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Brehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band

Alfred Brehm: Brehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band - Kapitel 26
Quellenangabe
authorAlfred Brehm
titleBrehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
year1876
illustratorGustav Mützel,Ludwig Beckmann, C. F. Deiker, Robert Kretschmer
firstpub1876
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180726
projectidec1ecb11
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Nachtaffen ( Nyctipithecus oder Aotus).

Azara ist der erste Naturforscher, welcher uns mit einem der merkwürdigsten aller Affen bekannt gemacht hat. Wenig später als er berichtet Humboldt über dasselbe Thier, nach ihm Rengger, Schomburgk und endlich Bates. Der Nachtaffe vertritt eine eigene Sippe ( Nyctipithecus oder, wie sie Humboldt der kleinen Ohren wegen nennt, Aotus ). Die Nachtaffen bilden gewissermaßen den Uebergang von den eigentlichen Affen zu den wie sie nächtlich lebenden und ihnen auch sonst in vieler Hinsicht nicht unähnlichen Halbaffen oder Aeffern. Ihr Kopf und ihr Gesichtsausdruck unterscheiden sie augenblicklich von allen bisher genannten und kennzeichnen sie sehr gut. Der kleine rundliche Kopf hat große eulenähnliche Augen; die Schnauze ragt wenig vor und ist breit und groß; die Nasenlöcher öffnen sich ganz nach unten; die Ohren sind klein. Ihr Leib ist gestreckt, weich und locker behaart, der etwas buschige Schwanz länger als der Körper. Die Nägel sind zusammengedrückt und gebogen.

Der schmächtige Leib des Mirikina ( Nyctipithecus trivirgatus , Simia und Aotus trivirgatus, Nyctipithecus felinus und vociferus) ist 35, der Schwanz 50 Centim. lang. Die Färbung des Pelzes sieht oben graubraun, mehr oder weniger rostfarbig aus; der Schwanz hat eine schwarze Spitze. Auf dem Scheitel finden sich drei gleich breite, schwarze, mit einander gleichlaufende Streifen; von dem Nacken bis zur Schwanzwurzel zieht sich ein breiter, hellgelblich brauner Streifen herab. Alle Haare sind fein und sehr weich anzufühlen. Zwischen den Geschlechtern findet in der Färbung kein Unterschied statt.

Der Verbreitungskreis des Mirikina scheint über den Osten des wärmeren Südamerika's sich zu erstrecken, das Vorkommen jedoch auf einzelne Theile des Landes zu beschränken. Rengger behauptet, daß er sich in Paraguay bloß am rechten Ufer des Flusses, und zwar nur bis zum 25. Grade südlicher Breite finde, am linken Ufer aber nicht vorkomme. Von seinem Freileben ist nur wenig bekannt. Er bringt sein Leben auf und in Bäumen zu, geht während der Nacht seiner Nahrung nach und zieht sich am Morgen in eine Baumhöhle zurück, um hier den Tag über zu schlafen. Beim Sammeln von Brennholz fanden die Leute unseres Naturforschers einmal ein Pärchen dieser Affen, welche in einem hohlen Baume schliefen. Die aufgescheuchten Thiere suchten sogleich zu entfliehen, waren aber von dem Sonnenlichte so geblendet, daß sie weder einen richtigen Sprung machen, noch sicher klettern konnten. Sie wurden deshalb leicht eingefangen, obwohl sie sich mit ihren scharfen Zähnen zu vertheidigen suchten. Das Lager bestand aus Blättern und war mit einer Art von Baummoos ausgelegt, woraus hervorzugehen scheint, daß diese Thiere an einem bestimmten Orte leben und sich allnächtlich in dasselbe Lager zurückziehen. Rengger behauptet, daß man immer nur ein Pärchen, niemals größere Gesellschaften antreffe; Bates dagegen gibt an, daß letzteres sehr wohl der Fall sei. »Diese Affen«, sagt er, »schlafen zwar über Tages, werden jedoch durch das geringste Geräusch erweckt, so daß Derjenige, welcher an einem von ihnen zum Schlafplatze erwählten Baume vorübergeht, oft nicht wenig überrascht wird, durch das plötzliche Erscheinen einer Gruppe von gestreiften Gesichtern, welche bis dahin in einer Höhle des Baumes zusammengedrängt waren. In dieser Weise entdeckte ein indianischer »Gevatter« von mir eine Siedelung, aus welcher ich ein Stück erhielt.« Nach Aussage der Jäger Renggers soll das Weibchen in unseren Sommermonaten ein Junges werfen und dieses erst an der Brust, später aber auf dem Rücken mit sich herumtragen.

Nachtaffe.

Der junge Mirikina läßt sich leicht zähmen, der alte hingegen bleibt immer wild und bissig. Mit Sorgfalt behandelt, verträgt er die Gefangenschaft gut; durch Unreinlichkeit aber geht er zu Grunde. Man hält ihn in einem geräumigen Käfige oder im Zimmer und läßt ihn frei herumlaufen, weil er sich leicht in den Strick verwickelt, wenn man ihn anbindet. Während des ganzen Tages zieht er sich in die dunkelste Stelle seiner Behausung zurück und schläft. Dabei sitzt er mit eingezogenen Beinen und stark nach vorn gebogenem Rücken und versteckt das Gesicht zwischen seinen gekreuzten Armen. Weckt man ihn auf und erhält ihn nicht durch Streicheln oder andere Liebkosungen wach, so schläft er sogleich wieder ein. Bei hellen Tagen unterscheidet er keinen Gegenstand; auch ist sein Augenstern alsdann kaum noch bemerkbar. Wenn man ihn aus der Dunkelheit plötzlich ans Licht bringt, zeigen seine Geberden und kläglichen Laute, daß ihm dasselbe einen schmerzlichen Eindruck verursacht. Sobald aber der Abend anbricht, erwacht er; sein Augenstern dehnt sich mehr und mehr aus, je mehr das Tageslicht schwindet, und wird zuletzt so groß, daß man kaum noch die Regenbogenhaut bemerkt. Das Auge leuchtet wie das der Katzen und der Nachteulen, und er fängt nun mit eintretender Dämmerung an, in seinem Käfige umherzugehen und nach Nahrung zu spähen. Dabei erscheinen seine Bewegungen leicht, wenn auch auf ebenem Boden nicht besonders gewandt, weil seine hinteren Glieder länger als die vorderen sind. Im Klettern aber zeigt er große Fertigkeit, und im Springen von einem Baume zum anderen ist er Meister. Rengger ließ seinen gefangenen Mirikina zuweilen bei hellen Stern- und Mondnächten in einem mit Pomeranzenbäumen besetzten, aber ringsum eingeschlossenen Hofe frei. Da ging es dann lustig von Baum zu Baume, und es war keine Rede davon, das Thier bei Nacht wieder einzufangen. Erst am Morgen konnte man ihn ergreifen, wenn er vom Sonnenlichte geblendet ruhig zwischen den dichtesten Zweigen der Bäume saß. Bei seinen nächtlichen Wanderungen erhaschte er fast jedesmal einen auf den Bäumen schlafenden Vogel. Andere, welche Rengger beobachtete, zeigten sich außerordentlich geschickt im Fangen von Kerbthieren. Des Nachts hörte man oft einen starken dumpfen Laut vom Mirikina, und er wiederholte dann denselben immer mehrmals nach einander. Reisende haben diesen Laut mit dem fernen Brüllen eines Jaguars verglichen. Seinen Zorn drückt er durch ein wiederholtes »Grr, Grr« aus.

Unter den Sinnen dürfte das Gehör obenan stehen. Das geringste Geräusch erregt sogleich seine Aufmerksamkeit. Sein Gesicht ist bloß während der Nacht brauchbar, das Tageslicht blendet ihn so, daß er gar nicht sehen kann. In sternhellen Nächten sieht er am besten. Die geistigen Fähigkeiten scheinen gering zu sein. Er lernt niemals seinen Herrn kennen, folgt seinem Rufe nicht und ist gegen seine Liebkosungen gleichgültig. Selbst zur Befriedigung seiner Begierden und Leidenschaften sieht man ihn keine Handlung ausführen, welche auf einigen Verstand schließen ließe. Rengger hat bloß eine große Anhänglichkeit zwischen Männchen und Weibchen bemerkt. Ein eingefangenes Paar geht stets zu Grunde, wenn eines seiner Glieder stirbt, das andere grämt sich zu Tode. Die Freiheit lieben die Thiere über alles, und sie benutzen deshalb jede Gelegenheit, um zu entweichen, auch wenn man sie jung gefangen und schon jahrelang in der Gefangenschaft gehalten hat.

Renggers Beurtheilung der geistigen Fähigkeiten des Mirikina ist mindestens nicht in jeder Hinsicht gerecht. Es mag Regel sein, daß ein Nachtaffe seinen Herrn nicht kennen lernt und sich gegen dessen Liebkosungen gleichgültig benimmt: Ausnahmen aber gibt es auch hier, zumal es wesentlich darauf ankommt, zu welcher Zeit seines Lebens ein Thier in Gefangenschaft gerieth, und wie es behandelt wurde. »Ich mußte«, erzählt Bates, »meinen Nachtaffen angekettet halten, und deswegen wurde er nicht vollkommen vertraut mit mir; aber ich habe einen gesehen, welcher ergötzlich zahm war. Ebenso lebhaft und gewandt wie ein Rollaffe, aber nicht so böswillig und tückisch in seinem Wesen, freute er sich aufs äußerste, wenn er von den in das Haus kommenden Leuten geliebkost wurde. Sein eigener Herr hatte ihn mehrere Wochen lang mit der größten Zärtlichkeit behandelt, ihm erlaubt, nachts mit ihm in seiner Hängematte zu liegen und sich über Tages in seinem Busen zu verbergen. Er war ein Liebling von Jedermann wegen der Schmuckheit seiner Gestalt und Bewegungen, seiner Reinlichkeit und seines ansprechenden Wesens überhaupt.«

Auch Schomburgks Schilderung ist meiner Ansicht nach mindestens theilweise übertrieben. »In Ascurda«, so berichtet er, »lernte ich auch eines der merkwürdigsten Thiere Guiana's, den Nachtaffen oder Durukuli der Indianer, als zahmes Hausthier kennen. Es war der erste, den ich überhaupt während meines Aufenthaltes sah; einen zweiten fand ich später. Es ist ein niedliches, eigenthümliches und ebenso lichtscheues Thier wie die Eule und die Fledermaus. Sein kleiner runder Kopf, die gewaltig großen, gelben Augen, die kleinen, kurzen Ohren geben ihm ein äußerst merkwürdiges, possierliches Aeußere. Die ängstlichen hülflosen Bewegungen erregen förmliches Mitleid. Am Tage ist der Durukuli fast vollkommen blind, taumelt wie ein Blinder umher, klammert sich an den ersten besten dunklen Gegenstand an und drückt an denselben das Gesicht, um dem schmerzhaften Eindrucke des Lichtes zu entgehen. Der dunkelste Winkel der Hütte ist sein liebster Aufenthalt, und hier liegt er während des Tages in einem förmlichen Todtenschlafe, aus welchem ihn nur mehrere Schläge erwecken können. Kaum aber ist die Nacht hereingebrochen, so kommt der feste Schläfer aus seinem Schlupfwinkel hervor, und nun gibt es kein muntereres Thier. Von Hängematte gehts zu Hängematte, dabei werden dem darin liegenden Schlafenden Hände und Gesicht beleckt; vom Boden gehts bis zum äußersten Balken, und was nicht fest genug steht, liegt am Morgen gewöhnlich auf der Erde umher. Vermöge der Länge der Hinterfüße gegen die der Vorderfüße gehört der Durukuli zu den ausgezeichnetsten Springern. Merkwürdig ist es, wenn das Thier abends bei Tische seinen Tummelplatz unter diesem aufschlägt, dann an den Leuten emporkriecht und wie von einer Tarantel gestochen zurückprallt, sobald es von den Lichtstrahlen der auf dem Tische stehenden Kerzen getroffen wird. Im Dunkeln leuchten die Augen viel stärker als die des Katzengeschlechtes. Obschon der Durukuli wie die Affen mit allem vorlieb nimmt, so scheinen kleinere Vögel doch sein Lieblingsfraß zu sein. Das lichtscheue Wesen wie die tiefen Verstecke, in denen das Thier am Tage zubringt, scheinen mir die Hauptursache, daß es so selten gesehen wird.«

Nach Europa kommt der lebende Nachtaffe selten und immer nur sehr einzeln. Man sieht ihn dann und wann in diesem oder jenem Thiergarten, in der Regel erst auf Befragen, weil er sich über Tag so gut als möglich zu verbergen und den Blicken der Besucher zu entziehen sucht. Selbst sehr thierfreundliche Menschen sind ihm nicht immer hold. Seine Schläfrigkeit bei Tage läßt das Anziehende seines Nachtlebens in der Regel vergessen. Erst vor kurzem erhielt ich einen Nachtaffen zum Geschenke und konnte ihn somit länger beobachten, auch einem unserer Künstler Gelegenheit zur Darstellung unserer größeren Tafel geben. Die Abbildung gibt die verschiedenen Stellungen des Thieres getreulich wieder.

Gedachter Nachtaffe war schon vollkommen gezähmt, als er in meinen Besitz gelangte, ließ sich, ohne zu beißen oder sonstwie abwehrend zu benehmen, anfassen, streicheln, aus dem Kästchen, welches ihm zum Lager diente, herausheben, umhertragen, wieder hinlegen, überhaupt leichter und gefahrloser als die meisten Affen behandeln, ohne jemals aus seinem Gleichmuthe zu kommen. Sein Wesen entsprach im allgemeinen dem von Rengger und Schomburgk gezeichneten Bilde. Ueber Tags war er so schlaftrunken, daß man ihn geradezu geistesabwesend nennen konnte, nachts überaus munter, gewandt und anmuthig in jeder seiner Bewegungen. Doch glaubte ich zu bemerken, daß er auch dann noch denjenigen meiner Wärter, welcher ihn zu pflegen hatte, nicht vor anderen Leuten bevorzugte, sich vielmehr gegen Jedermann gleich freundlich, richtiger vielleicht gleichgültig betrug. Von der Scheu gegen Kerzen- oder Lampenlicht, wie Schomburgk schildert, haben wir nichts bemerkt, im Gegentheile gefunden, daß ihm, wenn er einmal munter geworden, auch grelles Gaslicht nicht im geringsten behelligte: war es ja doch überhaupt nur möglich, ihn bei Lampenlicht zu zeichnen, und mußte deshalb der Raum, in welchem er sich befand, so hell als thunlich erleuchtet werden. Nicht einmal ein Blinzeln des Auges verrieth, daß ihm die vielen Gasflammen, welche ihr Licht von allen Seiten auf ihn warfen, unangenehm wären, und es erscheint dies auch ganz begreiflich, wenn man bedenken will, daß Gaslicht bekanntermaßen noch immer viel schwächer als helles Mondlicht ist. Wenn er erst vollkommen munter geworden war, schien ihm lebhafte Bewegung besonderes Vergnügen zu gewähren; denn er sprang oft viertelstundenlang und in der ausgelassensten Weise, eher nach Art der Marder als nach Art anderer Affen, in seinem Käfige umher, nahm dazwischen dieses oder jenes Bröckchen von der ihm vorgesetzten Nahrung, verzehrte es, das gefaßte Stück nach Art eines Eichhörnchens haltend und dabei einen Augenblick ruhig auf einer und derselben Stelle verweilend, und begann dann seine Springübungen aufs neue. Ein ihm gereichter lebendiger Vogel war im Nu ergriffen und ebenso schnell durch einen knirschenden Biß in den Kopf getödtet. Dann wurde ein Theil des Gefieders abgerupft, ganz mit der Hastigkeit, mit welcher Tagaffen zu verfahren pflegen, und hierauf zunächst das Hirn verzehrt. Nächst diesem schien er die Eingeweide zu bevorzugen. Von dem übrigen Leibe des Vogels ließ er größere oder kleinere Stücke, namentlich die Gliedmaßen regelmäßig liegen. Etwas Fleisch nahm er gern zu sich, begnügte sich aber auch tagelang mit dem ihm gewöhnlich vorgesetzten Futter, Milchreis, in Milch gequelltem Weißbrode und Früchten. Eier kugelte er manchmal längere Zeit spielend auf dem Boden hin und her, ließ sie gelegentlich wohl auch fallen, erschrak förmlich darüber, nahte sich langsam, als wolle er den Schaden besehen und leckte dann den Inhalt auf.

Ein eigenthümliches Geschick machte seinem Leben ein Ende. Nachdem ich ihn wochenlang beobachtet hatte, beschloß ich, ihn in einen größeren Käfig einzustellen, um so mehr, als ich ihm durch die hier unterhaltene Wärme eine Wohlthat zu erzeigen hoffte. Schon in der zweiten Nacht nach seiner Umsetzung hatte er die Thüre des Käfigs zu öffnen gewußt und war verschwunden, blieb es auch, des allersorgfältigsten Suchens ungeachtet. Erst vier Wochen später fanden wir seinen Leichnam in einer engen Mauerlücke auf. Er hatte sich durch diese einen Ausweg zu bahnen gesucht, dabei aber so fest geklemmt, daß er nicht im Stande war, vor- oder rückwärts sich zu bewegen, und so seinen Untergang gefunden.

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