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Brehm's Thierleben: Die Säugethiere 1

Alfred Brehm: Brehm's Thierleben: Die Säugethiere 1 - Kapitel 7
Quellenangabe
titleBrehm's Thierleben: Die Säugethiere 1
booktitleBrehm's Thierleben
authorAlfred Brehm
typereference
year1876
sendermagnus.manske@epost.de
created20010531
firstpub1864
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Herrentiere (Neuweltsaffen)

Brüllaffe

Okens Ausspruch, daß die größten Thiere innerhalb einer Familie oder Sippe auch immer die vollkommensten seien, findet wie bei den altweltlichen Affen, so auch bei den neuweltlichen seine Bestätigung. Den Brüllaffen (Mycetes) [Heute: Alouatta] wird in der dritten Familie unserer Ordnung der erste Rang eingeräumt. Ihr Körper ist schlank, aber doch gedrungener als bei den übrigen Sippen der neuweltlichen Affen; die Gliedmaßen sind gleichmäßig entwickelt, die Hände fünffingerig; der Kopf ist groß und die Schnauze vorstehend, die Behaarung dicht und am Kinn bartartig verlängert. Als eigenthümliches Merkmal der Brüllaffen muß vor allem der kropfartig verdickte Kehlkopf angesehen werden. Alexander von Humboldt war der erste Naturforscher, welcher dieses Werkzeug zergliederte. »Während die kleinen amerikanischen Affen«, sagt er, »die wie Sperlinge pfeifen, ein einfaches dünnes Zungenbein haben, liegt die Zunge bei den großen Affen auf einer ausgedehnten Knochentrommel. Ihr oberer Kehlkopf hat sechs Taschen, in denen sich die Stimme fängt, und wovon zwei taubennestförmige große Aehnlichkeit mit dem unteren Kehlkopfe der Vögel haben. Der dem Brüllaffen eigene klägliche Ton entsteht, wenn die Luft gewaltsam in die Knochentrommel einströmt. Wenn man bedenkt, wie groß die Knochenschachtel ist, wundert man sich nicht mehr über die Stärke und den Umfang der Stimme dieser Thiere, welche ihren Namen mit vollem Rechte tragen.« Der Schwanz der Brüllaffen ist sehr lang, am hinteren Ende kahl, nerven- und gefäßreich, auch sehr muskelkräftig und daher zu einem vollkommenen Greifwerkzeuge gestaltet.

Weit verbreitet, bewohnen die Brüllaffen fast alle Länder und Gegenden Südamerikas. Dichte, hochstämmige und feuchte Wälder bilden ihren bevorzugten Aufenthalt; in den Steppen finden sie sich nur da, wo die einzelnen Baumgruppen zu kleinen Wäldern sich vergrößert haben und Wasser in der Nähe ist. Trockene Gegenden meiden sie gänzlich, nicht aber auch kühlere Landstriche. So gibt es in den südlicheren Ländern Amerika's Gegenden, in denen der schon merkliche Unterschied zwischen Sommer und Winter noch gesteigert wird durch die Verschiedenheit in der Hebung über den Meeresspiegel. Hier stellen sich, laut Hensel, im Winter heftige Nachtfröste ein, und am Morgen ist der Wald weiß bereift; die Pfützen frieren so fest zu, daß das Eis die schweren Bisamenten der Ansiedler trägt, und man selbst mit faustgroßen Steinen auf dasselbe werfen kann, ohne es zu zerbrechen. »Freilich hält eine solche Kälte nicht lange an, und die warme Mittagssonne zerstört wieder die Wirkungen der Nacht. Empfindlicher als diese Fröste sind die kalten Winterregen, welche nahe am Gefrierpunkte oft mehrere Tage, ausnahmsweise auch Wochen, anhalten und von einem durchdringend kalten Südwinde begleitet werden. Während das zahme Vieh, wenn es nicht gut genährt ist, diesen Witterungseinflüssen leicht unterliegt, befindet sich die wilde Thierwelt ganz wohl dabei; und sobald an heiteren Tagen die Sonne zur Herrschaft gelangt, ertönt auch wieder die Stimme des Brüllaffen als Zeichen seines ungestörten Wohlbefindens. Wenn man an solchen Tagen des Morgens, sobald die Wärme der Sonnenstrahlen anfängt sich bemerkbar zu machen, einen erhöhten Standpunkt gewinnt, so daß man das ganze Blättermeer eines Gebirgsthales vor sich ausgebreitet sieht, entdeckt man auf demselben auch mit unbewaffnetem Auge hier und da rothleuchtende Punkte: die alten Männchen der Brüllaffen, welche die trockenen Gipfel der höchsten Berge erstiegen haben und hier, behaglich in einer Gabel oder auf dichtem Zweige ausgestreckt, ihren Pelz den wärmenden Strahlen der Sonne darbieten. Das Aeußerste erreicht die Winterkälte von Rio-Grande-do-Sul auf der Hochebene der Sierra, wo keine Orange mehr gedeiht und die Wirkungen der Winterstürme, welche aus den Pampas und von Patagonien her wehen, besonders hart empfunden werden. Hier fällt nicht selten Schnee in dichten Lagen und bleibt mehrere Tage liegen; niemals aber hat man bemerkt, daß die Kälte den Brüllaffen Abbruch gethan hätte.«

In unseren Lehrbüchern werden gegen ein Dutzend Arten von Brüllaffen aufgeführt; doch ist jetzt ausgemacht, daß gerade diese Thiere vielfach abändern, und daher so gut als entschieden, daß alle auf wenige Arten zurückgeführt werden müssen.

Der Aluate oder rothe Brüllaffe (Mycetes seniculus) [Heute: Alouatta seniculus] hat röthlichbraunen, auf der Rückenmitte goldgelben Pelz; die Haare sind kurz, etwas steif und am Grunde einfarbig; Unterhaare fehlen. Die Länge beträgt etwa 1,5 Meter, wovon freilich 70 Centim. auf den Schwanz kommen. Das Weibchen ist kleiner und dunkelfarbiger.

Beim Caraya oder schwarzen Brüllaffen (Mycetes caraya) [Heute: Alouatta caraya] ist das Haar bedeutend länger und einfarbig schwarz, nur an den Seiten etwas röthlich, beim Weibchen auch auf der Unterseite gelblich, und beträgt die Länge etwa 1,3 Meter, wovon die Hälfte auf den Schwanz kommt. Ersterer bewohnt fast den ganzen Osten Südamerika's, letzterer Paraguay.

Der Brüllaffe ist eines derjenigen amerikanischen Thiere, welches schon seit der ältesten geschichtlichen Zeit den Reisenden, immer aber nur unvollständig, bekannt wurde und deshalb zu vielen Fabeln Veranlassung gab. Solche haben heutigen Tages noch unter den nicht selbst beobachtenden Weißen und Indianern Geltung. Wir lassen sie gänzlich bei Seite und halten uns dafür an unsere Gewährsmänner. »Nach meiner Ankunft«, sagt der trefflich beobachtende Schomburgk, »hatte ich bei Auf- und Untergang der Sonne aus dem Urwalde das schauerliche Geheul zahlreicher Brüllaffen herübertönen hören, ohne daß es mir bei meinen Streifereien gelungen wäre, die Thiere selbst aufzufinden. Als ich eines Morgens nach dem Frühstücke, mit meinem Jagdzeuge versehen, dem Urwalde zuschritt, schallte mir aus der Tiefe desselben abermals jenes wüste Geheul entgegen und setzte meinen Jagdeifer in volle Flammen. Ich eilte also durch Dick und Dünn dem Gebrülle entgegen und erreichte auch nach vieler Anstrengung und langem Suchen, ohne bemerkt zu werden, die Gesellschaft. Vor mir auf einem hohen Baume saßen sie und führten ein so schauerliches Koncert auf, daß man wähnen konnte, alle wilden Tiere des Waldes seien in tödtlichem Kampfe gegen einander entbrannt, obschon sich nicht leugnen ließ, daß doch eine Art von Uebereinstimmung in ihm herrschte. Denn bald schwieg nach einem Taktzeichen die über den ganzen Baum vertheilte Gesellschaft, bald ließ ebenso unerwartet einer der Sänger seine unharmonische Stimme wieder erschallen, und das Geheul begann von neuem. Die Knochentrommel am Zungenbeine, welche durch ihren Wiederhall der Stimme eben jene mächtige Stärke verleiht, konnte man während des Geschreies auf und nieder sich bewegen sehen. Augenblicke lang glichen die Töne dem Grunzen des Schweines, im nächsten Augenblicke aber dem Brüllen des Jaguars, wenn er sich auf seine Beute stürzt, um bald wieder in das tiefe und schreckliche Knurren desselben Raubthieres überzugehen, wenn es, von allen Seiten umzingelt, die ihm drohende Gefahr erkennt. Diese schauerliche Gesellschaft hatte jedoch auch ihre lächerlichen Seiten, und selbst auf dem Gesichte des düstersten Menschenfeindes würden für Augenblicke Spuren eines Lächelns sich gezeigt haben, wenn er gesehen, wie diese Koncertgeber sich mit langen Bärten starr und ernst einander anblickten. Man hatte mir gesagt, daß jede Herde ihren eigenen Vorsänger besäße, welcher sich nicht allein durch seine schrillende Stimme von allen tiefen Bassisten unterscheide, sondern auch durch eine viel schmächtigere und feinere Gestalt auszeichne. Ich fand die erstere Angabe bei dieser Herde vollkommen bestätigt; nach der feineren und schmächtigen Gestalt sah ich mich freilich vergeblich um, bemerkte dafür aber auf dem nächsten Baume zwei schweigsame Affen, welche ich für ausgestellte Wachen hielt: –waren sie es, so hatten sie ihre Dienste schlecht genug versehen; denn unbemerkt stand ich in ihrer Nähe.«

Diese anmuthige Schilderung beweist uns hinlänglich, daß wir es bei den Brüllaffen mit höchst eigenthümlichen Geschöpfen zu thun haben. Man kann, ohne einer Uebertreibung sich schuldig zu machen, behaupten, daß ihr ganzes Leben und Treiben eine Vereinigung von allerhand Absonderlichkeiten ist und deshalb der Beobachtung ein ergiebiges Feld bietet, während man andererseits anerkennen muß, daß die Indianer zu entschuldigen sind, wenn sie die Brüllaffen ihres trübseligen Aeußeren und ihres langweiligen Betragens halber misachten und hassen. Selbst die Verleumdungen, welche man sich zu Schulden kommen ließ, sind erklärlich, wenn man bedenkt, daß unsere Thiere weder im Freileben noch in der Gefangenschaft irgend welche Anmuth, ja selbst irgend welche Abwechselung in ihrer Lebensweise zeigen.

»Der Brüllaffe«, sagt Hensel, »lebt in dem Urwalde von Rio-Grande-do-Sul in großer Menge; er ist dasjenige wilde Thier, welches man am leichtesten finden und jagen kann, ja das man zu vermeiden sogar Mühe hat. Erlebt in kleinen Trupps von fünf bis zehn Stücken, welche ein bestimmtes, ziemlich kleines Gebiet haben, das sie nicht zu verlassen pflegen. In jedem Trupp findet sich wenigstens ein altes Männchen, welches gewissermaßen die Aufsicht zu führen scheint; in den meisten Fällen jedoch enthält der Trupp, wenn er nicht zu schwach ist, mehrere erwachsene Männchen, unter denen wahrscheinlich eines, das stärkste oder älteste, den Vorrang behauptet. Dabei geht es ohne Zweifel nicht immer ganz friedfertig zu, wie die Narben beweisen, welche man oft in den Gesichtern der Männchen, zuweilen auch in denen der Weibchen erblickt. Doch sind die Thiere im ganzen sehr harmlos und im Vergleiche zu anderen Affen ruhig und gleichgültig.« Diese Angaben stimmen mit früheren Beobachtungen vollkommen überein. Doch mag noch erwähnt sein, daß unsere Affen in manchen Waldungen so häufig auftreten, daß Humboldt ihrer vierzig zu einer Bande vereinigt sah und schätzen durfte, es möchten auf einer Geviertmeile des Waldes wohl gegen zweitausend von ihnen leben.


Brüllaffe

Während des Tages bilden die höchsten Bäume des Waldes den Lieblingsaufenthalt der Brüllaffen; bei anbrechender Dämmerung ziehen sie sich in das dichte, von Schlingpflanzen durchflochtene Laub der niedrigen Bäume zurück und überlassen sich hier dem Schlafe. Langsam, fast kriechend klettern sie von einem Aste zu dem anderen, Blätter und Knospen auswählend, langsam mit der Hand sie abpflückend und langsam sie zum Munde bringend. Sind sie gesättigt, so setzen sie sich in zusammengekauerter Stellung auf einem Aste nie- der und verharren hier regungslos, wie uralte schlafende Männchen erscheinend; oder sie legen sich der Länge nach über den Ast hin, lassen die vier Glieder zu beiden Seiten steif herabhängen und halten sich eben nur mit dem Wickelschwanze fest. Was der eine thut, wird von den anderen langsam und gedankenlos nachgemacht. Verläßt eines der erwachsenen Männchen den Baum, auf welchem die Familie sich gerade aufhält, so folgen ihm alle übrigen Glieder der Gesellschaft rücksichtslos nach. »Wahrhaft erstaunlich« sagt Humboldt, »ist die Einförmigkeit in den Bewegungen dieses Affen. So oft die Zweige benachbarter Bäume nicht zusammenreichen, hängt sich das Männchen an der Spitze des Trupps mit dem zum Fassen bestimmten schwieligen Theile des Schwanzes auf, läßt den Körper frei schweben und schwingt ihn hin und her, bis es den nächsten Ast packen kann. Der ganze Zug macht an derselben Stelle genau dieselbe Bewegung.« Für die Brüllaffen ist der Schwanz unzweifelhaft das wichtigste aller Bewegungswerkzeuge; sie brauchen ihn, um sich zu versichern –und das thun sie in jeder Stellung- sie benutzen ihn, um etwas mit ihm zu erfassen und an sich zu ziehen. Immer und immer dient er hauptsächlich dazu, jeder ihrer langsamen Bewegungen die ihnen unerläßlich dünkende Sicherheit zu verleihen. Man kann nicht behaupten, daß sie schlecht klettern: sie sind im Gegentheile sehr geschickt; aber niemals machen sie wie andere Affen weite, niemals gewagte Sprünge.

Wenig andere Thiere sind so ausschließlich an die Bäume gebunden wie die Brüllaffen. Sie kommen höchst selten auf die Erde hernieder, wahrscheinlich bloß dann, wenn es ihnen unmöglich ist, von den niederen Aesten und Schlingpflanzen herab zu trinken. Humboldt sagt, daß sie nicht im Stande wären, Wanderungen oder auch nur Wandelungen auf ebenem Boden zu unternehmen, und Rengger erklärt die Behauptung der Indianer, nach welcher die Brüllaffen manchmal über breite Ströme setzen sollen, für ein Märchen, welches den Fremden aufgebürdet wird. »Sie fürchten sich«, sagt er, »so sehr vor dem Wasser, daß, wenn sie durch das schnelle Anschwellen des Stromes auf einem Baume abgeschieden werden, sie eher verhungern als durch Schwimmen einen anderen Baum zu gewinnen suchen. So traf ich einst eine solche Affenherde auf einem von Wasser rings umgebenen Baume an, welche, ganz abgemagert, sich vor Schwäche kaum mehr bewegen konnte. Sie hatte nicht nur alle Blätter und zarten Zweige, sondern sogar einen Theil der Rinde des Baumes verzehrt. Um den nahen Wald zu erreichen, hätte sie nur eine Strecke von sechszig Fuß zu durchschwimmen gehabt.« Derselbe Naturforscher versichert, niemals einen Brüllaffen auf freiem Felde gesehen oder seine Fährte irgendwo auf dem Boden angetroffen zu haben.

Alles, was der Brüllaffe bedarf, bietet ihm sein luftiger Aufenthalt in Fülle. Die Mannigfaltigkeit und der Reichthum der verschiedenen Früchte lassen ihn niemals Mangel leiden. Neben den Früchten frißt er Körner, Blätter, Knospen und Blumen der verschiedensten Art, wahrscheinlich auch Kerbthiere, Eier und junge, unbehülfliche Vögel. Den Pflanzungen wird er niemals schädlich, wenn er sich auch tagelang am Saume derselben aufhält: er zieht Baumblätter dem Mais und den Melonen vor. Zuweilen sieht man ihn, nach Hensel, mit der Spitze des Wickelschwanzes an einem Zweige hängen und die Blätter eines unter ihm befindlichen Astes pflücken, um sie noch im Herabhängen in den Mund zu stopfen und zu verzehren. Daß die Nahrung vorzugsweise in Blättern besteht, beweisen nicht nur die stets schwarzen Zähne, sondern auch der Magen der Erlegten, welcher immer einen grünlichen Speisebrei wie von zerkauten Blättern enthält.

In Südamerika wirft das Weibchen im Juni oder Juli, manchmal auch schon zu Ende Mais oder erst anfangs August ein einziges Junges. Hensel versichert, daß die Fortpflanzung der Brüllaffen an keine bestimmte Jahreszeit gebunden ist; denn man findet neugeborene Junge das ganze Jahr hindurch und kann also auch an einem und demselben Tage Keimlinge und Junge der verschiedensten Entwickelungs- und Altersstufen sammeln. Niemals scheinen sie mehr als ein Junges zu haben. Während der ersten Woche nach der Geburt hängt sich der Säugling wie bei den altweltlichen Affen mit Armen und Beinen an den Unterleib der Mutter an; später trägt diese ihn auf dem Rücken. Sie legt ihre Gefühle nicht durch Liebkosungen an den Tag, wie andere Affen es thun, verläßt aber doch das Pfand ihrer Liebe wenigstens in der ersten Zeit niemals, während sie später das schon bewegungsfähiger gewordene Kind bei ängstlicher Flucht manchmal von sich abschüttelt oder gewaltsam auf einen Ast setzt, um ihren eigenen Weg zu erleichtern. Indianer, welche letzteres sahen, haben behauptet, daß die Brüllaffenmutter überhaupt lieblos und gleichgültig gegen ihre Jungen wäre; der Prinz von Wied sagt aber ausdrücklich: »Gefahr erhöht die Sorge der Mutter, und selbst tödtlich angeschossen, verläßt sie ihr Junges nicht.« Dieses ist ebenso langweilig wie die Alte und, zumal wegen des großen Kehlkopfes, wo möglich noch häßlicher.

»Der Brüllaffe«, fährt Hensel fort, »besitzt eine große Lebensfähigkeit und flüchtet noch nach Verwundungen, unter denen andere Thiere unfehlbar von den Bäumen herabstürzen müßten. Ich traf einst unter einem Trupp ein sehr großes Männchen von heller, fast gelber Färbung, dessen Besitz mit wünschenswerth erschien. Die erste Kugel zerschmetterte dem Thiere, welches schon auf der Flucht war, einen Hinterschenkel und die Wurzel des Schwanzes, so daß es den Baum nicht mehr verlassen konnte; eine zweite Kugel ging durch den Bauch, so daß die Eingeweide eine Spanne lang heraushingen; eine dritte durchbohrte etwas höher den Magen und einen Theil der Brust; eine vierte traf, da die bedeutende Höhe des Baumes und die Unruhe des Thieres ein sicheres Zielen nicht gestattete, die Kehle, ging durch den hohen Winkel des Unterkiefers und zerstörte den Brüllapparat, ohne daß das unglückliche Geschöpf, welches auf jede der Kugeln mit einem heftigen Grunzen geantwortet hatte, herabgefallen wäre. Endlich machte ein glücklicher Schrotschuß seinem Leiden ein Ende. Es geht hieraus eine Lebenszähigkeit hervor, wie man sie sonst nur bei Raubthieren, nicht aber bei Pflanzenfressern anzutreffen pflegt.«

In einem großen Theile von Paraguay bilden die Brüllaffen einen Gegenstand eifriger Jagd. Ihr Fell ist gesucht und das Fleisch bei den Indianern beliebt. Aus dem Pelze des schwarzen Brüllaffen ließ Dr. Francia einmal über hundert Grenadiermützen verfertigen. Außerdem verwendet man es zu Beuteln, Satteldecken u. a. Von dem Fleische lebten Reisende, so z. B. der Prinz von Wied, oft lange Zeit fast ausschließlich. Sie versichern, daß es wohlschmeckend sei und eine sehr kräftige Brühe gebe. Die Nahrung hat aber unter allen Umständen ihr Abschreckendes, zumal wenn die Indianer dem Affen das Haar abgesengt oder ihn abgebrüht in den Topf gesteckt oder ihn zum Braten an einen spitzen Stab befestigt haben.»Aller Widerwille«, sagt Schomburgk,»wird in Dem rege, welcher solchen Braten zum ersten Male sieht; denn er kann nicht anders glauben, als daß er an einem Mahle von Kannibalen theilnehmen solle, bei welchem ein kleines Kind vorgesetzt wird, und es gehört wahrlich bei einem nur irgend reizbaren Magen eine starke Willenskraft dazu, um Gabel und Messer nach solchem Braten auszustrecken.«

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