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Brehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band

Alfred Brehm: Brehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band - Kapitel 74
Quellenangabe
authorAlfred Brehm
titleBrehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
year1876
illustratorGustav Mützel,Ludwig Beckmann, C. F. Deiker, Robert Kretschmer
firstpub1876
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Wölfe ( Canis Lupus)

Den Urhunden reihen wir die Wölfe (Lupus) als nächste Verwandte an. Sie unterscheiden von jenen, nach Gray, der mäßig große, ziemlich spitzschnauzige Kopf und nicht eben erhebliche Abweichungen des Gebisses, welches aus 42 Zähnen besteht, da in der Unterkinnlade anstatt eines zwei Höckerzähne vorhanden sind.

Der Wolf (Canis lupus, Lupus vulgaris und L. silvestris, Canis lycaon) hat etwa die Gestalt eines großen, hochbeinigen, dürren Hundes, welcher den Schwanz hängen läßt, anstatt ihn aufgerollt zu tragen. Bei schärferer Vergleichung zeigen sich die Unterschiede namentlich in Folgendem: Der Leib ist hager, der Bauch eingezogen; die Läufe sind klapperdürr und schmalpfotig; die langhaarige Lunte hängt bis auf die Fersen herab; die Schnauze erscheint im Verhältnis zu dem dicken Kopfe gestreckt und spitzig; die breite Stirn fällt schief ab; die Seher stehen schief, die Lauscher immer aufrecht. Der Pelz ändert ab nach dem Klima der Länder, welche der Wolf bewohnt, ebensowohl hinsichtlich des Haarwuchses wie bezüglich der Färbung. In den nördlichen Ländern ist die Behaarung lang, rauh und dicht, am längsten am Unterleibe und an den Schenkeln, buschig am Schwanze, dicht und aufrechtstehend am Halse und an den Seiten, in südlichen Gegenden im allgemeinen kürzer und rauher. Die Färbung ist gewöhnlich fahlgraugelb mit schwärzlicher Mischung, welche an der Unterseite lichter, oft weißlichgrau erscheint. Im Sommer spielt die Gesammtfärbung mehr in das Röthliche, im Winter mehr in das Gelbliche, in nördlichen Ländern mehr in das Weiße, in südlichen mehr in das Schwärzliche. Die Stirne ist weißlichgrau, die Schnauze gelblichgrau, immer aber mit Schwarz gemischt; die Lippen sind weißlich, die Wangen gelblich und zuweilen undeutlich schwarz gestreift, die dichten Wollhaare fahlgrau.

Hier und da kommt eine schwarze Spielart des Wolfes vor, welche man als besondere Art (Canis lycaon) aufzustellen versucht, jedoch ebensowohl wie andere als bloße Abänderung aufzufassen hat. Gebirgswölfe sind im allgemeinen groß und stark, Wölfe der Ebenen merklich kleiner und schwächer, keineswegs aber auch minder raub- oder angriffslustig. In Ungarn und Galizien unterscheidet man ganz allgemein den Rohr- und Waldwolf. Ersterer ist röthlichgrau, nicht stärker als ein mittelgroßer Vorstehhund, lebt meistens in zahlreichen Rotten beisammen und liebt ebene, sumpfige, nicht sehr waldreiche Gegenden; letzterer hat aschgraue Färbung, erreicht eine viel bedeutendere Größe als der Rohrwolf, schlägt sich nur während der Ranzzeit in größere Meuten zusammen, bildet außerdem Trupps von zwei bis fünf Stück und bevorzugt zusammenhängende Waldungen. Beide können wohl nur als Spielarten aufgefaßt werden, ebenso wie der in China hausende Tschango (Lupus Chango) schwerlich als besondere Art sich bewähren dürfte. Gray, sein Beschreiber, gibt an, daß er etwas kurzbeiniger als der Wolf, und an den Ohren, den Leibesseiten, den Außenseiten der Glieder mit kurzen blaßgelblichen, unterseits mit weißen Haaren bekleidet ist. Ein ausgewachsener Wolf erreicht 1,6 Meter Leibeslänge, wovon 45 Centim. auf den Schwanz kommen; die Höhe am Widerriste beträgt etwa 85 Centim. Die Wölfin unterscheidet sich von dem Wolfe durch etwas schwächeren Körperbau, spitzere Schnauze und dünneren Schwanz.

Wolf (Canis lupus).

Noch heutigen Tages ist der Wolf weit verbreitet, so sehr auch sein Gebiet gegen frühere Zeiten beschränkt wurde. Er findet sich gegenwärtig noch fast in ganz Europa, wenn auch in den bevölkertsten Ländern dieses Erdtheils nur in den Hochgebirgen. In Spanien ist er in allen Gebirgen und selbst in den größeren Ebenen eine ständige Erscheinung, in Griechenland, Italien und Frankreich häufig genug, in der Schweiz seltener, im mittleren und nördlichen Deutschland wie in Großbritannien gänzlich ausgerottet worden, im Osten Europas gemein. Ungarn und Galizien, Kroatien, Krain, Serbien, Bosnien, die Donaufürstenthümer, Polen, Rußland, Schweden, Norwegen und Lappland sind diejenigen Länder, in denen er jetzt noch in namhafter Menge auftritt. Auf Island und den Inseln des Mittelmeeres scheint er niemals vorgekommen, in den Atlasländern dagegen ebenfalls vorhanden zu sein. Außerdem verbreitet er sich über ganz Nordost- und Mittelasien und wird in Nordamerika durch einen ihm so nahestehenden Verwandten ersetzt, daß man auch den Westen der Erde in seinen Verbreitungskreis gezogen hat.

Die Alten kannten den Wolf genau. Viele griechische und römische Schriftsteller sprechen von ihm, einige nicht allein mit dem vollen Abscheu, welchen Isegrimm von jeher erregt hat, sondern auch bereits mit geheimer Furcht vor ungeheuerlichen oder gespenstigen Eigenschaften des Thieres. Oppian unterscheidet fünf Abarten, welche Geßners Uebersetzer bezeichnet als Schützwolf, »so genennet von seiner schnälle wegen«, Raubwolf »der allerschnällest, trit mit grosser vngestüme morgens frü auff das gejegt, dann er stets Hunger leydet«, Guldie »von der farb wägen, schöne vnd glantz seiner haren« und Booßwolf, »der viert und fünft, diweyl jre grind vnd hälß so kurtz vnd dick etwas gleyche mit dem Ambooß habend«. In der altgermanischen Göttersage wird der Wolf, das Thier Wodans, eher geachtet als verabscheut; letzteres geschieht erst viel später, nachdem die christlichen Pfaffen die hochdichterische Götterlehre unserer Vorfahren durch ihre abgeschmackten Teufelsgeschichten zu verdrängen gewußt hatten. Sie verwandelten Wodan in den teuflichen »wilden Jäger« und seine Wölfe in dessen Hunde, bis zuletzt aus diesen der gespenstige Werwolf wird: eine der ungenießbarsten Früchte des Aberglaubens, ein Ungeheuer, zeitweilig Wolf, zeitweilig Mensch, Blindgläubigen ein Entsetzen. Noch heutigen Tages spukt die Werwolffabel in verdüsterten Köpfen und flüstert das Volk sich zu, durch welche Mittel das gespenstige Ungeheuer zu bannen und unschädlich zu machen sei.

Der Wolf wird zwar allmählich mehr und mehr zurückgedrängt; doch ist der letzte Tag seines Auftretens im gesitteten Europa anscheinend noch fern. Im vorigen Jahrhundert fehlte das schädliche Raubthier keinem größeren Waldgebiete unseres Vaterlandes, und auch in diesem Jahrhundert sind hier nach amtlichen Angaben immerhin noch Tausende erlegt worden. Innerhalb der Grenzen Preußens wurden im Jahre 1819 noch eintausendundachtzig Stück geschossen. In Pommern allein wurden erlegt im Jahre 1800 hundertundachtzehn Stück, 1801 hundertundneun Stück, 1802 hundertundzwei, 1803 sechsundachtzig, 1804 hundertundzwölf, 1805 fünfundachtzig, 1806 sechsundsiebenzig, 1807 zwölf, 1808 siebenunddreißig, 1809 dreiundvierzig. Sie wurden dann seltener, folgten jedoch im Jahre 1812 den sich aus Rußland zurückziehenden Franzosen und kamen nun wieder in sehr großer Menge vor: im Kösliner Regierungsbezirk wurden im Jahre 1816 bis 1817 hundertdreiundfünfzig Stück ausgelöst. Gegenwärtig sind sie sehr selten geworden; doch verlaufen sich alljährlich noch einzelne Wölfe aus Rußland, Frankreich und Belgien nach Ost- und Westpreußen, Posen, den Rheinlanden, in strengen Wintern auch nach Oberschlesien, unter Umständen bis tief in das Land. So trieben, laut Pagenstecher, im Jahre 1866 Wölfe im Odenwalde ihr Unwesen, bis es nach vielen vergeblichen Jagden endlich gelang, ihrer habhaft zu werden. Im ganzen Südosten Oesterreichs, zumal Ungarns und den dazu gehörigen slavischen Ländern, muß man allwinterlich mehr oder minder großartige Jagden veranstalten und sonstige Vertilgungsmittel anwenden, um den Wölfen zu steuern, hat aber in waldigen, dünnbevölkerten Gegenden bis heutigen Tages noch herzlich wenig auszurichten vermocht. Die Anzahl der Wölfe, welche jährlich in Rußland erlegt und von den Behörden ausgelöst werden, ist nicht genau bekannt, jedenfalls aber eine sehr erhebliche Menge. Dasselbe ist in Schweden und Norwegen der Fall. In diesen drei nördlichen Reichen gelten die Wölfe als die hauptsächlichsten Störer der öffentlichen Ruhe und Sicherheit und bringen jährlich ungeheueren Schaden: – ich will weiter unten darüber ausführlicher reden.

Der Wolf bewohnt einsame, stille Gegenden und Wildnisse, namentlich dichte, düstere Wälder, Brüche mit morastigen und trockenen Stellen, und im Süden die Steppen. In Mitteleuropa findet er sich nur in den Hochgebirgen; im Süden, Osten und Norden haust er in Waldungen aller Höhengürtel, selbst in nicht allzu großen Buschdickichten, auf Kaupen in Brüchen und Sümpfen, in Rohrwäldern, Maisfeldern, in Spanien sogar in Getreidefeldern, oft in geringer Nähe der Ortschaften. Diese meidet er überhaupt viel weniger, als man gewöhnlich annimmt, hütet sich nur, so lange der Hunger ihm irgendwie es gestattet, sich sehr bemerklich zu machen. Wenn er nicht durch das Fortpflanzungsgeschäft gebunden wird, hält er sich selten längere Zeit an einem und demselben Orte aus, schweift vielmehr weit umher, verläßt eine Gegend tage- und wochenlang und kehrt dann wieder nach dem früheren Aufenthaltsorte zurück, um ihn von neuem abzujagen. In dicht bevölkerten Gegenden zeigt er sich nur ausnahmsweise vor Einbruch der Dämmerung, in einsamen Wäldern dagegen wird er, wie der Fuchs unter ähnlichen Umständen, schon in den Nachmittagsstunden rege, schleicht und lungert umher und sieht, ob nichts für seinen ewig bellenden Magen abfalle. Während des Frühjahrs und Sommers lebt er einzeln, zu zweien, zu dreien, im Herbste in Familien, im Winter in mehr oder minder zahlreichen Meuten, je nachdem die Gegend ein Zusammenscharen größerer Rudel begünstigt oder nicht. Trifft man ihn zu zweien an, so hat man es in der Regel, im Frühjahre fast ausnahmslos, mit einem Paare zu thun; bei größeren Trupps pflegen männliche Wölfe zu überwiegen. Einmal geschart, treibt er alle Tagesgeschäfte gemeinschaftlich, unterstützt seine Mitwölfe und ruft diese nöthigenfalls durch Geheul herbei. Gesellschaftlich treibt er sein Umherschweifen ebenso gut, als wenn er einzeln lebt, folgt Gebirgszügen mehr als fünfzig Meilen weit, wandert über Ebenen von mehr als hundert Meilen Durchmesser, durchreist, von einem Walde zum anderen sich wendend, ganze Provinzen und tritt deshalb zuweilen urplötzlich in Gegenden auf, in denen man ihn längere Zeit, vielleicht Jahre nach einander, nicht beobachtete. Während andauernder Kriege zieht er den Heeren nach: so folgten in den Jahren 1812 und 1813 die vierbeinigen Raubmörder den Franzosen von Rußland her bis in die Rheinländer. Erwiesenermaßen durchmißt er bei seinen Jagd- und Wanderzügen Strecken von sechs bis zehn Meilen in einer einzigen Nacht. Nicht selten, im Winter bei tiefem Schnee ziemlich regelmäßig, bilden Wolfsgesellschaften lange Rotten, indem die einzelnen Thiere, wie die Indianer auf ihrem Kriegspfade, dicht hinter einander herlaufen und möglichst in dieselbe Spur treten, sodaß es selbst für den Kundigen schwer wird, zu erkennen, aus wie vielen Stücken eine Meute besteht. Gegen Morgen bietet irgend ein dichter Waldestheil der wandernden Räubergesellschaft Zuflucht; in der nächsten Nacht geht es weiter, bisweilen auch wieder zurück. Gegen das Frühjahr hin, nach der Ranzzeit, vereinzeln sich die Rudel, und die trächtige Wölfin sucht, nach bestimmten Versicherungen glaubwürdiger Jäger, meist in Gesellschaft eines Wolfes, ihren früheren oder einen ähnlichen Standort wieder auf, um zu wölfen und ihre Jungen zu erziehen.

Die Beweglichkeit des Wolfes bedingt großen Aufwand von Kraft, raschen Stoffwechsel und unverhältnismäßig bedeutenden Nahrungsverbrauch; der gefährliche Räuber fügt daher allerorten, wo er auftritt, dem ihm erreichbaren Gethier empfindliche Verluste zu. Sein Lieblingswild bilden Haus- und größere Jagdthiere aller Arten, behaarte wie befiederte; doch begnügt er sich mit Kleingethier aller fünf Wirbelthierklassen, frißt selbst Kerbthiere und verschmäht ebenso verschiedene Pflanzenstoffe nicht. Der Schaden, welchen er durch seine Jagd anrichtet, würde, obschon immer bedeutend, so doch vielleicht zu ertragen sein, ließe er sich von seinem ungestümen Jagdeifer und ungezügelten Blutdurst nicht hinreißen, mehr zu würgen, als er zu seiner Ernährung bedarf. Hierdurch erst wird er zur Geisel für den Hirten und Jagdbesitzer, zum ingrimmig oder geradezu maßlos gehaßten Feinde von Jedermann. Während des Sommers schadet er weniger als im Winter. Der Wald bietet ihm neben dem Wilde noch mancherlei andere Speise: Füchse, Igel, Mäuse, verschiedene Vögel und Kriechthiere, auch Pflanzenstoffe; von Hausthieren fällt ihm daher jetzt höchstens Kleinvieh, welches in der Nähe seines Aufenthaltsortes unbeaufsichtigt weidet, zur Beute. Unter dem Wilde räumt er entsetzlich auf, reißt und versprengt Elche, Hirsche, Damhirsche, Rehe, und vernichtet fast alle Hasen seines Gebietes, greift dagegen größeres Hausvieh doch nur ausnahmsweise an. Manchmal begnügt er sich längere Zeit mit Ausübung der niedersten Jagd, folgt, wie Islawin berichtet, den Zügen der Lemminge durch Hunderte von Wersten und nährt sich dann einzig und allein von diesen Wühlmäusen, sucht Eidechsen, Nattern und Frösche, und liest sich Maikäfer auf. Aas liebt er leidenschaftlich und macht da, wo er mit Vetter Luchs zusammenhaust, reinen Tisch auf dessen Schlachtplätzen. Nach einem Berichterstatter der Jagdzeitung frißt er auch Mais, Melonen, Kürbisse, Gurken, Kartoffeln und sonstige Feldfrüchte. Ganz anders tritt er im Herbste und Winter auf. Jetzt umschleicht er das draußen weidende Vieh ununterbrochen und schont weder große noch kleine Herdenthiere, die wehrhaften Pferde, Rinder und Schweine nur dann, wenn sie in geschlossenen Herden zusammengehen und er sich noch nicht in Meuten geschart hat. Mit Beginn des Winters nähert er sich den Ortschaften mehr und mehr, kommt bis an die letzten Häuser von St. Petersburg, Moskau und anderer russischen Städte, dringt in die ungarischen und kroatischen Ortschaften ein, durchläuft selbst Städte von der Größe Agrams und treibt in kleineren Flecken und Dörfern regelrechte Jagd, zumal auf Hunde, welche ein ihm sehr beliebtes Wild und im Winter die einzige in der Nähe der Dörfer leicht zu erlangende Beute sind. Zwar verabsäumt er, wie ich in Kroatien erfuhr und in der »Gartenlaube« bereits mitgetheilt habe, keineswegs, auch eine andere Gelegenheit sich zu Nutze zu machen, schleicht sich ohne Bedenken in einen Stall ein, dessen Thüre der Besitzer nicht gehörig verschlossen, springt sogar durch ein offenstehendes Fenster oder eine ihm erreichbare Luke in denselben und würgt, wenn er seinen Rückzug gedeckt sieht, alles vorhandene Kleinvieh ohne Gnade und Barmherzigkeit, in gleichsam blinder, unüberlegter Mordgier wie ein Tiger hausend; doch gehören Einbrüche des frechen Räubers in Viehställe immerhin zu den Seltenheiten, während alle Dorfbewohner der von ihm heimgesuchten Gegenden allwinterlich einen guten Theil ihrer Hunde einbüßen, ebenso wie der Wolfsjäger regelmäßig im Laufe des Sommers mehrere von seinen treuen Jagdgenossen verliert. Jagt der Wolf in Meuten, so greift er auch Pferde und Rinder an, obgleich diese ihrer Haut sich zu wehren wissen. In Rußland erzählt man sich, wie Loewis mir mittheilt, daß hungerige Wolfsmeuten sogar den Bären anfallen und nach heftigem Kampfe schließlich bewältigen sollen: ob etwas Wahres an dieser unglaublich scheinenden Erzählung ist, lasse ich billig dahin gestellt sein. So viel ist sicher, daß der Wolf auf alles Lebende Jagd macht, welches er bewältigen zu können glaubt. Immer und überall aber hütet er sich so lange wie irgend möglich, mit dem Menschen sich einzulassen. Die schauerlichen Geschichten, welche in unseren Büchern erzählt und von unserer Einbildungskraft bestens ausgeschmückt werden, beruhen zum allergeringsten Theile auf Wahrheit. Daß eine vom Hunger gepeinigte, blindwüthende Wolfsmeute auch einen Menschen überfällt, niederreißt, tödtet und auffrißt, kann leider nicht in Abrede gestellt werden; so schlimm aber wie man sich die Gefahren vorstellt, welche den Menschen in von Wölfen bewohnten Ländern bedrohen, ist die Sache bei weitem nicht. Ein wehrloses Kind, ein Weib, welches zur Unzeit vor das Dorf sich wagt, mag in der Regel gefährdet sein; ein Mann, und wenn er auch nur mit einem Knüppel bewaffnet wäre, ist es nur in seltenen, durch Zusammentreffen ungünstiger Umstände herbeigeführten Fällen. Einzelne Wölfe wagen sich schwerlich jemals an einen Erwachsenen, Trupps schon eher; vom Hunger gepeinigte Meuten können gefährlich werden.

Bei seinen Jagden verfährt der Wolf mit der List und Schlauheit des Fuchses, von dessen Eigenschaften er gelegentlich auch noch eine andere, die Frechheit, an den Tag legt. Er nähert sich einer ausersehenen Beute mit äußerster Vorsicht, unter sorgfältiger Beobachtung aller Jagdregeln, schleicht lautlos bis in möglichste Nähe an das Opfer heran, springt ihm mit einem geschickten Satze an die Kehle und reißt es nieder. An Wechseln lauert er stundenlang auf das Wild, gleichviel ob dasselbe ein Hirsch oder Reh oder in Dauriens Steppen ein in den Bau geschlüpftes Murmelthier ist; einer Fährte folgt er mit untrüglicher Sicherheit. Bei gemeinschaftlichen Jagden handelt er im Einverständnisse mit der übrigen Meute, indem ein Theil die Beute verfolgt, der andere ihr den Weg abzuschneiden und zu verlegen sucht. »Begegnen Wölfe«, schreibt mir Loewis, »in der Ebene einem Fuchse, so theilen sie sich sofort und suchen ihn zu umzingeln, während einige die Hetze aufnehmen. Meister Reineke ist dann gewöhnlich verloren, wird schnell gefaßt, noch schneller zerrissen und verschlungen.« Angesichts einer Herde bemühen sie sich, wie schon die Alten wußten, die Hunde wegzulocken, und fallen dann über die Schafe her: »So der Wölffen vil vnd Hund oder Hirten bey der hürd sind, so greyfft ein theil die Hut an, der ander die härd Schaaff«, sagt schon der alte Geßner. Gejagt, erhebt sich der Wolf, beim ersten Lautwerden der Rüden, um sich fortzustehlen, gibt aber genau darauf Acht, wie viele Hunde ihm folgen, überfällt, wenn ein einzelner durch das Jagdfeuer verlockt wurde, von den übrigen sich zu trennen, diesen ohne weiteres, erwürgt ihn und frißt ihn während der Jagd auf. So erzählte mir Baron von Vranyczany, ein leidenschaftlicher Wolfsjäger in Kroatien, und fügte nachstehende Geschichte hinzu, um zu beweisen, daß der Wolf mit ausgesuchter und schändlicher List verfährt, um einen Hund zu übertölpeln.

Pfarrer Kaliman, nach Versicherung Vranyczany's ein durchaus zuverlässiger Gewährsmann, sah einmal an einem Bergabhange drei Wölfe lauernd stehen und auf das Gekläff einiger Hunde lauschen, welche sie wahrgenommen hatten. Nach einiger Zeit zogen sich zwei von den Wölfen in das nahe Dickicht zurück, während der eine den drei oder vier Hunden, mittelgroßen Braken, entgegenging und sie förmlich herausforderte, ihn zu verfolgen. Die Hunde stürmten ohne Besinnen auf den verhaßten Gegner los und folgten ihm mit um so größerem Eifer, als er sich bei ihrem Erscheinen sofort wandte und auf die Flucht machte. Kaum hatten sie die Stelle, von welcher aus die beiden anderen Wölfe weggelaufen waren, übersprungen, als diese wieder erschienen, die Fährte ihres Jagdgenossen und der Hunde aufnahmen und nun ihrerseits letztere verfolgten. Von diesen kam kein einziger in das Dorf zurück. Aehnliche Ränke und Listen mögen die Wölfe im Winter auch in unmittelbarer Nähe der Dörfer oder im Dorfe selbst anwenden, um die Hunde aus dem sicheren Schutze des Hauses wegzulocken; denn gar nicht selten geschieht es, daß ein Dorfhund abends in voller Angst in das Innere eines Hauses stürzt, um in der Nähe des sichernden Feuers Schutz zu suchen, und daß man bald darauf das langgezogene Heulen Isegrims vernimmt.

Aus vorstehenden Angaben geht zur Genüge hervor, wie schädlich der Wolf wird. Bei den Nomadenvölkern oder allen denen, welche Viehzucht treiben, ist er entschieden der schlimmste aller Feinde. Es kommt vor, daß er die Viehzucht wirklich unmöglich macht. So wurde ein Versuch, das so nützliche Ren auch auf den südlichen Gebirgen Norwegens zu züchten oder in Herden zu halten, durch die Wölfe vereitelt. Man hatte Renthiere aus Lappland gebracht und der Obhut einiger Lappen übergeben, welche ihrem Amte so gut vorstanden, daß nach wenigen Jahren die Herden von Hunderten auf Tausende gewachsen waren. Mit der Vermehrung der Renthiere nahm aber die Zahl der Wölfe derart überhand, daß man zuletzt gezwungen wurde, die Renthiere theils zu tödten, theils verwildern zu lassen, um nur die Plage wieder loszuwerden. In der russischen Provinz Livland wurden in dem Jahre 1823 bei den Behörden als den Wölfen zur Beute gefallene Thiere angemeldet: 15,182 Schafe, 1807 Rinder, 1841 Pferde, 3270 Lämmer und Ziegen, 4190 Schweine, 703 Hunde und 1873 Gänse und Hühner. Im Großherzogthum Posen wurden im Jahre 1820 neunzehn Erwachsene und Kinder zerrissen, und doch hatte die preußische Regierung in den vorhergehenden Jahren 4618 Thaler Schußgeld für erlegte Wölfe bezahlt. Ein einziger Wolf, welcher sich, laut Kobell, bevor er getödtet wurde, neun Jahre in der Gegend von Schliersee und Tegernsee umhertrieb, hat nach amtlichen Erhebungen während dieser Zeit gegen 1000 Schafe und viel Wildpret gerissen, so daß der von ihm verursachte Schaden auf 8000 bis 10,000 Gulden geschätzt wurde. Im Jagdwalde bei Temeswar, welcher eine Achtelmeile von der Festung entfernt liegt, rissen die Wölfe in einem Winter über 70 Rehe, in einem walachischen Grenzdorfe binnen zwei Monaten 31 Rinder und 3 Pferde, in der kroatischen Ortschaft Basma in einer Nacht 35 Schafe. Im Dorfe Suhaj in Kroatien trieb, laut mir gewordenem Berichte, am 8. December 1871 der Hirt eine Herde Schafe auf die Weide und wurde hier von etwa sechszig Wölfen überfallen, welche ihm 24 Schafe zerrissen und auffraßen; die übrigen zerstoben in alle Winde und nur ein Lamm kehrte zurück. Aehnliches geschieht aller Orten, wo diese Raubthiere hausen. In Lappland ist das Wort Friede gleichbedeutend mit Ruhe vor den Wölfen. Man kennt bloß einen Krieg, und dieser gilt gedachten Raubthieren, welche das lebendige Besitzthum der armen Nomaden des Nordens oft in der empfindlichsten Weise schädigen. Auch in Spanien verursachen die Wölfe bedeutende Verluste. Während meiner Anwesenheit daselbst, im Winter von 1856 zu 1857, fand man einmal zwei jener muthigen Sicherheitsbeamten, welche Spanien eine Zeitlang von menschlichen Räubern befreit hatten, todt inmitten einer Schar von durch sie erlegten Wölfen. Die tapferen Männer hatten gekämpft, solange Pulver und Blei vorhanden gewesen war, und selbst dann noch mit dem Bayonnet sich vertheidigt, waren aber endlich doch unterlegen, vielleicht mehr der Ermattung und der Kälte als den hungerigen Wölfen.

Es ist kein Wunder, wenn die gefährlichen Thiere, zumal da, wo sie in Menge auftreten, nicht bloß unter den Menschen, sondern auch unter den Thieren Angst und Schrecken verursachen. Die Pferde werden in hohem Grade unruhig, sobald sie einen Wolf wittern, die übrigen Hausthiere, mit Ausnahme der Hunde, ergreifen die Flucht, wenn sie nur die geringste Wahrnehmung von ihrem Hauptfeinde erlangt haben. Für gute Hunde aber scheint es kein größeres Vergnügen zu geben als die Wolfsjagd, wie ja überhaupt die Hunde dadurch sich auszeichnen, daß sie gerade die gefährlichste Jagd am liebsten betreiben. Schwer begreiflich oder doch merkwürdig ist, daß der Haß zwischen zwei so nahen Verwandten, wie es der Hund und Wolf sind, eine so unbeschreibliche Höhe erreichen kann. Ein Hund, welcher auf eine Wolfsfährte gesetzt wird, vergißt alles, geräth in die namenloseste Wuth und ruht nicht eher, als bis er seinen Feind am Kragen hat. Dann achtet er keine Verwundung, nicht einmal den Tod seiner Gefährten. Noch sterbend sucht er an dem Wolfe sich festzubeißen. Doch nehmen keineswegs alle Hunde eine Wolfsfährte auf; viele kehren im Gegentheile sofort um, wenn sie den verhaßten Wolf wittern. Die Größe der Rüden kommt weniger in Betracht als die Rasse oder Abstammung und die Schule, welche sie durchgemacht haben. Kleine Kläffer sind nicht selten viel erbittertere Gegner des Raubthieres als große, nicht von dem nöthigen Muthe beseelte Beißer.

Auch andere Hausthiere wissen sich gegen den Wolf zu vertheidigen. »In den südrussischen Steppen«, sagt Kohl, »wohnen die Wölfe in selbst gegrabenen Höhlen, die oft klaftertief sind. Kaum sind sie irgendwo häufiger als in den waldigen und buschigen Ebenen der Ukraine und Kleinrußlands. Jede menschliche Wohnung ist dort eine wahre Festung gegen die Wölfe, und mit vier bis fünf Meter hohen Dornmauern umgeben. Diese Thiere umschleichen in der Nacht immerfort die Herden der russischen Steppen. Den Pferdeherden nahen sie sich mit Vorsicht, suchen einzelne Füllen wegzuschnappen, welche sich zu weit von der Herde weggewagt haben, oder beschleichen auch einzelne Pferde, springen ihnen an die Gurgel und reißen sie nieder. Merken die übrigen Pferde den Wolf, so gehen sie ohne weiteres auf ihn zu und hauen, wenn er nicht weicht, mit den Vorderhufen auf ihn los, ja die Hengste packen ihn auch mit den Zähnen. Oft wird der Wolf schon auf den ersten Schlag erlegt, oft aber macht er eine schnelle Wendung, packt das angreifende Pferd an der Gurgel und reißt es zu Boden. Auch viele zugleich erscheinende Wölfe sind nicht im Stande, eine Pferdeherde zum Weichen zu bringen, kommen im Gegentheile, wenn sie sich nicht bald zurückziehen, in Gefahr, umringt und erschlagen zu werden.« In ebenso misliche Lage geräth Isegrim, wenn er versucht, in den Waldungen Spaniens oder Kroatiens einen Schweinebraten sich zu holen. Ein vereinzeltes Schwein wird ihm vielleicht zur Beute; eine größere, geschlossene Herde dagegen bleibt, wie man mir in Spanien und Kroatien übereinstimmend versicherte, regelmäßig von Wölfen verschont, wird von diesen sogar ängstlich gemieden. Die tapferen Borstenträger stehen muthig ein für das Wohl der Gesammtheit, alle für einen, und bearbeiten den bösen Wolf, welcher sich erfrechen sollte, unter ihnen einzufallen, mit den Hauzähnen so wacker, daß er alle Räubergelüste vergißt und nur daran denkt, sein aufs höchste bedrohtes Leben in Sicherheit zu bringen. Versäumt er den rechten Augenblick, so wird er von den erbosten Schweinen unbarmherzig niedergemacht und dann mit demselben Behagen verzehrt, welches ein Schweinebraten bei ihm erwecken mag. So erklärt es sich, daß man da, wo Schweine im Walde werden, fast nie einen Wolf spürt, und andererseits wird es verständlich, daß der Jäger, welcher mit seinen Hunden zufällig in die Nähe einer Schweineherde geräth, nicht minder ernste Gefahr läuft als die Wölfe. Denn die Schweine sehen in den Hunden so nahe Verwandte der von ihnen gefürchteten Raubthiere, daß sie sich ebenso gut auf jene stürzen wie auf diese und, einmal wüthend geworden, auch den zum Schutze seiner treuen Gehülfen herbeieilenden Jäger nicht schonen. Selbst einzelne Schweine kämpfen auf Leben und Tod, ehe sie sich dem Wolfe ergeben. In den Waldungen Andalusiens fand man, wie man mir an Ort und Stelle erzählte, eine starke Bache verendet zwischen zwei von ihr erlegten Wölfen. Nur die Schafe fügen sich mit der gläubigen Seelen eigenen Ergebung willenlos in das Unvermeidliche. »Hat der Wolf bemerkt«, schildert Kohl weiter, »daß Schäfer und Hunde nicht zur Hand sind, so packt er das erste, beste Schaf und reißt es nieder. Die übrigen fliehen zwei- bis dreihundert Schritte weit, drängen sich dicht zusammen und gaffen mit den dümmsten Augen der Welt nach dem Wolfe hin, bis er kommt und sich noch eins holt. Nun reißen sie wieder einige hundert Schritte aus und erwarten ihn abermals.« An die Rindviehherden wagt sich gewöhnlich kein Wolf, weil der ganze Schwarm sich gleich über ihn hermacht und ihn mit den Hörnern zu spießen sucht. Er trachtet nur darnach, abgesonderte Kälber oder auch erwachsene Rinder zu erlegen, und springt diesen ebenso an die Kehle wie dem Pferde. Schwächere Hausthiere sind verloren, wenn sie nicht rechtzeitig einen sicheren Zufluchtsort erreichen können, und der Wolf folgt ihnen auf seiner Jagd durch Sumpf und Moor, ja selbst durch das Wasser.

Der Wolf besitzt alle Begabungen und Eigenschaften des Hundes: dieselbe Kraft und Ausdauer, dieselbe Sinnesschärfe und denselben Verstand. Aber er ist einseitiger und erscheint weit unedler als der Hund, unzweifelhaft einzig und allein deshalb, weil ihm der erziehende Mensch fehlt. Sein Muth steht in gar keinem Verhältnisse zu seiner Kraft. So lange er nicht Hunger fühlt, ist er eines der feigsten und furchtsamsten Thiere, welche es gibt. Er flieht dann nicht bloß vor Menschen und Hunden, vor einer Kuh oder einem Ziegenbocke, sondern auch vor einer Herde Schafe, sobald die Thiere sich zusammenrotten und ihre Köpfe gegen ihn richten. Hörnerklang und anderes Geräusch, das Klirren einer Kette, lautes Schreien etc. vertreibt ihn regelmäßig. In der Thierfabel wird er als tölpelhafter, täppischer Gesell dargestellt, welcher sich von Vetter Reineke fortwährend überlisten und betrügen läßt: dieses Bild entspricht der Wirklichkeit jedoch durchaus nicht. Der Wolf gibt dem Fuchse an Schlauheit, List, Verschlagenheit und Vorsicht nicht das geringste nach, übertrifft ihn womöglich noch in allen diesen Stücken. In der Regel benimmt er sich den Umständen angemessen, überlegt, bevor er handelt und weiß auch in bedrängter Lage noch den rechten Ausweg zu finden. Eine Beute beschleicht er mit ebenso viel Vorsicht wie List; selbst gejagt, kommt er äußerst bedachtsam herangetrabt. Seine Sinne sind ebenso scharf wie die des zahmen Hundes, Geruch, Gehör und Gesicht gleich vortrefflich. Es wird behauptet, daß er nicht bloß spüre, sondern auch auf große Strecken hin wittere. Daß er leises Geräusch in bedeutender Entfernung vernimmt und zu deuten weiß, ist sicher. Ebenso versteht er genau, welchem Thiere eine Fährte angehört, die er zufällig auf seinen Streifereien gefunden hat. Er folgt dieser dann, ohne sich um andere zu bekümmern. Seine elende Feigheit, seine List und die Schärfe seiner Sinne zeigt sich bei seinen Ueberfällen. Er ist dabei überaus vorsichtig und behutsam, um ja seine Freiheit und sein Leben nicht aufs Spiel zu setzen. Niemals verläßt er seinen Hinterhalt, ohne vorher genau ausgespürt zu haben, daß er auch sicher sei. Mit größter Vorsicht vermeidet er jedes Geräusch bei seinem Zuge. Sein Argwohn sieht in jedem Stricke, jeder Oeffnung, in jedem unbekannten Gegenstände eine Schlinge, eine Falle oder einen Hinterhalt. Deshalb vermeidet er es immer, durch ein offenes Thor in einen Hof einzudringen, falls er irgendwie über die Einfriedigung springen kann. Angebundene Thiere greift er ebenfalls nur im äußersten Nothfalle an, jedenfalls weil er glaubt, daß sie als Köder für ihn hingestellt worden sind. Sieht er ein, daß ihm der Rückzug verschlossen ist, so kauert er sich selbst im Schafstalle feige in eine Ecke, ohne dem Vieh etwas zu Leide zu thun, und wartet angsterfüllt der Dinge, die da kommen sollen. Ganz ebenso ist sein Gebaren in anderen unangenehmen Lagen seines Lebens, beispielsweise in Fallgruben, welche seinen eifrigen Jagden ein jähes Ende bereiteten. Er denkt hier nicht an Raub und Mord, vielmehr einzig und allein an Rettung. Der alte Geßner gibt nachstehenden Bericht Justinus Geblers mit folgenden Worten wieder:

»Es hat sich begäben als sein vatter, aus sonderbarem lust so er zu jagen hat, etliche gräben, gruben vnd löcher in seinem acker bereitet hat, allerley gewild darinn zu fahen, daß auff ein nacht drey vngleyche, widerwertige thier in sölchen graben gefallen. Erstlich ein alt weyb, so auß dem garten auff den abendt kraut, zibel, rüben hat wöllen holen: Ein Fuchs, Ein Wolff. Als nun ein yedes daz ort vnd statt behielt, dahin es gefallen, sich ein yedes die gantze nacht still hielt, one zweyfel auß forcht, obgleych der Wolff das grimmest vnder jenen war, hielt er sich doch in forcht still, thet niemants kein schaden, allein daß das weyb von forcht wägen, gantz graw, krafftloß vnd halb todt worden. Als morgens frü der vatter nach seiner gewonheit die graben besichtiget, auß begird so er nach dem gewild hat, ersicht er den wunderbarlichen fang, erstaunet darab, spricht der frouwen zu, welche garnach todt, ein wenig zu jren selber kommen, springt als ein mannlicher, geherzter mann in den graben, ersticht den Wolfs, schlecht den Fuchs zu todt, tregt die frouwen halber todt mit hilff einer leiteren auff seinen armen auß dem graben, bringt sie widerumb zu hauß, verwunderet sich, daß söllich frässig, schädlich thier der frouwen vnd anderem gewild verschonet hat«. An diese alte heitere Geschichte erinnerte auch eine andere, welche mir in Kroatien erzählt wurde. Der Bauer Fundec im Dorfe Gratschetz fand mitten im Sommer zu seiner nicht geringen Verwunderung einen Wolf in der von ihm im Winter errichteten Wolfsgrube auf dem Boden sitzend. Ohne Waffen, wie er war, versuchte er das Raubthier mit einem rasch herbeigeholten Knüppel zu erschlagen, verlor dabei das Gleichgewicht, stürzte in die Grube hinab und kam hier auf Hände und Füße zu liegen. Noch ehe er sich aufgerichtet, hatte Isegrim den günstigen Augenblick ersehen, nicht um ihm an die Kehle, sondern um auf seinen Rücken zu springen und so das Freie zu gewinnen, während der Bauer lange Zeit sich abmühen mußte und nur mit Hülfe des besagten Knüppels überhaupt im Stande war, aus der Grube herauszukommen.

Anders benimmt sich der Wolf, wenn ihn der quälende Hunger zur Jagd treibt. Dieser verändert das Betragen und läßt ihn Vorsicht und List ganz vergessen, stachelt aber auch seinen Muth an. Der hungerige Wolf ist geradezu tollkühn und fürchtet sich vor nichts mehr: es gibt für ihn kein Schreckmittel.

Bei älteren Wölfen beginnt die Ranzzeit Ende Decembers und währt bis Mitte Januars; bei jüngeren tritt sie erst Ende Januars ein und währt bis Mitte Februars. Die liebesbrünstigen Männchen kämpfen dann unter einander auf Tod und Leben um die Weibchen. Nach einer Trächtigkeitsdauer von drei- oder vierundsechszig Tagen, welche also der unserer größeren Hunderassen genau entspricht, bringt die Wölfin an einem geschützten Plätzchen im tiefen Walde drei bis neun, gewöhnlich vier bis sechs Junge. In Kurland wählt sie, nach einer brieflichen Mittheilung des Kreisförsters Kade, zu ihrem Wochenbette erhabene, dicht mit Holz bestandene Stellen in den großen Morästen, welche nicht leicht von Menschen oder Weidevieh betreten und von den Jägern Traden, d. h. Aufenthaltsorte der Wölfe, genannt werden; im Süden Europa's wölft sie in selbstgegrabenen Löchern unter Baumwurzeln oder auch wohl in einem erweiterten Fuchs- und Dachsbaue. Die Jungen bleiben auffallend lange, nach den von Schöpff im Thiergarten zu Dresden gemachten Beobachtungen, einundzwanzig Tage, blind, wachsen anfänglich langsam, später sehr rasch, betragen sich ganz nach Art junger Hunde, spielen lustig mit einander und katzbalgen zuweilen unter lautem, auf weithin hörbarem Geheul und Gekläff. Die Wölfin behandelt sie mit aller Zärtlichkeit einer guten Hundemutter, beleckt und reinigt sie, säugt sie sehr lange, schafft reichliche, dem jeweiligen Stande des Wachsthums entsprechende Nahrung für sie herbei, ist fortwährend ängstlich bestrebt, sie nicht zu verrathen und trägt sie, wenn ihr Mistrauen erregt wurde oder Gefahr droht, im Maule nach einem anderen ihr sicher dünkenden Orte. »In der Nähe seiner Traden«, schreibt mir Kade, »raubt der Wolf nie, weshalb Rehe und junge Wölfe harmlos in einem und demselben Treiben erwachsen. Bei den meisten Wolfsjagden habe ich in demselben Treiben junge Wölfe und junge Rehe erlegt und erlegen sehen. Diesen niedlichen Thieren kann aber die Nähe der Wölfe unmöglich unbekannt bleiben, da letztere schon Ende Juli's zu heulen beginnen.« Daß die Wölfin ihre Jungen verschleppt, hat man vielfach beobachtet. Aber nicht allein sie, sondern auch der Wolf nimmt sich, laut Kade, der letzteren an. Die wiederholte Angabe, daß er seine Jungen auffresse, wo er sie finde, scheint nur bedingungsweise richtig zu sein. »Abgesehen davon«, schreibt Kade, »daß es einer Wölfin wohl ganz unmöglich wäre, ihr Gewölfe vor des Alten Spürnase zu verbergen und vor seinen Zähnen zu retten, möchte ich fragen: warum frißt kein Wolf die Leichen der auf einer Jagd erlegten und hingeworfenen Wölfe, welche noch dazu abgefellt sind? Als junger Mann habe ich das furchtbare, wehklagende Heulen der alten Wölfe an den Leichnamen ihrer Jungen einmal gehört und das Verfahren der älteren Jäger verdammt, auch nicht nachgeahmt.« Dieser Mittheilung stehen andere entgegen: Junge Wölfe, deren Mutter man getödtet hatte, verschwanden spurlos und fanden höchst wahrscheinlich in den Magen älterer Artgenossen ihr Grab. Wenn junge Wölfe im Baue oder Lager von älteren nicht behelligt werden, so dürfte dies wohl mehr der mistrauischen Vorsicht der Mutter als der Vaterliebe des Wolfes zu danken sein. Kade scheint die Meinung zu hegen, daß letzterer zur Ernährung der Jungen mit beitragen helfe, unterstützt seine Ansicht jedoch nicht durch überzeugende Belege, sodaß ich auch diesen Punkt noch keineswegs als erledigt betrachte. Erst später, nachdem die Jungen bereits den älteren Wölfen zugeführt worden sind, nehmen diese ihrer sich an, beantworten mindestens gewissenhaft ihr ungefüges Geplärr mit schulgerechtem Geheul, warnen und leiten sie bei Gefahr und klagen erbärmlich über ihren Verlust. Die Jungen wachsen bis ins dritte Jahr und werden in diesem fortpflanzungsfähig. Das Alter, welches sie überhaupt erreichen, dürfte sich auf zwölf bis fünfzehn Jahre belaufen. Viele mögen dem Hungertode erliegen; andere sterben an den vielen Krankheiten, denen die Hunde überhaupt ausgesetzt sind.

Durch vielfache Versuche ist es zur Genüge festgestellt, daß durch Paarung des Wolfes mit der Hündin oder des Hundes mit der Wölfin Blendlinge entstehen, welche wiederum fruchtbare Junge erzeugen. Diese Bastarde halten nicht immer die Mitte zwischen Wolf und Hund, und auch die Jungen eines Wurfes sind sehr verschieden. In der Regel ähneln sie mehr dem Wolfe als dem Hunde, obwohl ebenso hundähnliche vorkommen. Ungeachtet aller Abneigung, welche zwischen Wolf und Hund besteht, paaren sich beide, und zwar ebensowohl in der Gefangenschaft wie im Freien, ohne Zuthun des Menschen. In galizischen Walddörfern stellt sich zuweilen ein Wolf als Mitbewerber bei einer läufischen Hündin ein, und ebenso sollen Hunde manchmal brünstigen Wölfinnen nachgehen. Die Wolfsähnlichkeit vieler Haushunde in Ungarn, Siebenbürgen, Rußland und Sibirien wird gegenwärtig von allen Forschern, welche infolge der überzeugenden Lehren Darwins älteren Anschauungen entsagt haben, auf derartige Kreuzungen zurückgeführt.

Jung aufgezogene und verständig behandelte Wölfe werden sehr zahm und zeigen innige Anhänglichkeit zu ihrem Herrn. Cuvier berichtet von einem Wolfe, welcher wie ein junger Hund aufgezogen worden war und nach erlangtem Wachsthume von seinem Herrn dem Pflanzengarten geschenkt wurde. »Hier zeigte er sich einige Wochen lang ganz trostlos, fraß äußerst wenig und benahm sich vollkommen gleichgültig gegen seinen Wärter. Endlich aber faßte er eine Zuneigung zu denen, welche um ihn waren und mit ihm sich beschäftigten, ja es schien, als hätte er seinen alten Herrn vergessen. Letzterer kehrte nach einer Abwesenheit von achtzehn Monaten nach Paris zurück. Der Wolf vernahm seine Stimme trotz dem geräuschvollen Gedränge und überließ sich, nachdem man ihn in Freiheit gesetzt hatte, Ausbrüchen der ungestümsten Freude. Er wurde hierauf von seinem Freunde getrennt, und von neuem war er wie das erste Mal tiefbetrübt. Nach dreijähriger Abwesenheit kam der Herr abermals nach Paris. Es war gegen Abend und der Käfig des Wolfes völlig geschlossen, so daß das Thier nicht sehen konnte, was außerhalb seines Kerkers vorging; allein sowie es die Stimme des nahenden Herrn vernahm, brach es in ängstliches Geheul aus, und sobald man die Thüre des Käfigs geöffnet hatte, stürzte es auf seinen Freund los, sprang ihm auf die Schultern, leckte ihm das Gesicht und machte Miene, seine Wärter zu beißen, wenn diese versuchten, ihn wieder in sein Gefängnis zurückzuführen. Als ihn endlich sein Erzieher wieder verlassen, erkrankte er und verschmähte alle Nahrung. Seine Genesung verzögerte sich sehr lange; es war dann aber immer gefährlich für einen Fremden, ihm sich zu nähern.«

Aehnliches wird in der schwedischen »Zeitschrift für Jäger und Naturforscher« von einer Jagdfreundin, Katharine Bedoire, erzählt: »Bei Gysinge kaufte mein Mann im Jahre 1837 drei junge Wölfe, welche eben das Vermögen, zu sehen, erhalten hatten. Ich wünschte, diese kleinen Geschöpfe einige Zeit behalten zu dürfen. Sie blieben ungefähr einen Monat bei einander und hatten während dieser Zeit ihre Wohnung in einer Gartenlaube. Sobald sie mich im Hofe rufen hörten: »Ihr Hündchen!« kamen sie mit Geberden von Freude und Zuthulichkeit, die zum Verwundern waren. Nachdem ich sie gestreichelt und ihnen Futter gegeben hatte, kehrten sie wieder in den Garten zurück. Nach Verlauf eines Monats wurde das eine Männchen an den Gutsbesitzer von Uhr und das Weibchen an den Gutsbesitzer Thore Petree verschenkt. Da dasjenige, welches wir selbst behielten, nun einsam und verlassen war, nahm es seine Zuflucht zu den Leuten des Gehöftes; meistens jedoch folgte es mir und meinem Gatten. Sonderbar war es, wie dieser Wolf zutraulich wurde, daß er sich, sobald wir zusammen ausgingen, neben uns legte, wo wir ruheten, aber nicht duldete, daß irgend Jemand sich uns auf mehr als zwanzig Schritte nahete. Kam Jemand näher, so knurrte er und wies die Zähne. Sowie ich nun auf ihn schalt, leckte er mir die Hände, behielt aber die Augen auf die Person gerichtet, welche uns sich nähern wollte. Er ging in den Zimmern und in der Küche umher wie ein Hund, war den Kindern sehr zugethan, wollte sie lecken und mit ihnen spielen. Dies dauerte fort, bis er fünf Monate alt und bereits groß und stark war, und mein Mann beschloß, ihn anzubinden, aus Furcht, daß er bei seinem Spielen mit den Kindern dieselben mit seinen scharfen Klauen ritzen oder sie einmal blutend finden und dann Lust bekommen könnte, schlimmer mit ihnen zu verfahren. Indeß ging er auch nachher noch oftmals mit mir, wenn ich einen Spaziergang machte. Er hatte seine Hütte bei der Eisenniederlage, und sobald im Winter Kohlenbauern kamen, kletterte er auf die Steinmauern hinauf, wedelte mit dem Schwanze und schrie laut, bis sie herzukamen und ihn streichelten. Hierbei war er jederzeit angelegentlich beschäftigt, ihre Taschen zu untersuchen, ob sie etwas bei sich hätten, was zum Fressen taugte. Die Bauern wurden dies so gewohnt, daß sie sich damit beschäftigten, Brodbissen bloß zu dem Zwecke in ihre Rocktaschen zu stecken, um sie den Wolf darin suchen zu lassen. Dies verstand er denn auch recht gut, und er verzehrte alles, was man ihm gab. Außerdem fraß er täglich drei Eimer Futter. Bemerkenswerth war es auch, daß unsere Hunde anfingen, mit ihm aus dem Eimer zu fressen; kam aber irgend ein fremdes Thier und wollte die Speise mit ihm theilen, so wurde er wie unsinnig vor Zorn. Jedesmal, wenn er mich im Hofe zu sehen bekam, trieb er ein arges Wesen, und sobald ich zur Hütte kam, richtete er sich auf die Hinterläufe empor, legte die Vorderpfoten auf meine Schultern und wollte mich in seiner Freude belecken. Sowie ich wieder von ihm ging, heulte er vor Leidwesen darüber. Wir hatten ihn ein Jahr lang; da er aber, als er ausgewachsen war, des Nachts arg heulte, so beschloß Bedoire, ihn todtschießen zu lassen. – Mit dem Wolfe, welchen der Gutsbesitzer von Uhr erhielt, ereignete sich der merkwürdige Umstand, daß er mit einem der Jagdhunde seines Besitzers in derselben Hütte zusammen wohnte. Der Hund lag jede Nacht bei ihm, und sobald er Fleisch zu fressen bekam, vermochte er es niemals über sich, dasselbe ganz aufzuzehren, sondern trug es in die Hütte zum Wolfe, welcher ihm dabei alle Zeit mit freundlicher Geberde entgegenkam. Nicht selten geschah es, daß auch der Wolf seinen Freund auf dieselbe Weise belohnte.«

Ich habe diese Geschichten ausführlich mitgetheilt, weil mir Wölfe, welche ich gepflegt und beobachtet, Belege für die Wahrheit jener Mittheilungen gegeben haben. Ein Wolf im Breslauer Thiergarten ist ebenso zahm wie mancher Hund, begrüßt meinen Berufsgenossen Schlegel auf das freundlichste, sobald er ihn sieht, leckt ihm die Hände, welche sein Gebieter ihm ohne Scheu durch das Gitter streckt, und benimmt sich auch anderen Bekannten gegenüber stets artig und liebenswürdig; sein Käfiggenosse dagegen lebt mit Schlegel in einem absonderlichen Verhältnisse, streckt auf Verlangen seinen Schwanz durch das Gitter, knurrt und zürnt jedoch, sobald dieser berührt wird, und klappt das Gebiß laut hörbar zusammen, ohne damit übrigens den Eindruck eines Terzerolschusses hervorzubringen, wie der gefühlsüberschwengliche Masius gutmüthigen Lesern glauben machen will. Aller Zorn gedachten Wolfes ist aber nichts anderes als Schein und Heuchelei. Denn wüthend fällt der sonderbare Gesell über seinen Gefährten her, wenn Schlegel, scheinbar entrüstet über das unwirsche Gebaren, jenem schmeichelt und ihn ferner nicht berücksichtigt, und wahrhaft zudringlich streckt er nunmehr die Lunte zwischen den Eisenstäben hindurch, um sich bemerklich zu machen. Er will beachtet sein, selbst eine Neckerei ertragen, nur nicht vernachlässigt werden. So viel läßt sich nicht bezweifeln: der Wolf ist der Erziehung fähig und der Zähmung, d. h. des Umgangs mit vorurtheilsfreien Menschen, nicht unwürdig. Wer mit ihm zu verkehren versteht, kann aus ihm ein Thier bilden, welches dem Haushunde im wesentlichen ähnelt. Ein freies Thier muß aber freilich anders behandelt werden als ein seit undenklichen Zeiten unter Botmäßigkeit des Menschen stehender Sklave.

»Wiewol der Wolff«, sagt der alte Geßner, »nit one etwas Nutzbarkeit gefangen vnd getödet wirdt, so ist doch der schad, so er bey läben leut vnd vech thut vil grösser, auß welcher vrsach jm one verzug wo er gemerckt, von mencklichem nachgehalten, verletzt, geschedigt vnd getödt wirt, mit etlichen instrumenten, gruben, gifft vnd aatz, Wölfffallen, angel, strick, garn vnd Hünden, geschoß vnd dergleychen.« Kürzer und bündiger kann man den Vernichtungskrieg, welcher gegen Isegrim geführt wird und von jeher geführt wurde, nicht darstellen.

»Wolffen und Beeren, an den brichet nyemand keynen Frid«, so lautet das Gesetz Karls des Großen, deutsch übersetzt in der zu Straßburg 1507 erschienenen Ausgabe des »Sachsenspiegels«. Wer einen zahmen Wolf oder Hirsch oder Bären oder einen bissigen Hund hielt, mußte nach demselben Gesetze den Schaden, welchen ein solches Thier anrichtete, bezahlen: »Wer behaltet einen anfelligen Hund oder einen czamen Wolff oder Hirß, oder Beeren, wa sig icht schaden thund, das soll der gelten (bezahlen), des sy feind«.

Zur Vertilgung des Wolfes gelten alle Mittel, Pulver und Blei ebenso gut wie das tückisch gestellte Gift, die verrätherische Schlinge und Falle, der Knüppel und jede andere Waffe. Die meisten Wölfe werden gegenwärtig wohl mit Brechnuß und in der neueren Zeit hauptsächlich mit Strychnin, bekanntlich dem eigentlichen wirksamen Bestandtheile der Brechnuß, getödtet. Wenn im Winter die Nahrung zu mangeln beginnt, bereitet man ein getödtetes Schaf zu und legt es aus. Das Thier wird abgestreift und das Gift in kleinen Mengen überall in das ausgeschnittene Fleisch eingestreut. Dann zieht man die Haut wieder darüber und wirft den Köder auf den bekannten Wechselstellen der Wölfe aus. Die Wirkung ist furchtbar. Kein Wolf frißt sich an einem derartig vergifteten Thiere satt, sondern bezahlt gewöhnlich schon in den ersten Minuten seine Freßgier mit dem Tode. Sobald er die Wirkung des Giftes verspürt, läßt er das Fleisch liegen und sucht sich durch die Flucht zu retten. Allein schon nach wenigen Schritten versagen die Glieder ihren Dienst. Furchtbare Krämpfe werfen ihn zu Boden. Der Kopf wird von den Zuckungen in das Genick zurückgeworfen, der Rachen weit aufgerissen, und in einem solchen Anfalle endet das Thier sein Leben. Diese Vertilgungsart ist wohl die ergiebigste, weil der Wolf mit blinder Gier auf solches Fleisch stürzt; Strychnin soll jedoch, wie man in Kroatien behauptet, das Fell mehr oder weniger unbrauchbar machen, weil alle Haare lockern. Vortheilhaft sind auch die Fallgruben, etwa 3 Meter tiefe Löcher von ungefähr 2,5 Meter Durchmesser. Man überdeckt sie mit einem leichten Dache aus schmalen, biegsamen Zweigen, Moos und dergleichen, und bindet in ihrer Mitte einen Köder an. Damit der Wolf nicht Zeit habe, vorher lange Untersuchungen zu machen und ein des Weges kommender Mensch gesichert sei, wird die Grube mit einem hohen Zaune umgeben, über welchen jener, um zur Beute zu gelangen, mit einem Satze wegspringen muß. Am Tarainor wendet man Fallgruben vielfach an. »Zuerst«, schildert Radde, »kommen Raben und Rabenkrähen zum Köder, und diesen, welche ihn umfliegen, folgt der Wolf. Er ist aber meist gewitzigt genug, um nicht ohne weiteres zum Köder zu laufen und dabei zu verunglücken, legt sich vielmehr an den Rand der ihm verderblichen Grube, scharrt mit den Pfoten das Verdeck derselben weg und wird erst mit der Zeit lüsterner nach dem Köder, welchen die Vögel schon tüchtig bearbeiten. Endlich entschließt er sich zum gewagten Sprunge und fällt in die Grube. In dieser, so erzählen glaubwürdige Jäger, stellen sich alle Wölfe sehr listig an. Zwar toben und heulen sie zuerst viel, verstummen aber, wenn am nächsten Morgen der berittene Jäger, ihnen auf weithin vernehmbar, sich naht, suchen eine Ecke auf und stellen in ihr liegend sich todt. Auf sie geworfene Erde, Steinchen rc. lassen sie unbeachtet, und erst, wenn sie mit dem Arkan, einer zum Einfangen einzelner Pferde der Herden dienenden Stange mit Riemenschlingen, berührt werden, beginnt das Rasen, Beißen und Heulen wieder.

In volkreichen Gegenden bietet man die Mannschaft zu großartigen Treibjagden auf. Die Auffindung einer Wolfsspur war und ist das Zeichen zum Aufbruch ganzer Gemeinden. Die Schweizer Chronik erzählt: »Sobald man einen Wolf gewahr wird, schlecht man Sturm über ihn, alsdann empört sich eine ganze Landschaft zum Gejägt, bis er umgebracht oder vertrieben ist«. Jeder waffenfähige Mann war verpflichtet, und übte gern diese Pflicht, an der Wolfsjagd Theil zu nehmen. In den größeren Förstereien Polens, Posens, Ostpreußens, Lithauens etc. hat man eigens zur Wolfsjagd breite Schneißen durch den Wald gehauen und diesen dadurch in kleinere Vierecke abgetheilt. Die drei Seiten eines solchen Vierecks, welche unter dem Winde liegen, werden, sobald Wölfe gespürt worden sind, mit Schützen bestellt und auf der anderen Seite die Treiber hineingeschickt. Gewöhnlich erscheint der Wolf schon nach dem ersten Lärm äußerst vorsichtig, meist langsam trabend, an der Schützenlinie, wo ihm ein schlimmer Empfang bereitet wird. Bei solchen Jagden gebrauchen bloß die ausgezeichnetsten Schützen die Kugel, die meisten anderen Jäger laden ihre Doppelgewehre mit großen Schroten, sogenannten Posten, welche man in Norwegen Wolfsschrote nennt, und schießen ihn damit, wenn sie ordentlich gezielt haben, regelmäßig zusammen. Ich habe in Kroatien einer Wolfsjagd beigewohnt und muß sagen, daß das Schauspiel viel großartiger war als der Erfolg. Man hatte die Mannschaft von mehreren Ortschaften aufgeboten und in einem Dorfe unweit des zu bejagenden Waldes versammelt. Mehrere Hundert Treiber waren erschienen und zogen nun in geordneten Haufen, geleitet und beaufsichtigt durch die Waldhüter unseres Jagdherrn, einem in der Ebene gelegenen Walde zu, um dort sich aufzustellen. Wir folgten bald darauf in Gesellschaft der von Agram herbeigekommenen und aus den benachbarten Dörfern zusammengeströmten Schützen. Mitten im Walde wurde, ganz wie bei unserem Fuchstreiben, eine Kette gebildet, nur daß sie fast eine halbe Meile weit sich ausdehnte. So lautlos, wie ich erwartet, ging es bei dem Treiben nicht zu; auch hatten einzelne Treiber es sich nicht nehmen lassen, dem Verbote entgegen, im Walde Feuer anzuzünden; auf dem Wege, längs dessen unsere Schützenlinie sich hinzog, verkehrten Bauern nach wie vor, und aus dem Walde tönten uns die Schläge der Holzfäller entgegen. Drei Schüsse gaben das Zeichen zum Beginne des Treibens. Wir standen lange Zeit, laut- und regungslos, wie es guten, erfahrenen Jägern geziemt, ehe wir von dem Treiben etwas vernahmen. Erst dumpf und verhallend, dann deutlicher und endlich vollkommen klar vernehmlich kamen sie heran, rufend, schreiend, jauchzend, heulend, auf Pfeifen blasend und die Trommeln rührend. Letztere verliehen dem Ganzen einen eigenthümlichen Reiz. Die taktmäßigen Schläge der Trommel, welche der Wolf mehr fürchten soll als alles Schreien, belebten das Treiben in außerordentlicher Weise: es war, als ob ein Regiment zum Sturme heranrückte. Da warnte eine Amsel, für mich verständlich genug. Jetzt mußte er kommen. Und in der That vernahm ich bald darauf die Schritte eines größeren Thieres, welches gerade auf mich loszugehen schien. Lange harrte ich vergebens, nur ein Fuchs erschien: der Wolf war zurückgegangen und kam erst später einem tüchtigen Schützen vor das Rohr. Drei andere Wölfe hatten die Treiberlinie gesprengt, ein vierter war angeschossen worden. Dem erlegten band man die Läufe mittels Weidenruthen zusammen, hing ihn an einer Stange auf und trug ihn im Triumphe nach dem Dorfe.

In ganz anderer Weise jagen die Bewohner der russischen Steppen. Ihnen erscheint das Gewehr geradezu als Nebensache. Der aufgetriebene Wolf wird von den berittenen Jägern so lange verfolgt, bis er nicht mehr laufen kann, und dann todtgeschlagen. Schon nach einer Jagd von ein paar Stunden versagen ihm die Kräfte. Er stürzt, rafft sich von neuem zu verzweifelten Sätzen auf, schießt noch eine Strecke weiter vorwärts und gibt sich endlich verzweiflungsvoll seinen Verfolgern preis. Man kann sich keinen scheußlicheren Anblick denken, als den des mattgehetzten Wolfes. Die dürr gewordene Zunge hängt ihm lang aus dem geifernden Maule, der weißgelbe, zottige Pelz steht vom Körper ab, und ein abscheulicher Geruch strömt von ihm aus. Mit eingeknickten Hinterläufen macht er kehrt gegen die Verfolger. Diese aber, welche ihren Gegner genau kennen, steigen vom Pferde und schlagen ihn entweder todt oder schieben ihm einen Lappen, einen alten Hut in den Rachen und packen ihn am Genicke, knebeln ihn und nehmen ihn mit sich nach Hause. So berichtet Hamm, welcher die Steppen Rußlands mehrfach durchreiste. Kohl erzählt, daß die Pferdehirten eine außerordentliche Geschicklichkeit in der Wolfsjagd besitzen. Ihre ganze Waffe besteht aus einem Stocke mit eisernem Knopfe. Diesen werfen sie dem gejagten Wolfe, selbst wenn ihr Pferd im schnellsten Laufe begriffen ist, mit solcher Kraft und Geschicklichkeit auf den Pelz, daß der Feind regelmäßig schwer getroffen niedersinkt.

In eigenthümlicher Weise jagen die Lappen. Wie ich oben bemerkte, ist der Wolf für sie der Schrecken aller Schrecken, ich möchte sagen ihr einziger Feind. Und wirklich bringt ihnen kein anderes Geschöpf so vielen Schaden wie er. Während des Sommers und auch mitten im Winter sind ihre Renthiere den Angriffen des Raubthieres preisgegeben, ohne daß sie viel dagegen thun könnten. Die meisten besitzen zwar das Feuergewehr und wissen es auch recht gut zu gebrauchen; allein die Jagd mit diesem ist bei weitem nicht so erfolgreich als eine andere, welche sie ausüben. Sobald nämlich der erste Schnee gefallen ist und noch nicht jene feste Kruste erhalten hat, welche er im Winter regelmäßig bekommt, machen sich die Männer zur Wolfsjagd auf. Ihre einzige Waffe besteht in einem langen Stocke, an welchem oben ein scharfschneidiges Messer angefügt wurde, so daß der Stock hierdurch zu einem Speere umgewandelt wird. An die Füße schnallen sie sich die langen Schneeschuhe, welche ihnen ein sehr schnelles Fortkommen ermöglichen. Jetzt suchen sie den Wolf auf und verfolgen ihn laufend. Er muß bis an den Leib im Schnee waten, ermüdet bald und kann einem Skyläufer nicht entkommen. Der Verfolger nähert sich ihm mehr und mehr, und wenn er auf eine waldlose Ebene herausläuft, ist er verloren. Das Messer war anfänglich mit einer Hornscheide überdeckt; diese sitzt aber so locker auf, daß ein einziger Schlag auf das Fell des Wolfes genügt, sie abzuwerfen. Nunmehr bekommt das Raubthier so viele Stiche, als erforderlich sind, ihm seine Raublust für immer zu verleiden. Bei weitem die meisten Wolfsfelle, welche aus Norwegen kommen, rühren von den Lappen her und wurden auf diese Weise erlangt.

Im waadtländischen Jura steht die Wolfsjagd, laut Tschudi, einer bestimmten Gesellschaft zu, welche ihre Beamten, Sitzungen und Gerichtsbarkeit hat. Posaunen verkünden den Tod eines Wolfes im Dorfe; sodann folgt auf Kosten seines Pelzes ein großes Fest, und dabei wird derjenige, welcher den Befehlen des Führers zuwider gehandelt hat, mit Wassertrinken bestraft und mit strohernen Ketten gebunden. Da man nur dann Mitglied der Gesellschaft werden kann, wenn man bereits drei glückliche Wolfsjagden mitgemacht hat, pflegen die Väter schon kleine Kinder auf dem Arme zur Wolfsjagd mitzunehmen.

Der größte Nutzen, welchen wir vom Wolfe ziehen können, besteht in Erbeutung seines Winterfelles, welches, wie bekannt, als gutes Pelzwerk vielfach angewendet wird. Die schönsten Felle kommen aus Schweden, Rußland, Polen, Frankreich und werden mit 18 bis 20 Mark bezahlt. Außerdem gewähren alle Regierungen noch ein besonderes Schußgeld für den getödteten Wolf, gleichviel ob derselbe erschossen, erschlagen, gefangen oder vergiftet worden ist. In Norwegen z.B. beträgt dies heute noch beinahe ebenso viel, als das Fell werth ist. Die Felle werden umsomehr geschätzt, je weißer sie sind, und deshalb gelten die nördlichen immer mehr als die aus südlichen Ländern. Außer dem Pelze verwendet man aber auch die Haut hier und da zu Handschuhen, Pauken- und Trommelfellen. Das grobe Fleisch, welches nicht einmal die Hunde fressen wollen, wird bloß von den Kalmücken und Tungusen gegessen.

In Spanien, wo das Fell, wie erklärlich, keinen großen Werth hat, macht sich der Jäger auf andere Weise bezahlt. Sobald er nämlich einen Wolf erlegt hat, ladet er denselben auf ein Maulthier und zieht nun mit diesem von Dorf zu Dorf, zunächst zu den größeren Herdenbesitzern, später aber, nachdem der Wolf vielleicht bereits ausgestopft worden ist, auch von Haus zu Haus, zum größten Entzücken der lieben Jugend. Die größeren Herdenbesitzer bezahlen bedeutende Summen für einen erlegten Wolf: und somit kann es kommen, daß der Jäger von einem erlegten Wolfe einen Gewinn zieht, welcher 60 Mark unseres Geldes übersteigt.

 

Eher als Rohrwolf und Tschango scheint sich der über die ganze Nordhälfte Amerika's verbreitete Wechselwolf (Canis [Lupus] occidentalis, Canis griseus, albus, rufus, ater, variabilis, gigas, nubilus, mexicanus) als eine besondere Art herauszustellen, obschon dies noch keineswegs erwiesen ist. Das Thier soll stämmiger gebaut sein, eine dickere und stumpfere Schnauze, größeren und rundlicheren Kopf, kürzere und spitzere Ohren haben, und mit dichteren, längeren und weicheren Haaren bekleidet sein als unser Wolf; alles dies aber sind Unterscheidungsmerkmale von zweifelhaftem Werthe. Die Färbung des Pelzes durchläuft wie bei unserem Wolfe alle Schattirungen von Falbweiß durch Fahlroth bis zu Schwarz: ich habe deshalb den ihm vom Prinzen Max von Wied beigelegten Namen (variabilis) zu seiner deutschen Benennung gewählt.

Der Wechselwolf ähnelt seinem östlichen Verwandten in jeder Hinsicht, bekundet dasselbe Wesen, dieselbe Kraft, Frechheit und Feigheit wie jener. Im Käfige macht er die sonderbarsten Bewegungen und flüchtet sich gewöhnlich furchtsam in die Ecken, wagt auch nie, seinen Wärter anzugreifen. Dieses Betragen zeigt er am ersten Tage seiner Einkerkerung. Ein Landwirt, so erzählt Audubon als Augenzeuge, welcher sehr viel von diesen Strolchen auszustehen gehabt hatte, legte endlich mehrere Gruben um seine Besitzungen an. In eine derselben waren eines Tages drei große Wölfe gefallen, zwei schwarze und ein gefleckter. Zum nicht geringen Erstaunen Aller ging der Pächter ruhig in die Grube, packte die Wölfe an den Hinterläufen, als sie zitternd auf dem Boden lagen, durchschnitt mit seinem Messer die Achillessehnen, um die Thiere an der Flucht zu hindern, und tödtete sie erst dann mit größter Ruhe. Die Eskimos fangen die amerikanischen Wölfe in eigenthümlichen Fallen, welche eigentlich nichts anderes als vergrößerte Mäusefallen sind. Das Innere wird mit einem Köder versehen, zu welchem der Wolf nur mühsam gelangen kann. Sobald er sich gefangen hat, wird er von außen mit Speeren zusammengestochen.

Nordostafrika beherbergt den Schakalwolf oder » Abu el Hossein« der Araber ( Canis [Lupus] lupaster, Canis Anthus, variegatus?). Er ist bedeutend kleiner als unser Isegrim, diesem aber in Gestalt und Verhältnissen ähnlich. Der breite, spitzschnauzige Kopf trägt große, breite und hohe, oben zugespitzte Ohren; der Leib ist kräftig, aber verhältnismäßig hoch gestellt; der buschige Schwanz reicht bis über die Ferse herab, wird meist hängend, zuweilen jedoch auch in großem Bogen aufwärts getragen; der nicht besonders dichte, gleichmäßige Pelz hat dunkelfahlbraune Färbung, das einzelne Haar gelbliche Wurzel und schwarze Spitze.

Nach Hartmann ändert auch der Schakalwolf nicht unerheblich ab, ist in höher gelegenen, kühleren Gegenden kräftiger gebaut und voller behaart als in heißen Tiefebenen, wo er auch dunkler gefärbt erscheint, zeigt zuweilen schwärzliche Flecken und Streifen auf seinem Felle etc. Ehrenberg fand den Schakalwolf, welchen die alten Egypter sehr wohl gekannt und auf ihren Tempelbauten bildlich dargestellt haben, in Nordostafrika wieder auf; spätere Reisende beobachteten ihn im ganzen Norden, Nordosten und Nordwesten Afrika's. Schon in den Wüsten des unteren Nilthales ist er keine Seltenheit, obgleich man immer nur einzelnen begegnet. »Da, wo das bewachsene, beziehentlich bebaute Nilthal«, sagt Hartmann, »nur schmale Streifen bildet, hält sich der Schakalwolf über Tages in schwer zugänglichen Klüften des wüsten, den Strom begrenzenden Landes versteckt, streift aber bei Abend und bei Nacht, selten dagegen noch bei hellem Sonnenscheine umher, löscht am Wasser seinen Durst und beraubt die Ansiedelungen, wo es angeht.« In den südlicheren Ländern des Nilgebietes bilden, wie ich bereits in meinen »Ergebnissen einer Reise nach Habesch« mitgetheilt habe, dichtere Gebüsche oder auch der Graswald der Steppe seinen Aufenthalt. In der Steppe soll er sich Höhlen graben oder die großröhrigen, tiefen Bauten des Erdferkels zum Tagesverstecke benutzen: so wenigstens berichteten mir die Bewohner Kordofâns.

In seinem Wesen erinnert unser Wildhund mehr an den Wolf als an den Schakal. Wenn Giebel ihn mit letzteren zusammen-, also nur als Spielart des Schakals hinstellt, beweist er nichts weiter, als daß er ihn nie gesehen hat. Einen Wolf wird Jeder in ihm erkennen müssen; von dem Schakal unterscheidet er sich selbst dem ungeübtesten Auge. Wolfartig ist auch sein Auftreten. In der Regel hält er sich in einem ziemlich eng begrenzten Gebiete auf und treibt hier Niederjagd auf allerlei Kleinwild, Zwergantilopen, Hasen, Mäuse, Wild- und Haushühner und dergleichen, nebenbei allerlei Früchte auflesend und verzehrend; zuweilen aber, namentlich während der Regenzeit, schlägt er sich in Meuten zusammen, unternimmt größere Wanderungen, überfällt Schaf- und Ziegenherden, reißt mehr nieder, als er verzehrt, zersprengt die Herden und ängstigt die Hirten in arger Weise. Ueber ein Aas stürzt sich solche Bande mit der Gier einer Wolfsmeute, und wenn der bellende Magen zwingt, vergreift sie sich, laut Hartmann, auch wohl an allerlei ungenießbaren Stoffen.

In den Steppen Innerafrika's jagt man den Schakalwolf mit den dortigen ausgezeichneten Windhunden, welche ihren Verwandten trotz lebhafter Gegenwehr niederreißen oder so lange festhalten, bis die Jäger herbeikommen und ihn mit Lanzen erstechen. In Gefangenschaft hält man ihn ebensowenig wie andere Wildhunde.

Die ersten gefangenen Schakalwölfe sah ich in der kaiserlichen Menagerie zu Schönbrunn; später erhielt ich ein Paar, welches ich geraume Zeit gepflegt und beobachtet habe. Ihr Betragen ist das des Wolfes. Wie dieser anfänglich scheu, ängstlich und reizbar, gewöhnen sie sich doch in nicht allzulanger Zeit an den Pfleger, kommen auf den Anruf herbei und geben sich zuletzt Liebkosungen hin. In das Geheul verwandter Wildhunde stimmen sie getreulich ein; sonst vernimmt man selten einen Laut von ihnen. Das von mir gepflegte Paar begattete sich am 10. März, und am 12. Mai, also nach einer Trächtigkeitszeit von genau dreiundsechszig Tagen, wölfte das Weibchen. Die Jungen wurden mit größter Zärtlichkeit behandelt, gediehen vortrefflich, spielten bereits Ende Juni's wie junge Hunde, wuchsen ungemein rasch und berechtigten zu den besten Hoffnungen, gingen jedoch an der Staupe zu Grunde.

 

Der von Rüppell in Habesch entdeckte Kaberu, Walke, Gees, Kontsal oder Boharja ( Canis simensis ), scheint sich vom Schakalwolfe nicht allein äußerlich, sondern auch im Schädelbau zu unterscheiden, da Gray hierauf eine besondere Sippe ( Simenia) begründet hat. Ein auffallend schlank, windhundähnlich gebautes Thier ist der Kaberu allerdings, keineswegs aber ein verwilderter Haushund, wie Giebel belehren will, schwerlich auch eine klimatische Abart des Schakals, wie Hartmann für möglich hält. Die Schlankheit dieses Wolfes spricht sich besonders in dem fuchsartig gebauten Kopfe, mit verlängerter Schnauze und ausgezogener Nase aus. Die Ohren sind ziemlich hoch und zugespitzt, Hals und Rumpf gestreckt, die Beine hoch; der dickbuschig behaarte Schwanz reicht bis auf die Fersen herab. In der Größe kommt der Kaberu einem starken Schäferhunde annähernd gleich: seine Gesammtlänge betrügt etwa 1,3 Meter, die Schwanzlänge 30 bis 35 Centim., die Höhe am Widerrist 45 bis 50 Centim. Kopf, Rücken und Seiten sind braunroth, Brust und Bauch weiß, die letzten fünf Achtel des Schwanzes schwarz gefärbt.

Der Kaberu ist weiter verbreitet, als man glaubt. Man brachte mir ihn einmal in Kordofân und zwar ganz im westlichsten Theile des Landes, hart an der Grenze von Dahr el Fúr, woraus hervorgehen dürfte, daß er in einem großen Theile der inneren Länder Afrika's zu finden ist. Rüppell fand ihn in den meisten Gegenden Abessiniens, hauptsächlich aber in der Kulla, d. i. im heißen Tieflande der afrikanischen Schweiz. Seine Nahrung besteht vorzugsweise in Herdenthieren, zumal in Schafen; er thut deshalb den Eingeborenen großen Schaden. Außerdem mag er wohl auch Antilopen jagen und niederreißen und wie andere wilden oder halbwilden Hunde und Hiänen Aas und Kerbthiere fressen. Dem Menschen wird er nicht gefährlich. Wie andere Verwandten schlägt er sich in Meuten und jagt gesellschaftlich. Die Bewohner Kordofâns kennen ihn unter dem Namen Kelb el Chala oder Hund der Wildnis, Hund der Steppen, und fürchten ihn als argen Feind ihrer Herden noch weit mehr als den ebenfalls dort heimischen Simr oder Hiänenhund. Keinem der scharf und gut beobachtenden Nomaden fällt es ein, in diesem Thiere einen verwilderten Hund zu erblicken; sie halten sich einfach an das Leben und Wesen des Geschöpfes und sind frei von aller Schulweisheit.

 

Ein ähnlich gebauter, aber merklich kleinerer und anders gefärbter Wildhund ist der Streifenwolf ( Canis adustus, C. lateralis), ein Mittelglied zwischen Wolf und Schakal. Der Leib ist gestreckt, der Kopf nach der Schnauze hin kegelförmig zugespitzt, die sehr spitze Schnauze auch seitlich wenig oder nicht abgesetzt, daher der unseres Fuchses nicht unähnlich; die Augen, welche hellbraune Regenbogenhaut und länglichrunden Stern haben, sind schief gestellt, die wie beim Schakal weit getrennten Ohren, deren Länge über ein Viertel und weniger als ein Dritttheil der Kopflänge beträgt, an der Spitze sanft gerundet, die Läufe auffallend hoch und schlank; die nicht besonders buschige Lunte reicht ungeachtet der hohen Läufe bis auf den Boden herab. Der Balg besteht aus langen, locker aufliegenden, straffen Grannen, welche das dünne Wollhaar vollständig bedecken.

Sundevall, der erste Beschreiber des seltenen Streifenwolfes, gibt dessen Gesammtlänge zu 1,1 Meter, die Schwanzlänge zu 33 Centim., die Höhe am Widerrist zu 45 Centim. an; diese Maße stimmen mit denen einer Streifenwölfin, welche ich pflegte, im großen und ganzen überein. Die allgemeine Färbung, ein bräunliches Hellgrau, geht auf den Seiten in Dunkel- oder Schwärzlichgrau, auf den Rücken ins Rothbraune, auf der Brust ins Fahle, auf Kehle und Bauch ins Lichtgelbe über; der Kopf ist röthlichfahl mit lichterem, durch die weißlichen Haarspitzen hervorgebrachten Schimmer, die Stirne fahlbräunlich, die Oberlippe seitlich dunkelgrau, der Lippenrand weiß, ein von ihm aus nach den Ohren verlaufender, verwischter Streifen dunkelgrau, ein die Brust in der Schlüsselbeingegend umgebendes Band und ein dreieckiger Flecken zwischen den Vorderläufen schwärzlich, ein über die Seite sich ziehender breiter Längsstreifen gelblichfahl, unten schwarz gesäumt, ein von hinten und oben nach vorn und unten über den Hinterschenkel verlaufender Streifen tiefschwarz; die Läufe sehen bis auf einen vorn längs der Vorderläufe hervortretenden dunklen Streifen lebhaft rostroth aus; der Schwanz hat an der Wurzel graue, seitlich fahle, an der Spitze rein weiße, übrigens schwarze Färbung.

Vom Kaffernlande aus verbreitet sich der Streifenwolf über einen großen Theil Afrika's. Ich erhielt die Wölfin, von welcher vorstehende Beschreibung entnommen wurde, aus Sansibar, der Thiergarten zu London einen anderen lebenden, genau ebenso gefärbten Streifenwolf vom Fernado-Vap-flusse, südlich vom Gabon in Westafrika. Wahrscheinlich ist unser Wolf derselbe Wildhund, welchen Du Chaillu mit dem Namen Mboyo bezeichnet, und von dem er erzählt, daß er ein sehr scheues, jagdlustiges und jagdtüchtiges Raubthier sei. »Ich habe«, sagt er, »oft zugesehen, wenn diese Wölfe Kleinwild jagten. Sie laufen in geschlossenen Meuten, kreisen nach allen Richtungen, spüren so rasch eine Beute auf, verfolgen und fangen jedes Wild von mäßiger Ausdauer.« Jedenfalls besitzen die Streifenwölfe die Jagd- und Raublust ihrer Verwandtschaft in vollem Maße. Meine Gefangene folgte jedem von ihrem Käfige aus sichtbaren Wilde mit größter Theilnahme, gleichsam mit verklärtem Auge. Ein vorüberfliegender Vogel, ein am Käfige vorbeispazierendes Huhn beschäftigten sie auf das lebhafteste.

Streifenwolf ( Canis adustus).

Das Betragen meiner Streifenwölfin war übrigens im wesentlichen dasselbe wie das der Schakale und anderer Wölfe ähnlicher Größe. Auch sie zeigte sich Menschen und größeren Thieren gegenüber scheu und furchtsam, obgleich sie ihrer Haut sich zu wehren wußte. Anfangs setzte sie meinen Liebkosungen Mißtrauen entgegen, allgemach aber verlor sich ihre übergroße Vorsicht, und nach einigen Wochen hatte ich ihr Vertrauen wirklich gewonnen. Sie kam auf meinen Ruf herbei und gestattete, daß ich sie berührte, und wenn auch anfangs bedenkliches Nasenrümpfen zur Vorsicht mahnte, erreichte ich endlich doch meinen Zweck und durfte sie streicheln. Später wurde sie zahm und freundlich, mir jedenfalls sehr zugethan, obgleich sie ihr Mißtrauen niemals vollständig überwinden konnte. Mit den Genossen ihres Käfigs hielt sie ihrerseits Frieden; Zudringlichkeiten derselben wies sie entschieden zurück. Eine Stimme habe ich nicht von ihr vernommen. Auf kleine Thiere, z. B. Ratten und Sperlinge, war sie sehr gierig, nicht minder gern fraß sie Früchte: Pflaumen, Kirschen, Birnen und Milchbrod gehörten zu ihren ganz besonderen Leckereien. Gegen die rauhe Witterung unseres Nordens schien sie höchst empfindlich zu sein, lag an kalten Tagen, nach Hundeart zusammengerollt, regungslos und erhob sich dann, auch wenn man sie rief, nur ungern, während sie sonst augenblicklich ans Gitter kam. Am lebendigsten war sie an warmen Sommerabenden.

Der Schakal ( Canis aureus, Lupus aureus, Canis barbarus, indicus, micrurus) ist dasselbe Thier, welches die Alten Thos und Goldwolf nannten, und wahrscheinlich der bei dem Bubenstreiche Simsons erwähnte » Fuchs«, welchen jener edle Recke benutzte, um den Philistern ihr Getreide anzuzünden. Sein Name rührt von dem persischen Worte Sjechal her, welches die Türken in Schikal umgewandelt haben. Bei den Arabern heißt er Dieb oder Díb, der Heuler, – und einen besseren Namen könnten auch wir ihm nicht geben. Man kennt ihn im Morgenlande überall und spricht von seinen Thaten mit demselben Wohlgefallen, mit welchem wir des Fuchses gedenken. Nordafrika und West- und Südasien bilden seine Heimat; nach neueren Beobachtungen kommt er aber auch in Europa und zwar in Dalmatien und Griechenland vor.

Schakal ( Canis aureus).

Der Schakal erreicht bei 90 bis 95 Centim. Gesammt- oder 65 bis 70 Centim. Leibes- und 30 Centim. Schwanzlänge 45 bis 50 Centim. Höhe am Widerriste, ist kräftig gebaut, hochbeinig und kurzschwänzig, seine Schnauze spitzer als die des Wolfes, aber stumpfer als die des Fuchses; die buschige Standarte hängt bis zu dem Fersengelenk herab. Die Ohren sind kurz, erreichen höchstens ein Viertel der Kopflänge und stehen weit von einander ab; die lichtbraunen Augen haben einen runden Stern. Ein mittellanger, rauher Balg von schwer beschreiblicher Färbung deckt den Leib. Die Grundfarbe ist ein schmutziges Fahl- oder Graugelb, welches auf dem Rücken und an den Seiten mehr ins Schwarze zieht, bisweilen auch schwarz gewellt erscheint oder durch dunkle, unregelmäßig verlaufende Streifen über den Schultern gezeichnet wird. Diese Färbung setzt sich scharf ab von den Seiten, Schenkeln und Läufen, welche wie die Kopfseiten und der Hals fahlroth aussehen. Die Stirnmitte pflegt dunkler zu sein, weil hier die Haare schwärzliche Spitzen haben; die Ohren sind äußerlich dicht mit rothgelben, innen spärlicher mit längeren lichtgelben Haaren bekleidet. Das Fahlgelb der Unterseite geht an der Kehle und am Bauche in Weißlich-, an der Brust in Röthlichgelb, am Unterhalse in Grau über; in der Schlüsselbeingegend machen sich undeutliche dunklere Querbänder bemerklich, ohne daß eine regelmäßige Zeichnung ausgesprochen wäre. In die dunkle, an der Spitze schwarze Behaarung des Schwanzes mischt sich Fahlgelb ein.

Als das Heimatsgebiet des Schakals muß Asien angesehen werden. Er verbreitet sich von Indien mit Ceilon aus über den Westen und Nordwesten des Erdtheils, die Eufratländer, Arabien, Persien, Palästina und Kleinasien, tritt aber auch in Nordafrika und in Morea, der Türkei sowie in einigen Gegenden Dalmatiens auf. In Nordindien und Nepal lebt eine andere Art, vielleicht nur Spielart von ihm: der Landjak (Canis [Lupus] pallipes, Saccalius indicus), ein mir aus eigener Anschauung nicht bekanntes Thier.

In seiner Lebensweise stellt sich der Schakal als Bindeglied zwischen Wolf und Fuchs dar. Dem letzteren ähnelt er mehr als dem ersteren. Bei Tage hält er sich zurückgezogen; gegen Abend begibt er sich auf seine Jagdzüge, heult laut, um andere seiner Art herbeizulocken, und streift nun mit diesen umher. Er liebt die Geselligkeit sehr, obwohl er auch einzeln zur Jagd zieht. Vielleicht darf man ihn den dreistesten und zudringlichsten aller Wildhunde nennen. Er scheut sich nicht im geringsten vor menschlichen Niederlassungen, dringt vielmehr frech in das Innere der Dörfer, ja selbst der Gehöfte und Wohnungen ein und nimmt dort weg, was er gerade findet. Durch diese Zudringlichkeit wird er weit unangenehmer und lästiger als durch seinen berühmten Nachtgesang, welchen er mit einer bewunderungswürdigen Ausdauer vorzutragen pflegt. Sobald die Nacht wirklich hereingebrochen ist, vernimmt man ein vielstimmiges, im höchsten Grade klägliches Geheul, welches dem unserer Hunde ähnelt, aber durch größere Vielseitigkeit sich auszeichnet. Wahrscheinlich dient dieses Geheul hauptsächlich anderen der gleichen Art zum Zeichen: die Schakale heulen sich gegenseitig zusammen. Jedenfalls ist es nicht als ein Ausdruck der Wehmuth der lieben Thiere anzusehen; denn die Schakale heulen auch bei reichlicher Mahlzeit, in der Nähe eines großen Aases z. B., gar erbärmlich und kläglich, daß man meint, sie hätten seit wenigstens acht Tagen keinen Bissen zu sich genommen. Sobald der eine seine Stimme erhebt, fallen die anderen regelmäßig ein, und so kann es kommen, daß man von einzelnliegenden Gehöften aus zuweilen die wunderlichste Musik vernehmen kann, weil die Töne aus allen Gegenden der Windrose heranschallen. Unter Umständen wird man erschreckt durch das Geheul; denn es ähnelt manchmal Hülferufen oder Schmerzenslauten eines Menschen. Durch die Ausdauer, mit welcher die Schakale ihre Nachtgesänge vortragen, können sie unerträglich werden; sie verderben, zumal wenn man im Freien schläft, oft die Nachtruhe vollständig. Somit kann man es den Morgenländern nicht verdenken, wenn sie die überall häufigen Thiere hassen und diesem Hasse durch grauenvolle Flüche Ausdruck geben.

Zum Hasse berechtigen übrigens auch noch andere Thaten der Schakale. Der geringe Nutzen, welchen sie bringen, steht mit dem Schaden, den sie verursachen, in gar keinem Verhältnisse. Nützlich werden sie durch Wegräumen des Aases und Vertilgung allerhand Ungeziefers, hauptsächlich durch Mäusefang, schädlich wegen ihrer unverschämten Spitzbübereien. Sie fressen nicht nur alles Genießbare weg, sondern stehlen noch allerhand Ungenießbares aus Haus und Hof, Zelt und Zimmer, Stall und Küche und nehmen mit, was ihnen gerade paßt. Ihre Freude am Diebstahl ist vielleicht ebenso groß wie ihre Gefräßigkeit. Im Hühnerhofe spielen sie die Rolle unseres Reineke, morden mit der Gier des Marders und rauben, wenn auch nicht mit der List, so doch mit der Frechheit des Fuchses. Unter Umständen machen sie sich übrigens auch über ein vereinzeltes Herdenthier, über Lämmer und Ziegen her, verfolgen ein kleines Wild oder plündern die Obstgärten und Weinberge. An der Meeresküste nähren sie sich von todten Fischen, Weichthieren und dergleichen. Größeren Raubthieren folgen sie in Rudeln nach, um alle Ueberreste ihrer Mahlzeit zu vertilgen; Reisezüge begleiten sie oft Tagelang, drängen sich bei jeder Gelegenheit ins Lager und stehlen und plündern hier nach Herzenslust. Bei ihren Raubzügen gehen sie anfangs langsam, in Absätzen, heulen dazwischen einmal, wittern, lauschen, äugen und folgen dann, sowie sie eine Spur aufgefunden haben, irgend welchem Wilde mit großem Eifer, fallen, wenn sie nahe genug sind, plötzlich über ihre Beute her und würgen sie ab. Tritt ihnen bei solchen Jagdzügen ein Mensch in den Weg, so weichen sie ihm zwar aus und zerstreuen sich nach rechts und links, finden sich aber bald wieder zusammen und verfolgen ihren Weg wie früher. Die Morgenländer sagen ihnen nach, daß sie unter Umständen auch Menschen angreifen, zwar nicht den Erwachsenen und Gesunden, wohl aber Kinder und Kranke. Jedenfalls richten sie Unfug genug an, um die Abwehr des Menschen hervorzurufen. In manchen Gegenden werden sie buchstäblich zur Landplage. Nur ihre nahen Verwandten, die Hunde, vermögen sie im Zaume zu halten, und diese sind denn auch ihretwegen in allen Dörfern massenhaft vorhanden, stürmen, sobald ihnen das Geheul der Schakale deren Ankunft verkündet, denselben entgegen und treiben sie in die Flucht.

In den nördlichen Theilen der Insel Ceilon, wo der sandige Boden von Buschwerk und einzelnen Baumgruppen nur dünn bedeckt wird, sind sie, laut Tennent, ungemein häufig. Sie jagen hier regelmäßig in Meuten, welche von einem Leithunde angeführt werden und eine kaum glaubliche Kühnheit an den Tag legen. Nicht allein Hasen und andere Nager, sondern auch größere Thiere, selbst Hirsche, fallen ihnen zur Beute. Sehen sie, daß gegen Abend oder mit Eintritt der Dunkelheit ein Hase oder anderes Wild in einem jener Dickichte Zuflucht sucht, so umringen sie die ihnen winkende Beute von allen Seiten, versäumen auch nie die Wechsel zu besetzen; der Leithund gibt durch ein langgedehntes, wie »Okäe« klingendes Geheul das Zeichen zum Angriffe, alle wiederholen die widerwärtigen Laute, und rennen gleichzeitig in das Dickicht, um das Opfer heraus und in die sorgfältig gelegten Hinterhalte zu treiben. Nach Tennent gewordenen Mittheilungen eines Augenzeugen ist es ihre erste Sorge, ein niedergerissenes Wild wo möglich in das nächstgelegene Dickicht zu schleppen, aus welchem sie sodann mit der gleichgültigsten Miene wieder heraustreten, um zu erspähen, ob nicht etwa ein stärkeres Thier, welches sie ihrer Beute berauben könnte, in der Nähe sich umhertreibe. Ist die Luft rein, so kehren sie zu dem verborgenen Leichnam zurück und schaffen ihn weg oder verzehren ihn auf der Stelle. Angesichts eines Menschen oder stärkeren Raubthieres sollen sie, wie der Berichterstatter Tennents versichert und dieser für wahr hält, irgend einen Gegenstand ins Maul nehmen und eilig davon rennen, als wären sie begierig, die vermeintliche Beute zu sichern, gelegenerer Zeit aber zu dem wirklichen Raube zurückkehren. Jedenfalls gelten sie bei allen Singalesen, genau ebenso wie Reineke bei uns, als Sinnbilder der List und Verschlagenheit, und haben einen wahren Schatz von Sagen und Geschichten ins Leben gerufen.

An den Schädeln einzelner Schakale findet sich eine von außen meist durch einen Haarbusch kenntliche Knochenwucherung, das Schakalhorn, »Narrik-Kombu« der Singalesen, welchem diese wunderbare Kräfte zuschreiben. Ihrer Meinung nach entwächst es nur dem Schädel des Leithundes und ist deshalb besonders schwer zu erhalten, verbürgt dem glücklichen Besitzer aber Erfüllung aller Wünsche, kehrt auch, wenn es gestohlen wurde, von selbst wieder in seinen Besitz zurück, ist überhaupt ein Talisman ersten Ranges, welcher den bei unseren Gläubigen so hoch beliebten Heiligenknochen bei weitem vorgezogen werden muß, schon weil es unter den Singalesen ungleich weniger Zweifler an Knochenwundern gibt als bei uns zu Lande. Mittels des »Narrik-Kombu« treibt man zwar nicht Teufel aus, heilt auch keinerlei Krankheiten und Gebresten, schützt sein Haus aber vor Dieben und Räubern, gewinnt Rechtsstreitigkeiten, kommt zu Geld, Vermögen und Ehren, schließlich wohl auch ins Paradies. Man ersieht aus dieser Mittheilung, daß die Knochen auch unter halbgesitteten Völkerschaften ihre Rolle spielen.

Die Ranzzeit des Schakals fällt in den Frühling und gibt den verliebten Männchen zu den allergroßartigsten Heulereien Grund und Ursache. Neun Wochen später wölft die Schakalhündin fünf bis acht Junge auf ein wohl verborgenes Lager, ernährt, schützt und unterrichtet diese nach Wolfs- oder Fuchsart im Gewerbe und zieht nach ungefähr zwei Monaten mit ihnen in das Land hinaus. Die hoffnungsvollen Sprossen haben sich um diese Zeit schon fast alle Fertigkeiten der Alten erworben, verstehen das Heulen meisterhaft, und lernen das Stehlen rasch genug.

Jung eingefangene Schakale werden bald sehr zahm, jedenfalls weit zahmer als Füchse. Sie gewöhnen sich gänzlich an den Herrn, folgen ihm wie ein Hund, lassen sich liebkosen oder verlangen Liebkosungen wie dieser, hören auf den Ruf, wedeln freundlich mit dem Schwanze, wenn sie gestreichelt werden, kurz, zeigen eigentlich alle Sitten und Gewohnheiten der Haushunde. Selbst alt gefangene unterwerfen sich mit der Zeit dem Menschen, so bissig sie auch anfänglich sich zeigen. Paarweise gehaltene pflanzen ohne alle Umstände in der Gefangenschaft sich fort, begatten sich auch leicht mit passenden Haushunden. Adams sah in Indien Haushunde, welche dem Schakal vollständig glichen, und nimmt an, daß sie aus einer Vermischung von beiden hervorgegangen sind.

Die fürchterlichste Krankheit der Hunde, Wasserscheu, sucht auch den Schakal heim. Man hat auf Ceilon wiederholt erfahren müssen, daß wuthkranke Schakale in die Dörfer kamen und Hausthiere bissen, welche an den Folgen der Uebertragung des Wuthgiftes elendiglich zu Grunde gingen.

 

Schwer begreiflich erscheint es, daß man fortwährend einen gegenwärtig in allen größeren Thiergärten und Museen ausgestellten Wildhund des inneren und südlichen Afrika, den Schabrakenschakal, mit dem Schakal als gleichartig erklärt; denn ersterer hat mindestens ebenso viele Ähnlichkeit mit dem Fuchse wie mit dem Schakal und bildet gewissermaßen ein Uebergangsglied zwischen beiden. Gray führt ihn als besondere Art unter den Füchsen auf und ist hierzu jedenfalls mehr berechtigt als Giebel, welcher ihn wahrscheinlich nie gesehen hat, trotzdem aber mit dem Schakal- und Streifenwolf als Spielart des Schakals erklärt.

Der Schabrakenschakal ( Canis mesomelas, Vulpes mesomelas, Canis variegatus) ist sehr niedrig gestellt und von allen übrigen Schakalen schon hierdurch, mehr noch aber durch die Bildung seines Kopfes unterschieden. Dieser hat den Bau des Fuchskopfes und zeichnet sich besonders aus durch die sehr großen, am Grunde breiten, oben spitzig zulaufenden, ein gleichmäßiges, unten etwas verschmälertes Dreieck bildenden, dicht nebeneinanderstehenden Ohren, welche eher an die des Fenek als an die des Schakals erinnern. Die großen braunen Augen haben runden Stern. Der Schwanz reicht bis zum Boden herab, wird jedoch gewöhnlich aufrecht gekrümmt getragen. Das Fell ist dick, fein und kurzhaarig. Die Färbung, ein schönes Rostroth, geht nach unten zu in Gelblichweiß über. Die ganze Oberseite deckt eine seitlich scharf begrenzte Schabrake von schwarzer Färbung mit weißlicher Fleckenzeichnung. Auf dem Halse wird diese Schabrake durch eine nach hinten zu undeutliche weiße Linie eingefaßt. Die Fleckenzeichnung ändert sich, je nach der Lage der Haare, da sie überhaupt nur durch das Zusammenfallen einer Menge von Haarspitzen entsteht, welche sämmtlich lichte Färbung haben. Kehle, Brust und Bauch sind weiß oder lichtgelb. An den Innenseiten der Läufe dunkelt diese Färbung, und zwischen den Vorderläufen geht sie in Grau über. Das Kinn ist röthlich, aber sehr hell, wenig von der lichteren Kehle abstechend. Auf dem Kopfe mischt sich Grau unter die allgemeine rostrothe Färbung. Der Rücken der sehr spitzen, fuchsartigen Schnauze ist schwarz, während die Lippen sehr licht, fast weiß erscheinen. Die Ohren sind außen und am Rande lebhaft rostroth, innen mit gilblichen Haaren besetzt. Vor ihnen steht jederseits ein gelber Fleck, und ein ähnlich gefärbter umrandet auch das Auge, unter dem sich dann noch ein dunklerer Streifen hinzieht. Ein dunkles Halsband, wie es die meisten übrigen Hunde und namentlich die Schakale zeigen, fehlt dem Schrabrakenschakal gänzlich. Der Schwanz ist an der Wurzel rostfarben wie der übrige Leib, sodann aber, in den letzten zwei Dritteln der Länge, schwarz. An Länge übertrifft der Schabrakenschakal seinen Verwandten, an Höhe steht er ihm nach.

Nach meinen Erfahrungen beginnt das Wohngebiet des Schabrakenschakals in Mittelnubien. Von hier aus reicht es längs der Ostküste Afrika's bis zum Kap und wahrscheinlich auch querdurch den ganzen Erdtheil bis zur Westküste. Unser Schakal findet sich ebensowohl in der Steppe wie in den Wäldern, vorzugsweise jedoch in Gebirgsländern. Am Kap und in Habesch ist er sehr häufig. An der Ostküste des Rothen Meeres breitet sich eine schmale Wüstensteppe, die Samhara, aus, welche vielfach von Regenstrombetten durchfurcht ist, deren Ufer gewöhnlich üppige Dickichte bilden. Hier darf man ihn regelmäßig vermuthen; denn diese Dickichte sind reich an Hasen und Frankolinen und gewähren ihm somit vielfache Gelegenheit, Beute zu machen. Er ist frecher und zudringlicher als jeder andere Wildhund. Seine eigentliche Jagdzeit ist zwar die Nacht, doch sieht man ihn auch bei Tag häufig genug umherlungern, selbst unmittelbar in der Nähe der Dörfer. In den Frühstunden begegnet man ihm überall, im Gebüsche ebensowohl wie in der pflanzenleeren Ebene. Erst in den Vormittagsstunden trabt er seinem Lager zu. Nachts ist er ein regelmäßiger Gast in den Dörfern und selbst in der Mitte des Lagerplatzes; denn nicht einmal das Feuer scheint ihn auf seinen Diebeszügen zu hindern. Ich habe ihn wiederholt zwischen den Gepäckstücken und den lagernden Kamelen umherstreifen sehen; auf meiner ersten Reise in Afrika hat er mir sogar auf dem nur vermittels eines Bretes mit dem Lande verbundenen Schiffe einen Besuch gemacht. Die Eingeborenen Afrikas hassen ihn, weil er alle nur denkbaren Sachen aus den Hütten wegschleppt und unter dem Hausgeflügel, sogar unter den kleinen Herdenthieren manchmal arge Verheerungen anrichtet. Die Somali versichern, daß er ihren Schafen die Fettschwänze abfresse; im Sudan weiß man davon zwar nichts, kennt ihn aber als sehr eifrigen Jäger der kleinen Antilopen, der Mäuse, Erdeichhörnchen und anderer Nager. Bei dem Aase ist er ein regelmäßiger Gast; er scheint solche Speise leidenschaftlich gern zu fressen. Wie Burton berichtet, betrachten die Somali das Geheul des Schabrakenschakals als ein Vorzeichen des kommenden Tages und schließen von ihm aus auf gutes oder schlechtes Wetter; in Abessinien oder im Sudan beachtet man diese Musik nicht, obgleich man sie oft genug zu hören bekommt. Ich meinestheils muß gestehen, daß mir das Geheul dieser Schakale niemals lästig geworden ist, sondern immer eine ergötzliche Unterhaltung gewährt hat.

Schabrakenschakal ( Canis mesomelas).

Ueber die Fortpflanzung unseres Wildhundes fehlen zur Zeit noch genügende Beobachtungen. Mir wurde erzählt, daß die Anzahl des Gewölfes vier bis fünf betrage, und daß man die Jungen zu Anfang der großen Regenzeit finde. Im Innern Afrika's fällt es Niemand ein, das wirklich nette Thier zu zähmen; wir erhalten deshalb auch nur aus dem Kaplande ab und zu einen dieser Schakale lebendig. Wenn man sich viel mit einem solchen Gefangenen beschäftigt, gewinnt man bald sein Vertrauen. Der Schabrakenschakal ist im Grunde ein gutmüthiger, verträglicher Bursche, welcher jedenfalls mehr als der Fuchs zur Geselligkeit und zum Frieden neigt. So scheu und wild er anfänglich sich geberdet, so rasch erkennt er liebevolle Behandlung an und sucht sie durch dankbare Anhänglichkeit zu vergelten. Ein fast ausgewachsenes Männchen, welches ich in London ankaufte, war anfänglich im höchsten Grade scheu und bissig, tobte beim bloßen Erscheinen des Wärters wie unsinnig im Käfige umher, machte Sprünge von ein bis zwei Meter Höhe und suchte ängstlich vor dem Menschen sich zu verbergen oder ihm zu entkommen, bekundete aber auch ähnliche Furcht vor verwandten Wildhunden, mit denen es zusammen gehalten wurde, sodaß es oftmals eben dieser Scheu und Furchtsamkeit wegen zu argen Beißereien unter der sehr gemischten Gesellschaft kam. Dies alles aber verlor sich bald. Der Schabrakenschakal erkannte das Vergebliche seines Sträubens und befliß sich fortan eines anständigen Betragens. Schon nach wenig Wochen nahm er, vielleicht durch das gute Beispiel seiner Mitgefangenen ermuntert, dem Wärter das ihm vorgehaltene Fleisch oder Brod aus der Hand; nach etwa Monatsfrist hatte sich seine Scheu soweit verloren, daß er traulich auf den Ruf herbeikam und die dargebotene Hand liebevoll beleckte. Auch zu seinen Mitgefangenen faßte er allgemach Vertrauen, und mit dem Vertrauen stellte sich eine gewisse Freundschaft ein, welche freilich durch einen vorgehaltenen fetten Bissen zuweilen kleine Unterbrechungen erhielt, im ganzen aber doch thatsächlich bestand.

Während des Haarwechsels, welcher im September vor sich ging, hatte gedachter Schakal vorübergehend ein ganz eigenthümliches Aussehen. Seine schwarze Schabrake verlor sich in kurzer Zeit bis auf spärliche Ueberbleibsel; das neue Grannenhaar wuchs aber sehr rasch wieder heran, und bereits nach vier Wochen hatte er sein neues, schöneres Kleid angelegt.

In einem Käfige zusammengehaltene Paare des Schabrakenschakals pflanzen sich leicht fort. Ob ihre Trächtigkeitszeit von der anderer Wölfe abweicht, vermag ich nicht zu sagen. Ein Paar, welches unter der Pflege Kjärböllings mehrere Jahre nacheinander Junge brachte, begattete sich in einem Jahre am 16. Januar, trotz der herrschenden 12° R. Kälte, und bekam – wann ist nicht gesagt – vier Junge, welche vortrefflich gediehen. In den beiden folgenden Jahren wölfte das Weibchen wieder, einmal am 4. März, fraß gelegentlich auch einen seiner Sprossen, obgleich es dieselben sonst gut behandelte.

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