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Brehms Tierleben. Säugetiere. Band 3: Katzenartige Raubtiere

Alfred Brehm: Brehms Tierleben. Säugetiere. Band 3: Katzenartige Raubtiere - Kapitel 5
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authorAlfred Brehm
titleBrehms Tierleben. Säugetiere. Band 3: Katzenartige Raubtiere
publisherGutenberg-Verlag
seriesBrehms Tierleben
volumeBand 3
editorAdolf Meyer
year1927
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Luchse. Jagdleoparden. Frettkatzen.

Fast alle Naturforscher stimmen darin überein, daß man die Luchse Lynx als eine von den übrigen Katzen wohl unterschiedene Sippe betrachten und demgemäß gesondert aufführen darf. Sie kennzeichnet der mäßig große Kopf mit bepinselten Ohren und, bei den meisten Arten, starkem Backenbarte, der seitlich verschmächtigte, aber kräftige Leib, der auf hohen Beinen ruht, sowie der kurze, bei der Mehrzahl stummelhafte Schwanz. Auch ist der letzte Unterbackenzahn nicht dreispitzig wie bei den Katzen, sondern zweispitzig.

Alle Erdteile, mit Ausnahme des katzenlosen Neuholland, beherbergen Luchse, Europa allein zwei wohl unterschiedene Arten. Sie bewohnen vorzugsweise geschlossene Waldungen und in ihnen die am schwersten zugänglichen Orte, finden sich jedoch auch in Steppen und Wüsten, und kommen selbst in angebauten Gegenden vor. Alle ohne Ausnahme dürfen als hochentwickelte Katzen angesehen werden, sind ebenso raublustig und blutdürstig wie Leopard und Panther, dabei ernst wie Löwe und Tiger, gefährden den Bestand des Wildes und der Haustiere in hohem Grade und müssen als Raubtiere, die mehr Schaden als Nutzen bringen, bezeichnet werden. Ihre Lebensweise, die Art, in der sie zur Jagd ausgehen und rauben, unterscheidet sich, genau entsprechend ihrer Ausrüstung und ihren Begabungen, in mancher Hinsicht nicht unwesentlich von dem Gebaren der bis jetzt geschilderten Verwandten, wie überhaupt ihr ganzes Auftreten etwas Absonderliches hat.

 

Der Sumpfluchs (Lynx Chaus) erreicht ungefähr die Größe unserer Wildkatze, 90 bis 100 Zentimeter Länge nämlich, wovon 20 bis 25 Zentimeter auf den Schwanz kommen. Der ziemlich reiche Pelz hat eine schwer zu bestimmende bräunlichfahlgraue Grundfärbung; die einzelnen Haare sind an der Wurzel ockergelb, in der Mitte schwarzbraun geringelt, an der Spitze weiß oder grauweiß und hin und wieder schwarz gefärbt. Die Zeichnung besteht aus dunkleren Streifen, die besonders am Vorderhalse, an den Seiten und Beinen deutlicher hervortreten. Der Sumpfluchs hat eine weite Verbreitung. Er bewohnt den größten Teil Afrikas und Süd- und Westasien, insbesondere Süd- und Ostafrika, Nubien, Ägypten, Persien, Syrien, die Länder um das Kaspische Meer und Indien. Den alten Ägyptern war er wohlbekannt, wurde auch wie die Hauskatze einbalsamiert und sein Leichnam an heiligen Orten beigesetzt.

Die ausgedehnten Getreidefelder, die auf dem vom überwogenden Nile getränkten Erdreiche angelegt wurden, also nicht zeitweilig künstlich überrieselt werden, sind vorzugsweise sein Aufenthalt. Außerdem aber bewohnt er die großen Flächen, die dichter oder dünner mit einem ziemlich hohen, scharfschneidigen Riedgrase, der Halfa ( Poa cynosuroides), bedeckt sind, und endlich bieten ihm die trockenen Stellen im Röhricht oder auch schon die Rohrdickichte, die an den Ufern der Kanäle sich hinziehen und manche Felder umzäunen, erwünschte Aufenthaltsorte. Als ich einmal nahe bei der Stadt Esneh durch einen Garten schlenderte, fiel mir eine in dem dichten Grase dahinschleichende Katze nur ihres großen Kopfes wegen auf; denn der übrige Körper war in dem schossenden Getreide versteckt. Mehr um zu untersuchen, als in der Meinung, eine wilde Katze vor mir zu haben, schoß ich auf das Tier, das mich seiner Beachtung nicht würdig hielt. Es verendete nach wenigen, verzweiflungsvollen Sätzen, und ich fand zu meiner Überraschung, daß ich den Sumpfluchs, und zwar ein ziemlich ausgewachsenes Männchen, erlegt hatte.

Seine Beute besteht zumeist aus Mäusen und Ratten, sodann aber aus kleinen Erd- und Schilfvögeln aller Art, namentlich Wüstenhühnern, Lerchen, Regenpfeifern, Schilf- oder Riedgrassängern usw. In den Gärten stiehlt er den Bauern ihre Hühner und Tauben, in den Fruchtfeldern schleicht er den Hasen und an den Wüstenrändern den Springmäusen nach. Größere Tiere greift er niemals an; wenigstens hat mir davon kein einziger Fellah etwas erzählt; auch dem Menschen weicht er immer furchtsam aus, sobald er ihn bemerkt, und selbst derjenige, den ich verwundete, wagte nicht, mich anzuspringen.

siehe Bildunterschrift

Karakal ( Lynx caracal)

Den Wüstenluchs oder Karakal ( Lynx caracal), ein schönes Tier von 65 Zentimeter Leibes- und 22 Zentimeter Schwanzlänge, unterscheiden von anderen Luchsen, die schlanke Gestalt, die hohen Läufe, die langen, schmalen, zugespitzten Ohren, die wie bei den nordischen Arten der Sippe starke Pinsel tragen, und das enganliegende Wüstenkleid. Er ist ein echtes Kind der Steppe oder Wüste, und als solches auf das zweckmäßigste ausgerüstet. Je nach der Gegend, aus der der Karakal kommt, dunkelt oder lichtet sich seine Färbung, wahrscheinlich im Einklange mit der Farbe des Bodens, so daß man vom Isabellgelb an bis zu Braunrot alle Schattierungen des Wüstenkleides an ihm wahrnehmen kann. Die nordischen Luchse dagegen, die vorzugsweise Wälder bewohnen, tragen ein Baum- und Felsenkleid. Der Karakal ist nur in der Kindheit gefleckt, später aber ganz ungefleckt, und eine derartige Gleichfarbigkeit steht wiederum im vollständigen Einklange mit den Eigentümlichkeiten seines Wohnkreises; denn ein geflecktes Tier, das auf dem einfarbigen Sandboden der Wüste dahinschleicht, würde in der hellen Nacht gerade durch seine Fleckenzeichnung leichter sichtbar werden, als durch jenes einfarbige Gewand. Der Verbreitungskreis des Karakal ist auffallend groß. Er bewohnt ganz Afrika, Vorderasien und Indien, und zwar die Wüsten ebensowohl wie die Steppen.

 

Unter den übrigen Mitgliedern der Sippe steht der Luchs ( Lynx vulgaris) an Schönheit, Stärke und Kraft obenan. Erst durch das Museum von Christiana bin ich über die Größe belehrt worden, die ein Luchs wirklich erreichen kann; denn in unseren deutschen Sammlungen findet man gewöhnlich nur mittelgroße Tiere. Ein vollkommen ausgewachsener Luchs ist mindestens ebenso stark, nur etwas kürzer und hochbeiniger als die Leoparden, die wir in unseren Tierschaubuden zu sehen bekommen. Die Länge seines Leibes beträgt reichlich 1 Meter und kann wohl auch bis zu 1,3 Meter steigen, der Schwanz ist 15 bis 20 Zentimeter lang, die Höhe am Widerriste beträgt bis 75 Zentimeter. An Gewicht kann der Luchskater bis 30, ja, wie man mir in Norwegen sagte, sogar bis 45 Kilogramm erreichen. Das Tier hat einen außerordentlich kräftigen, gedrungenen Leibesbau, stämmige Glieder und mächtige, an die des Tigers oder Leoparden erinnernde Pranken, verrät daher auf den ersten Blick seine große Kraft und Stärke. Die Ohren sind ziemlich lang und zugespitzt und enden in einen pinselförmigen Büschel von vier Zentimeter langen, schwarzen, dichtgestellten und aufgerichteten Haaren. Auf der dicken Oberlippe stehen mehrere Reihen steifer und langer Schnurren. Ein dichter, weicher Pelz umhüllt den Leib und verlängert sich im Gesichte zu einem Barte, der zweispitzig zu beiden Seiten herabhängt, und im Vereine mit den Ohrbüscheln dem Luchsgesichte ein ganz seltsames Gepräge gibt. Die Färbung des Pelzes ist oben rötlichgrau und weißlich gemischt, auf Kopf, Hals und Rücken und an den Seiten dicht mit rotbraunen oder graubraunen Flecken gezeichnet; die Unterseite des Körpers, die Innenseite der Beine, der Vorderhals, die Lippen und die Augenkreise sind weiß. Das Gesicht ist rötlich, das Ohr inwendig weiß, auf der Rückseite braun und schwarz behaart. Der Schwanz, der überall gleichmäßig und gleich dick behaart ist, hat eine breite, schwarze Spitze, die fast die Hälfte der ganzen Länge einnimmt; die andere Hälfte ist undeutlich geringelt, mit verwischten Binden, die unten aber nicht durchgehen. Im Sommer ist der Balg kurzhaarig und mehr rötlich, im Winter langhaarig und mehr grauweißlich gefärbt; allein die ganze Färbung verändert sich in der mannigfaltigsten Weise, und auch die Flecken wechseln bei verschiedenen Tieren erheblich ab. Das Weibchen scheint sich regelmäßig durch rötere Färbung und undeutlichere Flecken von dem Männchen zu unterscheiden? die neugeborenen Jungen sind weißlich.

Der Luchs war den Alten bekannt, wurde in Rom aber doch weit seltener gezeigt als Löwe und Leopard, weil es schon damals viel schwerer hielt, ihn lebend zu erlangen als einen der erwähnten Verwandten zu bekommen. Den, der unter Pompejus gezeigt wurde, hatte man aus Gallien eingeführt, über sein Freileben scheint man nichts gewußt zu haben, deshalb war dem Aberglauben vielfacher Spielraum gelassen. »Kein thier ist«, sagt der alte Geßner, Schilderungen der Alten wiedergebend, »daß so ein scharpffe gesicht habe als ein Luchß, dann nach der sag der Poeten füllend sy auch mit jren augen durchtringen, die Ding so sunst durchscheynbar nit sind, als wand, mauren, holtz, stein und dergleychen. Dargegen so jnen durch scheynbare Ding fürgehalten werdend, so hassend sy jr gesicht und sterbend daruon.« In der Götterlehre der alten Germanen spielte der Luchs ungefähr dieselbe Rolle wie die Katze; denn wahrscheinlich ist er es und nicht seine Verwandte, der als Tier der Freya aufgefaßt werden muß und deren Wagen zieht.

Noch im Mittelalter bewohnte er ständig alle größeren Waldungen Deutschlands und ward allgemein gehaßt, auch nachdrücklichst verfolgt. Ende des fünfzehnten Jahrhunderts galt er, laut Schmitt, in Pommern als das schlimmste Raubtier. »Den Luchs«, so heißt es in Petersdorps Verordnung, »wiel he de aergste ist, moth man slitig by Wintertieden nahstellen, em mit Netten fangen, scheten.« Von dieser Zeit an hat er in Deutschland stetig abgenommen und kann gegenwärtig hier als ausgerottet gelten. In Bayern, dem an sein Wohngebiet, die Alpen, angrenzenden Lande Süddeutschlands, war er noch zu Ende des vorigen und zu Anfang unseres Jahrhunderts eine zünftigen Jägern wohlbekannte Erscheinung. Laut Kobell, dem wir so viele anziehende Jagdbilder verdanken, wurden in den Jahren 1820 bis 1821 allein im Ettaler Gebirge siebzehn Luchse erlegt und gefangen; im Jahre 1826 fing man im Riß ihrer fünf, bis 1831 noch ihrer sechs. Im Forstamt Partenkirchen erbeutete man 1829 bis 1830 in dem einen Revier Garmisch drei, in Eschenloch fünf, in der Vorderriß ebenfalls fünf Luchse. Zwei bayerische Jäger, Vater und Sohn, fingen in achtundvierzig Jahren, von 1790 bis 1838, dreißig Stück der gehaßten Raubtiere. Der letzte Luchs wurde im Jahre 1838 im Rottenschwanger Revier erbeutet; seitdem hat man noch im Jahre 1850 auf der Zipfelsalpe ihrer zwei gespürt, und wahrscheinlich sind auch in den letzten zwanzig Jahren noch einzelne aus Tirol herübergestreift, ohne wahrgenommen worden zu sein. Im Thüringer Wald wurden zwischen den Jahren 1773 bis 1796 noch fünf Luchse erlegt, in diesem Jahrhundert meines Wissens nur ihrer zwei, einer im Jahre 1819 auf dem Gothaer Revier Stutzhaus und einer im Jahre 1843 auf Dörenberger Revier, letzterer nach langen vergeblichen Jagden. In Westfalen endete der letzte Luchs erweislich im Jahre 1745 sein Leben; auf dem Harz erlegte man die letzten beiden in den Jahren 1817 und 1818, in Deutschland, mit Ausnahme der an Rußland grenzenden Teile überhaupt, im Jahre 1846, worüber ich später ausführlicher berichten werde. Anders verhält es sich in den deutsch-österreichischen Ländern und in den an Rußland grenzenden Teilen Preußens. Hier wird fast alljährlich noch ein oder der andere Luchs gespürt; dort hat man noch in der Neuzeit so viele erlegt, daß von einer Ausrottung desselben noch nicht gesprochen werden darf. In der Schweiz wird er, laut Tschudi, nicht häufiger gefunden als die Wildkatze, war aber noch vor dreißig Jahren keine Seltenheit, so daß allein in Bünden in einem Jahr sieben bis acht Stück getötet wurden. Gegenwärtig ist er auch hier recht selten geworden, obschon die Hochwälder der Walliser-, Tessiner- und Bernergebirge, die Urner-, Glarner-, Oescher- und Böxeralpen ihn noch beherbergen. Nach Osten hin beginnt mit den Karpathen das derzeitige Wohngebiet unseres Raubtiers; von hier und der preußischen Grenze aus nach Norden und Osten findet man es regelmäßig, in ganz Rußland und ebenso in Skandinavien noch ziemlich häufig, hier vom Süden des Landes an, soweit geschlossene Waldungen nach Norden hinaufreichen. Außerdem aber bewohnt der Luchs, laut Radde, ganz Ostsibirien, wo das Land gebirgig und waldbedeckt ist und wird hier alljährlich noch in namhafter Menge erbeutet.

Bedingung für ständigen Aufenthalt dieses Raubtiers sind weite, geschlossene, an Dickungen oder überhaupt schwer zugänglichen Teilen reiche, mit Wild der verschiedensten Art bevölkerte Waldungen. In dünn bestandenen Wäldern zeigt sich der Luchs, laut Nolcken, dem wir die beste Lebensschilderung des Tieres verdanken, nur ausnahmsweise, namentlich im Winter, wenn es sich für ihn darum handelt, einen solchen Wald nach Hasen abzusuchen, oder aber, wenn ihn ein allgemeiner Notstand, ein Waldbrand z. B., zum Auswandern zwingt. Unter solchen Umständen kann es vorkommen, daß er, wie es im Jahre 1868 im Petersburger Gouvernement geschah, bis in die Obstgärten der Dörfer sich flüchtet. Im Gegensatz zum Wolf, der fast jahraus, jahrein ein unstetes Leben führt, hält sich der Luchs oft längere Zeit in einem und demselben Gebiete auf, durchstreift dasselbe aber nach allen Richtungen, wandert in einer Nacht meilenweit, nicht selten ohne alle Scheu befahrene Wege annehmend, bis in die Nähe der Dörfer sich wagend und selbst einsam liegende Gehöfte besuchend, kehrt auch nach mehreren Tagen wieder in eine und dieselbe Gegend zurück, um sie von neuem abzuspüren. Der eine von den beiden Luchsen, der sich in dem fürstlich Liechtensteinschen Gebiete aufhielt, wurde zwei volle Jahre in einem und demselben Reviere gespürt, war zwar manchmal zwei bis drei Wochen abwesend, kam dann aber zurück und verschwand wiederum für geraume Zeit. Von anderen Luchsen hat man dasselbe beobachtet, so daß es oft wochen- und monatelanger Verfolgung bedurfte, um das Gebiet von dem unliebsamen Gaste zu säubern.

In der Regel lebt der Luchs nach Art seiner Verwandten ungesellig, da, wo er häufiger auftritt, wie in Livland, so verteilt, daß ein Gebiet von zehntausend Morgen etwa vier oder fünf Stück beherbergt. Nolcken behauptet geradezu, daß man ihn immer nur einzeln finde, spricht aber auch ausschließlich von seinen eigenen Wahrnehmungen, während wir durch andere Mitteilungen glaubwürdiger Beobachter wissen, daß unter Umständen auch das Gegenteil der Fall sein kann. So wurden, laut einem Berichte der Jagdzeitung, im Jahre 1862 in Galizien vier Luchse hintereinander erlegt, am ersten Tage die beiden Alten, am zweiten deren zwei Junge, und ebenso sah ein Jäger in Galizien bei einem Treiben drei Luchse an sich vorübergehen. Auch Frauenfeld spürte einmal die Fährten von vier Luchsen ab, die gemeinschaftlich zur Jagd ausgezogen waren. Indessen mögen solche Fälle immerhin zu den Seltenheiten gehören und Nolckens Angaben als die Regel gelten.

An Begabung leiblicher und geistiger Art scheint der Luchs hinter keiner einzigen anderen Katze zurückzustehen. Der trotz der hohen Läufe ungemein kräftige Leib und die ausgezeichneten Sinne kennzeichnen ihn als einen in jeder Hinsicht trefflich ausgerüsteten Räuber. Er geht sehr ausdauernd, solange es die Not nicht fordert, nur im Schritt oder im Katzentrabe, niemals satzweise, springt, wenn es sein muß, ganz ausgezeichnet in wahrhaft erstaunlichen Sätzen dahin, klettert ziemlich gut und scheint auch mit Leichtigkeit Gewässer durchschwimmen zu können. Unter seinen Sinnen steht unzweifelhaft das Gehör obenan, und der Pinsel auf seinen Ohren darf demnach als eine wohlberechtigte Zierde gelten. Kaum weniger vorzüglich mag das Gesicht sein, wenn auch die neuzeitlichen Beobachter keine unmittelbaren Belege für die Entstehung der alten Sage gegeben haben. Der Geruchsinn aber ist, wie bei allen Katzen, entschieden schwach; der Luchs vermag wenigstens nicht auf größere Entfernungen hin zu wittern und sicherlich nicht durch seinen Geruch irgendein Wild auszukundschaften. Daß er Geschmack besitzt, beweist er durch seine Leckerhaftigkeit zur Genüge, und was Tastsinn und Empfindungsvermögen anlangt, so bekunden Gefangene deutlich genug, daß sie hierin den Verwandten nicht nachstehen. Als Tastsinn offenbart sich sein feines Gefühl bei jeder Bewegung, und jedenfalls auch beim Aufspüren und Aufnehmen einer bereits erkundeten und getöteten Beute. Wie allen Katzen sind ihm die Schnurrhaare im Gesicht geradezu unentbehrlich; mit ihnen muß er alles betasten, mit dem er sich näher befassen will. Die geistigen Eigenschaften unseres Raubtieres sind niemals unterschätzt worden: »Ist sunst ein röubig thier gleich dem Wolff, doch vil listiger«, sagt der alte Geßner und scheint vollständig recht zu haben, da auch alle neueren Beobachter, die mit dem Luchse verkehrten, ihn als ein außerordentlich vorsichtiges, überlegenes und listiges Tier schildern, das niemals seine Geistesgegenwart verliert und in jeder Lage noch bestmöglichst seinen Vorteil wahrzunehmen sucht und wahrzunehmen weiß. Macht sich dies schon bei dem freilebenden Luchse bemerklich, so tritt es, wie wir später kennenlernen werden, bei gefangenen nur um so schärfer hervor, so daß wir jedenfalls berechtigt sind, ihn den klügsten Katzen beizuzählen.

Frühere Beobachter vergleichen die Stimme des Luchses mit dem Geheule eines Hundes, bezeichnen sie damit aber sehr unrichtig. Ich habe nur gefangene schreien hören und muß sagen, daß die Stimme sehr schwer beschrieben werden kann. Sie ist laut, kreischend, hochtönig, der verliebter Katzen entfernt ähnlich. Oskar von Loewis, der die Güte gehabt hat, mir verschiedene Mitteilungen zugunsten der Bearbeitung der zweiten Auflage des Tierlebens zu machen, kann Genaueres mitteilen. »Ich habe nicht nur«, sagt er, »meine gezähmte Luchskatze, sondern auch wilde Luchse zur Nachtzeit in einsamen Wäldern schreien zu hören vielfach Gelegenheit gehabt. Aber niemals erlaubte die Stimme des Luchses auch nur eine entfernte Ähnlichkeit mit der des Hundes herauszufinden. Sein Geschrei ist vielmehr ein plärrend und brüllend hervorgestoßener Ton, der hoch und fein anhebt und dumpf und tief endet, im Klange eher dem Gebrülle des Bären gleichend. Ursachen des Geschreies waren bei meinem gezähmten und frei umherlaufenden Luchse Hunger und Langeweile. Das Knurren und Fauchen bei hochgekrümmtem Rücken war stets ein Zeichen der Wut, der kampfbereiten Verteidigung. Ein leises, feines, katzenartiges, unendlich sehnsüchtiges Miauen ließ meine Luchskatze bei lüsternem, mordlustigem Beobachten der Tauben und Hühner oder bei schmiegsamem Anschleichen zum Wilde hören. Das anhaltende Spinnen und Schnurren während des Wohlbefindens, beziehentlich Streichelns mit der Hand, war ganz katzenartig, nur gröber, derber als das der Hauskatze.«

siehe Bildunterschrift

Luchs ( Lynx vulgaris)

Der Luchs ist, laut Nolcken, ein durchaus nächtliches Raubtier, versteckt sich mit Tagesanbruch und liegt, wenn er nicht gestört wird, bis zur Dunkelheit, wodurch er vom Wolfe, der meist schon gegen Mittag wieder zu wandern beginnt, wesentlich sich unterscheidet. Zu seinem Lagerplatze wählt er eine Felsenkluft oder ein Dickicht, unter Umständen vielleicht auch eine größere Höhlung, selbst einen Fuchs- oder Dachsbau. Wenn er sich decken oder lagern will, geht er gern auf irgendeinem Wege in die Nähe der Dickung, die er ausgewählt hat und setzt in mehreren weiten Sprüngen in das Gehölz. Geht der Weg hart an einem Dickicht vorbei, so wirft er sich manchmal so weit in dieses hinein, daß man die Spur von außen gar nicht sieht. Immer und unfehlbar wählt er die allerdichtesten Schonungen, junges Nadeldickicht und dergleichen, ohne sich dabei im übrigen viel um etwa stattfindenden Verkehr zu kümmern. Falls es gestattet ist, von dem Betragen des gefangenen Luchses auf das des freilebenden zu schließen, darf man annehmen, daß er den Tag über möglichst auf einer und derselben Stelle liegen bleibt. Er gibt sich einem Halbschlummer hin, nach Art unserer Hauskatze, die in gleicher Weise halbe Stunden zu verträumen pflegt, aber doch auf alles achtet, was um sie her vorgeht. Seine feinen Sinne schützen ihn auch während solcher Träumerei vor etwaigen Überraschungen. Ich habe mich an dem Gefangenen, den ich pflegte, wiederholt überzeugt, daß gerade der Sinn des Gehörs auch dann in voller Tätigkeit war, wenn der Luchs im tiefsten Schlafe zu liegen schien. Das leiseste Rascheln verursachte bei ihm ein Drehen und Wenden nach der verdächtigen Gegend, und die geschlossenen Augen öffneten sich augenblicklich, wenn das Geräusch stärker wurde. Am tiefsten scheint er in den Früh- und Mittagsstunden zu schlafen: nachmittags reckt er sich gern, wenn ihm dies möglich ist, im Strahle der Sonne, legt sich dabei auch, falls er es haben kann, stundenlang auf den Rücken wie ein fauler Hund. Bei eintretender Dämmerung wird er munter und lebendig. Während des Tages schien er zur Bildsäule erstarrt zu sein, mit Einbruch des Abends bekommt er Leben und Bewegung, erst in der Nacht aber macht er sich zur Jagd auf, bleibt jedoch, laut Nolcken, häufig stehen, um zu sichern, wie eine Katze, wenn sie über einen freien Platz will, der ihr unsicher erscheint. Soviel als möglich hält er dabei seinen Wechsel ein. Im Winter scheint er dies, nach den Angaben Frauenfelds, Nolckens und Raddes, regelmäßig, und zwar in der Weise zu tun, daß er stets auf das genaueste in seine Spur wieder eintritt. Ein Verwechseln seiner Fährte mit der eines andern Tieres kann wohl nur dem Unkundigsten geschehen; denn die Spur ist, nach Nolcken, sehr groß, im Einklang mit den unverhältnismäßig starken Pranken größer als die eines starken Wolfes, auffallend rund und, weil der Abdruck der Nägel fehlt, vorn stumpf, der Schritt verhältnismäßig kurz. So bildet die Spur eine Perlenschnur, die jeder, der sie einmal gesehen, leicht wieder erkennen muß. Beim Wechseln nun tritt der Luchs auf dem Hin- und Rückwege in die Spur ein, ja es tun dies in der Regel mehrere, die gemeinschaftlich zur Jagd ausgehen. Frauenfeld, der wie bemerkt, einmal vier Luchse spürte, sagt hierüber folgendes: »Bei der ersten Entdeckung der Spur dieser Tiere waren nur zwei Fährten sichtbar, so daß wir anfangs auch bloß zwei Luchse beisammen vermuteten, ja, später zeigte sich gar nur eine einzige Spur, in der sie alle vier einer in des andern Fußtapfen traten. Auf einer Wiese im Walde, wo sie nach Raub ausgespäht zu haben schienen, ehe sie auf dieselbe heraustraten, zeigte sich die Spur von dreien, und erst auf einer lichten Stelle im Walde, wo sie ein Reh überraschten, fanden wir, natürlich mit immer größerem Erstaunen, daß ihrer vier beisammen waren; denn erst dort hatten sie sich alle getrennt, und der eine, unzweifelhaft der vorderste, hatte dieses Reh in zwei gewaltigen Sprüngen erreicht. Unmittelbar nach dem übrigens verunglückten Jagdversuche waren die Luchse mit schwach geschränkten Schritten wieder ruhig und nach einer kurzen Strecke abermals in einer einzigen Spur fortgezogen.« Bei weiterem Abspüren am nächsten Tage fand Frauenfeld, daß die vier Luchse nicht nur ganz denselben Weg, sondern auch, wenige schwierige Stellen abgerechnet, in der nämlichen Fährte zurückgekehrt waren, die sie auf dem Herwege gebildet hatten, »so daß, nachdem sie alle vier hin und zurück, also achtmal, die Stelle berührt hatten, doch auf lange Strecken nur eine einzige Spur sichtbar war. In bezug auf diese besondere Eigentümlichkeit erinnere ich mich einer Erzählung, daß in dem Reviere der dortigen Gegend der betreffende Jäger im Winter eine Luchsfährte da antraf, wo mehrere Wildwechsel mit Prügelfallen vorgerichtet waren, und daß diese Spur gerade einer solchen zuführte. Der Luchs lag richtig tot in der Falle. Zu seinem größten Erstaunen aber bemerkte der Jäger, daß die Fährte darüber weg sich noch weiter spürte. Er folgte dieser mit erhöhter Teilnahme und fand, daß in einer nicht weit davon entfernten zweiten Falle noch ein anderer Luchs sich gefangen hatte. Beide waren daher vielleicht vereint, vielleicht unabhängig voneinander, so genau einer in des andern Spur getreten, daß der Jäger nicht im entferntesten diese zwei Tiere vermutet hätte, wenn nicht der Fang beider ihn auf die überraschendste Weise überzeugt hätte.«

Die eigentümliche Gestalt des Luchses läßt jede seiner Bewegungen auffallend, im gewissen Sinne sogar plump erscheinen. Man ist gewöhnt, in der Katze ein niedrig gebautes, langgeschwänztes Säugetier zu sehen und Bewegungen wahrzunehmen, die den kurzen Läufen entsprechen, d. h. die gleichmäßig, nicht ungestüm, weich und deshalb wenig bemerklich sind. Beim Luchse ist dies anders. Er tritt scheinbar derb auf und schreitet im Vergleiche zu andern Katzen merklich weit aus. Fehlt ihm nun aber auch die Anmut seiner Verwandten, so steht er diesen an Gewandtheit durchaus nicht nach und übertrifft sie, obgleich er keineswegs zu den ausgezeichnetsten Läufern zählt, doch in der Schnelligkeit und Ausdauer seiner Bewegungen. Was er leisten kann, sieht man bei frisch gefallenem Schnee am deutlichsten, da wo er auf eine Beute gesprungen ist. In dem ziemlich ausführlichen Jagdberichte, der gelegentlich der Erlegung des letzten Harzer Luchses veröffentlicht wurde, heißt es: »Am merkwürdigsten erschien der in der Nacht auf den 17. März erfolgte Fang eines Hasen, der durch die hintere Spur vollkommen deutlich wurde. Der Hase hatte am Rande einer jungen Tannendichtung, die an eine große Blöße stieß, gesessen. Der Luchs war in dem Dickicht, wahrscheinlich unter Wind, an ihn herangeschlichen; der Hase aber mußte solches noch zu früh bemerkt haben und war möglichst flüchtig über die Blöße dahingerannt. Demungeachtet hatte ihn der Luchs ereilt, und zwar durch neun ungeheure Sprünge von durchschnittlich je dreizehn Fuß Weite. Das Raubtier hatte also sein Wild förmlich gehetzt und diesem, wie aus der Fährte ersichtlich, alles Hakenschlagen, sein gewöhnliches Rettungsmittel, nichts genützt. Man fand nur die Hinterteile des armen Lampe noch vor«. Auch Frauenfeld erfuhr aus eigener Anschauung, welch ungeheure Sprünge der Luchs machen kann. »Ein Hase, auf den die vier erwähnten Luchse stießen, mußte von einem derselben schon weit wahrgenommen worden sein; denn wohl an hundert Schritte sah man keine einzelnen Tritte, sondern es war nur eine breite, gezogene Furche sichtbar, die der vorderste, vielleicht vorausgeeilte, beim tiefgedrückten Schleichen im Schnee gebildet haben mochte. Zwischen ihm und dem Hasen war ein mehr als meterhohes Gehege, und noch beiläufig zwölf Schritte von diesem Hage entfernt, wagte er den Sprung darüber hinweg nach dem Hasen, den er jedoch nicht erreichte, da sein Sprung, obwohl gut zwanzig Schritte weit, beinahe eine Klafter zu kurz war.« Daß der Luchs mit mehreren Sprüngen ein Wild verfolgt, ist übrigens eine große Ausnahme: bei beiden Raubanfällen, die Frauenfeld abspürte, war der Räuber seiner Beute nicht weiter gefolgt, sondern unmittelbar nach verunglücktem Sprunge ruhig, als wäre nichts geschehen, weitergegangen. Auch Nolcken, dem es mehrmals vergönnt war, Stellen zu finden, wo der Luchs geraubt hatte, und von wo aus er auf seine Beute angesprungen war, beobachtete nie, daß jener mehr als drei oder vier weite Sätze gemacht hätte, und bemerkt ausdrücklich, daß der Luchs seine entgangene Beute niemals verfolge.

Nach den gegebenen Mitteilungen kann man sich von der Jagd des Luchses ein ziemlich richtiges Bild machen. Möglichst gut sich deckend, jeden hierzu dienenden Gegenstand benutzend und alles Geräusch vermeidend, schleicht er, unter Umständen tief gebückt, an sein Wild heran, springt mit einem oder mit mehreren gewaltigen Sätzen auf dasselbe zu, faßt glücklichenfalls die Beute, sich einbeißend, im Genicke, schlägt seine Krallen tief ein, hält sich so fest und beißt nun mit seinen scharfen Zähnen die Schlagadern des Halses durch. Bis das Tier verendet, bleibt er auf ihm sitzen; ja man kennt ein Beispiel, daß ein solcher furchtbarer Reiter wider seinen Willen mit seinem Reittiere und Schlachtopfer weitergetragen worden ist, als ihm lieb war. Eine norwegische Zeitung berichtete, daß eines Tages eine Herde Ziegen mitten am Tage aus dem benachbarten Walde in höchster Eile nach dem Gute zugelaufen kamen. Ein Tier der Herde trug auf seinem Rücken einen jungen Luchs, der seine Klauen so tief und fest in den Hals der Ziege eingeschlagen hatte, daß er nicht wieder loskommen konnte. Die Ziege rannte in der Angst hin und her, bis es den inzwischen hinzugekommenen Söhnen des Gutsbesitzers gelang, das Raubtier zu erschießen, ohne die Ziege zu verletzen.

Als Beutestück scheint dem Luchs jedes Tier zu gelten, das er irgendwie bewältigen zu können glaubt. Vom kleinsten Säugetier oder Vogel an bis zum Reh und Elch oder Auerhahn und Trappen hinauf ist schwerlich ein lebendes Wesen vor ihm gesichert. Größeres Wild zieht er kleinerem entschieden vor; mit Mäusefangen z. B. scheint er sich nicht zu befassen: Nolcken wenigstens hat aus seiner einförmigen, geschnürten Spur nie ersehen können, daß er sich mit Mausen abgegeben hätte. Demungeachtet glaube ich, daß auch ein Mäuschen, das seinen Weg kreuzt, ihm nicht entgeht. Um die Gewandtheit der Luchse zu erproben, habe ich den von mir gepflegten wiederholt lebende Sperlinge, Ratten und Mäuse vorgeworfen, in keinem Falle aber beobachtet, daß eines dieser Tiere rasch genug gewesen wäre, der Klaue des Räubers zu entschlüpfen. Der fliegende Sperling wird mit ebenso großer Sicherheit aus der Luft geholt, wie die im Bewußtsein der Gefahr eiligst dem Käfiggitter zuflüchtende Ratte gefangen. Der Luchs stürzt sich mit einem einzigen Satze auf die Beute und schlägt höchst selten mehr als einmal nach ihr. Gewöhnlich hängt sie nach dem Schlage fest, ist im Nu auch mit den Zähnen gepackt und einige Augenblicke später bereits eine Leiche. Nunmehr beginnt das Spiel mit der Beute nach Katzenart. Die Ratte oder der Vogel wird vergnügt betrachtet, sorgfältig berochen und mit einer Pranke hin- und hergeworfen. Im Verlaufe des Spielens führt der Luchs dabei verschiedene Sprünge und Sätze aus, wie man sie sonst nicht von ihm bemerkt, schnuppert behaglich und wedelt fortwährend mit dem kurzen Schwanzstummel, der auch bei ihm seine Gefühle ausdrücken hilft. An das Fressen denkt er erst später, selbst in dem Falle, daß er sehr hungrig ist.

In dem an Hochwild armen, an Niederwild reichen Norden verursacht der Luchs verhältnismäßig wenig Schaden; in gemäßigten Landstrichen dagegen macht er sich dem Jäger wie dem Hirten gleich verhaßt, weil er nicht allein weit mehr erwürgt als er zur Nahrung braucht, sondern auch von einer Beute nur das Blut aufleckt und die leckersten Bissen frißt, das übrige aber liegen läßt, Wölfen oder Füchsen zur Beute. Hier kehrt er höchst selten zum Luder zurück, während er, laut Nolcken, in dem wildarmen Livland dieses sehr gern annimmt und sogar derartig darauf versessen ist, daß er sich für einige Zeit in der Nähe desselben festlegt und die Jagd so ziemlich an den Nagel zu hängen scheint. Auch dem Viehbestande fügt er in Livland wenig Schaden zu, wobei freilich zu berücksichtigen, daß alles Vieh vor Abend hereingetrieben und ihm somit keine Gelegenheit geboten wird, aus zahmen Herden Beute zu gewinnen. Ganz anders macht er in wild- und herdenreichen Gegenden sich bemerklich. In den Schweizer Alpen lauert er, laut Schinz, Dachsen, Murmeltieren, Hasen, Kaninchen und Mäusen auf, schleicht den Rehen in den Waldungen, den Gemsen auf den Alpen nach, berückt Auer-, Birk-, Hasel- und Schneehühner und fällt räuberisch unter die Schaf-, Ziegen- und Kälberherden. Der beste Rehstand wird von einem Luchs, der dem rächenden Blei des Jägers geraume Zeit sich zu entziehen weiß, vernichtet, die zahlreichste Schaf- und Ziegenherde mehr als gezehntelt. Jener Luchs, der vom Förster Wimmer im Liechtensteinschen Forste bei Rosenbach gefangen wurde, hatte sich hauptsächlich von Rehen und Schneehasen ernährt, aber auch die Gemsen sehr beunruhigt und in einer Nacht einmal sieben Schafe zerrissen, so daß man zuerst nicht auf ihn, sondern auf den Bären Verdacht warf, bis der weidgerechte Jäger an der Art des Risses ihn erkannte. Einmal riß er acht Schafe, ohne das geringste von ihnen zu fressen. Solche Fälle stehen keineswegs vereinzelt da. Nach Bechstein tötete ein Luchs in einer Nacht dreißig Schafe, nach Schinz ein anderer in geringer Zeit deren dreißig bis vierzig Stück, nach Tschudi ein dritter, der im Sommer des Jahres 1814 in den Gebirgen des Suntales sein Unwesen trieb, mehr als hundertundsechzig Schafe und Ziegen. Kein Wunder daher, daß Jäger und Hirt gleichmäßig bemüht sind, eines Luchses baldmöglichst habhaft zu werden.

Über die Fortpflanzung unseres Raubtieres fehlt noch genügende Kunde. Im Januar und Februar sollen die Geschlechter sich zusammenfinden, mehrere Luchskater oft unter lautem Geschrei um die Luchskatze kämpfen und diese zehn Wochen nach der Paarung in einer tief verborgenen Höhle, einem erweiteten Dachs- oder Fuchsbau unter einem überhängenden Felsen, einer passenden Baumwurzel und an ähnlichen versteckten Orten zwei, höchstens drei Junge bringen, die eine Zeitlang blind liegen, später mit Mäusen und kleinen Vögeln ernährt, sodann von der Alten im Fange unterrichtet und für ihr späteres Räuberleben gebührend vorbereitet werden. So ungefähr steht es in Jagdbüchern und Naturgeschichten; nirgends aber finde ich eine Angabe von einem glaubwürdigen Augenzeugen. Selbst diejenigen Beobachter, die alljährlich mit dem Luchse zusammenkommen, bekennen ihre Unkunde hinsichtlich der Fortpflanzung.

Gefangene Tiere dieser Art zählen unbedingt zu den anziehendsten aller Katzen. Gelangen sie in den Besitz eines Pflegers, ohne in ihrer Jugend eine sorgfältige Erziehung genossen zu haben, so zeigen sie sich zwar nicht immer von ihrer liebenswürdigsten Seite, verfehlen aber nie, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ich habe wiederholt Luchse gepflegt und einmal auch die beiden nächstverwandten Arten, unseren und den kanadischen Luchs, zusammen gehalten, mehrere andere in verschiedenen Tiergärten beobachtet und kann somit aus eigener Erfahrung sprechen. »Sie erscheinen«, so habe ich mich in meinen ›Tieren des Waldes‹ ausgedrückt, »im Vergleiche zu ihren Familiengenossen mürrisch, eigensinnig und faul, liegen, einem in Erz gegossenen Bilde vergleichbar, fast bewegungslos halbe Tage lang auf demselben Aste und beweisen nur durch Zusammenrüpfen der Lippen, durch Bewegen der Lauscher und Lichter und endlich durch Wedeln und Stelzen der Lunte, daß der Geist an der Ruhe des Leibes nicht teilnimmt, sondern ohne Unterlaß beschäftigt ist.« Jede Handlung führen sie mit würdigem Ernste, verständiger Überlegung und eiserner Ruhe aus. Niemals denken sie daran, wie die übrigen Katzen, gierig nach einer Beute zu schauen oder zu springen, fassen vielmehr das ihnen vorgeworfene Fleischstück ruhig und fest ins Auge, nähern sich langsam, greifen blitzschnell zu, wedeln dabei rasch und kräftig mit der stummelhaften Lunte und fressen scheinbar ebenso mäßig und gelassen, wie ein wohlerzogener Mensch, nicht mehr und nicht weniger, als sie bedürfen, dem Übrigbleibenden verächtlich den Rücken kehrend. Ganz anders ist ihr Gebaren, wenn sie ein lebendes Tier an sich vorübergehen sehen. Jeder an ihrem Käfige vorüberschleichende Hund, jeder vorüberfliegende Vogel, ja selbst jede dahinhuschende Maus erregt ihre Aufmerksamkeit aufs höchste. Die Augen heften sich augenblicklich auf die durch das feine Gehör erspähte Stelle, von der ein leises Rascheln wahrnehmbar war; sie nehmen eine malerische Stellung an und gewähren ein Bild des achtsamen Raubtieres, wie man ein schöneres kaum sich denken kann. Entfernt sich ein großes Beutestück von ihnen, so wird die Ungeduld ihrer Herr, und sie führen dann wie andere gefangene große Katzen die zierlichsten und gewandtesten Sätze aus, drehen und wenden sich in ihrem Käfige mit bewundernswürdiger Schnelligkeit, springen übereinander weg, ohne daß man die geringste Anstrengung bemerkt, nehmen von neuem eine lauernde Stellung an usw. Jetzt sind sie ganz und vollständig bei der Sache und lassen sich durch den Beobachter dicht vor ihrem Käfige nicht im geringsten stören. All ihr Sinnen und Trachten beschäftigt sich ausschließlich mit dem verlockenden Wilde.

Zum Kummer aller Tiergärtner zählen sie nicht zu den Katzenarten, die sich gut in Gefangenschaft halten, verlangen vielmehr die allersorgfältigste Pflege. Rauhe Witterung ficht sie allerdings wenig an, vorausgesetzt, daß sie einen allzeit trockenen Lagerplatz haben und vor dem Zuge geschützt sind; dagegen stellen sie weit höhere Ansprüche an die Nahrung als andere Katzen ihrer Größe, nehmen nur das beste Fleisch und verlangen einen Wechsel in dem ihnen dargereichten Futter, sollen sie dauernd sich wohl befinden. Auch bei sehr sorgsamer Behandlung erliegen sie oft plötzlichen Krankheiten, von denen man durch ihr verändertes Betragen vielleicht erst wenige Stunden vorher Kunde bekam, und gelten deshalb bei allen erfahrenen Tiergärtnern als höchst empfindliche und hinfällige Tiere. Ganz das Gegenteil scheint der Fall zu sein, wenn dem gefangenen Luchse größere Freiheit gewährt werden kann. Wir verdanken Loewis einen ausgezeichneten, ebenso anziehend geschriebenen als lehrreichen Bericht über eine von ihm gefangen gehaltene Luchskatze. »Namentlich dreierlei«, sagt unser Gewährsmann, »ist es, was ich mir als einer Erwähnung wert zu erachten erlaube: zuvörderst, daß der herrschenden Annahme zuwider auch ein katzenartiges Tier wie der Luchs in bezug auf geistige Befähigung eine hervorragende Stellung unter den Raubsäugetieren einzunehmen berechtigt ist; zweitens, daß die Gesundheit eines gefangenen, an menschliche Behandlung gewöhnten Luchses nicht, wie man allgemein anzunehmen leider so oft gezwungen wurde, immer zart und schwer zu erhalten ist, und endlich, daß es keinen größeren Feind für die Hauskatzen gibt als den Luchs, was vielleicht das Nichtvorkommen des Luchses und der Wildkatze in gleichen Jagdgebieten und Bezirken erklärlich machen dürfte.

Wenige Monate genügten, meinem jungen Luchse seinen Namen Lucy genau unterscheiden zu lehren. Unter vielen Hundenamen, die auf der Jagd von mir genannt wurden, fand er den seinen stets heraus und leistete mit musterhaftem Gehorsam dem Aufrufe Folge. Seine Abrichtung war ohne alle Mühe eine so feine geworden, daß er in der wildesten, leidenschaftlichsten, aber verbotenen Jagd nach Hasen, Geflügel oder Schafen innehielt, falls mein drohender Zuruf ihn erreichte, beschämt sich zu Boden warf und nach Art der Hunde Gnade für Recht erwartete. Die Bedeutung des Flintenschusses für Befriedigung seines Appetits lernte er rasch kennen. War er zu weit fort, um die rufende Stimme zu hören, so genügte das Knallen des Gewehres, ihn in angestrengter Eile herbeizuführen. Besonders wesentlich für Anerkennung seines Denkvermögens war mir auch die Art seiner tatkräftigen Jagd nach Hasen und Tauben, deren Fleisch als Kenner er gar wohl zu würdigen wußte.

Lucy machte freiwillig, sogar mit Liebhaberei, mir auf dem Fuße folgend, alle Herbstjagden mit. Stand ein armer Hase vor uns auf, oder gelangte sonst ein von der Meute verfolgter in die Nähe, so begann die hitzigste Jagd; und trotz seiner unbeschreiblichen Aufregung bei solcher Gelegenheit behielt er stets soviel Überlegung bei, um das Verhältnis seiner Geschwindigkeit und Ausdauer zu der des Hasen, scheinbar wenigstens, zutreffend abzuschätzen. Denn nur, wenn letzterer ihm entschieden überlegen war, folgte er der so oft beschriebenen, den Katzenarten eigentümlichen, abweichenden Weise des Jagens, die bekanntlich in nur wenigen, aber gewaltigen Sprungsätzen besteht. Waren aber die Kräfte gleichartig, dann jagte er durch Dick und Dünn, über Zäune und Hecken fort, wie ein Windhund dem Wilde folgend, und das Ergebnis war sodann oftmals ein günstiges. Nachdem er häufig bei mordlustigen Sprüngen nach am Boden sitzenden Tauben leer ausgegangen war, änderte er wohlweislich den Angriffsplan und sprang nicht mehr dem Sitzplatze des beflügelten Zieles zu, sondern fing nunmehr, durch einen tüchtigen Satz sich in die Höhe werfend, mit richtig eintreffender Berechnung die Taube auf ihrem luftigen Fluchtwege mit scharfen Krallen ab.

Gewöhnlich spricht man den Katzen die Fähigkeit und Eigentümlichkeit ab, an bestimmte Personen sich zu gewöhnen, von denselben Befehle anzunehmen, ihnen Gehorsam zu zollen. Mit welchem Rechte solches von der Hauskatze gilt, kommt hier nicht in Betracht; daß aber der Luchs dem Menschen gegenüber anders sich verhält, hat der von mir bezeichnete, jung aufgezogene genügend dargetan. Er hörte nur auf meines Bruders oder meine Stimme und bewies Zurückhaltung und Achtung auch nur uns gegenüber. Fuhren wir beide auf einen Tag in die Nachbarschaft, so konnte niemand Lucy bändigen; dann wehe jedem unbedachten Huhne, jeder sorglosen Ente oder Gans! Beim Dunkelwerden kletterte er auf das Dach des Wohnhauses, wo er, an einen Schornstein gelehnt, seine Ruhe hielt. Rollte spät abends oder in der Nacht der Wagen vor die Haustreppe, so war das Tier in einigen Sätzen vom Hausdache hinab auf das der Treppe gesprungen; rief ich nun seinen Namen, so schwang sich das anhängliche Geschöpf eilig an den Säulen hinab und flog in weiten Bogensätzen mir an die Brust, seine starken Vorderbeine um meinen Hals schlagend, laut schnurrend, mit dem Kopfe nach Art der Katzen an mich stoßend und reibend, und folgte uns sodann in die Stube, um auf dem Sofa, dem Bette oder am Ofen sein Nachtlager aufzuschlagen. Mehrere Male teilte er mit uns das Lager und verursachte einmal seinem Herrn, quer über dessen Hals liegend, beunruhigende Träume und Alpdrücken.

Einst mußten mein Bruder und ich eine ganze Woche abwesend sein. Der Luchs ward unterdessen menschenscheu, suchte uns laut schreiend mit großer Unruhe und wählte, schon am zweiten Tage auswandernd, einen nahe gelegenen Birkenwald zu seinem Aufenthalte, ohne Nahrung aus der Küche zu erhalten. Nur des Nachts kehrte er noch auf seinen gewohnten Platz am Schornsteine des Hauses zurück. Seine Freude bei unserer nächtlichen Rückkehr nach so langer Trennung kannte keine Grenzen. Wie ein Blitz flog er vom Dache hernieder an meinen Hals, bald meinen Bruder, bald mich mit seinen innigen Liebkosungen fast erdrückend. Von Stunde an kehrte er zu seiner gewohnten Lebensweise zurück und gab abends wieder, hinter dem Rücken meiner uns vorlesenden Mutter, auf dem Sofa lang ausgestreckt, gemütlich schnurrend, gähnend oder tüchtig schnarchend, allen Gästen ein seltenes, äußerst fesselndes Schauspiel ab.

Sein Ehr- und Schamgefühl war ebenfalls nicht unbedeutend entwickelt. Aus den Fenstern des Gutsgebäudes beobachtete ich eine eigentümliche, das Gesagte dartuende Szene. Der große Teich war im November mit einer Eisdecke belegt, nur in der Mitte war für die Gänseherde ein Loch ausgehauen worden und von der schnatternden Schar dicht besetzt. Mein Luchs erblickte dies mit lüsternen Augen. Platt auf die Eisdecke gedrückt, schiebt er sich nur rutschend weiter heran, mit seinem Schwänzchen vor Begierde hastig hin- und herwedelnd. Die wachsamen Nachkommen der Kapitolserretter werden unruhig und recken die Hälse bei der drohend nahenden Gefahr. Jetzt duckt sich unser Jagdliebhaber, und wie ein Schleudergeschoß fliegt mit gespreizten Pranken im Bogen mitten in die erschreckte Sippe der grimme Feind, nicht ahnend, auf welch trügerischem Elemente die heißersehnte Beute ruht. Statt mit jeder Tatze eine Gans zu erfassen, klatscht der Luchs ins kühle Naß; denn alles Federvieh war rasch zum Loche hinausgesprungen oder geschwind untergetaucht. Jetzt gab ich die auf dem spiegelhellen Eise verwirrten Gänse als verloren auf; aber statt nun leicht Herr über die armen Vögel zu werden, schlich triefend, mit gesenktem Kopfe, Scham in jeder Bewegung zeigend, nicht rechts und links schauend, mitten durch die Wehrlosen der Luchs sich fort und verbarg sich auf viele Stunden an einem einsamen Platze. Hunger, Jagdlust und angeborene Blutgier konnten die Beschämung über den verfehlten Angriff nicht unterdrücken.

Bei der diesem Luchse stets gewährten freien Bewegung war er immer munter, ausdauernd und zum Spielen aufgelegt. Durchaus Feinschmecker, nahm er gern nur frisches Schlachtfleisch, Wildbret und Geflügel entgegen. Ob auch unregelmäßig genug gefüttert wurde, da auf dem Lande frisches Fleisch zuweilen mangelt, und er nach Tagen, deren Ordnung oft Hunger und Prügel für lose Streiche war, nicht immer Leckerbissen erhielt, so war seine Gesundheit dennoch dermaßen in gutem Stande, daß, als er einst im Winter stark gesalzenes, gebratenes Schweinefleisch reichlich genossen, die Nacht darauf bei 10 bis 12 Grad Kälte auf dem Dache geschlafen und dadurch einen sehr heftigen, bei gefangenen Wildtieren sonst tötlich wirkenden Darmkatarrh sich zugezogen hatte, er ohne alle Arzneien in kurzer Zeit wieder hergestellt war, ohne später je Folgen dieser gefährlichen Krankheitserscheinung zu verspüren.

Der eigentümlichste Zug an Lucy war der glühende Haß gegen die verwandte Hauskatze. Bis Wintersanfang waren alle Katzen auf dem Pantenschen Gehöfte ausgerottet. Mit gräßlicher Wut wurden sie zerfleischt. Eine einzige, sehr beliebte Katze blieb, von den Hofleuten in der Gesindeherberge sorgfältig geschützt, längere Zeit unversehrt. Der Luchs durfte nie dorthin, und die Katze wurde nie herausgelassen. Eines Tages bemerkte ich Lucy unweit des Hauses auf einem großen Haufen von Findlingsblöcken zusammengekauert liegen. Kein Rufen, kein Locken konnte das sonst so gehorsame, gern gesellige Tier entfernen. Mit einer Geduld und Ausdauer, die man an dem stets unruhigen, beweglichen Geschöpfe sonst nicht wahrgenommen, verharrte dasselbe auf seinem Posten. Schon fürchtete ich ein Unwohlsein, da auch ein schwacher, sonst sehr gemiedener Regen den Luchs nicht zur Veränderung seiner Stellung brachte, und legte mich auf das Beobachten, als er Plötzlich nach stundenlangem Lauern wie ein Blitz herniederfuhr. Ich hörte ein entsetzliches Geschrei, und hinzueilend, fand ich die letzte der verhaßten Katzen zerrissen, unter des Luchses furchtbaren Krallen zuckend. Ob er den Feind unter den Steinen gewittert oder denselben hatte hineinkriechen sehen, konnte ich leider nicht in Erfahrung bringen. Nur einmal wagte ich es, Lucy zu einem Besuche auf ein benachbartes Gut mitzunehmen. Wir waren kaum eine Stunde dort, so meldete schon der Diener, daß die weißbunte Katze soeben vom Luchse erwürgt worden sei. Auch auf Bauernhöfen war immer sein erstes Geschäft das Aufsuchen und Töten der Katzen, die instinktiv einen ärgeren Abscheu und größere Furcht vor ihm als vor dem bissigsten Jagdhunde zeigten, dem sie niemals ohne heftige Gegenwehr unterlagen, während der Luchs mit allerdings größerer Gewandtheit widerstandslos ohne Unterschied des Geschlechtes und der Größe alle Katzen augenblicklich zerriß«

Nicht allein des großen Schadens halber, den der Luchs in wohlgepflegten Wildgehegen oder auf herdenreichen Alpen anrichtet, sondern auch um des Vergnügens willen, den solches Weidwerk jedem zünftigen Jäger bereitet, wird der Luchs aller Orten, wo er vorkommt, eifrigst gejagt. Wenn man in den Schweizeralpen einen Luchs spürt, bietet man, laut Tschudi, alles auf, des gefährlichen Räubers habhaft zu werden: doch finden regelmäßige Luchsjagden bei der Seltenheit des Raubtieres nicht statt, und in der Regel ist es der glückliche Zufall, der dem Schützen die Beute liefert. Anders verhält es sich in zugänglicheren, leichter jagdbaren Gegenden, insbesondere im Norden, wo allwinterlich regelmäßig Luchsjagden angestellt werden. Man erbeutet das Raubtier auf vielerlei Weise: durch gestellte, gut geköderte Eisen, vermittels der Reize, auf Treibjagden und mit Hilfe der Koppelhunde. Mit dem Stellen von Eisen ist es ein mißliches Ding! denn der Luchs streift, so sicher er auch einen paffenden Wechsel einhält, im ganzen doch zu weit umher, als daß man auf sicheren Erfolg rechnen könnte, vermeidet auch oft, wie der im fürstlich Liechtensteinschen Reviere Rosenbach hausende allen Jägern zum Überdrusse bewies, Fallen sehr vorsichtig, nimmt sogar den Köder vom Eisen weg, ohne sich zu fangen, bis er es im günstigen Falle doch einmal versieht. Gefangen verfällt er in beispiellose Wut, ja in förmliche Raserei. »Diejenigen«, sagt Kobell, »die lebende Luchse im Schlageisen getroffen haben, sind oft Zeuge ihrer Wildheit gewesen, besonders wenn das Eisen nur eine Vorderpranke gefaßt hatte. Kam der Jäger dazu, so zog der Luchs, rückwärtskriechend, das Eisen, das immer mittels einer Kette an einem starken Baume oder einer Latschenwurzel befestigt ist, mit sich, soweit er konnte und richtete, furchtbar grinsend, seine wütenden Blicke auf den Herannahenden. Glaubte er, den Feind erhaschen zu können, so versuchte er es, wenn er dessen noch fähig, mit einem so gewaltigem Satze, daß es greulich zu schauen war. Meist hatte er sich die Krallen an einer freien Pranke von der gewaltigen Anstrengung, sich zu befreien, ausgerissen und die Fänge gebrochen. Der Luchs ist ein scheues und vorsichtiges Raubtier, besitzt aber in hohem Grade jene besonnene Geistesgegenwart, die allen Katzenarten eigen zu sein scheint. Er meidet den Menschen, fürchtet jedoch keinen Lärm. Daher kommt es, daß er sein Lager häufig hart an einem viel befahrenen Wege aufschlägt. Man kann daher, wenn man nur vermeidet in die Dickung einzudringen, alle lichten Teile getrost abschneiden, denn man macht ihn durch solche Kleinigkeiten gewiß nicht rege. Aber man muß über eine große Menge Treiber verfügen, sonst nimmt das Versteckenspielen kein Ende, und wen man nicht zu Gesicht bekommt, ist der Luchs. Selbstverständlich hängt dies von der Örtlichkeit ab. Befinden sich Dickungen im Rücken der Schützen, hängen dieselben vollends durch einen mehr oder weniger breiten Streifen, in dem dann unfehlbar der Wechsel zu suchen ist, mit dem Dickicht des Treibens zusammen, so ist Hoffnung da. Ist letzteres dagegen inselartig von lichtem Walde umgeben oder gar von Flächen umschlossen, so ist meist alle Mühe vergebens. Der Luchs läßt die Treibwehr sehr nahe heran, merkt sich die Zwischenräume und bleibt häufig ruhig liegen. Muß er aber heraus, so eilt er durchaus nicht schnurstracks davon, sondern überlegt, horcht, vermeidet den einzelnen Treiber, duckt sich in einen der Zwischenräume und läßt die Treiber vorbei. Man muß daher nach mißlungenem Treiben mit bereitgehaltenem Schlitten so rasch als möglich wieder kreisen; denn der Luchs geht am Tage nicht weit und kann gekreist und getrieben werden, solange es hell ist. Ein zweiter oder dritter Trieb bietet manchmal mehr Aussicht als der erste, indem der Luchs seine Notschlupfwinkel leichter verläßt als seine Lagerplätze. Die Schützen müssen besonders aufmerksam sein, wenn die Treibwehr schon beinahe durch ist; denn kommt der Luchs, so erscheint er meist so spät als möglich. Er kommt im Dickicht fast immer im Schritt, katzenartig geschlichen, gewöhnlich unhörbar und schlägt sehr leicht und blitzschnell um. Bemerkt er den Jäger, oder hat er sonst Mißtrauen, so springt er so unvermutet und blitzschnell über den Schußraum, daß man nicht zum Schusse kommt, geht dann aber bald darauf, wenn er den gefährlichen Übergang bewerkstelligt hat, meist wieder langsamer und minder vorsichtig seines Weges fort. Die Jagd mit dem Koppelhunde ist anziehender und sicherer als die Treibjagd. Der dazu notwendige Hund muß ein guter, möglichst starker und rascher Hasenhund sein: besitzt er noch dazu die Eigenschaft, dazwischen still zu jagen, so erfüllt er alle zur Luchsjagd nötigen Bedingungen. Hauptsache ist jedoch die Schnelligkeit; denn mit einem langsamen Schnüffler ist nicht viel zu machen. Ein guter Hund, der einige Male den Luchs gejagt hat, wird so fest, daß er sich durch keine Hasenspur mehr stören läßt. Hat man nun einen Luchs gekreist, so besetzt man die mutmaßlichen Wechsel mit Schützen, läßt den Hund an der Leine bis zum Lager führen und dort frei jagen. Es kann sodann der Luchs dem Schützen auf dem Wechsel vor den Lauf kommen, sich irgendwo dem Hunde stellen oder zu Baum gehen, und in beiden letzteren Fällen dem Jäger verhältnismäßig leicht zur Beute werden, da ihn der heisere, wütende Standlaut des Hundes verrät. Bei strenger Kälte oder wenn der Schnee sehr trocken ist, jagt übrigens der Hund schlecht und verliert häufig die Spur. Doch auch bei günstigen Verhältnissen geht die Jagd nicht immer gleich gut. Der Luchs versteht sich auf Haken, Widergänge und Absprünge, läuft auf den Stämmen halb umgestürzter Bäume dahin, die ganze Länge des Baumes durchmessend und schließlich mit gewaltigem Satze seitwärts in die Büsche sich schlagend, und wendet noch unzählige andere Kunststückchen an, um den Hund zu täuschen. Einem langsamen Rüden gegenüber gelingt dies in den meisten Fällen, auch wenn er selbst nicht eben rasch ausschreitet. Letzteres tut er überhaupt nur, wenn ihm ein rascher Hund auf den Fersen ist und ihn sehr beschäftigt; denn vor einem langsamen beeilt er sich durchaus nicht: ist er sich doch seiner überlegenen Kraft und seiner furchtbaren Waffen wohl bewußt und vermeidet den Hund eigentlich nur um des lieben Friedens willen. Bloß vor einem raschen Hunde entschließt er sich in der Regel, die Dickungen zu verlassen. Hört man den Hund Standlaut geben, so beeilt man sich, birscht sich aber vorsichtig an ihn an, um ihn nicht zu verscheuchen, falls er sich aus den Boden gestellt haben sollte. Hat er gebäumt, so fängt man vor allem den Hund ein und schießt erst dann, um den Hund zu verhindern, den vielleicht noch nicht ganz toten Feind anzupacken und sich größerer Gefahr auszusetzen.« Nolcken rät, immer nur mit einem Hunde zu jagen, weil dieser allein schwerlich dazu sich entschließen wird, den Luchs anzupacken, eine Meute hingegen das Raubtier angreift und gewöhnlich empfindlichen Verlust erleidet. Wie einer der Bediensteten des genannten trefflichen Jägers beobachtete, wirft sich der Luchs bei Verteidigung gegen die Hunde auf den Rücken und gebraucht dann alle vier Pranken mit staunenswerter Sicherheit und oft verhängnisvollem Erfolge.

In der Regel vermeidet der Luchs es ängstlich, mit dem Menschen näher sich einzulassen: verwundet oder in die Enge getrieben aber greift er denselben tapfer oder verzweiflungsvoll an und wird dann zu einem keineswegs zu verachtenden Gegner. Ein Hirt in Galizien wurde durch den Angstschrei seines Viehes aufmerksam gemacht und sah, daß ein ihm unbekanntes Raubtier in die Herde geraten und aus deren Mitte ein Schaf sich ausgesucht hatte. Nur mit einem Knittel bewaffnet, stürzte er auf den Räuber los, wähnend, es sei ein feiger Wolf, wie er solchem schon oft den Schädel mit dem Knüppel gestreichelt. Diesmal aber gings nicht so. Als das Raubtier den Hirten herankommen sah, ließ es rasch das Schaf zur Erde fallen, nahm den Mann mit einigen Sätzen an und umfaßte ihn so unsanft mit den Vorderkrallen beim Oberleibe, daß der Hirt, der seinen Irrtum hinsichtlich des Wolfes erkannt hatte, laut um Hilfe zu rufen begann. Einige in der Nähe beschäftigte Arbeiter eilten herbei und hieben sofort mit Knüppeln auf den Räuber los, bis dieser endlich von seinem Opfer sich trennte und halb tot zu Boden sank, wo ihm einige Dutzend Hiebe den Garaus machten.«

Der Balg des Luchses gehört zu dem schönsten und teuersten Pelzwerke, obwohl die Haare spröde sind und nach längerem Gebrauche springen. Die Luchse des östlichen Sibiriens kommen, laut Radde, ausschließlich in den chinesischen Handel und werden von den mongolischen Grenzvölkern besonders begehrt. Man tauschte noch vor etwa zwanzig Jahren bei den Grenzwachen am Onon vorzüglich die hellen Felle vorteilhaft ein und trieb ihren Wert bis auf 25 und 30 Rubel Silber oder 60 bis 70 Ziegel Tee. Rote Luchse sind billiger, werden aber immer noch mit 4 bis 7 Rubel Silber bezahlt. Nach Aussage der Dauren kaufen nur die hohen chinesischen Beamten derartige Felle.

Luchsfleisch galt und gilt überall als schmackhaftes Wildbret. Ende des sechzehnten Jahrhunderts sandte Graf Georg Ernst von Henneberg, laut Landau, zwei von seinen Jägern erlegte Luchskatzen nach Kassel an Landgraf Wilhelm. »Als tun wir Euer Liebden«, schreibt er, »dieselbigen wohl verwahrt und in dem Verhoffen, daß sie Euer Liebden nach Gelegenheit dieser noch währenden Winterszeit frisch zugebracht werden können, überschicken. Freundlich bittend, daß Euer Liebden wolle solche für lieb und gut annehmen und deroselben neben Ihrer Gemahlin und junger Herrschaft in Fröhlichkeit und guter Gesundheit genießen und wohlschmecken lassen.« »Auch in Livland«, schreibt mir Oskar von Loewis, »wird das Luchsfleisch von vielen Leuten, nicht nur der arbeitenden Klassen, sondern auch der besseren Stände, gern gegessen und sogar geschätzt. Es ist zart und hellfarbig, dem besten Kalbfleische ähnlich und hat keinen unangenehmen Wildbeigeschmack, läßt sich vielmehr etwa mit dem der Auerhühner vergleichen.«

Im Süden Europas wird der Luchs durch einen etwas schwächeren Verwandten, den Pardelluchs (Lynx pardinus) vertreten. Die Grundfärbung ist ein ziemlich lebhaftes Rotbräunlichfahl; die Zeichnung besteht aus schwarzen Streifen und Fleckenreihen; die einzelnen Haare sehen an der Wurzel grau, in der Mitte rostbräunlich und an der Spitze blaßfahlgelb, die der schwarzen Flecken und Streifen an der Wurzel dunkelgrau, an der Spitze mattschwarz aus. Hinsichtlich der Gesamtfärbung und Zeichnung ähnelt der Pardelluchs dem Serwal mehr als unserem Luchse. Das Verbreitungsgebiet des Pardelluchses soll sich über den ganzen Süden Europas erstrecken, also alle drei südlichen Halbinseln in sich begreifen. Besonders häufig tritt unser Tier, der Lince oder »Lobo cerval« der Spanier, auf der Pyrenäischen Halbinsel auf. »Hier«, schreibt mir mein Bruder, »findet er sich überall, wo es zusammenhängende Waldungen gibt, am liebsten da, wo Rosmarin oder immergrünes Eichengebüsch als Unterwuchs Dickichte bildet, in denen er möglichst ungesehen und ungehört seiner Jagd nachgehen kann. In seinem Auftreten scheint der Pardelluchs ein treues Spiegelbild seines nordischen Verwandten zu sein. Wie dieser, weiß er ausgezeichnet sich zu verbergen und bei der geringsten Gefahr so sorgfältig gedeckt fortzustehlen, daß ein ungeübter Beobachter oder Jäger ihn selten oder nicht zu sehen bekommt. Die günstigen Umstände, unter denen er lebt, gestatten es ihm, auch in nächster Nähe des Menschen sein Wesen zu treiben. Seine hauptsächlichste Nahrung besteht nämlich in wilden Kaninchen, an denen Spanien bekanntlich reicher ist als irgend ein anderes Land Europas. So lange er Kaninchen hat, findet er es am bequemsten, diesen nachzugehen und um andere Beute sich nicht zu kümmern. Hat er ein Gebiet ausgeraubt, so begibt er sich in ein anderes, wie daraus hervorgeht, daß er regelmäßig da sich einzustellen pflegt, wo man Kaninchen hegt und auch bald dort einfindet, wo man diese Tiere aussetzt, um ein Revier mit ihnen zu bevölkern.

Anfang März wirft die Padelluchsin drei bis vier Junge, gewöhnlich in einer schwer zugänglichen, tiefen Felsspalte. Wird dieses Lager von einem Menschen entdeckt oder auch nur die Nähe desselben beunruhigt, so trägt die Mutter die Jungen nach einem andern verborgenen Orte. Jäger, die junge Luchse aufgefunden, aber aus Furcht, mit der Alten in Berührung zu kommen, sich nicht getraut hatten, sie sogleich mitzunehmen, und später in Gemeinschaft anderer Schützen nach dem Platze zurückkehrten, fanden, wie sie mir selbst erzählten, das Nest leer. Die selbständig und raubfähig gewordenen Jungen bleiben jedenfalls bis zum nächsten Herbste in Gemeinschaft der Mutter und trennen sich von ihr wahrscheinlich erst bei der nächsten Ranzzeit.

Die meisten Pardelluchse werden auf Treibjagden geschossen, einzelne auch gelegentlich auf der Jagd nach Kaninchen, andere, und zwar meist mit sehr gutem Erfolg, indem man sie reizt. Dies geschieht mittels einer Pfeife, die den Schrei des Kaninchens täuschend nachahmt. Der Jäger begibt sich in ein Kaninchengehege, in dem er den Luchs vermutet, wählt sich hier eine felsige oder dicht mit Büschen bestandene Stelle und nimmt die Zeit wahr, in der die Landleute Siesta halten, es also auf weithin möglichst ruhig ist. Hinter Steinen oder im Gebüsch wohlverborgen, läßt er jetzt in Zwischenräumen sein Pfeifchen ertönen, wenn sich ein Luchs in der Nähe befindet, selten vergeblich. Denn schon nach der ersten Reizung erhebt sich das Raubtier von seinem Lager und kommt, Lauscher und Seher in beständiger Bewegung, lautlos herbeigeschlichen, in der Absicht, das vermeintliche Wild zu erbeuten. Das Fleisch gilt in ganz Spanien als großer Leckerbissen und zwar keineswegs unter dem gemeinen Volke allein, sondern auch unter Gebildeten, ist von blendend weißer Farbe und soll dem Kalbfleische ähnlich schmecken.«

 

Eine weitere Art der Gruppe ist der Polarluchs oder Pischu (Lynx canadensis), eines der wichtigeren Pelztiere Amerikas, unter den dortigen Luchsen der größte. Ein vollkommen ausgewachsenes Männchen erreicht eine Gesamtlänge von 1,15 Meter, wovon etwa 13 Zentimeter auf den Schwanz gerechnet werden müssen, bei einer Schulterhöhe von etwa 55 Zentimetern, steht also unserm Luchse etwas nach. Der Pelz ist länger und dicker als bei dem europäischen Verwandten, der Bart wie die Ohrpinsel mehr entwickelt, das einzelne Haar weich und an der Spitze anders gefärbt als am Grunde. Ein bräunliches Silbergrau ist die vorherrschende Färbung, die Fleckenzeichnung macht auf dem Rücken fast gar nicht, an den Seiten nur wenig sich bemerklich. Im Sommer spielt die Färbung mehr ins Rötliche, im Winter mehr ins Silberweiße. Das Verbreitungsgebiet des Polarfuchses erstreckt sich über den Norden Amerikas, nach Süden hin bis zu den großen Seen, nach Osten hin bis zu dem Felsengebirge. Waldige Gegenden bilden seine Wohngebiete. Im allgemeinen stimmt seine Lebensweise mit der unseres Luchses überein. Der Polarfuchs ist neben dem ebenfalls in Amerika heimischen Rotluchs (Lynx rufus) die nützlichste Wildkatze, weil sein Fell vielfache Verwendung findet.

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Auf die Luchse lassen wir ein eigentümliches Bindeglied zwischen Katzen und Hunden, die Jagdleoparden oder Gepards folgen. Katzenartig ist noch der Kopf, katzenartig der lange Schwanz, hundeartig aber der ganze übrige Körper, hundeartig zumal erscheinen die langen Beine, deren Pfoten nur noch halbe Pranken genannt werden können. Noch ist hier die ganze Einrichtung zum Einziehen und Hervorschnellen der Klauen vorhanden, aber die betreffenden Muskeln sind so schwach und kraftlos, daß die Krallen fast immer hervorragen und deshalb wie bei den Hunden durch Abnutzung gestumpft werden. Das Gebiß gleicht im wesentlichen dem anderer Katzen, die Eckzähne aber sind ähnlich wie die der Hunde zusammengedrückt. Dieser Zwischenstellung entspricht das geistige Wesen unserer Tiere: ihr Gesichtsausdruck ist noch katzenähnlich; aber die Hundegemütlichkeit spricht schon aus den Augen hervor, die Sanftmut und Gutmütigkeit beurkunden. Einige Forscher unterscheiden zwei, einige sogar drei Arten und zwar den Tschita oder asiatischen Gepard (Cynailurus jubatus), den Fahhad oder afrikanischen Jagdleopard (Cynailurus guttatus) und den Tüpfelgepard (Cynailurus Soemmeringii). Lebensweise, Sitten und Betragen aller Arten oder Spielarten sind im wesentlichen dieselben.

Der Tschita findet sich im ganzen südwestlichen Asien und ist, wie Färbung und Gestalt anzeigen, ein echtes Steppentier, das seinen Unterhalt weniger durch seine Kraft, als durch seine Behendigkeit sich erwerben muß. Die Nahrung der Jagdleoparden besteht hauptsächlich in den mittelgroßen und kleineren Wiederkäuern, die in seinem Gebiete leben, und ihrer weiß er sich mit vielem Geschick zu bemächtigen. Seine Schnelligkeit und Ausdauer sind nicht eben groß, und eine von ihm verfolgte Antilope würde ihn schon nach kurzem Laufe weit hinter ihren Fersen zurücklassen, gebrauchte der Tschita nicht Schlauheit und List, um zu seiner Beute zu gelangen. Sobald er ein Rudel weidender Antilopen oder Hirsche bemerkt, drückt er sich auf die Erde und kriecht schlangengleich, leise, aber behende auf dem Boden hin, um sich vor den wachsamen Augen des Wildes zu verbergen. Dabei berücksichtigt er alle Eigentümlichkeiten des letzteren und kommt z. B. niemals über dem Winde angeschlichen, liegt auch still und regungslos, sobald das Leittier des Rudels seinen Kopf erhebt, um zu sichern. So stiehlt er sich bis auf etwa zwanzig Meter heran, schlägt es mit den Tatzen nieder und faßt es dann im Genick. Nach kurzem Widerstande, wobei er jedoch immerhin mehrere hundert Schritte, mit fortgeschleppt werden kann, hat er sein Opfer bewältigt und trinkt gierig das rauchende Blut.

Solche angeborene List und Jagdfähigkeit mußte den achtsamen Bewohnern seiner Heimat auffallen und sie zu dem Versuche reizen, die Jagdkunst des Tieres für sich zu benutzen. Durch einfache Abrichtung ist der Jagdleopard zu einem trefflichen Jagdtiere geworden, das in seiner Art dem besten Edelfalken kaum nachsteht. Behufs solcher Jagd wird der Gepard behaubt und auf einen sehr leichten zweiräderigen Karren gesetzt, wie sie dem Lande eigentümlich sind; einzelne Jäger nehmen ihn wohl auch hinter sich aufs Pferd. Man zieht nach den Wildplätzen hinaus und sucht einem Rudel Wild soviel als möglich sich zu nähern. Wie überall läßt auch das scheueste asiatische Wild einen Karren weit näher an sich herankommen als gehende Leute. Deshalb kann man mit dem Gepard bis auf zwei- oder dreihundert Schritte an das Rudel heranfahren. Sobald die Jäger nahe genug sind, enthauben sie den Tschita und machen ihn durch sehr ausdrucksvolle Winke und leise Aufmunterungen auf seine Beute aufmerksam.

Kaum hat das vortreffliche Tier diese ersehen, so erwacht in ihm das ganze Jagdfeuer, und all seine natürliche List und Schlauheit gelangt zur Geltung. Zierlich, ungesehen und ungehört schlüpft er von dem Wagen, schleicht in der angegebenen Weise vorsichtig an das Rudel heran und reißt ein Stück von ihm zu Boden. Ein Augenzeuge schildert eine solche Jagd mit folgenden Worten:

»Kurz bevor wir unser Jagdgebiet berührten, meldete uns der Kameltreiber (denn deren bedient man sich gewöhnlich zum Aufsuchen des Wildes und zum Vorbereiten der Jagdlust), daß eine halbe Meile von unserm Stande eine Herde Gazellen weide, und wir beschlossen sogleich, sie mit unsern Gepards zu verfolgen. Jeder derselben befand sich auf einem offenen, mit zwei Ochsen bespannten Karren ohne Leitern, und jeder hatte ein Gefolge von zwei Männern. Die Gepards waren mit einem Halfter an ein leichtes Halsband oben auf den Karren gebunden und wurden von den Beileuten noch an einem Riemen gehalten, der um die Lenden ging. Eine lederne Kappe bedeckte ihnen die Augen. Da die Gazellen außerordentlich scheu sind, so ist die beste Weise, an sie zu kommen, wenn der Treiber an der langen Seite des Jagdwagens sitzt, und man baut auch darum letztere so wie die Karren der Bauern, weil an deren Anblick die Tiere gewöhnt sind, so daß man sich ihnen auf hundert bis auf zweihundert Schritte nähern kann. Diesmal hatten wir drei Gepards bei uns und rückten auf die Stelle, wo die Gazellen gesehen worden waren, in einer Linie vor, in der jeder einhundert Schritte vom andern entfernt blieb. Als wir eben in ein Baumwollenfeld kamen, erblickten wir vier Gazellen, und mein Kutscher bemühte sich, bis auf hundert Schritte an sie zu kommen. Schnell wurden dem Gepard die Kappe und die Fesseln abgenommen, und kaum erblickte er das Wild, als er sich nach der entgegengesetzten Richtung mit dem Bauche zur Erde gedrückt, äußerst langsam und schmiegsam, hinter jedem im Wege liegenden Hindernisse verbergend, fortschlich; sobald er indessen vermutete, bemerkt zu werden, beflügelte er seine Schritte und war nach einigen Sätzen plötzlich mitten unter den Tieren. Er faßte ein Weibchen und rannte, nachdem er dieses gepackt, gegen zweihundert Schritte weit, gab ihm dann einen Schlag mit der Tatze, wälzte es um, und in einem Augenblicke trank er das Blut aus der geöffneten Kehle. Einer der andern Gepards war zu derselben Zeit losgelassen worden; nachdem er aber vier bis fünf verzweifelte Sprünge gemacht hatte, mit denen er die Beute verfehlte, gab er die Verfolgung auf, kehrte knurrend zurück und setzte sich wieder auf den Karren. Als jenes Tier überwältigt worden war, lief einer vom Gefolge hin, setzte dem Gepard seine Kappe auf und schnitt der Gazelle die Kehle ab, sammelte Blut in ein hölzernes Gefäß und hielt es dem Gepard unter die Nase. Die Gazelle wurde fortgeschleppt und in ein Behältnis unter dem Wagen gebracht, während dem Gepard durch ein Bein des Tieres sein Wildrecht gegeben wurde.«

Ich besaß einen Gepard, der so zahm war, daß ich ihn wie einen Hund am Stricke herumführen und es dreist wagen durfte, mit ihm in den Straßen zu lustwandeln. Wie gemütlich und liebenswürdig mein Jack war, mag aus Folgendem hervorgehen. Einige deutsche Damen, die sich gerade in Alexandrien befanden, waren gekommen, um meine Tiersammlung anzusehen, hatten mich aber nicht zu Hause gefunden und somit ihrem Wunsche auch nicht genügen können. Ich versprach ihnen, wenigstens einige von meinen Tieren zu ihnen zu bringen, und führte diesen Scherz auch wirklich einmal aus, als ich erfahren hatte, daß die Damen just zusammen waren. Ich konnte mich auf Jack vollständig verlassen und durfte schon etwas wagen. Ihn an der Leine hinter mir fortführend, betrat ich also das betreffende Haus, beschwichtigte die entsetzten Diener, die mich mit dem fürchterlichen Raubtiere hatten kommen sehen und Lärm schlagen wollten, und stieg nun ruhig nach dem zweiten Stockwerke des Hauses empor. An dem rechten Zimmer angelangt, öffnete ich die Tür zur Hälfte und bat um Erlaubnis, eintreten, zugleich aber auch meinen Hund mitbringen zu dürfen. Dies wurde mir zugestanden, und Jack trat gemächlich ein. Ein lauter Aufschrei begrüßte den Harmlosen und setzte ihn in höchste Verwunderung. Die geängstigten Frauen suchten sich so gut wie möglich zu retten und sprangen in ihrer Verzweiflung auf einen großen, runden Tisch, der mitten im Zimmer stand. Dies aber diente bloß dazu, Jack zu dem gleichen aufzufordern, und ehe sich die Armen besannen, stand er mitten unter ihnen, spann höchst gemütlich und schmiegte sich traulich bald an diese, bald an jene an. Da war denn freilich die Furcht bald überwunden. Die beherzteste Frau begann den hübschen Burschen zu liebkosen, und bald folgten alle übrigen ihrem Beispiele. Jack wurde der erklärte Liebling und schien nicht wenig stolz zu sein auf die ihm gewordene Auszeichnung.

In unseren Tiergärten und Tierbuden hält sich der Gepard selten längere Zeit. Er stellt an die Nahrung zwar nicht höhere Ansprüche, ist aber zarter und hinfälliger als Familienverwandte gleicher Größe. Bei rauher Witterung leidet er sehr, in einem kleinen Käfige nicht minder. Wärme und die Möglichkeit, sich frei zu bewegen, sind Bedingungen für sein Wohlbefinden, die in gedachten Anstalten nicht erfüllt werden können. So verkümmert er unter den ihm so ungünstigen Verhältnissen meist in kurzer Zeit.

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Pollens und Schlegels Untersuchungen ergaben, daß ein bisher unter dem Namen Beutelfrett in der Familie der Schleichkatzen eingereihtes Tier zu den Katzen zählt, aber als ein Bindeglied zwischen diesen und den Schleichkatzen angesehen werden darf. Die Fossa der Malgaschen oder Frettkatze, wie wir sie nennen können (Cryptoprocta ferox), erreicht eine Gesamtlänge von 1,5 Meter, wovon der Schwanz 68 Zentimeter wegnimmt, ist aber sehr niedrig gestellt, da die Beine nur 15 Zentimeter Höhe haben. Der aus kurzen, aber dichtstehenden, etwas derben, auf dem Kopfe und an den Füßen wie abgeschoren erscheinenden Haaren bestehende Pelz hat rötlichgelbe Färbung, dunkelt aber auf der Oberseite, weil hier die einzelnen Haare braun und blaßgelb geringelt sind; die Ohren tragen innen und außen hellere Haare; die Schnurren sind teils schwarz, teils weiß gefärbt; der Augenstern, der graugrünlichgelb aussieht, ähnelt dem der Hauskatze. Das Vaterland der Frettkatze ist die Insel Madagaskar. Nach Angabe der Malgaschen lebt die Fossa außer der Paarzeit einzeln in den Waldungen, besucht, um Hühner zu stehlen, fleißig die Gehöfte, und zeichnet sich durch ebensoviel Kraft wie Blutgier aus. Ein von Pollen getötetes Männchen, »ein Mörder ersten Ranges«, hatte in kurzer Frist einen Truthahn, drei Gänse und etwa zwanzig Hühner weggeschleppt.

Die Jagd ist nicht besonders schwierig. Pollen wurde, als er einigen malgaschischen Jägern seine Absicht, eine Fossa zu erlegen, kundgegeben hatte, von diesen vor Aufgang des Mondes nach einem Dickichte in der Nähe des kurz vorher beraubten Dorfes geführt, und die Fossa mit Hilfe eines Hahnes, den man durch Anziehen einer ihm an das Bein gebundenen Schnur zum Krähen oder Gackern zu bewegen wußte, aus seinem Verstecke herbeigelockt. Nach Verlauf einer halben Stunde, die der Hahn durch sein Geschrei ausfüllte, vernahm man von fern ein Knurren nach Art des Hundes, und sah bald darauf zwei Schattengestalten durch das Gras huschen oder gleiten. Etwas näher gekommen, blieben die Raubtiere unbeweglich stehen, um zu sichern, so daß sich Pollen entschließen mußte, seinerseits an sie heranzuschleichen, um zu Schusse zu kommen. Das Fleisch der Fossa wird von den Eingeborenen gegessen und wegen seiner Schmackhaftigkeit besonders geschätzt.

siehe Bildunterschrift

Gepard ( Cynailurus jubatus)

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