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Brehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band

Alfred Brehm: Brehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band - Kapitel 19
Quellenangabe
authorAlfred Brehm
titleBrehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
year1876
illustratorGustav Mützel,Ludwig Beckmann, C. F. Deiker, Robert Kretschmer
firstpub1876
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180726
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Klammeraffen ( Ateles).

Ein äußerst schmächtiger Leib mit langen klapperdürren Gliedern kennzeichnet die Spinnen- oder Klammeraffen ( Ateles). Sie sind die Langarme der alten Welt, nur daß sie nicht deren Vogelschnelle und Lebendigkeit besitzen. Der Naturforscher, welcher sie zuerst Spinnenaffen nannte, hat sie am besten bezeichnet: – selbst der Laie kommt unwillkürlich zu solchem Vergleiche. Um die Thiere schärfer zu bestimmen, will ich noch erwähnen, daß ihr Kopf sehr klein, ihr Gesicht bartlos, und der Daumen ihrer Vorderhand, falls überhaupt vorhanden, stummelhaft ist.

Südamerika bis zum 25. Grade der südlichen Breite ist die Heimat der Spinnenaffen, die Krone der höchsten Bäume ihr Aufenthalt.

Ihr Leben scheint außerordentlich einförmig zu verlaufen und das der verschiedenen Arten im wesentlichen gleichartig zu sein. »Sie leben«, sagt Tschudi, übereinstimmend mit anderen Forschern, »in Scharen von zehn oder zwölf Stücken; zuweilen trifft man sie auch paarweise, nicht selten sogar einzeln an. Während mehrerer Monate bemerkten wir einen einzelnen Affen dieses Geschlechtes immer im nämlichen Gebiete; als er erlegt wurde, zeigte sich, daß er ein Männchen von nicht sehr vorgerücktem Alter war. Die Gesellschaften verrathen sich durch fortwährendes Knittern der Baumzweige, welche sie sehr behend umbiegen, um geräuschlos vorwärts zu klettern. Angeschossen erheben sie ein lautes, gellendes Geschrei und suchen zu entfliehen. Die ganz jungen verlassen ihre Mutter nicht; auch wenn diese getödtet worden, umklammern sie dieselbe fest, und liebkosen sie noch lange, wenn sie bereits ganz starr an einem Baumaste hängt; es ist daher ein Leichtes, die Jungen einzufangen. Sie lassen sich mühelos zähmen, sind gutmüthig, zutraulich und zärtlich, halten aber in der Gefangenschaft nicht lange aus. Leicht werden sie von Ausschlägen und Durchfällen befallen, wobei sie sich ganz jämmerlich geberden.«

Die Arten unterscheiden sich wenig von einander; gleichwohl ist es nothwendig, mehrere von ihnen bildlich vorzuführen, wenn die mannigfachen Stellungen anschaulich gemacht werden sollen.

Tschamek ( Ateles pentadactylus).

Von den in Guiana lebenden Klammeraffen sind zwei besonders häufig: der Koaita ( Ateles paniscus, Simia paniscus, S.192) und der Marimonda oder Aru ( Ateles Beelzebuth, Simia Beelzebuth). Ersterer ist einer der größeren seiner Sippschaft. Seine Leibeslänge beträgt etwa 1,25 Meter, wovon auf den Schwanz mehr als die Hälfte kommt, die Schulterhöhe ungefähr 40 Centim. Der Pelz ist grob, an den Schultern verlängert, auf dem Rücken überhaupt dichter als unten, auf der Stirn kammartig erhöht, tief schwarz von Farbe, nur im Gesichte röthlich, die Haut dunkel, auf den Handsohlen ganz schwarz. Dem gutmüthigen Gesichte verleihen ein Paar lebhafte braune Augen einen einnehmenden Ausdruck.

 

In Quito, auf der Landenge von Panama und in Peru vertritt der Tschamek ( Ateles pentadactylus, Simia, Ateles Chamek) die Genannten. Er wird ungefähr 1,3 Meter lang, wovon der Schwanz freilich mehr als die Hälfte wegnimmt, trägt einen langen, tiefschwarzen Pelz und besitzt einen Daumenstummel.

 

Der Miriki oder eigentliche Spinnenaffe ( Ateles criodes oder Brachyteles hypoxanthus), den uns namentlich Prinz Max von Wied kennen lehrte, bewohnt das Innere Brasiliens. Er ist der größte aller brasilianischen Affen, etwa l,4 Meter lang, starkleibig, kleinköpfig, kurzhälsig, langgliederig und dicht, fast wollig behaart. Gewöhnlich ist der Pelz fahlgelb, zuweilen aber auch weißlichgraugelb gefärbt; die Innenseite der Glieder pflegt lichter zu sein. Das nackte Gesicht ist in der Jugend schwarzbraun, im Alter dunkelgrau, in der Mitte aber fleischroth. Der Daumen der Vorderhand ist ein kurzer Stummel ohne Nagel.

Miriki ( Ateles criodes).

Wohl der schönste aller Klammeraffen ist der erst in der neuesten Zeit von dem jüngeren Bartlett im östlichen Peru aufgefundene und zu Ehren seines Entdeckers benannte Goldstirnaffe ( Ateles Bartlettii ). Der reiche, lange und weichhaarige Pelz hat auf der ganzen Ober- und Außenseite tiefschwarze Färbung; ein Stirnband ist goldgelb, der Backenbart weiß, die Unterseite des Leibes und Schwanzes, die Innenseite der Glieder nebst der Außenseite der hinteren Unterschenkel bräunlichgelb, etwas lichter als das Stirnband, hier und da durch einzelne schwarze Haare gesprenkelt. Alle nackten Theile des Gesichtes und der Hände sehen braunschwarz aus. Hinsichtlich der Größe scheint das prachtvolle Geschöpf den verwandten Arten der Sippe zu gleichen, weil weder Gray noch Bartlett, die Namengeber der Art, hierüber Mittheilung machen.

Bartlett erhielt den Goldstirnaffen in den Gebirgen der Missionsgebiete des oberen Amazonenstromes unweit Xeberos von Indianern, welche das Thier außerordentlich schätzten, und erstand später in einer kleinen indianischen »Stadt« ein jüngeres, von dem Alten kaum zu unterscheidendes Stück, welches dort lebend und ebenfalls sehr hoch gehalten wurde. Auf diese beiden Stücke begründet sich die Art.

Goldstirnaffe ( Ateles Bartlettii). (Nach Wolf.)

Ueber das Freileben der Klammeraffen haben uns Humboldt, Max von Wied und Schomburgk belehrt. In Guiana finden sie sich nur in den tieferen Wäldern, höchstens bis zu einem Höhengürtel von fünfhundert Meter über dem Meere; den kahlen Wald der Höhe meiden sie gänzlich. In der Regel bemerkt man sie in Banden von ungefähr sechs Stücken, seltener einzeln oder paarweise und noch seltener in größeren Gesellschaften. Jede dieser Banden zieht, ihrer Nahrung nachgehend, still und ruhig ihres Weges, ohne sich um andere ungefährliche Geschöpfe zu bekümmern. Ihre Bewegungen sind im Vergleiche zu dem traurigen Gehumpel der Brüllaffen schnell zu nennen. Die bedeutende Länge der Glieder fördert das Laufen und Klettern. Mit den langen Armen greifen sie weit aus und eilen deshalb, auch wenn sie nur wenig sich anstrengen, immerhin so schnell vorwärts, daß der Jäger durchaus keine Zeit zu verlieren hat, wenn er ihnen folgen will. In ihren Baumwipfeln benehmen sie sich geschickt genug. Sie klettern sicher und führen zuweilen kleine Sprünge aus; doch werfen oder schleudern sie ihre Glieder bei allen Bewegungen sonderbar hin und her. Der Schwanz wird gewöhnlich vorausgeschickt, einen Anhalt zu suchen, ehe der Affe sich entschließt, den Ast, auf welchem er sitzt, zu verlassen. Zuweilen findet man ganze Gesellschaften, welche sich an den Schwänzen aufgehängt haben und die auffallendsten Gruppen bilden. Nicht selten sitzt oder liegt auch die Familie in träger Ruhe auf Aesten und Zweigen, behaglich sich sonnend, den Kopf oft nach hinten gebogen, die Arme auf dem Rücken verschränkt, die Augen gen Himmel gehoben. Auf ebenem Boden humpeln sie mühselig fort; man möchte selbst ängstlich werden, wenn man sie gehen sieht. Der Gang ist schwankend und unsicher im allerhöchsten Grade, und der lange Schwanz, welcher in der Absicht, das Gleichgewicht herzustellen, aus Verzweiflung hin und her bewegt wird, erhöht nur noch das Ungelenke der Bewegung. Uebrigens haben europäische Beobachter die Klammeraffen niemals auf dem Boden gesehen, und Prinz Max von Wied behauptet, daß sie, so lange sie gesund sind, nur dann auf die Erde herabkommen, wenn es ihnen unmöglich wird, von tiefen Zweigen aus zu trinken, wie sie sonst thun.

Die Fortpflanzung scheint an keine bestimmte Zeit des Jahres gebunden zu sein; wenigstens bemerkt Schomburgk, daß unter jeder Gesellschaft, welcher er begegnete, auch fast immer einige Junge sich befanden, welche von ihren Müttern häufiger unter den Armen als auf dem Rücken getragen wurden. Ueber die treue Anhänglichkeit der letzteren brauche ich nach dem vorher Gesagten kein Wort mehr beizufügen.

In den reichen Urwäldern können die wenig begehrenden Klammeraffen, welche sich mit Blättern und Früchten begnügen, Niemandem Schaden thun. Gleichwohl werden sie eifrig verfolgt. Die Portugiesen benutzen ihr Fell, die Wilden essen ihr Fleisch; manche Indianerstämme ziehen es allem übrigen Wildpret vor. Sie unternehmen in starken Gesellschaften Jagdzüge, auf denen Hunderte erlegt werden. Bei der Jagd werden die Baumwipfel sorgsam durchspäht und etwaige Zeichen beachtet. Die im Vergleiche mit dem Gebrüll der Heulaffen unbedeutende, aber doch immer noch laute Stimme verräth unsere Thiere schon aus ziemlicher Ferne. Sobald die harmlosen Waldkinder ihren furchtbarsten Feind gewahren, flüchten sie schnell dahin, die langen Glieder, zumal den Schwanz, in ängstlicher Hast vor wärts schleudernd, befestigen sich mit letzterem und ziehen rasch den unbeholfenen Leib nach sich. Zuweilen versuchen die Vertrauensseligen wohl auch, den Menschen durch Fratzenschneiden und lautes Geschrei abzuschrecken; zuweilen sollen sie, selbst wenn schon mehrere von ihnen dem Geschosse erlagen, wie besinnungslos das Walten des Schicksals über sich ergehen lassen, ohne zu flüchten. Die Angeschossenen harnen und lassen ihren breiigen Koth fallen. Schwerverwundete bleiben oft noch lange an Aesten hängen, bis endlich der Tod die Muskeln löst und der Leib sausend zur Erde herabfällt.

»Einer unser Indianer«, erzählt Schomburgk, »brachte einen getödteten Koaita mit, welchen er aus einer Herde erlegt hatte. Es ist dies unstreitig einer der häßlichsten Affen, und als die Jäger ihn unmittelbar nach ihrer Ankunft absengten, um ihn als Abendbrod zu verzehren, kam mir seine Aehnlichkeit mit einem Negerkinde so überraschend vor, daß ich mich von dem Mahle abwenden mußte, um nicht alle meine kaum niedergekämpfte Abneigung wieder in mir erwachen zu lassen. Die Behauptung der Indianer, daß diese Affen bei ihrer Verfolgung trockene Zweige und Früchte abbrechen und sie nach ihren Verfolgern schleudern, wurde durch Goodall bestätigt, welcher an der Jagd Theil genommen hatte.«

Schomburgk nennt die Klammeraffen, so oft er sie erwähnt, häßlich und ekelhaft, und meint, daß sie von den Indianern höchst wahrscheinlich wegen ihres unangenehmen Aeußeren nicht gezähmt würden. Hätte er ein einziges Mal die von ihm so verschrieenen Thiere in Gefangenschaft gehalten und sie in ihrer harmlosen Gutmüthigkeit kennen gelernt, er würde sie auch trotz des nicht günstig gestalteten Aeußeren und der absonderlichen Gliederverrenkung lieb gewonnen, jedenfalls sein Urtheil berichtigt haben. Leider gehören sie noch immer in unseren Thiergärten zu den Seltenheiten; man bringt wohl jedes Jahr einige von ihnen mit nach Europa herüber: unser Klima jedoch tödtet sie in der Regel bald, auch bei sorgfältigster Abwartung und Pflege. Aus diesem Grunde habe ich sie stets nur kurze Zeit beobachten können und lasse deshalb meinen Berufsgenossen Schmidt für mich sprechen. »Im Stande der Ruhe sitzen die Klammeraffen auf dem Hintertheile mit emporgerichteten Knien; die Brust wird gegen diese gelehnt, und häufig der Kopf tief herabgesenkt, so daß das Gesicht gegen den Boden geneigt ist und die Schultern den höchsten Punkt der ganzen Gestalt bilden. Der Schwanz ist um die Füße geschlagen, die Elnbogen reichen fast auf den Boden, und die Vorderarme liegen nachlässig gekreuzt vor oder auf den Füßen. Ein ruhiges Gehen auf flachem Boden kommt nur ausnahmsweise und auf kurze Entfernungen vor, und man sieht auf den ersten Blick, daß es dem ganzen Wesen der Thiere nicht zusagen kann. Gewöhnlich findet es auf allen Vieren statt, wobei der Schwanz über der Rückenhöhe einen festen Anhalt nimmt. Die Hände berühren dabei nicht mit ihrer inneren Fläche, sondern mit ihrer äußeren oder oberen Seite den Boden. Bei der einen Art betrifft dies nur die Finger, indem sie die Knöchel als hauptsächlichen Stützpunkt benutzt, wogegen eine andere auf dem Handrücken der Mittelhand geht und die Finger aufwärts eingeschlagen trägt. Dieses Thier hält dabei die Elnbogen nach auswärts gebogen, die Handwurzeln dagegen nach innen gerichtet und bietet dadurch eine sehr absonderliche Erscheinung dar. Dazu kommt noch der stark gekrümmte Rücken und der tief herabgeneigte Kopf, so daß die ganze Gestalt den Eindruck macht, als wolle sie jeden Augenblick nach vorn überpurzeln. Bisweilen, besonders in erregter munterer Stimmung, gehen die Thiere aufrecht auf den Vorderfüßen. Sie biegen dabei den Rücken ein, strecken den Bauch heraus und tragen den Schwanz Sförmig gekrümmt hoch empor gehalten, seltener irgendwo angefaßt, und noch seltener mit abwärts eingerollter Spitze auf dem Boden gestützt. In manchen Fällen werden die Arme dabei über dem Kopfe gekreuzt oder mit wagrecht gehaltenem Oberarme oder rechtwinkelig aufgerichtetem Vorderarme und leicht eingekrümmten Händen hoch getragen. Sehr gern lehnen sie sich in dieser Stellung an eine von der Sonne beschienene Wand. Wenn wir sie im Winter bisweilen aus den Käfigen nahmen und in die Nähe des geheizten Ofens brachten, stellten sie sich aufrecht mit senkrecht emporgehobenen und gestreckten Armen, wobei sie den Bauch so weit herausbogen, daß dieser, von der Seite gesehen, mit der Brust fast einen Halbkreis bildete. Auch wenn man sie an der Hand oder am Schwanze führt, gehen sie gern aufrecht, namentlich wenn sie der Wärter in ihrem Käfige ins Freie bringt. An einem schräg stehenden Stamme in ihrem Sommerbehälter laufen sie sehr häufig auf den Hinterfüßen empor, erfassen aber das obere Gitter mit der Schwanzspitze, sobald sie es erreichen können.

»Das Klettern ist ihrem Naturell vollkommen entsprechend, und sie entwickeln hierbei im Gegensatze zu dem unbehülflichen Einherhumpeln auf ebenem Boden eine Lebhaftigkeit, Biegsamkeit und Sicherheit der Bewegungen, welche erstaunlich ist. Gewöhnlich schreiten sie eine Zeitlang an dem Gitter, welches das Dach des Käfigs bildet, umher, indem sie die Hände hakenförmig über die Gitterstäbe hängen, ohne die Finger zu schließen. Sie benutzen hierbei ebenso wohl alle vier als nur die vorderen Glieder; niemals aber versäumt der Schwanz, hierbei sehr thätig zu sein, hilft vielmehr gleich einer fünften Hand den Körper tragen und weiter befördern. Er arbeitet mit der größten Sicherheit und Selbständigkeit, so daß er von den Thieren nicht mit den Augen überwacht zu werden braucht, ist immer bestrebt, einen festen Anhaltepunkt zu gewinnen, als ob Arme und Beine nicht zuverlässig oder nicht hinreichend seien, dem Körper den nöthigen Halt zu geben. Er wird stets einmal um den Gegenstand, an dem er sich halten soll, geschlungen, und zwar immer nur mit der Spitze und so knapp wie möglich. Die Umwickelung geschieht schraubenförmig, so daß die Spitze neben und nicht auf oder unter den übrigen Theil des Schwanzes zu liegen kommt. Wenn letzterer, wie das sehr häufig der Fall ist, den Leib allein tragen soll, faßt er über einen Stab des Gitters hinweg und befestigt sich an dem folgenden mit der Spitze, um auf diese Weise eine größere Haltbarkeit zu gewinnen. So wird es dem Thiere möglich, sich jeden Augenblick kopfabwärts am Schwanze aufzuhängen, und es scheint dies eine Lieblingsstellung von ihm zu sein, da es Leute, welche es kennt, gern in derselben bewillkommnet. Der Affe wendet dann dem Herantretenden das Gesicht zu, läßt die Beine langgestreckt herabhängen, so daß der Kopf zwischen diesen durchblickt, und streckt dann in der Regel einen der Füße so weit als möglich nach dem Nahenden aus. In dem geräumigen Käfige im Freien hängen sich unsere Gefangenen bisweilen am Schwanze auf und schleudern sich weg, indem sie gedachtes Greifwerkzeug plötzlich loslassen, um an einer anderen Stelle des Gitters mit den Händen sich festzuhalten. Im Winter, wenn sie nicht ins Freie gebracht werden konnten, gaben wir ihnen zuweilen einen fingerdicken und etwa meterlangen Stock zum Spielen, mit welchem sie die komischsten Dinge ausführten. Ein sehr beliebtes Spiel ist folgendes: der Stock wird vor dem Affen aufrecht auf dem Boden stehend festgehalten, indem er an demselben, ohne ihn an die Wand zu lehnen, emporsteigt. Oben angekommen, ergreift er mit dem Schwanze sofort die oberste Sitzstange des Käfigs und schaukelt sich auf diese Weise vergnüglich, indem er den Stab spielend in den Händen trägt. Es würde zu weit führen, wollte ich den Versuch machen, alle die Schwenkungen und Wendungen zu schildern, welche ich von diesen Affen schon ausführen sah. Nur das eine sei noch bemerkt, daß die stete Beihülfe des Schwanzes allen Kletterbewegungen etwas Schwebendes verleiht, und daß der ernsttraurige, selbst grämliche Ausdruck ihres Gesichtes zu ihrem oft so muthwilligen und heiteren Gebaren in sonderbarstem Widerspruche steht. Ebenso gut wie der Schwanz als Bewegungsglied gebraucht wird, dient er auch als Greifwerkzeug. Die Vorderhände sind wegen des fehlenden Daumens zum Festhalten der Nahrung nicht eben günstig gebaut, und wenn auch unser Affe damit vieles zum Munde führt, ist doch leicht zu erkennen, daß er lieber die Nahrung unmittelbar mit den Lippen vom Boden aufheht, sobald dies möglich ist. Gegenstände, welche sich außerhalb des Gitters befinden, so daß sie auf diese Weise nicht erreicht werden können, nimmt er mit der Hand; reicht die Länge des Armes nicht dazu aus, so dreht er sich um und sucht sie mit dem Fuße zu fassen, geht auch dieses nicht, so greift er mit dem längsten seiner Glieder, dem Schwanze, danach. Das ließ sich deutlich bemerken, als im Laufe des Sommers die Affen bestrebt waren, alle Baumzweige, welche sich in der Nähe ihres Käfigs befanden, herbeizuholen, abzubrechen und zu zerbeißen. Sie bedienten sich dabei zuletzt nur noch des Schwanzes, um sie herbeizuziehen, und bemerkten sofort, wenn die Bäume durch einen vorangegangenen Regen etwas schwerer geworden waren und dadurch sich niederbogen, so daß nun wieder ein Zweiglein in den Bereich ihres Greifwerkzeuges getreten war. Auch nach den vor dem Käfige stehenden Personen greifen sie sehr oft mit der Schwanzspitze. Gegenstände, mit welchen sie spielen, sah ich sie häufig mit dem Schwanze tragen, und der eine von ihnen haschte öfters ein zum Austrinken am breiten Ende geöffnetes rohes Ei mit dem Schwanze und trug es mit vollster Sicherheit auf seinen erhabenen Sitzplatz, um es dort mit der größten Gemüthlichkeit auszuschlürfen.« Unser Gewährsmann erwähnt noch außerdem, daß er seine Gefangenen mit Brod, Obst, Zwieback, Eiern und gekochtem Reis gefüttert habe, ihnen bei Durchfall mit Erfolg guten Rothwein als Gegenmittel gegeben, gekochte Kartoffeln im geringen Maße gereicht und sie so viel als möglich ins Freie gebracht habe, auch wenn die Witterung im allgemeinen nicht eben besonders warm war. Dank dieser Pflege gelang es ihm, den einen dieser Affen drei und ein halbes Jahr am Leben zu erhalten.

Stellungen des Koaita.

Ein englischer Schiffsführer, welcher einen Klammeraffen besaß, schildert ihn und sein Betragen in anmuthiger Weise. Das Thier, ein Weibchen, war in Britisch-Guiana gefangen und dann zu dem Statthalter von Demerara gebracht worden; von diesem erhielt es unser Berichterstatter. Er gewann seinen Pflegling so lieb, wie man einem gutartigen Kinde geneigt wird.

»Sally's lieblicher Erscheinung«, sagt er, »ist durch die Kunst der Photographie mehrfach die Unsterblichkeit gesichert worden. Drei solcher Bilder habe ich zu Gesicht bekommen. Das eine zeigt Sally, wie sie still und vergnügt in ihres Herrn Schoße ruht; ihr kleines, runzeliges Gesicht guckt über seinen Arm hinweg, und ihr Schwanz ringelt sich um seine Knie, während ihn der eine Fuß festhält. Auf einem anderen steht sie auf einem Fußgestelle neben meinem Bootsführer, dessen Fürsorge sie anvertraut war; den linken Arm schlingt sie kosend um seinen Hals, ihr Schwanz windet sich in mehrfachen Ringen um seine Rechte, auf welcher sie lehnt. Ebenso sehen wir sie auf einem dritten Bilde neben dem Bootsführer stehen: einen Fuß auf seiner Hand, schlingt sie, und diesmal zur Abwechselung, die Schwanzspitze um seinen Hals. Auf jeder dieser Abbildungen bemerkt man aber einen Fehler, weil das bewegliche Thier sich nur schwer zureden ließ, ganze zwei Sekunden hinter einander ruhig zu sein. Die Glieder sind jedoch verhältnismäßig genau wiedergegeben, und die eigenthümliche Stellung tritt deutlich vors Auge.

»Sally ist ein sehr sanftes Thier. Nur zweimal hat sie gebissen, und zwar das eine Mal, um sich gegen einen Feind zu wehren. Auf der Werfte zu Antiqua hatte sie sich losgerissen und war von den Leuten arg verfolgt worden; endlich ward sie in eine Ecke getrieben, und würde dort leicht gefangen worden sein, hätten nicht die Arbeiter ihren Zorn gefürchtet. Ihr Herr aber fing sie, um zu zeigen, daß sie nicht zu fürchten sei, und wurde durch einen ziemlich starken Biß in den Daumen belohnt. Wäre sie nicht vor Schreck außer sich gewesen, so hätte sie das jedenfalls sich nicht zu Schulden kommen lassen. Im allgemeinen ist sie so gutartig, daß sie eine Strafe stets ruhig hinnimmt und sich bei Seite macht. Bosheit scheint durchaus nicht in ihrer Natur zu liegen; denn Beleidigungen vergißt sie bald und trägt sie dem strafenden Herrn nicht nach. Ihr Gebieter erzählt, daß, wenn Jemand gebissen werde, er sicher selbst daran schuld sei. Am Borde des Schiffes wird sie nicht durch Ketten oder Stricke gefesselt, sondern läuft frei nach ihrem Behagen umher. Sie tummelt sich im Tauwerke, und wenn es ihr gerade Spaß macht, tanzt sie so lustig und ausgelassen sonderbar auf dem Seile, daß die Zuschauer kaum noch Arme und Beine vom Schwanze unterscheiden können. In solchen Augenblicken ist der Name »Spinnenaffe« vollständig angemessen; denn sie sieht dann einer riesigen Tarantel in ihren Zuckungen äußerst ähnlich. So lange dieses launige Spiel dauert, hält sie von Zeit zu Zeit inne und blickt mit freundlichem Kopfschütteln auf ihre Freunde, zieht rümpfend die Nase und stößt kurze sanfte Töne aus. Gewöhnlich wird sie gegen Sonnenuntergang am lebendigsten. Eine besondere Liebhaberei von ihr besteht darin, daß sie im Tauwerke hinaufklettert, bis sie ein wagrechtes Seil oder eine dünne Stange erreicht. Hier hängt sie sich mit dem Schwanzende knapp aber fest an, schwingt sich langsam hin und wieder und reibt einen Arm mit dem anderen von dem Handgelenke bis zum Elnbogen, als wollte sie das Haar gegen den Strich strählen. Sie muß schlechterdings ihren Schwanz um irgend etwas winden, und wo möglich möchte sie keinen Schritt gehen, ohne sich mittels dieses langen und geschmeidigen Gliedes zu versichern.

»Gegen viele ihrer Verwandten, welche unverbesserliche Diebe sind und mit den Schwanzenden ganz ruhig Dinge stehlen, auf welche ihre Aufmerksamkeit gar nicht gerichtet zu sein scheint, ist Sally sehr ehrenhaft und hat niemals etwas entwendet als höchstens gelegentlich eine Frucht oder ein Stückchen Kuchen. Ihre Mahlzeit hält sie an ihres Herrn Tische und beträgt sich dabei höchst anständig, ja sie ißt nicht einmal, bevor sie die Erlaubnis dazu erhalten, hält sich dann auch an ihren eigenen Teller, gleich einem wohlerzogenen Geschöpfe. Ihre Nahrung besteht hauptsächlich aus Pflanzenstoffen, Früchten und Weißbrod, obschon sie hin und wieder mit einem Hühnerbeine bewirtet wird. Hinsichtlich ihrer Speise ist sie ziemlich wählerisch, und wenn man ihr ein Stück gar zu trockenen Brodes gibt, so beschnuppert sie es argwöhnisch, wirft es auf den Boden und thut mit verächtlicher Miene, als ob es für sie gar nicht vorhanden wäre. Sie unterscheidet Gesundes von Schädlichem: nachdem sie schon lange keine tropische Frucht mehr gesehen hatte, ergriff sie ohne weiteres einen ihr dargebotenen Apfel und verzehrte ihn ohne Zögern.

»In Belize wurde es ihr gestattet, die Stadt nach Belieben einige Tage lang zu durchstreifen. Eines Morgens, als ihr Herr die Straße entlang ging, hörte er über sich einen dumpfen Laut, der ihm, wegen der Ähnlichkeit mit der Stimme seines Affen, auffiel. Er blickte auf und sah Sally auf einem Erker sitzend, von welchem herab sie erfreut über das Wiedersehen ihres Herrn knurrte. Einmal, aber nur einmal, gerieth Sally in eine traurige Lage. Ihr Herr ging in seine Kajüte und fand sie dort ganz zusammengerollt auf einer Fußdecke sitzen. Er sprach ihr zu, das Thier erhob das Köpfchen, sah ihm ins Gesicht und sank wieder in seine frühere, trübselige Stellung zurück. Komm, Sally, sagte der Gebieter; doch Sally rührte sich nicht. Der Befehl wurde noch ein- oder zweimal wiederholt, aber ohne den gewöhnlichen Gehorsam zu finden. Ueberrascht durch diesen auffallenden Umstand ergriff der Herr sie am Arme und machte nun die befremdende Entdeckung, daß Sally schwer berauscht und weit über eine »Anheiterung« hinaus war. Sie hatte gerade noch Bewußtsein genug, um ihren Freund zu erkennen. Sehr krank war Sally diese Nacht und sehr katzenjämmerlich am nächsten Tage.

»Der Grund dieses traurigen Ereignisses war folgender: Die Offiziere des Schiffes hatten ein kleines Mittagsessen veranstaltet, und da sie den Affen sehr gern sahen, ihn so reichlich mit Mandeln, Rosinen und Früchten der verschiedensten Art, mit Zwieback und eingemachten Oliven gefüttert, wie es ihm lange nicht vorgekommen war. Nun liebte er aber die Oliven ganz besonders, und da er sich reichlich an ihnen eine Güte gethan, so quälte ihn natürlicherweise bald ein unstillbarer Durst. Als nun Branntwein und Wasser herumgereicht ward, steckte Sally ihren Mund in einen der Humpen und leerte fast den ganzen Inhalt zum großen Vergnügen der Offiziere. Ihr Herr setzte letztere deshalb zur Rede; auch das arme Opfer zur Verantwortung zu ziehen war unnöthig. So gänzlich war dem guten Thiere der Branntwein zum Ekel geworden, daß es später nie wieder den Geschmack oder auch nur den Geruch desselben vertragen konnte. Selbst eingemachte Kirschen, welche sonst sein Leckerbissen gewesen waren, mochte es jetzt nicht mehr aus der Flüssigkeit nehmen.

»Kälte schien Sally ziemlich wohl zu ertragen; sie war übrigens auch hinreichend mit warmer Kleidung versehen, welche ihr an der eisigen Küste Neufundlands sehr zu Statten kam. Gleichwohl drückte sie ihr Misbehagen an solchem Wetter durch beständiges Schauern aus. Um sich gegen die kalte Witterung zu schützen, verfiel sie selbst auf einen glücklichen Gedanken. Zwei junge Neufundländer, welche am Bord sich befanden, hatten eine mit Stroh wohl versehene Hütte inne: in diese Wohnung hinein kroch sie und legte gemüthlich ihre Arme den beiden Hunden um den Hals; und hatte sie nun noch ihren Schweif um sich geschlagen, so befand sie sich glücklich und wohl. Sie war allen möglichen Thieren zugethan, besonders kleinen, jungen, aber ihre vorzüglichsten Lieblinge blieben diese beiden Hunde. Ihre Zuneigung zu ihnen war so groß, daß sie sich eifersüchtig auf sie zeigte, und wenn irgend Jemand näher an ihnen vorüberging, als sie für passend erachtete, sprang sie aus der Hütte heraus und streckte die Arme nach dem Eindringlinge mit einer Miene, als ob sie ihn zurechtweisen wolle. Für sie selbst war ebenfalls ein Häuschen gebaut worden, aber sie ging nie hinein. Sie ist ein sehr empfindliches Thier und kann kein Dach über sich ausstehen; deshalb verschmähte sie ihr Häuschen und rollte sich lieber in einer Hängematte zum Schlafen zusammen. Sie ist etwas schläferigen Wesens, geht gern zeitig zu Bette und schläft früh lange.

»Seit etwa drei Jahren ist sie im Besitze ihres Herrn. Ihren Zähnen nach darf man ihr ein Alter von vier Jahren zusprechen, obschon man sie nach ihrem runzeligen Gesichte für einen hundertjährigen Greis halten möchte.«

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