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Brehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band

Alfred Brehm: Brehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band - Kapitel 17
Quellenangabe
authorAlfred Brehm
titleBrehms Thierleben. Erste Abtheilung - Säugethiere. Erster Band
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
year1876
illustratorGustav Mützel,Ludwig Beckmann, C. F. Deiker, Robert Kretschmer
firstpub1876
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180726
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Dritte Familie: Neuweltsaffen ( Platyrrhini)

Wickelschwänze ( Gymnurae.

Allgemeines

Der Unterschied zwischen allen Erzeugnissen des heißen Erdgürtels der alten Welt und denen Südamerikas ist regelmäßig ein durchgreifender und augenscheinlicher. Die Westhälfte der Erde zeigt der Osthälfte gegenüber ein selbständiges Gepräge; nur hier und da erinnert etwas an die alte Welt; dann aber haben wir es nicht mit dem eigentlichen Amerika, mit den Landstrichen zwischen den Wendekreisen zu thun. Sie bilden eine eigene Welt für sich. Erde und Klima, Licht und Luft, Pflanze und Thier – alles ist anders als drüben im Osten. Deshalb tritt uns, wenn das Glück es uns gestattet, der Wandersehnsucht des Herzens zu folgen, in den Wendekreisen des Westens alles und jedes so märchenhaft und zauberartig entgegen: der Reiz der Neuheit besiegt, der Reichthum der Natur bewältigt und läßt die vielen Vorzüge unserer Erdhälfte vergessen.

Bei Betrachtung derjenigen Thiere, welche wir zunächst zu berücksichtigen haben, ist dies wohl weniger oder nicht der Fall. Die Breitnasen oder Neuweltsaffen ( Platyrrhini oder Neopitheci) sind zwar merkwürdige Geschöpfe: schön aber sind sie nicht oder wenigstens nur ausnahmsweise, vielmehr unbeholfener, träger, trauriger, geistloser als die Altweltsaffen, weit harmloser, gutmüthiger, unschädlicher als letztere; aber eben deshalb keine echten Affen mehr. Denn diese wollen wir gar nicht ohne die nur ihnen gehörenden Eigenschaften, ohne ihre Lustigkeit, Munterkeit, Keckheit, Unverschämtheit, ja, ich möchte sagen, ohne ihre Niederträchtigkeit. Wir sind nun einmal gewohnt, unser Zerrbild in den merkwürdigen Gesellen zu erblicken, und fühlen uns unbefriedigt, wenn dieses Zerrbild nicht auch ein geistiges ist. Und nicht bloß wir Männer hegen eine solche Ansicht, sondern ebenso die Frauen, welche doch regelmäßig abgesagte Feinde jeder Verspottung des eigenen Ichs, ja alles Menschlichen sind: ich habe stets erfahren, daß aus Frauenmunde die Breitnasen als widerliche Geschöpfe bezeichnet wurden.

Die Neuweltsaffen unterscheiden sich regelmäßig durch ihren Körper- und Gliederbau sowie durch ihre Zahnbildung von ihren Vettern im Osten. Ihr Leib ist gewöhnlich schmächtig und schlankgliederig; der Schwanz fehlt nie und verkümmert auch nie, wird vielmehr häufig zur fünften Hand, indem er sich an seiner Spitze durch kräftige Muskeln zusammenrollen und deshalb als Greifwerkzeug gebrauchen läßt. Der Daumen der Vorderhände kann den übrigen Fingern nicht in demselben Grade gegenüber gestellt werden, wie dies an den Füßen der Fall ist. Die Nägel sind platt. Anstatt zweiunddreißig Zähnen bilden sechsunddreißig das Gebiß; es finden sich auf jeder Seite sechs Backenzähne. Backentaschen und Gesäßschwielen sind nie vorhanden. Die Nasenscheidewand ist breit. Kein einziges Mitglied der ganzen Familie erreicht eine bedeutende Affengröße, und keines hat eine vorspringende Schnauze. Ihre Färbung ist zwar mannigfaltig, aber niemals so bunt wie die vieler Affen Asiens und Afrika's.

Der Heimatskreis der Schmalnasen beschränkt sich auf Südamerika. Die Nordgrenze desselben bildet das Antillenmeer, auf dessen schönen Inseln keine Affen mehr vorkommen, wie sie auch nicht über die Landenge von Panama nordwärts gehen. Nach Westen hin begrenzt die Andeskette, nach Osten hin das Atlantische Meer, nach Süden hin der 25. Breitengrad ihr Gebiet.

Alle Neuweltsaffen sind ausschließlich Baumthiere und deshalb vorzugsweise in den Urwäldern zu Hause. Wasserreiche oder sumpfige Gegenden lieben sie mehr als trockene. Auf die Erde kommen sie bloß im äußersten Nothfalle herab; auch zur Tränke gehen sie nicht so wie andere Thiere, sondern klettern an Schlingpflanzen, überhängenden Aesten und dergleichen bis auf das Wasser herab und trinken, ohne die Zweige zu verlassen. Es ist wohl möglich, daß einzelne dieser Affen Hunderte von Meilen zurücklegen, ohne auf ihrem Wege jemals die Erde zu berühren. Die Bäume bieten ihnen alles, was sie bedürfen; denn ihre Nahrung besteht nur aus Pflanzentheilen aller Art sowie aus Kerbthieren, Spinnen, Vogeleiern oder jungen Nestvögeln und Honig, und nur wenige plündern zuweilen in einer Pflanzung.

Die meisten Arten sind am Tage rege, einige wenige aber Dämmerungs- und wirkliche Nachtthiere. Die einen wie die anderen sind zu ihrer Zeit lebhaft und gewandt; jedoch gibt es unter ihnen mehrere äußerst träge Arten, gewissermaßen die Orang-Utans der neuen Welt. Das Klettern verstehen alle vortrefflich und wissen dabei, wie ich schon oben andeutete, ihren ausgezeichneten Schwanz auch ausgezeichnet zu gebrauchen. Dieser Schwanz ist geradezu alles in allem für viele der sonst sehr tölpischen Thiere; sie könnten ohne ihn gar nicht leben. Ihre Ungeschicklichkeit macht eine beständige Versicherung des Leibes nöthig, und eine solche gewährt der Wickelschwanz unter allen Umständen. Fast bei jeder Stellung, auch während der tiefsten Ruhe schlingt der Affe seinen Schwanz um irgend etwas und sei es selbst um eines seiner eigenen Glieder. Die Muskelstärke des Schwanzes, welche die aller übrigen Gliedmaßen weit übertrifft, und das feine Gefühl in dem Schwanzende ermöglicht ihnen den umfassendsten Gebrauch des merkwürdigen Geschenkes der Natur für ihr stilles Leben, und ersetzt vielfach die ihnen fehlende geistige wie leibliche Behendigkeit ihrer überseeischen Vettern. Trotz alledem sind ihnen die echten Baumaffen der alten Welt im Springen und Klettern entschieden überlegen. Der Gang der Neuweltsaffen geschieht immer auf allen Vieren und ist stets mehr oder weniger unbeholfen, unsicher und schwankend, kurz schlecht.

In ihrer geistigen Begabung stehen sie weit hinter ihren östlichen Verwandten zurück. Sie erscheinen im ganzen zwar als sanfte, gutmüthige und zutrauliche, aber auch dumme, ungeschickte, ungelehrige und schwerfällige Geschöpfe. Einzelne zeigen sich neugierig, muthwillig und neckisch, andere dagegen grämlich, eigensinnig, boshaft, tückisch und bissig. Lüstern, genäschig, diebisch und habsüchtig sind sie auch, besitzen also ebenfalls schlechte Eigenschaften genug – und die guten Seiten der altweltlichen Affen gehen ihnen dafür ab. Wenn man zwischen alt- und neuweltlichen Affen zu wählen hat, wird man wohl niemals lange in Zweifel bleiben, welche uns besser gefallen. In der Freiheit sind diese regelmäßig scheu und furchtsam und nicht im Stande, wirkliche Gefahr von eingebildeter zu unterscheiden. Deshalb fliehen sie bei jeder ungewöhnlichen Erscheinung und suchen sich so rasch als möglich in dichtem Gezweige zu verbergen. Angeschossene beißen tüchtig nach Dem, welcher sie fassen will; Gesunde vertheidigen sich wohl bloß gegen schwache Raubthiere. Sie sind kraftlose, feige Thiere.

In der Gefangenschaft benehmen sie sich bald artig und zutraulich, werden im Alter aber doch auch böse und bissig, wenngleich nicht immer. Ihre geistige und leibliche Trägheit, ihr schwermüthiges Aussehen, die kläglichen Töne, welche sie und oft mit merkwürdiger Ausdauer ausstoßen, ihre Unreinlichkeit, Weichlichkeit und Hinfälligkeit: alle diese Eigenschaften und Sitten empfehlen sie nicht als Hausgenossen und Zeitvertreiber des Menschen. Einige wenige Arten machen freilich eine rühmliche Ausnahme und werden deshalb auch häufig zahm gehalten und mit großer Liebe gepflegt. Manche besitzen einen hohen Grad von Empfänglichkeit für äußere Eindrücke, drücken ihre Gefühlsbewegungen durch Schmunzeln oder Klagen aus, und werden aus diesem Grunde namentlich weichherzigen Frauen besonders theuer.

Ihre Mutterliebe ist ebenso erhaben wie die der altweltlichen Affen. Sie gebären ein oder zwei Junge auf einmal und lieben, hätscheln, pflegen und beschützen dieselben mit einer Sorgfalt und Herzlichkeit, welche ihnen immer Bewunderung und Anerkennung erwerben muß.

Dem Menschen werden die Neuweltsaffen nicht oder kaum schädlich. Der weite, große, reiche Wald ist ihre Heimat, ihr Ernährer und Versorger; sie bedürfen des Herrn der Erde und seiner Anstalten nicht. Nur wenige Arten fallen zuweilen in waldnahe Felder ein und erheben sich dort einen geringen Zoll, der gar nicht im Verhältnis steht zu den Erpressungen, welche die Altweltsaffen sich erlauben. Der Mensch jagt sie ihres Fleisches und ihres Pelzes wegen. Mancher Reisende hat längere Zeit die Affen als schätzbares Wildpret betrachten und aus ihrem Fleische Suppen und Braten sich bereiten müssen, und manche schöne Frau birgt und wärmt ihre zarten Hände in einer Hülle, welche früher den Leib eines Affen bekleidete.

Für die Eingeborenen Amerika's ist der Affe ein außerordentlich wichtiges Thier; denn sein Fleisch bildet einen guten Theil ihrer Nahrung. Sie jagen ihm eifrig nach und erlegen deren auf großen Jagden zu Hunderten. Gewöhnlich bedienen sie sich des Bogens, nicht selten wenden sie aber auch das Blasrohr und kleine, jedoch mit dem fürchterlichsten Gifte getränkte Pfeile an, welche über hundert Fuß hoch emporgeschleudert werden und unrettbar tödten, auch wenn sie bloß die Haut durchbohrt haben. Zwar versuchen es alle Affen, den kleinen Pfeil so schnell als möglich aus der Wunde zu ziehen; allein der schlaue Mensch hat das Geschoß halb durchschnitten, und deshalb bricht fast regelmäßig die Giftspitze ab und bleibt in der Wunde stecken – furchtbar genug, um auch einem ganz anderen Thiere die Lebenskraft zu rauben. Das Blasrohr, aus dem solche tückisch wirkende Bolzen abgeschossen werden, bleibt unter allen Umständen das gefährlichste Menschengewehr für die leichten Kinder der Höhe.

Mit derselben Waffe erbeuten die Indianer auch diejenigen Affen, welche sie für die Gefangenschaft wünschen. »Wollen die Arekunas«, sagt Schomburgk, »einen alten, störrischen Affen zähmen, so bestreichen sie das Pfeilchen mit geschwächtem Urarigift. Stürzt er betäubt herab, so wird die Wunde gleich ausgesogen; alsdann begraben sie ihn bis an den Hals in die Erde und flößen ihm eine starke Auflösung salpeterhaltiger Erde oder Zuckerrohrsaft ein. Ist der Leidende etwas zu sich gekommen, so wird er herausgenommen und wie ein Wickelkind umschlungen. In dieser Zwangsjacke bekommt er einige Tage lang nur Zuckersaft zum Getränk und in Salpeterwasser gekochte, stark mit spanischem Pfeffer gewürzte Speisen zur Nahrung. Schlägt diese Gewaltkur nicht an, so wird der Unbändige eine Zeitlang im Rauche aufgehangen. Bald legt sich nun die Wuth, das heimtückische Auge wird mild und fleht um Verzeihung. Dann werden die Banden gelöst, und selbst der bissigste Affe scheint nun vollkommen vergessen zu haben, daß er jemals frei im Walde gelebt.«

In unsere Käfige gelangen verhältnismäßig wenige Mitglieder dieser Familie und auch diese nicht regelmäßig. Am häufigsten sieht man den Kapuziner auf unserem Thiermarkte, viel seltener einen Klammeraffen, höchst selten einen Spring-, Schweif- und Nachtaffen. Lebende Brüllaffen sind, so viel mir bekannt, bloß in wenigen Stücken nach Europa gekommen.

Man theilt die Breitnasen ein in drei Unterfamilien, unter denen die Wickelschwänze ( Gymnurae) obenan gestellt werden. Ihr am unteren Spitzentheile nackter Greifschwanz mit breiten, allmählich an Länge abnehmenden Wirbeln unterscheidet sie von den Mitgliedern der übrigen Hauptgruppen.

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