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Brautfahrten

Charles Sealsfield: Brautfahrten - Kapitel 2
Quellenangabe
authorCharles Sealsfield
titleBrautfahrten
publisherGeorg Müller
yearo.J.
editorHeinrich Conrad
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180712
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Lebensbilder. Erster Band.
Brautfahrten

George Howards Brautfahrt

I.
Siebzehn, Achtundzwanzig und Fünfzig oder Szenen in Neuyork.

»Sissi! Sissi Sissi, Pa, Ma, Abkürzungen von Sister (Schwester), Papa, Mama.!« rief ihre Nachtigallkehle, und ihr Engelsköpfchen guckte zur Türe, und sie selbst tanzte herein, schnitt einen komischen Knicks, lachte eine gehorsamste Dienerin und begann: »Nein, es ist nicht mehr zum Aushalten! Pa tobt, rennt an mir vorüber in die Straße hinaus, als ob es auf der Change Change, Abkürzung von Exchange, die Börse. brennte; Ma gähnt und will von unserm Shopping Shopping, Ladenbesuchen, eine Lieblingsunterhaltung der jungen Damen von Neuyork, besonders nach der Ankunft von Paketschiffen aus Europa. nichts wissen und brummt: Immer Geld, nur immer Geld. Ach, liebe Sissi, aus der Ladenexkursion wird nun für heute einmal nichts.«

Sissi, an welche die Jeremiade gerichtet war, lag mit ihrer Linken auf die Sofalehne gestützt, mit der Rechten Paul Clifford haltend. Sie warf einen schmachtend-wehmütigen Blick auf die liebliche Schwester.

»Ach, der arme Staunton wird Trübsal blasen«, fuhr sie fort. »Sieh, soeben macht er die zehnte Tour gegen die Batterie Batterie, ein prachtvoller Spaziergang, beinahe an der Mündung des Hudsons in die See, von dem man eine entzückende Fernsicht in die Raritanbai, die gegenüberliegenden Inseln und Neujersey genießt. zu. Gestern war er eine wirkliche Jammergestalt. Ich hätte es nicht übers Herz bringen können, ihm zu versagen. Wie konntest du nur so grausam sein, Margaret?«

»Ach!« lispelte Liese mit einem schmelzenden Blicke, »wie konnte ich anders? War nicht Ma hinter mir und stieß mich so unsanft mit ihrem Ellbogen in den Rücken? Ma ist zuweilen recht gemein.«

Ein tiefer Seufzer entquoll ihrer Brust.

»Ja,« bekräftigte die Schwester, »ich weiß gar nicht, was sie gegen den armen Staunton hat; aber aufrichtig gesagt, Margaret, die Galoppade hat gar nicht durch sein Wegbleiben verloren. Die erste, die er getanzt; war er doch so steif – wie ein Strohmann. Unser Louisiana-Hinterwäldler da nahm sich viel mehr zu seinem Vorteile aus.«

Dabei blickte das schelmische Wesen mich mit einem so schalkhaften Lächeln an, daß ich, trotz dem zweideutigen Kompliment, ihr nicht böse sein konnte.

»Das ist unedel, Arthurine«, versetzte die bitterböse Margaret.

»Sissi, Sissi!« bat das Schwesterchen, und sie flog an Margaret heran und schlang ihre Alabasterhände um ihren Nacken und herzte und schmeichelte so lieblich, daß Margaret mit Tränen im Auge sie umschlang.

Wer so das Mädchen sah, wie sie ätherisch hinflog, mit ihren Füßchen den glänzenden Teppich kaum berührend, der hätte schwören sollen, sie sei ein Luftgebilde. Sie war zum Malen schön. Schlank wie ein Rohr und nicht viel dicker, konnte man sie mit seinen zehn Fingern umspannen; jedes Gliedchen zuckte wie Quecksilber. Händchen und Füßchen im niedlichsten Ebenmaße, und ein Gesicht so zart, von Lilien und Rosen angehaucht, und das lichtblonde Köpfchen und die hellblauen, runden, klaren Schelmenaugen voll reiner Klarheit! Man hätte sie fressen mögen.

»Ach des Jammers«, seufzte die um zwei Jahre gereiftere Margaret. »Nein, dieser gemeine Mensch, so roh und selbstsüchtig sich zwischen mich und den edlen Staunton einzudrängen! Er wird mir das Herz abdrücken.«

»Nun, Sissi, das weiß ich eben nicht«, versetzte Arthurine. »Moreland, du weißt, ist volle fünfmal hunderttausend Dollars schwer, und Staunton ist federleicht, mit ihm verglichen; kaum zweitausend per annum

»Liebe verschmäht das schnöde Gold«, lispelte Margaret.

»Ah bah,« meinte Arthurine, »ich nehme Silber, wenn es in hinlänglicher Quantität vorhanden ist. Denke nur an die Partien, die Bälle. Jeden Sommer nach Saratoga Saratoga, die bekannten Mineralquellen des Staates Neuyork., vielleicht nach London, Paris. Viktorine hat mir den Mund ganz wässerig mit der königlichen Adelaide gemacht.«

»Hinweg, hinweg mit ihm!« rief Margaret.

»Er ist ja noch nicht da, er kommt erst zum Tee, und bis dahin haben wir noch sechs lange Stunden«, meinte Arthurine mit wahrer christlicher Ergebung.

»Ach, du Grausame!« lispelte Margaret, »uns dieses kleine Vergnügen zu versagen des elenden Geldes wegen!«

»Ja, wenn wir noch ein paar Dutzend tüchtige, nagelneue Romane hätten«, meinte Arthurine. »Ich kann nur nicht begreifen, warum Cooper so faul ist. Das Jahr hindurch nicht mehr als einen Roman! Ich könnte, mein' ich, alle Tage einen spielen. Wie wär's, Sissi, wenn du zu schreiben anfingest? Ich glaube, so gut wie Mistreß Mitchell triffst du es auch. Bulwer ist ein unausstehlicher Phantast, und Walter Scott wird so alt und abgedroschen, als wenn er für Taglohn schriebe.«

»Ach, Howard!« seufzte Margaret.

»Geduld, liebe Margaret!« erwiderte ich. »Wenn es möglich ist, so helfe ich Ihnen den Alten ausputzen. Wollen es wenigstens versuchen.«

Klapp, klapp, klapp erschallte es an der Haustüre. Arthurine horchte. Noch zwei Schläge. Ihre Augen leuchteten vor Freude.

»Ein Besuch«, rief sie triumphierend und tanzte zur Türe und horchte. »Ach, das sind Damenfußtritte!«

Die Türe öffnete sich, und herein schwebten ins glänzende Drawing-room Drawing-room, Besuchzimmer. die Misses Pearce, so rauschend, so duftend in den violettfarbigen, offenen Überröcken und gestickten Roben und in Prunellschuhen! Sie sahen aus, als ob sie auf den Ball gingen.

Wer unsere Mädchen vom sogenannten Haut-ton im Morgenkleide zu sehen das Glück hat, ich sage, zu sehen das Glück hat – denn wir sind bereits ziemlich exklusiv geworden – dessen Herz muß von Granit oder Quarz geformt sein, wenn es so vielem Zauber widerstehen kann. Diese zarten, leichten Wesen mit ihren intellektuellen und doch so schmachtenden Gesichterchen, ihren schwimmend-feurigen Augen, ihren zarten Körperchen, die man gerne festhalten möchte, damit der Wind sie nicht wegblase; diese zarten Hände und Füßchen, sie sind unwiderstehlich! Die Bostonerinnen sind verstandreicher, ihre Gesichtszüge regelmäßiger, aber sie haben so etwas Yankeeartiges, das mir nicht zusagt; zudem ist ihre Taille ein Artikel, an dem ich immer das Wichtigste vermisse, nämlich den Busen. Es ist bekanntlich in der Yankee-Metropolis Mode, keinen zu haben. Dabei sind sie so verwünschte Bluestockings Bluestockings (buchstäblich Blaustrümpflerin), Schöngeister, Literatinnen.. Die Philadelphierinnen sind runder, elastischer. Man trifft unter ihnen herrliche Gestalten, die so angenehm plappern! Im Small talk Small talk, Geplauder, gewöhnlicher Konversationston. sind sie unübertrefflich; aber die Neuyorkerinnen, besonders wenn so ein letzter Mohikan oder Redrover erschienen, sind ganz unvergleichliche Coras und Alices, zum Malen natürlich! Cooper, ich wette darauf, würde er sie nur sehen, zerrisse seine Manuskripte und bildete seine Damen weniger hölzern. Er muß ihre Bekanntschaft bloß auf der Batterie oder im Broadway gemacht haben, wo sie so entsetzlich im Putz vergraben sind, daß der eigentliche Mensch gar nicht herauszufinden ist. Die zwei eintretenden Misses sind sprechende Beweise. Die vier täglichen Metamorphosen einer fashionablen Engländerin oder Französin haben sie mit einem Male auf sich geladen. Doch mit meinem Tête-à-tête ist es für heute vorbei. Ich bin nun überflüssig, und für die Langeweile der zwei holden Geschöpfe ist gesorgt. Ich empfehle mich daher.

Als ich vor dem Parlour Parlour, Sprechzimmer, Besuchzimmer, das vom Drawing-room dadurch unterschieden ist, daß es zugleich Speisesaal ist, wogegen der Drawing-room Tee- und Damensaal genannt werden könnte. vorbeikam, öffnete sich die Türe, und Mama Bowsends winkte mir hinein. Auch der Papa war zugegen.

»So zeitlich verlassen Sie uns heute, lieber Howard?« begann die erstere.

»Die Misses haben Besuch bekommen.«

»Ach, lieber Howard!« seufzte die Ma.

»Die Workies Workies, Handwerksgesellen, Handwerker, die bekanntlich in Neuyork und Philadelphia eine sehr bedeutende Klasse bilden, ihre eigenen, wohl redigierten Journale besitzen, ihre Versammlungen mit Präsidenten, Sekretären haben und bei den öffentlichen Wahlen eine sehr einflußreiche Stimme führen. haben ihren Canvas durchgesetzt«, brummte der Pa.

»Der fatale Staunton«, unterbrach ihn seine Ehehälfte. »Stellen Sie sich nur vor ...«

»Dem pfiffigen Israeliten Pfiffige Israelite, eine Anspielung auf einen sehr bedeutenden Politiker der Stadt Neuyork, der dieses Glaubens ist.,« fuhr Mister Bowsends fort, »dem hat sein Busenfreund einen herrlichen Streich gespielt. Ha, ha! Alle Tage war er vor der Kirche. Ha, ha! War zum Totlachen. Nichts davon gehört, Mister Howard?«

Ich wußte nicht, wem ich die Ohren zuerst hinhalten sollte. Die beiden Eheleute gönnten einander das Wort nicht.

»Ich weiß nicht,« jammerte die Dame, »aber dieser Mister Staunton wird mir jeden Tag mehr zuwider. Denken Sie nur, er hat wirklich die Effronterie, von Margaret nicht lassen zu wollen. Kaum zweitausend per annum

»Er soll Anstalt machen, von der Hermitage Hermitage, Einsiedelei, Landsitz und Pflanzung des damaligen (1828) Präsidenten der Vereinigten Staaten, Andrew Jackson. aufzubrechen; die Bankaktien sind ein halbes Prozent gefallen«, schnarrte der Herr Gemahl darein.

»Erstaunlich!« rief ich. – Das paßte auf den armen Staunton und den neuen Präsidenten.

»Er sollte doch denken, wer er ist, und wer wir sind«, rief sie, sich dehnend.

»Freilich, freilich!« bekräftigte ich.

»Und die Gouverneurswahl geht auch so verzweifelt schlecht«, meinte hinwieder Mister Bowsends.

»Und dann Margaret, – denken Sie sich nur die Blindheit! – Freilich ist sie ein sanftes, gutes Wesen, – aber fünfmalhunderttausend Dollars«, fuhr die Dame fort.

»Sind gar nicht zu verwerfen«, war meine Meinung.

Die fünfmalhunderttausend Dollars hatten endlich die Saite berührt, die im Innern des lieben Mannes einen Ton von sich gab. »Fünfmalhunderttausend Dollars! Ja freilich!« bekräftigte er. – »Werden da lange fragen. Alles Narrheit; die Mädchen könnten einen Krösus ruinieren.«

»Ja, deine Wahlen und die Workies!« schmollte die Mistreß Bowsends.

»Das verstehst du wieder nicht«, versetzte er hitzig. »Interessen im Kongresse – im Lande – müssen aufrecht erhalten werden. Wer würde das tun, wenn wir ...«

»Nicht wetteten«, dachte ich.

»Bald werden wir keinen Fensterrahmen mehr einsetzen lassen können, so wachsen sie uns bereits über die Köpfe. Und diese Miß Fanny Wright Miß Fanny Wright, eine schottländische Dame, seit vielen Jahren in den Vereinigten Staaten angesiedelt, etwas abenteuerlich in ihrem Lebenslaufe, sonst aber achtbar, in ihren Grundsätzen Owenitin und Enzyklopädistin, hielt Vorlesungen, in denen die Aristokratie, Geistlichkeit usw. scharf hergenommen und das agrarische System gepredigt wurde, hatte bedeutenden Anhang in Neuyork, aber keinen im Lande, aus dem Grunde, der jede gewaltsame Revolution in den Vereinigten Staaten unmöglich macht, weil nämlich neun Zehntel der amerikanischen Bürger wirkliche Land- und Grundeigentum-Besitzer sind. – Übrigens genoß sie das Privilegium der Freiheit, d. h. sie konnte reden und drucken lassen, was sie wollte. ...«

Die Dame stieß einen Schrei des Entsetzens aus; sie faßte sich jedoch wieder und sprach:

»Nein, Sie sind doch unser alter Hausfreund, und ich hoffe. Sie werden ...

»Apropos«, unterbrach sie ihr liebender Gatte. »Wie ist Ihre Baumwollernte ausgefallen? Sie könnten sie an mich spedieren. Wie viele Ballen?«

»Hundert, und einige Dutzend Fässer Tabak.«

»Beiläufig sechstausend per annum«, brummte der Papa. – »Hm, hm.«

»Was das betrifft, so habe ich das Kapital in Händen,« fuhr ich nachlässig fort, »die hundert Ballen noch um hundert zu vermehren.«

»Zweihundert! Zweihundert!« Des Mannes Augen funkelten beifällig. »Das ginge, das wäre nicht übel. Ja, Arthurine ist ein liebes Mädchen! Nun, teurer Mister Howard! Wollen sehen. Ja, ja! Sie kommen doch jeden Abend – ganz ungeniert – Arthurine, wissen Sie, sieht es gerne.«

»Und Mistreß Bowsends und Mister Bowsends?« fragte ich.

»Sind es ganz zufrieden«, lächelten die beiden. »Machen Sie nur bald.«

Ich verbeugte mich, angenehm überrascht, und ging. Zwar waren mir die vorletzten Phrasen des Trilogs nicht ganz angenehm in den Ohren verklungen. Der lieb sein sollende oder wollende Schwiegerpapa, scheint es, will seine Wettenverluste mit meiner Baumwolle wieder ausgleichen. – Es muß ein bißchen hapern. Ekelhafte Menschen! konnte ich mich nicht enthalten auszurufen, – so ekelhaft selbstsüchtig, daß sie sich selbst nicht zu Worte kommen lassen. Die stupideste Unverschämtheit, die je in Schneiderseelen gewohnt, die für nichts Sinn haben als für ihr eigenes saft- und markloses, schwammiges, verdorbenes Ich! Selbst ihre Kinder sind ihnen bloß – Sachen! – Und diese Menschen gehören nun zum Haut-ton. Vor fünfundzwanzig Jahren nahm er noch das Maß. Nun ist er Wortführer auf der Börse und Mitglied von zwanzig Komitees. Und Arthurine! Sie siebzehn Jahre alt, und du achtundzwanzig; – das kostspieligste Zierpüppchen der Stadt, und das will wahrhaftig nicht wenig sagen; aber auch das eleganteste, reizendste, eine wirkliche Sylphide! Gesicht und Hände können nicht zarter sein. Ihr ganzes Wesen so bezaubernd! Es war vor elf Monaten, daß ich sie kennen gelernt und angezogen und festgehalten wurde, als wäre ich mit Armidas Banden gefesselt. Sie war just aus der französischen Pensionsanstalt von St. Johns ins väterliche Haus zurückgekehrt. Dies ist nun, im Vorbeigehen sei es gesagt, die Art und Weise, wie sich unsere Mushroom-Aristokratie Mushroom-Aristokratie, Pilz-Aristokratie, ein Spottname, der pilzartig aufgeschossenen Aristokratie der Seestädte gegeben. gestaltet. Ein paar Töchter, in fashionable Pensionen gesandt, ziehen bei ihrem Rücktritt ins väterliche Haus mit ihren Gespielinnen ein paar Dutzend junge Laffen nach, und die Glorie der Töchter strahlt natürlich auf den lieben Papa und die teure Mama zurück. Und die kleine Hexe weiß anzuziehen. Alle Herzen flogen ihr entgegen; doch keiner konnte sich rühmen, auch nur um einen Blick reicher zu sein denn seine zwanzig Mitbewerber. Ich war noch der einzige, der sich einigermaßen gewisser passiver Gunstbezeugungen rühmen durfte, als da sind: sie zu begleiten, zu Fuß und zu Pferd und im Wagen, ihr den Schal nachzutragen und umzuhängen, ihr bestimmter Tänzer zu sein, wenn kein besserer da war, und derlei beneidenswerte Dinge mehr. Sie scherzte, sie tändelte, sie flatterte um mich herum, hing sich an meinen Arm und trippelte mit mir den Broadway hinauf oder die Batterie hinab. Auch hatte ich das Geschäft übernommen, sie mit den neuesten Produkten Walter Scotts, Coopers, Bulwers usw. zu versorgen, und sie mit unsern Atlantic-Souvenirs und Tokens sowie den englischen Keepsakes Token, Keepsake: Andenken. und Amuletts zu überraschen, nicht minder den fashionablen Bravourarien der sehr beliebten Madame Vestris. Alles das hatte mir schweres Geld gekostet. Der Gedanke jedoch, es gehe zu Händen des schönsten Mädchens von Neuyork, hatte mich noch immer getröstet; einmal mußte sie sich doch ergeben! Wirklich hatte mir auch das Glück schon zweimal gelächelt; einmal nämlich, als wir auf der Niagarabrücke Niagara-Brücke, eine Brücke, die von der amerikanischen Seite des Flusses zur Insel führt, welche den Fall in zwei ungleiche Hälften teilt. standen und in die tobenden Gewässer hinabstarrten, da durfte ich meinen Arm um ihren Leib schlingen, um sie vor dem Schwindel zu bewahren, und wäre darüber beinahe selbst in den Strom hinabgestürzt. Ferner gelang mir dasselbe Wagestück bei den Trentonfällen Trentonfälle, Romantische Wasserfälle, unweit Balston, einer mineralischen Quelle.. Das war aber auch alles seit den elf Monaten, die ich in Neuyork vergeudet, und die wahrlich meinen Beutel nicht schwerer gemacht. Südländer sind nun schon gewissermaßen hier wie die Gimpel oder Robbins Robins, Rotkehlchen. betrachtet, die soeben fett gemästet ankommen, zum Frommen heiratslustiger Nordländerinnen, von denen wir ohne viele Mühe umgarnt und eingefangen werden, versteht sich, wenn wir Dollars haben. Es ist Mode, von einer nordländischen Schönheit an unsern Teetischen bedient zu werden, der einzige Dienst, zu dem sie sich in der Regel im lieben Ehejoche verstehen. Und ich war nun zum sechsten Male bereits in diesem wichtigen Geschäfte heraufgekommen. Es war hohe Zeit abzuschließen, wenn ich nicht als verlegene Ware bald außer Konkurrenz gesetzt werden sollte.

Als ich so sinnend um die Trinitykirche in die Wallstraße hineinbog, da kam mir mein Leidensgefährte Staunton entgegen. Das betrübte Gesicht des Yankee hätte mich beinahe zum Lachen gebracht. Auch so eine Art Augur, dachte ich, als er herankam, um mir zu verkünden, daß das Wetter schön sei, und zugleich einen Imbiß von seinem Kautabake anzubieten. Ich konnte nicht umhin, ihm meine Verwunderung zu erkennen zu geben, wie die ästhetische, zartfühlende Margaret so etwas vertragen könne.

»Ja,« versetzte der Gute mit einem seltsamen Gedankensprunge, »Moreland kaut ja auch.«

»Ja, aber hat fünfmalhunderttausend Dollars, und die versüßen das Gift.«

»Ach!« seufzte er.

»Den Mut nicht verloren!« rief ich ihm zu. »Bowsends ist reich.«

Der Mann schüttelte den Kopf. »Zweimalhunderttausend sagt die Welt; aber morgen sind es vielleicht nicht mehr zwanzig. Du kennst unsere Neuyorker. Der Aufwand ist groß, und ist er die Töchter los, so falliert er sicher in acht Tagen.«

»Ersteht aber wiederum um desto glorreicher im nächsten Jahre«, tröstete ich ihn.

»Ja, wenn das noch wäre«, meinte der Yankee.

»Je nun,« versetzte ich lachend, »mit Hilfe eines so zarten Gewissens, wie das deinige, wird es ihm nicht fehlen. Unterdessen nimmst du die schmachtende Margaret und teilst mit deinen Mitbürgern das beneidenswerte Los, mit der blechernen Büchse oder dem weißgeflochtenen Korbe dich morgens auf dem Greenwichmarkte zu ergehen und deiner unterdessen sanft schlummernden Gattin die Kartoffeln und gesalzenen Makrelen vor den Teetisch zu legen, wofür dir dann ihre schöne Hand eine Schale Bohea einzuschenken sich herablassen wird; das ist ein Antidot gegen die Dispepsia.«

»Du bist boshaft«, sprach der arme Staunton.

»Und du nicht klug. Einem jungen Advokaten, wie dir, stehen hundert Häuser offen.«

»Und so dir.«

»Ja, da hast du recht.«

»Und dann habe ich den Vorteil, daß mich das Mädchen liebt.«

»Mich lieben der Pa und die Ma und das Mädchen.«

»Hast du fünfmalhunderttausend Dollars?«

»Nein.«

»Armer Howard!« lachte er.

»Hol' dich der Teufel!« lachte ich dazu.

Wir hatten so ein recht angenehmes Viertelstündchen verplaudert, als von der Greenwichstraße eine Kutsche herauffuhr, in der eine Personage saß, die ich zu kennen glaubte. Soeben war eines der Philadelphia-Dampfboote angekommen, ich trat vor. »Halt!« rief es. – »Halt!« rief ich und stürzte auf den Wagenschlag zu. Es war Richard, mein Jugend-, Schul- und Kollegienfreund, und Nachbar obendrein, zwanzig Meilen von mir geboren, hundertundsiebzig von mir wohnend. Ich nahm vom guten Staunton Abschied, setzte mich in den Wagen, und wir rollten den Broadway hinauf dem Americanhotel zu.

»Aber um des Himmels willen, George!« rief mein Freund, als wir uns in dem ihm soeben angewiesenen Zimmer befanden, »was machst du hier? Hast du deine Freunde, dein Haus, deinen Hof so ganz vergessen? Elf Monate sitzt er da.«

»Und macht die Cour und ist keinen Schritt weiter als am ersten Tage«, fiel ich ein.

»Also ist es wahr, was das Gerücht sagt, daß du bei Bowsends geangelt bist? Armer Junge! Sage mir um aller T...l willen, was du wohl mit dem Püppchen machen willst, die nicht einmal Geduld hat, einen Roman von Cooper durchzulesen, die schon in ihrem zwölften Jahre Tom Moore und Byron, Don Juan vielleicht ausgenommen, auswendig wußte, die Geographie und die Globen, Astronomie und Cuvier und die Kartons von Raffael bis über den Hals studiert und, so wahr ich lebe, nicht weiß, ob ein Hammels-Kotelette vom Rinde oder Schweine herrührt; die den Tee wie Blumenkohl absieden und die Eier im deutschen Sauerkraut einmachen wird.«

»Und vor jeder Nadel Zuckungen bekommt; – das rührt aber vom Geblüte her«, setzte ich hinzu. »Aber das Kochen und Absieden wird sie bleiben lassen.«

»Die nicht weiß,« fuhr er fort, »ob die Wäsche gekocht oder gebraten werden muß.«

»Und singt wie ein Engel, wenn sie nämlich nicht den Schnupfen hat, und spielt wie der Teufel und tanzt wie besessen.«

»Ja, das wird dich fett machen«, meinte er. »Ich kenne die Familie; Vater und Mutter sind die erbärmlichsten –«

»Halt ein!« rief ich, »sie sind um kein Haar besser, noch schlechter als der Rest.«

»Ja, da hast du recht.«

»Wohl denn! Um sechs Uhr habe ich versprochen, zum Tee zu kommen. Willst du mit? Ich führe dich auf.«

»Kenne sie – kenne sie. Ich gehe unter der Bedingung, daß du nach drei Tagen mit mir Neuyork verläßt.«

»Wenn ich nicht heirate«, bemerkte ich.

»Verdammter Narr!« rief er.

Ich muß gestehen, der Spott meines Freundes, selbst mein eigener, hatte mich ein wenig stutzig gemacht, aber nur ein wenig. Wer könnte auch in dem tollen Neuyork, dem lebensfrohen, amerikanischen Paris, zum Nachdenken kommen, wo es für das liebe Volk zwar nicht wie in dem transatlantischen, heute Wein aus Springbrunnen und Würste von den Bäumen und den nächsten Tag Kartätschen aus Feuerschlünden regnet; wo es sich aber ebenso heiter und froh lebt, nur mit dem Unterschiede, daß man hier ein bißchen mehr auf seinen Beutel hält? Das ist eigentlich unser großes politisches Arkanum, das zuverlässigste gegen alle Wein- und Kartätschenregen, die es gibt. Probatum est. Ja, es ist ein sanguinisch-durchgreifendes Völkchen, das Neuyorker, das lebt und leben läßt, Geld in Scheffeln gewinnt und in Büscheln wieder vertut. Zur Besinnung läßt sich's hier nicht kommen. Selbst der kalkulierende Yankeeism von Boston und der Philadelphia-Quäckerism arten hier aus, und zwischen der flachen, platten, schweigsamen Bruderstadt, wo die Nachtwächter Schaffellsohlen unter ihren Schuhen tragen müssen, um die Nachtruhe der lieben Bürger und noch lieberen Bürgerinnen nicht zu stören, und dem lustigen Neuyork, sollte man denken, müssen ganze Weltteile liegen. Die letzten acht Tage war es nun über die Maßen bunt hergegangen. Bachelors-Ball Bachelors-Ball, Junggesellenball. Einer der glänzendsten Bälle, die in Neuyork alljährlich von den Junggesellen gegeben werden. und Präsidentenwahl und Gouverneurswahl und Sheriffswahl hatten die zweimalhunderttausend Seelen, aus denen die liebe hohe und niedrige Welt zusammengesetzt ist, in solche Bewegung versetzt, daß es unmöglich war, einen neuen Rock oder Inexpressibles Inexpressibles, der amerikanische Ausdruck für Beinkleider. auf seinen Leib zu bekommen; so waren die ehrsamen Zünfte vom Gemeinbesten in Anspruch genommen. Mein Schuhmacher sah mich so wichtig an; ich dachte nicht anders, als er habe auch die fünfundzwanzigtausend Dollars Fünfundzwanzigtausend Dollars, das Gehalt des Präsidenten der Vereinigten Staaten. im Kopfe, und wirklich etwas hatte der Gute erjagt: er war zum Mitlenker des Staatsruders in Albany erkoren. Selbst die so schmählich hintangesetzte Kunst hatte zur Verherrlichung des politischen Dramas beitragen müssen und alle Hauptquartiere der siegenden oder besiegten Parteien waren mit klafterlangen Transparenten behangen, in denen der Sieger von Neuorleans mit seinem Streithengste goliathmäßig und hinwieder bescheiden als schlichter Cincinnatus, hinter dem Pfluge einherwandelnd, dargestellt ist, allen Adamsmännern zum Trotz, die ihrerseits zu seinem Ruhme nicht versäumt hatten, ein Gegenstück in echter Nürnberger Manier zu liefern, den alten Hickory mit Dolch und Pistole repräsentierend, wie er soeben ein paar Dutzend freier Bürger in die andere Welt expediert.

Ein kräftiges Hurra für Jackson, das soeben von der Murraystraße heraufschallt, verkündet etwas Neues. Die Szene ist wahrlich neu und ganz in ihrer Art. An die vierzig Lohnkutschen kommen gegen den Park heraufgezogen, zu beiden Seiten mit der wunderlichsten Kavalkade flankiert, die je ein menschliches Auge gesehen. Wettergebräunte, rührige Männer baumeln zu zwei und drei auf einem Pferde herum und herunter. Jeder Fall der unbeholfenen Kavaliere wird mit einem Hurra begrüßt, das die Fenster zittern macht. Alle möglichen Trachten sind an den fahr- und reitlustigen Teerjacken zu sehen; mit Pech geschwängerte Hüte und Hütchen und Jacken und Inexpressibles. Der eine ist mit einem neumodischen Fracke angetan, der andere prangt in einer Redingote, die soeben vom Chatham-Place ihren Weg auf seinen Leib gefunden, ein dritter erglänzt in seiner rotflammenden Jacke: der tollste, buntscheckigste Haufe, der je gesehen wurde. Es sind Matrosen, die Bemannung der Fregatte Constitution, die einberufen und diesen Morgen ausbezahlt worden, und die nun aus Leibeskräften bemüht sind, die fünf- oder sechshundert Dollars, die jedem von ihnen während des dreijährigen Kreuzzugs auf den Hals gewachsen, so geschwind wie möglich wieder los zu werden. Wer so das lustige Völkchen hinziehen sieht, im Jubel, Saus und Braus, mit vollen Flaschen, jeder eine Schöne neben sich und brüllend, daß einem die Ohren gellen, der muß sich von unserer polizeilichen Ordnung einen sauberen Begriff machen. Tut jedoch nichts. Das sind Männer, die zwar nicht den Julius Cäsar und Cornelius Nepos gelesen, die aber für ihr Vaterland so heiß glühen, wie die Helden Plutarchs. Zeigt ihnen eine Fregatte Britanniens, und sie werden darauf losstürzen und sie brechen, wie der feste, freie Mann den Übermut des stumpfen Herrendieners bricht. Und laßt den Sturm über sie hereintoben, und sie werden wie Felsen dastehen, im Gebrülle des Orkans, und hängend draußen am gefrornen Segeltuche, ihre Hände und Füße erstarrend am Taue – werden sie sinken unter den krachenden Balken und hereinstürmenden Wogen in den bodenlosen Abgrund, und ihr letzter Gedanke wird auf das Vaterland gerichtet sein. Solche Männer verdienen, daß man ihnen ihre Lust nach ihrer eigenen Weise gönne. Sie werden schon wieder nüchtern werden ohne Polizei, Gendarmen und Wachhaus. Ihr rohes Treiben ist nicht den zehnten Teil so verderblich für des Volkes Sitten als euer raffinierter Bon ton. In drei Tagen hat das Drittel dieser Vierhundertundfünfzig keinen Cent mehr in der Tasche, in sechs das zweite Drittel, und in zehn Tagen sind sie so ziemlich alle wieder flott und in der roten Jacke – und auf der Reise nach allen Weltgegenden, die wenigen ausgenommen, die sich einen eigenen Herd suchen oder sich in gewissen Affären verspätet haben. Ein paarmal treiben sie das Wesen mit; dann werden sie klüger, nehmen sich Weiber und setzen sich hin, um tüchtige Hauswirte zu werden; anfangs ein wenig quer und verschroben, wie es Seemännern zu gehen pflegt; aber allmählich lehrt sie gesunder Menschenverstand, sich in die neue Lage zu fügen. Es ist in diesen Männern ein fröhlich freier, selbständiger Sinn, ein tüchtiger und trotziger Mut, der, über die Nation zerstreut, herrlichen Samen getragen, der im letzten Kriege unser Vertrauen in uns selbst erkräftigt und so unsern Feind bezwungen hat. Diese Männer haben den Neuseeländer und Chinesen, den Türken und Brasilianer und Franzosen kennen – und auf ihn stolz herabblicken gelernt, den Seebezwinger aller – den Briten – haben sie bezwungen. Der britische Matrose kehrt immer dümmer, als er ausgezogen, unter seine Zuchtrute zurück; der amerikanische immer aufgeklärter, weil Knechtschaft immer zurück, Freiheit immer vorwärts führt. Der eine weiß, daß Lebensweisheit für das Ziel seiner Laufbahn – das Greenwichhospital – überflüssig oder gefährlich ist; der andere muß sie sammeln fürs tätige Bürgerleben, in das er ehrenvoll eintritt. Und John Bull wundert sich in seiner Dummheit, daß wir ihm mit unsern fünf Fregatten zehn genommen und ihn in zwei Haupttreffen von unsern Seen verjagt? Er, der seine armen Wichte von Matrosen mit fünfzehn Schillingen abfertigt und, wenn sie ein bißchen über die Schnur hauen, auf ein paar Monate ins Loch steckt! – Wir haben so manche Fehler, und Engel sind wir wahrhaftig nicht, – aber eine Tugend haben wir, die der Sünden viele bedeckt: sie ist Achtung für Menschenwürde und Bürgerrecht, und diese hat uns vom größten Tyrannen das Größte errungen, wonach der Mensch je gestrebt hat: Freiheit in unserm Lande und auf unsern Meeren.

Es war sechs Uhr, als ich mit Richard in das Drawing-room meiner künftigen Schwiegermama eintrat. Die gute Dame hatte mich beinahe erschreckt in ihrem nagelneuen, soeben mit dem Henri IV. angekommenen grauen Gazeturban, der ihr das Ansehen einer unserer Mississippi-Nachteulen gab. Auch Richard schrak sichtlich zurück, und der gute Moreland schaute so starr nach dem hehren Kopfputze hin, als wäre er ein Zifferblatt gewesen. Miß Margaret im grünseidenen Kleide, die Haare glatt zu beiden Seiten der Stirne hinabgekämmt à la Margarete, – wir haben eine eigene Modenphraseologie – war, wie die Tochter Jephtas, blaß und resigniert: ein leichtes Zittern bebte durch die anziehende Gestalt, und in ihrer Begrüßung war süßer Schmerz und schmachtende Sehnsucht nach dem fernen Geliebten unverkennbar. Der Abstand war allerdings grell zwischen dem fünfzigjährigen Moreland, der kalt und zäh und breit und rot dasaß, und dem windigen Staunton, der von Austern und Rosinen lebte und sich höchstens in Bulwers Novellen betrank. Ich hatte dem zarten, soeben beschriebenen Gebilde die Tales of my Grandfather Tales of my Grandfather, Erzählungen meines Großvaters, von Sir Walter Scott. mitgebracht.

»Walter Scott!« rief sie mit lieblich verschmelzender Stimme. »Ach! Der gemeine Mensch weiß auch nicht ein Wort zu sagen«, flüsterte sie mir nach einer Weile zu.

»Warten Sie nur«, tröstete ich sie; »Sie wissen ja, daß derlei Affären zuerst immer Jampartien Jampartie, buchstäblich eine Balkenpartie. – Bekanntlich sitzen Gesellschaften im Winter in einem Halbzirkel um den Feuerplatz, dessen oberer Marmorbalken Jam genannt wird. Eine langweilige Gesellschaft, die den Balken ansieht, wird daher Jamparty genannt. sind. – Furcht, Bescheidenheit versperren ihm den Mund.«

Das Mädchen sah mich an. Sie war bitterböse. »Kalter, herzloser Spötter!« sagte sie.

Wie konnte ich anders? Sie war so empfindsam albern.

Richard hatte unterdessen mit Bowsends die Konversation begonnen. Der arme Junge, der nicht wußte, daß der Teegeber Adamsmann war und fünftausend Dollars in Wetten und Beiträgen zur Umstimmung des souveränen Volkswillens verloren, hatte sich beeilt ihn wissen zu lassen, daß der alte Hickory Hickory, Spitzname General Jacksons, ist eigentlich ein zäher harter Nußbaum. nächstens die Hermitage verlassen werde.

»Der blutdürstige Backwoodsman Backwoodsman, Hinterwäldler. Sonst wurden alle jenseits der Alleghany-Gebirge Wohnenden so genannt; gegenwärtig spottweise die Kentuckier-Alabamer, überhaupt diejenigen, die in großer Entfernung von den Hauptstädten oder in den neuen Territorien angesiedelt sind., halb Pferd, halb Alligator Halb Pferd, halb Alligator, Spottname, den Kentuckiern gegeben.«, unterbrach ihn Mister Bowsends.

»Kostet Ihnen schwer Geld«, versetzte Moreland lachend.

»Und raucht aus einer Tabakspfeife, wie die vulgären Deutschen«, fügte Mistreß Bowsends hinzu.

»Nun, das könnte ich eben nicht so vulgär nennen; der Tabak hat wirklich einen ganz andern Geschmack«, sprach der unglückselige Moreland.

Ich stieß ihn mit dem Ellbogen in den Rücken.

»Sie rauchen aus einer Tabakspfeife, Mister Moreland?« flötete Margaret.

Der Mann stutzte; die unerwartete Frage hatte ihn aus dem Konzepte gebracht; sein gutes Gewissen ließ jedoch keine Prevarikation zu, und so antwortete er mit einem:

»Es schmeckt so gut!«

Ich hatte die Erschütterung der empfindsamen Seele vorhergesehen, und legte meinen Arm über die Sessellehne, eben als Arthurine eintrat. Sie blickte einen Augenblick umher; es war jedoch zu spät, den Arm zurückzuziehen. Sie schien es nicht zu bemerken, grüßte leicht und fröhlich die Gesellschaft, tanzte dann auf Moreland zu, bot ihm einen guten Abend, fragte ihn nach seinen Wetten, seinen Schiffen, seinem alten Tom, plauderte an die zehn Minuten in einem Atem. Ehe sich's Moreland versah, war seine Hand in den beiden ihrigen. Freilich waren sie alte Bekannte, und er konnte füglich ihr Großvater sein.

Margaret hatte sich inmittelst von ihrem Schrecken erholt.

»Er raucht aus einer Pfeife«, lispelte sie im dumpfen Schmerze Arthurine zu.

»Der alte Hickory ist sehr populär in Pennsylvanien«, fing Richard wieder an, ohne von dem Unheil, das er angerichtet, auch nur eine Ahnung zu haben. »Soeben hat ihm ein Farmer Farmer, ursprünglich Pächter; in den Vereinigten Staaten heißt jeder Landwirt und Gutsbesitzer Farmer. von Bedford-County Bedford-County, Grafschaft in Pennsylvanien. ein Faß Monongehala Monongehala, ein bedeutender Fluß, der in Virginien entspringt, bei Pittsburg sich mit dem Alleghany vereinigt, und so den Ohio bildet. Er hat bei seiner Vereinigung beiläufig 1400 Fuß Breite, der Alleghany 1200 Fuß. An seinen Ufern wächst vorzüglicher Roggen und Weizen, aus welchem ersteren der beste Kornbranntwein in den Vereinigten Staaten gebrannt wird, den man daher schlechtweg Monongehala nennt. zum Geschenke gemacht.«

»Um das beneide ich ihn«, platzte Moreland heraus. »Ein Glas alter Monongehala ist nicht mit Geld zu bezahlen.«

Der Stoß war zu heftig; der zarte Nervenbau Margarets konnte ihn nicht aushalten; sie sank. Glücklicherweise hatte ich sie erfaßt. Soeben war der Tee angekommen. Mit Hilfe der Dienstmädchen und Bedienten wankte sie aus dem Zimmer.

»Haben Sie ihr ein Buch gebracht?« fragte Arthurine.

»Ja, einen neuen Roman Walter Scotts.«

»Ach, dann erholt sie sich schon«, meinte das liebe Schwesterchen gleichmütig.

Mit der nervenschwachen Schönheit war auch unsere Schweigsamkeit gewichen. Kapitän Moreland war ein fröhlicher Teer, der zehn Reisen nach China, fünfzehn nach Konstantinopel, zwanzig nach St. Petersburg und unzählige nach Liverpool gemacht, und sich ein artiges Vermögen erworben hatte, das er nach Kräften zusammenhielt und vermehrte. Ein jovialer Lebemann mit gesundem Menschenverstande, einen Punkt ausgenommen, die Weiber nämlich, die er gerade so gut kannte, wie die Bewohner des Mondes. Die Aufmerksamkeit, mit der ihn Arthurine behandelte, die mädchenhafte Verschämtheit, der liebliche Reiz, mit dem sie sich an ihn anschmiegte, schien dem Gaumen des alten Junggesellen recht wohl zu behagen. Es lag etwas leicht Fröhliches, Spottendes und zugleich unendlich Anziehendes im Wesen des süßen, liebreizenden Mädchens; selbst der kalte Richard hing mit unverhohlener Bewunderung an ihr.

»Das ist wirklich ein bezauberndes Mädchen«, lispelte er mir zu.

»Habe ich dir es nicht gesagt? Sieh nur, mit welcher Zartheit sie in die Launen des Alten einzugehen weiß.«

Die Stunden waren wie Minuten verflogen. Das Souper war lange abgedeckt, und wir machten Miene zum Aufbruche. Arthurine drückte mir bedeutsam die Hand, und ich war in neunundneunzig Himmeln.

»Nun, Freunde,« sprach der ehrliche Moreland, als wir aus der Türe waren, »es wäre wirklich schade, an diesem herrlichen Abend uns so bald zu trennen. Was meint ihr, wie wäre es? Ihr geht mit mir, und wir brechen noch einem halben Dutzend die Hälse.«

»Wohlan! Es ist ohnedem grimmig kalt, und der Sherry und Port Sherry, Port: Xeres und Oporto-Weine, die nebst Madeira, Teneriffa und Lisbon beinahe ausschließlich getrunken werden. des alten Bowsends sind nicht halb so geistig ...«

»Wie seine Mädchen«, versetzte der schmunzelnde Moreland, der denn doch ein wenig zu tief ins Glas geguckt zu haben schien.

Wir nahmen den alten Kumpan in die Mitte, und steuerten seiner Kajüte zu, wie er sein wirklich prachtvolles Haus nannte.

»Nun, ist das nicht eine herrliche, liebe Familie, die Bowsends?« eröffnete Moreland die Sitzung an der mit Lafitte und East-India Madeira besetzten Tafel. »Und die Mädchen sind prachtvoll. – Ja, ja habe ich mir gedacht, – du kommst allmählich in die Jahre; – bist aber doch noch frisch, rührig und munter, gesund wie ein Delphin – Damn! – Ich könnte noch ein halbes Dutzend Mädchen ...«

»Begraben«, setzte ich hinzu.

»Ja, das könnte ich bei Jingo; hoffe aber, Margaret wird Stich halten. Sie gefällt mir, und so habe ich denn ...«

»Ja, aber lieber Moreland, ob Sie auch ihr gefallen?«

»Pah! Fünfmalhunderttausend Dollars. Hör' einmal, Junge, das findet sich nicht alle Tage.«

»Fünfzig Jahr!« – setzte ich hinzu.

»Ja freilich, aber gesund und rüstig, keiner eurer Spindeljungen, kein Staunton ...«

»Ja, der raucht aber Zigarren, und nicht aus deutschen Pfeifen.«

»Das lasse ich wohl bleiben; werde mir da wegen der Miß das Maul und die Nase mit den verdammten Stümpchen verbrennen!«

»Auch trinkt er nicht Whisky. Er ist Präsident einer Temperanz-Gesellschaft!«

»Hol' ihn der Henker!« brummte Moreland. »Den Whisky wollte ich um aller Mädchen willen nicht lassen.«

»Dann werden sie in Ohnmacht fallen«, lachte ich.

»Und Margaret!« fuhr er heraus. »Ah! dem Monongehala galten also die Achs und Ohs, und das Sinken und Verschwinden? Ist es um diese Zeit! Nein, meine Miß, da wird nichts daraus. Darauf können Sie sich gefaßt machen«, und zur Bekräftigung leerte er sein Glas und wir die unsrigen.

Wir lachten und jubelten bis nach Mitternacht, und ich hatte mir viel auf meine diplomatische Geschicklichkeit eingebildet; als wir aber nach Hause gingen, meinte Richard, daß ich dem alten Junggesellen etwas zu hart zugesetzt hätte. »Habe ich doch die arme Margaret von dem lästigen Menschen befreit«, war meine Antwort. Der kalte Richard jedoch schüttelte den Kopf. »Was daraus werden wird, weiß ich nicht, doch darfst du für deine unberufene Mediation eben keine sehr glänzende Erkenntlichkeit erwarten.«

Der nächste Morgen verging in Geschäften, deren Besorgung Richards Ankunft nötig gemacht hatte. Zehnmal wollte ich Arthurine sehen; aber immer war ich durch etwas, das dazwischen kam, abgehalten. Es war nach der Teezeit, als ich ins Haus trat. Im Drawing-room saß Margaret, eine frische Novelle verdauend. »Wo ist Arthurine?« fragte ich.

»Im Theater mit Mama und Mister Moreland«, war die Antwort.

»Im Theater mit Mama und Mister Moreland!« Man gab Tom und Jerry Tom und Jerry, Burleske oder Posse., ein horribles Lieblingsstück der aufgeklärten Kentuckier. Ich hatte die erste Szene in Caldwells Theater zu Neuorleans gesehen und daran genug gehabt.

»Fürwahr! Das heißt sich aufopfern«, sprach ich ärgerlich.

»Die Edle!« versetzte Margaret. »Mister Moreland kam zum Tee und drückte ein so lebhaftes Verlangen aus ...«

»Daß sie nicht umhin konnte, mit ihm zu gehen, und ein paar Stunden sich zu ärgern und zu gähnen.«

»Ihrem süßen Zauberreize wird es vielleicht gelingen, Mister Moreland beizubringen«, – lispelte sie.

Ja, das ist's, dachte ich. Eine Anwandlung von Eifersucht wäre lächerlich gewesen. Er fünfzig Jahre, sie siebzehn. Ich empfahl mich und eilte zu Richard.

»So zeitig?« fragte er lachend.

»Sie ist mit Moreland und Mama im Theater.«

Richard schüttelte den Kopf. – »Du hast dem Alten gestern ein Wespennest in den Kopf gesetzt. – Sieh zu!«

»Ich möchte gerne sehen, wie sie sich an seiner Seite ausnimmt«, sprach ich.

»Wohl! Ich begleite dich. Je eher du geheilt bist, desto besser. Aber nicht länger als zehn Minuten.«

Wer hätte es auch länger aushalten können in diesen Whiskydünsten und Tabaksqualm! Es war im Bowerytheater. Die Lichter schwammen als ob sie im Nebel hingen, und von der Galerie regnete es Orange- und Apfelschalen auf uns herab, andere Dinge zu verschweigen. Der liebe Tom war soeben in seiner Forcepartie begriffen. Ich blickte auf, da saß die liebreizende Arthurine, so gemütlich mit dem alten Moreland plappernd, daß mir Hören und Sehen verging. Eine dreißigjährige Ehefrau hätte nicht anständiger ihren Platz einnehmen können.

»Das ist ein gescheites Mädchen«, versicherte Richard, »die sieht auf die Dollars, und würde den alten Hickory nehmen, trotz Tabakspfeife und Whisky, wenn er Lust und mehr Geld hätte.«

Ich erwiderte kein Wort.

»Wenn du kein solcher Hasenfuß wärest,« meinte Richard, »so würde ich sagen: lasse sie fahren, und übermorgen gehen wir ab.«

»Noch acht Tage«, versetzte ich mit schwerem Herzen.

Wieder betrat ich am folgenden Abend, Schlag sieben Uhr, mein Elysium, das mir allmählich zum Tartarus wurde. Wieder saß Margaret einsam über einem Roman.

»Und Arthurine?« fragte ich mit zitternder Stimme.

»Ist mit Mama und Mister Moreland gegangen, Miß Fanny Wright zu hören.«

»Miß Fanny Wright zu hören, die Atheistin, die Revolutionistin?« Das war doch wirklich toll. Wer hätte so etwas auch nur träumen sollen? Diese Miß Fanny Wright war gemieden von unserer fashionablen Welt wie eine Pestkranke. –

»Mister Moreland«, lispelte Margaret, »sprach mit so vielem Lobe von ihrem entzückenden Vortrage, daß Arthurines Neugierde geweckt wurde.

»Ja, ja«, versetzte ich.

»Oh, Sie kennen nicht das edle Mädchen. Für ihre Schwester würde sie das Leben aufopfern. Sie ist meine einzige Hoffnung.«

»Schön, schön!« sprach ich, indem ich meinen Hut zerkneipte und mich nach der Türe umsah.

Endlich am folgenden Morgen ließ es mich nicht mehr ruhen, und kaum hatte die Glocke elf geschlagen, so stand ich vor der Türe. Beide waren denn doch einmal zu Hause. Arthurine schwebte mir mit holdem Lächeln entgegen. Auf ihrem Antlitz saß ein gewisses Etwas, das mich stutzen machte. Ich drückte ihr die Hand; sie sah mich zärtlich an.

»Es scheint. Sie haben sich gut unterhalten?« begann ich nach einer Pause.

»Das Neue hat Reiz für mich. Ich hätte wahrhaftig nicht geglaubt, daß ich noch eine Schülerin der Miß Fanny Wright werden würde«, sprach sie lachend.

»Wenigstens kein großer Sprung von Tom und Jerry«, sprach ich.

»Respekt vor Tom und Jerry, die wir patronisieren, Mister Moreland nämlich und meine Wenigkeit«, lachte sie.

»Wahrlich, diese Verschwörung gegen guten Geschmack hätte ich meiner Arthurine nicht zugetraut«, erwiderte ich ziemlich ernst.

»Meiner Arthurine! Meiner Arthurine!« schmollte sie. »Sieh da, welche Rechte sich der Herr anmaßt. – Wir leben in einem freien Lande.«

Es war Scherz und Ernst in dem lieblichen Gesichte. Ich sah sie forschend an.

»Wissen Sie,« schäkerte sie, »daß ich Moreland ganz lieb gewonnen habe. – Er ist ein so gemütlicher, reeller Charakter, und hat gar nichts von dem Ungestümen.«

»Und fünfmalhunderttausend Dollars«, fügte ich hinzu.

»Eben das ist seine schönste Seite. – Denken Sie nur an die Bälle, lieber Howard. Sie werden doch hoffentlich auch kommen. – Und dann Saratoga; nächstes Jahr vielleicht London oder Paris. – Oh, es wird prächtig sein!«

»Schon so weit gediehen?« fragte ich mit bitterm Spotte.

»Und Sissi ist erlöset. Nicht wahr Margaret?« Und sie flog an den Hals der Schwester, und die beiden Mädchen herzten und küßten sich. Ich wußte nicht, sollte ich lachen oder weinen.

»Dann muß ich gratulieren«, sprach ich mit einem Lachen, das mich ziemlich albern kleiden mußte.

»Gratulieren Sie!« sprach Arthurine, gegen mich zutanzend. – »Heute um zehn Uhr hat Mister Moreland seine Bewerbung von Margaret auf mich feierlichst übergetragen.«

»Und Sie?«

»Wir haben natürlich, in Anbetracht seiner vielen Liebenswürdigkeiten, beschlossen, den Antrag für einstweilen ad protocollum zu nehmen. Sie wissen, Dekorum gebietet, daß man sich wenigstens ein paar Tage ziere.«

»Sind Sie in Scherz oder Ernst, liebe Arthurine?«

»Ganz im Ernste, lieber Howard!«

»So leben Sie wohl.«

» Farewell for ever, if for ever; fare thee well!« lachte und seufzte sie.

Auf der Stiege begegnete mir die geturbante Ma. Sie zog mich geheimnisvoll ins Parlour.

»Sie haben Arthurine gesehen? Nicht wahr, ein liebes, treffliches Kind! Oh, das Mädchen ist unsere Freude, unser Trost. Mister Moreland! der scharmante Mister Moreland! – Nun, da es sich so gut gefügt hat, wollen wir auch mit Margaret ein Auge zudrücken.«

»Es ist also wahr?«

»Nun, als Hausfreund kann ich's Ihnen schon zuflüstern! Aber die Welt, natürlich, vor der muß es noch ein Geheimnis bleiben. Mister Moreland hat um sie förmlich angehalten.«

»Um wen?«

»Je nun, um Arthurine.«

»Schön, schön!« erwiderte ich, mich zur Türe hinausdrängend, und die Gasse hinaufrennend, als wäre ich dem Tollhause entsprungen.

»Richard!« rief ich meinem Freunde zu, »wollen wir abreisen?«

»Gott sei Dank! So ist's denn vorüber, das Neuyorker Fieber. Nun gehst du auf ein paar Monate mit mir nach Virginien.«

»Ja«, versetzte ich.

Als wir am folgenden Morgen dem Dampfschiffe zufuhren, kam Staunton herangerannt.

»Wünsche mir Glück, ich habe nun das Jawort!«

»Und ich den Korb!« versetzte ich lachend. – »Werde da ein Narr sein, und mir den Hals eines Mädchens wegen abreißen!« Aber trotz meinen spaßhaften Worten hätte mir das Herz im Leibe zerspringen mögen. Ich hatte sie so lieb, die kleine Hexe.

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