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Brehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band

Alfred Brehm: Brehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band - Kapitel 64
Quellenangabe
authorAlfred Brehm
titleBrehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
year1876
illustratorGustav Mützel,Ludwig Beckmann, C. F. Deiker, Robert Kretschmer
firstpub1876
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Tiger ( Tigris).

Eine andere Gruppe der Katzen, welcher man ebenfalls den Rang einer Sippe oder Untersippe zugesprochen hat, vertritt der Tiger, eins der vollkommensten Glieder der gesammten Familie. Der Tiger ist eine echte Katze ohne Mähne, mit etwas starkem Backenbart und mit Querstreifen auf seinem bunten Felle. Aber er ist die furchtbarste aller Katzen, ein Räuber, welchem selbst der Mensch bisher noch machtlos gegenübersteht. Kein Raubsäugethier kann mit wahrhaft verführerischer Schönheit so viel Furchtbarkeit verbinden, keines die alte Fabel von der jungen naseweisen Maus, welche in der Katze ein schönes und liebenswürdiges Wesen bewundert, besser bestätigen. Wollte man seine Gefährlichkeit als Maßstab seiner Bedeutung anlegen, so müßte man ihn unbedingt als das erste aller Säugethiere erklären; denn er hat, bisher wenigstens, dem Herrscher der Erde noch in einer Weise gegenübergestanden wie kein anderes Geschöpf. Anstatt vertrieben und zurückgeworfen worden zu sein durch den Anbau des Bodens und den weiter und weiter vordringenden Menschen, ist er gerade hierdurch mehr zu diesem hingezogen worden und hat stellenweise ihn verscheucht. Er zieht sich nicht so wie der Löwe aus bevölkerten Gegenden zurück, der Gefahr, welche ihm Vernichtung droht, klüglich ausweichend, sondern geht ihr dreist oder listig entgegen und stellt sich muthig dem Menschen als Feind gegenüber, aber als heimlicher, unvermuthet herbeischleichender und deshalb um so gefährlicherer Feind. Man hat seine Mordlust und seinen Blutdurst vielfach übertrieben oder wenigstens mit sehr grellen Farben geschildert; wir dürfen uns jedoch hierüber nicht wundern: denn für diejenigen, welche ihn schildern konnten, ist er allerdings der Inbegriff aller Grausamkeit. Noch heutigen Tages bewohnen Indien eine furchterregende Anzahl von Tigern, und noch gegenwärtig müssen dort tausende von Menschen aufgeboten werden, um eine Gegend, welche sonst der Verödung anheimfallen würde, zeitweilig von dieser schlimmsten aller Landplagen zu befreien.

Königstiger ( Tigris regalis).

Der Königstiger ( Tigris regalis, Felis tigris) ist eine herrliche, wunderschön gezeichnete und gefärbte Katze. Höher, schlanker und leichter gebaut als der Löwe, steht der Tiger doch keineswegs hinter diesem zurück. Seine Gesammtlänge von der Schnauze bis zur Schwanzspitze beträgt 2,25 bis 2,6 Meter; es sind aber einzelne sehr alte Männchen erlegt worden, bei denen die in derselben Weise gemessene Länge 2,9 Meter ergeben hat. Die gewöhnliche Körperlänge betragt 1,6 Meter, die Länge des Schwanzes 80 Centim., die Höhe am Widerriste ungefähr ebensoviel. Der Leib ist etwas mehr verlängert und gestreckt, der Kopf runder als der des Löwen, der Schwanz lang und quastenlos, die Behaarung kurz und glatt und nur an den Wangen bartmäßig verlängert. Das Weibchen ist kleiner und sein Backenbart schwächer. Alle Tiger, welche in nördlicher gelegenen Ländern wohnen, tragen ein viel dichteres und längeres Haarkleid als diejenigen, deren Heimat die heißen Tiefländer Indiens sind. Die Zeichnung zeigt die schönste Anordnung von Farben und einen lebhaften Gegensatz zwischen der hellen, rostgelben Grundfarbe und den dunkelen Streifen, welche über sie hinweglaufen. Wie bei allen Katzen ist die Grundfärbung auf dem Rücken dunkler, an den Seiten lichter und auf der Unterseite, den Innenseiten der Gliedmaßen, dem Hinterkörper, den Lippen und dem Untertheile der Wangen weiß. Vom Rücken aus ziehen sich weit auseinanderstehende, unregelmäßige, schwarze Ouerstreifen in schiefer Richtung etwas von vorn nach hinten, theils nach der Brust, theils nach dem Bauche herab. Einige dieser Streifen theilen sich, der größere Theil aber ist einfach und dann dunkler. Der Schwanz ist lichter als der Oberkörper, aber ebenfalls durch dunkle Ringe gezeichnet. Die Schnurren haben weiße Färbung. Das große rundsternige Auge sieht gelblichbraun aus. Die Jungen sind genau so gezeichnet wie die Alten, nur hat ihre Grundfärbung einen etwas helleren Ton.

Tiger.

Auch bei dem Tiger kommen verschiedene Abänderungen in der Färbung vor: die Grundfarbe ist dunkler oder lichter und in seltenen Fällen sogar weiß mit nebeligen Seitenstreifen. Eine ständige, d. h. regelmäßig in derselben Weise gestaltete und gezeichnete Abart, möglicherweise bestimmt verschiedene Art, bewohnt Java und Sumatra. Der Javatiger, wie diese Art oder Abart von Thiergärtnern und Händlern genannt wird, ist stets kleiner, aber verhältnismäßig kräftiger als der Tiger des Festlandes und unterscheidet sich außerdem, auch dem blöderen Auge unverkennbar, durch die schmäleren, dunkleren, dichter stehenden Streifen.

Man sollte meinen, daß ein so prachtvoll gezeichnetes Thier schon von weitem allen Geschöpfen, denen es nachstrebt, auffallen müßte. Allein dem ist nicht so. Ich habe schon oben darauf hingewiesen, wie die Gesammtfärbung aller Thiere und die der Katzen insbesondere auf das innigste mit ihrem Aufenthaltsorte übereinstimmt, und brauche deshalb hier bloß an die Dschungeln oder Rohrwälder, an die Grasdickichte und die farbenreichen Gebüsche, in denen der Tiger hauptsächlich seine Wohnung aufschlägt, zu erinnern, um eine solche Meinung zu widerlegen. Selbst geübten Jägern geschieht es nicht selten, daß sie einen Tiger, welcher nahe vor ihnen liegt, vollständig übersehen.

Der Verbreitungskreis des Tigers ist sehr ausgedehnt; denn er beschränkt sich keineswegs, wie man gewöhnlich annimmt, bloß auf die heißen Länder Asiens, zumal Ostindien, sondern zieht sich über eine Strecke des gewaltigen Erdtheils hinweg, welche unser Europa an Ausdehnung bei weitem übertrifft. Vom 8. Grade südlicher Breite an bis zum 53. Grade nördlicher Breite kommt der Tiger überall vor. Seine nördliche Verbreitungsgrenze geht über eine Breite hinaus, unter welcher Berlin liegt, wobei zu bedenken, daß Sibirien ein ganz anderes und verhältnismäßig kälteres Klima besitzt als unser Europa. Als die westlichen Grenzen des Verbreitungsgebietes unseres Raubthieres ist der Südrand des westlichen Kaukasus anzusehen; die östliche bildet das große Weltmeer bis zum unteren Amur, die südliche Java und Sumatra und die nördliche das südliche Sibirien oder etwa der Baikalsee und seine Breite. Ostindien und zwar ebenso wohl Vorder- als Hinterindien darf als seine bevorzugte Herberge angesehen werden; von hier verbreitet sich der Tiger über Tibet, Persien, die ganze Steppe zwischen Indien, China und Sibirien bis zum Ararat im Westen von Armenien. Sein Verbreitungskreis erstreckt sich weit über das im Süden von Kabul liegende Solimangebirge, ebenso über die waldreiche und bergige Provinz Mazanderan am Südrande des Kaspischen Meeres, reicht von hier um die Südspitze des Aralsee's südlich bis in die Bucharei, von dort gegen Nordosten an den Saisangsee in die Songarei, nach Osten hin aber vom Baikalsee durch die Mandschurei bis in die Amurländer. In China findet sich der Tiger fast überall, und nur in dem höheren Mongolenlande oder den waldlosen und dürftigen Ebenen von Afganistan ist er nicht zu treffen. Auch auf den Inseln des indischen Archipels, mit Ausnahme von Java und Sumatra, scheint er zu fehlen. Einzelne verlaufene oder versprengte Tiger gehen jedoch weit über ihre Grenze hinaus: man hat solche auf der Westküste des Kaspischen Meeres, in den kirgisischen Steppen zwischen den Flüssen Irtisch und Ischim im Altai, ja selbst bei Irkutzk an der Lena gefunden. In den von Radde durchreisten Theilen Südostsibiriens kommt das überaus gefürchtete Raubthier fast allerorten ständig und hier und da so häufig vor, daß man seine Fährte öfter als Rehspuren bemerkt. Radde begegnete ihm im Laufe von achtzehn Monaten vierzehnmal, ohne seiner Spur jemals nachgegangen zu sein.

Ebenso wohl als in Dschungeln, rohr- und gestrüppreichen Graswäldern begegnet man dem Tiger in großen, hochstämmigen Waldungen bis zu einer gewissen Höhe über dem Meeresspiegel. Nach den herdenreichen Alpenweiden in den Hochgebirgen Asiens steigt er nicht empor; um so öfter kommt er dicht an die Dörfer, ja selbst an Städte heran. Die schilfbewachsenen Ufer der Flüsse, die undurchdringlichen Bambusgebüsche und andere Dickungen sind seine Lieblingsplätze; allen übrigen Orten aber soll er den Schatten unter einem buschigen Strauche, Korintha genannt, vorziehen, weil dessen Krone so dicht ist, daß sich kaum ein Sonnenstrahl zwischen den Zweigen hindurchstehlen kann. Die Zweige sind nämlich nicht bloß sehr verflochten, sondern hängen auch nach allen Seiten über und fast bis zur Erde herab, bilden also eine dunkle und äußerst schattige Laube, welche ihn ebenso gut vor dem Auge verbirgt, als sie ihm Kühlung gewährt. Diese Liebhaberei des Tigers für die Korintha ist so bekannt, daß bei Jagden die Treiber stets zuerst ihr Augenmerk auf jene Büsche richten. Hier verbirgt er sich, um zu ruhen, und von hier aus schleicht er an seine Beute heran, bis er so nahe gekommen ist, daß er sie mit wenigen Sätzen erreichen kann. In den baumarmen Steppen Südostsibiriens legt er sich, laut Radde, im Winkel vorspringender Felsen zur Tagesruhe nieder oder scharrt zwischen den Riedgrasbüschen einfach den Schnee weg, um auf so ungenügend erscheinendem Lager einen Theil des Tages zu verbringen. Er hat alle Sitten und Gewohnheiten der Katzen, aber sie stehen bei ihm im gleichen Verhältnisse zu seiner Größe. Seine Bewegungen sind anmuthig wie die kleinerer Katzen und dabei ungemein rasch, gewandt und ausdauernd. Er schleicht unhörbar dahin, versteht gewaltige Sätze zu machen, klettert trotz seiner Größe rasch und geschickt an Bäumen empor, schwimmt über breite Ströme und zeigt dabei immer bewunderungswürdige Sicherheit in der Ausführung jeder einzelnen Bewegung. Nach Radde geht er häufiger, als er trabt, ist im Stande, über Bäche von fast fünf Faden oder annähernd neun Meter zu springen und beinahe mit derselben Kraft wie ein Hirsch über breite, stark strömende Gewässer zu schwimmen.

Als ausschließliches Nachtthier kann man den Tiger nicht bezeichnen. Er streift wie die meisten Katzen zu jeder Tageszeit umher, wenn er auch den Stunden vor und nach Sonnenuntergang den Vorzug gibt. An Tränkplätzen, Salzlecken, Landstraßen, Waldpfaden und dergleichen legt er sich aus die Lauer, am allerliebsten in dem Gebüsche an den Flußufern, weil hier entweder die Thiere zur Tränke kommen oder die Menschen herabsteigen, um ihre frommen Hebungen und Waschungen zu verrichten. Von den Büßern, welche zeitweilig an den heiligen Strömen leben, werden viele durch die Tiger getödtet. In Südostsibirien besucht er, laut Radde, während des Sommers allnächtlich die Stellen, auf denen Salz auswittert, weil er ebenso gut wie die eingeborenen Wildschützen weiß, daß hierher Hirsche zu kommen pflegen, um zu sülzen, trifft dann auch manchmal mit Jägern zusammen, welche den gleichen Zweck wie er verfolgen. Mit Ausnahme der stärksten Säugethiere, als da sind Elefant, Nashorn, Wildbüffel und vielleicht andere Raubthiere, ist kein Mitglied seiner Klasse vor ihm sicher: er überfällt die größten und begnügt sich mit den kleinsten. Abgesehen von allen Hausthieren, jagt er mit Vorliebe auf Wildschweine, Hirsche und Antilopen; wird ihm jedoch in den nördlichen Theilen seines Verbreitungsgebietes während des Winters die Nahrung knapp, so verschmäht er nicht einmal Mäuse: Radde hat wiederholt die unverkennbaren Anzeichen solcher unwürdigen Jagden gefunden. Auf Java, wo die Wildschweine geradezu zur Landplage werden, macht er sich als Vertilger derselben verdient, hebt aber freilich durch Räubereien an Pferden, Hunden und anderen Hausthieren solchen Nutzen reichlich wieder auf. Wahrscheinlich bedroht er auch größere Vögel, möglicherweise selbst Kriechthiere; jedenfalls kennen ihn die Pfauen, welche dieselben Dickichte bewohnen wie er, als gefährlichen Räuber. »Wenn der Pfau schreit, ist der Tiger nicht weit«, sagten die Deutschen auf Java, um diese Ansicht auszudrücken. »Der Pfau«, meinen die Javanen, »verkündet den Bewohnern der Wildnis die Stunde, zu welcher der Tiger seine Schlupfwinkel verläßt.« Nicht mit Unrecht nimmt man an, daß Pfauen und Tiger stets zusammen vorkommen und keiner ohne den anderen lebt. »Obgleich ich den Grund davon nicht anzugeben vermag«, bemerkt Junghuhn, »habe ich doch diese Behauptung der Javanen überall bestätigt gefunden. Sogar wo ausnahmsweise der Tiger noch in Höhen von 2500 Meter über dem Meere auftritt, wie im Ajanggebirge, wird auch der Pfau angetroffen.« Der genannte Reisende stellt die Frage, ob vielleicht das von den Mahlzeiten des Tigers übrigbleibende Aas, welches reichliche Entwickelung von Maden bedingt, für die Pfauen etwas verlockendes haben könne; ich möchte die Ansicht aussprechen, daß einzig und allein die für beide Thiere in gleicher Weise nahrungversprechenden Dickichte die Ursache ihres gemeinsamen Vorkommens bilden. Das Schreien der Pfauen beim Anblicke eines Tigers erklärt sich von selbst. Sie kennen den letzteren und wissen vielleicht aus Erfahrung, was es für alle waldbewohnenden Thiere zu bedeuten hat, wenn er umherzuwandeln beginnt. Gerade deshalb werden sie oft zum Verräther des still dahinschleichenden Raubthieres, indem sie entweder geräuschvoll auffliegen und Schutz vor ihm suchen oder, wenn sie bereits gebäumt haben, ihre weittönende Stimme ausstoßen, den übrigen Geschöpfen gleichsam zur Warnung. Auch die Affen verleiden ihm oft seine Jagd.

Der Tiger belauert und beschleicht schlangenartig seine Beute, stürzt dann pfeilschnell mit wenigen Sätzen auf dieselbe los und haut die Krallen mit solcher Kraft in den Nacken ein, daß selbst ein starkes Thier sofort zu Boden stürzt. Die Wunden, welche er schlägt, sind immer außerordentlich gefährlich; denn nicht bloß die Nägel, sondern auch die Zehen dringen bei dem wuchtigen Schlage ein. Johnson hat solche Wunden gesehen, welche 13 Centim. tief waren. Selbst wenn die Verwundung eine verhältnismäßig leichte ist, geht das Opfer gewöhnlich zu Grunde, weil bekanntlich gerissene Wunden ungleich gefahrvoller als durch ein scharfschneidiges Werkzeug hervorgebrachte sind. Kapitän Williamson, ein Offizier, welcher zwanzig Jahre in Bengalen gelebt und außergewöhnliche Erfahrungen gesammelt hat, versichert, daß er niemals einen von dem Tiger Verwundeten habe sterben sehen, ohne daß dieser vorher von Starrkrämpfen befallen worden sei, und fügt dem hinzu, daß auch die leichtesten Verwundungen, welche geheilt werden, bei der geringsten Veranlassung wieder aufspringen. So leichte Wunden kommen aber nur äußerst selten vor; denn gewöhnlich sind die Schläge, welche das Raubthier ertheilt, tödtlich.

Ein Tiger, welcher bei dem Marsche eines Regiments ein Kamel angriff, brach diesem mit einem Schlage den Schenkel; ein anderer soll sogar einen Elefanten umgeworfen haben. Pferde, Rinder und Hirsche wagen gar keinen Widerstand, sondern ergeben sich, wie der Mensch, schreckerfüllt in das Unvermeidliche. Pferde, welche den Tiger sehen oder sonstwie wahrnehmen, zittern und beben am ganzen Leibe und sind wie gelähmt. Bloß die muthigen männlichen Büffel gehen auf den Tiger los, wissen ihm auch mit ihren tüchtigen Hörnern erfolgreich zu begegnen. Deshalb betrachten sich die indischen Viehhirten, welche auf Büffeln reiten, für gesichert, während alle übrigen Reiter dies nicht sind. Starke Büffel werden verhältnismäßig leicht mit der gewaltigen Katze fertig. »Im Jahre 1841«, schreibt mir Haßkarl, »wurde in Bandongs Umgegend ein Tiger gefangen und getödtet, welcher viele Räubereien verübt hatte. Man wußte, daß er auch einen Büffel angegriffen hatte, indem er ihm, wie gewöhnlich den Hörnern ausweichend, auf den Rücken gesprungen war, um ihm so das Gesicht zu zerreißen, ihn zu blenden und seiner leichter Herr zu werden. Der Büffel aber rannte gesenkten Hauptes mit seiner Bürde so gewaltig gegen einen Baum an, daß der Tiger betäubt loslassen mußte und zu Boden stürzte. Alsbald fing ihn der muthige Wiederkäuer mit den Hörnern auf und schleuderte ihn, ehe er zur Besinnung kommen konnte, wiederholt in die Luft, versetzte ihm auch jedesmal einige Stöße und brachte ihm unter anderen eine wenigstens 8 Centim. lange und 3 Centim. tiefe Wunde am Kopfe bei. Trotz dieser schmählichen Niederlage hatte sich das Raubthier, als es einige Wochen später gefangen wurde, gut erholt und sah sehr kräftig aus.« Nach Angabe der Birar-Tungusen sollen auch Tiger und Bär zuweilen in Streit gerathen, und es soll dann der Tiger, trotz seiner größeren Behendigkeit und Heftigkeit beim Angriffe, den Kürzeren ziehen.

Der Tiger ist nicht bloß dreist, sondern geradezu frech. Manche Engpässe durch waldreiche Schluchten sind berüchtigt wegen seiner Raubthaten: Forbes versichert, daß ohne die große Furcht des Thieres vor dem Feuer kaum hier und da eine Verbindung im Lande möglich sein könne. Man reist in Indien, der Hitze wegen, gewöhnlich des Nachts, und dies erklärt es, daß der Tiger einen seiner kühnen Angriffe nicht nur wagt, sondern auch erfolgreich ausführt, ungeachtet der Menschenmenge, welche einen Reisetrupp bildet, und trotz der Fackelträger und Trommelschläger, welche das Raubthier durch Feuer und Geräusch zu schrecken suchen. Nicht einmal die Truppen sind gesichert: Forbes erlebte es, daß in einer einzigen Nacht drei gut bewaffnete Schildwachen von Tigern gefressen wurden. Nachzügler der Heere fallen ihnen oft zur Beute. Aus Dörfern holt sich der Tiger zuweilen am hellen lichten Tage einen Menschen weg und hat es hierdurch in einigen Gegenden wirklich dahin gebracht, daß die Bewohner ganzer Dörfer ausgewandert sind oder andere bloß durch beständig brennende Feuer und hohe Dornenhecken sich zu schützen vermögen. Aus einer einzigen Ortschaft haben die Tiger, wie Buchanan berichtet, binnen zwei Jahren achtzig Einwohner weggeschleppt und aufgefressen. In anderen Niederlassungen hatten sie noch ärger aufgeräumt, die Uebriggebliebenen waren ausgewandert und hatten ihre Wohnplätze den Raubthieren überlassen, welche jetzt ihr Lager dort aufschlugen. Die Angriffe des Tigers geschehen so schnell und so plötzlich, daß an ein Ausweichen kaum zu denken ist; die Uebrigbleibenden bemerken ihn gewöhnlich erst in dem Augenblicke, in welchem er seine unrettbar verlorene Beute bereits gefaßt hat und wegschleppt. Dann ist das Nachsetzen meist vergeblich; denn wenn ihm auch hier und da ein Mensch oder ein Thier wieder abgejagt wird, sind die Wunden, welche sie empfangen, derart, daß sie daran zu Grunde gehen. Man hat Beispiele, daß Leute, welche vom Pferde herabgerissen worden waren, selbst von ihrem Räuber sich befreiten. So sprang ein Tiger mit einem furchtbaren Satze auf den Rücken eines Elefanten, riß dort einen Engländer aus dem Sattelstuhle, schleuderte ihn zur Erde herab und entfloh mit ihm. Zwar hatten alle Begleiter des Unglücklichen ihre Gewehre auf das fliehende Thier gerichtet, wagten aber nicht zu schießen, weil sie befürchteten, anstatt des Raubthieres ihren Gefährten zu treffen, und mußten diesen seinem Schicksale überlassen. Und dies geschah zu dessen Glück. Durch den hohen Sturz vom Elefanten und den entsetzlichen Schrecken besinnungslos, erwachte er, als ihm Dornen das Gesicht blutig rissen. Seine gefährliche Lage erkennend, hatte er Geistesgegenwart genug, eine in seinem Gürtel steckende Pistole hervorzuziehen und diese auf den Tiger abzuschießen. Der Schuß ging fehl, und sein Räuber biß nur noch heftiger zu. Der muthige Mann verlor jedoch noch immer seine Hoffnung nicht, sondern zog eine zweite Pistole und schoß diese auf das Schulterblatt des Raubthieres ab. Glücklicherweise traf die zweite Kugel das Herz und führte den augenblicklichen Tod des Tigers herbei. Die beiden Schüsse hatten seine Freunde ihm nachgezogen, und man fand den wackeren Kämpen halb besinnungslos auf seinem Feinde liegend. Man konnte ihm bald die beste Pflege zu Theil werden lassen, und so kam er mit dem Leben davon. Nur ein lahmes Bein ist ihm zur Erinnerung an jenen gewagten und zweifelhaften Kampf geblieben.

Als echte Katze verfolgt der Tiger eine verfehlte Beute nicht weiter, sondern kehrt nach dem vergeblichen Sprunge in die Dschungeln zurück und sucht sich einen neuen Platz zur Lauer aus. Man sagt, daß bloß die schnellfüßigen Hirsche und die achtsamen Pferde oder Wildesel zuweilen Gelegenheit finden, diese Thatsache zu erproben. Doch sind wirklich einige Fälle bekannt, daß auch Menschen vor einem auf sie anspringenden Tiger unversehrt sich gerettet haben.

Unter Umständen zieht sich der Tiger vor dem Menschen zurück, ohne überhaupt einen Angriff zu machen. Uebersättigung und damit zusammenhängende Faulheit oder aber Schrecken infolge plötzlicher Ueberraschung sind die gewöhnlichen Ursachen eines solchen Rückzuges. Tiger, welche zum ersten Male mit dem Menschen zusammenkommen, nehmen wahrscheinlich immer Reißaus; andere lassen sich, wie Junghuhn behauptet, durch lautes Geschrei aus der Fassung bringen: die einen wie die anderen lernen jedoch sehr bald in dem Menschen ein leicht zu bewältigendes Wild kennen und werden dann so gefährlich, daß man begreift, wie eingeborene Mütter, wenn sie von Tigern sich bedroht sehen, ohne auf Hülfe rechnen zu können, ihre Kinder preisgeben, um sich selbst zu retten. Am allerschlimmsten sind jedenfalls die Leute daran, welche nur von dem Ertrage der Wälder leben müssen, z. B. die Hirten oder die Sammler des Sandelholzes. Erstere müssen nicht nur in beständiger Sorge um ihre Herden, sondern auch um sich selbst sein, und von ihnen verliert bei weitem der größte Theil durch Tiger das Leben. Auch die Briefträger befinden sich beständig in Gefahr. Forbes berichtet, daß die Postboten, welche nachts das Felleisen durch die Wälder tragen, ohne ihr Geleite von Lanzen- und Fackelträgern sowie durch den Lärm von den Trommeln, welche beständig gerührt werden, nie sicher seien, und ungeachtet dieser Begleitung noch oft genug weggeholt würden. An den beschwerlichen Uebergängen des Gumeastromes in Guzerate wurden einmal vierzehn Tage lang diese Briefträger regelmäßig weggeschleppt, einmal sogar, anstatt eines Menschen, das Felleisen. In dem Engpasse Kutkum-Sandi lag eine Tigerin auf der Lauer und erwürgte mehrere Monate hindurch jeden Tag Menschen, unter denen wohl ein Dutzend Briefträger waren. Dieses eine Thier hatte allmählich fast alle Verbindungen der Präsidentschaft mit den oberen Provinzen unterbrochen, so daß die Regierung sich veranlaßt sah, einen bedeutenden Preis auf seine Erlegung zu setzen. Sie that es aber vergebens; denn Niemand wollte sich an das Unthier wagen.

Auf der Insel Singapore ist nach Berthold Schumann die Anzahl der Tiger sehr groß, und es vergeht kaum eine Woche, daß nicht mehrere Leute getödtet werden. Wallace, welcher Singapore in den Jahren 1854 bis 1862 wiederholt besuchte, schätzt die Anzahl der Opfer noch weit höher. »Es gibt«, sagt er, »in der Nähe der Stadt stets einige Tiger, und sie tödten durchschnittlich täglich einen Chinesen, insbesondere von jenen, welche im neugelichteten Dschungel in den hier angelegten Gambirpflanzungen arbeiten.« Jagor bestätigt Wallace's Angaben in jeder Beziehung, schlägt auch die Anzahl der Chinesen, welche alljährlich von Tigern geraubt werden, ungefähr ebenso hoch an, gegen vierhundert nämlich. »Wenn der Kuli«, sagt er, »fast nackt im dichten Gebüsche hockt, um die Blätter zu pflücken, beschleicht ihn der Tiger von hinten und tödtet ihn gewöhnlich durch einen Biß in den Nacken. Finden die Kameraden den Leichnam, so verscharren sie ihn so schnell als möglich; denn wenn, die Polizei es erfährt, zwingt sie die Leute, die vielleicht schon stark verweste Leiche zur Stadt zu tragen, damit sie vom Todtenbeschauer besichtigt werde. Man darf sich daher nicht wundern, wenn nur eine sehr geringe Anzahl dieser Todesfälle den Behörden zu Ohren kommt. Dennoch werden im Jahre durchschnittlich fünfundsiebenzig Fälle gemeldet«, ungefähr der fünfte Theil von denen, welche sich ereignet haben. Noch zu Ende des Jahres 1866 wurden innerhalb vierzehn Tagen sieben Leichen von Arbeitern auf Gambirpflanzungen aufgefunden, welche keinen Zweifel über die Ursache des Todes zuließen. Immer war nur ein kleiner Theil von ihnen verzehrt worden: es fehlte ein Bein, ein Arm, der Kopf. »Wollten die Tiger mehr verzehren, so würde dies ein großes Ersparnis an Menschenleben sein«, fügt die Zeitung hinzu, welche letzteres berichtet. Auch auf Java und den »Außenbesitzungen« der Holländer wurden im Jahre 1862 dreihundert Menschen die Beute von Tigern. In den verrufensten Tigergegenden der Insel Singapore hat die Regierung die Wälder zu beiden Seiten der Straßen aushauen und an gewissen Ruheplätzen ringsum den Wald ausbrennen lassen, um die Schlupfwinkel der Räuber zu zerstören. Sobald aber diese Vorsichtsmaßregel zu erneuern vergessen wird und das hohe Gras wieder jene Stellen bedeckt, siedeln sich die Tiger auch wieder an und rauben nach wie vor.

Daß Singapore nur durch Tiger, welche über die Meerenge schwimmen, fortdauernd neuen Zuzug erhält, unterliegt keinem Zweifel. Während der ersten Jahre nach Besitznahme der Insel befand sich kein Tiger auf ihr; gegenwärtig nehmen sie, trotz der eifrigsten Verfolgung und ungeachtet des Schußpreises von einhundert Dollars, welcher gezahlt wird, eher zu als ab, weil, durch reiche Beute gelockt, immer neue Zuzügler vom Festlande aus herüber kommen. Und doch beträgt die Breite der Meerenge eine englische Meile. Der unumstößliche Beweis für das Ueberschwimmen der Meerenge ist übrigens erbracht worden. Eines Morgens fand man, laut Kameron, in Netzen, welche längs der Küste von Singapore aufgestellt waren, eine Tigerin verstrickt und fast ertrunken. Von Singapore konnte sie nicht gekommen sein, da ganze Reihen dem Lande näher aufgestellte Netze unversehrt waren.

Bei argem Hunger springt der Tiger mitten unter die Lagerfeuer und holt sich Menschen weg. Auf Java brach einer nachts durch das Dach einer Hütte ein, packte einen von den acht Javanen, welche um ein Feuer saßen, erwürgte ihn und schleppte ihn ungeachtet des Geschreies der Uebrigen auf demselben Wege, den er gekommen war, mit sich fort. Ebenso wenig als das Feuer ihn schreckt, hält ihn das Wasser ab, sich seiner ausersehenen Beute zu bemächtigen. Mehr als ein Reisender berichtet, daß er Augenzeuge war, wie ein Tiger in Ströme sich stürzte und auf Kähne zuschwamm, um einen der Ruderer von dort herauszureißen. Möckern schiffte mit seinem Freunde Tirer von Calcutta nach der Insel Sangar. Ehe noch das Ziel erreicht worden war, stieg letzterer an das Land, ging vorwärts und bemerkte einen Tiger. Augenblicklich floh er zum Flusse zurück und sprang, da ihm der Tiger nachsetzte, in die Wellen und suchte sein Heil in der Flucht; denn er war ein vorzüglicher Schwimmer. Der Tiger sprang ebenfalls ins Wasser, schwamm hinter ihm her und kam ihm näher und näher. Tirer, welcher das Tauchen ebenfalls vorzüglich verstand, suchte seine Rettung unter der Oberfläche des Wassers und schwamm, so lang als möglich, tief im Strome dahin. Als er wieder auftauchte, sah er mit Freuden, daß der Tiger, ohne Zweifel, weil er seine Beute nicht mehr erblickte, auf der Rückkehr war. Der Verfolgte gelangte glücklich an den Kahn, in welchem sich sein Freund befand. Ein anderer Tiger schwamm quer über einen Strom einem Boote zu und erkletterte es trotz alles Schreiens der entsetzten Schiffer. Einige von diesen stürzten sich augenblicklich in die Wellen, die anderen verrammelten sich in der kleinen Kajüte am Hintertheile des Fahrzeuges. Der Tiger, jetzt alleiniger Herr des Bootes, saß stolz am Vordertheile und ließ sich ruhig stromabwärts treiben; da er aber sah, daß die beabsichtigte Beute ihm entgangen war, sprang er endlich mit einem Satze in den Fluß, schwamm ans Ufer, schüttelte sich ein wenig und verschwand in den Dschungeln.

Die Stärke des Tigers ist sehr groß. Er schleppt mit Leichtigkeit nicht bloß einen Menschen oder einen Hirsch, sondern selbst ein Pferd oder einen Büffel mit sich fort. »An der Südküste Bantams«, berichtet Haßkarl weiter, »ließ kurz vor meiner Ankunft ein Häuptling ein eben gekauftes, sehr schönes Pferd durch vier Inländer bewachen. Um die dort häufigen Tiger fern zu halten, zündeten die Leute auf dem freien Platze vor den Ställen mehrere Feuer an. Plötzlich wurden sie durch Gebrüll in Schrecken gesetzt: ein Tiger war über die fast drei Meter hohe Bambushecke gesetzt, zwischen den schlafenden Wächtern und erlöschenden Feuern durchgeschlichen, hatte das kostbare Pferd überfallen und sofort niedergestreckt. Ehe die Wächter noch zur Besinnung gekommen, war er mit der Beute im Maule wieder über die Umzäunung gesprungen und bald darauf verschwunden.« Wenn nun auch die javanischen Pferde nicht größer sind als die russischen, erfordert die Ausführung eines solchen Raubes doch eine außerordentliche Kraft.

Beim Fortschaffen der Beute bekundet der Tiger regelmäßig ebenso viel Klugheit als List. Höchst ungern schleift er ein gefangenes und getödtetes Thier über eine breite Straße weg, wahrscheinlich, um nicht selbst sich zu verrathen. Dennoch kann er die Spuren, welche ein solcher Streifzug hinterläßt, nicht verdecken. Wenn er ein großes Thier angreift oder tödtet, springt er auf den Rücken, schlägt seine fürchterlichen Klauen ein und leckt das Blut, welches aus der Wunde strömt. Dann erst trägt er das Thier weiter in das Dickicht, bewacht es hier bis zum Abend und frißt während der Nacht ungestört und ruhig, so viel er verzehren kann. Er beginnt bei den Schenkeln, von dort aus frißt er weiter gegen das Haupt hin. Währenddem geht er ab und zu nach den benachbarten Quellen oder Flüssen, um zu trinken. Man versichert, daß er keineswegs ein Leckermaul sei, sondern alles fresse, was ihm vorkomme, das Fell und die Knochen ebenfalls mit. Nur diejenigen Tiger, welche einmal Menschenfleisch gekostet haben, sollen dies dem aller übrigen Thiere vorziehen und werden deshalb, wie die Löwen in Afrika, Menschenfresser genannt. Die Jagd auf den tölpischen und unbehülflichen Herrn der Erde behagt ihnen mehr als andere.

Nach einer sehr guten Mahlzeit fällt der Tiger in Schlaf und liegt manchmal länger als einen ganzen Tag in einem halb bewußtlosen Zustande. Er bewegt sich bloß, um zu trinken, und gibt sich mit einer gewissen Wollust der Verdauung hin. Die Inder behaupten, daß er zuweilen drei Tage an einer und derselben Stelle liege, während andere versichern, daß er am nächsten Morgen, spätestens am nächsten Abende wieder zu seiner früher gemachten Beute zurückkehre, um nochmals von ihr zu fressen, falls er noch Ueberreste finden sollte; denn auch an seiner königlichen Tafel speist das hungerige Bettelgesindel wie an der Tafel des Löwen. Schakale, Füchse und verwilderte Hunde, welche bei Nacht den Wald durchstreifen, verfolgen die blutige Fährte des geschleiften Thieres und thun sich an den Ueberbleibseln des Leichnams Genüge; bei Tage aber entdecken die Aasgeier bald die Leiche und kommen scharenweise herbeigeflogen: nicht selten entsteht sogar noch Kampf und Streit auf ihr zwischen diesen Thieren. Die vierfüßigen Schmarotzer sind so regelmäßige Gäste an der Tafel des Tigers, daß sie, zumal die Schakale, als seine Boten und Kundschafter angesehen werden und wie die Pfauen oder Affen dazu dienen, seine Aufsuchung zu erleichtern.

Es wird uns nach dem Mitgetheilten nicht Wunder nehmen, daß alle Inder, und die europäischen Bewohner des schönen Tropenlandes nicht minder, den Tiger als den Inbegriff alles Entsetzlichen ansehen und ihn für ein Scheusal halten, welches die Hölle selbst ausgespieen. Damit steht nicht im Widerspruche, daß das Ungeheuer in vielen Gegenden Indiens geradezu geschont, ja in einigen sogar als Gottheit betrachtet wird, wie ja das Uebermächtige und Eigenthümliche von Unverständigen immer für etwas Erhabenes gehalten wird. Der Inder sucht eben aus jedem Thiere, welches sich einigermaßen bemerklich macht, etwas besonderes zu machen und sieht in solchen, welche sehr schädlich werden, eine Art von strafendem Gott. Auch unter den Völkerschaften Ostsibiriens herrschen, wie Radde berichtet, ähnliche Anschauungen. Die Urjänchen benamsen den Tiger Menschenthier, die Dauren Beamten- oder Herrschertier; die Birar-Tungusen sprechen ungern und nur leise von ihm, nennen ihn überhaupt nicht, sondern glauben in der Bezeichnung Lawun einen Namen gefunden zu haben, welcher ihm unverständlich ist und für den Sprecher nicht gefahrbringend wird. Wie die Dauern und Mandschu sind auch sie der Meinung, daß der Tiger mit zunehmendem Alter zu höherem Range gelangt und demgemäß behandelt werden muß; es gibt in ihren Augen Tiger, denen sogar der Rang eines Oberstatthalters zukommt. Bei vielen Eingeborenen der Amurländer steigert sich diese Ehrfurcht zu religiöser Verehrung: Radde hörte, daß mit dem Worte Burchan, welches so viel als Gottheit bedeutet, auch der Tiger bezeichnet wurde. Die auf Furcht gegründete Verehrung des Raubthieres bildet bei den Birar-Tungusen einen Haupttheil ihrer aus Schamanenthum und Buddhismus gemischten Religion, just wie bei uns zu Lande die Lehre vom Teufel. Die im Chingangebirge wohnenden Monjagern und Orotschonen beobachten andere abergläubische Gebräuche, da sie nicht allein das Thier, sondern auch dessen Fährte dermaßen fürchten, daß sie bei zufälliger Begegnung derselben die Hälfte ihrer Ausbeute, welche sie gerade mit sich führen, opfern, indem sie diese auf die Spur legen. Wer einen Tiger tödtet, wird nach Meinung der Birar-Tungusen unfehlbar von einem anderen gefressen. Auf Sumatra ist man überzeugt, daß man im Tiger nur die Hülle eines verstorbenen Menschen zu erkennen hat und wagt deshalb gar nicht, ihn zu tödten. In Indien übt man die Gewohnheit, nach Art der in katholischen Ländern gebräuchlichen Unglücksbilder, an Orten, wo ein Mensch von einem Tiger getödtet worden ist, eine hohe Stange mit einem farbigen Tuche als Warnungszeichen aufzupflanzen und errichtet daneben auch gewöhnlich eine Hütte, in welcher die Reisenden zum Gebete sich versammeln. Ereignet es sich nun, daß an derselben Stelle zum zweiten Male ein Mensch dem Tiger als Opfer fällt, so wird er als ein Sünder und sein Tod als ein gottgerechter betrachtet. Früher ging man noch weiter. In Siam fanden noch vor etwa sechszig Jahren Tigerproben zur Ermittelung des Schuldigen statt. Man warf zwei Gleichverdächtige einem Tiger vor, und derjenige, welchen er fraß, galt für schuldig. Dieser abscheuliche Aberglaube war natürlich nur geeignet, die Raubthiere zu vermehren. Ebenso gute Gelegenheiten zur Vermehrung boten ihm die beständigen Kriege, welche in Indien geführt wurden, und namentlich Hyder Ali hat sich durch seine Kriege auch hierin einen Namen gemacht; denn während der Zeit seiner Regierung nahmen die Tiger in unglaublicher Weise überhand. Einige Fürsten Indiens verbieten noch heutigen Tages die Tigerjagd, indem sie dieselbe als ein königliches Vergnügen für sich selbst aufsparen, ganz unbekümmert darum, ob solchem Vergnügen Hunderte oder Tausende von ihren Unterthanen aufgeopfert werden oder nicht. So ist es erklärlich, daß in der einzigen Provinz Candesch in Dekan in dem kurzen Zeiträume von vier Jahren durch die Engländer über tausend Tiger erlegt werden konnten. Der Mensch ohne Feuerwaffen ist macht- und wehrlos dem furchtbaren Feinde gegenüber; laufen doch selbst Wohlbewaffnete immer noch Gefahr. In neuerer Zeit hat die englische Regierung in den ihr unterworfenen Landstrichen viel für Verminderung der Tiger gethan; aber noch immer gibt es deren genug. Man bezahlt seit geraumer Zeit zehn Rupien für jeden Tigerkopf, und schon vor ungefähr siebenzig Jahren hatte man auf diese Weise 30,000 Pfund Sterling verausgabt. Diese Summe hat übrigens Zinsen getragen wie kaum eine andere; denn in allen Gegenden, wo sich viele britische Niederlassungen befinden und von den Engländern die Ausrottung ernstlich betrieben wird, hat man den Tiger fast vernichtet. Die Insel Cossimbazar ist durch den unerschütterlichen Muth eines Deutschen, welcher mehrere Male an einem einzigen Tage fünf von den Ungeheuern tödtete, gereinigt worden. Aber dieser Held steht immer noch hinter dem Richter Heinrich Rasmus zurück; denn dieser hat während seines Lebens eigenhändig 360 Tiger erlegt. Man hat gelernt, gegenwärtig die Jagd regelrecht zu betreiben und erzielt dadurch vortreffliche Erfolge. In früheren Zeiten hielten bloß die Fürsten und Kaiser Indiens große Jagden ab, bei denen aber der Pomp und Lärm des Jagdzuges das hauptsächlichste war. Gegen die Tiger wurde sehr wenig ausgerichtet. Noch heutigen Tages sendet der Kaiser von China viele Tausende von Jägern in die Wälder, um Tiger, Panther, Löwen, Wölfe ect . zu erlegen; gleichwohl wurden in einem Jahre bei einem so gewaltigen Jagdzuge, an welchem 5000 Mann Theil genommen hatten, achtzig Menschen zerrissen. Im siebenzehnten Jahrhundert zog nach dem Berichte des Jesuiten Verbiest der Kaiser von China einmal mit Heeresmacht in die Provinz Leao-Tong, ließ dort von seinen Soldaten große Strecken umstellen und den Kreis mehr und mehr verengern. Bei der einen Jagd wurden über tausend Hirsche, viele Bären, Wildschweine und sechszig Tiger erlegt. Im Jahre 1683 rückte der Kaiser mit 60,000 Mann und 10,000 Pferden aus, ohne jedoch sonderliche Erfolge zu erzielen. Aehnliche Jagden werden von den indischen Fürsten noch heutigen Tages abgehalten, und für dieselben hegen und pflegen eben die Fürsten ihre Tiger, wie bei uns zu Lande hohe Herren die ihren Unterthanen ebenfalls sehr schädlichen Wildschweine oder Edelhirsche.

Möckern beschreibt eine große Jagd, welche der Nabob von Audh veranstaltete. Der Fürst hatte ein ganzes Heer von Fußvolk, Reiterei, Geschütze, über tausend Elefanten, eine unübersehbare Reihe von Karren, Kamelen, Pferden und Tragochsen bei sich. Seine Weiber saßen in bedeckten Wagen. Bajaderen, Sänger, Possenreißer und Marktschreier, Jagdleoparden, Falken, Kampfhähne, Nachtigallen, Tauben gehörten zu dem großen Gefolge. Nicht weit von der Nordgrenze Indiens wurde eine große Menge Wild erlegt. Endlich ward auch ein Tiger entdeckt und sein Versteck mit etwa zweihundert Elefanten umstellt. Beim Vorrücken hörte man ein Knurren und Bellen im dichten Gebüsche, und ehe noch ein Schuß gefallen, sprang der Tiger auf den Rücken eines Elefanten, welcher drei Jäger trug. Dieser schüttelte sich gewaltig und warf den Tiger und die drei Reiter ab, so daß alle vier ins Gebüsch flogen. Schon gab man die Reiter verloren, da krochen sie zum Erstaunen der Anwesenden zwar mit ängstlichen Gesichtern aber unversehrt aus dem Gebüsche hervor. Der Nabob ließ jetzt größere Massen von Elefanten ins Gebüsch rücken und den Tiger nach der Stelle treiben, wo er selbst, von Bewaffneten umgeben, ihn auf seinem Elefanten erwartete. Beim Vorgehen ward der Tiger angeschossen, dann gegen den Nabob hingedrängt und dort erlegt.

Karl von Görtz hat bei Seharunpur eine Tigerjagd mitgemacht, welche von dem Oberbefehlshaber des indischen Heeres veranstaltet ward. Vierzig Elefanten standen in Bereitschaft, acht davon waren für die Jäger bestimmt. Jeder Elefant hatte einen von Rohrgeflecht umgebenen bequemen Sitz für einen Schützen und hinter diesem einen kleineren für einen Diener, welcher zwei bis drei Gewehre in Bereitschaft hielt. Um hinaufzukommen, kletterte man, während der Elefant niederkauerte, an ihm empor. Vorn auf dem Halse des Thieres saß der Mahut. Die übrigen Elefanten waren zum Treiben bestimmt; auf mehreren von ihnen hockten außer dem Lenker zwei bis drei Eingeborene. Schilf und Gras war da, wo sich die Reihe von vierzig Elefanten vorwärts bewegte, oft fünf bis sechs Meter hoch. Zum untrüglichen Zeichen von der Nähe eines Tigers erhoben die Elefanten den Rüssel und stießen zu wiederholten Malen den bekannten trompetenartigen Laut aus, welchen sie hören lassen, wenn sie irgendwie erregt sind. Der erste Tiger ward von einem gewissen Harvey, dem besten Schützen, welcher schon dem Tode von hundert Tigern beigewohnt hatte, erspäht und verwundet. Gleich darauf hing das Thier an dem Rüssel des Elefanten. Dieser stand unbeweglich. Harvey gab dem Tiger einen zweiten Schuß, worauf er zu Boden fiel, noch eine Kugel bekam, starb und auf einen Elefanten gebunden wurde, welcher ihn jedoch nur mit großem Widerwillen aufnahm.

Die indischen Fürsten wenden zuweilen auch die Lappjagd in großartigem Maßstabe an. Man setzt, auf vier bis fünf Meter Entfernung, hohe Bambusstangen mit großen, starken Netzen, welche an einem gewissen Punkte gegen einander laufen, und treibt dahin den Tiger. In dem Winkel, welchen die Netze bilden, werden für die hohen Herren Gerüste errichtet und diese mit den besten Schützen, namentlich mit den königlichen Hoheiten besetzt. Die Netze sind an ihrer niedrigsten Stelle etwa vier Meter hoch, aber überall nur locker an die Stangen gehängt, damit sie augenblicklich herabfallen, wenn ein Tiger gegen sie springt, und diesen in sich verwickeln. Die eigentliche Jagd erfordert ebenfalls ein großes Heer von Menschen und wird wenigstens gegenwärtig nicht häufig mehr angewandt; dabei muß man sich auch noch vorsehen, daß nicht etwa Elefanten oder andere große Thiere in dem begrenzten Theile der Dschungeln sich befinden, weil sie durch blindes Anrennen die Netze zerreißen und somit, trotz den längs der Netze aufgestellten Wachen, die Jagd auf den Tiger vereiteln würden.

Um den Tiger an die Schießstände zu treiben, werden alle denkbaren Schreckmittel angewandt. Man schießt, trommelt, zündet Feuer an, wirft brennende Fackeln in das Rohr, benutzt mit dem besten Erfolge sehr große Raketen, welche man in geringer Höhe über den Rohrwald dahinsausen läßt ect . Wenn eine solche Rakete zu fliegen beginnt und zischend und leuchtend über die Dschungeln dahinfährt, versetzt sie alle Geschöpfe und auch den Tiger in einen namenlosen Schrecken. Die Feuerstrahlen und das Gezisch und Gebrause sind ihm fürchterlich: er kann unmöglich einem solchen feuerigen Drachen, welcher mit so viel Wuth und Kraft dahinrauscht, widerstehen. Schon nach kurzer Zeit gewahrt man ein Bewegen der Dschungeln und sieht, wie das erschreckte Thier sich feig aus dem Staube machen will. Von hinten her kommt der Lärm, nach vorwärts also muß es sich wenden. Da erreicht es die Netze: sie sind zu hoch, um über sie wegsetzen zu können, und zu gefährlich, um den Versuch zu wagen, sie zu durchbrechen, die Stangen aber, an denen sie befestigt sind, viel zu leicht und biegsam, als daß der Flüchtende an ihnen emporklimmen könnte, und so sieht er sich genöthigt, längs derselben fortzuschleichen und den in sicherer Höhe thronenden Schützen zur Zielscheibe zu werden. Diese an und für sich treffliche Jagdweise hat leider ein sehr ernstes Bedenken gegen sich: sie erfordert einen zu großen Aufwand von Kraft und Geld und kann deshalb nicht regelmäßig betrieben werden, sondern immer nur als Festtag gelten. Deshalb ist ihr Erfolg verhältnismäßig gering.

Weit ergiebiger, wenn auch weniger pomphaft als alle die großen Treiben, sind die Einzeljagden, welche Engländer allein oder mit wenigen Gehülfen unternehmen. Wie Afrika seine Löwentödter, hat Ostindien seine Tigerjäger, und eine der ersten Stellen unter ihnen dürfte der Leutnant Rice einnehmen. Dieser muthige Mann hat unter dem Titel »Tiger Shooting in India« ein besonderes Werk herausgegeben und erzählt darin, daß er 68 Tiger, 3 Panther und 25 Bären erlegt und außerdem noch viele derselben verwundet habe. Da mir das Werk nicht zur Hand ist, folge ich Hartwigs Uebersetzung.

Mit vortrefflichen Doppelläufen versehen und von wohlbezahlten Treibern und einer Koppel muthiger Hunde begleitet, drang Rice herzhaft in das Dickicht und suchte selbst den aufgescheuchten Tiger auf. Voran ging gewöhnlich der Schikari oder Haupttreiber, welcher, mit Aufmerksamkeit die Spuren des Raubthieres beobachtend, die einzuschlagende Richtung angab. Rechts und links neben ihm schritten die Engländer, stets schußfertig, und dicht hinter ihnen die sichersten ihrer Leute mit geladenen Gewehren zum Austausche. Dann folgte die Musik, welche aus vier oder fünf Trommeln verschiedener Größe, Zimbeln, Hörnern und ein Paar Pistolen bestand, welch letztere fort und fort abgeschossen wurden. Mit Säbeln und langen Jagdspießen bewaffnete Männer dienten der Musik zum Geleite; den Nachtrupp bildeten Schleuderer, welche über die Köpfe der vorderen hinweg beständig Steine in die Dschungeln warfen und damit noch besser als durch den Höllenlärm jener Werkzeuge den Tiger aufscheuchten. Ab und zu kletterte auch ein Mann auf einen Baum, die Bewegung des Thieres zu beobachten. Der ganze Trupp bildete einen dicht geschlossenen Haufen.

Niemals wagt es der Tiger, eine Menschenmasse anzugreifen, welche sich auf eine so geräuschvolle Weise ankündigt. So wild und verwegen er ist, wenn es sich um das Beschleichen und Ueberfallen einer ahnungslosen Beute handelt, so wenig Muth beweist er bei Gefahr. Einem Kampfe mit dem Menschen sucht er stets auszuweichen, und wenn er sich verfolgt sieht, ergreift er fast feig die Flucht. Wird er verwundet, so stürzt er allerdings augenblicklich mit der blindesten Wuth auf seine Feinde los; gehen diese aber in der eben angegebenen Weise durch die Dschungeln, so ist mit ziemlicher Sicherheit darauf zu rechnen, daß das Leben der Treiber bei der Untersuchung eben keine große Gefahr läuft, die Rohrbestände mögen so dick sein, wie sie wollen. Am schwierigsten ist es, die Leute immer gehörig zusammenzuhalten, weil dieselben oft, von ihrem eigenen Muthe hingerissen, bei dem geringsten günstigen Erfolge geneigt sind, sich zu zerstreuen. So warf sich einer von Rice's Treibern, alle Geduld über einen Tiger verlierend, welchen weder der Lärm noch Steinwürfe noch Feuerbrände von seinem Lager aufjagen konnten, mit gezogenem Säbel ganz allein in das Dickicht; aber wenige Augenblicke später war er auch von dem Tiger ergriffen und gräßlich zerfleischt. Ohne sich zu bedenken, stürzten ihm seine Gefährten zur Hülfe nach und nöthigten den Tiger, ihn wieder fahren zu lassen. Die Wunden, obgleich schrecklich anzusehen, waren glücklicherweise nicht lebensgefährlich, und er machte noch manches Treiben mit.

Bei einer solchen Jagd gerieth der Fähndrich Elliot, ein Freund des Tigertödters, in große Gefahr. Von vierzig Treibern unterstützt, hatten beide Engländer eine Dschungel in Angriff genommen, welche nicht viel zu versprechen schien, und waren mit ihren Gewehren auf kleine Bäume gestiegen, um den Erfolg der Untersuchung abzuwarten. Plötzlich scheuchten die Leute einen schönen Tiger auf, und dieser schritt langsam auf sie zu. Sie schwiegen ganz still, aber einer ihrer Begleiter, welcher auf einem anderen Baume Wache hielt und fürchtete, daß sie von dem Tiger überrascht werden möchten, schrie ihnen zu, auf ihrer Hut zu sein. Dies war genug, den Tiger von der eingeschlagenen Richtung abzulenken, so daß die Engländer kaum Zeit hatten, ihm eine Kugel nachzusenden. Sein lautes Gebrüll verkündete, daß er verwundet sei; doch hatte er sich schon zu weit in die Rohrwälder zurückgezogen, als daß man ihn noch mit Sicherheit hätte treffen können. Er wurde nun von den ungeduldigen Jägern mit mehr Hitze als Vorsicht verfolgt. An der Spitze ihres geordneten Jagdtrupps durchzogen sie das Dickicht, von den Blutspuren geleitet, bis sie nach etwa dreihundert Schritten auf eine offene Gegend kamen, wo alle Zeichen verschwanden. Vergebens waren einige Leute auf die höchsten Bäume geklettert: sie hatten weder in den Büschen noch im hohen Grase etwas bemerkt. Die beiden Engländer gingen ihren Begleitern etwa zwanzig Schritte langsam voran mit auf den Boden gerichteten Blicken, um hier nach den Blutspuren zu spähen. Da läßt sich plötzlich ein wüthendes Gebrüll hören, und der Tiger springt aus einer unter dem Grase verborgenen Höhlung hervor und gerade auf Rice los. Dieser hat kaum Zeit, auf zwei oder drei Schritt Entfernung seine beiden Läufe auf den Kopf des Unthiers loszubrennen, welches nun, durch den Knall, den Rauch, und vielleicht auch durch die Kugeln abgelenkt, mit einem ungeheueren Satze auf den Jagdgefährten sich stürzt, noch ehe derselbe seine Büchse anlegen kann. Mit der Schnelligkeit des Blitzes war dies geschehen, und als Rice dem Tiger nacheilte, sah er schon seinen unglücklichen Freund zu den Füßen des grimmigen Gegners hingestreckt. In demselben Augenblicke reichte ihm der Haupttreiber mit bewundernswürdiger Kaltblütigkeit und Ruhe ein zweites geladenes Doppelgewehr. Er schoß sogleich den ersten Lauf ab, aber erfolglos; – jetzt mußte er inne halten: der Tiger hatte seinen ohnmächtig gewordenen Gefährten beim Oberarme gepackt und schleppte ihn nach dem Loche zu, aus welchem er hervorgesprungen war. Der nächste Schuß mußte also nothwendig das Raubthier in das Gehirn treffen; denn eine jede andere, nicht augenblicklich tödtliche Wunde würde die rasende Wuth der furchtbaren Katze nur noch mehr gereizt haben. Rice folgte deshalb dem Tiger in ganz kurzer Entfernung, um den günstigsten Augenblick abzuwarten. Nachdem er einige Male vergeblich gezielt, glaubte er endlich diesen Zeitpunkt gekommen zu sehen, feuerte ab und traf den Schädel des Raubthieres, welches sterbend über sein Opfer hinrollte. Ein fernerer Schuß tödtete es vollends, und jubelnd befreite er jetzt seinen Freund von dem erdrückenden Gewichte des furchtbaren Feindes.

Die Treiber waren in der größten Aufregung. Bei dem ersten Angriffe unwillkürlich zurückweichend, traten sie sehr bald muthig heran und baten den Leutnant um Erlaubnis, mit ihren Lanzen einen Angriff zu machen. Vor allen anderen machte sich Elliots Diener durch seine Verzweiflung bemerklich. Er schrie laut auf, daß sein Herr verloren sei, und schoß zu dessen großer Gefahr auf den Tiger. Zum Glück war Elliot nicht tödtlich verwundet; denn die Tatze des Räubers, welche nach seinem Kopfe gezielt hatte, war an der Büchse abgeglitten, und der Jäger kam mit einer schrecklichen Armverletzung davon. Der Schlag war so heftig gewesen, daß er den Kolben der Büchse tief eingefurcht und den Hahn derselben abgeplattet hatte.

Auf Java gebraucht man, laut Wallace, zur Tigerjagd nur die Lanze. Man umstellt mit Hunderten von Bewaffneten eine große Strecke Landes und zieht diese allmählich zusammen, bis das Raubthier in einen vollständigen Kessel eingeschlossen ist. Wenn der Tiger sieht, daß er nicht mehr entfliehen kann, springt er gegen seine Verfolger, wird aber regelmäßig mit einigen Sperren aufgefangen und meist augenblicklich erstochen.

Neben den geschilderten Jagdarten wendet man noch viele andere, zum Theil sehr eigenthümliche an, um sich des Raubthieres zu entledigen. Fallen aller Art werden gestellt, um den Tiger zu fangen; namentlich leisten Fallgruben gute Dienste. Diese ähneln, wie Wallace beschreibt, einem Schmelzofen, sind unten weiter als oben und fünf bis sieben Meter tief, so daß weder Mensch noch Thier ohne Hülfe aus ihnen herauskommen kann. Man legt sie auf den Wechseln des Tigers möglichst gut verborgen an und überdeckt sie sorgfältig mit biegsamen Stöcken und Laub, so daß sie kaum oder nicht bemerkt werden können. Früher wurde in ihrer Mitte ein nach oben scharf zugespitzter Pfahl in den Boden gerammt; seitdem aber ein unglücklicher Reisender dadurch beim Hineinfallen umgekommen, mußte, in der Nähe von Singapore wenigstens, dieser Brauch untersagt werden. Auf Singapore fürchten die Europäer, laut Jagor, diese Fallen mehr als die Tiger selbst. Ungeachtet der fast täglich vorkommenden Unglücksfälle ist man überzeugt, daß der Tiger wohl chinesische Kulis, nicht aber Europäer angreife, fährt und geht ungescheut auf Waldwegen umher, zu deren beiden Seiten Tiger leben und behandelt sie europäischerseits mit Verachtung. Vor den Fallen dagegen nimmt sich Jedermann in Acht. Letztere leisten den Tigern gegenüber übrigens ausgezeichnete Dienste: am Tage vor Jagors Ankunft auf Singapore waren in einer solchen Grube zwei Tiger gefangen worden. Auf Java fertigt man, wie mir Haßkarl schreibt, große Fallen aus Baumstämmen und ködert sie durch ein angebundenes lebendes Zicklein, dessen Geschrei das Raubthier herbeizieht. Nach einigem Besinnen kriecht dieses in die Falle und versucht die Beute wegzunehmen, zieht dadurch aber eine Stellschnur ab und bewirkt das Zuschlagen der Fallthüre. So angstvoll die Javanen einem freien Tiger ausweichen, so muthprahlend ist ihr Gebaren dem gefangenen gegenüber. Wenn nicht besondere Befehle der Regierung vorliegen, lassen sie den in der Falle eingeschlossenen gehaßten Feind sicherlich nicht am Leben, durchbohren ihn vielmehr mit Hunderten von Lanzenstichen, obgleich sie das immerhin gut zu verwerthende Fell durch solche Heldenthat vollkommen unbrauchbar machen.

Von vortrefflicher Wirkung ist das Feuer. Man zündet von Zeit zu Zeit die Hauptversteckplätze des Tigers an, zieht an der dem Feuer entgegengesetzten Seite starke Netze quervor und stellt dort in Zwischenräumen auf erhöhten Gerüsten sichere Schützen auf. Kann man den Ort auskundschaften, an welchem ein Tiger seine Beute verzehrt hat, so errichtet man in der Nähe rasch eine Schießhütte und erlegt ihn, wenn er zurückkommt, um den Rest seiner Beute zu verzehren.

Manche Jagdarten sind höchst sonderbar. So streut man in Ostindien auf häufig begangene Wechsel eine Menge von Blättern, welche mit Vogelleim bestrichen wurden. Der Tiger erscheint, tritt auf die klebrigen Blätter und hat sehr bald eine größere Anzahl dieser unangenehmen Anhängsel an den Füßen. Dies reizt seinen Zorn; er versucht, die Blätter loszumachen, bewegt sich heftiger und leimt sich im gleichen Verhältnisse immer mehr von ihnen an. Schließlich wird er so wüthend, daß er sich wälzt, und nun ist er natürlich in sehr kurzer Frist vollkommen mit den widerwärtigen Blättern bedeckt. Dabei geschieht es, daß er sich auch die Augen und Ohren beklebt und geradezu unfähig wird, nach Willkür sich weiterzubewegen. Jetzt erhebt er ein furchtbares Gebrüll und ruft damit seine Gegner herbei, welche nun leichtes Spiel haben.

Ein sehr gefährlich scheinender, in Wahrheit aber ungefährlicher Jagdplan besteht in Folgendem: Man baut einen Käfig aus sehr starkem Bambus und stellt ihn auf den Wechsel des Tigers. In diesen Käfig verbirgt sich ein bewaffneter Mann und gibt sich selbst als Köder hin. Mit Anbruch der Nacht erscheint der Tiger und gewahrt den Menschen, wird auch wohl von diesem herbeigelockt, indem der Mann klagt und jammert oder anderes Geräusch hervorbringt. Die Sache näher zu untersuchen, kommt der Tiger heran, sieht sein vermeintliches Opfer durch die Stäbe des Gitters und versucht jetzt, diese mit seinen Tatzen zu zerbrechen. Dabei muß er sich nothwendigerweise so stellen, daß seine Brust dem Manne sich zukehrt, und dieser benutzt den günstigsten Augenblick, um ihm seine Lanze mit Macht in das Herz zu rennen. Da nun die Lanze, in einigen Gegenden wenigstens, vergiftet ist, wird das Raubthier fast regelmäßig mit dem ersten Stoße erlegt.

Bei allen Jagden gebrauchen die Schikaris die Vorsicht, eine besondere Kleidung anzulegen. Durch langjährige Erfahrung hat man gefunden, daß in den Tigergegenden kein Kleid bessere Dienste leistet als eines, welches den abgefallenen Blättern in der Färbung ähnelt. Ein solches steht so vollkommen im Einklänge mit der Umgebung, daß der Jäger schon auf kurze Entfernung hin gänzlich zu verschwinden scheint und auch dem scharfen Auge eines Tigers weit weniger sichtbar ist, als wenn er in grellen und von der Umgebung abstechend gefärbten Kleidern in die Dschungeln dringen wollte.

Es ist merkwürdig, daß ein so gewaltiges Thier, wie der Tiger, gewöhnlich auch einer leichten Verwundung erliegt. Ein angeschossener Tiger ist fast regelmäßig verloren. Dabei wirken freilich noch andere Ursachen mit. In jenen heißen Ländern ist das Heer der stechenden und blutsaugenden Kerbthiere selbstverständlich ein weit größeres als bei uns. Hunderte von Fliegen beeilen sich, ihre Eier an den Rändern der Wunde abzulegen; es entstehen schon am zweiten Tage die bösartigsten Geschwüre; Wundfieber stellt sich ein, und das Thier geht zu Grunde, selbst wenn die Kugel keinen einzigen der edleren Theile getroffen hat. Daß auch der entgegengesetzte Fall stattfinden kann, beweist der erwähnte, von dem muthigen Büffel so arg zugerichtete Tiger, dessen alte Wunden Haßkarl voller Maden fand. Geübte Jäger sehen übrigens sofort nach dem Schusse, ob sie einen Tiger so verwundet haben, daß er bald verendet, oder ob er bloß leicht getroffen worden ist. Wenn die Kugel das Herz, die Lungen oder die Leber durchbohrt hat, streckt der fliehende Tiger beim Gehen gleichsam krampfhaft alle seine Klauen aus, und diese hinterlassen eine auch dem Unkundigen auffallende Fährte, während er nach leichteren Verletzungen wie gewöhnlich auftritt, d. h. gar kein Merkmal zurückläßt. An den Blutspuren ist selten die Verwundung zu erkennen, ja in den meisten Fällen verlieren die durch die Brust geschossenen Tiger kaum einen Tropfen Blut. Das leicht aufliegende und verschiebbare Fell bedeckt bei den Bewegungen des Thieres die Wunde und verwehrt den Austritt des Blutes.

Der Leichnam des Tigers soll, wie von Vielen versichert wird, außerordentlich leicht in Fäulnis übergehen. Man hütet sich deshalb sorgfältig, einen erlegten Tiger den Strahlen der Sonne auszusetzen oder auf einen von ihr beschienenen, freien Platz zu legen. Schon nach wenigen Minuten, so behauptet man, gehen, wenn diese Vorsicht verabsäumt wird, die Haare in großen Ballen aus, und bereits einige Stunden nach dem Tode macht sich die vollständigste Fäulnis bemerklich. Jeder getödtete Tiger wird deshalb sogleich mit einem dichten Haufen von belaubten Zweigen bedeckt und sobald als möglich abgestreift. Haßkarl bemerkt dem entgegen, daß man auf Java getödtete Tiger oft Tagereisen weit verführt, um von dem ersten Beamten der Provinz das zugesicherte Schußgeld zu erheben, und daß man dem ungeachtet nur ausnahmsweise einen auffallend raschen Verlauf der Verwesung wahrnimmt.

Der Nutzen, welchen ein geübter Tigerjäger aus seinen Jagden zieht, ist nicht unbedeutend. Ganz abgesehen von der Belohnung, welche dem glücklichen Schützen wird, kann er fast alle Theile des Tigers verwerthen. Hier und da wird auch das Fleisch gegessen, wenn auch vielleicht mehr um den Geschmack desselben zu erproben, denn um es als Nahrungsmittel zu verwenden. Doch versichert Jagor, daß es keineswegs schlecht sei. Bei einem Tigerstechen auf Java, auf welches ich zurückzukommen haben werde, bot der Regent unserem Reisenden die erstochenen Tiger zum Geschenke an. »Da jedoch«, sagt Jagor, »die Felle zerfetzt waren, begnügte ich mich damit, die Eingeweidewürmer meiner Sammlung einzuverleiben und einige Tigerkoteletten mir braten zu lassen. Gegen Erwarten schmeckten sie gut, fast wie Rindfleisch, was die übrigen Gäste, welche vor dem Fleische einen gewissen Ekel empfanden, nicht glauben wollten. Der Resident bestätigte aber mein Urtheil. Er hatte früher in Banguwangi, wo Rindfleisch nur selten vorkam, den Rücken eines jungen Tigers in Form von Rinderbraten bereiten und einige in der Provinz ansässige Pflanzer zum Mittagessen einladen lassen. Das Fleisch schmeckte ihnen vorzüglich, und sie entdeckten den Verrath erst, als sie den Rest des Thieres in der Speisekammer hängen sahen.« In Südostsibirien wird, laut Radde, der Genuß des Tigerfleisches nur Jägern, welche bereits Tiger erlegten, oder alten, erfahrenen Männern überhaupt gestattet; Weiber sind, wenigstens bei den Birar-Tungusen, von solcher Mahlzeit gänzlich ausgeschlossen. Nach dem festen Glauben der einfältigen Jäger ist solches Fleisch überaus wirksam und verleiht dem Genießenden Kraft und Muth. Auch als Arzneimittel thut es seine Dienste, obschon die Aerzte des himmlischen Reiches meinen, daß Tigerknochen noch kräftiger wirken als Tigerfleisch. Für einen vollständigen Tiger im Fleische bezahlen die Dauern als Zwischenhändler 18 bis 20 Lan oder 35 bis 40 Rubel Silber. Die Kniescheiben haben den größten Werth und werden allein mit 3 Lan Silber aufgewogen; nächstdem folgen die beiden ersten Rippen, welche etwas weniger werth sind etc. In anderen Ländern schätzt man Zähne und Klauen, Fett und Leber höher als Fleisch und Knochen. Erstere gelten unter den Schikaris nicht bloß als besonders werthvolle Siegeszeichen, sondern zugleich als Schutzbriefe oder Amulete gegen Tigeranfälle, in vollster Würdigung des homöopathischen Grundsatzes »Gleiches durch Gleiches«. Zunge und Leber haben deshalb großen Werth, weil sie von den Arzneikünstlern Indiens unter mancherlei Schwindel, wie ihn die Heilkunde überhaupt verlangt, zubereitet und dann als unfehlbares Mittel an die gläubigen Abnehmer theuer verhandelt werden. Das Fett gilt als das beste Mittel gegen gichtische Beschwerden und wird deshalb sorgfältig aufbewahrt. Bei der Hitze der bevorzugten Tigerländer würde es in kurzer Zeit ranzig werden und dann verderben, verständen die Eingeborenen nicht, es nach ihrer Weise zu klären und dann für mehrere Jahre zur Aufbewahrung geeignet zu machen. Sobald ein getödteter Tiger abgestreift wird, trennen die Jäger das Fett sorgfältig von dem Fleische und werfen es in besonders dazu bestimmte Flaschen, welche sie mit sich umhertragen und nachdem sie verkorkt worden sind, einen vollen Tag der Sonnenhitze aussetzen. Sobald der Inhalt einmal flüssig geworden ist, kann das Fett leicht geklärt und für spätere Zeiten aufbewahrt werden. Auch die Europäer benutzen es, aber freilich zu anderen Zwecken, zum Einschmieren ihrer Gewehre nämlich. Das Fell wird mit irgend einem Gerbstoffe und Schutzmittel gegen die Kerbthiere getrocknet und wandert dann zumeist in die Hände der Europäer oder nach China. Man schätzt es weniger als das Pantherfell und verwendet es entweder zu Pferde-, Sattel- und Schlittendecken oder in China zu Polstern. In Europa ist es in der Neuzeit ganz aus dem Gebrauche gekommen; dagegen halten es die Kirgisen hoch, benutzen es zur Verzierung ihrer Köcher und bezahlen gewöhnlich ein Fell mit einem Pferde.

Die Paarungszeit des Tigers ist verschieden nach den Klimaten der betreffenden Heimatländer, tritt jedoch regelmäßig etwa ein Vierteljahr vor Beginn des Frühlings ein. Während dieser Zeit hört man mehr als sonst das eigenthümlich dumpfe Gebrüll des Raubthieres, welches am besten durch die Silben »Ha-ub« ausgedrückt werden kann. Nicht allzu selten finden sich mehrere männliche Tiger bei einer Tigerin ein, obgleich behauptet wird, daß im ganzen die Tigerinnen häufiger seien als die Tiger. Man schreibt dies den Kämpfen zu, welche die männlichen Tiger unter einander führen sollen, während die wahre Ursache wohl darin zu suchen sein dürfte, daß weibliche Raubthiere überhaupt vorsichtiger sind als männliche. Hundertundfünf Tage nach der Begattung wirft die Tigerin zwei bis drei Junge an einem unzugänglichen Orte zwischen Bambus oder Schilf, am liebsten unter der dichten und schattigen Laube einer Korintha. Die Thierchen sind, wenn sie zur Welt kommen, halb so groß wie eine Hauskatze und nach Art aller jungen Katzen reizende Geschöpfe. In den ersten Wochen verläßt die Mutter ihre geliebten Kleinen nur, wenn sie den nagendsten Hunger fühlt; sobald jene aber etwas größer geworden sind und auch nach fester Nahrung verlangen, streift sie weit umher und wird dann doppelt gefährlich. Der Tiger bekümmert sich gar nicht um seine Brut, unterstützt jedoch die Mutter bei etwaigen Kämpfen für dieselbe. Nicht selten gelingt es, junge Tiger zu rauben. Dann hört man das rasende Gebrüll der Alten mehrere Nächte hindurch erschallen, und sie erscheint tollkühn in der Nähe der Dörfer und Wohnplätze, in denen sie ihre Nachkommenschaft vermuthet. Findet sie die Spur der Fänger, so sucht sie dieselben auf, und nun heißt es auf der Hut sein, weil die gereizte Mutter keine Gefahr mehr kennt und sich tolldreist auf die Räuber ihrer Kinder stürzt. Gewöhnlich leiten die Jungen durch ihr Geschrei selbst auf die rechte Spur.

Zwei junge Tiger, welche von den Eingeborenen einem englischen Kapitän gebracht wurden, heulten so laut und anhaltend, daß nicht bloß die Alte, sondern auch ein männlicher Tiger dadurch herbeigelockt wurden. Beide beantworteten das Geschrei der Jungen mit fürchterlichem Gebrülle. Aus Besorgnis vor einem Ueberfalle ließ der Engländer diese frei und bemerkte am folgenden Morgen, daß sie von der Alten geholt und in das nahe Gebüsch gebracht worden waren. Daß der männliche Tiger bei dieser Entführung betheiligt gewesen ist, glaube ich nicht; Erfahrungen, welche wir an Gefangenen gemacht haben, sprechen dagegen. Eine Tigerin des Berliner Thiergartens, welche zwei Junge geboren und glücklich großgesäugt hatte, stürzte sich wüthend auf den Vater derselben, als dieser zum ersten Male wieder mit ihr zusammen gebracht wurde, mishandelte ihn unter lautem Gebrülle mit heftigen Tatzenschlägen und zwang ihn zu schleunigem Rückzuge: offenbar einzig und allein aus Angst, daß er ihre Jungen gefährden könne, da sie doch früher im besten Einvernehmen mit dem Gemahl gelebt hatte.

Die Liebeswerbung geschieht ruhiger als bei anderen großen Katzen, und die Begattung erfolgt meist ohne die üblichen Tatzenschläge, obschon nicht gänzlich ohne Murren. Gegen die neugeborenen Jungen benimmt sich die Mutter, falls sie genügende Milch hat, außerordentlich zärtlich, geht ungemein sanft mit ihnen um, legt sie an das Gesäuge, schleppt sie auch stets an den Ort ihres Käfigs, welcher ihr die meiste Sicherheit zu bieten scheint. Manche Tigermütter betrachten die sonst geliebten Wärter von der Geburt ihrer Jungen an mit größtem Mistrauen und bethätigen ihr Uebelwollen verständlich genug; andere bleiben ihren Pflegern nach wie vor mit gleicher Anhänglichkeit und Liebe gewogen. Die blind geborenen oder doch nur blinzelnden Auges zur Welt gekommenen Jungen wachsen rasch heran, spielen bald mit der gefälligen Alten nach Kätzchenart, balgen sich weidlich unter einander, zischen und fauchen in kindlichem Uebermuth ihren Wärter an, werden endlich verständig, erkenntlich für gute Behandlung und allmählich zahm. Auch an Verwandte gewöhnen sie sich, schließen mit Hunden einen Freundschaftsbund und können, verbürgt scheinenden Angaben zufolge, mit anderen großen Katzen, beispielsweise mit Löwen, in ein so inniges Verhältnis treten, daß sie eine Paarung eingehen und Blendlinge erzeugen.

Man hat in neuester Zeit auch Tiger oft in hohem Grade gezähmt. Sehr häufig wagen die Thierbändiger, zu ihnen in den Käfig zu gehen und allerlei Spiele oder sogenannte Kunststücke mit ihnen zu treiben. Allein eine gefährliche Sache bleibt das immer. Als echte Katze zeigt der Tiger sich denen, welche ihm schmeicheln, anhänglich und zugethan, erwiedert auch wohl Liebkosungen oder nimmt sie wenigstens ruhig hin; doch bleibt seine Freundschaft stets zweifelhaft, und wohl bloß so lange, als er die Herrschaft des Menschen anerkennt, läßt er von diesem sich mancherlei anthun, was seiner eigentlichen Natur zuwider ist. Volles Vertrauen verdient er nie, nicht, weil man sich vor seiner Tücke, sondern weil man sich vor seiner selbstbewußten Kraft zu fürchten hat. Tückisch, hinterlistig und falsch ist er ebenso wenig wie unsere Hauskatze, läßt sich aber ebenso wenig mishandeln wie diese und setzt sich zur Wehre, wenn ihm die Behandlung, welche der Mensch ihm anzuthun beliebt, nicht behagt. Ein schönes Tigerpaar, welches ich pflegte, begrüßte mich, so oft ich mich zeigte, mit einem eigenthümlichen Schnauben und leckte zärtlich die Hand, welche ich durch das Gitter streckte, ohne jemals auch nur daran zu denken, mir weh zu thun. Die Thiere wußten, daß ich es gut mit ihnen meinte und bewiesen sich dankbar. Hierfür haben sie so viele Belege gegeben, daß wenigstens ich an ihrem Wesen nicht irre werden kann. Ein junger Tiger, welcher einstmals nach England gebracht wurde, hatte während der Reise in dem Schiffszimmermann einen Freund gefunden, der ihn pflegte und wartete, aber, wenn er sich ungebührlich zeigte, auch züchtigte. In Anerkennung des ersteren ließ sich der Tiger das letztere wie ein Hund gefallen, und als sein Pfleger ihn nach zwei Jahren wiedersah, erkannte er ihn nicht nur sogleich, sondern legte so große Freude an den Tag, daß der Zimmermann zu ihm in den Käfig ging, wo er mit Schmeicheleien aller Art empfangen wurde. Erst nach drei Stunden gelang es ihm, von seinem überzärtlichen Freunde wieder loszukommen. Auch an Hunde gewöhnt sich der gefangene Tiger: man kennt ebenso wie bei dem Löwen Beispiele, daß einer oder der andere einen Hund, welcher zu ihm in den Käfig geworfen wurde, plötzlich in Gnaden aufnahm, später sogar zärtlich lieben lernte. Freilich darf man von einem Raubthiere seiner Art nicht Unmögliches verlangen. Seine Raublust ist ebenso schwer einzudämmen oder zu unterdrücken wie die des zahmsten Löwen oder unserer seit altersgrauer Zeit unter der Zuchtruthe des Menschen stehenden Katze: sie gehört eben zu seinem Sein und Wesen, ist untrennbar von ihm. Auf sie sind die falschen Urtheile zurückzuführen, welche man vernimmt. Ich finde es sehr begreiflich, daß auch ein jung aufgezogener Tiger, wenn er freikommt, Haus- oder andere Thiere überfällt und tödtet: denn er vermag nicht, seinem ihm angeborenen, durch seine Gestalt und Ausrüstung bedingten Triebe zu widerstehen; ich finde es ebenso durchaus in der Ordnung, daß er dem Menschen, welchem er aus irgend einem Grunde zürnt und grollt, seine Uebermacht gelegentlich fühlen läßt. Ihn deshalb aber falsch, treulos, hinterlistig, tückisch und sonstwie zu nennen, ist abgeschmackt. Auch aus uns wird selbst die beste Erziehung immer nur einen Menschen, nimmermehr aber einen sogenannten Engel machen können.

Die indischen Fürsten scheinen noch vor wenigen Jahrhunderten die Kunst verstanden zu haben, Tiger vollkommen zu zähmen, ja sogar zur Jagd abzurichten. »Der Khan der Tartarei«, sagt Marco Polo, »hat in seiner eroberten Stadt Kambalu viele Leoparden und Luchse, womit er jagt, desgleichen viele Löwen, welche größer sind als die von Babylon, schöne Haare haben und schöne Farben, nämlich weiße, schwarze und rothe Striemen, und brauchbar sind, wilde Schweine, Ochsen, wilde Esel, Bären, Hirsche, Rehe und viele andere Thiere zu fangen. Es ist wunderbar anzuschauen, wenn ein Löwe dergleichen Thiere fängt, mit welcher Wuth und Schnelligkeit er es ausführt. Der Khan läßt sie in Käfigen auf Karren führen neben einem Hündlein, an das sie sich gewöhnen. Man muß sie in Käfigen führen, weil sie sonst gar zu wüthend dem Wilde nachlaufen, so daß man sie nicht halten könnte. Auch muß man sie gegen den Wind bringen, weil sonst das Wild sie riechen und fliehen würde. Der große Khan hat auch Adler, welche Rehe, Füchse, Wölfe und Damhirsche fangen, und gebraucht oft zu einer einzigen Jagd 10,000 Menschen, 500 Hunde und eine Menge Falken. Er reitet abwechselnd auf zehn Elefanten und hat im Walde eine Hütte von prächtig ausgearbeitetem Holze, inwendig mit Goldtüchern, auswendig mit Löwenhäuten bedeckt. Seine Jäger, Aerzte und Sternkundigen tragen Kleider mit Hermelin und Zobel, wovon ein Kleid 2000 Goldgulden kostet.«

Noch heutigen Tages lassen die indischen Fürsten gefangene Tiger mit anderen starken Thieren kämpfen, namentlich mit Elefanten und Büffeln. Tachard sah einen solchen Kampf in Siam. In eine Umzäunung von Pfahlwerk führte man drei Elefanten, deren Kopf mit einer Art Panzer bedeckt war. Der Tiger befand sich bereits dort, wurde aber noch an zwei Seilen gehalten. Er gehörte nicht zu den größten und suchte sich, als er den Elefanten sah, zu drücken, bekam aber von ihm sofort einige Schläge mit dem Rüssel auf den Rücken, daß er umstürzte und einige Zeit wie todt liegen blieb. Als man ihn jedoch losgebunden hatte, sprang er auf, brüllte fürchterlich und wollte sich nach dem Rüssel des Elefanten stürzen. Diesen aber hob der Riese in die Höhe und gab dem Tiger einen Stoß mit den Hauern, daß er hoch emporgeschleudert wurde und nun keinen Angriff mehr wagte, sondern an den Pfählen hinlief und daran hinaufsprang gegen die Zuschauer. Zuletzt trieb man alle drei Elefanten gegen ihn, und sie versetzten ihm derartige Schläge, daß er wieder einmal wie todt liegen blieb und sie nachher vermied. Hätte man den Kampf nicht beendet, die erbosten Dickhäuter würden ihn wahrscheinlich todtgeschlagen haben: so geschah es wenigstens in Paris, wo man einmal dem persischen Gesandten ein ähnliches Vergnügen bereiten wollte. Man sagt, daß der Elefant verloren wäre, wenn es dem Tiger gelänge, ihn am Rüssel fest zu fassen; doch soll der kluge Riese sich sehr in Acht nehmen, dieses wichtige Werkzeug in Gefahr zu bringen. Ungeachtet des Bewußtseins seiner Stärke läßt der wildlebende Elefant einen Tiger im Freien ungeschoren, flieht sogar vor ihm, und das Gleiche thut das Nashorn, von dessen Freundschaft mit dem Tiger man früher vielerlei fabelte.

Kämpfe zwischen Büffeln und Tigern oder Lanzenträgern und unseren Raubthieren scheinen zu den Lieblingsvergnügungen der südasiatischen, insbesondere der javanischen Großen zu gehören. Eduard von Martens und Jagor schildern fast übereinstimmend ein solches Schauspiel. »Die Straße«, so erzählt der letztgenannte, »war mit Zügen von Lanzenträgern bedeckt, welche man zu einem »Rompok« oder Tigerstechen entboten hatte. Am folgenden Morgen begaben sich der Resident nebst dem Regenten, von allen anwesenden Europäern gefolgt, nach einem Pavillon, um einen Kampf zwischen Königstiger und Büffel mit anzusehen. Ein etwa sechs Meter hoher walzenförmiger Bambuskäfig enthielt einen bekränzten Büffel. Auf ein gegebenes Zeichen wurde die Thüre geöffnet, welche zu einem daranstoßenden, kleineren, den Tiger enthaltenden Käfig führte. Alle warteten mit Spannung; der Tiger aber erschien nicht. Erst nachdem er ziemlich lange durch brennende Fackeln gepeinigt worden war, schlüpfte er aus dem kleinen in den großen Käfig, zeigte jedoch durchaus keine Kampflust. Er lief einige Male ängstlich im Kreise herum, bis ihm der Büffel, welcher ihn anscheinend mit dem Gleichmuthe eines Unbetheiligten betrachtet hatte, einen Stoß gab, worauf er vor Angst an den Stäben in die Höhe kletterte. Durch kochendes Wasser, Absud von Pfeffer und Lanzenstiche wurde er von dort vertrieben. Beide Thiere wurden unaufhörlich von den oben auf dem Käfige stehenden Leuten gereizt, bis der Tiger endlich einen Sprung that und in das rechte Ohr des Büffels fest sich einbiß, indem er seine Tatze zugleich in den Nacken seines Gegners tief einschlug. Der Büffel versuchte vergeblich ihn abzuschütteln, brüllte laut vor Schmerz und schleifte ihn mehrmals auf dem Boden rings umher. Endlich ließ der Tiger los und erhielt ein paar so kräftige Stöße, daß er wie todt liegen blieb. Der Büffel beroch ihn; als aber der Tiger den Versuch machte, nach ihm zu schnappen, erhielt er einen solchen Stoß, daß er wieder alle Viere von sich streckte. Die Zuschauer waren jedoch noch lange nicht befriedigt und wendeten Pfeffer- und Stinkbrühen, Lanzen und brennende Fackeln an, um die erschöpften Thiere noch einmal aneinander zu bringen. Vergeblich; die kleine Thüre wurde endlich wieder geöffnet, und der Tiger, durch Feuer zum Aufstehen genöthigt, schlüpfte behend in seinen Käfig zurück.

»Nachmittags um fünf Uhr fand auf dem Platze vor dem Hause des Regenten ein Rompok statt. Der große viereckige Platz war mit mehreren Reihen von Lanzenträgern umgeben. Es mochten ihrer wohl über zweitausend sein. In der Mitte des Vierecks standen zwei kleine, mit Stroh überschüttete Käfige und ein dritter, höherer, in Form eines Daches. Die beiden ersten Käfige enthalten je einen Tiger. Ein dichter Kranz von Zuschauern umgibt die Lanzenträger. Auf ein gegebenes Zeichen wird ein Käfig in Brand gesteckt; der Tiger aber will durchaus nicht erscheinen. Es ist dieselbe arme Bestie, welche schon heute Morgen vom Büffel so übel zugerichtet wurde. Schon fürchtete man, daß er verbrannt oder erstickt sei, als er endlich, mit dem Hintertheile zuerst, zum Vorscheine kommt. Kaum aber hat er sich umgesehen, so läuft er in den brennenden Käfig zurück, und es dauert abermals geraume Zeit, bis er zum zweiten Male heraustritt. Ohne sich vom Platze zu rühren, mustert er genau die Umgebung und späht ängstlich nach einem Schlupfwinkel. Da er keinen Schritt thut, setzt sich das mit Bewaffneten angefüllte, dachförmige Gestell, aus dessen Oeffnungen die langen Lanzen hervorragen, in Bewegung und zwingt endlich das Thier, sich zu erheben. Da der Tiger fast immer gegen die Richtung des Windes läuft, so war die Windseite am stärksten bemannt worden; diesmal aber wich er mit richtigem Takte von seiner Gewohnheit ab, stürzte sich plötzlich auf eine schwach bemannte Stelle in der Nähe unseres Pavillons und machte einen verzweifelten Versuch, durchzubrechen. Kaum hatte er die Stelle erreicht, als er von zwanzig Lanzen durchbohrt zu Boden sank. Man steckt den zweiten Käfig in Brand. Der muthige Insasse desselben springt mit einem Satze heraus, stutzt, mustert seine Feinde, setzt sich in Lauf und versucht an der Windseite einen Durchbruch. Dort zurückgedrängt, wiederholt er einige Schritte weiter denselben Versuch, wird aber sogleich durchbohrt, indem alle Nahestehenden, unfähig, ihre Leidenschaft zu zügeln, ihm ihre Lanzen in den Leib stoßen.«

Martens ergänzt Jagors Schilderungen noch dahin, daß zwei, nur mit dem Kris bewaffnete Leute den Kasten öffnen müssen. »Es ist heilige Sitte, daß sie langsamen Schrittes, ohne umzuschauen, sich wieder entfernen, und nie soll es vorgekommen sein, daß einer vom Tiger verletzt worden wäre.« Dies scheint sehr erklärlich; denn das Raubthier, durch die Gefangenschaft niedergebeugt, fühlt angesichts der zahlreichen Menschen durchaus keine Lust zum Angriffe, und deren sicheres Auftreten bestürzt ihn. Wahrscheinlich wären die Männer eher in Gefahr, wenn sie ängstlich davon liefen.

Die Alten lernten den Tiger erst sehr spät kennen. In der Bibel scheint er nicht erwähnt zu werden, und auch die Griechen wissen noch sehr wenig von ihm. Nearch, der Feldherr Alexanders, hat zwar ein Tigerfell gesehen, nicht aber das Thier selbst, von dem er durch die Inder erfahren, daß es so groß wie das stärkste Pferd sei und an Schnelligkeit und Kraft alle übrigen Geschöpfe übertreffe. Erst Strabo spricht etwas ausführlicher von ihm. Den Römern war er bis zu Varro's Zeiten vollkommen unbekannt; als sie jedoch ihr Reich bis zu den Parthern ausdehnten, lieferten diese auch Tiger und brachten sie nach Rom. Plinius schreibt, daß zuerst Scaurus im Jahre 743 der Stadt einen gezähmten Tiger im Käfige gezeigt habe. Claudius besaß ihrer vier. Später kamen die Thiere öfter nach Rom, und Heliogabalus spannte sie sogar vor seinen Wagen, um den Bacchus vorzustellen. Avitus endlich ließ in einem Schauspiele ihrer fünf tödten, was früher nicht gesehen worden war.

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