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Brehms Tierleben. Band 2: Neuweltsaffen ? Krallenaffen ? Halbaffen. Flattertiere

Alfred Brehm: Brehms Tierleben. Band 2: Neuweltsaffen ? Krallenaffen ? Halbaffen. Flattertiere - Kapitel 2
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typereport
authorAlfred Brehm
titleBrehms Tierleben. Band 2: Neuweltsaffen ? Krallenaffen ? Halbaffen. Flattertiere
publisherGutenberg-Verlag
seriesBrehms Tierleben
volumeBand 2
editorAdolf Meyer
year1926
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Neuweltsaffen. Krallenaffen.

Der Unterschied zwischen allen Erzeugnissen des heißen Erdgürtels der alten Welt und denen Südamerikas ist regelmäßig ein durchgreifender und augenscheinlicher. Die Westhälfte der Erde zeigt der Osthälfte gegenüber ein selbständiges Gepräge; nur hier und da erinnert etwas an die alte Welt; dann aber haben wir es nicht mit dem eigentlichen Amerika, mit den Landstrichen zwischen den Wendekreisen zu tun. Sie bilden eine eigene Welt für sich. Erde und Klima, Licht und Luft, Pflanze und Tier – alles ist anders als drüben im Osten. Deshalb tritt uns, wenn das Glück es uns gestattet, der Wandersehnsucht des Herzens zu folgen, in den Wendekreisen des Westens alles und jedes so märchenhaft und zauberartig entgegen: der Reiz der Neuzeit besiegt, der Reichtum der Natur bewältigt und läßt die vielen Vorzüge unserer Erdhälfte vergessen.

Bei Betrachtung derjenigen Tiere, die wir zunächst zu berücksichtigen haben, ist dies wohl weniger oder nicht der Fall. Die Breitnasen oder Neuweltsaffen ( Platyrrhini oder Neopitheci) sind zwar merkwürdige Geschöpfe: schön aber sind sie nicht oder wenigstens nur ausnahmsweise, vielmehr unbeholfener, träger, trauriger, geistloser als die Altweltsaffen, weit harmloser, gutmütiger, unschädlicher als letztere; aber eben deshalb keine echten Affen mehr. Denn diese wollen wir gar nicht ohne die nur ihnen gehörenden Eigenschaften, ohne ihre Lustigkeit, Munterkeit, Keckheit, Unverschämtheit, ja, ich möchte sagen, ohne ihre Niederträchtigkeit. Wir sind nun einmal gewohnt, unser Zerrbild in den merkwürdigen Gesellen zu erblicken, und fühlen uns unbefriedigt, wenn dieses Zerrbild nicht auch ein geistiges ist.

Die Neuweltsaffen unterscheiden sich regelmäßig durch ihren Körper- und Gliederbau sowie durch ihre Zahnbildung von ihren Vettern im Osten. Ihr Leib ist gewöhnlich schmächtig und schlankgliederig; der Schwanz fehlt nie und verkümmert auch nie, wird vielmehr häufig zur fünften Hand, indem er sich an seiner Spitze durch kräftige Muskeln zusammenrollen und deshalb als Greifwerkzeug gebrauchen läßt. Der Daumen der Vorderhände kann den übrigen Fingern nicht in demselben Grade gegenüber gestellt werden, wie dies an den Füßen der Fall ist. Die Nägel sind platt. Anstatt zweiunddreißig Zähnen bilden sechsunddreißig das Gebiß; es finden sich auf jeder Seite sechs Backenzähne. Backentaschen und Gesäßschwielen sind nie vorhanden. Die Nasenscheidewand ist breit. Kein einziges Mitglied der ganzen Familie erreicht eine bedeutende Affengröße, und keines hat eine vorspringende Schnauze. Ihre Färbung ist zwar mannigfaltig, aber niemals so bunt wie die vieler Affen Asiens und Afrikas.

Der Heimatkreis der Breitnasen beschränkt sich auf Südamerika. Die Nordgrenze desselben bildet das Antillenmeer, auf dessen schönen Inseln keine Affen mehr vorkommen, wie sie auch nicht über die Landenge von Panama nordwärts gehen. Nach Westen hin begrenzt die Andeskette, nach Osten hin das Atlantische Meer, nach Süden hin der 25. Breitengrad ihr Gebiet.

Alle Neuweltsaffen sind ausschließlich Baumtiere und deshalb vorzugsweise in den Urwäldern zu Hause. Wasserreiche oder sumpfige Gegenden lieben sie mehr als trockene. Auf die Erde kommen sie bloß im äußersten Notfalle herab; auch zur Tränke gehen sie nicht so wie andere Tiere, sondern klettern an Schlingpflanzen, überhängenden Ästen und dergleichen bis auf das Wasser herab und trinken, ohne die Zweige zu verlassen. Es ist wohl möglich, daß einzelne dieser Affen Hunderte von Meilen zurücklegen, ohne auf ihrem Weg jemals die Erde zu berühren. Die Bäume bieten ihnen alles, was sie bedürfen; denn ihre Nahrung besteht nur aus Pflanzenteilen aller Art sowie aus Kerbtieren, Spinnen, Vogeleiern oder jungen Nestvögeln und Honig, und nur wenige plündern zuweilen in einer Pflanzung.

Die meisten Arten sind am Tage rege, einige wenige aber Dämmerungs- und wirkliche Nachttiere. Die einen wie die anderen sind zu ihrer Zeit lebhaft und gewandt; jedoch gibt es unter ihnen mehrere äußerst träge Arten, gewissermaßen die Orang-Utans der neuen Welt. Das Klettern verstehen alle vortrefflich und wissen dabei, wie ich schon oben andeutete, ihren ausgezeichneten Schwanz auch ausgezeichnet zu gebrauchen. Dieser Schwanz ist geradezu alles in allem für viele der sonst sehr tölpischen Tiere; sie könnten ohne ihn gar nicht leben. Ihre Ungeschicklichkeit macht eine beständige Versicherung des Leibes nötig, und eine solche gewährt der Wickelschwanz unter allen Umständen. Fast bei jeder Stellung, auch während der tiefsten Ruhe schlingt der Affe seinen Schwanz um irgend etwas und sei es selbst um eines seiner eigenen Glieder. Die Muskelstärke des Schwanzes, die die aller übrigen Gliedmaßen weit übertrifft, und das feine Gefühl in dem Schwanzende ermöglicht ihnen den umfassendsten Gebrauch des merkwürdigen Geschenkes der Natur für ihr stilles Leben, und ersetzt vielfach die ihnen fehlende geistige wie leibliche Behendigkeit ihrer überseeischen Vettern. Trotz alledem sind ihnen die echten Baumaffen der alten Welt im Springen und Klettern entschieden überlegen. Der Gang der Neuweltsaffen geschieht immer auf allen Vieren und ist stets mehr oder weniger unbeholfen, unsicher und schwankend, kurz schlecht.

In ihrer geistigen Begabung stehen sie weit hinter ihren östlichen Verwandten zurück. Sie erscheinen im ganzen zwar als sanfte, gutmütige und zutrauliche, aber auch dumme, ungeschickte, ungelehrige und schwerfällige Geschöpfe. Einzelne zeigen sich neugierig, mutwillig und neckisch, andere dagegen grämlich, eigensinnig, boshaft, tückisch und bissig. Lüstern, genäschig, diebisch und habsüchtig sind sie auch, besitzen also ebenfalls schlechte Eigenschaften genug – und die guten Seiten der altweltlichen Affen gehen ihnen dafür ab. Wenn man zwischen alt- und neuweltlichen Affen zu wählen hat, wird man wohl niemals lange im Zweifel bleiben, welche uns besser gefallen. In der Freiheit sind diese regelmäßig scheu und furchtsam und nicht imstande, wirkliche Gefahr von eingebildeter zu unterscheiden. Deshalb fliehen sie bei jeder ungewöhnlichen Erscheinung und suchen sich so rasch als möglich in dichtem Gezweige zu verbergen. Angeschossene beißen tüchtig nach dem, der sie fassen will; Gesunde verteidigen sich wohl bloß gegen schwache Raubtiere. Sie sind kraftlose, feige Tiere.

In der Gefangenschaft benehmen sie sich bald artig und zutraulich, werden im Alter aber doch auch böse und bissig, wenngleich nicht immer. Ihre geistige und leibliche Trägheit, ihr schwermütiges Aussehen, die kläglichen Töne, die sie und oft mit merkwürdiger Ausdauer ausstoßen, ihre Unreinlichkeit, Weichlichkeit und Hinfälligkeit: alle diese Eigenschaften und Sitten empfehlen sie nicht als Hausgenossen und Zeitvertreiber des Menschen. Einige wenige Arten machen freilich eine rühmliche Ausnahme und werden deshalb auch häufig zahm gehalten und mit großer Liebe gepflegt. Manche besitzen einen hohen Grad von Empfänglichkeit für äußere Eindrücke, drücken ihre Gefühlsbewegungen durch Schmunzeln oder Klagen aus, und werden aus diesem Grunde namentlich weichherzigen Frauen besonders teuer.

Ihre Mutterliebe ist ebenso erhaben, wie die der altweltlichen Affen. Sie gebären ein oder zwei Junge auf einmal und lieben, hätscheln, pflegen und beschützen dieselben mit einer Sorgfalt und Herzlichkeit, die ihnen immer Bewunderung und Anerkennung erwerben muß.

Dem Menschen werden die Neuweltsaffen nicht oder kaum schädlich. Der weite, große, reiche Wald ist ihre Heimat, ihr Ernährer und Versorger; sie bedürfen des Herrn der Erde und seiner Anstalten nicht. Nur wenige Arten fallen zuweilen in waldnahe Felder ein und erheben sich dort einen geringen Zoll, der gar nicht im Verhältnis steht zu den Erpressungen, die die Altweltsaffen sich erlauben. Der Mensch jagt sie ihres Fleisches und ihres Pelzes wegen. Mancher Reisende hat längere Zeit die Affen als schätzbares Wildbret betrachten und aus ihrem Fleische Suppen und Braten sich bereiten müssen, und manche schöne Frau birgt und wärmt ihre zarten Hände in einer Hülle, die früher den Leib eines Affen bekleidete.

Für die Eingeborenen Amerikas ist der Affe ein außerordentlich wichtiges Tier; denn sein Fleisch bildet einen guten Teil ihrer Nahrung. Sie jagen ihm eifrig noch und erlegen deren auf großen Jagden zu Hunderten. Gewöhnlich bedienen sie sich des Bogens, nicht selten wenden sie aber auch das Blasrohr und kleine, jedoch mit dem fürchterlichsten Gifte getränkte Pfeile an, die über hundert Fuß hoch emporgeschleudert werden und unrettbar töten, auch wenn sie bloß die Haut durchbohrt haben. Zwar versuchen es alle Affen, den kleinen Pfeil so schnell als möglich aus der Wunde zu ziehen; allein der schlaue Mensch hat das Geschoß halb durchschnitten, und deshalb bricht fast regelmäßig die Giftspitze ab und bleibt in der Wunde stecken – furchtbar genug, um auch einem ganz anderen Tiere die Lebenskraft zu rauben.

In unsere Käfige gelangten verhältnismäßig wenige Mitglieder dieser Familie und auch diese nicht regelmäßig. Am häufigsten sieht man den Kapuziner auf unserem Tiermarkte, viel seltener einen Klammeraffen, höchst selten einen Spring-, Schweif- und Nachtaffen.

*

Okens Ausspruch, daß die größten Tiere innerhalb einer Familie oder Sippe auch immer die vollkommensten seien, findet wie bei den altweltlichen Affen, so auch bei den neuweltlichen seine Bestätigung. Den Brüllaffen ( Mycetes) wird in der dritten Familie unserer Ordnung der erste Rang eingeräumt. Ihr Körper ist schlank, aber doch gedrungener als bei den übrigen Sippen der neuweltlichen Affen; die Gliedmaßen sind gleichmäßig entwickelt, die Hände fünffingerig; der Kopf ist groß und die Schnauze vorstehend, die Behaarung dicht und am Kinn bartartig verlängert. Als eigentümliches Merkmal der Brüllaffen muß vor allem der kropfartig verdickte Kehlkopf angesehen werden. Alexander von Humboldt war der erste Naturforscher, der dieses Werkzeug zergliederte. »Während die kleinen amerikanischen Affen«, sagt er, »die wie Sperlinge pfeifen, ein einfaches dünnes Zungenbein haben, liegt die Zunge bei den großen Affen auf einer ausgedehnten Knochentrommel. Ihr oberer Kehlkopf hat sechs Taschen, in denen sich die Stimme fängt, und wovon zwei taubennestförmige große Ähnlichkeit mit dem unteren Kehlkopfe der Vögel haben. Der dem Brüllaffen eigene klägliche Ton entsteht, wenn die Luft gewaltsam in die Knochentrommel einströmt. Wenn man bedenkt, wie groß die Knochenschachtel ist, wundert man sich nicht mehr über die Stärke und den Umfang der Stimme dieser Tiere, die ihren Namen mit vollem Rechte tragen.« Der Schwanz der Brüllaffen ist sehr lang, am hinteren Ende kahl, nerven- und gefäßreich, auch sehr muskelkräftig und daher zu einem vollkommenen Greifwerkzeuge gestaltet.

Siehe Bildunterschrift

Roter Brüllaffe ( Mycetes seniculus)

Weit verbreitet, bewohnen die Brüllaffen fast alle Länder und Gegenden Südamerikas. Dichte, hochstämmige und feuchte Wälder bilden ihren bevorzugten Aufenthalt; in den Steppen finden sie sich nur da, wo die einzelnen Baumgruppen zu kleinen Wäldern sich vergrößert haben und Wasser in der Nähe ist. Trockene Gegenden meiden sie gänzlich, nicht aber auch kühlere Landstriche. So gibt es in den südlicheren Ländern Amerikas Gegenden, in denen der schon merkliche Unterschied zwischen Sommer und Winter noch gesteigert wird durch die Verschiedenheit in der Hebung über den Meeresspiegel. Hier stellen sich, laut Hensel, im Winter heftige Nachtfröste ein, und am Morgen ist der Wald weiß bereift; die Pfützen frieren so fest zu, daß das Eis die schweren Bisamenten der Ansiedler trägt, und man selbst mit faustgroßen Steinen auf dasselbe werfen kann, ohne es zu zerbrechen. »Freilich hält eine solche Kälte nicht lange an, und die warme Mittagssonne zerstört wieder die Wirkungen der Nacht. Empfindlicher als diese Fröste sind die kalten Winterregen, die nahe dem Gefrierpunkte oft mehrere Tage, ausnahmsweise auch Wochen, anhalten und von einem durchdringend kalten Südwinde begleitet werden. Während das zahme Vieh, wenn es nicht gut genährt ist, diesen Witterungseinflüssen leicht unterliegt, befindet sich die wilde Tierwelt ganz wohl dabei; und sobald an heiteren Tagen die Sonne zur Herrschaft gelangt, ertönt auch wieder die Stimme des Brüllaffen als Zeichen seines ungestörten Wohlbefindens. Wenn man an solchen Tagen des Morgens, sobald die Wärme der Sonnenstrahlen anfängt, sich bemerkbar zu machen, einen erhöhten Standpunkt gewinnt, so daß man das ganze Blättermeer eines Gebirgstales vor sich ausgebreitet sieht, entdeckt man auf demselben auch mit unbewaffnetem Auge hier und da rotleuchtende Punkte: die alten Männchen der Brüllaffen, die die trockenen Gipfel der höchsten Berge erstiegen haben und hier, behaglich in einer Gabel oder auf dichtem Zweige ausgestreckt, ihren Pelz den wärmenden Strahlen der Sonne darbieten.«

Unserer Lebensschilderung liegen die Beobachtungen zugrunde, die Alexander von Humboldt, Prinz Max von Neuwied, Rengger, Schomburgk und Hensel über die Brüllaffen gesammelt haben. Nach Ansicht der Erstgenannten beziehen sich ihre Beschreibungen auf zwei verschiedene Arten: den Aluaten und den Caraya. »Die Brüllaffen von Rio Grande do Sul«, sagt Hensel, »haben einen außerordentlich dicken Pelz, namentlich auf der Oberseite des Kopfes und Körpers, während die Bauchseite und die Innenseite der Schenkel nur sparsam behaart ist; das Haarkleid schien im Sommer und Winter gleich stark zu sein, wenigstens ist mir hier, auch bei anderen Tieren, kein Unterschied zwischen Sommer- und Winterbälgen aufgefallen. Doch muß ich bemerken, daß ich im Nationalmuseum in Rio de Janeiro mehrere ausgestopfte Brüllaffen von Paraguay, schwarze sowohl wie rote, gesehen habe, die sich durch ein kurzes, dünnes und glatt anliegendes Haarkleid auszeichnen, während andere aus der Provinz Santa Catharina denen von Rio Grande do Sul glichen. Die Farbe der Tiere ist eigentümlich und bei beiden Geschlechtern verschieden: die Männchen sind rot und gleichen in der Farbe genau unserem Eichhörnchen. Die immer viel kleineren Weibchen sind schwarzbraun. Sieht man einen Trupp hoch oben auf dem Wipfel eines Baumes sitzen, so erscheinen im allgemeinen die Männchen rot, die Weibchen schwarz; die Jungen beiderlei Geschlechts haben die Farbe der erwachsenen Weibchen. Leicht möglich ist es, daß bei den klimatischen Verschiedenheiten innerhalb des Verbreitungskreises des Brüllaffen auch mancherlei Veränderungen in der Farbe desselben auftreten werden; ja schon in einem verhältnismäßig kleinen Räume scheinen sich Farbenunterschiede bemerkbar zu machen.

Der Aluate oder rote Brüllaffe (Mycetes seniculus) hat rötlichbraunen, auf der Rückenmitte goldgelben Pelz; die Haare sind kurz, etwas steif und am Grunde einfarbig; Unterhaare fehlen. Die Länge beträgt etwa 1,5 Meter, wovon freilich 70 Zentimeter auf den Schwanz kommen. Das Weibchen ist kleiner und dunkelfarbiger.

Beim Caraya oder schwarzen Brüllaffen (Mycetes Caraya) ist das Haar bedeutend länger und einfarbig schwarz, nur an den Seiten etwas rötlich, beim Weibchen auch auf der Unterseite gelblich und beträgt die Länge etwa 1,3 Meter, wovon die Hälfte auf den Schwanz kommt. Ersterer bewohnt fast den ganzen Osten Südamerikas, letzterer Paraguay.

»Nach meiner Ankunft«, sagt der trefflich beobachtende Schomburgk, »hatte ich bei Auf- und Untergang der Sonne aus dem Urwalde das schauerliche Geheul zahlreicher Brüllaffen herübertönen hören, ohne daß es mir bei meinen Streifereien gelungen wäre, die Tiere selbst aufzufinden. Als ich eines Morgens nach dem Frühstücke, mit meinem Jagdzeuge versehen, dem Urwalde zuschritt, schallte mir aus der Tiefe desselben abermals jenes wüste Geheul entgegen und setzte meinen Jagdeifer in volle Flammen. Ich eilte also durch Dick und Dünn dem Gebrülle entgegen und erreichte auch nach vieler Anstrengung und langem Suchen, ohne bemerkt zu werden, die Gesellschaft. Vor mir auf einem hohen Baume saßen sie und führten ein so schauerliches Konzert auf, daß man wähnen konnte, alle wilden Tiere des Waldes seien in tödlichem Kampfe gegen einander entbrannt, obschon sich nicht leugnen ließ, daß doch eine Art von Übereinstimmung in ihm herrschte. Denn bald schwieg nach einem Taktzeichen die über den ganzen Baum verteilte Gesellschaft, bald ließ ebenso unerwartet einer der Sänger seine unharmonische Stimme wieder erschallen, und das Geheul begann von neuem. Die Knochentrommel am Zungenbeine, die durch ihren Widerhall der Stimme eben jene mächtige Stärke verleiht, konnte man während des Geschreies auf und nieder sich bewegen sehen. Augenblicke lang glichen die Töne dem Grunzen des Schweines, im nächsten Augenblicke aber dem Brüllen des Jaguars, wenn er sich auf seine Beute stürzt, um bald wieder in das tiefe und schreckliche Knurren desselben Raubtieres überzugehen, wenn es, von allen Seiten umzingelt, die ihm drohende Gefahr erkennt. Diese schauerliche Gesellschaft hatte jedoch auch ihre lächerlichen Seiten, und selbst auf dem Gesichte des düstersten Menschenfeindes würden für Augenblicke Spuren eines Lächelns sich gezeigt haben, wenn er gesehen, wie diese Konzertgeber sich mit langen Barten starr und ernst einander anblickten.«

Diese anmutige Schilderung beweist uns hinlänglich, daß wir es bei den Brüllaffen mit höchst eigentümlichen Geschöpfen zu tun haben. Man kann, ohne einer Übertreibung sich schuldig zu machen, behaupten, daß ihr ganzes Leben und Treiben eine Vereinigung von allerhand Absonderlichkeiten ist und deshalb der Beobachtung ein ergiebiges Feld bietet, während man anderseits anerkennen muß, daß die Indianer zu entschuldigen sind, wenn sie die Brüllaffen ihres trübseligen Äußeren und ihres langweiligen Betragens halber mißachten und hassen. Selbst die Verleumdungen, die man sich zuschulden kommen ließ, sind erklärlich, wenn man bedenkt, daß unsere Tiere weder im Freileben noch in der Gefangenschaft irgendeine Anmut, ja selbst irgendeine Abwechselung in ihrer Lebensweise zeigen.

»Der Brüllaffe«, sagt Hensel, »lebt in dem Urwalde von Rio Grande do Sul in großer Menge; er ist dasjenige wilde Tier, das man am leichtesten finden und jagen kann, ja das man zu vermeiden sogar Mühe hat. Er lebt in kleinen Trupps von fünf bis zehn Stück, die ein bestimmtes, ziemlich kleines Gebiet haben, das sie nicht zu verlassen pflegen. In jedem Trupp findet sich wenigstens ein altes Männchen, das gewissermaßen die Aufsicht zu führen scheint; in den meisten Fällen jedoch enthält der Trupp, wenn er nicht zu schwach ist, mehrere erwachsene Männchen, unter denen wahrscheinlich eines, das stärkste oder älteste, den Vorrang behauptet. Dabei geht es ohne Zweifel nicht immer ganz friedfertig zu, wie die Narben beweisen, die man oft in den Gesichtern der Männchen, zuweilen auch in denen der Weibchen erblickt. Doch sind die Tiere im ganzen sehr harmlos und im Vergleiche zu andern Affen ruhig und gleichgültig.«

Während des Tages bilden die höchsten Bäume des Waldes den Lieblingsaufenthalt der Brüllaffen: bei anbrechender Dämmerung ziehen sie sich in das dichte, von Schlingpflanzen durchflochtene Laub der niedrigen Bäume zurück und überlassen sich hier dem Schlafe. Langsam, fast kriechend, klettern sie von einem Ast zu dem anderen, Blätter und Knospen auswählend, langsam mit der Hand sie abpflückend und langsam sie zum Munde bringend. Sind sie gesättigt, so setzen sie sich in zusammengekauerter Stellung auf einem Aste nieder und verharren hier regungslos, wie uralte schlafende Männchen erscheinend; oder sie legen sich der Länge lang über den Ast hin, lassen die vier Glieder zu beiden Seiten steif herabhängen und halten sich eben nur mit dem Wickelschwanze fest. Was der eine tut, wird von den anderen langsam und gedankenlos nachgemacht. Verläßt eines der erwachsenen Männchen den Baum, auf dem die Familie sich gerade aufhält, so folgen ihm alle übrigen Glieder der Gesellschaft rücksichtslos nach. »Wahrhaft erstaunlich«, sagt Humboldt, »ist die Einförmigkeit in den Bewegungen dieses Affen. Der ganze Zug macht an derselben Stelle genau dieselbe Bewegung.«

Für die Brüllaffen ist der Schwanz unzweifelhaft das wichtigste aller Bewegungswerkzeuge; sie brauchen ihn, um sich zu versichern – und das tun sie in jeder Stellung – sie benutzen ihn, um etwas mit ihm zu erfassen und an sich zu ziehen. Immer und immer dient er hauptsächlich dazu, jeder ihrer langsamen Bewegungen die ihnen unerläßlich dünkende Sicherheit zu verleihen. Man kann nicht behaupten, daß sie schlecht klettern: sie sind im Gegenteil sehr geschickt; aber niemals machen sie wie andere Affen, weite, niemals gewagte Sprünge. Beim Dahinschreiten halten sie sich fest an dem Aste, bis der hin und her tastende Schwanz einen sicheren Halt gefunden und denselben mit einer oder zwei Windungen umschlungen hat; beim Herabklettern versichern sie sich so lange an dem Aste, den sie verlassen wollen, bis sie mit den Händen einen neuen Halt gefunden, beim Aufwärtssteigen an dem unteren Aste, bis sie mit den Händen und Füßen den oberen sicher gepackt haben. Die Kraft des Schwanzes ist größer als die der Hände; denn die Beugemuskeln an seiner Spitze sind so stark, daß sie, einer Uhrfeder vergleichbar, das Schwanzende immer zusammenrollen. Der Brüllaffe kann sich mit der Spitze seines Schwanzes, auch wenn er dieselbe nur mit einer halben Windung um den Ast schlingt, wie an einem Haken aufhängen, kann alles einem solchen Werkzeuge Mögliche ausführen und ist verloren, dem Verderben preisgegeben, wenn er seines Schwanzes beraubt wurde. Noch im Tode trägt der Schwanz längere Zeit die Last des Körpers, und nicht immer strecken sich unter dieser Last die eingerollten Muskeln: Azara erzählt, daß man zuweilen schon halb verfaulte Carayas noch fest an ihrem Aste hängen sieht.

Wenig andere Tiere sind so ausschließlich an die Bäume gebunden wie die Brüllaffen. Sie kommen höchst selten auf die Erde hernieder, wahrscheinlich bloß dann, wenn es ihnen unmöglich ist, von den niederen Asten und Schlingpflanzen herab zu trinken. »Ferner fürchten sie sich«, sagt Humboldt, »so sehr vor dem Wasser, daß, wenn sie durch das schnelle Anschwellen des Stromes auf einem Baume abgeschieden werden, sie eher verhungern als durch Schwimmen einen andern Baum zu gewinnen suchen.«

Wenn der Brüllaffe keine Nachstellung erfährt, hält er sich in einem bestimmten Gebiete auf, das höchstens eine Meile Umfang haben mag. Oft verweilt eine Familie während des ganzen Tages auf einem und demselben Baume. Höchst selten sieht man einzelne. Die Familie hält sehr treu zusammen. »Sie scheinen sich«, sagt Hensel, »ihrer unschädlichen Stellung gleichsam bewußt zu sein; denn da, wo sie nicht durch Geschosse noch durch das Bellen der Hunde furchtsam gemacht werden, scheuen sie den Menschen durchaus nicht.

Wenn im Sommer die Strahlen der Morgensonne die Kühle der Nacht und die Nebel der Täler an den Berglehnen vertrieben haben, dann löst die kleine Gesellschaft der Brüllaffen den Klumpen auf, zu dem geballt sie auf den Ästen eines stark belaubten Baumes die Nacht zugebracht hatte. Der Trupp sucht zunächst das Nahrungsbedürfnis zu befriedigen, und ist dies geschehen, so bleibt ihm bis zum Eintritt der drückenden Tageshitze noch immer so viel Zeit übrig, um sich auch dem geselligen Vergnügen widmen zu können, das bei einem so ernsthaften Tiere selbstverständlich frei ist von aller Unziemlichkeit, die seine Gattungsgenossen kennzeichnet. Die Gesellschaft hat sich jetzt eine riesige Wildfeigenart ausgesucht, deren dichtes Blätterdach gegen die Sonnenstrahlen schützt, während die gewaltigen wagrechten Äste vortrefflich zu Spaziergängen geeignet sind. Einen dieser Äste, in dessen Nähe sich die Mitglieder der Gesellschaft nach Belieben gruppiert haben, wählt sich das Familienhaupt und schreitet darauf ernst würdig mit erhobenem Schwänze hin und her. Bald beginnt es, anfangs etwas leise, einzelne abgebrochene Brülltöne auszustoßen, wie es der Löwe zu tun pflegt, wenn er sich zu einer Kraftleistung seiner Lunge vorbereitet. Diese Laute, die aus einer Ein- und einer Ausatmung sich gebildet zu haben scheinen, werden immer heftiger und in schnellerer Reihenfolge ausgestoßen; man hört, wie die Erregung des Sängers wächst. Endlich hat sie ihren höchsten Grad erreicht; die Zwischenpausen werden verschwindend klein, und die einzelnen Laute verwandeln sich in ein fortdauernd heulendes Gebrüll. In diesem Augenblicke scheint eine unendliche Begeisterung die übrigen, bis dahin stummen Mitglieder der Familie, männliche wie weibliche, zu ergreifen: sie alle vereinigen ihre Stimme mit der des Vorsängers, und wohl zehn Sekunden lang tönt der schauerliche Chorus durch den stillen Wald. Den Beschluß machen wieder einzelne Laute, wie sie den Hauptgesang eingeleitet haben. Doch hören sie eher auf als diese.«

Alles, was der Brüllaffe bedarf, bietet ihm sein luftiger Aufenthalt in Fülle. Die Mannigfaltigkeit und der Reichtum der verschiedenen Früchte lassen ihn niemals Mangel leiden. Neben den Früchten frißt er Körner, Blätter, Knospen und Blumen der verschiedensten Art, wahrscheinlich auch Kerbtiere, Eier und junge, unbehilfliche Vögel. Den Pflanzungen wird er niemals schädlich, wenn er sich auch tagelang am Saume derselben aufhält: er zieht Baumblätter dem Mais und den Melonen vor.

In Südamerika wirft das Weibchen im Juni oder Juli, manchmal auch schon zu Ende Mai oder Anfang August ein einziges Junges. Hensel versichert, daß die Fortpflanzung der Brüllaffen an keine bestimmte Jahreszeit gebunden ist; denn man findet neugeborene Junge das ganze Jahr hindurch und kann also auch an einem und demselben Tage Keimlinge und Junge der verschiedensten Entwickelungs- und Altersstufen sammeln. Niemals scheinen sie mehr als ein Junges zu haben. Während der ersten Woche nach der Geburt hängt sich der Säugling wie bei den altweltlichen Affen mit Armen und Beinen an den Unterleib der Mutter an; später trägt diese ihn auf dem Rücken. Sie legt ihre Gefühle nicht durch Liebkosungen an den Tag, wie andere Affen es tun, verläßt aber doch das Pfand ihrer Liebe wenigstens in der ersten Zeit niemals, während sie später das schon bewegungsfähiger gewordene Kind bei ängstlicher Flucht manchmal von sich abschüttelt oder gewaltsam auf einen Ast setzt, um ihren eigenen Weg sich zu erleichtern.

In den von Hensel bereisten Teilen Südamerikas jagt man den Brüllaffen mit Hunden. Letztere besitzen eine große Vorliebe für diese Affen, der ihnen das angenehmste Futter unter allem Wilde ist, während sie den Kapuzineraffen selbst im größten Hunger nicht anrühren. Dabei ist der Geruch, den der Brüllaffe verbreitet, ein sehr starker und den Menschen unangenehmer. Namentlich gilt das vom Harn und Kot. Die Hunde jedoch sind anderer Meinung, und da sie bereits den kleinsten Tropfen Harn, der von den Bäumen auf den Boden oder die Blätter der Sträucher gefallen ist, auffinden und dann stundenlang unter solch einem Baume bellen, darf man sie nur in den Wald lassen, um in kurzer Zeit eine Gesellschaft der Brüllaffen zu ermitteln. Schießt man einige Male diese Tiere, so gewöhnen sich die Hunde bald so an die Affenjagd, daß sie nichts anderes jagen wollen und bloß nach Affen suchen, daher werden sie von den Jägern stets geschont.

»Die einzige Weise, Brüllaffen zu fangen«, sagt Hensel, »ist die, daß man die Mütter, die noch kleine Junge an sich tragen, totschießt, wobei es sich zuweilen ereignet, daß das Junge weder durch den Schuß noch durch den Sturz vom hohen Baume beschädigt wird, und so, indem es die tote Mutter nicht los läßt, in die Gewalt des Jägers kommt. Da es natürlich auch schwer ist, das Junge auf der fliehenden Mutter zu entdecken, so erhält man im allgemeinen die Brüllaffen nur selten; auch sind die kleinen Tiere oft noch so jung, daß eine ganz besondere Pflege dazu gehören würde, sie am Leben zu erhalten.«

*

Ein äußerst schmächtiger Leib mit langen klapperdürren Gliedern kennzeichnet die Spinnen- oder Klammeraffen ( Ateles). Sie sind die Langarme der neuen Welt, nur das sie nicht deren Vogelschnelle und Lebendigkeit besitzen. Der Naturforscher, der sie zuerst Spinnenaffen nannte, hat sie am besten bezeichnet. Um die Tiere schärfer zu bestimmen, will ich noch erwähnen, daß ihr Kopf sehr klein, ihr Gesicht bartlos, und der Daumen ihrer Vorderhand, falls überhaupt vorhanden, stummelhaft ist. Südamerika bis zum 25. Grade der südlichen Breite ist die Heimat der Spinnenaffen, die Krone der höchsten Bäume ihr Aufenthalt. Ihr Leben scheint außerordentlich einförmig zu verlaufen und das der verschiedenen Arten im wesentlichen gleichartig zu sein. »Sie leben«, sagt Tschudi, übereinstimmend mit anderen Forschern, »in Scharen von zehn oder zwölf Stück; zuweilen trifft man sie auch paarweise, nicht selten sogar einzeln an. Die Gesellschaften verraten sich durch fortwährendes Knittern der Baumzweige, die sie sehr behend umbiegen, um geräuschlos vorwärts zu klettern. Angeschossen erheben sie ein lautes, gellendes Geschrei und suchen zu entfliehen. Die ganz jungen verlassen ihre Mutter nicht; auch wenn diese getötet worden, umklammern sie dieselbe fest, und liebkosen sie noch lange, wenn sie bereits ganz starr an einem Baumaste hängt; es ist daher ein leichtes, die Jungen einzufangen. Sie lassen sich mühelos zähmen, sind gutmütig, zutraulich und zärtlich, halten aber in der Gefangenschaft nicht lange aus.« Die Arten unterscheiden sich wenig von einander.

Von den in Guiana lebenden Klammeraffen sind zwei besonders häufig: der Koaita ( Ateles paniscus) und der Marimonda oder Aru ( Ateles Beelzebuth). Ersterer ist einer der größeren seiner Sippschaft. Der Pelz ist tiefschwarz von Farbe, nur im Gesichte rötlich, die Haut dunkel, auf den Handsohlen ganz schwarz. Dem gutmütigen Gesichte verleihen ein Paar lebhafte braune Augen einen einnehmenden Ausdruck.

In Quito, auf der Landenge von Panama und in Peru vertritt der Tschamek ( Ateles pentadactylus) die Genannten.

Der Miriki oder eigentliche Spinnenaffe ( Ateles criodes) bewohnt das Innere Brasiliens. Er ist der größte aller brasilianischen Affen, etwa 1,4 Meter lang und fast wollig behaart. Gewöhnlich ist der Pelz fahlgelb, zuweilen aber auch weißlichgraugelb gefärbt; die Innenseite der Glieder pflegt lichter zu sein. Der Daumen der Vorderhand ist ein kurzer Stummel ohne Nagel.

Wohl der schönste aller Klammeraffen ist der erst in der neuesten Zeit von dem jüngeren Bartlett im östlichen Peru aufgefundene und zu Ehren seines Entdeckers benannte Goldstirnaffe ( Ateles Bartlettii). Der reiche, lange und weichhaarige Pelz hat auf der ganzen Ober- und Außenseite tiefschwarze Färbung; ein Stirnband ist goldgelb, der Backenbart weiß, die Unterseite des Leibes und Schwanzes, die Innenseite der Glieder nebst der Außenseite der hinteren Unterschenkel bräunlichgelb, etwas lichter als das Stirnband, hier und da durch einzelne schwarze Haare gesprengelt. Alle nackten Teile des Gesichtes und der Hände sehen braunschwarz aus.

Über das Freileben der Klammeraffen haben uns Humboldt, Max von Wied und Schomburgk belehrt. In Guiana finden sie sich nur in den tieferen Wäldern, höchstens bis zu einem Höhengürtel von fünfhundert Meter über dem Meere; den kahlen Wald der Höhe meiden sie gänzlich. In der Regel bemerkt man sie in Banden von ungefähr sechs Stück, seltener einzeln oder paarweise und noch seltener in größeren Gesellschaften. Jede dieser Banden zieht, ihrer Nahrung nachgehend, still und ruhig ihres Weges, ohne sich um andere ungefährliche Geschöpfe zu bekümmern. Ihre Bewegungen sind im Vergleiche zu dem traurigen Gehumpel der Brüllaffen schnell zu nennen. Die bedeutende Länge der Glieder fördert das Laufen und Klettern. Mit den langen Armen greifen sie weit aus und eilen deshalb, auch wenn sie nur wenig sich anstrengen, immerhin so schnell vorwärts, daß der Jäger durchaus keine Zeit zu verlieren hat, wenn er ihnen folgen will. In ihren Baumwipfeln benehmen sie sich geschickt genug. Sie klettern sicher und führen zuweilen kleine Sprünge aus; doch werfen oder schleudern sie ihre Glieder bei allen Bewegungen sonderbar hin und her. Der Schwanz wird gewöhnlich vorausgeschickt, einen Anhalt zu suchen, ehe der Affe sich entschließt, den Ast, auf dem er sitzt, zu verlassen. Zuweilen findet man ganze Gesellschaften, die sich an den Schwänzen aufgehängt haben und die auffallendsten Gruppen bilden. Nicht selten sitzt oder liegt auch die Familie in träger Ruhe auf Ästen und Zweigen, behaglich sich sonnend, den Kopf oft nach hinten gebogen, die Arme auf dem Rücken verschränkt, die Augen gen Himmel gehoben. Auf ebenem Boden humpeln sie mühselig fort; man möchte selbst ängstlich werden, wenn man sie gehen sieht. Der Gang ist schwankend und unsicher im allerhöchsten Grade, und der lange Schwanz, der in der Absicht, das Gleichgewicht herzustellen, aus Verzweiflung hin und her bewegt wird, erhöht nur noch das Ungelenke der Bewegung. Übrigens haben europäische Beobachter die Klammeraffen niemals auf dem Boden gesehen.

In den Urwäldern können die Klammeraffen, die sich mit Blättern und Früchten begnügen, niemandem Schaden tun. Gleichwohl werden sie eifrig verfolgt. Die Portugiesen benutzen ihr Fell, die Wilden essen ihr Fleisch; manche Indianerstämme ziehen es allem übrigen Wildbret vor. Sie unternehmen in starken Gesellschaften Jagdzüge, auf denen Hunderte erlegt werden.

Schomburgk nennt die Klammeraffen, so oft er sie erwähnt, häßlich und ekelhaft. Hätte er ein einziges Mal die von ihm so verschrienen Tiere in Gefangenschaft gehalten und sie in ihrer harmlosen Gutmütigkeit kennengelernt, er würde sie auch trotz des nicht günstig gestalteten Äußeren und der absonderlichen Gliederverrenkung liebgewonnen, jedenfalls sein Urteil berichtigt haben. »Im Stande der Ruhe«, sagt Schmidt, »sitzen die Klammeraffen auf dem Hinterteile mit emporgerichteten Knien; die Brust wird gegen diese gelehnt, und häufig der Kopf tief herabgesenkt, so daß das Gesicht gegen den Boden geneigt ist und die Schultern den höchsten Punkt der ganzen Gestalt bilden. Der Schwanz ist um die Füße geschlagen, die Ellenbogen reichen fast auf den Boden, und die Vorderarme liegen nachlässig gekreuzt vor oder auf den Füßen. Ein ruhiges Gehen auf flachem Boden kommt nur ausnahmsweise und auf kurze Entfernungen vor, und man sieht auf den ersten Blick, daß es dem ganzen Wesen der Tiere nicht zusagen kann.

Das Klettern ist ihrem Naturell vollkommen entsprechend, und sie entwickeln hierbei im Gegensatze zu dem unbehilflichen Einherhumpeln auf ebenem Boden eine Lebhaftigkeit, Biegsamkeit und Sicherheit der Bewegungen, die erstaunlich ist. Sie benutzen hierbei ebensowohl alle vier als nur die vorderen Glieder; niemals aber versäumt der Schwanz, hierbei sehr tätig zu sein, hilft vielmehr gleich einer fünften Hand den Körper tragen und weiterbefördern. Er arbeitet mit der größten Sicherheit und Selbständigkeit, so daß er von den Tieren nicht mit den Augen überwacht werden braucht, ist immer bestrebt, einen festen Anhaltepunkt zu gewinnen, als ob Arme und Beine nicht zuverlässig oder nicht hinreichend seien, dem Körper den nötigen Halt zu geben. Er wird stets einmal um den Gegenstand, an dem er sich halten soll, geschlungen, und zwar immer nur mit der Spitze und so knapp wie möglich. Die Umwicklung geschieht schraubenförmig, so daß die Spitze neben und nicht auf oder unter den übrigen Teil des Schwanzes zu liegen kommt. Wenn letzterer, wie das sehr häufig der Fall ist, den Leib allein tragen soll, faßt er über einen Stab des Gitters hinweg und befestigt sich an dem folgenden mit der Spitze, um auf diese Weise eine größere Haltbarkeit zu gewinnen. So wird es dem Tiere möglich, sich jeden Augenblick kopfabwärts am Schwanze aufzuhängen, und es scheint dies eine Lieblingsstellung von ihm zu sein, da es Leute, die es kennt, gern in derselben bewillkommnet. Gegenstände, mit denen sie spielen, sah ich sie häufig mit dem Schwanze tragen, und der eine von ihnen haschte öfters ein zum Austrinken am breiten Ende geöffnetes rohes Ei mit dem Schwanze und trug es mit vollster Sicherheit auf seinen erhabenen Sitzplatz, um es dort mit der größten Gemütlichkeit auszuschlürfen.« Unser Gewährsmann erwähnt noch außerdem, daß er seine Gefangenen mit Brot, Obst, Zwieback, Eiern und gekochtem Reis gefüttert habe, ihnen bei Durchfall mit Erfolg guten Rotwein als Gegenmittel gegeben, gekochte Kartoffeln im geringen Maße gereicht und sie so viel als möglich ins Freie gebracht habe, auch wenn die Witterung im allgemeinen nicht eben besonders warm war. Dank dieser Pflege gelang es ihm, den einen dieser Affen drei und ein halbes Jahr am Leben zu erhalten.

Ein englischer Schiffsführer, der einen Klammeraffen besaß, schildert ihn und sein Betragen in anmutiger Weise. Das Tier, ein Weibchen, war in Britisch-Guiana gefangen. »Sally«, sagt er, »ist ein sehr sanftes Tier. Nur zweimal hat sie gebissen, und zwar das eine Mal, um sich gegen einen Feind zu wehren. Im allgemeinen ist sie so gutartig, daß sie eine Strafe stets ruhig hinnimmt und sich beiseite macht. Bosheit scheint durchaus nicht in ihrer Natur zu liegen; denn Beleidigungen vergißt sie bald und trägt sie dem strafenden Herrn nicht nach. Am Bord des Schiffes wird sie nicht durch Ketten oder Stricke gefesselt, sondern läuft frei nach ihrem Behagen umher. Sie tummelt sich im Tauwerke, und wenn es ihr gerade Spaß macht, tanzt sie so lustig und ausgelassen sonderbar auf dem Seile, daß die Zuschauer kaum noch Arme und Beine vom Schwanze unterscheiden können. In solchen Augenblicken ist der Name ›Spinnenaffe‹ vollständig angemessen; denn sie sieht dann einer riesigen Tarantel in ihren Zuckungen äußerst ähnlich. So lange dieses launige Spiel dauert, hält sie von Zeit zu Zeit inne und blickt mit freundlichem Kopfschütteln auf ihre Freunde, zieht rümpfend die Nase und stößt kurze sanfte Töne aus. Gewöhnlich wird sie gegen Sonnenuntergang am lebendigsten.

Gegen viele ihrer Verwandten, die unverbesserliche Diebe sind und mit den Schwanzenden ganz ruhig Dinge stehlen, auf die ihre Aufmerksamkeit gar nicht gerichtet zu sein scheint, ist Sally sehr ehrenhaft und hat niemals etwas entwendet als höchstens gelegentlich eine Frucht oder ein Stückchen Kuchen. Ihre Mahlzeit hält sie an ihres Herrn Tische und beträgt sich dabei höchst anständig, ja sie ißt nicht einmal, bevor sie die Erlaubnis dazu erhalten, hält sich dann auch an ihren eigenen Teller, gleich einem wohlerzogenen Geschöpfe. Ihre Nahrung besteht hauptsächlich aus Pflanzenstoffen, Früchten und Weißbrot, obschon sie hin und wieder mit einem Hühnerbeine bewirtet wird. Hinsichtlich ihrer Speise ist sie ziemlich wählerisch.

In Belize wurde es ihr gestattet, die Stadt nach Belieben einige Tage lang zu durchstreifen. Eines Morgens, als ihr Herr die Straße entlang ging, hörte er über sich einen dumpfen Laut, der ihm, wegen der Ähnlichkeit mit der Stimme seines Affen, auffiel. Er blickte auf und sah Sally auf einem Erker sitzen, von dem herab sie erfreut über das Wiedersehen ihres Herrn knurrte. Einmal, aber nur einmal, geriet Sally in eine traurige Lage. Ihr Herr ging in seine Kajüte und fand sie dort ganz zusammengerollt auf einer Fußdecke sitzen. Er sprach ihr zu, das Tier erhob das Köpfchen, sah ihm ins Gesicht und sank wieder in seine frühere, trübselige Stellung zurück. Komm, Sally, sagte der Gebieter; doch Sally rührte sich nicht. Der Befehl wurde noch ein- oder zweimal wiederholt, aber ohne den gewöhnlichen Gehorsam zu finden, überrascht durch diesen auffallenden Umstand ergriff der Herr sie am Arme und machte nun die befremdende Entdeckung, daß Sally schwer berauscht und weit über eine ›Anheiterung‹ hinaus war. Sie hatte gerade noch Bewußtsein genug, um ihren Freund zu erkennen. Sehr krank war Sally diese Nacht und sehr katzenjämmerlich am nächsten Tage.

Der Grund dieses traurigen Ergebnisses war folgender: Die Offiziere des Schiffes hatten ein kleines Mittagessen veranstaltet, und da sie den Affen sehr gern sahen, ihn so reichlich mit Mandeln, Rosinen und Früchten der verschiedensten Art, mit Zwieback und eingemachten Oliven gefüttert, wie es ihm lange nicht vorgekommen war. Nun liebte er aber die Oliven ganz besonders, und da er sich reichlich an ihnen eine Güte getan, so quälte ihn natürlicherweise bald ein unstillbarer Durst. Als nun Branntwein und Wasser herumgereicht ward, steckte Sally ihren Mund in einen der Humpen und leerte fast den ganzen Inhalt zum großen Vergnügen der Offiziere. Ihr Herr setzte letztere deshalb zur Rede; auch das arme Opfer zur Verantwortung zu ziehen, war unnötig. So gänzlich war dem guten Tier der Branntwein zum Ekel geworden, daß es später nie wieder den Geschmack oder auch nur den Geruch desselben vertragen konnte. Selbst eingemachte Kirschen, die sonst sein Leckerbissen gewesen waren, mochte es jetzt nicht mehr aus der Flüssigkeit nehmen.

Kälte schien Sally ziemlich wohl zu ertragen; sie war übrigens auch hinreichend mit warmer Kleidung versehen, die ihr an der eisigen Küste Neufundlands sehr zustatten kam. Gleichwohl drückte sie ihr Mißbehagen an solchem Wetter durch beständiges Schauern aus. Um sich gegen die kalte Witterung zu schützen, verfiel sie selbst auf einen glücklichen Gedanken. Zwei junge Neufundländer, die am Bord sich befanden, hatten eine mit Stroh wohl versehene Hütte inne: in diese Wohnung hinein kroch sie und legte gemütlich ihre Arme den beiden Hunden um den Hals; und hatte sie nun noch ihren Schweif um sich geschlagen, so befand sie sich glücklich und Wohl. Sie war allen möglichen Tieren zugetan, besonders kleinen, jungen, aber ihre vorzüglichsten Lieblinge blieben diese beiden Hunde. Ihre Zuneigung zu ihnen war so groß, daß sie sich eifersüchtig auf sie zeigte, und wenn irgend jemand näher an ihnen vorüberging, als sie für passend erachtete, sprang sie aus der Hütte heraus und streckte die Arme nach dem Eindringlinge mit einer Miene, als ob sie ihn zurechtweisen wolle. Für sie selbst war ebenfalls ein Häuschen gebaut worden, aber sie ging nie hinein. Sie ist ein sehr empfindliches Tier und kann kein Dach über sich ausstehen; deshalb verschmähte sie ihr Häuschen und rollte sich lieber in einer Hängematte zum Schlafen zusammen. Sie ist etwas schläfrigen Wesens, geht gern zeitig zu Bette und schläft früh lange.«

 

Zu den wickelschwänzigen Affen Amerikas gehören auch die Wollaffen ( Lagothrix), ausgezeichnet durch untersetzte Gestalt, großen, runden Kopf, mit milden, freundlichen Augen und sehr kleinen, wie abgenutzt erscheinenden, außen und am unteren Rande der Muschel auch innen behaarten Ohren, starke und verhältnismäßige Gliedmaßen, fünffingerige Hände und Füße sowie körperlangen, sehr kräftigen, an der Spitze unterseits nackten Schwanz. Die Nägel sind ziemlich stark zusammengedrückt, die Daumennägel aber platt. Ein weiches, wolliges, auf der Brust mähnig verlängertes Haar deckt den Leib. Von den ihnen sehr nahestehenden Klammeraffen unterscheiden sie namentlich ihr stämmiger Bau, die gefurchten Eckzähne und der wollige Pelz.

Der Barrigudo oder Schieferaffe usw. ( Lagothrix lagotricha) steht, ausgewachsen, dem Brüllaffen an Größe kaum nach. Nach Tschudi bewohnt der Barrigudo truppweise die Waldungen; doch findet man ihn zuweilen auch einzeln.

»Sein Betragen in der Gefangenschaft«, sagt Bates, »ist ernst, sein Wesen mild und vertrauensvoll wie das der Klammeraffen. Entsprechend diesen Eigenschaften wird der Barrigudo von Tierfreunden sehr gesucht; es fehlt ihm jedoch die Zählebigkeit der Klammeraffen, und er übersteht die Reise flußabwärts bis Para nur selten.«

Ich habe niemals ein liebenswürdigeres Mitglied der ganzen Familie kennengelernt als ihn. Um ihn zu messen, trat ich in seinen Käfig und wurde sofort auf das allerfreundlichste empfangen. Mich treuherzig fragend anblickend, als wolle er erkunden, wes Geistes Kind ich sei, kam er langsam und bedächtig auf mich zugeschritten, warf noch einen Blick auf mein Gesicht und kletterte sodann, unter tätiger Mithilfe des Schwanzes, an mir bis zu dem Arme empor, ließ sich, halb sitzend, halb liegend, hier nieder, schmiegte den Kopf an meine Brust und nahm nun mit ersichtlicher Freude und willenloser Hingebung meine Liebkosungen entgegen. Ich durfte ihn streicheln, sein Haar auseinander legen, Gesicht, Ohren, die Zunge, Hände und Füße untersuchen, ihn drehen und wenden: er ließ sich alles gefallen, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken. Alle liebenswürdigen Eigenschaften der Klammeraffen, ihre Anhänglichkeit und Hingebung kamen bei ihm zur Geltung, nur in weit höherem Maße; er bewies durch sein Gebaren in unverkennbarer Weise, wie unendlich wohltuend es für ihn war, einmal wieder anstatt mit anderen Affen, seinen Käfiggenossen, mit Menschen zu verkehren. Gegen seine Gesellen, Meerkatzen und Rollaffen, zeigte er sich zwar ebenfalls wohlwollend, ließ gutmütig allerlei von ihnen sich antun, selbst auch zum Spielen mit ihnen bewegen, schien sie aber doch als ihm untergeordnete Geschöpfe zu betrachten, während er in mir, dem Menschen, unverkennbar ein höheres Wesen erblickte und sogleich die Rolle eines gehätschelten Lieblings annahm.

Der Ernst und die ruhige Würde, die das ganze Auftreten dieses Affen bekunden, spricht sich auch in seinen Bewegungen aus. Sie sind überlegt und gemessen, niemals hastig und ungestüm, aber auch durchaus nicht langsam, schwerfällig und ungeschickt. Der Wollaffe klettert mit größter Sicherheit, vergewissert sich, wenn er einen Platz verlassen will, vorher eines anderen sicheren Standortes und gebraucht seinen Wickelschwanz in ausgiebigster Weise, ist aber sehr wohl imstande, weite Sprünge zu machen und rasch einen bestimmten Raum zu durcheilen, zeigt auch eine Anmut, Gewandtheit und Behendigkeit, die man ihm nicht zugetraut hätte. Dabei scheint ihm jede erdenkliche Stellung recht und bequem zu sein: ob er sich mit dem Schwanze allein, mit ihm und den Füßen oder Händen, mit diesen oder jenen festhält, ob er kopfunterst oder kopfoberst sich bewegt – ihm bleibt es vollkommen gleich. Allerliebst sieht es aus, wenn er, nachdem er sich am Schwanze aufgehängt hat, sich mit Händen und Füßen beschäftigt, sei es, daß er mit irgendwelchem Gegenstande spielt, sei es, daß er mit einem seiner Käfiggenossen sich abgibt. Beim Ruhen, vielleicht auch beim Schlafen sitzt er zusammengekauert wie andere Wickelschwanzaffen, legt sich aber auch gern auf die Seite, seinen Schwanz über die Beine weg und seinen Kopf auf die zusammengerollte Schwanzspitze, wie auf ein Kopfkissen, verhüllt dann sein Gesicht mit dem Arme, indem er es zwischen Ober- und Unterarm in das Ellenbogengelenk einschmiegt, und schließt behaglich die Augen. Im Gegensatze zu den Klammer- und Rollaffen, die ununterbrochen winseln und sonstige Laute von sich geben, verhält er sich sehr schweigsam; der einzige Laut, den ich von ihm vernommen, war ein scharfes »Tschä«, das nicht wiederholt wurde.

An das Futter scheint er besondere Ansprüche nicht zu stellen; seine Nahrung ist die aller Affen. Seine ungemein große Gutmütigkeit und Verträglichkeit zeigt sich auch am Futternapfe.

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Die Rollschwanzaffen ( Cebidae) unterscheiden sich dadurch von den Wickelschwanzaffen, daß ihr Greifschwanz rings behaart ist, zwar noch um Äste gewickelt werden kann, als Greifwerkzeug jedoch nicht mehr taugt.

Man kann die Rollaffen als die Meerkatzen Amerikas bezeichnen. Mit jener lustigen Gesellschaft haben sie große Ähnlichkeit, wenn auch mehr in ihrem Betragen als in ihrer Gestalt. Sie sind echte Affen, d. h. lebhafte, gelehrige, mutwillige, neugierige und launenhafte Tiere. Gerade deshalb werden sie von den Menschen viel häufiger gezähmt, als alle übrigen, kommen demnach auch häufig zu uns herüber. Ihrer weinerlichen, sanften Stimme verdanken sie den Namen Winselaffen, den sie ebenfalls führen. Diese Stimme hört man aber nur, solange sie bei guter Laune sind. Bei der geringsten Erregung schreien und kreischen sie abscheulich. Sie leben ausschließlich auf Bäumen und sind hier ebenso daheim wie ihre überseeischen Vettern auf den Mimosen und Tamarinden. Schon in der Vorwelt in Brasilien heimisch, bewohnen sie noch gegenwärtig und zwar in bedeutender Anzahl alle größeren Waldungen des eigentlichen Südens. Man findet sie in ziemlich zahlreichen Gesellschaften und häufig untermischt mit anderen ihnen verwandten Arten. Ihre Geselligkeit ist so groß, daß sie sich gern mit allen ihnen nahestehenden Affen, denen sie zufällig begegnen, verbinden, um dann gemeinschaftlich umherzuschweifen. Manche Naturforscher glauben deshalb die verschiedenen Abänderungen mehr oder weniger als Blendlinge ansehen zu dürfen. Seitdem wir jedoch regelmäßig und in erheblicher Anzahl lebende Rollaffen erhalten und beobachten können, wissen wir, daß die sogenannten Spielarten ständige Formen sind, die wir selbst nach dem heutzutage üblichen Begriff als Arten auffassen dürfen.

In der Gefangenschaft zeigen die Rollaffen fast alle Eigenschaften der Meerkatzen und manche andere noch dazu. Ungeachtet ihrer selbst unter Affen ungewöhnlichen Unreinlichkeit sind sie Lieblinge der Indianer, weshalb man sie auch am häufigsten gezähmt bei ihnen findet. So lassen sie sich z. B. den Harn in die Hände laufen und wischen diese sich am Leibe ab. Wie die Paviane lieben sie betäubende oder berauschende Genüsse. »Wird ein gezähmter Rollaffe«, sagt Schomburgk, »mit Tabaksrauch angeblasen oder ihm etwas Schnupftabak vorgehalten, so reibt er sich den ganzen Körper unter wahrhaft wollüstigen Verzückungen und schließt die Augen. Der Speichel läuft ihm dabei aus dem Munde; er fängt ihn aber mit den Händen auf und reibt ihn dann über den ganzen Leib. Manchmal ist der Speichelfluß so stark, daß der Affe zuletzt wie gebadet aussieht, dann zeigt er sich ziemlich erschöpft. Dasselbe Entzücken ruft auch eine angerauchte Zigarre hervor, die man ihm gibt, und es erscheint mir also, daß der Tabaksrauch in ihm ein ziemlich wollüstiges Gefühl erregt. Tee, Kaffee, Branntwein und andere erregende Getränke bringen fast dieselben Erscheinungen hervor.«

Unter allen Rollaffen dürfte für uns der Cay oder Sai (Cebus capucinus), eben der Kapuziner, der wichtigste sein. Der Altvater der Tierkunde, Linné, kennzeichnet das Tier so: »Geht auf den Fußwurzeln einher, springt nicht; kummervoll und ewig wehklagend verscheucht er mit furchtbarem Geschrei seine Feinde; zwitschert oft auch wie eine Zikade und bellt, erzürnt, wie ein Hündchen; krümmt seinen Schwanz schraubig, schlingt ihn oft um den Hals und riecht nach Bisam«. Der Kapuziner soll zu den größeren Arten der Gruppe zählen und bis 45 Zentimeter Leibes- und 35 Zentimeter Schwanzlänge erreichen. Ein mehr oder weniger dunkleres Braun ist die vorherrschende Färbung. Die Heimat ist der südliche Teil Brasiliens.

Ihm nahe steht der aus Costarica stammende Weißschulteraffe (Cebus hypoleucus). In der Größe unterscheiden sich beide Arten nicht, in der Färbung sehr wenig; wohl aber besitzt unser Affe in seiner auch im höheren Alter behaarten Stirne ein ihn leicht kennzeichnendes Merkmal.

Der Fahlaffe (Cebus olivaceus) aus Guiana wird größer als die erwähnten Verwandten; seine Leibeslänge beträgt bis 60 Zentimeter, die Schwanzlänge bis 50 Zentimeter.

Bei den Weißbartaffen (Cebus leucogenys) aus Brasilien ist der Haarputz vorzugsweise über den Augenbrauen entwickelt. Das lange, seidige Haar des durch Unterhaar bereicherten Pelzes hat graulichschwarze, der Backenbart hellgelbe oder gelblichweiße Färbung.

Der Verbreitungskreis des Kapuziners reicht über den südlichen Wendekreis und hinweg über die Andes. Von Bahia bis Columbia ist er überall gemein. Er zieht Waldungen vor, deren Boden nicht mit Gestrüpp bewachsen ist. Den größten Teil seines Lebens verbringt er auf den Bäumen; denn diese verläßt er überhaupt nur dann, wenn er trinken oder ein Maisfeld besuchen will. Sein Aufenthalt ist nicht bestimmt. Bei Tage streift er von Baum zu Baum, um sich Nahrung zu suchen, bei Nacht ruht er zwischen den verschlungenen Ästen eines Baumes. Gewöhnlich trifft man ihn in kleinen Familien von fünf bis zehn Stück, von denen die größere Anzahl Weibchen sind. Selten findet man wohl auch einzelne alte Männchen. Das Tier läßt sich schwer beobachten, weil es sehr furchtsam und scheu ist: Rengger versichert, daß er nur zufällig zu Beobachtungen habe gelangen können. Einmal machten ihn angenehm flötende Töne aufmerksam, und er sah ein altes Männchen, furchtsam umherblickend, auf die nächsten Baumgipfel näher kommen; ihm folgten zwölf oder dreizehn andere Affen beiderlei Geschlechts, von denen drei Weibchen teils auf dem Rücken, teils unter einem Arme Junge trugen. Plötzlich erblickte einer von ihnen einen nahe stehenden Pomeranzenbaum mit reifen Früchten, gab einige Laute von sich und sprang auf den Baum zu. Nach wenigen Augenblicken war die ganze Gesellschaft dort versammelt und beschäftigte sich mit Abreißen und Fressen der süßen Früchte. Einige fraßen gleich auf dem Baume; die anderen sprangen, mit je zwei Früchten beladen, auf einen der nächsten Bäume, dessen starke Äste ihnen eine bequeme Tafel abgaben. Sie setzten sich auf einen Ast, umschlangen diesen mit ihrem Schwanze, nahmen dann eine der Pomeranzen zwischen die Beine und versuchten nun bei dieser die Schale in der Vertiefung des Stielansatzes mit den Fingern zu lösen. Gelang es ihnen nicht sogleich, so schlugen sie unwillig und knurrend die Früchte zu wiederholten Malen gegen den Ast, wodurch die Schale einen Riß erhielt. Kein einziger versuchte, die Schale mit den Zähnen zu lösen, wahrscheinlich weil sie den bitteren Geschmack derselben kannten; sobald aber eine kleine Öffnung in derselben gemacht worden war, zogen sie mit der Hand rasch einen Teil davon ab, leckten gierig von dem herabträufelnden Safte, nicht nur an der Frucht, sondern auch den, der an ihrem Arme oder der Hand war, und verzehrten dann das Fleisch. Der Baum war bald geleert, und jetzt suchten die stärkeren Affen die schwächeren um das ihrige zu berauben, schnitten dabei die seltsamsten Gesichter, fletschten die Zähne, fuhren einander in die Haare und zausten sich tüchtig. Andere durchsuchten die abgestorbene Seite des Baumes, hoben die trockene Rinde vorsichtig auf und fraßen die darunter hausenden Kerbtierlarven. Als sie sich gesättigt hatten, legten sie sich in der bei den Brüllaffen beschriebenen Stellung der Länge nach über einen wagerechten Ast weg, um zu ruhen. Die Jüngeren begannen miteinander zu spielen und zeigten sich dabei sehr behend. An ihrem Schwanze schaukelten sie sich oder stiegen an ihm wie an einem Stricke in die Höhe.

Die Mütter hatten ihre Not mit den Kindern, denen nach den süßen Früchten gelüstete. Anfangs schoben sie ihre Sprößlinge noch langsam mit der Hand weg, später zeigten sie ihre Ungeduld durch Grunzen, dann faßten sie das ungehorsame Kind bei dem Kopfe und stießen es mit Gewalt auf den Rücken zurück. Sobald sie sich aber gesättigt hatten, zogen sie das Junge wieder sachte hervor und legten es an die Brust. Die Mutterliebe zeigte sich durch die große Sorgfalt, mit der jede Alte ihr Junges behandelte, durch das Anlegen desselben an die Brust, durch beständiges Beobachten, durch das Absuchen seiner Haut und durch die Drohungen gegen die übrigen Affen, die sich ihm nahten.

Der Kapuziner wird häufig eingefangen und gezähmt. Alte wollen sich nicht an die Gefangenschaft gewöhnen: sie werden traurig, verschmähen, Nahrung zu sich zu nehmen, lassen sich niemals zähmen und sterben gewöhnlich nach wenigen Wochen; der junge Affe dagegen vergißt leicht seine Freiheit, schließt sich den Menschen an und teilt, wie viele andere Ordnungsgenossen, sehr bald mit dem Menschen Speisen und Getränke. Er hat, wie alle seine Gattungsverwandten, ein sanftes Aussehen, das mit seiner großen Gewandtheit nicht im Einklang zu stehen scheint. Gewöhnlich stellt er sich auf Hände und Füße und streckt dabei den am Ende etwas eingerollten Schwanz aus. Der Gang auf ebenem Boden geschieht sehr verschieden, bald im Schritte, bald im Trabe, und ist bald ein Hüpfen oder endlich ein Springen. Zum Schlafen rollt er sich zusammen und bedeckt das Gesicht mit den Armen und dem Schwanze. Er schläft des Nachts und, wenn die Hitze groß ist, in den Mittagsstunden; während der übrigen Tageszeit ist er in beständiger Bewegung.

Unter den Sinnen des Tieres steht der Tastsinn obenan; die übrigen sind schwach. Er ist kurzsichtig und sieht bei Nacht gar nicht; er hört schlecht, denn man kann ihn leicht beschleichen. Noch schwächer scheint sein Geruch zu sein; denn er hält jeden zu beriechenden Gegenstand nahe an die Nase und wird noch immer oft genug durch den Geruch getäuscht und verleitet, Sachen zu kosten, die ihm der Sinn des Geschmacks als ungenießbar bezeichnet. Der Tastsinn ersetzt die Schwächen der übrigen Sinne wenigstens einigermaßen. Er zeigt sich hauptsächlich in den Händen, weniger in den Füßen und gar nicht im Schwanze. Durch Übung und Erziehung wird dieser Sinn einer großen Vervollkommnung fähig. Renggers Gefangener brachte es so weit, daß er seinen Herrn in der dunkelsten Nacht erkannte, sobald er nur einen Augenblick dessen gewöhnliche Kleidung betastet hatte.

Die Laute, die der Kapuziner von sich gibt, wechseln im Einklange mit seinen Gemütsbewegungen. Man hört am häufigsten einen flötenden Ton von ihm, der, wie es scheint, aus Langeweile ausgestoßen wird. Verlangt er dagegen etwas, so stöhnt er. Erstaunen oder Verlegenheit drückt er durch einen halb pfeifenden Ton aus; im Zorne schreit er mit tiefer und grober Stimme mehrmals »hu, hu!« Bei Furcht oder Schmerz kreischt, bei freudigen Ereignissen dagegen kichert er. Mit diesen verschiedenen Tönen teilt der Leitaffe seiner Herde auch in der Freiheit seine Empfindungen mit. Diese sprechen sich übrigens nicht allein durch gute Laute und Bewegungen, sondern zuweilen auch durch eine Art von Lachen und Weinen aus. Das erstere besteht im Zurückziehen der Mundwinkel; er gibt dabei aber keinen Ton von sich. Beim Weinen füllen sich seine Augen mit Tränen, die jedoch niemals über die Wangen herabfließen. Auch dieser Affe unterscheidet männliche oder weibliche Menschen; der männliche Affe liebt mehr Frauen und Mädchen, der weibliche mehr Männer und Knaben. Es kommt nicht selten vor, daß sich die Kapuziner in der Gefangenschaft begatten und dort Junge gebären. Ihre Zärtlichkeit für dieselben scheint hier noch größer zu sein als in der Freiheit. Die Mütter geben sich den ganzen Tag mit ihrem Kinde ab.

Die geistigen Eigenschaften des Kapuziners sind unserer vollsten Beachtung wert. Er lernt schon in den ersten Tagen seiner Gefangenschaft seinen Herrn und Wärter kennen, sucht sich bei ihm Nahrung, Wärme, Schutz und Hilfe, vertraut ihm vollständig, freut sich, wenn dieser mit ihm spielt, läßt sich alle Neckereien gern von ihm gefallen, zeigt nach einer Trennung beim Wiedersehen eine ausgelassene Freude und gibt sich dem Gebieter zuletzt so hin, daß er bald seine Freiheit ganz vergißt und zum halben Haustiere wird.

Der Aella oder braune Rollaffe (Cebus Apella) vertritt den Kapuziner in Guiana. Sein Körperbau ist ziemlich gedrungen; der verhältnismäßig reichliche Pelz besteht aus glänzenden Haaren, die über der Stirn und zu beiden Seiten des Kopfes wulstig zu einem Schopfe sich erheben und im Gesichte zu einem Barte sich verlängern; ihre allgemeine braunschwarze Färbung geht auf Rücken, Schwanz und Schenkeln in Schwarz über; Gesicht und Kehle sind gewöhnlich lichter, und auf dem Scheitel verläuft regelmäßig ein dunkler Streifen. In der Größe kommt dieser Affe dem Kapuziner ungefähr gleich.

Mehr dem Südosten, namentlich der Ostküste Brasiliens, gehört der Faunaffe, der Pfifferaffe der deutschen Ansiedler, an, eine durch eigentümliche Wucherung der Kopfhaare sehr auffallende und leicht kenntliche Art (Cebus Fatuellus). Er erreicht ungefähr dieselbe Größe wie der Kapuziner, nach dem Prinzen von Wied auch wohl die eines starken Katers, hat kräftige, muskelige Glieder, runden Kopf und rundes Gesicht und einen mehr als körperlangen, starken, ziemlich dicken und dicht behaarten Schwanz. Backen und Seiten der Schläfe sind mit weißgelblichen feinen Haaren besetzt; um das ganze Gesicht herum bilden glänzend schwarze Haare einen Kranz und auf dem Scheitel einen geteilten Schopf, dessen beide Büschel etwa 4 Zentimeter lang sind. In der Mitte zwischen diesen beiden Haarwucherungen ist das Haar kurz und glänzend schwarz; auf dem Halse wird es bräunlich, unter dem Kinn schwarzbraun, auf Kehle, Brust, Hals, den Seiten, auf Bauch und Vorderteilen der Arme gelbbräunlich, auf dem übrigen Körper sieht es schwarzbraun, oben fast schwarz aus, zeigt aber überall hellgelbliche Spitzen. Der Prinz von Wied traf den Faunaffen in den großen Waldungen zwischen dem 23. und 21. Grade südlicher Breite, Hensel ebenso häufig in Rio Grande do Sul an.

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In der dritten Unterfamilie vereinigen wir die Schlaffschwänze (Aneturae), meist kleine oder doch nur mittelgroße Affen mit schlaffen, allseitig behaarten, greifunfähigen Schwänzen, deren letzte Wirbel stetig dünner werden.

Die Schweifaffen (Pithecia) haben einen gedrungen gebauten Leib, der durch die lange und lockere Behaarung noch plumper erscheint, als er wirklich ist, verhältnismäßig kräftige Glieder und einen dicken buschigen, nach der Spitze zu meist mit verlängerten Haaren bekleideten Schwanz. Von den übrigen Breitnasen unterscheiden sie sich durch ihr Gebiß.

Das Verbreitungsgebiet der wenigen Arten dieser Gruppe beschränkt sich auf die nördlichen Teile Südamerikas. Hier bewohnen sie hohe, trockene, von Unterholz freie Wälder, von anderen Affen sich fernhaltend. Nach Tschudi sind sie Dämmertiere.

Die gemeinste Art der Sippe ist der Satansaffe (Pithecia Satanas) ein 40 Zentimeter langes Tier mit fast ebenso langem Schwanze. Der ganz runde Kopf wird durch eine Art von Mütze ausgezeichnet, die aus nicht sehr langen, dicht anliegenden Haaren besteht, die sich von einem gemeinsamen Wirbel auf der Höhe des Hinterhauptes strahlenförmig ausbreiten und auf dem Vorderkopfe gescheitelt erscheinen.

Eine zweite Art der Sippe, der Weißkopfaffe (Pithecia leucocephala) ändert nach Alter und Geschlecht vielfach ab und hat deshalb viele Benennungen erhalten. Alte Männchen sind am ganzen Körper schwarz, nur an den Vorderarmen etwas lichter gefärbt; den Vorderkopf bis zu den Augenbrauen bekleiden kurze, helle Haare, die in der Mitte der Stirn die schwarze Haut freilassen und an den Wangen sich bartartig verlängern. Das schwarze Gesicht ist mit weißen oder rostfarbigen Haaren besetzt. Ohren, Sohlen, Finger und Nägel sind schwarz.

Vollkommen im Einklänge mit Spix schildert Bates einen Verwandten, den Zottelaffen (Pithecia hirsuta). Er erreicht eine Gesamtlänge von etwa 1 Meter, wovon beinah die Hälfte auf den sehr entwickelten Schwanz gerechnet werden muß, und ist mit ziemlich dicken, bis 12 Zentimeter langen, an der Spitze nach vorn gebogenen Haaren bekleidet, die über die wie kurz geschoren erscheinende Stirn herabhängen, das Gesicht teilweise bedeckend, und den übrigen Leib bärenfellartig bekleiden. Die Hand- und Fußsohlen haben gelbbraune, das Gesicht, soweit es nackt, schwarze Färbung. Spix entdeckte den Zottelaffen in den Waldungen Brasiliens.

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Als die nächsten Verwandten der eben geschilderten Tiere hat man die Kurzschwanzaffen (Brachyurus) anzusehen. Sie unterscheiden sich von jenen hauptsächlich durch ihren außerordentlich kurzen, stummelhaften Schwanz und den minder starken, nur auf den Wangen einigermaßen entwickelten Bart. Die Kurzschwanzaffen gehören ebenfalls den nördlicheren Ländern Südamerikas an, scheinen jedoch nur eine sehr beschränkte Verbreitung zu haben.

Alexander von Humboldt beschrieb zuerst den Cacajao, Chucuto und wie er sonst noch von den Eingeborenen genannt wird (Brachyurus melanocephalus), einen Affen von ungefähr 65 Zentimeter Gesamtlänge, wovon der Schwanz etwa 15 Zentimeter wegnimmt. Der etwas zottige Pelz ist glänzend gelbbraun; alle nackten Teile sehen mattschwarz aus; der Augenring ist nußbraun.

Eine andere Art der Gruppe, das Scharlachgesicht, von den Eingeborenen Uakari genannt (Brachyurus calvus), unterscheidet sich von dem Cacajao durch noch kürzeren Schwanz, der zu einem wulstigen Stummel verkümmert ist, längere Behaarung des Rückens und lichtere Färbung. Seine Gesamtlänge beträgt 40, die Schwanzlänge nur 9 Zentimeter. Die einförmige fahl- oder rotgelbe Färbung des Pelzes geht auf dem Rücken in Fahlweiß, aus der Unterseite in Goldgelb über. Hiervon sticht das lebhaft scharlachrote Gesicht mit den buschigen, gelben Brauen und rotgelben Augen merkwürdig ab.

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Ein schlanker Körper mit schlanken Gliedmaßen und sehr langem, dünnem und schlaffem Schwänze, der runde Kopf mit bartlosem Gesichte und kurzer Schnauze, hellen Augen und großen Ohren, und fünfzehige Hände und Füße kennzeichnen eine kleine Gruppe amerikanischer Affen, die man wegen ihrer Beweglichkeit Springaffen (Callithrix) genannt hat. Sie leben in kleinen Gesellschaften, die aus einer oder einigen Familien bestehen, im den stillen Waldungen Südamerikas und machen sich hier durch ihre laute Stimme sehr bemerklich. Im Gezweige bewegen sie sich mit kurz zusammengezogenem Leibe verhältnismäßig langsam, jedenfalls nicht so schnell als die behenden Rollaffen, unterscheiden sich auch von diesen auf den ersten Blick durch ihre Stellung und das lange Haar, das ihnen ein bärenartiges Ansehen verleiht, sowie endlich durch den schlanken Schwanz, der gewöhnlich gerade herabhängt, seltener aufrecht getragen wird.

Bei dem Sahuassu (Callithrix personata) ist nach Wied der ganze Kopf von der Brust an bis auf die Mitte des Scheitels bräunlichschwarz, der Hinterkopf und Oberhals gelblichweiß, der übrige Leib fahlblaßgraubräunlich, das Haar an der Spitze heller blaßgelblich; am Vorderarme werden die Haare dunkler und ihre Spitzen stechen mehr hervor; Hände und Füße und schwarz, die inneren Seiten der Vorderarme und Schienbeine schwarzbraun, die Vorderseiten der Hinterschenkel fahlhellgelblichgrauweiß; das Bauchhaar hat graubraune Färbung und rötliche Spitzen; der Schwanz endlich ist rötlichgraubraun, auf der Unterseite und an der Wurzel rostrot. Bei den Weibchen erscheint die Färbung blasser. Die gesamte Länge beträgt 82, die Leibeslänge 32, die Schwanzlänge 47 Zentimeter.

Sowohl die eingeborenen Brasilianer, wie die Neger und Indianer stellen dem Sahuassu seines Fleisches wegen nach. Hat der Indianer einen solchen Affen verwundet, und ist derselbe auf dem Baume hängengeblieben, so scheut er die Dicke und Höhe des riesigen Stammes nicht, um ihn zu ersteigen, während in anderen Fällen oft die besten Versprechungen nicht vermögen, ihn aus seiner gewohnten Ruhe zu bringen.

Noch weit schöner gefärbt als der Sahuassu und eines der schönsten Glieder der Unterfamilie überhaupt ist der Witwenaffe (Callithrix lugens). Seine Länge beträgt 92 Zentimeter, wovon 51 Zentimeter auf den Schwanz gerechnet werden müssen. »Das kleine Tier«, sagt Alexander von Humboldt, »hat feines, glänzendes, schön schwarzes Haar, sein Gesicht eine weißliche, ins Blaue spielende Larve, in der Augen, Nase und Mund stehen, sein kleines, wohlgebildetes, fast nacktes Ohr einen umgebogenen Rand. Vorn am Halse steht ein weißer, zollbreiter Strich, der ein Halsband bildet; die Füße sind schwarz wie der übrige Körper, die Hände aber außen weiß und innen glänzend schwarz. Diese weißen Abzeichen deuten die Missionare als Schleier, Halstuch und Handschuhe einer Witwe in Trauer.«

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Als Übergangsglieder zwischen den Neuweltsaffen mit greifendem und denen mit schlaffem Schwänze kann man die Saimiris ansehen. »Wenn auch ihr Schwanz nicht ein wahrer Rollschwanz ist, so kann er doch um mehr als einen halben Umgang um die Zweige gebogen werden und gibt dadurch den Tieren beim Klettern einen größeren Grad von Sicherheit.«

Die Saimiris (Pithesciurus)) sind schlankgebaute Affen mit langen Gliedmaßen, sehr großem, stark länglichem, besonders nach hinten entwickeltem Kopfe, hoher Stirn, kurzem Gesicht, großen, einander sehr genäherten Augen, einfachen, mittelgroßen Ohrmuscheln und wenig reichem Pelze, der aus eigentümlich geringelten Haaren besteht.

Das Totenköpfchen (Pithesciurus sciureus) ist durch seine niedliche Gestalt und die schöne angenehme Färbung ebenso ausgezeichnet wie durch die Zierlichkeit der Bewegungen und durch seine Heiterkeit. Es kann einer der schönsten aller neuweltlichen Affen genannt werden. Sein etwas abschreckender deutscher Name entspricht keineswegs dem wahren Ausdrucke seines Kopfes; das Tier verdankt jenen vielmehr nur einer höchst oberflächlichen und bei genauer Vergleichung sofort verschwindenden Ähnlichkeit. Das sehr schlank gebaute Totenköpfchen hat einen sehr langen Schwanz; sein feiner Pelz ist oben rötlichschwarz, bei recht alten aber lebhaft pomeranzengelb, an den Gliedmaßen grau gesprenkelt und an der Unterseite weiß. Bisweilen herrscht die graue Farbe vor; manchmal erscheint der Kopf kohlschwarz, der Leib zeisiggelb mit schwarzer Sprenkelung, und die Gliedmaßen sehen dann goldgelb aus. Die Gesamtlänge beträgt ungefähr 80, die Schwanzlänge 50 Zentimeter.

Hauptsächlich Guiana ist die Heimat des niedlichen Affen, und namentlich die Ufer der Flüsse dieses reichen Erdstriches werden von ihm bewohnt. Er lebt dort in großen Gesellschaften. Nach Schomburgk gehört er zu den am meisten verbreiteten Arten des Landes. Wie die dort vorkommenden Kapuzineraffen belebt er in zahlreichen Herden die Waldungen der Küste, scheint aber namentlich das Avicenniengebüsch zu lieben, da er mit diesem bis zu einer Meereshöhe von sechshundert Metern emporgeht. Nicht selten vereinigt er sich mit einer Herde Kapuzineraffen. Man findet ihn den Tag über in beständiger Bewegung. Die Nacht bringt er in Palmenkronen zu, die ihm das sicherste Obdach bieten. Er ist sehr scheu und furchtsam, wagt es namentlich bei Nacht nicht, sich zu bewegen, ergreift aber auch bei Tage angesichts der leisesten Gefahr sogleich die Flucht. Dabei sieht man die Herde in langen Reihen über die Baumkronen hinwegziehen. Ein Leitaffe ordnet den ganzen Zug und bringt, dank der Beweglichkeit dieser Tiere, seine Herde gewöhnlich auch sehr bald in Sicherheit. Die Mütter, die Junge haben, tragen diese anfänglich zwischen den Armen, später, nachdem die Kleinen etwas abgehärtet sind, auf dem Rücken. Solche Junge bemerkt man übrigens das ganze Jahr hindurch, woraus also hervorgeht, daß auch diese Affen bezüglich ihrer Fortpflanzung nicht an eine bestimmte Jahreszeit gebunden sind.

Alle Bewegungen der Saimiris sind voll Anmut und Zierlichkeit. Sie klettern ganz vorzüglich und springen mit unglaublicher Leichtigkeit über ziemlich große Zwischenräume. In der Ruhe nehmen sie gern die Stellung eines sitzenden Hundes ein; im Schlafen ziehen sie den Kopf zwischen die Beine, so daß derselbe die Erde berührt. Der Schwanz dient ihnen nur ausnahmsweise anders denn als Steuerruder beim Springen. Sie wickeln ihn zwar zuweilen um einen Gegenstand, sind aber doch nicht imstande, sich damit festzuhalten. Ihre Stimme besteht in einem mehrmals wiederholten Pfeifen. Wenn ihnen etwas Unangenehmes widerfährt, beginnen sie zu klagen und zu winseln. Auch morgens und abends vernimmt man derartige Laute, oft von einer ganzen Gesellschaft, und selbst in der Nacht noch gellt der Schrei der leicht erregten Tiere durch den Wald, das schlummernde Leben desselben weckend.

Der Totenkopf gehört zu den Furchtsamsten der Furchtsamen, solange er sich nicht von seiner vollkommenen Sicherheit überzeugt hat, wird aber zu einem echten Affen, wenn es gilt, handelnd aufzutreten. Er ähnelt einem Kinde in seinem Wesen, und kein anderer Affe sieht auch im Gesichte diesem so ähnlich, wie er: »es ist derselbe Ausdruck von Unschuld, dasselbe schalkhafte Lächeln, derselbe rasche Übergang von Freude zur Trauer«. Sein Gesicht ist der treue Spiegel der äußeren Eindrücke und inneren Empfindungen. Wenn er erschreckt wird, vergießen seine großen Augen Tränen, und auch Kummer gibt er durch Weinen zu erkennen. Auch in der Gefangenschaft klagt und jammert der Saimiri bei der unbedeutendsten Veranlassung. Seine Empfindlichkeit und Reizbarkeit sind gleich groß; doch ist er nicht eigenwillig, und seine Gutmütigkeit bleibt sich fast immer gleich, so daß es eigentlich schwer ist, ihn zu erzürnen. Auf seinen Herrn achtet er mit großer Sorgfalt. Wenn man in seiner Gegenwart spricht, wird bald seine ganze Aufmerksamkeit rege. Er blickt dem Redenden starr und unverwandt ins Gesicht, verfolgt und beobachtet mit seinen lebhaften Augen jede Bewegung der Lippen und sucht sich dann bald zu nähern, klettert auf die Schulter und betastet Zahn und Zunge sorgfältig, als wolle er dadurch die ihm unverständlichen Laute der Rede zu enträtseln suchen.

Seine Nahrung nimmt er mit den Händen, oft auch mit dem Munde auf. Verschiedene Früchte und Blattknospen bilden wohl den größten Teil seiner Mahlzeiten; doch ist er auch ein eifriger Jäger von kleinen Vögeln und Kerbtieren. Ein von Humboldt gezähmter Totenkopf unterschied sogar abgebildete Kerbtiere von anderen bildlichen Darstellungen und streckte, so oft man ihm die bezügliche Tafel vorhielt, rasch die kleine Hand aus, in der Hoffnung, eine Heuschrecke oder Wespe zu erhalten, während ihn Gerippe und Schädel von Säugetieren gleichgültig ließen.

Sein liebenswürdiges Wesen macht ihn allgemein beliebt. Er wird sehr gesucht und zum Vergnügen aller gehalten. Auch bei den Wilden ist er gern gesehen und deshalb oft ein Gast ihrer Hütten. Alt gefangene überleben selten den Verlust ihrer Freiheit, und selbst die, die in der ersten Jugend dem Menschen zugesellt wurden, dauern nicht lange bei ihm aus.

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Azara ist der erste Naturforscher, der uns mit einem der merkwürdigsten aller Affen bekannt gemacht hat. Die Nachtaffen ( Nyctipithecus trivirgatus) bilden gewissermaßen den Übergang von den eigentlichen Affen zu den wie sie nächtlich lebenden und ihnen auch sonst in vieler Hinsicht nicht unähnlichen Halbaffen oder Äffern. Ihr Kopf und ihr Gesichtsausdruck unterscheiden sie augenblicklich von allen bisher genannten und kennzeichnen sie sehr gut. Der kleine rundliche Kopf hat große eulenähnliche Augen; die Schnauze ragt wenig vor und ist breit und groß; die Nasenlöcher öffnen sich ganz nach unten; die Ohren sind klein. Ihr Leib ist gestreckt, weich und locker behaart, der etwas buschige Schwanz länger als der Körper. Die Nägel sind zusammengedrückt und gebogen. Die Färbung des Pelzes sieht oben graubraun, mehr oder weniger rostfarbig aus; der Schwanz hat eine schwarze Spitze. Auf dem Scheitel finden sich drei gleich breite, schwarze, miteinander gleichlaufende Streifen; von dem Nacken bis zur Schwanzwurzel zieht sich ein breiter, hellgelblich brauner Streifen herab. Alle Haare sind fein und sehr weich anzufühlen.

Der Verbreitungskreis des Nachtaffen oder Mirikina scheint über den Osten des wärmeren Südamerikas sich zu erstrecken, das Vorkommen jedoch auf einzelne Teile des Landes zu beschränken. Rengger behauptet, daß er sich in Paraguay bloß am rechten Ufer des Flusses, und zwar nur bis zum 25. Grade südlicher Breite finde, am linken Ufer aber nicht vorkomme. Von seinem Freileben ist nur wenig bekannt. Er bringt sein Leben auf und in Bäumen zu, geht während der Nacht seiner Nahrung nach und zieht sich am Morgen in eine Baumhöhle zurück, um hier den Tag über zu schlafen. Beim Sammeln von Brennholz fanden die Leute unseres Naturforschers einmal ein Pärchen dieser Affen, die in einem hohlen Baume schliefen. Die aufgescheuchten Tiere suchten sogleich zu entfliehen, waren aber von dem Sonnenlichte so geblendet, daß sie weder einen richtigen Sprung machen, noch sicher klettern konnten. Sie wurden deshalb leicht eingefangen, obwohl sie sich mit ihren scharfen Zähnen zu verteidigen suchten. Das Lager bestand aus Blättern und war mit einer Art von Baummoos ausgelegt, woraus hervorzugehen scheint, daß diese Tiere an einem bestimmten Ort leben und sich allnächtlich in dasselbe Lager zurückziehen. Rengger behauptet, daß man immer nur ein Pärchen, niemals größere Gesellschaften antreffe; Bates dagegen gibt an, daß letzteres sehr wohl der Fall sei. »Diese Affen«, sagt er, »schlafen zwar über Tages, werden jedoch durch das geringste Geräusch erweckt, so daß derjenige, der an einem von ihnen zum Schlafplatze erwählten Baume vorübergeht, oft nicht wenig überrascht wird durch das plötzliche Erscheinen einer Gruppe von gestreiften Gesichtern, die bis dahin in einer Höhle des Baumes zusammengedrängt waren. In dieser Weise entdeckte ein indianischer ›Gevatter‹ von mir eine Siedelung, aus der ich ein Stück erhielt.«

Der junge Mirikina läßt sich leicht zähmen, der alte hingegen bleibt immer wild und bissig. Mit Sorgfalt behandelt, verträgt er die Gefangenschaft gut; durch Unreinlichkeit aber geht er zugrunde. Man hält ihn in einem geräumigen Käfige oder im Zimmer und läßt ihn frei herumlaufen, weil er sich leicht in den Strick verwickelt, wenn man ihn anbindet. Während des ganzen Tages zieht er sich in die dunkelste Stelle seiner Behausung zurück und schläft. Dabei sitzt er mit eingezogenen Beinen und stark nach vorn gebogenem Rücken und versteckt das Gesicht zwischen seinen gekreuzten Armen. Weckt man ihn auf und erhält ihn nicht durch Streicheln oder andere Liebkosungen wach, so schläft er sogleich wieder ein. Bei hellen Tagen unterscheidet er keinen Gegenstand; auch ist sein Augenstern alsdann kaum noch bemerkbar. Wenn man ihn aus der Dunkelheit plötzlich ans Licht bringt, zeigen seine Gebärden und kläglichen Laute, daß ihm dasselbe einen schmerzlichen Eindruck verursacht. Sobald aber der Abend anbricht, erwacht er; sein Augenstern dehnt sich mehr und mehr aus, je mehr das Tageslicht schwindet, und wird zuletzt so groß, daß man kaum noch die Regenbogenhaut bemerkt. Das Auge leuchtet wie das der Katzen und der Nachteulen, und er fängt nun mit eintretender Dämmerung an, in seinem Käfige umherzugehen und nach Nahrung zu spähen. Dabei erscheinen seine Bewegungen leicht, wenn auch auf ebenem Boden nicht besonders gewandt, weil seine hinteren Glieder länger als die vorderen sind. Im Klettern aber zeigt er große Fertigkeit, und im Springen von einem Baume zum andern ist er Meister. Rengger ließ seinen gefangenen Mirikina zuweilen bei hellen Stern- und Mondnächten in einem mit Pomeranzenbäumen besetzten, aber ringsum eingeschlossenen Hofe frei. Da ging es dann lustig von Baum zu Baum, und es war keine Rede davon, das Tier bei Nacht wieder einzufangen. Erst am Morgen konnte man ihn ergreifen, wenn er vom Sonnenlichte geblendet ruhig zwischen den dichtesten Zweigen der Bäume saß. Bei seinen nächtlichen Wanderungen erhaschte er fast jedesmal einen auf den Bäumen schlafenden Vogel. Andere, die Rengger beobachtete, zeigten sich außerordentlich geschickt im Fangen von Kerbtieren. Des Nachts hörte man oft einen starken, dumpfen Laut vom Mirikina, und er wiederholte dann denselben immer mehrmals nacheinander. Reisende haben diesen Laut mit dem fernen Brüllen eines Jaguars verglichen. Seinen Zorn drückt er durch ein wiederholtes »Grr, Grr« aus. Unter den Sinnen dürfte das Gehör obenan stehen. Das geringste Geräusch erregt sogleich seine Aufmerksamkeit. Sein Gesicht ist bloß während der Nacht brauchbar, das Tageslicht blendet ihn so, daß er gar nicht sehen kann. In sternhellen Nächten sieht er am besten. Die geistigen Fähigkeiten scheinen gering zu sein. Er lernt niemals seinen Herrn kennen, folgt seinem Rufe nicht und ist gegen seine Liebkosungen gleichgültig. Selbst zur Befriedigung seiner Begierden und Leidenschaften sieht man ihn keine Handlung ausführen, die auf einigen Verstand schließen ließe. Rengger hat bloß eine große Anhänglichkeit zwischen Männchen und Weibchen bemerkt. Ein eingefangenes Paar geht stets zugrunde, wenn eines seiner Glieder stirbt, das andere grämt sich zu Tode. Die Freiheit lieben die Tiere über alles, und sie benutzen deshalb jede Gelegenheit, um zu entweichen, auch wenn man sie jung gefangen und schon jahrelang in der Gefangenschaft gehalten hat.

 

Die Krallen- oder Eichhornaffen ( Arctopitheci) unterscheiden sich von allen bisher genannten Mitgliedern ihrer Ordnung hauptsächlich dadurch, daß sie mit Ausnahme der Daumenzehen des Fußes an allen Fingern und Zehen schmale Krallennägel, an der Daumenzehe aber einen hohlziegelförmigen breiten Nagel tragen. Außerdem kennzeichnen sie: der rundliche Kopf mit kurzem, plattem Gesicht, kleinen Augen und großen, oft durch Haarbüschel gezierten Ohren, der schlanke Leib, die kurzen Gliedmaßen, die krallenartigen Hände, deren Daumen den übrigen Fingern nicht entgegengesetzt werden kann, während dies bei der Daumenzehe der Fall ist, der lange und buschige Schwanz und der seidenweiche Pelz. Es sind also bei ihnen die Hände zu eigentlichen Pfoten geworden, und nur die Füße zeigen noch ähnliche Bildung wie bei anderen Affen.

Das Verbreitungsgebiet der Krallenaffen umfaßt alle nördlichen Länder der Südhälfte Amerikas und dehnt sich nördlich bis Mexiko aus, während es nach Süden hin kaum über Brasilien hinausreicht. Die Verbreitungsgebiete verschiedener Krallenaffen grenzen dicht aneinander, da der Wohnort einer jeden Art meist sehr beschränkt zu sein scheint und nur ausnahmsweise eine von ihnen über größere Landesstrecken sich verbreitet. »Breitere Flüsse«, sagt Wied, »bilden oft die Grenzen, und der reisende Beobachter findet plötzlich eine Art durch eine andere ersetzt, die nur durch geringe Unterschiede von ihr getrennt und dennoch bestimmt artlich verschieden ist.«

Verschiedene Früchte, Samen, Pflanzenblättchen und Blüten bilden einen Hauptteil der Nahrung unserer Äffchen; nebenbei aber stellen sie mit dem größten Eifer allerlei Kleingetier nach, Kerbtiere, Spinnen und dergleichen kleinen Wirbeltieren unzweifelhaft bevorzugend, diese aber ebenfalls nicht verschmähend. Jedenfalls sind sie mehr als alle übrigen Affen Raubtiere, d.  h. fressen mehr als letztere tierische Stoffe neben den pflanzlichen.

Löwenäffchen ( Leontopithecus) nennt man diejenigen Arten, die nacktes Gesicht und nackte Ohren, einen körperlangen, dünnen, am Ende oft gequasteten Schwanz haben und am Kopfe allein oder am Kopfe, Halse und den Schultern nebst den Vordergliedern eine mehr oder weniger lange Mähne tragen. Als Urbild dieser Gruppe gilt das Löwenäffchen ( Hapale leonia), das Alexander von Humboldt entdeckte. Die Leibeslänge des Tierchens beträgt 20 bis 22 Zentimeter, die Schwanzlänge ebensoviel. Ein schwer zu beschreibendes Olivenbräunlich ist die vorherrschende Färbung des Pelzes, der auf dem Rücken weißlichgelb gefleckt und gestrichelt erscheint. Die lange Mähne ist ockergelb, der Schwanz oberseits schwarz, unterseits leberbraun.

Das Löwenäffchen ist, sagt Humboldt, eines der schönsten, feingebildetsten Tiere, die ich je gesehen habe, lebhaft, fröhlich, spiellustig, aber wie fast alles Kleine in der Tierschöpfung, hämisch und jähzornig. Reizt man es, so schwillt ihm der Hals ersichtlich, die lockeren Haare desselben sträuben sich, und die Ähnlichkeit zwischen ihm und einem afrikanischen Löwen wird dann auffallend. Ihre bald zwitschernde, bald pfeifende Stimme gleicht der anderer Affen dieser Gruppe.

Unter der Bezeichnung »Löwenäffchen« verstehen unsere Händler eine verwandte Art, das Röteläffchen ( Hapale Rosalia). Es gehört zu den größeren Arten der Gruppe, da seine Gesamtlänge 65 bis 75 Zentimeter beträgt; wovon 25 bis 30 auf den Leib zu rechnen sind und das übrige auf den Schwanz kommt.

Von dem Löwenäffchen im engsten Sinne unterscheiden sich die Tamarins ( Midas) bloß dadurch, daß die Kopf- und Schulterhaare in der Regel nicht entwickelt sind und der Schwanz gewöhnlich den Leib an Länge übertrifft. Als Übergangsglied von den bemähnten zu den mähnenlosen Tamarins mag die Pinche ( Hapale Oedipus) erwähnt sein. Das Tier besitzt noch lange Kopfhaare, die über die Stirnmitte hervortreten und vom Hinterhaupte herabhängen; die Stirnseiten dagegen sind nackt. Ausgewachsene Männchen erreichen eine Länge von 66 bis 70 Zentimeter, wovon 40 bis 42 auf den Schwanz kommen. Der Pelz hat eine erdbraune Färbung. Wie es scheint, beschränkt sich das Verbreitungsgebiet dieser Art auf Columbia und das nördliche China.

Zur Vervollständigung will ich noch des Silberäffchens ( Hapale argentata) Erwähnung tun. Das Tierchen, unbedingt eines der schönsten aller Äffchen, erreicht nach Bates bloß eine Länge von 42 bis 45 Zentimeter, wovon ungefähr 25 Zentimeter auf den Schwanz kommen. Das lange, seidige Haar ist silberweiß, der Schwanz matt schwarz, das fast nackte Gesicht fleischfarben.

 

Die Seidenäffchen ( Jacchus) unterscheiden sich von den bisher aufgeführten Arten der Familie hauptsächlich durch einen mehr oder weniger entwickelten Haarbüschel vor und über den Ohren, deren Muscheln meist am äußeren Rande behaart sind.

Das häufigste Mitglied dieser Gruppe scheint der Saguin ( Hapale Jacchus) zu sein, ein mittelgroßes Krallenäffchen von 22 bis 27 Zentimeter Leibes- und 30 bis 35 Zentimeter Schwanzlänge, zierlich gebaut und mit langem und weichem Pelze bekleidet. Die Färbung des letzteren besteht im allgemeinen aus Schwarz, Weiß und Rostgelb und wird durch die eigentümliche Zeichnung der Haare selbst bewirkt, die an der Wurzel schwärzlich, dann rostgelb, hierauf wieder schwarz und endlich an der Spitze weißlich sind.

Fast ebenso häufig wie der Saguin ist das Pinsel- oder Weißstirnäffchen ( Hapale penicillata), ein jenem in der Größe annähernd gleichkommendes Tierchen, von ähnlicher Färbung.

Nach Europa gelangen lebende Saguins häufiger als jede andere Art ihrer Familie. Man kennt sie schon seit der Entdeckung von Amerika und hat sie stets in der Gefangenschaft gehalten. Sie lassen sich mit Obst, Gemüse, Kerbtieren, Schnecken und Fleisch recht gut ernähren, werden auch gewöhnlich sehr bald zutraulich doch nur gegen diejenigen, die sie beständig pflegen. Fremden gegenüber zeigen sie sich mißtrauisch und reizbar, überhaupt sehr eigensinnig wie ein ungezogenes Kind. Ihren Unwillen geben sie durch pfeifende Töne zu erkennen. Sie pflanzen sich auch in der Gefangenschaft fort. Hierüber berichtet Pallas:

Das Weibchen trägt ungefähr drei Monate und kann zweimal im Jahre werfen. Die Mutter hat hier nun schon seit nicht ganz zwei Jahren das dritte Mal, auf jeden Wurf zwei Junge, und zwar größtenteils Männchen gebracht, und diese sind alle glücklich aufgewachsen, und nur zwei nach erreichtem vollkommenen Wachstum gestorben. Die Jungen, die die ersten Wochen hindurch ganz kahl sind, lassen sich von der Mutter immer umhertragen und klammern sich gleich hinter den großen, mit weißen, langen Haaren umpflanzten Ohren so dicht und versteckt an, daß man nur den Kopf mit den munteren Augen zu sehen glaubt. Wenn die Mutter ihrer überdrüssig ist, reißt sie dieselben ab und wirft sie den Männchen auf den Hals oder schlägt und zankt auf dieses los, bis es die Jungen aufnimmt. Nachdem diese Haare bekommen haben, sucht sie die Alte, etwa nach einem Monat oder sechs Wochen, zu entwöhnen.

Zu derselben Gruppe zählt auch der kleinste aller Affen, das Zwergseidenäffchen (Hapale pygmaea), ein Tierchen von höchstens 32 Zentimeter Länge, wovon ungefähr die Hälfte auf den Schwanz kommt. Der Pelz ist oben und außen lehmgelb und schwarz gemischt, auf den Pfoten rotgelb. Dunkle Querbänder verlaufen vom Rücken aus über die Seiten und Schenkel. Der Schwanz hat undeutliche Ringe. Jeder einzelne zeigt an der Wurzel eine schwarze, in der Mitte rotgelbe, gegen die Spitze hin wieder schwarz und weiße Färbung. Spix entdeckte dieses niedliche Geschöpf bei Tabatinga am Ufer des Solimoëns in Brasilien.

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