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Brehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band

Alfred Brehm: Brehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band - Kapitel 31
Quellenangabe
authorAlfred Brehm
titleBrehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
year1876
illustratorGustav Mützel,Ludwig Beckmann, C. F. Deiker, Robert Kretschmer
firstpub1876
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180726
projectidec1ecb11
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Zweite Ordnung.
Die Halbaffen oder Aeffer ( Hemipitheci oder Prosimii).

Allgemeines

Die meisten Naturforscher früherer Zeit sahen in den Thieren, zu denen uns nunmehr unsere Rundschau führt, echte Affen und stellten sie demgemäß mit diesen in eine Ordnung; wir dagegen trennen die Halbaffen vollkommen von den eigentlichen Affen und erheben ihre Gesammtheit zu einer eigenen Ordnung. In Wirklichkeit haben die Halbaffen oder Aeffer wenig Aehnlichkeit mit den Affen. Ihr Leibesbau ist ein verschiedener; ihr Gebiß stimmt mit dem der Affen nur in sofern überein, als es ebenfalls geschlossene Zahnreihen aufweist. Wenn man den Namen Vierhänder aufrecht erhalten will, gebührt er ihnen eher als den Affen, da der Gegensatz zwischen Hand und Fuß bei ihnen weit weniger deutlich ausgedrückt ist als bei diesen. Man mag unsere Thiere als ein Bindeglied zwischen den Affen und den Nagern betrachten: an erstere erinnert der Bau der Hände und Füße, an letztere die äußere Gestaltung mehrerer Gruppen und das Gebiß einer Familie. Und wenn man sich sonst in Annahmen gefallen will, denen bis jetzt noch, aller Versicherungen ungeachtet, die erforderliche Begründung fehlt, mag man die Halbaffen mit Häckel ansehen als die unmittelbaren Stammformen der echten Affen und somit auch des Menschen, als Nachfolger unbekannter, den Beutelratten verwandter Thiere: Affen aber sind sie nicht.

Ein allgemeines Bild der Halbaffen läßt sich nicht leicht entwerfen. Größe, Leibesbau und Gliederung, Gebiß und Geripp sind sehr verschieden. Die Größe schwankt zwischen der einer starken Katze und der einer Schlafmaus. Bei den meisten Arten ist der Leib schmächtig, bei einzelnen sogar klapperdürr; bei jenen erinnert der Kopf durch die Länge der Schnauze entfernt an den eines Hundes oder Fuchses, bei diesen hat er etwas eigenthümlich Nächtiges, Bilch- oder Flatterhörnchen-, Nachtaffen- oder Eulenartiges. Die hinteren Gliedmaßen übertreffen die vorderen meist merklich, oft bedeutend an Länge, unterscheiden sich aber unter sich dadurch, daß die Fußwurzel bei einer Abtheilung verhältnismäßig kurz, bei einer anderen dagegen ziemlich lang ist. Der Bau der Hände und Füße stimmt keineswegs vollkommen überein. Die meisten Halbaffen haben Füße, welche den Händen ähneln, da die Gliederung der Finger oder Zehen verhältnismäßig wenig sich unterscheidet, der Daumen den übrigen Fingern gegenübergestellt werden kann und Finger wie Zehen, die zweite der letzteren ausgenommen, platte Nägel tragen; aber auch diese Bildung ist nicht allen Halbaffen gemeinsam: es machen sich vielmehr in der Länge, Stärke und Behaarung, dem Verhältnisse des Daumens und der Daumenzehe zu den anderen Fingern und Zehen erhebliche Unterschiede bemerkbar. Der Schwanz spielt in verschiedener Länge, übertrifft bei vielen hierin den Leib und verkümmert bei anderen zu einem äußerlich kaum oder nicht sichtbaren Stummel, ist bei diesen buschig, bei jenen theilweise fast unbehaart. Große Nachtaugen und durchgehends wohlentwickelte Ohren mit bald häutiger bald behaarter Muschel und ein weiches, dichtes, wolliges, ausnahmsweise nur strafferes Haarkleid lassen die Halbaffen äußerlich als Dämmerungs- oder Nachtthiere erkennen. Das Gebiß zeigt hinsichtlich der Anordnung, Form und Anzahl der Zähne größere Abwechselung als bei den Asien. Der Schädel zeichnet sich aus durch starke Rundung des hinteren Theiles, die schmale, kurze Schnauze und die großen, vorn einander sehr genäherten, hochumrandeten, aber nicht vollständig von einer Knochenwand eingeschlossenen, sondern mit den Schläfengruben verbundenen Augenhöhlen. In der Wirbelsäule zählt man außer den Halswirbeln 9 Rücken-, 9 oder mehr Lenden-, 2 bis 5 Kreuzbein- und 8 bis 30 Schwanzwirbel. Wie die eigentlichen Affen tragen auch die Halbaffen nur zwei Zitzen an der Brust.

Geripp des Todtenköpfchen (1) zur Vergleichung mit den Gerippen des Mongoz (2) und des Schlanklori (3). (Aus dem Berliner anatomischen Museum.)

Afrika und seine östlichen Inseln, vor allem Madagaskar und seine Nachbareilande, sowie die großen Inseln Südasiens bilden das Wohngebiet unserer Thiere, dichte, an Früchten reiche Waldungen ihre Aufenthaltsorte. Alle Arten sind Baumthiere, mehrere von ihnen auf dem Boden so gut als fremd. Außerordentliche Behendigkeit und Gewandtheit im Gezweige zeichnet die einen, langsame, sichere, bedächtige, geisterhaft leise und unmerkliche Bewegungen die anderen aus. Einzelne sind auch bei Tage zuweilen in Thätigkeit; die meisten aber beginnen ihr Leben erst nach Einbruch der Nacht und liegen vor Beginn des Tages bereits wieder in festem Schlafe. Früchte verschiedenster Art, Knospen und junge Blätter bilden die Nahrung der einen, Kerb- und kleine Wirbelthiere neben einigen Pflanzenstoffen die Speise der anderen. In der Gefangenschaft gewöhnen sich diese wie jene an allerlei Kost. Merklichen Schaden bringen sie nicht, erheblichen Nutzen ebenso wenig. Demungeachtet betrachtet sie der Eingeborene nirgends mit Gleichgültigkeit, sieht vielmehr in den einen heilige und unverletzliche, in den anderen unheildrohende, gefährliche Geschöpfe und warnt oder verhindert daher nicht selten den wißbegierigen Forscher, Halbaffen zu jagen, sucht ihn sogar von deren Beobachtung zurückzuhalten. Dies mag einer der Gründe sein, weshalb wir auch die in größeren Trupps lebenden und häufigen Arten der Ordnung verhältnismäßig selten in unsere Käfige bekommen. Ihr Fang verursacht keineswegs besondere Schwierigkeiten, und ihre Pflege ist leicht und einfach; die meisten Arten halten auch ungleich besser als die Affen die Gefangenschaft aus und pflanzen bei einigermaßen entsprechender Behandlung ohne Umstände im Käfige sich fort. Entsprechend ihren geistigen Fähigkeiten gewöhnen sich diejenigen Arten, welche überhaupt durch muntere Regsamkeit sich auszeichnen, leicht an ihre Pfleger, lassen sogar theilweise zum Dienste des Menschen sich abrichten, während die vollkommensten Nachtthiere unter ihnen ebenso grämlich als schläferig sind und in den seltensten Fällen Erkenntlichkeit auch für die sorgsamste Pflege bekunden.

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