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Brehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band

Alfred Brehm: Brehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band - Kapitel 70
Quellenangabe
authorAlfred Brehm
titleBrehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
year1876
illustratorGustav Mützel,Ludwig Beckmann, C. F. Deiker, Robert Kretschmer
firstpub1876
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Jagdleoparden ( Cynailurus).

Auf die Luchse lassen wir ein eigenthümliches Bindeglied zwischen Katzen und Hunden, die Jagdleoparden oder Gepards folgen. Die Gepards tragen ihren Sippennamen Cynailurus- Hundskatze – mit vollem Rechte; denn sie sind wirklich halb Katzen und halb Hunde. Katzenartig ist noch der Kopf, katzenartig der lange Schwanz, hundeartig aber der ganze übrige Körper, hundeartig zumal erscheinen die langen Beine, deren Pfoten nur noch halbe Pranken genannt werden können. Noch ist hier die ganze Einrichtung zum Einziehen und Hervorschnellen der Klauen vorhanden, aber die betreffenden Muskeln sind so schwach und kraftlos, daß die Krallen fast immer hervorragen und deshalb wie bei den Hunden durch Abnutzung gestumpft werden. Das Gebiß gleicht im wesentlichen dem anderer Katzen, die Eckzähne aber sind ähnlich wie die der Hunde zusammengedrückt. Dieser Zwischenstellung entspricht das geistige Wesen unserer Thiere: ihr Gesichtsausdruck ist noch katzenähnlich; aber die Hundegemüthlichkeit spricht schon aus den Augen hervor, welche Sanftmuth und Gutmüthigkeit beurkunden.

Der derzeitige Stand unserer Kenntnisse berechtigt uns noch nicht, zu entscheiden, ob die Sippe der Gepards mehr als eine Art zählt. Einige Forscher nehmen unbedenklich an, daß die afrikanischen und asiatischen Jagdleoparden gleichartig sind, andere unterscheiden mindestens zwei, einige sogar drei Arten und zwar den Tschita oder asiatischen Gepard ( Cynailurus jubatus, Felis und Gueparda jubata), den Fahhad oder afrikanischen Jagdleopard ( Cynailurus guttatus, Felis und Gueparda guttata, venatica) und den Tüpfelgepard ( Cynailurus Soemmeringii). Die Entscheidung dieser Streitfragen hat für uns keine Bedeutung, da Lebensweise, Sitten und Betragen aller Arten oder Spielarten im wesentlichen dieselben zu sein scheinen. Der Tschita ist sehr schlank und schmächtig, auch viel hochbeiniger als die eigentlichen Katzen, der Kopf klein und mehr hundeartig gestreckt, als katzenartig gerundet, das Ohr breit und niedrig, das Auge durch seinen runden Stern ausgezeichnet, der Balg ziemlich lang und struppig, namentlich auf dem Rücken, die Grundfärbung des Pelzes ein sehr lichtes Gelblichgrau, auf welchem schwarze und braune Flecken stehen, die auf dem Rücken dicht gedrängt sind, ja fast zusammenfließen, auch an dem Bauche sich fortsetzen und selbst den Schwanz noch theilweise bedecken, da sie nur gegen das Ende hin zu Ringeln sich verbinden. Die Leibeslänge des Tschita beträgt 1 Meter, die Länge des Schwanzes 65 Centim., die Höhe am Widerrist ebenso viel. Dem Fahhad fehlt die Nackenmähne fast gänzlich; die Grundfarbe seines Pelzes ist fast orangengelb, der Bauch aber weiß und ungefleckt; auch die Flecken sind etwas anders, und die Spitze des Schwanzes ist weiß, anstatt schwarz. Der Tüpfelgepard unterscheidet sich vom Fahhad nur durch etwas dunklere Grundfärbung und kleinere Fleckung.

Der Tschita findet sich im ganzen südwestlichen Asien und ist, wie Färbung und Gestalt anzeigen, ein echtes Steppenthier, welches seinen Unterhalt weniger durch seine Kraft, als durch seine Behendigkeit sich erwerben muß. Entsprechend seiner Zwittergestalt zwischen Hund und Katze bewegt sich der Gepard in einer von den Katzen nicht unwesentlich verschiedenen Weise. Zwar versteht auch er es noch, dicht an den Boden geschmiegt, die langen Beine förmlich zusammengeknickt, zu schleichen; doch geschieht dies eher nach Art eines Fuchses oder Wolfes als nach Art der Katze. Mit dieser verglichen, tritt der Gepard derb auf und schreitet weit aus; beschleunigt er seine Bewegung, so läuft er nach Art eines Windhundes dahin, und an diesen erinnert er auch, wenn er weitere Sprünge ausführt, da er nicht bloß wenig Sätze macht und dann vom Weiterlaufen absteht, sondern unter Umständen größere Strecken mit gewaltigen Sprüngen durchmißt. Eine Fähigkeit der meisten Katzen geht ihm gänzlich ab: er ist nicht im Stande zu klettern und muß, wenn er einen höheren Gegenstand erreichen will, mit einem gewaltigen Sprunge, welcher ihn allerdings in verhältnismäßig bedeutende Höhen bringt, sich behelfen. Ob er auch zu schwimmen versteht, vermag ich nicht zu sagen. Auch seine Stimme hat etwas durchaus eigenthümliches. Der Gepard spinnt, und zwar mit großer Ausdauer, wie unsere Hauskatze, nur etwas gröber und tiefer, faucht, gereizt, wie seine Verwandten, fletscht auch ebenso ingrimmig die Zähne, und läßt dabei ein dumpfes, unausgesprochenes Knurren hören, außerdem aber ganz eigenthümliche Laute vernehmen. Der eine von diesen ist ein langgezogenes Pfeifen, der andere ein aus zwei Lauten bestehender Ruf, welcher dem Namen Tschita so ähnelt, daß man letzteren sofort als Klangbild dieser Stimmlaute erkennen muß.

Gepard oder Fahhad (Cynailurus guttatus).

Die Nahrung der Jagdleoparden besteht hauptsächlich in den mittelgroßen und kleineren Wiederkäuern, welche in seinem Gebiete leben, und ihrer weiß er sich mit vielem Geschicke zu bemächtigen. Seine Schnelligkeit und Ausdauer sind nicht eben groß, und eine von ihm verfolgte Antilope würde ihn schon nach kurzem Laufe weit hinter ihren Fersen zurücklassen, gebrauchte der Tschita nicht Schlauheit und List, um zu seiner Beute zu gelangen. Sobald er ein Rudel weidender Antilopen oder Hirsche bemerkt, drückt er sich auf die Erde und kriecht nun schlangengleich, leise, aber behende auf dem Boden hin, um sich vor den wachsamen Augen des Wildes zu verbergen. Dabei berücksichtigt er alle Eigenthümlichkeiten des letzteren und kommt z. B. niemals über dem Winde angeschlichen, liegt auch still und regungslos, sobald das Leitthier des Rudels seinen Kopf erhebt, um zu sichern. So stiehlt er sich bis auf etwa zwanzig Meter heran, sucht das bestgestellte Thier aus und springt nun mit wenigen Sätzen zu ihm heran, schlägt es mit den Tatzen nieder und faßt es dann im Genicke. Nach kurzem Widerstande, wobei er jedoch immerhin mehrere hundert Schritte mit fortgeschleppt werden kann, hat er sein Opfer bewältigt und trinkt gierig das rauchende Blut.

Solche angeborene List und Jagdfähigkeit mußte den achtsamen Bewohnern seiner Heimat auffallen und sie zu dem Versuche reizen, die Jagdkunst des Thieres für sich zu benutzen. Durch einfache Abrichtung ist der Jagdleopard zu einem trefflichen Jagdthiere geworden, welches in seiner Art dem besten Edelfalken kaum nachsteht. In ganz Ostindien betrachtet man ihn allgemein als einen geachteten Jagdgehülfen. Der Schah von Persien läßt ihn sich aus Arabien kommen und hält ihn mit einer Menge Hunde in einem eigenen Hause. Joseph Barbaro sah im Jahre 1474 bei dem Fürsten von Armenien hundert Stück Jagdleoparden, Orlich fand das Thier noch 1842 bei einem indischen Fürsten, und Prinz Waldemar von Preußen wohnte bei Delhi einer solchen Jagd bei. Auch in Europa ist der Gepard als Jagdthier benutzt worden. Der »hochgeleert Doktor Kunrat Geßner« hat es von Einem vernommen, »so es mit augen gesehen hat, daß der künig von Franckreych zweyerley Lepparden erziehe. Die einen werden zu zeyten herauß gefürt, dem künig zu einem schauwspil, von dem so sy verhütet und speyset, hinden auff dem Pfärdt auff einem küsse gefürt an einer ketten gebunden: alsdann jm ein Hasen fürgelassen lauffen, er abgelassen, welchen er mit etlichen großen sprüngen geschwind ergreyffe, ertödte vnd zestücken reysse. Der jeger aber so er den Lepparden wider anbinden wölle, gange er gegne jm mit umbgekertem leyb, damit er nit von angesicht gesehen, auch von jm angegriffen werde, binde jm ein stückle fleisch zwüschend den beinen herdurch, mache jn also widerumb milt, binde jn an die ketten, streichle jn, füre jn zu dem Pfärdt, welcher one arbeit von jm selber auf das Rossz an sein platz springe.« Daß diese Schilderung sich nur auf den Gepard beziehen kann, unterliegt keinem Zweifel. Auch Leopold der Erste, Kaiser von Deutschland, erhielt vom türkischen Sultan zwei abgerichtete Tschitas, mit denen er oftmals jagte. Die Herrscher der Mongolen trieben so großen Luxus mit unseren Thieren, daß sie oft gegen tausend Stück mit auf die großen Jagdzüge nahmen. Noch heutigen Tages sollen die Meuten dieser Katzenhunde bei einigen einheimischen Fürsten Indiens einen nicht geringen Aufwand erfordern. Ihre Abrichtung muß von besonderen Leuten besorgt werden, und auch ihr Jagdgebrauch setzt die Begleitung sehr geübter Jäger voraus, welche ungefähr die geachtete Stellung unserer früheren Falkner bekleiden: man kann sich also denken, daß dieses Jagdvergnügen eben nicht billig ist.

Heuglin bestätigt neuerdings die Angabe älterer Reisenden, daß der Gepard in früherer Zeit auch in Abessinien zur Jagd abgerichtet wurde, und Hartmann gedenkt einer Abbildung, welche einen Beduinen Algiers mit seinem gezähmten Gepard darstellt, im Begriffe, letzteren auf ein in der Ferne weidendes Gazellenrudel loszulassen. Auch von der Decken versicherte mir, bei den Arabern der nördlichen Sahara gezähmte und eingeschulte Jagdleoparden gesehen zu haben. In Nordostafrika wird das Thier nach meinen und anderer Reisenden Erfahrungen gegenwärtig nicht mehr zur Erbeutung von Wild benutzt.

Behufs solcher Jagd wird der Gepard behaubt und auf einen sehr leichten, zweiräderigen Karren gesetzt, wie sie dem Lande eigenthümlich sind; einzelne Jäger nehmen ihn wohl auch hinter sich auf das Pferd. Man zieht nach den Wildplätzen hinaus und sucht einem Rudel Wild soviel als möglich sich zu nähern. Wie überall, läßt auch das scheueste asiatische Wild einen Karren weit näher an sich herankommen als gehende Leute. Deshalb kann man mit dem Gepard bis auf zwei- oder dreihundert Schritte an das Rudel heranfahren. Sobald die Jäger nahe genug sind, enthauben sie den Tschita und machen ihn durch sehr ausdrucksvolle Winke und leise Aufmunterungen auf seine Beute aufmerksam.

Kaum hat das vortreffliche Thier diese ersehen, so erwacht in ihm das ganze Jagdfeuer, und all seine natürliche List und Schlauheit gelangt zur Geltung. Zierlich, ungesehen und ungehört schlüpft er von dem Wagen, schleicht in der angegebenen Weise vorsichtig an das Rudel heran und reißt ein Stück von ihm zu Boden. Ein Augenzeuge schildert eine solche Jagd mit folgenden Worten:

»Kurz bevor wir unser Jagdgebiet berührten, meldete uns der Kameltreiber (denn deren bedient man sich gewöhnlich zum Aufsuchen des Wildes und zum Vorbereiten der Jagdlust), daß eine halbe Meile von unserem Stande eine Herde Gazellen weide, und wir beschlossen sogleich, sie mit unseren Gepards zu verfolgen. Jeder derselben befand sich auf einem offenen, mit zwei Ochsen bespannten Karren ohne Leitern, und jeder hatte ein Gefolge von zwei Männern. Die Gepards waren mit einem Halfter an ein leichtes Halsband oben auf den Karren gebunden und wurden von den Beileuten noch an einem Riemen gehalten, welcher um die Lenden ging. Eine lederne Kappe bedeckte ihnen die Augen. Da die Gazellen außerordentlich scheu sind, so ist die beste Weise an sie zu kommen, wenn der Treiber an der langen Seite des Jagdwagens sitzt, und man baut auch darum letzteren so wie die Karren der Bauern, weil an deren Anblick die Thiere gewöhnt sind, so daß man sich ihnen auf hundert bis zweihundert Schritte nähern kann. Diesmal hatten wir drei Gepards bei uns und rückten auf die Stelle, wo die Gazellen gesehen worden waren, in einer Linie vor, in welcher jeder einhundert Schritte vom anderen entfernt blieb. Als wir eben in ein Baumwollenfeld kamen, erblickten wir vier Gazellen, und mein Kutscher bemühte sich, bis auf hundert Schritte an sie zu kommen. Schnell wurden dem Gepard die Kappe und die Fesseln abgenommen, und kaum erblickte er das Wild, als er sich nach der entgegengesetzten Richtung, mit dem Bauche gänzlich zur Erde gedrückt, äußerst langsam und schmiegsam, hinter jedem im Wege liegenden Hindernisse sich verbergend, fortschlich; sobald er indessen vermuthete, bemerkt zu werden, beflügelte er seine Schritte und war nach einigen Sätzen plötzlich mitten unter den Thieren. Er faßte ein Weibchen und rannte, nachdem er dieses gepackt, gegen zweihundert Schritte weit, gab ihm dann einen Schlag mit der Tatze, wälzte es um, und in einem Augenblicke trank er das Blut aus der geöffneten Kehle. Einer der anderen Gepards war zu derselben Zeit losgelassen worden; nachdem er aber vier bis fünf verzweifelte Sprünge gemacht hatte, mit denen er die Beute verfehlte, gab er die Verfolgung auf, kehrte knurrend zurück und setzte sich wieder auf den Karren. Als jenes Thier überwältigt worden war, lief einer vom Gefolge hin, setzte dem Gepard seine Kappe auf und schnitt der Gazelle die Kehle ab, sammelte Blut in ein hölzernes Gefäß und hielt es dem Gepard unter die Nase. Die Gazelle wurde fortgeschleppt und in ein Behältnis unter dem Wagen gebracht, während dem Gepard durch ein Bein des Thieres sein Wildrecht gegeben wurde«.

Sehr auffallend muß es erscheinen, daß man von dem Freileben dieser so oft gezähmten Katze noch überaus wenig weiß. Auf meinem Jagdausfluge nach Habesch erlegte mein Gefährte, van Arkel d'Ablaing, einen Gepard, welcher bei hellem Tage einer angeschossenen Gazelle nachgeschlichen war; aber er sah das Raubthier eben auch nur, ohne es länger beobachten zu können. Ueber die Fortpflanzung des Jagdleoparden ist gar nichts bekannt. Ich habe mich in Afrika sogar bei den Nomaden vergebens hiernach erkundigt; diese Leute, welche das Thier ganz genau kennen, konnten mir eben bloß sagen, daß man es in Schlingen fängt und trotz seiner ursprünglichen Wildheit binnen kurzer Zeit zähmt. Daß die Zähmung so gut wie gar keine Schwierigkeiten macht, wird Jedem klar, welcher einen Gepard in der Gefangenschaft gesehen hat. Ich glaube nicht zuviel zu sagen, wenn ich behaupte, daß es in der ganzen Katzenfamilie kein so gemächliches Geschöpf gibt wie unseren Jagdleoparden und bezweifle, daß irgend eine Wildkatze so zahm wird wie er. Gemächlichkeit ist der Grundzug des Wesens unseres Thieres. Dem angebundenen Gepard fällt es gar nicht ein, den leichten Strick zu zerbeißen, an welchen man ihn gefesselt hat. Er denkt nie daran, dem etwas zu Leide zu thun, welcher sich mit ihm beschäftigt, und man darf ohne Bedenken dreist zu ihm hingehen und ihn streicheln und liebkosen. Scheinbar gleichmüthig nimmt er solche Liebkosungen an, und das Höchste, was man erlangen kann, ist, daß er etwas beschleunigter spinnt als gewöhnlich. Solange er nämlich wach ist, schnurrt er ununterbrochen nach Katzenart, nur etwas tiefer und lauter. Oft steht er stundenlang unbeweglich da, sieht träumerisch starr nach einer Richtung und spinnt dabei höchst behaglich. In solchen Augenblicken dürfen Hühner, Tauben, Sperlinge, Ziegen und Schafe an ihm vorübergehen: er würdigt sie kaum eines Blickes. Nur andere Raubthiere stören seine »ungeheuere Heiterkeit« und Gemächlichkeit. Ein vorüberschleichender Hund regt ihn sichtlich auf: das Spinnen unterbleibt augenblicklich, er äugt scharf nach dem gewöhnlich etwas verlegenen Hunde, spitzt die Ohren und versucht wohl auch, einige kühne Sprünge zu machen, um ihn zu erreichen. Ich besaß einen Gepard, welcher so zahm war, daß ich ihn wie einen Hund am Stricke herumführen und es dreist wagen durfte, mit ihm in den Straßen zu lustwandeln. Solange er es bloß mit Menschen zu thun hatte, ging er immer ruhig mir zur Seite; anders aber wurde es, wenn uns Hunde begegneten. Er zeigte dann jedesmal eine so große Unruhe, daß ich auf den Gedanken kam, einmal zu versuchen, was er denn thun würde, wenn er wenigstens beschränkt frei wäre. Ich band ihn also an eine Leine von ungefähr fünfzehn oder zwanzig Meter Länge, wickelte mir diese leicht um Hand und Elnbogen und führte ihn spazieren. Zwei große, faule Köter kreuzten den Weg. Jack, so hieß mein Gepard, äugte verwundert, endigte sein gemüthliches Spinnen und wurde ungeduldig; jetzt faßte ich das Ende der Leine und warf die Schlingen zu Boden, so daß er Spielraum hatte. Augenblicklich legte er sich platt auf die Erde und kroch nun in der oben beschriebenen Weise an die Hunde heran, welche ihrerseits verdutzt und verwundert das sonderbare Wesen betrachteten. Je näher er den Hunden kam, um so aufgeregter, aber zugleich auch vorsichtiger wurde er. Wie eine Schlange glitt er auf dem Boden dahin. Endlich glaubte er nahe genug zu sein, und nun stürzte er mit drei, vier gewaltigen Sätzen auf einen der Hunde los, erreichte ihn, trotzdem daß dieser die Flucht ergriff, und schlug ihn mit den Tatzen nieder. Dies geschah in ganz absonderlicher Weise. Er hieb seine Krallen nicht ein, sondern er prügelte bloß mit seinen Vorderläufen auf den Hund los, bis dieser zu Boden fiel. Der arme Köter bekam Todtenangst, als er das Katzengesicht über sich erblickte, und fing an, jämmerlich zu heulen; sämmtliche Hunde der Straße geriethen in Aufruhr und heulten und bellten aus Mitleiden; ein dichter Volkshaufen sammelte sich, und ich mußte wohl oder übel meinen Gepard an mich nehmen, ohne eigentlich zum Ziele gekommen zu sein, d. h. ohne gesehen zu haben, was er mit dem Hunde beginnen würde. Dagegen veranstaltete ich in unserem Hofe einen großen Thierkampf, welcher überhaupt, zu meiner Schande muß ich es sagen, das Ergötzlichste ist, was ich sehen kann. Ich besaß zu derselben Zeit einen fast erwachsenen Leoparden, ein rasendes, wüthendes Thier ohne Gleichen, ich möchte fast sagen, einen Teufel in Katzengestalt – doch ich habe ihn ja schon beschrieben. Die Kette des Leoparden wurde also durch einen darangebundenen Strick verlängert und er aus seinem Käfige heraus in den Hof gelassen. Der Gepard seinerseits war ungefesselt und konnte nach Belieben den Kampf aufnehmen oder abbrechen. Er befand sich gerade in höchst gemüthlicher Stimmung und schnurrte besonders ausdrucksvoll, als ich ihn herbeiholte. Kaum aber ersah er seinen Herrn Vetter, als nicht nur alle Gemächlichkeit verschwand, sondern auch sein ganzes Aussehen ein durchaus anderes wurde. Die Seher traten aus ihren Höhlen heraus, die Mähne sträubte sich, er fauchte sogar, was ich sonst niemals vernommen hatte, und stürzte sich muthig auf seinen Gegner los. Dieser hielt ihm Stand, und so begann jetzt ein Kampf und ein Fauchen, daß mir, ich will es gern zugeben, angst und bange dabei wurde. Der Leopard war bald niedergetrommelt, aber gerade jetzt wurde er furchtbar. Er lag auf dem Rücken und mishandelte jenen mit seinen vier Tatzen; Jack aber achtete der Schmerzen nicht, sondern biß muthig auf den heimtückischen Vetter los und würde ihn jedenfalls besiegt haben, wenn ich dem Kampfe nicht ein Ende gemacht hätte. Zwei Eimer voll Wasser, welche ich über die wüthenden Kämpen goß, unterbrachen den Streit augenblicklich. Beide sahen sich höchst verdutzt an, und der Leopard hielt es, der ihm höchst verhaßten Wasserbäder plötzlich sich erinnernd, trotz aller Wuth und alles Fauchens doch für das Beste, so schnell als möglich seinen Käfig zu suchen, welcher dann auch sofort verschlossen wurde. Jack war schon wenige Minuten nach dem Kampfe wieder ganz der alte: er leckte, reinigte und putzte sich und begann wieder zu spinnen, als ob nichts geschehen wäre.

Wie zahm, gemächlich und liebenswürdig mein Jack war, mag aus Folgendem hervorgehen. Einige deutsche Damen, welche sich gerade in Alexandrien befanden, waren gekommen, um meine Thiersammlung anzusehen, hatten mich aber nicht zu Hause gefunden und somit ihrem Wunsche auch nicht genügen können. Ich versprach ihnen, wenigstens einige von meinen Thieren zu ihnen zu bringen, und führte diesen Scherz auch wirklich einmal aus, als ich erfahren hatte, daß die Damen just zusammen waren. Ich konnte mich auf Jack vollständig verlassen und durfte schon etwas wagen. Ihn an der Leine hinter mir fortführend, betrat ich also das betreffende Haus, beschwichtigte die entsetzten Diener, welche mich mit dem fürchterlichen Raubthiere hatten kommen sehen und Lärm schlagen wollten, und stieg nun ruhig nach dem zweiten Stockwerke des Hauses empor. An dem rechten Zimmer angelangt, öffnete ich die Thüre zur Hälfte und bat um Erlaubnis, eintreten, zugleich aber auch meinen Hund mitbringen zu dürfen. Dies wurde zugestanden, und Jack trat gemächlich ein. Ein lauter Aufschrei begrüßte den Harmlosen und setzte ihn in höchste Verwunderung. Die geängstigten Frauen suchten sich so gut wie möglich zu retten und sprangen in ihrer Verzweiflung auf einen großen, runden Tisch, welcher mitten im Zimmer stand. Dies aber diente bloß dazu, Jack zu dem Gleichen aufzufordern, und ehe sich die Armen besannen, stand er mitten unter ihnen, spann höchst gemächlich und schmiegte sich traulich bald an diese, bald an jene an. Da war denn freilich die Furcht bald verschwunden. Die beherzteste Frau begann den hübschen Burschen zu liebkosen, und bald folgten alle übrigen ihrem Beispiele. Jack wurde der erklärte Liebling und schien nicht wenig stolz zu sein auf die ihm gewordene Auszeichnung.

Schlegel erzählt von einem Gepard, welcher über Tages frei umherlaufen durfte und nur des Nachts angebunden wurde. Sein Lieblingsplatz im Zimmer war, so lange geheizt wurde, die Nähe des Ofens; er verließ diesen Ort oft halbe Tage lang nicht, sodaß er nöthigenfalls weggezogen oder weggetragen werden mußte. Bei kalter oder auch nur kühler Witterung vermied er es sorgsam, das Zimmer und den wärmenden Ofen zu verlassen, oder es geschah höchstens auf so lange nur, als nöthig war, um das Zimmer nicht zu verunreinigen, eine Rücksicht, welche er stets nahm und auch auf die übrigen Räume des Hauses ausdehnte. Kam der Abend heran, so ließ er sich gutwillig an die Kette legen, ja steckte selbst den Kopf in das vorgehaltene Halsband. Stets hörte er auf seinen Namen »Betty«, später auch auf einen anderen ihm von den Kindern beigelegten. Kindern war er besonders zugethan, am meisten einem Mädchen von fünf Jahren, über welches er im Spiele oft hinwegsprang, und zwar mit solcher Leichtigkeit, daß er, ohne eigentlich auszuholen, sich niederduckend und kurz zusammenziehend, oft in ziemlicher Höhe über die Kleine setzte. In seinem Umgange mit Erwachsenen zeigte er sich ernster, gemessener; mit anderen Thieren, Hunden und Katzen z. B., gab er sich gar nicht ab. Im Sommer lag er gern auf der Sonnenseite des Gartens; bei Spaziergängen, zu denen ihn sein Gebieter mitnahm, rannte er nach Hundeart eine Strecke voraus, kam zurück, um wieder fortzueilen, bekundete aber keine Lust, zu jagen und ließ Thiere, welche ihm begegneten, in Ruhe. Ins Wasser ging er nie; benetzte man ihn, so zitterte er wie vor Frost. Er hielt sich stets reinlich, leckte sich fleißig und war immer frei von Ungeziefer. Seine Nahrung bestand in gekochtem Fleische und Milchbrod.

Aelter geworden und durch unverständig neckende Leute gereizt, zog er sich mehr von den Menschen zurück, ließ anstatt des gemüthlichen Schnurrens ein ärgerliches Knurren hören, wenn eine ihm unangenehme Person sich ihm näherte, sprang, um sich zurückzuziehen, auf einen erhöhten Sitz, manchmal, ohne etwas umzustoßen, bis auf ein Pult, wurde auch gegen Thiere bösartig, biß Hunde und Katzen, erstere nicht ohne selbst Wunden davonzutragen, zerriß dem Dienstmädchen den Rock, biß sogar nach seinem Herrn und wurde deshalb weggegeben. Ungeschickte Behandlung hatte ihn verdorben.

In unseren Thiergärten und Thierbuden hält sich der Gepard selten längere Zeit. Er stellt an die Nahrung zwar nicht höhere Ansprüche, ist aber zärtlicher und hinfälliger als Familienverwandte gleicher Größe. Bei rauher Witterung leidet er sehr, in einem kleinen Käfige nicht minder. Wärme und die Möglichkeit, sich frei zu bewegen, sind Bedingungen für sein Wohlbefinden, welche in gedachten Anstalten nicht erfüllt werden können. So verkümmert er unter den ihm so ungünstigen Verhältnissen meist in kurzer Zeit. Fortgepflanzt hat er sich meines Wissens in Europa noch nicht.

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