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Brautfahrten

Charles Sealsfield: Brautfahrten - Kapitel 14
Quellenangabe
authorCharles Sealsfield
titleBrautfahrten
publisherGeorg Müller
yearo.J.
editorHeinrich Conrad
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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VI.
Das Wettrennen.

Will reden, will euch alles sagen, treu gestehen, wie es kam, daß Miß Warren – kurz, werdet hören – ist das erstemal, daß ich darüber den Mund auftue. Soll aber heraus, sollt hören und urteilen, und richten zwischen mir und ihr. – Kurz, sollt hören, ja, das sollt ihr, bei Jove!

»Wißt also, es war im Juni, sind gerade acht Wochen, drei Tage vorüber. War an einem Freitage, daß wir abfuhren. Hasse die Freitage. Kein Seemann, kein Jäger liebt sie; sind v–te Tage! Alles Unglück ist mir an Freitagen zugekommen. Munkelte mir schon, als wir die Helen McGregor bestiegen; sagte aber nichts; halte nichts vom Aberglauben. Schnitt aber schon damals Gesichter, die Miß Warren. Und ich war doch so vergnügt, als wir die Pflanzung der Mistreß Houston verließen, die, unter uns sei es gesagt, auch ihren Teil – aber wollen schweigen. – Der steife, alte Gentleman, Mister Warren, war gleichfalls hoch auf; mir hing der Himmel voller Baßgeigen. Ich folgte der Miß auf jedem ihrer Schritte und Tritte, so daß ich ihr ein paarmal den Besatz von ihren Petticoats Petticoats. Weiberröckchen, Robe. abtrat.«

»Das war gefehlt, Doughby.«

»Pshaw! was hat das zu sagen? Nichts. Sagte ihr, sie sollte sich das nicht anfechten lassen, wollte ihr einen ganzen Kramladen derlei Zeugs kaufen, wenn wir in Neuyork ankämen, oder auch in Cincinnati oder Louisville, wo sie wollte; sie sagte nichts dazu; als ich ihr aber den dritten Besatz wegtrat, meinte sie, wenn das so fortginge, würde sie mit keinem ganzen Kleide in Louisville ankommen. Ganz oder halb, sagte ich. Sie sind immer ein wunderliebliches Ding, Miß, zum Fressen. Das war nun ein so artiges Kompliment, als ihr je im alten Kentuck gehört habt; sie aber schien es nicht zu hören. Am dritten Tage, wir waren gerade bei St. Helena St. Helena. Beiläufig fünfhundert Meilen oberhalb der Mündungen des Mississippi in den Golf von Mexiko. angelangt, sagt' mir der alte Warren – ›Mister Doughby‹, sagt' er ganz heimlich, ›verzeihen Sie, lieber, teurer Mister Doughby, aber sind Sie nicht der Meinung, daß Sie einigermaßen zu viel gebrannte Wasser zu sich nehmen, und nicht nur Ihrer Gesundheit schaden, sondern auch Ihren Mitbürgern ein schlimmes Beispiel geben? Was bei einem respektablen Manne, wie Sie sind, allerdings zu bedauern ist?‹

›Böses Beispiel?‹ sagte ich. – ›Zu bedauern? Mister Warren – zu viel trinken?‹ sagte ich – ›Ich zu viel gebrannte Wasser zu mir nehmen? Der Meinung bin ich nicht, Mister Warren, und wenn Sie derselben sind, so sind Sie irriger Meinung. Sollen mehr sehen, sollen sehen, was ein Alt-Kentuckier einschwemmen kann, ohne zu sinken; keine Taucherente kann's besser‹, sagt' ich. Dachte dem alten Yankee zu zeigen, was er für einen Mann vor sich hat, daß er keinen spindelbeinigen, aschfarbigen Yankee vor sich hat, keinen Kopfhänger, der am Sonntage den ganzen Tag in den Kirchen herumhockt und in seiner Stube brütet und den Kopf hängen läßt und nur darauf sinnt, wie er warmblütigen West- und Südländern die Augen auswischen möge. Sollen sehen, sagte ich – er aber schüttelte den Kopf – und ich – ließ ihn gehen und schaute ihm nach und schüttelte gleichfalls den Kopf. – Pah! – erfuhr nachher, daß er Präsident einer Temperanzgesellschaft ist, die G–tt alle v–en möge! Temperanzgesellschaften! Wozu ist denn der Rum, wenn er nicht zum Trinken ist?«

Doughby geriet in Eifer.

»Ist euch ein wunderbarer alter Geselle, dieser Mister Warren. Steif und starr wie ein Eiszapfen unter einer stark rinnenden Dachtraufe. Des Morgens war er kaum aufgestanden, als er auch schon in seinem Brokat-Schlafrocke an die Ladies-Cabin-Türe angestiegen kam, und Miß Warren mußte heraus und sich zu ihm hinsetzen, und er begann das Morgengebet der Episkopalkirche herabzuleiern, und sie mußte respondieren, und so ging es fort, eine gute Stunde lang. Wollten mich auch zum Zeitvertreib dabei haben. Dachte mir aber, da wird nichts daraus. Nimmst dein Morgenoffice Office = Geschäft, Dienst; namentlich auch Gottesdienst, der hier gemeint ist. an der Bar – hasse die Morgennebel am Mississippi bei trockener Kehle. Wem wird auch so etwas einfallen?«

»Den ganzen geschlagenen Tag ging er herum, so ernst wie ein Oberrichter der District Court District Court of the United States (der Vereinigten Staaten) – die zweite gerichtliche Instanz; die erste ist die der Quarter Sessions, die dritte und letzte der Gerichtshof zu Washington, unter dem Vorsitz des Attorney-General.. Mittags verrichtete er an der Tafel das Gebet, und ich versichere euch, dauerte jedesmal eine geschlagene Viertelstunde, ehe er Amen sagte. Die Suppe wurde oft kalt, die Speisen uns oft vor der Nase weggeschnappt. Oft hatten die übrigen abgegessen und standen schon wieder draußen vor dem Schenktische, und er betete noch immer. Ich mochte oft aus der Haut fahren.«

»Das Beten wäre so übel nicht gewesen, nur zu lange mochte es dauern«, lachten wir.

»Pah! Hasse es, seinen Mitbürgern da vorleuchten zu wollen. Ist euch viel Stolz, und ich sage es gerade heraus, Arroganz darin. Will einer beten, so mag er es tun, und ich tue es auch; und will die Gesellschaft es, so wird sie schon einen Vorbeter finden. Sage euch, habe immer Anmaßung hinter einer solchen Frömmigkeit gefunden. Glauben die alten Yankees, wir sind Heiden, wollen uns vorleuchten. – Pah! Hasse das Zeug!«

»So übel räsonniert er nicht«, bemerkte Richard.

Sah bald, daß ich dem Alten auf der Larboardsseite Larboard. Die linke Seite des Schiffes. saß. Wurde immer einsilbiger, wortkarger; um das hätte ich mich nun nicht so viel gekümmert; aber eröffnete mir der Kapitän ganz im Vertrauen, wie ihn die Ladies ersucht hätten, mir beizubringen, meine Besuche in ihrem Salon nicht so sehr zu vervielfältigen und besonders des Morgens nicht, wo mehrere kaum mit ihrer Toilette fertig wären, und sollte immer erst anfragen und mich anmelden lassen, wie es in der Ordnung gedruckt wäre Diese Ordnung wird bekanntlich sehr strenge gehandhabt, und ein britischer Seeoffizier von bedeutendem Range war, wenn die Zeitungen wahr reden, gerade um diese Zeit, wegen mehrmaliger Hintansetzung dieses Artikels der Schiffsordnung, nahe daran, oberhalb St. Helena, mitten in der Wildnis ausgesetzt zu werden, und nur auf die dringenden Bitten seiner Gattin wurde der in der Ausführung begriffene Befehl zurückgenommen.. – Was? mich anmelden lassen, wenn ich meine Braut sehen will! sagte ich; was kümmern mich die übrigen Ladies, mögen angezogen sein oder nicht, das kümmert mich nicht, will nur zu meinem Püppchen, mit den übrigen habe ich nichts zu schaffen, nur mit Miß Warren. Miß Warren war es eben, die dabei stand, als die Damen mir den Auftrag gaben, sagte der Kapitän, und Mister Warren schärfte es mir auch nachdrücklich ein, und sie ersuchte mich besonders, die vorgeschriebene Ordnung handzuhaben. Miß Warren? sagte ich. Kapitän, da lügt Ihr, das hat sie nicht gesagt. Mister Doughby, sagt' er, ich lüge nicht, und wenn mir das ein anderer sagte, schlüge ich ihn nieder wie einen tollen Hund, und ich muß Sie ersuchen, Ihr Wort zurückzunehmen und sich zu überzeugen. Und ich rannte wie besessen, und fragte Miß Warren und Mister Warren, und beide sagten mir dasselbe ganz trocken. Ich dachte aus der Haut zu fahren. Wurde euch zornig wie ein angeschossener Panther und trank vielleicht mehr, als ich sollte. Aber was kann man anders tun auf einer Mississippifahrt aufwärts? Sage euch, so gerne ich ihn habe, unsern alten Vater Mississippi, ist ein verdammtes Wasser der Mississipp – fährt tagelang, wochenlang, nichts als fahren, klapp klapp klapp, trapp trapp trapp; geht euch wie der Wind, schnellen Dampfschiffe und Wälder an euch vorbei, seht aber nichts als die ungeheure Masse schlammig-trüben Wassers und Wald und wieder Wasser – Tag und Nacht Wasser und Wald. – Werden einem langweilig, die ewigen Wasser und Wälder. Geht wohl hinunter und schaut zu, wie sie das Feuer schüren und ganze Holzladungen in den Ofen werfen, daß es praßt und kocht und schäumt und zischt, werdet es aber müde, da unter den schwarzen Teufeln zu stehen. Geht wieder zum Schenktische und trinkt mehr, als ihr sollt. Ist nicht jedermann so ein alter lederner Yankee wie der Mister Warren, der das Trinken nicht leiden kann.

»War gerade zwei Uhr nachmittags am siebenten Tage unserer Abfahrt, als wir die Wolfsinsel im Rücken hatten, die, wie ihr wißt, oberhalb Neu-Madrid Neu-Madrid, das erste Städtchen unter der Mündung des Ohio, am westlichen Ufer. Es wurde durch das Erdbeben von 1811 beinahe zerstört. liegt, unterhalb des Einflusses des Ohio in den Mississippi. Ist seitdem aufgeflogen, die arme Helen McGregor, wie ihr wißt, gerade bei Neu-Madrid und hat ein halbes hundert Passagiere in die andere Welt hinübergebrüht, gerade vor Neu-Madrid. Kamen also bei der Wolfsinsel an, wo wir den Ploughboy, die Huntreß, den Louisville und noch ein paar Dampfschiffe einholten. War eine artige Flotille. Saßen just hinter der Damenkajüte mit Miß Warren und dem alten Gentleman, waren beide sehr einsilbig – da heißt es, der George Washington kommt. Ist euch ein glorreicher Dampfer, dieser George. Glänzt und funkelt euch, dieser schwimmende Palast, schon von weitem und fliegt euch so heran, so leicht, so gelenkig wie eine Ente! Ist euch eine wirkliche Freude, einen solchen Riesenbau heranschwimmen zu sehen. Saß noch immer bei Miß Warren; aber gestehe es euch, saß wie auf Kohlen. Woher kommt es doch, daß wir Männer vor den Petticoats einen so gewaltig mächtigen Respekt haben? Auf einmal heißt es, der Washington kommt uns vor. Ich springe auf – renne auf das Oberdeck, und richtig, da kommt er einhergezogen mit aller Macht und Pracht, Trarara Trarara! und sausend und brausend und feuerspeiend wie der Kaiser Nap an der Spitze seiner Garden und Reiter und Feuerschlünden. Prächtig war er anzuschauen, der George, war mitten unter den fünf Dampfern, der Louisville, Huntreß und den übrigen – hatte sie bereits eingeholt. Standen da und schauten, alle, die wir auf der Helen McGregor waren, und sage euch, das Herz schlug uns allen stärker und stärker; sähet allen Gesichtern die Spannung an. Die Glocke rief zur Mittagstafel, aber kein Fuß bewegte sich. ›Kapitän,‹ schrei' ich – ›wir dürfen den George nicht vorlassen, wir können nicht mit Ehren zurückbleiben, sag' ich. Müssen zeigen, daß wir Mississippimänner sind.‹ ›Mister Doughby,‹ sagte er, ›es ist der George Washington,‹ sagt' er, ›zweihundertundzwanzig Pferdekraft‹, sagt' er. – ›Und das andere ist Münze,‹ sag' ich, ›hat keine zweihundertundzwanzig Pferdekraft‹, sag' ich. ›Sagt es nur, um dem Wettrennen zu entgehen. Und hätte der alte Georg dreihundert Pferdekraft, wollte doch meine Steigbügel kürzen und meinem Renner den Sporn geben.‹

»Und dem Kapitän wurde es heiß, wie ich so sage, sah es ihm an, seine Augen hingen starr an dem feindlichen Schiffe, das die fünf andern bereits zurückgelassen hatte und nun an uns herankam, als wären wir bockslederne, rindshäutige Briten und sie frische, freie Amerikaner, die den Teufel um die Welt fragen. Und wie euch der Kapitän so nach dem George hinübersah, wurde er euch doch rot und blau und grün, wechselte wie der Delphin alle Farben, seine Zähne knirschten, und er biß sich in die Lippen, daß das Blut über das Kinn herabrann. Und stärker brauste der Washington heran, und stärker zischte der Dampf, und Hurras auf Hurras kamen herüber und gellten uns in den Ohren. ›Kapitän,‹ schrie ich, ›der Washington kommt uns vor, mit der Ehre der Helen McGregor ist's vorbei.‹ Der Kapitän aber stand wie mit Kalk übergossen, der Angstschweiß auf seiner Stirne, das Blut ihm in die Augen schießend. – Hatte die fünf Dampfer überfahren, die Hurrahs for Washington nachbrüllten und bereits mächtig jubelten, die Helen McGregor nun ihrerseits gedemütigt zu sehen. ›Kapitän,‹ rief ich nochmals, ›wollt Ihr Euch aus dem Feld schlagen lassen, ohne auch nur das Weiße im Auge gezeigt zu haben? Die Helen McGregor ist ein neues Schiff, laßt aufkrachen!‹ Da rannte er hinab und schrie: ›Legt an, legt an! high pressure, high pressure!‹ – ›Feuert, Jungens,‹ schrie ich, ›feuert darauf los!‹ Und die Jungen feuerten und feuerten, daß ihnen der Schweiß herablief wie Wasserhosen; und schürten euch mit den Feuerzangen, und aus unsern Röhren begann es nun zu pfeifen, daß es eine Freude war. Wir fuhren gerade in den Ohio ein, der Washington war uns beinahe zur Seite, da kommt der alte Warren und Emilie auf das Verdeck heraufgerannt und schreien: ›Mister Doughby, um's Himmelswillen! Mister Doughby, Kapitän, um Gotteswillen! Mister Doughby, Kapitän!‹ Und so schreien sie ›Mister Doughby, ich fordere Sie auf! Wollen Sie sich, das Dampfschiff, Ihre Mitbürger ins Verderben bringen? Wollen Sie Wettrennen mit dem George Washington?‹ ›Um Gottes willen, Mister Doughby!‹ schreit die Miß – ›Mister Doughby,‹ schreit der alte Gentleman, ›ich fordere Sie auf, Ihren Einfluß anzuwenden, daß der Kapitän vom Wettrennen absteht.‹ ›Pah,‹ sag' ich, ›es ist nichts, wollen nicht Wettrennen mit dem George Washington – wollen bloß sehen, welches Schiff schneller geht.‹ ›Das darf nicht sein, ich protestiere, die Sicherheit unserer Mitbürger, unsere eigene – wenn der Kessel springt?‹ ›Pah, Sicherheit unserer Mitbürger,‹ sag' ich, ›unsere Mitbürger sind in Sicherheit. Wollen kein Wettrennen, Mister Warren,‹ sage ich, ›wollen bloß einen Augenblick sehen, welches Schiff schneller geht.‹ ›Mister Doughby‹, schreit Emilie, halb außer sich, und wirft sich in meine Arme und zerrt mich und will mich zur Maschine hinab und hängt sich an mich und bittet und fleht: ›Mister Doughby, wenn Sie mich auch nur im geringsten lieben, achten, wollte ich sagen, so gebrauchen Sie Ihren Einfluß, verhindern Sie‹; – dann reißt sie sich wieder los und läuft auf den Kapitän zu, der neben dem Engeneer Engeneer . Ingenieur. stand. Der Washington war dicht hinter uns; – wir, wie gesagt, fuhren gerade in den Ohio ein. Nun wisset ihr aber, daß die Mississippiströmung, wie er in gerader Linie von oben herabkommt, den Ohio wohl einige Meilen weit gegen Trinity Trinity, der letzte Ort am Ohio, fünf Meilen oberhalb der Mündung desselben in den Mississippi. zurückdrängt. Einen schöneren Wasserspiegel zu einem Knall- und Fall-Wettrennen gibt es euch nicht mehr in der weiten Welt. Die beiden Ströme haben just die rechte Breite, zusammen vier bis fünf Meilen und bilden euch nachgerade einen Wasserzirkus, den die Ufer von Illinois, dem alten Kentuck und ihrer Tochter Missouri Tochter Missouri. Dieser Staat, der größte nach Virginien, wurde beinahe ausschließend von Kentuckiern angesiedelt, weshalb auch die Sklaverei, ungeachtet des Widerspruches der nördlichen Staaten, endlich vom Kongresse garantiert werden mußte. einfassen. Die Strömung ist ganz zu euern Gunsten, wenn ihr in den Ohio einfahrt, eben weil ihn der Mississippi von oben zurückdrängt. Wir waren näher der Illinoisseite und hatten daher noch einen Vorteil vor unserem Gegner voraus, der sich auf der Kentuckyseite hielt und immer stärker brausend herankam, hinter ihm die anderen fünf Dampfer, die gleichfalls ihre Sporen angelegt hatten. Unsere Helen McGregor war aber noch voran. Der Henker hätte da nicht wettrennen sollen! Die Luft zitterte vor Hitze, Dampf, Gesause, Gebrause, Gebrüll. Jetzt war der Feind uns hart im Nacken. Das Spiegelbild Vater Georgs in gleicher Linie mit unserem Stern. ›Helen McGregor, halte dich brav,‹ schrie ich – ›hole aus, legt an, Burschen,‹ schrei' ich, ›zehn Dollars, so ihr brav feuert‹ – ›Hurra!‹ schreien die hundert Passagiere, ›hurra! der Washington verliert – bleibt zurück.‹ Der Kapitän schaute, konnte aber kein Wort hervorbringen, seine Lippen waren zusammengepreßt, als wären sie aneinandergenagelt; stand euch wie eine Bildsäule. Wir gingen zwanzig Knoten und mußten nun aushalten oder hintendrein in den Troß der Huntreß, des Plughboy. Alle Fugen krachten, die Maschine dröhnte, brüllte, der Dampf heulte, zischte. ›Die Helen McGregor‹ schrei' ich, ›ist ein braves Weib, eine brave Schottin, hat Feuer im Leibe.‹ Und sie hatte es wirklich! Sie griff aus wie ein Blutrenner, dem in seinem Leben zum erstenmal der Sporn in die Flanken gesetzt wird. Sie schwamm nicht mehr, sie flog wie ein Vogel oder wie ein wilder Panther, ein Elentier, das angeschossen ist; wie der Sturm, der herausgebraust kommt, flog sie; die Gewässer des milchweißen Ohio schossen herab, als kämen sie aus Fultons Dampffregatte herausgeschossen; immer wilder wurde ihr Lauf, die Kentuckyufer rechts mit dem Anfluge von Cottonbäumen schossen an uns wie rasend vorbei, der Wald flog vorüber, als ob ein panischer Schrecken in ihn gefahren wäre; die Illinoisufer links tanzten vor uns hinab; wie wilde Hexen, die auf ihren Besenstielen geritten kommen, tanzten euch die ungeheuren Baumstämme vorüber. Hinter uns schwanden die hohen Missouriufer mit ihren Wäldern im Hintergrunde und der Pflanzung des großen Kentuckiers Colonel Boon. Einer der ersten Ansiedler des Staates Kentucky, bekannt durch seine verzweifelten Kämpfe mit den Indianern. im Vordergrunde. Sie wurde kleiner in jeder Sekunde, in einer Minute erschien sie noch so groß wie ein Taubenhaus. Alles schwamm vor, hinter uns, alles eilte, trieb, flog, brauste. Wir hatten alle Sehen und Hören verloren. Hurras zu Tausenden, sieben Dampfer, sausend, brausend, dröhnend, kochend, feuerspeiend, alles schwand vor unsern Augen, Sinnen.«

»Der Wald unter Trinity flog uns entgegen, fort ging es, die Ruder krachten, die Leute heulten; vor uns, hinter uns Hurra! Hurra! – Es war eine Galoppade, ein Riesenkampf, Trinity, das Ziel vor uns, wir beinahe Sieger. Auf einmal schreit der Kapitän: ›Er ist uns vor‹; und dann schaut er so stier und erfaßt das Geländer so starr und beißt sich die Lippen so blutig zusammen! ›Kapitän,‹ sage ich, ›er ist nicht vor.‹ ›Schaut, Mister Doughby,‹ sagt' er, ›schaut!‹ – Ich schaue, und wie ich so schaue, wurde es mir schwirr vor den Augen. Griff euch wunderbar aus, dieser Georg Washington. Sah nun wohl, er würde uns in zwei Minuten beim Schoß haben. Und es dauerte nicht zwei Minuten.

›Bei meiner Seele, er ist vor‹, schrei' ich. ›Er ist vor‹, wiederholte der Kapitän mit leiser Stimme; er war totenbleich. Ich konnte kein Wort reden. Und er, so wahr ich lebe, er mußte sich an dem Verdeckgeländer halten, sonst wäre er zusammengesunken. Half alles nichts, sein Spiegelbild war jetzt in gleicher Linie mit unserem Stern, zehn Sekunden später war ein Dritteil seiner Schiffslänge mit der unsrigen in gleicher Linie, – zehn Sekunden später zwei, und in weniger denn einer Minute fliegt er stolz vor uns her und brüllte uns sein Hurra in die Ohren, und die fünf Dampfer hinter uns fallen ein, und wir hörten nichts als Hurras und Hurras. – Ah, tausend Dollars hätte ich im Augenblicke gegeben, wenn wir Trinity zwei Minuten eher erreicht hätten. Auf einmal schrie es von unten herauf, der Dampfkessel springt! Der Dampfkessel springt! Und ein Gekrache und gleich darauf ein Gesause und Gebrause. ›Glückliche Reise in die Ewigkeit‹, schrei' ich, und dachte, jetzt kommt das heiße Bad. War aber nichts; der Schrei kam von ein paar Negern, die ihn Miß Emilien und Mister Warren und dem alten Weibervolk in der Ladies-Cabin nachschrien. Beide waren hinab zum Engeneer, hatten ihn gebeten, beschworen, und all das Weibervolk zusammen dem Manne den Kopf so heiß gemacht, daß er nachgibt und die Ventile öffnet, und wir waren nur noch eine halbe Meile von Trinity. – Glaube alles Ernstes, hätte der feige Bösewicht das nicht getan, wir hätten mit dem Washington gleichen Lauf gehalten! Denn er kam keine zwei Minuten vor uns an. – Ich fiel über ihn her; war euch doch so toll; wären der Kapitän und noch ein paar gute Bekannte nicht gewesen, hätte ihn zur Stelle geledert, und sollte es mich tausend Dollars gekostet haben; verdiente es, der ehrlose Bösewicht. Wir waren nun in Trinity, hatten die fünf Meilen in weniger denn zwölf Minuten zurückgelegt; aber Miß Warren war so böse, und der alte Gentleman so bitterböse und steif, eine Feuerzange ist nichts dagegen. Konnt' aber nicht helfen. Ehre geht über alles.«

»Aber Ihr waret doch zu tollkühn«, bemerkte Richard.

»Tollkühn?« versetzte Doughby unwillig. »Tollkühn, wenn die Ehre eines Schiffes auf dem Spiele steht?«

»Pah, die Ehre eines Dampfschiffes!«

»Pah, sagt ihr, Richard!« Wenn ich Euch nicht als einen tüchtigen Alt-Virginier kennte, bei meiner Seele! Sollte fast glauben, Ihr seid so ein seifenartiger Kreole. Pah, sagt Ihr! Die Ehre eines Dampfschiffes! Ein Dampfer, sage ich Euch aber, ist auch ein Schiff, und ein großes dazu, und ein amerikanisches, echt amerikanisches obendrein! Ist unser Schiff; haben wir es erfunden. Die alte Welt hätte lange stehen können, hätte es doch nicht herausgebracht – wir aber haben es, Jungens, sage ich.

»Pah, sagt Ihr«, fuhr er hitzig fort. »Und hätte Percy Pah gesagt am Erie-See, oder Lawrence am Champlain, oder Rogers, oder Porter; – könnt zu allem Pah sagen, zur Ehre eines Dampfers, eines Schiffes, eines Staates. Sage Euch aber, wer Pah sagt, wenn sein Schiff überfahren wird, wird auch Pah sagen, wenn es genommen wird; und wem nicht warm wird, wenn er vor seinem Schiffe ein anderes stolz vorbeisegeln sieht, der – ich sag' es Euch, dieser Stolz ist Wetteifer, und dieser Wetteifer ist das wahre Ding.«

»Aber das Leben so vieler Menschen?«

»Sage euch, von den hundertundzwanzig Passagieren, die wir auf der Helen hatten, waren nicht drei, den alten, ledernen Mister Warren und das Weibervolk ausgenommen, die sich einen Strohhalm darum gekümmert hätten, wären sie mit einer Tonne heißen Wassers abgebrüht worden; vorausgesetzt, sie wären zwei Minuten früher in Trinity angelangt.«

Wir mußten über den Kentucky Bull lachen; aber im Grunde genommen – der Wahrheit seiner Versicherung Gerechtigkeit widerfahren lassen. So gleichmütig-kalt, sinnig-gelassen Uncle Sam sonst Dinge zu nehmen pflegt, bei solchen Veranlassungen verliert er in der Regel seine amphibische Natur, und im Drange, sein Schiff das erste am Ziele zu sehen, vergißt er, was er sonst nicht leicht zu tun pflegt, Weib und Kind, Hab' und Gut; sein eigenes Leben kommt gar nicht in Anschlag. Er ist ein Rasender, der alles auf einen Wurf setzt. Und die fünfhundert bis tausend Bürgerleben, die ihm das verzweifelte Wettlaufen alljährlich kostet, scheinen seine Fieberhitze nur mehr zu steigern.

»Sage euch,« hob Doughby wieder an, »hätte mir Miß Warren des Wettrennens halber den Laufpaß gegeben, hätte ihn genommen, ohne ein Wort zu verlieren, aber so wie es geschah –«

Doughbys Miene verfinsterte sich auf einmal.

»Ei, das wurmt, wenn es einem so ins Gesicht starrt, daß man ein Klotz, ein Unempfindlicher gewesen, kein Gentleman; vergessen hat, was ein Gentleman einer Dame schuldig ist, – das schmerzt.«

Der Mann fühlte, und fühlte tief; man sah es ihm an.

»Doughby, diese Gesinnung verrät, daß Ihr ein Gentleman seid. Wer eine einer Dame zugefügte Kränkung so tief fühlt, wie Ihr, ist Gentleman, und wer das Gegenteil behauptet, hat es mit mir zu tun.«

Ich hatte diese Worte ohne zu schmunzeln gesprochen. Doughby warf einen zweifelhaften Blick auf mich und sprach dann:

»Danke Euch, Howard. Weiß, daß Ihr das Herz auf dem rechten Fleck habt, obwohl Ihr ein Federal Die Partei der Federals, mit General Hamilton an der Spitze, war bekanntlich für eine starke Zentral-Regierung, im Gegensatze zu der der Demokraten, die sich mehr zur Aufrechterhaltung der Unabhängigkeit der einzelnen Staats-Regierungen hinneigte. seid, und wie die Leute sagen, ein Aristokrat. Aber das liegt im Geblüte, und sage Euch – höre ich nochmals jemanden Euch einen Aristokraten schelten, den will ich doch beim Schopfe greifen und ihm sein loses Maul so lange an die erste beste Cederfence anstoßen, bis er widerruft und sagt, Ihr wäret ein recht gemeiner Mann, wie sich's für einen wahren Demokraten gebührt und geziemt.«

»Nein, laßt das bleiben, lieber Doughby«, lachte ich. »Wollen den Leuten die Freiheit lassen, zu sagen, was sie wollen. Leben in einem freien Lande, Doughby.«

Doughby sah mich einigermaßen verwundert an. – Mir war der Mann allmählich, trotz seiner kentuckischen Unebenheit, recht interessant geworden.

»Will Euch alles erzählen«, fuhr er fort; »just so klar und deutlich, als ich's selbst weiß und ich es erfahren habe; und erfahren habe ich es, kann es sagen, wie kein anderer es kann. Wollte ihn sehen, den, der mich einer Lüge zeihte – wollte! Wollte!«

»Ja, wo bin ich geblieben? – Bei Trinity. – Als wir wieder in Trinity einstiegen, merkte ich wohl, daß der Miß Emilie meine Gesellschaft schier so angenehm war wie unseren Gäulen die Polkatzen, oder unsern Negern die Hetzpeitsche; sagte aber nichts – nur hörte ich öfter Euern Namen aus ihrem Munde, als mir in meiner Liebhaber-Qualität gerade lieb sein konnte, und, die Wahrheit zu gestehen, wäre ich nicht gute tausend Meilen und mehr von Euch weggewesen, hätte es wohl einem von uns beiden um den Hals gehen können. Hatte ein paarmal starke Lust umzukehren und Euch den Hals umzudrehen.«

»Danke Euch,« lachte ich, »aber zum Halsumdrehen gehören zwei, wie Ihr wißt, einer, der umdreht, und der andere, der sich ihn umdrehen läßt. Im Gouging, wißt Ihr zudem, bin ich ein Neuling, ist nicht Mode, weder in Louisiana noch in Alt-Virginien.«

»Und so ist es nicht im alten Kentuck, kein Kentuckier von einiger Achtbarkeit tut es mehr; aber eine gute Rifle.«

»Danke Euch nochmals«, lachte ich stärker. »Schieße zwar mit Rifles, aber nur auf Bären, sonst nehme ich Pistolen.«

»Hättet dann Eure Pistolen genommen, und ich die Rifle.«

Wir brüllten beinahe vor Lachen. Der Mann sprach das alles so gleichmütig, daß man wohl sah, die Punkte dieses kitzlichen Ehrengeschäftes hatten sich einigermaßen verwirrt in seinem Pericranium niedergelassen.

»Wohl, sie sprach oft und vielmals mit ihrem Vater von Euch, und da war kein Ende des Lobes, und wie gentil der Mister Howard sei, und wie man ihm den alten Adel Englands an der Stirn ansehe, und wie edel sein Sinn – und der Henker weiß, was; – und der Vater stimmte wieder bei und leierte ein Lied von Eurer Temperanz herab, und wie Ihr nicht einmal Tabak kautet. – Ist das wahr, Howard? Ihr, ein Alt-Virginier, und kaut nicht?«

»Gewiß nicht.«

Doughbys Staunen war unbeschreiblich. Er nahm soeben eine Rolle Kautabak und schnitt ein daumengroßes Stück ab, das er zwischen den rechten Backen schob.

Kopfschüttelnd fuhr er fort: »Mir wurde, sag' es Euch aufrichtig, die Zeit herzlich lange. Unsere Schiffsgesellschaft bestand aus eitel Yankees und Neuyorker Krämern und Damen, die von nichts als gutem Ton und Romanen salbaderten. Kamen endlich in Louisville an, als der Faden meiner Geduld schier gerissen hatte. In Louisville hielten wir vier Stunden an, besahen uns die Linie des neuen Kanals Louisville-Kanal. Er beginnt bei Shippingport und reicht über Louisville und die Fälle hinauf. Durch ihn umfahren Dampfschiffe die letzteren bei niedrigem Wasserstande., gingen hierauf zu Tische im Lafayette-Hotel und schifften uns nach Cincinnati ein.«

Hier hielt der Mann inne, streckte seinen rechten Fuß abermals über die Tafel hin, spritzte einen Strom von braungelber Flüssigkeit bis zur Türe des nächsten Kajütezimmers, dicht an der Schulter des jungen Franzosen hinweg; ein Seufzer, der dem Schnarchen des Bullfrosches glich, stieg aus seiner Brust herauf. Er zog seinen Fuß wieder von der Tafel und fuhr fort:

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