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Brehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band

Alfred Brehm: Brehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band - Kapitel 83
Quellenangabe
authorAlfred Brehm
titleBrehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
year1876
illustratorGustav Mützel,Ludwig Beckmann, C. F. Deiker, Robert Kretschmer
firstpub1876
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180726
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Hiänenhunde ( Lycaon).

Als Uebergangsglied von den Hunden zu den verwandten Hiänen betrachtet man eine der merkwürdigsten und zugleich am schönsten gezeichneten Arten der Hundefamilie: den Hiänenhund. Man hat auch ihn zum Vertreter einer eigenen Sippe erhoben, obgleich sein Gebiß von dem anderer Hunde nicht sicher unterschieden werden kann und auch der Schädel dem Hundeschädel im wesentlichen gleicht. Nach Pagenstechers Untersuchungen weicht das Gebiß von dem des Wolfes nur dadurch ab, daß der letzte obere Mahlzahn dort dreieckig und klein, hier viereckig und groß ist, die bei anderen Hunden kleinen Lückzähne bei dem Hiänenhunde groß sind und die hinteren an ihrem Hinterrande zwei starke Sägezacker zeigen. Der Schädel vergleicht sich »einem verhältnismäßig kleinen, etwas kurzen, stumpfen, breitgesichtigen Hundeschädel, an welchem die Nasenkanäle lang, mit weiten Nebenhöhlen versehen und durch ihre Weite zum Athmen bequem sind, die Trommelbeine durch ihre beträchtliche Entwickelung ein feines Gehör anznzeigen scheinen, und an welchem die weit abstehenden Jochbogen und die Kammleiste auf kräftige Muskeln hindeuten«. Auch bezüglich der Anzahl und der Verhältniszahlen der Wirbel steht das Thier den Hunden gleich, erscheint also nur äußerlich als ein Mittelglied zwischen Hunden und Hiänen. Sein Leib ist schlank, aber doch kräftig gebaut, der Kopf mäßig, eher klein als groß, die Schnauze stumpf; Gehör und Gesicht sind sehr entwickelt, die Ohren hoch, breit und fast nackt, die rundsternigen Augen groß. Die mäßig hohen Beine, mit kräftigen, vorn und hinten vierzehigen Füßen, der mittellange, nicht besonders buschige Schwanz und das in höchst eigenthümlicher Weise gefärbte, kurz- und glatthaarige Fell dienen zur weiteren Kennzeichnung der Gruppe.

Der Hiänen-, Steppen- und gemalte Hund oder die Jagdhiäne, Simr der Araber, Tekuela der Abessinier, Mebbie oder Mebbra der Westafrikaner ( Lyacon pictus, L. venaticus, typicus, tricolor, Hyacena picta und venatica, Canis pictus und tricolor, Kynos pictus), erreicht eine Länge von 1,35 bis l,5 Meter, wovon 35 bis 40 Centim. auf den Schwanz kommen, 70 bis 75 Centim. Höhe am Widerrist und ein Gewicht von 30 bis 35 Kilogramm, hat also ungefähr die Größe eines schmächtigen Wolfes oder mittelgroßen Fleischerhundes, in seiner Gestalt aber größere Aehnlichkeit mit letzterem. Bei aller Schlankheit und Leichtigkeit des Baues macht er den Eindruck eines kräftigen und starken Thieres. Es gibt kaum zwei von diesen Hunden, welche vollkommen gleich gezeichnet wären: nur am Kopfe und am Nacken hat die Zeichnung eine gewisse Beständigkeit. Weiß, Schwarz und Ockergelb bilden die Hauptfarben. Bei dem einen ist die weiße, bei dem anderen die schwarze Farbe vorherrschend und so gleichsam Grundfärbung, von welcher die lichteren oder dunkleren Flecken ziemlich grell abstechen. Auch die Flecken sind unregelmäßig, bald kleiner, bald größer, sehr verschieden gestaltet und oft über den ganzen Leib vertheilt, die weißen und ockerfarbenen aber immer schwarz gesäumt. Die Schnauze ist bis zu den Augen hinauf schwarz, und diese Färbung setzt sich auch noch in langen Streifen zwischen den Augen und Ohren, längs des Scheitels, des Oberkopfes und Nackens fort. Die Lauscher sind schwarz, die Seher braun. Die Schwanzwurzel ist ockerfarben, die Schwanzmitte schwarz, die buschige Blume weiß oder ockergelb.

Wie die neueren Forschungen lehren, verbreitet sich der Hiänenhund über einen großen Theil Afrika's. Früher kannte man ihn nur aus der Kapgegend; später fand ihn Rüppell in der Bahiudawüste aus; neuere Reisende haben ihn am Kongo wie in Mozambik beobachtet. Er ist ein echtes Steppenthier, bunt am Leibe und lebendig vom Geiste. Das Hündische spricht sich in seinem Wesen vorwiegend aus. Er ist Tag- und Nachtthier und liebt zahlreiche Gesellschaften; deshalb findet man ihn stets in Meuten oder Rudeln von dreißig bis vierzig Stücken vereinigt. In früheren Zeiten war er am Kap eine häufige Erscheinung, und vielfache Berichte erwähnen seiner. Daß dabei mannigfaltige Ausschmückungen seiner Naturgeschichte mit unterlaufen, versteht sich von selbst, und noch heute sind wir nicht im Stande, das Wahre immer und überall von dem Unwahren zu säubern. Der Kapuziner Zucchelli gibt in seiner »Missions- und Reisebeschreibung nach Kongo«, welche anfangs des vorigen Jahrhunderts erschien, eine ziemlich ausführliche Beschreibung von ihm. »Es wird nicht undienlich sein«, sagt er, »hier etwas derjenigen Thiere zu gedenken, welche einen natürlichen Haß gegen alle anderen Thiere im Walde haben und dieselben verfolgen und jagen, nämlich der Mebbien. Diese Mebbien sind eine Art wilder Hunde, welche jagen, aber doch von den Wölfen sich sehr unterscheiden. Sie scheinen vielmehr die Eigenschaft der Spürhunde zu haben und von der Natur erschaffen zu sein, die anderen schädlichen Thiere wegzutreiben. Befinden sie sich in dem Walde, so braucht sich kein Wandersmann vor reißenden Thieren zu fürchten. Als einst einer von unserer Mission zu Bamba durch die Wüste reisen wollte, besprach er sich vorher mit dem Fürsten, ob er dies der Löwen und Panther wegen wohl wagen dürfte, und der Fürst erwiderte ihm, daß er ganz ohne Gefahr reisen könne, weil er vor etlichen Tagen in jener Gegend die Mebbien gesehen habe, welche den Weg von allen grimmigen Thieren gereinigt haben würden. Sie vertreiben also die wilden Thiere, obschon sie selbst solche sind; gleichwohl lieben sie den Menschen überaus und fügen ihm nicht den geringsten Schaden zu, weshalb man sie auch ohne Scheu in die Dörfer und sogar bis in die Höfe kommen läßt.

»Ihr Widerwille gegen andere wilde Thiere ist so groß, daß sie die grausamsten Raubthiere, wie Löwen und Panther, anfallen und trotz deren Stärke durch ihre Menge überwältigen und niederreißen. Was sie des Tags über an Beute gemacht haben, das theilen sie des Abends untereinander, und wenn etwas übrig geblieben ist, so schleppen sie es bis in die Dörfer hinein, damit auch die Menschen einen Theil davon zu genießen bekommen. So fahren sie einen Tag und eine Woche fort, bis die Gegend von allen wilden Thieren gereinigt ist; dann gehen sie an einen anderen Ort und setzen ihre Jagd in derselben Weise fort.«

Man erkennt aus dieser Darstellung leicht die Zeit, in welcher sie geschrieben wurde, und die Unklarheit der Beobachtung. Ganz anders lautet schon der Bericht von Kolbe, welcher dieselben Thiere an dem Vorgebirge der guten Hoffnung bemerkte. Hier heißen sie »wilde Hunde«, welche oft in die Dörfer der Hottentotten und in die Häuser der Europäer laufen. Sie fügen dem Menschen kein Leid zu, richten aber unter den Schafen großen Schaden an, wenn sie nicht vertrieben werden; denn sie reißen oft sechszig bis hundert Stück Schafe nieder, beißen ihnen den Bauch auf, fressen ihnen die Eingeweide aus und laufen dann davon.

Nun vergeht eine lange Zeit, bis desselben Thieres wieder Erwähnung geschieht. Erst Burchell fand den Hiänenhund in der Nähe des Kigariep wieder auf und beobachtete ihn vielfach, brachte auch ein Stück lebendig mit nach England. Dieser Forscher, welcher ihn Jagdhiäne nennt, bestätigt, daß er bei Tage und in Gesellschaft jagt und eine Art von Gebell hören läßt, welches lebhaft an das der Hunde erinnert. Er rühmt auch den Muth und die Munterkeit des Thieres den Hiänen gegenüber, welche nur bei Nacht wie feige Diebe hcrumschleichen.

Rüppell brachte sieben Stück von seiner ersten afrikanischen Reise mit nach Hause. Er hatte sie in der Bahiudawüste in Südnubien erbeutet. Sie waren dort unter dem Namen Simr wohlbekannt und wurden als sehr schädliche Thiere betrachtet. Man redete ihnen nach, daß sie Menschen angriffen, und die neuesten Nachrichten widersprechen dem nicht. Gewöhnlich lagen sie in der Nähe der Brunnen im Hinterhalte, um auf Antilopen und andere kleine Thiere zu lauern.

Ich selbst habe mich vergeblich bemüht, eines der schönen Thiere habhaft zu werden, obgleich mir wiederholt von seinem Vorhandensein erzählt wurde.

Gordon Cumming, ein sehr eifriger Jäger und guter Beobachter, lernte die Steppenhunde im Norden der Kapansiedelung genau kennen. Als er einstmals in einem Verstecke bei einer Quelle auf Wild lauerte, sah er ein von vier gemalten Hunden verfolgtes, von Blut triefendes Gnu heranspringen und sich in das Wasser stürzen. Hier machte es Halt und bot den Hunden die Stirn. Alle vier waren an Kopf und Schultern mit Blut bedeckt, ihre Augen glänzten in gieriger Mordlust, und sie wollten eben ihre Beute packen, als Cumming mit dem einen Laufe seiner Doppelbüchse das Gnu, mit dem anderen einen Hund niederschoß. Die drei noch übriggebliebenen Steppenhunde begriffen nicht, woher das Unheil gekommen, und umkreuzten äugend und sichernd den Ort; da schoß Cumming einen zweiten an, und alle drei eilten davon. »Diese Hunde«, erzählt er, »jagen im Innern der Ansiedelung in Meuten, deren Zahl bis auf sechszig steigt, mit einer ungeheueren Ausdauer, so daß sie selbst die größte und stärkste Antilope ermatten und überwältigen. An die Büffel wagen sie sich, soviel ich weiß, nicht. Sie verfolgen das Wild, bis es nicht weiter kann, reißen es dann augenblicklich zu Boden und verzehren es in wenigen Minuten. Vor dem Menschen fürchten sie sich weniger als irgend ein reißendes Thier. Die Weibchen erziehen ihre Jungen in großen Höhlen, welche sie in den öden Ebenen graben. Nähert sich der Mensch den Höhlen, so laufen die Hunde weg, ohne ihre Brut zu vertheidigen. Die Verheerung, welche sie unter den Herden der Boers anrichten, sind unglaublich; denn sie tödten und verstümmeln viel mehr Schafe als sie verzehren können. Ihre Stimme ist dreifach verschieden: sehen sie plötzlich einen gefährlich scheinenden Gegenstand, so bellen sie laut; des Nachts, wenn sie in Menge beisammen und durch irgend etwas aufgeregt sind, geben sie Töne von sich, welche klingen, als ob Menschen sprächen, denen dabei die Zähne vor Frost klappern; wenn sie sich sammeln, stoßen sie einen wohlklingenden Laut aus, der etwa so klingt, wie die zweite Silbe des Kukukrufes. Sie behandeln alle zahmen Hunde mit der äußersten Verachtung, warten ihren Angriff ab, kämpfen aber dann mit vereinten Kräften und zerreißen die Feinde gewöhnlich. Die Haushunde erwidern die Feindseligkeit mit Ingrimm und bellen stundenlang, wenn sie die Stimme der wilden auch nur von fern hören.«

Einst hatte sich Cumming in der Nähe eines Wasserbehälters in mondheller Nacht versteckt, ein Wildebeest niedergestreckt, auch eine Hiäne angeschossen und war eingeschlafen, bevor er wieder geladen. Nach einiger Zeit ward er durch sonderbare Töne geweckt, träumte, daß Löwen ihn umlagerten, erwachte mit einem lauten Schrei und sah sich rings von einer Masse knurrender und zähnefletschender, wilder Hunde umgeben. Sie spitzten die Ohren, streckten die Hälse nach ihm aus, während ein Trupp von ungefähr vierzig in etwas größerer Entfernung hin- und hersprang, ein anderer unter Zank und Streit vom Wildebeest fraß. Cumming erwartete, ebenfalls zerrissen zu werden, sprang aber schnell auf, schwenkte seine Decke und redete die wilde Versammlung mit lauter Stimme an. Dies wirkte. Die Thiere zogen sich weiter zurück und bellten aus Leibeskräften. Er begann zu laden: aber der ganze Schwarm war verschwunden, ehe er Feuer geben konnte .... Noch in derselben Nacht kamen fünfzehn Hiänen, machten sich an das Wildebeest, und am anderen Morgen waren von diesem nur noch die größten Knochen übrig. Im Lande der Bakalaharis lief eine Meute wilder Hunde, ein Kudu verfolgend, an Cummings Wagen vorbei und rissen die Antilope ganz nahe bei den Zugochsen, die eben an der Quelle getränkt wurden, nieder. – Ein geschickter und tüchtiger englischer Jäger versichert, daß die Vortrefflichkeit der Nase und die Jagdfähigkeit der Thiere wahrhaft bewunderungswürdig sei. Eine Meute dieser wilden Hunde übertrifft sogar die bestgeschulten Fuchshunde. Sehr häufig entkommt diesen der Verfolgte, bei den wilden Hunden ist dies nur äußerst selten oder niemals der Fall. Unser Jäger glaubt die Krone der Jagdfähigkeit den wilden Hunden ertheilen zu können und spricht sich dahin aus, daß ihre Befähigung zur Jagd eine wirklich außerordentliche ist. Immer sind die Thiere äußerst vorsichtig, wenn sie sich einem wilden Ochsen, Zebra oder einem anderen kräftigen Thiere nähern; um so dreister und kühner aber fallen sie über eine Herde von wehrlosen Wiederkäuern her. Sie scheinen besonderes Vergnügen daran zu finden, den Ochsen die Schwänze abzubeißen, und bringen sie den Thieren hiermit nicht bloß eine schmerzliche Verletzung bei, sondern verursachen ihnen auch eine große Unbequemlichkeit für spätere Zeiten. Und die Hiänenhunde sind nicht eben vorsichtig im Gebrauche ihrer Zähne, sondern beißen manchmal noch mehr ab als den Schwanz.

Wenn die Nomaden der Bahiudasteppe behaupten, daß die Hiänenhunde auch Menschen angreifen, scheinen sie Recht zu haben. Es dürfte sich mit diesen ebenso Verhalten wie mit anderen Raubthieren: verschiedene Umstände werden ihr Betragen mehr oder weniger ändern. Speke erzählt in einem seiner ersten Reiseberichte von einer »Bunthiäne«, welche »in Größe und Ansehen einem starken Wolfe gleichkommt, große Ohren hat, tüchtig läuft, in Meuten jagt, wie ein Hund bellt und deshalb Waldhund genannt wird«, daß drei von diesen Thieren, unverkennbar unsere Hiänenhunde, eines Tages mit lautem Gebelle aus dem Walde hervorstürzten, und einer davon unseren Mann angreisfn wollte, aber umkehrte und davon lief, als dieser sich, um zu schießen, gegen ihn wendete. Heuglin nennt den Hiänenhund trotz seiner wirklich schönen Färbung und hohen Gestalt »ein ebenso unflätiges, sehr stark riechendes als bissiges Thier, welches seine »Falschheit und Hinterlist nicht verleugnen kann« und versichert, daß er, angeschossen, sich nicht scheue, selbst den Menschen anzugehen.

Wie dem übrigens sein möge: ein in hohem Grade anziehendes Geschöpf ist und bleibt dieser buntfarbige Räuber. »Es muß«, so habe ich früher anderswo gesagt, »ein prachtvolles Schauspiel sein, diese schönen, behenden und lautenThiere jagen zu sehen. Eine der großen, wehrhaften Säbelantilopen ist von ihnen aufgeschreckt worden. Sie kennt ihre Verfolger und eilt mit Aufbietung aller Kräfte der federnden Läufe durch den Graswald der Steppe dahin. Ihr nach stürmt die Meute, kläffend, heulend, winselnd und in unbeschreiblicher Weise lautgebend, ich möchte sagen: aufjauchzend; denn die Laute klingen wie helle Glockenschläge. Weiter geht die Jagd; die Antilope vergißt über der größten Gefahr jede andere. Unbekümmert um den Menschen, welchen sie sonst ängstlich meidet, eilt sie dahin; dicht hinter ihr, in geschlossenem Trupp, folgen die Hiänenhunde, welche den Erzfeind aller Thiere noch viel weniger beachten als ihr geängstigtes Wild. Ihr Lauf ist ein niemals ermüdender, langgestreckter Galopp, ihre Ordnung eine wohlberechnete. Sind die vordersten ermattet, so nehmen die hinteren, welche durch Abschneiden der Bogen ihre Kräfte mehr geschont haben, die Spitze, und so lösen sie sich ab, so lange die Jagd währt. Endlich ermattet das Wild, die Jagd kommt zum Stehen. Ihrer Stärke sich bewußt, bietet die Antilope den mordgierigen Feinden die Stirn. In weiten Bogen fegen die schlanken, spitzigen Hörner über den Boden. Ein und der andere Verfolger wird vielleicht tödtlich getroffen; dieser und jener empfängt einen Schlag mit den scharfen Schalen, welcher ihn taumelnd dahinsinken läßt: aber nach wenigen Sekunden bereits hat eines der älteren erfahreneren Raubthiere das Wild an der Kehle gepackt, und im nächsten Augenblicke hängen ihm so viele am Nacken als Platz finden können. Alle heulen laut auf vor Jagdlust und Blutgier; eines sucht das andere zu vertreiben; man vernimmt die verschiedenartigsten Laute durcheinander. In der Regel liegt das Wild schon nach Verlauf einer Minute röchelnd, verendend am Boden; zuweilen aber gelingt es ihm doch, sich noch einmal zu befreien. Dann beginnt eine neue Hetze und die Jagdhiänen stürmen mit bluttriefender Schnauze hinter dem schweißenden Wilde drein. Ihre Mordgier scheint durch den Tod jedes neuen Opfers gesteigert zu werden; denn so lange sie lebendige Thiere um sich sehen, lassen sie sich gar nicht Zeit zum Fressen, sondern würgen nur, verstümmeln wenigstens. »Am Morgen«, so erzählt der verläßliche Burchell, »kam Philipp mit dem Ochsenzuge; weil dieser aber nicht wie üblich eingehürdet worden war, hatten die Jagdhiänen drei von ihnen die Schwänze abgefressen, einem nur die Quaste, den beiden anderen aber den ganzen Schwanz. Wie schwer der Verlust des Schwanzes für die Ochsen ist, begreift man erst, wenn man bedenkt, daß sie die Fliegen ohne Hülfe des Wedels gar nicht mehr abwehren können. Schafe und Rinder sind den Angriffen dieser Thiere besonders ausgesetzt, die ersteren greifen sie offen an, die letzteren durch listiges Beschleichen.« Wenn sie eine Schafherde überfallen, begnügen sie sich nicht mit den acht bis zwölf Pfund schweren fetten Schwänzen, sondern reißen so viel Stücke nieder, als sie eben können, fressen die Eingeweide der erwürgten und lassen das übrige liegen. Endlich des Mordens satt, stürzen sie sich über die gefällten Opfer her, reißen ihnen den Leib auf und wühlen fressend, heulend, kläffend in den Eingeweiden umher. Jetzt erscheinen sie gänzlich als Hiänen, freßwuthig, unreinlich, blutdürstig im eigentlichen Sinne des Wortes. Vom Muskelfleisch fressen sie wenig; Burchell fand eine frisch getödtete Elenantilope, welcher sie nur die Höhlen ausgefressen hatten und nahm den Rest des Wildes für seine eigene Küche in Anspruch.

Der Hiänenhund scheint ein für die Zähmung vielversprechendes Raubthier zu sein. Er würde einen Spürhund abgeben, wie kein englischer Lord solchen besitzt; aber freilich so ohne weiteres läßt sich ein derartiger Charakter dem Willen des Menschen nicht unterthänig machen. Burchell schildert das Wesen dieses Thieres sehr richtig. Eine gefangene Jagdhiäne, welche er dreizehn Monate lang in seinem Hofe hatte, schreckte Jedermann ab, Zähmungsversuche mit ihr anzustellen, zeigte sich im Verlaufe der Zeit aber doch nicht gänzlich unzugänglich und spielte zuletzt oft mit einem gleich ihr angeketteten Hunde, ohne diesen jemals zu verletzen. Ihr Wärter durfte sich jedoch niemals Vertraulichkeiten gegen sie herausnehmen. Im Jahre 1859 sah ich zu meiner großen Freude einen sehr schön gehaltenen und fast erwachsenen Steppenhund in einer Thierschaubude in Leipzig. Der Besitzer derselben besaß außer ihm auch noch zwei junge Nilpferde, die ersten, welche nach Deutschland gekommen waren, und bot somit dem Kundigen einen seltenen Genuß. Der Hund ergötzte Jedermann durch seine außerordentliche Lebendigkeit und Beweglichkeit. Bei meinen vielfachen Besuchen in jener Bude habe ich ihn kaum eine Minute lang ruhig gesehen. Allerdings konnte er auch nur diejenigen Bewegungen ausführen, welche ihm seine Kette zuließ; allein niemals sprang er in derselben einförmigen Weise hin und her, in welcher sich andere eingesperrte Raubthiere zu bewegen pflegen, wußte vielmehr die mannigfaltigsten Abwechselungen in seine Sprünge zu bringen. Die Lust, größere Thiere anzugreifen, war bei ihm sehr ausgeprägt; denn so oft sich ihm die Nilpferde näherten oder ihm auch nur einen Theil ihres Körpers zuwandten, versuchte er es, sie wenigstens zu zwicken, da ihm das dicke Fell seiner Genossen natürlich undurchdringlich war. Aeußerst spaßhaft sah es aus, wenn er ein Nilpferd am Kopfe angriff. Der ungeschlachte Riese öffnete gutmüthig ernst seinen ungeheueren Rachen, als wolle er dem übermüthigen Hunde anrathen, sich in Acht zu nehmen, und dieser versuchte es dann auch wirklich nicht, den gar zu gefährlich aussehenden, aber im Grunde doch harmlosen Wasserbewohner anzugreifen. Er war so gut gezähmt, als er vielleicht gezähmt werden kann, und freute sich ungemein, wenn sein Wärter sich ihm näherte und ihn liebkoste. Gleichwohl waren die Hände dieses Mannes über und über mit Bißwunden bedeckt, welche der Hund ihm beigebracht hatte, wahrscheinlich gar nicht in böser Absicht, sondern eben nur aus reinem Uebermuthe und besonderer Lust zum Beißen.

Die Betrachtung des lebenden Steppenhundes ließ sogleich jede Aehnlichkeit zwischen ihm und der Hiäne verschwinden. Schon das kluge, geweckte, muntere und listige, ja übermüthige Gesicht des behenden Gesellen zeigte einen ganz anderen Ausdruck als das dumme, störrische und geistlose der Hiäne. Noch auffallender aber wurde der Unterschied zwischen beiden, wenn man die leichten und zierlichen Bewegungen des Hundes mit denen der Hiäne verglich. Der Hund erschien auch dem Uneingeweihten gleichsam als ein vollendetes Erzeugnis des freundlichen, hellen Tages, während die Hiäne als ein echtes Kind der Nacht sich kundgibt.

Später habe ich mehrere der trefflichen Thiere gesehen und einige auch gefangen gehalten. Ein ungestümer Muthwillen, ein, wie es scheinen will, unbezähmbarer Drang zum Beißen, vielleicht ohne Absicht dadurch wehe zu thun, sondern eher das Bestreben, die quecksilberne Lebendigkeit des regen Geistes zu bethätigen: dies scheint mir das eigentliche Wesen dieses Thieres zu sein. Jede Fieber zuckt und bewegt sich, sobald der Hiänenhund irgendwie in Aufregung geräth. Seine unglaubliche Regsamkeit nimmt das Gepräge der übertriebenen Lustigkeit an und erscheint einen Augenblick später als Wildheit, Bissigkeit, Raublust. »Bellen hilft hier nichts«, läßt Grandville seinen Wolf sagen, »es muß gebissen werden«: hätte er den Steppenhund gekannt, er würde ihm dieses Wort in das Maul gelegt haben. Die meisten beißen wirklich ohne alle Ursache, zu ihrem Vergnügen, zu ihrer Belustigung, auch ohne jegliche Bosheit. Sie beißen den Pfleger, nachdem sie ihm einen Augenblick früher eine Erquickung aus der Hand nahmen; ihre Liebkosungen geschehen ebenso stürmisch wie ihre Angriffe auf Beute.

Jung aufgezogene Hiänenhunde gewöhnen sich bald an eine bestimmte Person, an ihren Wärter, an regelmäßige Besucher ihres Aufenthaltes, und legen beim Erscheinen eines Freundes ihre Freude in einer Weise an den Tag wie kein anderes mir bekanntes Raubthier. Angerufen, erheben sie sich von ihrem Lager, springen wie unsinnig in dem Käfige und an dessen Wänden umher, fangen unter sich aus reinem Vergnügen Streit oder auch wohl ein Kampfspiel an, verbeißen sich in einander, rollen sich auf dem Boden hin und her, lassen plötzlich von einander, durchmessen laufend, hüpfend, springend den Käfig von neuem und stoßen dabei ununterbrochen Laute aus, für welche man keine Bezeichnung findet, da man sie jedoch nicht, wie man gern thun möchte, ein Gezwitscher nennen darf. Tritt der Mensch, welcher die ganze unsägliche Lustigkeit hervorgerufen, in den Käfig, so wird er augenblicklich umlagert, umsprungen, durch die wundersamsten Laute begrüßt und vor reiner Zärtlichkeit – gebissen, mindestens gezwickt. Unbeschreibliche Lebhaftigkeit ist diesen Thieren eigen von Jugend auf. Es mag nicht unmöglich, muß aber gewiß sehr schwer sein, sie zu zähmen: gelänge es, so würde man an ihnen höchst nutzbare Jagdgehülfen gewinnen. Zu Haus- und Stubenthieren eignen sie sich nicht; denn außer ihrer Bissigkeit haben sie noch einen Fehler: sie verbreiten, wie Heuglin sehr richtig sagt, einen unerträglichen Geruch, einen noch schlimmeren fast als die Hiänen.

Bemerken will ich schließlich noch, daß gefangene Hiänenhunde sich ohne sonderliche Umstände fortpflanzen und, was mir als das wichtigste erscheint, bis zehn Junge wölfen; so wenigstens ist in einem Thiergarten beobachtet worden. Leider ergeht es auch ihnen wie so vielen Thieren der Wendekreisländer: sie erliegen auch bei sorgfältigster Pflege früher oder später der Lungenschwindsucht, dem gewöhnlich unheilbaren Leiden, welches unter den Beständen unserer Thiergärten ebensoviele Opfer fordert wie unter den Menschen.

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