großes Wiesel genannt ( Mustela Erminea), ein Tier, das dem Hermännchen in Gestalt und Lebensweise außerordentlich ähnelt, aber bedeutend größer ist als der kleine Verwandte. Die Gesamtlänge beträgt 32 bis 33 Zentimeter; wovon der Schwanz 5 bis 6 Zentimeter wegnimmt; im Norden soll es jedoch größer werden als bei uns. Oberseite und Schwanzwurzelhälfte sehen im Sommer braunrot, im Winter weiß aus und haben zu jener Zeit braunrötliches, zu dieser weißes Wollhaar, die Unterseite hat jederzeit weiße Färbung mit gelblichem Anfluge, und die Endhälfte des Schwanzes ist immer schwarz.

Die Veränderung der Färbung des Hermelins im Sommer und Winter hat unter den Naturforschern zu Meinungsverschiedenheiten Veranlassung gegeben. Einige sonst trefflich beobachtende Schriftsteller nehmen an, daß eine doppelte Härung stattfinde, andere, zu denen ich zähle, sind der Ansicht, daß das Sommerhaar gegen den Winter hin und beziehentlich bei Eintritt starker Kälte einfach verbleicht, so wie wir das bei dem Eisfuchse und dem Schneehasen beobachten können. Über den Farbwechsel im Frühling hat der Schwede Grill, dessen anmutige Schilderungen weiter unten folgen werden, nach Wahrnehmungen an seinen Gefangenen treffliche Beobachtungen gemacht. »Am 4. März«, sagt er, »konnte man zuerst einige dunkle Haare zwischen den Augen bemerken. Am 10. hatte es auf derselben Stelle einen braunen, hier und da mit weiß durchbrochenen Flecken, von der Breite der halben Stirne. Über den Augen und um die Nase zeigten sich nun mehrere kleine dunkle Flecke. Wenn es sich krumm bückte, sah man, daß der Grund längs der Mitte des Rückens, unter den Schultern und auf dem Scheitel dunkel war. Am 11. war es den ganzen Rückgrat und über die Schultern entlang dunkel. Am 15. zog sich das Dunkle schon über die Hinter- und Vorderbeine sowie ein Stück über die Schwanzwurzel. Am 18. umfaßte das Graubraun den Durchgang zwischen den Ohren, den Hinterhals, ungefähr 5 Zentimeter breit, ebenso den Rücken, ein Viertel des Schwanzes und zog sich über Schultern und Hüften bis zu den Füßen. Überall war die dunkle und die weiße Färbung scharf begrenzt und die erstere durchaus unvermischt mit weiß, ausgenommen im Gesicht, das ganz bunt aussah. Das Braune war dort am dunkelsten und wurde nach hinten zu allmählich heller, so daß es über die Lenden und um die Schwanzwurzel gelbbraun oder schmutziggelblich war. Der Schwanz hatte nun drei Farben, nämlich ein Viertel braungelb, ein Viertel weiß mit schwefelgelbem Anstrich und die Hälfte schwarz. Auch unter dem Bauche war die schwefelgelbe Farbe jetzt stärker als vorher. Der Farbenwechsel ging sehr schnell vor sich, besonders im Anfange, so daß man ihn täglich, ja sogar halbtäglich bemerken konnte. Am 3. April war nur noch weiß: die untere Seite des Halses und der Kehle, der ganze Bauch, die Ohren und von da zu den Augen, die mit einem kleinen Ring umgeben waren, ein kurzes Stück vor der schwarzen Hälfte des Schwanzes und die ganze Unterseite seiner vorderen Hälfte, die ganzen Füße sowie die innere Seite der Vorder- und Hinterbeine und die Hinterseite der Schenkel. Am 19. waren auch die Ohren, bis auf einen kleinen Teil des unteren Randes, braun. Es ist an keiner Stelle stachelhaarig gewesen; außer an der Stirn, wo mehrere weiße Haare nebeneinander sitzen und kleine Flecken bilden. Erst wuchsen die dunklen Haare auf einmal hervor, und ehe sie mit den weißen gleich hoch waren, waren diese schon ausgefallen. Man kann annehmen, daß der eigentliche Wechsel in der ersten Hälfte des März vor sich ging; nach dem 19. März hat das braune Kleid sich nur mehr ausgebreitet und allmählich das weiße verdrängt.« Über die Ausbleichung des Sommerkleides fehlen allerdings noch Angaben, die auf Beobachtung lebender Wiesel beruhen; doch wissen wir, daß die Wintertracht unter Umständen sehr schnell angelegt werden kann. Nicht selten sieht man das Hermelin bis spät in den Winter hinein in seinem Sommerkleide umherlaufen; wenn aber plötzlich Kälte eintritt, verändert es oft in wenigen Tagen seine Färbung. Hieraus geht für mich mit kaum anzufechtender Gewißheit hervor, daß ebenso wie bei den oben genannten Tieren auch beim Hermelin eine einfache Verfärbung oder, wenn man will, Ausbleichung des Haares stattfindet.

Das Hermelin hat eine sehr ausgedehnte Verbreitung im Norden der Alten Welt. Nordwärts von den Pyrenäen und dem Balkan findet es sich in ganz Europa, und außerdem kommt es in Nord- und Mittelasien bis zur Ostküste Sibiriens vor. In Kleinasien und Persien hat man es ebenfalls angetroffen, ja selbst im Himalaja will man es beobachtet haben. In allen Ländern, in denen es vorkommt, ist es auch nicht selten, in Deutschland sogar eines der häufigsten Raubtiere.

Wie dem Wiesel, ist auch dem Hermelin jede Gegend, ja fast jeder Ort zum Aufenthalte recht, und es versteht, sich überall so behaglich als möglich einzurichten. Erdlöcher, Maulwurf- und Hamsterröhren, Felsklüfte, Mauerlöcher, Ritzen, Steinhaufen, Bäume, unbewohnte Gebäude und hundert andere ähnliche Schlupforte bieten ihm Obdach und Verstecke während des Tages, den es größtenteils in seinem einmal gewählten Bau verschläft, obwohl es gar nicht selten auch angesichts der Sonne im Freien lustwandelt und sich dreist den Blicken des Menschen aussetzt. Seine eigentliche Jagdzeit beginnt jedoch erst mit der Dämmerung. Schon gegen Abend wird es lebendig und rege. Wenn man um diese Zeit an passenden Orten vorübergeht, braucht man nicht lange zu suchen, um das klugäugige, scharfsinnige Wesen zu entdecken. Findet man in der Nähe einen geeigneten Platz, um sich zu verstecken, so kann man sein Treiben leicht beobachten. Ungeduldig und neugierig, wie es ist, vielleicht auch hungrig und sehnsüchtig nach Beute, kommt es hervor, zunächst bloß, um die unmittelbarste Nähe seines Schlupfwinkels zu untersuchen. Alle Behendigkeit, Gewandtheit und Zierlichkeit seiner Bewegungen offenbaren sich jetzt. Bald windet es sich wie ein Aal zwischen den Steinen und Schößlingen des Unterholzes hindurch; bald sitzt es einen Augenblick bewegungslos da, den schlanken Leib in der Mitte hoch aufgebogen, viel höher noch, als es die Katze kann, wenn sie den nach ihr benannten Buckel macht; bald bleibt es einen Augenblick vor einem Mauseloche, einer Maulwurfshöhle, einer Ritze stehen und schnuppert da hinein. Auch wenn es auf einer und derselben Stelle verharrt, ist es nicht einen Augenblick ruhig; denn die Augen und Ohren, ja selbst die Nase, sind in beständiger Bewegung, und der kleine Kopf wendet sich blitzschnell nach allen Richtungen. Man darf wohl behaupten, daß es in allen Leibesübungen Meister ist. Es läuft und springt mit der größten Gewandtheit, klettert vortrefflich und schwimmt unter Umständen rasch und sicher über Ströme, ja, selbst durch das Meer. »Ein Bauer«, sagt Thompson, »bemerkte, als er mit seinem Boot über den eine englische Meile breiten Meeresarm fuhr, der einen Teil von Islandmagee von dem nächsten Lande trennt, ein kleines Tier lustig schwimmend in dem Wasser. Er ruderte auf dasselbe zu und fand, daß es ein Wiesel war, das unzweifelhaft das genannte Inselchen besuchen wollte und bereits das Viertel einer englischen Meile zurückgelegt hatte.«

Mit seiner Leibesgewandtheit stehen die geistigen Eigenschaften des Hermelins vollständig im Einklang. Es besitzt denselben Mut wie sein kleiner Vetter und eine nicht zu bändigende Mordlust, verbunden mit dem Blutdurst seiner Sippschaft. Auch das Hermelin kennt keinen Feind, der ihm wirklich Furcht einflößen könnte; denn selbst auf den Menschen geht es unter Umständen tolldreist los. Man sollte nicht glauben, daß es dem erwachsenen Mann ein wenigstens lästiger Gegner sein könnte: und doch ist dem so. »Ich erlaube mir«, schreibt Hengstenberg unterm 8. August 1869 an mich, »Mitteilung von einer Tatsache zu machen, die Ihnen vielleicht nicht unwichtig erscheinen dürfte. Vorgestern gegen Abend spielt das fünfjährige Kind des Bahnhofsinspektors Braun in Bochum am Rande eines Gartens, gleitet aus und fällt mit der Hand in diesen. Mit Blitzesschnelle schießt ein Hermelin auf das Kind zu und beißt es zweimal in die Hand. Heftig blutend eilt dieses nach Hause, wo eine zufällig gegenwärtige barmherzige Schwester den ersten Verband übernimmt. Ich werde hinzugerufen und finde die Speichenschlagader vollständig durchgerissen und bogenförmig spritzend. Die Wunde hatte ganz die halbkreisförmige Gestalt des Kiefers des Tiers; etwas höher, nach dem Ballen des Daumens zu, fand sich eine regelmäßig eingerissene Hautwunde vor. Ich vermute, daß das Tierchen in der Nähe der Stelle, an der das Kind fiel, Junge hatte, dieselben bedroht glaubte, sie verteidigen wollte und deshalb die Wunde beibrachte.«

Das Hermelin jagt und frißt fast alle Arten kleiner Säugetiere und Vögel, die es erlisten kann, und wagt sich gar nicht selten auch an Beute, die es an Leibesgröße bedeutend übertrifft. Mäuse, Maulwürfe, Hamster, Kaninchen, Sperlinge, Lerchen, Tauben, Hühner, Schwalben, die es aus den Nestern holt, Schlangen und Eidechsen werden beständig von ihm befehdet, und selbst Hasen sind nicht vor ihm sicher. Vor einigen Jahren sah Lenz einmal fünf Hermeline bei einem Gartenzaune auf einem kranken Hasen sitzen, um diesen zu erwürgen. Derselbe Beobachter fügt hinzu, daß gesunde und große Hasen natürlich vor dem Wiesel sicher seien und bloß kranke und junge ihm zur Beute fielen; jedoch versichern englische Naturforscher, daß das freche Tier auch gesunde überfalle. Hope hört Lampes lauten Angstschrei und wollte nach dem Orte hingehen, um sich von der Ursache zu überzeugen. Er sah einen Hasen dahinhinken, der offenbar von irgend etwas auf das äußerste gequält wurde. Dieses etwas hing ihm an der Seite der Brust, wie ein Blutegel angesaugt, und beim Näherkommen erkannte unser Beobachter, daß es ein Wiesel war. Der Hase schleppte seinen furchtbaren Feind noch mit sich fort und verschwand im Unterholz; wahrscheinlich kam er nicht mehr weit. Man hat auch diese Tatsache bestreiten wollen; doch unterliegt sie keinem Zweifel. Schon Geßner weiß von Angriffen des Hermelins auf Hasen zu berichten: »Dem Hasen soll es listiglich nachstellen, dann es spilt und schimpfft ein weyl mit jm, unn so er müd, sich der feyndschafft nit versicht, so springt es jm an seinen halß und gurgel, hangt, truckt und erwürgt jn, ob er gleych in dem louff ist«. Auch neuerdings sind von Naturforschern, deren Glaubwürdigkeit keinen Zweifel zuläßt, hierauf bezügliche Beobachtungen gemacht worden. »Es ist bekannt«, erzählt Karl Müller, »daß das Hermelin ein gefährlicher Feind des Hasen ist, und namentlich im Sommer, wenn die üppige Saat und das hochgewachsene Gras dem kleinen Schelm das Lauern an heimlichen Plätzchen oder das Anschleichen begünstigt, oft reiche Beute unter den feigen Bewohnern der Felder macht. Das Angst- und Todesgeschrei des wehrlosen Opfers mit dem kühnen, blutsaugenden Reiter im Nacken ist auf meinen Abendspaziergängen mir schon viele Male zu Ohren gedrungen, und einmal habe ich das Glück gehabt, in den Besitz des sterbenden Hasen samt dem im Blutgenusse trunkenen Hermelin zu gelangen. Trotz alledem hielt ich es nicht für möglich, daß ein einziges Hermelin imstande wäre, in einem Zeitraum von wenigen Wochen ein halbes Dutzend Hasen zu überlisten und zu morden, bis ich im Spätsommer des Jahres 1865 Gelegenheit fand, mich eines bessern zu überzeugen. Mehrere Wegebauer unweit Alsfelds waren gegen Abend schon etliche Male durch das Klagen eines Hasen aufmerksam gemacht worden, ohne in den Haferacker, aus dem die Angsttöne herüberschallten, sich zu begeben, bis endlich ein Kenner der jagdbaren Tiere sich entschloß, der Ursache nachzuspüren. Am dritten Abend seiner Anwesenheit vernahm er wiederum die Klagetöne eines Hasen, lief eilig der Richtung zu und sah, nähergekommen, in immer enger geschlossenen Kreislinien die Haferhalme sich bewegen; plötzlich ward es stille und nach wenigen Augenblicken des Suchens fand er den alten Hasen zuckend am Boden liegen. Als er denselben aufheben wollte, kam unter ihm das Schwänzchen eines Hermelins zum Vorschein. Sofort tritt der derbe Bauer auf den Hasen, um das Raubtier zu erdrücken, läßt auch seinen Fuß so lange mit dem ganzen Gewichte seines Körpers auf dem Hals des Hasen ruhen, bis das Schwänzchen kein Zeichen des Lebens mehr verrät. Kaum aber lüftet er den Fuß, so springt taumelnd der kleine Mörder unter dem verendeten Hasen hervor und stellt sich zähnefletschend ihm gegenüber. Nun schlägt er diesen noch glücklich mit einem Hackenstiel auf den Kopf und rächt somit das gefallene Opfer. Die Untersuchung ergibt, daß die kleine Wunde vom Bisse des Hermelins vorn am Halse sich befindet. Zur Stelle geführt, überzeugte ich mich von den Spuren der Mordszene, und bei dieser Gelegenheit fanden die Steinklopfer teilweise im Haferacker, zum Teil in dem angrenzenden Graben fünf getötete, vorzugsweise an Kopf und Hals angefressene Hasen. Mit Ausnahme eines einzigen waren es junge, sogenannte halbwüchsige und Dreiläufer, alle noch ziemlich frisch. Die Leute, die noch vierzehn Tage lang in der Nähe der erwähnten Stelle Steine klopften, nahmen einen neuen Fall des Angriffs des Hermelins auf einen Hasen nicht wahr, ein Beweis, daß der erschlagene der alleinige Mörder gewesen war.« Ein solches Vorkommnis gehört übrigens, wie ich bemerken will, immer zu den Ausnahmen; es sind stets bloß einzelne Hermeline, die sich derartige Übergriffe erlauben, nachdem sie einmal erfahren haben, wie leicht es für sie ist, selbst dieses unverhältnismäßig große Wild zu töten.

Allerliebst sieht es aus, wenn ein Hermelin eine seiner Lieblingsjagden unternimmt, nämlich eine Wasserratte verfolgt. Gedachtem Nager wird von dem unverbesserlichen Strolche zu Wasser und zu Lande nachgestellt und, so ungünstig das eigentliche Element dieser Ratten dem Hermelin auch zu sein scheint, zuletzt doch der Garaus gemacht. Zuerst spürt das Raubtier alle Löcher aus. Sein feiner Geruch sagt ihm deutlich, ob in einem von ihnen eine oder zwei Ratten gerade ihrer Ruhe pflegen oder nicht. Hat das Hermelin nun eine beuteversprechende Höhle ausgewittert, so geht es ohne weiteres hinein. Die Ratte hat natürlich nichts eiligeres zu tun, als sich entsetzt in das Wasser zu werfen, und ist im Begriff, durch das Schilfdickicht zu schwimmen; aber das rettet sie nicht vor dem unermüdlichen Verfolger und ihrem ärgsten Feinde. Das Haupt und den Nacken über das Wasser emporgehoben, wie ein schwimmender Hund es zu tun pflegt, durchgleitet das Hermelin mit der Behendigkeit des Fischotters das ihm eigentlich fremde Element und verfolgt nun mit seiner bekannten Ausdauer die fliehende Ratte. Diese ist verloren, wenn nicht ein Zufall sie rettet. Kletterkünste helfen ihr ebensowenig wie Versteckspielen. Der Räuber ist ihr ununterbrochen auf der Fährte, und seine Raubtierzähne sind immer noch schlimmer als die starken und scharfen Schneidezähne des Nagers. Der Kampf wird unter Umständen selbst im Wasser ausgeführt, und mit der erwürgten Beute im Maule schwimmt dann das behende Tier dem Ufer zu, um sie dort gemächlich zu verzehren. Wood erzählt, daß einige Hermeline eine zahlreiche Ansiedlung von Wasserratten in wenig Tagen zerstörten.

Die Paarungszeit des Hermelins fällt bei uns in den März. Im Mai oder Juni bekommt das Weibchen fünf bis acht Junge. Gewöhnlich bereitet die Alte ihr weiches Bett in einem günstig gelegenen Maulwurfsbau oder in einem andern ähnlichen Schlupfwinkel. Sie liebt ihre Kinder mit der größten Zärtlichkeit, säugt und pflegt sie und spielt mit ihnen bis in den Herbst hinein; denn erst gegen den Winter hin trennen sich die fast vollständig ausgewachsenen Jungen von ihrer treuen Pflegerin. Sobald Gefahr droht, trägt die besorgte Mutter die ganze Brut im Maule nach einem andern Versteck, sogar schwimmend durch das Wasser. Wenn die Jungen erst einigermaßen erwachsen sind, macht sie Ausflüge mit ihnen und unterrichtet sie auf das gründlichste in allen Künsten des Gewerbes. Die kleinen Tiere sind auch so gelehrig, daß sie schon nach kurzer Lehrfrist der Alten an Mut, Schlauheit, Behendigkeit und Mordlust nicht viel nachgeben.

Man fängt das Hermelin in Fallen aller Art, oft auch in Rattenfallen, in die es zufällig gerät; kommt man dann hinzu, so läßt es ein durchdringendes Gezwitscher hören; reizt man es, so fährt es mit einem quiekenden Schrei auf einen zu, sonst aber gibt es seine Angst bloß durch leises Fauchen zu erkennen. In der Regel lebt auch ein alt gefangenes Hermelm nicht lange, weil es, ebenso reizbar wie das Wiesel, sich weder an den Käfig noch an den Pfleger gewöhnen will und entweder Nahrung verschmäht oder sich so aufregt, daß es infolgedessen zugrunde geht. Ich habe viele Hermeline gefangen, sorgsam gepflegt, niemals aber eines von ihnen am Leben erhalten können. Jung aus dem Neste gehobene Wiesel dieser Art dagegen werden sehr zahm und bereiten ihrem Pfleger viel Vergnügen; einzelne soll man dazu gebracht haben, nach Belieben aus- und einzugehen und ihrem Herrn wie ein Hund zu folgen. Aber auch alt gefangene machen zuweilen von dem eben gesagten eine Ausnahme. »Einige Tage vor Weihnachten 1843«, erzählt Grill, »bekam ich ein Hermelinmännchen, das in einem Holzhaufen gefangen wurde. Es trug sein reines Winterkleid. Die schwarzen, runden Augen, die rotbraune Nase und die schwarze Schwanzspitze stachen grell gegen die schneeweiße Färbung ab, die nur an der Schwanzwurzel und auf der innern Hälfte des Schwanzes einen schönen, schwefelgelben Anflug hatte. Es war ein hübsches, allerliebstes, äußerst bewegliches Tierchen. Ich setzte es anfangs in ein größeres, unbewohntes Zimmer, worin sich bald der dem Mardergeschlecht eigne üble Geruch verbreitete. Seine Fertigkeit, zu klettern, zu springen und sich zu verbergen, war bewundernswert. Mit Leichtigkeit kletterte es die Fenstervorhänge hinauf, und wenn es dort oben auf seinem Platze erschreckt wurde, stürzte es sich oft ängstlich mit einem Angstschrei auf den Fußboden herunter. Am zweiten Tage lief es an der Ofenröhre hinauf und blieb dort, ohne etwas von sich hören zu lassen, bis es endlich, nach mehreren Stunden, mit Ruß bedeckt wieder zum Vorschein kam. Oft foppte es mich stundenlang, wenn ich es suchte, bis ich es zuletzt an einem Orte versteckt fand, wo ich es am wenigsten vermutete. Es drängte sich hinter einem dicht an der Wand stehenden Schrank empor und ruhte dort ohne irgendeine Unterlage. In seinem Zimmer hing hoch an der freien Wand eine Pendeluhr. Einmal, als ich hineinkam, bemerkte ich zu meiner Verwunderung, daß die Uhr ging; und bei näherer Untersuchung fand ich, daß mein »Kisse« in guter Ruhe hinter der Uhrtafel auf dem Rande des Werkes lag. Es war vom Fußboden hinaufgeklettert oder gesprungen, und die dadurch verursachte Erschütterung hatte wohl den Pendel in Gang gesetzt. Da das Zimmer nicht geheizt wurde, suchte es sich bald sein Lager in einer Bettstelle und wählte sich einen besonderen Platz, den es jedoch gleich verließ, wenn jemand in die Tür trat. Das Bett blieb aber von nun an sein liebstes Versteck. Gewöhnlich sucht es dieses auf, wenn man rasch auf es zugeht; aber wenn man ihm freundlich zuredet und sich sonst stillhält, bleibt es oft in seinem Laufe stehen oder geht neugierig einige Schritte vorwärts, indem es seinen langen Hals ausstreckt und den einen Vorderfuß aufhebt. Diese seine Neugier ist auch allgemein bekannt, so daß das Landvolk zu sagen pflegt: »Wieselchen freut sich, wenn man es lobt.« – Wenn es sehr aufmerksam oder wenn ihm etwas verdächtig ist, so daß es weiter sehen will als sein niedriger Leib ihm erlaubt, setzt es sich auf die Hinterbeine und richtet den Körper hoch auf. Es liegt oft mit erhobenem Halse, gesenktem Kopfe und aufwärts gekrümmtem Rücken. Wenn es läuft, trägt es den ganzen Körper so dicht dem Boden entlang, daß die Füße kaum zu bemerken sind. Wenn man ihm nahekommt, bellt es, ehe es die Flucht ergreift, mit einem heftigen und gellenden Ton, der dem des großen Buntspechtes am ähnlichsten ist; man könnte den Laut auch mit dem Fauchen einer Katze vergleichen, doch ist er schneidender. Noch öfter läßt es ein Zischen wie das einer Schlange hören.

Als das Hermelin am dritten Tage in ein großes Bauer gesetzt worden war, wo es sah, daß es nicht herauskommen konnte und sich sicher fühlte, ließ es sich nichts nahekommen, ohne ans Gitter zu springen, heftig mit den Zähnen zu hauen und den vorhin erwähnten Laut in einem langen Triller zu wiederholen, der dann dem Schackern einer Elster sehr ähnlich war. Dort ist es auch nicht bange vor dem Hunde, und beide bellen, jeder dicht an seiner Seite des Gitters, gegeneinander. Wenn man z. B. den Finger eines Handschuhs durchs Gitter steckt, beißt es hinein und reißt heftig daran. Wenn es sehr böse ist – und dazu ist nicht mehr erforderlich, als daß es von seinem Lager aufgescheucht wird – sträubt es jedes Haar seines langen Schwanzes.

Im allgemeinen ist es sehr boshaft. Musik ist ihm zuwider. Wenn man vor dem Bauer die Gitarre spielt, springt es wie unsinnig gegen das Gitter und bellt und zischt so lange, als man damit fortfährt. Es versucht niemals, die Klauen zum Zerreißen seiner Beute zu gebrauchen, sondern fällt immer mit den Zähnen an. – Während der beiden ersten Tage verbreitete sich der üble Geruch oft, nachher jedoch äußerst selten, weshalb ich ohne Unannehmlichkeit das Bauer immer in meinem Arbeitszimmer haben konnte.

Wenn es zur Ruhe geht, dreht es sich wohl mehrere Male rund um, und wenn es schläft, liegt es kreisförmig, die Nase dicht bei der Schwanzwurzel aufwärts gerichtet, wobei der Schwanz rund um den Körper gebogen wird, so daß die ganze Länge beinahe zwei Kreise bildet. Gegen Kälte zeigt es sich sehr empfindlich. Wenn es nur etwas kalt im Zimmer ist, liegt es beständig in dem Neste, das es sich aus Moos und Federn und mit zwei Ausgängen selbst eingerichtet hat, und wenn man es hinausjagt, zittert es sichtlich. Ist es dagegen warm, so sitzt es gern hoch oben auf dem Tannenbüschel, der im Bauer steht. Zuweilen putzt es sich den ganzen Körper bis zum Schwanzende; aber es behelligt seinen Reinlichkeitssinn durchaus nicht, daß nach der Mahlzeit beinahe immer die eine oder andere Feder auf der Nase sitzen bleibt. Wenn ein Licht dem Käfig nahesteht, schließt es, von dem Scheine belästigt, die Augen; eine dichte Ratzenfalle, worin ich es im Zimmer fing, wollte es aber durchaus nicht gegen das helle Bauer vertauschen. Im Halbdunkel glänzen seine Augen in einer grünen, klaren und schönen Farbe. Die ziemlich dichten Stahldrähte an dem Bauer biß es öfters paarweise zusammen, und wenn es allein im Zimmer war, entschlüpfte es auch wohl dem Gebauer. Einen Beweis seiner Klugheit gab es in den ersten Tagen, indem es sorgfältig seine liebsten Verstecke vermied, sobald es merkte, daß man es von dort in das Bauer locken wollte. Dieses mußte bald gegen ein starkes Eisenbauer ausgetauscht werden, dessen Dach und Fußboden von Holz das Tier niemals durchzubeißen versuchte; dagegen biß es oft in das Eisengitter, um hinauszukommen. Es hatte einen bestimmten Platz für die Losung, und die Einrichtung, wozu dieses Veranlassung gab, erleichterte sehr das Reinhalten des Bauers.

In den beiden ersten Tagen fraß das Hermelin Kopf und Füße von einigen Birkhühnern. Milch leckte es gleich anfangs mit großer Begier, und diese war, nebst kleinen Vögeln, seine liebste Speise. Zwei Goldammern reichten kaum für einen Tag aus. Es verzehrte den Kopf zuerst und ließ nichts als die Federn übrig. Von größern Vögeln, als von Hähern und Elstern, ließ es Kopf und Füße zurück. Rohe Hühnereier blieben mehrere Tage unberührt, obgleich es sehr hungrig war, bis ich Löcher hineinmachte, worauf es den Inhalt schnell ausgetrunken hatte. Frisches Fleisch von Hornvieh nimmt es nicht gern. Es ißt und trinkt mit einem schmatzenden Laute, wie wenn junge Hunde oder Ferkel saugen. Seine Beweglichkeit in der untern Kinnlade ist bemerkenswert: wenn es frißt, gähnt usw., stellt es sie beinahe senkrecht gegen die Oberkinnlade, wie Schlangen, was unter anderm Veranlassung gegeben hat, eine Ähnlichkeit zwischen ihm und diesen Tieren zu finden. Beim Fressen hält es die Augen fast geschlossen und runzelt Nase und Lippen so auf, daß das ganze Gesicht eine platte Fläche bildet. Wenn es dann das geringste Geräusch hört, wird es aufmerksam und mordet oder frißt nicht, so lange es sich beobachtet glaubt. Einen kleinen lebendigen Vogel fällt es gewöhnlich nicht gleich an, sondern erst dann, wenn alles still ist und der Vogel aus Furcht wie unbeweglich dasitzt; dann untersucht es ihn und, wenn es ein Zeichen von Leben sieht, tötet es denselben durch Zerquetschen des Kopfes, aber selten schnell und auf einmal, läßt ihn vielmehr fast immer lange im Todeskampf zappeln: eine Grausamkeit, die es auch gegen eine große Wanderratte bewies, die ich lebendig zu ihm hineinließ. Zuerst sprangen beide lange umeinander herum, ohne sich anzufallen; sie schienen sich voreinander zu fürchten. Die ungewöhnlich große Ratte war sehr dreist, biß boshaft in ein durchs Gitter gestecktes Stäbchen und hatte in wenigen Minuten die Milch des Hermelins ausgetrunken. Dieses saß ganz still am andern Ende des meterlangen Bauers. Es sah aus, als wäre die Ratte dort schon lange zu Hause und das Hermelin eben erst hineingekommen. Nach vollendeter Mahlzeit wollte indessen die erstere sich auch soweit wie möglich von dem Hermelin entfernt halten; als ich sie aber zwang, näherzukommen, war immer sie die angreifende, und wären Größe und Bosheit allein entscheidend gewesen, hätte ich gewiß mit den übrigen Zuschauern geglaubt, daß der Ausgang sehr ungewiß sei. Das Hermelin schien sogar einige Male zu unterliegen; daß es doch überlegen war, sah man an den schnelleren und sicheren Hieben, womit es sich verteidigte. Wie eine Schlange zog es sich zurück nach den Anfällen, die so schnell geschahen, daß man nicht Zeit hatte, den geöffneten Rachen zu sehen. Es war ein Kampf auf Leben und Tod. Die Ratte knirschte und piepte beständig, das Hermelin bellte nur bei der Verteidigung. Beide sprangen umeinander und gegen das Dach des fast meterhohen Bauers hinauf. Als ich sie lange gegeneinander aufgereizt hatte und die Ratte weniger kampflustig wurde, begann auch das Hermelin mit seinen Angriffen. Alle Anfälle geschahen offen, von vorn und nach dem Kopf gerichtet. Keins schlich sich hinter das andere. Bei dem letzten Zusammentreffen kam das Hermelin auf den Rücken der Ratte, preßte die Vorderfüße dicht hinter den Schultern der Ratte fest um ihren Leib zusammen, und da diese sich folglich nicht mehr verteidigen konnte, lagen beide längere Zeit auf der Seite, wobei der Sieger sich in den Oberhals der Ratte hineinfraß, bis diese endlich starb. Dann zerquetschte er ihr das Rückgrat der Länge nach und ließ beim Verzehren fast die ganze Haut, den Kopf, die Füße und den Schwanz zurück. Ganz auf gleiche Weise verfuhr das Hermelin mit einer andern ebenso großen lebendigen Ratte. Ich habe nie gesehen, daß es den Säugetieren oder Vögeln, die es getötet, das Blut ausgesogen hätte, wie man zuweilen angibt, aber wohl, daß es sie gleich auffraß.

Erst am 7. Mai, nachdem ich das Tier ungefähr 4½ Monate gehabt hatte, versuchte ich, ihm zu schmeicheln, obwohl mit Handschuhen versehen. Wohl biß es in diese hinein, aber ich fühlte keine Zahnspitzen, und noch weniger ließ es Spuren zurück. Zuerst suchte es meinen Liebesbezeugungen auszuweichen, zuletzt aber schienen sie ihm sichtbar zu behagen; es legte sich auf den Rücken und schloß die Augen. Am folgenden Tage wiederholte ich meine Versuche, da ich mir fest vorgenommen hatte, es so zahm wie möglich zu machen. Bald zog ich den Handschuh ab und beschäftigte mich mit ihm, doch mit gleicher Sicherheit als vorher. Es ließ sich willig streicheln und krauen soviel ich wollte, die Füße aufheben usw., ja, ich konnte ihm sogar den Mund öffnen, ohne daß es böse wurde. Wenn ich es aber um den Leib faßte, glitt es mir leicht und schnell wie ein Aal aus den Händen. Man mußte ihm leise nahen, wenn es nicht bange werden sollte, und die Hauptregel bei dieser sowie der Behandlung anderer wilder Tiere beachten: zu gleicher Zeit zu zeigen, daß man nicht bange ist und dem Tiere nichts Böses tun will.

Doch bald war es aus mit meiner Freude. Das Hermelin schien mit größerer Schwierigkeit als vorher kleine Mäuse und Vögel zu verzehren, und am 15. Juli lag mein hübscher »Kisse« tot in seinem Bauer, nachdem er mir sieben Monate so manches Vergnügen geschenkt hatte. Ich sah nun deutlich, was ich schon lange zu bemerken geglaubt hatte, daß alle Zähne, außer den Raubzähnen in der Oberkinnlade, beinahe ganz abgenutzt waren, die Eckzähne am meisten. Kam dies vom hohen Alter? Oder hat das Hermelin sie durch das Beißen in das Eisengitter abgenutzt beim Arbeiten für seine Freiheit? Wahrscheinlich hat beides zusammengewirkt.

Weil man anzuführen pflegt, daß das Hermelin, wenn es gereizt oder erschreckt wird, eine übelriechende Feuchtigkeit aus den Schwanzdrüsen ergießt, will ich noch mitteilen, daß mein Hermelin dieses niemals aus reiner Bosheit, auch nicht, wenn es sehr gereizt wurde, sondern nur beim Erschrecken tat. Wenn es bellend und zischend mit gesträubten Schwanzhaaren hervorstürzte – und dies tat es immer, wenn es böse war – verbreitete sich niemals dieser Geruch, nicht einmal während der Kämpfe mit den größten Ratten, aber wohl, wenn es die Flucht ergriff. Im Anfange der Gefangenschaft traf letzteres oft ein, weil es da bei jedem Geräusche oder jeder eingebildeten Gefahr gleich bange ward, aber nachdem es daran gewöhnt und heimisch geworden war, sehr selten, und nach zwei oder drei Monaten erinnere ich mich nur einer einzigen Gelegenheit, nämlich, als ich die Tür seines Käfigs heftig zuschlug. Es ward darüber so erschreckt, daß es bis an die Decke hinaufsprang, und der Geruch verbreitete sich augenblicklich so stark wie in den ersten Tagen. Ich bin daher geneigt, anzunehmen, daß diese Ergießung nicht von dem freien Willen des Tiers abhängt, sondern durchaus unfreiwillig geschieht. Es ist wahrscheinlich, daß das Hermelin bei großem Schrecken die Schließmuskeln der Afterdrüsen nicht zu schließen vermag, und daß deshalb die Flüssigkeit frei wird. Dasselbe Verhältnis möchte auch wohl bei allen verwandten Tieren, die mit derartigen Drüsen versehen sind, stattfinden. Es ist auch natürlich! Wenn das Tier Grund hat, sich zu fürchten, bedarf es dieser kleinen Hilfe in der Stunde der Gefahr; aber wozu sollte sie dienen, wenn das Tier überlegen ist oder im Vertrauen auf seine Kraft es zu sein glaubt?«

Das Fell des Hermelins gibt ein zwar nicht teures, seiner Schönheit halber jedoch geschätztes Pelzwerk. Früher wurde dasselbe nur von Fürsten getragen, gegenwärtig ist es allgemeiner geworden.

 

Zu einer andern Untersippe vereinigt man die Sumpfottern oder Nerze ( Vison), dem Iltis ungemein nahe verwandte Marder, die sich von ihm einzig und allein unterscheiden durch den etwas platteren Kopf, den stärkeren Höckerzahn, die kürzeren Beine, die namentlich an den Hinterfüßen deutlicher ausgeprägten Bindehäute zwischen den Zehen, den verhältnismäßig etwas längeren Schwanz und das glänzende, aus dicht und glatt anliegenden, kurzen Haaren bestehende, an das der Fischottern erinnernde, auf der Ober- und Unterseite gleichmäßig braun gefärbte Fell. Von den wenigen Arten, die man der gedachten Gruppe zurechnet, sind die wichtigsten: unser Nerz und sein amerikanischer Vertreter, der Mink. Bis in die neueste Zeit war über die Lebensweise der beiden Sumpfottern nur höchst wenig bekannt, und auch jetzt noch lassen die veröffentlichten Beobachtungen viel an Vollkommenheit zu wünschen übrig, wenigstens, was die europäische Art anlangt. Ich danke der Freundlichkeit eines Weidmannes aus der Lübecker Gegend wichtige Bereicherungen unserer bisherigen Kenntnis, soweit diese den eigentlichen Nerz angeht; über dessen Vertreter in Amerika, den Mink, haben Audubon und Prinz von Wied berichtet.

Unser Nerz, der auch Krebsotter, Steinhund, Wasserwiesel und bei Lübeck Menk oder Wassermenk genannt wird ( Mustela Lutreola), erreicht eine Länge von 50 Zentimeter, wovon etwa 14 Zentimeter auf den Schwanz kommen. Der Leib ist gestreckt, schlank und kurzbeinig, im ganzen fischotterähnlich, der Kopf ist jedoch noch schlanker als bei diesem Verwandten. Die Füße ähneln denen des Iltis, aber alle Zehen sind, wie bemerkt, durch Bindehäute verbunden. Der glänzende Pelz besteht aus dichten und glattanliegenden, kurzen, ziemlich harten Grannenhaaren von brauner Färbung, zwischen und unter denen ein grauliches, sehr dichtes Wollhaar sitzt. An der Mitte des Rückens, am Nacken und Hinterleib am meisten, dunkelt diese Färbung, auch die Schwanzhaare pflegen dunkler zu sein als jene der Leibesseite. Auf dem Unterleib geht die Färbung in Graubraun über. Ein kleiner, lichtgelber oder weißlicher Fleck steht an der Kehle; die Oberlippe ist vorn, die Unterlippe der ganzen Länge nach weiß.

Eine ganz ähnliche Färbung zeigt auch der Mink ( Mustela vison), dessen Pelz weit höher geachtet wird, weil er wollhaariger und weicher ist. Der Mink übertrifft den Nerz etwas an Größe, ist diesem aber sehr ähnlich gefärbt. In der Regel sehen Ober- und Unterseite dunkelnußbraun, der Schwanz braunschwarz und die Kinnspitze weiß aus.

 

Hinsichtlich der Lebensweise werden beide Tiere wahrscheinlich in allem Wesentlichen übereinkommen. Über unsern Nerz sagt schon Wildungen in seinem 1799 erschienenen »Neujahrsgeschenk für Forst- und Jagdliebhaber«, daß der Sumpfotter ein in Deutschland sehr seltenes, manchem wackeren Weidmann wohl gar noch unbekanntes Geschöpf sei, daß er schon länger gewünscht habe, näher mit ihm vertraut zu werden, und die Erfüllung dieses Wunsches nur der unermüdlichen Fürsorge des Grafen Mellin verdanke. Von diesem Naturforscher teilt er einige Beobachtungen mit.

»In seinem Gange mit gekrümmtem Rücken, in seiner Behendigkeit, durch die kleinsten Öffnungen zu schlüpfen, gleicht der Nerz dem Marder. Gleich dem Frettchen ist er in unaufhörlicher Bewegung, alle Winkel und Löcher auszuspähen. Er läuft schlecht, klettert auch nicht auf die Bäume, ist aber, wie der gemeine Fischotter, ein sehr geübter Schwimmer, der sehr lange unter Wasser ausdauern kann. Den reißenden Wellen starker Ströme zu widerstehen, mag er sich wohl zu schwach fühlen, da er weniger an großen Flüssen, sondern mehr an kleinen, fließenden Wässern gefunden wird. Seine Ranz- oder Rollzeit ist im Februar und März, und im April oder Mai findet man an erhabenen, trockenen Orten, in den Brüchen oder Baumwurzeln, in den eigenen Röhren blindgeborene Junge.

Der Sumpfotter liebt Stille und Einsamkeit an seinem Wohnorte. So sehr er aber auch Menschen flieht und mit großer Klugheit deren Nachstellungen zu entgehen weiß, besucht er doch zuweilen Federviehställe und erwürgt dann, wie Marder und Iltis, solange noch Federvieh vorhanden und er nicht gestört wird; doch geschieht dies nur in einsamen Fischerwohnungen, und ich habe nie gehört, daß er in Dörfer gekommen sei, um dort zu rauben. Seine gewöhnliche Nahrung sind Fische, Frösche, Krebse, Schnecken; wahrscheinlich mögen ihm aber auch manche junge Schnepfen und Wasserhühnchen zur Beute werden.

Der anlockende Preis seines Balges, der auch im Sommer gut ist, vermehrt die Nachstellungen auf das immer seltener werdende Tier ungemein, und wenn ihm nicht die bisherigen gelinden Winter etwas zustatten gekommen sind, so möchte diese Tierart auch wohl in Schwedisch-Pommern, woselbst Mellin sie beobachtete, bald gänzlich ausgerottet sein.«

Seine eigentliche Heimat ist das östliche Europa, Finnland, Polen, Litauen, Rußland. Hier findet man ihn von der Ostsee bis zum Ural, von der Dwina bis zum Schwarzen Meere, und nicht besonders selten. In Bessarabien, Siebenbürgen und Galizien lebt er auch. In Mähren gehört er laut Jeitteles zu den sehr seltenen Tieren, kommt aber hier und da noch vor; in Schlesien wird er ebenfalls dann und wann gefangen. »In meinem Hause«, schreibt mir Jänicke, »wohnt ein aus Schweidnitz gebürtiger Kürschner, ein für sein Fach sehr unterrichteter Mann, der mir versichert, daß während seiner Lehrzeit und später in den Jahren 1848 bis 1855 in Schweidnitz an den Ufern der Weistritz, die meistens aus Steingeröll bestehen, jährlich ungefähr ein Dutzend Nerze gefangen wurden. Die dortigen Kürschner hielten es nicht für geraten, die Bauern, die solche als dunkle Iltisse verkauften, aufzuklären, weil letztere, damals wenigstens, viel geringer im Preise als erstere standen. Gegenwärtig ist der Nerz auch hier sehr selten, schwerlich aber gänzlich ausgerottet worden, wie in so vielen anderen Gegenden Deutschlands.« Zu Ende des vorigen Jahrhunderts wurde er ab und zu noch in Pommern, Mecklenburg und der Mark Brandenburg erwähnt. In den Jagdregistern der Grafen Schulenburg-Wolfsburg wird er regelmäßig mit aufgeführt. Man erlegte ihn in den Sumpfniederungen der Aller. In diesem Jahrhundert ist er sehr selten geworden, jedoch immer noch einzeln vorgekommen. Nach Blasius wurde im Jahre 1852 ein Nerz im Harz in der Grafschaft Stolberg gefangen, nach Hartig ein anderer im Jahre 1859 in der Nähe von Braunschweig und ein dritter bei Ludwigslust in Mecklenburg erlangt. Hier soll er, mir gewordenen übereinstimmenden Nachrichten zufolge, überhaupt nicht gerade selten sein, mindestens jährlich erbeutet und zu Markte gebracht, beziehentlich sein Fell an die Kürschner verkauft werden. Daß er im Holsteinischen vorkommt, wußte man, ohne jedoch sicheres mitteilen zu können. Um so erfreulicher war es mir, von einem naturwissenschaftlich gebildeten Weidmann, Herrn Förster Claudius, folgende Nachrichten zu erhalten.

Soviel mir bis jetzt bekannt geworden, kommt der Nerz in der Umgebung Lübecks auf einem Flächenraume von nur wenigen Geviertmeilen, hier aber nicht so selten vor, daß er nicht jedem Jäger von Fach unter dem Namen Menk, Ottermenk, wenigstens oberflächlich bekannt wäre. Als nördliche Grenze dieses Verbreitungsgebietes könnte man etwa den Himmeldorfsee, als südliche den Schallsee, als östliche den Dassowersee betrachten. Immerhin tritt er zu vereinzelt auf, und sein Rauchwerk wird hierzulande auch zu schlecht bezahlt, als daß man ihm besondere Aufmerksamkeit schenken sollte. Ich erinnere mich nicht, gehört zu haben, daß man ihm mit eigenen Lockspeisen nachstellt oder besondere Fangwerkzeuge, die seinen Aufenthalt am Wasser gestatten würden, Flügelreusen z. B., gegen ihn in Anwendung bringt. Er gerät fast immer nur durch Zufall in die Hand des Jägers, und dies selten anders als zur Winterzeit, da nur dann dem Raubzeuge nachgegangen wird, sein Gebiet auch häufig nur bei Frost betreten werden kann. Und so ist leider über sein Verhalten in der anderen Hälfte des Jahres, die dem Naturforscher ungleich wichtigere Aufschlüsse zu bieten hat, wenig oder nichts mit Sicherheit zu erfahren. Mir ist ein einziger Fall zu Ohren gekommen, daß Junge in einem Bau gefunden wurden, und zwar von einem meiner Nachbarn, der einmal in der letzten Hälfte des Juli gelegentlich der Bekassinenjagd vier bis fünf junge Nerze in einem Erdloche beisammen traf und aus der Anwesenheit der Mutter mit Bestimmtheit als den Wurf eines Minks erkannte. Da zu erwarten stand, daß diese ihre Jungen sofort entfernen würde, waren auch alle weiteren Beobachtungen unterblieben. Sonst kommt er höchstens auf der Entenjagd einmal vor die Flinte, und dann wird er nicht geschont, weil sein Balg auch im Sommer gut ist. Der Nerz liebt die brüchigen und schilfreichen Umgebungen von Seen und Flüssen, wo er, wie der Iltis, seine Wohnung auf einer Kaupe oder dammartigen Erhöhung im Gewurzel von Erlenbäumen, doch gern in möglichster Nähe des Wassers anlegt und mit wenigen Ausgängen, die nach der Wasserseite münden, versieht. Fluchtröhren nach einer anderen Richtung oder gar Gänge nach benachbarten Kaupen sind hier nicht anzutreffen. Während der Iltis, aus dem Bau gestört, sich durchaus nicht zu Wasser jagen läßt, sondern stets sein Heil in der Flucht auf dem Lande sucht, wo er Schlupfwinkel in hinreichender Menge kennt, fällt der Mink unter solchen Umständen sofort, und zwar in senkrechter Richtung, ins Wasser und verschwindet hier den Blicken. Bemerkenswert ist, wie er sich hierzu seiner Läufe bedient: er rudert nicht abwechselnd, wie der Iltis, sondern er schnellt sich stoßweise fort, und zwar mit überraschender Geschwindigkeit. Es gelingt selten, ihn im Wasser zu schießen, da er lange unter der Oberfläche bleibt und stets an einer entfernten Stelle wieder zum Vorschein kommt. Vor dem Hunde ist er im Wasser, selbst im beschränkten Raume, sicher.

Die Spur sowohl wie die einzelne Fährte ist der des Iltis so ähnlich, daß selbst der geübte Jäger leicht getäuscht wird, da sich bei gewöhnlicher Gangart die kurze Schwimmhaut nicht im Boden abdrückt. Man hat sie im Winter da zu suchen, wo sich das Wasser lange offen zu halten pflegt, in Gräben, die ein starkes Gefälle haben, in Wasserbächen, über Quellen, wo man zu derselben Zeit den Iltis ebenfalls antrifft, der bekanntlich auch unter dem Eise eifrig nach Fröschen fischt. Hier in den Ausstiegen eben unter dem Wasser ist es, wo man hin und wieder den Menk, von Schlamm fast unkenntlich, auf dem Eise sitzen sieht.«

Später berichtet Claudius in den »Forstlichen Blättern« weiteres über das Tier. »Zu den Standorten«, bemerkt er, »die, solange die örtlichen Verhältnisse sich nicht ändern, noch einige Aussicht auf Erhaltung dieser Tierart zu gewähren scheinen, gehört der etwa zwei Meilen lange Abfluß des Ratzeburger Sees in die Trave bei Lübeck, die Wakenitz genannt, ein fast durchgängig von flachen Ufern begrenzter Wasserlauf, in dem von einer Strömung kaum die Rede sein kann. Infolge künstlicher Aufstauung des Wassers bei Lübeck, das von hier zum größten Teil seinen Wasserbedarf bezieht, sind die Ufer auf große Strecken gänzlich versumpft und mit Schilf und Erlenstöcken bestanden, und jede Trockenlegung derselben, so sehr auch wirtschaftliche und gesundheitliche Rücksichten dies wünschenswert erscheinen lassen, ist unmöglich gemacht. Daß der Nerz hier vorkommt, erfuhr ich durch einen meiner Forstarbeiter, der hier mehrere Jahre als Fischerknecht gedient und seinerzeit der Sumpf- und Fischotterjagd obgelegen hatte. Durch seine Hilfe wurde es mir möglich, an Ort und Stelle durch eigenen Augenschein mich von der Richtigkeit seiner Angaben zu überzeugen und mir etwaige Gefangene zu sichern. Wie günstig die Örtlichkeit für das Tier ist, erkannte ich auf den ersten Blick: der Nerz genießt hier während des größten Teiles vom Jahre die ungestörteste Ruhe, und selbst der Winter, der ihm am meisten gefährlich wird, tritt oft so milde auf, daß die in einzeln liegenden Gehöften längs des Ufers wohnenden Fischer weite Strecken des Bruches gar nicht betreten können. Dazu kommt, daß unser immer nur vereinzelt auftretendes Tier bloß dann die Beachtung der Umwohner erregt, wenn es durch wiederholte Diebereien lästig wird. Die gefangenen Fische werden hier nicht in geschlossenen Behältern, sondern in offenen Weidenkörben am Ufer kleiner, zum Teil künstlich angelegter Inselchen in der Nähe der Wohnungen aufbewahrt; eine so leicht zu erlangende Beute verschmäht der Nerz natürlich nicht, und wenn man ihm auch wohl den einen oder andern Fisch gönnen möchte, kann man ihm doch den Schaden nicht verzeihen, den er dadurch verursacht, daß er lieber die oft daumendicken Weidenruten durchschneidet, als über den Rand des offenen Korbes klettert, wie der Iltis in solchen Fällen unbedenklich tut. Wahrnehmung dieser Eigenheiten des Tieres führt in der Regel zu seinem Verderben, obgleich die Fanganstalten, die die Fischer treffen, mit einer Sorglosigkeit zugerichtet werden, daß sie bei mir ein Lächeln erregt haben würden, hätte ich mich nicht mehrfach von ihrem guten Erfolge zu überzeugen Gelegenheit gehabt. Man streut nämlich auf diesen sogenannten Werdern am liebsten beim ersten starken Froste, wenn der Nerz anfängt, Not zu leiden, einige Fische aus, legt ein paar gute Ratteneisen, verblendet sie notdürftig und befestigt sie wie die für den Otter gelegten, so daß der Fang mit dem Eisen das Wasser erreichen kann; auf die Ausstiege nimmt man keine Rücksicht, nicht einmal auf die Fährte: die Bequemlichkeit des Fängers allein scheint maßgebend zu sein. Daß der Räuber dessenungeachtet in den meisten Fällen bald gefangen wird, spricht wenig für seine Vorsicht, so menschenscheu er sonst ist.«

Es vergingen Jahre, bevor Claudius und durch ihn ich zu dem erwünschten Ziele gelangten, einen lebenden Nerz zu erhalten. Erst im Anfang des Jahres 1868 konnte mir mein eifriger Freund mitteilen, daß ein Weibchen gefangen und ihm überbracht worden sei, bei Milch und frischer Fleischkost sich auch sehr wohl befinde, und daß sein Pfleger wegen der ruhigen Gemütsart des Gefangenen die Hoffnung habe, den durch das Eisen verursachten Schaden bald ausgeheilt zu sehen. »Der Nerz ist«, schreibt mir Claudius, »bei weitem gutartiger als seine Gattungsverwandten und zürnt nur, wenn er geradezu gereizt wird; außerdem zieht er es vor, mich nicht zu beachten, läßt sich wohl auch mit einem Stöckchen den Balg streichen, ohne darüber böse zu werden. Den ganzen Tag über liegt er auf der einen Seite des Käfigs zusammengerollt auf seinem Heulager, während er auf der andern Seite regelmäßig sich löst und näßt; nachts spaziert er in seiner ziemlich geräumigen Wohnung umher, hat sich auch verschiedene Male gewaltsam daraus entfernt.«

Nachdem der Nerz sich mit seiner Haft vollständig ausgesöhnt hatte und so zahm geworden war, daß er sich von seinem Pfleger widerstandslos greifen ließ, auch gegen Liebkosungen empfänglich sich zeigte, sandte Claudius ihn mir in einer verschlossenen Kiste. Ich erkannte schon beim Öffnen derselben an dem vollständigen Fehlen irgendeines unangenehmen Geruches, wie solchen der Iltis unter ähnlichen Umständen unbedingt verbreitet haben würde, daß ich es gewiß mit einem Sumpfotter zu tun hatte. Wohl darf ich sagen, daß mich kaum ein Tier jemals so erfreut hat, als dieser seltene, von mir seit Jahren erstrebte europäische Marder, der heute noch, fünf Jahre nach seinem Fange, sich des besten Wohlseins erfreut.

siehe Bildunterschrift

Edelmarder ( Martes abietum)

Während des ganzen Tages liegt der Nerz zusammengewickelt auf seinem Lager, das in einem vorn verschließbaren Kästchen angebracht worden ist, und nicht immer, selbst durch Vorhaltung von Leckerbissen nicht regelmäßig, gelingt es, ihn zum Aufstehen zu bewegen oder hervorzulocken. Er hört zwar auf den Anruf, ist auch mit seinem Wärter in ein gewisses Verhältnis getreten, zeigt aber keineswegs freundschaftliche Gefühle gegen den Pfleger, vielmehr einen entschiedenen Eigenwillen und fügt sich den Menschen nur so weit, als es ihm eben behagt. Hieran hat freilich der Käfig den Hauptteil der Schuld; wenigstens zweifle ich nicht, daß er als Zimmergenosse wahrscheinlich schon längst zum niedlichen Schoßtier geworden sein würde. Erst ziemlich spät abends, jedenfalls nicht vor Sonnenuntergang, verläßt er das Lager und treibt sich nun während der Nacht in seinem Käfige umher. Diese Lebensweise beobachtet er einen wie alle Tage, und hieraus erklärt sich mir zur Genüge die allgemeine Unkenntnis über sein Freileben. Den Edelmarder kann man im Walde unter Umständen aufspüren und gewaltsam aus seinem Versteck treiben, im Sommer auch wohl mit seinen Jungen spielen und der Eichhörnchenjagd obliegen sehen; Steinmarder und Iltis lassen sich als Bewohner alter, beziehentlich stiller Gebäude mindestens in hellen Mondnächten beobachten, und der Fischotter wählt sich, wenn er sich zeigt, die breite Wasserstraße: wer aber vermag im Dunkel der Nacht den Nerz in seinem eigentlichen Heimgebiete, dem Bruche oder Sumpfe, zu folgen? In seinen Bewegungen steht letzterer, soweit man von meinem in engem Raume untergebrachten Gefangenen urteilen kann, dem Iltis am nächsten. Er besitzt alle Gewandtheit der Marder, aber nicht die Kletterfertigkeit der hervorragendsten Glieder der Familie und ebensowenig ihre Bewegungslust, man möchte vielmehr sagen, daß er keinen Schritt unnütz tue. Ein Edel- oder Baummarder vergnügt sich zuweilen im Käfige stundenlang mit absonderlichen Sprüngen, indem er gegen die eine Wand seines Käfigs setzt, zurückschnellend sich überschlägt, in der Mitte des Raumes auf den Boden springt, nach der andern Wand sich wendet und hier wie vorher verfährt, kurzum die Figur einer Acht beschreibt, und zwar mit solcher Schnelligkeit, daß man vermeint, diese Zahl durch den Leib des Tieres gebildet zu sehen: auf solche Spielereien läßt sich, soweit meine Beobachtungen reichen, der Nerz niemals ein. Trippelnden Ganges schleicht er mehr, als er geht, seines Weges dahin, gleitet rasch und behend über alle Unebenheiten weg, hält sich aber auf dem Boden und strebt nicht nach der Höhe. Ins Wasser geht er aus freien Stücken nicht, sondern nur, wenn dort ihm eine Beute winkt; doch mag an dieser auffallenden Zurückhaltung der nicht mit einem Schwimmbecken eingerichtete Käfig schuld sein. Bei allen Bewegungen ist das sehr klug aussehende Köpfchen nicht einen Augenblick ruhig; die scharfen Augen durchmustern ohne Unterlaß den ganzen Raum, und die kleinen Ohren spitzen sich so weit als möglich, um das wahrzunehmen, was jenen entgehen könnte. Reicht man ihm jetzt eine lebende Beute, so ist er augenblicklich zur Stelle, faßt das Opfer mit vollster Mardergewandtheit, beißt es mit ein paar raschen Bissen tot und schleppt es in seine Höhle. Schmidt beobachtete, daß er Frösche an den Hinterschenkeln packte und diese zunächst durchbiß, um die Lurche zu lähmen: ich habe stets gesehen, daß er sie, wie alle übrigen ihm vorgehaltenen Tiere, am Kopfe ergreift und diesen so schleunig wie möglich zermalmt. Hat er mehr Nahrung als er bedarf, so schleppt er ein Stück nach dem andern in seinen Schlafkasten, frißt jedoch in der Regel von ihm eilfertig ein wenig und wirft es erst dann beiseite, wenn ein anderes seine Mordlust erregt. Fische und Frösche scheinen die ihm liebste Nahrung zu sein, obgleich Claudius meinte, daß er Fleischkost allem übrigen vorziehe und Fische nur dann verzehre, wenn er kein Fleisch bekommen kann. Allerdings läßt er Fische liegen, wenn ihm eine lebende Maus, ein lebendiger Vogel oder Lurch gereicht wird; es reizt ihn aber dann nur das Bewegen solcher Beute, und er beeilt sich gleichsam, seine Fertigkeit im Fangen und Abwürgen zu zeigen. Hat er aber dagegen seine Opfer getötet, und reicht man ihm dann einen Fisch, so pflegt er letzteren zuerst zu nehmen oder höchstens einen Frosch ihm vorzuziehen.

*

Der Vielfraß ( Mustela Gulo) ist 95 Zentimeter bis 1 Meter lang, wovon 12 bis 15 Zentimeter auf den Schwanz kommen, und am Widerrist 40 bis 45 Zentimeter hoch. Auf der Schnauze sind die Haare kurz und dünn, an den Füßen stark und glänzend, am Rumpfe lang und zottig, um die Schenkel, an den hellen Seitenbinden und am Schwanze endlich straff und sehr lang. Scheitel und Rücken sind braunschwarz mit grauen Haaren gemischt, der Rücken, die Unterseite und die Beine dunkelschwarz; ein hellgrauer Flecken steht zwischen Augen und Ohren, und eine hellgraue Binde verläuft von jeder Schulter an längs der Seiten hin. Das Wollhaar ist grau, an der Unterseite mehr braun.

Der Vielfraß bewohnt den Norden der Erde. Von Südnorwegen und Finnmarken an findet man ihn durch ganz Nordasien und Nordamerika bis Grönland. Früher war die südliche Grenze seiner Verbreitung in Europa unter tieferen Breiten zu suchen als gegenwärtig; zur Renntierzeit erstreckte sie sich bis zu den Alpen. Brincken hat ihn noch vor einigen Jahren im Walde von Bialowies beobachtet, wo er jetzt auch nicht mehr gefunden wird; Bechstein erzählt von einem Vielfraß, der bei Frauenstein in Sachsen, und Zimmermann von einem andern, der bei Helmstedt im Braunschweigischen erlegt wurde. Die beiden letzteren werden als versprengte Tiere angesehen. Gegenwärtig sind Norwegen, Schweden, Lappland, Großrußland, namentlich die Gegenden um das Weiße Meer, ganz Sibirien, Kamtschatka und Nordamerika sein Wohngebiet.

Die älteren Naturforscher erzählen von ihm die fabelhaftesten Dinge, und ihnen ist es zuzuschreiben, daß der Vielfraß einen in allen Sprachen gleichbedeutenden Namen führt. Man hat sich vergebliche Mühe gegeben, das deutsche Wort Vielfraß aus dem Schwedischen oder Dänischen abzuleiten. Die einen sagen, daß das Wort aus Fjäl und Fräß zusammengesetzt sei und Felsenkatze bedeute; Lenz behauptet aber, daß das Wort Vielfraß der schwedischen Sprache durchaus nicht angehöre, und weist auch die Annahme zurück, daß es aus dem Finnischen abgeleitet sei. Die Schweden selbst sind so unsicher hinsichtlich der Bedeutung des Namens, daß jene Ableitung wohl zu verwerfen sein dürfte.

Höchstwahrscheinlich wurde der Name nach den ersten Erzählungen ins Deutsche übersetzt und ging nun erst in die übrigen Sprachen über. Wenn man jene Erzählungen liest und glaubt, muß man dem alten Kinderreim

»Vielfraß nennt man dieses Tier
Wegen seiner Freßbegier!«

freilich beistimmen. Milchow sagt folgendes: »In Litauen und Moskowien gibt es ein Tier, das sehr gefräßig ist, mit Namen Rosomaka. Es ist so groß wie ein Hund, hat Augen wie eine Katze, sehr starke Klauen, einen langhaarigen, braunen Leib und einen Schwanz wie der Fuchs, jedoch kürzer. Findet es Aas, so frißt es so lange, daß ihm der Leib wie eine Trommel strotzt; dann drängt es sich durch zwei nahestehende Bäume, um sich des Unrats zu entledigen, kehrt wieder um, frißt von neuem und preßt sich dann nochmals durch die Bäume, bis es das Aas verzehrt hat. Es scheint weiter nichts zu tun, als zu fressen, zu saufen und dann wieder zu fressen.« In dieser Weise schildert auch Geßner den Vielfraß.

siehe Bildunterschrift

Vielfraß ( Gulo borealis)

Der Vielfraß bewohnt die gebirgigen Gegenden des Nordens, zieht zum Beispiel die nackten Höhen der skandinavischen Alpen den ungeheuren Wäldern des niederen Gebirges vor, obwohl er auch in diesen zu finden ist. Die ödeste Wildnis ist sein Aufenthalt. Er hat keine feststehenden Wohnungen, sondern wechselt sie nach dem Bedürfnisse und verbirgt sich, wenn die Nacht hereinbricht, an jedem beliebigen Orte, der ihm einen Schlupfwinkel gewährt, sei es im Dickicht der Wälder oder im Geklüfte der Felsen, in einem verlassenen Fuchsbau oder in einer andern, natürlichen Höhle. Wie alle Marder mehr Nacht- als Tagtier, schleicht er doch in seiner so wenig von den Menschen beunruhigten Heimat ganz nach Belieben umher und zeigt sich auch im Lichte der Sonne, würde dies auch unter allen Umständen tun müssen, da ja bekanntlich in seinem Vaterlande während des Sommers die Sonne ein Vierteljahr lang Tag und Nacht am Himmel steht. In dem von Radde bereisten südlichen Grenzgebiete des östlichen Sibirien ist das Vorkommen des Vielfraßes viel mehr an das Vorhandensein der Moschustiere als der Renntiere geknüpft. Das Auftreten des erstgenannten Wiederkäuers hängt nun aber wesentlich mit dem pflanzlichen Gepräge der betreffenden Gegenden zusammen, und daher findet man da, wo in weitgedehnten bleichgelben und grauen Flechtengebieten eine Alpenflora noch die äußerste Grenze des Baumwuchses schmückt, Moschustier und Vielfraß am häufigsten, während man in einer durchschnittlichen Höhe von 1000 Meter über dem Meere in dem Gebiete der üppigen Pflanzenwelt beide Tiere nur zufällig und vereinzelt antrifft. Dementsprechend ist der Vielfraß im östlichen Sajan entschiedener Gebirgsbewohner, der, ohne festen Wohnsitz zu haben, beständig umherschweift und namentlich diejenigen Örtlichkeiten der Hochgebirge aufsucht, an denen den Moschustieren Schlingen gelegt werden. Unter ähnlichen Verhältnissen tritt er überall im Süden von Sibirien auf, und ebenso verhält es sich, unter Berücksichtigung örtlicher Eigentümlichkeiten, im Norden Amerikas. In seinen Bewegungen plump und ungeschickt, weiß er doch durch Ausdauer seiner Beute sich zu bemächtigen, und sollte er sie, laut Radde, sechs bis sieben Tage lang verfolgen, bevor er sie stellt. Im Winter, den er nach Art der nächstverwandten Marder, ohne längere Zeit zu schlafen, durchlebt, setzen ihn seine großen Tatzen in den Stand, mit Leichtigkeit über den Schnee zu gehen, und da er kein Kostverächter ist, führt er ein sehr behagliches und gemütliches Leben, ohne jemals in große Not zu kommen. Seine Bewegungen sind sehr eigentümlicher Art, und namentlich der Gang zeichnet sich vor dem aller übrigen mir bekannten Tiere aus. Der Vielfraß wälzt sich nämlich in großen Bogensätzen dahin, ganz merkwürdig humpelnd und Purzelbäume schlagend. Doch fördert diese Gangart immer noch so rasch, daß er kleine Säugetiere bequem dabei einholt und auch größere bei längerer Verfolgung nahe genug auf den Leib rücken kann. Im Schnee zeigt sich seine Fährte, diesem Gange entsprechend, in tiefen Löchern, in die er mit allen vier Beinen gesprungen ist. Aber gerade sein eigentümlicher Gang ist dann ganz geeignet, ihn leicht zu fördern, während das von ihm verfolgte Wild mit dem tiefen Schnee sehr zu kämpfen hat. Trotz seiner Ungeschicklichkeit versteht er es, niedere Bäume zu besteigen. Auf deren Ästen liegt er, dicht an den Stamm gedrückt, auf der Lauer und wartet, bis ein Wild unter ihm weggeht. Dem springt er dann mit einem kräftigen Satz auf den Rücken, hängt sich am Halse fest, beißt ihm rasch die Schlagadern durch und wartet, bis es sich verblutet hat. Unter seinen Sinnen steht der Geruch obenan; doch sind auch sein Gesicht und Gehör hinlänglich scharf. Seine Hauptnahrung bilden die Mäusearten des Nordens und namentlich die Lemminge, von denen er eine erstaunliche Menge vertilgt. Bei der großen Häufigkeit dieser Tiere in gewissen Jahren braucht er sich kaum um ein anderes Wild zu bekümmern. Den Wölfen und Füchsen folgt er auf ihren Streifzügen nach, in der Hoffnung, etwas von ihrem Raube zu erbeuten. Im Notfalle aber betreibt er selbst die höhere Jagd. Löwenhjelm erwähnt in seiner Reisebeschreibung von Nordland, daß er dort Schaden unter den Schafherden anrichte, und Erman erfuhr von den Ostjaken, daß er dem Elentier auf den Nacken springe und es durch Bisse töte. Hiermit stimmen die Mitteilungen Raddes vollständig überein. In geeigneten Gebirgen am Baikalsee wird der dort häufige Vielfraß in der Nähe der Ansiedlungen eine Plage für das junge Hornvieh; im Gebirge selbst stellt er die ermüdeten Moschustiere auf vorspringenden Zinken und wirft sich von höheren Stufen derselben auf sie herab. In den Hütten der Lappen richtet er oft bedeutende Verwüstungen an. Er bahnt sich mit seinen Klauen einen Weg durch Türen und Dächer und raubt Fleisch, Käse, getrockneten Fisch u. dgl., zerreißt aber auch die dort aufbewahrten Tierfelle und frißt, bei großem Hunger, selbst einen Teil derselben. Während des Winters ist er Tag und Nacht auf den Beinen, und wenn er ermüdet, gräbt er sich einfach ein Loch in den Schnee, läßt sich dort verschneien und ruht in dem nun ganz warmen Lager behaglich aus.

Daß er auch in gänzlich baumlosen Gebirgsgegenden, dem ausschließlichen Aufenthalte der wilden Renntiere, diesen großen Schaden zufügt, habe ich nicht bloß aus dem Munde meiner Jäger vernommen, sondern ebenso aus dem Benehmen einer von ihm bedrohten Renntierherde schließen können. Ich bemerkte einen Vielfraß, der auf einer mit wenig Steinen bedeckten Ebene hinter einem größeren Blocke saß und die Renntiere mit größter Teilnahme betrachtete. Jedenfalls gedachte er ein unvorsichtiges Kalb bei Gelegenheit zu überraschen. Sein Standpunkt war vortrefflich gewählt: er hatte den Wind mit derselben Gewissenhaftigkeit beobachtet wie wir. Die scheuen Renntiere bekamen jedoch bei einer Wendung, die das äsende Rudel machte, Witterung und stiebten augenblicklich in die Weite. Jetzt mochte er einsehen, daß für heute seine Jagd erfolglos bleiben würde, und wandte sich, trottelnd und Purzelbäume schlagend, den Kopf und Schwanz zur Erde gesenkt, dem höheren Gebirge zu, lauschte plötzlich, sprang seitwärts, fing einen Lemming, verspeiste denselben mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit und setzte dann seinen Weg weiter fort. Ich war leider zu entfernt von ihm, um ihn meinen Grimm an der gestörten Jagd fühlen lassen zu können; er aber nahm sich in der Folge wohl in acht, uns wieder zu nahe zu kommen. Eine kleine Beute, die der Vielfraß gemacht hat, verzehrt er auf der Stelle mit Haut und Haaren, eine größere aber vergräbt er sehr sorgfältig und hält dann noch eine zweite Mahlzeit davon. Infolge seiner umfassenden Tätigkeit als Raubtier steht der Vielfraß bei sämtlichen nordischen Völkerschaften keineswegs in besonderer Achtung, und man jagt, verfolgt und tötet ihn, wo man nur immer kann, obgleich sein Fell keineswegs überall benutzt wird. Die Kamtschadalen freilich schätzen es sehr hoch und glauben, daß es kein schöneres Rauchwerk geben kann als eben dieses Fell.

Der Eskimo legt sich vor der Höhle des Vielfraßes auf den Bauch und wartet, bis derselbe herauskommt, springt dann sofort auf, verstopft das Loch und läßt nun seine Hunde los, die zwar ungern auf solches Wild gehen, es aber doch festmachen. Nunmehr eilt der Jäger hinzu, zieht dem Räuber eine Schlinge über den Kopf und tötet ihn. In Norwegen und Lappland wird er mit dem Feuergewehr erlegt. Trotz seiner geringen Größe ist der Vielfraß kein zu verachtender Gegner, weil unverhältnismäßig stark, wild und widerstandsfähig. Man versichert, daß selbst Bären und Wölfe ihm aus dem Wege gehen; letztere sollen ihn, wahrscheinlich seines Gestankes wegen, überhaupt nicht anrühren. Gegen den Menschen wehrt er sich bloß dann, wenn er nicht mehr ausweichen kann. Gewöhnlich rettet er sich angesichts eines Jägers durch die Flucht, und wenn er getrieben wird, auf einen Baum oder auf die höchsten Felsspitzen, wohin ihm seine Feinde nicht nachfolgen können. Von raschen Hunden wird er in ebenen, baumlosen Gegenden bald eingeholt, verteidigt sich aber mit Ausdauer und Mut gegen dieselben und beißt wütend um sich. Ein einziger Hund überwältigt ihn nicht; zuweilen wird es auch mehreren schwer, ihn zu besiegen. Wenn er vor seinen Verfolgern nicht auf einen Baum entkommen kann, wirft er sich auf den Rücken, faßt den Hund mit seinen scharfen Krallen, wirft ihn zu Boden und zerfleischt ihn mit dem Gebisse derart, daß jener an den ihm beigebrachten Wunden oft zugrunde geht.

Die Rollzeit des Vielfraßes fällt in den Herbst oder Winter, in Norwegen, wie Erik mir erzählte, in den Januar. Nach vier Monaten Tragzeit, gewöhnlich also im Mai, wirft das Weibchen in einer einsamen Schlucht des Gebirges oder in den dichtesten Wäldern, zwei bis drei, selten auch vier Junge auf ein weiches und warmes Lager, das es entweder in hohlen Bäumen oder in tiefen Höhlen angelegt hat. Es hält schwer, ein solches Wochenbett aufzufinden; bekommt man aber Junge, die noch klein sind, so kann man sie ohne große Mühe zähmen. Solange ein gefangener Vielfraß jung ist, zeigt er sich höchst lustig, fast wie ein junger Bär. Wenn man ihn an einen Pfahl gebunden hat, läuft er in einem Halbkreise herum, schüttelt dabei den Kopf und stößt grunzende Töne aus. Vor dem Eintritt schlechter Witterung wird er launisch und mürrisch. Obgleich nicht eben schnell in seinen Bewegungen, ist er doch fortwährend in Tätigkeit, und bloß, wenn er schläft, liegt er still auf einer und derselben Stelle. Einen Baum, den man in seinem Käfig angebracht hat, besteigt er mit Leichtigkeit und scheint sich durch die merkwürdigsten Turmkünste, die er auf den Ästen ausführt, besonders zu vergnügen. Zuweilen spielt er förmlich mit den Zweigen, indem er mit Leichtigkeit und ohne jede Furcht aus ziemlichen Höhen herunter auf die Erde springt und an den eisernen Stäben seines Käfigs oder an seinem Lieblingsbaume rasch wieder emporklettert; zuweilen rennt er in einem kurzen Galopp im Kreise innerhalb seines Käfigs umher, hält jedoch ab und zu inne, um zu sehen, ob ihm nicht einer von den Zuschauern ein Stückchen Kuchen oder sonst einen Leckerbissen durch das Gitter geworfen habe.

Das eigentliche Wesen des Vielfraßes zeigt sich aber doch erst, wenn er Gesellschaft seinesgleichen hat. Im Berliner Tiergarten lebten einmal drei Stück des in unsern Käfigen so seltenen Tieres, und zwar ein altes und zwei noch nicht erwachsene, die in früher Jugend ankamen. Etwas Lustigeres und Vergnügteres, als die beiden Geschöpfe sind, kann man sich nicht denken. Nur äußerst selten sieht man sie kurze Zeit der Ruhe pflegen; den größten Teil des Tages verbringen sie mit Spielen, die ursprünglich durchaus nicht böse gemeint zu sein scheinen, bald aber ernster werden und gelegentlich in einen Zweikampf übergehen, bei dem beide Recken Gebiß und Tatzen wechselweise gebrauchen. Unter kaum wiederzugebendem Gekläff, Geknurr und Geheul rollen sie übereinander weg, so daß der eine bald auf dem Rücken, bald auf dem Bauche des andern liegt, von diesem abgeschüttelt und nun seinerseits niedergeworfen wird, springen auf, suchen sich mit den Zähnen zu packen, zerren sich an den Schwänzen und kollern von neuem ein gutes Stück über den Boden fort. Endet das Spiel und der Zweikampf, so trollen beide hintereinander her, durchmessen ihren Käfig nach allen Seiten, durchschnüffeln alle Winkel und Ecken, untersuchen jeden Gegenstand, der sich findet, werfen Futter- und Trinkgefäße über den Haufen, ärgern die rechtschaffenen Waschweiber, die ihre Käfige zu reinigen haben, durch unstillbaren Forschungseifer nach Dingen und Gegenständen, die sie unbedingt nichts angehen, erzürnen sich wiederum und beginnen das alte Spiel, achtsame Beobachter stundenlang fesselnd. Ganz anders benehmen sie sich angesichts des futterspendenden Wärters. Alle Ungeduld, die ein hungriges Tier zu erkennen gibt, gelangt jetzt bei ihnen zum Ausdruck. Der Name Vielfraß wurde mir, als ich sie zum ersten Male sah, urplötzlich verständlich. Winselnd, heulend, knurrend, kläffend, zähnefletschend und sich gegenseitig mit Ohrfeigen und anderweitigen Freundschaftsbezeigungen bedenkend, rennen sie wie toll und unsinnig im Käfige umher, gierig nach dem Fleische blickend, wälzen sich, wenn der Wärter dasselbe ihnen nicht augenblicklich reicht, gleichsam verzweifelnd auf dem Boden und fahren, sobald ihnen der Brocken zugeworfen wird, mit einer Gier auf diesen los, wie ich es noch bei keinem andern Tier, am wenigsten aber bei einem so sorgsam wie sie gepflegten und gefütterten, beobachtet habe. Der unstillbare Blutdurst der Marder scheint bei ihnen in Freßgier umgewandelt zu sein. Sie stürzen sich, alles andere vergessend, wie sinnlos auf das Fleischstück, packen es mit Gebiß und Klauen zugleich und kauen nun unter lebhaftem Schmatzen, Knurren und Fauchen so eifrig, schlingen und würgen so gierig, daß man nicht im Zweifel bleiben kann, die Fabelei der älteren Schriftsteller habe Ursprung und gewissermaßen auch Berechtigung in Beobachtung solcher gefangenen Vielfraße.

*

In Brasilien lebende, schlank gebaute Mitglieder unserer Familie vom Ansehen der Marder, die zwischen diesen und dem Vielfraße in der Mitte zu stehen scheinen, sind die Huronen oder Grisons ( Galera). Die Hyrare der Brasilianer oder Tayra der Bewohner Paraguays ( Mustela barbara) erreicht eine Länge von 1,1 Meter, wovon etwa 45 Zentimeter auf den Schwanz kommen. Der dichte Pelz ist am Rumpfe, an den vier Beinen und am Schwanze bräunlichschwarz, das Gesicht blaßbraungrau, die übrigen Teile des Kopfes, der Nacken und die Seiten des Halses sind bald aschgrau, bald gelblichgrau; die Färbung des Ohres zieht etwas ins Rötlichgelbe. An der Unterseite des Halses steht ein großer, gelber Flecken.

Die Hyrare verbreitet sich über einen großen Teil von Südamerika, von Britisch-Guiana und Brasilien bis Paraguay und noch weiter südlich. Sie ist keineswegs selten, an manchen Orten sogar häufig. In den vom Prinzen von Wied bereisten Waldungen Brasiliens fehlt sie nirgends, ist auch allen Ansiedlern wohl bekannt. Moore behauptet, daß sie in Trupps von fünfzehn bis zwanzig Stück zusammen auf die Jagd ausgehe; diese Angabe ist aber jedenfalls nicht richtig, weil kein einziger der übrigen Beobachter solches erwähnt. Laut Rengger lebt sie teils in Feldern, die mit hohem Grase bewachsen sind, teils in dichten Waldungen. Dort dient ihr der verlassene Bau eines Gürteltieres, hier ein hohler Baumstamm zum Lager. Sie wird als ein sehr schädliches Tier angesehen, das sich kühn selbst in die Nähe der Wohnungen drängt. Die Nahrung der Hyrare besteht aus allen kleinen, wehrlosen Säugetieren, deren sie habhaft werden kann. Junge Feldhirsche, Agutis, Kaninchen, Apereas und Mäuse bilden wohl den Hauptbestandteil ihrer Mahlzeiten; auf dem Felde geht sie den Hühnern und jungen Straußen nach, in den Wäldern besteigt sie die Bäume und bemächtigt sich der Brut der Vögel. In die Hühnerställe bricht sie nach Marderart ein, beißt dem Federvieh den Kopf ab und trinkt das Blut mit derselben Gier, wie Baummarder oder Iltis; denn auch sie ist blutdürstig und erwürgt, wenn es in ihrer Gewalt liegt, mehr Tiere, als sie zur Sättigung bedarf. Die Hyrare wird in ganz Südamerika ziemlich oft gezähmt. Schomburgk fand sie oft in den Hütten der Indianer, die sie » Maikong« oder » Hava« nennen.

Der Grison ( Mustela vittata) ist kleiner als die Hyrare, etwa 65 Zentimeter lang, wovon auf den Schwanz ungefähr 22 Zentimeter kommen, und durch gedrungenere Gestalt und verhältnismäßig kurzen Schwanz, auch durch das dünnere, eng anliegende Haarkleid ausgezeichnet. Die Färbung erscheint besonders deshalb merkwürdig, weil die Oberseite des Körpers lichter gefärbt ist als die Unterseite. Die Schnauze, der untere Teil des Nackens, der Bauch und die Kiefer sind dunkelbraun, während die ganze Oberseite von der Stirn an bis zum Schwanze blaßgrau aussieht. Von der Stirn läuft über die Wangen eine hellockergelbe Binde, die gegen die Schultern hin etwas stärker wird. Die Schwanzspitze und die kleinen Ohren sind ganz gelb, die Sohlen und die Fersen dunkelschwarz gefärbt, die kurzen Streifen der Stirn und Wange glänzend stahlgrau.

Der Grison bewohnt so ziemlich dieselben Gegenden wie die vorhergehende Art. Schomburgk nennt ihn eines der gewöhnlichen Raubtiere der Küste. Er hält sich in den Pflanzungen und besonders gern in der Nähe der Gebäude auf, wo er unter dem Federvieh zuweilen großen Schaden anrichtet. Wenn die Hyrare unserm Edelmarder gleicht, vertritt der Grison den Iltis, mit dem er auch in der Größe übereinstimmt. Hohle Bäume, Felsspalten und Erdlöcher sind seine Aufenthaltsorte. Das Tier macht den Eindruck eines unverschämten Wesens und hat eine eigentümliche Gewohnheit, den langen Hals emporzuheben, ganz wie giftige Schlangen zu tun pflegen; dabei blitzen die kleinen, dunklen Augen unter der weißen Binde sehr lebendig hervor und geben der geistigen Regsamkeit sowie auch dem mordlustigen Wesen belebten Ausdruck. In der Provinz Rio Grande do Sul, namentlich in der Stadt gleichen Namens, soll er, laut Hensel, nicht selten in großen Speichern wie bei uns die Katzen zum Vertilgen der Ratten gehalten werden. Ein zahmes Pärchen, das ein Kaufmann in Porto Alegro von dorther sich kommen ließ, hielt sich einige Wochen in seinen Speichern, verschwand dann aber, angeblich infolge der Nachlässigkeit der schwarzen Bediensteten, auf Nimmerwiedersehen.

*

In der zweiten Unterfamilie vereinigt man die Ottern ( Lutrinae). Die hierher gehörigen Marderarten, einige zwanzig an der Zahl, kennzeichnen sich durch den gestreckten, flachen, auf niederen Beinen ruhenden Leib, den platten stumpfschnäuzigen Kopf mit kleinen vorstehenden Augen und kurzen, runden Ohren, die sehr ausgebildeten Schwimmhäute zwischen den Zehen, den langen, zugespitzten, mehr oder weniger flachgedrückten Schwanz und durch das kurze, straffe, glatte, glänzende Haar. Ihre Vorder- und Hinterbeine sind fünfzehig, die beiden mittleren Zehen nur wenig länger als die seitlichen. In der Aftergegend ist keine Drüsentasche vorhanden, es finden sich aber zwei Absonderungsdrüsen, die neben dem After münden. Im Gebiß und Knochenbau ähneln die Ottern noch sehr den übrigen Mardern; jedoch ist der letzte obere Backenzahn groß und viereckig, und gibt sich auch im Geripp der auffallend flache Schädel mit breitem Hirnkasten, verengter Stirngegend und kurzem Schnauzenteil als sehr eigentümliches Merkmal kund.

Die Ottern bewohnen Flüsse und Meere und verbreiten sich mit Ausnahme von Neuholland und des höchsten Nordens über fast alle Teile der Erde. Nur gezwungen entfernen sie sich von dem Wasser, und auch dann bloß in der Absicht, um ein anderes Gewässer aufzusuchen. Sie schwimmen und tauchen meisterhaft, können lange Zeit unter dem Wasser aushalten, laufen, ihrer kurzen Beine ungeachtet, ziemlich schnell, sind stark, mutig und kühn, verständig und zur Zähmung geeignet, leben aber fast überall in gespannten Verhältnissen mit dem Menschen, weil sie diesem einen so großen Schaden zufügen, daß derselbe durch den kostbaren Pelz, den sie liefern, nicht im entferntesten ausgewogen werden kann.

Europa beherbergt eine einzige Art der Gruppe, gewissermaßen das Urbild der Unterfamilie, die, oder wie die meisten Jäger sagen, den Fischotter ( Lutra vulgaris), einen Wassermarder von reichlich 1,2 Meter Länge, wovon 40 bis 43 Zentimeter auf den Schwanz zu rechnen sind. Der Kopf ist länglichrund, die Schnauze abgerundet, das Auge klein, aber lebhaft, das sehr kurze, abgerundete, durch eine Hautfalte verschließbare Ohr fast ganz im Pelze versteckt, der Leib ziemlich schlank, aber flach, der Schwanz mehr oder weniger rundlich, an der Spitze stark verschmälert; die sehr kurzen Beine, deren Zehen durch bis zu den Nägeln vorgezogene Schwimmhäute miteinander verbunden werden, treten mit der ganzen Sohle auf. In dem ziemlich kurzen und sehr flachen Schädel ist das Hinterhaupt ungewöhnlich stark und breit entwickelt, die Stirne nur wenig niedriger als der Scheitel, die Nase vorn kaum merklich abschüssig; im Gebiß, das aus 36 Zähnen, und zwar drei Schneide-, einem Eck-, drei Lückzähnen, dem Höcker- und noch einem Backenzahne oben und unten in jedem Kiefer besteht, ist der äußere obere Vorderzahn bedeutend stärker als die vier mittelsten, und tritt der zweite untere Vorderzahn aus der Zahnreihe zurück; der sehr stark entwickelte Höckerzahn des Oberkiefers ist quergestellt, vierseitig, rhombischen Querschnittes und nur wenig breiter als lang. Als bezeichnend für die Sippe gilt noch die nackte, netzartig gerissene und flachwarzige Haut an der Nasenspitze über dem behaarten Lippenrande, zu deren Seiten die länglichen, bogigen Nasenlöcher sich öffnen, weil die Form dieses Nasenfeldes für die Unterscheidung anderer Ottern von Wichtigkeit ist und zur Aufstellung besonderer Untersippen Veranlassung gegeben hat. Ein dichter und kurz anliegender, aus derbem, starrem, glänzendem Oberhaar von dunkelbrauner Färbung bestehender Pelz deckt den Leib; seine Färbung lichtet sich nur auf der Unterseite etwas und geht unter dem Halse an den Kopfseiten ins Weißlichgraubraune über, während der im Pelze versteckte Ohrrand lichtbraun aussieht; ein heller, verwaschen weißlicher Flecken steht über der Mitte der Unterlippe, einzelne unregelmäßige rein weiße oder weißliche Fleckchen finden sich am Kinn und zwischen den Unterkieferästen. Das sehr feine Wollhaar ist an der Wurzel lichtbraungrau, an der Spitze dunkler braun. Manche Tiere haben eine mehr graubraune als dunkelbraune Färbung. Spielarten kommen ebenfalls vor.

In der Weidmannssprache heißt der männliche Fischotter Rüde, der weibliche Feh oder Fehe, der Schädel Grind, der Schwanz Ruthe, das Fleisch Kern, das Fell Balg, das weibliche Geschlechtsglied Nuß. Der Fischotter ranzt und die Fehe bringt Junge, er steigt aus oder an das Land, wenn er das Wasser verläßt, geht über Land, wenn er auf dem Trockenen eine Strecke zurücklegt, steigt, fällt oder fährt in das Wasser; er wittert, scherzt oder spielt, pfeift, fischt, hat eine Fährte und einen Bau, keine Wohnung oder Höhle.

Unser Fischotter bewohnt ganz Europa und außerdem den größten Teil von Nord- und Mittelasien, sein Verbreitungsgebiet nach Osten hin bis zur Mündung des Amur ausdehnend. In den Polarländern scheint er nicht weit nach Norden vorzudringen, obwohl er einzeln noch in Lappland lebt; in Sibirien geht er nur bis gegen den Polarkreis hinauf. In Mittel- und Südeuropa haust er in jedem nahrungversprechenden Gewässer, auch in Flüssen und Bächen der bewohntesten Teile stark bevölkerter Staaten, in Mittelasien fehlt er an geeigneten Orten ebensowenig.

Der Fischotter liebt vor allem Flüsse, deren Ufer auf große Strecken hin mit Wald bedeckt sind. Hier wohnt er in unterirdischen Gängen, die ganz nach seinem Geschmack und im Einklange mit seinen Sitten angelegt wurden. Die Mündung befindet sich stets unter der Oberfläche des Wassers, gewöhnlich in einer Tiefe von einem halben Meter. Von hier aus steigt ein etwa zwei Meter langer Gang schief nach aufwärts und führt zu dem geräumigen Kessel, der regelmäßig mit Gras ausgepolstert und stets trocken gehalten wird. Ein zweiter, schmaler Gang läuft vom Kessel aus nach der Oberfläche des Ufers und vermittelt den Luftwechsel. Gewöhnlich benutzt der Fischotter die vom Wasser aufgeschwemmten Löcher und Höhlungen im Ufer, die er einfach durch Wühlen und Zerbeißen der Wurzeln verlängert und erweitert; in seltenen Fällen bezieht er auch verlassene Fuchs- und Dachsbaue, wenn solche nicht weit vom Wasser liegen. Unter allen Umständen besitzt er mehrere Wohnungen, es sei denn, daß ein Gewässer außerordentlich reich an Fischen ist, er also nicht genötigt wird, größere Streifereien auszuführen. Bei hohem Wasser, das seinen Bau überschwemmt, flüchtet er sich auf nahestehende Bäume oder in hohle Stämme und verbringt hier die Zeit der Ruhe und Erholung nach seinen Jagdzügen im Wasser.

Soviel Ärger ein Fischotter seines großen Schadens wegen Besitzern von Fischereien und leidenschaftlichen Anglern verursacht, so anziehend wird er für den Forscher. Sein Leben ist so eigentümlicher Art, daß es eine eigene Beobachtung verlangt und deshalb jeden an der schädlichen Wirksamkeit des Tieres unbeteiligten Naturfreund fesseln muß. An dem Fischotter ist alles merkwürdig, sein Leben und Treiben im Wasser, seine Bewegungen, sein Nahrungserwerb und seine geistigen Fähigkeiten. Er gehört unbedingt zu den anziehendsten Tieren unseres Erdteiles. Daß er ein echtes Wassertier ist, sieht man bald, auch wenn man ihn auf dem Lande beobachtet. Sein Gang ist der kurzen Beine wegen schlangenartig kriechend, aber keineswegs langsam. Auf Schnee oder Eis rutscht er oft ziemlich weit dahin, wobei ihm das glatte Fell gut zustatten kommt, und selbst der kräftige Schwanz zuweilen Hilfe gewähren muß. Dabei wird der breite Kopf gesenkt getragen, der Rücken nur wenig gekrümmt, und so gleitet und huscht er in wirklich sonderbarer Weise seines Weges fort. Doch darf man nicht glauben, daß er ungeschickt wäre; denn die Geschmeidigkeit seines Leibes zeigt sich auch auf dem Lande. Er kann den Körper mit unglaublicher Leichtigkeit drehen und wenden wie er will, und ist imstande, ohne Beschwerde sich aufzurichten, minutenlang in dieser Stellung zu verweilen und, ohne aus dem Gleichgewicht zu kommen, sich vor- und rückwärts zu wenden, zu drehen oder auf und niederzubeugen. Nur im höchsten Notfalle macht er auch noch von einer andern Fertigkeit landlebender Tiere Gebrauch, indem er durch Einhäkeln seiner immer noch ziemlich scharfen Krallen an schiefstehenden Bäumen, aber freilich so tölpisch und ungeschickt als möglich, emporklettert.

Ganz anders bewegt er sich im Wasser, seiner eigentlichen Heimat, die er bei der geringsten Veranlassung flüchtend zu erreichen sucht, um der ihm auf dem feindlichen Lande drohenden Gefahr zu entgehen. Der Bau seines Körpers befähigt ihn in unübertrefflicher Weise zum Schwimmen und Tauchen: der schlangengleiche Leib, mit den kurzen, durch große Schwimmhäute zu kräftigen Rudern umgewandelten Füßen, der starke und ziemlich lange Schwanz, der als treffliches Steuer benutzt werden kann, und der glatte, schlüpfrige Pelz vereinigen alle Eigenschaften in sich, die ein rasches Durchgleiten und Zerteilen der Wellen ermöglichen. Zur Ergreifung der Beute dient ihm das scharfe, vortreffliche und kräftige Gebiß, das das einmal Erfaßte, und sei es noch so glatt und schlüpfrig, niemals wieder fahren läßt. In den hellen Fluten der Alpenseen oder des Meeres hat man zuweilen Gelegenheit, sein Treiben im Wasser zu beobachten. Er schwimmt so meisterhaft nach allen Richtungen hin, daß er die Fische, denen er nachfolgt, zu den größten Anstrengungen zwingt, falls sie ihm entgehen wollen; und wenn er nicht von Zeit zu Zeit auf die Oberfläche kommen müßte, um Atem zu schöpfen, würde wohl schwerlich irgendwelcher Fisch schnell genug sein, ihm zu entrinnen. Dem Fischotter ist vollkommen gleichgültig, ob er auf- oder niedersteigt, seitwärts sich wenden, rückwärts sich drehen muß; denn jede nur denkbare Bewegung fällt ihm leicht. Gleichsam spielend tummelt er sich im Wasser umher. Wie ich an Gefangenen beobachtete, schwimmt er manchmal auf einer Seite und oft dreht er sich, scheinbar zu seinem Vergnügen, so herum, daß er auf den Rücken zu liegen kommt, zieht hierauf die Beine an die Brust und treibt sich noch ein gutes Stück mit dem Schwanze fort. Dabei ist der breite Kopf in ununterbrochener Bewegung, und die Schlangenähnlichkeit des Tieres wird besonders auffallend. Auch bei langem Aufenthalte im Wasser bleibt das Fell glatt und trocken. Die Wasserschicht, in der ein Fischotter schwimmt, ist leicht festzustellen, weil von ihm beständig Luftblasen aufsteigen, und auch das ganze Fell gewissermaßen eine Umhüllung von seinen Luftbläschen wahrnehmen läßt. Zur Zeit des Winters sucht er, wenn die Gewässer zugefroren sind, die Löcher im Eise auf, steigt durch dieselben unter das Wasser und kehrt auch zu ihnen zurück, um Luft zu schöpfen. Solche Eislöcher weiß er mit unfehlbarer Sicherheit wieder aufzufinden, und ebenso geschickt ist er, andere, die er auf seinem Zuge trifft, zu entdecken. Ein Eisloch braucht bloß so groß zu sein, daß er seine Nase durchstecken kann, um zu atmen: dann ist das zugefrorene Gewässer vollkommen geeignet, von ihm bejagt zu werden.

Im Freien vernimmt man die Stimme des Fischotters viel seltener als in der Gefangenschaft, wo man ihn weit leichter aufregen kann. Wenn er sich recht behaglich fühlt, läßt er ein leises Kichern vernehmen; verspürt er Hunger, oder reizt man seine Freßgier, so stößt er ein lautes Geschrei aus, das wie die oft und rasch nacheinander wiederholten Silben »girrk« klingt und so gellend ist, daß es die Ohren beleidigt; im Zorne kreischt er laut auf; verliebt, pfeift er hell und wohlklingend.

siehe Bildunterschrift

Fischotter ( Lutra vulgaris)

Die Sinne des Fischotters sind sehr scharf; er äugt, vernimmt und wittert ausgezeichnet. Schon aus einer Entfernung von mehreren hundert Schritten gewahrt er die Annäherung eines Menschen oder Hundes, und eine solche Erscheinung ist für ihn dann stets die Aufforderung zur schleunigsten Flucht nach dem Wasser. Die unablässigen Verfolgungen, denen er ausgesetzt ist, haben ihn sehr scheu und vorsichtig, aber auch sehr listig gemacht, und so kommt es, daß man tagelang auf ihn lauern kann, ohne ihn wahrzunehmen. Zwar trifft man ihn zuweilen auch bei Tage außerhalb seines Baues oder des Wassers, behaglich hingestreckt auf einem alten Stocke oder einer Kaupe, hier sich sonnend, manchmal sogar so weit sich vergessend, daß er von heranschleichenden Menschen erschlagen werden kann: dies aber sind seltene Ausnahmen. In der Regel zieht er erst nach Sonnenuntergang zum Fischfange aus und betreibt diesen während der Nacht, am liebsten und eifrigsten bei hellem Mondenschein. Gelegentlich solcher Jagden nähert er sich den menschlichen Wohnungen nicht selten bis auf wenige Schritte, durchzieht auch Ortschaften, die an größeren Flüssen oder Strömen liegen, regelmäßig, meist, ohne daß man von seinem Vorhandensein etwas merkt. Unter Umständen legt er seinen Bau in der Nähe einer alten Mühle an: Jäckel berichtet, daß ein Müller drei junge, wenige Tage alte Ottern in der Nähe seines Mahlwerkes erschlagen hat, und teilt noch mehrere andere ähnliche Fälle mit.

Alte Fischottern leben gewöhnlich einzeln, alte Weibchen aber streifen lange Zeit mit ihren Jungen umher oder vereinigen sich mit anderen Fehen oder um die Paarungszeit mit solchen und Männchen und fischen dann in Gesellschaft. Sie schwimmen stets stromaufwärts und suchen einen Fluß nicht selten auf Meilen von ihren Wohnungen gründlich ab, befischen dabei auch in dem Umfange einer Meile alle Flüsse, Bäche und Teiche, die in den Hauptfluß münden oder mit ihm in Verbindung stehen. Nötigenfalls bleiben sie, wenn sie der Morgen überrascht, in irgendeinem schilfreichen Teiche während des Tages verborgen und setzen bei Nacht ihre Wanderung fort. In den größeren Bächen z.B., die in die Saale münden, erscheinen sie nicht selten drei, ja vier Meilen von deren Mündungen entfernt und vernichten, ohne daß der Besitzer eine Ahnung hat, in aller Stille oft die sämtlichen Fische eines Teiches. Obgleich der Fischotter zu weiteren Spaziergängen keineswegs geeignet erscheint, unternimmt er erforderlichenfalls weite Streifzüge zu Lande, um aus fischarmen in fischreichere Jagdgebiete zu gelangen: »er scheut dabei,« sagt Jäckel, »um beispielsweise in die Gebirgsbäche des bayrischen Hochlandes zu kommen, selbst hohe Gebirgsrücken nicht und übersteigt sie mit überraschender Schnelligkeit. Im Steigerwaldrevier Koppenwind hatte ein Paar Ottern einen verlassenen Dachsbau inne, von wo aus der eine in einer Nacht von der Rauhen Ebrach durch die Mittelebrach über Mittelsteinach und Aschbach in die reiche Ebrach nach Heuchelheim wechselte, wie sich durch Verfolgung der Fährte bei neugefallenem Schnee zeigte. Aus der Chiemseeachen steigen Ottern bis in den Loserbach bei Reit im Winkel, in die Schwarzachen bei Ruhpolding, in die Rote und Weiße Traun. Im Jahre 1850 überstieg nach Beobachtung des Forstwartes Sollacher von Staudach ein starker Otter bei mehr als anderthalb Meter tiefem Schnee den felsigen, von Gemsen bewohnten Siedleckrücken am Hochgerngebirge, etwa 1460 Meter über der Meeresfläche erhaben, um von dem Weißachentale in das gegenüberliegende Eibelsbachtal auf dem kürzesten Wege zu kommen und in letzterem Bache zu fischen. Er mußte hierbei mindestens drei Stunden an dem sehr steilen und felsigen Gehänge aufwärts und dann zwei Stunden ebenso steil abwärts bis zum Ursprunge des Eibelsbaches, den er bis zu seiner Einmündung in den Achenfluß ununterbrochen verfolgte. Ein kräftiger Gebirgsjäger kann unter den obwaltenden Verhältnissen die betreffende Wegstrecke kaum in sieben Stunden zurücklegen, während sie der schwerfällige, zu Gebirgswanderungen nicht geschaffene Otter einschließlich der seinem Fischfange geopferten Zeit in dem kurzen Zeitraume von zwölf Stunden ausführte, wovon sich Forstwart Sollacher durch Hin- und Herverfolgen der frischen Fährte mit Staunen überzeugte. Im Jahre 1840 stieg nach der Beobachtung des Revierförsters Sachenbacher aus dem das Aurachtal bei Schliersee durchziehenden Aurachflüßchen bei sehr tiefem Schnee ein starker Otter an das Land und setzte unter den schwierigsten örtlichen Verhältnissen seinen Weg über das nahezu 1300 Meter über der Meeresfläche liegende Hohenwaldeckgebirge und den Rhonberg fort, um in den weit entgegengesetzt liegenden, sehr fischreichen Leitzachfluß zu gelangen. Diese durch den Otter in einer Nacht zurückgelegte Wegstrecke beträgt mit Rücksicht auf das steile Gebirgsgehänge und das damalige tiefe Schneelager für einen geübten Bergsteiger wenigstens acht Gehstunden.«

Im Wasser ist der Fischotter dasselbe, was Fuchs und Luchs im Vereine auf dem Lande sind. In den seichten Gewässern treibt er die Fische in den Buchten zusammen, um sie dort leichter zu erhaschen, oder scheucht sie, indem er mehrmals mit dem Schwanze plätschernd auf die Wasseroberfläche schlägt, in Uferlöcher und unter Steine, wo sie ihm dann sicher zur Beute werden. In tieferen Gewässern verfolgt er sie vom Grunde aus und packt sie rasch am Bauche. Nicht selten lauert er, auf Stöcken und Steinen sitzend, taucht, sobald er einen Fisch von ferne erblickt, plötzlich in das Wasser, jagt ihm in eiligster Hetzjagd eine Strecke weit nach und faßt ihn, falls er erschreckt sich zu verbergen sucht. Wenn ihrer zwei einen Lachs verfolgen, schwimmt der eine über, der andere unter ihm, und so jagen sie ihn so lange, bis er vor Müdigkeit nicht weiter kann und sich ohne Widerstand ergeben muß. Der Otter, der seine Jagd ohne Mithilfe anderer seiner Art ausüben muß, nähert sich den größeren Fischen, die nicht gut unter sich sehen können, vom Grunde aus und packt sie dann von unten plötzlich am Bauche. Kleinere Fische verzehrt er während seines Schwimmens im Wasser, indem er den Kopf etwas über die Oberfläche emporhebt, größere trägt er im Maule nach dem Ufer und verspeist sie auf dem Lande. Dabei hält er die schlüpfrige Beute zwischen seinen Vorderfüßen und beginnt in der Gegend der Schulter zu fressen, schält das Fleisch vom Nacken nach dem Schwanze ab und läßt Kopf und Schwanz und die übrigen Teile liegen. In fischreichen Flüssen wird er noch leckerer und labt sich dann bloß an den besten Rückenstücken. So kommt es, daß er an einem Tage oft mehrere große Fische fängt und von jedem bloß ein kleines Rückenstückchen verzehrt. Bei Überfluß an Nahrung verleugnet der Otter die Sitten seiner Familie nicht. Auch er mordet, wie ich an Gefangenen beobachtete, solange etwas Lebendes in seiner Nähe unter Wasser sich zeigt und wird durch einen an ihm vorüberschwimmenden Fisch selbst von der leckersten Mahlzeit abgezogen und zu neuer Jagd angeregt. Wenn er zufällig unter einen Schwarm kleiner Fische gerät, fängt er so rasch als möglich nacheinander einen um den anderen, schleppt ihn eiligst an Land, beißt ihn tot, läßt ihn einstweilen liegen und stürzt sich von neuem ins Wasser, um weiterzujagen.

Auch von Krebsen, Fröschen, Wasserratten, kleinen und sogar größeren Vögeln nährt sich der Fischotter, obschon Fische, zumal Forellen, seine Lieblingsspeise bleiben. Selbst durch außergewöhnliche Jagden wird er schädlich. »In den schönen Gartenanlagen zu Stuttgart«, erzählt Tessin, »sind die Teiche stark mit zahmem und wildem Wassergeflügel sowie mit Fischen bevölkert. Unter ersteren trieb im Sommer 1824 ein Fischotter seine nächtlichen Räubereien sechs bis sieben Wochen lang, ohne daß irgendeine Spur seiner Anwesenheit bemerkt wurde. Während dieser Zeit wurden alle Entennester sowohl auf dem Lande als auf den Inseln zerstört und die Eier ausgesaugt, auch die jungen Enten und Gänse schnell vermindert, ohne daß Überreste hiervon angetroffen worden wären, ebensowenig, als man solche von den gefressenen Fischen bemerkte. Dagegen fand man täglich zwei bis sieben alte Enten, von denen nichts als Kopf und Hals verzehrt worden waren, desgleichen stark verletzte Gänse und Schwäne, welche infolge ihrer Wunden bald eingingen. In einer mondhellen Nacht entschloß sich endlich der in den Anlagen wohnende königliche Oberhofgärtner Bosch, auf dem Platze anzustehen. Von neun Uhr an bis gegen zwölf Uhr wurde das Wassergeflügel beständig beunruhigt und nach allen Richtungen hin umhergetrieben. Unaufhörlich tönte der Angstschrei, besonders der jungen Enten, und es fing erst an, ruhig zu werden, nachdem sich alle auf das Land geflüchtet hatten. Noch war es nicht möglich, zu entdecken, wodurch das Geflügel so in Angst gesetzt worden war, und vergebens versuchte Herr Bosch, dasselbe wieder in den Teich zu treiben. Nach ein Uhr fiel eine wilde Ente in kurzer Entfernung von dem Versteck des Jägers ins Wasser. Bald darauf bemerkte dieser im Wasser eine schmale Strömung, die jedoch durchaus kein Geräusch verursachte und das Ansehen hatte, als ob ein großer Fisch hochginge, nur daß sich die Strömung weit schneller bewegte, als es geschehen sein würde, wenn ein Fisch die Ursache gewesen wäre. Als die Ente diese Strömung wahrgenommen hatte, stand sie schnell auf und strich weg. Die Strömung kam Bosch immer näher, und er schoß endlich mit starken Schroten auf sie hin. Nach dem Schusse blieb das Wasser ruhig; Bosch nahm einen Kahn, fuhr damit an die Stelle und untersuchte mit dem Ladestocke, an dem sich ein Krätzer befand, das Wasser. Er verspürte bald eine weiche Masse, bohrte dieselbe an und brachte einen Fischotter männlichen Geschlechts empor. Von nun an hörten alle Verheerungen unter dem Wassergeflügel auf.«

Ob der Fischotter während seines Freilebens auch Pflanzenstoffe frißt, weiß ich nicht mit Bestimmtheit zu sagen; wohl aber habe ich beobachtet, daß er solche in der Gefangenschaft durchaus nicht verschmäht. Eine Möhre war denen, die ich pflegte, oft eine bevorzugte Speise, eine Birne, Pflaume, Kirsche eine Leckerei. Da nun die meisten übrigen Marder an Fruchtstoffen Gefallen finden, glaube ich annehmen zu dürfen, daß der Marder des Wassers auch im Freien Obst und dergleichen nicht liegen läßt.

Eine bestimmte Rollzeit hat der Otter nicht; denn man findet in jedem Monat des Jahres Junge. Gewöhnlich fällt die Paarungszeit in das Ende des Februar oder den Anfang des März. Männchen und Weibchen locken sich durch einen starken, anhaltenden Pfiff gegenseitig herbei und spielen allerliebst miteinander im Wasser umher. Sie verfolgen einander, necken und foppen sich; das Weibchen entflieht spröde, das Männchen wird ungestümer, bis ihm endlich Sieg und Gewähr zum Lohne wird. Neun Wochen nach der Paarungszeit, bei uns gewöhnlich im Mai, wirft das Weibchen in einem sicheren, d.h. unter alten Bäumen oder starken Wurzeln gelegenen Uferbau, auf ein weiches und warmes Graspolster zwei bis vier blinde Junge. Die Mutter liebt diese zärtlich und pflegt sie mit der größten Sorgfalt. Ängstlich sucht sie das Lager zu verbergen und vermeidet, um ja nicht entdeckt zu werden, in der Nähe desselben irgendeine Spur von ihrem Raube oder ihrer Losung zurückzulassen. Nach etwa neun bis zehn Tagen öffnen die niedlichen Kleinen ihre Augen, und nach Verlauf von acht Wochen werden sie von der Mutter zum Fischfange ausgeführt. Sie bleiben nun noch etwa ein halbes Jahr lang unter Aufsicht der Alten und werden von ihr in allen Künsten des Gewerbes gehörig unterrichtet. Im dritten Jahre sind sie erwachsen oder wenigstens zur Fortpflanzung fähig.

Junge, aus dem Nest genommene und mit Milch und Brot aufgezogene Fischottern können sehr zahm werden. Die Chinesen benutzen eine Art der Sippe zum Fischfang für ihre Rechnung, und auch bei uns zulande hat man mehrmals Fischottern zu demselben Zweck abgerichtet. Ein zahmer Otter ist ein sehr niedliches und gemütliches Tier. Seinen Herrn lernt er bald kennen und folgt ihm zuletzt wie ein treuer Hund auf Schritt und Tritt nach. Er gewöhnt sich fast lieber an Milch- und Pflanzenkost als an Fleischspeise, und kann dahin gebracht werden, Fische gar nicht anzurühren. Die Abrichtung eines gezähmten Otters zum Fischfange ist ziemlich einfach. Das Tier bekommt in der Jugend niemals Fischfleisch zu fressen und wird bloß mit Milch und Brot erhalten. Nachdem es ziemlich erwachsen ist, wirft man ihm einen roh aus Leder nachgebildeten Fisch vor und sucht es dahin zu bringen, mit diesem Gegenstande zu spielen. Später wird der Lehrfisch in das Wasser geworfen und schließlich mit einem wirklichen, toten Fisch vertauscht. Nimmt der Otter einmal diesen auf, so wirft man denselben in das Wasser und läßt ihn von dort aus herausholen. Schließlich bringt man lebende Fische in einen großen Kübel und schickt den Otter da hinein. Von nun an hat man keine Schwierigkeiten mehr, letzteren auch in größere Teiche, Seen oder Flüsse zu senden, und man kann ihn, wenn man die Geduld nicht verliert, soweit bringen, daß er in Gesellschaft eines Hundes sogar auf andere Jagd mitgeht und so wie dieser die über dem Wasser geschossenen Enten herbeiholt. Man kennt Beispiele, daß er wie der Hund zur Bewachung der Hausgegenstände verwendet werden konnte.

Die anmutigste aller Erzählungen über einen gezähmten Fischotter rührt von dem polnischen Edelmann und Marschall Chrysostomus Passek her: »Im Jahre 1686, als ich in Ozowka wohnte, schickte der König den Herrn Straszewski mit einem Briefe zu mir; auch hatte der Kronstallmeister mir geschrieben und mich ersucht, dem König meinen Fischotter als Geschenk zu bringen, indem mir dies durch allerlei Gnadenbezeigungen würde vergolten werden. Ich mußte mich zur Herausgabe meines Lieblings bequemen. Wir tranken Branntwein und begaben uns dann auf die Wiesen, weil der Fischotter nicht zu Hause war, sondern an den Teichen umherkroch. Ich rief ihn bei seinem Namen »Wurm«; da kam er aus dem Schilfe hervor, zappelte um mich herum und ging mit mir in die Stube. Straszewski war erstaunt und rief: »Wie lieb wird der König das Tierchen haben, da es so zahm ist!« Ich erwiderte: »Du siehst und lobst nur seine Zahmheit; du wirst aber noch mehr zu loben haben, wenn du erst seine andern Eigenschaften kennst.« Wir gingen zum nächsten Teiche und blieben auf dem Damme stehen. Ich rief: »Wurm, ich brauche Fische für die Gäste, spring ins Wasser!« Der Fischotter sprang hinein und brachte zuerst einen Weißfisch heraus. Als ich zum zweiten Male rief, brachte er einen kleinen Hecht, und zum dritten Male einen mittleren Hecht, welchen er am Halse verletzt hatte. Straszewski schlug sich vor die Stirn und rief: »Bei Gott, was sehe ich!« Ich fragte: »Willst du, daß er noch mehr holt? denn er bringt so viele, bis ich genug habe.« Straszewski war vor Freude außer sich, weil er hoffte, den König durch die Beschreibung jener Eigenschaften überraschen zu können, und ich zeigte ihm deshalb vor seiner Abreise alle Eigenschaften des Tieres.

Straszewski begab sich nun zum Könige und erzählte ihm alles, was er gesehen und gehört hatte. Der König ließ mich schriftlich befragen, wieviel ich für den Fischotter verlangte; auch der Kronstallmeister Piekarski schrieb an mich: »Um Gottes willen, schlage dem König die Bitte nicht ab, gib ihm den Fischotter, weil du sonst keine Ruhe haben wirst!« Straszewski überbrachte mir die Briefe und erzählte, daß der König immer sagte: bis dat, qui cito dat. Der König ließ auch zwei sehr schöne türkische Pferde von Jaworow holen, sie mit prächtigem Reitzeuge versehen und mir als Gegengeschenk überschicken. Ich sandte nun den Otter in den neuen Dienst. Er bequemte sich ungern dazu, denn er schrie und lärmte in dem Käfig, als er durch das Dorf gefahren wurde. Das Tierchen grämte sich und wurde mager. Als es dem König überbracht wurde, freute er sich unmäßig und rief: »Das Tierchen sieht so abgehärmt aus, doch soll es schon besser mit ihm werden.« Jeder, der es berührte, wurde von ihm in die Hand gebissen. Der König aber streichelte es, und es neigte sich zu ihm hin; darüber erfreute er sich sehr, streichelte es noch länger, befahl, ihm Speisen zu bringen, reichte sie ihm stückweis, und er verzehrte auch einiges. Er ging in den Zimmern frei und ungehindert zwei Tage umher; auch wurden Gefäße mit Wasser hingestellt und kleine Fische und Krebse hineingesetzt. Daran ergötzte sich der Otter und brachte die Fische heraus. Der König sagte zu seiner Gemahlin: »Holde Maria, ich werde keine andern Fische essen als die, die der Otter fängt. Wir wollen morgen nach Wilanow fahren, um zu sehen, wie er sich aufs Fischen versteht.« Der Fischotter aber schlich sich in nächster Nacht aus dem Schlosse, irrte umher und ward von einem Dragoner erschlagen, der nicht wußte, daß er zahm war. Das Fell verkaufte er sogleich an einen Juden. Als man im Schlosse aufstand und ihn vermißte, wurde geschrien, gejammert, nach allen Seiten ausgeschickt. Da findet man den Juden und den Dragoner, ergreift sie und führt sie vor den König. Als dieser das Fell erblickte, bedeckte er mit einer Hand seine Augen, fuhr mit der andern in seine Haare und rief: »Schlag zu, wer ein ehrlicher Mann ist; hau zu, wer an Gott glaubt!« Der Dragoner sollte erschossen werden. Da erschienen Priester, Beichtväter und Bischöfe vor dem König, baten und stellten ihm vor, daß der Dragoner nur in Unwissenheit gesündigt habe. Sie wirkten endlich so viel aus, daß er nicht erschossen, sondern nur durchgepeitscht wurde.«

Der Fischotter wird wegen der argen Verwüstungen, welche er anrichtet, zu jeder Zeit unbarmherzig gejagt. Seine Schlauheit macht viele Jagdarten, die man sonst anwendet, langweilig oder unmöglich. Es ist ein seltener Fall, daß man einen Otter auf dem Anstande erlegt; denn wenn er die Nähe eines Menschen wittert, kommt er nicht zum Vorschein. Im Winter ist der Anstand ergiebiger, zumal wenn man dem Tier an den Eislöchern auflauert. Unter allen Umständen muß der Schütze unter dem Winde stehen, wenn er zum Ziele kommen will. Am häufigsten fängt man den Otter im Tellereisen, das man vor seine Ausstiege ohne Köder so in das Wasser legt, daß es fünf Zentimeter hoch überspült wird. Das Eisen wird mit Wassermoos ganz bedeckt. Kann man eine solche Falle in einem Bache oder Graben aufstellen, durch die er fischend von einem Teiche zum andern zu gehen pflegt, so ist es um so besser. Man engt alsdann den Weg durch Pfähle derart ein, daß das Tier über das Eisen weglaufen muß. Letzteres wird, mehr oder weniger mit zweifelhaftem Erfolge, ebenfalls verwittert, und zwar entweder mit wilder Krauseminze allseitig berieben oder mit Fett eingesalbt, dem man Baldrianwurzel, Biebergeil, Kampfer oder Angelikawurzel beigemischt hat. Auch verwendet man wohl die Losung des Otters selbst, vermischt mit gestoßener Baldrianwurzel und weißem Fischtran, oder stößt Hechtleber, Karpfengalle, Krebseier und Otterlosung zusammen in einen gereinigten Mörser und bereibt damit das Eisen. Erfolgreicher als jede Witterung ist jedenfalls die richtige Wahl des Ortes, auf den man das Eisen stellt. Erfahrene Otterfänger beobachten ihr Wild sorgfältig bei seinem Aus- und Einsteigen, stellen in der Nähe dieses Ausstieges das Eisen ohne jede Witterung ins Wasser und erbeuten mehr Fischottern als andere Jäger trotz aller Witterung. Zufällig fängt man den einen oder andern Otter auch in Reußen oder sackförmigen Fischnetzen, in die er bei seinen Fischjagden kommt, und weil er keinen Ausweg findet, erstickt. In meiner Heimat wurde ein Otter mit einem Hamen aus dem Wasser gefischt. Hier und da überrascht man ihn wohl auch bei seinen Landgängen; doch nehmen nur wenige Hunde seine Fährte an, ebensowohl, weil sie die Ausdünstung des Tieres verabscheuen, als auch, weil sie sich vor dem Gebiß desselben fürchten. Der in die Enge getriebene Otter ist ein furchterregender Gegner, der jeden Kampf aufnimmt und mit seinem starken Gebiß sehr gefährlich verwunden kann. Dies erfuhr ein Jäger, der einen von seinem Hunde verfolgten Otter in dem Augenblick ergriff, als er sich in das Wasser stürzen wollte. Der Mann hatte das Tier am Schwanze erfaßt, dieses aber drehte sich blitzschnell herum, schnappte nach der Hand und hatte im Nu das Endglied des Daumens abgebissen. Was der Otter gefaßt hat, läßt er nicht wieder los, eher läßt er sich totschlagen.

Schon in den ältesten Jagdgesetzen wird die Ausrottung des Fischotters nachdrücklich befohlen und jedem Jäger oder Fänger möglichst Vorschub geleistet. In früheren Jahrhunderten zählte man, laut Jäckel, den Fischotterfang zur Fischerei, weil sie denjenigen zu Nutze kommen sollten, die von ihnen den Schaden hatten ertragen müssen. Doch gab es eigene Otterjäger; dieselben standen aber unter den Fischmeistern und waren minder angesehen als andere Weidmänner. Als Auslösung zahlte man ihnen sehr geringe Summen; doch hatten sie das Recht, Balg und Kern des Tieres zu eigenem Nutzen zu verwenden. Das Fleisch stand einst in Bayern und Schwaben in hohem Werte und wurde in die Klöster als beliebte Fastenspeise, das Pfund zu einem Gulden, verkauft. Fischotter und Luchs gelten, laut Radde, bei allen mongolischen Völkern als wertvolle Pelztiere und werden von ihnen ungleich teurer als von den europäischen Händlern bezahlt. Man verwendet das Fell allgemein zu Verbrämungen der Pelze und Winterkleider, in Süddeutschland zu den sogenannten Ottermützen, wie sie von Männern und Frauen in Hessen, Bayern und Schwaben getragen werden, in Norddeutschland zu Pelzkragen und dergleichen, in China zum Besatz der Mützen, in Kamtschatka endlich zum Einpacken der sehr teuren Zobelfelle, weil man annimmt, daß es alle Nässe und Feuchtigkeit an sich zieht und dadurch die Zobelfelle schön erhält. Aus den Schwanzhaaren fertigt man Malerpinsel und aus den feinen Wollhaaren schöne und dauerhafte Hüte. Wohl mit Unrecht gelten die Pelze der Fischottern, die an kleinen Flüssen und Bächen wohnen, für besser als die solcher, die an großen Flüssen und Seen leben.

Der Fischotter war schon den alten Griechen und Römern bekannt, obwohl sie über sein Leben viel fabelten. So glaubte man, daß unser Tier selbst den Menschen anfalle und, wenn es ihn mit seinem fürchterlichen Gebiß erfaßt habe, nicht eher loslasse, als bis es das Krachen der zermalmten Knochen vernehme, und dergleichen mehr.

 

Zur Vervollständigung des Lebensbildes unseres Marders des Wassers will ich noch eine Art der Gruppe, die Lontra oder Ariranha (sprich Ariranje) der Brasilianer ( Lutra brasiliensis) beschreiben. Die Unterschiede zwischen unserm und dem brasilianischen Fischotter sind jedoch höchst gering und beschränken sich wesentlich auf die Bildung des Kopfes und Schwanzes: ersterer scheint im Vergleich zu dem unseres Fischotters mehr rund und nicht so platt gedrückt, letzterer beiderseitig scharfkantig oder von oben nach unten abgeplattet. Die Färbung des schönen kurzen Pelzes ist schokoladenbraun, unten etwas heller; der Unterkiefer sieht gelblich oder weiß aus und der ganze Unterhals bis zur Brust zeigt längliche, oft sehr abwechselnde weißliche Flecken, Spielarten kommen ebenfalls vor. Verglichen mit unserm Fischotter erscheint die Ariranha als ein Riese: ihre Gesamtlänge beträgt 1,5 bis 1,7 Meter, wovon auf den Schwanz 55 bis 63 Zentimeter zu rechnen sind. Die Ariranha bewohnt besonders die großen Flüsse der Tiefebene und hier am liebsten die ruhigen Seitenarme derselben, geht auch nicht hoch ins Gebirge hinauf.

 

Unser Fischotter und mehrere seiner Verwandten wohnen hier und da und zeitweilig zwar auch im Meere, eine Art der Unterfamilie aber gehört diesem ausschließlich an. Der Seeotter oder Kalan ( Lutra lutris) bildet gleichsam ein Mittelglied zwischen den Ottern und den Robben. Der Kopf ist zwar etwas abgeplattet, jedoch rundlicher als bei den Süßwasserottern, der Hals sehr kurz und dick, der Leib walzig, der Schwanz kurz, dick, zusammengedrückt, keilförmig zugespitzt und dicht behaart, das vordere Fußpaar noch wenig, das hintere sehr abweichend gebaut. Während die Vorderfüße nur wegen ihrer verkürzten Zehen, die vermittels einer schwieligen, unten nackten Haut verbunden werden, und ihrer kleinen und schwachen Krallen von denen der Flußottern abweichen, erscheinen die hinteren gleichsam als Flosse, und zwar mindestens in demselben Grade wie bei den Seehunden, von deren hinteren Flossenfüßen sie sich dadurch unterscheiden, daß die Zehen gradweise von innen nach außen an Länge zunehmen. In mancher Hinsicht ähnelt der Hinterfuß des Seeotters dem des Bibers, ist jedoch oben und unten mit kurzen, dichten, seidigen Haaren besetzt. Der Pelz besteht aus langen, steifen Grannen von schwarzbrauner, der weißen Spitzen halber weiß gesprenkelter Färbung und äußerst feinen Wollhaaren. – Junge Tiere tragen ein langes, grobes, weißes Haar, das die feine braune Wolle vollständig versteckt. Ausgewachsene Seeottern erreichen eine Gesamtlänge von mindestens anderthalb Meter, wovon etwa 30 Zentimeter auf den Schwanz kommen, und ein Gewicht von 30 bis 40 Kilogramm.

Der Verbreitungskreis des Seeotters beschränkt sich auf die nördlichen Teile des Stillen Weltmeeres, die nördlichen Küsten von Kalifornien und die Inseln und Küsten von hier aus nördlich, sowohl auf nordamerikanischer wie asiatischer Seite. Längs der amerikanischen Küste geht er weiter nach Süden hinauf als längs der asiatischen, wird aber auch dort von Jahr zu Jahr seltener.

»Im Leben, sagt Steller, ist der Seeotter ein ebenso schönes und angenehmes als in seinem Wesen lustiges und spaßhaftes, dabei sehr schmeichelndes und verliebtes Tier. Wenn man ihn laufen sieht, übertrifft der Glanz seiner Haare den schwärzesten Samt. Am liebsten liegen sie familienweise: das Männchen mit seinem Weibchen, den halberwachsenen Jungen oder »Koschlockis« und den ganz kleinen Säuglingen, Medwedkis. Das Männchen liebkost das Weibchen mit Streicheln, wozu es sich der vorderen Tatzen wie der Hände bedient, und legt sich auch öfters auf dasselbe, und sie stößt das Männchen scherzweise und gleichsam aus verstellter Sprödigkeit von sich und kurzweilt mit den Jungen wie die zärtlichste Mutter. Die Liebe der Eltern gegen ihre Jungen ist so groß, daß sie sich der augenscheinlichsten Todesgefahr für sie unterwerfen und, wenn sie ihnen genommen werden, fast wie ein kleines Kind laut zu weinen beginnen. Auch grämen sie sich dergestalt, daß sie, wie wir aus ziemlich sicheren Beispielen sahen, in zehn bis vierzehn Tagen wie ein Geripp vertrocknen, krank und schwach werden, auch vom Lande nicht weichen wollen. Man sieht sie das ganze Jahr lang mit Jungen. Sie werfen bloß eins, und zwar auf dem Lande. Es wird sehend mit allen Zähnen geboren. Die Weibchen tragen das Junge im Maule, im Meere aber, auf dem Rücken liegend, zwischen den Vorderfüßen, wie eine Mutter ihr Kind in den Armen hält. Sie spielen auch mit demselben wie eine liebreiche Mutter, werfen es in die Höhe und fangen es wie einen Ball, stoßen es ins Wasser, damit es schwimmen lerne, und nehmen es, wenn es müde geworden, wieder zu sich und küssen es wie ein Mensch. Wie auch die Jäger ihr zu Wasser oder zu Lande zusetzen, so wird doch das im Maule getragene Junge nicht, außer in der letzten Not oder im Tode, losgelassen, und deshalb kommen gar viele um. Ich habe den Weibchen absichtlich die Jungen genommen, um zu sehen, was sie täten. Sie jammerten wie ein betrübter Mensch und folgten mir von fern wie ein Hund, als ich sie forttrug. Dabei riefen sie ihre Jungen mit jenem Gewimmer, das ich oben beschrieb. Als die Jungen in ähnlicher Weise antworteten, setzte ich sie an den Boden; da kamen gleich die Mütter herbei und stellten sich bereit, dieselben fortzutragen. Auf der Flucht nehmen sie ihre Säuglinge in den Mund, die erwachsenen aber treiben sie vor sich her. Einmal sah ich eine Mutter mit ihrem Jungen schlafen. Als ich mich näherte, suchte sie dasselbe zu erwecken; da es aber nicht fliehen, sondern schlafen wollte, faßte sie es mit den Vorderfüßen und wälzte es wie einen Stein ins Meer. Haben sie das Glück, zu entgehen, so fangen sie an, sobald sie nur das Meer erreicht haben, ihren Verfolger dergestalt auszuspotten, daß man es nicht ohne sonderliches Vergnügen sehen kann. Bald stellen sie sich wie ein Mensch senkrecht in die See und hüpfen mit den Wellen, halten wohl auch eine Vordertatze über die Augen, als ob sie einen unter der Sonne scharf ansehen wollten. Bald werfen sie sich auf den Rücken und schaben sich mit den Vorderfüßen den Bauch und die Scham, wie wohl Affen tun. Dann werfen sie ihre Kinder ins Wasser und fangen sie wieder usw. Wird ein Seeotter eingeholt und sieht er keine Ausflucht mehr, so bläst und zischt er wie eine erbitterte Katze. Wenn er einen Schlag bekommt, macht er sich dergestalt zum Sterben fertig, daß er sich auf die Seite legt, die Hinterfüße an sich zieht und mit den Vordertatzen die Augen deckt. Tot liegt er wie ein Mensch ausgestreckt mit kreuzweise gelegten Vorderfüßen.

Die Nahrung des Seeotters besteht in Seekrebsen, Muscheln, kleinen Fischen, weniger in Seekraut oder Fleisch. Ich zweifle nicht, daß, wenn man die Kosten daran wenden wollte, die Tiere nach Rußland überzubringen, sie zahm gemacht werden könnten; ja, sie würden sich vielleicht in einem Teiche oder Flusse vermehren. Denn aus dem Seewasser machen sie sich wenig, und ich habe gesehen, daß sie sich mehrere Tage in den Inseln und kleinen Flüssen aufhalten, übrigens verdient dieses Tier die größte Hochachtung von uns allen, da es fast sechs Monate allein zu unserer Nahrung und den an der Zahnfäule leidenden Kranken zugleich zur Arznei gedient.

Die Bewegungen des Seeotters sind außerordentlich anmutig und schnell. Sie schwimmen vortrefflich und laufen sehr rasch, und man kann nichts Schöneres sehen als dieses wie in Seide gehüllte und schwarzglänzende Tier, wenn es läuft. Dabei ist es merkwürdig, daß die Tiere um so munterer, schlauer und hurtiger sind, je schöner ihr Pelz ist. Die ganz weißen, höchst wahrscheinlich uralte, sind im höchsten Grade schlau und lassen sich kaum fangen. Die schlechtesten, die nur braune Wolle haben, sind meist träge, schläfrig und dumm, liegen immer auf dem Eise oder Felsen, gehen langsam und lassen sich leicht fangen, als ob sie wüßten, daß man ihnen weniger nachstellt. Beim Schlafen auf dem Lande liegen sie krumm wie die Hunde. Kommen sie aus dem Meere, so schütteln sie sich ab und putzen sich mit den Vorderfüßen wie die Katzen. Sie laufen sehr geschwind, jedoch mit vielen Umschweifen. Wird ihnen der Weg zum Meere versperrt, so bleiben sie stehen, machen einen Katzenbuckel, zischen und drohen, auf den Feind zu gehen. Man braucht ihnen aber nur einen Schlag auf den Kopf zu geben, so fallen sie wie tot hin und bedecken die Augen mit den Pfoten. Auf den Rücken lassen sie sich geduldig schlagen; sobald man aber den Schwanz trifft, so kehren sie um und halten, lächerlich genug, dem Verfolger die Stirn vor; manchmal stellen sie sich auf den ersten Schlag tot und – laufen davon, sobald man sich mit andern beschäftigt. Wir trieben sie ziemlich in die Enge und hoben die Keule in die Höhe, ohne zu schlagen; da legten sie sich nieder, schmeichelten, sahen sich um und krochen sehr langsam und demütig wie Hunde zwischen uns durch. Sobald sie sich außer Gefahr sahen, eilten sie mit großen Sprüngen nach dem Meere.«

*

Man kann nicht sagen, daß irgendein Mitglied aus der Familie der Marder Wohlgerüche verbreite; wir finden im Gegenteil schon unter den bei uns hausenden Arten solche, die »Stänker« benannt werden und diesen Namen mit Fug und Recht tragen. Was aber ist unser Iltis gegen einige seiner Verwandten, die in Amerika und Afrika leben! Sie sind die wahren Stänker. Wenn man liest, welches Entsetzen sie verbreiten können, sobald sie sich nur zeigen, begreift man erst, was eine echte Stinkdrüse besagen will. Alle Berichte von amerikanischen Reisenden und Naturforschern stimmen darin überein, daß wir nicht imstande sind, die Wirkung der Drüsenabsonderung dieser Tiere uns gehörig ausmalen zu können. Keine Küche eines Scheidekünstlers, keine Senkgrube, kein Aasplatz, kurz, kein Gestank der Erde soll an Heftigkeit und Unleidlichkeit dem gleichkommen, den die äußerlich so zierlichen Stinktiere zu verbreiten und auf Wochen und Monate hin einem Gegenstande einzuprägen vermögen. Man bezeichnet den Gestank mit dem Ausdruck »Pestgeruch«; denn wirklich wird jemand, der das Unglück hatte, mit einem Stinktier in nähere Berührung zu kommen, von jedermann gemieden, wie ein mit der Pest Behafteter. Die Stinktiere sind trotz ihrer geringen Größe so gewaltige und mächtige Feinde des Menschen, daß sie denjenigen, den sie mit ihrem furchtbaren Saft bespritzen, geradezu aus der Gesellschaft verbannen und ihm selbst eine Strafe auferlegen, die so leicht von keiner andern übertroffen werden dürfte. Sie sind fähig, ein ganzes Haus unbewohnbar zu machen oder ein mit den kostbarsten Stoffen gefülltes Vorratsgewölbe zu entwerten.

Die Stinktiere, nach Ansicht Grays eine besondere Unterfamilie bildend, unterscheiden sich von den Dachsen, ihren nächsten Verwandten, durch merklich schlankeren Leib, langen, dicht behaarten Schwanz, große, aufgetriebene Nase, schwarze Grundfärbung und weiße Bandzeichnung. Der Kopf ist im Verhältnis zum Körper klein und zugespitzt, die Nase auffallend häßlich, kahl und dick, wie aufgeschwollen; die kleinen Augen haben durchdringende Schärfe; die Ohren sind kurz und abgerundet; die kurzen Beine haben mäßig große Pfoten, mit fünf wenig gespaltenen, fast ganz miteinander verwachsenen Zehen, die ziemlich lange, aber keineswegs starke, schwach gekrümmte Nägel tragen, und mindestens auf den Ballen nackten Sohlen. Durch Eigentümlichkeiten der Kauzähne läßt sich das Gebiß leicht und scharf von dem anderer Marder unterscheiden. Die Stinkdrüsen haben bedeutende Größe, öffnen sich innen in dem Mastdarm und können durch einen besonderen Muskel zusammengezogen werden. Jede Drüse stellt, laut Hensel, einen etwa haselnußgroßen Hohlraum vor, dessen Wand mit einer Drüsenschicht ausgekleidet und an der Außenseite mit einer starken Muskellage umgeben ist. Den Hohlraum füllt eine gelbe ölähnliche Flüssigkeit, die von dem Tier durch Zusammenpressen des Muskels mehrere Meter weit weggespritzt werden kann, unmittelbar hinter dem After einen dünnen, gelblichen Strahl bildet, bald in einen feinen Staubregen sich verwandelt, wie wenn jemand Wasser aus dem Munde hervorsprudelt, und somit einen großen Raum bestreicht. Bei älteren Tieren und bei Männchen soll dieser fürchterliche Saft stärker als bei jungen und Weibchen sein, seine Wirkung auch während der Begattungszeit sich steigern.

Als eigentliche Waldtiere kann man die Stinkmarder nicht bezeichnen; sie ziehen steppenartige Gegenden, in Amerika das Kamposgebiet, in Afrika die Steppen, dem Urwalde vor. Bei Tage liegen sie in hohlen Bäumen, in Felsspalten und in Erdhöhlen, die sie sich selbst graben, versteckt und schlafen; nachts werden sie munter und springen und hüpfen höchst beweglich hin und her, um Beute zu machen. Ihre gewöhnliche Nahrung besteht in Würmern, Kerbtieren, Lurchen, Vögeln und Säugetieren; doch fressen sie auch Beeren und Wurzeln. Nur wenn sie gereizt werden oder sich verfolgt sehen und deshalb in Angst geraten, gebrauchen sie ihre sinnbetäubende Drüsenabsonderung zur Abwehr gegen Feinde, und wirklich besitzen sie in ihrer stinkenden Flüssigkeit eine Waffe wie kein anderes Tier. Sie halten selbst die blutdürstigsten und raubgierigsten Katzen nötigenfalls in der bescheidensten Entfernung. Abgesehen von dem Pestgestank, den sie zu verbreiten wissen, verursachen sie dem Menschen keinen erheblichen Schaden; ihre Drüsenabsonderung aber macht sie entschieden zu den von allen am meisten gehaßten Tieren.

 

Den größten Teil Südamerikas bewohnt das Stinktier, Surilho der Brasilianer ( Mephitis suffocans), ein Tier von 40 Zentimeter Leibes-, 23 Zentimeter Schwanzlänge und außerordentlich abändernder Färbung und Zeichnung. Das dichte, lange und reichliche, aus der Schnauze kurze, von hier allmählich länger werdende, an den Seiten drei, aus dem Rücken vier, am Schwanze sieben Zentimeter lange Haar spielt, laut Hensel, vom Schwarzgrau und Schwarzbraun bis zum glänzenden Schwarz. Die weißen Streifen beginnen an der Stirn und laufen getrennt in etwa Fingerbreite bis zur Schwanzwurzel; zuweilen verbreitern sie sich, so daß der Zwischenraum fast ganz verlorengeht, und verschwinden schon in der Gegend der letzten Rippen; in selteneren Fällen fehlen sie ganz, und das Tier sieht einfarbig schwarz aus. Der Schwanz ist meist an der Spitze weiß, oder die schwarzen und weißen Haare mischen sich so durcheinander, daß er grau erscheint; zuweilen, namentlich wenn die weißen Streifen des Rückens wenig entwickelt sind, ist er ebenfalls rein schwarz. Hensel versichert, daß man kaum zwei Surilhos finde, die vollkommen übereinstimmen.

»In der Lebensweise«, sagt Hensel, »unterscheidet sich der Surilho nicht wesentlich von den Mardern. Er lebt in den Kamposgegenden des Tieflandes und der Serra und vermeidet durchaus den dichten Urwald; doch ist er immer an den Wald gebunden, denn er findet sich bloß in vereinzelten Waldstellen der Kampos. Hier erkennt man seine Anwesenheit sehr leicht an kleinen, trichterförmigen Löchern, die er nahe am Waldrande in dem Grasboden macht, um Mistkäfer zu suchen. Diese Löcher gleichen denen des Dachses, wenn er »sticht«, wie der Jäger sagt; nur sind sie weiter als diese, werden aber ohne Zweifel, wie auch vom Dachse, mit seinen Vorderpfoten, nicht mit der Nase gemacht.

Den Tag über ruhen die Stinktiere wie der Iltis in unterirdischen Bauen unter Felsstücken oder Baumwurzeln. Mit der Dämmerung aber gehen sie ihrer Nahrung nach.«

Im Norden Amerikas vertritt den Surilho die Chinga ( Mephitis varians). Ihre Leibeslänge beträgt 40 Zentimeter, die Schwanzlänge beinahe ebensoviel. Der glänzende Pelz hat Schwarz zur Grundfarbe. Von der Nase zieht sich ein einfacher, schmaler, weißer Streifen zwischen den Augen hindurch, erweitert sich auf der Stirn zu einem rautenförmigen Flecken, verbreitert sich noch mehr auf dem Halse und geht endlich in eine Binde über, die sich am Widerrist in zwei breite Streifen teilt, die bis zu dem Schwanzende fortlaufen und dort sich wieder vereinigen. Am Hals, an der Schultergegend, an der Außenseite der Beine, seltener auch an der Brust und am Bauch treten kleine, weiße Flecken hervor, über den Schwanz ziehen sich entweder zwei breite, weiße Längsstreifen, oder er erscheint unregelmäßig aus Schwarz und Weiß gemischt.

 

Das Stinktier ist sich seiner furchtbaren Waffe so wohl bewußt, daß es keineswegs scheu oder feig ist. Alle seine Bewegungen sind langsam. Es kann weder springen, noch klettern, sondern nur gehen und hüpfen. Beim Gehen tritt es fast mit der ganzen Sohle auf, wölbt den Rücken und trägt den Schwanz nach abwärts gerichtet. Ab und zu wühlt es in der Erde oder schnüffelt nach irgendetwas genießbarem herum. Trifft man nun zufällig auf das Tier, so bleibt es ruhig stehen, hebt den Schwanz auf, dreht sich herum und spritzt nötigenfalls den Saft gerade von sich. Wenn die Hunde es stellen, legt es, laut Hensel, den Schwanz wie ein sitzendes Eichhörnchen über den Rücken, kehrt das Hinterteil den andrängenden Rüden entgegen und führt zornig sonderbare, hüpfende Bewegungen aus, wie man sie zuweilen in den Käfigen von Bären sieht. Die Hunde kennen die gefährliche Waffe ihres Gegners sehr gut und halten sich meist in achtungsvoller Entfernung. Nur wenige von ihnen haben den Mut, das Stinktier zu greifen und zu töten; unter Hensels Hunden war ein einziger, der den Surilho, und zwar ohne Rücksicht auf die Lage, in der er sich befand, zu packen wagte, während alle anderen erst zugriffen, wenn der Feind tot war. Niemals verschießt das angegriffene Tier seinen Pestsaft voreilig, sondern droht bloß, so lange die Hunde einige Schritte sich entfernt halten; rückt ihm aber einer derselben zu nahe auf den Leib, dann stülpt es den weiten, ringsum haarlosen After so um, daß die Mündungen der beiden Stinkdrüsen zum Vorschein kommen, und spritzt den Inhalt derselben auf den Feind.

Auch Audubon erfuhr die Furchtbarkeit des Stinktieres an sich selbst. »Dieses kleine, niedliche, ganz unschuldig aussehende Tierchen«, sagt er, »ist doch imstande, jeden Prahlhans auf den ersten Schuß in die Flucht zu schlagen, so daß er mit Jammergeschrei Reißaus nimmt. Ich selbst habe einmal, als kleiner Schulknabe, solch Unglück erlitten. Die Sonne war eben untergegangen. Ich ging mit einigen Freunden langsam meinen Weg. Da sahen wir ein allerliebstes, uns ganz unbekanntes Tierchen, das gemütlich umherschlich, dann stehenblieb und uns ansah, als warte es, wie ein alter Freund, um uns Gesellschaft zu leisten. Das Ding sah gar zu unschuldig und verführerisch aus, und es hielt seinen buschigen Schwanz hoch empor, als wollte es daran gefaßt, und in unseren Armen nach Hause getragen sein. Ich war ganz entzückt, griff voller Seligkeit zu – und patsch! da schoß das Höllenvieh seinen Teufelssaft mir in die Nase, in den Mund, in die Augen. Wie vom Donner gerührt, ließ ich das Ungeheuer fallen und nahm in Todesangst Reißaus.«

»Der Geruch des Pestsaftes«, sagt Hensel von dem Surilho, »ist ein überaus heftiger und durchdringender; doch hat man seine Stärke mitunter übertrieben, denn er ist nicht unbedingt unerträglich. Manche Personen bekommen allerdings Kopfweh und Erbrechen, wenn das Stinktier in ihrer Nähe seine Afterdrüsen ausleert; der Tierkundige aber wird sich schwerlich dadurch abhalten lassen, die beachtenswerten Tiere zu jagen und zu sammeln. Hunde, die von dem Saft getroffen werden, scharren den Boden auf und wälzen sich wie rasend auf demselben umher, um den an ihrem Pelz haftenden Geruch zu entfernen. Den ersten Surilho, den ich erhielt, tötete mein Diener in einer mondhellen Nacht, ohne ihn zu kennen; dabei waren seine Wasserstiefel etwas bespritzt worden. Der Geruch haftete noch wochenlang an denselben, ungeachtet sie immer getragen und oft gewaschen wurden. Nach etwa sechs Wochen besuchte der Mann einen Bekannten und traf bei diesem viel Gesellschaft. Während der allgemeinen Unterhaltung schnüffelte einer der Anwesenden unter dem Tisch und teilte dem Hausherrn die unliebsame Entdeckung mit, es müsse ein Surilho unter den Dielen des Hauses seine Wohnung aufgeschlagen haben. Alle überzeugten sich von der Richtigkeit seiner Wahrnehmung und beschlossen, sogleich eine Jagd auf den gefährlichen Störenfried zu machen. Mein Diener aber verabschiedete sich unter einem Vorwande in Eile und ritt heim.

Ein hier geborener Deutscher, der aber zufälligerweise niemals Gelegenheit gehabt hatte, das Stinktier kennenzulernen, sah einst ein solches bei einem Ritt in der Dämmerung, hielt es für einen jungen Fuchs und stieg vom Pferd, um es seiner Zahmheit wegen zu fangen. Das Tier ließ sich auch ruhig greifen; in demselben Augenblick aber, als der Mann es mit den Händen erfaßte und aushob, spritzte es ihm den ganzen Inhalt seiner Stinkdrüsen auf die Brust und traf Hemd und Weste. Eiligst ließ der Erschreckte das gefährliche Geschöpf fallen, warf sich aufs Pferd und ritt im vollsten Jagen dahin, um durch den Luftzug die Einwirkung des Pestsaftes auf seine Geruchswerkzeuge etwas zu mildern. Gleichwohl konnte er es nicht aufhalten und mußte während des schnellsten Reitens der Kleider des Oberkörpers sich so viel als möglich entledigen, so daß er halb nackt zu Hause ankam.

Ganz besonders haftet der Pestgeruch an Tuchkleidern, die man in den Rauch zu hängen pflegt, um sie wieder zu reinigen. Wahrscheinlich wirkt dabei nicht der Rauch, sondern die Hitze des Feuers, durch die der flüssige Stoff verdunstet.

Der Geruch des Drüsensaftes eines Stinktieres ist, wie jede Sinneswahrnehmung, nicht zu beschreiben; allein man kann sich ihn vorstellen als einen Iltisgestank in vielfacher Verstärkung. Ungereizt riecht das Tier durchaus nicht.«

Ungeachtet des abscheulichen Geruchs ist das Stinktier doch nützlich. Aus seinem Pelz machen sich die Indianer weiche und schöne Decken, die man trägt, obgleich sie sehr schlecht riechen. Um es zu fangen, gebrauchen dieselben eine eigene List. Sie nähern sich ihm mit einer langen Gerte und reizen es damit, bis es wiederholt seine Drüsen entleert hat; hieraus springen sie plötzlich zu und heben es beim Schwanz empor. In dieser Lage soll es dann nicht weiter spritzen können und somit gefahrlos sein. Ein einziger Schlag aus die Nase tötet es augenblicklich. Dann werden die Drüsen ausgeschnitten und die Indianer essen das Fleisch ohne Umstände. Aber auch Europäer nützen das Tier, und zwar das allerfürchterlichste von ihm, nämlich die stinkende Flüssigkeit selbst. Sie wird in derselben Weise gebraucht, wie unsere Damen wohlriechende Wasser anwenden, als nervenstärkendes Mittel. Aber da der Aberglaube in Amerika noch etwas stärker ist als bei uns in Deutschland, so glaubt man Wunder welch ein vortreffliches Mittel erhalten zu haben, wenn man stinkende Flüssigkeit sich vor die Nase hält. Daß dabei Unannehmlichkeiten mancherlei Art vorkommen können, zumal in Gesellschaft, ist leicht zu erklären. So erzählt man, daß ein Geistlicher einmal während der Predigt sein Fläschchen herausgezogen habe, um seine Nerven zu stärken, die Riechwerkzeuge seiner andächtigen Zuhörer dabei aber dergestalt erregte, daß die gesamte Versammlung augenblicklich aus der Kirche hinausstürmte, gleichsam als wäre der Teufel, den der würdige »Diener am Worte« mit ebensoviel Achtung als Liebe vorher behandelt hatte, leibhaftig zwischen den frommen Schafen erschienen, und zwar mit vollem Pomp und allen höllischen Wohlgerüchen, die ihm als Fürsten der Unterwelt zukommen.

siehe Bildunterschrift

Gemeines Stinktier ( Mephitis suffocans)

In der Gefangenschaft entleeren die Stinktiere ihre Drüsen nicht, falls man sich sorgfältig hütet, sie zu reizen. Sie werden nach kurzer Zeit sehr zahm und gewöhnen sich einigermaßen an ihren Pfleger, obgleich sie anfangs mit dem Hinterteil vorangehen, den Schwanz in die Höhe gerichtet, um ihr Geschütz zum Losschießen bereitzuhalten. Nur durch Schlagen oder sehr starke Beängstigung sollen sie veranlaßt werden, von ihrem Verteidigungsmittel Gebrauch zu machen. Einzelne lassen sich, wie ihre Pfleger versichern, ohne alle Fährlichkeit behandeln. Heu ist ihr liebstes Lager. Sie bereiten sich ein ordentliches Bettchen und rollen sich dann wie eine Kugel zusammen. Nach dem Fressen putzen sie sich die Schnauze mit den Vorderfüßen; denn sie sind reinlich und halten sich stets zierlich und glatt, legen auch ihren Unrat niemals in ihrem Lager ab. Man füttert sie mit Fleisch; am liebsten fressen sie Vögel. Sie verzehren oft mehr, als sie verdauen können, und erbrechen sich dann gewöhnlich nach einer solchen Überladung. Ihre Gier ist aber immer noch so groß, daß sie das Erbrochene wieder auffressen, wie es die Hunde auch tun. Bei reichlicher Nahrung schlafen sie den ganzen Tag und gehen erst des Abends herum, selbst wenn sie keinen Hunger haben.

*

Vertreter der Stinktiere in Afrika sind die Bandiltisse, jenen in Gestalt und Ansehen sehr nahe verwandte Tiere mit behaarten Sohlen und eher marder- als stinktierähnlichem, aus 34 Zähnen bestehendem Gebiß. Der innere Höckeransatz des länglichen Fleischzahns richtet sich nach vorn. Die Wurzeln der niederen Kegelzacken der Lückzähne zeichnen sich durch ihre Dicke aus. Im Gerippe erscheinen die Bandiltisse als Mitglieder zwischen Mardern und Stinktieren; in ihrer Lebensweise scheinen sie mehr den ersteren als den letzteren zu ähneln.

Die einzige sicher bestimmte Art der Sippe ist die Zorilla, der »Maushund« der Ansiedler des Vorgebirges der guten Hoffnung ( Rhabdogale mustelina) ein Tier von 35 Zentimeter Leibes- und 25 Zentimeter Schwanzlänge. Der Leib ist lang, jedoch nicht sehr schlank, der Kopf breit, die Schnauze rüsselförmig verlängert; die Ohren sind kurz zugerundet, die Augen mittelgroß, mit längs gespaltenem Stern; die Beine sind kurz und die Vorderfüße mit starken, ziemlich langen, aber stumpfen Krallen bewehrt; der Schwanz ist ziemlich lang und buschig, der ganze Pelz dicht und lang. Seine Grundfärbung, ein glänzendes Schwarz, wird gezeichnet durch mehrere weiße Flecken und Streifen, die mehr oder weniger abändern. Zwischen den Augen befindet sich ein schmaler, weißer Flecken, ein anderer zieht sich von den Augen nach den Ohren hin; beide fließen zuweilen zusammen und bilden auf der Stirn ein einziges weißes Band, das nach der Schnauze zu in eine Schneppe ausläuft. Auch die Lippen sind häufig weißgesäumt. Der obere Teil des Körpers ist sehr verschieden, immer aber nach einem gewissen Plan gezeichnet.

Der Bandiltis verbreitet sich über ganz Afrika, geht auch noch über die Landenge von Suez weg. findet sich in Kleinasien, soll sogar in der Nähe von Konstantinopel, selbstverständlich nur auf der asiatischen Seite, vorkommen. Felsige Gegenden bilden seinen Lieblingsaufenthalt. Hier lebt er entweder im Geklüfte oder in selbstgegrabenen Löchern unter Bäumen und Gebüschen. Seine Lebensweise ist eine rein nächtliche, und daher kommt es, daß er im ganzen doch nur selten gesehen wird. Ich z. B. habe während meines Aufenthalts in Afrika viel von dem » Vater des Gestankes« reden hören, denselben aber niemals zu Gesicht bekommen. Die Berichte, die ich erhielt, stimmen im wesentlichen vollkommen mit der Beschreibung überein, die Kolbe gegeben hat. Dieser ist der erste, der unser Tier erwähnt. Es heißt bei den holländischen Ansiedlern am Kap der guten Hoffnung » Stinkbinksem« oder » Maushund« und macht beiden Bezeichnungen durch die Tat volle Ehre. Seine Nahrung besteht in kleinen Säugetieren, namentlich in Mäusen, kleinen Vögeln und deren Eiern, in Lurchen und Kerbtieren. Dem Hausgeflügel wird er nicht selten gefährlich, weil er nach Marderart in die Bauernhöfe einschleicht und wie ein Iltis mordet. In seinen Bewegungen ähnelt er den Mardern nicht; denn er ist weniger behend und kann eher träge genannt werden. Seiner abscheulichen Waffen bedient er sich ganz in derselben Weise wie das Stinktier.

*

Unserm Grimmbart zu Ehren nennen wir die letzte Abteilung oder Unterfamilie der Marder Dachse ( Melinae) und vereinigen in ihr die plumpesten, gedrungensten Gestalten der ganzen Familie, wenn man will, die Übergangsglieder zwischen Mardern und Bären. Sie kennzeichnen der kleine, hinten breite, an der Schnauze meist rüsselförmig zugespitzte Kopf, kleine und tiefliegende Augen und mehr oder minder kurze, längliche Ohren, der dicke Hals, die kurzen, fünfzehigen, nacktfohligen, mit ziemlich langen Scharrkrallen bewehrten Füße, der etwa kopflange oder kürzere Schwanz sowie endlich ein aus kurzen, straffen Haaren bestehendes Fell, in dem oben Grau, unten Schwarz als Hauptfärbung vorzuherrschen pflegen. Das Gebiß besteht aus 32 bis 38 Zähnen, und zwar regelmäßig sechs Schneidezähnen und einem Eckzahn oben und unten, drei Lückzähnen oben, vier unten, von denen jedoch einer in jedem Kiefer und oben selbst zwei ausfallen können, und zwei Backenzähnen in jedem Kiefer. Schädel und übriges Gerippe sind entsprechend der äußeren Leibesgestalt verhältnismäßig kräftig. Eine Drüsentasche neben dem After, die bei einzelnen Arten ebenfalls Pestgerüche absondert, fehlt auch den Dachsen nicht.

 

Die erste Sippe wird gebildet durch die Honigdachse ( Mellivora), die breitrückigsten, kurzschnauzigsten und kurzschwänzigsten Glieder der Unterfamilie. Der Honigdachs oder Ratel ( Mellivora capensis) erreicht ausgewachsen eine Länge von reichlich 70 Zentimeter, wovon auf den verhältnismäßig sehr langen Schwanz etwa 25 Zentimeter zu rechnen sind. Die Behaarung ist lang und straff; Stirne, Hinterkopf, Nacken, Rücken, Schultern und Schwanz sind aschgrau, Schnauze, Wangen, Ohren, Unterhals, Brust, Bauch und Beine schwarzgrau gefärbt, scharf von der oberen Färbung abgegrenzt. Gewöhnlich trennt ein hellgrauer Randstreifen die Rückenfärbung von der unteren, und dieser Streifen ist es hauptsächlich, der den afrikanischen Honigdachs von dem indischen unterscheidet.

Der Ratel lebt in selbstgegrabenen Höhlen unter der Erde und besitzt eine unglaubliche Fertigkeit, solche auszuscharren. Träge, langsam und ungeschickt, wie er ist, würde er seinen Feinden kaum entgehen können, wenn er nicht die Kunst verstände, sich förmlich in die Erde zu versenken, d. h. sich rasch eine Höhle zu graben, daß er sich unter der Erdoberfläche verborgen hat, ehe ein ihm auf den Leib rückender Widersacher nahe genug gekommen ist, um ihn zu ergreifen. Er führt eine nächtliche Lebensweise und geht des Tags nur selten auf Raub aus. Auf unserm Jagdausflug nach den Bogosländern wurde er zweimal gesehen, jedesmal gegen Abend, jedoch ehe die Sonne niedergegangen war. Nachts dagegen streift er langsam und gemächlich umher und stellt kleinen Säugetieren, namentlich Mäusen, Springmäusen und dergleichen, oder Vögeln, Schildkröten, Schnecken und Würmern nach, gräbt sich Wurzeln oder Knollengewächse aus oder sucht Früchte. Eine Liebhaberei bestimmt seine ganze Lebensweise: er ist nämlich ein leidenschaftlicher Freund von Honig, und aus diesem Grunde der eifrigsten Bienenjäger einer.

*

Eine zweite Sippe wird gebildet durch den Stinkdachs, dessen Merkmale folgende sind: der Leib ist untersetzt, der Schwanz ein bloßer, mit langen Haaren besetzter Stummel, der Kopf sehr gestreckt, die Schnauze rüsselartig verlängert; die Augen sind klein, die kurzen, länglichen Ohren unter den Haaren versteckt; die niederen und starken Beine tragen an den mäßig großen Füßen mächtige Scharrkrallen, die Vorderfüße doppelt so lange als die Hinterfüße; ihre Zehen sind bis zum letzten Gliede miteinander verwachsen. In der Aftergegend ist keine Drüsentasche vorhanden, dagegen finden sich an der Mastdarmmündung Absonderungsdrüsen, die durch einen besonders entwickelten Ringmuskel sehr stark zusammengepreßt werden, und die in ihnen enthaltene Flüssigkeit hervorspritzen können.

Der Stinkdachs ( Mephitis javanensis) ist ein kleines, kaum mardergroßes Mitglied seiner Unterfamilie von 37 Zentimeter Länge, wovon auf das Stumpfschwänzchen etwa 2 Zentimeter kommen. Die Färbung des dichten, langen Felles ist, mit Ausnahme des Hinterhauptes und Nackens, ein gleichartiges Dunkelbraun. Ein weißer Streifen verläuft längs des Rückens bis zur Spitze des Schwanzes. Die Unterseite des Leibes ist lichter als die obere. Der Pelz besteht aus seidenweichem Woll- und grobem Grannenhaar und deutet darauf hin, daß das Tier in kälteren Gegenden, in Höhen, lebt. An den Seiten und auf dem Nacken bildet das Haar eine Art von Mähne.

Der Reisende und Naturforscher Horsfield hat uns zuerst mit der Lebensweise des eigentümlichen Geschöpfes bekannt gemacht. Der Stinkdachs ist nicht bloß hinsichtlich seiner Gestalt, sondern auch beziehentlich seiner Heimat ein sehr merkwürdiges Tier. Ausschließlich auf Höhen beschränkt, die mehr als 2000 Meter über dem Meere liegen, kommt er hier ebenso regelmäßig vor wie gewisse Pflanzen. Die langgestreckten Gebirge der Inseln, die mit so vielen Spitzen in jene Höhen ragen, geben ihm herrliche Wohnorte. Man baut auf den Hochebenen europäisches Korn, Kartoffeln usw.; diese Pflanzen dienen ihm zur hauptsächlichsten Nahrung. Seinen Bau legt er mit großer Vorsicht und vielem Geschick in geringer Tiefe unter der Oberfläche der Erde an. Wenn er einen Ort gefunden hat, der durch die langen und starken Wurzeln der Bäume besonders geschützt ist, scharrt er sich hier zwischen den Wurzeln eine Höhle aus und baut sich unter dem Baum einen Kessel von Kugelgestalt, der fast einen Meter im Durchmesser hat und regelmäßig ausgearbeitet wird. Von hier ans führen Röhren von etwa zwei Meter Länge nach der Oberfläche, und zwar nach verschiedenen Seiten hin, deren Ausmündungen gewöhnlich durch Zweige oder trockenes Laub verborgen werden. Während des Tages verweilt er versteckt in seinem Bau, nach Einbruch der Nacht beginnt er Jagd auf Larven aller Art und auf Würmer, zumal Regenwürmer, die in der fruchtbaren Dammerde in außerordentlicher Menge vorkommen. Die Regenwürmer wühlt er wie ein Schwein aus der Erde und richtet deshalb häufig Schaden in den Feldern an. Alle Bewegungen des Stinkdachses sind langsam, und er wird deshalb öfters von den Eingeborenen gefangen, die sich keineswegs vor ihm fürchten, sondern sogar sein Fleisch essen sollen.

*

Das vollendetste Bild eines selbstsüchtigen, mißtrauischen, übellaunischen und gleichsam mit sich selbst im Streit liegenden Gesellen ist der Dachs. Hierüber sind so ziemlich alle Beobachter einverstanden, obgleich sie den Nutzen, den dieser eigentümliche Marder gewährt, nicht verkennen. Der Dachs ist unter den größeren europäischen Raubtieren das unschädlichste und wird gleichwohl verfolgt und befehdet wie der Wolf oder der Fuchs, ohne daß er selbst unter den Weidmännern, die doch bekanntlich diejenigen Tiere am meisten lieben, denen sie am eifrigsten nachstellen, viele Verteidiger gefunden hat. Man schilt und verurteilt ihn rücksichtslos, ohne zu bedenken, daß er nach seiner Weise schlecht und gerecht lebt und sich, so gut es gehen will, ehrlich und redlich durchs Leben schlägt. Nur die eigentümliche Lebensweise, die er führt, trägt die Schuld der Härte des Urteils über ihn. Er ist allerdings ein griesgrämiger, menschen- und tierscheuer Einsiedler und dabei ein so bequemer und fauler Gesell, wie es nur irgendeinen geben kann, und alle diese Eigenschaften sind in der Tat nicht geeignet, sich Freunde zu erwerben. Ich für mein Teil muß gestehen, daß ich ihn nicht ungern habe: mich ergötzt sein Leben und Wesen.

siehe Bildunterschrift

Dachs ( Melus taxus)

Gedrungener, starker und kräftiger Leib und langer Kopf, an dem sich die Schnauze rüsselförmig zuspitzt, kleine Augen und ebenfalls kleine, aber sichtbare Ohren, nackte Sohlen und starke Krallen an den Vorderfüßen, der kurze, behaarte Schwanz und der dichte, grobe Pelz sowie eine Querspalte, die zu einer am After liegenden Drüsentasche führt, kennzeichnen die Sippe Meles, die der Dachs vertritt. Im Gebiß fällt die Stärke der Zähne, zumal die unverhältnismäßige Größe des einzigen oberen Kauzahnes oder die Abstumpfung des Fleischzahnes als eigentümlich auf. Außer den Schneide- und Eckzähnen finden sich oben drei, unten vier Lückzähne und oben und unten zwei Backenzähne in jedem Kiefer; das Gebiß besteht also aus 38 Zähnen, von denen jedoch, unabhängig von dem Alter des Tieres, die ersten sehr kleinen Lückzähne auszufallen pflegen, also nur 34 bleibend sind.

Der Dachs ( Meles Taxus) erreicht bis 75 Zentimeter Leibes- und 18 Zentimeter Schwanzlänge, bei ungefähr 30 Zentimeter Höhe am Widerrist. Alte Männchen erlangen im Herbst ein Gewicht bis zu 20 Kilogramm. Ein ziemlich langes, straffes, fast borstenartiges, glänzendes Haarkleid bedeckt den ganzen Körper und hüllt auch die Ohren ein. Seine Färbung ist am Rücken weißgrau und schwarz gemischt, weil die einzelnen Haare an der Wurzel meist gelblich, in der Mitte schwarz und an der Spitze grauweiß ausgehen, an den Körperseiten und am Schwanze rötlich, auf der Unterseite und an den Füßen schwarzbraun. Der Kopf ist weiß, aber ein matter, schwarzer Streifen verläuft jenseits der Schnauze, verbreitert sich, geht über die Augen und die weiß behaarten Ohren hinweg und verliert sich allmählich im Nacken. Die Weibchen unterscheiden sich von den Männchen durch geringere Größe und Breite sowie durch hellere Färbung, die namentlich durch die weißlichen, durchschimmernden Wollhaare bewirkt wird. Sehr selten sind Spielarten von ganz weißer Färbung, noch seltener solche, die aus weißem Grunde dunkel kastanienbraune Flecke zeigen.

In der Weidmannssprache nennt man das Dachsmännchen Dachs, das Weibchen Fähe oder Fehe, die Augen Seher, die Ohren Lauscher, die Eckzähne Fänge, die Beine Läufe, die Haut Schwarte, den Schwanz Pürzel, Rute, Zain, die Nägel Klauen, die Gänge, die zu seiner Wohnung führen, Röhren, Geschleife und Einfahrten, den Ort, wo unter der Erde die Röhren zusammenlaufen, den Kessel. Man sagt, der Dachs bewohnt den Bau, befährt die Röhre, sitzt im Kessel, versetzt, verklüftet, verliert sich, wird vom Dachshunde im Kessel angetrieben, schleicht und trabt, weidet sich oder nimmt Weide an, sticht oder wurzelt, wenn er Nahrung aus der Erde gräbt, ranzt oder rollt, indem er sich begattet, verfängt sich, wenn er sich an Hunden festbeißt; er wird totgeschlagen, die Schwarte abgeschärft, das Fett abgelöst, der Leib aufgebrochen, zerwirkt und zerlegt.

Der Dachs bewohnt mit Ausnahme der Insel Sardinien und des Nordens von Skandinavien ganz Europa, ebenso Asien von Sibirien bis zur Lena. Er lebt einsam in Höhlen, die er selbst mit seinen starken, krummen Krallen auf der Sonnenseite bewaldeter Hügel ausgräbt, mit vier bis acht Ausgängen und Luftlöchern versieht und innen aufs bequemste einrichtet. Die Hauptwohnung im Bau, der Kessel, zu dem mehrere Röhren führen, ist so groß, daß er ein geräumiges, weiches Moospolster und das Tier selbst nebst seinen Jungen aufnehmen kann. Die wenigsten Röhren aber werden befahren, sondern dienen bloß im Falle der größten Not als Fluchtwege oder auch als Luftgänge. Größte Reinlichkeit und Sauberkeit herrscht überall, und hierdurch zeichnet sich der Dachsbau vor fast allen übrigen ähnlichen unterirdischen Behausungen der Säugetiere aus. Vorhölzer, die nicht weit von Fluren gelegen sind, ja sogar unbewaldete Gehänge mitten in der Flur werden mit Vorliebe zur Anlegung dieser Wohnungen benutzt; immer aber sind es stille und einsame Orte, die der Einsiedler sich aussucht. Er liebt es, ein beschauliches und gemächliches Leben zu führen und vor allem seine eigene Selbständigkeit in der ausgedehntesten Weise zu bewahren. Seine Stärke macht es ihm leicht, Höhlen auszuscharren, und wie einige andere unterirdisch lebende Tiere ist er imstande, sich in wenigen Minuten vollkommen zu vergraben. Dabei kommen ihm seine starken, mit tüchtigen Krallen bewaffneten Vorderfüße vortrefflich zustatten. Schon nach sehr kurzer Zeit bereitet ihm die aufgegrabene Erde Hindernisse; nun aber nimmt er seine Hinterfüße zu Hilfe und wirft mit kräftigen Stößen das Erdreich weit hinter sich. Wenn die Aushöhlung weiter fortschreitet, schiebt er, gewaltsam sich entgegenstemmend, die Erde mit seinem Hinterteil nach rückwärts, und so wird es ihm möglich, auch aus der Tiefe sämtliche Erde herauszuschaffen.

Unter allen halbunterirdisch lebenden Tieren sowie unter denen, die bloß unter der Erde schlafen, sieht der Dachs am meisten darauf, daß seine Baue möglichste Ausdehnung haben und entsprechende Sicherheit gewähren. Fast regelmäßig sind die Gänge, die von dem Kessel auslaufen, acht bis zehn Meter lang und ihre Mündungen oft dreißig Schritte weit voneinander entfernt. Der Kessel befindet sich gewöhnlich einundeinhalb bis zwei Meter tief unter der Erde; ist jedoch die Steilung, aus die der Bau angelegt wurde, bedeutend, so kommt er auch wohl bis auf fünf Meter unter die Oberfläche zu liegen. Dann aber führen fast regelmäßig einzelne Röhren, die zur Lüftung dienen, senkrecht empor. Kann der Dachs den Bau im Geklüfte anlegen, so ist es ihm um so lieber: er genießt dann größere Sicherheit und Ruhe, Hauptbedingungen für Behaglichkeit seines Daseins.

In diesem Bau bringt der Dachs den größten Teil seines Lebens zu, und erst, wenn die Nacht vollkommen hereingebrochen ist, verläßt er ihn auf weitere Entfernung. In sehr stillen Waldungen treibt er sich während des Hochsommers auch wohl schon in den späteren Nachmittagsstunden spazierengehend außen umher, und ich selbst bin ihm in der Nähe von Stubbenkammer auf Rügen am hellen, lichten Tage begegnet; solche Tagesausflüge gehören jedoch zu den Ausnahmen. »Von einem Jäger,« berichtet Tschudi, »dem das seltene Glück zuteil ward, einen Dachs im Freien ungestört längere Zeit beobachten zu können, erhalten wir anziehende Mitteilungen. Er besuchte wiederholt einen Dachsbau, der, am Rande einer Schlucht angelegt, von der entgegengesetzten Seite dem freien Überblick offen lag. Der Bau war stark befahren, der neu ausgeworfene Boden jedoch vor der Hauptröhre so eben und glatt wie eine Tenne und so festgetreten, daß nicht zu erkennen war, ob er Junge enthalte. Als der Wind günstiger war, schlich sich der Jäger von der entgegengesetzten Seite in die Nähe des Baues und erblickte bald einen alten Dachs, der griesgrämig, in eigener Langweiligkeit verloren, dasaß, doch sonst, wie es schien, sich recht behaglich fühlte in den warmen Strahlen. Dies war nicht ein Zufall: der Jäger sah das Tier, so oft er an hellen Tagen den Bau beobachtete, in der Sonne liegen. In Wohlseligkeit und Nichtstun brachte es die Zeit hin. Bald saß es da, guckte ernsthaft ringsum, betrachtete dann einzelne Gegenstände genau und wiegte sich endlich nach Art der Bären auf den vorderen Branten gemächlich hin und her. So große Behaglichkeit unterbrachen jedoch plötzlich blutdürstige Schmarotzer, die es mit außergewöhnlicher Hast mit Nagel und Zahn sofort zur Rechenschaft zog. Endlich zufrieden mit dem Erfolge des Strafgerichts, gab der Dachs mit erhöhtem Behagen in der bequemsten Lage sich der Sonne preis, indem er ihr bald den breiten Rücken, bald den wohlgenährten Wanst zuwandte. Lange dauerte aber dieser Zeitvertreib auch nicht; mit der Langweile mochte ihm etwas in die Nase kommen. Er hebt diese hoch, wendet sich nach allen Seiten, ohne etwas ausfindig zu machen. Doch scheint ihm Vorsicht ratsam, und er fährt zu Bau. Ein andermal sonnte er sich wieder, trabte dann zur Abwechslung einmal talabwärts, um in ziemlicher Entfernung Raum zu schaffen für die Aesung der nächsten Nacht, kehrte sogar, gemäß seiner gerühmten Vorsicht und Reinlichkeit, nochmals um und überwischte zu wiederholten Malen seine Losung, damit sie ja nicht zum Verräter werde. Auf dem Rückwege nahm er sich Zeit, stach hier und da einmal, ohne jedoch beim Weiden sich aufzuhalten, trieb dann noch ein Weilchen den alten Zeitvertreib, und als allmählich der Bäume Schlagschatten die Szene überliefen, fuhr er nach sehr schweren Mühen wieder zu Bau, wahrscheinlich, um auf die noch schwereren der Nacht zum voraus noch ein bißchen zu schlummern.«

Eigentümlich ist die Art und Weise, wie er aus dem Bau und in denselben fährt. »Ganz verschieden vom Fuchse«, sagt Adolf Müller, »der rasch aus der Röhre hervorkommt und dann erst sichert, kündigt sich dem aufmerksamen Jäger die Ankunft des unterirdischen Gesellen erst durch ein dumpfes Gerumpel in der Röhre an: er schüttelt den Staub von seinem Felle. Dann rückt er äußerst vorsichtig mit dem halben Kopfe aus der Röhre, sichert einen Augenblick und taucht wieder unter. Dies wiederholt sich oft mehrmals, bis der geheimnisvolle Bergbewohner sich höher aus der Röhre heraushebt, einen Augenblick noch mit Gehör und Nase die Umgebung prüft und dann, gewöhnlich trottend, den Bau verläßt. Das Einfahren geschieht in der Regel rasch und im Herbste wegen seiner Beleibtheit unter vernehmbarem Keuchen, langsamer nur bei besonders stillem Wetter und vollkommener Sicherheit, auffallend schnell dagegen, wenn es windig ist.« Nur junge Dachse gehen in Gesellschaft zur Nahrung aus, alte stets allein.

Zur Zeit der Paarung lebt der Dachs mit seinem Weibchen gesellig, jedoch immer nur in beschränkter Weise; den ganzen übrigen Teil des Jahres bewohnt er für sich allein einen Bau und hält weder mit seinem Weibchen noch mit anderen Tieren Freundschaft. In alten, ausgedehnten Bauen drängt sich ihm zwar der Fuchs nicht selten als Gesellschafter auf; beide Tiere aber bekümmern sich wenig umeinander, und der Fuchs haust sodann regelmäßig in den oberen, der Dachs in den unteren Röhren und Kesseln. Daß Reineke durch Absetzen seiner Losung den reinlichen Grimbart vertreibe, ist eine von neueren Beobachtern widerlegte Jägerfabel.

Die Bewegungen des Dachses sind langsam und träge; der Gang erscheint schleppend und schwerfällig; nicht einmal der schnellste Lauf ist fördernd: man behauptet, daß ein guter Fußgänger Grimbart einholen könne. Das Tier macht einen eigentümlichen Eindruck. Anfänglich meint man, eher ein Schwein vor sich zu sehen als ein Raubtier, und ich meine, daß schon eine gewisse Vertrautheit mit seiner Gestalt und seinem Wesen dazu gehört, wenn man ihn überhaupt erkennen will. An das Schwein erinnert auch seine grunzende Stimme.

Seine Nahrung besteht im Frühjahr und Sommer vorzüglich aus Wurzeln, namentlich Birkenwurzeln, später aus Trüffeln, Bücheln und Eicheln. Hier und da scharrt er ein Hummel- oder Wespennest aus und frißt mit großem Behagen die larvenreichen und honigsüßen Waben, ohne sich viel um die Stiche der erbosten Kerbtiere zu kümmern; sein rauher Pelz, die dicke Schwarte und die darunter sich befindende Fettschicht schützen ihn auch vollständig vor den Stichen der Immen. Kerbtiere aller Art, Schnecken und Regenwürmer bilden während des Sommers wohl den Hauptteil seiner Mahlzeiten. Die Regenwürmer bohrt er mit den scharfen langen Nageln seiner Vorderpfoten aus ihrem Verstecke sehr geschickt heraus, und derselben Werkzeuge bedient er sich beim Aufsuchen von Larven des Maikäfers und sonstiger schädlichen Kerbtiere, die auf Ackern, Wiesen und anderem Gelände unter der Erde leben. Bei Erbeutung der letzteren sticht er aber nicht, wie der Jäger sagt, d. h. macht nicht trichterförmige, drei bis fünf Zentimeter tiefe und halb so weite Löcher wie beim Erbeuten der Regenwürmer, sondern wühlt öfters tief den Boden auf. Hierbei gebraucht er freilich ebenfalls die Schnauze, aber keineswegs zum Stechen oder Bohren, sondern, wie andere Raubtiere auch, einzig und allein zum Auswittern. Schnecken, möglicherweise auch Raupen, Schmetterlinge und dergleichen sucht er, wie von Bischofshausen beobachten konnte, von den Bäumen ab. Im Herbst verspeist Grimbart abgefallenes Obst aller Art, Möhren und Rüben, Vogeleier und junge Vögel; kleinere Säugetiere, junge Hasen, Feldmäuse, Maulwürfe usw. werden auch nicht verschmäht, ja selbst Eidechsen, Frösche und Schlangen munden ihm vortrefflich. In den Weinbergen richtet er unter Umständen Verwüstungen an, drückt die traubenschweren Reben ohne Umstände mit der Pfote zusammen und mästet sich förmlich mit ihrer süßen Frucht. Höchst selten stiehlt er junge Enten und Gänse von Bauernhöfen, die ganz nahe am Walde liegen; denn er ist außerordentlich mißtrauisch und furchtsam, wagt sich deshalb auch bloß dann heraus, wenn er überzeugt sein kann, daß alles vollkommen sicher ist. Im Notfalle geht er Aas an. Er frißt im ganzen wenig und trägt nicht viel für den Winter in seinen Bau ein; es müßte denn ein Möhrenacker in der Nähe desselben liegen und seiner Bequemlichkeit zu Hilfe kommen. Merklichen Schaden verursacht der Dachs in Europa nicht, jedenfalls niemals und nirgends so viel, daß der Nutzen, den er durch Wegfangen und Verzehren von allerlei Ungeziefer im Walde und in der Flur uns bringt, jenen nicht reichlich aufwiegen sollte. Unter allen Mardern ist er der nützlichste und ein Erhalter, nicht aber ein Schädiger des Waldes; der Forstmann, der ihn zu vernichten sucht, sündigt also an sich selbst und an dem von ihm gepflegten Walde.

Nicht ganz so harmlos wie bei uns zulande tritt der Dachs in Asien auf. »In Ostsibirien«, sagt Radde, »scheint er viel dreister und blutdürstiger zu sein als in Europa. Er bleibt in den besser bevölkerten Gegenden ausschließlich ein nächtliches Raubtier. In den Hochsteppen Dauriens ist es etwas ganz Gewöhnliches, daß er die Kälber seitwärts anspringt. Die größeren von diesen kommen gemeiniglich mit starken Schrammen und Kratzwunden davon, während Schwächlinge dem Raubtier unterliegen. Noch der Ansiedlung der Kosaken am Amur belästigten die Dachse besonders in den Ebenen oberhalb des Burejagebirges die Herden dieser Leute.«

Zu Ende des Spätherbstes hat sich der Dachs wohl gemästet. Jetzt denkt er daran, den Winter so behaglich als nur irgend möglich zu verbringen und bereitet das wichtigste für seinen Winterschlaf vor. Er trägt Laub in seine Höhle und bettet sich ein dichtes, warmes Lager. Bis zum Eintritt der eigentlichen Kälte zehrt er von dem Eingetragenen. Nun rollt er sich zusammen, legt sich auf den Bauch und steckt den Kopf zwischen die Vorderbeine (nicht, wie gewöhnlich behauptet wird, zwischen die Hinterbeine, die Schnauzenspitze in seiner Drüsentasche verbergend) und verfällt in einen Winterschlaf. Dieser aber wird, wie jener der Bären, sehr häufig unterbrochen. Bei nicht anhaltender Kälte oder beim Eintritt gelinderer Witterung, besonders bei Tauwetter und in nicht sehr kalten Nächten, ermuntert er sich, geht sogar zuweilen nachts aus seinem Bau heraus, um zu trinken. Bei verhältnismäßig warmer Witterung verläßt er schon im Januar oder spätestens im Februar zeitweise den Bau, um Wurzeln auszugraben und, wenn ihm das Glück wohl will, auch vielleicht ein Mäuschen zu überraschen und abzufangen. Dennoch bekommt ihm das Fasten schlecht, und wenn er im Frühling wieder an das Tageslicht kommt, ist er, der sich ein volles Bäuchlein angemästet hatte, fast klapperdürr geworden.

Die Rollzeit des Dachses findet im Oktober, ausnahmsweise (zumal bei jungen Tieren) später statt. Nach zwölf bis fünfzehn Wochen, also Ende Februar oder Anfang März, wirft die Mutter drei bis fünf blinde Junge auf ein sorgfältig ausgepolstertes Lager von Moos, Blättern, Farrenkräutern und langem Grase, welche Stoffe sie zwischen den Hinterbeinen bis zum Eingange ihres Baus getragen und dann mit gegengestemmtem Kopfe und den Vorderfüßen durch die Röhre in den Kessel geschoben hat. Daß sie dabei einen eigenen Bau bewohnt, versteht sich eigentlich von selbst; denn der weibliche Dachs ist ebensogut ein eingefleischter Einsiedler wie der männliche. Die Jungen werden von ihr treu geliebt. Sie trägt ihnen nach der Säugezeit solange Würmer, Wurzeln und kleine Säugetiere in den Bau, bis sie selbst sich zu ernähren imstande sind. Während des Wochenbettes wird es dem Weibchen schwer, die sonst musterhafte Reinlichkeit, die im Bau herrscht, zu erhalten; denn die ungezogenen Jungen sind natürlich noch nicht so weit herangebildet, um jene hohe Tugend zu würdigen. Da hat nun die Alte ihre liebe Not, weiß sich aber zu helfen. Neben dem Kessel legt sie noch eine besondere Kammer an, die der kleinen Gesellschaft als Abtritt dienen und zugleich alle Nahrungsstoffe aufnehmen muß, die die Jungen nur teilweise verzehren.

Nach ungefähr drei bis vier Wochen wagen sich die kleinen, sehr hübschen Tierchen in Gesellschaft ihrer Mutter bereits bis zum Eingang ihres Baus, legen sich mit ihr auch wohl vor die Höhle, um sich zu sonnen. Dabei spielen sie nach Kinderart allerliebst miteinander und erfreuen den glücklichen Beobachter um so mehr, als diesem das anziehende Schauspiel selten geboten wird. Bis zum Herbst bleiben sie bei der Mutter, trennen sich sodann und beginnen nun ihr Leben auf eigene Hand. Alte Dachsbaue werden von ihnen mit Vorliebe bezogen; im Notfall muß aber auch ein eigener gegraben werden. Bloß in seltenen Fällen duldet die Mutter, daß sie sich in ihrem Geburtshause einen zweiten Kessel anlegen und dann den unterirdischen Palast noch während eines Winters mit ihr benutzen. Im zweiten Jahre sind die Jungen völlig ausgewachsen und zur Fortpflanzung fähig, und wenn ihnen nicht der Schuß eines vorsichtig aufgestellten Jägers das Lebenslicht ausbläst, bringen sie ihr Alter auf zehn oder zwölf Jahre.

Man fängt den Dachs in verschiedenen Fallen, gräbt ihn aus und bohrt ihn, scheußlich genug, mit dem sogenannten Krätzer an, einem Werkzeuge, das einem Korkzieher in vergrößertem Maßstabe ähnelt, treibt ihn durch scharfe Dachshunde aus seinem Bau und erschießt ihn beim Herauskommen. Nur wenn er sich in seinem Bau verklüftet, d. h. so versteckt, daß sogar die Hunde ihn nicht auffinden können, ist er imstande, der drohenden Gefahr sich zu widersetzen; denn seine Plumpheit ist so groß, daß ihm eine Flucht vor dem Hunde nichts helfen würde. Er sucht sich deshalb, wenn er in seinem Bau verfolgt wird, gewöhnlich dadurch zu retten, daß er still, aber mit großer Schnelligkeit sich tiefer eingräbt und hierdurch wirklich oft genug den ihm nachgehenden Hunden entzieht.

Ganz früh am Morgen kann man dem heimkehrenden Dachs wohl auch auf dem Anstande auflauern und ihn erlegen. Abends ist der Anstand höchst langweilig; denn der mißtrauische Gesell erscheint regelmäßig erst mitten in der Nacht und geht so geräuschlos als möglich davon. Gewöhnlich errichtet man zum Schießstande eine sogenannte Kanzel, d. h. man baut sich auf den nächststehenden Bäumen in einer Höhe von zehn bis fünfzehn Meter mit Stangen und Brettern einen Standort und schießt den zutage tretenden Dachs von hier aus nieder. Der dickfellige Gesell verlangt aber einen sehr starken Schuß oder verschwindet noch vor den Augen des Schützen in seinem Bau. Zuweilen geschieht es auch wohl, daß ein Dachs dem andern verwundeten zu Hilfe kommt. Einen solchen Fall hat, nach Karl Müller, ein Förster in Diensten des Grafen von Schlitz aufgezeichnet. Derselbe schoß im Oktober abends auf einen Dachs, der kaum einen Schritt von der Röhre sich entfernt hatte. Das Tier wälzte sich klagend und schien dadurch die Teilnahme eines Gefährten im Bau erweckt zu haben; denn ehe der Schütze hinzueilen Zeit findet, steigt ein zweiter Dachs aus dem Bau, packt den klagenden, zieht ihn in die Röhre und verschwindet in der Tiefe. Wird der Dachs im Freien von einem Hunde überrascht, so legt er sich zuerst platt auf den Boden, als würde er dadurch geborgen, wirft sich dann aber auf den Rücken und verteidigt sich ebenso schnell als mutig mit seinem scharfen Gebiß und seinen Krallen. Im Bau verwundet er die eingefahrenen Dachshunde oft fürchterlich an der Nase, und wenn er sich einmal verbissen hat, läßt er nicht sogleich los. Ein einziger Schlag auf die Nase genügt, um ihn zu töten, während an den übrigen Teilen des Leibes die heftigsten Hiebe keine besondere Wirkung hervorzubringen scheinen. Sobald er Nachstellungen erfährt, verdoppelt er seine Vorsicht, und es kommt nicht selten vor, daß ein Dachs zwei bis drei Tage ruhig in seinem Bau verbleibt, wenn derselbe vorher von einem Hunde oder Jäger besucht wurde. In manchen Gegenden geht man nachts an den Bau, setzt dort scharfe Hunde auf seine Fährte und läßt ihn verfolgen. Nach kurzer Zeit kommt er zurück und kann von dem Jäger, der mit einer Blendlaterne versehen ist, erlegt werden, da ihn die Hunde gewöhnlich bald erreichen und festpacken.

Alt eingefangene, beim Ausgraben ihrer Baue erbeutete Dachse sind geradezu abscheuliche Tiere, jeder Behandlung oder Erziehung unzugänglich, faul, mißtrauisch, tückisch und bösartig. Sie rühren sich bei Tage nicht und kommen nur des Nachts zum Vorschein, fletschen bei jeder Gelegenheit die Zähne und beißen den, der unvorsichtig sich ihnen nähert, in gefahrdrohender Weise. Lenz erhielt einen alten, fetten, ganz unversehrten Dachs und tat ihn in eine große Kiste. Hier blieb er ruhig in derselben Ecke liegen, rührte sich nicht, wenn man ihn nicht derb stieß, und wurde erst nachts nach zehn Uhr munter. »Wollte ich ihn«, sagt unser Gewährsmann, »den Tag über in eine andere Ecke schaffen, so mußte ich ihn mit Gewalt vermittels einer großen Schaufel dahin schieben. In solchen Fällen und überhaupt, wenn ich ihn durch Rippenstöße usw. kränkte, fauchte er heftig durch die Nase, verursachte dann abwechselnd durch die Erschütterung seines Bauches ein ganz eigenes Trommeln, und wenn er, um zu beißen, auf mich losfuhr, gab er einen Ton von sich, fast wie ein großer Hund oder Bär in dem Augenblick, wann er einen Rippenstoß bekommt und losbeißt.«

Ganz anders als die im Alter erbeuteten, betragen sich jung eingefangene und sorgfältig auferzogene Dachse. Sie werden, insbesondere wenn man ihnen ausschließlich oder doch vorwiegend pflanzliche Nahrung reicht, zahm und anhänglich, können sogar dahin gebracht werden, ihrem Wärter zu folgen und auf den Ruf desselben vom Freien aus nach ihrem Käfige zurückzukehren. Im Berliner Tiergarten lebten ein Paar Dachse, die die Besucher regelmäßig zu begrüßen und anzubetteln pflegten. Sie hatten ihre Lebensweise merklich verändert und schliefen nur in den Vormittagsstunden, so daß die schönen mit erbaulicher Nutzanwendung schließenden Fibelverse:

»Drei Viertel seines Lebens
Verschläft der Dachs vergebens«

bei ihnen vollständig zuschanden wurden. Solche Dachse halten auch keinen Winterschlaf mehr, sondern kommen selbst bei der strengsten Kälte täglich hervor, um ihre Nahrung in Empfang zu nehmen. Vor der Kälte schützen sie sich durch ein weiches und warmes Stroh- und Heulager, das sie im Innern ihres Schlupfwinkels sorgfältig aufschichten, und dessen Zugang sie je nach Steigen oder Fallen der äußeren Wärme mehr oder weniger öffnen und verschließen. Achtsame Beobachter haben an solchen Gefangenen ein so feines Gefühl für Witterungsveränderungen wahrgenommen, daß sie Grimmbart unter die Propheten, wenn auch nur Wetterpropheten, zählen zu dürfen behaupten.

Über einen gezähmten Dachs schreibt mir Ludwig Beckmann das Nachstehende: »Jung eingefangene Dachse werden bei guter Behandlung, namentlich im freien Umgange mit Haushunden, außerordentlich zahm. Ich habe früher eine völlig zum Haustiere gewordene Dächsin besessen und ihren Verlust tief betrauert. Kaspar, so wurde sie trotz ihres Geschlechts genannt, war eine grundehrliche, wenn auch etwas plumpe Natur. Er wollte mit aller Welt gern im Frieden leben, wurde indes wegen, seiner derben Späße oft mißverstanden und mußte dann unangenehme Erfahrungen machen. Sein eigentlicher Spielkamerad war ein äußerst gewandter, verständiger Hühnerhund, den ich von Jugend aus daran gewöhnt hatte, mit allerlei wildem Getier zu verkehren. Mit diesem Hunde führte der Dachs an schönen Abenden förmliche Turniere auf, und es kamen von weit und breit Tierfreunde zu mir, um diesem seltenen Schauspiele beizuwohnen. Das Wesentliche des Kampfes bestand darin, daß der Dachs nach wiederholtem Kopfschütteln wie eine Wildsau schnurgerade auf den etwa fünfzehn Schritte entfernt stehenden Hund losfuhr und im Vorüberrennen seitwärts mit dem Kopfe nach dem Gegner schlug. Dieser sprang mit einem zierlichen Satze über den Dachs hinweg, erwartete einen zweiten und dritten Angriff und lieh sich dann von seinem Widerpart in den Garten jagen. Glückte es dem Dachse, den Hund am Hinterlaufe zu erschnappen, so entstand eine arge Balgerei, die jedoch niemals in ernsten Kampf ausartete. Wenn es Kaspar zu arg wurde, fuhr er, ohne sich umzukehren, eine Strecke zurück, richtete sich unter Schnaufen und Zittern hoch auf, sträubte das Haar und rutschte dann wie ein aufgeblasenere Truthahn vor dem Hunde hin und her. Nach wenigen Augenblicken senkte sich das Haar und der ganze Körper des Dachses langsam nieder, und nach einigem Kopfschütteln und begütigendem Grunzen ›hu, gu, gu, gu‹ ging das tolle Spiel von neuem an.

Den größten Teil des Tages verschlief Kaspar in seinem Bau, den er ziemlich geschickt unter seiner Hütte, inmitten einer etwa acht Schritte im Geviert haltenden Einzäunung, angelegt hatte. Der Bau bestand eigentlich nur in einem großen unregelmäßigen Loche mit kurzer Einfahrt, und das merkwürdige daran war nur, daß der Dachs an der Hinterwand des Kessels beständig, wahrscheinlich der Lüftung wegen, ein kaum handgroßes Loch unterhielt. Hinter der Hütte hatte er drei bis fünf Senkgruben, topfförmige Erdlöcher von etwa 25 Zentimeter Breite und Tiefe, angelegt, denen er eine komische Aufmerksamkeit widmete. Bald wurde eine derselben erweitert, bald eine verschüttet und geebnet, eine neue angelegt, dieselbe wieder zugeworfen usw. Nur in diesen Senkgruben setzte er Losung und Harn ab. Bei großer Kälte schleppte er Heu und Stroh aus der Hütte in den Bau hinunter, verstopfte die Löcher von innen, warf oft vierundzwanzig Stunden vor Eintritt des Tauwetters plötzlich alles wieder hinaus und rannte dann fröstelnd im Zwinger auf und ab, bis er in das Haus oder einen frostfreien Stall gebracht wurde.

Infolge seiner außerordentlichen Reinlichkeitsliebe durfte er im Hause frei umherwandern. Besonderes Vergnügen schien es ihm zu machen, auf den Treppen auf und ab zu trippeln; nicht selten trabte er aber auch ganz einsam und still auf dem Speicher umher, den Kopf neugierig in alle Ecken steckend. Als eine besondere Gunst betrachtete er es, wenn er während des Mittagsessens bei mir bleiben durfte. Er drängte dann den Hühnerhund einfach beiseite, richtete sich auf den Hinterläufen in die Höhe, legte die Vorderläufe und den bunten, glatten Kopf auf meine Schenkel und forderte unter dem üblichen ›Hu, gu, gu, gu‹ ein Stückchen Fleisch, das er dann sehr geschickt und zart mit den Vorderzähnen von der Gabel zog. Im Winter liebte er es, sich vor den Ofen platt auf den Rücken zu legen, und den breiten, dünn behaarten Wanst der Wärme zuzukehren.

Im Sommer begleitete er mich sehr gern zu einem Streifen dichten Gehölzes, in dem er sich vollkommen heimisch fühlte und bei jedem Schritte neue Entdeckungen machte. Bald fing er eine Hummel oder zog einen Wurm aus der Erde, bald suchte er abgefallene Beeren auf, bald verarbeitete er eine braune Wegschnecke mit seinen Nägeln. Auf dem Heimwege folgte er mir verdrossen auf den Fersen, begann aber bald an meinen Beinkleidern zu zerren. Ein derber Tritt mit der Breitseite des Fußes ermunterte ihn nur noch, mit seinen plumpen Spaßen fortzufahren; dagegen verstimmte ihn der leiseste Schlag mit der Hand oder einer Gerte aufs äußerste.

Während der Dauer des Haarwechsels, etwa von Mitte des April bis zu Anfang des September, war der Dachs ziemlich dürr und mager. Dann mehrte sich plötzlich seine Eßlust und damit gleichzeitig seine Fettleibigkeit. Gegen Ende Oktober war er bereits so fett, daß er beim Traben keuchte. Als Allesfresser liebte er gemischte Kost: Küchenabfälle, Rüben, Möhren, Kürbis, Fallobst mit Hafermehl zu einem steifen Brei gekocht, dazu einige Stücke rohes oder gekochtes Fleisch bildeten seinen Küchenzettel. Pflaumen und Zwetschen, die er im Garten aufsuchte und nach oberflächlichem Zerkauen mit den Steinen verschluckte, waren seine Lieblingskost. Rohes Fleisch verdaute er weit langsamer als Füchse und Hunde, fraß es jedoch mit Gier, selbst das von Katzen, Füchsen und Krähen, das ich ihm vorzugsweise reichte. Indes hatte sein ganzes Benehmen durchaus nichts Raubtierartiges, und wenn er zur Herbstzeit so still gefräßig an seinem Troge stand und im Vollgenusse mit den Lippen schmatzte, erinnerte er mich immer an ein kleines chinesisches Mastschweinchen.

Die Ausführbarkeit einer förmlichen Dachszüchterei schien mir damals keine Schwierigkeiten zu haben, und ich möchte den Versuch, Dachse zu züchten, noch heute allen denen empfehlen, die nicht, wie Schreiber dieser Zeilen, eine Abneigung gegen Dachsbraten haben. Zu Anfang Oktober stellte sich bei meiner Fehe unverkennbar der Fortpflanzungstrieb ein; doch schien es mir, als ob die Dauer der Ranzzeit nicht über einige Tage hinausginge. Leider wollte ein eigener Unstern, daß es mir trotz aller Bemühungen nicht gelang, in der Umgegend meines Wohnortes einen männlichen Dachs aufzutreiben. Mehrere junge Dachse, die ich aufzuziehen versuchte, waren beim Einfangen beschädigt worden und gingen, trotz ihres anscheinend gesunden Äußern, später an inneren Verletzungen ein: kurz, meine Fehe blieb ohne Gatten.

Mein guter Kaspar fand an einem schönen Herbstmorgen ein schmähliches Ende. Er hatte, wahrscheinlich sanfteren Regungen folgend, über Nacht seinen Zwinger verlassen, war in allen umliegenden Gemüsegärten und Rübenfeldern umhergestreift und kehrte gegen Morgen ganz vertraut in einem etwa eine Viertelmeile von meiner Wohnung entfernten Gehöfte ein. Hier ward er von den zusammengelaufenen Bauern für ein ›wildes Ferkel‹ gehalten und trotz verzweifelter Gegenwehr nach Bauernart mit dem gemeinen Knüppel erschlagen.«

Der Nutzen, den der getötete Dachs bringt, ist ziemlich beträchtlich. Sein Fleisch schmeckt süßer als Schweinefleisch, erscheint aber manchen Menschen als ein wahrer Leckerbissen. Die wasserdichten, festen und dauerhaften Felle, von denen, nach Lomer, jährlich 55000 Stück im Werte von 123 000 Mark auf den Markt kommen, werden zu Überzügen von Koffern und dergleichen verwendet; aus den langen Haaren, namentlich aus denen des Schwanzes, verfertigt man Bürsten und Pinsel; das Fett gebraucht man als Arzneimittel oder benutzt es zum Brennen.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.