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Brehms Tierleben. Kriechtiere. Band 21: Reptilien I: Schildkröten - Panzerechsen - Schuppenechsen

Alfred Brehm: Brehms Tierleben. Kriechtiere. Band 21: Reptilien I: Schildkröten - Panzerechsen - Schuppenechsen - Kapitel 4
Quellenangabe
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authorAlfred Brehm
titleBrehms Tierleben. Kriechtiere. Band 21: Reptilien I: Schildkröten - Panzerechsen - Schuppenechsen
publisherGutenberg-Verlag
seriesBrehms Tierleben
volumeBand 21
editorAdolf Meyer
year1927
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Zweite Ordnung. Die Panzerechsen ( Loricata)

Es hat auf der Erde eine Zeit gegeben, in der die Kriechtiere das große Wort führten. Wahre Ungeheuer lebten vorzugsweise im Meere und später in den Sümpfen und Flüssen; sie sind untergegangen und vernichtet worden bis auf wenige, von denen wir die versteinerten Knochen gefunden haben. Jene Ungeheuer vereinigen die verschiedensten Gestalten in sich, Merkmale von Walfisch und Vogel, Krokodil und Schlange, und erscheinen uns deshalb heutigentags auch trotz der scharfsinnigsten Folgerungen, die man gewagt hat, als rätselhafte Geschöpfe: eine Echse in Walfischgestalt ist der Ichthyosaurus, eine Echse mit Flossen und Schlangenhals der Plesiosaurus, eine Echse mit Flughäuten der Pterodaktylus. Von einzelnen dieser Tiere sind uns so vollständige Gerippe überkommen, daß wir ihre Verwandtschaft mit den heutzutage noch lebenden Tieren nachweisen können; von andern haben wir so wenige Reste gefunden, daß wir eben nur vermuten dürfen, sie seien Kriechtiere gewesen und haben ebenfalls der Reihe, mit der wir uns nunmehr beschäftigen werden, angehört.

Von diesen vorweltlichen Riesen sind noch einige Verwandte, die Krokodile, auf unsere Zeit gekommen. In ihrer allgemeinen Gestalt den Eidechsen ähnlich, weichen diese Kriechtiere doch sehr wesentlich durch verschiedene, gewichtige Merkmale von ihnen ab. Sie übertreffen, wenn auch nicht an Schwere oder Gewicht, so doch an Größe alle übrigen Klassenverwandten, also auch die Eidechsen. Diese Eigenschaften sind es jedoch nicht, die die weitestgehende Trennung beider fordern; viel bedeutsamere Kennzeichen der Krokodile liegen in ihrem inneren Baue, insbesondere in der Bezahnung, der Bildung der Zunge und der Beschaffenheit ihrer Geschlechtswerkzeuge.

Der Rumpf der Krokodile ist gestreckt und viel breiter als hoch, der Kopf flach und niedrig, der Schnauzenteil sehr verlängert, die Schnauzenspalte, entsprechend dem lippenlosen Kiefer, nicht gerade, sondern winkelig gebrochen, der Hals ungemein kurz, der Schwanz länger als der Körper und seitlich stark zusammengedrückt, ein gewaltiges Ruder bildend; die niedrigen Beine haben sehr entwickelte Füße, diese an den Vorderfüßen fünf, bis zur Wurzel gespaltene, an den hinteren vier Zehen, die durch ganze oder halbe Schwimmhäute verbunden werden, und deren drei erste deutliche Krallennägel tragen. Die kleinen Augen, die durch drei Lider geschützt werden, liegen ziemlich tief in den Höhlen, sind etwas nach oben gerichtet und haben einen länglichen Stern. Die Ohröffnungen können durch eine klappenartige Hautfalte, die Nasenlöcher, die an der Spitze des Oberkiefers nahe beieinander liegen und halbmondförmig gestaltet sind, durch Aneinanderrücken ihrer wulstigen Ränder geschlossen werden. Die Afteröffnung bildet eine Längsspalte. Mehr oder weniger viereckige, harte und dicke Schuppen und Schilder decken den Ober- und Unterteil des Leibes und Schwanzes. Die des Rückens zeichnen sich aus durch eine vorspringende Längsleiste oder einen Kiel, die des Schwanzes bilden zwei sägenförmig gezahnte Reihen, die sich weiter nach hinten zu einer einzigen verbinden; die an den Seiten des Leibes runden sich. Auf dem Rücken, selbst am Bauche verknöchern einzelne dieser Schilder, und gerade hierdurch erlangt die Haut das Gepräge des Panzers. Für die Bestimmung der Arten sind die Knochenschilder, deren Anzahl und Anordnung bei den einzelnen Arten verschieden und ziemlich beständig ist, von Wichtigkeit; man unterscheidet sie daher je nach ihrer Lage. Auf dem weichen Hautstücke hinter dem Kopfe liegen die getrennten, in eine oder zwei Reihen geordneten kleinen Nackenschilder; den oberen Teil des Halses nehmen die Halsschilder ein.

Man kennt gegenwärtig einundzwanzig bestimmt verschiedene Krokodilarten, die in drei natürliche, auf den Zahnbau begründete Gruppen zerfallen. Strauch, dem ich mich anschließe, vereinigt alle in eine einzige Familie; andere Forscher, insbesondere Gray und Huxley haben versucht, die einzelnen Gruppen, die Strauch als Sippen ansieht und ebenso kurz als sicher kennzeichnet, zu besonderen Familien zu erheben und jeder derselben eine mehr oder minder namhafte Anzahl von Sippen zuzuweisen: die Merkmale der letzteren sind jedoch geringfügig und unsicher. Alle Krokodile ändern, je nach ihrem Alter, zum Teil wohl auch nach ihrem Aufenthaltsorte, so erheblich ab, daß sich die Aufstellung vieler als noch unbeschrieben angesehener Arten leicht erklärt; wesentlich aber wird sich obige Anzahl der Arten nicht vermehren. Die Krokodile verbreiten sich über alle Erdteile, mit Ausnahme Europas; denn ihr Wohngebiet beschränkt sich auf den heißen Gürtel und die angrenzenden Teile unseres Erdballes. Am weitesten nach Norden dringen sie in Asien und Amerika, am weitesten nach Süden in Amerika und Afrika vor.

Bei Besprechung der übrigen allgemeinen Lebensverhältnisse darf ich mich kurz fassen, da ich das Tun und Treiben aller bekannteren und bedeutsameren Arten eingehend schildern und damit ein fast erschöpfendes Lebensbild der ganzen Familie zeichnen werde. Es mag daher an dieser Stelle das Nachstehende genügen.

Alle Krokodile bewohnen das Wasser, am zahlreichsten ruhig fließende Ströme, Flüsse und Bäche, kaum weniger häufig Landseen, gleichviel ob diese süß oder salzig sind; ebenso wasserreiche Brüche und Sümpfe, unter Umständen selbst die Küstengewässer des Meeres. Das Land betreten sie nur, um mit aller Bequemlichkeit, von der sie belebenden Sonne durchglüht, zu schlafen, um auf ihm ihre Eier abzulegen und endlich, um von einem versiegenden Gewässer einem andern, noch nicht vertrockneten Becken oder Flusse zuzuwandern. Wird ihnen der Weg zu lang oder zu unbequem, so vergraben sie sich einfach in den Schlamm und verweilen in ihm, winterschlafend, bis neue Wasserfülle sie wiederum zum Leben wachruft. In gleicher Weise sollen sie, laut Catesby, im Norden Amerikas, insbesondere in den Carolinas, auch der Kälte Trotz bieten.

Wo Krokodile vorkommen, treten sie regelmäßig in Menge auf, und alte und junge leben in erträglichem Frieden miteinander, so wenig auch ein kleines, unbehilfliches Junges vor der Raubgier eines alten seiner eigenen Art gesichert sein mag. Wirbeltiere aller Art, vom Menschen bis zum Fische herab, nicht minder auch verschiedene wirbellose, insbesondere Krebs-, Weich- und Kerbtiere werden den räuberischen Tieren zur Beute, und nur solche, deren Größe oder Stärke die der zwar sehr frechen, aber auch sehr feigen Geschöpfe erheblich überbietet, haben von ihnen nichts zu befürchten. Sie bedürfen viel Nahrung, verschlingen erhebliche Massen derselben mit einem Male, behufs besserer Verdauung, vielleicht auch als Ballast, nebenbei selbst gewichtige Steine, können aber auch monatelang fasten und erscheinen daher gefräßiger als sie tatsächlich sind.

Sämtliche Krokodile pflanzen sich durch Eier fort. Diese haben annähernd die Größe und Gestalt der Gänseeier und sind mit einer zwar verkalkten, aber doch noch schmiegsamen Schale umkleidet. Das Weibchen legt zwischen zwanzig bis hundert von ihnen in eine einfache in den Sand gescharrte Grube oder ein aus zusammengescharrten Blättern gebildetes Nest und soll, wenn auch nicht immer so doch zuweilen, den der mütterlichen Erde anvertrauten Schatz bewachen. Nach geraumer Zeit entschlüpfen die von der Sonne, beziehentlich durch die Wärme gärender Pflanzenstoffe gezeitigten Jungen und eilen nunmehr sofort dem Wasser zu. Im Anfange ihres Lebens wachsen sie rasch, nehmen, bei reichlicher Nahrung, selbst in Gefangenschaft, alljährlich um mindestens dreißig Zentimeter an Länge zu und sind in einem Alter von sechs bis acht Jahren bereits fortpflanzungsfähig. Von dieser Zeit ab scheint ihr Wachstum langsamer zu verlaufen; dafür erreicht es aber auch wahrscheinlich erst mit dem Tode sein Ende. Wie hoch sie ihre Jahre bringen, weiß man nicht, daß sie mehrere Menschenalter durchleben, ist zweifellos.

Das bedrohliche und den Menschen stets beeinträchtigende Auftreten der Krokodile, ihre rücksichtslose Raubsucht, der empfindliche Schaden, den sie verursachen, ruft den Herrn der Erde überall, wo nicht blinder Glaube sie heilig spricht, gegen sie in die Schranken, rechtfertigt ihre unnachsichtliche Verfolgung und gibt sie allgemach gänzlicher Vernichtung preis. Von Jugend an gepflegt und entsprechend abgewartet, lassen auch sie sich bis zu einem gewissen Grad zähmen, gewöhnen sich an den Fütterer und seinen Lockruf oder ein gegebenes Zeichen, öffnen den Rachen, um Futter zu empfangen, oder nehmen solches aus der nährenden Hand, von einem vorgehaltenen Stäbchen entgegen, bekunden überhaupt mehr Verstand als irgendein anderes Mitglied ihrer Klasse.

 

Rüsselkrokodile oder Gaviale ( Gavialis) nennt man die Arten, deren Zwischenkiefer vorn zwei Ausschnitte zur Aufnahme der beiden vordersten Zähne, und deren Oberkiefer jederseits einen Ausschnitt zur Aufnahme des vierten Zahnes besitzen. Die bekannteste Art der Sippe ist der Gangesgavial ( Gavialis gangeticus), in den Augen der Bewohner Malabars ein heiliges, Wischnu, dem Schöpfer und Beherrscher des Wassers, geweihtes Tier, das im Ganges, Brahmaputra und andern Zu- oder Nebenflüssen des heiligen Stromes gefunden wird. Der vor den Augen eingeschnürte Kopf, die lange, schmale, flachgedrückte, an der Spitze stark erweiterte Schnauze, die verhältnismäßig kurzen, den Zwischenkiefer bei weitem nicht erreichenden Nasenbeine, die große Anzahl von Zähnen in jedem der beiden Kiefer, die Nackenbeschilderung, die im Verhältnisse kleinen Augenhöhlen sowie endlich die schwach entwickelten Beine unterscheiden, laut Strauch, den Gangesgavial in jeder Altersstufe von seinem nächsten Verwandten. Im Oberkiefer der über alles gewohnte Maß verlängerten Schnauze, die Edwards, der erste Beschreiber des Tieres, treffend mit dem Schnabel eines Sägers vergleicht, stehen jederseits sieben- bis neunundzwanzig, im Unterkiefer fünf- oder sechsundzwanzig schlanke, leicht gebogene Zähne, so daß das Gebiß aus der außerordentlichen Anzahl von hundertvier bis hundertzehn ziemlich gleichmäßig und wohlentwickelten Zähnen besteht; die stärksten unter ihnen sind die beiden vorderen Seitenzähne des Oberkiefers und das erste, zweite und vierte Paar des Unterkiefers. Die Färbung der Oberseite ist ein schmutziges Bräunlichgrün, das mit zahlreichen kleinen dunklen Flecken übersät erscheint, die der Unterseite geht durch Grüngelb in Weiß über. Die Länge der erwachsenen Stücke soll sechs Meter und darüber betragen.

Schon Aelian weiß, daß im Ganges zwei Arten von Krokodilen leben: solche, die wenig schaden, und andere, die gierig und schonungslos Menschen und Tiere verfolgen. »Diese«, sagt der griechische Forscher, »haben oben auf der Schnauze eine Erhöhung wie ein Horn. Man gebraucht sie zur Hinrichtung der Missetäter, die man ihnen vorwirft.« Aelians Angabe wird auch durch Paolino bestätigt, der ausdrücklich mitteilt, man habe die eines Verbrechens angeklagten Menschen in Gegenwart der Brahmanen durch einen Fluß waten lassen und freigesprochen, wenn sie von den Mudelen verschont blieben. Daß man die Tiere noch heutigentags für heilig hält, unterliegt keinem Zweifel, weil fast alle Reisenden, die ihrer Erwähnung tun, von solcher Anschauung der Eingeborenen zu berichten wissen. Orlich besuchte im Jahre 1842 den heiligen Krokodilteich in der Nähe der Stadt Kuraschi, einen berühmten Wallfahrtsort für die Eingeborenen. In ihm lebten etwa fünfzig Krokodile, welcher Art läßt sich freilich nicht bestimmen, darunter einige von fast fünf Meter Länge. Der Brahmane, dem die Pflege der Vertreter Wischnus anvertraut war, rief sie in Gegenwart des Reisenden herbei, um sie zu füttern. Zu nicht geringem Erstaunen Orlichs gehorchten die Krokodile ihrem Anbeter, kamen auf den Ruf aus dem Wasser heraus, legten sich mit weit aufgesperrtem Rachen im Halbkreise vor ihm hin und ließen sich durch Berührung mit einem Rohrstabe willig leiten. Zu ihrer Mahlzeit wurde ein Ziegenbock geschlachtet, in Stücke zerhauen und jedem Krokodile eins vorgeworfen. Nach beendigter Mahlzeit trieb sie der Wärter mit seinem Rohrstocke wieder ins Wasser. Trumpp sagt, daß sich wenigstens zwölf Fakirs der Pflege und Anbetung der Krokodile dieses Teiches widmen, deren Ernährung aber, wie billig, dem ringsum wohnenden gläubigen Volke aufbürden.

Unter den Fischen soll der zahnreiche Krokodilgott arge Verwüstungen anrichten, ebenso, gleich andern Krokodilen, den zum Trinken an den Fluß kommenden größeren Säugetieren auflauern. Aus den mir bekannten Quellen läßt sich auch hierüber kein Urteil gewinnen. Die Bildung der Schnauze des Gavials spricht allerdings dafür, daß er sich, wenn nicht ausschließlich, so doch vorzugsweise von Fischen ernährt; Day bezeichnet ihn auch ausdrücklich als »ein wahres, fischfressendes Krokodil, das schwimmend Beute gewinnt«: er müßte jedoch eben kein Krokodil sein, wollte er einen andern, nicht der Klasse der Fische angehörigen Bissen verschmähen. Über die Fortpflanzungsgeschichte des Gavials berichtet neuerdings Anderson, der, wo ist nicht gesagt, Eier dieses Krokodils aus dem Sande grub und mehrere, soeben und zum Teil mit seiner Hilfe ausgeschlüpfte Junge einige Zeit in Gefangenschaft hielt. Die Eier, vierzig an der Zahl, lagen in zwei, gleich zahlreichen Schichten übereinander und waren durch Sand um sechzig Zentimeter voneinander getrennt, vielleicht also an verschiedenen Tagen gelegt worden. Die Jungen, allerliebste Geschöpfe, hatten beim Auskriechen eine Länge von vierzig Zentimeter, wovon vier Zentimeter auf die Schnauze und zweiundzwanzig Zentimeter auf den Schwanz kamen, und waren auf graubräunlichem Grunde mit fünf unregelmäßigen Querbinden zwischen Vorder- und Hinterfüßen und deren neun auf dem Schwanze gezeichnet. Unmittelbar nach dem Auskriechen rannten sie mit überraschender Schnelligkeit davon; eines von ihnen, dem Anderson Geburtshilfe leistete, biß bereits lebhaft um sich und unsern Gewährsmann in den Finger, noch ehe er es gänzlich aus seiner Schale befreit hatte.

In den europäischen Sammlungen findet man den Gavial seltener als andere Krokodile; lebend habe ich ihn bei uns zulande noch niemals gesehen.

*

Als Krokodile im engeren Sinne ( Crocodilus) bezeichnen wir alle Arten, bei denen der Zwischenkiefer vorn zwei tiefe Gruben zur Aufnahme der beiden vordersten, und jeder Oberkiefer einen Ausschnitt zur Aufnahme des jederseitigen vierten Zahnes der Unterkiefer besitzt. Die Anzahl der ungleichen, aber stets sehr kräftigen Zähne beläuft sich auf achtzehn oder neunzehn in jedem Ober- und fünfzehn in jedem Unterkiefer, also im ganzen auf sechs- bis achtundsechzig.

Der bekannteste amerikanische Vertreter der Sippe ist das Spitzkrokodil ( Crocodilus americanus), so genannt wegen seiner ebenfalls noch sehr verlängerten, schmalen und spitzigen, oben mehr oder weniger gewölbten, leicht gerunzelten Schnauze. Die Färbung der Oberseite ist ein unreines Braun, von dem gelbe Zickzacklinien sich abheben, die der Unterseite ein reineres lichtes Gelb. Erwachsene Stücke erreichen eine Länge von sechs Metern. Das Spitzkrokodil verbreitet sich über einen nicht unbeträchtlichen Teil des südamerikanischen Festlandes, Mittelamerikas und Westindiens, insbesondere die süßen Gewässer von Ecuador, Neugranada und Venezuela, Yucatan, Guatemala, Südmexiko, Kuba, San Domingo, Jamaika, Martinique und Marguerite, bewohnt also fast alle Länder und größeren Inseln zwischen dem Wendekreise des Krebses und dem fünften Grade südlicher Breite. Die nachstehende Lebensschilderung ist eine Zusammenfassung der von Alexander von Humboldt an verschiedenen Stellen gegebenen Mitteilungen.

»Von Diamant an«, sagt der ausgezeichnete Forscher, »betritt man ein Gebiet, das nur von Tieren bewohnt ist und stellenweise als das wahre Reich der Jaguare und Krokodile betrachtet werden kann. Das eine Ufer des Flusses Humboldt spricht von einem Nebenfluß des Orinoko, dem Apure. Herausgeber. ist meist dürr und sandig, infolge der Überschwemmung, das andere höher und mit hochstämmigen Bäumen bewachsen; hin und wieder begrenzen auch Bäume den Fluß zu beiden Seiten. Die großen Vierfüßer des Landes, Tapir, Pekari und Jaguar, haben Gänge in die Uferdickichte gebrochen, durch die sie, um zu trinken, an den Strom gehen. Da sie sich nicht viel daraus machen, wenn ein Boot vorbeikommt, hat man den Genuß, sie langsam am Ufer dahinstreichen zu sehen, bis sie durch eine der schmalen Lücken verschwinden. Man sieht sich in einer neuen Welt, einer wilden, unbezähmten Natur gegenüber. Bald zeigt sich am Gestade der Jaguar, bald wandelt der Hokko langsam in der Uferhecke hin; Tiere der verschiedensten Klassen lösen einander ab. ›Es ist wie im Paradiese‹, sagte unser Steuermann, ein alter Indianer aus den Missionen. Und wirklich, alles erinnert hier an den Urzustand der Welt, dessen Unschuld und Glück uralte, ehrwürdige Überlieferungen allen Völkern vor Augen stellen; beobachtet man aber das gegenseitige Verhalten der Tiere genau, so zeigt sich, daß sie einander fürchten und meiden: das goldene Zeitalter ist vorbei, und in diesem Paradiese der amerikanischen Wälder wie allerorten hatte lange traurige Erfahrung allen Geschöpfen gelehrt, daß Sanftmut und Stärke selten beisammen sind.

Wo das Gestade eine bedeutende Breite hat, bleiben die Gebüschreihen weiter vom Strome weg. Auf diesem Zwischengebiete sieht man Krokodile, oft ihrer acht bis zehn, auf dem Sande liegen. Regungslos, die Kinnladen unter rechtem Winkel aufgesperrt, ruhen sie nebeneinander, ohne irgendein Zeichen von Zuneigung, wie man sie sonst bei gesellig lebenden Tieren bemerkt. Der Trupp geht auseinander, sobald er vom Ufer aufbricht, und doch besteht er wahrscheinlich nur aus einem männlichen und vielen weiblichen Tieren; denn die Männchen sind ziemlich selten, weil sie in der Brunst miteinander kämpfen und sich ums Leben bringen. Diese gewaltigen Kriechtiere sind so zahlreich, daß auf dem ganzen Stromlaufe fast jeden Augenblick ihrer fünf bis sechs zu sehen waren, und doch fing der Apure erst kaum merklich an zu steigen, und Hunderte von Krokodilen lagen also noch in dem Schlamme der Savanne begraben.«

Auch der Fluß Neveri wimmelt von diesen Ungeheuern, und zwar noch in der Nähe seiner Mündung: sie wagen sich sogar, besonders bei Windstille, bis auf die hohe See hinaus. »Man sieht leicht ein«, fährt Humboldt fort, »daß ein Tier, dessen Körper in einem Panzer steckt, für die Schärfe des Salzwassers nicht sehr empfindlich sein kann. Solche Beobachtungen werden aber für die Geologie von Bedeutung bezüglich des auffallenden Durcheinanderliegens von versteinerten See- und Süßwassertieren.

Vier Uhr abends hielten wir an, um ein totes Krokodil zu messen, das der Strom ans Ufer geworfen. Es war nur 5,24 Meter lang. Einige Tage später fand Bonpland ein anderes männliches, das 6,8 Meter maß. Unter allen Zonen, in Amerika wie in Ägypten, erreichen die Tiere dieselbe Größe; auch ist die Art, die im Apure, im Orinoko und im Magdalenenstrome so häufig vorkommt, kein Kaiman oder Alligator, sondern ein wahres Krokodil mit an den äußeren Rändern gezähnelten Füßen, dem Nilkrokodile sehr ähnlich, der Araue der Tamanaken, der Amana der Maypuren, Cuviers Spitzkrokodil.

Das Krokodil im Apure bewegt sich sehr rasch und gewandt, wenn es angreift, schleppt sich dagegen, wenn es durch Zorn und Hunger nicht aufgeregt wurde, langsam wie ein Salamander dahin. Beim Laufen vernimmt man ein Geräusch, das von der Reibung seiner Hautplatten gegeneinander herzurühren scheint. Oft hörten wir am Ufer dieses Rauschen der Platten ganz in der Nähe. Es ist nicht wahr, daß die alten Krokodile, wie die Indianer behaupten, gleich dem Schuppentiere ihre Schuppen und ihre ganze Rüstung sollen aufrichten können; doch krümmen sie beim Laufen den Rücken und erscheinen hochbeiniger als in der Ruhe. Sie bewegen sich allerdings meistens geradeaus oder vielmehr wie ein Pfeil, der von Strecke zu Strecke seine Richtung ändert, wenden aber trotz kleiner Anhängsel von falschen Rippen, die die Halswirbel verbinden und die seitliche Bewegung zu beschränken scheinen, ganz gut, wenn sie wollen. Ich habe oft Junge sich in den Schwanz beißen sehen; andere beobachteten dasselbe bei erwachsenen Krokodilen. Daß ihre Bewegung fast immer geradlinig erscheint, rührt daher, weil dieselbe, wie bei den Eidechsen, stoßweise erfolgt. Sie schwimmen vortrefflich und überwinden leicht die stärkste Strömung; jedoch schien es mir, als ob sie, wenn sie flußabwärts schwimmen, nicht rasch umwenden können. Eines Tages wurde ein großer Hund, der uns auf der Reise von Caracas an begleitete, im Flusse von einem ungeheuren Krokodile verfolgt; letzteres war schon ganz dicht bei ihm, und der Hund entging seinem Feinde nur dadurch, daß er umwendete und noch einmal gegen den Strom schwamm. Das Krokodil führte nun dieselbe Bewegung aus, aber langsamer als der Hund, und dieser erreichte glücklich das Ufer.«

Das Wesen der Spitzkrokodile ist übrigens, wie Humboldt an mehreren Orten ausdrücklich hervorhebt, je nach der Örtlichkeit, die es beherbergt, sehr verschieden. In manchen Flüssen fürchtet man es ungemein, in andern wenig oder nicht. »Die Sitten der Tiere einer und derselben Art«, so drückt er sich aus, »zeigen Abweichungen von örtlichen Einflüssen, die sehr schwer aufzuklären sind. Am Rio Burituku warnte man uns, unsere Hunde nicht an dem Flusse saufen zu lassen, weil in ihm auffallend wilde Krokodile hausen, die gar nicht selten aus dem Wasser gehen und die Hunde auf das Ufer hinauf verfolgen. Solche Keckheit fällt um so mehr auf, als am Rio Tisanao die Krokodile ziemlich schüchtern und unschädlich sind. Auch im Rio Neveri, in dem große Hechtkrokodile zahlreich vorkommen, zeigen sie sich nicht so bösartig wie im Orinoko. Nach dem Kulturzustande der verschiedenen Länder, nach der mehr oder weniger dichten Bevölkerung in der Nähe der Flüsse ändern sich auch die Sitten dieser großen Echsen, die auf dem trockenen Lande schüchtern sind und sogar vor dem Menschen fliehen, wenn sie reichliche Nahrung haben und der Angriff mit einiger Gefahr verbunden ist.

Im Magen eines 3,6 Meter langen Krokodils, das Bonpland und ich zergliederten, fanden wir halbverdaute Fische und acht bis zehn Zentimeter starke, runde Granitstücke. Es ist nicht anzunehmen, daß die Krokodile diese Steine zufällig verschlucken; denn wenn sie die Fische auf dem Grunde des Flusses packen, ruht ihre untere Kinnlade nicht auf dem Boden. Die Indianer haben die abgeschmackte Idee ausgeheckt, diese trägen Tiere machten sich gern schwer, um leichter tauchen zu können. Ich glaube, daß sie große Kiesel in ihrem Magen aufnehmen, um dadurch eine reichliche Absonderung des Magensaftes herbeizuführen; Magendies Versuche sprechen für diese Auffassung. Im Apure finden sie reichliche Nahrung in den Wasserschweinen, die in Rudeln von fünfzig bis sechzig Stück an den Flußufern leben. Diese unglücklichen Tiere besitzen keinerlei Waffen, sich zu wehren; sie schwimmen zwar etwas besser, als sie laufen, aber im Wasser werden sie eine Beute der Krokodile und auf dem Lande von den Jaguaren gefressen. Man begreift kaum, wie sie bei den Nachstellungen zweier so gewaltigen Feinde so zahlreich sein können. Zu unserer Überraschung sahen wir ein mächtiges Krokodil mitten unter diesen Nagetieren regungslos daliegen und schlafen; es erwachte, als wir mit unserer Pirogue näher kamen, und ging langsam dem Wasser zu, ohne daß die Wasserschweine unruhig wurden. Unsere Indianer sahen den Grund dieser Gleichgültigkeit in der Dummheit der Tiere; wahrscheinlich aber wissen die Wasserschweine aus langer Erfahrung, daß das Krokodil des Apure und Orinoko auf dem Lande nicht angreift: der Gegenstand, den es packen will, müßte ihm denn im Augenblick, wo es sich ins Wasser wirft, in den Weg kommen.

Weit mehr Menschen, als man in Europa glaubt, werden alljährlich das Opfer ihrer Unvorsichtigkeit und der Gier der Krokodile, besonders in denjenigen Dörfern, deren Umgegend öfters Überschwemmungen ausgesetzt ist. Dieselben Krokodile halten sich lange an dem nämlichen Orte auf und werden von Jahr zu Jahr kecker, nach Behauptung der Indianer zumal dann, wenn sie einmal Menschenfleisch gekostet haben. Die Indianer sagten uns, in San Fernando vergehe nicht leicht ein Jahr, in dem nicht zwei, drei erwachsene Menschen, namentlich Weiber beim Wasserschöpfen am Flusse von diesen fleischfressenden Echsen zerrissen würden. Man erzählte uns die Geschichte eines jungen Mädchens aus Urituku, das sich durch außerordentliche Unerschrockenheit und Geistesgegenwart aus dem Rachen eines Krokodiles gerettet hatte. Sobald es sich gepackt fühlte, griff es nach dem Auge des Tieres und stieß die Finger mit solcher Gewalt in dasselbe, daß das Krokodil es fahren ließ, nachdem es ihm den linken Vorderarm abgerissen. Trotz des ungeheuren Blutverlustes gelangte die Indianerin, mit der übriggebliebenen Hand schwimmend, glücklich ans Ufer. Für die Anwohner des Orinoko bilden die Gefahren, denen sie ausgesetzt sind, einen Gegenstand der täglichen Unterhaltung. Sie haben die Sitten des Krokodils beobachtet, wie der Stierfechter die Sitten des Stieres; sie wissen die Bewegungen der Panzerechse, ihre Angriffsmittel, den Grad ihrer Keckheit gleichsam voraus zu berechnen. In Ländern, wo die Natur so gewaltig und furchtbar erscheint, ist der Mensch beständig gegen die Gefahr gerüstet. Das junge indianische Mädchen, das sich selbst aus dem Rachen des Krokodils befreit hatte, sagte: ›Ich wußte, daß mich der Kaiman fahren ließ, wenn ich ihm die Finger in die Augen drückte‹. Dieses Mädchen gehörte der dürftigen Volksklasse an, in der Gewöhnung an leibliche Not die geistige Kraft steigert.

Da das Krokodil vermöge des Baues seines Kehlkopfes, des Zungenbeines und der Faltung der Zunge die Beute unter Wasser wohl packen, aber nicht verschlingen kann, so verschwindet selten ein Mensch, ohne daß man es nicht ganz nahe der Stelle, wo das Unglück geschehen, nach ein paar Stunden zum Vorscheine kommen und seine Beute verschlingen sieht. Gleichwohl macht man selten Jagd auf diese gefährlichen Raubtiere. Sie sind sehr schlau, daher nicht leicht zu erlegen. Ein Kugelschuß ist nur dann tödlich, wenn er in den Rachen oder in die Achselhöhle trifft. Die Indianer, die sich selten der Feuerwaffe bedienen, greifen sie mit Lanzen an, sobald sie an starke, spitze, eiserne, mit Fleisch geköderte und mittels einer Kette an Baumstämme befestigte Haken angebissen haben, gehen ihnen aber erst dann zu Leibe, wenn sie sich lange abgemüht haben, um von dem Eisen loszukommen.«

Aus den erlegten Krokodilen scheint man in Südamerika wenig Vorteil ziehen zu können; Humboldt erwähnt nur, daß man Kaimansfett für ein vortreffliches Abführmittel hält und das weiße Fleisch wenigstens hier und da gern ißt.

Außer dem Menschen haben die Spitzkrokodile wenig Feinde, die ihnen gefährlich werden können. Im allgemeinen bekümmern sich auch diese Krokodile nur um diejenigen Tiere, die ihnen Beute versprechen, während die übrigen sie vollständig gleichgültig lassen. Humboldt erzählt, daß er kleine, schneeweiße Reiher auf ihrem Rücken, ja sogar auf ihrem Kopfe umherlaufen sah, ohne daß sie denselben Beachtung schenkten, lehrt uns also ein ganz ähnliches Verhältnis kennen, wie es zwischen dem Nilkrokodile und seinem »Wächter« besteht. Alte Krokodile sind, wie leicht erklärlich, gegen die Angriffe anderer Tiere hinlänglich geschützt; den Jungen aber stellen verschiedene Sumpfvögel und, wie wir oben gesehen haben, auch die Rabengeier mit Eifer und Geschick nach.

Über die Fortpflanzung gibt schon der alte Ulloa Auskunft. »Sie legen«, so erzählt er, »binnen zwei Tagen wenigstens hundert Eier in ein Loch im Sande, decken es zu und wälzen sich darüber, um die Spuren zu verbergen. Hierauf entfernen sie sich einige Tage, kommen sodann in Begleitung des Männchens zurück, scharren den Sand auf und zerbrechen die Schalen, die Mutter setzt die Jungen auf den Rücken und trägt sie ins Wasser. Unterwegs holt der Rabengeier einige weg, und auch das Männchen frißt so viele als es kann; ja sogar die Mutter verzehrt diejenigen, die herunterfallen oder nicht gleich schwimmen können, so daß zuletzt nicht mehr als fünf oder sechs übrig bleiben. Die Rabengeier sind auf die Krokodileier ungemein erpicht und halten sich daher im Sommer wie Schildwachen auf den Bäumen verborgen, beobachten geduldig das Weibchen beim Legen und stürzen sich erst, wenn es weg ist, auf das Nest, scharren dasselbe mit Schnabel und Krallen auf und zanken sich um die Eier.« Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, daß Ulloa wieder einmal Wahres und Falsches untereinander mengt. Das Wahrscheinliche wird durch Humboldt bestätigt. »Die Krokodile«, sagt er, »legen ihre Eier in abgesonderte Löcher, und das Weibchen erscheint gegen Ende der Brutzeit wieder, ruft den Jungen, die darauf antworten, und hilft ihnen meist aus dem Boden.« Ob der große Forscher hier aus eigener Anschauung spricht oder nur Gehöhres wiedergibt, weiß ich nicht. Die jungen Krokodile ziehen kleinere Lachen und Wassergräben den breiten und tiefen Flüssen vor und sind zuweilen in rohrumstandenen Gräben in solcher Menge zu finden, daß man von ihnen sagen kann, sie wimmeln hier wie Würmer durcheinander. Aus den übrigen Angaben Humboldts geht hervor, daß die Spitzkrokodile Winterschlaf halten.

 

Uralter Ruhm verherrlicht, uralte Fabeln und Märchen trüben die Geschichte des bekanntesten aller Krokodile, desjenigen, das im Nil haust und schon in Herodot und dem Verfasser des Buches Hiob Beschreiber gefunden hat, in dem ersteren einen treuen Berichterstatter von dem, was er während seines Aufenthaltes in Ägypten selbst gesehen und gehört, in dem letzteren einen Dichter, der, trotz des Bilderreichtums seiner Sprache, den »Leviathan« vortrefflich kennzeichnet.

»Das Wesen des Krokodils«, so ungefähr läßt sich Herodot vernehmen, »ist folgendes: Es bewohnt das Land und das Wasser, legt und brütet die Eier aus auf ersterem und bringt daselbst die meiste Zeit des Tages, die Nacht aber im Flusse zu; denn das Wasser ist des Nachts wärmer als der heitere Himmel und der Tau. Unter allen Tieren wird es aus dem kleinsten das größte. Die Eier sind nicht viel größer als die der Gänse und die Jungen im Verhältnis, ausgewachsen aber wird es siebzehn Ellen lang. Es hat vier Füße, Schweinsaugen, große und vorspringende Zähne, aber keine Zunge; es bewegt auch nicht den Unterkiefer, sondern den oberen gegen den unteren, wie es kein anderes Tier tut. Die Klauen sind stark; die beschuppte Haut kann auf dem Rücken nicht getrennt werden. Im Wasser ist es blind, in der Luft aber sehr scharfsichtig. Da es im Wasser lebt, so hat es das Maul mit Blutegeln angefüllt. Von allen Vögeln und andern Tieren wird es geflohen, mit dem Vogel Trochylus aber lebt es im Frieden, weil er ihm nützlich ist. Wenn es auf das Land geht und daselbst, gegen den Wind gekehrt, mit offenem Maule liegt, dann schlüpft ihm der Trochylus hinein und frißt die Blutegel; da es sich über diese Dienstleistungen freut, so verletzt es ihn nicht. Während der vier strengen Wintermonate nimmt es keine Nahrung zu sich. In Ägypten heißt es nicht Krokodil, sondern Champsa; die Ionier aber nennen es Krokodil wegen seiner Ähnlichkeit mit den Eidechsen, die sich an ihrer Gartenmauer aufhalten.«

Andere Schriftsteller des Altertums, namentlich Aristoteles, Diodorus Siculus, Seneca, Strabo, Plinius, Plutarch, Maximus Tyrius, Dio Cassius, Alian, Flavius, Vopiscus, Amianus, Marcellinus, haben ebenfalls über das Nilkrokodil geschrieben und manches Beachtenswerte mitgeteilt, im allgemeinen aber Herodots kaum der Wahrheit widersprechenden Bericht nur wenig vervollständigt, wohl aber die einfache Darstellung mit verschiedenen Sagen ausgeschmückt. Viele ihrer Mitteilungen sind von dem alten Geßner gesammelt worden.

Mein Wanderleben hat mich mit dem Leviathan ziemlich bekannt gemacht. Ich habe ihn beobachtet in Ägypten, in Nubien und im Ost-Sudan, habe Hunderte von ihm gesehen und nach sehr vielen meine Büchse gerichtet, habe ihn erlegt, gefangen gehalten und von seinen Eiern und seinem Fleisch gekostet: ich glaube ihn zu kennen.

siehe Bildunterschrift

Junge Nilkrokodile ( Crocodilus niloticus)

Das Nilkrokodil ( Crodilus niloticus) soll ebenfalls eine Länge von zehn Meter erreichen können; doch glaube ich, daß diese Angabe nur auf Schätzung beruht und eine Länge von sieben Meter wohl das höchste ist, das dem Nil- und jedem andern Krokodil überhaupt in Wahrheit zugesprochen werden darf. Von dem ihm sehr nahe verwandten Sumpfkrokodile ( Crocodilus palustris) aus Südasien und dem ihm ebenso nahestehenden Siamkrokodile ( Crocodilus siamensis) unterscheidet es sich vornehmlich durch die Beschaffenheit der Haut des Halses und der Seiten, die bei ihm mit glatten Horntäfelchen, bei jenem mit stark gewölbten Höckern und vereinzelt dazwischen stehenden gekielten Schildern bedeckt ist. Hinter dem Schädel liegen vier gekielte Schildchen paarweise beisammen, auf dem Nacken deren sechs; die Anzahl der Querreihen des Rückenteils ist verschieden, beträgt aber gewöhnlich fünfzehn oder sechzehn, die Anzahl der Schwanzschilde siebzehn bis achtzehn paarige und achtzehn bis zwanzig einfache. Ein dunkles Bronzegrün, das auf dem Rücken kleine schwarze Flecken zeigt, bildet die Grundfärbung, geht an den Seiten des Rumpfes und Halses in unregelmäßig stehende dunklere Flecken und auf der unteren Fläche des Körpers in Schmutziggelb über, scheint aber vielen Abänderungen unterworfen zu sein.

Wahrscheinlich gehören alle Krokodile, die das Festland von Afrika und Madagaskar bewohnen, nur dieser einen Art an; die von einzelnen Forschern angegebenen Unterschiede zwischen dem Krokodile des oberen und unteren Nils oder denen des göttlichen Stromes und andern Flüssen Afrikas haben sich wenigstens nicht als stichhaltig erwiesen. Angenommen, daß es nur eine Art gibt, haben wir als Heimat derselben alle größeren Gewässer Afrikas anzusehen, den Nil und seine Zuflüsse, alle fließenden und stehenden Süßgewässer Ostafrikas von kleinen Küstenbächen an bis zu den Strömen Mosambiks und Südafrikas, den Gabun, Niger, Tsadda und Senegal sowie alle Seen Innerafrikas und die größeren Flüsse Madagaskars.

In Ägypten ist das Krokodil gegenwärtig fast ausgerottet. Die Pfeile und Schleudersteine, von denen in Hiob zu lesen, konnten es freilich nicht verjagen: die Büchsen- und Flintenkugeln haben es doch getan. Unser Leviathan ist zwar nicht vor ihnen zurückgewichen, sondern hat standhaft ausgehalten wie ein Held; aber er hat das Leben lassen müssen vor dem Menschen der Neuzeit. Seine Urweltstage sind hier größtenteils dahin, seine Zeit ist erfüllt, seitdem die neueren Jagdgeschosse seines Panzers spotten, seitdem ein Kind den Riesen zwingen kann. Schon heutzutage ist der mutige Ichneumon, der Held der Sage, zum Spott, sein Tun zum zweifelhaften geworden. Er braucht jetzt dort keine Krokodileier mehr zu fressen, keinem Krokodile in den Rachen zu kriechen, um ihm das Herz abzufressen; denn die wenigen überlebenden Panzerechsen dieser Art, die ich noch in Ägypten sah, werden inzwischen wohl unter den Kugeln reiselustiger Engländer gefallen sein, und der Ichneumon muß nun jedenfalls ausschließlich Hühnereier fressen, wie er es, meiner festen Überzeugung nach, immer getan.

siehe Bildunterschrift

Nilkrokodil ( Crocodilus niloticus)

Meine erste Bekanntschaft mit dem Leviathan belehrte mich, daß in Ägypten seine Zeit um sei. Zur Bekehrung der Heiden des Weißen Flusses nach dem Sudan reisende Jesuiten, in deren Gesellschaft ich das erstemal nach dem Innern Afrikas aufbrach, erhoben eines Tages ein höchst ungeistliches Jagdgeschrei und griffen eiligst nach ihren Büchsen. Sechs Läufe knallten, nur der meiner eigenen Büchse nicht mit; denn ich hatte auf den ersten Blick gesehen, daß das so dreist zur Schau sich bietende Krokodil bereits tot, von vorausgegangenen Reisenden meuchlings gemordet worden war. Nun hätte das Tier freilich auch leben können; denn von den sechs nach seinem Panzer gerichteten Kugeln traf keine einzige: aber es wurde mir aus dieser Jagdwut, die selbst die »Diener der Kirche« außer Atem setzte, doch sofort klar, welch schweren Stand das gehetzte Urweltstier in unsern Tagen dem Menschen gegenüber hat. Ich selbst habe mich später bestrebt, diese Wahrheit ihm gründlich zu beweisen.

Dies ist der Grund, weshalb man in Ägypten jetzt nur noch in Maabdeshöhlen Krokodile zu Tausenden, aber – als Mumien antrifft. Anders ist es im Ost-Sudan oder im Inneren Afrikas überhaupt, überall da, wo das Feuergewehr die uralten Waffen der Eingeborenen noch nicht verdrängt hat, wo das alte Wort noch gilt: »Wenn du deine Hand an ihn legest, so gedenke, daß es ein Streit sei, den du nicht ausführen wirst«, insbesondere an allen denjenigen Strömen, deren Ufer vom Urwalde in Besitz genommen wurden. Hier darf man mit aller Sicherheit darauf zählen, auf jeder größeren Sandbank wenigstens ein großes Krokodil und wohl ein halbes Dutzend kleinere von verschiedenem Alter und entsprechender Länge zu finden; hier und an den Brüchen, Seen und Sümpfen kann man die schönsten Ungeheuer mit der größten Bequemlichkeit beobachten. Im Sudan sind des hebräischen Dichters Worte heutigentags noch in ihrem vollen Werte gültig; denn dort gibt es kein einziges Dorf, dessen Bewohner nicht von einer Unglücksgeschichte zu erzählen wüßten, keinen einzigen Menschen, der nicht die Stärke des »Timsach« bewundert, ihn selbst aber verflucht. Zu letzterem haben die Sudaner auch wirklich alle Ursache; denn sie sind dem Krokodile gegenüber so gut wie ohnmächtig, müssen es sich widerstandslos gefallen lassen, wenn der furchtbare Räuber ihre Angehörigen und Haustiere in die Tiefe des Wassers zieht: sie können ihn nicht bekämpfen, nicht verjagen. Ich glaube annehmen zu dürfen, daß im Blauen Flusse heutigentags noch mindestens fünfhundert, im Weißen Strome dagegen mehr als zweitausend große und hier wie dort wohl viermal soviel kleinere Krokodile leben; denn ich habe sie überall gesehen: ich habe während der Fahrt eines Tages in Asrakh deren über dreißig und auf einer einzigen Sandbank allein achtzehn gezählt. Darunter waren Riesen, deren Länge ich auf nicht weniger als fünf Meter schätzen durfte, Tiere, die gewiß ein Alter von mehreren hundert Jahren haben mochten. Ich muß hierbei bemerken, daß man über die Länge eines außerhalb des Wassers sich sonnenden oder in ihm sich bewegenden Krokodiles ebenso leicht sich täuscht wie über die Länge einer Schlange. Ein Krokodil, das fünf Meter mißt, ist ein riesiges Ungetüm, erscheint aber dem ungeübten Auge viel länger, als das Maß ergibt. Ich glaube nicht, daß unter den Hunderten dieser Tiere, die ich gesehen habe, ein einziges gewesen ist, das sieben Meter lang war, und bezweifle alle Angaben, die von solchen berichten, deren Länge gegen oder über neun Meter betragen haben soll. Durch gewissenhafte Messung hat man derartige Maße sicherlich nicht bestimmt.

Eine Sandbank, auf der das Krokodil behaglich sich sonnen kann, ist Haupterfordernis zur Wahl seines Standortes. Rauschende Stellen im Strome liebt es nicht; in den Stromschnellen findet man es höchst selten. Den einmal gewählten Standort behauptet es mit großer Beharrlichkeit und Zähigkeit. Wir wurden stets im voraus auf die krokodilreichen Stellen des Stromes aufmerksam gemacht, und greise Männer versicherten uns, daß sie schon seit ihrer Kindheit ein und dasselbe Krokodil auf einer bestimmten Sandbank gesehen hätten. In der Regenzeit unternimmt es jedoch zuweilen kleine Reisen landeinwärts, freilich nur in Regenströmen oder den unter Wasser gesetzten Urwäldern.

Man ist geneigt zu glauben, daß das Krokodil nicht gewandt wäre, irrt sich jedoch hierin vollständig. Im Wasser zeigt es sich höchst behend, schwimmt und taucht mit großer Schnelligkeit in jeder Wassertiefe und zerteilt die Fluten wie ein Pfeil die Luft. Sein ungemein kräftiger Schwanz bildet ein vortreffliches Ruder, und die wohlentwickelten Schwimmhäute an den Hinterfüßen unterstützen es wesentlich in jeder von ihm beabsichtigten Bewegung oder jeder ihm erwünschten Lage im Wasser. Wenn es hier ruhen will, senkt es den hintern Teil seines Leibes in schiefer Richtung in die Flut, so daß nur sein Kopf der ganzen Länge nach wagerecht auf der Oberfläche liegt, und erhält sich von Zeit zu Zeit, anscheinend halb unbewußt, durch schwache Ruderstöße in derselben Lage, kann aber auch regungslos verweilen, falls es die Lungen mehr als sonst voll Luft gepumpt hat; wenn es auf den Boden eines Gewässers sich niederlassen will, entleert es rasch die Luftwege und stürzt sich nun kopfüber in die Tiefe, wobei es, atmenden Delphinen vergleichbar, einen Teil des Rückens und meist auch die Schwanzspitze zeigt; wenn es schnell eine Strecke durcheilen will, schwingt es den Schwanz seitlich hin und her und rudert gleichzeitig mit den Hinterfüßen, die, wie es scheint, vorzugsweise zum Steuern benutzt werden. Erzürnt oder im Todeskampfe peitscht es das Wasser so heftig, daß man den alten Dichter kaum der Übertreibung zeihen kann, wenn er sagt: »Er macht, daß das tiefe Meer siedet wie ein Topf und rührt es ineinander, wie man eine Salbe menget«. Auch auf dem Lande bewegt es sich durchaus nicht ungeschickt, obgleich es hier nur ausnahmsweise weitere Strecken zurücklegt. Wenn es auf die Sandbänke herauskriecht, geschieht dies in der Regel sehr langsam: es bewegt einen Fuß um den andern und trägt den Leib, der hinten mehr als vorn erhoben wird, dabei so tief, daß er auf dem Sande schleppt; befindet es sich aber am Lande in einiger Entfernung vom Flusse, so stürzt es, aufgeschreckt, sehr rasch dem Wasser zu, und ebenso schnell schießt es aus dem Wasser auf das Land heraus, wenn es eine hier erspähte Beute wegnehmen will. Auf einer seiner Reisen störte mein Freund Penney ein Krokodil auf, das sich in einem größtenteils mit dürrem Laub ausgefüllten Regenstrome versteckt hatte. Bei Ankunft der Berittenen entfloh es und eilte schnurstracks dem ungefähr zehn Kilometer entfernten Strome zu; das geschah aber so eilig und rasch, daß man es mit den schnellsten Reitkamelen nicht einholen konnte. Daß die alte bekannte Geschichte, die erzählt, die Krokodile könnten sich nicht im Zickzacklaufe bewegen, eben nur eine Fabel ist, wird jedem Beobachter klar, der auch nur ein einziges Krokodil aus dem Wasser herauf, auf den Sand und wieder in das Wasser zurückkriechen sah, weil es bei diesem kurzen Wege einen Kreis zu beschreiben pflegt, dessen Durchmesser kaum mehr als die halbe Länge seines Leibes beträgt.

über die höheren Fähigkeiten des Krokodils läßt sich schwer ein Urteil fällen. Herodot ist über den Gesichtssinn unrecht berichtet worden: denn das Tier sieht unter Wasser vorzüglich scharf und auf dem Lande gut genug; der Vater der Geschichte gelangt jedoch zu seinem Recht, wenn man ihn so verstehen will, daß man das Gesicht nicht als schärfsten aller Sinne bezeichnet. Als solcher muß das Gehör angesehen werden. Das Krokodil hört jedenfalls besser als andere, möglicherweise als alle übrigen Kriechtiere, vernimmt, wie man sich bei versuchten Jagden leicht überzeugen kann, das unbedeutendste Geräusch und dankt bei Gefahr seinem scharfen Gehöre weitaus in den meisten Fällen Rettung oder Sicherung. Unentwickelt, um nicht zu sagen stumpf, dagegen erscheinen uns Geruch, Geschmack und Gefühl. Einen gewissen Grad von Verstand kann man ihm nicht absprechen. Es vergißt erlittene Verfolgungen nicht und sucht sich denselben später vorsichtig zu entziehen. Alle Krokodile, die noch in Ägypten leben oder zur Zeit meines Aufenthaltes dort lebten, krochen bei Ankunft eines Schiffes stets in das Wasser, und zwar immer so rechtzeitig, daß man ihnen mit Sicherheit nicht einmal eine Büchsenkugel zusenden konnte, wogegen die in den Strömen des Sudan lebenden Fahrzeuge viel näher an sich herankommen lassen und regelmäßig von diesen aus geschossen werden können. Alte Tiere, die schon seit vielen Jahren eine und dieselbe Sandbank bewohnen, verlassen diese, wenn sie hier wiederholt gestört wurden, und wählen sich dann, immer mit gewissem Geschicke, ein anderes Plätzchen, um auf ihm behaglich schlafen und sich sonnen zu können, und ebenso merken sie sich die Stellen, die ihnen mehrfach Beute lieferten, beispielsweise die zum Ufer herabführenden Wege, die von den Herdentieren oder den wasserschöpfenden Frauen begangen werden, sehr genau und lungern und lauern beständig in deren Nähe. Doch unterscheiden sie nicht zwischen Menschen, die ihnen gefährlich werden können, und solchen, vor denen sie sich nicht zu fürchten brauchen, nehmen vielmehr stets das Gewisse für das Ungewisse und ziehen sich in das Wasser zurück, wenn sie überhaupt Menschen gewahr werden. Auf dem Lande ist das Krokodil erbärmlich feig, im Wasser vielleicht nicht gerade mutig, aber doch dreist und unternehmend: es scheint der Sicherheit, die ihm sein heimisches Element gewährt, vollkommen sich bewußt zu sein und darnach sein Gebaren zu regeln. Mit seinesgleichen lebt es in geselligem Einvernehmen, außer der Paarungszeit mit gleich großen in Frieden, während es kleineren der eigenen Art stets gefährlich bleibt, denn wenn sich der Hunger regt, vergißt es jede Rücksicht. Um ärgere Tiere bekümmert es sich nur insofern, als es sich darum handelt, eines von ihnen zu ergreifen und zu verspeisen; denjenigen, die es nicht erhaschen kann, gestattet es, sich in seiner unmittelbaren Nähe umherzutreiben: daher denn auch die scheinbare Freundschaft zu dem früher von mir geschilderten Vogel, seinem Wächter.

Das Krokodil ist fähig, dumpfbrüllende Laute auszustoßen, läßt seine Stimme aber nur bei größter Aufregung vernehmen. Ich halte es für möglich, daß man es monatelang beobachten kann, ohne einen Laut von ihm zu hören; wird das Tier aber plötzlich erschreckt oder ihm eine Wunde beigebracht, so bricht es in dumpfes Gemurr und selbst in lautes Gebrüll aus. Bei einer Reiherjagd am Weißen Nil näherte ich mich vorsichtig einer steilen Uferstelle und sah anstatt des erstrebten Vogels dicht unter mir ein Krokodil, dem ich den für den Reiher bestimmten Schrotschuß auf den Schädel jagte. Es erhob sich wütend aus dem Wasser, knurrte laut und verschwand dann unter den Fluten. Auch dasjenige, das Penney aufstörte, gab seinen Schreck durch Gebrüll zu erkennen. Wenn es erzürnt wird, hört man blasendes oder dumpfzischendes Schnauben von ihm. Junge, vor kurzem erst dem Ei entschlüpfte Krokodile lassen einen eigentümlich quakenden, an das behagliche Knarren der Frösche erinnernden Laut vernehmen.

Gewöhnlich entsteigt das Tier gegen Mittag dem Strom, um sich zu sonnen und tief zu schlafen. Letzteres kann im Wasser aus dem Grunde nicht wohl geschehen, weil es bei nicht geregelter oder überwachter Atmung in die Tiefe sinkt und dann durch Lufthunger bald erweckt werden muß; einem Halbschlummer aber können auch in der angegebenen Weise auf dem Wasser lagernde Krokodile sich hingeben: so wenigstens haben meine Gefangenen mich belehrt. Zu seinem Mittagsschläfchen kriecht es höchst langsam und bedächtig auf eine seichte Sandbank, schaut mit seinen meergrünen Augen vorsichtig in die Runde und legt sich nach längerem Beobachten der Umgebung zum Schlafen zurecht, indem es sich mit einemmal schwer auf den Bauch herabfallen läßt. Fast immer liegt es gekrümmt, mit der Schnauze und der Schwanzspitze dem Uferrande zugekehrt; häufig wird letztere noch vom Wasser überspült. Nachdem es sich zurechtgelegt, öffnet es die Deckel, die seine Nasenhöhlen verschließen, schnaubt, gähnt und sperrt endlich den zähnestarrenden Rachen auf, so weit es kann. Von nun an bleibt es unbeweglich auf einer und derselben Stelle liegen, scheint auch bald in Schlaf zu fallen; doch kann man nicht sagen, daß dieser ein sehr tiefer wäre, weil jedes nur einigermaßen laute Geräusch es erweckt und ins Wasser zurückscheucht.

Ungestört verweilt das Tier bis gegen Sonnenuntergang auf dem Land, unter Umständen in zahlreicher Gesellschaft von seinesgleichen. Zuweilen liegen mehrere teilweise übereinander, gewöhnlich jedes einzelne etwas von dem andern geschieden; namentlich die Jungen halten sich in achtungsvoller Entfernung von den älteren. Mit Eintritt der Dämmerung haben sie alle Inseln geräumt; nunmehr beginnt die Zeit der Jagd, die während der ganzen Nacht, vielleicht auch noch in den Morgenstunden fortgesetzt wird und vorzugsweise den Fischen im Strome gilt. Daß auch große, schwerleibige, anscheinend unbehilfliche Krokodile diese behenden Wasserbewohner zu fangen verstehen, unterliegt keinem Zweifel, weil Fische die eigentliche, um mich so auszudrücken, natürliche Nahrung aller Panzerechsen bilden. Neben ihnen fängt das Krokodil jedoch auch alle unvorsichtig zur Tränke an den Fluß kommenden größeren und kleineren Säugetiere, ja sogar Sumpf- und Wasservögel. Es naht sich den Tränk- oder Ruhestellen seiner Beute mit großer Vorsicht, versenkt sich vollkommen unter das Wasser, schwimmt langsam und geräuschlos herbei und steckt beim Atmen eben nur die Nasenlöcher aus dem Wasser heraus; beim Angriff dagegen schießt es, wie ich mehrfach beobachten konnte, blitzschnell und in gerader Richtung auf das Ufer herauf. Niemals denkt es daran, eine verfehlte Beute auf dem Lande zu verfolgen: mit wahrem Vergnügen sahen wir eine trinkende Antilope plötzlich mit zwei gewaltigen Sätzen die Uferhöhe gewinnen und bis zu deren Hälfte in demselben Augenblick ein Krokodil emporschießen. Vögel täuscht es durch seine scheinbare Ruhe oder Unachtsamkeit und Unbeweglichkeit, tut, als bekümmere es sich gar nicht um deren Treiben und fährt dann, urplötzlich vorwärtsschießend, mitten unter sie oder nähert sich ihnen anfänglich äußerst langsam, Zoll um Zoll, und geht erst, wenn es in die ihm genügend erscheinende Entfernung gelangte, zum Angriff über. »Ich bin beständig Zeuge«, sagt Baker, »wie es die dichten Schwärme kleiner Vögel angreift, die sich in den Büschen am Rande des Wassers zusammenscharen. Diese Vögel kennen ihre Gefahr vollständig und fliehen vor dem Angriff, wenn es ihnen möglich ist. Das Krokodil liegt nun ruhig und unschuldig auf dem Wasser, als ob es dort bloß zufällig erschiene. Auf diese Weise erregt es die Aufmerksamkeit der Vögel und rudert, ihrem Blicke ausgesetzt, langsam auf eine beträchtliche Entfernung davon. Von dem Betrüger getäuscht, glauben die Vögel, daß die Gefahr vorüber ist, fliegen wieder in den Busch und tauchen ihre durstigen Schnäbel ins Wasser. Mit dem Löschen ihres Durstes beschäftigt, bemerken sie nicht, daß ihr Feind nicht mehr auf der Oberfläche ist. Ein jähes Plätschern, das Hervorschießen eines mächtigen Paares von Kinnbacken unter dem Busche und das Verschlingen einiger Dutzend Schlachtopfer ist das unerwartete Zeichen der Wiederkehr des Krokodiles, das listig untergetaucht und unter dem Schutze des Wassers zurückgeschwommen ist. Ich habe die Krokodile diese Jagdweise beständig ausführen sehen; sie täuschen durch einen verstellten Rückzug und greifen dann von unten an.« Ich zweifle nicht im geringsten an der buchstäblichen Wahrheit der Mitteilung Bakers, daß auch Vögel von Finkengröße einem erwachsenen Krokodile zum Opfer fallen, da Day in den von ihm untersuchten Magen des unserer Art sehr ähnlichen Sumpfkrokodiles nicht allein Fischotter-, Vögel-, Schlangen-, auch Giftschlangen-, sondern sogar Wasserkäferreste fand. Das Nilkrokodil wird ebensowenig wie jenes kleine, unbedeutende Beute verschmähen, zieht jedoch ergiebige Bissen bei weitem vor. Seine Jagd gilt selbst großen Säugetieren: es reißt Esel, Pferde, Rinder und Kamele in die Tiefe des Stromes hinab. An beiden Hauptadern des Nils verlieren die Hirten regelmäßig mehrere ihrer Schutzbefohlenen im Laufe des Jahres; am Blauen Fluß sahen wir ein geköpftes Rind liegen, dessen Eigentümer uns jammernd erzählte, daß vor wenigen Minuten ein »Sohn, Enkel und Urenkel des von Allah Verfluchten« das trinkende Tier erfaßt und ihm den Kopf abgebissen habe. Wie das Raubtier mit seinen spröden, gleich Glas abspringenden Zähnen solches zu tun imstande ist, vermag ich noch heute nicht zu begreifen, weil ich mir ungeachtet der furchtbaren Bewaffnung des Rachens eine so gewaltige Kraftäußerung kaum erklären kann. Daß das Krokodil selbst Kamele überwältigt, davon habe ich mich später überzeugen können: einem am Weißen Fluß, Khartum gegenüber, zur Tränke gehenden Kamel wurde während meiner Anwesenheit in der Stadt ein Bein abgerissen, und gelegentlich meiner Reise auf dem Blauen und Weißen Fluß sah ich, daß die Hirten Ostsudans beim Tränken ihrer Kamele stets die Vorsicht gebrauchten, sie unter großem Geschrei und ganze Herden auf einmal in den Strom zu treiben, um die Krokodile durch den Lärm und das Getümmel zu verscheuchen. Kleinere Herdentiere, Rinder, Pferde, Esel, Schafe und Ziegen tränkt man da, wo gefährliche Krokodile hausen, niemals im Strom, sondern in neben demselben aufgedämmten Becken und Teichen, die die Hirten erst mühselig mit Wasser füllen müssen, oder bildet aus dichten Dornenhecken im Fluß einen gegen dessen Mitte abgeschlossenen, vor den gefürchteten Räubern gesicherten Tränkplatz.

Gefährlicher als durch den Schaden, den es an den Herden anrichtet, wird das Krokodil durch seinen Menschenraub. Im ganzen Sudan gibt es nicht ein einziges Dorf, aus dem durch die Krokodile nicht schon Menschen geraubt worden wären; alljährlich geschehen Unglücksfälle, und wenn die Reisenden nicht viel davon zu erzählen wissen, so erklärt sich dies dadurch, weil sie sich nicht besonders danach erkundigen. Dem Fremden, der fragt, wissen die alten Leute zu erzählen, daß das Krokodil den und den, Sohn des und des, Nachkommen von dem und dem, außer ihm aber noch verschiedene Pferde, Kamele, Maultiere, Esel, Hunde, Schafe, Ziegen in die trüben Fluten hinabgezogen und gefressen oder ihnen wenigstens ein Glied abgerissen habe. Die meisten Menschenopfer werden der Panzerechse, wenn die Eingeborenen in den Fluß waten, um Wasser zu schöpfen. Selbst an den Wasserplätzen großer Ortschaften und Städte treiben sich die gefährlichen Raubtiere umher: während meines Aufenthaltes in Khartum wurde ein Knabe wenige Schritte vom Hause seiner Eltern geraubt, ertränkt, nach der mitten im Strome liegenden Sandbank geschleppt und hier vor den Augen meiner Diener verschlungen.

Alle klügeren Tiere kennen das Krokodil und seine Angriffsweise. Wenn die Nomaden der Steppe mit ihren Herden und Hunden an den Fluß kommen, haben sie mit den letzteren oft große Not, verlieren auch regelmäßig einige der trefflichen Tiere, weil diese noch keine Erfahrung gesammelt haben. Hunde dagegen, die in den Dörfern am Strom groß geworden sind, fallen dem Krokodil selten zum Opfer. Sie nähern sich, wenn sie trinken wollen, stets mit äußerster Vorsicht dem Wasserspiegel, beobachten denselben genau, trinken einige Tropfen, kehren eilig zum Uferrande zurück, bleiben längere Zeit hier stehen, sehen starr auf das Wasser herab, nahen sich wiederum unter Beobachtung derselben Vorsichtsmaßregeln, trinken nochmals und fahren so fort, bis sie ihren Durst gestillt haben. Ihr Haß gegen das Krokodil offenbart sich, wenn man ihnen eine größere Eidechse zeigt: sie weichen vor einer solchen zurück wie Affen vor einer Schlange und bellen wütend.

Nächst den lebenden frißt das Krokodil alle toten Tiere, die den Fluß hinabschwimmen. Ich bin durch dasselbe mehrere Male wertvoller Vögel, die nach dem Schuß in den Strom stürzten, beraubt und dann jedesmal von neuem an den Racheschwur erinnert worden, den ich gelegentlich eines Zusammentreffens mit ihm, das unheilvoll für mich hätte werden können, geleistet und, soviel in meinen Kräften stand, auch gehalten habe. Jede von meiner Hand abgesendete Büchsenkugel, die während meiner zweiten Reise im Sudan die Panzerhaut eines dieser Ungetüme durchbohrt hat, war nur ein Werkzeug meiner Rache. Khartum gegenüber hatte ich mein Zelt aufgeschlagen, einige Tage lang gejagt und einmal gegen Abend einen Seeadler angeschossen, der noch bis zum Strom flatterte und hier auf das Wasser fiel. Der mir damals wertvoll erscheinende Vogel trieb mit den Wellen dicht am Ufer hin und näherte sich einer nach der Mitte sich wendenden Strömung, die mir ihn entführt haben würde. Da erschien ein Araber, und ich bat ihn, den Vogel für mich zu fischen. »Bewahre mich der Himmel, Herr«, antwortete er mir, »hier gehe ich nicht in das Wasser; denn hier wimmelt es von Krokodilen. Erst vor wenig Wochen haben sie zwei Schafe beim Tränken erfaßt und in die Wellen gerissen; einem Kamele bissen sie ein Bein ab; ein Pferd entrann ihnen mit genauer Not.« Ich versprach dem Manne reiche Belohnung, schalt ihn Feigling und forderte ihn auf, als Mann sich zu zeigen. Er erwiderte ruhig, daß er, wenn ich ihm »alle Schätze der Welt« geben könne, diese nicht verdienen wolle. Unwillig entkleidete ich mich selbst, sprang in den Strom und watete und schwamm auf meinen Vogel zu. Laut auf schrie der Araber: »Herr, um der Gnade und Barmherzigkeit Allahs willen, kehre um, ein Krokodil!« Erschrocken eilte ich nach dem Ufer zurück. Von der andern Seite des Stromes her kam ein riesiges Krokodil, die Panzerhöcker über der Oberfläche des Wassers zeigend; schnurgerade schwamm es auf meinen Vogel zu, tauchte dicht vor ihm in die Tiefe, öffnete den Rachen, der mir groß genug schien, auch meinerseits darin Platz zu finden, nahm mir die Beute vor den Augen weg und verschwand mit ihr in den trüben Fluten. Ein zweites schwamm später schnurstracks auf einen Nimmersatt zu, dessen sich mein Diener von der andern Seite her bemächtigen wollte, und würde möglicherweise, anstatt des Vogels, Jagd auf den Mann gemacht haben, hätte ich ihm nicht rechtzeitig durch eine wohlgezielte Kugel diesen und alle ferneren Angriffe verleidet. Andere ließen sich nicht einmal durch Schüsse von ihrer bereits ins Auge gefaßten Beute abbringen. Zuweilen vergreifen sie sich sogar an ungenießbaren Dingen, die im Strom treiben. Ein mit Luft oder Wasser gefüllter Lederschlauch, wie die Sudaner ihn verwenden, kann ihnen, laut Baker, unter Umständen als Beutestück erscheinen und dem Träger des Schlauches das Leben retten.

Zu der frechen Dreistigkeit, die das Krokodil betätigt, solange es sich im Wasser befindet, steht die erbärmliche Feigheit, die es auf dem Lande zeigt, im geraden Gegensatz. Höchst selten entfernt es sich weiter als hundert Schritte vom Flußufer, und regelmäßig stürzt es diesem bei anscheinender Gefahr schnurgerade wieder zu. Beim Erscheinen eines Menschen ergreift es stets mit größter Eile die Flucht; niemals denkt es daran, einen Menschen landeinwärts zu verfolgen. Hundertmal habe ich mir den Spaß gemacht, Krokodile plötzlich zu überraschen, und stets gesehen, daß sie sich, ganz wie bei uns zulande die Frösche, mit ängstlicher Hast in den Fluß stürzten. Einer meiner Diener wollte sich im Dämmerlichte des Morgens hinter einem nahe am Strome liegenden Baumstamm gegen Wildgänse anschleichen und erschrak nicht wenig, als der vermeintliche Baumstamm plötzlich zum Krokodil wurde. Glücklicherweise benahm sich die wahrscheinlich nicht minder als mein Diener erschrockene Panzerechse wie immer: anstatt auf den herankriechenden Mann loszustürzen, suchte sie sich selbst zu retten. Dieselbe Ängstlichkeit beweist das Tier sogar dann, wenn man ihm den Weg zum Fluß abschneidet: es bemüht sich nunmehr, den ersten, besten Schlupfwinkel zu erreichen, um hier sich zu sichern. Bei einem Jagdausfluge in den Wäldern des Blauen Flusses wurden wir eines Morgens durch ein etwa dritthalb Meter langes Krokodil, das im Walde vor uns aufging, sehr überrascht, noch mehr aber dadurch, daß das Tier sofort dem nächsten größeren Busch zuflüchtete. In ihm verhielt es sich vollkommen regungslos, so daß es uns nicht möglich wurde, es zu Gesicht zu bekommen und unsere Absicht, ihm eine Kugel durch den Leib zu jagen, auszuführen.

Wahrscheinlich unternimmt das Krokodil derartige Ausflüge über Land nur des Nachts, vielleicht in der Absicht, ein anderes Gewässer aufzusuchen. Um zu jagen, verläßt es, wie bemerkt, den Fluß gewiß nicht; wenigstens habe ich nie das Gegenteil beobachtet oder davon gehört. Während der Regenzeit folgt es den Regenströmen, die bald darauf versiegen, und geht in ihnen zuweilen so weit, daß es infolge der rasch eintretenden Dürre von seinem Hauptstrom abgeschnitten und genötigt wird, sich so gut wie möglich zu verbergen und die nächsten Regen abzuwarten. Anfänglich wandert es von einer Lache zur andern; später hält es sich wochenlang in derjenigen auf, die noch etwas Wasser hat, gleichviel ob dieselbe zu seiner Größe im Einklang steht oder nicht, so daß man zuweilen in einer unbedeutenden seichten Pfütze wahre Riesen bemerkt; endlich, wenn auch hier das Wasser vertrocknet, gräbt es sich in den Schlamm ein. Dr. Penney überschritt als Begleiter einer Sklavenjagd mit seinen Leuten einen Regenstrom, dessen Mündung noch etwa zwanzig Kilometer vom Blauen Fluß entfernt war. Wegen Wassermangels wurde in dem jetzt trockenen Bett des Regenstroms ein Schacht ausgetieft, der das notwendige Wasser zu liefern versprach. Als die Arbeiter etwa zweieinhalb Meter tief gegraben hatten, sprangen sie entsetzt aus der Tiefe empor und riefen den alles wissenden Oberstabsarzt zu Hilfe, weil sich in der Grube ein »graues Ding« hin und her bewege. Die genauere Untersuchung stellte heraus, daß man es mit der Schwanzspitze eines lebenden, sehr großen Krokodils zu tun habe. Ein zweiter Schacht, den man in der Kopfgegend eingrub, ermöglichte es, dem Ungeheuer mit einer Lanze den Genickfang zu geben. Nunmehr grub man es vollends aus und fand, daß es fünf Meter maß. Der Regenstrom heißt infolge dieser Begebenheit noch heutigentags » Chor el Timsach« oder Krokodilregenstrom.

Krokodile von dreieinhalb Meter Länge sind bereits fortpflanzungsfähig; Weibchen dieser Größe legen aber weniger und kleinere Eier als die vollkommen ausgewachsenen, die eine Länge von fünf bis sechs Meter erreichen. Während der Paarungszeit verbreiten die Krokodile, hauptsächlich wohl die männlichen, einen so starken Moschusgeruch, daß man unter Umständen von ihrem Vorhandensein durch die Nase eher unterrichtet wird als durch das Auge, oder den Moschusdunst auf Inseln noch dann wahrnehmen kann, wenn die Tiere letztere bereits wieder verlassen haben. Von etwaigen Kämpfen zwischen verliebten Männchen habe ich nichts vernommen, dagegen wiederholt erzählen hören, daß die Begattung auf Sandinseln erfolge und das Weibchen dabei vom Männchen erst auf den Rücken gewälzt und später wieder umgedreht werde. Die Anzahl der Eier, die in Gestalt und Größe Gänseeiern ähneln, jedoch durch ihre weiche, rauhe Kalkschale sich von diesen unterscheiden, schwankt zwischen zwanzig und neunzig Stück; ihrer vierzig bis sechzig mögen im Mittel ein Gelege bilden. Sie werden von dem Weibchen auf Sandinseln in eine tiefe Grube gelegt und vermittels des Schwanzes mit Sand bedeckt. Es soll alle Spuren seiner Arbeit so sorgfältig verwischen, daß man die Eiergrube nur an den über ihr sich sammelnden Fliegen zu erkennen imstande ist. Auch die Sudaner behaupten, daß die Krokodilmutter ihre Eier bewache und den auskriechenden Jungen behilflich sei, ihnen aus dem Sand heraushelfe und sie dem Wasser zuführe: wie viel hieran wahr ist, vermag ich nicht zu sagen. Die Jungen haben beim Ausschlüpfen eine Länge von ungefähr zwanzig Zentimeter und nehmen im Laufe ihres ersten und zweiten Lebensjahres etwa um je zehn Zentimeter, in jedem nachfolgenden Jahre dagegen um fünfzehn bis zwanzig Zentimeter zu, bis sie eine Gesamtlänge von vielleicht drei Meter erreicht haben; von dieser Zeit an scheint ihr Wachstum sich je länger, je mehr zu verlangsamen, so daß man, einer auf die Angaben der Eingeborenen begründeten Schätzung nach, das Alter fünf bis sechs Meter langer Tiere wohl auf hundert Jahre veranschlagen darf. Wie alt sie überhaupt werden, läßt sich kaum bestimmen.

In früheren Zeiten wurden, wie uns Herodot mitteilt, Krokodile von den Unterägyptern in Gefangenschaft gehalten. »Manche Ägypter«, sagt der Vater der Geschichte, »sehen in den Krokodilen heilige Tiere, andere ihre schlimmsten Feinde; jene wohnen um den See von Möris, diese um Elefantine. Erstere nähren ein Krokodil und zähmen es in so hohem Grade, daß es sich betasten läßt. Man bemüht sich, ihm ein prächtiges Leben zu verschaffen, hängt ihm Ringe von geschliffenen Steinen und Gold in die Ohren, ziert seine Vorderfüße mit goldenen Armbändern und füttert es mit Mehlspeisen und Opferfleisch. Nach dem Tode wird es einbalsamiert und in ein geweihtes Grab gesetzt. Solche Begräbnisse befinden sich in den unterirdischen Gemächern des Labyrinths am See Möris, nicht weit von der Krokodilstadt.« Strabo vervollständigt diese Angaben. »Die Stadt Arsinoë in Ägypten wurde in früheren Zeiten Krokodilstadt genannt, weil in dieser Gegend das Krokodil hoch geehrt wird. Man hält hier in einem See ein einzelnes Krokodil, das gegen die Priester durchaus zahm ist. Es heißt Suchos. Die Fütterung besteht in Fleisch, Brot und Wein, und solches Futter bringen die Fremden, die es sehen wollen, immer mit. Mein Gastwirt, ein sehr geachteter Mann, der uns die dortigen heiligen Dinge zeigte, ging mit uns an den See. Er hatte einen kleinen Kuchen, gebratenes Fleisch und ein Fläschchen Honigwein mitgenommen. Wir fanden das Tier am Ufer liegend. Die Priester gingen zu ihm hin, öffneten ihm den Rachen, einer steckte den Kuchen hinein, dann das Fleisch und goß den Wein hinterher. Nun sprang das Tier in den See und schwamm ans jenseitige Ufer. Unterdessen kam wieder ein anderer Fremder, der eine gleiche Gabe brachte. Die Priester nahmen das neue Futter, gingen um den See herum und gaben es dem Tiere auf dieselbe Art.« Wie Plutarch noch mitteilt, kennen die Krokodile nicht bloß die Stimme, die sie zu rufen pflegt, sondern lassen sich angreifen, auch die Zähne putzen und mit einem Stücke Leinwand abreiben. Diodorus Siculus endlich gibt uns den Grund an, weshalb das Tier heilig gehalten und ihm göttliche Ehre erwiesen wurde. »Es wird gesagt, daß sowohl die Größe des Nils wie die Menge der in ihm hausenden Krokodile die arabischen und libyschen Räuber abhält, über den Strom zu schwimmen. Andere erzählen, einer von den alten Königen, namens Menas, sei von seinen eigenen Hunden verfolgt worden und in den See Möris geflüchtet, woselbst er wunderbarerweise von einem Krokodile aufgenommen und auf die andere Seite getragen worden sei. Um nun diesem Tiere für seine Rettung den gebührenden Dank abzustatten, habe er in der Nähe des Sees eine Stadt gebaut und sie Krokodilstadt genannt, auch den Einwohnern geboten, die Krokodile als Götter zu verehren. Er sei es auch gewesen, der hier eine Pyramide und das Labyrinth errichtet habe.«

Wie innig die Verehrung des Tieres gewesen sein soll, geht aus einer Erzählung von Maximus Tyrius hervor: »In Ägypten zog einst ein Weib ein Krokodil auf und ward deshalb wie der Gott selber hoch verehrt. Ihr Kind, ein Knabe, lebte und spielte mit dem Krokodile, bis dieses, größer und stärker geworden, endlich den Spielgenossen auffraß. Das unglückselige Weib aber pries fortan das Glück ihres Sohnes, weil er von einem Gotte verspeist worden war.«

Jung eingefangene Krokodile werden bald ebenso zahm wie Eidechsen, lassen sich aber nach einiger Zeit berühren oder in die Hand nehmen, ohne zu blasen oder zu fauchen, gewöhnen sich an einen bestimmten Ruf, nehmen ihnen vorgehaltenes Futter aus der Hand und sind dann sehr niedlich. Daß sorgsam aufgezogene, gewissermaßen erzogene Tiere auch im höheren Alter so mild und freundlich bleiben, als einem Krokodile überhaupt möglich, läßt sich mit Bestimmtheit annehmen, und die Erzählungen der Alten sind daher sicherlich weder übertrieben noch ausgeschmückt.

Die alten Ägypter betrieben, laut Herodot, die Jagd auf Krokodile in verschiedener Weise. Der Jäger warf ein großes Stück Schweinefleisch, in dem eine Angel befestigt war, in den Strom, hielt sich am User verborgen und nötigte ein Ferkel durch Schläge zum Schreien. Dieses Geschrei lockte das Krokodil herbei; es verschlang das Schweinefleisch und wurde mit Hilfe der Angel an das Land gezogen. Hier verschmierte der Jäger ihm zunächst die Augen mit Schlamm, um sich vor seinen Angriffen zu sichern; dann wurde es in aller Gemächlichkeit abgetan. Heutigestags wird diese Jagd nicht mehr betrieben, wohl aber eine andere, die kaum weniger Mut erfordert. Sie ist zuerst von Rüppel beschrieben, mir aber ebenfalls von mehreren Seiten genau ebenso geschildert worden. Die Jagd beginnt, wenn die Ströme fallen und Sandbänke, auf denen die Krokodile schlafen und sich sonnen, bloßlegen. Der Jäger merkt sich die gewöhnliche Schlafstelle, gräbt sich unter dem herrschenden Winde, also gewöhnlich im Süden derselben, ein Loch in den Sand, verbirgt sich hier und wartet, bis das Tier herausgekommen und eingeschlafen ist. Seine Waffe ist ein Wurfspieß, dessen eiserne, dreiseitige, mit Widerhaken versehene Spitze vermittels eines Ringes und zwanzig bis dreißig haltbaren, voneinander getrennten, in gewissen Abschnitten aber wieder vereinigten Schnuren an dem Stiele befestigt wird, während letzterer wiederum mit einem leichten Klotze verbunden wurde. »Die hauptsächlichste Geschicklichkeit des Jägers besteht darin, den Wurfspieß mit so großer Kraft zu schleudern, daß das Eisen den Panzer durchbohrt und ungefähr zehn Zentimeter tief in den Leib der Tiere eindringt. Beim Wurfe wird der Stiel der Lanze, in dem die eiserne Spitze nur lose eingelassen ist, von dieser getrennt und fällt ab. Das verwundete Krokodil bleibt nicht müßig, schlägt wütend mit seinem Schwanze und gibt sich die größte Mühe, den Strick zu zerbeißen; die einzelnen Teile desselben legen sich aber zwischen die Zähne und werden deshalb nicht oder doch nur teilweise zerschnitten. In geringeren Tiefen zeigt der obenauf schwimmende Stiel, in größeren der leichte Holzklotz den Weg an, den das Tier geht. Auf ihm verfolgt es der Jäger von einem kleinen Boote aus so lange, bis er glaubt, am Ufer eine geeignete Landungsstelle gefunden zu haben. Hier zieht er es mit Hilfe eines Strickes zur Oberfläche des Wassers empor, gibt ihm, wenn das Eisen nicht ausläßt, mit einer scharfen Lanze den Genickfang oder schleift es ohne weiteres ans Land. Hätte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen, so würde es mir unglaublich vorkommen, daß zwei Menschen ein fast fünf Meter langes Krokodil aus dem Wasser ziehen, ihm dann zuerst die Schnauze zubinden, hierauf die Füße über dem Rücken zusammenknebeln und endlich es mit einem scharfen Eisen durch Teilung des Nervenstranges töten.«

Europäer, Türken und Mittelägypter wenden zu ihrer Jagd das Feuergewehr an. Ich habe mehr als hundert Krokodilen eine Kugel zugesandt, niemals aber beobachtet, daß diese Kugel, wie oft behauptet worden ist, abgeprallt wäre. Dagegen ist allerdings begründet, daß nur die wenigsten Kugeln das Krokodil augenblicklich töten. Seine Lebenszähigkeit ist außerordentlich groß; selbst das tödlich verwundete Krokodil erreicht in den meisten Fällen den Strom und ist dann für den Jäger verloren. Mehrere von denen, denen ich die Kugel durch das Gehirn jagte, peitschten das Wasser wie rasend, schossen dicht unter der Oberfläche desselben hin und her, bekamen dann Zuckungen, rissen den Rachen weit auf, ließen einen unbeschreiblichen Schrei hören und versanken endlich in den trüben Fluten. Nach einigen Tagen kamen sie zum Vorschein, aber bereits so weit verwest, daß sie unbrauchbar waren. Eines Tages lag ich in einer mit Matten und Sand überdeckten Hütte auf einer Bank des Blauen Flusses auf dem Anstand, um Kraniche zu erlegen. Noch ehe die Vögel erschienen, zeigte sich, kaum fünfzehn Schritte von mir entfernt, ein Krokodil von etwa fünf Meter Länge, kroch langsam aus dem Wasser heraus und legte sich sechs Meter von mir auf den Sand zum Schlafen nieder. Ich unterdrückte alle Gefühle der Rache, um es zu beobachten, und gedachte ihm nach einiger Zeit die wohlverdiente Kugel zuzusenden. Ein Kranich, der erschien, rettete ihm zunächst das Leben; die Büchse wurde auf dieses mir wertvollere Tier gerichtet. Das Krokodil hatte den Knall vernommen, ohne sich ihn erklären zu können, und war so eilig als möglich dem Wasser zugestürzt; kaum aber hatte ich den erlegten Kranich herbeigeholt und meine Büchse von neuem geladen, als es wieder, und zwar genau auf derselben Stelle erschien. Jetzt zielte ich mit aller Ruhe auf seine Schläfe, feuerte und sah mit Vergnügen, daß das Ungeheuer nach dem Schusse mit gewaltigem senkrechten Satze aufsprang, schwer zu Boden stürzte und hier regungslos liegen blieb. Betäubender Moschusgeruch erfüllte buchstäblich die Luft über der ganzen Sandbank, und mein am andern Ende derselben ebenfalls im Erdloche sitzender Diener Tomboldo sprang jubelnd aus seinem Verstecke hervor, um mir die Bitte vorzutragen: »Bester Herr, mir die Drüsen, mir den Moschus für mein Weib, damit ich diesem doch auch etwas mit heimbringe von der Reise«. Wir umstanden das erlegte Tier, dessen ganzer Körper noch zitterte und zuckte. »Nimm dich vor dem Schwanze in acht«, warnte Tomboldo, »und gib ihm lieber noch eine Kugel, damit es uns nicht entrinne.« Letzteres hielt ich nun zwar für unmöglich, erfüllte jedoch trotzdem den Wunsch meines treuen Schwarzen, hielt dem Krokodile die Mündung der Büchse beinahe vors Ohr und jagte ihm die zweite Kugel in den Kopf. In demselben Augenblicke bäumte es hoch auf, warf uns mit dem Schwanze Sand und Kieselsteine ins Gesicht, zuckte krampfhaft mit allen Gliedern und rannte plötzlich, als sei es unverwundet, dem Strome zu, alle Aussicht auf Moschusgewinnung vereitelnd. Nach Versicherung Heuglins wirkt in großer Nähe ein Schuß mit groben Schroten noch sicherer als die Kugel. »Wahre Riesenkrokodile«, sagt mein inzwischen heimgegangener Reisegefährte, »haben wir mit der Büchse durch und durch geschossen, und sie eilten trotzdem behend dem Wasser zu, bis ein Hagel von groben Schroten sie auf der Stelle niederstreckte.«

Die Moschusdrüsen sind es, die den heutigen Sudanern als der größte Gewinn erscheinen, den sie aus dem Leichnam eines erlegten Krokodils zu ziehen wissen. Man verkaufte sie zur Zeit meines Aufenthalts zu vier bis sechs Speziestalern, einer Summe, für die man sich damals in derselben Gegend zwei halberwachsene Rinder erwerben konnte. Denn vermittels dieser Drüsen verleihen die Schönen Nubiens und Sudans ihrer Haar- und Körpersalbe den Wohlgeruch, der sie so angenehm macht in den Augen, bezüglich den Nasen der Männer und sie in der Tat sehr zu ihrem Vorteile auszeichnet vor den Frauen der mittleren Nilländer, die das wollige Gelock ihres Hauptes mit Rizinusöl salben und deshalb mindestens dem Europäer jede Annäherung auf weniger als dreißig Schritte verleiden. Diese Moschusdrüsen geben dem ganzen Krokodile einen so durchdringenden Geruch, daß es unmöglich ist, das Fleisch älterer Tiere zu genießen. Ich habe mehrmals Krokodil-Wild versucht, jedoch nur von dem jungen Tier einige Bissen hinabwürgen können. Die Eingeborenen freilich denken anders; ihnen erscheinen Fleisch und Fett der Panzerechsen als besondere Leckerbissen.

Ein Krokodil, das ich vom Schiffe aus kurz vor unserer Ankunft im Städtchen Wolled-Medineh tötete und mit mir nahm, fand ich bei meiner Rückkunft von einem Jagdausfluge bereits zerlegt und von den vielen Eiern, die es im Leibe hatte, nur noch ihrer sechsundzwanzig übrig; denn die Matrosen hatten es nicht über sich vermocht, dem Anblicke dieses köstlichen Leckerbissens zu widerstehen, sondern bereits eine, wie sie sagten, vortreffliche Mahlzeit gehalten. Am folgenden Tage wurde mit zwei Vierteilen des Beutevorrats der Markt von Wolled-Medineh bezogen und das Fleisch dort in überraschend kurzer Zeit teils verkauft, teils in Merisa (ein bierähnliches Getränk) umgetauscht. Abends gab es ein Fest in der Nähe der Barke. Gegen Zusicherung eines Gerichtes Krokodilfleisches hatten sich ebensoviele Töchter des Landes, als unser Schiff Matrosen zählte, willig finden lassen, an einer Festlichkeit teilzunehmen, die erst durch die Reize der holden Mägdlein und Frauen Bedeutung und Schmuck erhalten sollte, über drei großen Feuern brodelte in mächtigen, kugelrunden Töpfen das seltene Wildbret, und um das Feuer, um die Töpfe bewegten sich die braunen Gestalten in gewohntem Tanze. Lieblich erklang die Tarabuka oder Trommel der Eingeborenen; lieblich dufteten die Schönen, denen die höflichen Anbeter vermittels einer geopferten Drüse köstliche Salbe bereitet; Liebesworte wurden gespendet und zurückgegeben, und der gute Mond und ich gingen still ihres Weges, um die Festfreude nicht zu stören. Bis spät in die Nacht hinein erklang die Trommel, bis gegen den Morgen hin währte der Tanz; man speiste vergnügt ein Gericht Krokodil und trank köstliche Merisa dazu, bot auch mir von beiden an und wunderte sich nicht wenig, daß ich das erstere so entschieden verschmähte.

Im Altertum wurde auch aus dem erlegten Krokodil mancherlei Arznei gewonnen. Sein Blut galt als ein vortreffliches Mittel gegen Schlangengift, vertrieb auch Flecken auf den Augen; die aus der Haut gewonnene Asche sollte Wunden heilen, das Fett außerdem gegen Fieber, Zahnweh, Schnakenstiche schützen, ein Zahn, als Amulett am Arme getragen, noch besondere Kräfte verleihen. Auch hiervon hört man heutigestags nichts mehr. Gewissen Teilen des Krokodiles schreibt man aber allgemein noch eine Stärkung derjenigen Kräfte zu, die alle in Vielweiberei lebenden Männer für die wünschenswertesten ansehen und deren Erhaltung sie mit den verschiedenartigsten Mitteln zu erreichen streben.

Nicht alle Krokodile wurden von den alten Ägyptern mit so großen Ehren bestattet wie diejenigen, deren Mumien man in den Gräbern von Theben findet, und an denen man, laut Geoffroy, sogar noch die Löcher bemerkt, in denen sie Ringe trugen; denn diejenigen, die wir in der Höhle von Maabde bei Monfalut untersuchten, waren einfach in pechdurchtränkte Leinentücher gehüllt. Jene Höhle liegt am rechten Nilufer auf der ersten Hochebene, die man betritt, nachdem man die Uferberge erstiegen. Ein kleiner, von einem mächtigen Felsblocke überdachter Schacht von drei bis vier Meter Tiefe, vor dessen Eingang Knochen, Muskeln und Leinwandfetzen von Krokodilen und Mumien zerstreut umherliegen, bildet den Eingang und geht bald in einen längeren Stollen über, den der wißbegierige Forscher auf Händen und Füßen durchkriechen muß. Der Gang führt in eine weite und geräumige Höhle, in der Tausende und aber Tausende von Fledermäusen ihre Herberge aufgeschlagen haben. Von der ersten größeren Grotte, die man erreicht, laufen höhere und niedere, längere und kürzere Gänge nach allen Seiten hin aus. In einem der größeren Grottengewölbe bemerkt der Besucher einen ziemlich hohen Hügel und erfährt bei genauerer Besichtigung, daß derselbe aus Menschenleichnamen besteht. Etwas weiter nach hinten, in einem zweiten, noch größeren Gewölbe, liegen die Mumien der Krokodile, Tausende über Tausende geschichtet, solche von allen Größen, die Mumien von riesenhaften Ungeheuern und eben ausgeschlüpften Jungen, selbst eingetrocknete mit Erdpech getränkte Eier. Alle größeren Krokodile sind mit Leinwand umhüllt und insofern besonders behandelt worden, als man sie einzeln beisetzte, während die kleineren zwar mit derselben Sorgsamkeit eingepackt, aber zu sechzig bis achtzig Stück in langen, an beiden Enden zugespitzten und zusammengebundenen Körben aus Palmzweigen hereingebracht und aufbewahrt wurden. Genau in derselben Weise hat man auch die Eier eingepackt. Wenn man diese Berge von Leichnamen der heiligen Tiere betrachtet, kommt der Gedanke ganz von selbst, daß es mit der Heilighaltung der Krokodile eine eigentümliche Bewandtnis haben mußte, daß die alten Ägypter die Krokodile eher fürchteten als verehrten und sie auf jede Weise zu vermindern suchten. Alle die Ungeheuer, deren Leichname man hier liegen sah, waren gewiß nicht eines natürlichen Todes verblichen, vielmehr getötet und dann einbalsamiert worden, gleichsam um sie wegen des Mordes zu versöhnen.

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Die Alligatoren ( Alligator) bilden die letzte Sippe der Familie und unterscheiden sich dadurch von den bisher geschilderten Verwandten, daß bei ihnen der Oberkiefer zur Aufnahme des jederseitigen vierten Unterkieferzahnes nicht Ausschnitte, sondern ebenfalls Gruben besitzt. Die Anzahl der Zähne beträgt wenigstens achtzehn in jedem Kiefer, kann aber bis zu zweiundzwanzig in jedem Ober- und zwanzig in jedem Unterkiefer, somit bis zu vierundachtzig ansteigen.

siehe Bildunterschrift

Alligator oder Hechtkaiman ( Aligator mississippiensis)

Der Alligator oder Hechtkaiman ( Alligator mississippiensis) kennzeichnet sich, laut Strauch, durch die breite, flache, parabolische, auf der Oberfläche fast glatte, der eines Hechtes sehr ähnliche Schnauze, die knöcherne Nasenscheidewand, die auch äußerlich als ziemlich breite, beide Nasenlöcher trennende Längsleiste erscheint, sowie die Genickbeschilderung, die aus zwei nebeneinander liegenden, und die Nackenbeschilderung, die aus sechs paarweise in drei aufeinander folgenden Querreihen gelagerten Schildern besteht, in allen Altersstufen so scharf, daß er mit den übrigen Arten seiner Sippe nicht verwechselt werden kann. Seine Länge kann bis gegen fünf Meter betragen; die Färbung der Oberseite ist gewöhnlich ein schmutziges Ölgrün, das hier und da dunklere Flecke zeigt, die der Unterseite ein unreines Lichtgelb.

Das Verbreitungsgebiet des Hechtkaimans beschränkt sich auf die südlichen Vereinigten Staaten Nordamerikas und reicht nach Norden hin bis zum fünfunddreißigsten Grade. In fast allen Flüssen, Bächen, Seen und Sümpfen von Südkarolina, Georgia, Florida, Alabama, Mississippi und Louisiana ist er sehr gemein; weiter nach Norden hin wird er seltener, bis er allmählich verschwindet. In den gedachten Flüssen sieht man, laut Audubon, dessen Schilderung ich dem Nachstehenden zugrunde lege, an den schlammigen Ufern und auf großen treibenden Baumstämmen die Alligatoren sich sonnen oder den Strom nach Nahrung durchschwimmen. In Louisiana sind alle Sümpfe, Buchten, Flüsse, Teiche, Seen voll von diesen Tieren; man bemerkt sie überall, wo sie Wasser genug haben, um in ihm Nahrung zu finden und sich in ihm zu verbergen, so bis an die Mündung des Flusses Arkansas hinab, östlich bis Nordkarolina und westlich allerorten. Auf dem Roten Flusse waren sie, bevor derselbe mit Dampfbooten befahren wurde, so überaus häufig, daß man sie zu Hunderten längs der Ufer oder auf den ungeheuren Flößen von Treibholz bemerkte. Die kleinen lagen oder saßen auf dem Rücken der größeren, und zuweilen hörte man von ihnen ein Gebrüll, wie von tausend wütenden Stieren, die einen Kampf beginnen wollten. Sie waren, wie überhaupt in Nordamerika, so wenig menschenscheu, daß sie sich kaum um das Getriebe auf dem Flusse oder am Ufer bekümmerten, daß sie, wenn man nicht nach ihnen feuerte oder sie absichtlich verscheuchte, Boote in einer Entfernung von wenigen Meter an sich vorüberfahren ließen, ohne dieselben im geringsten zu beachten. Nur in brackigen Wässern zeigten oder zeigen sie sich seltener.

Auf dem Lande bewegt sich der Alligator gewöhnlich langsam und verdrossen. Sein Gang ist ein mühsames Gezappel; ein Bein um das andere wird schwerfällig vorwärts bewegt, der wuchtige Leib kommt fast in Berührung mit der Erde, und der lange Schwanz schleppt im Schlamme nach. So entsteigt er dem Wasser, so kriecht er auf Feldern oder in Wäldern umher, um einen andern Nahrung versprechenden Wohnort oder einen tauglichen Platz für seine Eier zu suchen. Wie langsam er sich bewegt, geht aus folgender Beobachtung hervor. Audubon traf am Morgen einen etwa vier Meter langen Alligator etwa dreißig Schritte von einem Teiche entfernt, anscheinend im Begriffe, einem andern, im Gesichtskreise liegenden Gewässer zuzuwandern. Mit Beginn der Abenddämmerung hatte das Tier etwa sechshundert Schritte zurückgelegt; weiter war es nicht gekommen. Auf dem Lande zeigen sie sich, wahrscheinlich ihrer Unbehilflichkeit halber, erbärmlich feig. Bemerken sie bei ihren Wanderungen von einem Gewässer zum andern einen Feind, so ducken sie sich, so gut sie können, auf den Boden nieder, die Schnauze dicht gegen denselben auflegend, und verharren regungslos in derselben Lage, die sie einmal annehmen, nur mit den leicht beweglichen Augen den Gegner beobachtend. Nähert man sich, ihnen, so suchen sie nicht zu entfliehen, greifen auch ebensowenig an, sondern erheben sich bloß auf die Beine und fauchen, als ob sie ein Schmiedegebläse im Leibe hätten. Wer sie jetzt totschlagen will, läuft nicht die mindeste Gefahr, vorausgesetzt, daß er sich von ihrem Schwanze in angemessener Entfernung hält; denn in ihm besitzt das Tier seine größte Stärke, gewissermaßen auch seine beste Waffe. Ein Mensch, der einen kräftigen Schlag mit dem Schwanze erhält, kann dadurch getötet werden.

Im Wasser, seinem eigentlichen Elemente, ist der Alligator lebhafter und kühner. Zuweilen kommt es vor, daß er hier selbst dem Menschen zu Leibe geht. In der Regel aber meidet er diesen ängstlich, am sichersten dann, wenn er ihm gegenübertritt. In Nordamerika waten die Rinderhirten, wenn sie an ein mit Alligatoren besetztes Gewässer kommen, mit Knüppeln bewaffnet in dasselbe, um einen Weg für ihr Vieh zu bahnen oder um die gefräßigen Kriechtiere abzuhalten, demselben beim Trinken lästig zu fallen, und wenn sie gerade auf den Kopf des Alligators zugehen, haben sie auch nichts zu fürchten, können den Kopf sogar, ohne Gefahr zu laufen, mit ihrem Knüppel bearbeiten, bis die Echse weicht. Zuweilen sieht man Menschen, Maultiere und Alligatoren dicht nebeneinander im Wasser, das Vieh ängstlich bemüht, den Krokodilen zu entgehen, die Hirten beschäftigt, letztere durch Prügel in Furcht zu setzen, und die Alligatoren mit lüsternen Augen die ihnen sonst genehme Beute betrachtend, aber aus Scheu vor dem ihnen unangenehmen Prügel sich in angemessener Entfernung haltend.

Schafe und Ziegen, die ans Wasser kommen, um zu trinken, Hunde, Hirsche und Pferde, die dasselbe durchschwimmen, laufen Gefahr, von den Alligatoren ertränkt und nachträglich verzehrt zu werden; die eigentliche Nahrung der Kaimans aber sind Fische. Bei den alljährlich stattfindenden Überschwemmungen der dortigen Flüsse füllen sich die großen, seichten Seen und Moräste zu beiden Seiten derselben nicht bloß mit Wasser, sondern auch mit Fischen an, auf die nun die Alligatoren jagen. Nach dem Zurücktreten des hohen Wassers werden alle diese Seen verbindenden Wasseradern trocken gelegt und die Fische den tieferen Stellen zugetrieben; hier nun verfolgen sie die Krokodile, von einer Vertiefung oder, wie man in Amerika sagt, von einem Alligatorloche zum andern wandernd. Nach Sonnenuntergang hört man das Geräusch, das die Raubtiere mit ihrem Schwanze verursachen, auf weite Entfernung, und wenn man zur Stelle kommt, sieht man, wie sie durch die Bewegungen die Flut aufrühren und die Fische so in Angst versetzen, daß sie zu Hunderten über die Wasserfläche emporspringen, in der Absicht, ihrem grimmigsten Gegner zu entgehen, oft aber auch durch die Schwanzschläge dem zahnstarrenden Rachen zugeführt werden. Audubon belustigte sich zuweilen, den in einem Loche gerade versammelten Alligatoren eine mit Luft gefüllte Rindsblase zuzuwerfen. Ein Kaiman näherte sich derselben, peitschte sie nach sich zu oder suchte sie mit den Zähnen zu fassen: die Blase glitt aus; andere versuchten die anscheinende Beute geschickter zu fassen: und so geschah es, daß sie zuweilen förmlich Fangball mit derselben spielten. Manchmal wirft man ihnen auch eine zugestöpselte Flasche zu, die leichter gefaßt werden kann: dann hört man, wie das Glas zwischen den Zähnen knirscht und zerbricht und wünscht dem überall mit scheelen Augen angesehenen Krokodile schadenfroh eine gesegnete Mahlzeit.

Während der Begattungszeit im Frühjahr fürchtet man die Alligatoren. Der Paarungstrieb erregt sie. Die Männchen liefern sich zu Wasser und zu Lande fürchterliche Zweikämpfe, werden dadurch erbittert und scheuen sich jetzt wenig oder nicht mehr vor den Menschen, vielleicht auch deshalb nicht, weil in dieser Zeit alle Niederungen überschwemmt sind und es ihnen schwer fällt, die nunmehr vereinzelten Fische zu fangen. Geraume Zeit später legt das befruchtete Weibchen seine verhältnismäßig kleinen, weißen, mit einer harten, kalkigen Schale bedeckten Eier ab, deren Anzahl zuweilen hundert übersteigen kann; nach den übereinstimmenden Angaben Audubons, Lützelbergers und Lyells in besondere Nester, die es sich erbaut. Es wählt dazu eine passende, meist fünfzig bis sechzig Schritte vom Wasser entfernte Stelle im dichten Gesträuche oder Röhricht, trägt Blätter, Stöcke und dergleichen im Rachen herbei, legt die Eier ab und deckt sie sorgsam wieder zu. Fortan soll es beständig in der Nähe des Nestes auf Wache liegen und grimmig über jedes Wesen, das sich den Eiern nähert, herfallen. Die Wärme, die sich durch Gärung der Pflanzenstoffe entwickelt, zeitigt die Eier; die jungen Alligatoren arbeiten sich höchst geschickt durch die sie zunächst bedeckenden Pflanzen, werden von der Mutter empfangen und nunmehr dem Wasser zugeführt, gewöhnlich zunächst in kleine abgesonderte Tümpel, um sie vor dem Männchen und vor den größeren Sumpfvögeln zu sichern.

Die Zählebigkeit des Alligators erschwert seine Jagd; denn auch ihn tötet rasch nur eine Kugel, die das Hirn oder das Herz durchbohrt. Öfter als das Feuergewehr wendet man große Netze an, mit denen man die Tümpel oder Alligatorenlöcher ausfischt, die Gefangenen werden dann auf das Ufer herausgezogen und mit Äxten totgeschlagen. Einzelne Neger besitzen große Übung darin, Kaimans mit Schlingen zu fangen, werfen ihnen, wenn sie in der Nähe des Ufers schwimmen, ein Seil über den Kopf und ziehen sie daran ebenfalls aus dem Wasser heraus. Angeschossene Alligatoren bringen unter den übrigen Mitbewohnern eines Loches so große Aufregung und Furcht hervor, daß diese in der Regel auswandern oder sich doch mehrere Tage lang versteckt halten, während diejenigen, die durch einen Kugelschuß augenblicklich getötet werden, die Beachtung ihrer Gefährten in ungleich geringerem Grade auf sich ziehen. Am Roten Flusse wurden in früheren Jahren Tausende erlegt, weil Schuhe, Stiefel und Sättel von Alligatorhaut Mode geworden waren. Wandernde Indianer beschäftigten sich eine Zeitlang ausschließlich mit der Jagd dieser Tiere und würden sie ausgerottet haben, hätte man nicht in Erfahrung gebracht, daß die Häute nicht hinreichend stark und dick seien, um Feuchtigkeit genügend abzuhalten.

Diese Art der Krokodilfamilie ist es, die man in Tiergärten und Tierschaubuden sieht. Es kommen alljährlich mehrere hundert Stück lebende Alligatoren auf den europäischen Tiermarkt, und sie alle finden Abnehmer, die kleinen, eben dem Eie entschlüpften solche in Liebhabern, die sie ihrem Aquarium einverleiben und so weit zähmen, daß sie zuletzt das ihnen vorgehaltene Futter artig aus der Hand nehmen, die großen in den Tierschaubudenbesitzern, die sie so lange mit sich führen, bis sie der Mißhandlung, dem Hunger und der Kälte erliegen. Alt gefangene Kaimans verschmähen gewöhnlich das Futter, solche von anderthalb Meter Länge hingegen fressen bald, vorausgesetzt, daß man ihnen einen größeren Raum, am besten einen kleinen Teich im Garten, zur Wohnung anweist. Um sie ans Fressen zu gewöhnen, muß man ihnen anfänglich lebende Beute vorwerfen, zum Fliegen unfähige Sperlinge, die man aufs Wasser schleudert, lebende Tauben, Hühner und dergleichen; später nehmen sie dann auch rohes Fleisch an, das man mittels eines Bindfadens in Bewegung setzt, und schließlich sperren sie schon, wenn man ihnen Nahrung zeigt, den Rachen auf und lassen sich »die gebratenen Tauben ins Maul fliegen«. Bei sorgfältiger Behandlung halten sie auch im Freien die Gefangenschaft jahrelang aus; dazu gehört aber, daß sie sich im Winter hinlänglich gegen Einwirkungen der Kälte schützen, wo möglich im Schlamme vergraben und Winterschlaf halten können; im entgegengesetzten Falle überleben sie nicht einmal den ersten Winter. Übrigens glaube ich kaum, jemandem raten zu dürfen, mit der Haltung von Alligatoren sich zu befassen. Die kleinen, jungen sind zwar recht niedlich, aber jede Eidechse bereitet ihrem Pfleger mehr Vergnügen als sie, und die älteren kühlen durch die Langweiligkeit bald auch den eifrigsten Liebhaber ab.

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