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Brautfahrten

Charles Sealsfield: Brautfahrten - Kapitel 10
Quellenangabe
authorCharles Sealsfield
titleBrautfahrten
publisherGeorg Müller
yearo.J.
editorHeinrich Conrad
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180712
projectid9f98f819
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II.
Nachtgedanken.

Wir waren mittlerweile La Côte des Allemands La côte des Allemands, acht Stunden oberhalb Neuorleans, am rechten Mississippi-Ufer. – Die Nachkommen dieser Deutschen bauen Reis und Gemüse für den Markt der Hauptstadt. Einige haben bedeutende Zuckerpflanzungen. vorbei, rasch der des Acadiens zugefahren. Die Nacht war so kühl, so erfrischend; wir hatten einstimmig beschlossen, unser Souper auf das Verdeck bringen zu lassen. So saßen wir mit einem halben Dutzend beigezogener Gentlemen, unter denen zwei Franzosen, eine geraume Weile an der mit leichten Erfrischungen besetzten Nachttafel; – die traulich leichte Unterhaltung schien uns allmählich sanft zur Ruhe wiegen zu wollen – als unser schwimmendes Haus plötzlich einen Stoß erhielt, der alle Fugen des gewaltigen Baues durchdröhnte, und die Gläser und Bouteillen wie Kartenhäuser aneinanderwarf. Die beiden Franzosen flogen wie Bälle von ihren Sitzen, unsere Damen wechselten die Farbe und lächelten, aber auf eine Weise, die verriet, daß, obwohl vorbereitet auf solche Warnungen des Flußgottes, das Herz doch ein wenig zu klopfen begann. Der Scherz war auf einmal gewichen, und die Stimmung aller solenn geworden.

Es ist immer eine eigene Empfindung, die uns bei solchen Gelegenheiten anwandelt; ein Gefühl, dessen sich auch der Stärkste nicht erwehren kann, zwingt sich ihm wider Willen auf, sowie er gewahr wird, daß seine Kraft hier ihre Schranken hat, daß er sich einer unsichtbaren Gewalt anvertraut, die nicht mit sich spielen läßt. Wie wir so saßen, zwanzig Fuß über den grollenden Wogen, die schäumend zu uns heraufbrausten, und hinabschauten in den dreihundert Fuß tiefen Strom, und wieder hinüber in die reichen Gefilde, die sich in meilenweiter Entfernung von den Ufern hinabsenken, erschien uns die Macht des Flußgottes, der seine gewaltigen Wassermassen hoch über den Schranken der Erde dem alles verschlingenden Golfe zurollt, wahrhaft furchtbar, und die Stille, die eintrat, hatte einen Anklang vom Schauerlichen. Erst beim Anblick eines feuersprühenden Dampfschiffes, das pfeilschnell in einiger Entfernung herabschoß, wurde die Stille unterbrochen und der tief gehobene Atem der meisten verriet die Erleichterung, welche der Anblick des brausenden Dampfes ihnen gewährte. – Es war wirklich ein wohltuender Anblick; ein gewisses behagliches Gefühl von Sicherheit kehrte allmählich auf die Gesichter zurück, und mehrte sich, wie abwechselnd Barken, Flach- und Kielboote zum Vorschein kamen, mit Wachfeuern auf ihren Verdecken, die ihren roten Widerschein recht malerisch über den endlosen Wasserspiegel hinwarfen, um die Feuer herum gruppiert gellende Bootsleute, die ein westliches Lied sangen.

Ja, es ist ein herrlicher Strom, dieser Mississippi! die Erde scheint sich zu neigen vor dem gewaltigen Riesen, der stolz auf sie herabblickt, die Gefilde zurückzuweichen und in die Tiefe zu versinken. Sie sind herrlich, diese Gefilde, würdig, von einem Meisterpinsel dargestellt zu werden, aber sie treten in Schatten vor dem Strome selbst. Der Halbmond hat sein Silberlicht ausgegossen über sie, vielleicht die jüngsten Kinder der schaffenden Natur; ein blaßgrauer, zauberartiger Schleier ist über die ganze wunderbare Landschaft hingebreitet, in dem sich das Himmelsgewölbe zu spiegeln scheint. Nur hie und da einzelne Punkte, die sich erheben im gloriösen Farbenschmelz des wunderbaren Mondlichtes; dann wieder der Feenschleier, und in weiter Ferne die wie Bronzemauern aufgetürmten Zypressenwälder. Einige leichte Flocken von Silber sind über das Himmelsgewölbe hingesprenkelt, kein Lüftchen bewegt sie; im Westen ist die goldene Röte in das lichte Apfelgrün verschmolzen, über uns der Äther in sein tiefstes Blau gehüllt – die Sterne zittern wie beschämt vor der Nachtkönigin, deren Strahlen im Osten so mild und hehr erglänzen. – Nur hie und da schimmern uns Lichtpunkte von den Ufern entgegen – wie Irrlichter tanzen sie an uns vorüber, und hellen auf einige Augenblicke die Gruppen von Orangen- und Zitronenbäumen auf. Sie kommen aus den hellen Fenstern der Pflanzerwohnungen, die hinter den Baumgruppen versteckt sind. Es sind vielleicht wache Väter oder Mütter, die ihren Kindern oder Enkeln die Schicksale ihrer Groß- oder Urgroßväter erzählen, die von der Gefahr, mit welcher der Strom sie bedroht, auch nicht die leiseste Ahnung haben, und die doch so leicht, so furchtbar über sie hereinbrechen kann; die Kinder horchen, schütteln ungläubig die Köpfe, wie Kleine, die Ammenmärchen hören. Ja, sie sind schwer zu glauben, schwerer zu schildern, die Drangsale, die unsere Voreltern auszustehen hatten, die ersten Siedler dieses unseres Landes. Diese nun waren ursprünglich Deutsche, die unter der Anführung irgendeines schwedischen oder holländischen Barons importiert worden, um dem berüchtigten Law sein neues Herzogtum am Arkansas zu bevölkern. Um Zucht und Ordnung unter ihnen zu handhaben, hatte man ihnen auch eine Kompagnie Dragoner beigegeben. Das Kartenhaus der Mississippi-Gesellschaft zerstob gerade, als die tausend Unglücklichen in den weg- und steglosen Wildnissen am Arkansas angekommen waren und ihrer wurde natürlich mit keiner Silbe weiter gedacht. Neun Zehnteile starben und verdarben in den Wäldern und auf dem Wege den Mississippi herab; dem elenden Überreste gelang es, bis nach Neuorleans sich hinabzuschleppen, wo sie endlich die Erlaubnis erhielten, zwanzig Meilen oberhalb der Stadt ihre Hütten zu bauen. Und sie bauten sie in Elend und Not, kämpfend mit Fluten und Alligatoren und Gewürme; aber ihre Kinder und Kindeskinder genießen die Früchte und leben im Überflusse unter der segensvollen Ägide der Freiheit.

Ah! Es mußte vor hundert Jahren furchtbar in dieser Stromregion ausgesehen haben! Wir am Red-River und unsere Nachbarn am Mittel-Mississippi können uns noch eine schwache Vorstellung von dem Chaos bilden, in dem das ganze Nieder-Louisiana damals wie begraben lag; aber es ist immer nur eine schwache Vorstellung, da der Strom weiter oben, bei aller seiner Gewalt doch wieder in der höheren Landschaft seinen Meister findet, den er nur bei sehr hoher Flut auf einige Zeit niederhält. Das untere Louisiana jedoch war ihm beinahe ganz botmäßig; dieselben Ufer, die uns nun so bezaubernd anlachen, eine Wassermasse von Schlamm und Sumpf, darüber hingeschichtet Millionen kolossaler Baumstämme, die häufig den Lauf des ungeheuern Stromes selbst hemmten, und seine Gewässer mit furchtbarem Getöse über das ganze Land hinrollen machten. – Nur das schrille Geschrei der Millionen Wasservögel, das Gebrülle der Bullfrösche und Alligatoren unterbrach das schauerliche Tosen der Fluten. – Ja, auf diesen entsetzlichen Ufern seine Hütte zuerst hingebaut zu haben, das will etwas bedeuten; dazu gehörte eine eiserne Seele. Das ist ein Denkmal von Manneskraft, auf welches der Franzose stolz sein kann. Schlachten zu gewinnen, Reiche über den Haufen zu werfen unter einem allgewaltigen Führer; Länder zu verheeren; Völker in das Joch zu schmieden, wahrlich dazu braucht es keinen starken Nationalgeist, keine außerordentliche Kraft. Das treffen die Hunnen und Tartaren und Turkomannen ebensowohl, noch besser. Unter einem Attila, Timur, Soleiman trafen sie es auch. Aber als schaffender Geist sich in die furchtbare Einöde einer Wasserwüste hinsetzen, mit der Natur ringen, mit der Wildnis, Hitze, Kälte, den Fluten streiten und ausharren im Kampfe, den kein Zeitungslob auf die Nachwelt bringt, das ist ein Funke Prometheusschen Feuers – das ist wahre Manneskraft. Und würden die Franzosen kein anderes Denkmal hinterlassen, als die Elemente der Kultur in Louisiana, diese allein wären hinreichend, ihre Manneskraft und Ausdauer glänzend zu erhärten; denn wohlgemerkt, die Geschichte der Ansiedelung dieses westlichen Ägyptens durch die französische Regierung weiset eine Menge von Torheiten, Mißgriffen und Leichtsinnigkeiten nach, die mehr die Einfälle eines Aberwitzigen, denn Maßregeln einer aufgeklärten Verwaltung zur Begründung einer Kolonie genannt zu werden verdienen; aber zum Glück war der Geist der französischen Ansiedler stärker als der Leichtsinn ihrer Machthaber, und diesem Geiste gelang es endlich, trotz den unbeschreiblichen Hindernissen, die Natur und Gewaltige ihm in den Weg legten, den Grund zur Zivilisation eines Erdteiles zu legen, der sicherlich in der künftigen Weltgeschichte eine der größten Rollen zu spielen bestimmt ist.

Nein, der Franzose ist nicht der tanzend leichtfertige Johnny Crapaud, als welchen ihn der grobkörnige John Bull der Welt gern zum besten geben möchte, und wenn er nicht ganz das ist, was Uncle Sam und John Bull sind, und er ist es nicht, was Kraft des Willens und starre Ausdauer anlangt, so hat er doch wieder eine Tugend, die ihr nicht habt, eine Tugend, die eure kalten Quäkertugenden so ziemlich alle aufwiegt, und die ein wahrer Götterfunke ist. Es ist die Tugend großer, erhabener Empfindungen, rein menschlicher Regungen. Wohl waren es Tage der Wehmut, die Tage von achtzig und einundachtzig, in denen die Väter der neuen Freiheit hinüberschauten nach Osten, mit Herzen, die Harren und Hoffen schier krank gemacht hatten! Ihre Arme waren beinahe erlahmt, ihre Schwerter stumpf geworden im fünfjährigen Kampfe. Sie stritten wie Männer; aber auch Männer unterliegen endlich der Übermacht; und sie war furchtbar, diese Übermacht. Da erhob das edle Frankreich seine kräftige Stimme und reichte brüderlich seine Hand dem matten Schwimmer, dem todesmüden Kämpfer. Daß damals die dreizehn Sterne siegreich auf dem umwölkten Himmel hervortraten, mögen wir immerhin, ohne der eigenen Größe im geringsten Abbruch zu tun, der großen Nation mitdanken; ja, die Menschheit mag es ihr mitdanken. –

Ah, wie manche Königs- und Fürstenenkel, vielleicht Söhne, werden sich einst in dem Schatten dieser Freiheit laben, sie segnen, diese unsere göttliche Freiheit, die ihren Vätern jetzt ein Greuel ist! –

Doch der Mond ist hinter den westlichen Wäldern verschwunden, die Landschaft ist bereits im Schlafe begraben; es ist Zeit zum Aufbruche. Wir sind La côte des Acadiens La côte des Acadiens, zwanzig Stunden oberhalb Neuorleans, ursprünglich durch französische Kanadier oder vielmehr Akadier kolonisiert, die während des Krieges von 1756, ungeachtet der ausdrücklich im Utrechter Frieden bedungenen Neutralität dieser von Frankreich an England abgetretenen Provinz, von dem letzteren aufgefordert wurden, die Waffen gegen ihre Landsleute zu ergreifen, und als sie sich standhaft weigerten, sofort aus Akadien ( Nova Scotia) vertrieben wurden. Sie irrten mehr als sechs Jahre in den Wäldern umher, verfolgt von den Briten, und nur ein geringer Überrest entkam nach Louisiana, das im Frieden von 1763 gleichfalls von Frankreich an Spanien abgetreten worden ist. vorbei. Wie zauberartig sich der matte Silberstreifen hinaufzieht gegen Norden! Es sind die Zypressenwälder, in den letzten Mondesstrahlen aufgehellt. Eine wunderbare Dunkelhelle; sie erglänzt wie der Mondregenbogen so mild, wie das Auge der Vorsehung, das wir im Weltlaufe erschauen! Vielleicht derselbe Silberstreifen, der einst den armen Akadiern auf ihrer trostlosen Wanderung geleuchtet, als sie vor achtzig Jahren dreitausend Meilen von den Küsten von Nova Scotia ihren dornenvollen Pfad herabsuchten. Es waren zwölftausend Familien, die auf des zweiten George und seiner Tories Gebot aus ihrer Heimat, von ihren Herden, aus ihren Hütten gerissen wurden, weil sie nicht gegen ihre Väter, ihre Brüder, ihren angebornen König Louis Quinze streiten wollten.

Mitten im Winter wurden sie aus den Tälern, den Fluren und Feldern vertrieben, die ihre Hände der Wildnis entrissen hatten. Männer, Weiber, Greise, Mädchen und Säuglinge wurden ohne Schonung über die Grenzen ihres eigenen Landes geworfen, mit Bluthunden gehetzt. Tausende erfroren, verschmachteten, wurden von wilden Tieren aufgefressen. – Nur elende Überreste waren so glücklich, über die Seen und Illinois herab an die Ufer des Mississippi zu gelangen, den sie auf elenden Flößen herabschwammen. An seinen Ufern und in den Attakapas fanden sie endlich bei ihren Landsleuten und den Spaniern Hilfe und ein Plätzchen, um ihre müden Gebeine niederzulegen.

Wie wunderbar doch die Wege der Weltordnung sind! Noch vor achtzig Jahren war unser Land ein vergessener Erdwinkel, bewohnt von einigen hunderttausend Familien armer Kolonisten, auf die selbst ihre Landsleute mit Stolz und Verachtung, als eine ausgeartete Rasse herabsahen, ein weniger denn Anhängsel des großen europäischen Staatensystems, selbst von Briten als Auswurf betrachtet und nicht viel besser behandelt, von der übrigen Welt kaum gekannt. Wer hätte damals, als diese armen französischen Akadier von Briten aus ihren Hütten getrieben und amerikanisch-britische Kolonisten, zur Hälfte in Tierfelle gekleidet, unter den Webbs gegen den französischen Montcalm fochten, weil es ihre Herren in Deutschland taten – wer hätte damals wohl vorausgesagt, daß dieselben verachteten Kolonisten einige zwanzig Jahre später ein Reich gründen würden, das in weniger denn sechzig Jahren der Stolz des Menschengeschlechtes werden, das dem mächtigen Mutterlande die Spitze bieten, siegreich zweimal bieten würde, nun den mächtigsten Nationen furchtlos bieten könnte, dürfte? Noch sechzig Jahre, und dieses Reich steht vielleicht weltbeherrschend und als jener heilsame Gegendruck, den die Weltordnung in ihrer physischen und moralischen Einrichtung zum Prinzip angenommen hat, gegenüber dem großen nordischen Kolosse, der ebenso dunkel, nur ungleich rauher und wilder hervorgegangen aus den eisigen Steppen des Nordens, durch Niederlagen und Siege, über Trümmer und Leichen vorwärts geschritten ist, und seine Riesenarme nun drohend, nun kosend, aber mit fester Zuversicht über das in seinen Freiheitswehen zuckende Europa ausspannt. Ei, sie ringt, die arme Jungfrau Europa, sie ringt nach Kräften, nach der neuen Geburt; sie glaubt, sie wird sie erringen, die herrliche Tochter, glänzender, strahlender als wir; aber sie vergißt darüber des furchtbaren Riesen, und die Sonne geht ihr unter im Westen, und die schwächende Dämmerung überfällt sie, und die Nacht bricht ihr herein, während bei uns die helle Morgenröte auftaucht!

Doch die Abendlüfte wehen feuchter. – Wie? Die Glocke hat zwölf geschlagen!

»Du hast wunderbare Nachtgedanken, George?« lispelte Luise, wie wir dem Zug der Damen folgten, die ihrem Saale zuschlichen.

»Sage vielmehr kosmopolitische. Aber wer sie an einem solchen Tage und solche Umgebungen vor Augen nicht hat, liebe Luise – wessen Herz sich da nicht öffnet, wahrlich, der müßte ein – Jared Bundle sein.«

»Noch einen Kuß, liebe Luise, und gute Nacht! Morgen sind wir bei Richard.«

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