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Brautfahrten

Charles Sealsfield: Brautfahrten - Kapitel 17
Quellenangabe
authorCharles Sealsfield
titleBrautfahrten
publisherGeorg Müller
yearo.J.
editorHeinrich Conrad
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180712
projectid9f98f819
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IX.
Ein Diner auf dem Red-River.

Die Wahrheit zu gestehen, so ist das Genre der Physiognomien, die sich unsern Blicken darbieten, nicht das einladendste; wahre Galgengesichter gibt es unter ihnen, und man braucht eben nicht sehr Lavater oder Gall zu sein, um den Mord- und Diebssinn recht deutlich herauszufinden, und Gerüche verbreiten sie! – Die arme de Duras hält das Riechfläschchen an die Nase, so fest, als ob es daran wachsen sollte. Einige unserer Tischgenossen sehen wirklich desperat aus, und wie um an ihrem guten Willen nicht irre zu werden, sind sie jeder mit einem Dolche bewaffnet, deren Hornschäfte ihnen aus den Ärmeln und Brusttaschen hervorstehen. Es wäre der Mühe wert, diese Kuriositätensammlung von Menschenkindern und ihre Biographien näher kennen zu lernen. Handelsleute nach Santa-Fé Santa-Fé. Bekanntlich gehen alljährlich mehrere Karawanen von St. Louis am Mississippi und dem Red-River nach dieser Stadt und weiter bis zur Hauptstadt Mexiko. Ihre Ladungen sind auf Maultiere gepackt, und finden, sowie diese Tiere, guten Absatz. höre ich; Squatters vom Arkansas Territory, Ansiedler von Quachitta Quachitta, auch Wachitta. Der Name eines County, Flusses und Sees im nördlichen Louisiana., Jäger von Sabine Sabine. Der Grenzfluß, der südwestlich die Vereinigten Staaten von Mexiko trennt., Emigranten zu Colonel-Austin-Kolonie Colonel-Austin. Mitgründer der amerikanischen Kolonie in der Provinz Texas, die, ungeachtet des desperaten Charakters vieler der Kolonisten, als in blühendem Zustande befindlich geschildert wird., in dem neuen Schlaraffenland Texas, – stehend, sitzend, halb liegend, die Füße auf den Sesseln; einer hat sie gar auf dem Tische, und daneben sitzt ein anderer, der sich's in der Nachbarschaft dieser mokassinierten Extremitäten recht wohl schmecken läßt.

Die Mehrzahl, während sie sich beim Eintritte unserer Damen erhob, entlud noch ihre Mäuler einer kaffeebraunen Jauche, die, wäre sie aus ein paar Dutzend Spritzen herausgepreßt worden, nicht strahlartiger in allen Richtungen kreuzen konnte.

»Rolby!« redete eine der Galgenphysiognomien den Mann an, der, bereits im Mastifikationsgeschäfte begriffen, sich nicht im mindesten stören lassen zu wollen schien.

»Was?« schnurrte Rolby.

»Rolby,« lachte der Santa-Fé-Handelskompagnon, »könntet wohl ein wenig luffen Luffen – to luff. Dem Winde näher gehen, nachgeben, weichen, aufstehen.. Seht, das Weibervolk kommt.«

Der Geselle, dem die Worte galten, derselbe, der so human gemeint hatte, es wäre kein Schaden gewesen, dem Indianer eins zu versetzen, – war ein verzerrter, kupfriger, ausgedörrter Wicht, dem seine dreißig oder vierzig Jahre einen wahren Galgenstempel eingeprägt hatten, mit Schweinsaugen, roten Haaren und einem braungrauen, furchtbaren Backen- oder vielmehr Gesichtsbarte, denn der Mann hat offenbar Seife und Barbiermesser seit Monaten nicht in Anwendung gebracht. Er saß ohne Rock und Halstuch, mit aufgestreiften Hemdärmeln wie bei einem Tagwerke; vor ihm stand ein Teller, auf dem wohl sechs verschiedene Fleischstücke, untermengt mit Kartoffeln und Patanen aufgehäuft lagen.

»Hört Ihr, Rolby?« sprach ein zweiter Maultierhändler, ihm seine Jacke hinhaltend.

Rolby gab keine Antwort, zog aber seine Jacke an und fuhr fort zu verschlingen.

»Möchte doch wissen, aus welchem Teile der Welt der her ist«, fragte ein dritter.

Rolby schaute auf, schoß einen Dolchblick auf den Fragenden und fuhr abermals fort zu verschlingen.

Wir gingen schweigend an dem Manne vorbei und nahmen unsere Plätze ein, die Majorität walten lassend, die, obwohl nichts weniger als aus den feinsten Ingredienzien zusammengesetzt, doch Majorität war. Die Tafel bot einen grellen, aber pittoresken Anblick dar. Obenan saß der Kapitän in seiner Eigenschaft als Vorschneider; zunächst die Ladies Duras und Houston, Luise und Klara, und ich und Richard, und Julie und Emilie, und Vergennes und Merveilles und Doughby, und unter diesem der Geselle namens Rolby; und weiter hinab Maultierhändler und Squatters, Jäger und Pflanzer, Krämer und Hinterwäldler aller Art, in allen Trachten, die mit der prachtvollen Einrichtung des Speisesaals und insbesondere den eleganten Anzügen unserer Damen nicht weniger scharf kontrastierten, als das abgeschabte Fellwams, der Gurt des Schweinshirten und Konsorten, mit dem wallenden Seidengewande der sächsischen Rowena und ihrer geistlichen Bewunderer kontrastiert haben dürften. Und nach dem Heißhunger zu schließen, mit dem nun alle über die Gerichte herfielen, schienen die Verdauungswerkzeuge dieser Belmote, trotz dem Abstand von mehr als fünfhundert Jahren und fünftausend Meilen, die sie von der Zeit und dem Lande ihrer sächsischen und normannischen Vorfahren trennten, nur wenig gelitten zu haben.

Vergennes vergaß vor lauter Staunen und Starren seine Suppe.

Luise nippte und schaute, aber nicht auf die Hinterwäldler. Jetzt ruhte ihr Auge neugierig-schalkhaft auf Julie, die ein eigentümlich süß-schmachtendes Air sich beigelegt, wieder auf Doughby, den ich unter Merveille postiert hatte, trotz seiner Bemühung, sich an Julie hinaufzubugsieren, was ich aber ernstlich verbat; auch sah er das Horrible seiner Forderung selbst ein. Er ist aber nun schon einmal ein Kentuckier, die zuerst reden und dann erst überlegen. Sitzt jedoch so devot gekrümmt, könnte füglich den Himmelsboten vor dem Bilde Marias in der Kathedrale der Hauptstadt vorstellen. Die Wahrheit zu gestehen, scheint er mir endlich das Schwarze in der Scheibe getroffen zu haben, und wenn eine für ihn paßt, so ist es Julie. Emilie würde ihm so wenig zugesagt haben, als er einer Prinzessin aus dem Hause der spanischen Bourbons. Diese Nordländerinnen sind zu geregelt, zu starr, zu linealmäßig für übersprudelnde Südländer, bei denen wieder die vis inertiae der sanfteren, duldsameren Kreolinnen viel wohltätiger einwirkt. Ein leichter, aber nur sehr leichter Anflug von Indolenz, oder vielmehr Laisser aller – denn Julie ist tätig, rührig in ihrem häuslichen Kreise – wird die wilde Kraft sicherer zähmen, als irgend etwas anderes. Zudem ist sie gerade das Mädchen, wie sie einem Doughby, der viel auf das Materielle hält, zusagen muß. Von der Größe Luisens, ist sie, wie gesagt, stärker und zum Embonpoint geneigt; sie hat nicht die Beweglichkeit, die leichte französische Grazie Luisens, aber ein herrlich schwarzes Auge; Luise hat lichtblaue; einen Busen etwas voll, aber ganz nach dem Geschmacke Doughbys, der, wie bemerkt, das Substantielle liebt; eine Haut, weiß wie Alabaster und doch nicht des nötigen Kolorits ermangelnd. Kurz, Doughby hat allem Anscheine nach den Nagel auf den Kopf getroffen. Wäre er nur nicht gar so impetuos; aber die Weiber lieben wieder etwas Keckheit, zwar nicht alle; auf Julie jedoch hat er offenbar einen günstigen Eindruck hervorgebracht. Es wundert mich nur, wie das Mädchen so auf einmal Feuer fangen konnte und in Gegenwart einer Rivalin – es ist beinahe unzart; sed trahunt exempla.

Wir sind mit der Suppe fertig, die untere Abteilung mit dem Essen. Das heiße ich doch aufräumen, und zwar in weniger denn zehn Minuten. Diese Tafelhälfte, sie sieht bereits wie ein halbes Schlachtfeld aus. Geschundene Welschhühner und Hühner, Gerippe von Quails, zerstümmelte Schinken und Hirschziemer, mit Fragmenten von Rostbeef, Koteletts, Schalen von Kartoffeln, Pataten, zerbrochenen Eiern, auf allen Ecken und Enden über die halbe Tafel hin zerstreut. Es gehört ein starker Magen dazu, hier noch seinen Appetit zu behalten.

»Nun, Nigger!« rief ein Squatter im Lederwamse, mit schwarzen, borstenartig emporstehenden Haaren – »Nigger, will meine Suppe!«

»Nicht Nigger sein, Massa«, brummte der Mulatto-Aufwärter.

»Nigger oder Mulatto, gleichviel; bring' mir meine Suppe!«

»Was?« rief der Nachbar des Mannes, »was? Nachdem Ihr einen Teller, der ebensowohl als Mehlkübel dienen könnte, voll Fleisch, Fische, Kartoffeln eingelegt und einen zweiten voll Hühner, Welschhühner, Wildbret und Pataten, wollt Ihr nochmals mit der Suppe anfangen?«

»Freies Land, Nachbar«, erwiderte das Lederwams; »freies Land; leben in einem freien Lande. Ein Mann mag Suppe essen, hoffe ich, wenn und wann er will, und er sie bezahlen kann. Sage Euch mehr: einer mag Suppe essen, wenn er sonst nichts mehr essen kann; denn die Suppe dringt euch durch, wo substantielle Brocken nicht durchdringen, und findet Raum, eben weil sie Suppe ist, wo Rostbeef und Schinken vergeblich Eintritt suchen. Ist Euch ein mächtig wunderbares Ding, die Suppe. Bildet gleichsam den Mörtel, die Suppe, der das Rostbeef mit den Welschhühnern und Kartoffeln verbindet. Nach meiner Meinung ist Suppe immer gut, gleichwohl ob vor- oder nachgenommen.«

»Möchte doch wissen,« fragte Doughby, dem die Stille, die unter uns während des Suppenessens geherrscht, bereits zu lange anhielt, »aus welchem Teile der Welt Ihr her sein möget?«

»Wo es mehr Büffel als zahme Kälber gibt, Mister«, lachte der Hinterwäldler; – »und Ihr, wahrscheinlich, wo sie die Rinder mit grünem Kottonsamen mästen?«

»Getroffen«, sprach Doughby.

»Was spricht man bei euch? Wie bläst der Wind? Nordnordwest oder Nordwestwest? Ist's ein Jackson- oder Harry- oder Johnny-Wind?« fragte der Mann weiter.

»Blasen alle drei«, lachte Doughby; »aber der Hickory ist der stärkste.«

»Es lebe der alte Hickory!« rief der Hinterwäldler.

»Ich sage Euch schon zum zweiten Male,« hob ein anderer junger Hinterwäldler an, »danke Euch für ein Stück Torte.«

Die Worte waren an seinen Gegenfüßler gerichtet, der, die Schüssel mit dem süßen Gebäcke in seinen Klauen haltend, bereits den besten Teil verschlungen hatte.

»Habe sie auch zweimal für Euch zerschnitten«, erwiderte der Mann, ihm einen Dessertteller mit einem sehr mäßigen Randstücke über die Tafel reichend.

»Und so tatet Ihr,« lachte der junge Hinterwäldler; »tatet es aber wie Jack, der auf des Gaules Rücken in den Sattel sprang, und Ben und Sam einlud, ein gleiches zu tun, nur müßten sie mit Vorne und Hinten vorlieb nehmen, er wolle sich schon mit der Mitte behelfen.«

»Sind in einem freien Lande«, war wieder die Antwort.

Unsere Madeiragläser zum Rostbeef waren mittlerweile gefüllt worden. Wir stießen an und tranken wechselseitig unsere Gesundheiten. Als wir fertig waren, wandte ich mich zur untern Abteilung unserer Tischgesellschaft.

»Gentlemen! Wollt ihr uns das Vergnügen erweisen, ein Glas Wein auf das Wohlergehen unserer Damen zu nehmen?«

»Und insbesondere auf das der Neuvermählten, hochachtbaren Mistreß Howard«, fügte Mistreß Houston hinzu.

Und nachdem Hinterwäldler und Maultierhändler jeder sich eines der vom Steward umhergereichten Gläser bemächtigt hatten, erhoben sie sich, und der junge Mann in der Leinenjacke gab den herrlichen Toast unseres galanten Pinkney Pinkney, Marineoffizier der Vereinigten Staaten und Verfasser mehrerer artiger Gedichte; seitdem gestorben.:

I fill this Cup to one, made of lovelines alone,
A woman of her gentle sex the seeming paragon;
Her health! And would – on earth there stood! some more of such a frame!
That life might all be poetry, and weariness a name.

»Mann!« rief ich lachend, »fürwahr, Ihr seid ein Musenfreund, wie ich ihn schwerlich hier in unserem Red-River-Reviere gesucht hätte.«

»Lese zuweilen so etwas, wenn es von guten Freunden kommt.«

»Von guten Freunden? Kanntet Ihr den ritterlichen Pinkney?«

»So ziemlich; waren, was man Bekannte im engern Sinne des Wortes nennt.«

»Darf ich nach Eurem Namen fragen?«

»Winfried H.«

»Wie? Ein Verwandter des Senators für S–th C–a–?«

»Sein Sohn; jetzt Pflanzer am Red-River seit sechs Monaten; gerade hundert Meilen ober Ihnen.«

»Freut mich sehr, Mister H., Eure Bekanntschaft zu machen.«

So berühren sich bei uns die Endpunkte sozialer Stellungen, und runden in steter Reibung, in fortwährend wie im Kreisel umherrollender Beweglichkeit ihre wechselseitigen Härten und Ecken ab. Der Senatorssohn baut seine Hütte auf einem Stück Waldlande, das an die Besitzung des Sprößlings eines schottischen Viehtreibers anstößt; das Weib dieses war vielleicht die Magd der Senatorstochter, die sie nun als Nachbarin begrüßt und ihre kleinen Dienstleistungen mit dankbarfrohem Entgegenkommen annimmt. So befördert bei uns gewissermaßen die Notwendigkeit jenes republikanische Gleichheitssystem, das im Westen seine Wurzel ausbreitet, tiefer schlägt, während es im Osten, im Gewühle unserer Seestädte, bereits starke Stöße erleidet.

»Sollte nichts darum geben,« hob der mit dem Namen Rolby bezeichnete Geselle wieder an, »noch ein Glas von Eurem Weine zu nehmen.«

»Und ich sollte nichts darum geben, so Ihr Euch um ein Haus weiter machtet«, fiel Doughby mit einem nichts weniger als schmeichelhaften Blicke ein.

Der Mann schaute Doughby mit großen Augen an, dann verzog sich seine Miene in ein wahres Mördergrinsen.

»Wollt Ihr mein Glas nehmen, Mister?« fragte Mistreß Howard, dem Steward ein Zeichen gebend, es dem Manne zu überreichen.

»Bravo, liebe Luise«, flüsterte ich ihr zu; »das heißt wie eine echt amerikanische Dame gesprochen und gehandelt.«

»Danke Ihnen, Maam«, versetzte der Mann. »Will es auf Ihre Gesundheit leeren.«

Und er nahm das ihm vom Steward überreichte Glas, leerte es zur Hälfte, füllte es wieder mit Rum auf und trank den Inhalt mit einem: »Ihre Gesundheit, Maam, und der alte Hickory soll leben« aus.

»Vermute, auch ich könnte noch eines nehmen«, rief das schwarze Lederwams.

»Dann erlaubt, daß ich Euch das meinige sende«, versetzte Mistreß Richard.

Der Mann nickte, nahm das Glas, und trank es mit einem Zuge aus. Beide Gesellen erhoben sich, warfen ihre Strohhüte auf den Kopf und traten zum Schenktische, um den Kitzel, wie sie sich ausdrückten, mit etwas Reellem zu vertreiben und ihre Debatten über den alten Hickory fortzusetzen. Dieser, mit seinen beiden Trabanten, Harry und John Quincy, ist nun der ewige Refrain, der gehört wird auf Dampfschiffen, in Gasthäusern, der Heerstraße, der Stube, überall, allenthalben.

Vergennes kann vor Staunen und Starren weder zum Essen noch zum Trinken kommen. Und wohl mögen Fremde, die unser Land betreten, ob solcher Erscheinungen starren. Bei uns bewirken sie nicht einmal mehr ein Lächeln; freilich sind sie nicht immer die angenehmsten, diese Berührungen, in die uns unser bewegliches, unstetes, republikanisches Treiben und Wirken wirft; die Gesichter, die soeben den Speisesaal verlassen, nichts weniger als anziehend; der Geselle, der uns den Rücken wendet, er hat in seinem kalten Lächeln ein gewisses Etwas, das sich der im Grase lauernden Kongoschlange vergleichen läßt; ein wahrhaft teuflisches Hohngrinsen; so muß der Mörder ausschauen, der seinem Schlachtopfer kalt das kalte Eisen in den Busen stößt. Aber könnt ihr lauter Washingtons, Jays und Franklins haben? Ist es nicht vielmehr notwendige, unerläßliche Bedingung unserer Freiheit, daß die bürgerlichen Tugenden sowohl als Laster üppiger aufschießen, eben weil ihnen frei zu wachsen und zu wuchern gestattet ist? Und wenn jene diese überwiegen, ist der Grund nicht eben in dem Umstande zu suchen, daß das Verbrechen bei uns den natürlichen Abzugskanal jener Getränke hat, die ihre Unreinigkeiten zum Spundloche hinausstoßen? Daß der Abschaum von der gesitteten Welt zurückgestoßen, an den Grenzscheiden der Kultur sich sammelt, im Westen unserer Staaten und Territorien, wo das Gesetz noch schwach ist? Es sieht freilich oft furchtbar aus in diesen Grenzstationen, ein wahrer Auswurf treibt sich da herum, Spieler, Mörder, Diebe, unter denen ein ordentlicher Mann oft seines Lebens nicht sicher ist; aber das dauert immer nur eine kurze Zeit, bessere kommen nach, und das Gesindel zieht weiter vor der hereinbrechenden Kultur und Gesittung, dem für sie zu stark werdenden Gesetze. Aber nicht nutzlos ist ihr Wirken und Treiben gewesen. Wider ihren Willen, durch Mangel und Not gezwungen, haben sie ein Plätzchen im tiefen Wald gelichtet, Pfade durch die steg- und weglose Wildnis gebahnt, den Boden für bessere Nachfolger gebaut. Großenteils durch solche wilde, desperate Charaktere wurden die paradiesischen Hügel und Täler von Kentucky, die prachtvollen Niederungen vom Ohio, die herrlichen Fluren von Tennessee exploitiert. Sie sind weiter gezogen, viele Tausende von Meilen, ihr Wirken ist zurückgeblieben, ist Grundlage geworden des Glückes von Millionen freier, aufgeklärter und religiöser Bürger, die den Gott ihrer Väter in tausend und abermals tausend Tempeln, an Stätten preisen, wo zuvor der wilde Indianer gehaust. Wir lieben es, die Kultur unseres Landes bis zu den Gestaden des zweiten Weltmeeres vordringen zu sehen; es gefällt uns gar wohl, auf prachtvollen, schwimmenden Palästen den Riesenstrom Tausende von Meilen hinabzugleiten, und, im Vorbeigehen sei es gesagt, eine reiche Ernte von Dollars auf den äußersten Endpunkten unserer Union einzusammeln; wir müssen auch die Menschen, die uns diese Wunder verwirklichen helfen, nicht ganz wertlos, jeder Berührung unwürdig erachten; um so weniger, als es wieder recht achtbare Charaktere unter ihnen gibt. Der Mund, der die mephitischen Ausdünstungen des Mississippi- oder der Red-River-Sümpfe auffängt, der kann nicht Rosinen kauen; die Hand, die unsere Riesenbäume fällt, Sümpfe austrocknet, sie kann nicht mit glacierten Handschuhen bedeckt sein. Unser Land ist das Land der Kontraste, das Land, wo sich die Geschichte des Menschengeschlechtes, wie es vor dreitausend Jahren war und heute ist, in beiden Extremen vor unsern Augen abspiegelt; in den östlichen Staaten die höchste, in vielen Punkten bereits Europa überflügelnde Kultur, mit vielen der schlauen Laster seiner debauchierten Zivilisation; im äußersten Westen jene Anfänge, wie sie wahrscheinlich die dafür als Gottheiten verehrten Saturne und Jupiters über das schwarze Meer, und später Kekrops aus Ägypten nach Griechenland brachten. Es sind dies Abstände, die nur der beschränkte Kopf unnatürlich finden wird; der Humane, wahrhaft Gebildete erfaßt ihre Wechselwirkung beim ersten Blicke; ihm liegt ihre Notwendigkeit vor Augen, und er läßt sich die Unannehmlichkeiten, die mit der Berührung verbunden sind, um so lieber gefallen, als diese ihm wieder tiefe Blicke in die Gestaltung der Menschheit und ihres gesellschaftlichen Zustandes zu tun erlauben.

Unsere Damen sind gar nicht besondere Liebhaber dieser Art philosophischer Erfahrungen, aber es ist eine Freude zu sehen, wie sie, die doch wahrlich nicht hinter dem Zaune aufgewachsen sind, das Juste-Milieu so richtig auffassen, wie zart sie das Reinmenschliche selbst in diesen verwilderten Charakteren berücksichtigen: wie schonend, wie so frei von aller fastidiousness Fastidiousness: Stolz, Überhebung, Abscheu. sie sich in diese Umgebungen zu schicken wissen. Ein englischer Halbsold-Oberster oder Kapitän würde in Zuckungen, wenigstens auf dem Papier, verfallen; – nicht sie; sie sehen mit dem gelassenen, milden Blicke duldsamer Weiblichkeit, die wieder auf solche wilde Charaktere heilsamer einwirkt als tausend Knuten eines Despoten. Es haben unfehlbar unsere Weiber zur Gesittung des Westens mehr beigetragen als alles andere. Sie sind es, die da, wo das Gesetz aufhört, oder nicht stark genug ist, die Schiedsrichterinnen des Anstandes werden, die Thermae der Alten; vor ihnen weicht die Roheit, schmilzt die Härte. Sie sind es, die den dem Erlöschen nahen Funken des Menschlichen wieder anfachen, den Verwilderten wieder zur Gesittung zurückführen. Sie kennen ganz ihren Beruf, und wissen ihn zu verfolgen mit einem seltenen Takt; aber dafür gibt es auch wieder kein Land, wo die Frauen so sehr geehrt werden als in dem unsrigen, vielleicht zu viel geehrt werden, wenigstens in den nordöstlichen Staaten, wo sie sich so ziemlich eine Art Petticoat-government Petticoat-government: Weiberregierung. errungen haben, und Uncle Sam beinahe läppisch schwach ihnen gegenüber zu werden beginnt; – im allgemeinen jedoch verdienen sie ganz die Ehrerbietung, die ihnen gezollt wird, die uns zur Natur geworden ist, zum Bedürfnis, so gut wie die Religion. Andere Nationen sind galanter, ihre Galanterie ist ein Erbstück, das sie aus den Zeiten des Mittelalters herabgeerbt; aber die wahre Achtung fehlt ihnen, jene Achtung, die ebensowohl das Resultat wahrer Tugend und Würde, als des tiefgefühlten Bedürfnisses ist, unseren schroffen republikanischen Härten durch diese Huldigung ein sanfteres Relief zu geben.

Doch die Zeit naht heran, wo wir das Ende unserer Reise zu sehen hoffen können. Wir sind elf Stunden auf dem Wasser, und unser Dampfer ist ein berühmter Schnellsegler. Noch die große Bucht, und wir sind am Ziele.

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