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Brautfahrten

Charles Sealsfield: Brautfahrten - Kapitel 16
Quellenangabe
authorCharles Sealsfield
titleBrautfahrten
publisherGeorg Müller
yearo.J.
editorHeinrich Conrad
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180712
projectid9f98f819
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VIII.
Die Wasserjagd.

Ein Damhirsch, der, beiläufig fünfhundert Fuß von unserm Dampfer, vom rechten Ufer auf das linke überschwimmt. Die Jolle ist bereits vom Schiffe herabgelassen und fünf Männer befinden sich darin, unter denen natürlich Doughby wieder die Hauptrolle spielt.

»Da habt ihr ihn abermals!« schrie Richard verdrießlich. »In dem Menschen muß wahrlich ein böser Geist hausen.«

»Hurra! Boys! Frisch eingelegt!« schrie Doughby, eine sechs Schuh lange Rifle schwingend.

Und die vier Männer legten ihre Ruder ein, und das Boot flog dem Hirsch entgegen, der mutig seine Fahrt fortsetzte.

Wir hatten die Mündung des Black-River Black-River. Schwarzer Fluß, ergießt sich mit dem Tensaw und Whit-River, beiläufig dreißig Meilen oberhalb der Mündung des Red-River, in den Mississippi. Seine Farbe ist dunkelblau. passiert und waren im Begriffe, in eine jener malerischen Flußkrümmungen einzufahren, die kein anderer Strom in so grandiosen Verhältnissen aufweisen kann. Der dunkle Urwald des linken Ufers überhängt da den Wasserrand eine bedeutende Strecke, und das Dunkelgrün der Zypressen, mit dem Silberweiß der gigantischen Kottonbäume, spiegeln sich bronzeartig in den düster-roten Fluten des hier fünfzehnhundert Fuß breiten Wassers, während das rechte Ufer eine wunderliebliche Flur des üppigsten Palmettofeldes darbietet; hie und da ein Bohnen- oder Tulpenbaum mit lautschnatternden Parroquets. – Die Lüfte wehten kühl vom Palmettofelde herüber, der Strom floß aber ruhig und auf seinem breiten Spiegel schaukelten sich wie Porpoise gewaltige Baumstämme stärker, sowie die durch die Räder aufgefurchten Wogen sie auf ihren Rücken nahmen. Eben hatte das Dampfschiff die Spitze des dichtbewaldeten Busens erreicht, als aus der Tiefe ein zweites Boot herausbrach, das der Szene mit einem Male einen eigen romantischen Anstrich verlieh. Es war ein langes Indianer-Kanoe, ein ausgehöhlter Kotton-Baumstamm; am Schnabel stak ein Hirschgeweihe, und gedörrte Hirschziemer und Läufe lagen im Vorderteile des Bootes; im Hinterteile saß ein Mädchen, das ihre Wolldecke abgelegt und, bis auf den Gürtel entblößt, mit graziösen Ruderschlägen das Kanoe dem Hirsche entgegentrieb; vor ihr eine gereiftere Squaw Squaw: Indianerfrau., die in demselben regelmäßigen Takte mit ihrem Ruder einfiel. Zwei Kinder lagen vor dieser und weiter vor ein Mann in all der trägen Apathie eines Wilden, der von der Jagd zurückgekehrt; aber ein junger, prachtvoller Indianer stand aufrecht im Vorderteile, nachlässig auf sein Gewehr gelehnt und offenbar die Gelegenheit abwartend, dem Tiere mit einem Hieb oder Schuß beizukommen. Sowie die Indianer das Boot und das rudernde Dampfschiff erblickten, hielten sie mit dem Rudern inne und hoben sie nur, als sie mit lauten Hurras wieder ermuntert wurden, doch mit sichtlichem Bestreben, sich möglichst ferne vom Feuerschiffe zu halten. Es war ein malerischer Anblick, auf dem breiten rot-düstern Strom mit seinen bronzefarbigen Rändern die zwei Boote nun den Ring schließen zu sehen, während das rundende Dampfschiff gewissermaßen die Basis der Operationen bildete und dem Hirsche den Rückzug abschnitt. Ein Schuß, der aus Doughbys Boot gefallen war, hatte denselben auf die Seite der Indianer zu getrieben, die pfeilschnell an dem Tiere vorbeischossen, während der aufrechtstehende Wilde ihm einen Hieb versetzte, der es eine Weile auf dem Wasser herumtaumeln und dann wenden machte.

In dem Augenblick verschwand auch der stehende Wilde aus dem Kanoe.

»Da ist er wieder«, schrie Doughby, lustig auf den Hirsch deutend, der abermals auf das Boot zuschwamm.

»Frisch auf, Burschen,« schrie er, »der Indianer muß vom Kentuckier lernen, einen Hirschen mit einem Schlage zu fällen. Frisch auf, sage ich!«

Das edle Tier hatte sich vom gewaltigen Schlage erholt und schwamm näher dem Dampfschiffe, auf das es einen durchdringenden, wie flehend-wehmütigen Blick warf; so daß unsere Damen einstimmig baten:

»Mister Doughby, schonen Sie das gute Tier! Schonen Sie, schonen Sie es!«

»Einen Hirschen schonen, Ladies! Wo haben Sie das gehört? Hurra Boys!« schrie er, der sich nun dicht vor dem Hirsche befand und im schwankenden Boote das Tier zwar fehlte, aber die abgeschossene Rifle umkehrend, demselben mit dem Kolben einen Schlag versetzte, der den Kolben entzweibrach und das Tier betäubt an die Bootswand anwarf. Wie der Blitz schnappte Doughby mit der einen Hand nach dem Geweihe, mit der andern nach dem Messer, das ihm einer der Begleiter gereicht, um es dem Tiere in die Kehle zu stoßen. In diesem Augenblicke warf sich der Hirsch mit verzweifelter Anstrengung auf die andere Seite; das Boot schwankte, Doughby verlor das Gleichgewicht, der Hirsch riß mit seiner letzten Kraft zurück, und der Mann lag im Strome, kämpfend mit dem Hirsche, dessen Geweihe er mit der Hand, wie der Tiger die Beute, erfaßt hatte.

»Hallo! Mister Doughby im Red-River.«

Das ganze Schiff war in Aufruhr. Die Damen schrien, heulten, die Männer brüllten. Wir begannen wegen des Ausgangs besorgt zu werden, da solche Jagden, obwohl nichts weniger als ungewöhnlich, doch auch wieder nicht selten ein trauriges Ende nehmen. Und das stark betäubte, aber nicht getötete Tier erwehrte sich mit furchtbarer Anstrengung des gewaltigen Gegners und warf ihn in jeder Richtung hin und her. Noch hielt Doughby fest, aber seine Augen begannen wild zu stieren, seine Kräfte sichtlich abzunehmen, das rasende Tier schien es darauf anzulegen, seinem Gegner die Geweihe in den Leib zu rennen. Vergebens, daß die Vier im Boote sich abmühten, den beiden beizukommen. Wie zwei rollende Wasserschlangen trieben sich Mann und Hirsch im Wasser herum.

Vom interessanten war es auf einmal ein peinlicher Anblick geworden.

»Schießt Parker! Schießt Rolby!« schrien mehrere vom Verdecke den Männern im Boote zu.

»Schlagt sie tot, die Rothaut!« brüllte es aus diesem.

Der Hirsch hatte Doughby an einen Baumstamm angetrieben, an den er ihn mit einem letzten Stoße anzuschmettern versuchte. – Sein Leben stand in augenscheinlicher Gefahr, und ein allgemeiner Schrei des Entsetzens erhob sich vom Verdecke – als man das erschöpfte Tier auch zugleich sein Haupt senken – die Augen brechen, und die Glieder im Todeskampfe zucken sah; – aber Doughby begann gleichfalls zu sinken, und ein heller Blutstreifen, der aus dem Wasser emporschoß und sich kreisartig um die Kampfstelle herumzog, ließ befürchten, daß der Wagehals eine tödliche Wunde erhalten. Endlich gelang es den Männern im Boote, sich des Hirsches und Doughbys zu versichern, der, am Haarschopfe emporgezogen, das Geweih mit der krampfartigen Wut eines Ertrinkenden noch immer festhielt.

Ein gellendes Viktoria erschallte von einem Ende des Dampfschiffes zum andern.

Für uns war der Auftritt schmerzhaft, abspannend geworden. Doughby saß zusammengekauert im Boot und schaute stier und lautlos um sich. Erst als er die Leiter des Dampfschiffes hinaufstieg, kam er wieder zur Besinnung.

»Aber so sagt doch ums Himmels willen, Doughby, seid Ihr denn wirklich vom Satan besessen?« schrie ihm Richard entgegen.

»Hol' Euch der Henker!« schrie Doughby, »und Euer Red-River-Wasser dazu. Brr, brr – verdammtes Wasser, Euer Red-River-Wasser, sage ich Euch. Nein, lobe mir unser Mississippi-Wasser Mississippi-Wasser, obwohl schlammig, ist zum Trinken vortrefflich, es wird helle, wenn es einige Stunden steht und der Schlamm sich setzt. Ärzte rühmen seine Befruchtungseigenschaften., und soll es ertrunken sein, will ich es nicht im Red-River sein. Ist ja gerade als ob man Blausäure und Salpetersäure und Schwefelsäure und alle schlechten Säuren der Welt zwischen die Backen bekäme. Aber sagt nun, wer hat ihm den Rest gegeben?« schrie er, der jetzt mitten unter den Passagieren und Schiffsleuten stand – »dem Hirschen mein' ich; wer hat ihm den Rest gegeben?«

»Wer anders,« fragten alle, »als Ihr, Mister Doughby?«

»Ich?« meinte Doughby kopfschüttelnd. »Kam mir irgend etwas eher bei, als dem Hirsche den Rest zu geben. Hält euch auf dem Lande schwer genug. Nein, das Messer entsank mir im Augenblicke, als mich die Bestie aus dem Boote riß. Holla Jungens, da seht ihr!«

Das Tier, das nun über das Geländer gezogen wurde, hatte einen Waidmannsstich in den Weichen und an den Hinterfüßen waren ihm die Sehnen entzweigeschnitten.

»Das hat der Indianer getan.«

»Welcher Indianer?« fragten alle.

»Der Indianer, dem Rolby die Kugel vor den Kopf schießen wollt.«

»Dachte nur,« meinte Rolby, »er wollt' uns den Hirsch wegkapern, steckte einmal sein Schinkengesicht hinter dem Baumstamm herfür, dachte anfangs, es wäre ein bloßer Auswuchs, sah aber bald, daß es eine Rothaut sei, und da wollte ich ihm eins versetzen. Wäre weiter kein Schaden gewesen. Was braucht eine Rothaut sich darein zu mischen, wenn Gentlemen –?«

»Nicht schade gewesen?« fiel ihm Doughby ungeduldig ein. »Der Indianer sage ich Euch, ich sage es, versteht Ihr, Ralph Doughby sagt es, hat mehr reelles Blut in seinem kleinen Finger, als zehn solche Lebergesichter wie Ihr im ganzen Körper, Eure weiße Farbe und Bürgertum, die übrigens nicht besser sind, als sie sein sollten, in Ehren! Zehnmal mehr, sage ich Euch, und wenn Ihr es nicht glaubt, will ich es Euch beweisen. – Sag' Euch, ist eine so edle Rothaut, als es je eine gegeben. Sah, daß ich in der Klemme war und kam mir zu Hilfe, und jetzt ist er wieder in seinem Kanoe, schaut hinüber, dort steht er. Nicht schade gewesen! Hirschen wegkapern! Und wer konnte es ihm wehren, wenn er es getan hätte? Hatte freies Feld wie wir, der Hirsch ist in seinen und unsern Wäldern aufgewachsen – freies Feld und keine Gunst, ist unser Wahlspruch im alten Kentuck. Sag' Euch, der Indianer ist eine brave Rothaut, der Hirsch ist sein – wollen ihn ihm aber abkaufen. Holla, Kapitän! ein Dutzend Bouteillen Rum in das Boot hinunter! Howard, Richard, laßt mich ein halbes Dutzend Dollars, Silberdollars, versteht ihr, haben. Wollen dem Indianer auf seinem Kanoe einen Besuch abstatten und ihm danken, wie sich's gehört und gebührt.«

Und gesagt, getan. Der Kapitän, so ungern er sich zu einem längeren Halt verstand, konnte dem Ungestüm des im Grunde humanen Wildfanges nicht widerstehen, der, triefend naß wie er war, in das Boot sprang und, in jeder Hand eine Bouteille, den Wilden ein fröhliches Hurra entgegenrief. Diese sahen scheu und wie furchtsam herüber; allein die Friedenszeichen und Aufmunterungen, die ihnen von allen Seiten gegeben und zugerufen wurden, vor allem aber die Bouteillen, brachten sie bald näher. Eine Minute darauf sahen wir Doughby in ihrem Kanoe, jedem die Hand schüttelnd, und eine der Bouteillen an den Mund setzen. Es fehlte nicht viel, daß die Wilden, Männer und Weiber, den Kriegertanz im Kanoe begannen, so toll waren alle beim Anblicke der glänzenden Bescherung, und sie schüttelten und rüttelten den triefenden Doughby, daß dieser endlich ausreißen und auf seinem Boote Schutz vor ihren wilden Liebkosungen suchen mußte.

Ist doch im Grunde genommen kein übler Junge, dieser Doughby, sprudelnd heiß, das ist wahr, und immer richtig dabei, wo eine Tollheit auszuführen ist, aber das Herz sitzt ihm unter allen Umständen stets am rechten Flecke, und bei all seinem Ungestüme hat er wieder in seinem Benehmen etwas so natürlich Ungekünsteltes, so viel Leichtes, ich möchte sagen Graziöses, wenn dieses Epithet auf einen Doughby anwendbar wäre. Mistreß Houston hing mit einem wahren Mutterblicke an dem kecken Wagehals, Klaras Augen wandten sich nicht ab von ihm, Luise selbst verriet gespannten Anteil; solche Theseustaten nehmen die Wester selten übel. Nur Emilie war impassable wie immer, sie saß wie ein schönes Marmorbild im Hintergrund auf der entgegengesetzten Seite des Verdeckes.

»Warst du nicht erschreckt, teure Luise?«

Luise sah mich schalkhaft an und dann ihre Schwester Julie, die in demselben Augenblicke in Purpurröte erglühte, ein Freudenstrahl um den andern über das melancholische Gesicht hinglänzend. Das Mädchen scheint eine ganz neue Physiognomie gewinnen zu wollen.

Luise warf einen zweiten schalkhaften Blick auf Julie und sah mich dann so superklug an.

»Was gibt es, teure Luise? Du machst ja ein Gesicht, als ob du die Mistreß Houston abkonterfeien wolltest.« –

Sie warf wieder einen verstohlenen Blick auf Julie, legte den Zeigerfinger auf den Mund. Da gibt es abermals etwas all' improvista.

Wir gingen auf dem Verdeck auf und ab, Doughby erwartend und einigermaßen gespannt, wie der schöne Yankeestarrkopf das Erscheinen des tollen Kentuckiers aufnehmen würde. Er kam nach einer halben Viertelstunde frei und keck wie ein echter Kentuckier; das Bad schien aber als heilsames Soporific auf ihn gewirkt zu haben. Ein leichter Stolz saß ihm auf der Stirne, wie er ruhig, beinahe prüfend auf die Damen zutrat und sich verbeugte, sichtbar den Eindruck erforschend, den sein Erscheinen hervorbrachte. Noch war sein Blick heiter, als die Ladies Houston und Richard ihn mit Vorwürfen wegen seiner Waghalsigkeit überhäuften; als er aber auf Emilie zutrat, die, in absoluter Gleichgültigkeit ihn nicht eines Blickes würdigend, die Fluß- und Uferpartien abwechselnd durch ihr Lorgnon betrachtete, biß er sich in die Lippen, drehte sich herum, und die Zähne knirschten ihm vor Wut.

Ich stand im Hintergrunde mit den Meinigen. Er sprang auf mich zu, riß mich mit Ungestüm aus der Gruppe und raunte mir, sich kaum Zeit nehmend, meinen Damen eine Verbeugung zu machen, in die Ohren:

»Wißt Ihr, Mister Howard, was ich nun weiß?«

»Und was wißt Ihr, Doughby?«

»Daß aus Miß Emilie Warren und mir nimmermehr ein Paar wird, und wenn hundert Mistresses Houston und Richarde uns zusammenkuppelten.«

»Arbeit, Geduld und Zeit machen aus dem Maulbeerblatt das Seidenkleid.«

»Nicht zum Hochzeitsanzuge meiner Braut, wenn es diese sein soll. Nein, da bleibe ich ledig. Aus, sage ich, ist's, aus. – Nein, nach einem solchen Bade so aufgenommen zu werden! Glaube alles Ernstes, sie hätte ihren Fingerhut nicht darum gegeben, wenn mich die Fische im Red-River zum Abendessen verspeisten.«

»Ihr seid unbillig, Doughby – Miß Warren hat Euch, nach Eurem eigenen Geständnisse, das Leben gerettet. Doch erlaubt mir, Euch sofort meiner Frau aufzuführen. – Liebe Luise, Mister Doughby.«

Und der Mann weiß sich zu benehmen, und wenn er auch seine Komplimente von keinem französischen Tanzmeister gelernt hat, so besitzt er einen Takt, eine gewisse angeborne Würde, ja wirklich eine Leichtigkeit, die ich nimmermehr bei ihm gesucht hätte; aber ich sah ihn nie zuvor im Umgange mit jungen Damen, und es ist gerade da, wo sich der Gentleman zu erkennen gibt. Zeigt mir einen jungen Mann in dem Augenblicke, wo er zuerst einer jungen Dame vorgestellt wird – wohlgemerkt, sie muß ihn nicht mit Basiliskenblicken messen, diese bringen leicht aus der Fassung – und ich will Euch sagen, ob er zum Gentleman geboren ist oder alle Tage seines Lebens ein Tölpel bleiben soll. Doughby verrät Anlagen; die Antworten, die er meiner Frau gibt, zeugen, wenn nicht von Bildung, doch von sichtlichem Bestreben, einen guten Eindruck hervorzubringen; dabei flog jedoch sein Blick zeitweilig scharf und begehrlich in den Hintergrund.

Ich wandte mich in die Richtung, wo die Pfeile hinschossen, Julie stand neben ihren beiden Cousins, in ihrer Hand eine halb verblühte Rose, die sie so malerisch zerzupfte; auch ihr Blick gleitete unvermerkt herüber auf den lebenskräftigen jungen Mann, dem, was nicht zu vergessen ist, der junge de Vergennes bei seiner Toilette brüderlich geholfen hatte. Er hatte eine Krawatte und Chaussure nach dem neuesten Pariser Schnitte. Ich begann nun die superkluge Schalksmiene meiner Frau zu kapieren.

»Ums Himmels willen, lieber, teurer Howard!« raunte er mir nach der ersten Pause, die in der Unterhaltung mit meiner Frau eintrat, zu, »wer ist denn die wunderliebliche Dame?«

Dabei drückte er mir die Hand, daß sie blau und schwarz wurde.

»Erlaubt mir zugleich, Euch meiner Schwägerin, Demoiselle de Menou aufzuführen. – Teure Julie, mein Freund, Major Doughby.«

Doughby stand wie mit Blut übergossen vor der abermals in Purpurröte erglühenden Julie; seine Augen fingen an zu leuchten.

Ich war ganz erstaunt, als er ohne weitern Eingang anhob –

»Eines weiß ich, daß Demoiselle de Menou den tollen Waghals nicht verdammen wird, obgleich er befürchten muß, ihr eine peinliche Empfindung verursacht zu haben.«

»Gewiß nicht,« versetzte Julie abermals erglühend, »aber meine Bitten will ich mit denen Ihrer Freunde vereinen, daß Mister Doughby ein Leben, das so schön und wohltuend in unser Bürgerleben einzugreifen verspricht, nicht gar so gering schätzen möge.«

Und während sie so sprach, errötete sie wieder über und über; Doughby gleichfalls. Das heißt doch schnell gefangen!

In der Gruppe, die von Madame de Duras und Mistreß Houston befehligt wurde, war eine leichte Bewegung zu verspüren, die verriet, daß die einigermaßen sentimentale Stellung des neugebackenen Majors und alten Tollkopfes Aufmerksamkeit zu erregen beginne. Die Damen rückten, wie schwere Infanterie-Bataillone, näher, und die beiden phosphorischen Leutchen mußten, so schwer es ihnen zu fallen schien, abbrechen. Auch der Albinos Dundos, der Kreole, scheint die Vertraulichkeit nicht sehr nach seinem Geschmacke zu finden.

Die Unterhaltung wurde wieder allgemein. Doughby stand wie auf Kohlen, und schiffte um mich her, nicht unähnlich einer Ente, die nach den ihr zugeworfenen, versinkenden Fleischbrocken herumsegelt.

Endlich gelang es ihm, mich vom gros du corps abzuschneiden.

»Howard! Lieber, teurer, goldener, zuckersüßester Howard!« raunte er mir in die Ohren, wobei er mir den Arm wie mit Feuerzangen zusammenpreßte. »Howard! Bester holdseligster Howard! Um Gottes willen, Howard! Hören Sie nur, Howard, sage ich! –«

»Was gibt's, Major Doughby?«

»Gott v–e Ihren Major! Howard! Teurer, lieber, süßer Howard! Jetzt ist mir ein Licht aufgegangen. Was sage ich, ein Licht, ein ganzer Waldbrand, teurer Howard! – Ein Wort, ums Himmelswillen! Ein Wort, lieber, goldener Howard!«

»Aber was ist? Was gibt's mit Euch, Doughby?«

»Ah, das wäre eine Frau für mich, das wäre eine! Bei Gott! – Im ersten Augenblick schon hat sie mir gefallen. Da braucht es keine Mistreß Houston oder Richard, – mir vorzupredigen von Tugenden – und weiß der Himmel was. – Das wäre eine.«

»Doughby, Ihr faselt; ich verstehe Euch nicht.«

»Howard, ein Wort, sagt nur ein Wort! Ein einziges Wort, beim lebendigen Gott! Ein Wort, oder ich springe Euch zur Stelle in den Red-River, obwohl er alle Säuren hat. Ein Wort, oder ich reiße mir – Euch, allen den Hals ab.«

»Aber, Doughby so seid doch kein Narr; alle Leute sehen Euch, schütteln die Köpfe.«

»Kümmere mich nicht darum, um keinen kümmere ich mich, als um sie. – Ach, das ist ein Mädchen, wie ich sie mir wünschte, nicht zu dick, nicht zu dünn, keine solche Spindelgestalt. Das ist eine, um Gottes willen, Howard! ist sie? sagt an, ist sie? ist sie ledig?« platzte er heraus. »Ledig oder versprochen, Miß Le Menou? Ja oder nein!«

Der Mann sah mich an mit wild funkelnden Augen; sie hingen an meinen Lippen, zitternd vor Angst und Spannung, seine Stirne brannte, seine ganze Gestalt zuckte. Ich glaube, er war in diesem Augenblick zu allem fähig.

»Doughby! Ihr seid der außerordentlichste Mensch, der mir je in meinem Leben vorgekommen. Noch vor einer Stunde heult, kreischt er, ist in Verzweiflung, weil ihm Miß Warren einen Korb gegeben. Jetzt ist er Feuer und Flamme, weil ihm ein hübsches Gesicht in Wurf gekommen. Das ist nicht die Art des Mannes.«

»Um Gottes willen zankt, schmäht, tut alles«, rief Doughby ungeduldig. »Schmäht so viel Ihr wollt, nur das Wort: ist sie ledig oder vergeben?«

»Sie ist ledig, soviel ich weiß.«

Der Mann tat einen Rundsprung, daß das ganze Verdeck erzitterte und aller Blicke auf uns fielen, dann faßte er mich bei der Hand, drückte sie, daß mir die Gelenke krachten; eine Freudenträne stahl sich ihm in die Augen, eine zweite folgte; er rannte das Verdeck hinaus, die Stiegen hinab, umarmte wen er auf dem Wege traf.

Wieder kam er herauf; wieder riß er mich auf die Seite.

»Und ich sage Euch, sie wird mein Weib, ich ihr Mann, ihr glücklicher Mann. Will sie auf den Händen tragen. – Ihr glaubtet, ich wäre in Miß Emilie verliebt? Glaubte es schier selbst, weil Mistreß Houston es mir sagte. – Jetzt weiß ich, was Verliebtsein ist. Wußte es, als ich den ersten Blick auf sie warf. Auch sie schmerzte meine Tollkühnheit, meine Narrheit. Will es nicht mehr tun. Ein Wort von ihr macht mich zum Lamm. Nur Stolz hasse ich, verabscheue ich am Weibe; sage es Euch, sie muß mein Weib werden, und sollte ich, wie Jakob, sieben Jahre dienen.«

»Da würde Euch die Geduld wohl vergehen.«

»Glaubt das nicht; bei uns Kentuckiern fängt das Feuer auf einmal, und verlischt nicht leicht, nimmer, wenn es genährt wird. Ist just wie die heilige Flamme, von der ich in Caldwells Theater gehört, aber muß auch eine gegenseitige Flamme sein, nicht Eiszapfen. Nein hört, dieses Gesicht und jenes! Will von ihr in meinem Leben nichts mehr wissen und hören.«

»Mister Doughby!« sprach ich ernster. »Ich muß Euch ersuchen, ein Mann, und zwar ein Gentleman zu sein, und von Damen, wie Miß Warren, mit der gehörigen Ehrfurcht und ohne Bitterkeit zu sprechen, da sie diese nicht an Euch verschuldet. Mit Eurem Kentucky-Ungestüm erwerbt Ihr kein Mädchen von Erziehung. Ihr habt Miß Emilie Euer Wort gegeben, Anträge gemacht; sie hat Euch verdientermaßen zurückgewiesen. Abermals habt Ihr Eure Anträge erneuert, mit der Beistimmung ihrer und Eurer Freunde, und ich erkläre Euch frei und offen, daß weder Mister de Menou noch ich zugeben werden, daß Ihr auch nur der leisesten Hoffnung in Beziehung auf Miß Menou Raum gebt, bis nicht Euer Verhältnis zu Miß Warren ehrenvoll für sie und Euch abgetan ist.«

»Das ist es«, sprach Miß Warren, die wir in der Hitze des Gespräches übersehen hatten, und die im Hintergrunde, in den Zypressenwald starrend, saß. Sie sprach sitzend, aber mit einem Anstande, einer Zartheit, die mich in dem Augenblicke wieder mit hoher Achtung für sie erfüllten. »Das Verhältnis zwischen Mister Doughby und –« sie stockte, »ist abgetan, mit Vorwissen und der Billigung meines Vaters abgetan. Und ich erkläre hiermit feierlich, daß ich Mister Doughby aller Verbindlichkeit gegen mich enthebe.«

»Wie Sie es wünschen«, versetzte Doughby mit zitternder, beinahe erstickter Stimme, aber der ehrfurchtsvollsten Haltung.

»Ganz nach Ihrem Gefallen«, bemerkte Mistreß Houston, die, sowie sie die Stimme Emiliens vernahm, herangetreten war, verbissener Ingrimm und bitterer Hohn um ihre Züge spielend.

Richard und seine Frau waren gleichfalls nähergerückt und sahen hinüber in die Wälder und Palmettofelder. Julie, weiter zurück, erblaßte wechselweise, und ihr Busen hob sich in starken Schlägen. Luise sah aus wie ein Seekapitän, der sein Schiff glücklich in den Hafen gebracht und nun behaglich froh von seinem Hotelfenster aus die draußen im Sturm herumtaumelnden Dreimaster beobachtet; nur Emilie war heiter, ihr Wesen hatte etwas heiterstarres, süßliebliches.

»Nehmen Sie meine Erklärung, Mister Doughby, als das, was sie ist«, hob sie wieder an. »Weit entfernt, Ihr rasches Temperament zu verdammen, lasse ich gerne den edlen Funken, die bei vielen Gelegenheiten aus der Tiefe Ihres Gemütes heraufleuchten, Gerechtigkeit widerfahren, und wünsche Ihnen, was Sie verdienen, eine würdige Gattin, die Ihre Raschheit zu mildern hinlängliche Sanftmut besitzen möge.«

Unsere Yankeeinnen spielen wieder zuweilen gerne die Schulmeister, Prediger, Pedanten, was ihnen oft drollig genug ansteht. Als ich das siebzehnjährige Mädchen, sie hat gerade neun Monate darüber, dem Goliathe die Leviten in dem altklugen Tone lesen hörte, und den armen Sünder Doughby so zerknirscht vor ihr stehen sah, kam ich in starke Versuchung, beiden ins Gesicht zu lachen; aber das Mädchen hielt aus und sprach so angemessen, das Bewußtsein weiblicher Würde trat so stark an ihr hervor, daß sie wirklich imponierte. Diese Festigkeit, gegenüber einem so alten Reibeisen, wie Mistreß Houston, die selbst einen Doughby zittern macht, will etwas sagen.

Im ganzen aber kam mir der plötzliche Riß in den gewaltigen und so mühsam zusammengestoppelten Plan, der dazu beitragen sollte, Uncle Sam unter die Herrschaft der Himmel weiß von welchen Potentaten zu bringen, recht possierlich vor, und die Gesichter, die Richard und seine Klara schnitten, erinnerten mich lebhaft an die sauersüßen Profile unserer Kapitäne, denen ihre Volunteer-Kompagnien den Gehorsam in dem Augenblick aufkünden, wo die Helden gerade unter den Fenstern ihrer Inamoratas vorbeizudefilieren beginnen, es vorziehend, sich mit ein paar Gläsern Toddy oder Sling in der nächsten Taverne zu stärken. Mistreß Houston, als kommandierender General, schien Miene zu machen, die Quasi-Empörung aus einem strengeren Gesichtspunkte zu nehmen; aber mittlerweile läutete die Mittagsglocke, und der Kapitän kam, um die Damen einzuladen, sich in den Speisesaal zu begeben. Dieses rein materielle Inzident brachte selbst die alte Kommandantin sichtlich auf einen ganz neuen Ideenschwung, und die ernste Duennamiene verzog sich merkbar in die der behaglichen Erwartung.

Ist doch seltsam! wirklich seltsam, daß sich bei uns so gar keine sentimentalen Gemütsregungen – -erhebungen – -wehen, und wie sie immer heißen, nichts, was einem tragischen Stoffe ähnlich sähe, ausbilden will. Der Henker weiß, was die Ursache ist? Sind wir wirklich ein so prosaisch-alltägliches, materielles, kaltvernünftiges Volk? Beinahe scheint es, denn selbst dieses Sujet, das mit einem nur ganz geringen Zusatz von Verzweiflung und einem stärkeren von Pathos zu einem halben Dutzend französischer Melodramen recht füglich amplifiziert werden könnte, es verspricht gar nichts dergleichen, absolut nichts – denn die Verzweiflung – das Pathos fehlt – vom Theatralischen ist gar nicht die Rede. Mistreß Houston schien die erlittene Niederlage mit einem Male vergessen zu haben.

» Bless me!« bemerkte sie, »schon drei Uhr!« Die Mittagstafel war nämlich zurückgesetzt worden.

»Schon drei Uhr!« rief Mistreß Richard beinahe schmollend und mit einem wahrhaften Hungergesichte. »Tante! Wie Sie nur so sagen können! Wissen Sie, daß ich recht sehr Appetit habe?«

»Du lieber Himmel! Wie prosaisch, nach der schmerzhaften Entsagungsszene. Eine Deutsche hätte noch nach acht Tagen in einem Tränenbade gejammert, wäre sie nicht mittlerweile in Gemütswehen vergangen; eine Französin hätte zweifelsohne auf Pistolen herausgefordert, nicht wahr, Luise?«

»Warum nicht gar auf Kanonen?« lachte mein Weibchen. »Du hast doch einen schrecklichen Begriff von unsern Damen.«

»Habe Ursache, Luise, volle, gewichtige Ursache. Bin erobert, im Sturmschritte genommen worden, bei Nacht, im Schrecken und Nachtröckchen.«

»Wie! Von einem Nachtröckchen?« lachten die Damen.

»Auf Ehre, von einem Nachtröckchen.«

»Glauben Sie ihm nicht, Klara«, schmollte Luise, mir den Mund mit ihren winzigen Fingern zuhaltend.

»Er ist ein Bösewicht.«

»Das müssen Sie uns erzählen, Howard«, meinte Klara.

»Wenn wir gegessen haben. Jetzt lassen sie uns gehen. Ich bemerkte zuvor ein Dutzend Pferd- und Alligators-Gesichter, die leicht die Tafel abgeräumt haben dürften, ehe wir uns noch an ihrem Anblick geweidet.«

»Wie? Sie werden doch warten, bis die Damen kommen?«

»Zweifle, daß sie in unsern aufgeklärten Red-River-Regionen sehr häufig auf Neuyorker Manieren stoßen werden.«

Wir waren so vor der Salontüre angekommen, wo wir den schmerzerfüllten Doughby, mit de Vergennes hitzig parlierend, trafen. Er hatte das englisch-französische Taschenwörterbuch des letztern in der Hand und suchte hastig ein Wort; jetzt hatte er es glücklich gefunden und rief: » Venez Monsiheur Vergennes, le dîner est déjà.«

Der junge Franzose sah den Sprecher starr an – die Aufforderung war so neu, so peremtorisch.

» Déjà?« rief er, » Watt hour sair? Is it late?« Déjà? what hour Sir – is it late? Schon? Welche Zeit ist es – ist es spät?

» No«, schrie Doughby, ihn ungeduldig beim Arme erfassend – » but I tell you, le dîner est déjà. Don't you understand your own french?« No, but I tell you dinner is ready. Don't you understand your own french? Nein, aber ich sage Ihnen, das Diner ist bereitet. Verstehen Sie Ihr eigenes Französisch nicht?

Der Franzose schaute ihn wieder mit großen Augen an, dann uns der Reihe nach – wir ihn. Doughby wurde ärgerlich.

»So sagt doch nur dem dummen Teufel von Franzosen, daß das Mittagessen bereit ist«, schrie er mir in die Ohren.

Jetzt wußten wir, was das Déjà zu bedeuten habe. Er hatte unser Dinner is all ready glücklich in le dîner est déjà transferiert.

» Mon cher Vergennes, le dîner nous attend« – sagte ich lachend.

» My tir sair Doughby,« rief der junge Mann – » I undrestan your english bettare, dan your french My dear Mister Doughby, I understand your english better, than your french. Mein teurer Mister Doughby, ich verstehe Ihr Englisch besser als Ihr Französisch.

»Die bleiben einander nichts schuldig. Das heißt doch wirklich die beiden Sprachen radgebrochen«, lachte Mistreß Houston, die an der Schwelle des geöffneten Salon stand, und einen Blick hineinwarf, der eben nicht freudige Überraschung ausdrückte.

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