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Brehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band

Alfred Brehm: Brehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band - Kapitel 33
Quellenangabe
authorAlfred Brehm
titleBrehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
year1876
illustratorGustav Mützel,Ludwig Beckmann, C. F. Deiker, Robert Kretschmer
firstpub1876
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180726
projectidec1ecb11
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Indris ( Lichanotus)

»Indri, Indri« – schau, sieh her – sagten die Madagaschen zu dem reisenden Naturforscher Sonnerat, um ihn auf einen Lemur aufmerksam zu machen, welcher seines abweichenden Baues halber nothwendigerweise die Aufmerksamkeit der Eingeborenen und des gedachten Naturforschers erregen mußte. Sonnerat wählte den von ihm falsch verstandenen Ausruf zur Bezeichnung des Thieres selbst und gab ihm damit einen Namen, welcher den Madagaschen erklärlicherweise unverständlich ist. Nachdem man noch eine Art oder wenigstens eine Spielart der Gruppe unterschieden und beschrieben hat, wird der Name Indri als Bezeichnung einer besonderen Sippe gebraucht und mag deshalb auch von uns beibehalten werden.

Die Indris ( Lichanotus) vertreten, wenn man so sagen will, die Menschenaffen innerhalb ihrer Familie, gelten auch als die am höchsten entwickelten aller Lemuren. Ihr Kopf ist im Verhältnis zu dem stämmigen Leibe klein oder doch nur mittelgroß und spitzschnäuzig; die Vorderglieder sind nicht viel kürzer als die hinteren, die einen wie die anderen besonders ausgezeichnet durch die Länge der Hände und Füße und ebenso der kräftigen Daumen und Daumenzehen, welche den übrigen, bis zur Mitte durch Bindehaut vereinigten Fingern und Zehen entgegengestellt werden können und mit ihnen wahre Klammerfüße bilden. Der Schwanz erscheint nur als verkümmerter Stummel. Verhältnismäßig kleine Augen und ebenso kleine, fast ganz im Pelze versteckte Ohren, deren Muscheln auf der Innenseite nackt, auf der äußeren dicht behaart sind, tragen zur weiteren Kennzeichnung bei. Der sehr dichte, fast wollige Pelz überkleidet nicht nur den ganzen Leib, sondern auch die Hände und Füße und Finger und Zehen bis zu den Nägeln herab. Das Gebiß besteht aus vier durch eine weite Lücke getrennten oberen, vier dicht zusammenliegenden, schief gestellten langen unteren Schneidezähnen und einem Eckzahne, zwei Lückzähnen und drei vierhöckerigen Mahlzähnen in jedem Kiefer, deren untere größer und stärker als die oberen sind.

Früher kannte man bloß eine einzige Art dieser Sippe, den Indri oder richtiger Babakoto, zu deutsch »Vatersohn« der Madagaschen ( Lichanotus brevicaudatus, Lemur Indri, Indris brevicaudatus); neuerdings hat Peters noch eine zweite, wahrscheinlich verschiedene Art aufgestellt. Der Indri erreicht eine Länge von 85 Centim., wovon nur 2,5 Centim. auf den Schwanz gerechnet werden dürfen. Das fast unbehaarte Gesicht hat dunkel-, im Leben wahrscheinlich bräunlichschwarze Färbung; Kopf einschließlich der Ohren, Schultern, Arme und Hände sind schwarz, Oberrücken und Unterschenkel braun, die Vorderseite der Hinterglieder braunschwarz, Stirn, Schläfe, Kehle, Brust, Halsgegend, Schwanz, Unterseite der Schenkel, Fersen und Seiten weiß. In wiefern sich auch die Färbung des Babakoto verändert, ist zur Zeit noch fraglich; man kennt das Thier bis jetzt noch viel zu wenig, als daß man sagen könnte, ob die Geschlechter oder Alte und Junge durch die Färbung sich unterscheiden.

Kronenindri (Lichanotus mitratus).

Der Kronenindri ( Lichanotus mitratus), die erwähnte zweite Art, möglicherweise nur Spielart des Indri, steht diesem in der Größe wenig nach: seine Länge beträgt 75 Centim., wovon 4,5 Centim. auf den Schwanz kommen. Das Haar ist seidig-wollig, die Färbung außerordentlich schön, obschon grelle Farben nicht vorhanden sind. Die nackte schwarze Schnauze und die sehr schwach mit grauen Haaren bekleideten Wangen werden eingerahmt von einer breiten, fahlgrauen, nach hinten schwarz begrenzten Binde, welche sich über die Stirn und die Gesichtsseiten zieht, an der Kehle vereinigt und das ganze Gesicht umgibt. Unmittelbar an sie schließt sich ein blendend weißer Flecken an, welcher den Scheitel und die äußere Ohrmuschel einnimmt und in den längs der Kopf- und Halsseiten verlaufenden graulichweißen Streifen übergeht. Ohren, Nacken, Schultern, Oberarm, Rücken bis zur Kreuzgegend, Oberbrust und Brustmitte, Vorderseite der Ober- und Innenseite der Unterschenkel bis gegen die Füße hin, Hände und vorderer Theil der Füße sind schwarz, die einzelnen Haare am Grunde grau oder grauschwarz, ein auf dem Unterrücken als Mittelstreifen beginnendes, nach dem Gesäß zu sich verbreiterndes länglich dreieckiges Feld und die Innenseiten der Arme und Oberschenkel weiß, Gesäß und Schwanz röthlich isabellfarben, die Haare des letzteren an der Spitze aschgrau, Unterarme und Außenseite der Oberschenkel aschgrau, Außenseite der Unterschenkel bis zur Fußmitte, Füße und behaarter Theil der Sohlen lichtgrau.

Die Heimat dieser Art oder Abart fällt mit der des Indri zusammen.

Sonnerat, welcher uns mit dem Babakoto bekannt machte, erzählt, daß dieser wie seine Verwandten, flink und gewandt sich bewege, überaus rasch von einem Baume zum anderen springe, beim Fressen aufrecht wie ein Eichhörnchen sitze und seine hauptsächlich aus Früchten bestehende Nahrung mit den Händen zum Munde führe, eine, dem Weinen eines Kindes gleichende Stimme habe, sehr sanftmüthig, gutartig und deshalb leicht zähmbar sei, in den südlichen Gegenden der Insel von den Eingeborenen aufgezogen und wie unsere Hunde zur Jagd abgerichtet werde. Erst durch Pollen erfahren wir mehr, leider aber nicht das Ergebnis eigener Beobachtungen, sondern nur das durch Hörensagen von ihm Erkundete. »Bis jetzt«, so berichtet unser Forscher, »trifft man diesen großen Lemur nur im Innern der östlichen Theile Madagaskars und zwar ausschließlich im Nordwesten der Insel; wenigstens versicherten mir die Eingeborenen, daß sie ihn nirgends anders gefunden hätten.« Vinson wurde beim Durchreisen des großen Waldes von Alanamasoatrao zwei Tage lang von dem vereinigten Geschrei der Babakoto's fast betäubt, und bemerkt, daß die Thiere in anscheinend zahlreichen, leider unsichtbaren Banden in den Dickichten des Waldes vereinigt gewesen seien. Die Eingeborenen verehren den Babakoto wie ein übernatürliches Wesen und betrachten ihn als ein heiliges Thier, weil sie glauben, daß ihre Eltern nach dem Tode sich in diese Lemuren verwandeln. Aus diesem Grunde sind sie auch der festen Meinung, daß die Bäume, auf denen Babakotos sich aufhalten, unfehlbare Arzneimittel gegen unheilbare Krankheiten hervorbringen, und tragen Sorge, von einem Baume, auf welchem sich ein Lemur dieser Art bewegt hat, Blätter abzupflücken und aufzunehmen, um sie gelegentlich gegen Krankheiten zu verwenden. Ebenso behaupten die Eingeborenen, daß es sehr gefährlich sei, einen Babakoto mit Lanzen anzugreifen, weil er diese im Fluge aufzufangen wisse, im eigentlichen Sinne des Wortes den Spieß umdrehe und ihn mit größter Sicherheit auf den Angreifer zurückschleudere. Die Weibchen sollen nach einer anderweitigen, allgemein geglaubten Erzählung ihre Jungen sofort nach der Geburt dem auf einem benachbarten Baume sitzenden Männchen zuwerfen und sie von ihm sich wieder zuschleudern lassen, um zu erproben, ob diese ihrer würdig seien oder nicht. Denn wenn sie trotz solcher gefährlichen, ein Dutzend Mal wiederholten Uebungen nicht zu Boden fielen, nähmen die Eltern sie auf und pflegten sie mit größter Sorgfalt, während sie, wenn das Gegentheil der Fall wäre, die Jungen im Stiche ließen und sich gar nicht die Mühe gäben, sie wieder aufzuheben.« Ich brauche wohl kaum zu versichern, daß solche Erzählungen eben nichts anderes als die große Unkenntnis der Eingeborenen über das Leben und Treiben des seltsamen Thieres beweisen können. »In gewissen Theilen Madagaskars«, fährt Pollen fort, »richtet man den Babakoto zur Vogeljagd ab. Man sagt, daß er hierbei ebenso gute Dienste leiste wie der beste Hund; denn er verschmäht, obgleich er Fruchtfresser ist, keineswegs kleine Vögel und versteht dieselben mit größter Geschicklichkeit zu fangen, um sich einen Leckerbissen von ihm, Vogelgehirn, zu erbeuten.«

So viel mir bekannt, ist der Babakoto oder überhaupt einer der Indri's bis jetzt lebend noch nicht nach Europa gebracht worden. Es muß uns dies um so mehr Wunder nehmen, als doch der erstgenannte auf Madagaskar gewissermaßen zum Hausthiere geworden ist und seine Erhaltung keine Schwierigkeiten haben kann.

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