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Brautfahrten

Charles Sealsfield: Brautfahrten - Kapitel 4
Quellenangabe
authorCharles Sealsfield
titleBrautfahrten
publisherGeorg Müller
yearo.J.
editorHeinrich Conrad
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180712
projectid9f98f819
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III.
Zu spät gekommen.

Endlich einmal tauchten sie auf, die heimatlichen Ufer, mit ihren gewaltigen Kränzen von Liveoaks Liveoaks, Immergrün, Eichen; das beste, dauerhafteste und zäheste Schiffsbauholz, von der Marine der V. St. ausschließlich benutzt., so herrlich umschlungen von beinahe mannsdicken Reben, in deren Schatten wir uns so oft ergangen! Cäsar wird immer unruhiger und überläßt sich Freudenausbrüchen, die die Hälfte unserer Schiffsgesellschaft vom Verdecke wegscheuchen. Das edle Tier hatte sich ungemein gut während der ersten acht Tage unserer Fahrt betragen; es war so müde; kaum konnte es ein Glied bewegen, als wir Florence verließen. Nun hat es sich wieder erholt, und seine Munterkeit fängt an, lästig zu werden. Bereits seit einer Stunde hatte ich ihn in seinem Verließe zu bewachen und ihm zu schmeicheln, sonst würde der Tollkopf sicher durchgebrochen sein; zum nicht geringen Schrecken zweier Damen, die, bis zum Kinn in ihren Schals steckend, gewaltiges Ärgernis zu nehmen schienen. Mit Richard war nun nichts anzufangen, das sah ich deutlich. Seit dem frühesten Morgen war kein Wort mehr aus ihm herauszubringen; auf das linke Ufer hinstarrend, schwelgt er bereits im Vorgefühl der Wonne, die seine Ankunft verursachen wird. Ein Besuch bei seinen Eltern hat ihn nun über vier Monate von Hause und seinem reizenden Weibe entfernt gehalten: und er war noch nicht volle sechs Monate vermählt, als er abreiste. – Glücklicher Mensch! Welch ein süßes Gefühl ist die Heimat, dieser Ruheort für den Müden, dies Paradies seiner irdischen Freuden, wenn ein gleichgesinntes Wesen unserer Ankunft entgegenharrt, wenn ein zartfühlender Busen höher schlägt und lauter klopft, sowie unsere Fußtritte nahen! – Leider habe ich diese Freuden nie gefühlt. Meine Heimat haben Fremdlinge inne; bloß die kalten Herzen von Mietlingen und Sklaven warten meiner. Das Gefühl meiner Verlassenheit ergriff mich nie so bitter, so wehmutsvoll, als in diesem Augenblicke; es war, als ob schneidende Schwerter durch mein Inneres zuckten. Cäsar brach neuerdings in ein wildes Toben und Stampfen aus. Selbst der hat eine Heimat; er hat sie nicht vergessen, die Eingangslaube von Chinabäumen mit ihren leichten und glänzenden Blättern und den Tausenden ihrer Blüten und Beeren, wie sie in der Morgensonne erglänzen, als ob sie von dem Atem eines Zauberers angehaucht wären. Und seine Grüße, sie werden von einer ganzen Koppel Hunde beantwortet. Es ist Aufruhr in der ganzen Pflanzung. Zuerst gucken ein paar rabenschwarze Wollköpfe hinter der Orangenlaube hervor und verschwinden ebenso schnell; dann kommt eine Herde klaffender Hunde, die etwas zu wittern scheinen. Sie locken eine Truppe von Knaben und Mädchen herbei, die sich ohne weitere Umstände auf ihre Rücken pflanzen und dafür tüchtig heruntergeworfen werden. Diesen folgen ihre erwachseneren Brüder und Schwestern, und endlich die ganze Sippschaft Chams. Doch nun fliegt eines der lieblichsten Wesen durch die Tür und die Terrasse herab, dem Laubengange zu, augenscheinlich vom Dampfschiffe etwas erwartend. Sie scheint noch immer im Zweifel: man sieht es, mit welch reizender Ungeduld sie dem Boote entgegensieht, das, zu langsam für das süße Weib, sich nun dem Ufer zuwendet. Wie sie eilig hin und wieder trippelt, als wollte sie die Eile des Schiffes durch ihre Bewegung beschleunigen und ihm Schnellkraft geben! – Es ist Klara, das reizende Weib meines Freundes. Beneidenswerter Junge! Eine Träne zittert in seinem Auge, als er diese reizende Hälfte seines Ichs und ihre reizendere Ungeduld ersieht. Dreimal war sie aus der Laube hervorgekommen; nun erscheint sie ein viertes Mal, dem Ufer zu- und wieder zurückeilend, und gleichsam schmollend über die unausstehliche Langsamkeit des Schiffes. Endlich hat es angelegt, die Brücke ist geworfen, und Richard rennt – fliegt aufs Ufer. Sie kann nicht widerstehen; sie eilt aus der Laube; einen Augenblick länger – und sie liegt in seinen Armen; zieht ihn jedoch – des Weibes Zartgefühl ist stets rege – verschämt ins Innere der duftenden Verborgenheit. Mein Auge folgte den Glücklichen und flog dann über meine Reisegefährten, die still und beinahe ehrfurchtsvoll dem holden Bilde der Vereinigung zugesehen hatten. Selbst die rohen Schiffsleute schienen gerührt; kein grober Scherz, kein hämisches Lächeln entfuhr ihnen. Die reine eheliche Liebe zweier Neuvermählten hat etwas so rührend Zartes, daß selbst gröbere Seelen sich ergriffen fühlen. Ich Verlassener stand wie ein armer Sünder da, schüttelte dann dem Kapitän und meinen Reisegefährten die Hände, schickte Cäsar und die Gig ans Ufer und folgte. Die treuen Hunde sprangen bellend und tobend um mich herum, gleichsam als erwarteten sie von mir, was ihnen ihr Herr im Drange seiner Liebe versagte, einen freundlichen Gruß. Und mit ihnen ein Dutzend Wollköpfe jeden Alters, vom zweijährigen Wechselbalge bis zum erwachsenen Mädchen. Wie sie sich herandrängen die kleinen Schelme, umherpurzeln vor Freude und jauchzend aufspringen, um dann bittend die Hände emporzuhalten. Ich weiß, was sie wollen: ein Escalin Escalin, Schilling, 12½ Cents, so in Louisiana genannt. ist das ersehnte Ziel ihrer Wünsche. Sie soll ihnen nicht fehlen, die kleine Gabe, die sie einige Tage glücklich machen wird.

Ja, glücklich ihr, die ihr das Herbe eurer Lage noch nicht fühlt, die ihr das Schreckliche des Fluches ewiger Sklaverei noch nicht empfunden habt! Und zweimal glücklich, wenn das Schicksal euch erlaubt, in harmloser Unwissenheit dem Tage entgegenzuharren, der auch euch in die Zahl freier Wesen versetzen wird. Ja, er wird kommen, dieser Tag, der uns gestatten wird, das zu versöhnen, was unserer Väter Machthaber an euch verbrochen haben.

Sonderbar! der Anblick der fröhlichen Wesen, die um mich herumgaukeln, hat mich ernst gestimmt. Es ist Zeit, meine Freunde zu sehen; doch die ersten Augenblicke des Wiedersehens sind so kostbar, so süß! Ich muß noch warten. Wie vieles mögen sie sich zu sagen haben, das dem Ohre selbst des Freundes verborgen bleiben muß! Ich steige die Treppe hinan und verweile auf der Terrasse. Noch eine Weile. Ich nähere mich der Türe. Beinahe scheint es, als ob ich überflüssig sei. Wieder halte ich. Endlich fällt meine Hand auf den Drücker, die Türe geht auf. Ich sehe sie beide. Arm in Arm verschlungen, ohne gesehen oder bemerkt zu werden. Ich will mich zurückziehen. Doch nein – solch ein Anblick ist nicht oft wieder zu sehen. Wie sie sich umschlungen halten! Es ist ein herrliches Paar! Er eine wahre Apollogestalt, mit einer Adlernase, feurig schwarzen Augen, in denen man sich nicht satt sehen kann, denn mit jedem Blicke sieht man tiefer in eine freie Seele, die ein wenig stolz und selbstbewußt, aber männlich und fest ist. Als er so dastand, sein Weib in seine Arme geschlossen, seine Lippen an die ihrigen gepreßt. – Sie das Modell einer Hebe, mit den sanften, weichen und doch so begehrenden, mädchenhaften Zügen, wie sie so dastand oder vielmehr hing in seinen Armen, zu ihm aufblickend mit dem reizend vertrauenden Gesichte, ihr ganzes Wesen zitternd vor Freude und süßem Verlangen! Ich wollte, ich hätte sie nicht unterbrochen. Sie sahen mich jedoch nicht; sie hatten zuviel an sich zu sehen. Sein Auge schien nun etwas zu suchen; er blickte im Zimmer umher, und sie, mit Erröten seine Hand fassend, führte ihn durch die Flügeltüren, durch die Polly soeben tanzt, einen kleinen Engel im Arme.

Der dreimal Glückliche! Er fiel über das arme Mädchen gleich einem Rasenden her, und bei einem Haare wäre ihr die süße Bürde entwischt. Er fing sie jedoch auf, hob sie in seine Arme, und nun begann ein Tanz im Zimmer, ein Tanz, den der trockenste Quäker lieblich gefunden haben müßte, vorausgesetzt, es schlage ein Herz an der linken Seite und kein Dollarbeutel. Wieder umschloß er sein Weib, und sofort überhäufte das liebliche Paar den jungen Bürger mit so ungestümen und zahlreichen Beweisen seiner elterlichen Zärtlichkeit, daß er zuletzt in die lautesten Protestationen mittels Zappelns und Weinens ausbrach.

Wenn je eine Szene mich mein Hagestolztum bedauern ließ und die Grundlage zu veränderten Gesinnungen wurde, so waren es diese fünfzehn Minuten; denn volle fünfzehn Minuten dauerte es, ehe mein wertes Selbst in Betrachtung gezogen wurde. Ich schüttelte noch die Hand Klaras, als Mappa, der Leibkutscher beider Herrschaften, in die Stube trat. »Die Pferde sind angespannt«, meldete der schwarze Squire.

»Du weißt noch nicht,« lispelte sie, »daß sie heute in der Helen Mc. Gregor Name eines Dampfschiffes. nach dem Norden aufbricht. Ich war soeben im Begriffe, ihr Lebewohl zu sagen; doch deine Ankunft änderte dies, und sie wird entschuldigen, wenn sie hört –«

»Sie wird nicht«, versetzte Richard; »nein, wir müssen sie sehen. Sie würde es uns nie verzeihen.«

»Aber du bist so müde?«

»Wie sollte ich auch. Ich komme soeben vom Dampfschiffe, und wenn ich's wäre, so würde dies mich keineswegs abhalten, die Busenfreundin meiner Klara zu sehen, der ich so vieles verdanke.«

»Ja, und einen besorgten Anwalt hattest du,« drohte sie mit ihrem Finger, »und hätte sie nicht ewig von dir geschwatzt, der Himmel weiß, was geschehen wäre. Doch,« fügte sie im leisern Tone hinzu, »ich habe Gleiches mit Gleichem vergolten: sie ist versprochen.«

»Du schriebst mir von dem Plane der Tante«, entgegnete Richard ebenso leise. »Ich hoffe jedoch, die Sache sei noch nicht so weit gediehen.«

»Sie ist es – doch, du wirst hören. Ihr habt eine halbe Stunde zum Umkleiden und eine andere zum Luncheon; Luncheon, ein Imbiß, vor dem Mittagessen genommen, besteht gewöhnlich aus kalten Speisen. das Dampfschiff wird um vier Uhr erwartet.«

»Und was mit Howard tun?« wisperte er ihr zu; »du kennst seine Abneigung gegen die Tante. Ich zweifle, daß du etwas in diesem Punkte ausrichtest.«

»Er gegen die Tante aufgebracht?« wisperte sie. »Du machst mich staunen; das ist etwas ganz Neues. Und sie ist doch so ganz sein Bewunderer, beinahe sollte ich glauben, sie habe –«

»Da steckt der Haken.«

Sie sann eine Weile nach, nickte zuversichtlich und lispelte dann: »Er muß mit.«

Und mit diesen Worten kam sie auf mich zugetrippelt. Ich hatte kein Wort von der Unterredung verloren und dachte: komme nur, du sollst mich so ledern finden, als Mister Shifty nassen Andenkens.

»Sie sind doch von der Partie zur Tante?« fragte sie mit dem einschmeichelndsten Lächeln, während sie meine Hand ergriff.

»Nicht für diesmal«, war meine Antwort; ich bin froh, daß wir im Hafen eingelaufen sind.«

»Selbst dann nicht, wenn ich Sie einer Schönheit zuführe, einer Schönheit, die Verstand hat, Verstand wie ein gewisser Mister Howard?«

»Danke für das Kompliment; es ist ein armseliges.«

»Es sind ja bloß vier Meilen.«

»Zuviel, wenn es nur so viele Ruten wären.«

»Wie Sie doch so nüchtern und amphibiös sein können. Ein wahrer Hagestolz. Wollen Sie selbst dann nicht gehen, wenn ich Ihnen sage, wem ich Sie zuführe?«

»Nein, meine schöne Dame.«

»Ihre Hartnäckigkeit ist wirklich impertinent. Wollen Sie selbst nicht gehen, um Emilie Warrens zu sehen?«

»Sie gehen, Emilie Warrens zu sehen?« fiel ich ziemlich rasch ein. »Wie? ich dachte, sie wäre in Neuorleans?«

»Der Wind ändert sich erstaunlich«, bemerkte Klara trocken, ihrem Manne sich zuwendend.

Ich sah darein, als hörte ich sie nicht; aber die Lockspeise hatte gefangen. Und war es ein Wunder nach den Szenen, die ich soeben gesehen? Richard hatte von eben dieser Emilie stets in so hoher Begeisterung gesprochen; er, der so kühl, so gemäßigt, so geizig in seinem Lobe war, wenn es dem anderen Geschlechte galt. War es ein Wunder, wenn meine Neugierde, mein Interesse aufgeregt waren? Aber dann die unglückselige Mistreß Houston mit ihrer verfolgenden – Liebe kann ich's nicht nennen. Dieses langbeinige Ding, hager, mager, mit Armen und Beinen wie ein Hochländer, und hervorragenden Backenknochen; eine leibhafte Clansgenossin Clan: Stamm, also Stammgenossin der Hochlandbewohner.; dabei flach wie unsere Breithörner oder Flachboote. Sie ist das unausstehlichste Wesen, das je in Petticoats Petticoats, Unterröckchen; weibliche Kleidung überhaupt, scherzweise genannt. gesteckt; das Beste an ihr sind noch ihre fünfundvierzig Jahre. Freilich hat sie einige gute Seiten: sie ist sehr reich, sehr respektabel, wie es sich von selbst versteht, und sehr rationell, einen einzigen Punkt ausgenommen. – Ihre Baumwolle ist beinahe Sea islands Sea islands : die berühmte Baumwolle der Inseln Georgiens., aber ihre armen Neger! Potemkin übte nicht größere Zwingherrschaft über die bärtigen Subjekte Ihrer Moskowitischen Majestät, als der gallsüchtige Mister Twang über die Körper dieser armen Teufel. Und dann ihre Züge, besonders wenn sie sich in Haß oder Hohn falten, wenn ihr so ein armer Wicht zur unrechten Zeit unter die Augen tritt. Ihr ganzes Wesen verrät dann Abscheu; es ist häßlich, beinahe grausig. – Und in diesen Händen ist Emilie? fragte ich mich zehnmal. Ich war vorzüglich ihr zuliebe nach Hause zurückgekehrt; sie hatte meine Neugierde zu kitzeln angefangen, und nun ich sie kennen lernen sollte, ist sie wieder auf dem Sprunge, in die weite Welt zu segeln. Mir war nicht wohl zumute. Mädchennarr, wie ich war, es ahnte mir, ich sollte zuletzt leer ausgehen. Ich sann und sann, ganz vergessend, daß Richard und seine Frau schon fünf Minuten vor mir standen, sich bedeutsame Blicke zuwerfend.

»Ich sehe wohl,« sprach sie mit einem sonderbar spitzen Lächeln, »daß Sie nicht zu bewegen sind.«

»Je nun, Sie zu verbinden, will ich mit; doch, aufrichtig gesagt, bloß um Sie zu verbinden.«

»Es wäre wirklich unzart, ein so großes Opfer von Ihnen zu verlangen«, erwiderten die ehelichen Verbündeten mit einem Gelächter, das mich so ziemlich als einen Hasenfuß bezeichnete.

In einer halben Stunde waren wir mit unserer Toilette fertig, in einer zweiten war das Luncheon genommen, und dann setzten wir uns, besiegt von der weiblichen Diplomatie, in den Wagen.

In einem Wagen mit einem kaum zwölf Monate zusammengefügten und sich herzlich liebenden Paare zu sitzen, das sich die letzten vier Monate nicht gesehen hat, ist eben nicht sehr zeitvertreibend. Die jungen Leute haben sich so viel zu sagen, so viele Geheimnisse zuzuflüstern, kurz, selbst die philantropischsten sind so haushälterisch mit jeder Sekunde, so selbstsüchtig, daß einem dritten kaum etwas anderes zu tun übrig bleibt, als – nichts zu tun, und eine stumme Rolle zu spielen. Ich konnte mich selbst nicht an meinen jungen Mitbürger halten, der in Pollys Armen lag, da er so oft hin und wieder passierte, daß es vergeblich gewesen wäre, mich mit ihm befassen zu wollen; so war ich denn gezwungen, meine Aufmerksamkeit ins Weite, nämlich auf den Mississippi, zu richten.

Ja, es ist ein großartiger Anblick, dieser Mississippi, zu allen Zeiten, aber besonders, wenn er, wie jetzt, bis an den Rand gefüllt ist! Man behauptet, er sei hier am tiefsten, und ich bin selbst der Meinung; denn weiter unten sind die Bayous, die einen bedeutenden Teil seiner Gewässer abführen. Der Strom ist beiläufig zehn Fuß gestiegen und die Strömung äußerst schnell. Ich sehe ihn gerne voll, den majestätischen Vater der Flüsse, oder wie ihn die Indianer nennen, den endlosen Strom Diesen Namen verdient er gewissermaßen, da er, den Missouri mit eingeschlossen, über 4000 Meilen lang ist., und empfinde stets ein gewisses Mißbehagen, wenn ich ihn im niedern Wasserstande mit seinen fünfzig bis sechzig Fuß hohen hohlen Schlammufern erblicke. Die Hitze wird jedoch drückend, und die Moschettos scheinen unser verdicktes Blut zu wittern: bereits die dritte hat mich gestochen. Wir haben eine dritte Pflanzung passiert. Ein herrlicher Anblick, dieses Haus mit seinen zwanzig Hütten, in einem Walde von China-, Tulpen-, Orangen-, Feigen- und Zitronenbäumen begraben; besonders die ersten sind so lieblich anzuschauen mit ihren weißen Blüten und gelblichen Beeren, die die ganze Baumkrone bedecken und sich im Verlaufe weniger Wochen röten, wo sie dann Millionen glänzender Rubinen gleichen, den Rotkehlchen zum Labsal und Verderben. Tausende dieser treuherzigen Tiere schwärmen dann und nisten an nebligen Herbstmorgen in dem Gezweige, und ertränken im Safte der Beeren ihre winzigen Sinne, und purzeln umher und treiben närrisches Zeug – die lieblichsten Trunkenbolde, die man nur sehen kann.

Als wir so am breiten Uferrande hinrollten, den Mississippi zur Linken, die weißen Zäune mit den unabsehbaren Kottonpflanzungen zur Rechten, im Rücken die kolossalen Zypressen- und Zedernwälder, wurde mir beinahe schwindlig vom langen Dahinstarren, und Landhäuser, Felder und Wälder schienen dem mexikanischen Busen zuzufließen. Die Stimme Richards weckte mich aus meinen Träumen; wir waren vor der Pflanzung der Mistreß Houston.

So werden wir denn dieses Wunder weiblicher Vollkommenheit sehen, der so viele Huldigungen dargebracht werden? Eine Reihe von wenigstens zwanzig glänzenden London-Gigs mit einer gleichen Anzahl von Reitpferden halten im Hofe unter den Bäumen. Wir steigen sofort ab, übersehen unsere Anzüge, setzen zurecht, was die kurze Fahrt unrecht gesetzt, und steigen die Stufen hinan. Die Halle ist voll von Bedienten, der Saal voller Gäste, die natürlich gekommen, der nordischen Schönheit Lebewohl zu sagen. Doch weder sie noch Mistreß Houston ist zugegen. Ich kann mich eines Lächelns nicht erwehren über die drollige Wichtigkeit, mit der die Frau meines Freundes nach der Türe deutet, und dann mit einem herablassenden, beifälligen Lächeln hindurchschlüpft. Zugleich beginnt eine unendliche Ungeduld sich in mir zu regen. Nichts ist unausstehlicher, als auf den Fittichen der Sehnsucht herbeizueilen, jeden Augenblick verlangend zu zählen und dann auf Geduld verwiesen zu werden oder, was noch ärger ist, auf ein Dutzend alter Gesichter, die wir ohne Herzeleid achtzehn Monate entbehrt haben, und denen wir nun recht freudestrahlend in die Augen sehen und ihnen eine halbe Stunde hindurch wiederholen müssen, wie sehr es uns freue, sie zu sehen, und wie das Wetter so schön sei. Doch es läßt sich nicht vermeiden, und so beginnen wir denn ganz gemächlich unsere Tour in der Runde, zuerst bei den Damen, wie es sich von selbst versteht, und dann bei den Herren, in echter Yankeemanier.

Ich hatte so das zehnte Individuum abgefertigt, als Richard auf einmal meine Hand erfaßte und mich einem ältlichen Gentleman zuzog, der am obern Ende des Drawing room stand. Unglücklicherweise war die Zeremonie des Aufführens so schnell vor sich gegangen, daß ich den Namen der werten Personage ganz überhörte. Er war so erfreut, lautete seine Formula, die Bekanntschaft eines Mannes zu machen, von dem seine Freunde so viel Rühmliches erwähnt.

Ich verbeugte mich pflichtschuldigst; meine Verbeugung mußte aber sehr steif ausgefallen sein. Ich sah mich nach Richard um; er war verschwunden. Ich blickte den Gentleman an, er mich, und so verwirrt war ich, daß ich kein Wort finden konnte. Ich weiß nicht, was es war, das mir jedes Wort an die Zunge kleben machte; so verwünscht steif und starr und stattlich und abgemessen stand er vor mir; ein spanischer Grande war ein französischer Tanzmeister im Vergleiche. Und diese ernsten, trockenen, scharfen Gesichtszüge, diese spitze Nase, mit den blauen, tiefliegenden, starr fixierenden Augen, – sie scheinen ins Innerste zu bohren! Es lag etwas Gutmütiges, aber zugleich etwas unbezwingbar Starres darin. Ein Yankee der alten Schule, ganz wie er leibt und lebt. – Ich muß recht erbärmlich vor ihm gestanden sein, da ich, statt Antwort zu geben, sein ganzes Gestelle abmaß, als wollte ich ihn abzeichnen, – auf seine gepuderten Haare, den Haarzopf, die seidenen kurzen Unterbeinkleider herabsah, die Schuhe mit den goldenen Schnallen musterte und mir doch kein Sterbenswörtchen einfiel. Ich wollte bereits um Vergebung bitten, seinen Namen überhört zu haben, als Ralph Doughby seine Hand auf meine Schulter legte. Beinahe hätte ich es ihm Dank gewußt, so wenig ich übrigens den gar zu derben Schwenkflügel leiden mochte. Ehe ich mich umsah, hatte der Mann seine Verbeugung gemacht und mich, den Tropf – so mußte er notwendig denken – stehen gelassen. So geht es achtundzwanzigjährigen Hagestolzen, die auf die Mädchenschau ausgehen. Ich hatte einige Mühe, den Hasenfuß, ich meine Doughby, aus seinem zwölf Zoll hohen Halskragen – und dem Carterschen Fracke und Pantalons herauszufinden, mit denen er sich während seiner Neuyorker Tour ausgerüstet. Bei dem kommen die Flegeljahre ganz verkehrt; gewöhnlich fangen sie mit achtzehn bei uns an und enden mit vierundzwanzig. Wer hätte aber das an unserm Doughby vermuten sollen, als er noch vor zwei Jahren steif und bedächtlich mit der Peitsche hinter seinen armen Negern einhertrabte? Selbst einen Aufseher zu halten, war er zu knauserig. Und nun ist er einer unserer Fashionables in echter Unter-Mississippi-Manier, der seine zehn Gläser Sling oder halb so viele Bouteillen Chambertin aussticht, seine Ecarté mit Grazie bis Mitternacht spielt und mit derselben Grazie einen Wollkopf zu Boden schlägt. Es scheint, er hat sich recht methodisch zum Lebemann vorbereitet, und physische und moralische Kräfte gesammelt, und nun gilt er für einen unsersgleichen, denn er hatte die Klugheit, zusammenzuhalten, bis seine Batzen vollzählig waren. Möchte nur wissen, ob auch er gekommen ist – Emilie Lebewohl zu sagen. Sollte sie an seiner Bekanntschaft während ihres Hierseins Geschmack gefunden haben? Das wäre gerade keine besondere Empfehlung für ihren Sagazitätssinn. Es muß etwas dergleichen sein; der gute Ralph ist wie zu Hause.

Der Gedanke fängt an, mich allmählich zu drücken, während ich meinem Nachbar, der jedoch glücklicherweise hundertfünfzig Meilen von mir wohnt, über seine vorteilhafte Metamorphose mein Kompliment mache. Und der Ignoramus nimmt es für bare Münze und wirft sich auf und geruht beinahe protegierend zu werden. Gott sei Dank, er geht; doch was nachkommt, ist nicht besser. Ein ganzer Schwarm Politiker, denen die letzte Gouverneurs- und Präsidentenwahl die Rechnung verdorben. Die guten Leute sind steif der Meinung, daß unseres Louisianas Ehre dahin ist, wenn nicht einer aus ihnen das Ruder führt. Auf die armen Kreolen sind sie schlimm zu sprechen.

Ich war eben daran, meine nagelneuen politischen Entdeckungen den Herren zum besten zu geben, als plötzlich die Flügeltüren sich öffneten, und ein Zug von Damen hereinschwirrte. Zuerst eine unbekannte Gestalt am Arme Klaras, dann Mistreß Houston und Kompagnie. Doch diese Unbekannte, sie ist zweifelsohne Emilie. Was will aber dieser Doughby bei ihr? Er poltert auf sie zu, als ob sie bereits die Seinige wäre. Und sie? Wahrlich, ich weiß nicht, wie mir wird! Ist es Überraschung oder Eifersucht auf Doughby? Aber es wird mir grün und gelb vor den Augen. Sie verbeugt sich zur Gesellschaft und spricht mit dem steifen Gentleman; jetzt wendet sie sich zu mir. Mein Gott! Mistreß Houston steht diese halbe Minute vor mir und erkundigt sich nach meinem Befinden; ich starre auf Emilien und, was schlimmer ist, brumme der Dame in ihrem eigenen Hause zu: »Ich bin sehr erfreut, Sie zu sehen.« Wohl, wenn die nicht den Star hat, dann wird es saubere Geschichten geben; denn auf die Zungenspitze dieser personifizierten Chronique scandaleuse zu geraten, und die Tour unserer zwölfhundert Zeitungen zu machen, ist ein und dasselbe. Und noch dazu schiebe ich sie höflichst auf die Seite, um mir nicht die Aussicht auf Emilie zu verderben, die, wie ich bemerke, auf mich zuschwebt. Jawohl, sie schwebt – ihr Schritt ist so leicht, beinahe tanzend, und doch so fest und bestimmt! Keine Ziererei, nicht der mindeste Zwang in ihren Bewegungen, die zarteste Lebendigkeit und doch die bescheidenste Grazie. Ihr Wuchs etwas über die Mittelgröße, die Gestalt ein Modell der Symmetrie, so schlank und doch so abgerundet, so elastisch und so ätherisch! Und diese prachtvollen, tiefblauen Augen, die einen mit solch wunderbarlichem Vertrauen anblicken, gleichsam als wollten sie sagen: ich weiß, du bist mir gut. Diese Augen, die so zuversichtlich und doch wieder so prüfend auf einem ruhen, gerade lang genug, um ihn zu überzeugen, daß er eines längern Blickes würdig erachtet, und doch wieder nicht lange genug, um Hoffnung einzuflößen; der wahrhaft mädchenhafte, reine Ausdruck dieser Augen, der von dem bezauberndsten Glanz so unmerklich in sinnenden Ernst verschmilzt – ich werde sie nie vergessen! Und dieser Teint so rein, die Rosen auf Liliengrunde! Es ist das frischeste, lieblichste, verständigste Gesicht, das mir je vorgekommen ist. Ja, sie ist wirklich ein reizendes Mädchen, nie sah ich ein so offenes und wieder so intellektuelles Wesen. Das Gesicht ist eines Lebensstudiums wert! – Sie spricht mit Richard und seiner Frau, die Hände in die ihrigen verschlungen. »Wir haben lange und verlangend auf Sie gewartet«, lispelte sie, während ihre Augen in sinnendem Ernste auf ihn gerichtet waren.

»Ich hoffe, ich bin nicht zu spät gekommen?« erwiderte Richard.

Sie gab keine Antwort, aber diese funkelnden Augen schienen feucht zu werden, sie schienen zu sagen: jawohl, zu spät.

»Wenn ich zu spät gekommen, dann bist du schuld daran«, sprach Richard, sich zu mir wendend.

Ich war einem Träumenden gleich dagestanden. Ich hörte nicht, ich sah nicht, nur abgebrochene Schalle drangen in mein Pericranium.

»George ist wieder einmal in seinen Träumen«, sprach Richard, meine Hand mit seiner Linken ergreifend und mich näher zu dem Kreise ziehend.

Ich blickte auf; sie stand vor mir in unaussprechlichem Reize.

»Hast du die schweren Klagen wohl gehört, die soeben gegen dich erhoben wurden?« fragte er. »Die zweihundert Meilen, die ich zweimal zu fahren hatte, dich von deinen Wanderungen aufzulesen und wieder heimzuführen, dürften leicht Herzenswehen verursachen.«

»Herzenswehen?« fragte ich. »Und wer fühlt diese?«

Das Auge Emiliens ruhte auf mir. »Mister Howard«, sprach sie, »hat wirklich Ursache, stolz auf die Liebe und Achtung seiner Freunde zu sein.«

Die ersten Worte, die sie an mich gerichtet. Aber welche Stimme, welche Töne! Was sind Garcias Töne gegen diese? Und dieser Mund, wie himmlisch er sich öffnet! Und diese Reihen von Perlenzähnen! Ich konnte mich nicht satt genug an ihr sehen. Ich hätte vieles gegeben – und ich gebe nicht gern – diese Zähne noch einmal zu sehen; doch der Knall zweier Gewehre ließ sich nun hören und das Geheul der Neger. »Das Dampfschiff!« rief Mistreß Houston mit ihrer klaffenden Stimme. »Das Dampfschiff!« wiederholte ich in Verzweiflung. Die alte Dame warf einen höhnisch triumphierenden Blick auf mich. – »Emilie!« sprach ich, und die Worte erstarben mir auf der Zunge; »Emilie!« und zu gleicher Zeit preßte ich wütend ihre Hand. Sie blickte mich gleichsam verwundert an; sie mußte in meinem Gesicht gelesen haben, was in meinem Innern vorging. Und nun die verwünschte Helen McGregor, wie eine Anakonda zischend; sie ist bereits zu hören, trotz dem Brüllen der Neger. Und Mistreß Houston – wahrscheinlich, um die Qualen des Abschiednehmens soviel wie möglich zu verkürzen, sich heiser gellend! – Doch was hat das zu bedeuten? Ralph Doughby rollt mit ihr einen Schal auf, schiebt den alten gepuderten Gentleman auf die Seite, wie er es mit einem Kottonballen tun würde, – wirft das Seidentuch Emilie über die Schulter; er reißt beinahe die Spitzen von ihrem Halse. Das ist's also – da geht es hinaus? Wohl, nun weiß ich, woran ich bin, und herzlich froh bin ich. Was ist mir Emilie Warren? Ein schöner Traum und nichts mehr. Ich bin erwacht, und hoffe auch dieses zu überstehen; sie ist nicht meine erste, und ich hoffe, auch nicht meine letzte Liebe. Ein alter Praktikus von achtundzwanzig Jahren wird sich um solche Kleinigkeiten nicht den Hals abreißen. Elende Tröstungen! Während mir diese Maximen grober Liebesphilosophie durch den Sinn schwirren, hätte ich Ralph Doughby, der ihr nun seinen Arm anbot, ganz gemütlich erwürgen können. Ja, er führt sie wirklich auf das Dampfboot, und mir fällt Mistreß Houston zu. Anstatt ihr den Arm anzubieten, faßte ich den ihrigen, und so ziehen wir denn fort. Was ich sagte, weiß ich bis auf diesen Tag noch nicht; es muß jedoch etwas Heilloses gewesen sein; sie schrie beinahe laut auf. Ihre gellende Stimme brachte mich endlich zum Bewußtsein, und ihr süßlich-giftiger Blick kühlte allmählich meine Leidenschaft. Wenige Schritte mehr und wir waren am Landungsplatze. Kisten, Koffer und ein Heer von Schachteln waren bereits deponiert; es blieb nichts übrig, als die Eigentümer gleichfalls zu spedieren. Zuvor mußte jedoch noch Lebewohl gesagt werden. Mein Auge hing noch immer an Emilie, und sie in den Armen der Frau meines Freundes. Es schien, als trenne sie sich ungern von der Jugendfreundin; der lange, lange Kuß, die tränenvollen Augen zeugten deutlich davon. Doch nun kommt Mistreß Houston, stattlich, steif und frostig; das leibhafte Bild des Winters, wie er den Frühling umarmt. Und dann die übrigen Damen und Herren, alle nach der Reihe; zuletzt Richard und ich. Sie nähert sich uns einen Schritt; ihr Auge sucht mich, unsere Hände begegnen sich; ich presse die ihrige – vielleicht das letztemal. Jedoch nicht das leiseste Zeichen der Erwiderung, und doch ruht dieses prachtvolle Auge auf mir; eine Träne spiegelt sich darin, eine zweite – sie wendet sich, und nun ein zitternder, beinahe unmerklicher Druck dieser lieblichsten aller Hände. Ich murmelte, meiner selbst unbewußt: »Himmel, so muß ich Sie denn verlieren, kaum zehn Minuten nachdem ich Sie gesehen!« Sie blickte mich an und wendete sich dann mit einem Blicke, der milde und schwermütig zu sagen scheint: ja, wir müssen scheiden. – Doch wer kommt hier? Ein ganzer Troß von Wollköpfen, jung und alt, Kinder, Jungens, Mädchen, Greise und alte Mütterchen, alle ihr Lebewohl heulend und grinsend, alle nach einem letzten Blicke von diesem lieblichen Wesen haschend. Sie muß diesen Armen herzlich gut gewesen sein; niemand fühlt tiefer als sie. Selbst ihr Leiden, ihr hartes Los machte sie um so empfänglicher, die milde Hand zu küssen, die sich ihnen wohltätig auftut, die es der Mühe wert hält, einen Tropfen Balsam in ihre stets offenen Wunden zu gießen. Es ist wirklich ein schöner Anblick, dieses herrliche Geschöpf, umringt von den schwarzen Gestalten; die unerwartete Huldigung scheint in ihr eine wehmütig freudige Empfindung zu erregen. Doch Mistreß Houston winkt ihrem Grandvezier, und die armen Dinger scheuchen zurück. Ihr Blick fällt furchtsam auf ihre Herrin, und dieser Blick scheint alle erstarren zu machen, gleich Banquos Geiste. Noch ein Lebewohl, und sie scheidet, und betritt die Bretter, die sie uns für immer entziehen sollen. Ich starre ihr wie verloren nach, übersehe ganz, daß sie an Doughbys Arme über die Brücke auf das Verdeck schreitet und mit ihm in der Salontüre verschwindet.

Und nun schwingt sich das Boot herum, der Dampf brauset, zischt stärker und stärker, endlich der letzte Stoß und die gewaltige Maschine bewegt sich; langsam zuerst, dann schwirren die Räder schneller und schneller. Wird sie nicht aus dem verwünschten Salon herauskommen? Uns keinen letzten Blick gönnen? Immer weiter entfernt sich das abscheulich schnelle Boot; nie schien mir eins so eilig. Ah, nun öffnet sich die Türe; es ist eine weibliche Gestalt; sie nähert sich dem Geländer – ihr Sacktuch in der Hand; sie schwingt es. Der alte Gentleman ihr zunächst lüftet seinen Hut und macht eine abgemessene Bewegung, und nun fällt mir der bocksteife Gentleman wieder ein. Ich erinnere mich, daß er noch an der Brücke sich zu mir gewendet, mir freundlich die Hand gedrückt, und mich dringend gebeten, wenn ich je nach Boston käme, sein Haus als das meinige zu betrachten. »Wer ist doch«, fragte ich Richard, »der Mann, der neben Miß Emilie steht, und uns so steif sein Adieu zunickt?« »Fürwahr,« erwiderte mein Freund, »du bist einer der sonderbarsten Menschen; da steht er, gafft, vergißt alles neben und um sich, und bemerkt selbst nicht, wenn man von ihm Abschied nimmt. Mister Warrens muß sonderbare Dinge von dir denken.«

»Dieser – Mister Warrens?« fragte ich, mich auf die Stirne schlagend.

»Wer sonst als er? Ich bitte dich, vermeide alles Auffallende; unsere Tante hat dich im Auge.«

Das Wort rief mich wieder zurück. Sie stand mir gegenüber, ein boshafter, schadenfroher Zug spielte um ihre Lippen. Kaum hatte Richard Zeit, mir die Worte zuzuflüstern: »Sei ein Mann!« so stand sie auch schon vor mir, um mich mit aller möglichen Vertraulichkeit zum Mittagessen einzuladen. Ich wollte ein bestimmtes Nein aussprechen; allein Richard und seine Frau traten wieder dazwischen und sagten zu. Die alte Dame fixierte mich einen Augenblick und wandte sich dann zu der übrigen Gesellschaft.

»Sei nur diesmal ein Mann, und gib dich dem Spotte der Tante und ihrer tausend Nebenzungen nicht bloß«, bat Richard. – Was kümmert mich die Tante und ihre tausend Nebenzungen, wollte ich erwidern; aber Richard mußte in meiner Seele gelesen haben und sprach ernst und trocken: »Das schroffe, leidenschaftliche, träumerische Wesen taugt fürwahr nur, dich zum ungenießbaren Sonderling zu stempeln. Bedenke, daß du unter deinen Nachbarn bist, denen du nie eine Blöße geben darfst.«

»Du hast wahrlich recht«, erwiderte ich. – Es war wirklich hohe Zeit, aufzuwachen. Bereits flüsterten meine Nachbarn und schönen Nachbarinnen, bereits spitzten sich ihre Näschen, krümmten sich ihre schönen Lippen; eine Stunde länger so fortgefahren, und am ganzen Mississippi wäre der zu spät gekommene Liebhaber zum Teegespräch geworden. Nein, das darf nicht sein; erwache zum Gefühle deiner ganzen Kraft, sprach ich, und vergiß diese Lappalien. Vielleicht wäre mir dieses noch nicht so leicht geworden; doch als ich so mit mir selbst kämpfte, warf mir Mistreß Houston einen ihrer gewöhnlichen Coups-d'oeil zu, und der entschied. Mich vor dieser Frau bloß zu geben, wäre Tollheit, Stumpfsinn gewesen; nein, diese Zunge soll ihre anatomisierende Gewandtheit nicht an mir üben; es ginge mir wahrlich nicht besser als dem armen Eichhörnchen, das von der Mocassinschlange verschlungen wird, zuerst der Kopf und dann der Leib, den sie mit ekligem Schleime überzieht, um ihre Beute desto leichter hinabzuwürgen. Sicherlich würde ich in einem halben Dutzend Landzeitungen oder einem Wochenblatte figuriert haben, herausgeputzt in einen Wehe- und Entsagungshelden, zahlbar mit fünf Dollar baren Geldes oder vier Bänden derlei Potpourris von Unsinn, Kalbleder und Vergoldung mit einbegriffen.

Es kam darauf an, die paar Stunden gehörig zu benützen, um die üblen Eindrücke wieder zu verwischen. Schon der feste Entschluß, die Lösung dieses Problems aufzustellen, gab mir eine Schwungkraft, die mir trefflich zustatten kam. Allmählich kam die gute Laune gleichfalls angezogen, und zuletzt in einem Maße, wie ich sie selten hatte. Wie das herging, weiß ich noch heutigen Tages nicht; war der höhnende Blick von Mistreß Houston daran Ursache, oder war es Übermaß der Verzweiflung, ein Geschöpf für immer verloren zu haben, das, mein Herz sagte es mir beim ersten Anblicke, mich namenlos glücklich gemacht haben würde; – genug, ich war plötzlich in einer Laune, die brillant genannt zu werden verdiente. Witzes- und Geistesfunken fingen an mit einem Male aus meinem Munde zu sprühen; jedes Wort atmete den fröhlichen, heitern Lebensmann. Mistreß Houston sah mich anfangs zweifelnd, dann verwundert an; zuletzt schien sie ihren Ohren und Augen kaum mehr trauen zu wollen, und Klara kicherte und lachte, bis sie es nicht mehr auszuhalten vermochte. Alle die Abenteuer und Vorfälle unserer Tour, vom ledernen Mister Shifty zum mit Haut und Haaren zur Feier des achten Januar gebratenen Barbecu-Ochsen, von dem auch uns eine Rippe zuteil wurde, und dem pfiffigen Yankee, der seine selig verschiedene Ehehälfte einsalzte und in den Kamin zum Räuchern aufhing, willens, sie so – wohl geräuchert und gedörrt – als eine ägyptische Mumie an die Londoner ägyptische Halle in Piccadilly zu veräußern; indem er aus seiner Zeitung vernommen, daß Mumien ein gangbarer Artikel wären und mit schwerem Gelde aufgewogen würden –, all der Unsinn, den wir gehört, alle die tausend Albernheiten, die wir gesehen, wurden nun preisgegeben, mit einer Geläufigkeit preisgegeben, die die Gesellschaft in vollem Lachen erhielt. Natürlich trug der Umstand, daß der Erzähler kein gewöhnlicher Lustigmacher, sondern ein Mann war, der mehr zu seinem eigenen und seiner nächsten Freunde Vergnügen, als den Beifall der übrigen zu erringen, erzählte, das Seinige zum Genusse bei. Ich fühlte mich ganz froh und heiter, es schien mich zu drängen, von dem Überflusse meines Frohsinnes auch meinen Freunden etwas zukommen zu lassen. Selbst der Takt, mit dem ich abbrach, sollte meine Gabe in ihren Augen noch erhöhen. Mistreß Houston hatte für ein frisches Dutzend Champagner gesorgt; wir hatten ihn trefflich gefunden, und ich liebe diesen Wein, das wahre Bild der Nation, die ihn für uns erzeugt; allein ich hasse gemeines Zechen, und zu meiner großen Ergötzlichkeit haßten nun alle meine vierzig Nachbarn ebenso das sonst so liebe Zechen, und wir brachen auf, nachdem wir feierlichst versprochen hatten, sobald als möglich wieder zu kommen. Und wirklich, so froh und heiter schieden wir, daß ich beinahe glaube, Mistreß Houston habe lieblicher denn je ausgesehen.

»Du hast Wunder getan«, sprach Richard, als wir wieder in dem Wagen zusammengeschichtet seiner Pflanzung zurollten.

»Die Tante lachte,« fiel seine Frau ein, »daß ihr die Tränen über die Backen herabliefen. Ich glaube, Sie könnten mit ihr tun, was Ihnen beliebt. Wahrlich, Sie waren bezaubernd; nie hätte ich das erwartet.«

»Dann kennst du ihn nur wenig, diesen launenhaften, wunderlichen Menschen und diesen Geist des Widerspruchs, der in ihm hauset. Danken wir es der sauren Miene unserer Tante; wir hatten eine der vergnügtesten Stunden.«

»Da sprichst du wieder wie ein behaglicher englischer Epikuräer von vierzig, der sein gutes Diner liebt und einen Spaß dazu, vorausgesetzt, er kostet nichts und befördert die Verdauung. Du weißt, ich hasse Egoismus. Doch sage mir nur, was ist denn eigentlich gegenwärtig Herr Warren, was seine Umstände?«

»Ich hasse Egoismus«, spottete Richard nach, mit einer Lache, so laut, daß sie von zwei Bootsmännern, die auf dem Verdecke eines Breithornes hingestreckt lagen, wiedergegeben wurde. »Ich hasse Egoismus, und die nächste Frage, die dieser Erklärung folgt, beweist die Wahrheit seines Ausspruchs. Oder was ist es anders als eine Abart von Egoismus, eine verfeinerte Selbstsucht, die unter dieser Frage lauert? Gestehe es nur, armer George, Emilie ist dir nicht gleichgültig.«

»Hol' euch der Henker! Da lauern und lauern und wispern und wispern sie, ich wußte nicht weshalb, bis nun das große Geheimnis heraus ist.«

» Hony soit qui mal y pense. Wollte der Himmel, ich hätte es ahnen können«, erwiderte mein Freund, und sein Auge ruhte voll und ehrlich auf mir. »Ja, sie wäre ein Weib für dich gewesen; ich sagte dir's immer; reiste Hunderte von Meilen, um noch zurecht zu kommen; es sollte aber nicht sein, nun ist es zu spät.«

»Zu spät?« wiederholte ich mechanisch.

»Jawohl! Sie besucht Saratoga mit ihrem Vater und Mister Doughby, verweilt einige Wochen zu Hause und kehrt dann als Frau Doughby zurück.«

Ich wußte es; es war mir klar wie die aufgehende Sonne, sobald ich Ralph gesehen hatte, wie er ihr das Halstuch umwarf, gerade wie er seinem Schecken die Schabracke überwirft. Kein Zweifel konnte vernünftigerweise mehr obwalten; aber ich war nun wieder in meiner schlimmen, beinahe giftigen Laune. Wer würde es auch nicht sein?

»Dann hättest du dir aber auch deine freundschaftliche Mühe, mir den Pfeil ins Herz zu drücken und mich mit ihr bekannt zu machen, ersparen können«, fuhr ich bitter heraus.

»Das hätte ich gewiß unterlassen, wenn ich dich erstens für so kindisch und romanhaft empfänglich gehalten und dann die wahre Lage der Dinge gewußt hätte.«

»Du hast sie nicht gewußt? Und doch bin ich beinahe mit Haaren herbeigezogen worden.«

»Ich bedaure dies noch immer nicht«, fiel Richard ein; »haben wir doch nun Hoffnung, dich stetig zu sehen. Fürwahr, dies Umherziehen dauert zu lange.«

Ich blickte ihn an; er war meiner Frage ausgewichen. Seine Frau jedoch hob den ihm hingeworfenen Handschuh auf.

»Fürwahr, hätten wir nur ahnen können, daß Sie, der ewige Jude, Lust zum Heiraten bekämen! Aber wer kann sich auf Sie verlassen? Und Sie wissen, die Tante ist nun einmal zum Heiratmachen geboren. Wir haben Emilie von Neuorleans abgeholt, und das übrige wissen und erraten Sie.«

»Und seit wann hat sich dieses Geschäft abgetan?«

»Seit zwei Wochen.«

»Seit zwei Wochen!« wiederholte ich ein-, zwei-, dreimal. Es waren volle vier Wochen seit meinem zweiten Zusammentreffen mit Richard, und wenigstens achtzehn Tage, daß unsere Ankunft seiner Frau bekannt sein mußte. Ich glaubte mir schmeicheln zu können, daß der Einfluß Klaras auf ihre Freundin diese von einer so schnellen Wahl wenigstens bis zu meiner Ankunft hätte zurückhalten sollen. Alles das schwindelte mir durchs Gehirn und trübte nur noch mehr meine Laune. Ich sah nur zu deutlich, daß die Tante mir einen Streich gespielt. –

»Ja, diese glorreiche Tante!« platzte ich wieder heraus.

»Ist eine sehr respektable Dame, Mister Howard!« versetzte Mistreß Richard, »und sie glaubte für ihre Nichte sehr wohl zu wählen; ich kann ihr gar keinen Vorwurf machen.«

»Freilich nicht«, entgegnete ich; »schade nur, daß sie sich nicht zur alleinseligmachenden Kirche bekennt. Sie hätte dann Aussicht, einst, in Glas und Rahmen gefaßt, in der Kathedrale von Neuorleans zu prangen, allen ihren Negern zum Trost und Labsal.«

Das war nun beißig boshaft; aber wer kann seiner Geduld immer gebieten. Mir war es unmöglich; ich mußte meinem Herzen Luft machen. Der Stich hatte keine Erwiderung zur Folge. Richard sah mich ernst an, seine Frau beinahe wütend. Eine lange Pause folgte.

Ich sah wieder auf den Mississippi hinaus, den Schiffen und Kielbooten zu, von denen der Yankee-Doodle in nicht unangenehmen Chore herübertönte.

»Und Emilie, hat sie sich geduldig in die Wahl ihrer Tante gefügt?« fragte Richard.

Seine Frau hielt mit der Antwort inne; wahrscheinlich antwortete sie durch ihr Gebärdenspiel.

»Es nimmt mich auch nicht wunder«, wisperte sie nach einer Weile; »das feine Wesen fehlt ihm gänzlich. Selbst die Art, wie er ihr sein erstes Geschenk darbot, war ziemlich derbe.«

»Sage vielmehr roh«, versetzte ebenso leise ihr Gatte. »Ich wollte ihm gerne den Mangel an Abgeschliffenheit verzeihen; aber des Mannes Seele ist roh, gewalttätig, für alle sanfteren Empfindungen verloren. Sie kann nicht mit ihm glücklich sein. Und sie hat also sein Geschenk zurückgewiesen?«

»Entschlossen und fest zurückgewiesen«, erwiderte sie. »Selbst meine Bitten vermochten nichts über sie; sie kenne ihn nicht hinlänglich; sie wolle sich nicht binden, ehe sie den Rat ihrer Mutter eingeholt.«

»Sie hat ganz recht, und ich begreife nur nicht, wie die Tante es so weit treiben konnte.«

»Du weißt, ihr Vermögen, ihr Ansehen macht jeden Wink zum Gebote.«

»Und doch hat sie dem armen Warren Hilfe versagt?«

Sie zuckte die Achseln.

Ich blickte auf, fiel jedoch wieder in mein Nachsinnen zurück. Also halb gezwungen mußte die arme Emilie werden. Wahrlich, sie verdient es, aus den Händen dieses Bären gerettet zu sein.

»Ich kann es mir nicht möglich denken, daß sie ihn nimmt«, bemerkte ich, zu Richard gewandt.

»Ich bitte dich, gib nicht Hoffnungen Raum,« versetzte er, »die vergeblich sind. Und hier zu hoffen, ist mehr als vergeblich.«

»Und würden Sie Emilie geheiratet haben?« fragte Klara.

»Geheiratet?« erwiderte ich, »geheiratet?« Das Wort machte mich stutzen. Ein alter Junggeselle von achtundzwanzig Jahren ist nicht sehr vorschnell, wenn es ans Heiraten geht; aber hier war nichts zu bedenken. – »Heiraten?« wiederholte ich; »ja, das würde ich getan haben. Von dem ersten Augenblicke, da ich sie sah, war ich dazu entschlossen; sie oder keine sollte meine Lebensgefährtin werden. Ich getraue mir zu behaupten, daß ich diese schöne Seele durchblicke. Ich war unempfindlich gegen ausgezeichnetere Schönheiten, unzugänglich nach längerer Bekanntschaft; sie aber würde mir nach Jahren ebenso erscheinen, denn es ist ein offenes Gemüt, das ihrige. Unsere Augen und Herzen begegneten sich; ihre Seele lag aufgeschlagen vor mir, diese edle, feste, reine und selbständige Seele! Vor ihr ein Geheimnis zu haben, würde mir unmöglich sein; jeden ihrer Gedanken, ihrer Wünsche würde ich erraten haben; offen würde ich mich hingeben. Sieh! würde ich sagen, so bin ich; dies sind meine Gebrechen, dies meine Tugenden –, willst du mich? Wohl! Beide sollen mir helfen, dich glücklich zu machen. Achtung vor ihrem Seelenadel, vor ihrem Verstande würde mich diese Sprache führen machen und sollte mich durch mein ganzes Leben begleiten. Und auf diese Grundlage wollte ich mein und ihr Glück bauen. Sie ist das erste Wesen, vor dem ich mich ganz wie ich bin zeigen könnte.«

Beide hatten mir in sichtlicher Spannung zugehört.

»Und was sagte Herr Warren?« fragte endlich Richard.

»Oh, du kennst ihn doch«, erwiderte sie. »Vorausgesetzt, er kann seine Geschäfte fortführen und ein respektables Haus halten, so läßt er das übrige seinen Gang gehen. Er wünscht nur einen achtbaren Mann für Emilie, der imstande ist, sie unabhängig zu erhalten, und ohne daß er genötigt wäre, einen Teil seines noch übrigen Vermögens zu ihrer Ausstattung aufzuwenden. Auf keine Weise wäre er zu vermögen, mehr zu geben, als einen Teil seiner Ländereien am Mississippi oder dem Miami bei Dayton, die er eben zu besuchen willens ist.«

»Ja, so sind sie alle diese Yankees,« brummte ich darein, »wahre doppelt destillierte Juden, die ihre Töchter ebenso wie ihre Zwiebel-, Mehl- und Whiskyfässer den Meistbietenden überlassen.«

Ich hatte ganz vergessen, daß meines Freundes liebevolle Hälfte gleichfalls diesem berühmten Yankeestamme entsprossen und verbiß meine Zunge. Zu Richard, einem echten Virginier, ließ sich so etwas schon sagen.

»Er ist der konsequenteste Feind alles Ausländischen, den es nur geben kann,« fuhr dieser fort, »doch vorzüglich von allem, was aus England herrührt; ein Tarifmann durch und durch. Er hat Pamphlete geschrieben, Reden gehalten, alles nur mögliche zugunsten dieses seines Steckenpferdes getan, wurde ausgelacht und ausgepfiffen, mit Kot beworfen – nichts konnte ihn ändern. Er ist nun diese fünfzehn Jahre, seit ich ihn kenne, immer dieselbe steife, starre, stattliche Person, kerzengerade wie ein Indianer einherwandelnd, einen Schritt gleich dem andern, einen Tag wie den andern. Seinem Haare und Haarzopf widmet er eine systematische Sorgfalt, und er hat öfters lieber sein Mittagessen versäumt, als daß er ohne diese Zierde bei der Tafel erschienen wäre. Ein großer Teil seines Mißgeschickes springt von derselben Antipathie für alles Ausländische. Seit der Revolution rühmt er sich, nie auch nur das mindeste vom Auslande auf seinem Leibe getragen zu haben. Vom Kopf zum Fuße in amerikanische Fabrikate gekleidet, bezahlte er lieber den fünffachen Preis, solange unsere Manufakturen noch in ihrer Kindheit waren, als daß er englische Stoffe wählte; ja einstens verbrannte er wirklich, ein zweiter Napoleon, einen vollständigen englischen Anzug, den man ihm als amerikanisch untergeschoben hatte.«

»Der Mann ist wirklich interessant«, erwiderte ich. »Ich würde diese patriotische Aufopferung nicht in seinen grauen Spekulationsaugen gesucht haben. Und doch konnte er der Freiheit seiner Tochter so nahetreten?«

Wir waren nun vor Richards Hause angelangt. Ich zog mich bald auf mein Zimmer zurück. Mehrere Briefe von meinem Aufseher lagen vor mir. Wahrlich es war hohe Zeit, dieses Wanderleben aufzugeben.

Das Abendessen war trefflich, die Weine ausgesucht; es wollte jedoch nicht munden. Meine Freunde waren in der besten, herrlichsten Stimmung, besonders Klara; aber ich wollte nun diesen Abend allein sein, und zog mich früher mit einem Paket Zeitungen zurück.

Ja, der Red-River Hier Name eines Dampfschiffes – sonst der Rote Fluß. kommt morgen zwölf Uhr hier vorbei, auf seinem Wege nach Alexandria; ich will mit und einmal wieder sehen, was die Meinigen treiben.

Es war morgens neun Uhr, als ich, mit diesem löblichen Vorsatze ausgerüstet, in meinem Morgenanzuge und Pantoffeln die Stiege herabkam. Ich weiß nicht, wie es geschah, daß ich, ganz gegen meine sonstige Gewohnheit, mein Frühstück nicht aufs Zimmer beordert hatte. Als ich in den Korridor zum Speisesaal hineintrat, hörte ich meinen Namen. Ich stand stille. »Der Horcher an der Wand«, fiel mir ein, »hört seine eigene Schand'«; doch ich wollte einmal meine Schande hören. Es war Klaras Stimme.

»Aber mit Emilie geht es nun und nimmermehr«, sprach sie sehr leise; »du weißt, sie hat keine Aussteuer, und die achttausend Dollars –«

»Ja, die müßte er uns aufkündigen«, versetzte ihr Mann; »denn er braucht sie zur ersten Einrichtung und Vermehrung seines Sklavenstandes. Mir käme dies sehr ungelegen; wir haben gute zwanzigtausend damit gewonnen.«

»Eben deswegen dachte ich, deinen Winken nicht Folge leisten zu müssen«, lispelte sie.

»Aber mit der Tante wird gewiß nichts daraus«, versetzte er.

»Wohl denn, laß ihn als Hagestolz vegetieren; ohnedem ist er ein wunderlicher Kauz. Kaum glaube ich, daß Emilie seine Rhapsodien besonders liebgewinnen dürfte.«

»Ja, das bin ich!« murmelte ich, mich leise auf die Stiege zurückziehend. –

In meinem Leben, glaube ich, war ich nicht schneller mit meiner Toilette fertig. Die Zeitung in der Hand, trat ich vor meine Freunde.

»Nein, George«, baten Richard und Klara, »du darfst nicht. Sie dürfen nicht gehen, nicht in diesem Zustande gehen; Sie müssen bei Ihren Freunden bleiben.«

Ich sah der Yankeein lächelnd ins Gesicht, nahm lächelnd meinen Tee und entfernte mich mit einer artigen Verbeugung. Schlag zwölf Uhr war ich auf dem Wege zum Red-River, der eine halbe Meile weiter unten vor L–s Pflanzung hielt.

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