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Brehms Tierleben. Band 24: Fische

Alfred Brehm: Brehms Tierleben. Band 24: Fische - Kapitel 14
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typereport
authorAlfred Brehm
titleBrehms Tierleben. Band 24: Fische
seriesBrehms Tierleben
volumeBand 24
editorAdolf Meyer
year1927
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Brehms Auffassung von der Tierseele und die moderne Tierpsychologie

Nicht selten kann man die Ansicht hören, Brehms Tierleben sei völlig veraltet und für die moderne Bildung daher nicht mehr zu gebrauchen. Daran ist soviel richtig, daß man heute das Leben vieler Tiere, besonders der Vögel, anders deutet und auffaßt, als Brehm es getan hat. Im übrigen aber ist zwischen Veralten und Veralten doch ein recht erheblicher Unterschied. Es ist schon sehr anmaßend und historisch durch nichts gerechtfertigt, wenn eine jeweilige Gegenwart den Anspruch erhebt, die allein richtige Auffassung eines bestimmten Naturgeschehens zu besitzen; einmal konnten frühere Epochen in ihrer Weise sehr vieles besser als wir modernen Europäer – die griechische Plastik, die Malerei eines Raffael und Rembrandt das römische Recht, die Dichtung eines Dante, Shakespeare und Goethe sind solche nie wieder erreichte Höhepunkte früherer historischer Epochen! – und zum andern müßten wir es dann ebenfalls ruhig hinnehmen, wenn die nächste Gegenwart uns ebenso unbedenklich zur historischen Makulatur werfen würde, wie jene hemmungslosen Lobreden der Gegenwart es mit den Arbeiten besonders der jüngsten Vergangenheit so gern tun. Es gibt im Reiche des Geistes Schöpfungen, die Eintagsfliegen zu vergleichen sind und schon dem geringsten sogenannten Fortschritt zum Opfer fallen, und es gibt Werke, die bei aller Wandlung der Anschauungen in Einzelheiten und selbst im Ganzen ihres Gebietes gleichwohl ewig jung bleiben. Sie haben innigste Fühlung mit allen Zeiten und bilden alle kommenden Generationen immer wieder mit. Zu diesen unverwüstlichen Werken gehören, wenn wir nun ganz im Rahmen der volkstümlichen wissenschaftlichen Literatur bleiben wollen, Bücher wie Gustav Freytags Vergl. Gustav Freytags Werke. Eingeleitet von Joh. Lemcke und Hans Schimank. Bde. 1 - 6. Hamburg: Gutenberg-Verlag. 1927. »Bilder aus der deutschen Vergangenheit«, wie Mommsens »Römische Geschichte« und endlich vor allem auch wie unser Brehm.

Dazu kommt bei Brehm speziell noch ein weiteres Moment, das seinem Werke seine unverwüstliche Jugend erhalten hilft. Brehm hat, wie schon in der Einleitung bemerkt, seiner Schilderung der Tierseele die menschliche Seele zugrunde gelegt, keineswegs übrigens so naiv und kritiklos, wie uns das viele seiner modernen Kritiker glauben machen wollen. Das Seelenleben der Menschen aber ist der naturgemäße Ausgangspunkt für jeden, der das Leben seiner tierischen Umwelt begreifen will. Nach unserm Bilde formen wir die Welt und von unserm menschlichen Erleben gehen wir auch dann letzten Endes aus, wenn wir bewußt bestrebt sind, das spezifisch und einseitig Menschliche auszuschalten und die Gegenstände der Natur, wie sie an und für sich selbst sind, zu begreifen. So wird Brehms Beobachtungskunst, auch abgesehen von ihrer historischen Dauer, immer die größte pädagogische Bedeutung behalten; und für alle diejenigen, die sich nicht fachmäßig, sondern genießend mit der Tierwelt beschäftigen, die Naturfreunde im allgemeinen und die Tierfreunde im besonderen, vor allem auch die Liebhaber des edlen Weidwerkes und der Fischerei, wird der Brehm wohl immer das Buch der Tiere bleiben.

Wenn wir es daher in den folgenden Zeilen unternehmen, die von Brehm z. T. sehr verschiedenen Grundauffassungen der modernen Tierpsychologie ganz kurz zu skizzieren, so geschieht das nicht aus einem falsch verstandenen Bedürfnis heraus, Brehm gegen die ihm vorgeworfene Rückständigkeit zu verteidigen – das würde nach dem eben Bemerkten ein recht törichtes und überflüssiges Unterfangen sein –, vielmehr soll in teilweisem Gegensatz dazu versucht werden, dem Brehmleser das Verständnis für die Hauptströmungen der modernen Tierpsychologie zu erschließen und allen denen, die weitergelangen wollen, die zu modernen Einstellungen führenden Wege aufzuzeigen.

In der modernen Tierpsychologie kann man vier grundverschiedene Forschungsrichtungen unterscheiden: die Tierpsychologie ohne Seele oder den Behaviorismus, wie die amerikanischen Forscher diese besonders bei ihnen geübte Forschungsweise mit einem unübersetzbaren Wort bezeichnen, die Instinktforschung, die vergleichende Psychologie, deren Vertretern auch Brehm zugerechnet werden muß, und die Umwelt-Innenweltforschung. Außerdem spricht man heute viel und mit Recht von Entwicklungspsychologie. Doch kann diese Wissenschaft hier außer Betracht bleiben, da sie sich speziell mit der noch in der Entwicklung begriffenen Seele beschäftigt, im übrigen aber ihre Forschungen auch im Sinne jeder der aufgezählten vier Grundeinstellungen betreiben kann und muß.

Betrachten wir zunächst den Behaviorismus. Der amerikanische Psychologe J. B. Watson Vergl. J. B. Watson: Behaviorism. London 1925. stellt den Behaviorismus folgendermaßen in Gegensatz zu der bisherigen Psychologie: »Wohl der einfachste Weg, den Kontrast zwischen der alten und der neuen Psychologie auszudrücken, ist es, wenn man sagt, daß alle psychologischen Schulen mit alleiniger Ausnahme des Behaviorismus das Objekt der Psychologie in dem ›Bewußtsein‹; sehen.

Der Behaviorismus dagegen ist der Meinung, daß der Gegenstand der menschlichen Psychologie das Sichverhalten oder die Handlungen des Menschen sind. Der Behaviorismus ist überzeugt, daß ›Bewußtsein‹; weder definiert werden kann noch überhaupt irgendein nützlicher Begriff ist; es ist nur ein anderes Wort für das, was die Alten ›Seele‹; nannten.« Wer hätte nicht schon an sich selbst die Erfahrung gemacht, daß man mitunter nichts so schlecht wirklich kennt als sich selbst. Selbstkritik ist immer eine wenig beliebte Angelegenheit gewesen, und gar zu gern sieht man sich so, wie man sein möchte, und nicht, wie man wirklich ist. Eines der Hauptargumente der Psychologie ist aber immer die Selbstbeobachtung gewesen und wird es auch trotz des Behaviorismus immer bleiben. Immerhin wird man dem Behaviorismus nach dem Gesagten darin beipflichten müssen, daß hier in der Tat keine rein fließende Quelle Psychologischer Erkenntnis vorliegt, sondern eine nur mit größter Vorsicht und Kritik benutzbare. Der Behaviorismus will daher seinen Untersuchungen das Verhalten und vor allem die Handlungen zugrunde legen, die man am Menschen und allen andern Lebewesen objektiv als solche feststellen kann. Er ist eine »Psychologie ohne Seele«, wie man sehr treffend gesagt hat. Psychologische Begriffe, die Seelisches enthalten und sich auf »Bewußtsein« beziehen, wie Empfindung, Vorstellung, Einbildungskraft, Wunsch, Vorsatz, Bedürfnis und vor allem Denken, Fühlen und Wollen, sind dem Behaviorismus als subjektiv belastet höchst verdächtig. Er streicht sie deshalb radikal aus seinem wissenschaftlichen Vokabularium. Er will aus der subjektiven Psychologie eine objektive Biologie machen. Wie die Psychologie nicht von Vermögen und Fähigkeiten spricht, sondern ganz objektiv z. B. den Verdauungsapparat, das Zirkulationssystem, das Nervensystem und die innere Sekretion untersucht, will auch der Behaviorismus das Gesamtverhalten und die Handlungen der Tiere objektiv erforschen und exakt beobachten, »was das ganze Tier von morgens bis nachts und von nachts bis morgens tut« ( Watson).

Es besteht gar kein Zweifel, daß diese Forschungsrichtung – in der Psychologie der Tiere mehr als in der menschlichen – großen Nutzen gestiftet hat, vor allem durch kritische Ausmerzung aller subjektiv falsch gedeuteten Tierbeobachtungen, aller Erklärungen des Tierlebens nach dem Bilde und den Erfahrungen des Menschen (Anthropomorphismus). Wieviel ist z. B. nicht über die eheliche Treue vieler Vögel geschrieben worden. Gerade bei Brehm kann man immer wieder finden, daß dieses Moment bei seiner Bewertung der »geistigen Fähigkeiten« seiner Lieblinge keine geringe Rolle spielt. Und doch liegt hier eine ganz ungerechtfertigte Übertragung menschlich ethischer Motive aus ein diesen ganz fremdes Gebiet vor. Die »eheliche Treue« der Vögel ist in der Regel nichts als »Orts- oder Nesttreue«. »Es handelt sich«, so bemerkt Hempelmann Vergl. des Genannten: Tierpsychologie. Leipzig. 1927. ganz richtig, »nämlich in der Hauptsache nicht etwa um ein besonderes Freundschafts- oder gar Liebesverhältnis der Gatten; vielmehr werden sie immer wieder zusammengeführt, weil ihr Instinkt sie stets an den gleichen Ort zurücktreibt, an dem sie zuerst ihr Nest gebaut haben.« Oder ein anderes Beispiel. Brehm schließt daraus, daß Schlangen kein schmerzverzerrtes Gesicht zeigen, wenn man ihnen Verletzungen beibringt, die einen Menschen vor Schmerz rasend machen würden, auf ein geringes Empfindungsvermögen und entsprechende »geistige Fähigkeiten« dieser Tiere. Auch das ist ein reiner Anthropomorphismus. Man braucht sich nur die Funktionen der Schlangenzunge zu vergegenwärtigen, um sofort ein ganz anderes Bild von der Empfindungsfähigkeit der Schlangen und ihrer Intelligenz zu erhalten. Schlangen sind eben keine Menschen, sie leben in einer ganz anderen Welt; ein Mensch in Schlangengestalt, wenn man uns einmal diese unmögliche Fiktion erlauben will, würde sich gewiß nicht minder dumm benehmen, wie eine Schlange, die man nach den Erfordernissen des Menschenlebens beurteilt. So ist auch das Schmerzerleben eines jeden Lebewesens ein anderes, v. Uexküll bemerkt sehr treffend hierzu: »Er – der Schmerz – ist nur dort vorhanden, wo er im Plan des Organismus einen Platz hat und dementsprechend nötig und nützlich ist.« Ähnliche Beispiele falsch und besonders allzumenschlich beurteilten Tierlebens könnte man zu Tausenden anführen. Man kann daher dem Behaviorismus nur dankbar sein, wenn er alle am Bilde des menschlichen Seelenlebens gewonnenen psychologischen Kategorien als für die Beurteilung tierischen Verhaltens irreführend ausgeschaltet wissen will. Zu Irrtümern führt er nur dann, wenn er vor lauter objektiven Tatsachen eines sich So-oder-so-Verhaltens zu übersehen anfängt, daß es sich hier trotz allem doch immer um Seele und Seelisches handelt. Die »Psychologie ohne Seele« ist genau so falsch wie die auf die ganze Lebewelt übertragene Psychologie der menschlichen Seele.

Dem Behaviorismus in der Grundtendenz innig verwandt und, historisch angesehen, sein Vorläufer ist die sogenannte Instinktpsychologie. Diese ist allerdings lange nicht so radikal wie der Behaviorismus, insofern sie nicht sämtliche aus der gewöhnlichen Psychologie geläufigen Kategorien ausschaltet, sondern in der Hauptsache nur diejenigen, die Brehm »geistige Fähigkeiten« nennt, diejenigen somit, die irgendwie mit zwecktätigem Bewußtsein verknüpft sind. Den davon unterschiedenen Instinkt dagegen läßt sie gelten und versucht sogar, ihn zur tragenden Grundvorstellung für die gesamte Tierpsychologie auszuweiten. Instinkt nennen wir mit Hempelmann »eine Einrichtung der Natur, durch welche das Tier veranlaßt wird, das Zweckmäßige zu tun, ohne die Zweckmäßigkeit der Handlung einzusehen«. In diesem Sinne unterscheiden wir angeborene und erworbene Instinkte. Eine angeborene Instinkthandlung liegt z. B. vor, wenn eine eben aus dem Ei geschlüpfte Ente sofort ins Wasser geht und davonschwimmt. Einen erworbenen Instinkt hingegen betätigen wir an jedem Morgen, wenn wir uns waschen und anziehen, ohne uns der Zweckmäßigkeit dieses Tuns, das wir doch mehr oder weniger mühsam haben erlernen müssen, noch besonders bewußt zu sein. Ganz scharf trennen lassen sich diese beiden Arten des Instinkts übrigens nicht. Wenn z. B. in der Gefangenschaft groß gewordene Vögel ihr Nest ebenso wie ihre Eltern bauen, ohne je dabei gewesen zu sein, so folgen sie zweifellos einem angeborenen Instinkt; nichtsdestoweniger werden sie es, wenn sie den Nestbau zum vierten Mal wiederholen, sehr viel besser und schneller können. Sie haben also zweifellos hinzugelernt, ohne doch deshalb beim vierten Bau die Zweckmäßigkeit ihrer Handlungen mehr einzusehen als beim ersten. Daß das gesamte Leben der Tiere und des Menschen in der großen Hauptsache auf Instinkthandlungen beruht, daran kann gar kein Zweifel sein. Ohne die beruhigende Wirksamkeit der Instinkte würde alles Leben unbedingt unmöglich sein, wäre es ganz gewiß niemals zur Ausbildung irgendwelchen höheren Lebens gekommen. Wie unendlich kompliziert und sein und manchmal sogar einmalig ein Instinkt sein und wirken kann, geht aus folgender Schilderung Hempelmanns hervor. Er spricht vom Ausschlüpfen des auf dem Bismarckarchipel und den Salomoninseln vorkommenden und zu den Großfußhühnern – vergl. das Buschhuhn Bd. 18, Vögel Bd. IV, besonders Seite 351 ff. – gehörenden Thermometervogels ( Lipoa ocallata), den Brehm leider noch nicht gekannt hat. Die Jungen dieses Vogels »werden innerhalb von 45 Tagen in Hügeln aus Pflanzenstoffen und Sandschichten von 6 Meter Durchmesser und bis zu 110 Zentimeter Höhe durch die innere Gärungswärme aus den mit der Spitze nach unten stehenden Eiern ausgebrütet. Der junge Vogel durchbricht mit seinem Schnabel das obere, stumpfe Ende und schlüpft aus. Da seine Federn nach hinten gerichtet sind, hebt jede Bewegung das Tier in dem losen Sand nach oben. Sobald es an der Oberfläche des Hügels angelangt ist, schüttelt es sich, gähnt und rennt schnurstracks in den Busch hinein. Also lauter durchaus zweckmäßige Handlungen, die gleich zum ersten Male richtig von dem Tier geübt werden. Gräbt man nun aber einen solchen eben hervorgekommenen jungen Vogel nochmals in den Hügel ein, so ist er nicht imstande sich zu befreien, sich zum zweiten Male auszugraben, sondern er erstickt im Sande. Es erinnert das an die Spinntätigkeit mancher Raupen, von der wir erfuhren, daß diese Tiere auch nicht auf einem früheren Stadium wieder beginnen können, nachdem sie einmal bei einem späteren angelangt waren.« Das mag genügen, um die ans Wunderbare grenzende Rolle zu kennzeichnen, die Instinkthandlungen im Leben der Tiere bedeuten. Die Instinkte leisten viel, sehr viel im Leben der Tiere, aber gleichwohl nicht alles. Das zeigt sich sofort, wenn ein Tier vor neue Situationen gestellt wird, die die im Rahmen seiner Instinkte stehenden Möglichkeiten überschreiten. Stellt man z. B. – es ist das ein von dem um Tierpsychologie hochverdienten Wo. Köhler stammender Versuch – einen Futternapf direkt von außen an das Gitter eines Hühnerstalles und läßt die Stalltür offenstehen, so wollen alle im Stall befindlichen Hühner mit dem Kopf durch das Gitter zum Futter gelangen, und erst wenn man den Napf in die Nähe der Tür bringt, fällt es dem einen oder andern Tier ein, auf dem kleinen Umweg durch die Tür zum Futter zu eilen. Es wäre zum mindesten unvorsichtig, die Tiere deshalb gleich als dumm zu bezeichnen, denn die hier den Hühnern gestellte Aufgabe, für den Menschen ein Kinderspiel, hat im Hühnerleben gar keinen vernünftigen Sinn. Sie zeigt aber deutlich, daß das blinde Walten der Instinkte allein nicht genügt, das Leben allen Eventualitäten der Umwelt gegenüber nicht nur zu behaupten, sondern zu steigern und fortzuentwickeln. Dazu gehört auch, wenn auch nur in einem viel kleineren Rahmen, als wir gewöhnlich auch beim Menschen annehmen, bewußtes, von irgendwelchen Absichten geleitetes Tun, wobei wir uns natürlich auch sorgfältig vor jedem voreiligen Anthropomorphismus hüten müssen. Allein schon der berühmte englische Philosoph Herbert Spencer hat das Leben als eine fortwährende Anpassung innerer Momente an äußere definiert, und in diesem »fortwährend« ist ein Motiv enthalten, das die Instinkte allein nicht befriedigen können und das wir im Hinblick auf unser eigenes Seelenleben planmäßig schaffendes Bewußtsein nennen. Brehm spricht so bei den Tieren von »geistigen Fähigkeiten«, und wenn er deren Wirksamkeit im Tierleben in seinem ständigen Kampf gegen die Nurinstinktpsychologen auch zweifellos überschätzt und vor allem allzusehr nach dem Bilde des Menschen geformt hat, so hat er in seinen Tendenzen jedenfalls so unrecht nicht. Von der Instinktpsychologie gilt daher ebenso wie vom Behaviorismus, daß sie in den ihnen gemäßen Grenzen betrieben, vorzüglichste Aufklärung geben, dagegen, wenn sie übertrieben und als die alleinseligmachende Methode hingestellt werden, die Forschung auf Abwege bringen.

Wie man erkennt, läßt sich die Seele weder gänzlich aus dem Tierleben herausinterpretieren, noch auch nur auf Instinktives zusammenballen. Dadurch wird die Bahn frei für die dritte und älteste Richtung der Tierpsychologie, die sog. vergleichende Psychologie. Ihrem Namen entsprechend will sie den Gesetzen des Seelenlebens dadurch auf die Spur kommen, daß sie die psychischen Phänomene, wo sie nur auftreten, miteinander vergleicht, um so das allen Gemeinsame vom Individuell-Verschiedenen und Einmaligen, das gerade im Seelischen eine besonders wichtige Rolle spielt, zu sondern. Da wir nun die menschliche Psychologie infolge der nur hier möglichen seelischen Selbstbeobachtung, so vorsichtig man auch hierbei Verfahren muß, naturgemäß am besten kennen, so ist es nicht weiter verwunderlich, daß sie auch die allgemeine Grundlage der vergleichenden Tierpsychologie bildet und weiterhin, daß diese ihre sichersten Ergebnisse in der Erforschung des Seelenlebens der Säugetiere, besonders der Affen und vor allem der Menschenaffen erzielt hat, in den seelischen Bezirken also, die dem menschlichen in der Tierreihe am nächsten stehen. In diese Gruppe vergleichend psychologischer Untersuchungen ist auch die Brehmsche Tierpsychologie einzuordnen. Hier feiert sie ihre größten Triumphe und entfaltet sie ihre bezauberndsten Schilderungen. Hier ist die »vergleichende Psychologie« auch vollkommen zu Hause und weder durch Instinktpsychologie noch durch Behaviorismus zu ersetzen. Niemandem wird es einfallen, den Gesichtsausdruck eines Affen oder Hundes langatmig objektiv zu beschreiben, wenn er die jedem Menschen aus eigener seelischer Erfahrung heraus geläufigen Sätze sagt: Der Affe oder Hund ist traurig, vergnügt, tückisch usw. Zwar können wir absolut Sicheres über die inneren psychischen Erlebnisse der Tiere nicht aussagen, wird uns das doch oft auch bei unsern Mitmenschen und sogar bei uns selbst nicht leicht, aber, so sagt Hempelmann mit Recht, »für die uns nächststehenden Tiere solche anzunehmen drängt uns unser eigenes Gefühl, v. Allesch, der die ersten Lebensmomente eines Schimpansen beschreibt, äußert sich auf Grund seiner Beobachtungen an Mutter und Kind: Das Verhalten der Schimpansen kann uns Situationen zeigen, bei denen es uns direkt schwerfällt, sie psychisch nicht mitzuerleben.«

Statt daß sie sich befehden, sollte man daher die drei tierpsychologischen Grundverfahren gemeinsam gelten lassen und jedem von ihnen dort den Vorrang vor den andern lassen, wo es besser als diese die notwendige Erkenntnis zu leisten vermag. Die vergleichende Psychologie ist bei den Säugetieren, besonders den höhern am meisten zu Hause, bei den Wirbellosen und auch schon bei den niederen Wirbeltieren hingegen versagt sie völlig. Hier ist allein der Behaviorismus am Platze, der nicht mit vorgefaßten Meinungen kommt, sondern objektiv feststellt, was vorliegt und geschieht, und dann erst seine Schlußfolgerungen zieht. Instinkte ferner gibt es überall, wo Tiere vorkommen, und ihre Bedeutung für den Ablauf des Lebens ist gar nicht groß genug einzuschätzen. Gleichwohl bilden sie nicht das A und O der Tierseele, müssen vielmehr auch andere Götter neben sich dulden, wenn das Leben nicht nur ab-, sondern auch weiter- und voranlaufen soll, Sie alle drei aber bekommen erst ihren richtigen Sinn, wenn sie auf der Grundlage der modernen Umwelt-Innenweltforschung (v. Uexküll) betrieben werden. Diese beruht letzten Endes auf der tiefen Weisheit des Worts: »Eines schickt sich nicht für alle!« Jedes Tier lebt in seiner besonderen, nur ihm eigentümlichen Umwelt, und seine Innenwelt ist allein auf diese eingestellt. Andere Umwelten und Innenwelten existieren für es einfach nicht. In der Umwelt der Hunde spielen die Gerüche eine ganz andere Rolle, als die Gesichte, und nahezu umgekehrt verhält es sich mit Katzen und Menschen. Eine auf verwunschenem Waldpfad kriechende Schnecke empfindet gewiß nichts von der Romantik ihrer Umgebung, sondern bemerkt mir das Vorkommen geeigneter Futterpflanzen. Entsprechend sind auch die Innenwelten der verschiedenen Organismen verschieden. Wohl spielen in jedem Tiere das Streben nach Nahrung und Fortpflanzung, der Schutz vor seinen Feinden usw. dieselbe wichtige Rolle, aber welche unendliche Mannigfaltigkeit besteht an Weisen, diese ewig gleichen Bedürfnisse zu stillen?! Es ist schon so: jedes Tier lebt in seiner Welt, und wenn man sein Leben richtig verstehen und deuten will, muß man es allein an den ihm gemäßen Maßstäben und Zielen messen. Sonst behandelt man es ungerecht. Man braucht nur die Geschlechter der Igel, der Mäuse, der Kröten, des Molchs und der Schlangen zu nennen, um der zahllosen, auf falscher Auffassung des Lebens dieser Tiere beruhenden Sünden der Menschheit gegen sie innezuwerden. Es ist daher die unerläßliche Grundlage für wirkliches Verständnis der Tierwelt, die Umwelt eines jeden Tieres so genau wie möglich zu erforschen, ehe man es unternimmt, ihr Verhalten zu deuten und zu erklären. Natürlich können wir Menschen, die wir selbst in einer ganz bestimmten, unsern eigentümlichen Lebensbedürfnissen angemessenen und angepaßten Umwelt leben, das nur dadurch tun, daß wir die Umwelt der Tiere auf unsere eigene Umwelt abbilden und projizieren. Aber das genügt vollständig, kann man doch auch die Gesetze, die die Welt der stereometrischen Körper beherrschen, vollauf verstehen, wenn man sie auf eine ganz bestimmte Ebene projiziert. Die gegenseitigen Beziehungen der Körper bleiben bei einer solchen konformen Abbildung vollkommen erhalten; und auf die Erkenntnis der Gesetze allein kommt es dem Naturforscher an, nicht auf das, was dahinter liegt. Hier mündet Wissenschaft in die Bereiche der Dichtung und Religion, hier kann man nicht mehr streng beweisen, sondern nur noch erleben oder besser einleben und mitleben und glauben.

Hamburg, den 18. Januar 1923.

Der Herausgeber

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