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Brautfahrten

Charles Sealsfield: Brautfahrten - Kapitel 8
Quellenangabe
authorCharles Sealsfield
titleBrautfahrten
publisherGeorg Müller
yearo.J.
editorHeinrich Conrad
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180712
projectid9f98f819
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VII.
Sehr unerwartet.

So verliefen acht volle Wochen wie ebensoviele Stunden. Ich war ganz heimisch in dem Kreise dieser lieben Menschen geworden, und so häuslich und ökonomisch! Beinahe wußte ich nicht mehr, wie unsere Dollars und Banknoten aussahen. Alles ging wie spielend zu; dabei war eine Aufrichtigkeit, eine Herzlichkeit und Sympathie zwischen den siebzig bis achtzig Gliedern dieses kleinen Patriarchats zu bemerken, daß man leicht die Welt mit allen ihren Leiden und Freuden vergessen konnte. Und ich vergaß sie wirklich; ganze Stöße Zeitungen lagen ungelesen; ich wurde jeden Tag mehr Hinterwäldler. Des Morgens schlüpfte ich in meine weißleinenen Pantalons und Jacke, warf einen Strohhut auf den Kopf, und folgte Monsieur Menou in seine Felder und Kottonpresse. Der Nachmittag verging im Durchsehen von Rechnungen oder Colonel Stones und Major Noahs Colonel Stone und Major Noah, die Eigentümer der bekannten Zeitungen: der Morgen-Kurier und die kommerzielle Zeitung. Seiten- und Querhieben, und den Abend schloß Tag für Tag ein Impromptu-Tanz, oder ein rasches, munteres Geplapper.

Eines Abends, wir setzten uns soeben zum Souper, machte uns Monsieur Menou den Vorschlag zu einer nächtlichen Hirschjagd. Ich war dessen ganz zufrieden, und er erließ sofort die nötigen Weisungen. Die zwei Mexikaner baten gleichfalls, uns begleiten zu dürfen, als die Dame mit halbem Entsetzen dazwischenfuhr. »Don Man –!« stieß sie heraus, schnappte ab; das Wort schien ihr auf der Zunge zu ersterben, » Madre de Dios!« fuhr sie in spanischer Sprache fort, »nur diesmal nicht.« Es war etwas so Weiches, Zartes in ihrem edlen, scheuen Wesen, daß wir alle für einen Augenblick hingerissen starrten. Ihr Mann bat sie, sich zu beruhigen, und versprach zu bleiben; es schien ihm jedoch Mühe zu kosten. Ich versicherte ihr, es sei keine Gefahr. – »Keine Gefahr?« wiederholte sie in ihrer sonoren kastilianischen Sprache, »keine Gefahr? – Doch, Sie haben nirgends von Ihrem Vorhaben etwas verlauten lassen?« wandte sie sich an Menou. »Gewiß nicht«, erwiderte dieser. – Nun erst fiel es mir auf, daß die zwei Eheleute sich während ihres ganzen langen Hierseins auch nicht ein einziges Mal im Freien ergangen hatten. Mein Auge fiel wieder auf den jungen Mann; er hatte ausgezeichnet schöne Züge, eine bleiche, aber nicht ungesunde Gesichtsfarbe, eine hohe Stirne und – die Augen waren besonders schön, es blitzte ein Feuer in diesen Augen, das wahrlich nicht bestimmt zu sein schien, hier am Red-River zu verglühen. Sein ganzes Wesen drückte, soviel er sich auch Mühe gab, es zu verbergen, etwas militärisch Gebietendes aus. Es war eben dieses gebietende Wesen, das mich bewogen hatte, den jungen Mann, der etwa dreißig sein mochte, ein wenig kalt zu behandeln. Wir erlauben nicht leicht, oder vielmehr nie, Fremden, sich in unserm Lande Airs zu geben; die Ergebung jedoch in den leise ausgesprochenen Willen seines herrlichen Weibes hatte den übeln Eindruck einigermaßen verwischt. Ich achte den Mann, der sein Weib liebt.

»Und ist wirklich keine Gefahr?« fragte mich das Engelsköpfchen, die Donna nämlich. Ich versicherte ihr, daß keine sei. Sie flüsterte ihm einige Worte zu, und er, ihre Hand küssend, bat nochmals, uns begleiten zu dürfen. Die zwei sonderbaren Leutchen hatten sich auch bei Tische beinahe ausschließlich nur miteinander beschäftigt, und es schien ihm gewissermaßen eine Anwandlung von Eifersucht aufzusteigen, wenn die Donna sich mit Julie oder Luise länger unterhielt. Ihr Gefährte war eine unbedeutende Person, die mit einer Art abgöttischer Verehrung an dem Paare zu hängen schien. Sie hatten sechs Diener bei sich.

Wir erhoben uns etwas früher von der Tafel, warfen uns in unsere Wolldeckenröcke, nahmen unsere Gewehre und bestiegen die für uns bereitgehaltenen Pferde. Sechs Neger mit Pechpfannen und eine Koppel Hunde waren vorausgegangen. Die Glocke schlug zehn, als wir aufbrachen. Es war eine finstere, schwüle Nacht; der Donner rollte her von Süden und verkündete den herannahenden Sturm, unsere tägliche Abendmusik in dieser Weltgegend. Die Atmosphäre war in den ersten zehn Minuten unseres Rittes beinahe zum Ersticken gewesen; dann erhob sich ein säuselnder Luftzug in den Baumwipfeln; der Donner brüllte stärker vom mexikanischen Busen herauf, die ganze Atmosphäre schien sich wälzend zum gewaltigen Elementarkampfe zu rüsten. Dann und wann schoß ein zackiger Blitz aus dem schwarzen Firmamente heraus durch die Bäume hin, und der ganze Wald loderte für einige Sekunden in einer Zauberflamme auf. Wieder kam ein langer leuchtender Strahl, und näher und näher rollte der Donner, aber ein Donner, gegen welchen der des Nordens ein bloßer Paukenschlag ist. Selbst unsere Hunde fingen an zu winseln und preßten sich so nahe an die Pferde, als sie nur konnten. Wir hatten ein dichtes Lorbeergebüsch betreten, und der Leithund war stehen geblieben und spitzte die Ohren. Sofort stiegen wir von den Pferden und schlichen an die Hunde heran – zwischen uns die Neger mit ihren Pechpfannen, und vor uns in der Entfernung von etwa zwanzig Schritten vier leuchtende winzige Feuerballen. – Es waren die Hirsche, die mit rollenden Augen das ungewohnte Schauspiel anstarrten. Wir legten an; – der Kreole und ich sollten den ersten, die zwei Mexikaner den zweiten nehmen. Wir schossen auf ein gegebenes Losungswort, hörten ein rasselndes Niederschmettern, ein lautes Krachen, und gleich darauf ein Sacre! und Damn ye! und Diablo! und por Dios! Die sechs Pechpfannen waren zu – und auf unsern Füßen; der Kreole war zur Seite gesprungen, die Neger lagen vor Schreck auf dem Boden, und die beiden Dons neben ihnen.

» Santa Vierge!« rief der eine; » Maledito!« der andere. » Maledito Gojo! Por Dios! Santissima Madre que Dios nos guarda!« – wieder der erstere.

Monsieur Menou hatte sich vorsichtig mit seinen Negern beim ersten Anschein von Gefahr zu Boden geworfen; der junge Mexikaner hingegen, weniger erfahren in diesem zuweilen gefährlichen Nacht-Zeitvertreibe, war stehen geblieben und von den aufgeschreckten Hirschen über den Haufen gerannt worden. Ich zog den heulenden Don Senor Pablo von seinem Gefährten und untersuchte mit Menou, ob er Schaden gelitten. Sein Überrock war zerrissen, und aus beiden Schenkeln begann Blut zu fließen; sie waren durch die Geweihe des Hirsches aufgeschlitzt. Glücklicherweise war die Wunde nicht tief; sonst dürfte ihm sein Fehlschuß teuer zu stehen gekommen sein. Wir hoben ihn auf den Rücken des Pferdes und traten wieder den Heimweg an.

Es war Mitternacht, als wir mit dem toten Hirsche und dem verwundeten Don vor dem Gitter des Parkes anlangten. Eine weiße Gestalt im Fenster des Mexikaners verkündete, daß seine Gattin seiner noch warte. War es Vorgefühl oder gewöhnliche Weiberangst, sie kam die Stiegen herabgeflogen und mit dem Ausrufe: » Perdito!« fiel sie beinahe ohnmächtig vor der Haustüre nieder.

»Um Gotteswillen!« rief eine zweite weibliche Stimme, »ein Unglück! Ist's Howard?« –

Es war Luise, die atemlos aus ihrem Zimmer stürzte, im Schrecken und Nachtröckchen.

»Mein Gott, es ist nur der Mexikaner! Gott sei Dank!« lispelte sie.

»Dank, liebe Luise, für Ihre Unbarmherzigkeit; sie macht mich glücklich!« Mit diesen Worten schloß ich das Mädchen in meine Arme und drückte einen Kuß auf ihre Lippen.

»Bösewicht!« rief sie, ins Haus zurückeilend.

Ich folgte nun dem Zuge in die Zimmer des Mexikaners. Die bleiche Marmorgestalt seines Weibes hing über dem Verwundeten regungs- und bewußtlos. Es kostete Menou Mühe, sie von ihm zu bringen; doch der wohltätige Kreole war schnell. Wo er seine Chirurgie gelernt hat, weiß ich nicht; aber die Sicherheit, mit der er die Wunden ausschnitt, ausbrannte und auswusch, flößte wirklich Vertrauen ein. Sie waren nicht gefährlich, hätten es aber leicht bei der Hitze der Temperatur – der Thermometer schwankte zwischen 85 und 87 – und dem Umstande, daß sie von Hirschgeweihen herrührten, werden können. Nach einer halben Stunde trat er vor die bewußtlose Donna Isabelle und verkündete ihr im zuversichtlichsten Tone, daß ihr Mann in wenigen Tagen wieder hergestellt sein würde. Ich hatte während der Operation eines der Lichter gehalten, und konnte nicht umhin, die schöne Gestalt anzuschauen. Als ihr nun Menou die tröstende Nachricht verkündete, richtete sie ihre Augen mit einem so wahrhaft katholischen Blicke zum Himmel, daß ich herzlich den Heiligen beneidete, dem sie dankte. Als ich das Licht auf den Tisch stellte, fiel mein Auge auf ein herrliches Miniaturgemälde, das sie selbst vorstellte; daneben lagen Briefe an Don Manuel Miery Teran, Mariscal di Campo; zwei oder drei hatten die Aufschrift: Lieutenant-General.

Das war denn der berühmte Heerführer Mexikos, der zweite Würdige unter dem Generalgesindel dieser sein wollenden Republik. Ich ging gedankenvoll meinem Schlafzimmer zu. Allmählich drängte sich Luise aus dem Hintergrunde meiner Phantasie hervor; das liebliche Mädchen hat denn gewacht, unruhig gewacht! Auch sie hatte nicht schlafen können; auf das erste dunkle Gerücht von einem Unglücke hatte ihre beflügelte Furcht den Namen erpreßt, den sie im Herzen trug. Ich hatte während meines ganzen Hierseins gar nicht an Liebe gedacht; alles war so geschäftig in diesem Hause, so rührig, so beweglich! Man hatte gar nicht Zeit, auf sentimentale Gedanken zu kommen –, nun kamen sie aber doch. Es tut einem achtundzwanzigjährigen Hagestolz, der so viele Körbe bekommen hat, daß er damit einen mäßigen Handel treiben könnte, so wohl, sich im Herzen eines siebzehnjährigen Kindes gebettet zu wissen.

Sie konnte mich beim Frühstück gar nicht ansehen; aber dafür sah ich sie desto mehr. Wo waren doch meine Augen? Julie war allerdings zu korpulent für meinen Gout; aber Luise – sie ist ohne Widerrede ein ganz herrliches Mädchen, schlank, mit einer lieblichen Taille, nicht zu üppig, nicht zu brettern, Milch und Blut im Gesichtchen, aus dem Schalkheit, Wohlwollen und Häuslichkeit blicken, ganz vorzüglich schöne Hände, und ein Gestelle! – kurz ich wurde nachdenkend. Muß doch sehen, wie es zu Hause aussieht, murmelte ich.

»Wollen Sie mir gefälligst Ihren Wagen bis an den Fluß geben?« fragte ich den Kreolen.

»Von Herzen gern. Eine bloße Spazierfahrt, wenn ich fragen darf?«

»Nein, ein wenig weiter. Ich will sehen, was die Meinigen tun.«

»Uns verlassen?« schrie Luise, und etwas langsamer Julie und die Mama.

»Wenn Sie erlauben, so will ich in kurzer Zeit wieder so frei sein, Sie zu besuchen; aber für heute muß ich gehen.«

Die Rosen waren von den Wangen Luisens gewichen, sie wandte sich, und ich glaube, eine Träne perlte ihr in den Augen.

Wir saßen eine Viertelstunde, ohne daß ein Wort über unsere Lippen gekommen wäre. Der Kreole sprach endlich. »Sie schienen doch recht vergnügt bei uns; hat sich etwas zugetragen?«

»Etwas für mich sehr Wichtiges; ich muß wirklich sogleich fort«, war meine Antwort.

Luise war aus dem Saale geeilt; ich folgte ihr und fand sie ihrem Zimmer zuschwankend.

»Luise!« rief ich.

Sie weinte.

»Ich verlasse Sie heute.«

»So habe ich gehört.«

»Um mein Haus zu bestellen.«

»Mein Bruder tut ja dieses ohnehin«, lispelte sie; »warum uns verlassen?«

»Weil ich so bald als möglich ein ganz liebliches Zimmerchen brauche für mich und meine Luise. Wollen Sie mir in dieses als mein geliebtes Weib folgen?«

»Sprechen Sie den Papa«, lispelte sie, mit einem Freudenstrahle im lieblichen Gesichte, und dann ihren zitternd verschämten Blick auf den Boden heftend.

»Nehmen Sie sie, lieber Howard«, sprach der Papa, der uns auf dem Fuße gefolgt war. »Sie werden ein treffliches Weib haben.«

Luise sank mir in die Arme, und die nächste Stunde war ich auf dem Wege nach Hause.

So war ich denn verpfändet, und mein Hagestolztum näherte sich dem Ende. Die Wahl war vernünftig, das fühlte ich; Luise ist eines der trefflichsten Mädchen: züchtig, klug, tätig, reizend und munter; unter ihren Händen gedeiht, wächst alles; die Negerinnen behandelt sie wie Schwestern, die Männer wie Brüder. Alle diese Gründe jedoch waren mir erst jetzt klar geworden; noch gestern dachte ich des Mädchens so wenig wie des Großsultans; der Gedanke, sie zur Frau zu nehmen, war wie ein Lichtfunke durch mein Gehirn gefahren. Wird mich dieser Lichtfunke nie reuen? Ihre ersten Tage werden wahrlich keine Honigmonde in meiner Wildnis sein. –

Es war nachmittags vier Uhr, als ich in dieser anlangte. Beinahe wäre es mir wieder wie das letztemal gegangen; ich kannte meine Pflanzung nicht, wirklich nicht. Die ungeheuern von Sturm entwurzelten Stämme, die, acht bis zehn Fuß im Durchmesser dick, vor meiner Wohnung chaotisch gelegen, waren verschwunden; mein Garten neuerdings, nur vergrößert, mit einer eleganten Umzäunung versehen; um die Vorderseite des Hauses hatte sich eine Veranda erhoben, an der zwei fremde Schwarze arbeiteten.

Ich stieg aus; der junge Menou kam mir zufrieden lächelnd entgegen. Ich schüttelte ihm die wackere Hand und wies mit Verwunderung auf die Reformen.

»Das sind Kleinigkeiten; aber Ihre Kottonpresse kostete uns Arbeit; sie war ganz hin.«

Aus dieser tönte der Chorus von vierzig Stimmen im melancholischen Talla-i-hoe herüber.

»Und wie haben Sie diese Wunder alle ausführen können?« fragte ich erstaunt.

»Nun, Sie haben uns ja fünfzehn Leute gesandt, Vater lieh mir noch zehn der unsrigen, und so konnten wir schon etwas Tüchtiges leisten.«

Ich ging mit dankbewegtem Herzen durch die Geländer der Umzäunung der Veranda zu. Sie war im elegantesten Geschmacke errichtet; die Jalousien liefen acht Fuß hoch auf der Ost-, Süd- und Westseite des Hauses herum; die Nordseite war, wie gewöhnlich, frei geblieben. Der Saal war mit glänzend-blaßgelben Matten belegt; in der Einrichtung, meinte jedoch der junge Mann, hatte Papa nicht vorgreifen wollen; nur was zwei Zimmer betrifft, machten wir eine Ausnahme. Ich näherte mich voll Erwartens meinem Schlafzimmer! Prachtvoll! Ein allerliebstes Bett, und zwar ein doppeltes, als wenn sie die Katastrophe vorausgesehen hätten, mit allem Nötigen versehen; ein fünfzehnjähriges schwarzes Mädchen arbeitete noch an den Moschetto-Vorhängen, – das ganze Haus war wie durch einen Zauberschlag umgewandelt. –

»Und wer hat den Plan zur Einrichtung dieses Zimmers gegeben?«

»Das Mädchen ist Luisens Kammerzöfchen«, lachte Menou; »sie wird wohl vom Geiste ihrer Gebieterin inspiriert sein.«

Die alte Sibylle kam mittlerweile an der Spitze meiner Untertanen, die frisch, munter und jubelnd einhertanzten. Es waren zehn Bursche und fünf Mädchen darunter, die ich noch nicht kannte. Der junge Menou führte sie mir nun als die meinigen vor; sein Vater hatte sie für mich, der ich das Sklavenhandeln verabscheue, durch einen bewährten Freund einkaufen und hierher überschiffen lassen. Sie waren noch samt und sonders, so wie die Mädchen, ledig.

Ich blickte Menou bedenklich an. Die Kreolen erlauben ihren Negern gewisse Freiheiten, die unserm strenge sittlichen Gefühle schnurstracks entgegen sind. Jedes meiner Paare war verheiratet, und selbst in meiner tollen Wanderschaft hatte ich streng auf Zucht und Sitte gesehen. Der junge Mann beschwichtigte meine Zweifel; die Mädchen waren unterdessen in der ehemaligen Wohnung Mister Bleaks untergebracht, und die Burschen in zwei Häuserchen, die er bereits erbaut; acht andere waren im Baue begriffen. – So waren denn alle meine Wünsche erreicht, und ich stand im wohnlichsten Hause am Red-River. Ich segnete den Blitzesfunken.

»Ah!« sprach der junge Mann, »es sind mehrere Briefe an Sie eingelaufen, die ich im Drange der Geschäfte ganz vergessen habe, Ihnen zu senden.«

Ich erbrach sie. Es waren Briefe von Richard, der mich dringend bat, ihm sogleich das Vergnügen meines Besuches zu gewähren. In einem andern war er noch dringlicher und schien ganz verwundert, daß ich so häuslich geworden; in einem dritten war mir angekündigt, daß die schöne Emilie zurückgekehrt, und als Postskriptum war beigefügt, daß sie eine der Zierden Bostons, eine Cousine, mit sich gebracht.

Kein Wort jedoch wegen der aufgekündigten achttausend Dollars; das ist doch wirklich sonderbar! Richard ist doch nicht so indifferent für zeitliche Güter, da seinen Groll zu verscherzen, wo es seinen Beutel angreift! »Hier ist ein Punkt,« sprach ich zu dem jungen Manne, dem ich nicht gern eine Blöße geben wollte, »der meine augenblickliche Rückkehr in Ihres Vaters Haus erheischt.«

»Wirklich?« rief der junge Kreole verwundert aus.

»Ja, augenblicklich; ich höre soeben ein Dampfschiff heraufkommen; ich will sogleich fort.« – Er blickte mich verlegen an, Sibylle schüttelte den Kopf; aber es lag nun schon einmal in meiner ungeduldigen Natur: schnell oder gar nicht. Ich winkte mit dem Tuche; es war der nämliche Red-River, der mich vor acht Wochen nach Hause gebracht.

»Mister Howard!« rief der Kapitän fröhlich, »freut mich, Sie wieder auf meinem Verdecke zu sehen. Ihre Pflanzung sieht doch ganz prächtig seit acht Wochen aus; Sie sind ein wahrer Wundermann!«

»So halb und halb«, versetzte ich bescheidentlich.

Es liegt in unserer amerikanischen Natur etwas Gewisses, rein Praktisches, das uns vor allen Nationen der Welt auszeichnet, ein gewisser gerader, gesunder Menschenverstand, der durch allen Flitter hin auf das Reelle sieht, ein ehrenvoller, unabhängiger Geist, der nur dem Achtung zollt, der sie verdient. Der reichste Müßiggänger, der Hunderttausende in seinem Portefeuille mit sich führt, wird hier vergebens den Tribut erwarten, den ihm die Hälfte seines Reichtums in andern Ländern zuwege bringt. Kalt und stolz geht die Mehrzahl an ihm vorüber, um dem Minderbemittelten, der seinem Kopfe und seinen Händen sein Emporkommen verdankt, achtungsvoll ihre echt republikanische Huldigung zu zollen. Es ist dieser freie männliche Sinn, der in den letzten zehn Jahren die so gewaltige Staatsumwälzung zustande gebracht, das Joch unserer erbärmlichen Aristokratie abgeschüttelt, – unserer Freiheit eine gründliche Existenz gesichert hat. – Ich, der reisende, als reich geltende Pflanzer war kaum bisher beachtet gewesen, mein Aufseher galt mehr in den Augen meiner Mitbürger als ich selbst. Die Metamorphose auf meinem Besitztume hatte eine plötzliche Ideenrevolution hervorgebracht, und man drängte sich um mich herum und horchte jedem meiner Worte, als wäre ich einer unserer großen Reformatoren oder noch größeren Demagogen gewesen. Es tat mir ein bißchen wohl, das muß ich gestehen.

Auch diesmal langte ich morgens bei der lieben Familie an, aber der Wagen war vergessen, und ich, der ich die Strecke in raschem Trabe zurückgelegt, dachte mir meines künftigen Schwiegerpapas Residenz gute zehn Minuten vom Landungsplatze. Es dauerte eine gute Stunde, ehe ich vor dem Hause schweißtriefend zur Verwunderung aller anlangte.

»Und so schnell und so zeitig zurück? Doch kein Unglück gehabt?« fragten alle.

»Nein«, erwiderte ich trocken; »ich habe etwas vergessen.«

»Und was mag dies sein?«

»Meine Luise! Ja gewiß,« fuhr ich gerührt fort, »ich fand bei meiner Ankunft meine wüste Einöde in ein so liebliches Paradies verwandelt, daß ich nicht umhin konnte, sogleich zurückzueilen, um mein liebes Mädchen zu bewegen, es mit mir zu teilen. Morgen, so Gott will, gehen wir nach Neuorleans, um bei dem alten Pater Antoine und unserm werten Rektor vorzusprechen.«

»Aber es ist noch gar nichts gerüstet, keine Ausstattung fertig, nichts in der Welt«, fingen hier die Ma und Pa an; »lieber Howard, seien Sie doch nicht närrisch.«

»Unsere Yankeeinnen,« lachte ich, »wenn sie sechs Hemden und ein und ein halbes Kleid haben, hüpfen ins Brautbette, ohne sich zu bedenken.«

»Wohl, laßt ihm seinen Willen«, sprach Menou; »wir wollen schon sorgen, daß er nicht zu kurz kommt.«

»Apropos,« fragte ich, »wie ist es doch mit den achttausend Dollars?«

»Ich habe Sie bloß auf die Probe stellen wollen, ob Sie auch die Festigkeit haben, Ihr eigenes Glück zu wollen. Hätten Sie mir dieses verweigert, wahrlich, Luise sollte nicht die Ihrige geworden sein, und wenn Sie alle Pflanzungen am Mississippi gehabt hätten. Ich habe unterdessen das Geld vorgestreckt.«

Der Mann wird mit jeder Minute achtbarer. Dieser Abend verging mir als einer der seligsten, die ich noch verlebte.

Am Morgen fuhren wir dem Dampfschiffe zu. Die Mama war zurückgeblieben; Julie, wie es sich von selbst versteht, war zur Brautjungfer auserkoren. Gerne hätte ich als meinen Assistenten den jungen Menou gebeten; doch der war auf meiner Pflanzung vonnöten. Wir begrüßten ihn im Vorbeifahren und fuhren dann weiter. Zum ersten Male blickte ich ohne bitteres Gefühl auf das prachtvolle Schauspiel, das die reichen Ufer des gewaltigen Mississippi darbieten; diese herrlichen Wohnsitze der Pracht, so üppig, so friedlich aus den deliziösen Hainen von Feigen-, Orangen- und Zitronenbäumen hervorragend, den majestätischen Strom, der, mit Hunderten von Fahrzeugen bedeckt, den entferntesten Zonen unsere Produkte zuführt, – die rastlose Tätigkeit von Tausenden, die so friedlich, so verträglich unter der göttlichen Freiheit Banner Glück und Segen sucht und findet! Ja, es ist ein erhebender Anblick, diese Paläste Hunderte von Meilen sich aneinander reihen zu sehen, wenn man an die Zeit zurückdenkt, wo das ganze Tal ein endloser Sumpf gewesen. Und diese Zeit habe ich in meinen jungen Tagen gesehen!

Es war ein heiterer Morgen, der uns zwanzig Stunden nach unserer Abfahrt in die Hauptstadt unseres Staates brachte. Wir waren bei der Schwester Menous abgestiegen. Ich eilte soeben zu dem wahrhaft ehrwürdigen Pater Antoine und dem nicht minder ehrwürdigen Rektor, als ich an der Ecke der Kathedrale mich am Arme ergriffen fühlte.

»Soeben recht, Richard«, sprach ich; »willst du mich im Merchants-Coffeehouse erwarten? Ich bin in einer kleinen Viertelstunde dort.«

»Aber warum diese Eile?«

»Frage nicht und warte.«

Wir schieden. Vater Antoine lächelte und der gute Rektor auch, als ich sie zu Madame beschied. Ich eilte, um Richard abzuholen.

»Weißt du, daß Klara schrecklich mit dir zanken wird; du magst dich nur zusammennehmen. Arthurine Macpherson ist ein ganz herrliches Geschöpf, und sie hält viel auf Klara.«

»Ja, weißt du, daß ich im Ernste gesonnen bin, mein Hagestolztum aufzugeben?«

»Wohl, wollen sehen; wenn du dich gut aufführst, so – wollen wir dich ein zweites Mal –«

»Prellen«, dachte ich. –

Wir waren an der Türschwelle angekommen. Mein alter Freund sah ein wenig betroffen darein, als er Luise erblickte, und Pater Antoine und The Reverend ihre Glückwünsche begannen. Ich lächelte ein wenig boshaft, und in wenig Minuten war ich der glückliche Gatte Luisens.

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