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Brautfahrten

Charles Sealsfield: Brautfahrten - Kapitel 18
Quellenangabe
authorCharles Sealsfield
titleBrautfahrten
publisherGeorg Müller
yearo.J.
editorHeinrich Conrad
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180712
projectid9f98f819
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X.
Schwarze Freuden, weiße Leiden.

Die Uhr schlägt sechs, der Busen, in dem mein Tuskulum gebettet liegt, öffnet sich unsern Blicken; die Waldesränder erglänzen gerötet von den Strahlen der sinkenden Sonne. Noch ist alles Wasser und Wald, prachtvoller gigantischer Urwald, eine riesige Vegetation von Kotton-, Liveoak-, Bohnen- und Zypressenbäumen, abwechselnd mit Palmettofeldern. Der breite, tiefe Strom, der seine schokoladebraunen Wassermassen ernst und feierlich mitten durch die Waldesnacht dem mächtigen Mississippi zuwälzt, verleiht der monoton-flachen Landschaft etwas ungemein Melancholisch-Großartiges. Man fängt an, ihn allmählich liebzugewinnen, unsern Red-River, der nicht so furchtbar, alles zerreißend, verschlingend hinrollt, wie der ungestüme Mississippi. Bisher haben wir bloß schwache Anfänge von Kultur mit einigen wenigen Pflanzungen am nördlichen Ufer getroffen; meistens Hütten, aus rohen Baumstämmen zusammengezimmert, mit Fleckchen, auf denen Tabak, Baumwolle oder Welschkorn gepflanzt sind; hie und da Hirsche, die beim Anblicke unseres Dampfers erschrocken in den Wald zurückprallen; Schwäne, Kraniche, Enten und Gänse, versteht sich wilde, zahllos, mit wilden Tauben, Alligatoren und Welschhühnern. Vergennes zitterte vor Freude und Verlangen. Wird nicht lange dauern, die Jagdlust; wo man bloß vor die Türe hinauszugehen braucht, um Wild aller Art, und so viel man will, zu finden, stumpft sie sich bald ab. Jetzt sind wir am Vorsprung des Busens – einer weiten Lichtung, die sich eine halbe Meile längs dem Ufer und zurück gegen den Wald ausdehnt, und die sich nun öffnet. Ungemein malerisch fliegen unserem Dampfer die kolossalen Immergrün-Eichen entgegen, die kranzartig die Pflanzung umgeben; ein freundlich weißgrün bemaltes Haus steht in der Mitte, hundert Schritte vom Ufer; vor diesem befinden sich umgitterte Rasenplätze, die Orangengärten werden sollen; eine einzige, mäßige Liveoak mit Knoten, so fest, so felsig aussehend, daß sie seit der Sündflut versteinert zu sein scheint, breitet ihre knorrig-gigantischen Arme über die Ostseite hin; die Galerien sind geöffnet, die venetianischen Jalousien aufgezogen. Meine Freunde sehen mich erwartungsvoll an, allen schwebt die Frage auf der Zunge. »Was ist das?« bricht Mistreß Richard aus; vom Wetterableiter herab weht das Panier unserer Union, die dreizehn Streifen mit den vierundzwanzig Sternen oben, darunter der weiße amerikanische Adler, die Donner Jupiters und die Friedenssymbole in seinen Klauen. Das Herz schlägt mir höher; ein zweites Panier, das Louisianas, weht von einer ungeheuern Stange seine breiten Wimpel dem Flusse zu; davor steht Bangor wie ein Schildknappe Wache. Er hat das Dampfboot ins Auge gefaßt, scheint aber noch Zweifel zu hegen. Jetzt springt er dem Hause zu, wie unsere Kaninchen es tun. Zehn Schritte springt er, schreit dann, als wenn er am Spieße steckte, hockt nieder, lacht wie toll, hält sich den Bauch, läuft wieder eine Strecke, springt in der Runde herum. Wer den Neger, so wie ich, aus der Ferne beobachtet, muß notwendig glauben, er sei Knall und Fall toll geworden. Ah, nun kommen Plato und Tully aus dem Hause herausgesprungen, der eine mit einem Stocke oder Knüttel, – was es ist, kann ich unmöglich sagen, der andere mit einer Pfanne voll glühender Kohlen. Bangor springt ihnen entgegen, und das erste, was er tut, ist, Tully den Rechtstitel seines Besitztums streitig zu machen. Tully wehrt sich, reißt ihm die Pfanne aus der Hand, die Kohlen fliegen in allen Richtungen umher! Die verdammten Schelme zünden mir das Haus vor der Nase an. Imstande sind sie es, oder brennen sich die Augen aus, und bedenken nicht, daß sie mir gehören. Nun kommt auch Philipp gesprungen, der reißt Plato den Stock aus der Hand, versetzt ihm einen Hieb, wogegen dieser die Härte des Stockes an dem Hirnschädel Philipps versucht. Der Stock bricht, und – da habt ihr es: beide rennen, wie Böcke oder Stiere, mit den Hirnschädeln aneinander an, einmal, zweimal, dreimal; beim dritten Male stürzt Plato, der Weltweise, vor Philipp, dem Mazedonier. – Verdammte Schurken! Auf dem Dampfboote lachen alle zum Bersten, und ich möchte schier toll werden. Morgen liegen sie beide im Krankenzimmer für acht Tage. – Tully hat sich mit der Pfanne aus dem Staube gemacht und galoppiert wie rasend der Stange am Ufer zu. Jetzt sehe ich, was es da gibt. Sie haben die beiden Vierpfünder von Menous Pflanzung herabgebracht, die Wespe und den Skorpion, wie sie getauft worden; zwei Kanonen, die dem Schoner eines Porto-Rico-Piraten angehörten, der letztes Jahr von unsern Kreuzern aufgebracht und – zur Wiedervergeltung – mit einem Dutzend seiner Gehilfen gehängt worden; sein Mobiliarvermögen, worunter sein Schoner, wurde versteigert, und mein Schwiegervater hat die zwei Kanonen an sich gebracht.

Bangor erneuert nochmals seine Ansprüche auf die Pfanne, wieder fliegen die Kohlen umher, die Kanone geht los und, gleich der Posaune des Erzengels, weckt sie meine ganze Bevölkerung, die Guten und die Bösen. Ein Schrei schneidet durch die Lüfte, der durchdringendste, gellendste, heulendste Freudenschrei, der je menschliche Ohren beleidigt; er übertrifft bei weitem das Sausen und Brausen des ausfahrenden Dampfes. In der ganzen Pflanzung Aufruhr. Aus den Feldern, den Hütten, der Kottonpresse, überall kommen sie hervor, alles schwarz, rabenschwarz. Mir fallen sie beinahe auf, diese schwarzen Gesichter, was immer der Fall ist, wenn man einige Tage unter Weißen gelebt hat; die letzten Strahlen der Sonne erleuchten gerade den Vordergrund, die pechschwarzen Gesichter glänzen und schimmern wie so viele Luzifers. Ceres, Venus, Psyche, Phöbe, wir haben die halbe Mythologie bei der Hand, springen dem Ufer zu, mit Kochlöffeln und Pfannen und Körben und Welschkornkolben, kurz, allem, was ihnen gerade in die Hände kommt, hinter ihnen her die Kinder und die alte Sibylle, belfernd, und Marius und Sylla heulend, und Hunde und Katzen, Hühner und Gänse, Männer und Weiber, Mädchen und Kinder, umherspringend, tanzend, kapriolend, grinsend, die Zähne fletschend, daß man jeden Augenblick glauben sollte, ihre Mäuler würden von einem Ohr zum andern reißen. Unser Dampfboot rundet ihnen zu langsam. Sie erheben ihre gellenden Stimmen stärker; fünfzig schreien auf einmal, in allen Tonleitern: Massa, Massa, Hurra, Massa! Massa kommen, geschwind, Massa kommen, Kapitän, geschwind, Massa bringen. Warum, Kapitän, nicht geschwind Massa bringen? Kapitän gar zu langsam sein. Warum ihnen nicht Massa bringen? Es ihr Massa sein – Massa Maum Maum, soviel als Maam, Madame (Negeraussprache). bringen – es ihre Maum sein. Meine virginischen Neger schrien am wenigsten, obwohl sie in meiner Familie geboren und auferzogen worden sind; aber die Weiber heben ihre Kinder hoch empor. Massa sehen, Picanini Picanini werden in der Negersprache die kleinsten Kinder beiderlei Geschlechts genannt. sehen, das Massas Picanini sein, lieber kleiner Picanini sein, das Massas Picanini sein; – Massa Maum bringen, schreien sie nun wieder alle zusammen, tanzend, springend, Purzelbäume schlagend, Bockssprünge machend, als ob ein schwarzer Asmodi in sie alle gefahren wäre. In dem allen ist viel blauer Dunst, ohne Zweifel, wie es bei Sklaven nicht anders der Fall sein kann; aber der Dunst, er riecht doch angenehm in unsere Nasen, er kitzelt unsere Nerven; das Souveränspielen hat doch auch seine angenehme Seite.

Und als wir nun an das Land traten, die Männer Maum jubelnd, uns umringend, tanzend, springend, unsere Kleider küssend, gestehe ich recht gerne, daß ich mich um einige Zolle höher fühlte, und meine Freunde mit mir. Ich las die Zufriedenheit in ihren Augen; es waren nicht mehr die gespannten Blicke der Erwartung, es waren die – herzlicher Achtung, die aus ihren Augen leuchteten. Wir sind nun schon einmal so und nicht anders. Unsere Freundschaft, unsere Liebe, unsere Achtung und, was weiß ich alles, wollen alle gewissermaßen basiert sein, und das so solid als möglich. Ein respektables Haus ist bei uns diese Basis, auf der Freundschaft und Liebe fußen. Ohne dieses, das uns erst bei unsern Mitbürgern Sitz und Stimme verleiht, gelten Kenntnisse und Tugenden, Liebenswürdigkeit und Adel wenig oder gar nichts. Mistreß Houston schaut mich mit ganz andern Augen an; Richard und seine Ehehälfte waren beinahe ehrfurchtsvoll geworden.

Auf dem halben Wege zum Hause kam uns Papa Menou mit Charles, meinem Schwager, entgegen, beide in hochzeitlichen Kleidern. Die Art, wie besonders der erstere meine Gäste empfängt, verrät ganz den gebornen Gentleman. Eine Leichtigkeit, und wieder ein gewisses Aplomb, das den Franzosen eigentümlich ist. Wir besitzen es nicht, obwohl wir wieder von der Blödigkeit des Briten weit entfernt sind. Unsere Manier ist trocken, republikanisch positiv; unser Gleichmut läßt sich nicht leicht, auch durch den Anblick unserer besten Freunde, und hätten wir sie Jahrzehnte nicht gesehen, aus der Fassung bringen.

Jede Bewegung meines lieben Papa drückt Vergnügen aus. Allen weiß er etwas Verbindliches zu sagen, besonders scheint er ganz scharmiert mit Mistreß Houston zu sein; gegen Richard ist er liebenswürdig al pari, als ob er seit Jahren sein Nachbar gewesen wäre. Er kam mir in dem Augenblicke vor, wie ein Souverän, der bei der Levée zugleich das Oberhofmeisteramt übernommen; jedem schien er an den Augen abzusehen, was ihm zu hören am angenehmsten; seine Beweglichkeit ist wirklich recht anziehend und doch wieder nicht allzu quecksilberartig. Aber was ist das? – Hat er auf einmal ein Haar gefunden, mein lieber Schwiegerpapa? Sein Blick umwölkt sich, seine Lippen kräuseln sich wie die eines Leutnants unserer Linientruppen, der unter das Kommando eines Milizenkapitäns gestellt wird. Was ist es, das ihn auf einmal aus seinem rosenfarbenen Humor gebracht? – Ist denn der Mann wirklich nur zu Wirren und Tollheiten geboren? Ja, wahrhaftig, es ist Doughby, der wieder etwas angestellt. Er steht mit leuchtenden, flammensprühenden Blicken hinter Richard; was sage ich, flammensprühenden, wahrhaft verschlingend sind seine Blicke, und Julie ließe sich, wie es scheint, gerne verschlingen. Sie erblaßt und errötet so holdselig, beklommen, und hebt ihre Augen und schlägt sie wieder zu Boden, so liebessiech! In demselben Augenblick tritt Doughby, dem die Empfangsszene zu lange dünken mochte, vor meinen Schwiegerpapa.

» Mister Doughby of New Feliciany County, dear Papa!«

»Habe nicht die Ehre, zu kennen«, erwiderte der Papa trocken und mit einer kurzen Verbeugung, die Doughby jedoch nichts weniger als aus der Fassung bringt; er ergreift seine Hand und versichert ihm, daß es ihn herzlich freue, den Schwiegervater seines lieben Freundes Mister Howard zu sehen, der ein so prächtiges Los in der großen Lotterie gezogen, daß auch er eine Nummer zu nehmen –

Der gute Ralph gerät, während er den Wortschwall herausstößt, in einige Verlegenheit, was mich gar nicht wundert, denn der Papa sieht ihn mit einem so fremden, kalten, beinahe spöttischen Blicke an, daß er die Hand, die er erfaßt hatte, unwillkürlich fahren läßt.

Mir und uns allen war die Szene einigermaßen peinlich, und so sehr die Bocks- und Freudensprünge meiner Neger mich freuten, die Art, wie meines Freundes voreiliges, das ist wahr, aber herzlich gemeintes Entgegenkommen aufgenommen wurde, verdroß mich ein wenig. Bei solchen Charaktern, wie Doughby, sollte man immer abstrahieren. Der arme Narr zog sich zurück und sah darein wie ein bei der Wahl durchgefallener Kandidat für das Konstabletum. Sagen läßt sich jedoch nichts dazu. Müssen die Zeit abwarten.

Wir traten in das Haus paarweise ein, Menou folgend, der seinen Arm den Damen Houston und Duras gereicht hatte. Der Saal ist ganz eingerichtet, mit Sideboard, Sesseln und Sofas; die vier Zimmer, in die er sich von beiden Seiten öffnet, sind allerliebst möbliert; die Einrichtung von Akazien- und Zitronenholz; die Matten recht elegant; wie lange werden sie es sein? Unsere Häuser in Louisiana sind wahre Republiken, wo jeder freien Zutritt hat, bei Tage und so ziemlich auch bei Nacht; Welschhühner und Hühner und Enten und Gänse wandeln zu jeder Stunde so gravitätisch über die Treppen hinauf, und aus und ein, und auf und ab, wie die alten Senatoren Roms auf dem Forum; die Hitze treibt sie in die Häuser, wo der Luftzug ihnen erstaunlich wohl behagt. Meine Gäste haben flüchtige Blicke in die Zimmer geworfen und lassen sich auf einen Augenblick auf den Sofas und Sesseln nieder. Ich mit Luise fliege durch das Haus, um mich ein wenig zu orientieren; das liebe Kind hat soviel zu sehen, kennen zu lernen. Sie muß auch einen Augenblick hinaus; die Neger wollen absolut Maum sehen. »Maum sehen – wollen Maum sehen – warum Massa seinen Negern nicht Maum sehen lassen? – Es ihre Maum sein.« – Und sie lacht ihnen zu, und trippelt hinab über die hintere Piazza-Treppe. »Und da habt ihr mich, euere Maum«, lacht sie, und die Neger springen und jubeln und tanzen um sie herum, und alt und jung küssen ihre Kleider. – »Jetzt gerne sterben, weil Maum gesehen – jetzt kein Picaillu darum geben, gerne sterben – Gott Maum segnen!« Und sie lacht von Herzen und verspricht ihnen allen Hochzeitsgeschenke, die sie für sie mitgebracht; und ich verspreche ein gleiches, und nun geht erst der Jubel an, als sie meinen Befehl hören, jedem eine Portion Rum mit Salzfisch und Zubehör zu einem substantiellen Souper zu reichen. Die Szene hat mich ganz meine Gäste vergessen lassen.

Als ich mit Luise in den Saal zurückgekehrt, waren die Damen bereits in den Zimmern, die Menou ihnen angewiesen; uns erwartete Phöbe, das Kammerzöfchen Luisens, vor den unsrigen. Wir waren im Begriffe, ihr in dieses zu folgen, als Julie atemlos gerannt kam, den Busen klopfend, bebend; es dauerte eine Weile, ehe sie ein Wort sprechen konnte.

Sie nahm mich bei der Hand und zog mich ins Zimmer, sichtlich bemüht, die Schwester zu vermeiden.

»Mister Howard!« preßte sie endlich beklommen heraus – »Mister Howard! Ich soll nach Hause.«

»Warum sollen Sie nach Hause, liebe Julie?«

»Papa hat es befohlen; ich soll sogleich im Dampfschiffe ab«, schluchzte die Demoiselle, mit einer Träne im Auge.

»Papa«, fügte sie ein wenig trotzig hinzu, »hat auch Mister Doughby kein Zimmer angewiesen, ihn nicht einmal angesehen, ihm den Rücken gewendet.«

»Er hat ihn wahrscheinlich im Tumulte des Augenblickes übersehen.«

Sie schüttelte verneinend das Köpfchen, und ich sah wohl, daß es da wieder einen Haken hatte, einen Haken, der mir recht ungelegen kam. Wenn man ohnedem die Hände so voll und den Kopf so wirre hat, daß man beinahe nicht weiß, ob er noch gehörig auf dem Rumpfe sitzt, kann es doch nichts Verdrießlicheres geben, als solche Zwischenspiele. Und Doughby soll der gute Menou nur in Ruhe lassen; der ist wahrlich nicht der Mann, von einem Kreolen, und hätte er fünfzig Zuckerpflanzungen, irgendetwas einzustecken; und der Blick, mit dem er ihn maß, – war zu stark –, aber die Kreolen haben nun schon einmal die Kentuckier auf der unrechten Seite ihres Herzens. Die Antipathie datiert sich von der Zeit der Vereinigung Louisianas mit der Union her, wo sie, die Wahrheit zu gestehen, wie die Hunnen und Vandalen vor alters, den Mississippi herabstürmten. – Ein Kentuckier ist in der Louisiana-Pflanzersprache der Inbegriff aller Roheit; und das ist denn doch nicht mehr heutzutage der Fall.

»Howard«, bat Julie mich, der ich sinnend überlegte, was wohl am besten zu tun sei. »Howard,« bat sie wieder, »helfen Sie!«

»Aber mein Gott, Julie, wie kann ich? Was kann ich tun? Doughby soll ein Zimmer haben, versteht sich von selbst; aber was kann ich für den Augenblick weiter tun? Auch, Julie, kann ich, die Wahrheit zu gestehen, nicht begreifen, wie Sie, ein so zartfühlendes Mädchen, sich so urplötzlich von der Leidenschaft für einen Mann hinreißen lassen können, den Sie kaum einen Tag lang kennen. Mein Gott, Sie haben Doughby vor vier oder fünf Stunden zum ersten Male gesehen.«

»Bei Mister Richard«, fiel Julie errötend ein.

»Und wenn auch, so ist das doch nicht lange genug, um bereits lichterloh zu brennen.«

Mir kam wirklich dieser Liebesschmerz recht ungelegen. Der Kopf schwirrte mir ohnedem; von allen Seiten stürmte es auf mich ein, und zum Überflusse kommt die noch mit ihren Wehen gerade wie mit der Post angefahren.

»Und dann«, fuhr ich verweisend fort, »in Gegenwart einer verschmähenden Rivalin, die ihm vor Ihren Augen den Laufpaß gegeben. Wahrlich, liebe Julie, ein wenig mehr Selbstachtung, Stolz gegenüber Miß Warren würde gar nicht überflüssig sein.«

»Howard, um Gottes willen, Howard! Wüßten Sie –«

»Was? liebe Julie.«

»Ich soll Merveille –«

»Was mit Merveille?«

»Pater Hilaire ist auf nächsten Dienstag heraufbestellt.«

»Doch nicht, um Sie mit Merveille zu verbinden? Glauben Sie das nicht; Papa hat mir ja kein Wort davon gesagt; – Luise weiß gleichfalls nichts davon.«

»Wie konnte er, da er seit drei Tagen nicht mit Ihnen gesprochen?« erwiderte sie stockend – dann versagte ihr die Stimme, ein Tränenstrom folgte. »Vorige Woche hat Merveille um meine Hand angehalten, und der Papa hat sie ihm zugesagt. Es kommt der alte Monsieur Merveille morgen; abends soll der Kontrakt unterfertigt werden. Deshalb ist auch Madame Duras mit«, schluchzte sie wieder; »der Papa hat es mir angekündigt; die Unterhandlungen haben über ein halbes Jahr gedauert.«

»Ist doch nicht möglich; Luise weiß ja nichts davon.«

»Oh, dies ist Familiensache«, meinte Julie.

»Ist der Papa närrisch? Was! Dieser halbtote, verfaulte Kreole, der sich kaum auf den Beinen fortschleppt, der keinen Tropfen gesunden Blutes in den Adern hat?«

»Sein Vater ist sehr reich, hat eine der ersten Zuckerpflanzungen, und Sie wissen, einen großen Teil der untern Vorstadt – er will nach Frankreich zurück.«

»Glückliche Reise, aber was sollen Sie mit ihm? Würde mir ja Grausen und Ekel erregen, mich mit einem solchen wandelnden Leichnam zu Bette zu legen. Nein, das darf nicht sein. Da ist Doughby ein anderer Mann, hat zwar keine zwanzig Ahnen, aber auch keinen Tropfen unreinen Blutes, und ist er nicht reich, so kann er doch eine Frau standesmäßig ernähren. Das ist ein Mann für Sie – ein Ehrenmann.«

»O Howard!« flehte Julie.

»Wild ist er zwar,« fuhr ich fort, »aber im Grunde genommen die beste Seele; und wenn er auch ein bißchen viel schwört und trinkt, so ist mir sein G–d d–n lieber als eines andern Bleß ye. Er ist mit einem Worte ein reeller Bursche, dem man auf alle Weise helfen muß. Ich will sogleich sehen.«

Julie ging einigermaßen getröstet; indem kam Luise von ihrer Inspektionsreise mir entgegengehüpft, hinter ihr ihr Kammerzöfchen, die sie zu einer fernern Exkursion in Anspruch nahm.

»Aber mein Gott, Luise, stelle dir nur vor, Papa hat Doughby vergessen, und Julie soll fort –«

»Aber weißt du auch, George,« fiel sie mit einer Miene ein, so sittenrichterlich, daß Mistreß Houston sie nicht strenger hätte anlegen können, »sie hat sich auch abscheulich bloßgegeben – und so vor allen Leuten.«

»Ich glaube, liebe Luise, wenn du den ruinierten Merveille heiraten solltest –«

»Aber Merveille ist doch von guter Familie, von der Hauptlinie der Vergennes – mit der unsrigen verwandt.«

»Würdest du ihn genommen haben?«

»Wie du nur so fragen kannst, närrischer Mensch!« lachte Luise, die wieder in das Zimmer zurückgetrippelt war, meinen weisen Sittenspruch ganz überhörend: »Was du nicht willst, daß dir geschehe, das tu' auch andern nicht.«

Ich hatte jedoch keine übrige Zeit, den Prediger zu spielen und rannte, meinen Schwiegervater aufzusuchen.

Er war auf dem Dampfschiffe, die Ausladung der verschiedenen Einkäufe besorgend, die er in der Hauptstadt gemacht und nun zum Teile ans Land schaffen ließ. Auf dem Wege zum Ufer kam Doughby wie im Sturme an mich angeprallt. Die Sonne war bereits untergegangen, aber soviel ich sah, war der Mann in der höchsten Wut. Er knirschte mit den Zähnen und faßte mich an, wie zum Kampfe auf Leben und Tod.

»Howard!« rief er, brüllte er; »Howard!« rief er, mich bei den Schultern erfassend; »Howard!« Wenn mir das ein anderer getan hätte. Bei meiner Ehre, Howard! Seine Tage sollten gezählt sein. Er oder ich, sage ich. – Howard, was mir in Eurem Hause widerfahren! – Wäre es nicht der Vater Juliens, Euer Schwiegervater!«

»Ruhig, Doughby; ich weiß alles – Julie hat mir gesagt –«

»Mich stehen zu lassen, mir den Rücken zu wenden wie einem Neger, mich keines Blickes zu würdigen, allen Zimmern anzuweisen –«

»Ruhig, Doughby; Ihr seid mein Gast. Ich bin der Herr in meinem Hause. Jetzt kommt, und ich will Euch ein Zimmer anweisen. Ihr sollt eins haben, und wenn ich Euch in das meinige legen sollte.«

»Nein, nein!« schrie Doughby, »will nicht, kann nicht bleiben. Kann nicht bleiben«, schrie er abermals, mich mit sich fortreißend. »Hört!« rief er mir auf einmal in die Ohren; »hört, wie alt ist Julie? – Wie alt ist sie? Sagt mir, ich bitte Euch um Gottes willen! Wie alt ist sie? Sagt, sagt an!«

»Was Teufel fällt Euch jetzt wieder ein?«

»Wie alt ist sie?« schrie er mir abermals in die Ohren; »G–tt v–e Euch! Hört Ihr nicht! Könnt Ihr nicht das Maul auftun? Wie alt ist sie?«

»Aber Doughby, ich glaube alles Ernstes in Eurem Kopfe spuckt es und in dem meines Schwiegervaters nicht minder. Wie kommt Ihr auf diese sonderbare Frage?«

»Um Gottes willen! Wie alt ist sie?« schrie mir der Tollkopf abermals in die Ohren, während er zugleich krampfhaft meine Arme erfaßte.

»Neunzehn Jahre!«

Der Mann machte einen Rundsprung, der mich beinahe zu Boden warf. Augenblicklich faßte er mich jedoch wieder bei dem Arme und schaute mir starr in die Augen.

»Könnt Ihr mir das schriftlich geben?«

»Aber Doughby, wozu? – Was fällt Euch ein?«

»Schriftlich geben wollt Ihr es mir? Ihr tut es, herzensguter, teurer, lieber, süßer, goldener Howard. Ihr tut es; nicht wahr, Ihr tut es?«

Und mit diesen Worten zog, zerrte mich der Mann dem Hause zu; ich mochte wollen oder nicht, ich mußte ihm folgen.

»Gebt mir's,« raunte er mir leiser in die Ohren, »gebt mir's geschwind; gebt, gebt!«

Ich rannte, um den Tollen nur zu beschwichtigen, über Hals und Kopf meinem Sekretär zu, wo ich das Schreibzeug stehen gesehen hatte, riß ein Blatt Papier ab, schrieb was er verlangte, meinen Namen darunter und überreichte ihm das Papier.

Er nahm es, überlas es, steckte es in sein Notenbuch, wurde auf einmal wieder nachdenklich.

»Kann doch alles nichts helfen«, sprach er endlich.

Ich sah den Mann an, und er schien mir wirklich total verrückt.

»Jetzt kommt, hier ist Euer Zimmer; der Franzose und Kreole müssen sich anderweitig behelfen. In meinem Hause sollen meine Freunde, Amerikaner, nicht Fremden nachstehen, und wären sie hundertmal Cousins und Schwäger dazu.«

Doughby ließ mich nicht ausreden, sondern rannte fort. Das Erzittern der Fenster verkündete ein ankommendes Dampfschiff. Fünfzig Schritte vom Hause hielt er; ich rannte auf ihn zu, durch einen Haufen meiner Neger, die glauben mußten, wir beide seien halb verrückt – Doughby war bereits wie halb rasend dem Ufer zugesprungen – von dem Menou mir entgegenkam.

»Haben Sie Mister Doughby nicht gesehen?«

»Nein, ich komme vom Alexandria. Jemand sprang dreißig Schritte an mir vorüber. Vielleicht ist es Ihr Freund.«

Die Worte waren spitzig, ironisch gesprochen.

»Er ist ganz toll wegen des Affronts, den Sie ihm zugefügt, und dessen Grund ich mir wirklich nicht erklären kann. Wirklich Papa, Sie haben einen am ganzen Mittel-Mississippi hochgeachteten jungen Mann, einen Freund von mir, vor den Kopf auf eine Weise gestoßen – mir ihn aus dem Hause getrieben.«

»Ich ihn aus Ihrem Hause getrieben?« fragte Menou.

»Je nun, anders kann ich es nicht heißen, wenn Sie ihm den Rücken kehren und allen Gästen Zimmer anweisen, nur ihm die freie Wahl lassen, in einer Negerhütte oder der Welschkornkrippe sein Nachtlager zu suchen.«

»Da gehört er wahrscheinlich eher hin als unter Gentlemen!« sprach Menou. »Mister Howard,« fuhr er ernster fort, »ich bin gewohnt, mit Gentlemen als Gentleman umzugehen; aber Barbaren und Bauern als solche zu behandeln. Ich werde nie einen Menschen, der den ersten Grundsätzen der Gesittung so sehr Hohn spricht, wie dieser wilde Kentuckier, als Gentleman behandeln.«

»Aber Mister Doughby hat doch, soviel ich weiß, der guten Lebensart, in Ihrem Beisein wenigstens, nicht Hohn gesprochen.«

»Ist das nicht Hohn gesprochen, im Angesichte des Vaters mit der Tochter Liebesblicke zu wechseln? Eine Liebelei zu beginnen, ohne Vorwissen, ohne Erlaubnis?«

»Liebelei zu beginnen, ohne Erlaubnis? Davon weiß ich kein Wort, Papa. Mister Doughby sah Julie zum ersten Male – es ist nicht länger als vier Stunden. Sie hat Eindruck gemacht auf ihn, und ich gestehe, ich sehe daran gar nichts Unrechtes. Er ist frei, jung, ledig, hat sich ein schönes Vermögen erworben und ist in jeder Hinsicht geeignet, eine junge Dame glücklich zu machen. – Daß er sein Auge mehr sprechen ließ, als der gute Ton billigt, müssen Sie seiner glühenden, sprudelnden Kentucky-Natur zugute halten. Auch nicht das mindeste Anstößige ist vorgegangen, darauf können Sie sich verlassen.«

»Ich habe genug gesehen, Mister Howard,« sprach mein Schwiegervater, der immer empfindlicher werden zu wollen schien, »um Ursache zu haben, meine Mißbilligung auf eine eklatante Weise an den Tag zu legen. Sie sind Herr in Ihrem Hause und mögen Ihre Freunde empfangen, aber ich verbitte mir jede Annäherung von Seite dieses rauhen, rohen Kentuckiers.«

»Nun, auf Ehre, Papa, das ist die seltsamste Sprache, die ich in meinem Leben je gehört. Sie sind beleidigt über etwas, das jeden andern Vater mit Vergnügen erfüllt haben würde, beleidigt darüber, daß ein achtbarer Mann ehrenwerte Absichten gegen Ihre Tochter hegt, und stoßen diesen Mann zurück, weil er nicht zuerst bei Ihnen um Ihre Erlaubnis nachgesucht hat. Welches amerikanische Mädchen würde den Mann eines Blickes würdigen, der nicht zuerst sie, sondern ihre Eltern befragte? Nach meinen Ansichten hat weder Julie noch Doughby die arge Behandlung verdient, die ihnen soeben widerfahren ist.«

»Ich sehe,« brach Menou ab, »Sie haben Ihre amerikanischen Ansichten, ich habe meine französischen, und – Gott sei Dank! die Gesetze unseres Landes sind für mich.«

»Das mag sein, aber Sie werden sich doch nicht das Recht anmaßen, die Freiheit Ihrer Tochter in dem wichtigsten Punkte zu verkürzen?«

»Und wer bin ich denn?« fragte Menou. »Bin ich nicht der Vater meines Kindes?«

Ich schaute den Mann an und sah zugleich, daß ich wirklich einen Franzosen und keinen Amerikaner vor mir hatte. Die Menschen sind ebensowohl die Despoten ihrer Familien, kommandieren ihre Töchter, Söhne und Weiber, als sie wieder selbst kommandiert zu werden gewohnt sind. – Es sind wunderliche Menschen, diese Franzosen und ihre Abkömmlinge, gebildet, gesittet, zivilisiert, gezähmt sollte ich sagen, aber die Elemente zur wahren Freiheit werden sich bei ihnen nimmermehr ansetzen. Ihre ganze Natur ist despotisch.

»Sie sind Vater«, hob ich nach einer Pause wieder an, denn das Schicksal der guten Julie ging mir nahe; »aber warum nicht Julie die Freiheit lassen, die das ärmste amerikanische Mädchen besitzt, und ohne die kein Eheglück bestehen kann?«

»Mister Howard, obwohl er von einer altadeligen englischen Familie stammt,« lächelte Menou ironisch, »scheint doch wenig von den Ideen zu wissen, die jede gute Familie bei ihren Verbindungen zum Leitfaden nehmen muß, wenn sie sich nicht im großen Haufen verlieren soll. – Eben weil das ärmste Mädchen frei ist, müssen unsere Töchter eine Freiheit verschmähen, die sie dem großen Haufen gleichsetzt.«

»Da halte ich es mit dem großen Haufen, und was Sie soeben sagen, mag alles recht wohl für den Hof von Versailles passen, lieber Papa; aber hier bei uns, glaube ich, kommen Sie mit solchen Ansichten zu kurz; und was Mister Doughby betrifft, so bitte ich Sie, Ihr Benehmen nach Möglichkeit schonend sein zu lassen. Er ist nicht der Mann, irgendeine Beleidigung einzustecken.«

»Sprechen Sie mir nicht mehr von dem wilden Jacksonisten, dem Barbaren, dem Kentuckier.«

»Lassen Sie ihn Jackson-Mann sein, was geht das Sie an? Mistreß Houston ist für Adams, Richard gleichfalls, ich bin für keinen der drei Kandidaten; ebenso lieb möchte ich den Teufel, als einen dieser drei; aber Doughby ist mein Freund, Mistreß Houstons und Richards Freund, der Freund von Tausenden seiner politischen Antagonisten. Sie werden doch nicht alle für Ihre Feinde erklären, die entgegengesetzter politischer Meinung sind?«

»Aber auch nicht für meine Freunde, und am wenigsten werde ich erlauben, daß sie in nähere Beziehung zu meiner Familie treten. Sie sind Herr in Ihrem Hause, Mister Howard, ich in dem meinigen, und ich will meine Arrangements nicht auf diese Weise gestört sehen. Mit einem Worte, dieser Mensch ist mir inkonvenant.«

»Also wäre es wirklich, wovor Julie zittert, Sie wollten sie mit dem elenden Merveille –?«

»Vergebung, Mister Howard, Monsieur de Merveille ist der Sohn eines der ersten Männer im Staate, eines der ersten Zuckerpflanzer, der einen sehr bedeutenden Teil der Hauptstadt eignet. – Von solchen Männern sind wir gewohnt, mit einer gewissen Achtung zu sprechen, selbst wenn sie nicht mit unserer Familie in so nahen blutsverwandten Verhältnissen stünden. Er ist aus der Hauptbranche der Vergennes, die sich in Louisiana niedergelassen – seine Familie sehr gut in den Tuilerien angeschrieben.«

»Aber mein Gott, was gehen uns die Tuilerien an?«

»Die Angelegenheit ist schon seit vielen Jahren«, fuhr Menou fort, »abgemacht. Ich habe einem meiner Kinder eine mariage par inclination gestattet, – es ist billig, daß das andere den Convenancen des Hauses ein kleines Opfer bringe, um so mehr, als es für dieses kleine Opfer tausendfach entschädigt wird.«

Der Mann war, indem er so sprach, ganz gewandter, halbtänzelnder Hofmann geworden.

»Sie wird in Frankreich leben, elle verra la belle, la glorieuse France – Paris – ah France!« rief er, die Hände reibend.

»Aber mein Gott, sind Sie denn nicht Amerikaner? In Amerika geboren?«

»Ich bin ein geborener Franzose«, sprach Menou, sich in die Brust werfend, » Je suis Français, né en Louisiana quand Louisiana était française. Je suis Français.«

Ich wandte mich und dachte, ein Narr bist du. Allen Respekt vor dem Franzosentum; aber in der Wagschale des amerikanischen Bürgertums – pah! wiegt es federleicht. Ein geborner, freier amerikanischer Bürger ist das schönste Attribut, das es für den Mann geben kann, und dieses Attribut, wie der dumme Esau sein Geburtsrecht, für ein Linsengericht des Franzosentums hinzugeben! – Ich kann solche Narrheiten nicht ausstehen.

In diesem Augenblick kam Doughby herangerannt. Sowie ihn Menou erblickte, wandte er ihm den Rücken. Doughby verbeugte sich und wollte fort.

»Halt, Doughby, Ihr müßt hier bleiben. Keine Narrheiten.«

»Will ein andermal kommen; jetzt muß ich fort.«

»Ihr bleibt, sage ich.«

»Will ein anderes Mal kommen.«

»Doughby, Ihr beleidigt mich.«

»Das tut mir leid, Howard; muß aber den Red-River hinab.«

Und fort rannte er, dem Strome zu, schrie das Dampfschiff an, das bereits zu sehen war, nannte seinen Namen, und der bald darauf durch das Ventil auszischende Dampf verriet, daß er gehört worden war.

»Doughby,« sprach ich, als ich wieder an seiner Seite war, »so seid doch nur klug!«

»Howard, laßt mich, und wenn Ihr mich liebt, so geht. Ich bitte Euch recht sehr, – geht.«

»Doughby, Ihr müßt mit mir.«

»Nicht dieses Mal, Howard – nicht dieses Mal.« Er rannte an das Ufer hinab und schrie ein Hallo.

Ich hatte ihn gerade wieder am Rockzipfel erfaßt, als er ins Boot sprang; beinahe hätte er mich in den Strom mit hinabgerissen. Ich war halb toll; hier ein wackerer Freund fort, ein Wildfang, das ist wahr, hat aber so viel reelles Blut im Leib, als ein Dutzend Kreolen zu Männern machen könnte. Und zwischen mir und meinem Schwiegervater die Spannung. Ich gestehe, der letzte Auftritt ekelte mich beinahe an. Dieses theatralische » je suis Français!« – Mir ist ein solcher saft- und kraftloser Pathos von ganzem Herzen zuwider. Diese Kreolen werden alle Tage ihres Lebens keine Amerikaner. Und dann ihre Convenancen – sie schließen die Heiraten ihrer Kinder ab und fertigen Kontrakte, gerade wie Dynasten; – Convenance ist ihr drittes Wort, – Neigung, Freiheit kommen gar nicht zur Sprache.

Als ich in den Salon trat, fand ich den Kapitän der Alexandria, der einige Erfrischungen zu sich nahm; die Schiffsleute hatten ihren Teil auf das Verdeck erhalten.

Julie kam aus Papas Zimmer mit ihrer schwarzen Zofe, die Schachteln und Päckchen in den Händen hielt; sie war bleich und abgeweint.

»Mister Doughby ist den Red-River hinab, bemerkte ich. Julie wenigstens könnte nun bleiben.«

»Mama ist allein zu Hause«, war die Antwort des Papa.

» Ma chère fille«, wandte er sich zur Tochter – » tu vas voir maman.«

» Oui papa«, erwiderte Julie schluchzend.

» Tu diras, que nous viendrons demain.«

» Oui papa,« schluchzte Julie abermals.

» Va ma petite,« sprach der Mann, indem er ihr einen Kuß auf die Stirn gab und sie umarmte.

Das sah alles recht väterlich aus, lobe mir aber den ehrlichen Händedruck eines echt amerikanischen Vaters.

Der Kapitän hatte ausgetrunken und nahm Abschied. Menou empfahl Julie seiner Obsorge, und die beiden gingen, von uns zur Schwelle begleitet. Luise kam gerade von einem Inspektionsausfluge in den Saal.

»Teure Luise, die Schwester ist soeben die Piazza hinab auf das Dampfschiff.«

Und hinaus fliegt sie, hinab, der Schwester nach, dieser um den Hals – » Va ma chère Julie, nous viendrons bientôt – mille baisers à mamam – ma petite bonne Julie – va, ma petite bonne Julie!«

In zehn Sekunden war sie wieder zurück. » Mais papa, qu'as-tu-fait? Horrible! Papa, qu'as-tu-fait?«

» Mais ma petite chère Louise!«

» Qu'as-tu fait?« rief Luise.

Ich dachte, die sympathetische Aufwallung gelte der Schwester.

» Les rideaux – blau- und rotseidene Vorhänge in Mistreß Houstons Zimmer – Horrible! Blau und rot!«

» Mais ma chère Louise« – beschwichtigte sie der Papa.

Sie ließ sich aber nicht beschwichtigen.

»Im Zimmer der Tante Duras pappelgrün und coquelicotrot Cocquelicot: Feldmohn.! Abominable! Viens voir papa.«

Und fort zog sie den Papa in die Zimmer, und dieser rannte mit allen Symptomen des Schreckens, das horrible Ding, hochrot und pappelgrün zu schauen und darüber Julie und alle ihre Wehen zu vergessen.

»Das nenne ich doch leichtes französisches Geblüt!« lachte ich halb toll.

Als sie den Papa durch alle Zimmer geschleppt hatte, zog sie ihn in die unsrigen, wo bereits mehrere Verschläge und Kisten geöffnet, und Blondes, Seidenstoffe, Kinderhäubchen, Strümpfe und Strümpfchen, Peignoirs, Schals, Indiennes, Gauzes und, der Himmel weiß, was ausgekramt, und alle Sessel, Kommoden, Betten und Tische beladen waren.

»Aber mein Gott, Luise, diese Dinge konnten doch warten – und Papa, wozu einen solchen Wust von Kleidungssachen – soviel Geld unnütz ausgeben? Diese Ausstattung könnte einer französischen Prinzessin Genüge leisten.«

Luise lachte. – »Ah, du weißt nichts von der Ausstattung der Herzogin von Berry. – O prächtig! Ah!« rief sie entzückt, in die Hände klatschend.

»Zu der kontribuierten zweiunddreißig Millionen Franzosen, zu der deinigen nur fünfzig Neger.«

Sie lacht und springt in den Saal zurück, wo die Damen erschienen sind, und zieht sie herein, und sie alle kommen und beginnen nun zu schauen, zu prüfen, zu ordnen, zu klassifizieren.

Im ganzen kam mir das Divertissement nicht ungelegen, denn es zerstreute wenigstens meine Gäste und lenkte ihre Aufmerksamkeit von Doughby ab, der offenbar bei allen einen Stein im Brette hat. Menou sieht bei weitem nicht mehr die freundlichen Gesichter, die ihn beim Empfange anlachten. Mistreß Houstons Antworten klingen einsilbig, beinahe frostig; und auch Mistreß Richard scheint es darauf angelegt zu haben, ihn fühlen zu lassen, daß der Mann, den sie ihrer Gesellschaft würdig erachtet, nicht ungestraft gekränkt werden dürfe. Das ist ganz in der Ordnung, und diese Meinungsunabhängigkeit gereicht ihnen zur Ehre, obwohl sie mich wieder in eine peinliche Lage versetzt. Ich komme mir vor, wie ein Neutraler zwischen zwei kriegführenden oder die Vorbereitungen zum Kriegführen treffenden Mächten; – beide Parteien sehen mich an, als wenn mir nicht recht zu trauen wäre. Die Dampfschiffe sind abgegangen – die Revue ist zum Teile vorüber – der Rest soll morgen vorgenommen werden. – Wir gehen zur Abendtafel, aber, obgleich sie glänzend bestellt ist (Menou hat seine Köchin von oben herabgebracht, die es immerhin mit den französischen Restaurateurs in der Hauptstadt aufnehmen könnte), die wahre Würze fehlt – die Heiterkeit. – Um elf Uhr waren wir alle zu Bette.

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