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Brehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band

Alfred Brehm: Brehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band - Kapitel 53
Quellenangabe
authorAlfred Brehm
titleBrehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
year1876
illustratorGustav Mützel,Ludwig Beckmann, C. F. Deiker, Robert Kretschmer
firstpub1876
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180726
projectidec1ecb11
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Buschsegler ( Nannugo).

Buschsegler oder Zwergfledermäuse ( Nannugo ) nennt man die kleinsten Mitglieder der Familie. Sie bilden eine weit über die Erde verbreitete, in zahlreichen, noch wenig bekannten Arten vorkommende Gruppe und kennzeichnen sich durch das Gebiß, schlanken Flügelbau, welcher schnelle und mannigfaltige Flugbewegungen und große Ausdauer zuläßt, sowie durch Eigenheiten des Ohrbaues. Das Gebiß besteht wie bei anderen Verwandten aus vier durch eine Lücke getrennten Schneidezähnen im Oberkiefer, sechs Vorderzähnen im Unterkiefer, einem Eckzahne, einem Lück- und vier Backenzähnen in jedem Kiefer oben und unten, so daß es also aus 34 Zähnen zusammengesetzt wird. Der Ohrendeckel ist nach oben verschmälert, mit der Spitze nach innen gerichtet und erreicht seine größte Breite unter der Mitte. Der Schwanz wird von der Flughaut umschlossen.

Das kleinste Mitglied der Gruppe, das kleinste europäische Flatterthier überhaupt, ist die Zwergfledermaus ( Nannugo pipistrellus, Vespertilio pipistrellus, pygmaeus und nigricans, Vesperugo pipistrellus). Ihre Gesammtlänge beträgt nur 6,7 Centim., wovon der Schwanz 3,1 Centim. wegnimmt; die Fittige klaftern 17 bis 18 Centim. Der in der Färbung wechselnde Pelz ist oben gelblichrostbraun, auf der Unterseite mehr gelblichbraun, das zweifarbige Haar an der Wurzel dunkler, an der Spitze fahlbräunlich. Die dickhäutigen Ohr- und Flughäute haben dunkelbraunschwarze Färbung.

Die Zwergfledermaus bewohnt fast ganz Europa und den größten Theil von Nord- und Mittelasien; ihr Verbreitungsgebiet reicht von Skandinavien und Spanien bis Japan. In Rußland und Skandinavien findet man sie, laut Blasius, noch gegen den 60. Grad nördlicher Breite. In England, Frankreich, Deutschland, Ungarn, Spanien, Sicilien und Griechenland scheint sie nirgends zu fehlen, am häufigsten aber doch in Mitteleuropa, insbesondere in Deutschland aufzutreten, da sie hier als die gemeinste Art betrachtet wird. In Berggegenden steigt sie bis zur oberen Grenze des Waldgürtels, in den Alpen etwa 2000 Meter Gebirgshöhe empor. Selbst auf vielen, dem Festlande benachbarten Inseln fehlt sie nicht. In Deutschland gibt es keine Stadt, kein Dorf, ja fast kein Hofgut, auf welchem man sie nicht anträfe, falls man einmal ihre meist sehr verborgenen Aufenthaltsorte kennen gelernt hat. Während der Tagesruhe findet man sie in verschiedenen Schlupfwinkeln unter Dächern, in Mauer- und Balkenritzen, Gewölben, in Baumlöchern, unter der Rinde alter Bäume oder unter Holzgetäfel, Bildern etc ., selbst in den Aesten dichtbelaubter Bäume, Epheuranken und an ähnlichen Orten. Im Schlosse zu Weilburg sitzt sie, laut Koch, immer in den gläsernen Laternen der Gänge, entweder einzeln oder in Gruppen; in alten Eichen kriecht sie zuweilen in die Bohrlöcher der Hirschkäfer, Larven und großen Bockkäfer: kurz jede ihr irgendwie zufluchtgewährende Stelle wird von ihr ausgenutzt. Für den Winter wie zur sommerlichen Ruhe sucht sie sich ähnliche Oertlichkeiten, zeigt sich auch hierbei nicht gerade wählerisch, da sie besser als alle übrigen Verwandten der Unbill der Witterung widersteht. Später als sämmtliche deutsche Fledermäuse zieht sie sich in ihre Schlupfwinkel zurück, und früher als jede verwandte Art erscheint sie wieder im Freien, verläßt ihre Schlafstätten sogar sehr oft im Winter und treibt sich jagend nicht allein in geschützten Räumen, sondern auch im Freien umher. Unter allen Umständen gesellig, schart sie sich während des Winterschlafes oft zu mehreren Hunderten bis Tausenden, welche große Klumpen bilden, vereinigt sich auch wohl mit Verwandten, gleichviel ob diese ebenso stark oder stärker als sie sind.

Je nach der Jahreszeit kommt die Zwergfledermaus früher oder später in ihrem Jagdgebiete zum Vorscheine. Altum hat hierüber ausführliche Beobachtungen angestellt und versichert, daß ihre Pünktlichkeit im Erscheinen den Fluganfang bei gleich günstiger Witterung fast nach Minuten bestimmen läßt. An heiteren, hellen, mehr oder minder gleichmäßig warmen Abenden beginnt der Flug unserer Fledermaus

am 20. Januar   um 4 Uhr 30 Minuten
". 20. Februar   " 5 " 15 "
" 3. März   " 5 " 45 "
" 23. März   " 6 " 30 "
" 17. April   " 7 " 20 "
" 29. Mai   " 8 " 25 "
" 6. Juni   " 8 " 35 "
" 25. Juni   " 8 " 25 "
" 11. Juli   " 9 " 15 "
" 20. Juli   " 8 " 45 "
" 15. August   " 8 " "
" 2. September   " 7 " 25 "
" 20. September   " 6 " 45 "
" 10. Oktober   " 6 " "
" 1. November   " 5 " "
" 22. November   " 4 " 25 "

»Es ist selbstredend«, bemerkt der Beobachter hierzu, »daß die Witterung wohl nur selten an den Abenden in den verschiedenen Jahreszeiten ganz gleichmäßig ist, ebenso, daß ich nicht behaupten kann, stets die ersterwachte Fledermaus gesehen zu haben. Im allgemeinen sind jedoch meine Angaben, welche ich mit der Uhr in der Hand an Ort und Stelle niedergeschrieben habe, richtig, die meisten genau.«

Der Flug der Zwergfledermaus zeichnet sich durch große Gewandtheit aus, erscheint jedoch der geringen Größe des Thieres entsprechend, wie Altum passend sich ausdrückt, kleinlich behend. Die Höhe ihres Fluges ist nach Angabe dieses Beobachters sehr verschieden. Sie jagt vorübergehend niedrig über dem Wasserspiegel kleiner Teiche umher, huscht häufiger zwischen den Stämmen von Baumgruppen hindurch und flattert, namentlich an heiteren Abenden, in einer Höhe von 15 bis 20 Meter. In der Stadt, wo sie sehr zahlreich auftritt, hält sie weit die Höhe des zweiten Stockwerkes inne. Auf den Straßen fliegt sie nicht eine größere Strecke in der Mitte derselben, sondern vorzugsweise nahe bei den Gebäuden auf und nieder, schwirrt aber nicht über die höheren Dächer hinweg. Auf dem Lande ist sie bei jedem Gehöfte oder doch nicht weit von demselben entfernt anzutreffen. Auf den Hofräumen der Landgüter treibt sie sich stets umher, die Winkel und Ecken der Gebäude, Innenräume der offenen Böden und Stallungen planmäßig absuchend. Gern auch fliegt sie in offene, erleuchtete Zimmer, und unter Umständen können binnen wenigen Minuten hier zwanzig bis dreißig Stück sich sammeln. »Vielleicht«, sagt Altum, »ist es Zufall, daß sie diesen Zimmern Besuche in Masse, zuweilen an denselben Abenden an verschiedenen Stellen macht. Eines Tages wurde mir von drei Stellen mitgetheilt, daß am vorhergehenden Abende eine große Menge Zwergfledermäuse plötzlich das erleuchtete Zimmer belebt hätten.« Niemals aber begibt sie sich in niedrige und kleine Stuben, sondern stets nur in größere Säle und dergleichen. Dagegen vermeidet sie baumlose, freie Plätze oder zieht doch nur vorübergehend über diese weg.

Die Fortpflanzung fällt in die ersten Monate; bisweilen begatten sich die Zwergfledermäuse schon im Monat Februar, unter ungünstigen Umständen spätestens in der ersten Hälfte des März. Die Begattung, welche Koch an Gefangenen beobachtete, geschieht in der oben geschilderten Weise unter merklicher Theilnahmlosigkeit der sonst gegenwärtigen Männchen. Im Mai bringen sie zwei, seltener nur ein einziges Junges zur Welt; Ende Juni's oder im Juni sieht man die schon wohl entwickelten Kinderchen vereint mit ihren Müttern fliegen und kann sie, auch abgesehen von der Größe, noch sehr wohl von den Alten unterscheiden. Während diese sich in den mannigfaltigsten, gewandtesten Wendungen regen, flattern die Jungen, laut Altum, mit schnurrendem, rauschendem, aber wenig förderndem Flügelschlage in mehr oder weniger gerader Richtung fort, so daß ihr Flug eine auffallende Aehnlichkeit mit dem eines Tagschmetterlings erhält.

Zwergfledermaus ( Nannugo pipistrellus).

Zwergfledermäuse lassen sich bis zu einem gewissen Grade zähmen, halten wenigstens in der Gefangenschaft ziemlich gut aus, nehmen Milch an, fangen die ihnen vorgeworfenen lebenden Kerbthiere und finden sich nach und nach darein, auch getödtete, und selbst rohes und gekochtes Fleisch zu genießen. »Wir haben«, erzählt Koch, »einmal eine große Anzahl ziemlich am Ende des Winterschlafes in einen besonders dazu hergerichteten Behälter gesetzt und auf die angegebene Weise gefüttert. Im Anfange war die Sterblichkeit unter ihnen sehr groß; diejenigen aber, welche die erste Zeit überlebt hatten, hielten später lange und gut aus, bis wir unseren Zweck erreicht hatten und sie wieder in Freiheit setzen konnten. In diesem Behälter hatten wir eine Zwischenwand von engem Drahtgeflechte angebracht, um die Geschlechter getrennt zu halten. Diese wurde zur Zeit, in welcher wir die Thiere durch einen hellen Glasdeckel beobachteten, gehoben, danach wieder niedergelassen und die Geschlechter von neuem getrennt. Es währte über drei Wochen, ehe es uns gelang, eine Begattung wahrzunehmen. Endlich beobachteten wir sie bei zwei verschiedenen Paaren an zwei aufeinander folgenden Abenden. Die begatteten Weibchen trennten wir von der übrigen Gesellschaft, um den weiteren Verlauf der Tragzeit zu beobachten; beide aber starben leider schon nach wenigen Tagen.«

Mehr als andere Flatterthiere wird die Zwergfledermaus von allerlei Feinden bedroht. Man findet ihre Schädelreste in den Gewöllen verschiedener Tag- und Raubvögel, und nach Koch ist es namentlich der Thurmfalke, welcher ihr nachstellt und sie jeder anderen Nahrung vorzuziehen scheint. Auch Marder, Iltis und beide Wiesel nehmen gar manche weg, und selbst die Mäuse arbeiten sich im Winter zu den Aufenthaltsorten unserer Flatterthiere durch, überfallen sie und fressen sie auf. Der »schrecklichste der Schrecken« für das in hohem Grade nützliche Thier, welches in unmittelbarer Nähe unserer Wohnungen unter den so schädlichen Motten, den Stechfliegen und anderen lästigen Kerfen aufräumt, ist leider »der Mensch in seinem Wahn«, der ungebildete, rohe, theilnahmlose Nichtkenner seiner besten Freunde, welcher aus Unverstand und Muthwillen die niedlichen, harmlosen und wohlthätigen Geschöpfe oft zu Hunderten freventlich umbringt.

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