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Brautfahrten

Charles Sealsfield: Brautfahrten - Kapitel 19
Quellenangabe
authorCharles Sealsfield
titleBrautfahrten
publisherGeorg Müller
yearo.J.
editorHeinrich Conrad
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180712
projectid9f98f819
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XI.
Sehr überraschend.

Taby hat eine Kapitalniederlage erlitten; Zwillinge, die heute morgens nach fünf Uhr ans Licht der Welt gezogen wurden. Sibylle kam gesprungen, riß triumphierend die Türe unseres Schlafzimmers auf, die Moschettovorhänge auseinander, und kreischte mir in die Ohren: »Massa Maum glücklich sein. Zwei Picanini, Taby zwei Picanini, Massa Maum, zwei Picanini, zwei Picanini Taby haben, Picanini Taby.« So ging es fünf Minuten fort. Ich rieb mir die Augen, Luise war schon aufgesprungen, hatte ein Peignoir, das ihr die schwarze Zofe überreichte, umgeworfen, und ehe ich noch ganz wußte, wie mir geschah, war sie fort. – Ich erhob mich gleichfalls, warf den Schlafrock um und traf sie auf der Treppe, bereits auf dem Rückwege, mit dem Papa im heftigen Wortschwalle: » Mais papa, was hast du gemacht, Papa? Aber Papa, wie du nur so sein kannst? Alle Zimmer im Hause vergeben, wo wird Taby ihre Wochen halten? Sie kann doch nicht in der Hütte bleiben? Papa, wie du nur so vergessen sein kannst?« und der Papa schlägt sich auf die Stirne. » Mon dieu, tu as raison, j'ai oublié.« Er weiß sich jedoch zu helfen. Merveille und Vergennes müssen in die leerstehende Wohnung des Aufsehers. »Da bin ja aber ich,« sagte Charles, »und die drei andern Zimmer haben unsere Neger.« » Oui, Oui.« »Wohl, so legt Taby in Charles Zimmer, ihre Neger gehen ohnedem heute ab.« »Was!« riefen Vater und Tochter. »Was! Bei uns ist es immer Sitte, daß die Wöchnerinnen im Hintersalon untergebracht werden. Es wäre inhuman – keine Familie von gutem Tone tut es, nicht wahr, Merveille, Sie geben Ihr Zimmer?« Merveille war auch durch den Lärm aufgestöbert worden. »Von ganzem Herzen«, sagt er; »auf unserer Pflanzung gehen die Wöchnerinnen allem vor.« Ich sah den Mann an, und mußte ob der Zuversicht, mit der er sprach, beinahe lachen. Jeden Monat eine Verschwörung in seines Vaters Pflanzung, der ein eingefleischter Teufel ist und seine Neger mit so kaltem Blute bis auf die Beine zerfleischen lassen kann, daß er unzählige Male bereits in Lebensgefahr war; – und die Neugebornen müssen im Salon untergebracht werden!! – Sind wahre Metzger, diese Kreolen unter Neuorleans, die ihr Menschenfleisch aufziehen lassen, wie jene die Kälber. Doch auch Mistreß Houston stimmt für die Übersiedelung Tabys in das Haus. Sie kam gleichfalls an, wie sie hörte, was vorgefallen. »Meine Kinder und Wöchnerinnen«, sagt sie, »sind immer im hintern Salon, in meiner Nähe, so daß jede Art von Hilfeleistung ihnen sogleich gereicht werden kann, und sie stets unter meinen Augen sind; – solange ich das nicht tat, blieben mir von dreißig Kindern nicht sechs am Leben. Sie glauben nicht, wie unbesonnen, leichtsinnig diese Negermütter sind.« »Wohl gesprochen«, bekräftigten Menou und Luise mit der Miene von Gerichtspräsidenten. Und sofort setzt sich der Zug in Bewegung, um der Wöchnerin Besuche abzustatten, die der gestrige Freudentaumel um vierzehn Tage früher, als es berechnet war, ihrer Doppellast entbunden hatte; Mistreß Houston und Madame Duras an der Spitze, ziehen sie dem Negerdorfe zu. Alle erkundigten sich freundlich und wohlwollend nach dem Befinden Tabys, die in einem fort plappert. – »O Massa Maum, zwei Picanini, Massa Maum, das Massas Picanini sein.« Es hilft nichts, daß ihr befohlen wird, das Maul zu halten, ihre Gesundheit würde leiden, – des Massa Picanini war kein Ende. Mistreß Houston war zurück in ihre Zimmer und kam mit einem rotseidenen Tuche, das sie ihr zum Angebinde verehrte; Madame Duras tat ein gleiches mit einem blauen, und Mistreß Richard fügte ein weißes hinzu; da hat sie die drei revolutionären Farben beisammen. Soll einer noch sagen, daß unsere Neger unmenschlich behandelt werden; die Geburt eines Prinzen hätte nicht mehr Jubel und Konfusion erregen können. Selbst Doughby ist rein vergessen, unser Frühstück muß warten, bis Taby in das Haus herübertransportiert – und in einem Bette gelagert ist, auf dem sich die erste Dame recht behaglich gestreckt haben würde. Die Glocke schlug neun Uhr, ehe wir uns in einer recht frohen, gemütlichen Stimmung zum Dejeuner niedersetzten. Die zwei kleinen Bälge waren wirklich ganz apropos und gleichsam als Vermittler zwischen mich und meine Gäste getreten; die Saiten unseres Mitgefühls leise berührend, erweckten sie die zarten Töne, und sie erklangen in Harmonie verschmelzend.

Wir saßen, wie gesagt, alle recht fröhlich und munter beim Frühstücke, als das Erzittern unserer Fenster abermals ein Dampfschiff verkündete. Ich sandte Phöbe, zu sehen, ob es herauf oder herab komme; herab, war die Antwort; worauf ich die Tafel verließ, um einige Bestellungen in der Hauptstadt zu machen. Es war der Montezouma, der herabkam und auf meinen Landungsplatz zurundete. Eine zahlreiche Gruppe von Passagieren stand am Verdecke, meistens Hinterwäldler im Red-River-Kostüm. Ich ging einige Male auf dem Landungsplatze auf und ab, der Ankunft harrend, als ich meinen Namen in vertraulichem Tone rufen hörte – »Howard, Howard! Grüße Euch, Howard!« – »Wer ist das? Die Stimme ist mir bekannt.« »Howard!« schreit es noch einmal; ich schaue – wahrhaftig, das ist Doughby. Wie kommt der auf den Montezouma? Er ging doch gestern auf dem Red-River-Dampfer den Fluß hinab, ich dachte mir ihn bei dieser Zeit nahe an Woodville. Seltsam! Es ist wirklich Doughby, der mit Händen und Füßen antreibt und die Zeit nicht abwarten kann, bis das Schiff angefahren ist. Endlich legt es an, die Bretter erreichen das Land, und Doughby springt mit zwei Sätzen darüber und liegt in meinen Armen. Ja wahrhaftig, in meinen Armen, so unamerikanisch dieses auch klingen mag.

»Howard!« schreit er mir in die Ohren, mit vor Freude erstickter Stimme – »Howard, jetzt bin ich ein Mann!«

»Doughby, herzlich willkommen! – Freut mich, Euch zu sehen.«

»Ein Mann, sage ich Euch, bin ich!« schrie Doughby, mich herzend, drückend. »Ein Mann, ein glücklicher Mann. – Gestern noch war ich nur ein halber Mann, nur halb. Howard, jetzt bin ich ein ganzer Mann!«

»Freut mich, Doughby. Aber, was Teufel! Ich glaubte, Ihr wäret den Red-River hinab und bei dieser Zeit zu Hause oder nicht ferne davon.«

»Dachtet Ihr, Howard?« jubelte Doughby, »und so dachte ich gestern auch, fügte sich aber anders, besser, sage ich Euch, bin ein Mann, ein glücklicher Mann!« rief er wieder frohlockend.

Ich sah ihn an und schüttelte den Kopf. Der Mann war Jubel und Frohlocken, aber ein Narr.

»Doughby, Ihr seid auf alle Fälle willkommen, recht sehr willkommen. Aber wo wart Ihr? Wo kommt Ihr her?«

»Hoffe es, hoffe es«, lachte Doughby. »Wo ich war? Beim Squire Turnip war ich, Mann.«

»Beim Squire Turnip!« rief ich verwundert. »Guter Gott! Was machtet Ihr beim Squire Turnip?«

»Was ich da machte, Mann?« jubelte Doughby. »Sollt es hören, so gut ich es von mir geben kann. Sollt alles hören, genau hören. Werdet Euch wundern. Mich selbst wundert es, weiß jetzt noch nicht, wie mir geschieht, kommt mir immer noch wie ein Traum vor, will mir nicht recht in den Kopf und zweifle zuweilen an meinem Glücke; aber läßt sich nicht mehr zweifeln, Mann; habe es schwarz auf weiß.«

»Was habt Ihr schwarz auf weiß?«

»Bin Mann und Weib«, rief Doughby, der jubelnd sein Notenbuch aus der Brusttasche riß. »Mann und Weib, Howard, sage es Euch, mit Julie Menou, sage ich Euch – schwarz auf weiß, sage ich Euch; da habt Ihr's.«

»Den Teufel seid Ihr! Ein Narr seid Ihr!« schrie ich.

Der Mann hat überschnappt, es ist richtig.

»Mann und Weib mit Julie!« rief er. »Da habt Ihr es, schwarz auf weiß.«

Und bei meiner Seele! es ist so. In meiner Hand hielt ich den Trauungsschein über das Ehebündnis, geschlossen zwischen Ralph Doughby Esq. of New-Feliciana, La; – mit der sehr sittsamen, tugendreichen Demoiselle de Menou Rapides, Cy. of the same state, durch John Absalon Turnip, justice of the peace etc. und gefertigt von demselben ehrenwerten Manne.

Ich stand wie versteinert.

»Aber Mann, seid Ihr denn beide vom Teufel besessen?«

»Was, besessen? Howard? gescheit waren wir, pfiffiger, vernünftiger als Ihr und Menou und alle zusammen. Das vernünftigste haben wir getan, was sich tun ließ. Werden uns da lange herumzerren, liebschafteln. Hasse Euch das lange Girren; kurz und gut, wie wir es in Kentucky tun.«

»Mein Gott, aber Julie, wie konnte sie sich nur so plötzlich, so sehr vergessen!« rief ich.

»Holla Howard! Gebt acht auf Eure Zunge; hört Ihr, seid zwar mein Schwager, aber über Julie müßt Ihr nicht so sprechen. Ist mein Weib, sage ich Euch. Bin ihr Mann, bin Mann und Weib. Soll kommen, der etwas dawider hat – soll, soll, will ihn sehen. Den Teufel hat sie sich vergessen; recht hat sie gehabt.«

Doughby war wieder auf.

»Hört Ihr!« rief er, mich bei beiden Armen erfassend. »Als ich so Menou Gesichter schneiden sah, mag sonst ein recht braver Mann sein; aber für einen Mounshour Tonson hat er verdammt wenig Manieren, sonst hätte er mir den Rücken nicht gewendet. Das vergebe ich ihm sobald nicht. Ist der erste, der mir es getan, soll auch der letzte sein. Aber sah wohl, daß ich, ohne irgendeinen Hauptstreich, wieder mit leerer Hand würde abziehen müssen. Dachte mir –«

Er hielt an, um auszuschnauben.

»War mir doch so wunderlich zumute«, fuhr er fort, mich wieder mit beiden Händen erfassend; »daß ich es Euch schier nicht sagen kann. War des Mannes Glück, daß ich in seine Tochter so schrecklich verliebt war; sage es auch aufrichtig; wäre ihm sonst übel gegangen. War Euch doch so toll, in meinem Leben war ich Euch nicht so toll; trieb mich auf und ab, vorwärts und rückwärts, rannte Euch herum wie im Koller, hatte nicht Ruhe, nicht Rast, ließ mich nicht in Eurem Hause, trieb mich hinaus, wieder zurück, und als ich so zurückkam, wen sehe ich, wen anders, als meine süße, liebe, herzige Julie, die, wie vom Himmel gesandt, scheu und furchtsam sich umschaut, ob sie wohl jemand sieht. Ich war mit einem Satze bei ihr; ›teure Miß,‹ sage ich, ›vergeben Sie, daß ich Sie nicht mit dem verdammten Demohselle anrede, will mir nicht von der Zunge. Miß ist soviel kürzer; teure Miß‹, sage ich, und da stockt es wieder, kann nicht mehr sagen, kein Wort mehr hervorbringen, und wenn ich mehr konnte, will ich Euch wie ein Büffel erschossen sein, oder in Eurem Red-River versinken, so schlecht sein Wasser auch ist.

›Teurer Mister Doughby‹, sagt sie, und drückte mir wieder die Hand, ich hatte sie ihr nämlich zuerst gedrückt; drückte sie mir wieder, aber so sanft, so leicht und doch, Howard, bei Jingo, Howard; zuckte mir durch alle Glieder.

›Teure Julie,‹ sagt' ich, ›ich muß gehen, Ihr Papa –‹ und drückte ihr die Hand wieder.

›Teurer Mister Doughby,‹ sagt sie – ›ach, der Papa – ich muß auch gehen; heute noch muß ich nach Hause –‹ und wieder drückte sie mir die Hand, und eine Träne perlte ihr aus den Augen.

›Teure Julie, ich liebe Sie, liebe Sie zum Sterben; mein Gott, liebe Sie, wie ich noch nie eine geliebt. Sie müssen mein Weib sein oder keine.‹

›Aber der Papa‹, sagte sie und drückte mir die Hand und schlägt die Augen zu Boden und weint. – ›Ums Himmels willen, der Papa‹, flüstert sie – ›wenn Papa uns sieht‹; und sie zieht ihre Hand aus der meinigen und wendet sich von mir ab, und ihre Tränen fließen stärker und mir wird so bange, als ob es mir das Herz abdrücken wollte.

›Ich darf nicht,‹ flüsterte sie, ›der Papa. – Oh, wüßten Sie, Mister Doughby, wie unglücklich ich bin.‹ Sie schluchzte laut.

›Das sollen Sie nicht, bei meiner Seele! Das sollen Sie nicht. Gott v – e mich,‹ sage ich, ›wenn Sie das sollen. Glücklich sollen Sie sein, das glücklichste Weib, ich der glücklichste Mann; ich schwöre es Ihnen. Glücklich sollen Sie sein.‹

Sie richtet ihre tränenfeuchten Augen auf mich und schaut mich an, ob es mir auch ernst sei. Auf einmal reißt sie ihre Hand los, wendet sich; ›ach der Papa!‹ schluchzt sie und rennt fort, als ob ein Dutzend wilder Stiere hinter ihr her wäre.«

»Aber mein Gott!« rief ich wieder, »wie konnte nur das Mädchen gar so unzart, so unweiblich –«

»Hol' Euch der Henker mit Eurem Geschwätze!« rief Doughby ungeduldig. »Glaubt Ihr, ein Mädchen, das zittert vor Lebenslust und heißem Blute, ist von Stein und nicht Fleisch und Blut wie Ihr und ich? Sieht Euch da mit Eurem Weibe kosen, girren, und den trockenen, ledernen Richard auch und hat die Aussicht, bei dem ausgemergelten, verfaulten Kreolen alle Tage ihres Lebens die Krankenwärterin zu spielen. Glaubt Ihr, ein Mädchen liebt so etwas?«

Das war es. Aufgeregte Sinnlichkeit auf der einen Seite, Furcht und Abscheu auf der andern; in diesem Konflikte tritt Doughby wie ein Deus ex machina dazwischen; was Wunder, sie ergreift die rettende Hand!

»Fahrt fort, Doughby.«

»Wie Julie nun so sagt, ›Doughby, teurer Doughby, und wüßten Sie, wie unglücklich ich bin‹, da war es mir doch so wehe und wohl ums Herz, kann Euch gar nicht sagen, wie wohl und wehe. Wußte nun, daß sie mich gern hatte; sah aber auch, daß ihr Vater mich schier so wohl leiden mochte, als unsere Gäule die Polkatzen. Trieb mich wieder aus dem Hause, treffe Euch, und auf einmal fährt mir ein Gedanke durchs Gehirn. Ich frage Euch, wie alt Julie ist, ›neunzehn Jahr‹, sagt Ihr. – ›Könnt Ihr mir das schriftlich geben?‹ sag' ich. ›Ja‹, sagt Ihr. Ich nehme das schriftlich; warum und weswegen, weiß ich noch immer nicht; war aus purem Instinkt; zudem kommt Menou und der Red-River-Dampfer den Fluß herab. Wie ich Euern Schwiegervater sehe, war ich Euch doch wieder so toll. – Wollte auf der Stelle fort auf den Red-River, fort nach Hause. Ich springe ans Ufer, rufe den Kapitän an; er sendet das Boot, ich springe darein, und fort geht es auf den Dampfer.

Das Ventil schließt, und wir fahren an Alexandria vorbei. Und wie wir so vorbeifahren, war es mir doch, als wenn alle meine Glückseligkeit hinter mir schwände. Ich springe zum Kapitän – ›Kapitän,‹ sag' ich, ›Ihr müßt mich auf den Alexandria-Dampfer zurückbringen, mir schnell ein Boot geben. ›Mister Doughby,‹ sagt er, ›ich glaubte, wir würden das Vergnügen Ihrer Gesellschaft haben.‹ – ›Habe etwas vergessen,‹ sag' ich, ›etwas sehr Wichtiges vergessen; muß zurück, auf der Stelle zurück.‹ ›Will auf Euch warten,‹ sagt' der Kapitän, ›bis Ihr zurückkommt.‹ ›Braucht nicht zu warten‹, sage ich; ›nur schnell das Boot her.‹ Das Boot war zum Glücke noch im Flusse, ich springe darein, und in fünf Minuten bin ich wieder auf dem Alexandria. Ich laufe die Schiffsleiter hinan, sage dem Steward, er sollte kein Wort sagen, daß ich auf dem Alexandria bin, der schwarzen Aufwärterin gebe ich gleichfalls einen Wink, alles getrieben vom Instinkt; springe in das Schlafkabinett zunächst der Ladies-Kajüte, schließe es zu und werfe mich auf's Bett. Warum und weswegen, kann ich Euch nicht sagen – war Instinkt.

So gehen zehn bis fünfzehn Minuten vorüber, ich dachte es müßten ebensoviele Stunden sein, in meinem Leben ist mir die Zeit nicht so lange geworden. Auf einmal höre ich weibliche Tritte, Stimmen und dann ein Schluchzen. Ich spanne die Ohren, höre aufmerksamer. Es war Juliens Stimme, Juliens Seufzer. Sie schluchzte, und jemand tröstete sie. Ach sie seufzte Euch doch so rührend, ein Stein hätte sich ihrer erbarmen mögen. Mir war wohl und wehe dabei.«

»Doughby, wir stehen in der Sonne. Kommt, wollen einen schattigen Ort suchen«, unterbrach ich ihn.

»Gott v–e Eure Sonne und Euren schattigen Ort dazu!« entgegnete Doughby, mich stärker erfassend. »Laßt die Sonne, wird Euch das Gehirn weniger verbrennen als mir die Weiber. Als ich Julie so schluchzen hörte, dachte ich – wenn nur der vertrackte Papa nicht auch mitgeht. Indem hißt und zischt der Dampfer stärker, das Schiff setzt sich in Bewegung, die Maschine fängt an zu hämmern und zu poltern – und sowie ich merke, daß wir uns vom Lande entfernen, hebe ich mich vom Lager wie die Katze, warte aber noch eine lange Minute, öffne leise die Türe des Schlafzimmers, sehe um mich herum und springe mitten unter die Schiffsgesellschaft, die an der Tafel spielt; der Kapitän stand und schaute zu. War nicht recht. Ist aber auf eurem Red-River noch verdammt schlechtes Gesindel.«

»Wie auf Eurem Mississippi. Geht auf vielen Eurer Dampfschiffe nicht besser zu.«

»Ist just wie in Gasthäusern, habt zur Auswahl gute und schlechte«, bekräftigte Doughby.

Er hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort:

›Herzens-Mister Doughby,‹ schreien alle, ›wie Ihr uns erschreckt habt!‹

›Ich euch erschrecken? Da gehört wohl etwas mehr dazu‹, lache ich. ›Ihr seid mir die Leute, euch erschrecken zu lassen. Aber hallo, Jungens! stille,‹ sage ich, ›habe da mit dem Kapitän ein Wörtchen im Vertrauen zu reden.‹

›Geht, Kapitän‹, sagen alle; ›geht mit Mister Doughby; Mister Doughby, das ist unser Mann, ja das seid Ihr, Mister Doughby.‹

»Freute mich doch wieder, das aus dem Munde der Gesellen zu hören, die, obgleich nicht besser, als sie sein sollten, doch Mitbürger sind.

›Herzens-Kapitän‹, sagt' ich, als wir abseits auf dem Verdeck oben waren; ›Herzens-Kapitän, Ihr müßt mir einen Gefallen tun, und so Ihr mir ihn tut, will ich es Euch in meinem Leben nicht vergessen. Seid ein braver Missouri-Mann,‹ sag' ich, ›habt Kentuckyblut in Euch.‹

›Das habe ich‹, sagt er.

›Habt ein Mädchen‹, sag' ich, ›auf Eurem Dampfer, das mein sein, das ich haben muß, Julie Menou, meine ich, Mann.‹

›Mann, seid Ihr verrückt?‹ sagt er; ›es ist Demohselle Menou,‹ sagt' er, ›die Tochter des reichsten Mannes am Red-River,‹ sagt' er, ›eines der ersten Kreolen.‹

›Und wenn sie die Tochter des Nap Nap, abgekürzt Napoleon. wäre, so muß sie mein Weib sein, und ich ihr Mann sein, und wenn ich Sturm laufen sollte, der Himmel weiß, was sollte‹, sag' ich.

›Zum Weibe‹, sagt' er, ›wollt Ihr sie? Das ist etwas anderes‹, sagt' er.

›Glaubtet doch nicht, daß Ralph Doughby etwas Schmutziges wollte? Sollte Euch Gott v–n, so Ihr tatet. Wann habt Ihr von Ralph Doughby je etwas Schmutziges gehört?‹ sag' ich. ›Wer kann ihm so etwas nachsagen? Wollte ihn sehen; wollte, wollte –‹

›Eben deswegen‹, sagt' er; ›kann aber doch nichts in der Sache tun, Mister Doughby,‹ sagt' er; ›die Demohselle ist mir anvertraut, bin ein Gentleman, ist meinem Schutze anvertraut; soll sicher sein unter meinem Schutze; kein Haar ihr gekrümmt werden – soll sicher nach Hause abgeliefert werden.‹

›Und so soll sie, und wer will ihr etwas antun? Wer? sage ich Euch, Mann. Wollt' ihn sehen, wollte ihn greifen, just wie ein Ferkel, wollte ihm den Kitzel vertreiben; wollte, wollte –‹

›Just so‹, sagt' er; ›weiß, daß Ihr ein Ehrenmann seid, Mister Doughby‹, sagt' er.

›Das freut mich, Kapitän‹, sag' ich; ›aber bester, holdseligster Kapitän,‹ sag' ich, ›eines müßt Ihr mir zu Gefallen tun, just eine Kleinigkeit; dazu verhelfen müßt Ihr mir, daß ich der lieben Miß ein paar Worte ins Ohr wispern kann.‹

›Mister Doughby,‹ sagt' er, ›ich bin Kapitän‹, sagt' er, ›und darf mich nicht mit solchen Dingen befasse‹, sagt' er; ›die Ehre meines Schiffes,‹ sagt' er, ›was würden meine Aktionäre sagen?‹ sagt' er. ›Mister Doughby, fordert, was Ihr wollt; aber das ist eine pure, platte Unmöglichkeit‹, sagt' er.

›Und Eure Ehre soll kein Haar breit leiden‹, sag' ich. ›Und alle Welt soll Euch für den Ehrendienst preisen, den Ihr einem Mississippipflanzer erwiesen, sag' es ich, Doughby sagt es, und Doughby ist der Mann, der so etwas sagen darf‹, sag' ich.

›Weiß, weiß, Mister Doughby‹, sagt' er; ›aber muß zuerst hören, ehe ich versprechen kann.‹

›Sagt mir vor allem, ob sie allein ist‹, sag' ich.

›Sie ist allein,‹ sagt' er, ›mit ihrem schwarzen Mädchen, bloß diese ist im Damensalon; soll aber niemand sonst hinein, außer sie wünscht es, ist gegen alle Regel. Und sie wird es nicht wünschen, wenn sie eine wahre Dame ist.‹

›Nun, so schickt Euer schwarzes Mädchen hinein und laßt ihrem Mädchen ins Ohr wispern, daß ein Gentleman mit ihrer Herrin gerne sprechen wollte. Nein, noch besser, laßt sie just herauskommen, und ich selbst will mit ihr reden.‹

›Ich glaube, das könntet Ihr am besten selbst tun‹, sagt' er. ›Darf mich nicht in meiner Leute Mund geben‹, sagt' er.

›Habt recht‹, sag' ich, und rannte zur Schwarzen, die den Damensalon in Obsorge hatte. ›Dolly, Molly, Polly oder wie Ihr heißt‹, sag' ich. ›Molly heiße ich, Mister‹, sagt sie. ›Also, Molly, da habt Ihr einen Dollar, müßt aber dafür ein gutes Mädchen sein und die schwarze Zofe der Miß in der Ladies Cabin zu mir heraufbringen.‹ ›Massa,‹ sagt' sie, ›was denken?‹ ›Gar nichts Böses, Molly,‹ sag' ich, ›Ihr mögt dabei sein, und noch einen Dollar, und mag sein zwei verdienen, und wenn alles gut abläuft.‹ Und Molly lacht und verspricht und knickst und läuft fort, und in zehn Minuten kommt sie mit dem schwarzen Mädchen meines lieben Engels, die scheu an mich heranschleicht, aber, sowie sie mich erkennt, vor Freude in die Hände klatscht. ›Molly‹, sage ich; ›ich heiße Dolly, Massa‹, sagt' sie; ›also Dolly,‹ sag' ich, ›hier habt Ihr etwas zu einem seidenen Halstuche und Kleide und seidenen Strümpfen und Schuhen obendrein, aber Ihr müßt versprechen, mir beizustehen‹; und Dolly schielt nach der Zehndollars-Note, die ich in der Hand hielt, und verspricht, wenn sie könnte. ›Ihr müßt Eure Herrin bewegen, daß sie mir erlaube, ihr meine Aufwartung zu machen.‹ ›Massa, um Gottes willen! Wo hindenken,‹ sagt' sie, ›was Papa sagen? Papa arme Dolly auspeitschen lassen, sie verkaufen in eine Zuckerpflanzung oder unter die Feldneger stecken.‹ ›Wenn Dolly tut, was ich will,‹ sag' ich, ›so soll sie das Kammermädchen Juliens sein und bleiben; und noch eine Zehndollars-Note haben‹, sag' ich. Und sie schüttelt den Kopf, streckt aber doch die Hand sachte nach der Note aus, und verspricht, sie wolle alles tun; aber sie wisse nicht –. Und ich schiebe sie fort und laufe ihr nach und lege mein Ohr an die Türe des Salons und horche, und horche, und erwarte jeden Augenblick die Türe auf- und mein liebes Püppchen herausfliegen zu sehen. Wurde aber nichts daraus; hörte wohl das Mädchen bitten und Julie beschwören, sie möchte doch Mister Doughby erlauben, hereinzukommen, der ganz ein anderer Mann wäre als Mounshur Bearmill, obwohl dieser eleganter angezogen sei, aber er könne kaum gehen, und rieche so furchtbar aus dem Munde, daß man neben ihm nicht aushalten, und zische, daß man ihn nicht verstehen könne. Aber Miß Julie wollte von einer Unterredung nichts wissen.

»Und ich krümmte mich auf dem Sofa vor der Türe wie ein Wurm, besonders als ich aus den Worten des schwarzen Mädchens abnahm, wie dieser Bearmill der ihr vom Papa bestimmte Bräutigam sei, dem sie übermorgen angetraut werden sollte. Mehrmals war mir's doch gerade, als ob ich ohne weiters in den Red-River hineinspringen und allen meinen Leiden ein Ende machen müßte. Mir schlug das Herz, und wieder preßte es mich, als wenn es jeden Augenblick zerspringen wollte. Julie schluchzte stärker; aber sie wollte von meiner Aufwartung nichts wissen, schicke sich nicht, befahl Dolly, kein Wort mehr von mir zu reden, oder sie wolle es Papa sagen. Und ich mußte dies alles anhören, und bloß ein Brett zwischen mir und meinem Engel, und ich durfte nicht hinein, und sie nicht heraus. Ich sah das selbst ein, daß es sich nicht wohl schicke, und hätte sie unmöglich hochachten können, hätte sie es getan, und doch hätte ich wieder Tausende gegeben, sie einen Augenblick zu sehen.

»Und so dauerte es fort, drei geschlagene Stunden. Der Vollmond stand hoch oben; ich schaue auf.

»Auf einmal schimmert mir ein Licht von dem rechten Ufer des Flusses in die Augen. War mir doch so sonderbar, Howard! – Schimmerte mir wie ein Hoffnungsstrahl, und flimmerte, war mir ganz seltsam zumute. Der Kapitän war neben mir und schaute auch. ›Was ist das für eine Pflanzung da, Kapitän?‹ sage ich. – ›Es ist das Haus des Squire Turnip‹, sagt' er; ›nur so eine Art von Pflanzung; hält ein paar Neger und einen Store Store – Kaufmannsladen..‹ ›Turnip,‹ sag' ich, ›Absolon Turnip? Ist er nicht von Louisville oder aus der Umgegend?‹ ›Weiß gerade nicht‹, sagt der Kapitän; ›ist aber ein Kentuckier, so brav, wie einer gefunden wird. Ist Friedensrichter, Gouverneur Johnson hat ihn dazu gemacht. Habe ein paar Kisten Waren abzugeben – halten eine Viertelstunde an.‹

»Und wie er so sprach, Howard, ging mir auf einmal ein Licht, so was man sagt, ein Halblicht, eine Morgendämmerung auf. ›Haltet eine halbe Stunde, Kapitän‹, sage ich. ›Kann nicht‹, sagt' er. ›Eine halbe Stunde, ich bitte Euch darum, Doughby bittet Euch.‹ ›Kann wahrlich nicht, wollen aber sehen‹, sagt' er.

›Und,‹ sag' ich, ›Kapitän, Ihr müßt zu Miß Julie hineingehen‹, sag' ich. ›Das darf ich nicht, Mister Doughby‹, sagt er; ›darf mich nicht in solche Sachen mischen, Mister Doughby.‹

›Bei meiner Seele,‹ sag' ich, ›Ihr seid kein Missouri-Mann, habt nicht Kentucky-Blut in Euch, seid ein kalter makerelblütiger Yankee. Einen solchen ungefälligen Mann habe ich in meinem Leben nicht gesehen.‹ – ›Nun, nun, Mister Doughby‹, sagt er; ›wie das wieder stürmt und tobt, seid doch auch gleich in Feuer und Flammen‹, sagt er. ›Der Teufel möchte da nicht in Flammen sein,‹ sag' ich, ›wenn einer mit einem so ungefälligen Manne zu tun hat.‹ War ernstlich böse auf ihn. – ›Nun, was kann ich denn aber tun‹, sagt er. – ›Tun,‹ sag' ich, ›nichts sollt Ihr tun – aber Ihr hört sie schluchzen und seufzen – nun so sollt Ihr just hineingehen und sagen, Ihr hörtet sie wehklagen und lamentieren, und Ihr kämet, Euch zu erkundigen, ob ihr etwas fehle, und ob sie nicht ein wenig frische Luft schöpfen, und ein Glas frisches Wasser oder Mandelmilch oder Limonade oder etwas anderes beim Squire Turnip nehmen wolle.‹ ›Frisches Wasser,‹ lachte er, ›Squire Turnip hat keinen Tropfen Wassers, das sich mit dem auf unserm Dampfer messen könnte; haben Mississippiwasser, Mister Doughby, und Mandelmilch! – Wo denkt Ihr hin? er trinkt seinen Toddy.‹ ›Potz Dummhans und kein Ende!‹ sage ich. ›Was, ein Missouri-Mann seid Ihr und Kapitän des Alexandria, und wißt nicht und seht nicht? Hat Squire Turnip kein frisches Wasser, so haben wir es – und Mandelmilch dazu, und Hände und Füße, sie hinüberzuschaffen.‹ ›Mister Doughby,‹ sagt er lachend, ›Ihr seid doch verflucht pfiffig.‹ ›Und Ihr wie auf den Kopf gefallen‹, sag' ich; ›sonst ein so gescheiter Mann‹, sage ich. Er aber schüttelte den Kopf wieder und sagte, was ich denn eigentlich tun wolle. – ›V–t seien Euere Niceties und Notions‹ Niceties und Notions – euere Spitzfindigkeiten und Ideen. Das Wort Notions wird überhaupt in vielfachen Beziehungen gebraucht. I have the notion – ich bin der Meinung; Yankee notions – Yankee-Spitzbübereien. sag' ich; ›was ich tun will? – nun, sie sprechen will ich, wenn sie ans Land geht; und ich hoffe, Ihr werdet das als kein Verbrechen ansehen, wenn Major Doughby von Neu-Feliciana mit einer Miß sprechen will. Glaube, meine Respektabilität ist von der Art, daß ich mit einem Mädchen reden kann, ohne daß jemand es außer Ordnung findet.‹ – Das wirkte endlich, denn er sah ein, mit wem er es zu tun hatte. – ›Major,‹ sagt er, ›habe ganz darauf vergessen, daß Ihr Major seid; Vergebung, höre es auch zum ersten Male – will aber tun, was ich kann‹, sagt' er.

»Und wir waren bei dieser Zeit an den Landungsplatz herangekommen. Ich springe ans Ufer, dem Hause zu, und der erste, der mir aufstößt, ist Squire Turnip. ›Squire‹ sag' ich, ›ich bin Major Ralph Doughby von Neu-Feliciana und muß mich schon selbst aufführen, da der Kapitän noch beschäftigt ist.‹ ›Habe das Vergnügen, Euch dem Namen nach zu kennen und Eure Familie am Cumberland. Freut mich, einen Alt-Kentuckier zu sehen. Womit kann ich Euch dienen?‹ ›Glücklich könnt Ihr mich machen, Herzens-Squire,‹ sag' ich, ›glücklich, so Ihr wollt; steht ganz in Eurer Macht, herzenslieber, goldener Squire! Seid ein Alt-Kentuckier,‹ sage ich, ›der mehr reelles Blut im kleinen Finger hat, als ein Pferd schwemmen könnte; mag erschossen sein, wenn's nicht wahr ist.‹ Dachte, muß es mit der Maurerkelle recht dick auflegen, komme geschwinder zum Ziele. Er aber lacht und sagt: ›Kann ich Euch in etwas dienen, was nicht gegen das Gesetz ist, Mister Doughby, sollt Ihr Euren Mann an Squire Turnip finden.‹ ›Das könnt Ihr,‹ sag' ich, ›Squire, und Gottes Lohn dafür haben, und meinen Dank dazu. Will kurz sein, denn die Zeit ist es auch. Habe ein Püppchen am Dampfschiffe, das mich gerne hat und ich sie, und möchten gerne eins sein; ist aber ein vertrackter Papa, ein Kreolen-Papa dazwischen, der einen vertrockneten, verfaulten Bräutigam für seine Tochter lieber hätte; da will ich denn das Präveniere spielen, wenn Ihr mir beisteht‹, sage ich. ›Einen Kreolen‹, sagt er, ›und eine Kreolin; hört Ihr, Mister Doughby, ein Kentuckier hilft immer am liebsten einem Kentuckier zuerst, aber mit den Kreolen hat es auch seinen Haken. Wißt, daß die Kreolenväter sich erstaunlich viel über ihre Kinder anmaßen.‹

›Das weiß ich,‹ sage ich, ›aber mein Püppchen ist sui juris, und sie hat mich gerne, und sie soll gezwungen werden, einen andern, den sie haßt wie eine Polkatze, zum Ehemann zu nehmen – und da wäre es doch recht sonderbar von Euch, wenn Ihr nicht helfen wolltet!‹ ›Und wer ist denn Euer Püppchen?‹ sagt er. ›Julie Menou‹, sag' ich. ›Was! Die Tochter des reichen Pflanzers ober mir? Nein, Mister Doughby,‹ sagt er, ›da will ich nichts von dem Welschkornbrei haben. Der wäre imstande und hinge mir einen Prozeß an, der mich brechen könnte.‹ ›Da laßt mich dafür sorgen‹, sag' ich; ›hängt er Euch einen Prozeß an, will ich die Kosten tragen; geb Euch's schwarz auf weiß – wird sich aber das Prozessieren vergehen lassen. Habe ich die Einwilligung der Tochter, die sui juris ist, so kümmere ich mich nichts um zehn Väter.‹ ›Habt Ihr auch ihre Einwilligung?‹ sagt er; ›und ist sie auch sui juris?‹ ›Glaubt Ihr, Squire, Major Doughby würde Euch etwas sagen, das nicht wahr ist? Hier habt Ihr's schwarz auf weiß‹, sage ich, und gebe ihm Eure Note; ›ist von ihrem Schwager, Mister Howard,‹ sag' ich, ›einem Manne, der nicht besser in Louisiana gefunden wird‹, sag' ich.

›Ist aber zu viel von einem Gentleman‹, sagt er. ›Den Teufel auch, ist er ein Gentleman,‹ sag' ich, ›ein schlichter, gemeiner Bürger ist er, ein guter Demokrat ist er‹, sag' ich.«

»Und ein Narr seid Ihr«, fiel ich lachend ein. – »Was! Bin ich kein Gentleman?«

»So laßt mich nur«, besänftigte wieder Doughby; »seht Ihr nicht, daß Squire Turnip ein Stock-Demokrat ist, der von Gentlemen gerade soviel hält als unsere Zuckerpflanzer von den Ratten, die ihnen die Zuckerstengel verderben und den Zucker dazu? Als er Euer Papier gesehen hatte, sagt er, er wolle sehen, müsse aber auch zuvor hören, ob das Mädchen wolle – und ich möge mich um einen ehrenfesten Zeugen umsehen. Ich sage ihm, der Kapitän könnte vielleicht Zeuge sein. ›Nein, Major,‹ sagt er, ›den Kapitän müßt Ihr nicht nehmen; sieht aus wie ein Komplott; habt Ihr niemanden anders?‹ Da fällt mir H –, der Sohn des Senators ein. Ich nenne ihn. ›Das ist der Mann‹, sagt er. ›Wohl,‹ sag' ich, ›in fünf Minuten bin ich wieder hier.‹

»Springe zurück, renne zum jungen H –, dem ich sage, er möchte sogleich mit mir; tue ihm mit wenigen Worten kund, was ich im Sinne habe, und frage ihn, ob er mein Zeuge sein wolle. – ›Ja,‹ sagt er, ›und meinen Verlobungsring will ich Euch dazu leihen.‹ ›Dank‹, sage ich. ›Geht zu Squire Turnip und wartet vor der Haustüre. Ich muß sehen, was mein Püppchen macht‹, und springe Euch hin zur Ladies-Cabin. Wie ich so hinrenne, sehe ich die Gestalt meiner herzliebsten Julie aus der Türe treten, und in Begleitung des Kapitäns und ihres Mädchens über die Bretter dem Hause des Squire zuschwanken. Der Squire empfing sie am Ufer und bat sie, es sich in seinem Hause gefallen zu lassen; alles stehe zu ihren Diensten. Er führt sie in sein Parlour und trägt ihr einen Sitz an, und sie setzt sich, und er und der Kapitän gehen, und er sagt, er wolle nur bei der Ausladung zugegen sein und sogleich wieder kommen; und seine Frau würde sogleich erscheinen, um ihre Wünsche zu erfüllen und ihr die Zeit zu vertreiben.

»Und wie er heraustritt aus dem Parlour, trete ich hinein, springe auf Julie los, die laut aufschreit, und werfe mich ihr geradeweg zu Füßen. ›Herzensjulie‹ sag' ich, ›wir sind am Ziele. – Ein Wort von Ihnen und Sie machen mich zum glücklichsten Ehemann, und Sie sind das glücklichste Eheweib, das in seinem Leben nicht bedauern soll – –‹ ›Mister Doughby‹ sagt' sie, ›was beginnen Sie?‹ ›Nichts, Julie, nichts, gar nichts – Sie sind im Hause des Squire Turnip; des Friedensrichters Turnip, eines so respektablen Mannes, als am Red-River gefunden wird. Erschrecken Sie nicht‹ sage ich, ›der Himmel hat Sie hierher geführt, mich hergeführt, hat uns beide hergeführt, zusammengeführt, und wenn Sie jetzt nicht Mut und Entschlossenheit haben, Ihr, unser Glück zu wollen, so sind wir beide zeitlebens unglücklich.‹

»Und sie schaut mich an, und ihr Busen hebt sich schier zum Ersticken, und sie kann kein Wort hervorbringen.

»Ich aber beschwöre sie, der Augenblick sei da, Squire Turnip könne uns vereinen; und wenn sie sich jetzt nicht entschließe, in zehn Minuten sei es zu spät, und sie sei mir entrissen, ich ihr entrissen, wir beide uns entrissen.

»Und sie bricht in einen Tränenstrom aus und schluchzt und ringt die Hände. Ich bitte sie, sich nicht zu fürchten; sie habe einen Ehrenmann, der als solcher bekannt ist, vor sich, und wenn sie sich vor mir fürchte, wolle ich gehen, denn ich sehe wohl, ich werde dem Merbill nachstehen müssen.

»Und sie schaudert und ringt die Hände und schluchzt abermals, daß ein Stein sich hätte erbarmen können.

›Und‹, sagt' sie endlich, ›wie ich nur an so etwas denken, ihr so etwas vorschlagen könne; – der Papa –‹

»Und ich sage ihr, daß der Papa nicht das Recht habe, sie zu zwingen, sich dem Merbill hinzugeben, und daß sie achtzehn Jahre vorbei, also sui juris nach unsern Gesetzen sei, und daß, wenn sie jetzt einschlüge, morgen alles gut, und ich den Papa schon zu versöhnen wissen würde; und daß kein Papa in den ganzen Vereinigten Staaten mir seine Tochter verweigern würde.

»Ihr habt eine gute Meinung von Euch«, lachte ich.

»Wenn ich sie nicht hätte, wer hätte sie denn?« erwiderte Doughby. »Aber unterbrecht mich nicht, sonst werde ich bis morgen nicht fertig. Bitte sie also und beschwöre sie und sage ihr, daß alles gut ablaufen werde, und wie ich so vor ihr liege auf den Knien, und sie auf dem Sofa sitzt, umfange ich ihre Knie, und sie neigt sich wie ein Engel herab, und ich springe auf und drücke ihr einen Kuß auf die Lippen – einen langen Kuß – indem tritt der Squire ein.

»Sie schrickt auf und verbirgt ihr Gesicht in einem Tuche.

»Und der Squire tritt vor mit dem jungen H – und fragt sie lächelnd, ob sie gesonnen sei, den achtbaren Major Doughby von Neu-Feliciana als Mann zu nehmen – und sie schaut ihn an und sagt: ›Ach, der Papa!‹ –

»Und der Friedensrichter sagt, daß ihn der eigentlich nichts angehe; da sie aber, wie er aus dem Zeugnisse ihres Schwagers Mister Howard, der ein ganzer Gentleman und ein Mann von Ehre ist, sui juris sei, und ihre Hand frei vergeben könne, so wolle er sie mit Major Doughby im Bande der Ehe vereinigen, so sie nichts dagegen habe.

»Und sie sieht mich an mit tränenden Augen, dann den Squire; und der Squire geht und holt sein Buch und alles übrige; und die Lichter werden gestellt, und die Frau des Squire kommt, und er flüstert ihr etwas in die Ohren, und sie rennt und bringt ihren alten Trauring, und H– legt seinen auf den Teller dazu, und der Squire sagt, ›Major Doughby und Demoiselle Menou tretet näher, auf daß ich euch, da ihr den Wunsch zu erkennen gebt, im Bande der Ehe vereinigt zu werden, vereinige nach der mir erteilten Vollmacht! Und Julie schwankt näher, wieder zurück, ich ziehe sie endlich näher, und wir stehen vor dem Squire.

»Und der Squire, nicht träge, beginnt seine Formeln und fragt sie, ob sie freiwillig und ungezwungen Major Doughby von Neu-Feliciana als Ehegemahl nehmen und anerkennen wolle, und sie schluchzt ein Ja – und ich hatte es schon früher gesagt; und ehe Miß Julie es sich versah, war sie Mistreß Doughby, und der Squire und seine Frau gratulierten ihr, und ich schloß sie in meine Arme; sie aber seufzte – der Papa; ich aber sagte ihr, der Papa solle sie nicht anfechten, ich wolle sogleich hinab, Mister Howard werde mir helfen, ihn zu versöhnen, und alles werde gut gehen. Das beruhigte sie wieder. Es war auch vorzüglich der Umstand, daß Ihr die Note von Euch gegeben, der sie bewogen hatte; sie wurde endlich ruhiger, und der Squire und alle verließen das Zimmer.

»Und ich warf mich nochmals vor ihr nieder und dankte ihr, daß sie Vertrauen und Mut hätte, und sie werde finden, daß ich ein Ehemann sei, der sie auf den Händen tragen werde, und sie solle sich nicht fürchten, ich würde den Papa versöhnen; und sie neigt sich abermals mit tränenden Augen und fällt mir in die Arme, und ich presse einen langen Kuß auf ihre Lippen; da klopft der Kapitän an die Türe und meldet, daß er abgehen müsse; und aus der Ecke des Parlour kommt ihr schwarzes Mädchen hervorgekrochen, die wir ganz übersehen hatten; und ich hebe sie in meine Arme auf und küsse sie nochmals, und bitte sie, sich zu beruhigen, und mit Gott nach Hause zu gehen, und morgen, längstens übermorgen, wolle ich bei ihr, und wir beide glücklich sein. Und sie ging, und ich begleitete sie auf das Dampfschiff, dankte H– und den Männern, bat sie, meine Frau nicht im Schlafe zu stören, belohnte, wer zu belohnen war, und kehrte zurück zum Squire Turnip – als Ehemann Juliens.

»Bin der Ehemann Juliens,« jubelte Doughby, mich abermals bei den Schultern fassend, »und den will ich sehen, der mir das Gegenteil sagt.«

»Aber was wird Menou sagen, Doughby? – Morgen sollte der Ehekontrakt zwischen Merveille und seiner Tochter gefertigt werden.«

»Ich aber habe die Braut – das Glück; wer das Glück hat, führt die Braut nach Hause. Ich will sie nach Hause führen, das will ich, und sollte ich die Pflanzung stürmen. Komme deswegen herab, war über Nacht beim Squire Turnip, der mir noch einige gute Ratschläge gab; ließ ihm dafür die schriftliche Versicherung zurück, daß alle unangenehmen Folgen, die aus dem Schritte entstehen könnten, ganz von mir getragen werden sollten. Heute zeitig bestieg ich den Dampfer Montezouma, und da bin ich. – Weiß noch immer nicht recht, wie mir geschieht, ob ich träume oder wache; will aber zum alten Menou.«

»Das laßt nur bleiben, Doughby. Wartet wenigstens, bis ich ihn auf die Hiobspost vorbereitet habe.«

»Was Vorbereitung? Was Hiobspost? – Was ist das für eine Rede, Hiobspost, Howard? Bin doch kein Aussätziger, daß Ihr mir da von Hiob redet.«

»Aber ein Tollkopf, ein Narr seid Ihr, der mich, Julien, Menou, kurz unsere ganze Familie in einen Aufruhr gebracht hat, dessen Ende sich nicht absehen läßt.«

»Howard, lieber, bester, süßester Howard! – Zum Teil habt Ihr recht; aber helft, ich bitte Euch – helft, daß alles wieder in Ordnung kommt. – Bin ein Tollkopf, ist wahr – bin es – war es; war ganz toll – jetzt sehe ich's ein – will aber gescheit werden.«

»Gott gebe es – und jetzt kommt mit mir auf das Dampfschiff und bleibt da bis zum Augenblick, wo die Bretter fallen, dann geht ans Land, aber nicht eher.«

»Aber warum das? Warum nicht sogleich zu Mister Menou?« –

»Warum? Weil Euch sonst derselbe Menou, wenn er erfährt, was geschehen, und das Dampfschiff noch in der Nähe ist, einen Strich durch die Rechnung machen könnte, der –; er ist imstande und geht nach Neuorleans hinab; und hängt Euch einen Prozeß an, der Euch um Eure Braut und Euer halbes Vermögen bringt. Ihr wißt, sie haben hier den Code Napoléon, der den Vätern mehr Rechte über ihre Töchter einräumt, als es bei uns in den Zentral- und nördlichen Staaten der Fall ist.«

»Ich glaube, Ihr habt recht«, sprach Doughby, meine Hand drückend. »Will Euch folgen.«

Wir gingen auf das Dampfschiff, wo ich die nötigen Bestellungen durch den Kapitän machte, Doughby nochmals ernstlich einschärfte, ja nicht zu frühe ans Land zu kommen, und dann dem Hause zuging.

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