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Brehms Tierleben. Lurche. Band 23: Froschlurche - Schwanzlurche - Blindwühlen

Alfred Brehm: Brehms Tierleben. Lurche. Band 23: Froschlurche - Schwanzlurche - Blindwühlen - Kapitel 2
Quellenangabe
typereport
authorAlfred Brehm
titleBrehms Tierleben. Lurche. Band 23: Froschlurche - Schwanzlurche - Blindwühlen
publisherGutenberg-Verlag
seriesBrehms Tierleben
volumeBand 23
editorAdolf Meyer
year1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140122
projectidbe76125f
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Ein Blick auf das Leben der Gesamtheit.

Eine tiefe Kluft trennt die bisher geschilderten Wirbeltiere von den noch zu beschreibenden. Jene atmen in allen Lebenszuständen durch Lungen, der weitaus größte Teil von diesen bis zu einem gewissen Alter durch Kiemen. In der Klasse, mit der wir uns beschäftigen werden, findet dementsprechend fast stets eine Verwandlung statt, wie solche bei den niederen wirbellosen Tieren sehr allgemein ist, d. h. die Angehörigen unserer Klasse haben, wenn sie das Ei verlassen, noch nicht den Bau und die Leibeseinrichtung ihrer Eltern, sondern erhalten beide erst später, infolge eines Überganges aus dem Zustande der Larven in den der Erwachsenen.

Die Lurche nähern sich den Fischen in noch höherem Grade als die Kriechtiere, die man gewöhnlich mit ihnen in einer und derselben Klasse zusammenfaßt, ihrerseits sich den Vögeln. Ihr Jugendleben ist das eines Fisches, und erst mit den reiferen Jahren wird es ihnen möglich, »beidlebig« zu sein, obwohl sie, zum mindesten die größte Mehrzahl von ihnen, niemals vom Wasser sich gänzlich entfernen oder freimachen können.

Ihre Gestalt ändert vielfach und bedeutend ab, indem, wie Karl Vogt sagt, »einerseits gänzlicher Mangel an Gliedmaßen oder höchst verkümmerte Entwicklung derselben mit drehrunder Wurmform, andererseits, bei stark entwickelten Gehwerkzeugen breite, abgeplattete Körpergestalt, die sich der Scheibenform nähert, vorhanden ist. Bei den auf dem Lande lebenden gliedmaßenlosen Blindwühlen gleicht der ganze Körper, der nur Leib und durchaus schwanzlos ist, vollkommen einem Regenwurme, während bei den im Wasser lebenden Aalmolchen bei langstreckiger Aalform doch ein seitlich zusammengedrückter Schwanz, oft mit einer senkrechten Hautfalte als Schwimmflosse versehen, die Schwimmbewegung vermittelt. Hierzu gesellen sich nun allmählich die Füße in allen Stufen der Ausbildung, anfänglich durchaus unfähig, den Körper zu stützen, und nur mit kleinen Kümmerzehen in geringer Anzahl ausgerüstet. Zuweilen sind nur die Vorderfüße vorhanden, die als unbedeutende Stummelchen am Halse hängen, in anderen Fällen nur die Hinterfüße. Je mehr sich die Füße entwickeln, desto mehr schiebt sich der Körper zusammen und plattet sich zugleich ab. Bei den froschartigen Tieren schwindet der Schwanz im erwachsenen Alter vollständig, so daß keine Spur mehr davon vorhanden ist. Die Hinterfüße bekommen bei diesen Tieren ein gewaltiges Übergewicht über die kleinen, kurzstämmigen, meist einwärts gedrehten Vorderfüße, die gewöhnlich nur vier Zehen haben, während die hinteren meist deren fünf besitzen. Die Bewegung auf dem Lande geschieht meistens nur sprungweise, indem die kräftigen Hinterschenkel den Körper oft auf ziemlich bedeutende Strecken hin durch plötzliche Spannung fortschnellen.«

Mit vollstem Rechte stellte man, solange Kriechtiere und Lurche als Angehörige einer und derselben Klasse angesehen wurden, letztere jenen als »nackte Kriechtiere« gegenüber. In der Tat finden sich nur bei sehr wenigen Lurchen Spuren oder Andeutungen von Horngebilden, wie solche allgemein den Leib der Kriechtiere und ebenso der Vögel und Säugetiere bekleiden oder, als Klauen und Nägel, die Füße bewaffnen. Verknöcherungen kommen nur bei wenigen Krötenarten vor. Bei den Fröschen und Molchen ist die Haut schlüpfrig, weich, meist sackartig weit, aus elastischen Sehnenfasern gewebt und ziemlich dünn, so daß bei denen, bei denen sie fest an dem Körper liegt, die Muskeln durchschimmern. Eine farblose, aus Pflasterzellen gebildete Oberhaut, in der oft verschiedene Farbstoffe von grüner, blauer, gelber oder brauner Farbe abgelagert sind, deckt die Lederhaut. Bei vielen der nackten, froschartigen Tiere finden sich in der Haut besondere Drüsenbälge, die einen scharfen, mehr oder minder nach Knoblauch riechenden Milchsaft absondern. Gewöhnlich sind diese Drüsen, wie z.B. bei den Kröten und Salamandern, über den ganzen Körper zerstreut, oft aber noch besonders dichte Anhäufungen zu beiden Seiten des dicken Halses angebracht, die man Ohrdrüsen genannt hat.

Die nackte Haut und ihre Drüsen sind von außerordentlicher Bedeutung für das Leben der Lurche. Sie gehen zugrunde, wenn jener Tätigkeit gestört wird. So viel bekannt, trinkt kein einziger von ihnen in üblicher Weise, sondern nimmt alles Wasser, das er zum Leben bedarf, einzig und allein durch die Haut in sich auf. Letztere saugt Feuchtigkeit ein und schwitzt solche aus. Ein Frosch, den man im trockenen Raume hält, wird magerer und schwächer, und seine Kraft und Munterkeit stellt sich erst wieder her, wenn man ihm gestattet, ein Bad zu nehmen. Bei warmem Sonnenscheine sieht man die Frösche allerdings auch, und mit demselben Behagen wie die Kriechtiere, am Ufer sitzen, jedoch nur in unmittelbarer Nähe des Wassers, in das sie zurückkehren, sobald es ihnen nötig erscheint. Alle Lurche, die den größeren Teil ihres Lebens auf trockenem Lande verbringen, wagen sich aus dem gegen die Sonnenstrahlen geschützten Schlupfwinkel erst dann hervor, wenn die Nacht Feuchtigkeit bringt oder doch wenigstens vor der austrocknenden Wärme bewahrt. Townson beobachtete, daß Frösche, denen man das Wasser entzog, binnen wenigen Tagen eingingen, dagegen länger am Leben blieben, wenn sie sich in Sägespäne verkriechen konnten, und sich wohl befanden, wenn man gedachte Sägespäne mit Wasser besprengte. Legte man einen nassen Lappen neben sie, so brachten sie ihren Körper, soviel sie nur konnten, damit in Berührung. Wie bedeutend die Wassermenge ist, die sie durch die Haut in sich aufnehmen, kann man durch leicht anzustellende Versuche ohne Schwierigkeit erfahren. Wiegt man einen, ich will sagen ausgedorrten Frosch, und umwickelt man ihn dann mit einem nassen Tuche derartig, daß der Mund frei bleibt, so bemerkt man sehr bald eine Zunahme des Gewichtes. Ein ausgedörrter Laubfrosch, den Townson untersuchte, wog fünfundneunzig Gran, nachdem er aber mit Wasser in Berührung gebracht wurde, schon eine Stunde später siebenundsechzig Gran mehr. In einer verschlossenen Schachtel können Frösche bei feuchter, nicht über zehn bis zwölf Grad warmer Luft einzig und allein durch die Tätigkeit ihrer Haut zwanzig bis vierzig Tage leben, auch wenn man alle Verbindung zwischen der Luft und den Lungen aufhebt. Läßt man ihnen hingegen nur durch die Lungen Feuchtigkeit zukommen, so sterben sie bei trockener Witterung nach wenigen Tagen, beraubt man sie ihrer Haut, schon nach wenigen Stunden. Fast ebenso groß wie die Einsaugungsfähigkeit der Haut ist deren Ausdünstung. Das Gewicht eines Lurches, den man trockener Wärme aussetzt, nimmt außerordentlich schnell ab, und zwar in gleichmäßigem Verhältnisse mit der Wärme selbst. Im luftleeren Raume ist die Ausdünstung beträchtlich, und die Lurche sterben hier deshalb schneller als im luftleeren Wasser; wird jedoch die Hautausdünstung gehemmt, beispielsweise, wenn man den Leib mit einem dichten Firnisse überzieht, so können sie auch länger am Leben bleiben. Ein eigentümliches Organ, das man fälschlich Urinblase nennt, scheint geradezu als Wasserspeicher zu dienen.

Neben reinem Wasser schwitzt die Haut auch unter derselben erzeugten Schleim in größerer oder geringerer Menge aus. Bei Kröten und Salamandern ist diese Absonderung, den zahlreichen Drüsen entsprechend, bedeutender als bei allen übrigen Lurchen, kann auch durch Hautreize noch besonders vermehrt werden. Setzt man z. B. einen Salamander oder eine Kröte auf glühende Kohlen, so sondert sich dieser Schleim in größerer Menge ab: daher die uralte, grundlose Sage, daß der Salamander im Feuer aushalten könne. Wie es scheint, ist der Lurch imstande, die Hautabsonderung willkürlich zu vermehren, sie also vielleicht als ein Schutzmittel gegen seine Feinde zu verwerten; denn dieser Saft, höchstwahrscheinlich nichts anderes als Buttersäure, hat nicht bloß starken Geruch, sondern auch bedeutende Schärfe, welch letztere Kröten und Salamander in den Ruf der Giftigkeit gebracht hat. Als eigentliches Gift nun ist der Schleim wohl nicht anzusehen; trotzdem verursacht er auf der empfindlichen Oberhaut Schmerzen, auf der Zunge beißendes Brennen. Davy, der den Saft der Kröte untersuchte, bemerkt, daß er auf der Zunge ungefähr die Wirkung des Eisenhutauszuges hervorbringe, im Wasser und Wein unauflöslich sei, im Salmiak seine Schärfe beibehalte und Salpetersäure rot färbe. Nach den von Gratiolet und Chloez angestellten Versuchen soll der Drüsensaft der Kröten kleine Vögel, denen er eingeimpft wird, bald töten und selbst in dem Falle noch wirken, wenn er vor dem Einimpfen getrocknet wurde. Auch Röbbeler hat gefunden, daß der Schleim tödlich wirkt, wenn er jungen Hündchen, Meerschweinchen, Fröschen und Wassersalamandern durch Einschnitte ins Blut übergeführt wird, ebenso, daß der Saft der Wasser- und Erdsalamander, in gleicher Weise der Kröte beigebracht, dieser verderblich wird. Pallas erzählt, daß er einen Mops besessen habe, der es nicht lassen konnte, Kröten totzubeißen, aber geschwollene Lippen bekam, krank ward und starb. Diesen Bemerkungen fügt Lenz eigene Beobachtungen hinzu, die jene Angaben zu bestätigen scheinen. »Daß man zarten Stubenvögeln keinen Sand geben dürfe, der mit der von Kröten ausgehenden Feuchtigkeit in Berührung gekommen, weiß ich aus folgender Tatsache: Im Jahre 1859 ließ ich frischen Sand für meine Kanarienvögel holen, tat einen Teil davon in einen Topf, die Hauptmasse aber in einen Schuppen und legte eine Brettertür zum Schutze gegen Verunreinigung darauf. Im Winter und Sommer bekamen die Vögel öfter frischen Sand aus dem Topfe und befanden sich wohl dabei. Im Sommer 1860 siedelte sich eine ungeheure Kröte unter der Brettertüre an, kam jeden Abend hervor, wartete vor dem Brette eine Zeitlang und kroch dann über Nacht im Hofe und Garten umher. Da ich ihr oft abends vor ihrer Klause einen freundlichen Besuch abstattete, wurde sie bald ganz zutraulich. Im Herbste war der Sand des Topfes vertan. Ich hob nun das Brett auf und fand unter ihm die von der Kröte gemachte Höhlung und die Kröte selbst. Der Sand war nicht, wie ich erwartet, ganz trocken, sondern von einer Feuchtigkeit durchzogen, die wohl von der Bewohnerin ausging. Die von ihr gemachten Höhlungen durchzogen nur die Oberfläche; um sicherzugehen, hob ich mit einer Schaufel den oberen Sand fünfzehn Zentimeter hoch ab, nahm von dem in der Tiefe befindlichen und gab davon drei gesunden Kanarienvögeln. Sie fraßen davon: der eine starb am selbigen Tage, die zwei anderen, denen ich den Sand schnell wegnahm, in den nächsten Wochen.« Ich glaube nicht, daß die vorstehend mitgeteilten Versuche die Giftigkeit des Hautsaftes der Lurche so unbedingt beweisen, als es zu sein scheint, will jedoch die Schärfe des gedachten Saftes und gewisse Wirkungen desselben auf die Lebenstätigkeit kleinerer Tiere nicht in Abrede stellen.

Keinem einzelnen Lurche fehlen die drei höheren Sinneswerkzeuge, obwohl die Augen bei einzelnen in hohem Grade verkümmert und unter einer undurchsichtigen Haut versteckt sind. Das entwickeltste Auge besitzen die Froschlurche: es ist groß, sehr beweglich, wird gewöhnlich von zwei Augenlidern bedeckt, deren unteres das größere, dünnere und durchsichtigere ist, und zeigt außerdem meist im inneren Hautwinkel die Nickhaut als einfache, kleine, unbewegliche Hautfalte. Das Gehörwerkzeug ändert noch mehr ab als das Auge. Bei den Schwanzlurchen ist nur das Labyrinth vorhanden, bei den Froschlurchen eine Paukenhöhle mit Trommelfell und kurzer, eustachischer Trompete. Das Labyrinth selbst besteht aus drei halbzirkeligen Röhren und einem Sacke, der mit kleinen Kalkkristallen erfüllt ist, und hat eine eiförmige Öffnung, die bald durch einen Deckel, bald durch eine dünne Haut, bald durch Muskeln und Haut bedeckt wird. Die Nase öffnet sich in zwei durch eine Scheidewand voneinander getrennte Höhlen vorne an der Schnauzenspitze und ebenso in der Mundhöhle am Gaumengewölbe: ein Merkmal, das in der Regel hinreicht, um alle Lurche von den Fischen zu unterscheiden, obgleich auch bei diesen ausnahmsweise dasselbe gemerkt wird. Bei vielen Lurchen kann der Eingang der Nasenhöhle durch klappenartige Häute verschlossen werden. Die Zunge, die jedoch kaum als Werkzeug des Geschmackes angesehen werden darf, fehlt bloß bei einer Familie, ist sonst gewöhnlich entwickelt, insbesondere sehr breit, und füllt den Raum zwischen beiden Kieferästen vollständig aus, besitzt auch regelmäßig ziemliche Beweglichkeit, unterscheidet sich aber hierin von der Zunge höherer Wirbeltiere dadurch, daß sie nicht hinten, sondern vorn angeheftet ist und also mit ihrem hinteren Ende aus dem Munde hervorgeschleudert werden kann; nur bei einigen Molchen ist sie auf dem Boden der Mundhöhle angewachsen. Einige Lurche sind zahnlos, die meisten aber tragen im Oberkiefer und auf dem Gaumenbeine Zähne, andere solche auf den Oberkiefern und den Gaumenbeinen in zwei vollkommenen Bogen. Die Zähne sind immer kleine, einfache, spitzige, nach hinten gekrümmte Haken, auch durchaus von untergeordneter Bedeutung für das Leben der Tiere.

Höchst bedeutsam für das Leben der Lurche sind die Werkzeuge des Blutumlaufes und der Atmung. Das Herz weicht wenig von dem der Kriechtiere ab; es besteht aus zwei, jedoch nicht immer vollständig getrennten, dünnhäutigen Vorkammern und einer einfachen, dickwandigen Herzkammer, die das Blut in die Schlagadern treibt. Letztere verändern sich während der Verwandlung, die alle Lurche zu durchleben haben, bedeutend und mit ihnen gleichzeitig auch die Lungen, die während der Jugend durch Kiemen ersetzt wurden, bei einzelnen überhaupt erst sehr spät zur Wirksamkeit gelangen.

Eine eigentliche Begattung und Befruchtung der Eier im Leibe der Mutter kommt nur bei den Schwanzlurchen vor. Die Regel ist, daß bei den Lurchen die Eier, wie bei den Fischen, erst befruchtet werden, nachdem sie den Leib der Mutter verlassen haben. Äußerlich sichtbare oder überhaupt entwickelte Begattungswerkzeuge fehlen allgemein, und die Befruchtung der Eier geschieht daher gewöhnlich, also nicht in allen Fällen, im Wasser, währt sehr lange Zeit und läßt die brünstigen Tiere die Außenwelt oft gänzlich vergessen. Die Eier selbst werden bloß ausnahmsweise von den Eltern mit einer gewissen Fürsorge behandelt, in der Regel dagegen dem Wasser und der Sonne überlassen.

Gegenwärtig beleben die Lurche alle Erdteile und verbreiten sich, mit Ausnahme des nördlichsten Teiles der Erde, über alle Gürtel. Wärme und Wasser sind, und zwar in noch höherem Grade als bei anderen Klassen, die Bedingung zu ihrem Leben und Gedeihen. Ihre Abhängigkeit vom Wasser ist so groß, daß sie ohne dasselbe nicht gedacht werden können, da sie, mit wenigen Ausnahmen, ihre erste Jugend hier verleben müssen. Die zweite Lebensbedingung, Wärme, erklärt es, daß sich ihre Anzahl gegen den Gleicher hin außerordentlich steigert, so daß man fast sagen kann, die Wendekreisländer seien ihre eigentliche Heimat. Immer aber wählen sie sich nur die süßen Gewässer zu ihrem Aufenthalte oder zur Erziehungsstätte ihrer Nachkommenschaft und vermeiden, soviel bis jetzt bekannt, das Meer oder salzige Gewässer überhaupt. Ein beträchtlicher Teil von ihnen verweilt in allen Lebenszuständen im Wasser, die Mehrzahl, nachdem sie ihre Verwandlung überstanden, außerhalb desselben, obschon nur in feuchten Gegenden. Wo die Wüste zur wirklichen Herrschaft gelangt ist, gibt es keine Lurche mehr, da hingegen, wo Wasser, wenn schon nur zeitweilig und alljährlich sich findet, fehlen auch sie nicht; denn ebensogut, als bei uns zulande den Winter, verbringen sie dort die ihm entsprechende trockene Jahreszeit tief eingebettet im Schlamme oder doch in Höhlungen, in todähnlichem Schlafe, aus dem sie der Beginn des nächsten Frühlings weckt. In allen Gegenden der Gleicherländer, wo eine regelmäßig wiederkehrende Regenzeit das Jahr in bestimmte Abschnitte teilt, verschwinden sie gänzlich mit Beginn der Trockenheit und stellen sich wieder ein, nachdem der erste Regen gefallen, weite Strecken, auf denen man Tage vorher von ihrem Vorhandensein keine Ahnung hatte, wie mit einem Zauberschlage belebend. Aber in allen diesen Gegenden ist ihre Anzahl beschränkt im Vergleiche zu den wasserreichen Urwaldungen, die jahraus, jahrein wenigstens annähernd dieselbe Feuchtigkeit halten, und ihnen selbst in den Wipfeln der Bäume noch die Möglichkeit zur Fortpflanzung gewähren. Die unermessenen Waldungen Südamerikas wie die Urwälder Südasiens beherbergen einzelne Familien von ihnen in überraschend hoher Anzahl, ebensowohl was die Arten als die Einzelwesen anlangt, und das zwischen breiten Blättern in Baumhöhlungen und sonstwie sich sammelnde Wasser wird von ihnen benutzt, ihren Laich aufzunehmen und ihren Larven zum Aufenthalte zu dienen. Hier ist jedes Plätzchen besiedelt, die Gewässer unten am Boden, die feuchten Stellen desselben wie die Wipfel und Höhlungen der Bäume, während in den verhältnismäßig trockenen Waldungen Afrikas ungleich weniger Lurche bemerkt werden.

Versuchen wir, auf Günthers treffliche Arbeit uns stützend, ein Bild der allgemeinen Verbreitung der Lurche zu gewinnen, so finden wir zunächst, daß keine andere Wirbeltierklasse so wenige, einem bestimmten Gebiete eigentümliche Formen aufweist als sie. Die nördliche Halbkugel der Erde zeichnet sich aus durch die nur ihr eigenen Schwanzlurche, der heiße Gürtel durch riesenhafte Froschlurche, Südamerika durch seinen Reichtum an Baumfröschen, Afrika durch seine Armut an Lurchen überhaupt. Die einzelnen Sippen haben oft, die Familien fast immer, Vertreter in verschiedenen Gebieten, und die einzelnen Arten verbreiten sich, so bestimmt sie an gewisse Örtlichkeiten gebunden zu sein scheinen, nicht selten erstaunlich weit. Einen Lurch aber, der Weltbürger genannt werden könnte, gibt es nicht, und ebensowenig eine Sippe, die in allen Verbreitungsgebieten vertreten wäre. Am weitesten verbreiten sich die Laub- und Wasserfrösche nebst den Kröten.

So weit verbreitet einzelne Lurche sind, so fest hängen sie an einer und derselben Örtlichkeit. Ihr Wohnkreis beschränkt sich oft auf den Raum weniger Geviertmeter: ein mittelgroßer Teich, ja, eine Pfütze, in der sich regelmäßig Wasser sammelt, kann das Wohngebiet von Hunderten dieser genügsamen Geschöpfe sein, ohne daß sie sich gelüsten lassen, auszuwandern; ein einziger Baum im Urwalde beherbergt vielleicht andere jahraus, jahrein, und zwar die Larven wie die Erwachsenen. Andere Arten treiben sich in einem größeren Wohnkreise umher, scheinen aber ebenfalls an einem gewissen Gebiete streng festzuhalten und namentlich jederzeit den geeigneten Schlupfwinkel wieder aufzusuchen. Wanderungen im weiteren Umfange kommen bei den Lurchen wohl nur sehr ausnahmsweise vor: wahrscheinlich bloß dann, wenn sich ein Wohnort so vollständig verändert, daß er ihnen nicht mehr die nötigen Lebensbedürfnisse gewährt; doch läßt sich andererseits nicht verkennen, daß auch sie sich in einer Gegend mehr oder weniger ausbreiten können, daß auch sie Örtlichkeiten, insbesondere einzelne Gewässer besiedeln, in denen sie früher nicht vorhanden waren.

Das Leben der Lurche erscheint uns noch einförmiger als das der Kriechtiere, obgleich die meisten mehrere von diesen wenigstens hinsichtlich ihrer Bewegungsfähigkeit übertreffen. Ihrem Aufenthalte im Wasser gemäß sind alle, vielleicht mit alleiniger Ausnahme der Schleichenlurche, treffliche Schwimmer und keineswegs allein in ihrem Larvenzustande, der sie gewissermaßen zu Fischen stempelt, sondern auch als Erwachsene, gleichviel ob die Füße oder ob der Schwanz zu ihrem hauptsächlichsten Bewegungswerkzeuge wird. Als Larven schwimmen sie mit Hilfe des Schwanzes durch seitliche Bewegungen, also nach Art der Fische, als Erwachsene einige, die Schwanzlurche noch in derselben Weise, die Froschlurche dagegen durch kräftigere Ruderstöße mit den hierzu wohlgeeigneten Füßen, so wie der Mensch schwimmt, nur mit dem Unterschiede, daß die Vorderglieder wenig oder nicht zur Mitleidenschaft gelangen. Die Ortsveränderung auf festem Lande wird sehr verschieden bewerkstelligt. Alle Schwanzlurche humpeln kriechend in schwerfälliger Weise ihres Weges fort, während die Froschlurche in kürzeren oder weiteren Sprüngen sich bewegen. Unter letzteren gibt es auch Kletterer, d. h. solche, die wohl imstande sind, zu den Wipfeln hoher Bäume emporzuklettern; das Klettern aber geschieht anders als bei allen bisher genannten Wirbeltieren; denn es besteht eben auch nur aus Sprüngen von einem Ruhepunkte zu einem zweiten, höher gelegenen. In einer Hinsicht ist die Mehrzahl der Lurche vor den Kriechtieren ausgezeichnet. Während nur wenige von diesen eine Stimme im eigentlichen Sinne des Wortes haben, besitzt eine große Menge von Lurchen, insbesondere der ersten Ordnung, die fast überraschende Fertigkeit, mehr oder weniger klangvolle, laute und abgerundete Töne hervorzubringen. Ihre Stimmen sind es, die nachts im Urwalde alle übrigen wenn auch nicht übertönen, so doch ununterbrochen begleiten, ihre Stimmen, die bei uns zulande in den Sommernächten zu den vorherrschendsten werden. Mehrere Arten der Klasse machen von ihrer Begabung so umfassenden Gebrauch, daß sie zu Störern der nächtlichen Ruhe werden oder ein ängstliches Gemüt in Furcht oder Verwirrung setzen können. Doch sind nur die Erwachsenen imstande zu schreien, die Larven und Jungen hingegen vollständig stumm.

Es ist wahrscheinlich, daß es unter den Lurchen kein einziges Tagtier gibt. Ihr Leben beginnt kurz vor oder mit Einbruch der Dämmerung und währt bis gegen den Morgen fort; tagsüber pflegen, obschon in sehr verschiedener Weise, alle bekannten der Ruhe. Während die einen sich einfach verkriechen und hier fast bewegungslos bis zum nächsten Abend verharren, gönnen sich andere die Wohltat der Besonnung, begeben sich deshalb an geeignete Örtlichkeiten und verbringen den Tag in einem Halbschlummer, der jedoch niemals so tief ist, als daß sie sich einer Gefahr unvorsichtig preisgeben oder eine sich ihnen bietende Beute vernachlässigen sollten. Aber auch sie bekunden durch Regsamkeit, Gequak und dergleichen, daß der Mond ihre Sonne, die Nacht die Zeit ist, in der sie ihren eigentlichen Geschäften nachgehen.

Mit der Verwandlung steht die Nahrung in einem bestimmten Verhältnisse. Alle Lurche sind Raubtiere; die Beute aber, der sie nachstreben, ist, je nach dem Alter, eine verschiedene. Die Larven nähren sich, wie Leydig wenigstens bei einzelnen von ihnen feststellte, im frühesten Jugendzustande von allerlei Kleingetier, »indem sie, wie die Regenwürmer, ihren Darm ununterbrochen mit Schlammerde füllen und dabei kleine tierische Wesen, Infusorien, Rädertiere, Daphniden, aber auch Diatomeen, in Menge einschlürfen«. Der Inhalt des Darmes verschiedener von Leydig untersuchter Kaulquappen war immer mehr oder weniger derselbe; das Vorhandensein gelegentlich mitverschluckter Algen und ähnlicher Pflanzen erklärte aber auch die früher allgemein für richtig gehaltene Annahme, daß besagte Larven ausschließlich von Pflanzenstoffen sich nähren und erst nach ihrer Umwandlung zu Raubtieren werden sollen. Allerdings können Larven geraume Zeit bei ausschließlicher Fütterung mit Pflanzennahrung, namentlich Semmelkrume, leben, sich dem Anscheine nach auch wohlbefinden, verlangen aber, sollen sie gedeihen und sich verwandeln, bald kräftigere Kost, tierische Stoffe nämlich. Als Raubtiere erweisen sie sich bereits in sehr früher Jugend auch dem, der sie längere Zeit beobachten kann; denn schon sie verschlingen schwächere Larven, gleichviel ob solche ihrer eigenen oder einer anderen Lurchart, ohne Umstände. Einmal verwandelt, jagen alle Lurche auf lebende und sich bewegende Tiere der verschiedensten Art, vom Würmchen an bis zum Wirbeltiere hinauf, die einen, indem sie schwimmend verfolgen, die anderen, indem sie die ins Auge gefaßte Beute durch einen Sprung oder durch rasches Vorschnellen ihrer Zunge zu ergreifen suchen. Von jetzt an verschonen sie, wie es scheint, zwar ihresgleichen, nicht aber ihre Verwandten, verschlingen vielmehr diese ebensogut wie jedes andere Tier, das sie überhaupt bewältigen können. Einzelne Froscharten jagen erwiesenermaßen mit Vorliebe auf andere Frösche. Wie bei den Kriechtieren steigert sich mit zunehmender Wärme ihre Eßlust. In den Sommermonaten sind unsere Lurche wahrhaft gefräßige Raubtiere; im Frühling und Herbst genießen sie wenig, obgleich man wegen des vorausgegangenen oder des darauffolgenden Winterschlafes das Gegenteil vermuten möchte. Nach dem Erwachen aus diesem Totenschlummer regt sich bei ihnen der Fortpflanzungstrieb, der auch sie, die stumpfgeistigen Geschöpfe, in besonderem Grade belebt. Um diese Zeit herrscht, im Norden wenigstens, oft noch recht rauhe Witterung; die Wärme beträgt kaum zwei Grad über dem Gefrierpunkt; große unzertaute Eisstücke schwimmen vielleicht noch in dem Gewässer umher: das aber ficht die Lurche wenig an; ja, angestellten Versuchen zufolge scheint sogar eine wiederum abnehmende Wärme des Wassers die Begattung zu beschleunigen. Sobald der Laich abgelegt, trennen sich die Pärchen, auch diejenigen, die mit größter Innigkeit aneinander zu hängen schienen, und jedes Geschlecht geht nun wieder seine eigenen Wege. Die auf dem Lande lebenden verlassen das Gewässer, Feldfrösche begeben sich auf Felder und Wiesen, Baumfrösche erklimmen die Wipfel der Bäume, Salamander verfügen sich in ihre Jagdgründe, um fortan ihr einförmiges und anscheinend ihnen doch so behagliches Sommerleben zu führen, bis der eintretende Winter, fei es, daß er durch die Kälte, sei es, daß er durch die Dürre herbeigeführt wird, diesem wiederum ein Ende macht und einen jeden zwingt, sich für die ungünstige Jahreszeit ein geschütztes Winterlager zu suchen.

So rasch der Lurch seine erste Jugendzeit durchläuft, so wenige Wochen die Larve bedarf, bis sie sich zum vollkommenen Tiere umgewandelt, so langsam ist das Wachstum des letzteren. Frösche sind erst im fünften Jahre ihres Lebens fortpflanzungsfähig, wachsen aber noch immer fort und erreichen vielleicht erst im zehnten, zwölften Lebensjahre ihre vollkommene Größe; Salamander bedürfen noch mehr Zeit, bis sie das äußerste Maß derselben erreicht haben, die Riesensalamander Japans möglicherweise dreißig Jahre und mehr. Dafür aber währt ihr Leben auch, falls nicht ein gewaltsamer Tod es kürzt, viele, viele Jahre, selbst unter Umständen, die jedem anderen Tiere den Tod bringen müssen. Es ist wahr, daß in Höhlen eingeschlossene Kröten am Leben verblieben sind, falls nur etwas Feuchtigkeit und mit ihr eine geringe Menge von Nahrung eindrang; es ist durch Beobachtung festgestellt worden, daß sie über Jahresfrist in künstlich für sie bereiteten Höhlen zugebracht haben, ohne dem Mangel zu erliegen: ihre Zählebigkeit übertrifft also wirklich die aller anderen Wirbeltiere. Von einzelnen Kriechtieren wissen wir, daß abgebrochene Glieder, namentlich der Schwanz, bis zu einem gewissen Grade sich wieder ersetzen, d. h., daß ein Stummel sich bildet, dessen Gestalt der des Schwanzes ähnelt, der sich aber dadurch von diesem unterscheidet, daß er keine Wirbel hat; bei einzelnen Lurchen hingegen entstehen, wenn man sie verstümmelt, neue Glieder mit Knochen und Gelenken, gleichviel ob das Tier alt oder jung, ob es sich im Larven- oder im ausgebildeten Zustande befindet. Schneidet man ihnen ein Bein oder den Schwanz ab, so ersetzen sich diese Teile wieder, obschon langsam; wiederholt man den Versuch, so hilft die Natur zum zweiten Male nach. Verwundungen, an denen andere Wirbeltiere unbedingt zugrunde gehen würden, behelligen die Lurche kaum; das Auge, das man ihnen raubt, bildet sich von neuem. Diese Eigenschaft hat die uns zugänglichsten Arten der Klasse, insbesondere die Frösche, zu Märtyrern der Wissenschaft gestempelt: an ihnen wurden und werden die Versuche angestellt, die über die Tätigkeit und Wirksamkeit der Organe die bedeutsamsten Ergebnisse gehabt haben; sie sind es, die deshalb heutigestags noch wortreiche Anwälte zur Klageführung gegen die Wissenschaft und ihre Vertreter finden. Die Schwätzereien der gefühlsüberschwenglichen Leute würden des Erfolges oder doch eines gewissen Eindruckes nicht ermangeln, wäre man wirklich berechtigt, von Grausamkeit bei so gefühllosen Wesen zu reden. Ein Frosch, dem man das Rückgrat bloßgelegt, hüpft nach der fast allen übrigen Wirbeltieren tödlichen Verwundung scheinbar munter umher; ein Salamander, den man in der fürchterlichsten Weise verstümmelt hat, lebt annähernd in derselben Weise fort als früher. Nur von den niedersten Seetieren wird solche Ersatzfähigkeit noch übertroffen. In gleicher Weise zeigt sich die Lebenszähigkeit wenigstens einzelner Arten der Klasse den Einwirkungen des Wetters gegenüber. Ein Salamander kann im Wasser zu Eis gefrieren und taut in der Wärme mit dem Eisstücke wieder zum Leben auf; ein Molch kann infolge langwährender Trockenheit zu einer unförmlichen Masse einschrumpfen, an der man keine Regung wahrnimmt, und durch Befeuchten mit Wasser doch wieder ins Leben zurückkehren. Ja, selbst im Magen ihrer Feinde noch leistet den Lurchen die Unverwüstlichkeit gute Dienste: aus getöteten und aufgeschnittenen Schlangen kriechen noch lebende Kröten hervor, deren Hinterbeine bereits oder doch teilweise verdaut worden sind.

Unter dem Hasse, den die Kriechtiere mit Recht oder Unrecht erregten, haben auch die in so mancher Hinsicht ähnelnden, bis in die neueste Zeit mit ihnen zusammengeworfenen Lurche zu leiden. Kein einziger von ihnen ist schädlich, kein einziger imstande, Unheil anzurichten: gleichwohl verfolgt und tötet sie blinde Unkenntnis noch in unverantwortlicher Weise. Von uralten Zeiten her haben sich auf unsere Tage Anschauungen vererbt, die, obschon gänzlich ungerechtfertigt, selbst bei sogenannten Gebildeten noch geglaubt werden. Während der einsichtsvolle Gärtner die Kröte hegt und pflegt, der Engländer sie sogar zu Hunderten aufkauft, um seinen Garten von allerlei schädlichem Geziefer zu reinigen, schlägt der rohgeistige oder doch kenntnislose Mensch das »häßliche« Tier tot, wo er es findet, gleichsam als wolle er sich auf ein und dieselbe Stufe stellen mit dem Storche, der an diesem Tier eine uns fast unbegreifliche Mordlust betätigt. Bei dem, der beobachtet, haben sich alle Lurche dieselbe Freundschaft und Zuneigung erworben, die man allgemein nur den Fröschen zollt, obschon die übrigen Klassenverwandten sie in demselben Grade verdienen wie letztgenannte. Gegen die meisten Raubtiere schützt viele der Schleim, den ihre Haut absondert; diejenigen unter ihnen aber, die keine derartige Gifthaut besitzen, fallen in Unzahl den allerverschiedensten Tieren zur Beute: vom Frosche kann man dasselbe sagen wie vom Hasen: »alles, alles will ihn fressen«. Ein Glück für sein Geschlecht, vielleicht auch für uns, daß die außerordentlich starke Vermehrung alle entstehenden Verluste bald wieder ausgleicht!

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