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Brautfahrten

Charles Sealsfield: Brautfahrten - Kapitel 12
Quellenangabe
authorCharles Sealsfield
titleBrautfahrten
publisherGeorg Müller
yearo.J.
editorHeinrich Conrad
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180712
projectid9f98f819
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IV.
Der Kentuckier, wie er leibt und lebt.

Herrliche Tage, diese drei, die wir im Schoße der Freundschaft verlebten, um so herrlicher, als sie nicht vier wurden, denn einen vierten hätten wir kaum ausgehalten, ohne eine tüchtige Mahnung, sage eine Indigestion oder ein Fieberchen mitzunehmen, das bei unserm Thermometerstande – er wechselt zwischen 95 und 100° – leicht in ein biliöses ausarten könnte. Nein, so war es gerade recht, und nach drei solchen Tagen ist eine Mississippi- und Red-River-Tour das herrlichste Ding, das es in der Welt geben kann. Man ist voll Lebensfrische und bringt einen so sprudelnden Geist auf den Dampfer mit, daß einem alle Nerven oszillieren. Wir waren alle, wie wir sagen, in high glee High glee, mutwillig fröhliche Laune., unserer Gesellschaft zwischen der Zahl der Musen und Grazien. Doch laßt uns sehen, wie viele Köpfe mustern wir?

Da ist also Mistreß Houston, aber nicht die Mistreß Houston von Olims Zeiten; – ein freundliches Lächeln spielt ihr um den Mund, das den einigermaßen harten schottischen Zügen etwas ungemein Launig-Originelles verleiht, dann Tante Duras, eine eigene Gestalt, mit einer leichten Perfidie in den lichtblauen französischen Augen, aber ganz Delikatesse und Finesse, noch aus der alten französischen Hofschule Louis-Quinze, dessen Chronique scandaleuse sie an den Fingern herzählen kann, als ob sie zugegen gewesen wäre. Die beiden Damen sind soeben auf einer Promenade durch den Damensaal begriffen, die Amerikanerin schreitet einher, fest, dediziert, wie der Flügelmann im Garderegiment Sr. Majestät George IV.; die Französin hat eine gewisse Turnüre, die sich besonders um die Mittelteile ihres Seins herum kundgibt. Bei uns kann man das Geburtsland unserer Damen sehr leicht an ihrem Gange erkennen. Hintendrein schwebt Luise mit Miß Warren, die sich bereits verschwistert haben; um das Gesicht der letztern spielt zuweilen ein Ausdruck, der schwer zu definieren ist, – er sieht aus wie Melancholie und wieder wie Apathie; besonders pressen sich die Lippen des holden Geschöpfes so fest zusammen; Klara und Julie sitzen auf entgegengesetzten Seiten, einander musternd und ernst wie dreißigjährige Damen, auch ein wenig schläfrig. Die Glocke schlägt sechs, und wir waren zeitig auf und beisammen, weil der Alexandria, der ein trefflicher Segler sein soll, und der von Pa Menou für uns bestellt war, bald nach fünf vor Richards Pflanzung ankam. – Doch auf Julie zurückzukommen, das arme Kind hat einigermaßen, was wir die Blue Devils Blue Devils . Ein leichter Spleen – Vapeurs – üble Laune. nennen. Sie ist und tut zu Zeiten so wohl und wehe wie eine Pauldingsche Elegie Pauldingsche Elegie. Paulding, der bekannte amerikanische Dichter; seine indianischen Wehklagen; Geehall – Philipp of Mount Hope etc., sind ausgezeichnet.. Sie hat einige Ursache; die Arme ist zwei Jahre älter als Luise, und noch immer keine Aussicht. Zwar sind in dem Augenblicke einige Lückenbüßer zum Zeitvertreibe da; aber das ganze will nicht viel bedeuten. Der eine ist ein kreolischer Cousin, namens Merveille, ein Neuorleaner Advokat und Fashionable von der eigentlichen Elite. Du lieber Himmel! Der muß die Quateroonsbälle Quateroonsbälle. Die bekannten Bälle der farbigen und auch feilen Schönheiten von Neuorleans, zu denen aber keine farbigen Mannspersonen Zutritt haben. Sie werden nie von weißen Damen besucht. auch fleißiger besucht haben als die Gerichtssitzungen. Seine Gesichtsfarbe ist ganz das Kolorit von Benjamin Wests Tode auf dem Pferde; – das Mädchen wirft zuweilen einen flüchtigen Blick auf des armseligen Mannes Gestelle und wendet dann das Auge halb schaudernd weg. Mehr verspräche ein zweiter Cousin, der sich soeben aus dem schönen Frankreich herüber importiert, eine Art politischen Genies, das einen ungeheuren Reichtum freisinniger Ideen und republikanischer Systeme besitzen soll – nach dem neuesten Pariser Schnitte. Mit dieser Münze wird er schwerlich bei uns viel Glück machen; wir lieben die reelle, die klingende, oder wenn sie von Papier ist, die endossierte. – Der Sprudelkopf war Redacteur en chef, der Himmel weiß, welches Zwerges, des gelben, roten, blauen oder grünen, der ihm aber, nach Art dieser maliziösen Wechselbälge, einen Streich gespielt haben mußte, denn der junge Freiheitsheld hatte Reißaus genommen aus dem schönen Frankreich, und zwar so schleunig, daß er den Mietzins von zweitausend Franken, den der Procureur du Roi für ein in der Conciergerie bestelltes Quartierchen an ihn zu fordern hatte, zu bezahlen vergessen. Der junge Mensch ist übrigens gar nicht übel, mit seinen funkelnd schwarzen Augen und Haaren und hellbraunem Andalusiergesichte voll Leben und Feuer, deklamiert wie Talma, und ist mit den beiden Herzogen von Chartres und Nemours in die Schule gegangen. Von diesen beiden Helden in embryo weiß er Geschichten zu erzählen, die einem modernen Plutarch Stoff zu frischen sechs Bänden liefern könnten. Was das für allerliebste Jungens sein müssen! Wahre Brutusse! Welche Achtung für die Rechte ihrer Mitbürger! Und ihr Papa! Welcher Feuereifer für die Ehre Frankreichs, wie er seufzt beim Anblicke der Priesterherrschaft! Wie der fühlt, tief fühlt! – Wie der die goldenen Tage der Freiheit bringen würde, noch eine andere Freiheit, als die wir haben! – Ich hörte die Ergüsse des jungen Menschen en passant und konnte mich nicht enthalten, im Herzen zu lachen. Die Wahrheit zu gestehen, in der Politik und gesundem Menschenverstande sind diese Franzosen wahre Kinder, die in ihrem ganzen Leben nicht zu Männern werden. Faßt sie einer bei ihrer schwachen Seite, ihrer unbegrenzten Eitelkeit, so kann er sie reiten wie sein Steckenpferd. Jetzt sind sie wie versessen auf diesen Papa der artigen Schüler der polytechnischen Schule und möchten ihn gerne statt des alten Charles zum allgemeinen Papa; und bekommen sie ihn; mag es ihnen wohl auch ergehen wie dem irischen Schuhmacher in Franklintown, der von seiner Ehehälfte zu sagen pflegte: »Mein Weib, mein Weib; bei Jasus! Obwohl sie keiner haben mochte, hab ich sie doch gekriegt.« –

Der gute Mensch nennt sich de Vergennes und ist der dritte Sohn eines gaskognischen Vikomte und Neffe eines Pairs, der eine der wichtigsten Hofchargen und alle acht Tage die Ehre hat, Sr. geheiligten Majestät bei ihrem Petit lever ich weiß nicht mehr, ob in die Strümpfe oder gar in die Inexpressibles zu verhelfen. Als ich ihm meine Verwunderung zu erkennen gab, wie er, der Sohn eines General-Leutnants und Neffe eines Pairs, zur Opposition, ja was schlimmer, dem fatalen Liberalismus gekommen – meinte er mit wahrhaft französischer Naivetät: » Ah mon frère a pris l'autre coté, mais nous autres –«

Scheinen also doch bereits die parlamentarischen Pfade und Nebenpfade zu kennen, dachte ich.

Ich verspreche mir recht viel Vergnügen von dem jungen Menschen, den Papa Menou geladen hat. Unter allen Besuchern, die uns mit ihrer Gegenwart beehren, sind die heutigen Franzosen, ich meine die von 1828, gewiß bei weitem die liebenswürdigsten. Mit einer nichts weniger als oberflächlichen, ja tiefgehenden Bildung in praktischen, besonders mathematischen Fächern, verbinden sie eine Bescheidenheit, die ihnen bei ihrem enthusiastischen Wesen etwas wahrhaft Jungfräulich-Romantisches verleiht. Wie die Alten zum Tempel Jupiter Ammons wallfahrteten, so pilgern sie in unser Land zu Hunderten, und zwar nicht der Auswurf, wie er aus andern Ländern zu uns kommt, sondern die Söhne der ersten Familien, um sich in ihrem politischen Glauben und ihren Hoffnungen zu stärken. Eine gewisse Wehmut, ein verbissener Grimm, eine Art Scham über die Erniedrigung, in der sie sich und das Belle France wähnen, ist immer auf ihren Gesichtern zu lesen; dabei knirschen sie jederzeit mit den Zähnen, wenn sie von den fremden Bajonetten und Bagagewagen reden, mit und auf denen, wie sie sagen, ihre gegenwärtigen Machthaber ihnen zugeführt worden. – Dem mag nun sein wie ihm wolle, das geht uns nichts an, aber doch möchte ich im Vorbeigehen bemerken, daß nach meiner unmaßgeblichen Meinung das Belle France, das seinen Nachbarn Herren aufgedrungen hat, die zu irgend etwas eher als Herrschern taugten und geboren wurden, eben nicht so sehr Ursache hat, darüber zu klagen, daß ihm seine Bourbons zurückgebracht worden, denen es doch, man mag nun sagen was man will, verdankt, daß es eine, und zwar eine große Nation ist und nicht zwanzig Völkerchen; und die, wenn es nun doch einmal einen Herrn haben soll, noch immer mehr Rechtstitel besitzen als irgendein anderer, wer er auch sein möge. Und einen Herrn muß es haben, das Belle France, da hilft nichts, und zwar einen starken Herrn. Wo drei bis vier Millionen beinahe nichts besitzen, drei andere wenig mehr als nichts, und nur eine geringe Majorität das Nötige, und einige glückliche Hunderttausende das Überflüssige, da mögen die bürgerlichen Institutionen liberal sein und sollen es sein, müssen aber wieder ganz anders lauten, als in einem Lande, wo neun Zehntel Grundeigentumsbesitzer und in ihrem Haben und was unmittelbar daraus folgt, ihren politischen Meinungen, wenn nicht ganz gleich, doch so ziemlich gleich sind. Hier ist Vielherrschaft, Bürgerherrschaft möglich, dort ist sie Unbeding, lieber Vergennes.

Wie ich mir den jungen, während des ganzen Frühstücks fortwährend perorierenden Republikaner ansah, kam mir wieder eine Bemerkung in den Sinn, die ich schon oft gemacht hatte, und die sich mir jedesmal aufdringt, so oft ich einen der sogenannten Republikaner der alten Welt – wir verstehen unter der alten Welt immer Europa – seinen nagelneuen, alles über den Haufen werfenden Republikanismus auskramen höre. – Man sieht es diesen Leuten sogleich an, daß sie eine Rolle spielen, die nicht ihre natürliche, daß das republikanische Kleid, mit dem sie sich behängen, nicht für sie gemacht, daß sie es nicht von Kindheit an getragen, daß es ihnen bald zu enge, bald zu weit ist, so daß sie tausend Torheiten und Albernheiten darin begehen. – Selbst John Bull, wenn er es anzieht, sieht so ungelenkig aus, daß jeder Vernünftige ihn bemitleiden muß. Es ist ein gutes Kleid, unser republikanisches Kleid, ein warmes Kleid, es kleidet uns bequem, aber es taugt nur für uns – nur dem Amerikaner läßt der Republikanismus wohl. – Sehen wir einen damit angetan, für den es nicht gemacht ist, ekelt er uns nur an –, und das ist nun so ziemlich hier der Fall. Dieser junge Franzose, so artig, so unterrichtet er sonst scheint, wenn er auf das Wesen republikanischer Einrichtungen zu sprechen kommt, wird ein wahrer Tollhäusler, der auch nicht die geringste Idee von der Heiligkeit des Eigentums, der Basis unseres republikanischen Gemeindewohls hat. Er stände nicht an, ein paar Millionen der edelsten Bürger, auf denen die Kultur eines Reiches, der Menschheit beruht, abzuschlachten, um seine tolle Ausgeburt von Vermögensgleichheit zu realisieren, und ein paar Millionen faulblütigen Auswurfes zu schlimmern Peinigern der Menschheit heraufzuziehen, als es die gehässigsten Höchst- und Hochgebornen je waren.

Während ich dem französischen Quasi-Republikaner, der übrigens, wie gesagt, ein recht artiger junger Mensch zu sein scheint, so schonend als möglich einige unserer amerikanischen Ansichten über diese Punkte mitteilte, hatten wir den Atchafalaya Atchafalaya. Ein bedeutender Strom, oder vielmehr Ausfluß des Mississippi, der wenige Meilen unter dem Einflusse des Red-River in den Mississippi, auf der westlichen Seite durch die Attacapas in den Golf von Mexiko mündet. passiert und waren auf der Francisville-Seite hinaufgefahren, um die gewaltige Strömung, die der Einfluß des Red-River in den Mississippi da verursacht, zu vermeiden. Ein starker Wind, der sich erhoben hatte, türmte die Wellen in der Mitte des Stromes zu einer bedenklichen Höhe empor. Der Hauptstrom war, obwohl wir bereits August hatten, zum Überfließen voll, und die Mündung des Red-River bot, so weit das Auge reicht, einen See dar, aus dem Millionen von Baumstämmen emporstarrten. Wir hatten den Salon verlassen, um den ungeheuern Wasserspiegel in seiner ganzen grandiosen Ausdehnung zu schauen.

Soeben bogen wir der Mündung des Red-River zu, als ein Boot von Woodville herüberkam und sich bereits auf hundert Yards genähert hatte, ehe es von dem wachthabenden Manne auf dem Verdecke entdeckt wurde. Es schnitt zwischen den zahllos herabschwimmenden Riesenstämmen im scharfen Striche durch die Wogen, mit einer Kühnheit, die auf dieser Stelle, wir waren beinahe in der Mitte des Stromes, wirklich an Raserei grenzte.

»Das ist ein Rasender oder ein Verliebter!« schrie der Kapitän. »Bei meiner Seele, der hat mehr Wassergeist, als zu einem Kommodore nötig wäre!«

»Es ist Doughby!« rief Richard. »Kapitän, es ist Mister Doughby. Wendet das Schiff, er ist es.« –

Und er war es. Der tolle Junge stand im Boote, das auf den Wellen und zwischen den Baumstämmen auf- und niedertanzte, so kerzengerade, kaum daß er sich zuweilen auf die Seite bog. Die sechs Neger, die es ruderten, wurden über und über von den Wogen bespritzt.

»Das also ist euer gepriesener Red-River!« schrie der Wagehals von weitem herüber. »Herrliches Land für Wildenten und Gänse, auch Alligatoren. – Hurra, Boys!« –

»Um Gotteswillen, Mister Doughby!« riefen, schrien, baten die Damen, als der Tolle gerade unter dem Stern auf uns zufuhr, ohne die Wendung abzuwarten, und mit einer Hast das ihm vom Schiff zugeworfene Seil ergriff, die ihn im nächsten Momente aus dem Boote riß und wie einen Federball auf die Seite des Dampfers anwarf. Eine mannshohe Welle hatte das Boot zurückgerissen, und Doughby hing halb im Wasser, halb außer diesem.

»Zieht an! Hurra, Boys! – Zieht an, Jungens! oder eure verdammten Räder tun es.« –

»Zieht an!« schrien wir alle; »zieht an, um Gotteswillen!«

»Ei, zieht an!« schrie Doughby, der am Geländer heraufgesprungen, sich mit einem Satze über dasselbe warf, und mitten unter den berußten Zyklopen stand.

Wir eilten sprachlos hinab – denn das Wagestück war ein verzweifeltes.

»Pah!« schrie Doughby; »Steward, ein Glas Warmes, und Kapitän schaut zu, daß mein Portemanteau heraufkommt und meine Neger mit heiler Haut davonkommen; – und einen guten Morgen, Gentlemen, – in fünf Minuten sehen wir uns wieder!«

Und so sagend, leerte er das vom Steward gebrachte Glas, machte gegen das Oberdeck zu eine leichte Verbeugung, sprang in den Gentlemanssalon und von da ins erste Staatszimmer Staatszimmer: Wörtliche Übersetzung des englischen State-room = Schlafzimmer der Kajüten-Passagiere., das offen stand.

»Da habt ihr ihn«, brummte Richard, kopfschüttelnd. »So macht er immer seinen Eintritt. – Und Emilie ärgert sich halbtot.«

Ärgern, das könnte ich wohl nicht sagen, aber jene ruhig-stille neuengländische Antipathie, mit einer starken Dosis von Apathie schien sich des Mädchens bemeistert zu haben, und zu irgend etwas eher Hoffnung zu geben als zu einer Versöhnung. – Diese Yankees können so stille, so ruhig, so bitter, so gleichmütig-gemütlich hassen! Sie glimmen euch wie Lehigh-Kohlen.

Wir waren wieder in den Damensalon zurückgekehrt, wohin sie geeilt war, sowie sie Doughby nennen gehört hatte. Klara legte den Zeigefinger auf den Mund und sah recht superklug darein, als sie links neben ihr auf dem Sofa Platz nahm; Mistreß Houston hatte rechts ihren Posten gefaßt. Beide strichen dem artigen Kinde die Locken von der Stirne, und zupften an ihrer Halskrause. Sie hatte zum Reisekleid einen leichten Reitanzug von Circassienne, der ihr ungemein wohl stand. Luise gab auf jeden Zug acht, wie die aufmerksamste Schülerin.

»Ach, Emilie«, bat endlich die kleine Schlange mit ihrem holdesten Lächeln, »du mußt mir heute einen Gefallen tun, du mußt.« –

»Ich verspreche nicht eher, als bis ich weiß –« versetzte die Miß in ziemlich scharfem Tone.

Ein drohender Blick der Mistreß Houston schien auf den kleinen Starrkopf auch nicht die mindeste Wirkung hervorzubringen.

»Ein Bemitleidenswerter!« hob Klara an, »den dein Zorn aus deiner Nähe verbannt – und den ein Lächeln von dir in Entzücken –«

Sie hatte noch nicht ausgesprochen, als Emilie totenbleich wurde.

»Klara! So du mich liebst, um Gotteswillen! So –« Sie endigte nicht, aber mit Ingrimm biß sie die Lippen zusammen.

»Aber Miß!« fiel die Mistreß Houston in wahrem Duennatone ein, »aber Miß, ich weiß wirklich nicht, ob der gute Ton Ihr Betragen –«

Sie sprach nicht aus, unsere Anwesenheit schloß ihr den Mund; – aber ihr Gesicht war ein wahrer kategorischer Imperativ.

Die Miß sah die Tante an, ihre Lippen preßten sich stärker zusammen, eine eisige Kälte fuhr über das Mädchen hin, sie schauderte, wie von Fieberfrost gerüttelt, zusammen. – Man sah, daß es furchtbar in ihr kämpfte, aber keine Träne floß aus den Augen. – Das Mädchen war seltsam, beinahe unweiblich zu schauen in ihrem starren Schmerze. Ich sprang auf und eilte auf sie zu, – wie sie mich erblickte, machte sie eine konvulsivische Bewegung.

»Ich bin doch recht unglücklich«, stieß sie endlich heraus, mit einer Gewalt, – einer Stimme, die einen seltsam unheimlichen Nachklang hatte. Wehmut, Schmerz, Wut, verletzte Weiblichkeit erklangen in dieser unnatürlichen Stimme.

»Miß Warren!« rief ich.

Sie sah mich starr an. – Ihr Gesicht war leichenblaß, die Lippen blau, sie ein Marmorbild.

»Mein Gott!« rief sie mit demselben innerlichen Schauder. »Bin ich denn so ganz aller Berücksichtigung unwert geworden?«

»Miß Warren, wie können Sie so etwas glauben! Bei meiner Seele! Ich weiß noch immer nicht, was da vorgeht, was vorging. Richard, so sage doch!«

Mistreß Houston saß starr, Klara lautlos, das sitzende Mädchen in den Armen haltend.

»Mich mit diesem Halbbarbaren wieder zusammenbringen«, stieß sie grimmig heraus.

»Welchen Halbbarbaren?«

Sie sprach den Namen nicht aus, aber der tiefste Abscheu offenbarte sich in ihrem ganzen Wesen.

»Es ist doch nicht Doughby?« sprach ich leise zu Richard.

»Und wer anders?« sprach sie.

Ich sah Richard mit großen, sie mit vorwurfsvollen Augen an; dieser wieder Klara.

»Lasset, lasset alles gut sein«, rief diese. »Alles wird gut enden. Laßt nur mich sorgen. Emilie, ich bitte dich, sei ruhig. Und ihr beiden Männer, fort mit euch. Laßt uns eine Viertelstunde allein. Hört ihr? Die Damen wollen allein sein!«

Und so sagend, sprang sie auf die Salonwand zu, nahm die in goldenem Rahmen aufgehängte gedruckte Schiffsordnung vom Haken und hielt sie uns vor die Augen.

»Ich gehe gerne, nehme aber meinen Teil mit«, sprach ich, Luisens Arm in den meinigen legend.

»Nein, nein«, riefen alle; »Mistreß Howard muß hier bleiben.«

»Sie geht mit mir, nicht wahr, liebe Luise?«

Luise pausierte einen Augenblick und sprach dann lachend und mit ihrem niedlichen Fuße stampfend, ein » I won't Ich will nicht – I will not.

»Prächtig!« riefen die Damen laut lachend; nur die Miß blieb kalt – sie schien nicht zu hören, nicht zu sehen.

Wir zogen unserer Wege in den Gentlemenssalon – ich für meinen Teil herzlich froh, dieser starren Weiblichkeit entrückt zu sein. – So sind sie aber, diese Yankeeinnen, die besten Mütter, die treuesten Gattinnen, aber starr und kalt wie ihre Eisberge auf den Neufundlandbänken; eher könnt ihr einem Delphin eine Träne entlocken als einer dieser nordischen Republikanerinnen.

Vor dem Schenktische trafen wir Doughby, der mittlerweile seinen Anzug gewechselt hatte. Im Grunde genommen gerade kein unebener Junge. Der lichtblaue Gingham-Frack, mit schneeweißen Inexpressibles, kleiden ihn gar nicht übel. Ein eleganter Strohhut, sehr feine Wäsche und eine Brillantnadel, die immer ein tausend Dollars gekostet haben mag, geben ihm ein recht pflanzerisch-gentiles Air, obwohl ich derlei Dinge, als Brillantnadeln, Knöpfe und Ringe hasse, – sind bloß für Weiber und Ladendiener.

Als Doughby sein Glas Toddy Toddy. Mischung gebrannter Wasser mit Zucker, und mit oder ohne Zitronen. geleert hatte, brach er los.

»Wie ist's? Was macht, sagt, tut sie? Hat sie mich gesehen? Wie sah sie aus? Böse oder gut? Wie hat sie meine Lustfahrt aufgenommen? Gelacht oder geweint?«

»Sachte! sachte!« versetzte Richard. »Sachte, lieber Doughby. Der Thermometer steht unter Zero!« –

»Also nichts – absolut nichts? Sie verharrt in ihrem Entschlusse? Will nichts von mir wissen? Will mich nicht einmal sehen? Zum Teufel! Warum will sie nicht? Bin der unglücklichste Junge auf der weiten Gotteswelt!« rief er auf einmal mit ganz veränderter, weinerlicher Stimme; »wollte, ich läge dreihundert Fuß tief im Mississippi-Bette! Sage euch Jungens, mit mir ist's aus – rein aus – ich spüre es, fühle es in allen meinen Gliedern!«

Wir brachen in ein lautes Gelächter aus, und wer sollte nicht lachen beim Anblick eines siebenundzwanzigjährigen Bengels, mit Backen so rot! Die Morgensonne, die über Fort Adams heraufzieht, hat die Bleichsucht im Vergleiche. Schultern hat der Mann, er paßt auf ein Observatorium, um den Atlas zu tragen, und dazu die dunkelblaugrauen Augen, ein wenig toddyfeucht, aus denen ein lachender Teufel herausschaut; und der Mann in Liebeswehen! Er mißt fünf Schuh dreizehn Zoll, hat Schenkel, die einen Elefanten tragen, und Fäuste, die einem Büffel den Garaus machen könnten.

Wir lachten wie toll.

»V–t sei euer Gelächter!« schrie Doughby – »Steward, ein frisches Glas, hört Ihr – v–ter Neger, wo steckst du wieder? Hörst du nicht, wenn dir ein Gentleman etwas befiehlt? Soll ich dir deinen schwarzen Gehirnschädel tatouieren? – Ihr lacht; aber wüßtet ihr,« rief er wieder mit weinerlicher Stimme, »wie mir die Mädchen zugesetzt haben; das ist nun die siebente bereits, die mich angeführt, sitzen gelassen.«

»Die siebente?« lachte ich, »Doughby, nichts als sieben Körbe? Pah! Ich sammelte deren während meines Junggesellenlebens nicht weniger als vierundzwanzig und bin, wie Ihr wißt, bloß ein Jahr älter als Ihr.«

»V–t seien Eure vierundzwanzig Körbe! Steward, der Toddy ist für alte Weiber zu schlecht. Zu viel Wasser in diesem Toddy. Kannst keinen Toddy machen. Sag deinem Kapitän, er soll heraufkommen, will ihm sagen, er soll dich zum T–l jagen. – Nein, sage ich euch, mir ist das Herz so voll, möchte mir schier zerspringen. Also nichts will sie von mir wissen, gar nichts? Will euch sagen – kommt Jungens – aber wer sind denn diese da?« auf die Franzosen deutend. »Ah Mounshour Tonson! Mounshour Tonson . Ein anderer Spottname, den Franzosen in den Ver. Staaten gegeben. willkommen Mounshour Tonson! – Parle vouh english?« fragte er de Vergennes. – » Prenez un seat et un glas de Madeira – Nous parlerons hans'amble le franseh, – Neger, eine Bouteille Madeira, und laß ihn gut sein, sonst bekommst du die Bouteille auf deinen schwarzen Schädel. Für mich eine Bouteille Irischen, hörst du? Echten irischen Whisky, verstehst du? Dummkopf! Oder so du ihn nicht hast, wird's schottischer tun. Stelle alles her und packe dich – nein, bleibe am Schenktische – hörst du, schwarzer Bösewicht! Am Schenktische bleibst du, oder doch besser, packst dich fort. Hörst du? Packst dich fort. Nein, sage ich euch, das Herz möchte mir schier im Leibe zerspringen. Also gar nichts will sie von mir mehr wissen?«

Und unter diesen Lamentationen warf sich der Mann auf das Sofa, daß das Gestelle zusammenkrachte; der Steward brachte den Madeira und die Bouteille mit irischem Whisky, und wir setzten uns, um den Tröster bei Doughby zu machen. Einige Minuten vergingen mit Zubereitung des Toddy, der beim Trösteramte offenbar die wichtigste Rolle zu spielen berufen war, und als dieser in gehöriger Mischung in einem gewaltigen Bierglase vor ihm stand, begann er mit weinerlicher Stimme:

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