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Brehms Tierleben. Band 25. Ergänzungsband 1: Käfer I

Alfred Brehm: Brehms Tierleben. Band 25. Ergänzungsband 1: Käfer I - Kapitel 4
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authorErnst Ludwig Taschenberg
titleBrehms Tierleben. Band 25. Ergänzungsband 1: Käfer I
seriesBrehms Tierleben
volumeBand 25
editorAdolf Meyer
year1927
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Erste Ordnung. Die Käfer ( Coleoptera)

Beißende Mundteile, eine freie Vorderbrust, ein angewachsener Hinterleib und zu Decken erhärtete Vorderflügel, die eine Naht bilden, sind die äußerlichen Kennzeichen, eine vollkommene Verwandlung die Entwicklungsweise der Käfer.

Der Kopf steht in den seltensten Fällen frei vor dem Halsschilde, sondern ist mehr oder weniger tief in dasselbe eingelassen und daher in seiner Beweglichkeit verschiedenartig beschränkt. Auf seine Anheftungsweise und auf seine Gestalt, von der die Verlängerung der vorderen Gegend zu einem Rüssel als die auffälligste erwähnt sein mag, begründen sich die mannigfachen Unterschiede. Hinsichtlich der beißenden Mundteile wurde oben das Nötige gesagt, in bezug auf die Käfer sei hier nur noch bemerkt, daß ihre Kiefertaster aus vier, die Lippentaster aus drei Gliedern zusammengesetzt sind, und daß an der Unterlippe das Kinn gegen die meist ungeteilte Zunge bedeutend überwiegt. Die Netzaugen sind ganz oder ausgerandet, und zwar manchmal so tief, daß sie jederseits in eine obere und eine untere Gruppe von Äugelchen zerfallen, dagegen kommen mit sehr wenigen Ausnahmen Punktaugen gar nicht vor. Nirgends findet sich eine so wechselnde Verschiedenheit der Fühler, wie bei den Käfern. Am beständigsten zeigen sie sich in der Gliederzahl elf, obschon Schwankungen zwischen vierunddreißig Gliedern nicht ausgeschlossen sind; größere Unterschiede kommen in der Länge vor, die größten jedoch in der Form, die an Borste, Faden, Keule, Säge, Kamm, Fächer und anderes erinnert, auch ihrer Unregelmäßigkeit wegen keinen Vergleich zulassen. Manche dieser Formen sind für gewisse Familien, wie Kammhörner, Blatthörner usw. bei der Einteilung von Bedeutung geworden, wie wir später sehen werden.

Der freie Vorderbrustring gelangt hier, wie bei allen andern ihn besitzenden Kerfen, gegen die übrigen zu der vollkommensten Entwicklung und übt durch seine Form wesentlichen Einfluß auf die Gestalt des ganzen Käfers aus. Der Mittelbrustring tritt entschieden in den Hintergrund, denn er bedarf keines größeren Innenraumes für die Anheftung von Muskeln, weil die Mittelbeine die am meisten untergeordnete Rolle spielen und die Flügeldecken keine Flugwerkzeuge sind; wo das Schildchen deutlich entwickelt ist, schiebt es sich in einen Ausschnitt der Deckschilde ein. Auch der hinterste Brustring bleibt unentwickelt, namentlich nach oben. Nur bei solchen Käfern, deren Hinterbeine beim Schwimmen oder Springen zu besonderen Kraftanstrengungen verurteilt sind, reicht er an der Bauchseite weit nach hinten und bedeckt teilweise die ersten Bauchschuppen.

Charakteristisch für die Käfer werden ihre Flügeldecken insofern, als dieselben in der sogenannten Naht geradlinig in der Mittellinie des Körpers zusammenstoßen, vielleicht richtiger gesagt, sich aneinander falzen. Bei andern Kerfen, deren Vorderflügel zu Decken erhärtet sind, greift die eine unbestimmt über die andere über und die Nahtbildung geht verloren, wie in den »klaffenden« Flügeldecken bei Meloe und einigen andern Käferausnahmen gleichfalls beobachtet wird. Meist liegen die Flügeldecken dem Rücken nicht einfach auf, sondern sie umfassen mit ihrem umgebogenen »Außenrande« die Körperseiten mehr oder weniger innig. Der Zusammenstoß des Außen- mit dem Vorderrande bildet die Schulter, und je weniger scharf diese hervortritt, desto mehr verschwindet der Gegensatz der eben genannten Ränder, desto kürzer wird der Vorderrand. Nur bei den gestutzten Flügeldecken kommt auch ein Hinterrand zur Geltung sowie ein Nahtwinkel und Außenwinkel; in den meisten Fällen spitzen sich die Flügeldecken am Ende zusammen oder jede einzeln so zu, daß sie mit der Leibesspitze zusammen aufhören, oder daß sie von letzterer den dann auch auf dem Rücken mit Chitin bedeckten äußersten Teil als Steiß ( Pygidium) frei lassen. Ein solcher bleibt bei den gestutzten Flügeldecken stets sichtbar, es fehlt aber auch nicht an Käfern ( Kurzflügler), bei denen die Flügeldecken so kurz sind, daß der größte Teil des Hinterleibes frei bleibt und wie am Bauche, so auch auf dem Rücken einen Chitinpanzer trägt. Die Hinterflügel pflegen von wenigen kräftigen Adern durchzogen zu sein und in der Mittelgegend des Vorderrandes einen Chitinfleck, das Mal, zu tragen, an dem sie sich umklappen, um durch weitere Längsfaltung unter die Decken verborgen werden zu können. Hinsichtlich dieser Zusammenfaltung hat man allerlei Unterschiede beobachtet und mit Namen belegt, die wir hier mit Stillschweigen übergehen. Diese dünnhäutigen Hinterflügel befähigen allein zum Fluge, und wo sie fehlen oder verkümmern, was nicht selten vorkommt, geht daher auch das Flugvermögen verloren, und die Verwachsung der Flügeldecken in der Naht ist dann öfters eine weitere Folge dieser Unregelmäßigkeit.

Je nach Aufenthalt und Lebensweise der Käfer verwandeln sich die vorherrschend dem Gange und Laufe dienenden, mehr schlanken Beine in Schwimm-, Grab- oder Springbeine. Erstere sind in allen ihren Teilen breitgedrückt, durch Borstenwimpern noch weiter verbreitert, nur in wagerechter Richtung beweglich und sitzen meist ausschließlich am letzten Brustringe. Die Grabbeine zeichnen sich durch schwache, bisweilen verkümmerte Füße, breite, am Außenrand gezähnte Schienen und kurze, dicke Schenkel aus, eine Bildung, die in ihrer höchsten Entwicklung den Vorderbeinen zukommt. Das Springen wird nur durch die Hinterbeine bewirkt, wenn sie aus stark verdickten Schenkeln und geraden, verhältnismäßig langen Schienen bestehen. Auf die Anzahl der Fußglieder hat man bei der Einteilung wenigstens früher großes Gewicht gelegt und diejenigen Käfer fünfzehige ( Pentamera) genannt, die an allen Füßen fünf Glieder tragen, vierzehige ( Tetramera), deren nur vier oder wenigstens scheinbar vier, wenn das eine sehr kleine unter seinem Nachbargliede versteckt liegt. Die Verschiedenzeher ( Heteromera) zeichnen sich durch fünf Glieder an den vorderen, bei nur vier an den hintersten Füßen aus, und die Dreizeher ( Trimera) setzen wenigstens die Hinterfüße aus nur drei Gliedern zusammen.

Die innige Verwachsung des Hinterleibes mit dem Brustkasten geht so weit, daß der erste Bauchring die Gelenkpfanne für die Hinterhüften bilden hilft, ihm folgen gewöhnlich noch sechs Bauchringe nach, ihre Gesamtzahl kann jedoch auch bis vier herabsinken. Auf der Rückenseite lassen sich meist acht Ringe unterscheiden, die weichhäutig sind, soweit sie sich unter dem Schutze der Flügeldecken befinden. Außer röhrenförmiger oder stachelartiger Verengung an der Spitze des Hinterleibes, die zur Ablage der Eier dient (Legröhre), finden sich bewegliche und paarige Anhängsel dort bei den Käfern nicht, und in diesem Umstande liegt ein sicheres Unterscheidungsmittel zwischen einem Käfer und einem Geradflügler, dessen Flügeldecken ausnahmsweise in einer Naht zusammenstoßen (Ohrwurm).

Form und gegenseitiges Verhältnis der drei Hauptabschnitte des Körpers sind so mannigfach, daß sich die Gestalt der Käfer unmöglich auf eine gemeinsame Grundform zurückführen läßt, denn zwischen der Linienform finden sich alle denkbaren Übergänge bis zu der Kreisform, von der flachen Scheibenform bis nahe zu der Kugel. Hier treten drei Hauptkörperteile in ihren Umrissen scharf getrennt auf, dort schließen sie sich eng und fest in ihren Grenzen aneinander. Buckel, Hörner, Spitzen, manchmal bis zu überwuchernder Größe entwickelt und die betreffenden Teile, Kopf oder Halsschild, fast zur Unkenntlichkeit umgestaltet, bilden hier, Stacheln, Borsten, Flaumhaare oder Schuppen auf glattem oder rauhem Untergrunde dort eine drohende Bewehrung, einen prunkenden Schmuck, ein schlichtes Kleid. Die Farben sind vorherrschend trübe und eintönig, namentlich bei den Kindern gemäßigter und kalter Erdstriche, aber auch bunt, prachtvoll glänzend, und in dieser Hinsicht den edlen Steinen und Metallen nicht nachstehend.

Unsere Kenntnis von den Larven der Käfer ist zur Zeit noch sehr mangelhaft; denn auch angenommen, daß zu den sechshunderteinundachtzig als bekannt von Chapuis und Candèze (1853) aufgezählten Arten noch eine gleiche Anzahl hinzugekommen wäre, was entschieden nicht der Fall, so bleibt eine Menge von rund dreizehnhundert Arten noch gewaltig zurück hinter der der Käfer selbst, die man doch immer auf achtzigtausend schätzen darf. In ihrer äußeren Erscheinung bieten die Larven auch nicht annähernd die Mannigfaltigkeit der Käfer. Da die meisten verborgen leben, gehen ihnen die vom Lichte bedingten bunten Farben ab und ein schmutziges oder gelbliches Weiß ist vorherrschend. Sie haben alle einen hornigen Kopf und außer diesem zwölf (elf) Leibesglieder, keine Beine oder deren sechs hornige an den drei Brustringen. Dieselben bestehen aus fünf Gliedern und endigen in eine, bei einigen Familien in zwei und in einzelnen Fällen in drei Krallen. Der Kopf, der sich öfters etwas in den ersten Leibesring zurückziehen läßt, ist geneigt, so daß sich die Mundteile der Brust nähern, oder er steht gerade aus und zeigt in seinen Formen mancherlei Unterschiede. Die einfachen Augen, wenn sie nicht, wie häufig genug, ganz fehlen, stehen zu eins bis sechs jederseits des Kopfes. Faden- oder kegelförmige Fühler finden sich bei vielen zwischen den Augen und der Wurzel der Kinnbacken. Sie bestehen in der Regel aus vier, jedoch auch aus weniger Gliedern, deren drittes nicht selten mit einem seitlichen Anhängsel versehen ist. Die Freßwerkzeuge, bei denen, die ihre Nahrung kauen, in der Mundöffnung angebracht, bei andern, die sie saugend zu sich nehmen, vor jener stehend und dieselbe bedeckend, entsprechen denen der Käfer. Bei den Fleischfressern fehlt meist die Oberlippe und die verlängerte Stirn, oder ein davon abgesondertes Kopfschild übernimmt den Schluß der Mundöffnung von oben her. Obgleich einzelne Teile der Unterlippe fehlen können, so bildet sie doch einen beständigeren Mundteil als selbst der Unterkiefer. Die zwölf Leibesglieder sind glatt und hart, weich und querrunzelig, entweder so ziemlich gleich unter sich, oder die drei vordersten zeichnen sich, weil dereinstiger Brustkasten, irgendwie vor den übrigen aus; auch das wird durch andere Form oder durch Anhängsel, die wie der ausstülpbare After vieler beim Fortkriechen als »Nachschieber« dienen, charakteristisch. An der Seite des ersten oder in dessen nächster Nähe und an den Seiten noch acht weiterer Ringe vom vierten ab liegen bei den zwölfringeligen Käferlarven die Luftlöcher; bei den nur elfgliederigen der Wasserkäfer und einiger andern ( Donacia) zählt man jederseits nur deren acht, indem sich das neunte mit der Leibesspitze vereinigt.

Die Puppen gehören zu den Mumienpuppen und lassen alle Teile des künftigen Käfers, Beine, Fühler, Flügel, jeden mit seinem Häutchen umschlossen und frei dem Körper anliegend, erkennen; sie zeigen sich bei Störungen ungemein beweglich, liegen frei in einem Lager, welches die Larve vor der Verwandlung durch Ausnagen ihres bisherigen Aufenthaltsortes kunstlos hergerichtet hat, ruhen in nur seltenen Fällen in einem zusammengeleimten Gehäuse oder hängen, wie viele Schmetterlingspuppen, mit ihrer Leibesspitze an einem Blatte, wenn die Larve frei auf diesem lebte.

Je nach der Größe des Käfers bedarf er nach dem Ausschlüpfen eine kürzere oder längere Zeit, um zu erhärten und sich, besonders seine Flügeldecken, vollkommen auszufärben, immer aber eine entschieden längere Frist als die meisten übrigen Kerfe, wie dies in der reichlicheren Chitinbekleidung der Käfer seine Begründung findet.

Obschon gewisse Käfer äußerst lebhaft im Sonnenschein umherfliegen, andere die Nachtzeit hierzu wählen und dann etwa nur dem Jäger auf dem Anstande oder dem Gelehrten auf seinem Arbeitstische zu Gesicht kommen, wenn er in den Sommernächten bei offenen Fenstern studiert und jene durch den Lichtschein herbeilockt, so sind doch die geflügelten Käfer mehr als die meisten andern Kerfe an den Boden oder die ihn bedeckenden Pflanzen gebunden, leben hier geräuschlos und versteckt, unbemerkt und nicht vorhanden für die Mehrzahl der Menschen, die allenfalls dem neckisch in der Luft sich schaukelnden, bunten Schmetterlinge, der wilden Libelle mit ihren glitzernden Flügeln, dem lärmenden Grashüpfer, der brummenden Hummel und summenden Biene ihre Aufmerksamkeit schenken. Den Bewohnern eines Flußtales biete sich dann und wann die beste Gelegenheit dar, nicht nur Käfer in ungeahnten Massen beieinander zu sehen, sondern auch deren Gebundensein an die Erdscholle so recht zu erkennen. Zum erstenmal im Jahre sind es die oft mit dem Eisgange verbundenen Überschwemmungen, das andere Mal solche im Hochsommer, wenn anhaltende Gewitterregen die Flüsse bis zum Übertreten angeschwellt haben. Beide Überschwemmungen liefern der Kerfwelt gegenüber ein höchst interessantes Bild, und zwar jede ein anderes.

Zu der Zeit des Eisganges liegen die Tausende von Kerbtieren, unter denen die Käfer die überwiegende Mehrzahl liefern, in der winterlichen Erstarrung, und nur einzelne, die an höheren, länger von der Sonne beschienenen Berglehnen schliefen, haben etwa den wohltuenden Einfluß von deren Strahlen empfunden und fangen an, ihre Gliedmaßen zu recken. Da kommen die kalten Fluten dahergebraust, wühlen alles, was lose ist, auf und nehmen auf ihrem Rücken mit sich weg, was den physikalischen Gesetzen nach schwimmt. Kleine Holzstückchen, Schilfstengel, Pflanzensamen und das übrige Gekrümel, an dem alle Flußufer keinen Mangel leiden, kommen schließlich an den Rändern des Wasserspiegels zur Ruhe und lagern sich beim allmählichen Zurücktreten des Wassers ab, in langen Reihen die Stellen bezeichnend, bis zu welchen es gestanden hatte. Diese Ablagerungen sind die redenden Zeugen von dem, was auf dem überfluteten Boden gelegen hat, ihre Untersuchung ist eine bequemere oder mühevollere, je nachdem man sie vornimmt. Greift man gleich anfangs eine Partie der noch feuchten Ablagerungen auf, trägt sie heim, füllt Glasgefäße mit ihnen teilweise an, die in der Stube aufgestellt werden, so wird man ein reges Insektenleben in denselben bemerken, sobald die Feuchtigkeit verschwunden ist und die wohltuende Wärme ihre Wirkungen geltend macht. Stellt man einige längere Holzstäbchen in diese Gefäße, so sind diese bald von unten bis oben mit Käfern der verschiedensten Art bedeckt, die eine in größerer Stückzahl als die andere. Gründlicher fällt die Untersuchung an Ort und Stelle aus, nur muß man die Zeit abwarten, bis die wärmenden Sonnenstrahlen die Schläfer erweckt und das Angeschwemmte so ziemlich getrocknet haben, so daß die Feuchtigkeit nur noch an den unteren Schichten haftet. In diesen zeigt sich dann ein Kribbeln und Krabbeln von allen denjenigen Insekten, die angeflutet sind und sich zunächst noch unter diesem sicheren Verstecke heimisch fühlen, bis sie sich nach und nach bei mehr vorgeschrittener Luftwärme zerstreuen, der Nahrung und der Fortpflanzung nachgehend. Außer den Käfern und deren Bruchstücken sind es Wanzen, Spinnen, diese und jene Schmetterlingsraupe, Tonnenpüppchen und andere, je nach der Gegend für das bestimmte Flußtal oder für verschiedene Flußtäler. Beiläufig bemerkt, ist dem eifrigen Forscher ein sicheres Mittel hierdurch geboten, die in vollkommenem Zustande überwinternden Käferarten seiner Gegend kennenzulernen.

Gleich im Endverlaufe für das Geschick der Schiffbrüchigen, aber verändert in der anfänglichen Erscheinung gestaltet sich das Bild bei sommerlicher Gewitterüberschwemmung. Die Fluren sind jetzt belebt von allerlei Getier, namentlich auch die Wiesen, in der Regel die nächsten Nachbarn der Flüsse. Die unmittelbare Umgebung der Stelle, an der die entfesselte Natur ihre himmlischen Schleusen öffnete, läßt selbstverständlich keine Beobachtungen der in Rede stehenden Art zu, sondern nur die ferneren, wo die Gewässer langsamer vordringen und von Stunde zu Stunde immer tiefer in das Land einfressen. Faßt man diese allmählich sich vorschiebende Grenze zwischen der Wiese und dem Wasser in das Auge, so wird man ein sehr bedrängtes, darum ungemein reges und dabei vollkommen lautloses Leben gewahr. An einem Grasstengel eilt ein Laufkäfer empor, ihm folgt ein rotes Sonnenkälbchen und eine schwerfälligere Chrysomele bildet die Nachhut auf der Flucht; gleich daneben klimmt ein schwarzer Läufer in die Höhe, aber ach! das schwache Blatt biegt sich unter seiner Last und das Wasser bespült ihn. Er verliert die Besinnung nicht, hält fest noch den Halm, der ihn retten soll, und kehrt um, nach oben. Vergeblich, er ist zu schwer, er zieht sein Blatt mit sich hinunter und versinkt. Nun läßt er los; ängstlich zappelnd rudert er im ungewohnten Elemente, aber er hält sich oben und kommt vorwärts. Der starke Stengel eines Doldengewächses ist glücklich erreicht, er hat noch Kraft genug, ein Stück in die Höhe zu kommen. Da trifft er einen Blattkäfer, eilt in Hast über ihn fort; dieser ist erschreckt, läßt sich fallen und befindet sich in gleicher Lage wie eben er, der sich endlich ermattet hinsetzt, die Fühler durch die Freßzangen zieht, mit den Vorderbeinen sich putzt und – weiterer Gefahr entgangen zu sein scheint. Da kommt ein anderer geschwommen, hier wieder einer, jeder in seiner Weise, die ihn die Not eben lehrt. Da ein dritter, es ist ein gestreckter, schön kupferglänzender, der viel am Wasser verkehrt. Wie erstarrt streckt dieser Schilfkäfer seine sechs Beine von sich, die Fühler gerade vor und läßt sich vom Wasser forttreiben, anscheinend vollkommen in sein Schicksal ergeben. Die Fühler stoßen an etwas, mechanisch gehen sie auseinander und gleiten mit ihren Innenflächen an jenem Etwas entlang. Der günstige Umstand wird benutzt, die Beine zeigen Leben und gemächlich sehen wir unsern Schwimmer an einem Grashälmchen herankriechen, als wäre ihm nichts widerfahren. Hier am Rande sitzen gedrängt aneinander auf einem Blatte rote und schwarze, grüne und blaue Käfer und scheinen zu beraten, was zu tun sei, um der Gefahr zu entrinnen; denn aufgerichtet sind ihre Vorderteile und die Fühler in steter Bewegung. Ein paar grüngläserne Augen stierten von der Seite her schon längst nach ihnen. Schwapp! und sie befinden sich bereits auf dem Wege in einen Froschmagen; was nicht erschnappt ward, zappelt ratlos in allerlei Stellung im Wasser. Ein Weidenbüschchen von wenigen Ruten ragt weit über die benachbarten Gräser und Kräuter hervor, eine mächtige Schutzwehr für seine ursprünglichen Bewohner, ein sicherer Hafen für manchen Schiffbrüchigen. Darum ist es aber auch belebt von jeglichem Volke. Ruhig kneift der schlanke Schnellkäfer in die jungen Johannistriebe oder neben ihm der untersetzte breitschultrige Weber ( Lamia textor). Ein grüner Rüßler mit schwefelgelbem Saume der Flügeldecken ( Chlorophanus viridis), sein Männchen auf dem Rücken, marschiert eben etwas höher hinauf, weil es da unten zu feucht wird. Sie alle saßen und fraßen und kosten hier, ehe die Flut kam und werden das Geschäft fortsetzen, wenn jene sich verlaufen hat; sie wohnen hier, ziehen allenfalls ein Stockwerk höher, wenn es not tut, und halten gute Nachbarschaft mit noch manchen andern, grünen oder blauen, hüpfenden oder nur kriechenden Blattkäferlein. Auf einer freien Wasserfläche, welche die kahlen, noch hervorragenden Ränder einer kleinen Bucht bespült, ist die Hilflosigkeit entschieden noch größer und an ein Flüchten auf das Trockene, und wäre es nur für wenige Augenblicke, nicht zu denken. Das Wasser treibt Blätter, Schilf, Holz, Baumrinde und anderes in größeren oder kleineren Bruchstücken in Menge an, Korkpfropfen, Pflanzensamen usw., alle reich belebt von unfreiwilligen Schwimmern. Da kommt auf einem Schilfstückchen ein kleiner Mistbewohner ( Aphodius) angesegelt, der gewiß schon eine tüchtige Wasserreise auf diesem gebrechlichen Fahrzeuge zurückgelegt hat; dort läßt sich eine Landassel, ein Tausendfuß, die beide den Kerfen nicht angehören, herbeiflößen oder in den ruhigeren Hafen treiben. Ruhe herrscht in demselben, aber die Ruhe der Verzweiflung. Die angetriebenen Stückchen schwanken auf und nieder, stoßen und drängen einander, das eine sinkt, um seinem eben auftauchenden Nachbar den Platz einzuräumen. Alles kocht und wallt durcheinander, ohne Feuer, ohne Geräusch. Zwischen dem allen nur lebende Landbewohner, denen es nicht möglich, an dem Ufer emporzukommen oder auch nur auf der Oberfläche des Wassers sich auf Augenblicke zu erhalten. Man denke sich an die Stelle dieser Bedrängten und man wird die Traurigkeit ihrer Lage in voller Größe begreifen. Ihre Lebenszähigkeit ist jedoch größer als man glauben sollte: sie bietet den Naturkräften, die Häuser umwerfen und Steinblöcke fortwälzen können, Trotz und – sie sind gerettet. Hier strandet eine Schicht Röhricht, gehoben von sanfter Welle, dort bleibt sie im Trockenen zurück, sobald das Wasser zurückweicht, was in der Regel bald geschieht, und es wiederholt sich für die Streifen des angeschwemmten Röhrichts das, was schon oben erzählt wurde, nur mit dem Unterschiede, daß das Krabbeln und Kribbeln und Durcheinanderrennen des Insektenheeres sofort beginnt, wenn die haftende Kraft des Wassers aufgehört hat. Wenn man aber zu diesem Zeitpunkte die Schar der Geretteten mustert, muß man sich wundern, eine große Menge solcher anzutreffen, die unter Mittag im Sonnenscheine, oder des Abends vom Geruche ihrer Nahrung angelockt, oder sonst zum Vergnügen lustig umherfliegen. Hatte sie die Flut überrascht? Mochten sie keinen Gebrauch von ihrer Flugfertigkeit machen, weil es eine ungewöhnliche Zeit, eine außergewöhnliche Veranlassung war? Auch bei andern Gelegenheiten, z. B. wenn sie in die vom Forstmann angelegten Fanggräben geraten sind, befreien sie sich nicht durch Wegfliegen, sie sind eben vorherrschend und mit Vorliebe Fußgänger.

Damals, als größere Wassermassen unsere Erde bedeckten und ganz andere Umwälzungen auf ihr vorgingen, als eine heutige Überschwemmung erzeugen kann, ging, wie zur Jetztzeit, mancher Käfer zugrunde, der nach und nach, aber in fossiler Form, den Forschern wieder zu Gesicht gekommen ist. Man kennt jetzt gegen tausend Arten; sie beginnen im Steinkohlengebirge, mehren sich aber im Tertiär und im Bernstein. Die ältesten Käfer sind die sogenannten Lias-Käser. Sie lassen sich aber zu keiner der gegenwärtigen Formengruppen in verwandtschaftliche Beziehung setzen. Dagegen stehen die Tertiär-Käfer überall in verwandtschaftlichen Beziehungen mit rezenten Formen, oder genauer müßte es umgekehrt heißen. – Heute kennt man etwa 300 000 verschiedene Käferarten. Hrsgbr.

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Was die Einteilung der Käfer betrifft, so haben sich seit Linné eine nicht unbedeutende Anzahl der tüchtigsten Entomologen bemüht, eine möglichst natürliche Anordnung herzustellen; denn es läßt sich nicht leugnen, daß keine andere Insektenordnung von so zahlreichen Männern der Wissenschaft bearbeitet worden ist, wie gerade die Käfer. Ein Fabricius, Latreille, Westwood, Burmeister, Erichson, Le Conte und wie alle die Neueren heißen mögen, die einzelne Familien bearbeitet und sich mit ersteren hohe Verdienste um die Erkenntnis und Klassifikation der Käfer erworben haben. Da es jedoch hier nicht am Platze ist, weder die Gründe zu erörtern für die Zweckmäßigkeit der einen oder der andern Methode, noch eine annähernde Vollständigkeit eines Systems zu geben, so führen wir die paar näher zu besprechenden Arten unter den Familien und in der Reihenfolge auf, die Lacordaire Das heute immer mehr zur Annahme gelangende System der Käfer stammt von Ganglbauer. Hrsgbr. annimmt. Derselbe hat uns in seinen » Genera des Coléoptères« ein unsterbliches Werk hinterlassen, das seit dem Jahre 1854 die volle Tätigkeit seines Verfassers in Anspruch genommen hat, aber leider unvollendet geblieben ist, weil der Tod jenen zu frühzeitig abgerufen hat; es schließt mit den Bockkäfern im neunten Bande ab und charakterisiert keine Art, sondern nur die Gattungen und Familien.

siehe Bildunterschrift

Feld-Sandkäfer ( Cicindela campestris)

Der Feld-Sandkäfer ( Cicindela campestris) ist ein mittelgroßer grüner Käfer von außerordentlicher Behendigkeit, der sich während der Sommerzeit auf sonnigen Feldwegen vorherrschend sandiger Gegenden umhertreibt. Nie läßt er jedoch den Beobachter nahe genug herankommen, um eine genauere Kenntnis von ihm zu erlangen; denn scheu fliegt er auf, dabei einen blauen Schimmer verbreitend – weil der jetzt entblößte Hinterleib diese Farbe trägt – läßt sich aber in einiger Entfernung wieder nieder, und zwar stets mit gegen die Flugrichtung halb gewendetem Körper. Behält man die Stelle im Auge, auf die er sich setzte, in der Hoffnung, ihn doch noch zu überraschen, so fliegen, wenn die Gegend einigermaßen reich an ihnen ist, inzwischen rechts und links zwei, drei andere auf, und ehe man behutsamen Schrittes jenem Punkte naht, wo man den ersten mit Sicherheit erwartet, husch! ist er wieder auf und davon, und so treibt er das neckische Spiel fort, bis er ermüdet ist, und dann in mehr hüpfendem Laufe seine Flucht fortsetzt. Man sieht eine Menge dieser Tiere um sich und vor sich, fängt aber trotzdem an einem sonnigen Tage so leicht nicht ein einziges, wenn man nicht ganz besondere Kunstgriffe anwendet. Es gelang mir bei dergleichen Jagden öfters, einen Käfer, der durch wiederholtes Auffliegen ermüdet war, unter das plötzlich auf ihn geworfene Taschentuch in meine Gewalt zu bekommen. Noch gibt er sich nicht gefangen. Ein unvorsichtiges Lüften des Tuches an einer Stelle, wo nicht gleichzeitig die Finger zufassen – und er ist wieder auf und davon. Wie aber gebärdet er sich, wenn jene ihn glücklich erwischt haben! Mit seinen sichelförmigen Kinnbacken beißt er wütend um sich, strampelt mit den schlanken Beinen und bietet alle seine schwachen Kräfte auf, um die gewohnte Freiheit wieder zu erlangen. Jene sind vorne sehr spitz, an der Innenseite gleichfalls mit noch drei langen, spitzen Zähnen bewehrt und so lang, daß sie beim Schluß weit übereinander greifen. Sie verleihen dem Gesichte einen wilden Ausdruck und verraten die Raubtiernatur; dazu die stark vorquellenden Augen, große Beweglichkeit aller Teile, namentlich auch der elfgliedrigen Fadenfühler, die über der Kinnbackenwurzel eingelenkt sind, stimmen zu der vorher geschilderten Wildheit. Der Körper ist grasgrün, die Fühlerwurzel und die merklich behaarten Beine schimmern kupferrötlich, fünf kleine Fleckchen am Außenrande jeder Decke, ein größerer hinter der Mitte auf der Scheibe, sowie das große, nicht gekielte Kopfschild sind weiß, letzteres wenigstens an seiner Spitze. In der Grundfarbe, die mitunter in Blau übergeht, und in der Zeichnung der Flügeldecken kommen manche Abänderungen vor, Der Feld-Sandkäfer hält sich an trüben Tagen zwischen Gras und Getreide verborgen und zeigt geringere Beweglichkeit. Zu solcher Zeit und während der Nacht mag er auch der Nahrung nachgehen, die in andern Insekten besteht; denn ich kann mich nicht entsinnen, zu der Zeit, wo sein Treiben am meisten in die Augen fällt, ihn je beim Fressen angetroffen zu haben. An der abenteuerlichen Larve fallen das blasig aufgetriebene Untergesicht und zwei nach vorn gerichtete Dornen auf dem Rücken des achten Ringes sofort in die Augen. Der hornige Kopf trägt jederseits vier Augen, zwei größere auf der oberen, zwei an der unteren Seite, viergliedrige Fühler und die Freßwerkzeuge, ähnlich denen des Käfers. Die drei vordersten Leibesglieder sind auf dem Rücken mit je einer Hornplatte, am Bauche mit je einem Paare zweikralliger Beine versehen. Die Larve gräbt sich eine senkrechte, federkieldicke, bis 47 Zentimeter tiefe Röhre, an deren Eingange sie auf Insekten, kleine Laufkäfer, Ameisen und andere Larven lauert. Hat sie eines erwischt, so zieht sie sich mit ihm in den Grund ihres Baues zurück, zerbeißt es und saugt den Saft aus. Die Überreste werden herausgetragen, wobei der ausgehöhlte Scheitel sowie die Rückenhaken beim Auf- und Absteigen in der Röhre zustatten kommen. Es läßt sich wohl erwarten, daß nicht immer die gehörige, zur Stillung des Hungers nötige Menge von unglücklichen Opfern an der gefahrbringenden Stelle vorbeikommt, und darum verläßt die Larve in nächtlicher Weile ihren Hinterhalt, um auf Jagd auszugehen. Ob sie im Laufe eines Jahres ihre Entwicklung vollende, weiß ich nicht, möchte es aber bezweifeln, da in der ersten Hälfte des August die Verpuppung beobachtet worden ist und sich nicht annehmen läßt, daß von frühestens Ende Mai, zu welcher Zeit der Käfer erscheint, die Entwicklung so weit vorgeschritten sein sollte. Bevor sie sich verwandelt, erweitert sie den Grund ihrer Röhre, schließt dieselbe am Eingange und wird zu einer Puppe, die durch die dornenartigen Auswüchse zu beiden Seiten des Rückens auffällt, die auf dem fünften Hinterleibsgliede besonders stark hervortreten und wahrscheinlich das Ausschlüpfen des Käfers unterstützen. Nach den gemachten Beobachtungen scheint die Puppe nur vierzehn Tage zu ruhen.

Außer dem Feld-Sandkäfer breiten sich noch wenig andere über Deutschland, mehr als vierhundert Arten über alle Gegenden der Erde aus, mit besonderer Vorliebe für trockene, sandige Gegenden, im Binnenlande und am Meere, in der Ebene und in den Gebirgen; den heißen Erdstrichen geben sie jedoch den Vorzug. Abgesehen von einigen, fast durchaus elfenbeinweiß gefärbten Arten charakterisieren die meisten weiße Zeichnungen auf dunklerem, z. B, bronzefarbenem Grunde der Flügeldecken, Zeichnungen, die in einem Mondflecke an Schulter und Spitze sowie in einer geknickten Binde durch die Mitte in den verschiedenartigsten Abänderungen zu bestehen pflegen. In der Lebensweise, in der Körpergestalt, in einer durchschnittlichen Größe von 12 bis 15 Millimeter stimmen sie überein und folgende Merkmale verbinden alle zu einer Gattung. Der Hinterleib besteht beim Männchen aus sieben, beim Weibchen aus sechs Ringen, von denen jedoch bei beiden Geschlechtern die drei ersten miteinander verwachsen sind. Die schlanken, fünfzehigen Laufbeine entspringen aus runden, nur die hintersten aus breiten, an der Innenseite der Schenkel weit herabgehenden Hüften und enthalten in den Vorderfüßen einen weiteren Geschlechtsunterschied, indem sich bei dem Männchen die drei ersten Glieder merklich erweitern. Das Halsschild ist durch je eine Querfurche an den Enden und durch eine beide verbindende Längsfurche in seiner Oberfläche uneben, der Kopf verhältnismäßig groß, die Stirne flach, das Kinn tief ausgerundet, die Zunge verkümmert, Fühler und Kinnbacken von der bereits erwähnten Beschaffenheit. Die äußere Lade des Unterkiefers bildet einen zweigliedrigen Taster und die Spitze der inneren trägt einen beweglichen Zahn. Diesen beweglichen Zahn, und wo er ausnahmsweise fehlt, die den Sandkäfern eigene Körpertracht haben noch etwa vierhundert andere, auf verschiedene Gattungen verteilte Arten miteinander gemein, und er verbindet sie zu der Familie der Sandkäfer ( Cicindelidae), die neuerdings von den durch die sonstige Mundbildung nicht unterschiedenen Laufkäfern abgezweigt worden ist.

 

Der langhalsige Sandkäfer ( Collyris longicollis) aus Ostindien möge eine der gestrecktesten Formen aus dieser Familie vergegenwärtigen: das dritte Fühlerglied ist vorzugsweise lang, dünn und breitgedrückt, die Oberlippe so groß, daß sie die Kinnbacken bedeckt, die Stirn sattelartig ausgehöhlt und der Kopf hinter den mächtigen Augen stark verengt. Die Formen der übrigen Teile bedürfen der Beschreibung nicht, nur hinsichtlich der Färbung sei noch bemerkt, daß der ganze Käfer mit Ausnahme der roten Schenkel blauschwarz erglänzt. Diese und mehrere verwandte Arten bewohnen als ausnehmend flinke Käfer ausschließlich den Süden der indischen Halbinseln und die benachbarten Sundainseln.

siehe Bildunterschrift

Käferleben (Laufkäfer)

  1. Puppenräuber ( Calosoma sycophanta)
  2. Riesen-Fingerkäfer ( Scarites pyraemon)
  3. Feld-Sandkäfer ( Cicindela campestris)
  4. Goldhenne ( Carabus auratus)
  5. Bombardierkäfer ( Brachinus crepitans)
  6. Gartenlaufkäfer ( Carabus hortensis)

Die Laufkäfer ( Carabicidae) stehen in jeder Beziehung und vor allem durch die Tasterform der äußeren Unterkieferlade den Sandkäfern so nahe, daß sie mit ihnen zu einer und derselben Familie vereinigt wären, wenn ihnen nicht der bewegliche Zahn an der Spitze der Innenlade fehlte. Das tief ausgeschnittene Kinn, im Ausschnitte verschiedenartig gezähnt; die Bildung der nicht immer so schlanken Beine, au denen die männlichen Vorderfüße in drei bis vier Gliedern sich erweitern, und die allgemeine Körpergestalt wiederholt sich somit auch hier. Die Kinnbacken sind aber nie von der Länge, wie dort, nie mit spitzen Zähnen längs der ganzen Innenseite bewehrt; die Flügeldecken reichen meist bis zu der Hinterleibspitze, kommen jedoch auch abgestutzt vor, umfassen seitlich den Körper und sind entweder glatt oder vorherrschend einfach gestreift, punktreihig gestreift, gerippt in den mannigfachsten Abänderungen, nicht selten fehlen die Flügel unter ihnen oder verschwinden wenigstens bis auf unscheinbare Läppchen, und auch da, wo sie vollkommen entwickelt sind, werden sie höchstens in der Nachtzeit zum Fluge gebraucht. Der Hinterleib besteht vorherrschend bei beiden Geschlechtern aus sechs Ringen, deren drei vorderste gleichfalls verwachsen sind. Die den Sandkäfern eigenen bunten Farben kommen zwar ausnahmsweise hier auch vor, doch verleiht Einfarbigkeit in Schwarz, Grün, Kupferrot, Bronzebraun den meisten Familiengliedern ein ungemein eintöniges Ansehen. Das Sonnenlicht fliehen die Laufkäfer viel mehr, als daß sie es aufsuchen, deshalb halten sie sich bei Tage am liebsten unter Steinen, Erdschollen, in faulem Holze usw. verborgen und sind nächtliche Käfer, die vom Fleische anderer Tiere leben.

Die Larven kennt man leider von nur wenigen Arten. Sie zeichnen sich durch einen gestreckten, auf dem Rücken mehr oder weniger mit Chitinschildern bedeckten, in zwei (meist harte, ungegliederte) Anhänge auslaufenden Körper mit sechs zweiklauigen Brustfüßen und vorgestrecktem Kopfe aus. Die Kinnbacken dienen meist nur zum Festhalten und Verwunden der Beute, nicht zum Zerbeißen derselben, die Mundöffnung dagegen zum Aussaugen.

Die etwa zehntausend bekannten Laufkäferarten verteilen sich auf sechshundertunddreizehn Gattungen und bewohnen die ganze Erde, scheinen in den gemäßigten und kalten Teilen derselben das Übergewicht über die dort überhaupt lebenden Käfer zu haben und werden für einzelne Gegenden zu Charakterkerfen; so kommen namentlich gewisse unter ihnen ausschließlich im Gebirge, niemals in der Ebene vor, und umgekehrt.

 

Der Ufer-Raschkäfer ( Elaphrus riparius) samt seinen fünfundzwanzig Gattungsgenossen erinnert in mancher Beziehung an die Sandkäfer, namentlich durch die mehr als bei allen andern Laufkäfern vorquellenden Augen und durch die Form des ganzen, allerdings stets kleineren Körpers. Auch hinsichtlich des Betragens könnte man den Käfer als Übergangsglied zwischen Sand- und Laufkäfern betrachten. Er liebt nämlich den Sonnenschein, indem er während desselben mit außerordentlicher Schnelligkeit umherläuft, jedoch nicht an trockenen Stellen, sondern auf schlammigen Rändern der Gewässer, auf dem Boden der im Austrocknen begriffenen Wasserlachen, auf feuchten Wiesen, wo spärlicher Graswuchs sproßt. Auch entzieht er sich Verfolgungen nicht durch fortwährendes Auffliegen, sondern vertraut allein seiner Schnellfüßigkeit und seinem gutem Glücke, einen sicheren Schlupfwinkel zu erreichen. Mit unglaublicher Hast ist er unter einem Stück Rinde, unter einem faulenden Schilfstengel verschwunden, zwischen den Binsen und Grashalmen der Wiese, und vortrefflich kommen ihm die Risse im Boden zustatten, die mit der Natur seines Tummelplatzes nach einigen sonnigen Tagen in so innigem Zusammenhange stehen. In diesen Verstecken hält er sich auch bei unfreundlichem Wetter auf, ungesehen von der gelben Wiesenbachstelze, den Regenpfeifern und andern Insektenfressern unter den Vögeln, die an gleichen Stellen das zahlreich sich sonnende Geziefer überrumpeln und verspeisen.

Der erzgrüne Körper unseres Käferchens ist dicht punktiert und jede Flügeldecke mit vier Reihen violetter, eingesenkter Warzen verziert. Im Kinnausschnitte steht ein Doppelzahn, und die vier ersten Glieder der männlichen Vorderfüße erweitern sich, jedoch nur schwach. Überdies besitzt der Käfer einen Tonapparat: der Rücken des vorletzten Hinterleibsringes ist nämlich in drei Felder geteilt, von denen die beiden seitlichen am Hinterrande je eine etwas gebogene und gezähnelte Leiste tragen. Mit diesen Leisten reibt der Käfer bei der Bewegung des Hinterleibes gegen eine erhabene und hohle, äußerlich stark geriefte Ader auf der Unterseite der Flügeldecken, wie Landois alles dieses weitläufiger auseinandersetzt. Die Raschkäfer bewohnen alle Länder außerhalb der Wendekreise, nur innerhalb derselben werden sie durch die Sandkäfer vertreten. Bei uns kommen neben der besprochenen noch einige sehr ähnliche andere Arten vor.

 

Für den Naturfreund möchten sich keine andern Laufkäfer so dazu eignen, ein Bild von der ganzen Familie zu geben, wie die Gattung Carabus mit ihren nächsten Verwandten, lieh sie doch der ganzen Familie ihren Namen und wird sie doch wegen ihrer stattlichen Arten selbst von dem Käferkenner und Sammler mit Vorliebe gepflegt! Durch ansehnliche Größe, metallische Farben, den Familiencharakter aussprechende Körperform fallen sie gegen das Heer der andern mittelgroßen oder kleinen Arten draußen im Freien, besser allerdings in einer geordneten Sammlung, auch dem Laien in die Augen. Die Arten haben eine durchschnittliche Größe von 22 Millimeter und gehen seltener bis auf 15 Millimeter herab, als über das Durchschnittsmaß hinaus. Der vorgestreckte Kopf ist merklich schmäler als das Halsschild, die Oberlippe zweilappig, der Kinnausschnitt mit einem kräftigen Mittelzahne versehen und das Endglied der Taster beilförmig. Das Halsschild, vorn immer etwas breiter als hinten, setzt sich scharf gegen die eiförmigen Flügeldecken ab. Diese stimmen in Farbe mit dem Halsschilde und dem Kopfe überein, zeigen höchstens an ihren Außenrändern einen lebhafteren, wenig veränderten Farbenton, hinsichtlich der Oberflächenverhältnisse aber die größte Mannigfaltigkeit. Wenige erscheinen dem unbewaffneten Auge vollkommen glatt, sind es indessen nicht, sondern wie mit einer Nadel gerissen; viele haben feine Längsstreifen in regelmäßigem Verlaufe oder stellenweise mit gleichsam zerfressenen Rändern, so daß dem Auge der Eindruck einer besonderen Art von Runzelung entsteht; auf den feingerieften zeigen sich regelmäßige Reihen von Anschwellungen, von Punkteindrücken, von größeren Grübchen mit abweichendem und erhöhtem Farbenglanze, wie bei dem Gartenlaufkäfer. Wird die Oberfläche unebener, so treten wenige Längsrippen (drei auf jeder Decke) als stumpfe Leisten heraus und lassen tiefe Rinnen zwischen sich, die wiederum in der verschiedensten Weise verziert sein können. Abgesehen von Einzelarten, deren Flügel ausnahmsweise vollkommen ausgebildet sind, verkümmern dieselben stets, so daß sämtliche Carabus-Arten nur als tüchtige Fußgänger ihr Fortkommen finden. Die Beine sind daher kräftig und dem Familiencharakter entsprechend gebaut, bei dem Männchen nur die drei ersten Vorderfußglieder erweitert und mit filziger Sohle bekleidet. Bei den meisten zeigt auch das vierte die Erweiterung, jedoch keinen Filz an der Sohle oder mindestens unvollkommeneren. Goldgrün, Blau und Bronzebraun bilden neben Schwarz die metallischen Farben, in die sich die Caraben kleiden, die jedoch im Tone je nach der Gegend abändern und neben gewissen Abweichungen in der Plastik der Oberfläche auf den Flügeldecken der Feststellung der Art manche Schwierigkeit bereiten.

Die zweihundertfünfundachtzig bekannten Carabus-Arten beschränken sich auf die gemäßigten Gegenden der nördlichen Halbkugel und gehen in der Alten Welt, mit Ausschluß einiger ansehnlichen Arten Syriens, Palästinas und des Kaukasus, nicht über die Mittelmeerländer hinaus, weiter nach Süden kommen sie in Nordamerika und selbst in zehn Arten in Südamerika (Chile) vor. Viele von ihnen sind nur Gebirgsbewohner, prachtvolle die pyrenäischen; unsere deutschen Gebirge beherbergen durchschnittlich dieselben Arten. Die Steine an den Berglehnen und in den Tälern sowie die verwesenden Baumstubben bilden ihre wesentlichsten Verstecke, unter und in welchen sie der Sammler von der letzten Hälfte des August ab am erfolgreichsten aufsucht. Denn hier oder zwischen dem Moose werden sie geboren, hier halten sie sich über Tag verborgen, hier liegen sie in der winterlichen Erstarrung. Die in der Ebene lebenden Arten finden in den Wäldern dieselben Verstecke, in den Gärten und auf den Feldern wenigstens Steine, Erdschollen, Graskaupen, Mauselöcher und ähnliche, sie dem Sonnenlichte entziehende Örtlichkeiten, an welchen andere Mitbewohner, wie Schnecken, Regenwürmer, Insektenlarven usw., ihnen reichliche Nahrung bieten. In der Nachtzeit ziehen sie auf Raub aus, verkriechen sich aber wieder, sobald die Sonne emporsteigt.

Die wenigen bekannten Larven gleichen einander nicht nur in der Lebensweise, sondern auch in der äußeren Erscheinung. Der gestreckte, halbwalzige Körper ist durch die sämtliche Glieder auf dem Rücken deckenden Chitinschilder glänzend schwarz, am Bauche heller, weil neben den weißen Verbindungshäuten nur schwarze Schwielen und Leisten die erhärteten Stellen andeuten. Der viereckige, vorgestreckte Kopf ist mit viergliedrigen Fühlern, sechs braunen Tastern, sichelförmigen Kinnbacken und jederseits mit einem Ringe von sechs Augen ausgestattet, die kleine Mundöffnung nur zum Saugen geeignet. Über den Rücken der zwölf Leibesringe zieht eine feine Mittelfurche, und der letzte endet nach oben in zwei Dornenspitzen von verschiedener Länge und Zähnelung, je nach der Art, nach unten in einen zapfenartig ausstülpbaren After. Das erste Glied zeichnet sich vor allen, jedes der beiden folgenden wenigstens vor den noch übrigen ziemlich gleichen Gliedern durch die Länge aus. Die Larven leben an gleichen Orten und in gleicher Weise wie die Käfer, wie es scheint, vom ersten Frühlinge bis gegen den Herbst hin, doch dürfte die Entwicklung nicht überall gleichmäßig vor sich gehen; denn ich fand beispielsweise im Thüringer Walde Ende August (1874) einzelne Larven, die der Gebirgs-Goldhenne ( Carabus auronitens) anzugehören schienen, obschon dieselbe im vollkommenen Zustande schon häufig genug vorkam. Die breite, weiße Puppe liegt in einem erweiterten Lager an Stellen, wo die Larve zuletzt hauste, und braucht entschieden nur kurze Zeit zu ihrer ferneren Entwicklung.

Der Gartenlaufkäfer ( Carabus hortensis), wie Linné die Art genannt hat, lebt häufiger auf Feldern als in Gärten; bezeichnender nannte ihn daher Fabricius den Edelstein-Laufkäfer ( C. gemmatus), weil die Ränder der feingestreiften Flügeldecken und auf jeder einzelnen drei Reihen flacher Grübchen durch ihren Kupferglanz sich wie Edelsteine von dem mattschwarzen Untergrunde vorteilhaft abheben. Er lebt hauptsächlich in den Wäldern des östlichen Deutschland, geht im Süden bis Tirol und Schweiz, nach Osten bis Rußland, nördlich bis Schweden.

Der goldgrüne Laufkäfer, die Goldhenne, der Goldschmied ( Carabus auratus) wird im Westen Deutschlands während des Sommers auf Feldern und in Gärten stellenweise häufig angetroffen: er fehlt von der Wittenberger Gegend an, in der Mark Brandenburg und in Pommern fast gänzlich, tritt dagegen in Preußen wieder auf; in England und Schweden trifft man ihn selten, Frankreich und die Schweiz dürfen wieder als seine Heimat betrachtet werden. Er gehört zu den stark gerippten Arten, indem sich auf jeder Decke drei Rippen in gleicher Weise wie die Naht erheben und fein gerunzelte Zwischenräume zwischen sich lassen. Die Unterseite des Käfers ist glänzend schwarz, die Oberseite erzgrün, Beine und die Wurzel der schwarzen Fühler sind rot. Klingelhöffer in Darmstadt erzählt von dieser Art eine interessante Beobachtung: »In meinem Garten, unweit der Bank, auf der ich mich niedergelassen hatte, lag ein Maikäfer auf dem Rücken und bemühte sich umsonst, wieder auf die Beine zu kommen. Unterdessen erschien aus dem nahen Bosquet ein Carabus auratus, fiel über den Maikäfer her und balgte sich unter großen Anstrengungen von beiden Seiten mindestens fünf Minuten mit demselben herum, ohne ihn bezwingen zu können, wovon er sich zuletzt zu überzeugen schien; denn er verließ ihn bei einer passenden Gelegenheit und eilte in das Bosquet zurück. Nach kurzer Zeit jedoch erschien er im Gefolge eines zweiten wieder auf dem Kampfplatze; sie beide besiegten den Maikäfer und schleppten ihn nach ihrem Verstecke«.

Die Gebirgs-Goldhenne ( Carabus auronitens) steht der vorigen Art ungemein nahe, die Rückenfarbe ist eine entschieden mehr goldgelbe, ihr Glanz dadurch auch lebhafter, Naht und Rippen der Flügeldecken sind schwarz und die Zwischenräume entschieden unebener als dort. Der Käfer gehört in allen deutschen Gebirgen keineswegs zu den Seltenheiten, so wenig wie in den Karpathen, in den Schweizer Alpen und im östlichen Frankreich, während er in der Ebene nur sehr vereinzelt angetroffen wird. Heer erzielte in der Schweiz am 3. Juni aus der Larve eine Puppe, aus dieser am 15. Juni bereits den Käfer, der weiß aussah, aber nach Zeit von vierundzwanzig Stunden seine Ausfärbung und volle Härte erlangt hatte. Die Larve hat auf der Stirn einen spitzen Höcker, zwei stumpfe Vorsprünge am ausgerandeten Kopfschilde und hinten zwei Dornenspitzen von der Länge des Endgliedes und durch zwei Nebendornen dreizackig von Gestalt.

 

Der Puppenräuber, Bandit, Mordkäfer ( Calosoma sycophanta) steht in sehr nahen verwandtschaftlichen Beziehungen zu den eben besprochenen Caraben, und seine mehrfachen deutschen Benennungen deuten auf eine gewisse Popularität, deren er sich zu erfreuen hat. Die Gattung »Schönleib«, wie man Calosoma übersetzen müßte, unterscheidet sich von Carabus durch das auffällig verkürzte zweite Fühlerglied, durch das querstehende, seitlich stark gerundete Halsschild, die breiten, nahezu quadratischen Flügeldecken und durch meist vollkommen ausgebildete Flügel. Der Puppenräuber und die übrigen in großer Artzahl über die ganze Erde ausgebreiteten Gattungsgenossen halten sich allerdings auch an der Erde auf, vorherrschend jedoch an Baumstämmen. Hier steigen sie auf und ab und spähen nach Raupen und Puppen von Schmetterlingen und nach den Larven anderer freilebender Kerfe, die sie mit großer Gier verzehren, weshalb die Bezeichnung » Kletterlaufkäfer« für die Gattung vollkommen gerechtfertigt erscheinen dürfte.

Unsere Art ist stahlblau, an den regelmäßig gestreiften, mit zusammen sechs Punktreihen versehenen Flügeldecken grünlich oder rötlich goldglänzend, während die Mundteile, die Fühler mit Ausnahme ihrer bleicheren Spitze und die kräftigen Beine rabenschwarz glänzen. An letzteren erweitern sich beim Männchen zwar vier Vorderfußglieder, aber nur ihrer drei bekleiden sich mit Filzsohle. Man findet den Käfer vorherrschend in Kiefernwaldungen und besonders zahlreich in Raupenjahren; er ist also dazu berufen, das gestörte Gleichgewicht wieder herstellen zu helfen. Man hat in einem solchen Falle beobachtet, wie ein und derselbe Käfer wohl zehn- bis fünfzehnmal einen Baum bestieg, sich mit einer Raupe der Forleule hinabstürzte, diese würgte und dann sein Werk von neuem begann. In offenem Kampfe, ohne Hinterlist und ohne Furcht geht der Puppenräuber auf seine Beute los. Die große, etwas behaarte Kiefernraupe schlägt, wenn sie angegriffen wird, mit dem freien Körperteile heftig um sich; er aber läßt nicht los und stürzt mit ihr vom Baume. Auf der Erde angelangt, wird die Balgerei fortgesetzt, er unsanft umhergeschleudert, aber alles umsonst für das auserwählte Schlachtopfer; geschwächt und ermüdet, muß sich die Raupe zuletzt in ihr Schicksal ergeben. Der mühsam errungenen Beute froh, setzt sich der Sieger vor ihr zurecht, die vorderen Klauen in sie, die hinteren in den Erdboden einschlagend, und verarbeitet mittels der kräftigen Kinnbacken und der übrigen Mundteile das Fleisch zu einem Brei, den er verschluckt. Sollte ihm bei seinem Mahle ein Ruhestörer zu nahe kommen, so strampelt er mit seinen Hinterbeinen abwehrend oder beißt auch um sich, bis er den Zudringlichen verjagt hat. Dergleichen Beobachtungen lassen sich, wie bereits erwähnt, nur anstellen, wenn die genannten Raupen oder die der Nonne und des Prozessionsspinners für den Forst verderblich auftreten; sind dieselben verschwunden, so kommt der Puppenräuber so vereinzelt vor, daß Jahre hingehen können, ehe man auch nur einen im Freien zu Gesicht bekommt. Seine Entwicklung aus der Puppe erfolgt im Spätsommer oder Herbste, die Paarung nach der Überwinterung. Der Puppenräuber ist eines unserer nützlichsten Forstinsekten. Als in den Vereinigten Staaten der Schwammspinner überhandnahm, hat man unsere Art dort eingeführt und bald die besten Erfolge erzielt. Amerikanische Forscher haben errechnet, daß unser Käfer im ersten Sommer seines Lebens etwa 200 bis 300 Schwammspinnerraupen verzehrt und daß diese Zahl in seinem zweiten Lebensjahr sogar noch um 100 wachsen kann. Er lebt durchschnittlich drei Jahre. Auch seine Larve verzehrt bis zur Verpuppung etwa 40 ausgewachsene Schwammspinnerraupen. Hrsgbr.

Die Larve unterscheidet sich in ihrem Baue in nichts von den bekannten Carabus-Larven, weil man sie aber in der Regel wohlgenährt antrifft, so stellt sie sich weniger walzenförmig als von der dicken Mitte nach beiden Enden hin verschmälert dar; auch scheinen die Chitinschilder den Rücken nicht vollständig zu decken, denn sie lassen die angespannten, lichten Verbindungshäute zwischen sich erkennen, wogegen bei einer mageren Larve jene sich vollkommen aneinanderschließen. Die Dornen am letzten Leibesgliede sind hakig nach oben umgebogen und an ihrer Wurzel mit einem Zahne bewehrt. Gleich dem Käfer klettert auch die Larve gewandt und in gleicher Absicht, saugt aber ihre Beute aus. In den Nestern der Prozessionsraupen richtet sie manchmal arge Verwüstungen an, und sind ihrer mehrere in einem solchen vorhanden, so ist diejenige, welche am lüsternsten war und sich fast bis zur Unbeweglichkeit vollfraß, nicht sicher, die Beute einer ihrer noch beweglicheren Schwestern zu werden. Wenn sie zur Verpuppung reif ist, gräbt sie sich flach unter der Erde ein Lager, in dem sie nur wenige Wochen Puppenruhe hält.

Der kleine Kletterlaufkäfer ( Calosoma Inquisitor) kommt nur in Laubwäldern des nördlichen und mittleren Europa vor und besucht nicht alte Bäume, wie der Puppenräuber, sondern Stangenholz von Eichen, Buchen und Hainbuchen, also solche Stämme, die sich durch einen Stoß mit dem Ballen der Hand noch erschüttern lassen. Ich habe ihn von Eichenstangen im Frühlinge besonders dann zahlreich herabgeklopft, wenn jene von zahlreichen Spannraupen bewohnt waren. Es gewährte immer ein ergötzliches Schauspiel, wenn beim Anprallen an einen solchen Stamm drei und mehr Kletterlaufkäfer auf das dürre Laub fielen, sich mit knisterndem Geräusche auf das schleunigste unter dasselbe verkrochen und gleichzeitig von allen Ästen Raupen wie Erhängte an ihren Fäden herabhingen. Ist die Gefahr vorüber, so bäumen die Kletterer wieder auf, mögen indes manchmal auf ihrem Marsche am Boden durch einen fetten Bissen für das erlittene Ungemach reichlich entschädigt werden. Der kleine Kletterlaufkäfer ist 20 (15) Millimeter lang, auf den gerieften Flügeldecken wie der vorige mit je drei Reihen tieferer Punkteindrücke versehen und von Farbe oben bronzebraun mit einem Stich in Grün, seltener in Blau, unterwärts und an den Außenrändern der Flügeldecken lebhafter metallisch grün.

 

Wenn bei allen bisher besprochenen Laufkäfern die Vorderschiene ohne weitere Auszeichnung bis nach der Spitze verläuft, so hat sie bei den nachfolgenden an der Innenseite einen stärkeren oder schwächeren Ausschnitt, hinter welchem der eine der beiden Enddornen steht. Das Heer der in eben bezeichneter Weise Gekennzeichneten ist gegen jene bedeutend überwiegend, und ihm gehören alle die mittelgroßen schwarzen, grünen oder bronzebraunen Laufkäfer an, die, obschon Nachtschwärmer, wegen ihrer großen Menge auf den Wegen auch bei Tage angetroffen werden, die einen geschäftig umherlaufend, um ein passendes Versteck zu finden, die andern von den Füßen der ihrer nicht achtenden Wanderer zertreten. Nur auf wenige Arten aufmerksam zu machen, sei noch vergönnt.

Eine große, genau in der Mitte hornige Zunge, die vollständig mit ihren Nebenzungen verwachsen ist, kräftige, ziemlich vortretende Kinnbacken, nicht so gebogen wie scharf zugespitzt, ein eiförmiger, hinten wenig verengter Kopf, kräftige, fadenförmige Fühler, ein herzförmiges, an seiner Hinteren Partie gleichläufiges Halsschild, hinten breit abgestutzte Flügeldecken, deren Außenecke sich jedoch rundet, und ein untersetzter, wenig niedergedrückter Körper mit acht sichtbaren Hinterleibsringen beim Männchen, sieben beim andern Geschlecht, vereinigt eine große Anzahl sehr ähnlich aussehender Laufkäfer, die auch in ihren Sitten mehrfach Übereinstimmendes haben. Vor allem leben sie gesellig unter Steinen oder zwischen Baumwurzeln und besitzen vorherrschend das Vermögen, zu ihrer Verteidigung einen übelriechenden Dunst Es handelt sich vermutlich um eine der salpetrigen Säure oder der Buttersäure nahestehende Substanz, die sich an der Luft sofort in ein kleines bläuliches, aber sehr flüchtiges Wölkchen verwandelt. Hrsgbr. mit Geräusch aus der Hinterleibsspitze zu entlassen, weshalb man ihnen den deutschen Namen Bombardierkäfer ( Brachinus) beigelegt hat. Recht deutlich kann man dieses Schießen beobachten und das damit verbundene eigentümliche Geräusch vernehmen, wenn man einen solchen Käfer nach Sitte der Sammler in ein Fläschchen mit Weingeist wirft. Ein ziemlich lautes Zischen erfolgt einige Male hintereinander, bis der zum Tode verurteilte sein Pulver verschossen hat und ermattet die Waffen streckt. Diese interessanten Käfer kommen in allen Ländern, mit Ausnahme von Australien, vor, in den wärmeren Gegenden zahlreicher an Arten als weiter nach Norden hin, und zwar nehmen sie in dieser Richtung so schnell ab, daß, während z. B. in Frankreich noch elf Arten leben, deren nur vier in Deutschland und sogar nur eine – sehr selten – in Schweden angetroffen wird, überdies sind sie teilweise schwer zu unterscheiden, weil nur die Färbung einzelner Teile und deren gegenseitige Formverschiedenheiten bei der Erkennung in Betracht kommen. Die großen, bis etwa 17,5 Millimeter langen Arten haben auf schwarzem Untergrunde meist zierliche gelbe Zeichnungen; unsere heimischen sind mit entwickelten Flügeln versehen, die vielen Südeuropäern und Nordafrikanern fehlen, schwarz und ziegelrot, an den Flügeldecken einfarbig, meist blauschimmernd, und erreichen nur geringe Größe. Zu den stattlichsten gehört der bis acht Millimeter messende Brachinus crepitans, an Kopf samt den Fühlern, Halsschild und Beinen ziegelrot, die seicht gerieften, in keiner Weise punktierten Flügeldecken dunkelblau, der Rest der Unterseite schwarz; bei genauerer Ansicht erscheint das dritte und vierte Fühlerglied etwas gebräunt und ein sehr kurzes Haarkleid am ganzen Körper einschließlich der Flügeldecken. Diese Art ist über ganz Mitteleuropa verbreitet, in den südlichen Ländern entschieden häufiger und größer als in den nördlichen. Bedeutende Schwankungen in den Größenverhältnissen kommen bei vielen Arten vor und lassen bei der bisher noch unbekannt gebliebenen Entwicklungsgeschichte nur schließen, daß die Ernährung der Larve unbeschadet der weiteren Ausbildung eine sehr ungleichmäßige sein könne. Schließlich sei noch bemerkt, daß sich auf dem Körper oder an den Gliedmaßen der Bombardierkäfer häufig Pilze entwickeln, die dieselben seit 1850, wo Rouget zuerst die Aufmerksamkeit auf diesen Umstand lenkte, zu einer gesuchten Ware für die pilzbeflissenen Botaniker werden ließen.

Entschieden die abenteuerlichste Form aller Laufkäfer begegnet uns in dem Gespenst-Laufkäfer ( Mormolyce phyllodes) aus Java, wo er sehr hoch in die Gebirge hinaufgeht. Das Insekt kann eine Länge von 78 Millimeter erreichen und besitzt wunderbare Verzerrungen an einzelnen Teilen und eine blattartige Erweiterung der Flügeldecken. Allen diesen Ausschreitungen eine Bedeutung beilegen und sie erklären zu wollen, wäre hier, wie in vielen ähnlichen Fällen, ein undankbares Geschäft; sie bringen durch ihren Einfluß auf die Körpergestalt den Käfer in einen schroffen Gegensatz zu dem langhalsigen Sandkäfer aus dem seiner Heimat benachbarten Festlande. Fühler und Beine sind schwarz, das übrige glänzend pechbraun, nur die dünnen, durchscheinenden Ränder, wie sich erwarten läßt, etwas lichter. Das tief ausgeschnittene Kinn bewehrt ein scharfer Zahn, und die kräftigen Taster laufen in fast walzige, am Ende gerundete Glieder aus. Die Larve gleicht in der gestreckten Form denen unserer Caraben, hat aber einen runden Kopf, seitlich gerundete Körperglieder, von denen nur das erste vollkommen, die folgenden von je zwei viereckigen, kleinen Chitinplatten unvollständig bedeckt werden; zwei griffelartige Fäden, keine Hornspitzen, bilden die Anhängsel am letzten Glieds. Diese Larve lebt in einer Art von Baumschwämmen, welche die Javanesen »Gammur« nennen, und ernährt sich ohne Zweifel von andern Mitbewohnern dieser Schwämme.

 

Einen wesentlich andern Formenkreis und der Eigentümlichkeiten mancherlei Art entfalten die Fingerkäfer ( Scarites). Der kurze Zapfen, eine Erweiterung des Mittelbrustringes nach vorn, um den beinahe halbmondförmigen Vorderbrustring aufzunehmen, deutet auf außergewöhnliche Beweglichkeit dieses letzteren; die breiten, nach außen scharf gezähnten Vorderschienen lassen auf Grabfertigkeit schließen, zeichnen sich überdies an der Unterseite ihrer Spitze durch eine tiefe Auskehlung und zwei beweglich eingelenkte Enddornen aus. Am großen, quadratischen Kopfe erlangen die drohenden Kinnbacken bei weitem das Übergewicht; die dreilappige Oberlippe und die Fühler sind kurz, letztere perlschnurförmig und im Grundgliede so lang, daß man sie fast für gebrochene Fühler erklären könnte. Die ungefähr hundert Arten, alle ungezeichnet und schwarz von Farbe, die meisten von bedeutenderer Körpergröße, bewohnen nur wärmere Gegenden aller Erdteile. Sie graben sich an Flußufern, am Gestade des Meeres, oder wo sonst das Graben möglich, Röhren, die sie bei Tage nicht gern verlassen, sondern auf Beute lauernd durch ihren Körper am Eingang verschließen. Nach Sonnenuntergang kommen sie vorsichtig aus denselben hervor, huschen aber eiligst wieder hinein, wenn sie Gefahr argwöhnen, und zeigen in diesem Betragen Ähnlichkeit mit unserer Feldgrille. Die weiter vorgerückte Dunkelheit erhöht ihren Mut und läßt sie ungezwungener ihre Raubzüge verfolgen. Lacordaire traf in Amerika einige Arten in den Wäldern unter Steinen oder in faulenden Baumstümpfen, bei Buenos Aires eine Art ( Scarites anthracinus) nur unter trocknem Aase. Der Riesen-Fingerkäfer ( Scarites pyracmon) zeichnet sich durch glänzende, stumpf eiförmige Flügeldecken ohne jegliche Streifung oder Punktierung und durch einen kurzen Zahn am Seitenrande des Halsschildes aus, dessen Vorderecken außerdem etwas vorspringen, und dessen Vorderrand bis zu einer eingedrückten Querlinie mit feinen Kerbstrichen versehen ist. Dieser Fingerkäfer bewohnt die Küsten des Mittelmeeres und ist schwer zu erhaschen; es sei dies nur möglich, wie mir ein Freund versicherte, der mir mehrere Stücke aus Spanien mitbrachte, wenn es gelungen wäre, durch einen Stock oder ein anderes Werkzeug den Eingang zu seiner Höhle früher zu versperren, als er sie bei seinen abendlichen Streifzügen wieder erreicht hätte.

Heer lernte auf Madeira die Larve des Scarites abbreviatus kennen und berichtet, daß sie sich durch den augenlosen großen Kopf vor andern Laufkäferlarven auszeichne; die Beine seien ziemlich kurz, die Hüften verhältnismäßig lang und abstehend, Schenkelringe und die zusammengedrückten Schenkel auf der Innenseite mit einer Doppelreihe kurzer Dornen sowie das schmale Endglied des Körpers mit zwei zweigliedrigen Anhängen versehen. Die in Deutschland grabenden Laufkäfer erscheinen gegen die Fingerkäfer wie Zwerge und gehören hauptsächlich der Gattung Dyschirius an.

Wir haben Flieger, Kletterer und Gräber unter den fleischfressenden Läufern kennengelernt. Durch einige Pflanzenfresser kommt noch weitere Abwechslung in die Lebensweise der Familienglieder. Die dicken und plumpen Arten der Gattung Zabrus sind charakterisiert durch eine beinahe quadratische, vorn ausgerandete Oberlippe, durch einen Mittelzahn im tief ausgeschnitten Kinn und durch fast walzige Endglieder der Taster, die immer kürzer als ihr vorletztes Glied sind. Das stark gewölbte, quer rechteckige Halsschild und sein enger Anschluß an die gleichfalls stark gewölbten und vorn gleich breiten Flügeldecken bringen die gedrungene, weniger zierliche Körperform hervor; ihr entsprechend sind die Beine dick und untersetzt und dadurch noch ausgezeichnet, daß an der Vorderschiene außer den beiden gewöhnlichen Dornen, von denen der obere in der Ausrandung, der untere am Ende derselben steht, noch ein dritter, kleinerer Dorn vorhanden, der innen neben dem unteren Enddorn an der Spitze der Schiene eingelenkt ist. Beim Männchen sind die drei ersten Vorderfußglieder durch starke Erweiterung herzförmig und die Flügeldecken in der Regel glänzender als beim Weibchen. Die zahlreichen bekannten Arten bewohnen vorherrschend die Mittelmeerländer mit Einschluß der Azoren, einige wenige das mittlere Europa, und nur eine Art erstreckt sich von Portugal bis nach Preußen und von Zypern bis nach Schweden, hat mithin die örtlich weiteste Verbreitung.

Diese eine Art ist der Getreidelaufkäfer ( Zabruas gibbus), der durch sein massenhaftes Auftreten in einzelnen Gegenden eine gewisse Berühmtheit, aber keineswegs im guten Sinne, erhalten hat. Es war im Jahre 1812, als im Mansfelder Seekreise der Provinz Sachsen die Larve an den Wintersaaten und später an der jungen Gerste bedeutenden Schaden anrichtete, und zwar so unerwartet, so vereinzelt und so vollständig der Natur der übrigen Laufkäfer widersprechend, daß die Gelehrten die von Germar bekanntgegebene Tatsache als auf irgendwelchem Irrtume beruhend in Zweifel zu ziehen begannen. Seit den dreißiger Jahren hat sich das unliebsame Erscheinen des Getreidelaufkäfers öfters wiederholt in den verschiedensten Teilen der Provinz Sachsen, am Rhein, in der Provinz Hannover, in Böhmen und anderwärts. Je öfter und je allseitiger die Aufmerksamkeit auf diesen Getreidefeind gelenkt worden ist, desto bestimmter hat man sich von der Schädlichkeit nicht nur der Larven, sondern auch des Käfers selbst überzeugt, wenn beide in größeren Mengen auftreten. Seine Merkmale ergeben sich im allgemeinen aus den bereits angegebenen Gattungscharakteren; ergänzend sei nur noch hinzugefügt, daß er oben schwarz oder schwarzbraun, an der platten Unterseite und an den Beinen heller, Pechbraun gefärbt, das Halsschild am Grunde leicht niedergedrückt, dicht und fein punktiert und an den Hinterecken rechtwinklig, das Schildchen spitz dreieckig ist, daß die Flügeldecken an den Schultern geeckt und mit einem Zähnchen versehen, tief gestreift und in den Streifen punktiert, und daß bei ihm die Flügel vollkommen entwickelt sind, was nicht von allen Arten gilt. Der Getreidelaufkäfer bewohnt zu der Zeit, in welcher die Roggen-, Weizen- und Gerstenkörner noch im Milchsafte stehen, die betreffenden Felder oder deren Nachbarschaft und war in der Sommerzeit seiner Puppe entschlüpft. Wie die meisten seiner Verwandten kommt er am Tage wenig zum Vorschein, sondern ruht unter Steinen, unter Erdschollen und in ähnlichen Verstecken. Sobald die Sonne am abendlichen Himmel verschwunden ist (von 8½ Uhr an), verläßt er seinen Hinterhalt, klettert an einem Halme der genannten Getreidearten bis zu der Ähre in die Höhe, und findet er die Körner noch weich, so setzt er sich fest, schiebt mit den Vorderbeinen die Spelzen beiseite und benagt von oben her das Korn. Bei dieser Beschäftigung entwickelt er einen so großen Eifer, daß weder ein Luftzug noch sonst eine unerwartete Erschütterung ihn von seinem Weideplatze herabzuwerfen vermag. Man findet meist die Ähren von unten nach oben befressen und zerzaust, in dieser mehr, in einer andern weniger Körner benagt. Breiter berichtet (1869) über ein Roggenfeld in der Grafschaft Bentheim, das zur Fraßzeit von abends 8½ bis morgens 7 Uhr von oben her schwarz ausgesehen habe, indem auch nicht eine Ähre frei von diesem Fresser gewesen sei. An dergleichen Orten finden sich nun auch die Geschlechter zusammen und paaren sich. Das befruchtete Weibchen legt alsbald seine Eier haufenweise, ohne Zweifel flach unter die Erde an Gräser, die auf den Äckern und auf den Feldrainen wachsen. Denn daß gemeine Gräser diesem Kerf zur Nahrung dienen, dürfte aus den Beobachtungen hervorgehen, die man in Mähren, Böhmen und Ungarn gemacht hat, wo immer solche Felder am meisten zu leiden hatten, die früher Wiese oder Weide gewesen waren, oder solche, die an Wiesen angrenzten.

Die Larve läßt nicht lange auf sich warten, ernährt sich von den zarten Keimen und Herzblättchen der Gräser und ist zu wiederholten Malen bereits im Herbst, mehr noch nach der Überwinterung im Frühjahr als Zerstörerin der Wintersaaten angetroffen worden. Sie kann nicht leicht mit einer andern Larve verwechselt werden, die sich unter ähnlichen Verhältnissen auf den Äckern findet, und trägt vollständig den Charakter aller Laufkäferlarven an sich. Der von oben etwas gehöhlte Kopf ist länger als breit und wenig schmäler als der Halsring, trägt in eine scharfe Spitze auslaufende, in der Mitte mit stumpfem Zahne bewehrte Kinnbacken, hinter deren Wurzel viergliedrige Fühler und sechs Augen in zwei senkrechten Reihen jederseits; die Kiefertaster sind viergliedrig, die der Unterlippe zweigliedrig. Den Rücken sämtlicher Körperringe decken Hornplatten, deren vorderste größer und braun, die weiter folgenden kleiner und mehr rot sind, alle aber von einer lichten Längsfurche durchzogen werden. Außer diesen Hauptschilden haben die fußlosen Hinterleibsringe noch eine Menge kleinerer Hornfleckchen, die am Bauche zierliche Zeichnungen hervorbringen. Das stumpf zugespitzte Leibesende läuft in zwei zweigliedrige kurze Fleischspitzchen aus, an denen, wie am ganzen Körper, besonders aber am Kopfe, kurze Borstenhärchen zerstreut wahrgenommen werden. Erwachsen mißt die Larve durchschnittlich 28 Millimeter. Bei Tage hält sie sich 150 Millimeter und tiefer in einer selbstgegrabenen Erdröhre auf und kommt nur abends und nachts zum Fraße hervor. Die Fraßweise und die sonstigen Gewohnheiten der Larve bieten allerlei Eigentümlichkeiten dar. Was bereits von andern Laufkäferlarven bemerkt worden ist, gilt auch von dieser: sie zerkleinert die Blättchen der Wintersaaten nicht, um sie zu verschlucken, sondern zerkaut dieselben, um den Saft aus dem hierdurch erhaltenen Breie zu saugen; darum verwandelt sie die im Herbste noch zarten Pflänzchen vollkommen, im Frühjahr nach der Bestockung derselben wenigstens einzelne Triebe in Knäuel, die vertrocknen und als dürre Pfröpfchen den Boden bedecken. Der Regenwurm bringt sehr ähnliche Erscheinungen hervor. Auf diese Weise verschwinden vor Winters die Saaten vollständig, nach der Überwinterung teilweise, und zwar von den Feldrändern her oder im Innern platzweise. Diese Verbreitungsweise der Beschädigungen weist auf die Geselligkeit der Larven, also auch auf das klumpenweise Ablegen der Eier hin und läßt bei gehöriger Aufmerksamkeit den Herd erkennen, von dem aus eine Weiterverbreitung erfolgt ist. Wenn schon ein Anblick der Art, wie er eben geschildert wurde, auf die Gegenwart des Zerstörers schließen läßt, so gehört immer noch ein Kunstgriff und eine gewisse Übung dazu, seiner selbst habhaft zu werden. Er sitzt, wie bereits erwähnt, bei Tage in seiner Röhre, die mit seinem Wachstum tiefer gearbeitet wird und, wenn auch etwas gekrümmt, doch in der Hauptrichtung senkrecht in die Erde führt. Sowie die Larve das Herannahen einer Gefahr, wie eine durch kräftige Tritte hervorgerufene Erschütterung der Erde, verspürt, ahmt sie dem Maulwurfe nach: sie läßt sich bis auf den Boden ihrer Wohnung hinabfallen. Wollte man sie jetzt ausgraben, so könnte man manchen Spatenstich tun und möglicherweise alle umsonst, da sie, an die Oberfläche gelangt, aber von loser Erde bedeckt, schnell und unbemerkt das Weite suchen würde. Um sich ihrer zu vergewissern, hat man vorsichtig gegen Abend den Eingang in die Röhre und deren Richtung zu ermitteln – die trockenen Pfröpfchen, die jenem nicht selten aufsitzen, weisen darauf hin –, mit einem rasch die Röhre schneidenden, schräg geführten Spatenstiche die Erde auszuwerfen und wird dann meist in dem ausgeworfenen oberen Röhrenteile die hier sich aufhaltende Larve bloßgelegt, sie jedenfalls verhindert haben, in die Tiefe hinabzugleiten. Es ist noch nicht gelungen, durch künstliche Zucht die Lebensdauer der Larve zu ermitteln. Die gefangenen Larven fressen sich gegenseitig an und auf, sobald das gebotene Getreide nicht die hinreichende Nahrung liefert. Der Umstand, daß die gleichzeitig lebenden Larven verschiedene Größe haben, und daß andere unter ähnlichen Verhältnissen vorkommende Käferlarven zu ihrer Entwicklung mehrere Jahre bedürfen, veranlaßte mich früher, auch von dieser Art eine mehrjährige Brut anzunehmen; ich bin aber neuerdings nach verschiedenseitigen Beobachtungen zu einer andern Ansicht gelangt. Die Nachkommen der ungefähr Mitte Juni geborenen Käfer überwintern in verschiedener Größe, kommen nach der Überwinterung um die Mitte des Mai zu der Verpuppung und werden spätestens vier Wochen nachher zu Käfern, so daß mithin nur von einjähriger Brut die Rede sein kann. Es mögen auch hier, wie dies schon von andern Laufkäfern bemerkt wurde, nicht immer die Zeiten pünktlich innegehalten werden; denn sonst ließe sich nicht erklären, wo im ersten Frühjahre die Käfer herkommen, die ich sehr vereinzelt angetroffen habe. Es braucht wohl nicht erst erwähnt zu werden, sondern erscheint selbstverständlich, daß die Verpuppung im Grunde der etwas erweiterten Röhre erfolgt.

Wo nach den Berichten ganze Roggenfelder durch die fressenden Käfer ein schwarzes Aussehen bekommen oder die Larven so dicht beisammen fressen, daß man mit jedem Spatenstiche fünfzehn bis dreißig Stück derselben zu Tage fördert, wie 1869 im Kreise Minden, da liegt es sicher im Interesse der Feldbesitzer, diesen Zerstörern möglichste Schranken zu setzen und sich ihrer zu erwehren. Soll man in der oben angegebenen Weise die Larven ausgraben und wegfangen? Das dürfte der Maulwurf gründlicher besorgen, der aber überall da gefehlt zu haben scheint, wo die Larven des Getreidelaufkäfers in wirklich bedenklichen Mengen aufgetreten sind. Dagegen muß der Käfer von den Ähren abgelesen und getötet werden, und zwar möglichst zeitig und allseitig, damit überhaupt keine Brut möglich wird. Weiter gibt Jul. Kühn den Rat, auf denjenigen Getreidefeldern, wo der Käfer beobachtet wurde, und wo die Eierablage vermutet werden darf, sogleich nach der Ernte zu exstirpieren und zu eggen, damit die ausgefallenen Körner rasch aufgehen. Sowie dies geschehen, pflüge man das Land ohne Zögern bis zu der vollen Tiefe. Auf diese Weise entzieht man der jungen Brut ihre Nahrung, zumal wenn man auch die angrenzenden Stoppelfelder schnell umbricht und die Wintersaaten in der Nachbarschaft so spät bestellt, als es die Örtlichkeit gestattet. Ferner muß man an den Stellen, wo besagter Getreidefeind vorhanden war, bei der Fruchtfolge die größte Vorsicht anwenden, darf namentlich nach Halmgetreide weder Winterroggen oder Winterweizen, noch nach diesen beiden Gerste bestellen. Durch die angeführten Vorsichtsmaßregeln beugt man den künftigen Beschädigungen seitens des Getreidelaufkäfers und dessen Larve vor; ist letztere bereits vorhanden, so muß sie vernichtet und ihr weiteres Vordringen unmöglich gemacht werden. Diesen beiden Forderungen genügt man am sichersten, wenn man die angegriffene Fläche mit einem möglichst senkrechten Graben umgibt, der vor die Fraßlinie in den unversehrten Teil gelegt wird, um sicher zu sein, daß die Grabenlinie noch nicht von einem Teile der Larven überschritten wurde. Diese Gräben erhalten am zweckmäßigsten eine Tiefe von 48 bis 62 Zentimeter bei einer Breite von 31,4 bis 39,2 Zentimeter und werden in der Sohle bis 7,5 Zentimeter Höhe mit frischgelöschtem Kalk bestreut oder mit Kalkmilch so weit ausgefüllt. Wenn der Fraß vom Rande her stattfindet, so pflügt man den angegriffenen Teil ungefähr 15,7 Zentimeter tief um und läßt hinter dem Pfluge die Larven auflesen. Hierbei ist zu beachten, daß das Auflesen in einiger Entfernung vom Pfluge geschehen muß, weil die in den umgerissenen Schollen befindlichen und gestörten Larven sich hervorzuarbeiten suchen und größtenteils in die offene Furche gelangen, wo sie sich bald wieder verkriechen. Es ist dieses Mittel, mit der eben bezeichneten Vorsicht angewandt, auch gegen andere schädliche Larven nicht dringend genug zu empfehlen. Der für den Getreideertrag verloren gegangene Streifen kann mit Hackfrüchten bestellt und hierdurch noch nutzbar gemacht werden.

Nachdem das Betragen der Laufkäfer im allgemeinen geschildert und der wesentlichsten Abweichungen davon bei einzelnen Sippen gedacht ist, würde ein weiteres Eingehen auf diese Familie nur ermüden. Wer zahlreiche Arten aus der nächsten Verwandtschaft des Getreidelaufkäfers, der von allen jedoch der am stärksten gewölbte ist, beieinander zu sehen wünscht, dem können wir nur raten, sie in der Zeit vom Oktober bis zum Beginn des nächsten Frühjahres in ihrem Winterlager aufzusuchen. Hierzu sind keine besonderen Kunstgriffe und keine praktischen Erfahrungen nötig, sondern es reicht aus, einen und den andern größeren Stein auf einem beliebigen Feldwege zu lüften und die von ihm bedeckt gewesene Bodenfläche anzuschauen. Da zeigt sich ein Bild, verschieden je nach der Örtlichkeit und nach der Jahreszeit, immer jedoch geeignet, einen Blick in das geheime Getriebe der Kerfwelt zu tun, im Winter starr und regungslos, je näher dem Frühlinge voller Leben und Angst verratender Beweglichkeit. Unter dem mancherlei Geziefer haben aber die Läufer sicherlich das Übergewicht.

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Der sinnige Spaziergänger, der Gefallen an der schönen Natur findet und auch das Kleine und Unbedeutende bemerkt, das sich seinen Blicken darbietet, bekommt diesen und jenen Laufkäfer zu sehen, mit den im Wasser lebenden Kerfen hat es freilich eine andere Bewandtnis. Um diese zu beobachten, muß man mehr Muße und Interesse haben als ein gewöhnlicher Spaziergänger; man muß an Tümpeln, Lachen, Gräben mit stehendem Wasser sich umhertummeln und aufmerksam ausschauen. Da gibt es allerlei wunderbare Dinge zu sehen und viel zu berichten für den, der sich einigermaßen kümmert um das Geschmeiß, das hier zeitweilig oder für immer lebt, um zu fressen und gefressen zu werden. Denn nimmt das Morden unter dergleichen Gesindel in der Luft und auf der weiten Erdoberfläche kein Ende, so gehört es zum fast ausschließlichen Handwerk derer, die das Geschick in ein Wasserloch einsperrte, wo so leicht kein Entkommen ist und der Schwächere dem Stärkeren immer unterliegen muß. Könnten wir durch die Berichte, die sich auf die Schwimmkäfer beziehen, unsere Leser für einen nur kleinen Teil jener Wasserbewohner interessieren und sie veranlassen, selbst hinzugehen und zu sehen, so würden wir unsern Zweck erreicht haben, und sie wären reichlich belohnt; denn sie würden mehr sehen, als wir ihnen hier erzählen können.

Die Schwimmkäfer, Tauchkäfer ( Dytiscidae), um welche es sich zunächst handelt, sind für das Wasserleben umgeschaffene Laufkäfer. Da aber dieses weniger Abwechslung bietet als das Leben in der freien Luft, so finden wir auch bei weitem nicht den Wechsel der Formen von vorher. Mundteile und Fühler der Schwimmkäfer unterscheiden sich nicht von denen der Läufer, namentlich ist die äußere Lade der Unterkiefer in die charakteristische Tasterform übergegangen, der Körper jedoch verbreitert und verflacht sich ganz allgemein; indem der Kopf tief im Halsschilde sitzt, dieses sich mit seinem Hinterrande eng an die Flügeldecken anschließt, Rücken und Bauch sich so ziemlich gleichmäßig wölben und in den Umrissen mehr oder weniger scharfkantig zusammenstoßen, so stellt dieser Umriß in ununterbrochenem Verlaufe ein regelmäßiges Oval dar. In gleicher Weise werden die Beine, vorzugsweise die hintersten, breit und bewimpern sich zur Nachhilfe stark mit Haaren, denn sie dienen als Ruder, ihre Hüften sind meist groß, quer, reichen fast bis zum Seitenrande des Körpers und verwachsen mit dem Hinterbrustbeine vollständig. Bisweilen verkümmert das vierte Fußglied der Vorderbeine, während beim Männchen die drei ersten desselben Paares, manchmal auch des folgenden in zum Teil eigentümlicher Weise sich erweitern. Bis auf die Verwachsung der drei vordersten von den sieben Bauchringen erstreckt sich die Übereinstimmung mit den Gliedern der beiden voraufgehenden Familien. Neben der Fähigkeit zum Schwimmen fehlt den Dytisciden keineswegs die zum Fliegen. Da sie fast ausschließlich in stehenden Wässern leben, deren manche im Sommer austrocknen, so würden sie einem sicheren Tode entgegengehen, wenn nicht die Flugfertigkeit vorgesehen wäre. Am Tage verlassen sie ihr Element nicht, sondern des Nachts von einer Wasserpflanze aus, an der in die Höhe gekrochen wurde, und daher ist es zu erklären, daß man in Regenfässern, in Röhrtrögen und in ähnlichen Wasserbehältern manchmal gerade die größeren Arten zu sehen bekommt, daß sie des Morgens, weit entfernt von ihrem gewöhnlichen Aufenthalte, auf dem Rücken hilflos daliegend, auf den Glasfenstern von Treibhäusern und Warmbeeten gefunden worden sind, die sie entschieden für eine glänzende Wasserfläche gehalten haben mußten. Sehr viele benutzen ihr Flugvermögen, um unter Moos in den Wäldern ihr Winterquartier zu suchen, wo ich sie schon neben Laufkäfern, Kurzflüglern und andern in der Erstarrung angetroffen habe. Da sie nicht durch Kiemen atmen, so bedürfen sie der Luft oberhalb des Wassers, kommen dann und wann aus der Tiefe hervor und hängen gleichsam mit ihrer Hinterleibsspitze, wo das letzte Luftröhrenpaar mündet, an dem Wasserspiegel, um frische Luft auf- und am filzig behaarten Bauche mit in die Tiefe hinabzunehmen. Warmer Sonnenschein lockt sie besonders an die Oberfläche und belebt ihre Tätigkeit, während sie sich an trüben Tagen im Schlamme verkriechen oder verborgen unter Wasserpflanzen sitzen; denn fehlen diese einem Wassertümpel, so fehlen auch sie. Die überwiegende Anzahl von ihnen, mit sehr großen und nach vorn erweiterten Hüften, schwimmen unter gleichzeitiger Bewegung der Hinterbeine, also nach den Regeln dieser edlen Kunst, einige kleinere Arten, mit schmalen Hinterhüften, unter abwechselnder Bewegung der Hinterbeine; diese sind die Wasser treter.

In bezug auf die Larven müssen wir wieder unsere große Unwissenheit bekennen; von den paar beschriebenen läßt sich nur anführen, daß sie mit sechs schlanken, bewimperten und zwei klauigen Beinen ausgerüstet sind, aus elf Leibesgliedern bestehen, die auf dem Rücken von Chitinschildern bedeckt werden; nur das letzte röhrenförmige ist durchaus hart und läuft in zwei ungegliederte, aber eingelenkte und gefiederte Anhängsel aus, die mit dem letzten Luftlochpaar in Verbindung stehen und früher als Tracheenkiemen bezeichnet worden sind. Der wagerecht vorgestreckte platte Kopf zeichnet sich durch einfache, sichelförmige Kinnbacken, freie Kinnladen mit eingliedrigen Tastern, ein kurzes, fleischiges Kinn mit zweigliedrigen Tastern und keine Spur einer Zunge, durch den Mangel der Oberlippe, durch viergliedrige Fühler und jederseits durch eine Gruppe von sechs, in zwei Senkstrichen stehenden Punktaugen aus. Die Kinnbacken dienen diesen Larven nicht nur zum Festhalten und Verwunden ihrer Beute, wie den Laufkäferlarven, sondern in Ermangelung einer Mundöffnung gleichzeitig als solche. Sie sind nämlich hohl, vor der Spitze in einer Spalte offen und bilden ein Saugwerk, mit dem die flüssige Nahrung aufgenommen wird. Wegen der Übereinstimmung hinsichtlich der Freßwerkzeuge bei dieser mit den beiden vorangehenden Familien sind alle drei von früheren Systematikern als Fleischfresser ( Adephagi)zu einer Gruppe zusammengestellt worden.

Die Schwimmkäfer breiten sich über die ganze Erde aus, vorwiegend jedoch in der gemäßigten Zone, und stimmen wie in der Gestalt auch in der meist eintönigen Färbung überein, so zwar, daß hier in keinerlei Weise die Bewohner heißerer Erdstriche eine Auszeichnung vor unsern heimischen aufzuweisen haben. Schwarz, Braun, bei den größten wohl auch Olivengrün mit oder ohne schmutziggelbe Zeichnung, die vorherrschend einige Ränder trifft, sind die einzigen Farben, die den Schwimmkäfern zukommen. Gegen den Herbst findet man sie am zahlreichsten und, wie es scheint, alle als Neugeborene und zur Überwinterung Bestimmte.

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Gesäumter Fadenschwimmkäfer ( Dyticus marginalis)

Der gesäumte Fadenschwimmkäfer ( Dytiscus marginalis) gehört zu den größten der ganzen Familie, hängt jetzt mit der äußersten Spitze seines Hinterleibes an der Oberfläche des Wassers, fährt im nächsten Augenblicke hinab und wühlt sich in den Schlamm des Grundes, oder versteckt sich in das Gewirr der dort wurzelnden Pflanzen, kommt wieder hervor, eine kleine Larve oder einen andern Mitbewohner des schmutzigen Tümpels so lange verfolgend, bis er den leckeren Bissen triumphierend zwischen seinen scharfen Freßzangen festhält. Der Bau des Körpers und der gleichmäßig rudernden Hinterbeine verleihen ihm die ausreichende Gewandtheit. Die Mittel- und Vorderbeine sind zum Klettern und Festhalten eingerichtet, in beiden Geschlechtern aber verschieden gebaut. Während die fünf seitlich etwas zusammengedrückten Fußglieder beim Weibchen untereinander ziemlich gleich sind, höchstens das Klauenglied durch seine Länge sich mehr auszeichnet, erweitern sich die drei ersten der männlichen Mittelfüße und sind, wie bei vielen Laufkäfern, an der Sohle mit einer Bürste kurzer Borsten dicht besetzt. An den Vorderbeinen bilden dieselben zusammen eine kreisrunde Scheibe, die auf der Sohle außer der Bürste noch zwei Näpfchen trägt. Eine einfache und doch wunderbare Einrichtung. Wenn das Tier seine Vorderfüße platt aufdrückt auf einen Körper, z. B. ein im Wasser liegendes Aas, die polierte Oberfläche seines Weibchens, so kommt die Innenseite jener Näpfchen mit zur Berührung, dann aber zieht ein mittendurchgehender Muskel die Innenwand zurück, und es bildet sich ein luftleerer Raum innerhalb dieses kleinen Schöpfkropfes, die Beine haften auf diese Weise fester, als es unter Aufwand von vielleicht zehnmal mehr Muskelkraft möglich wäre. Die immer glänzende, niemals nasse Oberfläche des ganzen Körpers ist oben dunkel olivengrün mit Ausnahme einer gleichmäßigen, gelben Einfassung rings um das Halsschild und einer nach hinten allmählich schwindenden am Außenrande der Flügeldecken. Diese letzteren bieten bei den andern Dytiscusarten ein noch anderes Unterscheidungsmerkmal der Geschlechter, bei der unsrigen nur teilweise. Sie sind nämlich auf ihrer größeren Vorderhälfte bei den Weibchen stark gefurcht, während gerade von unserer Art ebenso häufig Weibchen mit glatten, den männlichen vollkommen gleichen Flügeldecken angetroffen werden. Die Zweigestaltigkeit der Flügeldecken nach den beiden Geschlechtern kennt man längst und war auch schon früher bemüht, eine Deutung für sie zu finden. Die Annahme lag nahe, daß die durch Furchen erzeugte Rauheit des Rückens dem Männchen das Festhalten auf demselben bei der Paarung erleichtern dürfe. Kirby und Spence in ihrer »Einleitung in die Entomologie«, ebenso wie Darwin in seiner »Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl« gehen von dieser Ansicht aus, jene betrachten aber die in Rede stehende Einrichtung als einen unmittelbaren Ausfluß der göttlichen Weisheit, dieser als das Produkt allmählicher Entwicklung durch Naturzüchtung. Darwin folgert nun weiter: Sind die Flügeldeckenfurchen als Förderungsmittel zur Begattung wirksam, so haben die damit ausgerüsteten Weibchen im Kampfe um das Dasein vor den glattdeckigen einen gewissen Vorzug voraus, diese letzten haben nach dem Gesetze der Kompensation des Wachstums statt der komplizierteren Ausbildung der Flügeldecken kräftigere Natur, namentlich kräftigere Schwimmbeine und sind daher wieder in dieser Beziehung im Vorteile; wogegen die minder begünstigten Zwischenformen im Laufe der Zeit vom Schauplatze verschwinden mußten. Joseph hat neuerdings ein solches Weibchen mittlerer Form aufgefunden, zwar nicht von der in Rede stehenden, sondern von einer andern sehr nahen Art ( Dytiscus dimiatus). Dasselbe hat Andeutungen von Furchen, wie deren zwei auch beim Männchen vorhanden sind, schmal und seicht, nur die sechste und siebente Furche ist etwas breiter und tiefer. Wenn nun ein noch nicht von der Schaubühne abgetretenes Weibchen solcher Mittelform aufgefunden worden ist, so dürfte bei einer vielseitigeren Nachforschung vielleicht auch noch ein zweites und drittes aufgefunden werden, und dieselben sind somit noch nicht ausgestorben. Was weiter die kräftigeren Schwimmbeine der glatten Weibchen anlangt, so ist dieses Merkmal von so unbestimmter und unsicherer Natur, daß es von dem einen zugunsten seiner Ansicht gesehen, von dem andern geleugnet worden ist und entschieden geleugnet werden kann, wodurch hier das Kompensationsgesetz des Wachstums hinfällig wird. – Neuerdings bringt von Kiesenwetter eine andere Erklärung vom Dimorphismus der Dytiscidenweibchen, die den Darwin schen Grundsätzen entspricht. Davon ausgehend, daß, wie wir bereits früher sahen, die Flügel der Kerfe als Ausstülpungen der Haut zu betrachten seien, die von Adern oder Rippen, den ursprünglichen Luftröhrenstämmen gestützt werden, daß in den Flügeldecken der Käfer dieselben meist verwischt, aber immer noch nachweisbar sind, werden die gerippten oder gefurchten Flügeldecken im Gegensatze zu den glatten von vornherein als die ursprünglichere Bildung betrachtet. Dafür spricht auch der Umstand, daß schon in der Tertiärzeit Dytisciden mit gefurchten Flügeldecken vorgekommen sind. »Hat man nun«, fährt von Kiesenwetter fort, »die überaus formenreiche Entwicklung des Insektentypus, als der durch Tracheen atmenden Gliedertiere, nicht im Wasser, wo man verhältnismäßig wenige Insekten antrifft, sondern auf dem Lande zu suchen, wo sie bekanntlich in unendlicher Vielgestaltigkeit auftreten, so darf man insbesondere die Dytisciden als ursprüngliche Carabenform ansehen, die dem Leben im Wasser angepaßt worden ist, oder bestimmter im Darwinschen Sinne gesprochen, die dem Wasserleben sich allmählich angepaßt hat; nicht umgekehrt die Caraben als Dytisciden, die sich zu Landraubtieren umgestaltet haben. Dem Carabentypus kommt aber jenes Rippensystem der Flügeldecken, dessen Bedeutung wir eben darzulegen suchten, in ganz bestimmt ausgesprochener Weise zu, und man hat es daher auch für die Dytisciden als das ursprünglich typische zu betrachten und folgerecht anzunehmen, daß die anfänglich vorhandenen Furchen erst durch Anpassung an das Leben im Wasser, für das eine möglichst glatte Körperoberfläche vorteilhaft war, allmählich beseitigt worden sind, daß aber gewisse Weibchen sie in mehr oder minder modifizierter Form beibehalten haben, da sie ihnen wieder in anderer Hinsicht (für die Begattung) von Vorteil waren, während andere Weibchen sie gleich den Männchen verloren. Letzteren Weibchen kommt (abgesehen von der mindestens problematischen Frage, ob sie eine kräftigere Entwicklung haben) die glatte Oberfläche für ihre Bewegungen im Wasser zustatten, erstere dagegen haben Aussicht auf zahlreichere Nachkommenschaft, und jeder dieser Vorteile ist nach Darwinscher Auffassung schon an sich für ausreichend zu erachten, um im Laufe der Generationen die entsprechende Bildung der Weibchen zu fixieren oder in Fällen, wo beide Momente sich die Wage halten, die weiblichen Individuen in zwei Rassen zu spalten, die unvermischt nebeneinander bestehen, indem die minder begünstigten Zwischenformen ausgemerzt werden.« Wir müssen es dem Leser überlassen, sich selbst für die eine oder andere Ansicht zu erklären oder keine von beiden anzunehmen und in diesen Unterschieden nur den überall vorkommenden Ausdruck für den unendlichen Formenreichtum in der organischen Natur zu erkennen. »Darwinistische Erklärungen« der obigen Art haben für die Forschung zweifellos sehr anregend gewirkt, sind aber als unhaltbar von der modernen Erbforschung aufgegeben worden. Hrsgbr. Nach dieser Abschweifung, die wir für geboten hielten, um einen Begriff zu geben, wie weit die Spekulation auf diesem Gebiete von der eigentlichen Forschung ablenken kann, kehren wir zur Charakteristik des gesäumten Fadenschwimmkäfers zurück. Die Unterseite seines Körpers und die elfgliedrigen Borstenfühler sind gelb gefärbt, die Beine etwas dunkler. Wie die größeren Laufkäfer einen übelriechenden grünbraunen Saft ausspeien, um denjenigen außer Fassung zu bringen und zur Freilassung ihrer Person zu nötigen, der einen zwischen die Finger nahm, so sondert unser Schwimmkäfer und die mittelgroßen andern Arten aus Vorder- und Hinterrande seines Halsschildes eine milchweiße Flüssigkeit aus, die gleichfalls einen unangenehmen Geruch verbreitet.

Wollen wir der Entwicklungsgeschichte dieses Schwimmkäfers weiter nachgehen und somit einen Begriff von der der übrigen erhalten, die im großen ganzen keine andere sein dürfte, so brauchen wir nur eine Partie derselben in ein Aquarium zu setzen, das über dem kiesigen Boden etwas Schlamm und statt des üblichen Felsens in der Mitte einige Rasenstücke enthalten müßte. Bei der großen Gefräßigkeit der Tiere verursacht ihre Sättigung einige Schwierigkeiten, doch können Ameisenpuppen, Frosch- und Fischbrut, Wasserschnecken, eine tote Maus und andere in Ermangelung von kleineren, weicheren Wasserinsekten aus der Not helfen. Im Frühjahr legt das Weibchen auf den Grund seines Wasserbehälters eine ziemliche Anzahl gelber, etwa 2,25 Millimeter langer Eier von ovaler Gestalt. Diese brauchen zwölf Tage Zeit, ehe sie auskriechen. Winzig kleine Würmchen wimmeln dann im Wasser umher, und ihre gewaltige Gefräßigkeit, in der sie sich untereinander nicht verschonen, zeigt, daß sie Lust haben, schnell größer zu werden. Schon nach vier bis fünf Tagen messen sie beinahe 10 Millimeter und ziehen ihr erstes Kleid aus, nach derselben Zeit sind sie noch einmal so groß und häuten sich zum zweiten, und bei gleich beschleunigtem Wachstum ein drittes Mal. Freilich wurde manche dieser Larven, bevor sie sich einigermaßen kräftigte, die Beute eines stärkeren Räubers, wie einer Libellenlarve und anderer. Im späteren Alter, wenn sie erst mehr Nahrung bedarf, schreitet das Wachstum weniger rasch fort; erwachsen hat sie noch dieselbe Gestalt, die sie aus dem Ei mitbrachte. Mit geöffneten Zangen lauert sie ruhig, bis eine unglückliche Mücken- oder Haftlarve, oder wie all das kleine Gewürm heißen mag, das, an Gestalt ihr nicht unähnlich, in gefährlicher Nachbarschaft mit ihr zusammen lebt, in ihre Nähe kommt, und ersieht den günstigen Augenblick, um sich unter einigen schlangenartigen Windungen ihres Körpers auf dasselbe zu stürzen und es zu ergreifen. Unter denselben Körperbewegungen und mit den Beinen arbeitend, geht sie nun aus den Boden, setzt sich an einer Wasserpflanze fest und saugt die Beute aus. Die Reihen der Larven hatten sich im Aquarium etwas gelichtet; denn obschon ich gleich nach dem Erscheinen der jungen Lärvchen zu deren Schutze die Käfer entfernt hatte, die übrigens nun sterben, da sie ihren Zweck erfüllt haben, obgleich ich mir alle Mühe gab, jenen hinreichende Nahrung zukommen zu lassen, verschonten sie sich doch nicht, sei es nun, daß die nahe Berührung, in die sie im Aquarium kamen, ihre Mordgier reizte, sei es, daß ich ihren beständigen Hunger unterschätzt hatte. Um sie daher am Ende nicht alle zu verlieren, fing ich mir neue ein, die ich nach vorhergegangener genauer Untersuchung als derselben Art angehörig erkannt hatte, und brachte sie zu den früheren. Die kleineren mußten sich am meisten ihrer Haut wehren, denn sie wurden gleich einmal gepackt, wenn sie sich nicht vorsahen. Die erwachsenen unter ihnen singen an, in ihrer Freßbegierde nachzulassen, sie krochen an der steinigen Unterlage der Rasenstücke in die Höhe und verschwanden allmählich unter diesen. Nach Verlauf von ungefähr vierzehn Tagen lüftete ich eins der Stücke, das lose auf der Erdunterlage saß, und fand zu meiner Freude einige Höhlungen mit je einer Puppe, an welcher Form und Gliedmaßen des künftigen Käfers erkannt werden. Nach durchschnittlich dreiwöchentlicher Ruhe für die Sommerzeit reißt die Hülle im Nacken und der junge Käfer arbeitet sich hervor; die erst im Herbst zur Verwandlung gelangten Puppen überwintern. Ehe der Neugeborene seinen Eltern vollkommen gleicht, vergeht eine geraume Zeit. Am ersten entwickeln sich die zusammengerollten, äußerst zarten Flügel und deren Decken, hierauf ist der Käfer seiner Form nach ausgebildet, aber noch ungemein weich und von gelblichweißer Farbe. In diesem Zustande wäre er im Wasser noch nichts nütze, er bleibt daher auch ferner in seiner feuchten Wiege, wird mit jedem Tag fester und dunkler, und erst am achten ist er fähig, seine düstere Geburtsstätte zu verlassen. Auch selbst dann noch, wenn sie schon lustig im Wasser umherschwimmen, kann man an der blassen Farbe des Bauches und der weicheren Chitindecke die jüngeren von den älteren Schwimmkäfern unterscheiden. Rauben und Morden wird fortgesetzt. Der gesäumte Fadenschwimmkäfer und die wenigen Arten der Gattung Dytiscus, die neben ihm in Deutschland allgemeine Verbreitung haben, sind in Fischteichen nicht gern gesehen; denn sie greifen die junge Brut an und verhindern ihr Aufkommen.

Während Dytiscus zwei ziemlich gleiche und bewegliche Krallen an den Hinterfüßen hat, kommen bei den mittelgroßen Fadenschwimmkäfern, die den Gattungen Acilius und Hydaticus angehören, zwei ungleiche vor, deren obere fest ist, bei Cybister Roeselii nur eine bewegliche; überhaupt sind es die Verschiedenheiten in der Klauenbildung und in den Erweiterungen der männlichen Vorder- und Mittelfüße, welche die wesentlichen Erkennungszeichen der aufgestellten Gattungen abgeben.

 

Der gefurchte Fadenschwimmkäfer ( Acilius sulcatus) stimmt in der scheibenförmigen Erweiterung der männlichen Vorderfüße mit der Gattung Dytiscus überein, unterscheidet sich aber von ihr durch die bereits angegebene Krallenbildung an den Hinterfüßen und durch den Mangel einer Ausrandung an dem letzten Bauchringe. Die Weibchen führen auf den vier Zwischenräumen zwischen ihren wenigen, die ganze Länge der Flügeldecken durchziehenden Riefen lange Behaarung sowie je ein dergleichen Büschchen an den Enden der gelben Mittellinie des licht umrandeten Halsschildes. Die Oberseite des Körpers ist schwarzbraun, die untere schwarz mit Ausschluß einiger gelblichen Flecke am Bauche. Die Larve zeichnet sich durch gestrecktere Brustringe vor der vorigen aus. Der gefurchte Fadenschwimmkäfer kommt überall zwischen den größeren, gleichgroßen und bedeutend kleineren Dytisciden vor und unterscheidet sich weder durch Lebensweise noch in der Entwicklung von der zuerst geschilderten Art.

 

Die kleinsten, diesen Formkreis beschließenden Schwimmkäfer von durchschnittlich kaum 4,5 Millimeter Länge gehören der Gattung Hydroporus an, die sich durch nur vier Fußglieder an den beiden vorderen Paaren der Beine und durch fadenförmige Hinterfüße neben ihrer geringeren Größe von allen andern unterscheiden. Die hundertundachtzig über die ganze Erde verbreiteten Arten, deren eine ( nigrolineatus) in Europa und in Nordamerika zugleich vorkommt, lassen sich teilweise schwer voneinander unterscheiden. Manche zeichnen sich durch artige, lichte Zeichnungen aus, einer besonders, der Hydroporus elegans führt den Namen in der Tat. Auf bleichgelbem Untergrunde der Flügeldecken, welcher dem ganzen Tierchen eigen, stehen schwarze, saubere Schraffierungen. Dieser Käfer gehört zu den Berühmtheiten des Mannsfelder Salzsees, oder vielmehr der in seiner unmittelbaren Nähe befindlichen Wasserlöcher, kommt sonst nur wieder im Süden Europas (Frankreich, Schweiz, Kiew) und an denjenigen Stellen des Adriatischen Meeres vor, die sich für den Aufenthalt von Schwimmkäfern eignen.

Um auch der Wasser treter mit schmalen, nicht verlängerten Hinterhüften zu gedenken, sei der Cnemidotus caesus erwähnt, über dessen Körperbildung viel Abweichendes von den vorigen zu berichten wäre. Die größte Breite erlangt der Käfer von einer Schulterecke zur andern, dos kurze, hinten in einen Mittelzahn ausgezogene Halsschild verengt sich nach vorn mit geradelinigem Seitenrande, und durch das Vorquellen der Augen tritt abermalige Verbreiterung ein. Die nur zehngliederigen, der Stirn eingelenkten Fühler und die bedeutendere Länge des letzten, kegelförmigen Kiefertastergliedes im Vergleich zum vorletzten begründen weitere Merkmale. Alle Beine sind schlank, besonders die Füße, die samt den Schienen nur an den Vorderbeinen Wimperhaare tragen. Die hintersten Schenkel sieht man bloß an der Spitze, weil eine mächtige, von den Hinterhüften ausgehende Platte fast den ganzen Hinterleib bedeckt, und nur für jene zwischen ihm und sich seitlich eine Spalte läßt. Die stark gewölbten Flügeldecken, an deren Grunde ein Schildchen nicht bemerkt wird, durchziehen Reihen grober Punkte, die nach hinten allmählich verschwinden, ein gemeinschaftlicher dunkler Fleck und meist einige kleinere auf der Scheibe decken ihren blaßgelben Grund als einzige Abweichung von dieser Körperfärbung: eine Reihe grober Punkte drückt sich außerdem vor dem Hinterrande des Halsschildes ein. Die artenreichere, noch unansehnlichere Gattung Haliplus unterscheidet sich von der eben beschriebenen nur durch das im Vergleiche zu dem vorletzten wesentlich kleinere ahlförmige Endglied der Kiefertaster. Alle diese Tierchen leben versteckt im Grunde der Gewässer und kommen nur demjenigen im Grunde seines Schöpfnetzes zu Gesicht, der mit diesem Fangwerkzeuge die Wasserlöcher bearbeitet, um Material für seine Käfersammlung zu erhalten.

siehe Bildunterschrift

Tauchender Drehkäfer ( Gyrinus mergus)

Mehr als die eben besprochenen Schwimmkäfer müssen die Taumel-, Dreh- oder Wirbelkäfer ( Gyrinidae) die Aufmerksamkeit desjenigen auf sich lenken, der nur einige Minuten beobachtend an Gewässern der vorher bezeichneten Art verweilt; denn die stahlblauen, im Glanze der Sonne förmlich leuchtenden Käferchen können seinen Blicken unmöglich entgehen. Er könnte leicht auf den Gedanken kommen, daß es kein lustigeres, glücklicheres Geschöpf gebe. Jetzt gruppiert sich die kleine Gesellschaft auf einem Punkte, jeder fährt hin und her, der eine beschreibt einen größeren Kreis, der zweite folgt, ein dritter vollendet den Bogen in der entgegengesetzten Richtung, ein vierter zeichnet andere Kurven oder Spiralen, und so kommen sie im wechselnden Spiele bald einander näher oder ferner. Bei diesen höchst gewandt ausgeführten Bewegungen, wie sie in seiner Weise der bestgeschulte Schlittschuhläufer nicht besser ausführt, steht das Wasser unter dem einzelnen fast still, nur wo mehrere beieinander sind, bilden sich embryonische Wellen. Jetzt plumpt ein schwerfälliger Frosch in ihrer Nähe in das Wasser oder es wird auf andere Weise beunruhigt, da, wie die Strahlen des Blitzes, fahren die kleinen Schwimmer auseinander, und es dauert eine geraume Zeit, ehe sie sich wieder zum alten Spiele vereinigen. So beim Sonnenschein oder bei warmer, schwüler Luft ohne denselben; an rauhen, unfreundlichen Tagen bemerkt man keine Spur von den Taumelkäfern, deren ewigen Freudentaumel man wahrscheinlich mit diesem Namen hat bezeichnen wollen; sie halten sich verborgen am Rande zwischen den Blättern der Pflanzen oder auf dem Grunde des Gewässers. Um ihr Betragen in diesem Falle zu beobachten, eignet sich ihr natürlicher Aufenthalt wenig, hierzu bedarf es ihrer Gefangennahme. In dieser Beziehung hat von Malinowski einige interessante Beobachtungen veröffentlicht, denen die folgenden Mitteilungen entnommen sind. Eine zahlreiche Gesellschaft des Gyrinus strigipennis war aus einem Badehause in der Donau geschöpft und in ein Glas mit Wasser gesetzt worden. Als einige Tage nachher verschiedene Stücke toter Käfer auf dem Wasser umherschwammen und dadurch die Vermutung nahe gelegt ward, daß sie sich aus Mangel an Nahrung anfressen, wurde ein Stückchen frisches Fleisch in das Wasser geworfen. Kaum war dasselbe auf dem Boden des Gefäßes angelangt, als eine Anzahl Käfer sich mit den Köpfen in dasselbe einwühlte. Sie hielten sich jedoch bei dieser Behandlungsweise, trotz des fleißigen Wasserwechsels, nicht gut, das Obenaufschwimmen zerstückelter Käfer hörte nicht auf, und nicht lange, so waren sie sämtlich abgestorben. Eine zweite Gesellschaft wurde ohne Fleisch mit Schilfwurzeln eingekerkert, und diese befand sich bei dieser Verpflegung merklich behaglicher; nur einmal erschien ein toter Käfer auf der Wasserfläche, jedoch unangegriffen von seiten der übrigen. Wenn der Wirbelkäfer taucht, versorgt er sich mit Lebensluft, die er als Silberperle an der Leibesspitze mit sich hinabnimmt. Diese Luftblase wird entschieden durch irgendeinen Fettüberzug vom Wasser abgeschieden; denn sie läßt sich breitdrücken, spitzt sich zu und haftet so fest an der Hinterleibsspitze, daß es von Malinowski nach verschiedenen vergeblichen Versuchen nur einmal gelang, sie mittels eines Stäbchens zu entfernen. Augenblicklich wurde sie jedoch durch eine neue ersetzt. Unter Wasser setzt sich der Käfer an eine Pflanze, hält sich besonders mit den Mittelbeinen an derselben fest, streckt die langen Vorderbeine wiederholt vorwärts, wie der zum Schwimmen sich anschickende Mensch seine Arme, streicht mit ihnen auch über den Kopf und den vorderen Rückenteil, wie dies andere Insekten gleichfalls tun, wenn man von ihnen sagt, daß sie sich »putzen«. Außerdem werden die Vorderbeine zum Emporklettern an einer Wasserpflanze oder zum bloßen Festhalten an einer solchen benutzt, wenn der Käfer zur Abwechslung den übrigen Körper in der Schwebe zu halten beliebt. Sitzt er in vollkommener Ruhe, so spielen nur die Taster hin und her, und Bewegungen in seiner nächsten Nachbarschaft stören ihn so leicht nicht. Gleich den Schwimmkäfern können auch die Taumelkäfer fliegen, weil sie ohne dies Vermögen unter Umständen zugrunde gehen würden. Ehe sie auffliegen, kriechen sie an einer Pflanze empor, bewegen, die Flügeldecken lüftend, den Hinterleib lebhaft auf- und abwärts, bis sie zuletzt, mit den Beinen loslassend, sich schwirrend in die Luft erheben. Sehen wir uns jetzt einen der gemeinsten, z. B. den tauchenden Drehkäfer ( Gyrinus mergus), etwas näher an, um die Eigentümlichkeiten der Gattung kennenzulernen. Wir erblicken dasselbe Oval, wie es die vorigen zeigen, doch am Bauche mehr platt gedrückt und rückwärts gewölbter, die Flügeldecken hinten gestutzt und den Steiß unbedeckt lassend. Die Vorderbeine, aus freien, kegelförmigen Hüften entspringend, haben sich armartig verlängert, die hinteren, deren Hüften fest mit dem Brustbein verwachsen, Schienen und Füße je ein rhombisches Blatt darstellend, sind zu förmlichen Flossen geworden. Die Fühler, obschon zusammengesetzt aus elf Gliedern, deren letztes so lang ist, wie die sieben vorhergehenden zusammengenommen, erscheinen doch als bloße Stumpfe. Höchst eigentümlich sind die Augen gebildet, indem jedes von einem breiten Querstreifen in eine obere und eine untere Partie geteilt wird, so daß der Käfer, wenn er umherschwimmt, gleichzeitig unten in das Wasser, oben in die Luft, wahrscheinlich aber nicht in gerader Richtung mit dem Wasserspiegel schauen kann. Das Kinn ist tief ausgeschnitten, an den Seitenlappen stark gerundet, die Taster sind kurz, an der Lippe drei-, am Unterkiefer viergliederig. Dieser unterscheidet sich wesentlich von der Kinnlade der Lauf- und Schwimmkäfer, indem die äußere Lade die Form eines dünnen Stachels annimmt, bei andern Familiengliedern gänzlich verkümmert, mithin niemals Tasterform zeigt. Die kurzen, gekrümmten Kinnbacken laufen in zwei Zähne aus. Der Hinterleib wird vom Bauche her aus nur sechs Gliedern zusammengesetzt, deren drei vorderste auch hier verwachsen, das letzte zusammengedrückt und gerundet, in einigen andern Fällen dagegen kegelförmig ist. Zur Charakteristik der in Rede stehenden Art sei noch hinzugefügt, daß am sehr stark stahlblau glänzenden Körper der untergeschlagene Rand der Flügeldecken und des Halsschildes sowie die Beine rostrot und die zarten Punktstreifen jener in der Nähe der Naht noch feiner als die übrigen sind. Die Gattung ist reich an zum Teile schwer zu unterscheidenden Arten, deren einige gleichzeitig in Deutschland und Nordamerika vorkommen. Von der einen ( Gyrinus natator) ist schon 1770 durch Modeer die Larve bekannt geworden. Dieselbe ist außerordentlich gestreckt und schmal, der Kopf fast viereckig und größer als jeder der folgenden drei Körperringe, die zusammen sechs zweiklauige, mäßig lange Beine tragen. Ihnen schließen sich acht schmälere Hinterleibsringe an, von denen die sieben ersten an jeder Seite einen fadenförmigen, gewimperten Anhang, ungefähr von der Länge eines Beines, aufweisen, die Tracheenkiemen, der letzte ihrer zwei. Auf diese Weise bekommt die Larve eine entfernte Ähnlichkeit mit einer Bandassel. Mit ihren Kieferzangen saugt sie die Beute nach Art der Schwimmkäferlarven aus und fertigt, wenn sie zur Verpuppung reif ist, an einer Wasserpflanze oder sonstwo in der Nähe des Wassers ein nach beiden Enden hin zugespitztes Gehäuse von pergamentartiger Beschaffenheit. Die Verpuppung erfolgt, wie es scheint, nach der Überwinterung der Larven, denn den Sommer über treiben die Käfer ihr Wesen, Anfang August werden die Eier gelegt, und durchschnittlich bedarf die Puppe einen Monat zu ihrer Entwicklung.

Die Familie der Taumelkäfer ( Gyrinidae) beschränkt sich auf hundert und einige zwanzig Arten, ist in allen Erdteilen und in heißen Gegenden durch gewisse Arten vertreten, die 17,5 Millimeter Länge erreichen, also unsern mittelgroßen Schwimmkäfern gleichkommen.

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Noch eine dritte Reihe von Käfern, schlechtweg als Wasserkäfer ( Hydrophilidae oder Palpicornia) bezeichnet, kommt zur Bevölkerung jener Lachen, in und auf denen sich Schwimm- und Wirbelkäfer tummeln. Es sind Kerfe, die in den Körperumrissen von den vorigen nicht abweichen, wohl aber in der Bildung der Mundteile und der Fühler, so daß sie in einem System, das gerade auf diese Teile Gewicht legt, unmöglich mit den vorhergehenden verbunden werden konnten. Die hierher gehörigen Käfer stimmen unter sich überein durch das nicht ausgeschnittene Kinn, eine meist breite, lappenförmige äußere Lade der Unterkiefer und deren sehr gestreckte, fadenförmige Taster, welche die Länge der Fühler erreichen oder noch übertreffen, weshalb man sie für diese halten könnte, wie auch der Name Palpicornia, »Tasterhörnige«, andeuten soll. Die kurzen Fühlerglieder, deren erstes gestreckt ist, während die letzten eine durchbrochene Keule bilden, schwanken in ihrer Anzahl zwischen sechs und neun, ebenso finden in der Menge der Bauchringe (vier bis sieben) und in der Bildung der Fußglieder Unterschiede statt.

Der pechschwarze Kolben-Wasserkäfer ( Hydrophilus piceus) und seine Gattungsgenossen, die sich fast über die ganze Erde ausbreiten, bilden die Riesen der Familie, und in dem ovalen, unten mehr oder weniger gekielten, oben ziemlich stark gewölbten Körper eine gedrungene, plumpe Masse, wie sie in dieser Form unter den Käfern nicht wiederkehrt. Die neungliederigen Fühler beginnen mit einem gebogenen rostroten Grundgliede und schließen mit den vier letzten in einer braunen Blätterkeule, deren erstes Glied glänzt; von den drei folgenden matten Fühlergliedern verlängern sich das erste und zweite nach außen in einen Ast, während sich das eiförmige Endglied zuspitzt. Wie bei den Dytisken verbreitern sich auch hier die Füße der vier Hinteren Beine ruderartig und bewimpern ihre Innenseite mit kräftigen Haaren, das erste Glied ist mir klein und erscheint an der Außenseite wie ein bloßes Anhängsel, während das zweite alle andern an Länge übertrifft; hierin beruht der eine Charakter der ganzen Sippe. Das Männchen kann man vom Weibchen leicht an dem breitgedrückten, beilförmigen letzten Gliede der Vorderfüße unterscheiden. Ein zweiter, hier sehr schön ausgeprägter Charakter der Sippe besteht darin, daß Mittel- und Hinterbrustbein einen gemeinsamen, bei unserer Art flach gedrückten und vorn stark gefurchten Kiel bilden, der sich in Form einer scharfen Lanzenspitze über die Hinterhüften hinaus erstreckt. Außerdem erhebt sich hier der Bauch zu einem ziemlich starken Mittelkiele. Die längsriefigen, dadurch nach der Spitze hin etwas gerippten Flügeldecken laufen an der Naht in ein feines Zähnchen aus; von den Zwischenräumen ist einer um den andern punktiert. Der glänzende, grünlich pechschwarze Käfer lebt in stehenden und fließenden Gewässern. Ich habe ihn hier bei Frühjahrsüberschwemmungen der Saale vorherrschend auf davon betroffenen Wiesen gefangen und manchmal von einer nicht ganz wieder zu beseitigenden Schmutzschicht überzogen gefunden. Interessant gestalten sich einige Verhältnisse in der inneren Organisation des Tieres. Eine bedeutend große, äußerst dünnhäutige, ballonartige Luftröhrenblase auf der Grenze von Mittel- und Hinterleib ist neben den übrigen sehr zahlreichen Ausdehnungen der Luftröhren geeignet, eine beträchtliche Menge Luft in den Körper aufzunehmen und zugleich als Schwimmblase zu dienen. Auch der Darmkanal, welcher dem der pflanzenfressenden Blätterhörner gleicht und ein langes, dünnes, in allen seinen Teilen gleichförmig gebildetes Rohr darstellt, weicht wesentlich von dem der andern Wasserkäfer ab und weist auf Pflanzenkost hin, die vorzugsweise in der filzigen Alge zu bestehen scheint, durch die manche Lachen gänzlich zu versumpfen pflegen; wenigstens befand sich eine mit dieser Kost ernährte Gesellschaft dieser Käfer in der Gefangenschaft lange Zeit sehr wohl, und die sich zu Boden setzenden wurstartigen Exkremente ließen den Algenfilz nicht verkennen.

Im April sorgt das befruchtete Weibchen durch Ablegen der Eier für Nachkommenschaft, hält aber dabei ein Verfahren ein, das wohl wert ist, etwas näher beleuchtet zu werden, weil es schwerlich bei einem andern Käfer, der nicht zur nächsten Verwandtschaft gehört, wieder vorkommt. Es legt sich an der Oberfläche des Wassers auf den Rücken unter dem schwimmenden Blatte einer Pflanze, das es mit den Vorderbeinen an seinen Bauch drückt. Aus vier Röhren, von denen zwei länger aus dem Hinterleibe heraustreten als die andern, fließen weißliche Fäden, die durch Hin- und Herbewegen der Leibesspitze zu einem den ganzen Bauch des Tieres überziehenden Gespinste sich vereinigen. Ist dieses fertig, so kehrt sich der Käfer um, das Gespinst auf den Rücken nehmend, und fertigt eine zweite Platte, die mit der ersten an den Seiten zusammengeheftet wird. Schließlich steckt er mit dem Hinterleibe in einem vorn offenen Sack. Denselben füllt er von hinten her mit Eierreihen und rückt in dem Maße aus demselben heraus, als sich jene mehren, bis endlich das Säckchen gefüllt ist und die Hinterleibsspitze herausschlüpft. Jetzt faßt er die Ränder mit den Hinterbeinen, spinnt Fäden, bis die Öffnung immer enger wird und einen etwas wulstigen Saum bekommt. Darauf zieht er Fäden querüber auf und ab und vollendet den Schluß mit einem Deckel. Auf diesen Deckel wird noch eine Spitze gesetzt, die Fäden fließen von unten nach oben und wieder zurück von da nach unten, und indem die folgenden immer länger werden, türmt sich die Spitze auf und wird zu einem etwas gekrümmten Hörnchen. In vier bis fünf Stunden, nachdem hier und da noch etwas nachgebessert wurde, ist das Werk vollendet und schaukelt, ein kleiner Nachen von eigentümlicher Gestalt, auf der Wasserfläche zwischen den Blättern der Pflanzen. Wird er durch unsanfte Bewegungen der Wellen umgestürzt, so richtet er sich sogleich wieder auf, mit dem schlauchartigen Ende nach oben, infolge des Gesetzes der Schwere; denn hinten liegen die Eier, im vorderen Teile befindet sich die Luft. Diese ovalen Eigehäuse werden manchmal durch anhaftende Pflanzenteilchen zur Unkenntlichkeit entstellt.

Nach sechzehn bis achtzehn Tagen schlüpfen die Lärvchen aus, bleiben jedoch noch einige Zeit in ihrer gemeinsamen Wiege, wie man meint, bis nach der ersten Häutung. Da sich weder die Eischalen noch diese Häute in dem dann am Deckel geöffneten Gehäuse vorfinden, müssen dieselben samt dem lockeren Gewebe, das den inneren Nestraum noch ausfüllte, von den Larven aufgezehrt worden sein. Über die Ernährungsweise der Larven, die ich aber leider selbst nicht beobachtet habe, sind verschiedene und möglicherweise unrichtige Ansichten laut geworden, und dadurch wieder einmal der Beweis geliefert, daß das Leben der gemeinsten und verbreitetsten Kerfe oft gerade am wenigsten der näheren und sorgfältigen Aufmerksamkeit gewürdigt worden ist. Die einen meinen, unsere Larve nähme in der Jugend Pflanzenkost zu sich und würde erst nach mehreren Häutungen zum gierigen Raubtier. Die andern sprechen ihr diese Natur ausschließlich zu und bezeichnen die verschiedenen Wasserschnecken als ihre Lieblingsspeise; sie zerbreche die Schale vom Rücken her und verzehre das Tier in aller Gemächlichkeit. Die Nahrung, mag dieselbe nun aus Fleisch oder aus Pflanzenkost bestehen, wird nicht mit den Kinnbacken ausgesogen, sondern zwischen ihnen und der Stirn – eine Oberlippe fehlt – liegt die sehr feine Öffnung der Speiseröhre. Wenn man die Larve ergreift, oder der Schnabel eines Wasservogels auf sie trifft, so stellt sie sich tot: nach beiden Enden hin hängt ihr Körper wie ein hohler, schlaffer Balg. Will diese List nicht helfen, so trübt sie durch einen schwarzen stinkenden Saft, der dem After entquillt, ihre nächste Umgebung und schützt sich hierdurch öfter vor Verfolgungen. An ihrem platten Kopfe stehen keine Punktaugen, die beiden Stäbchen vor den Kinnbacken stellen die auf der Stirn eingelenkten dreigliederigen Fühler dar, die kräftigen Kinnbacken sind in der Mitte mit einem Zahn versehen, der freie Unterkiefer ragt sehr lang stielartig mit seinem Stamme hervor und läuft an der Spitze nach außen in einen dreigliederigen Taster, nach innen in ein Dörnchen, als Andeutung der Lade, aus. Die kurzen Beine tragen je eine Klaue und das spitze Endglied des Leibes unten ein Paar fädlicher Anhänge. Die rauhe Haut des Körpers ist schwärzlich gefärbt, am dunkelsten auf dem Rücken. Die erwachsene Larve verläßt das Wasser, bereitet in dessen Nähe, also in feuchter Erde, eine Höhlung, in der sie zur Puppe wird, von der sich keine weitere Besonderheit berichten läßt. Gegen Ende des Sommers kriecht der Käfer aus, der an seiner Geburtsstätte die nötige Erhärtung und seine Ausfärbung abwartet, ehe er das Wasser aufsucht.

In der Gesellschaft der eben beschriebenen Art, aber seltener, findet sich eine zweite, der schwarze Kolben-Wasserkäfer ( Hydrous aterrimus); seine Fühler sind durchaus rostrot gefärbt, die Flügeldecken nicht gezähnt, der Bauch erscheint nur gewölbt, nicht gekielt, und der Brustkiel vorn ohne Furche.

Der viel gemeinere laufkäferartige Kolben-Wasserkäfer ( Hydrous caraboides) stellt die vorigen im kleinen dar (er mißt 17,5 Millimeter) und unterscheidet sich von der Gattung Hydrophilus durch die ausgerandete Oberlippe und den bedeutend schmäleren, leistenartigen Brustkiel, dessen hintere Spitze nicht über die Hüften hinausreicht. Das Weibchen birgt seine Eier in ein ähnliches Gespinst, benutzt dazu aber ein schmales Blatt, das es zusammenspinnt und nachher mit jenem kleinen Maste versieht. Die Larve zeichnet sich durch gewimperte Seitenzipfel an den Gliedern, also durch Tracheenkiemen und durch zwei Hornhaken am Endgliede aus. Noch eine größere Anzahl von den fünfhundert und einigen siebzig Arten dieser Familie leben als unscheinbare, von den Systematikern verschiedenen Gattungen zugeteilte Wesen im Wasser, wo sie weniger schwimmen, als auf dem schlammigen Boden oder an den Wasserpflanzen umherkriechen; einige gedrungenere und höher gewölbte Formen (unter andern Scaphidium) sind dem Wasser untreu geworden und haben die Natur der Mistkäfer angenommen.

 

Die mehr als viertausend bis jetzt bekannten auf der ganzen Erdoberfläche verbreiteten Arten der sogenannten Kurzflügler, Moderkäfer ( Staphylinidae oder Brachelytra) unterscheiden sich durch das in ihrem Namen ausgesprochene Merkmal von andern Käfern nicht schwer, bieten aber im übrigen die größte Mannigfaltigkeit in Körpertracht, Lebensweise und Bildung einzelner, für andere Familien sonst sehr charakteristischer Teile. Obschon der Mehrzahl unter ihnen fünfgliederige Füße zukommen, so fehlt es doch nicht an Arten mit nur vier oder gar nur drei Gliedern. Die meist elf-, aber auch zehngliederigen Fühler stimmen zwar alle in der gestreckten Form überein und sind in der Regel fadenförmig, es kommen indessen auch an der Spitze verdickte, infolge des langen Grundgliedes gebrochene und weitere Abänderungen aller Art in diesen bestimmten Grenzen vor. Obschon der Körper linienförmig und im allgemeinen langgestreckt genannt werden muß, so finden sich doch Gestalten, bei denen am rechteckigen vorderen Teile der Hinterleib wie ein walziger Schwanz ansitzt, Gestalten von spindelförmigem Umrisse, andere, die an die langhalsigen Laufkäfer mahnen, neben vollkommen walzigen vollkommen plattgedrückte. Eine fast zeichnungslose, düstere oder schmutziggelbe Färbung verleiht den meisten heimischen neben der geringen Größe ein unscheinbares Ansehen, während gewisse ausländische Arten ein lebhafter Metallglanz etwas mehr auszeichnet.

Die meisten leben am Erdboden, und zwar gesellig unter faulenden Stoffen, viele im Miste, an Aas, in holzigen Schwämmen und schnell vergänglichen Pilzen, unter Baumrinde, Steinen oder an sandigen Stellen in Gemeinschaft vieler Laufkäfer, mit denen zusammen sie dann bei plötzlichen Überschwemmungen das Los der Schiffbrüchigen teilen und in Lagen versetzt werden, die wir bei der allgemeinen Schilderung früher andeuteten. Gewisse Arten bewohnen Ameisenkolonien und leben ausschließlich in diesen (z. B. Lomechusa), einige wenige finden kein Wohlgefallen an den feuchten, Moder und Verwesung aushauchenden Aufenthaltsorten und treiben sich auf Blumen umher und lecken deren Saft. Im Sonnenschein werden die meisten sehr lebendig und fliegen gern umher, die größeren Arten auch an schönen Sommerabenden. Ihre Nahrung besteht aus verwesenden Stoffen des Pflanzen- und Tierreiches sowie aus lebenden Tieren. Einzelne Gattungen und Arten bieten das bei Käfern höchst seltene Auftreten von einem oder zwei Nebenaugen auf dem Scheitel, und noch merkwürdiger ist die neuerdings von Schiödte gemachte Beobachtung vom Lebendiggebären einiger Südamerikaner der Gattungen Spirachta und Corotoca.

Die Larven der Staphylinen gleichen darum den vollkommenen Insekten mehr als andere, weil diese infolge ihrer kurzen, zu übersehenden Flügeldecken und des gestreckten Körperbaues selbst etwas Larvenähnliches an sich haben. Bei den wenigen, die man kennt, sind vier- bis fünfgliedrige Fühler, ein bis sechs Punktaugen jederseits, kurze, fünfgliedrige, in eine Kralle auslaufende Beine und zwei gegliederte Griffel am Hinterleibsende, dessen After als Nachschieber heraustreten kann, als Kennzeichen zu vermerken. Die der größeren Arten gehen andern Larven nach und lassen sich mit Fleisch füttern, wenn man sie erziehen will. Die Verpuppung erfolgt an dem Aufenthaltsorte der Larve in einer Erdhöhle, und die Puppe bedarf nur wenige Wochen der Ruhe, um dem Käfer sein Dasein zu schenken.

Nach dem Gesagten ist es nicht möglich, sowohl nur annähernd einen Überblick über die Familie zu geben, als auch ein allgemeines Interesse für Vertreter der zahlreichen Sippen vorauszusetzen; wir begnügen uns daher mit wenigen, durch buntere Farben, besondere Größe auffällige oder durch ihre allgemeine Verbreitung allerwärts anzutreffende Arten.

siehe Bildunterschrift

Rotflügeliger Moderkäfer ( Staphylinus erythropterus)

Der goldstreifige Moderkäfer ( Staphylinus caesareus), mit dem rotflügeligen ( St. erythropterus) häufig verwechselt, ist im wesentlichen schwarz gefärbt, an dem Kopfe und dem Halsschilde erzgrün, die Fühler, die behaarten Beine und die Flügeldecken sind braunrot, die lichten Fleckenreihen auf dem Hinterleibe und der helle Kragensaum am Halsschilde entstehen durch goldgelbe, anliegende Seidenhaare. Der goldgelbe Hinterrand des Halsschildes und die kräftigere Körpergestalt unterscheiden ihn von dem etwas schlankeren, vorher genannten Doppelgänger. Als Charakter der ganzen Gattung, die noch mehrere stattliche, stark behaarte Arten aufzuweisen hat, beachte man die geraden, am Vorderrande der Stirn entspringenden Fühler, die kräftigen, sichelförmig gebogenen und heraustretenden Kinnbacken, die zweilappigen Unterkiefer mit fadenförmigen, die Lappen weit überragenden Tastern, die häutige, ausgerandete Zunge mit lederartigen, schmalen, etwas längeren Nebenzungen, den gerundet viereckigen Kopf so breit oder etwas breiter als das hinten gerundete, vorn gerade abgestutzte Halsschild, mit dem er durch eine zapfenartige Verengung dieses in Verbindung steht, die an der Spitze abgerundeten oder schräg nach innen abgestutzten Flügeldecken, die erweiterten Hüften der vordersten sowie endlich die voneinander abstehenden der mittelsten Beine.

Der goldstreifige Moderkäfer kommt jedoch vorwiegend in Wäldern vor, wo er sich in der Bodendecke umhertreibt, nach meinen Erfahrungen jedoch auch in der Weise der Kletterlaufkäfer lebt; denn ich habe ihn an Stellen, wo er häufig anzutreffen war, von Eichenstangenholz geklopft. Obgleich ich ihn hier nicht habe fressen sehen, da ich meine Aufmerksamkeit auf andere Dinge gerichtet hatte, so möchte ich doch glauben, daß er dort der Nahrung nachspürte, und diese nicht bloß in faulenden Stoffen besteht, wie von verschiedenen Seiten behauptet worden ist. Es spricht hierfür auch der Umstand, daß Bouché mehrere Larven mit frischem Fleisch aufzog. Unsere Art wie die verwandten größeren trifft man bisweilen bei warmer Witterung suchend auf den Wegen umherspazieren, und zwar in einer befremdenden, höchst anmutigen Körperstellung. Sie haben nämlich ihren unbedeckten, ungemein beweglichen Hinterleib hoch erhoben und halten ihn in einem nach vorn offenen Bogen über dem Mittelleibe aufrecht. Dieses pfauenartige Gebaren scheint eine besondere Erregtheit anzudeuten, mindestens ein Wohlbehagen, wie die flinken, kecken Wendungen des jetzt entschieden drehbareren Körpers beweisen dürften.

Der kurzhaarige Staphyline ( Staphylinus pubescens) deutet die eben erwähnte Stellung nur schwach an. Er ist in der Grundfarbe rostbraun, aus dem Halsschild und Flügeldecken am dunkelsten, am Kopfschilde am hellsten, schillert jedoch durch die den ganzen Körper dicht bedeckenden Seidenhaare in den verschiedensten Farben, am Bauch und Hinterbrust vorherrschend silbergrau, während der Rücken durch schwarze Sammetfleckchen uneben erscheint.

Der stinkende Moderkäfer ( Ocypus olens), eines der größten und massigsten Familienglieder, ist mit Ausnahme der rostbraunen Fühlerspitze durchaus schwarz, durch Filzbehaarung matt, überdies geflügelt, während eine andere, allerdings schlankere Art derselben Gattung der Flügel entbehrt. Er hält sich vorherrschend und nur vereinzelt in Wäldern auf. Die einander sehr genäherten Mittelhüften bilden den einzigen Unterschied zwischen dieser und der vorigen Gattung.

Der erzfarbene Mistlieb ( Philonthus aeneus) gehört einer aus hundert europäischen, sehr schwer unterscheidbaren Arten zusammengesetzten Gattung an, die alle wesentlichen Merkmale mit den beiden vorangehenden gemein hat und sich nur durch eine ungeteilte, vorn abgerundete Zunge von ihnen unterscheidet. Die nirgends seltenen Philothusarten halten sich allerwärts an feuchten, moderreichen Stellen des Erdbodens auf, nicht gerade mit Vorliebe im Miste, wie ihr wissenschaftlicher Name glauben lassen könnte.

Der rote Pilzkurzflügler ( Oxyporus rufus) gehört entschieden zu den angenehmeren Erscheinungen aus dieser Familie. Die glänzend schwarze Grundfarbe des Käfers wird auf dem Halsschilde, an je einem großen Schulterfleck der Flügeldecken und an dem Hinterleibe, mit Ausschluß seiner schwarzen Spitze, durch lebhaftes Rot ersetzt. Auch die Beine, mit Ausschluß der schwarzen Wurzel der keulenförmigen Fühler, und die Mundteile, mit Ausschluß der Kinnbacken, sind rot. Diese letzteren stehen in Sichelform lang und drohend, beim Schlusse sich kreuzend, hervor, und das halbmondförmige Endglied der Lippentaster bildet den wesentlichen Gattungscharakter und das Unterscheidungsmerkmal von den drei vorhergehenden. Die Art lebt in fleischigen und holzigen Pilzen und gehört keineswegs zu den Seltenheiten.

Während bei allen bisherigen Kurzflüglern und zahlreichen ungenannten hinter den Vorderhüften das Luftloch des ersten Brustringes sichtbar ist, falls bei einem zusammengetrockneten Käfer sich dieser nicht zu sehr nach unten neigt, wird es bei der letzten, hier zu besprechenden Art und vielen andern von dem umgebogenen Chitinrande des Halsschildes bedeckt. Der Ufer-Moderkäfer ( Paederus riparius) ist rot, nur am Kopfe samt den Fühlerspitzen, an den Knien, den beiden hintersten Brustringen und an der Schwanzspitze schwarz, an den grobpunktierten Flügeldecken blau. Dieser Käfer hält sich gern an Rändern fließender und stehender Gewässer auf, kriecht auch an dem dort wachsenden Buschwerk in die Höhe und findet sich meist in kleineren Gesellschaften vereinigt. Eine ungeteilte Oberlippe, ein sehr kleines Endglied der Kiefertaster, ein zweilappiges viertes Fußglied, kegelförmige Hinterhüften, ein fast kugeliges Halsschild und unter dem Seitenrande der Stirn eingelenkte Fühler charakterisieren die Gattung, von deren dreißig Arten ungefähr elf in Europa heimaten.

siehe Bildunterschrift

Käferleben (Aaskäfer)

  1. Stutzkäfer ( Laprinus semistriatus)
  2. Erzfarbener Mistlieb ( Philonthus aeneus)
  3. Schwarzglänzender Aaskäfer ( Silpha atrata)
  4. Rothalsiger Aaskäfer ( Silpha thoracica)
  5. Deutscher Totengräber ( Necrophorus germanus)
  6. Gemeiner Totengräber ( Necrophorus vespillo)
  7. Vierpunktiger Aaskäfer ( Silpha quadripunetata)
  8. Mist-Stutzkäser ( Hister fimetarius)

Die Pselaphiden ( Pselaphidae), winzige, manche interessante Seite darbietende Käferchen, die unter Moos, feuchtem Laube, Baumrinde, Steinen und – zwischen Ameisen verborgen leben, bilden eine besondere Familie, die sich den Staphylinen eng anschließt, weil auch bei ihnen die Flügeldecken viel zu kurz sind, um den Hinterleib in seiner größeren Ausdehnung bedecken zu können; trotzdem wird zwischen ihnen und jenen eine Verwechslung unmöglich. Die Pselaphiden, gedrungen in ihrer Körperform, meist am breitesten gegen die Spitze des Hinterleibes hin, besitzen durchaus nicht die Fähigkeit, diesen emporzurichten oder irgendwie zu bewegen, worin die Staphylinen Meister sind, denn die fünf Ringe, die ihn zusammensetzen, sind fest miteinander verwachsen. Dafür entschädigen sie sich durch die stetige Bewegung ihrer in der Regel keulenförmigen, perlschnurartigen Fühler und der ein- bis viergliedrigen Kiefertaster, die den meisten lang aus dem Munde heraushängen. Im Gegensatze dazu bleiben die ein- bis zweigliedrigen Lippentaster sehr kurz. Von den beiden häutigen Lappen des Unterkiefers wird der äußere bedeutend größer als der innere. An den Füßen zählt man höchstens drei Glieder und diese manchmal kaum, eine oder zwei Klauen am letzten. Des Abends fliegen diejenigen Arten umher, deren Dasein nicht an die Ameisen geknüpft ist; das sommerliche Hochwasser spült sie unfreiwillig mit andern Leidensgefährten zu Hunderten aus ihren Verstecken und treibt sie an sandige Ufer, wo der Sammler von den sonst mühsam zu erlangenden Tierchen unter günstigen Verhältnissen reiche Ernte halten kann.

Die Käfer kennt man aus allen Erdteilen. Sie messen durchschnittlich nur 2,25 Millimeter.

Der gelbe Keulenkäfer ( Claviger testaceus, jetzt foveclatus genannt) gehört zu den wenigen, sehr hilflosen Arten, deren Lebensweise entschieden das höchste Interesse bietet. Die Körperumrisse des Keulenkäfers finden sich auch bei den übrigen Familiengliedern wieder; zu seiner besonderen Charakteristik gehören: der Mangel der Augen, faltenartige Hinterecken der zusammengewachsenen Flügeldecken, an denen ein Haarbüschel steht, und eine tiefe Grube auf dem Rücken der Hinterleibswurzel. An den einklauigen Füßen sind die beiden ersten Glieder so kurz, daß man sie lange übersehen hat. Der Hinterleib glänzt am meisten, weil ihm nur an der Spitze die Behaarung des übrigen Körpers zukommt, erscheint fast kugelig, hat an den Seiten einen seinen Rand und läßt nur am Bauche die fünf ihn zusammensetzenden Ringe erkennen. Das Männchen unterscheidet man vom Weibchen durch einen kleineren Zahn an der Innenseite von Schenkel und Schienen der Mittelbeine.

Der Keulenkäfer lebt unter Steinen in den Nestern der gelben Ameisen, die ihn wie ihre eigenen Puppen erfassen und in das Innere des Baues tragen, wenn er durch Aufheben des Steines in seiner Oberfläche erschlossen und die Hausordnung der Tiere gestört wird. Es deutet dieser Zug auf ein inniges Verhältnis zwischen beiden hin, und sorgfältige Beobachtungen haben dieses auch in andern Beziehungen bestätigt. Wir verdanken dieselben dem Herrn P. W. J. Müller, weiland Pastor zu Wasserleben bei Wernigerode. Der Genannte, durch die eben erwähnte Erscheinung im höchsten Grade erstaunt, nahm Käfer, Ameisen, deren Brut von verschiedenem Alter, und Erde aus dem Neste nebst Moosstengeln in geräumigen Fläschchen mit heim. Schon am nächsten Tage hatten sich die Gefangenen häuslich eingerichtet und wurden nun mit Hilfe einer Lupe eifrig und so gründlich beobachtet, daß alles, was im folgenden mitgeteilt werden soll, zu oft gesehen worden ist, um auf Irrtum und Täuschung beruhen zu können. Lassen wir den Beobachter selbst berichten: »Die Ameisen verrichten unbesorgt ihre gewohnten Geschäfte; einige ordneten und beleckten die Brut, andere besserten am Neste und trugen Erde hin und her; andere ruhten aus, indem sie ohne alle Bewegung still und fast stundenlang auf einer Stelle verweilten; andere suchten sich zu reinigen und zu putzen. Dies letzte Geschäft verrichtete jede Ameise an sich selbst, soweit es ihr möglich war, dann aber ließ sie sich – gerade wie es von den Bienen in ihren Stöcken zu geschehen pflegt – von einer andern an den Körperteilen reinigen, die sie mit Mund und Füßen selbst nicht zu erreichen vermochte. Die Keulenkäfer liefen indes entweder zutraulich und unbesorgt zwischen den Ameisen umher, oder sie saßen in den Gängen, die meist an den Wänden des Glases entlang führten, ruhig und in einer Weise, die andeutete, daß alles mit ihren gewohnten Verhältnissen vollkommen übereinstimmte. Indem ich nun den Bewegungen meiner Gefangenen einige Zeit hindurch unverrückt mit den Augen gefolgt war, wurde ich mit einem Male zu meiner größten Verwunderung gewahr, daß, sooft eine Ameise einem Keulenkäfer begegnete, sie ihn mit den Fühlern sanft betastete und liebkoste und ihn, während er dies mit seinen Fühlern erwiderte, mit sichtlicher Begierde auf dem Rücken beleckte. Die Stellen, wo dies geschah, waren jedesmal zuerst die am äußersten Hinterwinkel der Flügeldecken emporstehenden gelben Haarbüschel. Die Ameise öffnete ihre großen Kinnbacken sehr weit und sog alsdann vermittels der übrigen Mundteile den ganz davon umschlossenen Haarbüschel mehrere Male mit großer Heftigkeit aus, beleckte dann noch die ganze Vorderfläche des Rückens, besonders dessen Grube. Dieses Verfahren wurde ungefähr alle acht bis zehn Minuten, bald von dieser, bald von jener Ameise, ja oft mehrmals hintereinander an dem nämlichen Käfer wiederholt, vorausgesetzt, daß er mehreren Ameisen begegnete, doch ward er im letzten Falle nach kurzer Untersuchung sogleich freigelassen.« Wie auf den Zweigen der Bäume die Blattläuse andern Ameisen ihren Honigsaft reichen und darum von ihnen so eifrig aufgesucht und im höchsten Grade freundschaftlich behandelt werden, so bieten die Keulenkäfer dieser das Buschwerk nicht ersteigenden Art einen Leckerbissen in einer aus den Haaren ausgeschwitzten Feuchtigkeit; aber jene sind dafür auch erkenntlich. Es kommt noch besser. Hören wir weiter: »Um meine Gefangenen nicht verhungern zu lassen und möglichst lange beobachten zu können, mußte ich natürlich daran denken, ihnen irgendein angemessenes Futter zu reichen. In dieser Absicht befeuchtete ich die Wände des Glases nahe dem Boden sowie einige Moosstengel mittels eines Haarpinsels mit reinem Wasser, mit durch Wasser verdünntem Honig, und legte außerdem noch einige Zuckerkrümchen und Stücken zeitiger Kirschen an andere Stellen, damit jeder nach Belieben das ihm Dienliche wählen könne. Eine Ameise nach der andern, wie sie in ihrem Laufe an eine befeuchtete Stelle kam, hielt an und leckte begierig, und bald waren ihrer mehrere versammelt. Einige Keulenkäfer kamen zu eben diesen Stellen, gingen aber über dieselben hinweg, ohne den geringsten Anteil zu nehmen. Jetzt brachen einige gesättigte Ameisen auf, standen auf dem Wege still, wenn ihnen diese oder jene Ameise begegnete, welche die Speise noch nicht gefunden hatte, fütterten die hungrigen und gingen weiter, um dasselbe mit der unten im Glase befindlichen Brut zu tun. Ich war schon darauf bedacht, für die Keulenkäfer eine andere Nahrung zu ersinnen, weil sie die vorhandene nicht berührten, als ich einen derselben einer vollgesogenen Ameise begegnen und hierauf beide stillstehen sah. Ich verdoppelte meine Aufmerksamkeit, und nun bot sich meinen Blicken ein ebenso seltsames wie unerwartetes Schauspiel dar. Ich nahm deutlich wahr, wie der Keulenkäfer aus dem Munde der Ameise gefüttert wurde. Kaum konnte ich mich von der Wirklichkeit des Geschehenen überzeugen und fing schon wieder an zu zweifeln, ob ich auch recht gesehen haben möchte, als sich unmittelbar an drei, vier und mehr Stellen dieselbe Beobachtung bestätigte. Einige dieser Fütterungen wurden unmittelbar an der Wand des Fläschchens vorgenommen, so daß ich durch eine viel stärker vergrößernde Linse den ganzen Hergang aufs deutlichste beobachten konnte. Jedesmal, wenn eine gesättigte Ameise einem noch hungernden Käfer begegnete, lenkte dieser, gerade als wenn er, die Speise witternd, Futter von ihr begehrte, Kopf und Fühler aufwärts, nach dem Munde jener hin, und nun blieben sie beide still stehen. Nach vorhergegangenem gegenseitigem Berühren und Streicheln mit den Fühlern, Kopf gegen Kopf gewendet, öffnete der Käfer den Mund, ein Gleiches tat die Ameise und gab aus ihren weit hervorgestreckten inneren Mundteilen jenem von der soeben genossenen Nahrung, die er gierig einsog. Beide reinigten alsdann ihre inneren Mundteile durch wiederholtes Ausstrecken und Einziehen derselben und setzten ihren begonnenen Weg weiter fort. Eine solche Fütterung dauerte gewöhnlich acht bis zwölf Sekunden, nach welcher Zeit die Ameise in der Regel die Haarbüschel des Käfers auf die oben angegebene Weise abzulecken Pflegte. Auf diese Art wurden alle in meinem Gläschen befindlichen Keulenkäfer jeden Tag mehrere Male, und sooft ich ihnen frisches Wasser gab, welches letztere den Ameisen eines der wichtigsten Bedürfnisse ist, regelmäßig gefüttert, und nie sah ich einen Käfer etwas von der in dem Fläschchen befindlichen Nahrung: Honig, Zucker und Obst, anrühren, ausgenommen, daß sie zuzeiten die an der inneren Wand des Glases niedergeschlagenen Wasserdünste ableckten.

So groß auch immer die Liebe und Fürsorge der Ameisen gegen ihre Brut ist, gegen die Keulenkäfer scheint ihre Zärtlichkeit nicht minder groß zu sein. Es ist in der Tat rührend, zu sehen, wie sie dieselben auch dann, wenn keine Nahrung in ihren Haarbüscheln vorhanden ist, öfter im Vorbeilaufen mit den Fühlern streicheln; wie sie mit immer gleicher Zärtlichkeit und Bereitwilligkeit jeden ihnen begegnenden hungrigen füttern, noch ehe sie ihre Brut versorgt haben; wie sie dieselben geduldig über sich hinlaufen lassen, manchmal sogar mit ihnen spielen, indem sie den einen oder den andern, der ihnen begegnet, mit ihren Zangen auf dem Rücken fassen, eine gute Strecke forttragen und dann niedersetzen. Anderseits ist das zutrauliche Wesen der Käfer gegen die Ameisen nicht minder bewundernswürdig. Man glaubt nicht verschiedene Insektengattungen, sondern Glieder ein und derselben Familie vor sich zu sehen, oder eigentlich in den Keulenkäfern die Kinder zu erblicken, die sorglos und zutraulich in den Wohnungen der Eltern leben, von ihnen Nahrung und Pflege erhalten und sie ohne Umstände dann allemal darum ansprechen, wenn das Bedürfnis sie dazu treibt, auch ihnen Gegendienste zu leisten versuchen, soweit sie es vermögen. So sah ich beispielsweise, daß ein Keulenkäfer eine stillsitzende, ruhende, gleichsam schlafende Ameise reinigte, indem er bald von den Seiten her, bald auf ihr sitzend, mit seinem Munde ihr den Rücken und Hinterleib abbürstete und beinahe eine halbe Viertelstunde mit diesem Geschäfte zubrachte.«

Interessant ist auch noch die Beobachtung, daß eine zweite Art derselben Käfergattung, die bei einer andern Ameisenart genau in derselben Weise lebt, von den gelben Ameisen ebenso behandelt wird, wie die ihnen eigentümliche Art, obgleich die Ameisen selbst sich bekriegen. Beim Einsammeln beider Arten wurden nämlich aus Versehen Käfer und sechs bis acht dazu gehörige Ameisen jener Art zu den hier besprochenen getan. Sofort fielen die gelben Ameisen über die fremden her, töteten sie nach und nach, verschonten aber ihre Keulenkäfer und fütterten sie gleich den ihrigen. Mehrere späterhin absichtlich vorgenommene Versetzungen der beiden Arten ( Claviger foveolatus und longicornis) aus einem Fläschchen in ein anderes zu fremden Ameisen bestätigten dieselbe Beobachtung.

Wunderbar! Die Keulenkäfer sind einzig und allein auf gewisse Ameisenarten angewiesen, welch letztere sie aus ihnen angeborenem Triebe und weil die Anwesenheit derselben ihnen zugleich einen Genuß darbietet, als ihre Pfleglinge lieben, schützen, ernähren. Die Käfer, durch den Mangel der Augen und Flügel hilfloser als andere, können nirgend anders als in Ameisennestern leben, wo sie sich fortpflanzen und sterben, ohne sie je verlassen zu haben. Wer hätte solche Proben aufopfernder Freundschaft Es handelt sich hier jedoch um ein gegenseitiges Nutzverhältnis. Für die Ameisen ist das Käfer-Exsudat ein sehr geschätztes Genußmittel. Es gibt verschiedene Stufen dieser Symbiose, die von der bloßen Duldung und gelegentlichen »Melkung« der Käfer bis zur Aufzucht ihrer Larven reichen. Hrsgbr. und Liebe verborgen unter Steinen gesucht?

Daß die Larve unseres Keulenkäfers sechsbeinig sein müsse, geht aus der Abbildung eines Puppenbalges hervor, den unser Gewährsmann aufgefunden hat. Derselbe steckt nämlich, wie wir dies auch bei andern Käfern beobachten können, mit seiner Leibesspitze in der bei der Verpuppung abgestreiften Larvenhaut, und an dieser bemerkt man noch die Rückstände von vier Beinchen.

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Von der Familie der Aaskäfer ( Silphidae oder Silphales) läßt sich wegen der Verschiedenheiten des Körperbaues in einer allgemeinen Schilderung nur aussagen, daß die gewöhnlich elfgliedrigen Fühler gegen die Spitze hin allmählich dicker werden oder daselbst einen scharf abgesetzten Endknopf tragen, daß beide Unterkieferlappen deutlich unterscheidbar, hornig oder häutig sind, die Zunge zweilappig und die Flügeldecken meist bis zur Hinterleibsspitze reichen. Durch die frei heraustretenden, kegelförmigen Hüften der vier vorderen Beine und durch die sechs frei beweglichen Bauchringe unterscheiden sich die Aaskäfer von allen andern fünfzehigen Käfern mit keulenförmigen Fühlhörnern.

Sie finden sich sämtlich an Tierleichen ein, sei es, um selbst davon zu zehren, sei es, um ihre Eier an dieselben zu legen, und besitzen als Aasfreunde die nichts weniger als liebenswürdige Eigenschaft, einen stinkenden Saft aus dem After oder dem Maule oder aus beiden zugleich von sich zu geben, wenn man sie anfaßt. In Ermangelung jener Leckerbissen gehen sie auch faulenden Pflanzenstoffen nach oder greifen lebende Insekten an, ihresgleichen nicht verschonend. Ihre Bewegungen sind flink und ihr Geruchssinn entschieden sehr entwickelt; denn aus weiter Ferne kommen sie, durch denselben geleitet, dahin geflogen, wo ein toter Vogel, ein verendetes Kaninchen, ein Maulwurf, ein Fischlein u. a. ihren Verwesungsprozeß beginnen. Man kennt vierhundertundsechzig Arten, die überall auf der Erde verteilt sind, in den gemäßigten Gürteln aber am zahlreichsten vertreten zu sein scheinen.

Die Larven stimmen in der Lebensweise unter sich und mit den Käfern überein, aber nicht, wie sich bei der Verschiedenheit dieser erwarten läßt, in den äußeren Formen; darum werden wir auf sie bei den vorzuführenden Gattungen zurückkommen.

Der gemeine Totengräber ( Necrophorus vespillo) hat mit seinen vierzig und einigen Gattungsgenossen, von denen die meisten in Europa und Nordamerika leben, folgende Merkmale gemein. Die vier letzten der zehn Fühlerglieder bilden einen kugeligen Knopf. Der große, hinten halsartig verengte Kopf duckt sich zum Teil unter das fast kreisrunde, breitrandige Halsschild. Die gestutzten Flügeldecken lassen die drei letzten Leibesglieder frei. Die kräftigen Beine, deren hinterste aus queren, zusammenstoßenden Hüften entspringen, zeichnen sich durch an der Spitze stark erweiterte Schienen aus, und bei den Männchen durch die Erweiterung der vier ersten Glieder an den Vorder- und Mittelfüßen. Von den walzig endenden Tastern übertreffen die der Kiefer jene der Lippe bedeutend an Länge. Die abgebildete Art charakterisieren gebogene Hinterschienen, ein goldgelb behaartes Halsschild, ein gelber Fühlerknopf, zwei orangefarbene Binden der Flügeldecken und schwarze Grundfarbe. Bemerkt sei noch, daß sie einen abgesetzt schnarrenden Laut erzeugen kann, indem der Rücken des fünften Hinterleibsgliedes mit seinen zwei Leisten an den Hinterrändern der Flügeldecken gerieben wird. Wo ein Aas liegt, findet sich der Totengräber ein, wenn man ihn, das vorherrschend nächtliche Tier, auch sonst wenig zu sehen bekommt. Mit dem Gesumme einer Hornisse kommt er herbeigeflogen und gibt dabei den Flügeldecken eine charakteristische Stellung. Diese klappen sich nämlich von rechts und links in die Höhe, kehren die Innenseite nach außen und stehen, sich mit den Außenrändern berührend, dachartig über dem Rücken. Aus dem einen werden zwei, drei, bis sechs Stück die sich dort zusammenfinden und zunächst die zu begrabende Leiche mustern, sowie den Boden, der sich nicht immer zu einem Begräbnisplatze eignet. Finden die Käfer alles in Ordnung, so schieben sie sich in gehöriger Entfernung voneinander, um sich nicht in den Weg zu kommen, unter jene, scharren die Erde mit den Beinen unter sich weg nach hinten, daß sie rings herum einen Wall um die allmählich durch ihre Schwere einsinkende Maus, die wir beispielsweise annehmen wollen, bildet. Gerät die Arbeit irgendwo ins Stocken, bleibt ein Teil, wie das beinahe nicht anders möglich, gegen andere zurück, so erscheint dieser und jener Arbeiter an der Oberfläche, betrachtet sich, Kopf und Fühler bedächtig emporhebend, wie ein Sachverständiger von alle» Seiten die widerspenstige Partie, und es währt nicht lange, so sieht man auch diese allgemach hinabsinken; denn die Kräfte aller vereinigten sich nun an diesem Punkte. Es ist kaum glaublich, in wie kurzer Zeit diese Tiere ihre Arbeit so fördern, daß bald die ganze Maus von der Oberfläche verschwunden ist, nur noch ein kleiner Erdhügel die Stelle andeutet, wo sie lag, und zuletzt auch dieser sich ebnet. In recht lockerem Boden versenken sie die Leichen selbst bis zu dreißig Zentimeter Tiefe. Der um die Botanik und Ökonomie vielfach verdiente Gleditsch hat seinerzeit diese Käferbegräbnisse lange und oft beobachtet und teilt uns mit, daß ihrer vier in fünfzig Tagen zwei Maulwürfe, vier Frösche, drei kleine Vögel, zwei Grashüpfer, die Eingeweide eines Fisches und zwei Stücke Rindsleber begruben. Wozu solche Rührigkeit, solche Eile? Den »unvernünftigen« Geschöpfen sagt es der sogenannte Instinkt, jener Naturtrieb, der uns Wunder über Wunder erblicken läßt, wenn wir ihn in seinen verschiedenartigsten Äußerungen betrachten. Daß indessen oft mehr als dieser Naturtrieb im Spiele sei und von Unvernunft bei diesen und andern unbedeutenden Kerfen füglich nicht die Rede sein könne, beweist folgende Tatsache: Totengräber, denen man ein Aas schwebend über der Erde an einem Faden hingehängt hatte, der an einem Stabe befestigt war, brachten diesen zu Falle, nachdem sie sich überzeugt hatten, daß sie auf gewöhnliche Weise am Aase nichts ausrichten konnten. Sie wissen, Dieses »wissen« ist natürlich nur bildlich gemeint. Die Umwelt und die Innenwelt der Insekten ist infolge ihres ganz andersartigen Körperbaus grundverschieden von der unsrigen, so daß jeder wirkliche Vergleich der Insektenpsyche mit der menschlichen ganz unmöglich und unerlaubt ist. Hrsgbr. um zur Beantwortung der aufgeworfenen Frage zurückzukommen, recht wohl, daß ihnen andere ihresgleichen, Aaskäfer verschiedener Gattungen, besonders auch große Schmeißfliegen, zuvorkommen könnten, und um ihrer Brut in zärtlicher Fürsorge hinreichende Nahrung und bestes Gedeihen zu sichern, darum strengen sie ihre Kräfte über die Maßen an; denn nicht um sich einen Leckerbissen zu verwahren, wie der gesättigte Hund, der einen Knochen versteckt, begraben sie das Aas, sondern um ihre Eier daran zu legen. Als Fresser findet man sie mit zahlreichen Gesinnungs-, wenigstens Geschmacksgenossen: den bereits erwähnten Kurzflüglern, den weiterhin zu besprechenden Silphen, Speckkäfern, Stutzkäfern und zwischen einem unheimlichen Gewimmel widerlicher Fliegenmaden unter größeren, unbegrabenen Äsern, deren Knochen schließlich nur noch allein übrig bleiben.

Es ward bisher vorausgesetzt, daß die Bodenverhältnisse für die Beerdigung sich eigneten, dies ist aber nicht immer der Fall. Steiniges, hartes Erdreich, ein Untergrund mit verfilzter Grasnarbe würden den angestrengtesten Arbeiten der kleinen Minierer Hohn sprechen. Sie sehen dies bald ein und wählen auf diese Weise gebettete Leichen für ihre eigene Ernährung und nicht für ihre Brut, haben aber auch in solchen Fällen weitere Beweise für ihre geistige Befähigung abgelegt. Man hat beobachtet, wie sie durch Unterkriechen und Zerren von außen nach ein und derselben Richtung hin den kleinen toten Körper eine Strecke fortbewegt haben, bis er auf einer benachbarten, ihren Zwecken entsprechenden Unterlage angelangt war.

Ist endlich mit größeren oder geringeren Hindernissen, immer aber mit dem Aufgebot aller Kräfte, die Beerdigung bewerkstelligt, so erfolgt die Paarung, und das Weibchen verschwindet wieder in der Erde, wo es unter Umständen fünf bis sechs Tage unsichtbar bleibt. Kommt es dann wieder hervor, so pflegt es kaum mehr kenntlich zu sein, weil es über und über von kleinen, achtbeinigen, rötlichgelben Milben ( Gammasus coleopterorum) bewohnt wird. Es hat sein Geschick erfüllt, auf ihm nimmt nun ein anderes Geschöpf Platz und erfreut sich in seiner Weise der Annehmlichkeiten des kurzen Daseins. Wollen wir aber selbst sehen, wie unser beweglicher Käfer mit seinen orangenen Binden und der goldigen Halskrause zustande kam, so wird es Zeit, eine unsaubere Arbeit vorzunehmen und die Maus, die er mühsam versenkte, wieder zu Tage zu fördern, in ein Glas mit der nötigen Erde, und zwar so zu bringen, daß sie zum Teil an die Wand des Gefäßes zu liegen kommt, um gesehen werden zu können; denn nach weniger als vierzehn Tagen kriechen die Larven aus den Eiern. Die weitere Beobachtung derselben, wie sie sich unter schlangenartigen Windungen ihres Körpers im Kote wälzen und an den damit innig verbundenen Erdklümpchen wie die Hunde an einem Knochen herumzausen, bietet zu wenig des Ästhetischen, um eine weitere Ausführung zu gestatten. In kurzer Zeit und nach mehrmaligen Häutungen haben sie ihre vollkommene Größe erreicht, in der wir eine Larve dargestellt haben. Ihre Grundfarbe ist schmutzigweiß, die sechs schwachen, einklauigen Beine, der Kopf mit viergliedrigen Fühlern und den mäßigen Kinnbacken sind gelblichbraun, ebenso die kronenförmigen Rückenschilder, die an den Vorderrändern der Glieder aufsitzen und beim Fortkriechen mit ihren Spitzen zum Stützen und Anstemmen dienen. Vom Kopfe sei nur noch bemerkt, daß hier eine Oberlippe vorhanden ist und die sechs Nebenaugen jederseits dadurch in zwei Gruppen zerfallen, daß sich die beiden unteren weiter von den übrigen entfernen. Zur Verpuppung geht die Larve etwas tiefer in die Erde, höhlt und leimt dieselbe aus und wird zu einer anfangs weißen, nachher gelben und weiter und weiter dunkelnden Puppe, je näher sie der Entwicklung zum Totengräber entgegenreift. Obschon dieselbe rasch genug vorschreitet, um zwei Bruten im Jahre zu ermöglichen, so dürften solche doch nicht vorkommen.

In gleicher Weise gestaltet sich das Leben der andern, meist auch rotbebänderten Arten. Ganz schwarz und nur ausnahmsweise mit einem roten Fleck an der Spitze der Flügeldecken gezeichnet, ist der bis 26 Millimeter messende Necrophorus humator mit gelbem Fühlerknopfe, und der deutsche Totengräber ( N. germanus), die größte in Europa lebende Art; er erscheint höchstens an den Außenrändern der Flügeldecken bisweilen rötlich gefärbt.

 

Die Gattung der Aaskäfer ( Silpha) im engeren Sinne, die der ganzen Familie den Namen gegeben hat, bezeichnet sich durch einen platter gedrückten Körper von eiförmigen Umrissen aus, indem der Hinterrand des mehr oder weniger halbkreisförmigen, den senkrechten und zugespitzten Kopf von oben her deckenden Halsschildes sich eng an die ebenso breiten, nach hinten gemeinsam sich abrundenden Flügeldecken anschließt. Dieselben bedecken die Leibesspitze vollständig, falls sie nicht besonders herausgestreckt wird, was den Weibchen vorzugsweise eigen zu sein scheint. Die elfgliedrigen Fühler verdicken sich allmählich nach der Spitze hin zu einer drei- bis fünfgliedrigen Keule. Ein horniger Haken bewehrt die Innenseite des Unterkiefers, und die Taster desselben sind wie bei den Totengräbern länger als die Lippentaster.

Die siebenundsechzig bekannten Arten sind mit wenigen Ausnahmen ganz schwarz und infolge ihrer Ernährungsweise vorherrschend an den Boden gefesselt; sie bewohnen außer Australien alle Erdteile. Der schwarzglänzende Aaskäfer ( Silpha atrata) gehört zu den verbreitetsten und insofern zu den interessanteren Arten, als seine Larve bisweilen den Zuckerrübenfeldern höchst nachteilig geworden ist. Der Käfer findet sich den ganzen Sommer hindurch auf Äckern, Wegen, unter Steinen, Erdschollen, am liebsten freilich unter einer Tierleiche, ist elliptisch im Umrisse, oben mäßig gewölbt und durchaus glänzend schwarz; der senkrecht nach unten gerichtete Kopf wird, wie bei allen seinesgleichen, von oben her durch das grob punktierte Halsschild bedeckt. Dieses bildet einen reichlichen Halbkreis mit aufgeworfenem Rande, außer an der Hinterseite, greift mit dieser etwas über die Wurzel der Flügeldecken über und übertrifft dieselben ein wenig an Breite. Die Flügeldecken sind an dem Außenrande stark aufgebogen, hinten gerundet, so zwar, daß sie sich an der Naht kaum merklich verkürzen. Über die Fläche einer jeden laufen drei stumpfe Längskiele in gleichen Abständen unter sich und mit der ebenso leistenartig erhabenen Naht. Die Zwischenräume sind runzelig grob punktiert. Kurz beborstete Schienen und fünf Fußglieder kennzeichnen die Beine, filzige Sohlen außerdem die Vorderfüße der Männchen. Bei Beachtung dieses Laufpasses wird man die in Rede stehende Art nicht wohl mit zwei sehr ähnlichen ( Silpha laevigata und reticulata) verwechseln können.

Die oben schwarze, am Bauche lichte Larve besteht aus zwölf Schildern, die vom Kopf nach der Mitte hin an Breite wachsen, dann aber sich allmählich stark verschmälern; die bedeutende Breite in der Mitte entsteht durch die lappig erweiterten Seitenränder der Schilder, die in derselben Weise sich bei andern Silphenlarven nicht zu wiederholen braucht. Das Endglied trägt an der Spitze zwei fleischige Anhänge. Die über sie hinausgehende Fortsetzung ist der ausstülpbare After, der beim Kriechen zum Nachschieben dient. Am versteckten Kopfe bemerkt man dreigliedrige, ziemlich lange Fühler und hinter ihrer Wurzel vier, weiter unten noch zwei Nebenaugen. Für gewöhnlich hält sich die Larve, wie diejenigen der übrigen Arten, verborgen unter toten Tieren und wächst unter mehrmaligen Häutungen schnell heran, kommt aber vorübergehend in so großer Menge vor, daß ihr die gewöhnliche Nahrung mangeln würde und sie merkwürdigerweise pflanzenfressend wird und in den ersten Blättern der jungen Rübenpflanzen einen Ersatz sucht. In Gegenden, wo der Rübenbau zugunsten der Zuckerfabriken große Flächen einnimmt, hat man die sonst versteckte Larve in so großen Mengen frei und dem Sonnenlichte ausgesetzt an den jungen Pflanzen gefunden, daß diese durch dieselben eine schwarze Farbe annahmen und schließlich durch ihren Zahn so ziemlich vollständig verschwanden. Bei ihrer großen Gefräßigkeit wächst die Larve schnell, häutet sich dabei viermal und kriecht vollständig weiß aus ihrer alten Haut, aber schon eine Stunde später hat sie auf dem Rücken ihre frühere schwarze Farbe wieder angenommen. Sie ist sehr beweglich und sucht sich zu verbergen, sobald sie bemerkt, daß sie verfolgt wird. Wenn sie erwachsen ist, gräbt sie sich ziemlich tief in die Erde ein, fertigt eine Höhlung und wird zu einer weißen, fragezeichenförmig gekrümmten Puppe, die durch ihr großes Halsschild und den darunter versteckten Kopf ihre Silphennatur nicht verleugnet. Nach etwa zehn Tagen Ruhe kommt der Käfer zum Vorscheine. Dieser, der möglichenfalls zwei Bruten im Jahre haben kann, überwintert im vollkommenen Zustande. Das große Wasser anfangs April 186S schwemmte bei uns die in Rede stehende Art und die Silpha obscura in überaus großen Mengen lebend an. Nach dem Erwachen im ersten Frühjahre erfolgt die Paarung und gleich darauf das Eierlegen unter moderndes Laub oder unter die oberste Erdschicht, wozu der Hinterleib wie eine Legröhre weit vorgestreckt werden kann. Das Geschäft nimmt längere Zeit in Anspruch, daher kriechen die Larven zu verschiedenen Zeiten aus, daher folgt weiter, daß man im Sommer Larve und Käfer gleichzeitig antreffen kann.

Der rothalsige Aaskäfer ( Silpha thoracica) ist eine von den beiden deutschen Arten, die der schwarzen Uniform der übrigen nicht treu bleiben, indem das Halsschild eine lebhafte rote Farbe annimmt.

Der vierpunktige Aaskäfer ( Silpha quadripunctata) ist die zweite abweichend gefärbte, überdies auch abweichend lebende Art. Sie ist zwar am Körper schwarz, auf der Rückenseite jedoch nur auf der Scheibe des Halsschildes, am Schildchen und in vier runden Fleckchen der Flügeldecken, während die übrige Rückenfläche eine grünlich braungelbe Färbung hat. Die mir nicht bekannte Entwicklung dürfte keine abweichende und wie bei der andern eine an der Erde zustande gekommene sein, dem fertigen Käfer jedoch paßt das Umherlaufen auf Feldern und Wegen und das Verstecken unter Steinen, Erdschollen und faulenden Tieren nicht, er liebt einen luftigeren Aufenthalt, verlangt nach frischer, nicht nach abgestandener Fleischspeise. Daher besteigt er Buschwerk, vorherrschend Eichen- und Buchenstangenholz, und sucht die von jenen Laubsorten lebenden Raupen auf, um sie zu verspeisen. Ich habe ihn dergleichen verzehren sehen und ihn alljährlich in ziemlicher Anzahl von Eichenstangen herabgeklopft, während der kleine Kletterlaufkäfer nur in manchen Jahren in seiner Gesellschaft herabstürzte. In dem Betragen beider, sobald sie unten angelangt sind, besteht ein wesentlicher Unterschied. Der Läufer, wie wir bereits wissen, bemüht sich so schnell wie möglich unter der Bodendecke zu verschwinden, der Aaskäfer wendet eine seiner Gattung und vielen andern Kerfen geläufige List an: er läßt den an sich schon hängenden Kopf noch mehr hängen, zieht die Beine an und bleibt regungslos auf dem Rücken liegen, kurzum, er stellt sich tot; doch ist es ihm weniger Ernst um zähe Durchführung dieser Rolle und möglicherweise die angegebene Stellung nur die Folge seines ersten Schreckens über den jähen Sturz; denn er bekommt meist sehr bald nachher wieder neues Leben und eilt davon.

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An solchen Orten, wo sich Totengräber und Aaskäfer sehr behaglich fühlen, pflegt auch die Familie der Stutzkäfer ( Histeridae) durch einige Arten vertreten zu sein. Es sind gedrungene, breit gedrückte, ja bisweilen vollkommen platte Käfer, die ein stark glänzender, außergewöhnlich harter Panzer umgibt. Der an sich kleine und schmale Kopf steckt tief im Halsschilde und läßt sich bei vielen von unten her in eine Art von Brustlatz zurückziehen, so daß er fast verschwindet; das nach hinten allmählich breiter werdende, an den Seiten gekantete Halsschild legt sich mit seinem Hinterrande dicht an die Wurzel der nur allmählich oder gar nicht nach der Mitte zu breiter werdenden Flügeldecken an, diese sind hinten mehr oder weniger gestutzt, immer den Steiß als eine dreieckige Chitinplatte mit gerundeter Spitze unbedeckt lassend, und von feinen Längsfurchen durchzogen, die bei Unterscheidung der Arten gute Anhaltepunkte gewähren. Die kurzen, elfgliedrigen Fühler nehmen vom langen Grundgliede an eine andere Richtung, sind mithin gekniet und endigen in einen geringelten Knopf, den die drei letzten Glieder bilden. Die Kinnladen ragen hervor, von den häutigen und behaarten Lappen des Unterkiefers übertrifft der äußere den inneren an Größe, die kurze Zunge verbirgt sich meist hinter dem Kinn, und die Taster sind fadenförmig. Am Bauche unterscheidet man fünf Ringe, von denen der erste eine bedeutende Länge erreicht. Die Beine sind einziehbar und platt, d. h. sie können in einer Weise in flache Gruben der Körperunterseite angedrückt werden, daß ein ungeübtes Auge ihre Gegenwart kaum bemerkt; die vordersten haben an der Außenkante gezähnte, also zum Graben befähigende Schienen, die hintersten einen weiten Abstand unter sich, und alle tragen fadenförmige, fünfgliedrige (selten viergliedrige) Füße, die sich in eine mehr oder weniger scharf markierte Rinne der Schiene einlegen lassen. Der Gang der Stutzkäfer ist infolge eines solchen Baues ein nur bedächtiger, der Gesamteindruck, den das ganze Wesen macht, ein an die Schildkröten unter den Kriechtieren mahnender; hierzu trägt die eigentümliche Gewohnheit bei, mitten in ihrem trägen Gange innezuhalten, zu »stutzen«, Beine und Kopf einzuziehen und die Scheintoten zu spielen, wenn ihnen irgend etwas Ungewöhnliches begegnet. An warmen Sommerabenden, seltener unter der strahlenden Mittagshitze, setzen sie auch ihre Flügel in Bewegung, um in bequemerer Weise größere Strecken zurückzulegen und, was der Hauptgrund sein dürfte, Nahrung zu suchen. Sie beschränken sich hinsichtlich dieser nicht bloß auf verwesende tierische Stoffe, sondern halten sich ebenso gern an pflanzliche, in der Auflösung begriffene; man findet sie daher zahlreich im Miste, in den schnell sich zersetzenden fleischigen Pilzen, gewisse Arten hinter Baumrinde, und einige wenige in Ameisenhaufen. Außer Schwarz mit blauem oder violettem, oft sehr starkem Metallglanze kommt nur noch Rot in der Bekleidung der eintausendeinhundertundfünfzig Arten vor, die sich über die ganze Erde ausbreiten.

Die gestreckten, zwölfgliedrigen Larven, außer am Kopfe nur noch am Vorderbrustringe hornig, schließen sich durch die gegliederten Anhänge am Ende und durch den ausstülpbaren After zum Nachschieben den Larven der Staphilinen an. Die ungewöhnlich kurzen und zugleich dünnen Beine sind dem Außenrande nahegerückt und laufen in eine fast borstenförmige Klaue aus. Am Kopfe fehlen Oberlippe und Punktaugen, dagegen nicht die dreigliedrigen Fühler mit langem ersten und kurzem letzten, nach innen gekrümmtem Gliede. Die starken, in der Mitte gezähnten Kinnbacken krümmen sich sichelartig, und die freien Kinnladen tragen dreigliedrige Taster; zweigliedrige finden sich an der zungenlosen Unterlippe auf unter sich verwachsenen, an der Wurzel hornigen, an der Spitze fleischigen, frei vorstehenden Stämmen. Wegen der unmerklich kleinen Mundöffnung kann die Nahrung, die gewiß aus lebenden wie toten Tieren und verwesenden Pflanzenstoffen besteht, nur saugend aufgenommen werden.

Der Mist-Stutzkäfer ( Hister fimetarius) oder ( sinuatus) gehört zu denjenigen Familiengliedern, die den Kopf in einen gerundeten Vorsprung der Vorderbrust zurückziehen können. Unter einem Stirnrande lenken die gebrochenen, in eine ovale dreigliedrige Keule endenden Fühler ein, und letztere kann in eine Grube am Vorderrande der Vorderbrust verborgen werden. Drohend ragen, schräg nach unten gerichtet, die in der Mitte gezähnten Kinnbacken weit hervor. Der Steiß fällt schräg nach hinten ab, und die hintersten Schienen bewehren an der Außenseite zwei Dornenreihen. Dies alles gilt von jedem Hister, die sich zahlreich über die ganze Erde ausbreiten. Die genannte Art erkennt man an einem kleinen, gerundeten Fortsatze am Hinterrande der Vorderbrust, der in eine Ausrandung der Mittelbrust paßt, an nur einem Seitenstreifen des Halsschildes, an der deutlich punktierten Vertiefung auf dem umgeschlagenen Seitenrande der Flügeldecken, die auf dem Rücken drei ganze Streifen nach außen, einen in der Mitte aufhörenden neben der Naht haben und mit einem roten Flecke gezeichnet sind. Der Mist-Stutzkäfer lebt vorzugsweise auf trockenen, sandigen Triften im Miste und begegnet uns wohl auch einmal auf einem Feldwege in schwerfälligem Marsche, häufiger jedoch breitgetreten, weil er der Fußsohle des unachtsamen Wanderers durch sein »Stutzen« nicht parieren konnte.

Der zierliche, bloß 2,25 Millimeter lange, glänzend rostgelbe Hetaerius sesquicornis oder quadratus, der mit einzelnen aufgerichteten Haaren besetzt ist, verdickte Seiten des Halsschildes und feingestreifte Flügeldecken hat, lebt bei Ameisen, vorherrschend in den Kolonien der Waldameise ( Formica rufa), entschieden aber unter andern, weniger abhängigen Verhältnissen als die Keulenkäfer, da man ihn auch ohne Ameisen unter Steinen angetroffen hat, wo wahrscheinlich früher solche gehaust haben. Die Sammler, die sich der sogenannten »Myrmecophilen«, d. h. derjenigen Käfer befleißigen, die nur in Ameisennestern zu treffen sind, sieben die ganze Ameisenkolonie mit einem Drahtsiebe, durch welches die Ameisen nicht gehen, aus, tragen das Ausgesiebte in leinenen Säckchen heim, um dort die Ergebnisse ihrer Arbeit in aller Bequemlichkeit zu durchmustern, und wählen am passendsten die Monate März und April, und die genannte Ameisenart zu dieser mühevollen und unbehaglichen Fangmethode, weil zu dieser Jahreszeit die Ameisen noch träge und weniger bissig sind. Von Hister unterscheidet sich die genannte Gattung durch kurzen Fühlerschaft, eine walzige, scheinbar ungegliederte Keule und durch sehr breite Schienen mit einer nach außen offenen Rinne für die Füße.

Die Saprinen ( Saprinus) bilden neben den Histeren die artenreichste Gattung der ganzen Familie, teilen mit ihnen dieselbe geographische Verbreitung, dieselbe Körpertracht, haben aber mehr Glanz, und zwar entschieden metallischer Natur, in Blau, Grün, Violett, führen dieselbe Lebensweise, unterscheiden sich von ihnen jedoch wesentlich durch den Mangel des Brustlatzes, können aber trotzdem ihren Kopf einziehen. Eine mehr oder weniger starke Punktierung auf der ganzen Oberfläche des gedrungenen Körpers läßt einen gemeinsamen Fleck an der Wurzel der Flügeldecken unberührt.

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Sehr zahlreich über ganz Amerika und Europa, zerstreut und vereinzelt über Afrika bis nach den australischen Inseln hin breiten sich gegen achthundert Arten nur kleiner Käferchen aus, die man zu der Familie der Glanzkäfer ( Nitidulariae) zusammengefaßt hat. Sie wiederholen im verjüngten Maßstabe die Grundform der Stutzkäfer, aber weder die Härte noch die Farbeneinförmigkeit der Körperbedeckung. Die Flügeldecken sind meist etwas gekürzt, auch die Beine kurz, die vordersten und hintersten queren Hüften entspringend, die Füße fünfgliedrig, nur ausnahmsweise am letzten Paare viergliedrig, die ersten drei Glieder fast immer erweitert, die Fühler nicht gekniet und in einen drei- bis viergliedrigen Knopf auslaufend. Der Unterkiefer wird größtenteils nur von einem Lappen gebildet.

Diese Käferchen kommen unter den verschiedensten Verhältnissen, vereinzelt oder oft scharenweise vereinigt, vor; man findet sie auf allerlei Blumen, hinter Baumrinde, in den gärenden und dadurch schlammig werdenden Ausflüssen unserer Waldbäume (Eichen, Birken, Buchen), in Schwämmen, in tierischen Abfällen, ja, ich entsinne mich aus meiner Jugendzeit, daß in einer Mühle eine ihrer Arten ( Nitidula bipustulata) massenhaft aus dem vorgesetzten Kaffeekuchen herausspaziert kam und dessen Genuß verleidete, obschon der Kirmesappetit mit zur Stelle gebracht worden war.

Der Raps-Glanzkäfer ( Meligethes aeneus) fällt häufig durch seine beträchtliche Menge auf blühendem Raps, Rübsen und andern Kreuzblümlern sowie später auf den Blüten der verschiedensten Sträucher in die Augen; der einzelne wird freilich leicht übersehen, denn er mißt nur 2,25 Millimeter, sieht erzgrün aus und stellt ein kleines Viereck mit stumpfen Ecken dar, unten mit schmaler, nach hinten zugespitzter Vorderbrust. Die Schienen der Vorderbeine sind schmal, am Außenrande gleichmäßig sägeartig gezähnelt, die übrigen etwas breiter, von ihrer schräg abgeschnittenen Spitze bis über die Mitte des Außenrandes hinauf mit kurzen, seinen Börstchen dicht bewimpert.

Nach überstandenem Winterschlafe verläßt er das jetzt unwirtliche Versteck, sucht die genannten Pflanzen auf und ernährt sich von deren Knospen und Blüten, schwärmt im warmen Sonnenschein lebhaft umher, und die Paarung erfolgt. Drei bis vier Tage nachher, besonders bei vollkommener Windstille, schiebt das Weibchen seine ausdehnbare Hinterleibsspitze in die Knospe und läßt ein länglichrundes, weißes Ei in deren Grunde zurück. In acht bis vierzehn Tagen, je nach der wärmeren oder rauheren Witterung, entwickelt sich die Larve daraus and ernährt sich von den Blütenteilen im Innern der Knospe, wenn sie diese noch vorfindet, oder von den bereits entwickelten, und benagt, wenigstens in vorgerücktem Alter, die jungen Schoten, an denen sie bedeutenderen Schaden anrichtet als der Käfer. In Zwischenräumen von acht bis zehn Tagen besteht sie nach und nach drei Häutungen, deren letzte ihren Puppenzustand herbeiführt, und lebt mithin durchschnittlich einen Monat. Erwachsen ist sie höchstens 4,5 Millimeter lang, ziemlich walzig von Gestalt, gelblichweiß von Farbe und einer Erdflohlarve sehr ähnlich. Sie besteht außer dem braunen oder schwärzlichen Kopfe aus zwölf Gliedern, mit sechs kurzen Beinen vorn und warzenartigem Nachschieber hinten. Auf dem Rücken jedes Gliedes, das vollkommen bedeckte erste ausgenommen, bemerkt man je drei Hornfleckchen, von denen die mittelsten als kleinste den vorderen Gliedern fehlen, die äußeren länglich eiförmig und unter sich gleich groß sind. Der schmale Kopf hat jederseits drei einfache Augen, viergliedrige Fühler und eine hornige Oberlippe. Die kräftigen Kinnbacken kehlen sich an der Kaufläche aus und enden in einen spitzen Zahn. Es gehört kein geübter Forscherblick, sondern nur Aufmerksamkeit dazu, diese Larven in größerer Gesellschaft zwischen den oberen Blüten der Ölsaaten zu entdecken, und man wird dann begreifen, daß die langen, weit herabreichenden kahlen Spitzen in den nachherigen Fruchtständen teilweise auf ihre Rechnung kommen.

Zur Verpuppung läßt sich die Larve herunterfallen, geht flach unter die Erde und fertigt ein loses Gespinst, in dem man bald nachher das weiße, bewegliche Püppchen finden kann, das hinten in zwei Fleischspitzen ausläuft. Nach zwölf bis sechzehn Tagen, mithin Anfang Juli, kommt der Käfer zum Vorschein. Ich trug am 3. Juni erwachsene Larven ein und erzielte schon am 27. Juni deren Käfer. Diese treiben sich auf Blüten umher, wie die überwinterten, pflanzen sich aber im laufenden Jahre nicht fort, sondern erst im nächsten.

siehe Bildunterschrift

Heiliger Pillendreher ( Ateuchus sacer)

Für den systematischen Käfersammler schließt sich den vorigen ein Labyrinth von Sippen und Familien an, die ihm viel Mühe und Sehkraft kosten, wenn er die ähnlichen Arten mit Sicherheit unterscheiden will; denn es sind kleine, unscheinbare, zum Teil auch mühsam aufzufindende Tierchen. Für das » Tierleben« mögen einige Arten folgen, die zu Hause eine gewisse Rolle spielen und einer eifrigen Verfolgung dringend empfohlen werden können. Dieselben sind mit so und so vielen nächst Verwandten, in der Gesamtheit die Zahl zweihundert noch nicht füllend, zu einer Familie vereinigt worden, die nach den größten unter ihnen den Namen der Speckkäfer ( Dermestidae) erhalten hat.

Ein in seinen drei Hauptabschnitten nicht abgesetzter, also geschlossener, im übrigen verschieden gestalteter Körper, ein gesenkter, mehr oder weniger einziehbarer Kopf, der unterhalb zur Ausnahme der keulenförmigen, auf der Stirn eingefügten Fühler ausgehöhlt ist und meist ein Punktauge auf dem Scheitel trägt; zapfenförmig aus den Gelenkgruben heraustretende, sich an den Spitzen berührende, mindestens sehr nahe stehende Vorderhüften, walzenförmige, fast immer innen und hinten erweiterte Hinterhüften, durch deren Erweiterung eine Furche zur Aufnahme der Schenkel entsteht, eine Furche an letzteren für die Schiene, fünfzehige Füße und ein fünfgliedriger Bauch bilden die allen Familiengliedern gemeinsamen Merkmale. Auch im Betragen und in der Lebensweise herrscht unter ihnen große Übereinstimmung. Einmal besitzen sie alle in hohem Grade die Gabe der Verstellung; denn mit angezogenen Beinen, eingelegten Fühlern und eingekniffenem Kopfe liegen sie die längste Weile wie tot da, wenn sie von außen her beunruhigt werden und Gefahr für ihre werte Person im Anzuge vermeinen. Anderseits zeichnen sie sich durch ihr Herumtreiberleben und die Gleichgültigkeit für die Wahl ihrer Gesellschaft und Umgebung aus, ob neben einem flüchtigen Schmetterlinge in duftender Blüte, oder zwischen Finsterlingen und unsauberen Genossen in den Überresten eines stinkenden Aases wühlend, ob im faulen Holze eines alten Baumstammes oder im Winkel einer Speisekammer, ob in der Pelzeinfassung eines beiseite gesetzten Fußsackes oder in den Polstern unserer Sofas, oder im Leibe eines stattlichen Käfers, auf den der Sammler stolz sein zu dürfen glaubt, das alles ist ihnen gleichgültig, obschon der eine vorherrschend hier, der andere vorherrschend dort angetroffen wird. Weil die Nahrung der Käfer, mehr noch ihrer Larven (denn sie selbst sind genügsamer), in den vorzugsweise trockenen Teilen tierischer Stoffe aller Art besteht, finden sie sich auch überall, draußen im Freien, in unsern Behausungen, auf den Schiffen, in Fellen, Naturaliensammlungen usw., reisen um die Welt und werden teilweise Weltbürger im vollsten Sinne des Wortes. Insofern sie ein mehr verborgenes Leben führen und ungestört sich in dieser Verborgenheit stark vermehren, so können sie unter Umständen empfindlichen Schaden an unserm Eigentum, namentlich an Pelzwerk, Polstern, wollenen Decken und Teppichen aller Art sowie namentlich an Naturaliensammlungen, anrichten.

Es gilt dies in erster Linie von ihren gefräßigen Larven. Dieselben zeichnen sich durch ein aufgerichtetes, dichtes Haarkleid aus, das meist nach hinten stellenweise dichte Büschel bildet, auch sternartig sich ausbreiten kann, durch kurze, viergliedrige Fühler, durch meist sechs Punktaugen jederseits und durch kurze, einklauige Beine. Bei der Verwandlung reißt die Haut längs des Rückens, und die Puppe benutzt dieselbe als schützende Hülle.

siehe Bildunterschrift

Speckkäfer ( Dermestes lardarius)

Der Speckkäfer ( Dermestes lardarius) wird unter seinen siebenundvierzig Gattungsgenossen, die alle durchschnittlich 7,6 Millimeter lang sind, leicht erkannt an der hellbraunen, quer über die Wurzel der Flügeldecken gehenden, mit einigen schwarzen Punkten gezeichneten Binde bei übrigens durchaus bräunlich schwarzer Färbung; als Dermesten kommen ihm folgende Merkmale zu: ein Kinn, das länger als breit, vorn gerundet oder schwach ausgerandet ist, eine häutige, vorn stark bewimperte Zunge; von den lederartigen, gleichfalls stark bewimperten Laden des Unterkiefers endigt die innere in einem kräftigen Zahn, die bedeutend größere äußere stutzt sich vorn etwas schräg ab. Die Kiefertaster enden in ein walziges, vorn gerade abgeschnittenes, die Lippentaster in ein stumpf eiförmiges Glied. Das gewölbte Halsschild verengt sich nach vorn, buchtet sich am Hinterrande zweimal seicht aus und führt an den Seiten unten je eine Grube zur Aufnahme des großen Fühlerknopfes. In gleicher Breite ziehen die Flügeldecken nach hinten, runden sich ab, verbergen die Leibesspitze vollständig und stellen die fast walzige Gestalt des ganzen Körpers her, den vorzugsweise dicht an der Unterseite anliegende Haare bedecken. Hier lassen sich die Geschlechter leicht unterscheiden, indem sich das Männchen am dritten und vierten Bauchringe oder an letzterem allein durch eine glänzende, runde Grube auszeichnet.

Die gestreckte, nach hinten verjüngte Larve wird beinahe noch einmal so lang wie der Käfer, ist am Bauche weiß und auf dem braunen Rücken mit ziemlich langen, braunen, nach hinten gerichteten Haaren besetzt, von denen die längsten am Hinterende einen Haarpinsel darstellen; am Grunde dieses richten sich auf dem Rücken des letzten Gliedes zwei nach hinten gebogene Hornhaken empor. Die sechs Beine und der ausstülpbare After ermöglichen ein gewandtes und rasches Fortkriechen, das jedoch mehr einem ruckweise vor sich gehenden Hinrutschen gleicht. Man trifft die Larve vom Mai bis September, während welcher Zeit sie sich viermal häutet und ihre Anwesenheit durch die umherliegenden Bälge an solchen Stellen verrät, wo dieselben durch den Luftzug nicht weggeweht werden können, wie beispielsweise in Insektensammlungen. Schließlich wird die Larve träger, kürzer und haarloser, alles Anzeichen, daß sie ihrer Verwandlung nahe ist. Zu diesem Zwecke verbirgt sie sich an ihrem Aufenthaltsorte so gut es gehen will, dann spaltet sich ihre Haut, wie bei den früheren Häutungen, in einem Längsrisse auf dem Rücken, und die Puppe wird sichtbar, bleibt jedoch mit dem größten Teile ihres Körpers in dieser Umhüllung stecken. Sie ist vorn weiß, hinten braunstreifig und sehr beweglich, wenn man sie beunruhigt. Meist im September ist der Käfer entwickelt, sprengt die Haut und bleibt, wie früher die Puppe, lange Zeit in der nun doppelten Umhüllung sitzen. In wärmeren Räumen kommt er früher, in kälteren später zum Vorschein; im nächsten Frühjahr erfolgt die Paarung und das Eierlegen.

Der Speckkäfer und seine Larve findet sich nicht bloß in Speisekammern, sondern überall, wo es tierische Überreste gibt, in den Häusern, auf Taubenschlägen, draußen im Freien unter Aas, an Pelzwaren und in Naturaliensammlungen. Mit wahrem Entsetzen gedenke ich eines Falles, der bei den geheimen Umtrieben dieser Gesellen daran mahnt, wie man auf seiner Hut sein müsse, um ihrem Zerstörungswerke so wenig wie möglich Vorschub zu leisten. Ein Kistchen, bis obenan mit aufeinander geschichteten Käfern aus Brasilien angefüllt und zugenagelt, hatte jahrelang unbeachtet gestanden, weil der Inhalt für wertlos erklärt worden war. Als es an ein gründliches Aufräumen ging, kam auch besagtes kubisches Kästchen an die Reihe. Sein Inhalt ließ einen Blick werfen auf gewisse Blattkäfer, Holzböcke, Rüßler und andere, die in jenen gesegneten Ländern in unzähligen Mengen beisammen leben und ausnehmend gemein sein müssen; denn manche Arten zählten nach Hunderten, die einst als Geschenk eines dort lebenden Händlers eingegangen waren. Nachdem mit einer gewissen Vorsicht, um die wenigen unzerbrochenen Stücke, für die sich allenfalls noch eine Verwertung hätte finden lassen, herauszusuchen, die oberen Schichten abgeräumt und die untersten mehr und mehr bloßgelegt worden waren, schien mit einem Male Leben in die Jahre alten Leichen gekommen zu sein; denn Bewegung, und zwar sehr lebhafte Bewegung ließ sich sehen und hören. Welch ein Anblick! Eingebettet in braunen Staub und immer kleiner werdende Stücke der zerfallenen und zerfressenen Käfer krabbelten Hunderte von Speckkäferlarven geschäftig durcheinander und schienen ihren Unmut darüber erkennen geben zu wollen, daß man sie in ihrer sicheren, das Verjährungsrecht beanspruchenden Brutstätte gestört hatte. Glücklicherweise loderte helles Feuer im Ofen, dem die ganze Gesellschaft so schnell wie möglich übergeben wurde, damit nicht einer entkäme und an einer Stelle die scharfen Zähne hätte prüfen können, wo die Wirkungen entschieden viel empfindlicher hätten werden können.

Die übrigen Dermesten, mäusegrau oder schwarz auf der Rückenseite, mehr oder weniger vollkommen kreideweiß durch dicht anliegende Behaarung auf der Unterseite gezeichnet, finden sich vorzugsweise im Freien unter Aas, wenn nicht – zwischen Naturalien, die längere Seereisen zurückgelegt haben und unzureichend verpackt worden waren.

Eine eigentümliche Erscheinung, die ihren Grund im Körperbau der Speckkäfer hat, fällt dem Sammler auf, der gewohnt ist, die von ihm getöteten Käfer, bevor sie vollkommen trocken sind, an der rechten Flügeldecke mit einer Nadel behufs der Aufstellung in seiner Sammlung zu durchstechen. Diese Zubereitung hat je nach der Härte der Deckschilde ihre größeren oder geringeren Schwierigkeiten und mißlingt bei den Dermesten dem weniger Geübten fast regelmäßig, nicht wegen zu großer Härte der Flügeldecken, sondern wegen ihrer größeren Widerstandsfähigkeit im Verhältnis zu den weichen und sehr nachgiebigen Verbindungshäuten aller festeren Teile. In der Regel gehen alle diese aus ihren Fugen, wenn man mit der Nadelspitze einen Druck auf die Flügeldecke ausübt. Diese ausnahmsweise Dehnbarkeit der Verbindungshaut zeigt sich auch beim Töten eines Dermesten in Weingeist; hier saugt sich der Körper so voll, daß Kopf, Vorderbrustring und der von den Flügeldecken zusammengehaltene Rest weit auseinandertreten und zwischen allen dreien eine weiße Haut gleich einem kurzen Darme heraustritt. Es sind einige Käfer (Silphen, Mistkäfer der Gattung Aphodius), bei denen eine ähnliche Erscheinung beobachtet werden kann. Nur erst, wenn der Käfer gut ausgetrocknet ist, bekommen seine Chitinschilder einen festeren Zusammenhang und Stütze untereinander, die durch den Druck der Nadelspitze auf die Flügeldecke nicht aufgehoben werden, sondern die Durchbohrung jener ermöglichen.

 

Der Pelzkäfer ( Attagenus pellio) hat die Körperform des Speckkäfers, nur einen flacher gewölbten Rücken und bedeutend geringere Größe (4 Millimeter im Durchschnitt). Er ist schwarzgrau und auf der Mitte einer jeden Flügeldecke mit einem silberweißen Haarpünktchen gezeichnet. Ein einfaches Auge auf dem Scheitel unterscheidet die ganze Gattung Attagenus von der vorigen, ein freier, d h. von der nach vorn erweiterten Vorderbrust nicht verdeckter Mund und nahe beisammenstehende Mittelbeine zeichnen sie vor den andern, mit einem Nebenauge versehenen Gattungen aus.

Der Pelzkäfer treibt sich im Freien umher und schlägt seine Sommerwohnung in den Blüten des Weißdorns, der Spirstauden, der Doldenpflanzen und anderer auf, wo er mit seinem guten Freunde, dem nachher zu besprechenden Kabinettkäfer, und manchem andern Kerfe in bestem Einvernehmen lebt, sich bis zur Unkenntlichkeit mit den zarten Staubkörperchen überzieht, und fristet so ein vollkommen harmloses Dasein. Sicherer bemerken wir ihn in unsern Wohnräumen, wenn ihn die Frühjahrssonne aus seinen staubigen Ecken hervorlockt und zu einem Spaziergang auf den Dielen oder zu einem Fluge nach den hellen Fensterscheiben auffordert, durch die er vermutlich die freie Gottesnatur zu erlangen wähnt. Er hat sich hierin freilich getäuscht, denn bei jedem Anfluge an die Scheibe stößt er sich an den Kopf, fällt rückwärts über und quält sich nun auf dem Fensterbrett ab, ehe er von der Rückenlage wieder auf die kurzen Beinchen gelangt. Um dies zu erreichen, stemmt er sich meist auf die wie zum Fluge aufgerichteten Flügeldecken und dreht den Körper hierhin und dorthin, bis er endlich das Übergewicht nach unten bekommt. Ohne Erbarmen ergreife man ihn in dieser hilflosen Lage und zerdrücke ihn zwischen den Fingern, die infolge seiner Saftlosigkeit kaum feucht werden, damit er möglichst ohne Nachkommen sterbe. Denn wenn er auch von geringer Bedeutung ist, so hat man sich doch vor seiner Larve wohl zu hüten. Diese ist ein schlimmer Gesell und rechtfertigt ihre schwierigere, wie des Käfers leichtere Verfolgung. Bei Aufarbeitung eines Schlafsofas, das siebzehn Jahre lang treu gedient hatte und in seinen Eingeweiden viel Schweinsborsten enthielt, war der Sattler fast entsetzt über die vielen »Motten« wie er meinte, in Wirklichkeit waren es aber die abgestreiften Bälge der Pelzkäferlarven, die hoch aufgehäuft auf dem Holze der Seitenlehnen lagen und Zeugnis von den unerhörten Massen der hier geborenen Käfer ablegten. Das wieder zu benutzende Material mußte in einem angeheizten Backofen von der mutmaßlichen Brut gesäubert werden. In einer ausgestopften Landschildkröte der zoologischen Sammlung zu Halle, in deren hartem Körper man wahrlich nichts Genießbares hätte vermuten können, hauste jahrelang eine Gesellschaft dieser Zerstörer, von denen sich jedoch nie einer sehen ließ, sondern ein Kranz von »Wurmmehl« zog sich von Zeit zu Zeit wie eine Bannlinie rings um den plumpen Körper des knochenbepanzerten Kriechtieres und verriet die Gegenwart der lebenden Einmieter. Erst nachdem die Schildkröte einige Stunden in einem geheizten Backofen zugebracht hatte und von neuem aufgearbeitet worden war, erfüllte sie vollkommen die Bedingungen eines regelrechten und ungezieferfreien Präparats, so einer öffentlichen Sammlung gebühren. Vor kurzem wurde mir eine beiseite gesetzte Schnupftabaksdose und eine Zigarrenspitze, beide aus Horn und sehr stark benagt, nebst einer Anzahl in ihrer Nachbarschaft aufgefundener lebender Larven sowie deren Bälge übersandt, die gleichfalls der in Rede stehenden Art an gehörten.

Die Larve hat große Ähnlichkeit mit der des Speckkäfers, aber geringere Größe im ausgewachsenen Zustande und keine Hornhaken an der verschmälerten Leibesspitze. Der große Kopf ist borstenhaarig, auch der Rücken mit gelbbraunen, kurzen und nach hinten gerichteten Haaren und das Ende mit einem losen Pinsel längerer Haare versehen. Sie zieht den vorderen Körperteil gern nach unten ein, rutscht stoßweise vorwärts, lebt und verpuppt sich ganz in der Weise der vorigen und auch um dieselbe Zeit, Ende August. Wenn sie die Wahl hat, so ernährt sie sich vorherrschend von Haaren und Wolle der Tierfelle, rohen und verarbeiteten, und wird durch dieselben in die menschlichen Behausungen gelockt, wo Pelzwerk, gepolsterte Geräte, wollene Teppiche um so sicherer Nistplätze bieten, je weniger ausgeklopft, gelüftet und gereinigt sie werden. Mai, Juni und Juli sind die Monate, in denen die Larve am tätigsten, das Pelzwerk aber meist beiseite gebracht worden ist, daher wiederholtes Lüften und Ausklopfen desselben geboten!

 

Ein dritter im Bunde ist der Kabinettkäfer (Anthrenus museorum), ein kleiner runder Käfer, unten grau durch Behaarung, oben dunkelbraun mit drei undeutlichen, aus graugelben Härchen gebildeten, daher häufig stellenweise abgeriebenen Binden über den Decken. Seine Fühler sind achtgliedrig, die beiden letzten Glieder in einen Knopf verdickt. Der Knopf kann vollständig von der Vorderbrust aufgenommen werden, so daß nur die Oberlippe frei bleibt, und die Vorderbrust zum Teil in die quere, gespaltene Mittelbrust. Auch hier steht ein Punktauge auf dem Scheitel. Dieses 2,25 Millimeter lange Tierchen findet sich gleichfalls, wie schon bemerkt, auf Blumen und in unsern Behausungen, hier vorzugsweise in den Insektensammlungen, die nicht sehr sorgfältig vor seiner Zudringlichkeit bewahrt und nicht häufig genug nachgesehen werden. Der Käfer möchte noch zu ertragen sein, aber seine etwas breitgedrückte, braun behaarte, durch einen langen, abgestutzten Haarbüschel geschwänzte Larve ist ein böser Gesell. Wegen ihrer anfänglichen Winzigkeit ist sie einesteils schwer zu entdecken, andernteils wird es ihr leicht möglich, in die feinsten Fugen und Ritzen einzudringen und in Räumen zu erscheinen, die man für vollkommen verschlossen hielt. Mögen die Insektenkästen noch so gut verwahrt sein, dann und wann zeigt sich doch ein solcher Feind, sei es nun, daß er als Ei mit einer anrüchigen Insektenleiche eingeschleppt wurde, sei es, daß er sich sonstwie einzuschleichen wußte, und die Verheerungen, die eine einzige dieser gefräßigen Larven hier anrichten kann, weiß derjenige am besten zu beurteilen, dem das Leid zugefügt worden ist. In der Regel lebt sie im Innern des Tieres, spaziert aber auch mit ausnehmender Gewandtheit auf dessen Oberfläche umher, so daß an allen Teilen der Fraß zu erkennen ist. Im ersteren Falle verrät ein braunes Staubhäufchen unter dem bewohnten Insekt, im andern das Lockerwerden der Beine, Fühler und sonstigen Teile sowie deren teilweises Herabfallen die Gegenwart des Feindes, der bisweilen seine Beute spurlos von der Nadel verschwinden läßt. Starke Erschütterung, wie Anklopfen des Kastens auf eine Tischkante, bringt den Verborgenen leicht hervor; mäßige, den Tieren der Sammlung bei gehöriger Vorsicht nicht nachteilige Hitze tötet ihn. Auch in dem Pelze der ausgestopften Säugetiere fressen die Larven Platzweise die Haare weg, zernagen die Schäfte der Federn, die Haut um die Nasenlöcher und an den Beinen der Vögel, und führen sich ebenso auf wie die vorher erwähnten. Faßt man eine derselben in der Mitte ihres Leibes mit einer Pinzette, um sich ihrer zu bemächtigen, so gewährt die so geängstete einen eigentümlichen und überraschenden Anblick: der Schwanzbüschel bläht sich ungemein auf, und jederseits an seiner Wurzel treten drei äußerst zarte, durchsichtige Haarfächer hervor. Man findet die Larve beinahe das ganze Jahr, was auf eine sehr ungleichmäßige Entwicklung oder mehrere Bruten im Jahre schließen läßt; im Mai oder mit Beginn des Juni erfolgt nach mehrmaligen Häutungen die Verpuppung in der letzten Larvenhaut. Die Zeiträume, die zwischen je zweien von diesen liegen, haben sich merkwürdig ungleich erwiesen; denn man hat Unterschiede von vier bis sechzehn Wochen beobachtet. Die vielen Bälge, die ich bisweilen neben einem einzigen toten Käfer in einem gut schließenden Insektenkasten gefunden habe, scheinen auf eine größere Menge von Häutungen hinzudeuten, als man sonst anzunehmen gewohnt ist; ob dem so ist, muß sorgfältiger Beobachtung vorbehalten bleiben. Der ausgeschlüpfte Käfer teilt die Gewohnheit mit seinen Verwandten, wochenlang in den schützenden Häuten sitzenzubleiben.

 

Am Schlusse der Familie sei noch eines durch sein anliegendes Haarkleid graugelben Käferchens gedacht, das in Körpertracht und hinsichtlich der übrigen Merkmale mit der Gattung Dermestes übereinstimmt, am zweiten und dritten Fußgliede jedoch lappenartige Anhänge, an der Wurzel der Klauen je einen Zahn trägt und nur die Größe des Pelzkäfers erlangt. Es hat in unsern Zimmern nichts zu suchen, sondern treibt sich auf den verschiedensten Blumen umher, unbeachtet von allen denen, die eben keiner Insektenliebhaberei ergeben sind; Byturus tomentosus nennen es die Käferkundigen. Anders verhält es sich mit seiner Larve, der gestreckten, auf dem letzten Gliede mit zwei aufstehenden Hornhäkchen versehenen, die in allem den schon öfter erwähnten Familiencharakter trägt, nur kein merkliches Haarkleid wie die drei vorhergehenden, überdies auch einen verwöhnteren Geschmack zeigt. Sie bewohnt nämlich, dem Gärtner als » Himbeermade« geltend, die genannten Früchte bis zu der Zeit ihrer Reife und kann in für sie günstigen Jahren den Genuß dieser so beliebten Früchte allen eklen Personen sehr verleiden. Vorherrschend bewohnt sie die Waldbeeren, verläßt sie aber, wenn man die Früchte vor dem Verbrauche einige Zeit einwässert.

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Von der längeren Reihe der Familien, welche die Systematiker folgen lassen, ehe wieder bekanntere Größen an die Reihe kommen, sei nur mit wenigen Worten der Fugen- oder Pillenkäfer ( Byrrhidae), und zwar der namengebenden Gattung Byrrhus gedacht, weil sie die mehr aufgetriebenen, zu »Pillen« gewordenen Stutzkäfer in etwas veränderter Form, veränderter Ernährungsart, sonst aber mit denselben Gewohnheiten, namentlich mit meisterhafter Verstellungskunst, wiederholen. Wenn die eiförmigen, hoch gewölbten Käfer, nur den kleineren Formen sich anreihend, ihre Gliedmaßen eingezogen haben, so wird es sehr schwer, die Anwesenheit solcher überhaupt zu erkennen. Die platten Beine, von welchen die vorderen aus eingesenkten walzigen oder eiförmigen, und die hintersten aus queren und einander stark genäherten Hüften entspringen, schließen so dicht an den Körper an, die Schienen passen so gut mit ihrem Innenrande in eine Furche der Schenkel, die fünfgliedrigen Füße so schön zwischen die Schienen und den Leib, daß man einige Nähte, aber keine Beine zu bemerken glaubt. Dazu kommt, daß der Kopf seiner ganzen Ausdehnung nach in das Halsschild eingelassen ist, so daß nur Stirn und Gesicht nach vorn die senkrechte Körperbegrenzung ausmachen und deshalb von oben her nichts von ihnen sichtbar wird. Die schwach keulenförmigen Fühler können sich unter den Seitenrand des Halsschildes verstecken. Die beiden Laden der Unterkiefer sind unbewehrt. Am Bauche unterscheidet man fünf Ringe, deren drei erste indes verwachsen. Die durch Sammethaar meist braun gefärbten Pillenkäfer ernähren sich nur von Pflanzenstoffen, von Moos und dürrem Gekrümel; denn man findet sie oft in größeren Gesellschaften an sonnenverbrannten Berghängen, unter Steinen, aber auch in den Gebirgen hoch oben, wo die Temperatur eine stets niedere zu sein pflegt; in unsicherem Gange kriechen sie im Sommer langsam auf Triften umher, scheinen indes lieber die Nacht abzuwarten, um zu fliegen. Weil sie sonst die Erdoberfläche nie verlassen, so fehlen gewisse Arten niemals unter den angeschwemmten Käfern, welche die ausgetretenen Gewässer im Frühjahr mit sich führen.

Die Larven der Pillenkäfer, soweit man sie kennt, sind walzig, etwas eingekrümmt und auf dem Rücken mit harten Schildern bedeckt, am vollkommensten auf den drei vordersten Ringen, von denen der erste so lang wie die beiden folgenden zusammen ist, auf den übrigen sind die Schilder etwas weicher und halbkreisförmig. Nächst dem ersten ist das vorletzte und letzte Glied am längsten, dieses außerdem mit zwei Anhängseln versehen, die neben den sechs einklauigen kurzen Beinen der Fortbewegung dienen. Der senkrecht gestellte Kopf trägt jederseits in einer runden Grube zwei Punktaugen, zweigliedrige Fühler, fast dreieckige Kinnbacken; diese treffen mit ihrer Schneide aufeinander, sind hinten ausgehöhlt, um der mit ungegliederten Lappen und mit viergliedrigen Tastern versehenen Kinnlade Raum zu geben; die Taster der zungenlosen Unterlippe bestehen aus nur zwei Gliedern. Die Larven finden sich in der Erde unter Rasen, verpuppen sich hier und werden vor Winters zum Käfer.

Die einhundertdreiunddreißig Arten, aus denen die ganze Familie besteht, verbreiten sich nur über Europa und Nordamerika, und kommen im Gebirge zahlreicher vor als in der Ebene.

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Der gemeine Hirschkäfer, Feuerschröter ( Lucanus cervus), ein Glied der Familie der Kammhornkäfer ( Lucanidae), war schon den Alten seinem Aussehen nach bekannt; denn Plinius sagt an einer Stelle seiner Naturgeschichte: »Die Käfer« – er braucht dafür den Ausdruck Scarabaei – »haben über ihren schwachen Flügeln eine harte Decke, aber keiner hat einen Stachel. Dagegen gibt es eine große Art, die Hörner trägt, an deren Spitzen zweizinkige Gabeln stehen, die sich nach Belieben schließen und kneipen können. Man hängt sie Kindern als ein Heilmittel an den Hals. Nigidius nennt sie Lucanus«. Moufet, der in seinem » Insectorum sive Minimorum Animalium theatrum« Man meint, das genannte Buch sei ursprünglich von Konrad Geßner verfaßt, aus dessen Nachlaß, der in Joachim Camerarius' Hände gekommen war, Thomas Penn alle auf Entomologie bezüglichen Handschriften kaufte und dieselben mit Ed. Wottons sich darauf beziehenden Sammlungen vereinigte. Penn starb vor der Herausgabe, und Moufet setzte sein Unternehmen fort, bis auch ihn der Tod überraschte. So lag die Handschrift dreißig Jahre lang, bis sie auf Veranlassung der königlichen Akademie 1634 in einem haarsträubenden Latein herausgegeben wurde. Der letzten Angabe widerspricht der Titel, und in der Vorrede sagt Mayerne, die Erben hätten aus Mangel an Vermögen und eines Herausgebers die Handschrift liegengelassen; außerdem erwähnt Moufet, daß er über einhundertundfünfzig Figuren und ganze Abschnitte hinzugefügt habe. mit großem Fleiße alles gesammelt hat, was bis zu seiner Zeit über Insekten bekannt geworden ist, und von einer großen Menge den damaligen Verhältnissen entsprechende, meist kenntliche Holzschnitte lieferte, bildet auch das Männchen des Hirschkäfers ab, glaubt aber, dasselbe für ein Weibchen erklären zu müssen, weil Aristoteles behaupte, daß bei den Insekten die Männchen immer kleiner als die Weibchen seien. Ihm gelten daher die Männchen kleinerer Formen für die Weibchen. Jetzt weiß es jeder Knabe, der einige Käfer kennt und in einer mit Eichen bestandenen Gegend lebt, wo der Hirschkäfer vorkommt, daß die Geweihträger die Männchen, die nur mit kurzen, in der gewöhnlichen Form gebildeten Kinnbacken versehenen Käfer die Weibchen sind. Die jüngsten Beobachtungen auch an andern Hirschkäferarten haben gelehrt, daß je nach der spärlicheren oder reichlicheren Ernährung der Larven die Käfer kleiner oder größer ausfallen, und daß namentlich bei den Männchen die geweihartigen Kinnbacken der kleineren Käfer durch geringere Entwicklung dem ganzen Käfer ein verändertes Ansehen verleihen im Vergleiche zu einem vollwüchsigen.

Man hat daher bei den einzelnen Arten mittlere und kleinere Formen unterschieden, ohne dafür besondere Namen zu erteilen, wie früher, wo bei der gemeinen Art eine Abart als Lucanus caproleus oder hircus unterschieden wurde. Ein großer Zahn vor der Mitte und eine Spitze der männlichen Kinnbacken, die einem queren Kopfe entspringen, der breiter als das Halsschild ist, ein dünner Fühlerschaft, vier bis sechs unbewegliche Kammzähne an der Geisel (hier die erstere Anzahl), abwärts gebogene Oberlippe, tief ausgeschnittene Zunge an der Innenseite des Kinns und eine unbewehrte innere Lade des Unterkiefers charakterisieren neben der gestreckten Körperform die Gattung Lucanus. Unsere Art ist matt schwarz, die Flügeldecken und Geweihe glänzen kastanienbraun. Sie vergegenwärtigt einen der größten und massigsten Käfer Europas, der von der Oberlippe bis zu der gerundeten Deckschildspitze 52 Millimeter messen kann, eine Länge, die durch die geweihförmigen Kinnbacken noch einen Zuwachs in gerader Richtung von 22 Millimeter erhält. Ein Weibchen von 43 Millimeter Länge hat eine schon recht stattliche Größe. Im Juni findet sich dieser Käfer in Eichenwäldern, wo an schönen Abenden die Männchen mit starkem Gesumme und in aufrechter Haltung um die Kronen der Bäume fliegen, während die Weibchen sich immer mehr versteckt halten. Bei Tage balgen sie sich bisweilen unter dürrem Laube an der Erde und verraten durch das Rascheln jenes ihre Gegenwart, oder sitzen an blutenden Stämmen, um Saft zu saugen. Chop gibt in der »Gartenlaube« einen anziehenden Bericht über ihr Betragen bei diesen Gelagen, der gleichzeitig einen Beleg für ihr vorübergehendes massenhaftes Auftreten liefert. Unter dem kühlen Schatten einer altersschwachen Eiche eines Gartens in Sondershausen hatte sich der Berichterstatter an einem besonders warmen Nachmittage zu Ende Juni 1863 niedergelassen, als ein eigentümliches Geräusch über ihm seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Ein leises, in kurzen Zwischenräumen wiederkehrendes Knacken oder Knirschen ließ sich vernehmen, als ob kleine, dürre Zweige zerbrochen würden. Kurz darauf fiel ein schwärzlicher Gegenstand vom Baume in das Gebüsch unter ihm. Dieser Gegenstand ergab sich als ein Hirschkäfer, der, als er nach längerem Suchen gefunden war, im Begriffe stand, an der rauhen Rinde wieder emporzukriechen. Da das Geräusch nicht aufhörte und sich der Blick des kurzsichtigen Beobachters nach oben wandte, bot sich ihm in einer Höhe von reichlich 4,6 Meter am Stamme eine eigentümlich braune Masse dar. Im Verlaufe einer halben Stunde waren nach und nach elf Hirschkäfer beiderlei Geschlechts herabgefallen, und weil der knirschende Laut noch immer sich vernehmen ließ, holte Chop eine Leiter herbei, um die auffällige Erscheinung näher zu untersuchen. Jetzt bot sich ihm ein seltsames Bild.

Auf einer Fläche von etwa 82 Quadratzentimeter war an der alten Borke Saft herabgeflossen. Zu diesem leckeren Mahle hatte sich eine sehr gemischte Gesellschaft von Kerfen zu Gaste geladen. Große Ameisen kletterten geschäftig auf und nieder, genäschige Fliegen aller Art saßen in gedrängten Haufen beisammen, und auch die Hornisse schwärmte grimmig summend um den Stamm. Die augenfälligsten Gäste aber, sowohl nach der Zahl, wie nach ihrer sonstigen Beschaffenheit, waren unzweifelhaft die Hirschkäfer. Es wurden deren vierundzwanzig Stück gezählt, die bereits eingefangenen nicht eingerechnet. Sie spielten augenscheinlich die wichtigste Rolle bei diesem Gastmahle und schienen trotz der süßen Speise nicht besonders guter Laune zu sein; denn selbst die kühnen Hornissen scheuten sich, den plumpen Gesellen und deren gewaltigen Zangen zu nahe zu kommen, und hielten sich in respektvoller Entfernung. Um so wütendere Kämpfe fochten die Käfer untereinander aus, und zwar rangen mindestens zwei Dritteile derselben zusammen. Da auch die Weibchen mit ihren kurzen, kräftigen Zangen sich zornig verbissen hatten, so lag der Grund wohl nicht in der Eifersucht, sondern in dem wenig idealen Futterneide. Besonders interessant waren die Kämpfe der Männchen. Die geweihartigen Kiefern bis an das Ende schief übereinander geschoben, so daß sie über das Halsschild des Gegners hinwegragten und die Köpfe selbst sich dicht berührten, zum Teil hoch aufgebäumt, rangen sie erbittert miteinander, bis den einen der Streiter die Kräfte verließen und er zur Erde hinabstürzte. Hin und wieder gelang es auch einem geschickteren Fechter, seinen Gegner um den Leib zu fassen, mit dem Kopfe hoch aufgerichtet ließ er ihn dann einige Zeit in der Luft zappeln und schließlich in die Tiefe stürzen. Das Knirschen rührte von dem Schließen der Kiefern her; von den gebogenen Seitenwulsten des Kopfschildes in die mittlere Einbiegung abgleitend, verursachten sie jenes vernehmbare Knacken. Indes sah sich der Kampf grimmiger an, als er in Wirklichkeit war; denn Verwundungen wurden nicht beobachtet, außer einem leichten Bisse in einem Kiefer. Die Annäherung des Beobachters ward nicht beachtet; die Kämpfer stritten weiter, die Sieger leckten gierig. Nur wenn der Atem sie unmittelbar berührte, zeigten sie sich beunruhigt. Dagegen wirkte das leiseste Geräusch, wie das Knacken eines Zweiges, sofort auf die ganze Gesellschaft. Sie richteten sich sämtlich rasch und hoch auf und schienen eine Weile zu lauschen. Ähnliches geschah, wenn einer der Gefallenen von unten heraufsteigend sich wieder näherte; auch in diesem Falle richteten sich die Männchen auf und gingen dem Gegner etwa eine Spanne lang mit weit geöffneten Kiefern kampfgierig entgegen. Gegen Abend summte allmählich der größte Teil der Käfer davon, vereinzelter und schwächer tönte aber noch das Knacken von oben herab, als der Beobachter abends acht Uhr den Garten verließ. – Entschieden ernstlicherer Natur, als die eben geschilderten, sind die Kämpfe der Männchen um ein Weibchen, wie die tiefen Eindrücke oder sogar Durchbohrungen der Flügeldecken, am Kopfe oder an dem Geweihe einzelner Männchen beweisen. Wie versessen die Männchen auf ein Weibchen sind, wurde Haaber bei Prag gewahr, indem er ein Weibchen anband und in der Zeit von elf bis zwölfeinhalb Uhr fünfundsiebzig herbeigeflogene Männchen, sämtlich der kleineren Form angehörig, einfing. Die nächtlichen Umflüge sind gleichbedeutend mit den Hochzeitsfeierlichkeiten. Ende des genannten oder in den ersten Tagen des folgenden Monats ist die kurze Schwärmzeit vorüber, die Paarung hat des Nachts stattgefunden, die Weibchen haben darauf ihre Eier in das faulende Holz altersschwacher Eichbäume abgelegt, und die von Ameisen oder Vögeln ausgefressenen harten Überreste der männlichen Leichen liegen zerstreut umher und legen Zeugnis davon ab, daß hier Hirschkäfer gelebt haben. Es kann sogar vorkommen, und ist von mir einige Male beobachtet worden, daß die nach der Paarung matten Männchen, noch ehe sie verendet sind, von den räuberischen Ameisen bei lebendigem Leibe an- und ausgefressen werden und ihren harten Vorderkörper, des weichen Hinterleibes beraubt, auf den langen Beinen noch eine Zeitlang mühsam dahinschleppen, eine seltsame Behausung für einzelne Ameisen. Weibliche Leichen findet man darum nur selten, weil die wenigsten aus der Brutstätte wieder hervorkommen, und weil die Weibchen viel seltener als die etwa sechsmal häufigeren Männchen sind.

Die aus den rundlichen, 2,25 Millimeter langen Eiern geschlüpften Larven wachsen sehr langsam, indem sie sich von dem faulen Eichenholze ernähren, und erreichen erst im vierten (fünften?) Jahre eine Länge von 105 Millimeter bei der Dicke eines Fingers. Ihrer äußeren Erscheinung nach gleicht die Larve denen ihrer Familiengenossen. Sie trägt am hornigen Kopfe viergliedrige Fühler, deren letztes Glied sehr kurz ist, eine stumpfzähnige Kaufläche an den Kinnbacken, zwei Laden an dem Unterkiefer, die sich zuspitzen und an der Innenseite bewimpert sind. Die vorderen drei Körperringe, die sich wegen der Querfalten wenigstens auf der Rückenseite unvollkommen voneinander abgrenzen, tragen sechs kräftig entwickelte, einklauige Beine von gelber Farbe, der des Kopfes; nur die hornigen Mundteile sind schwarz. Den Alten sind diese Larven ohne Zweifel auch schon bekannt gewesen, denn Plinius erzählt: »Die großen Holzwürmer, die man in hohlen Eichen findet und Cossis nennt, werden als Leckerbissen betrachtet und sogar mit Mehl gemästet.« Sie müssen als Nahrungsmittel lange in Gebrauch gewesen sein; denn Hieronymus sagt: »Im Pontus und in Phrygien gewähren dicke, fette Würmer, die weiß, mit schwärzlichem Kopfe ausgestattet sind und sich im faulen Holze erzeugen, bedeutende Einkünfte und gelten für eine sehr leckere Speise.«

Die erwachsene Larve fertigt ein faustgroßes, festes Gehäuse aus den faulen Holzspänen oder tief unten im Stamme aus Erde, das sie inwendig gut ausglättet. Ein Vierteljahr etwa vergeht, bis sie hier zu einer Puppe und diese zu einem Käfer geworden ist. Derselbe bleibt zunächst in seiner Wiege, ist es ein Männchen, die langen Kinnbacken nach dem Bauche hin gebogen, und kommt, vollkommen erhärtet und ausgefärbt, im fünften (sechsten?) Jahre Juni zum Vorschein, um kaum vier Wochen lang sich seines geflügelten Daseins zu erfreuen. So lange ungefähr kann man ihn auch in der Gefangenschaft erhalten, wenn man ihn mit Zuckerwasser (oder süßen Beeren) ernährt.

Die Mitteilungen Chops lassen auf große Mengen von Hirschkäfern in der Gegend von Sondershausen im Jahre 1863 schließen. Büttner gedenkt eines Hirschkäferschwarmes, der in der Ostsee ertrank und bei Libau angeschwemmt worden ist. Cornelius berichtet von der auffallenden Häufigkeit, in der die Hirschkäfer 1867 auf einer beschränkten Örtlichkeit bei Elberfeld geschwärmt haben, und knüpft daran die Vermutung, daß alle fünf Jahre dergleichen wiederkehren dürfte und somit die von Rösel angenommene Entwicklungszeit von sechs Jahren um ein Jahr herabgesetzt werden müsse. Der oben erwähnte Haaber meint diese Vermutung bestätigen zu müssen, da er 1862 und dann wieder 1867 in der Gegend von Prag die Hirschkäfer in auffälligen Mengen beobachtet hat. Hier wie bei Elberfeld gedeihen dieselben in alten Eichenstubben, die ihrer Vermehrung besonders günstig zu sein scheinen. Es wäre wohl von Interesse, auch für andere Gegenden auf das »Hirschkäferflugjahr« achtzuhaben. Der Käfer breitet sich über das ganze mittlere und nördliche Europa bis in das angrenzende Asien hinein aus und fehlt natürlich nur in den eichenlosen Gegenden.

Die Linnésche Gattung Lucanus, neuerdings in zahlreiche weitere Gattungen zerlegt, hat Vertreter in allen Erdteilen, die meisten in Asien, nächstdem in Südamerika (34), die wenigsten in Europa aufzuweisen, trägt den Charakter unseres gemeinen Hirschkäfers, insofern die Kinnbacken der Männchen vor denen der Weibchen mehr oder weniger geweihartig entwickelt sind. Um Lucanus gruppieren sich noch mehrere andere Gattungen mit nur wenigen europäischen Vertretern, bei denen dieses Kennzeichen nicht zutrifft, wohl aber die Bildung der Fühler und des Kinnes übereinstimmt und sie in ihrer Gesamtheit zu der Sippe der Hirschkäfer (Lucanidae) im weiteren Sinne vereinigt hat. Ihr Kinn ist nämlich vorn niemals ausgeschnitten, sondern trägt an seiner Innenfläche, seltener an der Spitze, die häutige oder lederartige, lang vorstreckbare Zunge, mit der diese Käfer nur Saft als Nahrungsmittel auflecken.

Bei einer zweiten Sippe, den Zuckerkäfern ( Passalidae), ist das Kinn vorn ausgeschnitten und in diesem Ausschnitte mit der hornigen, vorn dreizähnigen Zunge versehen.

Die Zuckerkäfer, wesentlich in der Gattung Passalus vertreten, wiederholen ungefähr die Körperform, die uns bereits bei den Fingerkäfern ( Scarites) begegnet ist. Das gestielte Halsschild ist hier quer rechteckig, hinten nicht, eher vorn etwas verengt, der Körper bei den meisten platter gedrückt, so daß besonders die stark gerieften Flügeldecken in ihrer Scheibe eine vollkommene Ebene darstellen. Am Kopfe, schmäler als das Halsschild, fallen Höcker, Unebenheiten und ein zackiger, oft sehr unsymmetrischer Vorderrand auf, die Fühlergeisel, noch einmal so lang als der Schaft, wird durch dichte Borsten rauh und läuft in den drei bis sechs letzten Gliedern je nach den verschiedenen Arten zu Kammzähnen aus. Den Oberkiefer, der meist Kopfeslänge erreicht, charakterisiert in der Mitte ein beweglich eingelenkter Zahn. Alle Arten, die sich auf einhundertfünfundsiebzig belaufen, von denen beinahe sechs Siebentel auf Amerika allein, nicht eine auf Europa kommen, glänzen stark und sehen schwarz oder lichtbraun aus. Ihre Larven leben, wie die der Lucaniden, im Holze absterbender Bäume, sind glatt, nicht querfaltig, haben zweigliedrige Fühler und ein nur mangelhaft entwickeltes drittes Fußpaar.

Die beiden Sippen der Lucaniden und Passaliden bilden zusammen eine neuerdings von der folgenden abgetrennte Familie, die der Kammhornkäfer ( Pectinicornia), und zwar unter folgenden gemeinsamen Merkmalen: die gebrochenen, zehngliedrigen Fühler sind an ihren drei bis sieben letzten Gliedern zahnartig erweitert und bilden in ihrer Unbeweglichkeit gegeneinander einen Kamm. Von den beiden Laden des Unterkiefers nimmt die innere sehr allgemein, die äußere nur ausnahmsweise Hakenform an. Der gestreckte, aus fünf fast gleichen Ringen zusammengesetzte Hinterleib wird vollständig von den Flügeldecken gedeckt. Die Hüften aller Beine stehen quer, höchstens nehmen bei einigen die der Mittelbeine eine mehr kugelige Gestalt an, Füße und Klauen sind immer einfach, ein zweiborstiges Anhängsel zwischen letzteren bildet aber eine sogenannte Afterklaue. Der Käferkatalog von v. Harold und Gemminger führt fünfhundertneunundzwanzig Arten als Mitglieder der ganzen Familie auf.

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Die Blatthörner, Blatthornkäfer ( Lamellicornia, Scarabaeidae) bilden die sich unmittelbar anschließende Familie, von der man ungefähr sechstausendfünfhundertfünfzig Arten kennt, die sich über alle Erdteile ausbreiten, am wenigsten in Australien, am stärksten in Afrika vertreten sind; in Europa leben davon dreihundertfünfundachtzig. Abgesehen von diesem Reichtum, mit dem, wie sich erwarten läßt, große Mannigfaltigkeit in der äußeren Erscheinung verbunden ist, zeichnet sich die Familie vor allen andern durch die Größe und Schönheit der Formen wie durch Farbenpracht aus; denn sie enthält die Riesen unter den Käfern. Ferner finden wir in keiner Familie einen so gewaltigen Unterschied zwischen den zwei Geschlechtern ein und derselben Art, wie hier. Die Männchen weichen nicht durch Auswüchse am Kopfe oder an dem Halsschilde, oder an beiden zugleich, sondern in einzelnen Fällen in Farbe und Skulptur so wesentlich von dem andern Geschlechte ab, daß man Bedenken tragen könnte, sie für zusammengehörig anzuerkennen, und merkwürdigerweise prägen sich diese Unterschiede am schärfsten aus bei den größten Arten, mindern sich und verschwinden fast gänzlich, je kleiner dieselben werden. Dieses Gesetz gilt nicht allein für die verschiedenen Arten, sondern auch für die verschiedenen Einzelwesen ein und derselben Art. Wie bei den Hirschkäfern, so kommen auch hier, besonders bei den riesigeren Blatthörnern, durch Verkümmerung der Larven kleinere, unentwickeltere Formen vor; gehören diese dem männlichen Geschlechte an, so werden sie insofern ihren Weibchen ähnlicher, als die Hörner, Zapfen, Leisten, Gabeln oder welcher Art sonst der sie auszeichnende Schmuck an den vorderen Körperteilen sein möge, mehr oder weniger zurücktreten und bisweilen eben nur noch angedeutet sind.

Bei allen diesen Unterschieden stimmen diese Tausende von Käfern in dem Baue ihrer mittellangen Fühler überein. An jedes der drei bis sieben letzten, sehr kurzen Glieder setzt sich ein dünnes Blättchen, beim Männchen häufig länger als beim Weibchen, als nach vorn gerichteter Anhang an, und jedes schmiegt sich in der Ruhe dicht an das benachbarte. Auf solche Weise entsteht die sogenannte Blätterkeule. Sobald der Käfer sich zum Fluge anschickt, überhaupt lebendiger in seinen Bewegungen wird, spreizen sich jene Blättchen wie ein Fächer auseinander, und hierin liegt der wesentliche Unterschied zwischen den Blatthorn- und Kammhornkäfern. Sodann stehen die Augen zur Seite des Kopfes, werden vom Wangenrande mehr oder weniger durchsetzt, die Beine, besonders die vorderen, erweisen sich zum Graben geschickt, indem ihre Schienen breit und nach außen gezähnt sind, die Schenkel sind dick und kräftig, die Hüften walzig. Die Füße bestehen immer aus fünf Gliedern, weichen jedoch in der Klauenbildung vielfach voneinander ab. Infolge dieses Baues sind sie alle unbeholfene, sperrbeinige Fußgänger, viele von ihnen geschickte Gräber, die meisten trotz des schwerfälligen Körpers bei kräftiger Entwicklung ihrer Flügel gewandte und ausdauernde Flieger.

Die weichen, gekrümmten und meist faltigen, dabei aber feisten Larven haben sechs Beine, ziemlich lange, viergliedrige Fühler, keine Augen und eine sackartig ausgedehnte Hinterleibsspitze mit querer Afteröffnung; die von der Larve des Maikäfers genommene Bezeichnung »Engerling« wendet man auf sie alle an, da sie in der allgemeinen Körpertracht mit ihr übereinstimmen. Wegen ihrer eingekrümmten Körperform können sie trotz der sechs Beine nicht gehen, sondern sich nur grabend in der Erde oder in faulendem Holze fortbewegen, und fühlen sich ungemein unbehaglich, sobald man sie dieser Umgebung entzieht. Sie sowohl wie die Käfer ernähren sich nur von Pflanzenstoffen, und gewisse unter ihnen können unter Umständen den Kulturgewächsen erheblichen Schaden zufügen, während andere sich nur an bereits abgestorbene halten und dadurch deren Umsetzung in Dammerde beschleunigen. Wie wir überall Ausnahmen von der Regel finden, so kommen auch hier Käfer und Larven vor, die sich von Aas ernähren.

Abgesehen von den zahlreichen Sippen und Untersippen, lassen sich die Blatthörner in zwei Horden bringen, die Lamellicornia laparostictica und pleurostictica, oder in die Mistkäfer und Laubkäfer, wenn wir eine annähernde deutsche Bezeichnung von der Lebensweise der Tiere entlehnen wollen. Bei jenen ist die Zunge stets vom Kinn zu unterscheiden, und die Luftlöcher des Hinterleibes sitzen nur in der Verbindungshaut der Rücken- und Bauchhalbringe, die beiden Laden des Unterkiefers der Larven sind frei; bei diesen ist die Zunge häufig hornig und mit dem Kinne verwachsen, aber auch lederartig oder häutig und davon zu unterscheiden, die Luftlöcher des Hinterleibes liegen zum Teil in jener Verbindungshaut (die vier vorderen, langgezogenen), zum Teil auf den Bauchringen selbst (die drei hinteren, mehr gerundeten), und bei den Larven sind die beiden Laden des Unterkiefers miteinander verwachsen. Um nicht zu ausführlich zu werden, übergehen wir andere Unterschiede zwischen diesen beiden Horden, die umständlicher auseinandergesetzt werden müßten.

 

Die Mistkäfer im engeren Sinne ( Coprophaga) haben Oberlippe, Oberkiefer und Zunge häutig, erstere versteckt, letztere frei, die Lippentaster am Kinnrande befestigt, die Fühlerkeule dreigliedrig, den Anhang des Seitenstückes an der Hinterbrust verdeckt. Sie bestehen zum größten Teil aus kleinen oder mittelgroßen Kerfen, die, wie ihre Larven, im Miste, und zwar vorzugsweise dem der Hufsäugetiere leben, durch ihren scharfen Geruchssinn aus weiter Ferne jede frische Bezugsquelle wittern, sofort herbeigeflogen kommen und in kürzester Zeit eine solche Stätte bevölkern. Die unter dieser entstehenden größeren oder kleineren Löcher deuten an, daß der Boden von ihren Gängen unterminiert und die Nester für ihre Brut angelegt wurden, die von gewissen Arten hier in der Erde, mit Nahrung von oben her versorgt, ihren Aufenthalt angewiesen bekommt, von andern in dem Düngerhaufen selbst.

Der heilige Pillendreher ( Ateuchus sacer) ist ein in biologischer wie in archäologischer Hinsicht höchst interessanter Käfer, der die Mittelmeerländer bewohnt und in dem Tierkultus der alten Ägypter eine Rolle gespielt hat. Sie fanden nämlich im Treiben und in der Gestalt des Käfers das Bild der Welt, der Sonne und des mutigen Kriegers, so daß sie ihn auf Denkmälern darstellten und, in kolossalem Maßstabe aus Stein gehauen (die sogenannten »Scarabäen«), in ihren Tempeln aufstellten. Aelian sagt: »Die Käfer ( cantharos nennt er sie) sind sämtlich männlichen Geschlechts; sie bilden aus Mist Kugeln, rollen sie fort, bebrüten sie achtundzwanzig Tage, und nach deren Ablauf kriechen die Jungen aus«, während Plinius von ihnen erzählt: »Sie machen ungeheure Pillen aus Mist, rollen sie rückwärts mit den Füßen fort und legen kleine Würmer (sind Eier gemeint) hinein, aus denen neue Käfer ihrer Art entstehen sollen, schützen sie auch vor der Kälte des Winters.« Gegen das viertägige Fieber soll man, wie er an einer andern Stelle anführt, neben verschiedenen andern Mitteln, welche die klinische Heilkunde vorschreibt, auch den Käfer, der Pillen dreht, an sich binden. Dergleichen Vorstellungen hatten die Alten von der Entwicklungsgeschichte eines Mistkäfers!

Wir können uns nicht versagen, unsern Lesern dieses Wundertier nun in seiner natürlichen Gestalt und in seiner richtig gewürdigten Lebensweise vorzuführen, und bemerken in bezug auf erstere, daß der halbkreisförmige Kopf mit tief sechszähnigem Vorderrande, das vollständig in eine obere und untere Hälfte geteilte Auge jederseits, die nenngliedrigen Fühler, die seitlich nicht ausgebuchteten Flügeldecken, die sich hinten abstutzen und den Steiß freilassen, der Mangel der Füße an den fingerförmig gezähnten Vorderschienen, der eine Enddorn an den übrigen sehr schlanken und die sechs Bauchringe die Gattung charakterisieren, dagegen zwei Höckerchen an der Stirn, die innen an der Wurzel gekerbten Vorderschienen, die glatte Steißplatte, schwache Längsriefen der Flügeldecken, schwarze Fransen an Kopf, Halsschild und Beinen, rotbraune an den weiblichen Hinterschienen und die schwach glänzende schwarze Farbe des platten Körpers die genannte Art. Sie, wie alle Pillendreher, deren noch mehrere schwer zu unterscheidende mit ihr dasselbe Vaterland teilen, andere im mittleren Asien leben, haben ihren Namen von den pillenähnlichen Kugeln erhalten, die sie für ihre Nachkommen anfertigen. Wie bei den Totengräbern beide Geschlechter für deren Unterkommen Sorge tragen, nicht bloß das Weibchen, so auch hier. Zuerst wird von einem der beiden Ehegatten der zur Pille bestimmte Teil des Mistes, besonders Kuhdüngers, mittels des strahligen Kopfschildes vom Haufen abgetragen, mit Hilfe der Beine geballt, von dem Weibchen mit einem Ei inmitten beschenkt und nun gewälzt, indem der eine Käfer mit den Vorderbeinen zieht, der andere mit dem untergestemmten Kopfe nachschiebt. Durch diese Behandlung wird nach und nach das anfangs weiche und unebene Stück zu einer festen und glatten Kugel von nahezu fünf Zentimeter Durchmesser. Kleinere Arten drehen kleinere Pillen. Sodann graben die Käfer eine tiefe Röhre, in die sie die fertige Kugel versenken. Das Zuwerfen der Röhre beschließt die mühevolle Arbeit, die nötig war, um einem Nachkommen seine Stätte zu bereiten. Ein zweites, drittes Ei usw. bedingt dieselbe Arbeit, mit der die kurze Lebenszeit ausgefüllt wird. Entkräftet von der Arbeit bleiben die Käfer zuletzt am Schauplatze ihrer Taten liegen und verenden. Wie wenig hierbei ein dem unsrigen verwandter Intellekt wirksam ist, geht aus folgender Beobachtung von Fabre hervor. Nachdem der Käfer das Ei in seine Höhle gerollt hat, kriecht er die Höhle, bevor er sie abschließt, noch einmal ab. Fabre versah nun eine solche Höhle mit einem Loch, aus dem das Ei sofort herausfiel, nachdem es in die Höhle gebracht war. Gleichwohl machte der Käfer noch seinen Rundgang und verschloß die Kammer in der üblichen Weise. Man ersieht hieraus, wie vorsichtig man bei Vergleichen der zweifellos vorhandenen Insektenpsyche mit derjenigen der höheren Tiere sein muß. Weder das Schlagwort Instinkt noch die einfache Annahme vernünftiger Geistestätigkeit erklären hier irgend etwas.

In der vergrabenen Kugel erblüht neues Leben, das Ei wird zur Larve, und diese findet den hinreichenden Vorrat, um dadurch zu ihrer vollen Größe heranzuwachsen. Sie ist von der Bildung eines Engerlings, aber mehr halbwalzenförmig, auf dem Rücken schiefergrau gefleckt und fast kahl am Körper, von den fünf Fühlergliedern sind das zweite bis vierte keulenförmig, jenes fast so lang wie die beiden folgenden, das fünfte, das längste und dünnste. Das Kopfschild ist querviereckig, die Oberlippe dreilappig, jede Kinnbacke vor der schwarzen Spitze stumpf und flach dreizähnig, jede Kinnlade zweilappig, die Lappen sind dornhaarig und an der Spitze mit einem Hornhaken bewehrt, ihre Taster viergliedrig, die der Lippe kurz und zweigliedrig. Diese Larve bedarf mehrere Monate zu ihrer Entwicklung. Im nächsten Frühjahr arbeitet sich der fertige Käfer aus seiner Geburtsstätte hervor, und die jungen Pärchen, dem Beispiele ihrer Eltern folgend, das sie ihnen nicht mit eigenen Augen ablauschen konnten, drehen Pillen in gleicher Weise und gleicher Absicht wie jene. Es können aber auch Tätigkeiten anderer Art vorkommen. Höchst interessant ist die Mitteilung eines deutschen Malers. Derselbe beobachtete bei seinen ländlichen Streifzügen in Italien einen Käfer (die Art wird nicht näher bezeichnet), der auf etwas unebenem Untergrunde mit dem Rollen seiner Kugel beschäftigt war. Unglücklicherweise geriet dieselbe hierbei in eine Grube, die alle Anstrengungen des Käfers, jene wieder herauszurollen, scheitern ließ. Derselbe, im Bewußtsein seiner Ohnmacht, begab sich nach einem benachbarten Dunghaufen, verschwand in demselben, kam aber bald wieder hervor – in Begleitung von drei andern seinesgleichen. Alle vier Käfer arbeiteten nun mit gemeinsamen Kräften, um die Hindernisse hinwegzuräumen, und es gelang ihnen endlich, die Kugel aus der Versenkung herauszufördern. Kaum waren ihre Bemühungen mit dem gewünschten Erfolge gekrönt, so verließen die drei Gehilfen den Ort und begaben sich in dem ihnen eigenen steifbeinigen Marsche nach ihrer Wohnstätte zurück. Können wir auch hierin, wie etwa in dem angeborenen Pillendrehen, eine bloße Naturnotwendigkeit, einen »Instinkt« erkennen, oder zeugt diese Handlungsweise nicht von bewußtem, eine gewisse Überlegung voraussetzendem Handeln? Man vergleiche hierzu die Anmerkung auf Seite 129. Derartig unkontrollierte Einzelbeobachtungen, bei denen in der Regel der Beobachter, unabsichtlich natürlich, nur das ihm allein Geläufige oder Gewünschte sieht, beweisen natürlich gar nichts. Hrsgbr. Man erinnere sich jener Totengräber, die den Stab umwühlten, an dem der Maulwurf hing und daher nicht einsinken wollte; man denke an jenen Laufkäfer, der zur Bewältigung eines Maikäfers sich ebenfalls einen Gefährten herbeiholte, und man sieht, daß jene Beobachtung an den Pillendrehern nicht vereinzelt dasteht.

Livingstone erzählt von einer Art aus Kuruman, in der Volkssprache »Skanvanger-Beete« genannt, wahrscheinlich auch ein Ateuchus, der die Dörfer rein und sauber erhält, indem er den frischen Mist sofort zu Kugeln verarbeitet, nicht selten von der Größe eines Billardballes, und vergräbt. Wahrscheinlich auch ein Ateuchus, hieß es; denn es gibt noch mehrere andere Gattungen, die eine gleiche Sorgfalt für ihre Nachkommen an den Tag legen und zum Schutze und zur Nahrung der Larve Pillen drehen, wie der langbeinige, Kalkboden liebende Sisyphus Schäfferi und andere. Ich besitze eine solche Pille, die mir ein Freund aus Spanien mitgebracht hat; dieselbe ist nach und nach an der Luft vollkommen ausgetrocknet und so fest, daß sie durchgesägt werden mußte, um unter Erhaltung ihres Baues das Innere untersuchen zu können. Der Durchmesser beträgt 34 Millimeter, eine Schicht von 5,5 Millimeter ist vollkommen dicht und bildet eine Kugelrinde, die Ausfüllung dagegen läßt das lockere und faserige Gefüge des Düngers sehr wohl unterscheiden, und hat sich durch das Eintrocknen von der festen Schale gleichfalls in Form einer Kugel abgelöst. Um das Ganze nicht weiter zu zerstören, mochte ich keine Gewalt anwenden, ohne die nicht weiter vorzudringen ist. In der sehr hart gewordenen, faserigen Innenkugel befindet sich wahrscheinlich das vertrocknete Ei oder die in ihrer Jugend zugrunde gegangene Larve, die zu ihrer vollkommenen Entwicklung ohne Zweifel die ganze Innenkugel aufgezehrt haben würde, während die Kugelrinde der Puppe gleich einem Gehäuse zum Schutze gedient hätte.

Andere, wie die nur schwarzen, mehr gestreckten, aber stark gewölbten Coprisarten, die teilweise prachtvoll metallisch blau, grün, goldig, rot erglänzenden Südamerikaner der Gattung Phanaeus, die kleineren, in mehreren hundert Arten auf der ganzen Erde verbreiteten Kotkäfer ( Onthophagus), leben in größeren Gesellschaften im Miste, graben unter demselben Löcher, in die sie einen Pfropfen davon hineinziehen, um die Eier dort abzusetzen. Bei sehr vielen von ihnen zeichnet ein Horn oder zwei, wie bei einem Stiere gestellte, die Männchen am Kopfe aus, bisweilen auch am Halsschilde. Es wird erzählt, daß eine Coprisart ( Midas) in Ostindien aus einem harten Erdklumpen, den man anfänglich für eine » Kanonenkugel« gehalten habe, ausgekrochen sei, das eine Stück dreizehn, das andere sechszehn Monate später, als die Kugeln zur Beobachtung aufgehoben worden waren.

 

Mit allen vorigen in der Bildung der Mundteile und der Fühler übereinstimmend, aber durch fünf Bauchringe, am Ende zweidornige Hinterschienen und hinten gerundete Flügeldecken, welche die Leibesspitze nicht frei lassen, von ihnen unterschieden, breiten sich die Dungkäfer ( Aphodius) in mehreren hundert Arten über die ganze Erde aus, am zahlreichsten (115) in den gemäßigten und kalten Strichen Europas. Sie sind es, die an schönen Sommerabenden oder bei Sonnenschein am Tage zu tausenden in der Luft umherfliegen und wie die Hausbienen ihren Stock, einen Misthaufen umschwärmen, der sich manchmal in eine bunte Gesellschaft dieser kleinen Gesellen aufgelöst zu haben scheint. Sie erleichtern sich ihr Leben, graben nicht in den Boden, wälzen keine Pillen für ihre Nachkommen, sondern legen die Eier unmittelbar in den Mist; darum bleibt ihnen Zeit genug, wenn sie sich nicht an den ekelhaften Leckerbissen laben, zeitweilig den schmutzigen Pfuhl mit der von der Sonne durchwärmten Luft zu vertauschen, dem Tanze und Spiele nachgehend. Ein beinahe walziger Körper von geringer Größe, schwarzer oder schmutzig brauner Farbe kommt fast allen zu. Der halbkreisförmig gerundete Kopf buchtet sich in der Mitte flach aus und trägt ungeteilte Augen. Eine seine Haut säumt das Halsschild am Vorderrande, und neben seinem Hinterrande läßt sich das Schildchen deutlich unterscheiden. Die Mittelhüften sind genähert, und die Hinterhüften decken in ihrer Erweiterung meist die Wurzel des Hinterleibes.

Der grabende Dungkäfer ( Aphodius fossor), glänzendschwarz von Farbe, manchmal braunrot an den Flügeldecken, ist unsere größte Art, kenntlich an dem vor den Augen in eine kleine gerundete Ecke erweiterten Kopfschilde, an dem unbehaarten Halsschilde, den fein gekerbt-gestreiften, hinten nicht gezähnten Flügeldecken, deren Zwischenräume sich gleichmäßig wölben, an dem großen Schildchen und daran endlich, daß das erste Glied der Hinterfüße kürzer als die vier folgenden zusammen ist. Am Kopfschilde findet sich ein Geschlechtsunterschied: beim Weibchen deuten sich drei Höcker eben nur an, während sie beim Männchen stärker hervortreten, der mittelste hornartig. Die Larve hat einen braunen Kopf mit kurzem Längseindrucke, einzelnen langen Haaren, deutlichem Kopfschilde und gerundeter Oberlippe, fünfgliedrige Fühler, deren mittelstes Glied am längsten, lange und dünne Kinnbacken von schwarzer Farbe, deren linke Hälfte größer als die rechte ist, dreigliedrige Kiefer-, zweigliedrige Lippentaster. Den Körper setzen die gewöhnlichen zwölf, etwas querfaltigen Ringe zusammen. Diese Larve findet sich im Frühjahre erwachsen flach in der Erde, vergraben unter vorjährigem Kuhmiste, und verwandelt sich nun in kürzester Zeit in den Käfer.

 

Die größten Mistkäfer Deutschlands kennt man unter dem Namen der Roßkäfer ( Geotrupes), früher mit vielen andern zusammen Scarabaeus genannt. In ihrer schwerfälligen Weise sehen wir sie öfter in Feld oder Wald sperrbeinig über den Weg schleichen, oder hören sie an den Sommerabenden mit lautem Gebrumme an unsern Ohren vorbeisausen. Bei ihnen sind Oberlippe und Kinnbacken nicht, wie bei den vorhergehenden, häutig, sondern hornig und unbedeckt, der Seitenstückanhang der Hinterbrust frei, die Fühler elfgliedrig und die Augen vollständig geteilt. Außerdem erkennt man sie an einem rautenförmigen, vorn aufgeworfenen, hinten vom Gesicht getrennten Kopfschilde, an einem queren, hinten gradrandigen Halsschilde, einem herzförmigen Schildchen, an sechs freien Bauchringen und einem kurzen, stumpf eiförmigen, oben ziemlich stark gewölbten Körper. Ein Haarfleck an den Vorderschenkeln, ein gesägter Außenrand der zugehörigen Schienen und vier Kanten an den übrigen zeichnen die Beine aus. Indem die lange, unterseits leistenartige und geriefte Hüfte der Hinterbeine am Rande des dritten Bauchringes hin- und herreibt, entsteht ein schwach schnarrender Laut ohne jegliche Bedeutung.

Die schwarzen oder metallisch glänzenden Roßkäfer beschränken sich auf den gemäßigten Gürtel Europas und Nordamerikas, auf das Himalayagebirge in Asien, auf Chile in Südamerika und in Afrika auf die Nordküste.

Die Roßkäfer, so genannt, weil eine und die andere Art mit Vorliebe den Pferdedünger als Aufenthaltsort wählt, sind schwerfällige und plumpe Gesellen, von Natur weniger zum Lustwandeln als zum Graben befähigt, und ihr Los ist kein beneidenswertes. Denn wenn sie im Frühjahre zum erstenmal in ihrem Leben das Tageslicht erblickt, nachdem sie ihren tiefen Schacht verlassen haben, beginnen die Sorgen um die Nachkommenschaft. Jede Art sucht die ihr genehmen Rückstände derjenigen Huftiere auf, die des Weges gezogen sind, in der vorgerückteren Jahreszeit auch die von vielen Kerfen und von den Schnecken beliebten Hutpilze. Sie wühlt sich in den Haufen, in den Pilz, stillt den eigenen Hunger und, was die Hauptsache ist, gräbt in nahzu senkrechter Richtung eine bis dreißig Zentimeter tiefe Röhre, schafft eine Portion des den Eingang deckenden Nahrungsmittels in deren Grund, und das Weibchen beschenkt die vorgerichtete Brutstätte mit einem Ei. So viele Eier abgesetzt werden sollen, so viele Schachte sind zu graben und meist auch so viele Dungstätten von neuem aufzusuchen; denn dieser eine Roßkäfer ist nicht der einzige, der sich der Goldgrube bemächtigt, ihm gesellen sich andere seinesgleichen, seiner Gattung, seiner Familie zu, und so mancher andere Käfer, dessen wir bereits gedachten und den wir mit Stillschweigen übergingen; zudem muß man erwägen, daß sich nicht jedes Stück Land, auf dem die Lebensquelle angetroffen wird, auch zu der Anlage eines Schachtes eignet. Darum hat das Auffinden einer passenden Stelle seine Schwierigkeiten; ihm gilt es, wenn wir den Roßkäfer bei Tage sich abquälen sehen, zu Fuß eine Umschau zu halten, ihm, wenn er des Abends seinen Körper zum Fluge erhebt und an unsern Ohren vorbeisummt. Daß er dies erst zu dieser Zeit tut, beweist seine Vorliebe für die Nacht, die ihn beweglicher macht, während der er auch sein Brutgeschäft mit der Paarung beginnt. Der Aufenthalt an den genannten unsauberen Orten, das Wühlen in der Erde unter diesen bringt die Roßkäfer mit demselben Ungeziefer in Berührung, das wir schon bei den Totengräbern kennengelernt haben. Eine oder die andere Käfermilbe läuft gewandt auf Brust und Bauch umher, und ihre Zahl wird um so zahlreicher, je erschöpfter die Kräfte des Mistkäfers sind, je mehr sein Lebensende herannaht. Im Herbste sieht man hier und da einen auf dem Rücken liegen, alle sechs Beine von sich gestreckt, als trockene, selbst von dem eben genannten Ungeziefer gemiedene Leiche. Er starb eines natürlichen Todes, andere Brüder wurden lebend von einem Würger ergriffen und auf einen Dorn gespießt, wie so manche Hummel.

Die einstige Wohnstätte der Roßkäfer verschwindet mit der Zeit, nur ein rundes Loch, mit einem Erdwalle umgeben, legt Zeugnis von ihrer Brutpflege ab. Im Laufe des Sommers und Herbstes gedeiht unten in der Sohle jener Röhre die Larve, wird zu einer Puppe und diese zu einem Käfer, der im nächsten Frühjahre zu dem oben geschilderten Werke sein Auferstehungsfest feiert.

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Gemeiner Roßkäfer ( Geotrupes stercorarius)

Der Frühlings-Roßkäfer ( Geotrupes vernalis) ist die kleinste deutsche Art von nur 13 bis 15 Millimeter Länge, schön stahlblauer Färbung und sehr glatter, fast polierter Rückenfläche. – Der gemeine Roßkäfer ( Geotrupes stercorarius) hat tief gestreifte Flügeldecken und auf der Rückenseite eine schwarze Färbung mit blauem oder grünem Schiller, unterwärts eine veilchenblaue, und ist mindestens 19,5 Millimeter lang, aber auch größer. Von ihm allein ist, meines Wissens nach, die Larve mit Sicherheit bekannt und durch viergliedrige Fühler, wie durch reichlich gezähnte Kinnbacken ausgezeichnet. – Der dreihörnige Roßkäfer, das Dreihorn ( Geotrupes typhoeus), ist unsere stattlichste Art, insofern das Halsschild des Männchens mit drei nach vorn gerichteten Hörnern verziert ist. Die Flügeldecken sind etwas flacher als bei den andern Arten, von reiner schwarzer Farbe und starkem Glänze, wie der übrige Körper. Der Umstand, daß bei dieser Art die Kinnbacken an der Spitze deutlich dreizähnig, der innere Lappen des Unterkiefers mehr entwickelt und das Kinn weniger tief ausgeschnitten sind, hat die neueren Systematiker veranlaßt, die Art unter einem besonderen Gattungsnamen ( Ceratophyus) von den andern abzuschneiden. Sie findet sich vorherrschend auf dürren Triften, wo Schafe weiden, da deren Dungstoffe, vielleicht auch die der Hirsche und Rehe, dem Käfer und seiner Larve die beliebteste Nahrung bieten.

 

Der großköpfige Zwiebelhornkäfer, Rebenschneider ( Lethrus cephalotes), schließt sich im übrigen Körperbaue unmittelbar an die vorhergehenden an, unterscheidet sich jedoch in seiner Fühlerbildung von allen Familiengenossen dadurch, daß die letzten beiden Glieder in dem drittletzten abgestutzten Gliede eingelassen sind, wie das Innere einer Zwiebel in ihre Schalen, daher der erste Name. Infolge dieses eigentümlichen Baues enden die Fühler nicht in einen Fächer und scheinen nur aus neun Gliedern zusammengesetzt zu sein. Überdies sind die Kinnbacken groß, am Innenrande gezähnt, noch auffälliger werden die an sich kräftigeren männlichen durch einen mächtigen, nach unten gerichteten Zinken. Der schwarze, durch dichte und seine Punktierung matte Käfer, der mit sehr kurzen, zusammen beinahe eine Halbkugel bildenden Flügeldecken ausgerüstet ist, bewohnt trockene, sandige Gegenden des südöstlichen Europa. In trocknem Miste und um die Wurzeln ausdauernder Gewächse hält er sich in Erdlöchern paarweise zusammen, und hat durch seinen entschieden schädlichen Einfluß auf die Reben seit längerer Zeit schon die Aufmerksamkeit der Weinbauer in Ungarn auf sich gelenkt und den zweiten der obigen Namen erhalten.

Sobald im ersten Frühjahre die Strahlen der Sonne den Boden durchwärmt und an den Reben die Knospen zum Austreiben veranlaßt haben, zeigen sich zahlreiche Löcher im Boden, ganz in der Weise, wie wir sie auf Triften und Waldblößen von unsern heimischen Roßkäfern sehen können. Hauptsächlich in den Morgenstunden und des Nachmittags von drei Uhr ab kommen die Käfer aus diesen Löchern, flüchten aber schnell wieder in dieselben zurück, wenn sie ein Geräusch bemerken, betragen sich also in dieser Hinsicht wie die Feldgrillen. Werden sie nicht gestört, so kriechen sie in Eile an den Reben empor, schneiden Knospen, junge Triebe, mit und ohne Trauben ab und schaffen dieselben, rückwärtsgehend, in ihre Röhren, ein jeder in die seinige. Diese Beschäftigung wird den Sommer über fortgesetzt und erstreckt sich nach Erichson auch auf das Gras und auf Blätter des Löwenzahns. Da kein Berichterstatter von der Nahrung der Käfer spricht und nur vom Abschneiden der Reben die Rede ist, so dürften die in den Wohnungen welk gewordenen Blätter und sonstigen Pflanzenteile den Käfern zur Nahrung dienen, entschieden jedoch in erster Linie deren Brut. Denn wenn der hinreichende Vorrat eingetragen worden ist, legt das Weibchen gewiß nur ein Ei an denselben, sorgt für weitere Löcher und weiteren Vorrat für die noch übrigen Eier. Denn wir zweifeln nicht daran, daß abgesehen von dem veränderten Nahrungsstoffe in der Brutpflege und in der Entwicklung der Brut, sich auch bei dieser Art dasselbe wiederholt, was von unsern Roßkäfern gilt. Bei Regenwetter läßt sich der Rebenschneider nicht sehen, und er kann, wie berichtet wird, sogar spurlos verschwinden, wenn jenes längere Zeit anhält. Auch während der Weinlese ist er nicht mehr zu finden, weil nach Beendigung des Brutgeschäftes auch seine Zeit erfüllt ist, und seine Nachkommen erst nach dem Winter zum Vorschein kommen, um das Geschäft der Eltern fortzusetzen.

 

Die zweite Horde der Blätterhörner, die Lamellicornia pleurostictica, wie sie Lacordaire wegen der andern Stellung der drei letzten Luftlöcher des Hinterleibes genannt hat, enthalten zunächst die gleichklauigen Laubkäfer ( Melolonthidae), zu denen der gemeine Maikäfer ein Beispiel liefert. Als Larven, so weit man diese kennt, nähren sie sich von Wurzeln lebender Pflanzen, während die Käfer Blätter fressen, und gewisse unter ihnen können für die menschliche Ökonomie im höchsten Grade nachteilig werden, wenn sie stellenweise in größeren Mengen auftreten. Es gehört diese artenreiche Sippe zu den schwierigsten der ganzen Familie, da die durchschnittlich gleichmäßig braun, graubraun oder schwarz gefärbten, in der allgemeinen Körpertracht sich sehr ähnlichen Käfer oft genau und auf seine Merkmale angesehen sein wollen, um sich voneinander unterscheiden zu lassen. Hauptsächlich kommt es dabei auf die Mundteile, die Form der Hüften, die Bildung des letzten Hinterleibsgliedes in erster, auf das Schildchen, die äußeren Zähne der Schienen, die Geschlechtsunterschiede, die Bildung der unter sich immer gleichen Fußklauen und so mancherlei anderes in zweiter Linie an; darum läßt sich, ohne sehr weitläufig zu werden, keine allgemeine Schilderung vorausschicken, höchstens noch bemerken, daß die letzten drei mehr runden Luftlöcher in ihrer Lage von den vorderen insofern wenig abweichen, als sie nahe am oberen Rande der betreffenden Bauchringe liegen, nicht merklich nach unten rücken. Europa ernährt die wenigsten Melolonthiden (94), Afrika die meisten (361), Asien, Nordamerika, Australien eine gleiche Anzahl (je 103 bis 132), Südamerika (264).

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Gemeiner Maikäfer ( Melolontha vulgaris)

Der gemeine Maikäfer ( Melolontha vulgaris) möge die ganze Sippe vergegenwärtigen. Die beim Männchen sieben-, beim Weibchen kürzere sechsgliederige Fühlerkeule und die an der Wurzel gezähnten Fußklauen in beiden Geschlechtern unterscheiden die Gattung von den nächst verwandten; die Art erkennt man an den kreideweißen, dreieckigen Seitenfleckchen des Hinterleibes, an dem in einen langen Griffel zugespitzten Steiße, den roten Fühlern, Beinen und Flügeldecken, bei sonst schwarzer Grundfarbe, und an der mehr oder weniger deutlichen weißen Behaarung des ganzen Körpers, die sich bei älteren Käfern allerdings vielfach abgerieben hat. Eine Abänderung mit rotem Halsschilde, die »Rottürken« unserer Jugend, pflegt nicht selten zu sein, dagegen gibt es noch einige andere, meist südliche Formen, welche der gemeinen Art sehr nahe stehen, und den gleichzeitig fliegenden Roßkastanien-Laubkäfer ( Melolontha hippocastani). Man unterscheidet diesen vom gemeinen Maikäfer durch die etwas geringere Größe, den kürzeren, plötzlich verengten, manchmal wieder erweiterten Endgriffel und durch rötliche Färbung von Kopf und Halsschild, die nur ausnahmsweise schwarz aussehen.

Wegen ihres gewöhnlichen Erscheinens im Mai hat die in Rede stehende Art ihren Namen erhalten; damit soll aber nicht behauptet werden, daß sie in keinem andern Monat fliegen dürfe. Ein besonders mildes Frühjahr lockt die Käfer schon im April aus der Erde, im umgekehrten Falle warten sie den Juni ab, und in ihren sogenannten Flugjahren kann man sie bisweilen vom Mai bis Mitte Juli antreffen. Im Schaltjahre 1864, einem Maikäferjahre für einen sehr großen Teil Deutschlands, kamen die Käfer wegen rauher Witterung erst am 13. und 14. Mai zum Vorschein, und zwar in solchen ungeheuren Massen, daß stellenweise der Erdboden von ihren Fluglöchern siebartig durchbohrt erschien. Sie trieben ihr Unwesen bis Mitte Juni, entlaubten unter anderm die stattlichsten Eichen vollständig und nahmen jetzt erst allmählich ab. Am 8. Juli, ja sogar noch am 28. Juli, fand ich je ein Pärchen in fester Verbindung. Die Fälle, wo einzelne Käfer in einem oder dem andern Monat erscheinen, die zwischen September und März vor ihrem regelmäßigen Fluge liegen, sind Ausnahmen, die immer einmal vorkommen und ihren Grund in der sie auf- und herauswühlenden Tätigkeit des Ackerpfluges haben dürften. Ihr Auftreten ist meist an bestimmte Örtlichkeiten gebunden und das massenhaftere ein regelmäßig wiederkehrendes. In den meisten Gegenden Deutschlands hat man alle vier Jahre diese dem Land- und Forstmanne höchst unwillkommene Erscheinung sich wiederholen sehen. In Franken zeichnete man die Jahre 1805, 1809 ... 1857, 1861, 1865, 1869, 1873, im Münsterlande 1858, 1862, 1866, 1870, 1874, in Berlin 1828, 1832, 1836 ... 1860, 1864, 1868, 1872 auf. Desgleichen hat im größten Teile Sachsens die Erfahrung zur Annahme berechtigt, daß die Schaltjahre zugleich Maikäferjahre seien. Anders gestalten sich die Verhältnisse in der Schweiz. Hier wiederholen sich, wie am Rheine und in Frankreich, die Hauptflüge alle drei Jahre, und man unterscheidet dort ein Baseler Flugjahr (1830, 1833, 1836, 1839), das in Frankreich bis an den Jura und Rhein beobachtet worden ist, ein Berner Flugjahr, diesseits des Jura in der westlichen und nördlichen Schweiz, auf 1831, 1834, 1837, 1840 usw., gefallen, ein Urner Flugjahr (1832, 1835, 1838, 1841 usw.), südlich und ostwärts vom Vierwaldstätter See. Am Rhein waren 1836, 1839 und 1842, an der Weser 1838, 1841 und 1844 Maikäferjahre. Diese um ein Jahr verschiedene Entwicklungszeit ein und desselben Tieres hat entschieden ihren Grund in örtlichen Verhältnissen, unter denen einige Grade Wärme der mittleren Jahrestemperatur mehr oder weniger den Hauptgrund abgeben dürften.

Sobald die Käfer aus der Erde sind und durch unfreundliches Wetter nicht abgehalten werden, fliegen sie nicht nur an den warmen Abenden umher, um Nahrung zu suchen und sich zu paaren, fette Leckerbissen für die Fledermäuse und einige nächtliche Raubvögel, sondern zeigen sich auch bei Schwüle oder Sonnenschein am Tage sehr beweglich. Wer hätte sie nicht schon in Klumpen von Vieren und noch mehr an den fast entlaubten Eichen oder Obstbäumen herumkrabbeln sehen, sich balgend um das wenige Futter, die Männchen um die Weibchen; wer hätte sie nicht schon an Kornähren, Rübsenstengeln und andern niederen Pflanzen sich umhertreiben sehen und den luftverpestenden Geruch ihres ekelhaften Kotes einatmen müssen, wenn er in von ihnen gesegneten Jahren durch den entlaubten Wald einherschritt? Erst in später Nacht begeben sie sich zur Ruhe, und am frühen Morgen sowie an einzelnen rauhen Tagen hängen sie mit angezogenen Beinen lose an den Bäumen und Sträuchern, besonders den Pflaumen- und Kirschbäumen unserer Gärten, an den Eichen, Roßkastanien, Ahornen, Pappeln und den meisten übrigen Laubhölzern des Waldes, und lassen sich dann am besten durch stoßende (nicht rüttelnde) Bewegung des Baumes leicht zu Fall bringen und einsammeln.

Das befruchtete Weibchen bedarf einer Reihe von Tagen, ehe die Eier zum Ablegen reifen, dann aber verkriecht es sich, lockeres Erdreich dem festen, Kalk, Mergel oder Sand anderen Bodenarten vorziehend, und legt auf einige Häuflein fünf bis sieben Zentimeter unter der Oberfläche im ganzen bis etwa dreißig längliche, etwas breitgedrückte, weiße Eier ab. Nach beendigter Arbeit erscheint es entweder nicht wieder, oder es kommt nochmals über die Erde, folgt aber, von der Anstrengung erschöpft, dem ihm vorangegangenen Männchen nach und verendet. Nach vier bis sechs Wochen kriechen die Larven aus, fressen etwa bis Ende September die feinen Wurzelfasern in ihrer Umgebung oder auch die reich mit dergleichen abgestorbenen untermischte Erde, und graben sich dann etwas tiefer ein, um den Winterschlaf zu halten. Im nächsten Frühjahre gehen sie mit dem allgemeinen Erwachen aller Schläfer nach oben und fressen von neuem. Zur ersten Häutung begeben sie sich bald darauf wieder tiefer. Nach der Rückkehr unter die Pflanzendecke beginnen sie ihre gewohnte Arbeit mit doppelter Gier, um durch mehr Nahrung die eben aufgewandten Kräfte zu ersetzen. Jetzt sind sie etwa ein Jahr alt, werden durch bedeutenderen Fraß bemerkbarer und zerstreuen sich mehr und mehr. Zwischen den längsten Tagen und die Herbstnachtgleiche fällt die Zeit des größten von ihnen angerichteten Schadens. Dann wieder hinabsteigend, verfallen sie zum zweitenmal in den Winterschlaf. Nach diesem wiederholt sich dasselbe wie im vorigen Jahre, und wenn endlich seit dem Eierlegen drei Jahre verstrichen, sind sie zur Verpuppung reif, gehen wieder tiefer hinab, und man kann annehmen, daß gegen den August bis Anfang September sämtliche Engerlinge eines und desselben Jahrgangs verpuppt und vor Eintritt des Winters die Käfer fix und fertig sind; dieselben bleiben jedoch, vorausgesetzt, daß sie nicht gestört werden, ruhig in ihrer Wiege liegen. Je nach der Tiefe, in der diese sich befindet, und je nach der Festigkeit des Erdreiches, das den Käfer deckt, braucht er längere oder kürzere Zeit, bevor er auf der Oberfläche anlangt, wozu er stets die Abendstunden wählt. Das eigentümliche Pumpen (der Maikäfer »zählt«) mit dem ganzen Körper unter halb gehobenen Flügeldecken, das man bei jedem Maikäfer beobachten kann, ehe er sich in die Luft erhebt, hat seinen guten Grund. Er füllt nämlich seine Luftröhren und wird so bei der Schwerfälligkeit seines Körpers zu gewandtem und anhaltendem Fluge befähigt. Die von den beiden seitlichen Hauptstämmen der Luftröhren zu den inneren Körperteilen gehenden Äste enthalten nach Landois' Untersuchungen fünfhundertundfünfzig Bläschen, die zum Teil beim Männchen größer als beim Weibchen sind. Indem sich die Luftlöcher bei den ausatmenden Bewegungen stets schließen, füllen sich alle Luftröhren und namentlich auch jene Bläschen mit Luft und bringen die eben bezeichnete Wirkung hervor.

Die Larve (der Engerling oder Inger) ist ein zu böser Feind unserer Kulturen, um sie ihrer äußeren Erscheinung nach mit Stillschweigen übergehen zu können. Die viergliedrigen Beine laufen in je eine Kralle aus und sind, wie der nackte Kopf, rötlich gelb gefärbt, während der querfaltige Körper eine schmutzigweise, nach dem Hinterrande in Blau übergehende Farbe trägt. Ein augenloser Kopf, viergliedrige Fühler, deren vorletztes Glied nach unten in Form eines Zahnes über das letzte herausragt, die zahnlose, breite und schwarze Schneide an den kräftigen Kinnbacken und verwachsene Laden sowie dreigliedrige Taster an dem Unterkiefer bilden die weiteren Erkennungszeichen. Eine halbkreisförmige harte Oberlippe und eine fleischige, mit zweigliedrigem Taster versehene Unterlippe schließen beiderseits die Mundöffnung.

So behaglich sich der Käfer im Sonnenschein fühlt, so wenig verträgt der Engerling denselben; denn er stirbt sehr bald, wenn er kurze Zeit von den Strahlen der Sonne beschienen wird. Trotzdem ist es unzweckmäßig, beim Einsammeln der Engerlinge dieselben auf einen Haufen zu werfen, um sie von der Sonne töten zu lassen, weil die unterste, weniger beschienene Schicht noch Kraft genug besitzt, um durch Eingraben sich zu retten und wieder zu entweichen. Das Einsammeln der Engerlinge in geringer Entfernung hinter dem Pfluge ist das eine Mittel, um sich vor den Beschädigungen derselben zu sichern, ein zweites und seiner Wirkung nach noch durchgreifenderes besteht im Sammeln und Töten der Käfer in jedem Jahre und allerwärts, wo sie sich zeigen. Was in dieser Hinsicht geleistet werden könne, hat unter anderm im Flug jähre 1863 der Bezirk des Landwirtschaftlichen Zentralvereins der Provinz Sachsen bewiesen. Wie die über diesen Gegenstand geführten Verhandlungen nachweisen, wurden hier als getötet 30 000 Zentner angemeldet. Halten wir uns nur an diese Zahl (nicht auf amtlichen Antrieb gesammelte Käfer möchten dieselbe noch um ein Bedeutendes erhöhen), so entspricht die Gewichtsmenge ungefähr eintausendfünfhundertneunzig Millionen Käfern, da nach wiederholten Zählungen durchschnittlich ihrer fünfhundertdreißig auf ein Pfund gehen. Die Mühen und Opfer, die mit einem so großartigen Vernichtungskampfe jedesmal verknüpft sein müssen, haben sich belohnt; denn im nächsten Flugjahre (1872) zeigten sich die Käfer wie in manchen anderen Jahren und verrieten keineswegs das an ihnen sonst so gesegnete Schaltjahr. Eine gleiche Erscheinung wiederholte sich 1876, in welchem Jahre allerdings das lange andauernde, rauhe Frühlingswetter den Maikäfern entschieden sehr ungünstig gewesen ist. Bekanntlich verwertet man die in so kolossalen Massen zusammengebrachten und am besten durch kochendes Wasser oder Wasserdämpfe getöteten Käfer als Düngemittel, in dem man sie schichtweise mit Kalk zu Komposthaufen aufschüttet und mit Erde bedeckt. Auch ist durch trockene Destillation ein gutes Brennöl aus ihnen gewonnen worden. Um eine namentlich Rekonvaleszenten anempfohlene Kraftsuppe aus Maikäfern zu gewinnen, braucht man kein Flugjahr derselben abzuwarten.

 

Der Gerber ( Melolontha fullo) ist der stattlichste aller europäischen Maikäfer und führt in den verschiedenen Gegenden verschiedene Namen, als da sind: Walker, Müllerkäfer, Weinkäfer, Tiger, Tannen-, Donner-, Dünenkäfer. Man erkennt ihn leicht an den weiß marmorierten rotbraunen Deckschilden, und obgleich ihm der Aftergriffel fehlt, beim Weibchen die Fühlerkeule nur fünfgliedrig ist und der Klauenzahn in der Mitte, nicht an der Wurzel steht, vereinigen wir ihn doch mit dem Maikäfer, bemerken aber, daß Harris für ihn und eine Anzahl ausländischer Arten den Gattungsnamen Polyphylla eingeführt hat. Er verbreitet sich weit in Europa, zieht aber die sandigen, mit Fichten bestandenen Ebenen allen andern vor und frißt an jenen ebensowohl, wie an den dazwischen wachsenden Laubhölzern. Ein regelmäßig wiederkehrendes Massenauftreten wurde von ihm noch nicht beobachtet, sondern er erscheint in der ersten Hälfte des Juli alljährlich in so ziemlich gleichen Mengen. Während der gemeine Maikäfer, so lange er die Auswahl hat, die Bäume dem Buschwerk vorzieht, hält sich der Gerber am liebsten am Buschwerk und an den sogenannten dürftigen Kiefernkusseln auf. Wenn er von diesen herabgeklopft wird, verrät er sich durch sein lautes »Schreien«. Indem er nämlich mit der scharfen Kante des vorletzten Hinterleibsgliedes gegen eine Reibleiste der Flügel streicht, die hier in der Flügelbeugung liegt, erzeugt er einen ungemein lauten Zirpton.

Die Larve ist dem Engerlinge sehr ähnlich, natürlich bedeutend größer und durch verhältnismäßig kräftigere Kinnbacken, dickere und kürzere Fühler sowie durch den Mangel der Fußklaue an den Hinterbeinen von ihr verschieden. Sie nährt sich gleichfalls von Wurzeln und ist stellenweise dadurch schädlich aufgetreten, daß sie die Wurzeln der Dünengräser wegfrißt, die man zur Befestigung des Flugsandes und somit der Dünen überhaupt anpflanzt, daß sie ferner durch Abnagen der Wurzel, Benagen des Wurzelstockes oder Durchbeißen des unterirdischen Stammes Anpflanzungen von Kiefern oder Laubhölzern nicht aufkommen ließ. Ihre Lebensdauer ist bisher noch nicht ermittelt worden, erstreckt sich aber aller Wahrscheinlichkeit nach auf mehrere Jahre.

 

Der Brachkäfer, Sonnenwendkäfer, Juni- oder Johanniskäfer ( Rhizotrogus solstitialis) mag als Beispiel einer Menge anderer, ihm ungemein ähnlicher Arten mehr südlicher Gegenden dem Beschlusse der ganzen Sippe der Laubkäfer dienen. Er ist ungefähr nur halb so groß wie der gemeine Maikäfer, auf der Rückenseite gelblichbraun, nur der Hinterkopf, die Scheibe des Halsschildes und die ganze Unterseite sind dunkler, Vorderrücken, Schildchen und Brust langzottig behaart, etwas schwächer fällt die Behaarung am Bauche aus. Der Unterschied zwischen der vorigen Gattung und Rhizotrogus besteht darin, daß bei letzterer die Fühlerkeule nur dreiblätterig ist, die Lippentaster an der Außenfläche der Unterlippe entspringen und eiförmig enden. Der Aftergriffel fehlt hier wie bei dem Gerber.

Im Betragen sowie in der Entwicklungsweise weicht der Brachkäfer vom Maikäfer in verschiedenen Stücken ab. Wie seine übrigen Namen andeuten, fliegt er immer später, um die Johanniszeit, und nur etwa vierzehn Tage, dann und wann aber an sehr beschränkten Örtlichkeiten in bedeutenden Mengen. Am Tage bekommt man ihn nicht zu sehen, weil er an Buschwerk und nach meinen Erfahrungen namentlich an den jungen Obstbäumen ruht, welche die breiteren Feldwege einfassen. Sobald die Sonne am westlichen Himmel verschwunden ist, fliegen die Käfer lebhaft über Getreidefelder und die benachbarten niederen Bäume und Büsche umher, und scheinen es immer darauf abgesehen zu haben, dem harmlosen Spaziergänger so lästig als möglich zu fallen; denn wie die zudringliche Fliege immer und immer wieder denselben Platz im Gesicht wählt, den sie sich einmal ausersah, so schwirrt er trotz eifriger Abwehr dem Wanderer immer wieder um den Kopf. Läßt dieser sich darauf ein, mit der Hand nach den Zudringlichen zu fangen, so gehört keine große Übung dazu, deren eine Menge zu erhaschen. Bei genauerer Betrachtung ergeben sich dieselben fast nur als Männchen. Die Weibchen sitzen nahe dem Boden an den verschiedensten Pflanzen, und das wilde Umherfliegen des andern Geschlechts scheint vorherrschend der Paarung zu gelten. Gleichzeitig werden auch passende Weideplätze ausgesucht und zu diesem Zwecke Laub- wie Nadelholz für geeignet befunden, so daß der Johannistrieb entschieden von den Angriffen zu leiden hat, zumal wenn ein Maikäferfraß vorangegangen ist. Die befruchteten Weibchen legen ihre Eier an die Wurzeln der verschiedensten Pflanzen, doch scheinen die Gräser, also auch die der Zerealien und Kräuter, am meisten von dem Fräße der Larven zu leiden zu haben. Diese letzteren sind denen des gemeinen Maikäfers sehr ähnlich, im erwachsenen Alter aber im Vergleiche zu den halbwüchsigen Engerlingen durch größere Dicke des Körpers und überhaupt gedrungeneren Bau zu unterscheiden. Meiner Ansicht nach erfolgt die Entwicklung in Jahresfrist; von anderer Seite wird behauptet, daß dieselbe zweijährig sein möge, weil nach Ablauf dieser Frist die Käfer zahlreicher aufträten. Mir ist eine zweijährige Wiederkehr größerer Käfermengen noch nicht aufgefallen, ich habe dem Gegenstande aber zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet, um entschiedenen Widerspruch einlegen zu können.

Die Lebensdauer dieser Art und anderer noch kleinerer, teilweise andern Gattungen zuerteilten Arten scheint eine verhältnismäßig sehr kurze zu sein, so daß man manche von ihnen für selten oder sehr selten erklären könnte, weil man Jahre hindurch kein einziges Stück zu Gesicht bekommen hat, während man sie hundertweise hätte einsammeln können, wenn man bei oder unmittelbar nach ihrem Erscheinen zufällig ihre Geburtsstätte besucht hätte. Die Beschränkung der meisten auf ein nur kleines Gebiet trägt bei allen denjenigen, die nicht so massenhaft wie bisweilen unser Brachkäfer schwärmen, zu dem eben erwähnten Umstände gleichfalls bei.

 

Alle Blatthörner, bei denen die drei letzten Luftlöcher des Hinterleibes nicht in der Verbindungshaut zwischen Rücken- und Bauchringen liegen, sondern an letzteren mehr oder weniger tief herabgehen, und bei denen die Klauen an demselben Fuße in Größe nicht übereinstimmen, bilden die andere Sippe der Blattkäfer, die der Ruteliden. Ihre hornige Zunge verwächst mit dem Kinne, die gleichfalls hornigen Kinnbacken führen in der Regel an der Innenseite eine schmale und kurze Wimper haut. Von den neun oder zehn Fühlergliedern bilden stets die drei letzten die Keule. Der dreieckige, mittelgroße Anhang des Seitenstückes an der Hinterbrust ist immer bemerkbar. Die wenigsten der Gesamtarten (600) kommen auf Europa und Australien, die meisten auf Asien (200), und demnächst auf Südamerika (183); Nordamerika und Afrika stehen sich in Beziehung auf die Artenmengen ziemlich nahe.

 

Die Anisoplien ( Anisoplia), Käfer von durchschnittlich 9 bis 11 Millimeter Länge, finden sich an verschiedenen Pflanzen, hauptsächlich aber an Gräsern und mithin auch an Getreidehalmen in Europa und Asien, in Afrika kommen nur wenige vor, in Ostindien werden sie durch die nächst verwandte Gattung Dinorhina, vertreten, in Amerika fehlen sie gänzlich. Der zierliche Getreide-Laubkäfer ( Anisoplia fruticola) ist erzgrün von Farbe, unten dicht weiß, am Halsschilde gelb behaart, die Flügeldecken sehen beim Männchen rostrot aus, mehr gelb beim Weibchen, und sind bei diesem um das Schildchen mit einem gemeinsamen viereckigen Flecke von der grünen Grundfarbe gezeichnet. Das Kopfschild verschmälert sich bei allen Arten dieser Gattung nach vorn und biegt sich am Rande auf, bedeckt aber dabei die Oberlippe vollständig. Die äußere Lade des Unterkiefers bewehren sechs lange, scharfe Zähne. Der Anhang am Seitenstücke der Mittelbrust, die ohne jegliche Hervorragung bleibt, ist bedeckt, an den vordersten Füßen die äußere, überall größere Klaue vorn gespalten. Die genannte Art findet sich an Roggenähren, besonders auf Sandboden dürftig erwachsenen, zur Zeit der Blüte oder bald nachher, um die Blütenteile oder den ersten Körneransatz zu befressen, und wird, wenn in größeren Mengen auftretend, nicht unerheblich schädlich. Der Flug erstreckt sich hauptsächlich nur über die Ähren der genannten Felder und gilt dem Zusammenfinden der Geschlechter. Beim Sitzen pflegt diese wie die verwandten Arten die etwas plumpen Hinterbeine schräg nach oben in die Luft zu strecken und auch beim Fortkriechen wenig Verwendung für dieselben zu haben. Die Larve, einem jungen Engerling sehr ähnlich, wird von Bouché, der sie immer nur im halbverfaulten Dünger fand und sie auch damit erzog, für nicht nachteilig gehalten, obschon sie auch an den Wurzeln des Getreides fressen dürfte; über die Dauer ihres Lebens ist mir nichts bekannt geworden, ich halte die Entwicklung des Insekts für nur eine einjährige. Im südlicheren Europa, so beispielsweise in Ungarn, kommen noch mehrere, zum Teil kräftigere Arten und, wie es scheint, häufiger massenhaft vor, so daß ihr Benagen an den Befruchtungsteilen der Getreideähren noch empfindlicher werden kann als seitens unseres heimischen Getreide-Laubkäfers.

Ein recht gemeiner Käfer aus der nächsten Verwandtschaft, der alljährlich den Rosen unserer Gärten auf unangenehme Weise zusetzt und deren schönste Blüten zerfrißt, wenn man sich seiner nicht erwehrt, ist der darum so genannte kleine Rosenkäfer oder Garten-Laubkäfer ( Phyllopertha horticola), jenes 9 bis 11 Millimeter messende, glänzend blaugrüne, stark behaarte Käferchen von der Gestalt des vorigen, aber wenig platter. Auf seinen dunkelbraunen oder schwarzen Flügeldecken wechseln unregelmäßige Längsleisten mit Reihen unregelmäßiger Punkte ab. Das getrennte Kopfschild umgibt eine zarte, vorn gerade Randleiste. Das Halsschild paßt genau an die Wurzel der Flügeldecken und verengt sich nach vorn. Außen zweizähnige Schienen und Doppelspitzen der größeren Klauen zeichnen die vorderen Beine aus; an der äußeren Lade des Unterkiefers stehen sechs Zähne, oben einer, dann zwei und unten drei. Der Käfer scheint sehr verbreitet zu sein und in keinem Jahre gänzlich zu fehlen, kommt aber manchmal – nach meinen Beobachtungen nicht in regelmäßiger Wiederkehr – in sehr auffälligen Massen vor, so daß er nicht nur die verschiedensten Ziersträucher und auch das Zwergobst in den Gärten entblättert, sondern auch im Freien allerlei Buschwerk, namentlich im Juni, reichlich bevölkert. Er macht den Eindruck der Trägheit, wie seine Verwandten, fliegt jedoch auch bei Sonnenschein und hat sicher kein langes Leben, aber eine wochenlang sich ausdehnende Entwicklungszeit; denn man kann ihn bis gegen den Herbst hin mehr oder weniger vereinzelt antreffen. So beobachtete ihn Altum auf der Insel Borkum Ende August und Anfang September, und zwar von geringerer Körpergröße und tief blauschwarzer Körperfärbung, millionenweise auf dem Seekreuzdorn, auf Brombeersträuchern und Zwergweiden. Wo er durch sein massenhaftes Auftreten lästig fällt, kann man ihn in den frühen Morgenstunden oder an rauheren Tagen in einen umgekehrt untergehaltenen Schirm leicht abklopfen und töten.

Die Larve lebt an den Wurzeln verschiedener Stauden und verschont auch Topfgewächse ( Saxifraga, Trollius und andere) nicht. Auch hier dürfte die Entwicklung eine nur einjährige sein.

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Herkuleskäfer ( Dynastes hercules)

Die Riesenkäfer ( Dynastidae) unterscheiden sich durch die gleichen Klauen von der vorigen Sippe, durch quere, eingesenkte Vorderhüften von der folgenden, den Blumenliebenden. Das Kopfschild verwächst bei ihnen mit dem Gesicht und läßt den Außenrand der Kinnbacken unbedeckt. Diese sind hornig, innen gezähnt und meist auf kurze Strecken mit Haarwimpern besetzt. Der äußere Lappen der Unterkiefer verwächst mit dem inneren und die hornige Zunge mit dem Kinn. Die fast immer zehngliedrigen Fühler enden in einen dreiblättrigen, bei beiden Geschlechtern gleichen Endknopf. Der Anhang des Seitenstückes (Hüftblatt) der Hinterbrust ist immer deutlich, mäßig groß und dreieckig; die drei letzten Luftlöcher des Hinterleibes rücken nach außen. Diesen samt den beiden letzten Mittelringen umschließen von den Seiten her die in der Regel glatten, braun oder schwarz gefärbten Flügeldecken. Wie es der Name andeuten soll, finden sich hier die größten und massigsten nicht nur aller Blätterhörner, sondern die Riesen der Käfer überhaupt. Gleichzeitig treten hier die schroffsten Gegensätze zwischen beiden Geschlechtern ein und derselben Art in der oben angedeuteten Weise hervor. Die Männchen sind meist am Vorderrücken allein oder an ihm und dem Kopfe mit Hörnern und Spießen der abenteuerlichsten Formen verziert, mit Auswüchsen, von deren Zwecke sich in den wenigsten Fällen Rechenschaft geben läßt, die eben nur einen Schmuck der Männchen darstellen, der den Weibchen unnütz, ja sogar bei dem Brutgeschäft im höchsten Grade störend sein würde. Daher haben diese bisweilen ein rauhes, gekörneltes Halsschild, das von vorn nach hinten an Breite zunimmt und ihnen behufs des Eierlegens das Eindringen in Holzerde, Mulm oder angefaulte Baumstämme in keinerlei Weise erschwert. Die meisten halten sich am Tage verborgen in faulem Holze, in Baumlöchern, unter dürrem Laube und ähnlichen Verstecken, werden des Nachts lebendiger und gebrauchen nach langen Vorbereitungen und anhaltendem Pumpen ihre Flügel zu schwerfälligem, weithin hörbarem Fluge, während dessen sie die Flügeldecken nur mäßig aufheben und nicht ausbreiten.

Die Paar Larven, die man zur Zeit kennt, leben in faulendem Holze und gleichen sehr denen der Laubkäfer durch die Querfalten und durch die sackartige Erweiterung des Leibesendes; im Verhältnis zum gedrungenen, feisten Leibe erscheint der Kopf schmal. Zähne an der Spitze und Querriefen an der Außenseite charakterisieren die Kinnbacken, und mehr oder weniger dichte Sammethaare bekleiden außer einzelnen Borsten den ganzen Körper. Vor der Verwandlung, der ein mehrjähriges Leben vorausgegangen ist, fertigen die Larven ein festes Gehäuse aus einer dicken Schicht ihrer Umgebung, in dem der Käfer so lange verweilt, bis er, vollkommen erhärtet, dasselbe ohne Verdrückungen und Quetschungen an seiner Oberfläche zu durchdringen imstande ist; und doch scheinen die krüppelhaften Hörner und allerlei andere Verunstaltungen, die man nicht selten bei einzelnen zu sehen bekommt, darauf hinzudeuten, daß diese zu vorwitzig waren und die Zeit ihrer vollkommenen Erhärtung nicht abwarten konnten.

Die nahezu fünfhundert Arten, welche die Sippe der Riesenkäfer zusammensetzen, beschränken sich beinahe ausschließlich auf den heißen Erdgürtel und mit der weitaus größten Hälfte auf Amerika, vereinzelte, weniger riesige Arten kommen zerstreut in allen Erdteilen vor.

Eine gewisse Berühmtheit durch Größe und Form hat das Männchen des Herkuleskäfers ( Dynastes Hercules) erlangt. Dasselbe wird bis 157 Millimeter lang, von denen ein vom Vorderrücken geradeaus gehendes, etwas nach unten gekrümmtes Horn die kleine Hälfte beträgt. Dasselbe, unten mit gelber Haarbürste ausgestattet, bedeckt in der Oberansicht ein zweites aufgerichtetes, dem Kopfe entspringendes Horn von ungefähr zwei Drittel der Länge des ersten. Die beiden Hörner, das obere mit zwei Seitenzähnen nahe der Mitte, das untere mit mehreren an der Innenseite, sind, wie der ganze Körper, glänzend schwarz, nur die hellolivengrünen Flügeldecken behalten diese Grundfarbe fleckenweise bei. Je ein Höcker hinter den Vorderhüften und die Wurzel des Steißes tragen lange gelbe Haare. Ganz anders das Weibchen: vorn keine Spur von Bewehrung, über und über brauner Filz, matt durch grobe Runzeln auf der Oberseite des Körpers, dessen Farbe nicht in reinem Schwarz erscheint, nur die Spitzen der Flügeldecken sind glatt; es wird bis 91 Millimeter lang. Dieser stattliche Käfer dürfte im tropischen Amerika nicht eben zu den Seltenheiten gehören, wie die europäischen Sammlungen beweisen.

Moufet bildet eine andere verwandte Art, den Elefanten ( Megalosoma elephas), ab und erzählt höchst naiv von ihm: »Nach dem Gesetz der Weichkäfer ( Chantarorum) hat er kein Weibchen, sondern ist selbst sein eigener Schöpfer; er bringt selbst seine Nachkommen hervor«, was Joh. Camerarius, der Sohn, als er ein Bild dieses Käfers an Pennius schickte, in folgendem Distychon artig ausdrückte:

Me neque mas gignit, neque femina concipit, autor
Ipse mihi solus, seminiumque mihi«.

Mit mehr Bescheidenheit, einem nur mäßig großen Horne auf dem Kopfe und drei gleichen Höckern auf dem Wulste des in der vorderen Mitte vertieften Halsschildes tritt das Männchen unseres heimatlichen Nashornkäfers ( Oryctes nasicornis) auf; seine Flügeldecken durchziehen feine Punktreihen, und das Schwarzbraun seines Körpers spielt auf der Unterseite stark in rot. Kinnbacken und die Lappen des Unterkiefers sind unbewehrt, diese außen bewimpert, die längliche Unterlippe zugespitzt, die hinteren Schienen außen mit zwei schrägen, beborsteten Kielen versehen, die Vorderfüße bei den Geschlechtern einfach. Dem Weibchen fehlt das Horn, ein stumpfer Höcker zeigt nur an, daß hier die Auszeichnung seines Gatten sitzt. Länge 26 bis 37 Millimeter. Dieser hübsche Käfer lebt vorzugsweise im nördlichen Europa, und zwar in der ausgelaugten Gerberlohe, mit der die Warmbeete in den Kunstgärten eingefaßt oder, wie in Bremen, Hamburg usw., die Hauptwege bestreut werden. Wo er sich einmal eingenistet hat, pflegt er nicht selten zu sein. Im Juni und Juli, gleich nach seinem Erscheinen, erfolgt die Paarung, nach der das Männchen stirbt, das Weibchen in die Lohe kriecht, um vereinzelt seine Eier abzulegen. Diese kommen ungefähr Ende August aus, die Larven brauchen aber mehrere Jahre, ehe sie aus der mageren Kost hinreichende Nahrung gezogen haben. Im Vergleiche zu denen des Hirschkäfers sind ihre Luftlöcher größer und der Kopf deutlich punktiert. Zur Verpuppung gehen sie tiefer in die Erde, fertigen ein eirundes Gehäuse, in dem nach durchschnittlich einem Monat die Puppe und nach der doppelten Zeit der Käfer anzutreffen, der so lange darin verbleibt, bis er vollkommen erhärtet ist.

 

Die letzte, nächst den blätter- und mistfressenden Blätterhörnern artenreichste Sippe bilden die Blumenliebenden ( Melitophila), diejenigen unter allen, welche die vollendetsten Formen und den herrlichsten Farbenschmuck zur Schau tragen, Käfer, welche der Mehrzahl nach unter dem Einflusse einer senkrechten Sonne erzeugt wurden, die nicht scheu vor dem Licht das nächtliche Dunkel abwarten, ehe sie aus ihren Verstecken hervorkommen, sondern als Freunde jenes die Kinder des Lichts, die duftenden Blumen der Kräuter und Holzgewächse aufsuchen, um in Gesellschaft der flüchtigen Schmetterlinge, der lustigen Fliegen und der ewig geschäftigen Immen zu schmausen: Blütenstaub samt dessen Trägern, Blätter der Blumen aufzehrend, oder auch an den blutenden Stämmen der Bäume den ausfließenden Saft zu lecken. Sie bilden der Mehrzahl nach – wir wissen, daß es überall Ausnahmen gibt – die Edelsten und Vornehmsten ihrer Familie, die wenigstens im vollkommenen Zustande feinere Genüsse zu schätzen wissen, als grüne Blätter, faulende Pilze oder durch den Leib der pflanzenfressenden Säuger gegangene Stoffe bieten können. Der gedrungene Körper von vorherrschend mittlerer Größe ist mäßig abgeplattet, in den Umrissen wappenschildförmig. Die Flügeldecken lassen den Steiß unbedeckt und liegen dem Hinterleibe einfach auf, ohne ihn von der Seite her zu umfassen, behalten auch diese Lage, nur etwas gelockerter, während des Fluges bei. Die Vorderhüften springen in walzig-kegelförmiger Gestalt hervor, während sich die Hinterhüften über den ersten Bauchring erweitern. Das Gesicht ist mit dem Kopfschilde, das Oberlippe wie Kinnbacken bedeckt, verwachsen, ebenso die hornige Zunge mit dem Kinn. Der Oberkiefer besteht aus einem hornigen Außenteile und einer häutigen Innenplatte, der Unterkiefer aus eingelenkter Außenlade, jeder Fühler aus zehn, seine Keule aus den drei letzten Gliedern. Je nachdem durch einen Ausschnitt der Flügeldecken gleich hinter der Schulter das Hüftblatt der Hinterbrust von oben her sichtbar ist oder nicht, in Ermangelung jenes Ausschnittes, läßt sich die Sippe in die artenreichere Abteilung der Blumenkäfer ( Cetonidae) und in die artenarme der Pinselkäfer ( Trichiidae) zerlegen.

Die Larven unterscheiden sich wesentlich von den übrigen derselben Horde dadurch, daß ihr letztes Glied nicht durch eine Querfurche in zwei zerlegt wird, weniger wesentlich durch einen im Vergleiche zum gedrungenen Körper schmäleren Kopf, durch die schwächeren Querfurchen auf den Gliedern und durch eine stärkere Sammetbehaarung. Sie nähern sich den Larven der Riesenkäfer durch ihre an der Spitze gezähnten und äußerlich querriefigen Kinnbacken und leben ausschließlich von mulmigem Holze.

Mehr als ein Drittel der ganzen Sippe bewohnt Afrika, kaum der fünfundzwanzigste Teil Europa; kein Erdteil wird von ihnen ausgeschlossen, die prachtvollsten Formen gehören indessen nur dem heißen Erdgürtel an.

Vollendet im Baue steht der männliche Riesen-Goliath ( Goliathus giganteus) oder ( Druryi) aus Oberguinea da. Sein fast kreisrundes Halsschild, das in der Mitte am breitesten ist, setzt sich am Hinterrande dreimal ab, am kürzesten vor dem lang dreieckigen Schildchen, das bedeutend mehr nach hinten liegt als die Schultern, will so viel sagen als: die Naht der Flügeldecken ist merklich kürzer als ihr Außenrand. Den schräg abschüssigen Kopf zieren neben den Augen zwei stumpfe, aufgerichtete Lappen und vorn eine breite, kurze, an den Spitzen gestutzte Horngabel. Ein konvexes Kinn, das kürzer als breit, die sehr kräftige und zweizähnige äußere Lade des Unterkiefers und unbewehrte Vorderschienen gehören außerdem noch zu den Kennzeichen des Goliath. Derselbe ist sammetschwarz, Kopf, Halsschild mit Ausnahme von sechs Längsstriemen, Schildchen, ein großer dreieckiger Nahtfleck und der Außenrand der Flügeldecken sind kreideweiß. Länge bis 98 Millimeter. Das etwas kleinere Weibchen hat mehr Glanz, keinen Kopfputz, aber drei Zähne am Außenrande der Vorderschienen. Seit 1770 wurde dieser schöne Käfer in Europa bekannt und von den Sammlern so gesucht, daß sie für das Pärchen bis dreißig Taler zahlten; seitdem hat man noch fünf andere Arten derselben Gattung kennengelernt; die nur in Afrika vorkommt.

Ein anderer Goliath, wenn auch nicht der Größe, so doch seiner übrigen Merkmale nach, ist die Gabelnase ( Dicranorrhina Smithi) von Port Natal. Der schöne Käfer ist erzgrün, Schenkel, Schienen, Schildchen, Hinterrand des Vorderrückens sind rot, ein verwischter Fleck auf dessen Scheibe, die sämtlichen Ränder und je zwei Flecke der braungelben Flügeldecken schwarz; auf der Unterseite ist der Hinterleib rot und die Brust braun. Beim etwas breiteren Weibchen fehlt die Bewehrung am Kopfe, das Halsschild erscheint wenig rauher, die Beine sind kürzer, die Vorderschienen an der Spitze breiter, außen mit drei scharfen Zähnen bewehrt; dafür fehlen dieselben an der Innenseite, wo wir kleinere beim Männchen bemerken. Die Breite, Kürze, Flachheit und Rundung des Fortsatzes der Mittelbrust, eine hornige äußere Lade des Unterkiefers, die sich verlängert und etwas krümmt, eine beim Männchen wehrlose, beim Weibchen meist in einen Zahn endigende innere Lade unterscheidet die in Rede stehende Gattung von ihren nahen Verwandten.

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Gemeiner Goldkäfer ( Cetonia aurata)

Der gemeine Rosenkäfer oder Goldkäfer ( Cetonia aurata) veranschaulicht die Grundform der ganzen Sippe. Wer sollte ihn nicht kennen, den goldgrünen Käfer mit einigen weißbeschuppten und vertieften Querstrichen auf der Hinterhälfte der Flügeldecken, der bei heißem Sonnenscheine mit lautem Gesumme herbeikommt zu den blühenden Sträuchern und Stauden in Garten, Wald und auf Wiesen, dort namentlich nach den Rosen, Spirstauden und Rhabarber, hier nach dem Weißdorne, wilden Schneeball und so manchen andern; denn weil die Kaustücke seiner Unterkiefer weich sind, so kann er nur die zarten Blätter der Blumen zerbeißen oder Saft lecken. Er sitzt auf den flachen Trugdolden, von der Sonne beschienen, gleich einem funkelnden Edelsteine, zu manchen Zeiten ihrer vier, fünf gleichzeitig auf einer. Gefällt es ihm nicht mehr, so summt er ebenso plötzlich wieder davon, wie er kam, seine langen Flügel unter den Golddecken bloß vorziehend, immer aber nur dann, wenn ihn die heißen Strahlen der Sonne treffen. Scheint dieselbe nicht, so sitzt er stundenlang fest auf derselben Stelle wie schlafend, und kriecht tiefer hinein, wenn die Witterung unfreundlicher zu werden beginnt. Ergreift man ihn, so entleert er hinten einen schmutzig-weißen, schmierigen Saft von widerlichem Geruche, sicher in der Absicht, sich die Freiheit wieder zu erwerben. An alten Eichen oder andern Bäumen, deren Saft aus offenen Wunden heraustritt, von so manchem Kerfe als reichlich strömenden Lebensquell ersehnte Stellen, wie wir bereits erfahren haben, sitzen die Goldkäfer bisweilen in gedrängten Scharen und leuchten weithin durch ihren Goldglanz. Nie werde ich es vergessen, wie ich einst unter der Krone einer alten Eiche in der Dessauer Heide, einem so beliebten und ergiebigen Tummelplatze der sammelnden Entomologen aus den Nachbarorten, mitten zwischen einer gedrängten Schar der gemeinen Art, wie die Perle in der Krone, die weit seltenere, fast noch einmal so große, reiner goldig glänzende Cetonia speciosissima erspähte. Die Stelle war nicht erreichbar, der Anblick aber zu verführerisch, um nicht alles zu versuchen, jene Perle in meinen Besitz zu bringen. Der Spazierstock ward zum Wurfspieß ausersehen und traf nach wenigen verunglückten Versuchen so glücklich, daß die Cetonia speciosissima nebst einigen gemeinen Rosenkäfern vor Schreck herabfielen, während ein Teil der übrigen ruhig weiter zechte, ein anderer im Fluge davon rauschte. Schädlich werden die Rosenkäfer eigentlich nicht; wenn sie aber in großen Mengen erscheinen und es sich in einem Garten um die Erziehung von Rosenäpfeln handelt, so beeinträchtigen sie entschieden deren Ernteertrag, wie sie auch manche andere, der Blüte wegen gepflegte Rose durch ihren Fraß verunstalten.

Die besprochene Art unterscheidet sich von einigen andern ihr sehr nahe stehenden durch eine erhabene Linie der Flügeldecken jederseits der Naht, die dieselbe als eine Furche erscheinen läßt, und durch einen knopfförmigen Fortsatz des Mittelbrustbeins; die Unterseite ist kupferrot, die Oberseite grün goldglänzend oder kupferglänzend, sehr selten blau, noch seltener schwarz, das vorn gerade abgestutzte und erhaben gerandete Kopfschild dicht, das Halsschild nur an den Seiten dicht punktiert. Nicht sie, sondern eine ihr sehr nahe stehende, im Süden Europas vorkommende Art dürfte es gewesen sein, die Aristoteles Melolontha aurata genannt hat, und die neben dem Maikäfer der griechischen Jugend als Spielzeug und, wie es nicht anders sein konnte, gleichzeitig als Hilfsmittel, sich in tierquälender Roheit zu üben, dienen mußte.

An der engerlingartigen Larve unterscheidet man ein Kopfschild mit Oberlippe, ungleiche Kinnbacken, viergliedrige Kiefer-, zweigliedrige Lippentaster und viergliedrige Fühler, die einem Höcker aufsitzen. Die kurzen Beine laufen in einen klauenlosen Knopf aus und der Seitenrand des flachen Bauches bildet mit dem Rückenteile eine stumpfe Kante. Sie lebt in faulem Holze und wurde häufig im Grunde der Haufen von der Waldameise ( Formica rufa) gefunden, wo sie sich von den allmählich verwesenden Holzstückchen ernährte, welche die Ameisen zusammenschleppten. Dadurch kann sie die Ameisenhaufen so vermulmen, daß die Ameisen gezwungen werden, auszuwandern und neue Kolonien zu gründen. Hrsgbr. – Die marmorierte Cetonie ( Cetonia marmorata), dunkelbraun mit mehreren weißen Strichelchen und Pünktchen auf der stark glänzenden Rückenfläche, ist etwas größer und seltener als die vorige Art. Ich traf sie fast immer nur an alten Weiden, Saft leckend, an und möchte mit Bouché behaupten, daß ihre Larve vorzugsweise hier ihre Nahrung findet.

 

Abgesehen davon, daß die Flügeldecken hinter der Schulter nicht ausgeschnitten sind, stellt sich auch sonst die Körpertracht derjenigen Arten, die sich um die Pinselkäfer ( Trichius) scharen, in veränderter Form dar. Das Halsschild ist mehr kreis- und scheibenförmig, vor dem kleinen Schildchen nie ausgeschnitten, öfter am Hinterrande leistenartig erhoben. Im Verhältnisse hierzu erscheinen die Flügeldecken breiter, da ihnen aber der seitliche Ausschnitt fehlt, so müssen sie beim Fluge erhoben werden.

Die Larven stehen denen der Melolonthiden am nächsten und weichen hauptsächlich von ihnen durch eine dreiklappige Afteröffnung ab; die obere Hälfte der Querspalte spitzt sich in der Mitte zu, die untere bekommt an der entsprechenden Stelle eine kurze Spalte.

Der Eremit, Lederkäfer ( Osmoderma eremita) verdient zunächst der Erwähnung als der größte Europäer dieser Abteilung und gewissermaßen der Vertreter der Goliathe, wenn wir die allgemeine Körpertracht und den Umstand berücksichtigen, daß hier die Hüftblätter von oben noch sichtbar sind. Der glänzend schwarzbraune, violett schimmernde Kerf von 26 bis 33 Millimeter Länge lebt an faulen Bäumen; er hat einen längsgefurchten, kleinen Vorderrücken, große, bedeutend breitere und gerunzelte Flügeldecken, das Kopfschild ist ausgehöhlt, erhaben gerandet und vor den Augen mit je einem Höcker ausgerüstet beim Männchen, ohne diesen, nicht gehöhlt und kaum gerandet beim Weibchen. Die äußere Lade des Unterkiefers ist kurz dreieckig, spitz und hornig, und ein stark gebogener, spitzer Zahn endet die innere Lade. Der Lederkäfer, wie er wegen seines Geruches von uns in der Kinderzeit allgemein genannt wurde, macht, wie alle Verwandte, den Eindruck der Trägheit. An Blumen findet man ihn niemals, sondern, wie schon erwähnt, an faulen Bäumen. Weil in manchen Gegenden als solche die Weiden in dieser Beziehung die erste Stelle einnehmen, so bilden diese auch einen verbreiteten Aufenthalt unseres Käfers; Eichen, Buchen, Birken, Linden und Obstbäume beherbergen ihn gleichfalls, unter der Voraussetzung, daß sie ungesundes, mürbes Holz darbieten, von dem sich die gedrungene Larve höchst wahrscheinlich mehrere Jahre hintereinander ernährt.

Einen freundlicheren Eindruck als der Eremit macht der gebänderte Pinselkäfer ( Trichius fasciatus). Die Hüftblätter sind von oben nicht sichtlich, die Beine schlanker und ihre Vorderschienen bei beiden Geschlechtern nach außen zweizähnig. Wie bei allen echten Trichien, ist die äußere Lade des Unterkiefers lederartig, stumpf dreieckig und die innere unbewehrt, das Kopfschild länger als breit, vorn ausgebuchtet, samt Kopf und Halsschild stark zottig gelbhaarig, die Unterseite, wo die sich berührenden Hinterhüften zu beachten sind, und der Steiß mehr weißzottig, die beiden an der Naht zusammenhängenden Binden der Flügeldecken gelb. Diese Art ist den Gebirgen und Vorbergen des mittleren und südlichen Deutschland eigen und findet sich vom Juni bis August auf Wiesenblumen und blühenden Brombeeren, im Harze bisweilen sehr häufig. Wie der Rosenkäfer hat er sich tief in die Blüte versenkt und nagt an deren Innerem, indem er sich kaum regt. Seine Larve lebt, wie alle andern, in faulen Laubhölzern; über ihre Lebensdauer ist aber meines Wissens so wenig Bestimmtes ermittelt, wie über die der übrigen verwandten Arten. Begreiflicherweise sind die Beobachtungen aller in dieser Weise lebenden Larven mit Schwierigkeiten aller Art verbunden.

Ein höchst interessanter, blumenliebender Blatthornkäfer von Amboina sei am Schlusse noch in der Kürze erwähnt: der langarmige Pinselkäfer ( Euchirus longimanus). Er erinnert in seiner Form an die Riesenkäfer, nähert sich infolge der Oberlippenbeschaffenheit und der gezähnten Fußklauen den Melolonthiden, muß aber wegen Bildung des Kopfes und des Oberkörpers zu den Trichiiden gestellt werden. Beim Männchen sind die Vorderbeine dermaßen verlängert, daß durch sie das im Körper 65 Millimeter messende Männchen, von seiner Leibesspitze an gerechnet, einen Raum von hunderteinunddreißig Millimeter durchspannen kann. Der Käfer ist kastanienbraun, an den Vorderschenkeln und sämtlichen Schienen schwärzlich, an der Fühlerkeule rot gefärbt, unterwärts gelbbraun behaart.

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Die Prachtkäfer ( Buprestidae), eine weitere Familie, leben im Larven-, wie im vollkommenen Zustande ebenso wie die Cetonien, jene im Holze, diese an Blumen und Sträuchern, unterscheiden sich jedoch in ihrer äußeren Erscheinung sehr wesentlich von den genannten Blatthörnern. Zunächst ist der Körper meist lang gestreckt, nach hinten zugespitzt, mehr oder weniger flach gedrückt, selten der Walzenform genähert und von sehr derber Chitine bedeckt. Der kleine Kopf, bis zu den Augen in den vorderen Brustring eingesenkt, trägt nach unten die entsprechend kleinen Mundteile, von denen die beiden Lappen des Unterkiefers sich durch häutige Beschaffenheit, Wehrlosigkeit und Wimperhaare auszeichnen, nach oben die kurzen, elfgliedrigen Fühler, die vom dritten, vierten oder auch erst vom siebenten Gliede an die Form kürzerer oder längerer Sägezähne annehmen. Ebenso schließt sich das Halsschild eng an die etwa ebenso breiten Flügeldecken an; hierzu der Metallglanz der meisten, und das steife, eherne Ansehen dieser geschlossenen Formen ist vollendet. Die kurzen Beine eignen sich wenig zum Gange, die vordersten und mittelsten beginnen mit kugeligen Hüften, deren Pfannen nach hinten weit offen bleiben, die hintersten mit blattartigen; sie alle haben aber deutliche Schenkelringe, ihre Füße fünf Glieder und ebenso viele der Hinterleib, an dem die beiden ersten aber verwachsen. Die Vorderbrust läuft in einen flachen, von der Mittelbrust, bisweilen auch noch von der Hinterbrust aufgenommenen Fortsatz aus. Wenn die Prachtkäfer durch lanzettförmige Fluglöcher ihre Wiege verlassen haben, sonnen sie sich gern, an Baumstämmen, noch lieber an Baumstümpfen und Klafterholz sitzend, lassen sich wie tot herabfallen, sobald man ihnen naht, oder fliegen sehr eilig davon, wenn die Sonne am wolkenlosen Himmel steht, denn sie sind so recht eigentlich Kinder des Lichtes. Ihre Flügel legen sich nur der Länge nach zusammen, sind also schnell entfaltet und ebenso schnell wieder unter den fast gleichlangen Decken untergebracht.

Die Larven, nur von wenigen Arten gekannt, leben hinter der Rinde gesunder oder kränkelnder Bäume und zeichnen sich auf den ersten Blick aus durch einen großen, scheibenförmigen Vorderteil, von den drei ersten Gliedern gebildet, an den sich die meist walzigen Hinterleibsglieder (neun an Zahl) wie der Stiel an einen Kuchenschieber anschließen. Der wagerechte Kopf läßt sich zurückziehen und ist nur am Mundrande hornig. Außer dem Halsringe sind die übrigen Körperteile fleischig und weich, ohne Hornbedeckung. Der After tritt, gleichsam ein dreizehntes Glied bildend, als Nachschieber etwas hervor und öffnet sich in breiter Längsspalt; manchmal kommen auch zwei zangenartige Anhängsel vor. Die Luftlöcher, neun Paare, sind halbmondförmig, das vorderste am Mittelrücken besonders groß. Dem Kopfe fehlen die Augen, den kräftigen Brustringen in der Regel die Beine.

Diese Familie schließt sich durch die angegebenen sowie durch gewisse anatomische Merkmale, die hier füglich mit Stillschweigen übergangen werden, sehr scharf von andern Familien ab und rechtfertigt ihren Namen in der Mehrzahl ihrer Arten. Man kennt deren gegen zweitausendsiebenhundert, die sich zwar über alle Erdteile ausbreiten, aber in dem heißen Erdgürtel gegen die gemäßigten und kalten Zonen außerordentlich vorwalten. Die dort lebenden Arten sind es auch hauptsächlich, deren Kleid an Glanz, Lebendigkeit und Feuer der Farben das unserer heimatlichen weit überstrahlt. Von diesen letzteren sind die meisten klein, unansehnlich in der Färbung und wenig geeignet, ihre Familie glänzen zu lassen; sie kommen nie in bedeutenderen Mengen vor, und der Mangel an jeglicher deutschen Benennung für einzelne Arten beweist, wie wenig populär sie sich bisher gemacht haben.

Je nach der Verteilung der mikroskopischen Poren der Fühlhörner, die hier in den meisten Fällen unter der Behaarung wahrnehmbar sind, hat man die Familie in drei Sippen zerlegt: die Julodiden zeigen keine dergleichen, die Chalcophoriden zerstreute an beiden Seiten der Glieder, und die Buprestiden im engeren Sinne vereinigen dieselben in einem Grübchen der einzelnen Glieder, das bei den verschiedenen Arten an verschiedenen Stellen zu suchen ist.

 

Die erste Sippe, nur den heißesten Erdstrichen angehörig, enthält in ihrer Grundform, in der Gattung Julodis, sehr zahlreiche Arten, die sich durch die Dicke ihres im Querschnitte beinahe kreisförmigen Körpers kenntlich machen. Bestäubung der metallisch glänzenden Flügeldecken über deren ganze Fläche oder nur in fleckigen Vertiefungen, gereihte Haarbüschel und mancherlei andere Merkmale zeichnen die stattlichen Arten aus, die sich meist in größeren Gesellschaften beisammen finden. So führt die 26 Millimeter lange, in der Mitte 11 Millimeter breite und ebenda 8,75 Millimeter dicke Julodis fascicularis aus dem südlichen Afrika auf ihrer stark gerunzelten, erzgrünen Oberseite Reihen weißer, in Vertiefungen stehender Haarbüschel, je fünf auf jeder der von der Mitte des Seitenrandes etwas geschweiften Flügeldecken und elf auf dem Halsschilde, so daß sie beinahe mit einem Igel verglichen werden könnte.

Die Chalcophoriden enthalten die größten Arten der ganzen Familie und lassen die Poren der Fühler erkennen, wenn sie nicht durch zu lange und dichte Behaarung verdeckt werden. Nach der gegenseitigen Länge der beiden ersten Fußglieder an den Hinterbeinen, nach der Deutlichkeit des Schildchens, nach dem Anfange der Sägezähne an den Fühlern und nach einigen andern Merkmalen unterscheiden sich die verschiedenen Gattungen, deren mehrere in Europa Vertreter aufzuweisen haben.

Der große Kiefern-Prachtkäfer ( Chalcophora mariana), braun erzfarben, weiß bestäubt mit fünf Längsschwielen auf dem Vorderrücken und drei glatten, stumpfen Längsrippen auf jeder Flügeldecke ausgestattet, von denen die mittelste durch zwei quadratische, rauhe Gruben unterbrochen wird, gehört zu den größten europäischen Arten; denn der lang elliptische, leicht gewölbte Körper mißt 26 bis 30 Millimeter. Das Schildchen ist zwar vorhanden, aber sehr klein und viereckig. Der Kopf höhlt sich aus, und die Fühler, deren Glieder länger als breit sind, versehen sich vom vierten an mit stumpfen Sägezähnen. Die Art lebt in den Kiefernwäldern der norddeutschen sandigen Ebenen, wird denselben aber nicht schädlich, denn die Larve frißt nur in den Kiefernstöcken und in den Stämmen abgestorbener Bäume.

Bei den echten Buprestiden, deren Fühlerporen sich aus Grübchen der Glieder beschränken, wiederholen sich dieselben Formen. Die Gattung Poecilonota ( Lampra) enthält entschieden die schönste deutsche Art in dem smaragdgrünen, an den Außenrändern kupferroten Linden-Prachtkäfer ( Poecilonota rutilans). Die Flügeldecken sind mit schwarzen Querstricheln und Fleckchen besät und der Rücken des Hinterleibes schön stahlblau gefärbt, so daß der fliegende Käfer den reichsten Farbenschmuck entwickeln kann. Er erreicht eine Länge von 11 bis 13 Millimeter und findet sich nach meinen Erfahrungen nur an Linden, beispielsweise da, wo dieser beliebte Baum die städtischen Anlagen in zahlreicheren und älteren Beständen schmückt. Nachdem mir während meiner Schulzeit auf einer Ferienreise die Kunde in Altenburg geworden war und einige schöne Stücke, die ich daselbst in der Sammlung des gleichgesinnten Freundes erblickte, von dem Vorhandensein des Käfers in den dortigen Linden den Beweis geliefert hatten, stellte ich auch Nachforschungen nach ihm in meiner Vaterstadt an, die eine ziemlich lange Lindenstraße mit dem ihr eingepfarrten Dörfchen verbindet. Die lanzettförmigen, querstehenden Fluglöcher waren bald aufgefunden, an manchem der ältesten und nicht mehr heilen Stämme ziemlich zahlreich; daß sie gerade dem gesuchten Käfer angehörten, war allerdings dem damaligen Untersekundaner nicht bekannt und wäre ihm, der nur in den Hundstagsferien (Juli) die Anfänge seiner Studien betreiben konnte, wahrscheinlich auch ferner unbekannt geblieben, wenn nicht einige derselben mit der goldigen Stirne des Käfers geschlossen gewesen wären. Das Hervorkommen ließ sich nicht abwarten; denn der angestellte Versuch bewies alsbald, daß die Käfer sämtlich tot waren. Wie es schien, hatten sie nicht Kraft genug gehabt, um das Loch zu ihrer vollständigen Befreiung zu erweitern, ein jedes wurde zu eng befunden, um den hinter der Mitte breiter werdenden Käfer durchschlüpfen zu lassen. Das Nachschneiden mit dem Messer setzte mich in den Besitz einer Anzahl vollkommen entwickelter und noch wohl erhaltener Prachtkäfer, und bei wiederholtem Nachsuchen fanden sich auch noch mehrere lebende, teils an den Stämmen sitzend, teils unten am Boden im trockenen und kurzen Rasen kriechend. Fliegen sah ich sie nicht, das war mir damals auch gleichgültig, ja sogar erwünscht; denn es kam nur auf den Besitz des schönen Käfers an. Wie ich mich noch entsinnen kann, war es in den Vormittagsstunden, wo die Sonnenstrahlen noch nicht hinreichend belebend auf den ehernen Panzer gebrannt hatten. Ist indessen die Zeit ihrer größten Lebendigkeit gekommen, die Zeit, in der manche andere Kerfe Mittagsruhe halten, dann ist es ohne Fangwerkzeuge und große Geschicklichkeit kaum möglich, auch nur ein einziges Stück dieser flüchtigen Käfer zu erhaschen, wie mich die Scheuheit und Wildheit einiger kleineren Prachtkäferarten später oftmals gelehrt hat.

Die artenreiche Gattung Agrilus ( Schmalbauch) weicht in ihrer Körpertracht wesentlich von den übrigen dadurch ab, daß die fast gleichläufigen Seiten eine ziemlich walzige Form mit abgeplattetem Rücken zuwege bringen. Die Kiefertaster enden mit einem eirunden Gliede, die Fühler entfernen sich weit von den Augen, sitzen in großen Aushöhlungen der Stirn und werden vom vierten Gliede an gesägt. Das Halsschild ist breiter als lang, am Hinterrande zweimal gebuchtet, das Schildchen dreieckig; die Flügeldecken werden hinter der Mitte am breitesten, bleiben aber im Vergleiche zu ihrer Länge sehr schmal und laufen in eine breit gerundete Spitze aus. An den Beinen berücksichtige man das sehr lange, zusammen gedrückte Wurzelglied der Füße und die gespaltenen Klauen. Die Arten, die bei der Unterscheidung manche Schwierigkeiten darbieten, breiten sich über die ganze Erde aus und treten manchmal sogar in solcher Menge auf, daß sie den Forsten nachteilig werden. Eine der größten Arten ist der in Deutschland an Eichen eben nicht seltene zweifleckige Schmalbauch ( Agrilus biguttatus) von 8,5 bis 11 Millimeter Länge. Das Männchen ist blaugrün, das Weibchen grünlich braun, je ein weißer Haarfleck auf dem hinteren Drittel jeder Flügeldecke in der Nahtnähe, der den Namen veranlaßte, und mehrere ähnliche Fleckchen an den Seiten der Bauchringe lassen ihn leicht erkennen.

Die Larve dieser wie der übrigen Agrilus-Arten läuft hinten zangenförmig aus und frißt unregelmäßig geschlängelte, nach und nach breiter werdende Gänge in der Borke der Eichen. Andere Arten leben in gleicher Weise, kommen örtlich in größeren Gesellschaften, besonders an der wärmsten, südwestlichen Seite junger Stämmchen oder der Zweige hinter der Rinde vor, und haben durch ihren Fraß namentlich an Buchen und Eichen dann und wann Schaden angerichtet.

Man findet bei uns auf den Blättern der Wollweiden nicht selten ein kleines, plattes, fast dreieckiges Tierchen, stark glänzend und braun von Farbe mit einigen weißen Zackenbinden, die durch Behaarung entstehen; es erinnert in seiner Erscheinung an die früher bereits erwähnten Anthrenen, ist aber ein der eben besprochenen Gattung sehr nahe verwandter Prachtkäfer, der kleine Gleißkäfer ( Trachys minuta). Afrika, Madagaskar und Ostindien ernähren noch einige Arten, die meisten leben jedoch in Europa. Das merkwürdigste an ihnen und an noch zwei zugehörigen Gattungen ( Brachys und Aphanisticus) ist die Lebensart der Larven, die sich nicht im Holze aufhalten, sondern Blätter fressen. Man weiß von der Entwicklung des kleinen Gleißkäfers, daß das überwinterte Weibchen im Mai seine Eier an die Rückseite der Blätter von der Ackerwinde ( Convolvulus arvensis) legt, und zwar an die Rippen. Die Larve beißt durch die Oberhaut des Blattes, das Fleisch desselben fressend. Ohne Gänge zu minieren, höhlt sie innerhalb vier bis fünf Wochen, während welcher Zeit sie sich dreimal häutet, das halbe Blatt aus und wird nach vierzehntägiger Puppenruhe zum Käfer.

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