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Brautfahrten

Charles Sealsfield: Brautfahrten - Kapitel 15
Quellenangabe
authorCharles Sealsfield
titleBrautfahrten
publisherGeorg Müller
yearo.J.
editorHeinrich Conrad
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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VII.
Der Sprung.

»Ihr wißt, daß Mister Warren oberhalb Dayton Dayton. Der Hauptort von Montgomery County., in der Nähe von Yellow Springs Yellow Springs. Mineralische, eisenhaltige Quellen zwanzig Meilen von Dayton, werden stark besucht., einige tausend Acker Landes eignet. Dahin ging nun unsere Reise. Ich traf die Anstalten dazu, sowie wir in Cincinnati angekommen waren, und wir fuhren am folgenden Morgen hinauf; Mister Warren und Miß Emilie in einer Chaise, und ich und Mister Blair von Louisville zu Pferde. Die Bewegung, die frische Luft brachte uns wieder ein wenig ins Geleise. Wir reisten schnell und langten am Abend in Dayton an, gar kein übles Städtchen, sage ich, recht hübsch. Mister Warren und Miß Emilie stiegen bei Lawyer T. ab, ich aber und Mister Blair im Dayton-Hotel.

»Den folgenden Morgen ging es hinauf an den Miami, die Ländereien zu besehen. Will nicht viel bedeuten, das Ganze; Weißeichen- und Buchenland, das besser sein könnte, für Ohio aber gut genug ist; aber bei Germantown sah ich Euch später einen Bottom, der sich gewaschen hat, Zuckerbottom, sage ich euch, wenn das Klima darnach wäre; ein Kapitalbottom; aber deutsch wie Sauerkraut; alles Deutsche, die da wohnen. Nachdem wir die tausend Acker und die fünf Lehmhäuser, die auf diesen Ackern stehen, uns vorne und hinten besehen hatten, fuhren wir den folgenden Tag nach Yellow Springs, wo wir Wasser tranken und badeten. Hatte uns allen sehr gut angeschlagen, das Bad; sah euch doch so prächtig aus die Miß; war auch in der besten Laune, kam aber wieder ein hinkender Teufel nach. Der alte Warren hatte nämlich seinen Agenten Lawyer T. mitgenommen, dieser wieder seinen Sohn; und dieser schien große Lust zu haben, Emilie mitzunehmen. War euch der Bursche doch so glatt und geschmeidig, und schniegelte und schwänzelte und tänzelte so zierlich um die Miß herum; mochte schier aus der Haut fahren. Ein einundzwanzigjähriger Bursche, so ein Landshark Landshark. Landhaifisch werden spottweise die Advokaten genannt, im Gegensätze der Haifische, die von den Matrosen Sea Lawyers, Seeadvokaten geheißen werden., eine Yankeebrut, die Lust auf die tausend Acker hatte – um die ich keinen Strohhalm gegeben hätte; habe Land genug, brauche keines in dem halb yankeeischen, halb deutschen Ohio. Wurde wieder fuchsteufelswild, und in meiner Wildheit trank ich euch über Tisch nicht zuviel, aber doch so ziemlich viel. Nachmittags wollten wir hinauf auf die Miami Cliffs Miami Cliffs. Miami-Felsen. Diese Klüfte, in welche der nicht unbedeutende Fluß einströmt, befinden sich vier Meilen von Yellow Springs, der Fuß läuft eine bedeutende Strecke in die Felsen eingezwängt, in einer Tiefe von achtzig Fuß., die vier Meilen vom Bade sind, und die ich Zeit meines Lebens nicht vergessen werde. War just drei Uhr nachmittags, als wir oben ankamen. Sind euch seltsam zu schauen – ein gewaltiger Felsensattel, überall nackte Felsen und nichts als Felsen, spärlich mit verkrüppelten Eichen und Zedern überwachsen; vom Flusse, den ihr oberhalb und unterhalb sein Gewässer fortschlängeln seht, findet ihr auch keine Spur. Lauft euch in diesem Felsensattel oder Rücken, wie ihr ihn nennen wollt, und ist euch wie mit Zangen zusammengeklemmt, hat ihn wie verschlungen, der Felsensattel, daß es heult und kreischt drunten wie ein paar tausend Ohreulen. Seht nichts vom ganzen Flusse, ausgenommen, wenn die Sonne hoch steht, dann erschaut ihr einen Streifen wie Silber, und heult euch, der Fluß drunten in den Felsen, gerade wie ein paar hundert alte Negerinnen, wenn ihr sie auf die Schienbeine schlagt. Läuft wohl achtzig Fuß unten in den Klüften und ist über achtzig Fuß tief; hat aber prächtige Forellen. Wie ich so hinabsah in die Kluft, heulte es doch so rasend herauf, daß ich laut auflachte – kam mir gerade vor, als ob ein Schock Teufel da ihr Wesen treiben. Mister Blair stand neben mir, und die übrigen kamen in einiger Entfernung heran, ihre geologischen und, was weiß ich, für Bemerkungen machend, wie nämlich der Felsen durch eine Naturrevolution gesprengt worden und so weiter, wobei euch der junge Gelbschnabel so gelehrt tat, als ob er die Stadtbibliothek in unserem Gouvernementshause in seinem kleinen Finger hätte. Pah! und zweifle, ob er ein Weizen- von einem Gerstenkorn zu unterscheiden weiß. War euch, wie gesagt, fuchsteufelswild. Auf einmal sagt Blair: Mister Doughby, wißt Ihr auch, daß vor einigen Jahren einer der unsrigen über diese Kluft hinübergesprungen, aber mit genauer Not mit dem Leben davongekommen sein soll? Scheint zwar nur vier bis fünf Fuß, dieser Schlund – ist aber breiter.‹

›Ein Kentuckier hinübergesprungen?‹ sag' ich; und in dem Augenblick war es mir doch, als ob ein Dutzend böse Geister mir aus dem Abgrund herauf hohnlachten. ›Ein Kentuckier soll hinübergesprungen sein?‹ sag' ich. ›In der nächsten Minute mögt Ihr sagen, ein Kentuckier ist hinübergesprungen, und zwar mit heiler Haut‹, sag' ich.

›Das laßt Ihr bleiben, Mister Doughby‹, sagt er.

›Was gilt die Wette, daß ich's tue?‹ ich –

›Was gilt's, daß nicht?‹ er. –

›Fünfhundert‹, sag' ich.

›Bin kein Mississippipflanzer‹, er; – ›aber hundert.‹

›Topp, hundert,‹ sag' ich. ›Da ist eine Hundert-Dollarsnote.‹ Zog die Note aus meinem Notenbuche, warf sie auf den Boden, er die seinige gleichfalls, einen Stein darauf, meinen Rock von mir, maß mir die Distanz, nehme den Anlauf und war darauf und daran, hinüber über den Abgrund auf die Felsenbank zu setzen. Auf einmal hangen die Warrens an mir, Vater, Tochter, der Lawyer von Dayton, sein v–ter Sohn, alle hingen sie wie Kletten an mir.

›Mister Doughby,‹ schreit der alte Gentleman, ›Mister Doughby, ums Himmels willen, sind Sie denn wirklich vom bösen Geiste besessen? Was fällt Ihnen nur um Gottes willen wieder ein?‹

»Miß Emilie stand, ohne ein Wort zu sagen; aber ihr Busen hob sich; sie zitterte wie Espenlaub. ›Was wollen Sie tun, Mister Doughby?‹ fragte sie endlich im strengen Tone.

›Was ich tun will?‹ fragte ich, ›hinüberspringen will ich, wie ein echter Kentuckier, und das ist alles.‹

›Wissen Sie, daß der Schlund mehr als sieben Fuß breit ist?‹ schreit der alte Lawyer.

›Und wäre er zwanzig, schrei ich. Kein Kentuckier fürchtet die Breite; freies Feld und keine Gunst.‹

›Mister Doughby,‹ schreit Mister Warren, ›Mister Doughby, ich bitte Sie!‹

»Ich machte mich los. – Sie stürmen neuerdings auf mich ein. ›Mister Doughby,‹ ruft Emilie, die immer hitziger und hitziger wurde – ›Mister Doughby, Sie dürfen nicht – wenn Sie nur die geringste Liebe, die geringste Achtung vor mir haben. Sie dürfen nicht!‹ – ›Was darf ich nicht?‹ schrei' ich, ›was nicht? Sind in einem freien Lande.‹ – ›Mister Doughby!‹ bittet, schreit, kreischt Emilie, ›auf meinen Knien beschwöre ich Sie, um Christi willen beschwöre ich Sie, mir dieses nicht zu tun, mich nicht zu zwingen, das Entsetzliche zu schauen. Erbarmen Sie sich meiner.‹ –

»Alle hatten sich an mich gehangen.

›Ich nehme meine Wette zurück‹, schreit Blair. ›Ein Schelm, der seine Wette zurücknimmt‹, schrei' ich. ›Um Gottes Christi willen! Mister Doughby, töten Sie mich, nur zwingen Sie mich nicht, zu sehen diesen rasenden, entsetzlichen, kindischen, unnötigen –‹

›Was, unnützen, kindischen Sprung?‹ sag' ich. – ›Meine verpfändete Ehre, ist die nichts? Kentuckyehre nichts?‹

»Und alle fünf hingen an mir. Miß Emilie bat, beschwor. Mister Warren schreit, der Lawyer kreischte, der Sohn hielt mich beim Arme; das machte mich am meisten rasend. Blair schrie abermals, er wolle nicht wetten; das versetzte mich in Wut. Ich warf sie alle von mir, daß sie zu Boden taumelten – rannte ein halbes Dutzend Schritte wie unsinnig zurück, sprang wie vom Bösen getrieben vor, und – beim Allmächtigen! da hing ich zwischen Himmel und dem Abgrund.

»Hört, bin in so mancher Klemme gesteckt, wo mein Leben an einem Faden hing, aber die zwei Minuten, die ich über diesem Miamiabgrund hing, die werde ich alle Tage meines Lebens nicht vergessen. Ich war auf der jenseitigen Klippe mit dem rechten Fuße ausgeglitscht, und fiel euch wie ein Kottonballen an der schroffen Felsenwand herab, kaum daß ich so viel Besinnung und Kraft behielt, mit der linken Hand die Klippe zu fassen, so daß ich der ganzen Länge nach an der Felsenmauer hing, nur mit einer Hand am Leben, am Felsen haftend. – Ich hörte noch das Angstrufen, das Geheul der Männer, das Geschrei Emiliens, und dann begannen mir die Sinne zu schwinden. Instinktartig krallte ich mich mit den Nägeln an den Felsen an, daß das Blut herabrann, wollte die Rechte heben, um mich fester zu halten, der Leib wurde mir mit jeder Sekunde schwerer; aber wenn ihr mir alle die Staatsländereien Louisianas gegeben hättet, ich vermochte es nicht, sie zu heben. Hinter mir das ohrenzerreißende Hilferufen der Männer, unter mir die tosenden Gewässer; es begann mir grün und blau vor den Augen zu werden; – in den Ohren fing es mir an zu sausen, unheimliche Gestalten traten mir vor die Augen, die ganze Erde fing an, sich um mich herumzudrehen, die Sonne, der Mond, die Sterne tanzten an mir vorüber, die Eingeweide der Erde glotzten mich an, mit allen ihren vielbeinigen Ungeheuern. Ich fühlte, daß Hilfe unmöglich, alles mit mir aus sei; – ein zehn Schuh langes Brett war Fünfzigtausend wert; aber kein Haus, keine Hütte auf Meilen herum, kein Mensch – als meine Gefährten, und die hatten den Kopf alle verloren – nur Emilie Warren nicht. – Auf einmal hörte ich ihre Stimme, so schrill, so gellend, so unnatürlich; sie schnitt mir durch die Eingeweide und weckte mich. ›Christus sei gelobt!‹ schrie sie; ›fassen Sie das Ende des Schals, die beiden Enden! Um Gottes Christi willen! Fassen Sie die beiden Enden!‹ – Ich sah nichts, ich hörte nichts weiter, denn in dem Augenblick versagte mir die linke Hand; mein Körper glitt am Felsen hinab, ich war daran, sechzig oder achtzig Fuß in den tobenden Schlund hinabzustürzen; in der Verzweiflung faßte ich mit der Rechten etwas, das neben mir herabgefallen war in dem Augenblicke, wo die Linke ab- und ich herabfiel. Es war ein Tuch, ein Schal, den ich erfaßt. Jetzt hing mein Leben an einem Schal. Ich hielt wie mit Tigerklauen am Schal, dann fasse ich ihn mit der Linken; ich probiere instinktartig, ob er halten wird; er hält. Ich setze die beiden Knie an die Felsenwand und hebe mich. Er hält noch immer. Ich hebe mich höher. Ich rutsche mich weiter hinauf. Mein rechter Ellenbogen hat bereits die Felsenplatte erreicht – ich sehe wirr und stier herum, nicht sechs Zoll von mir steht eine verkrüppelte Eiche, die kaum drei Zoll im Durchmesser hält, um diese ist der Schal geschlungen. Ich bringe meinen linken Arm auf die Felsenplatte, fasse die Eiche, sie biegt sich, krümmt sich – ich schnappe mit der Rechten darnach, sie krümmt sich stärker, aber ich schwinge, zerre, rutsche, schiebe mich mit auf den Felsen, mein rechtes Knie hat ihn erreicht – ein letzter Ruck, und mein linkes gleichfalls – ich sinke wie ein zu Tod gehetzter Büffel auf den Boden hin und kann, so wahr ich lebe, nicht aufstehen. Wie lange ich so gelegen bin, weiß ich nicht – muß eine gute Viertelstunde gedauert haben.

»Ich war zerrissen, zerschunden an Händen und Füßen, Ellenbogen, Knien. Meine Kleider hingen in Fetzen von mir; unter mir war eine Blutlache. Das erste aber, was ich tat, wie ich aufstand, war, zu schauen, wie ich gerettet worden.

»Es war Emilie, die mich gerettet hatte. Die Männer hatten alle die Köpfe rein verloren, nur sie nicht. Ah, sie ist ein prächtiges Mädchen! Riß euch, sowie sie sah, daß ich wie ein vom Brett Geschnellter in die Ewigkeit hinabzuplumpsen im Begriff stand, den Männern kurzweg ihre Sacktücher aus den Taschen, knüpfte sie wie der Blitz zusammen, dann an ihren Kaschmir, den sie der kühlen Abendluft wegen zum Glücke bei sich hatte, einen Stein an das Endzipfel und schleudert den Kaschmir über den gähnenden Felsenschlund und glücklich um die verkrüppelte Eiche herum, läßt schnell das andere Ende mit einem zweiten Stein daran folgen und bringt sie beide gerade an mir herab. Es war derselbe Kaschmir, den ich ihr zum Geschenk dargebracht hatte; hängt jetzt zum Andenken über meiner Schlafstelle. Als ich hinübersah, waren die Gentlemen mit ihr beschäftigt, die auf einen Felsen hingesunken, mehr tot als lebendig war. Ihr waren, nachdem sie mich gerettet gesehen, die Sinne geschwunden, und sie lag in einer tiefen Ohnmacht. – Keiner sprach ein Wort. Nur der alte Lawyer T. wisperte mir mit kaum hörbarer Stimme herüber, daß ich eine Meile weiter den Fluß hinabgehen sollte, wo ich unter dem Felsenrücken ein Haus und Gelegenheit, mich übersetzen zu lassen finden würde; dann winkte er mir zu gehen. Ich tat es ungerne, ich hatte Schmerzen, aber alle waren sie im Anblicke Miß Warrens vergessen. Scham und Reue peinigten mich so entsetzlich, daß ich kaum wußte, ob ich für die Erhaltung meines Lebens danken sollte. Ich ging endlich, gepeinigt an Leib und Seele, fand das Haus, die Leute setzten mich über den Fluß, und jenseits traf ich den alten Lawyer und Mister Blair, die mit der Chaise am Ufer hielten. Wir fuhren langsam nach Yellow Springs zurück, wo ich aber nichts mehr von Emilie sah. Ich mußte zu Bette, nachdem mir zuvor Umschläge von Weingeist umgelegt worden, die heillos brannten. Konnte die ganze Nacht kein Auge zutun, schrie und trieb es und phantasierte euch, daß die Wirtsleute beinahe in Verzweiflung gerieten. Ließ mich nicht ruhen; fuhr am folgenden Tage nach Dayton, fand keinen Mister Warren mehr, keine Miß, aber ein Schreiben, das mir der Wirt einhändigte. Da habt ihr es.« –

Doughby zog es aus seinem Notenbuche und legte es uns vor.

Wir überflogen es. Es war in der Handschrift Mister Warrens und in einem Tone abgefaßt, der mild und schonend, aber auch entschieden und fest war; etwas hatte er auch vom steifen Yankeetone an sich. Der alte Gentleman gab sich die Ehre, Mister Doughby zu eröffnen, und zwar auf Ansuchen und im Einklang mit seiner Tochter, wie diese zwar bereits von Anbeginne des seinerseits eingeleiteten Verhältnisses Zweifel gefaßt habe, ob wohl bei den beiderseitig so verschiedenartigen oder vielmehr gänzlich entgegengesetzten Gemütsstimmungen jene Harmonie der Denkungsweise erreichbar sein würde, die zur Gestaltung eines glücklichen Eheverhältnisses notwendige Bedingung ist, daß – sie jedoch, in der Hoffnung, die einigermaßen schroffen Seiten eines sonst so achtungswerten jungen Mannes zu mildern, sich seine Bewerbung um so lieber gefallen lassen, als diese mit Wünschen ihr teurer Herzen übereinstimmten. Diese Hoffnung jedoch sei jetzt gänzlich verschwunden, und fest überzeugt wie sie wäre, daß sie nie und nimmer jenen Einfluß über Mister Doughby gewinnen könne, den doch eine achtbare Gehilfin und Begleiterin des Mannes auf dem Lebenswege notwendig besitzen müsse, gebe sie Mister Doughby sein gegebenes Wort zurück; ersuche ihn, seinen Bewerbungen um sie ein Ende zu machen, ihre besten Wünsche für sein Wohl anzunehmen, aber zugleich versichert zu sein, daß nach den vielfachen Beweisen von Nichtachtung ihrer Weiblichkeit und der grausamen Verletzung ihres Gefühls von einem nähern Verhältnisse auch nicht im mindesten mehr die Rede sein könne; – eine Überzeugung, welche auch Er, Mister Warren, vollkommen teile, gleichermaßen Mister Doughby ersuchend, das bisher zwischen Miß Warren und ihm stattgefundene Verhältnis als aufgelöst zu betrachten.

»Ei,« sprach Doughby, »das ist der düsterste Tag meines Lebens, den ich mir nimmermehr verzeihen kann. Ich war ein Türk, ein Heide, ein Algerier, ein Tuneser, ein Tripolitaner, ein wahrer Alligator. Sage euch, es schmerzt mich – tut mir leid von ganzem Herzen. Gäbe zehntausend Dollars, könnte ich es ungeschehen machen. Sieht aber nicht darnach aus. Hat ihren Yankee-Starrsinn, und der vergibt nie. Ist nicht wie unsereiner, der aufsprüht wie kochendes Wasser und verbrüht, aber wenn Salz aufgelegt wird, wieder kühle wird. Ist euch ein langsames Hickory-Kohlenfeuer. Kann nicht helfen – kann mir den Hals nicht abreißen. Soll sagen, was ich tun soll; will es tun, und sollte ich darüber zu Grunde gehen; aber dann soll sie mir verzeihen.«

»Sie verzeiht Euch ja – sie schreibt es, oder vielmehr ihr Vater.«

»Wohl, so soll sie einschlagen und sagen: da ist meine Hand.«

»Ich glaube, auch in diesem Punkt spricht sie klar. Sie will Euch nicht, und ich kann ihr nicht unrecht geben, nach den grausamen Mißhandlungen, die ihre Weiblichkeit von Euch erfahren, ihre tiefsten, zärtlichsten Gefühle so schonungslos verletzt, und die Wahrheit zu gestehen, Doughby! Ich zweifle, daß irgendeine unserer jungen Damen nach so halsbrechenden Beweisen, nicht von Mut und Kraft, sondern Stiersinn, Euren Umgang und eine nähere Verbindung mit Euch besonders wünschenswert finden dürfte.«

»Meiner Seele! Howard, ich glaube, Ihr habt recht. Bin Euch aber ein Kentuckier, in dem es lebt, glüht, siedet, brennt. Glaubt mir, zuweilen sprudelt mein Blut gerade auf, und saust Euch durch die Adern, es läuft nicht. Bin aber nicht der einzige. Kommt nach dem alten Kentuck, werdet Tausende so finden. Howard! Seid nicht böse; aber werdet sehen, bekomme ich ein Weib, werde ich ein ganz anderer Mann. – Verschafft mir ein Weib, das ist die Sache. Nur ein Weib, sag' ich Euch; bekomme ich kein Weib, so bin ich des Teufels. Die wird alles zurechtsetzen. – Ein Weib, Richard, Howard!« schrie Doughby. »Ei, ein Weib!« wiederholte er mit leiserer Stimme.

Und abermals warf er die Füße auf den Tisch, starrte die Decke des Salons hinauf, verschränkte die Arme – und blieb in dieser Stellung ein paar Minuten. – Plötzlich riß er die Füße wieder von der Tafel, warf den Blick im Saale herum, sah zum Salonfenster hinaus.

»Holla! Das sind also eure Red-River-Bottoms! Wollen einmal schauen! – Wollen hinauf aufs Verdeck! – Steward, räumt weg, hört Ihr, Steward? – Bleibt noch hier, Steward! Aber Ihr, Mounshur Tonson, kommt mit! Kommt, lieber, kleiner Franzose! Nous parlons hansamble the french

Und so sagend, hob er das lets go to old Kentuck Lets go to old Kentuck etc.. Laßt uns nach dem alten Kentucky usf., ein westliches Lied. an, nahm den Arm des jungen de Vergennes in den seinigen und zerrte ihn durch die Flügeltüren fort auf das Oberdeck.

»Der reißt sich eines Mädchens wegen den Hals auch schwerlich ab«, hob ich nach einer Weile an.

»Aber wie kommt es, daß Miß Warren wieder mit Eurer Tante herabgekommen?«

Ich hätte mir die Frage ersparen können, aber sie war heraus. Richard pausierte einen Augenblick verlegen, endlich erwiderte er:

»Tante Houston wollte das Paar bei der Hochzeit überraschen, und fuhr acht Tage nach der Helen McGregor nach dem Norden ab. Als sie Warrens und Doughby nicht in Saratoga Die berühmten Mineralquellen im Staate Neuyork, die bekanntlich von der fashionablen Welt mit Vorliebe besucht werden. fand, ging sie nach Boston und nahm Emilie wieder mit herab.«

»Und was will sie? Was wollt ihr eigentlich?«

Richard pausierte abermals, endlich sprach er im hingeworfenen Tone, der aber allmählich bestimmter wurde:

»Doughby ist dir kein so übler Mann, und keineswegs so roh, als er erscheint.«

»Aber doch auf alle Fälle zu roh für ein gebildetes Mädchen wie Emilie, die im ersten Jahre das Opfer seiner Gefühllosigkeit wurde. Aufrichtig gesagt, wundert es mich, wie Tante Houston, die doch sonst eine scharfsichtige Frau ist, eine solche Verbindung so hartnäckig betreiben und noch mehr, wie selbst du dich zu derlei Kuppeleien herbeilassen kannst. Ihr legt ja dem Mädchen eine wahre Tollhäuslerzwangsjacke an.«

»Wenn die Tante in diesem Punkte etwas hartnäckig erscheint, so hat sie einige Ursache, die allerdings gewichtig ist. Fürs erste ist Doughby zwar rauh, aber nicht roh; feurig, glühend, aber nicht unempfindlich; im Gegenteil gefühlvoll, wie es die Kentuckier in der Regel sind, wenn sie auf dem rechten Flecke getroffen werden. Laß ihn Emilie ein paar Monate zum Weibe haben, und sie wird ihn zu kirren wissen. Er ist auf alle Fälle ein tüchtiger, achtungswerter junger Mann. Es will etwas sagen, in acht Jahren es so weit gebracht zu haben, als er es getan. Zudem ist er bei weitem nicht der Tropf oder Bär, der er scheint; zwar übersprudelnd heiß, wie die Kentuckier größtenteils, aber voll gesundem Menschenverstande und richtigem Urteile; in seinem Hauswesen so geregelt, wie du es nicht häufig bei einem Junggesellen wieder finden wirst. Laß ihn eine brave Hausfrau bekommen, und er wird dir einer unserer ersten Männer werden. Zudem ist er nüchtern und mäßig.«

»Nüchtern und mäßig? Du findest doch seltsame Tugenden an dem Manne!«

»Nüchtern im westlichen und südwestlichen Sinne des Wortes«, fuhr Richard fort. »Du hast ihn gewiß noch nie betrunken gesehen, obwohl er tüchtige Quanta zu sich nehmen kann. Seine Schwarzen, obgleich sie manchen Puff von ihm erhalten, gehen für ihn in das Feuer; er hält sie besser als die meisten seiner Nachbarn und hat die solidesten Negerfamilien in der Umgegend. Auch nicht der leiseste Verdacht eines Umgangs mit Schwarzen, Quateroons oder weißen Schönheiten haftet auf ihm; dazu ist er viel zu beweglich und selbst stolz. Seine Tollheit ist in der Tat und Wahrheit nichts als die übersprudelnde Lebensfülle eines unverdorbenen halben Naturmenschen, eines Kentuckiers; – und dazu ist er dir gerade der Mann, der bei der heutigen politischen Stimmung des Volkes eine Rolle zu spielen berufen ist, die weder du noch ich je spielen werden; kurz, ein ganzer Gentleman der neuen demokratischen Schule, wie sie Jefferson gestiftet.«

»Wofür, die Wahrheit zu gestehen, wir ihm wenig Dank schuldig sind«, bemerkte ich kopfschüttelnd. »Handelte aber dem Zeitgeiste gemäß, der damals vorherrschend wurde. – Würde selbst ein Washington haben nachgeben müssen, der vielleicht noch gerade zur rechten Zeit starb, um seine glänzenden Tugenden und Verdienste nicht mit Undank belohnt zu sehen.«

»Du bemerkst richtig,« sprach Richard, »der Zeitgeist war damals frisch demokratisch, ist es noch; aber er beginnt sich abzunutzen, und wir Federals haben mehr als je Hoffnung, wieder zur Gewalt zu gelangen; aber wir dürfen die Hände nicht in den Schoß legen, sonst entwischt uns der rechte Augenblick. Bleibt der politische Einfluß nur zehn Jahre noch in den Händen des eigentlichen Volkes, so ist es mit dem unsrigen auf immer vorüber. Neue Familien kommen in den Besitz der Gewalt und verdrängen uns gänzlich. Ohnedies sind wir wie mit einem Stempel gezeichnet, so daß es äußerst schwer für einen aus unserer Partei hält, nur einigermaßen Einfluß zu gewinnen. Versuche es einmal.«

»Pah! Mit eurem politischen Einfluß!«

»Du hast unrecht, und so die meisten der unsrigen. Das Volk, die Nation kann uns entbehren, wir sie nicht. – Es ist die größte Torheit, die Aristokraten begehen können, zu glauben, sie könnten mit Erfolg dem Volke trotzen. Unsere Väter, die Federals, entwarfen die Konstitution; aber sieh einmal zu, wie es mit ihr aussieht. Gleicht fürwahr einem durchlöcherten Framehouse Framehouse: Ein aus Brettern nur vom Zimmermann errichtetes Holzhaus, das oft eher die Bezeichnung Bude verdient., durch das ein jeder nach Belieben einsteigt, ohne auf Türen oder Fenster Rücksicht zu nehmen, und warum? Weil Demokraten die Bewahrung dieses Staatsgebäudes übertragen ist. – Je länger das dauert, desto schlimmer muß es werden.«

»Wer wird sich aber auch befassen, mit Plebejern, Krämern, Schustern, Schneidern Whisky zu trinken oder in den Branntweinläden herumzuliegen?«

»Eben das ist unser Fehler. Weil wir zu vornehm sind, uns mit dem Volke abzugeben, kehrt uns dieses seinerseits den Rücken, sobald es darauf ankommt, Stellen zu besetzen, die Vertrauen erheischen. Wir verlieren Grund, und unsere alten Familien, die das Land angesiedelt, die Unabhängigkeit erkämpft, müssen den Söhnen eingewanderter irischer Trunkenbolde, schottischer Bettler und französischer Haarkräusler weichen, weil diese weniger delikat sind.«

»Lasse sie, wenn das Volk sie kennen lernt, wird es sie schon jagen.«

»Das bezweifle ich; das Volk sieht uns mit Mißtrauen an. Dankbarkeit ist ihm fremd; zudem sind eben diese Menschen aus dem Volke, und dieses ist nur zu geneigt, die Dienste unserer Vorfahren in der materiellen Gegenwart zu vergessen. Mittlerweile wird die Stimmung immer demokratischer, ich möchte sagen mobokratischer; die Zentralregierung verliert immer mehr von ihrem Ansehen; – unsere Repräsentantenhäuser, selbst des Kongresses, wimmeln von Menschen ohne Bildung, ohne bürgerliche Stellung, die durch die niedrigsten Schmeicheleien, durch eben solche Wege, wie Branntweinzechen und Stumpfreden halten, eingekrochen; unsere Magistraturen werden immer mehr bloße Dienststellen – Lohnbedientenstellen.« –

»Die Nation wird doch gut regiert, und befand sich nie in einem glücklicheren Zustande als jetzt. Ich halte überhaupt nichts von Regierungssystemen, die für die Zukunft berechnet, aber für die Gegenwart untauglich sind. Laß das Volk nur tun – vox populi vox Dei. Ihr habt noch immer jene englischen Nationen im Kopfe.«

»Die aber doch nicht so ganz verwerflich sind. – Sieh die Aristokratie Englands an, – wie glänzend sie dasteht, – auf welchem Punkte nie gesehener Größe das Land! Und warum? Weil diese Aristokratie achtzig Jahre im Besitze der Gewalt gewesen, das Recht hatte, Gesetze zu geben, Schranken zu errichten, zu ihrem Besten, die das Volk nicht überspringen darf. Wir müssen uns ja schämen, wenn ein Brite von gutem Hause zu uns kommt und das Pêle-mêle sieht. Nein, das darf nicht sein; wir müssen alle Mittel versuchen, und wenn wir selbst nicht zum Besitze der Gewalt gelangen, wenigstens Freunde haben, die in unserem Sinne und Interesse handeln.«

»Aber was soll alles dies, und wie kommst du zu dieser politischen Ausschweifung?«

»Sehr natürlich, weil eben Doughby der Mann ist, der diese unsere Interessen mit zu befördern ganz geeignet ist.«

»Doughby?« sprach ich verwundert.

»Sollte mich gar nicht wundern, wenn er nächstes Jahr im Kongresse und zwei darauf im Senate zu Washington säße Bekanntlich ist das durch die Konstitution festgesetzte Alter für Mitglieder des Hauses der Repräsentanten fünfundzwanzig, für die des Senats dreißig Jahre.. Letzte Woche hatte unser Regiment seine Stabsoffizierwahlen. Unter den Kandidaten zur zweiten Majorscharge befand sich Kapitän Wielding, von Nord-Karolina, den du als Gentleman im schönsten Sinne des Wortes kennst. Auch ein sehr bedeutendes Vermögen. Gab sich außerordentliche Mühe, sich populär zu machen, und glaubte, es könnte ihm gar nicht fehlen. Die Wahl war auf dem Punkte, vor sich zu gehen, als Doughby in Woodville ankommt. Ihn sehen und alle schreien zu hören, da ist Doughby – das soll der zweite Major sein! war eines. – ›Doughby, Ihr müßt unser Major sein‹, schrie es von allen Seiten. ›Topp,‹ schrie Doughby mit, ›topp, Burschen, will euer Major sein; wollen aber zuvor eines trinken.‹ Und alle zogen sie dem Gasthofe zu, wo sie eines tranken, und dann ging es zum Zigarrenkasten, warfen ihre Wahlzettel hinein, und das Resultat? – Der arme Wielding hatte kaum zehn Stimmen. Doughby war gewählt, und würde gewählt worden sein, hätte es sich um den Governors-Posten von Louisiana gehandelt; und warum? Er trinkt, poltert, lärmt, rauft, raucht, kaut und unterhält sich mit Pflanzern, Jägern, Squatters, Krämern, weiß sich bei allen beliebt zu machen und doch wieder allen einen gewissen Respekt einzuflößen.«

»Und was weiter? Ich sehe noch immer nicht –«

»Nur so viel, daß, wenn er einer der unsrigen wird, unsere Partei viel gewinnt. Sein Einfluß, besonders unter den Mittelklassen der Pflanzer, vorzüglich der Upland-Pflanzer Upland. Das Hochland, das sich oberhalb Natchez, dem östlichen Ufer entlang, bis Bayou Sarah hinabzieht, bekannt wegen seiner Kottonpflanzungen., ist sehr bedeutend. Auf eine Stimme für die kommende Präsidentenwahl dürfen wir im Staate rechnen. Die zweite schwankt; haben wir ihn, so ist sie uns beinahe gewiß.«

»Gib alle Hoffnung in dieser Hinsicht auf. Der alte Hickory hat gewonnen Spiel; Pennsylvanien – obwohl Philadelphia für Adams stimmt, ist ganz für ihn, Neuyork zur Hälfte oder zwei Dritteilen; die Aristokratie ist in beiden Staaten aufs Haupt geschlagen. Virginien, die beiden Karolinas, Georgien, sind für ihn Zu der Präsidentenwahl von 1829 waren John Quincy Adams und Henry Clay, wie bekannt, abermals Kandidaten, beide jedoch erhielten, zusammengenommen, kaum ein Drittel der Stimmen des Volkes, das den General Jackson durch eine bedeutende Majorität erkor.; weder John Quincy noch Harry haben die mindeste Hoffnung. Zudem ist Doughby ganz Hickory-Mann.«

»Laß du dafür Emilie und die Weiber sorgen. Emilie ist ein vernünftiges Mädchen, die, wenn die ersten Bitterkeiten getäuschter Erwartungen verschmerzt sein werden, sich sagen lassen wird, denn sie ist für zeitliche Vorteile nicht unempfindlich und Doughby wirklich ein hübscher Bursche; hat sie ihn, wird sie ihn schon zu zügeln wissen. Selbst Löwen werden ja auf diese Weise gebändigt. Was den alten Hickory betrifft, so liegt uns nicht so sehr daran, seine Wahl zu hindern, als eine Majorität ins Haus der Repräsentanten und vorzüglich des Senats zu bringen, die ihn mit Hilfe unserer Staatenbank von allen Seiten so schnüren und einengen soll, daß der Nation allmählich die Überzeugung aufdringt, wie nur von uns Federals Heil zu hoffen. Siehst du nun, was die Ursache ist, warum die Tante Emilie mit herabgenommen?«

»Ich sehe«, war meine Antwort.

»Wir müssen sie alle zusammenhalten; eben weil wir Federals haben, die, wie du, zu vornehm-stolz sind, müssen wir uns, nach dem Beispiele der englischen Tories, mit Leuten begnügen, die weniger delikat sind; – diese Mischung schmeichelt zudem den Demokraten. – Auch ist der alte Hickory noch nicht gewählt.«

»So gut als gewählt.«

»Sei er es, und werde er es ein zweitesmal. Wir wollen arbeiten, daß unsere Phalanx fest dastehe, um bei der dritten Wahl durchzubrechen. – Er ist der letzte Revolutionsmann, und das hilft ihm in den Augen des Volkes. Wenn er abtritt, so ist kein Volksliebling da, und wir setzen mit unserm Kandidaten durch.«

»Ich verstehe«, sprach ich, und verstand wirklich.

Es hat doch alles seine zwei Seiten, und bei uns mehr als zwei Seiten. Vor einer halben Stunde noch hätte ich geschworen, es sei reine Freundschaft für Doughby und Emilien und mich und Luisen, die meine guten Freunde zu mir herauf bringe, – warme, freudige Teilnahme an meinem Glücke, das zu verherrlichen sie mitkämen. – Du lieber Himmel, wie geschäftig sie die Fäden spinnen! – Man möchte lachen über diese kindischen Spinnereien, wenn da zu lachen wäre. Jawohl Fäden, wunderbare lange Fäden, die vom Golf von Mexiko bis an den George, Erie und Champlain, und bald über den Huron hinaufreichen werden; überall hin, wo sich eine unserer sogenannten guten Familien eingenistet hat. Ein ungeheures Netz, das zehnmal vom Riesen, Volksgeist genannt, zerrissen, doch von tausend und tausend müßig-geschäftigen Händen wieder angesponnen wird. Und wie die Spinnen ziehen sie sich finsterer nach jedesmaligem solchen Zerreißen zurück, kommen aber, nachdem sie sich von dem Schlage erholt, auch sogleich wieder zum Vorschein. Das hat also die superkluge Mistreß Houston hinauf- und die arme Emilie herabgebracht? Ei, unsere Aristokratie, oder vielmehr Quasi-Aristokratie! Es ist wirklich unterhaltend, ihr so zuweilen in die Karten zu schauen; sie ist wie jene herumziehenden Musikanten, die bloß ein Stück aufzuspielen wissen, aber dieses aus dem Grunde: Schlagt einen Ton an, welchen ihr wollt, nüchtern oder betrunken, werden sie einfallen und ihr Spiel durchführen. Wahre Katzen, diese unsere Quasi-Aristokraten, die, werft sie, wie ihr wollt, stets auf ihre Füße zu stehen kommen. Kein Mittel ist ihnen zu unbedeutend, kein Hebel zu schwach – jeden wissen sie anzubringen, in alles wissen sie sich zu fügen, gebt ihnen einen Backenstreich auf die linke Seite – sie lächeln euch so vergnügt und übertölpeln euch zuletzt doch noch; aber dann schaut, wie ihr zurecht kommt! – Sie bezahlen euch in tausendfacher Münze! Bereits haben sie von der Bruder- und Yankeestadt aus ihre Fäden über die ganze Union gesponnen, die Priester sind ihre General-Quartiermeister – ohne Unterschied der Sekten, denn in diesem Punkte stimmen sie alle überein –, die alten Weiber ihr schweres Geschütz, und unsere Jungen und Mädchen die leichte Reiterei, mit der sie Uncle Sam umzingeln und ihn wie wilde Pferde zu umstricken suchen. Ei, lieber Uncle Sam! Du tummelst dich nun froh und freudig und ungefesselt und wacker auf der herrlichen Prärie deiner Freiheit herum, aber gib acht, der Jäger und Hunde werden immer mehr und mehr! Gib acht, daß sie dir nicht endlich der Schlingen eine über den Kopf ziehen! Sie haben deren viele und mannigfaltige; und ich glaube schier, daß, wenn der liebe George IV. Geld genug hätte, uns einen seiner kostbaren Gebrüder herüber zu spedieren, mit einer Zivilliste von ein paarmalhunderttausend Pfund, zahlbar bei John Bulls Wechsler, unsere preziösen Bostoner Bluestockings und Neuyorker Börsen-Männer und Philadelphiaer Tarif- und Wistar-Männer – ließen sich sagen und liefen über Hals und Kopf, um ja nicht das erste Lever der neuen amerikanischen Majestät zu versäumen. Wäre ein herrliches Ding, so ein Lever, so etwas Apartes für unsere Aristokraten, wo die plebejischen Demokraten das leere Nachschauen hätten! – Aber kosten dürfte es nichts; nein, das nicht!

Ja, es ist ein liebes Geschlecht, das ich meine, ein süßes Geschlecht, ein wenig verbuttet in seinen Kramläden und bleich und gallsüchtig und in den Adern weniger reines Blut als verdorbenes Feuerwasser, aber sonst beseelt von den besten Gesinnungen für dich, lieber Uncle Sam! Doch du kennst sie ja und hast ihnen eben deshalb den Laufpaß gegeben. Erneuere ihn nur noch dreihundert Jahre hindurch, und du wirst dich wohl dabei befinden!

Wollen nun sehen, wie es mit unsern Trösterinnen und Getrösteten aussieht. Was ist das wieder? Hurras, Hallos von allen Seiten und Ecken des Dampfschiffes. – Hurra! frisch darauf, der Hirsch! gellt es. Hurra! Hurra!

Was gibt es da wieder?

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