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Auguste von der Decken: Brausejahre - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorA. v. d. Decken
titleBrausejahre
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
printrunDreizehnte Auflage
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectide28046d1
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Gott segne mir den Mann
In seinem Garten dort! Wie zeitig fängt er an,
Ein lockres Beet dem Samen zu bereiten!
Kaum riß der März das Schneegewand
Dem Winter von den hagern Seiten,
Der stürmend floh und hinter sich aufs Land
Den Nebelschleier warf, der Fluß und Au
Und Berg in kaltes Grau
Versteckt: da geht er ohne Säumen,
Die Seele voll von Ernteträumen
Und sät und hofft.
Goethe.

Kleinere Feste füllten die folgenden Tage. Unterdessen war der Gründonnerstag herangekommen.

»Willst du übermorgen mit zur Auerhahnjagd nach der Wartburg, Wolfgang?« fragte der Herzog Goethe, indem er in dessen Garten trat, wo der Dichter eifrig mit Spaten und Hacke ackerte.

Der fleißige Naturfreund stellte seinen Spaten zur Seite, klopfte sich die Erde von den Fingern und blickte aus leuchtenden Augen den Freund herzlich an.

»Sie wissen, mein lieber, gnädiger Herr,« erwiderte er, »das Gründen und Auferbauen ist mehr meine Sache, als das Zerstören. Wenn da im dämmerigen Morgengrauen, im reinen Gottesfrieden der Natur, solch ein prächtiger, großer Vogel seine Liebestöne ausstieße, das ganze Geschöpf eitel Lust und Freudigkeit, würde ich meine Büchse heruntertun und sagen: lebe und genieße! so unweidmännisch das auch wäre.«

»Schändlich unweidmännisch!« lachte der Herzog, »unpraktisch poetisch, kurz, schade um den edlen Sport, dich dazu zu laden. Ich habe aber noch ein anderes Reizmittel in petto. Ich gehe nämlich zu dieser Jagd, um eine andere abzusagen. Als persönlicher Überbringer einer Jagdeinladung meines geehrten sogenannten Vetters, des Landgrafen Adolf von Hessen- Philippstal-Barchfeld, war eben da, rate, wer?«

»Nun?«

»Na, ich will dich nicht quälen! Denke dir, Christoph Kaufmann, der Wundertäter, jetzt sogenannter Doktor Kaufmann. ›Wie, in aller Welt, kommen Sie denn dazu, landgräflicher Briefträger zu werden?‹ fragte ich, höchlich ergötzt, den seltsamen Kauz wiederzusehen. Er schnitt sein allerwürdigstes Gesicht, verdrehte die Augen und flüsterte geheimnisvoll: ›Er sendet mich!‹ – ›Wer?‹ fragte ich, da ich mich seiner Schnurren im Augenblick nicht erinnerte. ›Er!‹ wiederholte er mit Emphase. ›Der Meister!‹ – ›Den Kuckuck auch, Graf Saint-Germain?‹ rief ich. ›Was hat denn der mit den landgräflichen Jagden zu tun?‹ – ›Mit der Jagd gar nichts,‹ erwiderte er gravitätisch, ›aber die Stunde ist gekommen, in der du den Strahlenkranz des Sturmsternes betreten mußt.‹ – ›Ach so,‹ sagte ich, ›das ist ja famos! Ihr wollt euch meines miserablen Lichtkernchens erbarmen und das arme Ding in Schwung bringen? Wie war doch die Theorie Ihres interessanten Seelenfeuerwerks?‹ Er aber ließ sich nicht irremachen, sondern predigte mir wieder die ganze Geschichte vor. Ich entgegnete auf seine Einladung, welche mir allerdings zwei sehr heterogene Späße in Aussicht stellte: daß Graf Saint-Germain mich aufsuchen könne, wo er wolle, daß ich aber vorläufig noch nicht nach seiner Pfeife tanze. Ferner möge er Seiner Liebden, meinem Herrn Vetter, meinen schönen Dank zurücksagen und melden, ich hätte selber etliche Auerhähne in den Eisenacher Forsten zu verhören und könne diesmal seiner Einladung nicht folgen. Nun bin ich da, dir deinen Teil an dem Wartburgsritt anzubieten.«

»Ich trenne mich jetzt ungern von diesem lieben Erdenfleckchen,« antwortete Goethe. »Es braucht meine Kraft. Auch der Wundermann, der Sie wahrscheinlich aufsucht, lockt mich nicht. Seine Sache mag nicht ganz bedeutungslos, noch ganz Betrug sein, aber die Menschen, die sich bisher mit solchen Heimlichkeiten abgegeben, waren mir immer verdächtig. Sie sollten sich auch nicht zu tief darauf einlassen. Ich weiß nicht, was mir für Ahnungen gleich Spinnen übers Herz krabbeln; möglich, daß man Ihnen allerlei Ungelegenheiten bereitet.«

»Ich spüre einen Drang und Trieb, Neues zu erfahren, meinem Leben Farbe zu geben! Luise ist ja seit dem verunglückten Vermittlungsversuch der Frau von Stein kühler und steifer denn je; die winterlichen Freuden sind längst erschöpft, diese Aussicht, seltsamliche Faxen zu sehen, gaudiert mich. Ich bin doch neugierig, wie weit jener wunderbare Graf, der unsere stolze Sängerin zu zähmen verstand und welcher der Herr des selbstgewissen Schweizers wurde, meinem Ich gewachsen ist? Sei überzeugt, daß ich ihm so skeptisch wie möglich entgegentrete.«

Während sie miteinander sprachen, hatten sie die Terrasse, auf der Goethe pflanzte, verlassen und waren vorwärts schlendernd der Eingangstür nahegekommen.

Stein und Wedel gingen miteinander vorüber; der Herzog rief sie herein und sagte ihnen, sie könnten mit auf die Wartburg reiten, er wolle ihnen einen Auerhahn gewähren.

»Hier unser Dichter,« fügte er hinzu, »klebt, wie ihr wißt, an der Scholle.«

»Und doch möchte ich Eure Durchlaucht um ein paar Tage Urlaub bitten. Mir scheint nach einer brieflichen Meldung des Berggeschworenen über den Treufriedrichsschacht, daß ein Nachsehen in Ilmenau nötig wäre,« erwiderte Goethe.

Der Herzog lachte: »Urlaub her, Urlaub hin! Kneif aus, alter Junge, wann du magst. Ich werde doch dich nicht an die Kette legen?«

Mit einer vergnüglichen Abrede, sich heute nachmittag bei dem Ostereiersuchen der Herzogin Amalie zu treffen, trennten sich die Männer.

Das Wittumspalais, welches die Herzogin bewohnte, war von einem großen Garten umgeben. An der einen Seite reichte er bis an die Erfurter Straße, an der anderen bis an einen städtischen Markt. Rundherum lief eine Hecke, die jetzt schon einen grünen Anflug zeigte. Das Lusthaus mit Malereien von Oser bildete den Endpunkt eines schönen Baumganges, der dasselbe mit dem Hause verband. Pyramiden von Taxus, Tannen, Buchsbaum und knospendes Laub gaben den Anlagen bereits eine recht einladende Frische.

Die Glastüren des einfachen Gartensaals der Herzogin- Mutter standen geöffnet und ließen den Duft und Schimmer des Frühlingstages in die für ein kindliches Fest geschmückten Parterrezimmer hereinziehen. Treibhausgewächse und Tannenzweige füllten die Ecken, aus denen von Kuchenteig gebackene Störche, Füchse und Hasen, mit einem bunten Ei unter dem Schwänzchen, zwischen Fähnchen und Tüten herausleuchteten; aber auch im Garten, auf den Spalieren, zwischen den Hecken und Büschen, lugten die gelbbräunlichen, närrischen Gestalten hervor. Die Wege waren mit frischem Kies bestreut, und die Beete sahen fettbräunlich aus.

Jetzt öffnete ein Lakai die Tür, welche aus dem Hause in den Gartensaal führte; die Herzogin Amalie mit ihrer Thusnelda trat ein. Die hohe Frau sah hausmütterlich nach allen Vorbereitungen zu ihrem Feste und sagte dann zur Göchhausen, die am Arme einen Korb mit gefärbten, bemalten, mit Sprüchen versehenen Eiern trug: »Nun komm in den Garten, Thusel, wir wollen die Eier so gründlich gut verstecken, daß die großen und kleinen Kinder sich's rechte Mühe kosten lassen sollen, sie zu finden.«

Beide schritten die paar Steinstufen vor der Glastür hinunter und auf dem mittleren Kieswege entlang.

»Eh bien, Spiritus familiaris!« fuhr Amalie fort, »lang her und stecke deine Schätze unter.«

»Ist das wieder ein Tag, um fröhlich und guter Dinge zu sein!« lachte die Göchhausen. »Was meinen Durchlaucht, hier in diesen Stachelbeerbusch, der aussieht, als sei er mit grünlichem Moos angeflogen, stecken wir das mit dem Sprüchlein:

›Durch Dornen und Schikanen
Mußt du dir Wege bahnen!‹«

»Ja, ja! Gib mir ein paar. Hier zwischen den dicken purpurfarbenen Schößlingen der Kaiserkronen kann man das rote mit dem Spruch:

›Heiße Triebe meiner Liebe
Drängt verwegen ihr entgegen!‹

kaum erkennen.«

›Wie ein frisches, reines Ei,
Mädchen, deine Tugend sei!‹

»Das hat Knebel gestern abend geschrieben; ob er dabei an das Rudelchen gedacht hat?«

»Unter den gelben Krokus ist ein gelbes Ei kaum zu finden!«

»Hier noch ein prächtiger Platz hinter dem schiefen Spalierbaume!«

So wurden sie immer eifriger, liefen durch den ganzen Garten und hatten bald ihren Vorrat an Eiern so gut versteckt, daß es ihnen selbst schwer geworden wäre, sie alle wiederzufinden.

Jetzt schlug es drei Uhr, man konnte die Gäste erwarten. Beide Damen kehrten in den Gartensaal zurück, der sich bald mit den nahestehenden Familien füllte. Heute waren auch die größeren Kinder eingeladen. Steins brachten ihre drei Knaben mit, Wieland kam mit einer ganzen Schar, und so schlossen sich aus vielen Häusern kleine Gäste an.

Die Herzogin, ganz Leben und Bewegung, Feuer und Fröhlichkeit zwischen den Ihren, plauderte mit allen, vertröstete die Ungeduld der Kleinen, empfing hier, lachte da, neckte sich mit jenem und gestattete endlich – obgleich noch die Herzogin Luise mit ihrem Hofstaat fehlte –, daß man den begehrlichen Kindern zuliebe das Eiersuchen beginne.

Die Tür des Saals wurde weit aufgerissen, alles rannte in den Garten, und die Lust des Suchens Naschens und Neckens bei groß und klein begann. Der Herzog, Goethe, die Steins, die Göchhausen, Wielands, kurz, alle Genossen des fröhlichen Hofes tollten und hetzten, lachten und spielten, in rechter Kinderfestart, bunt durcheinander.

Nachdem das Treiben im Garten einige Zeit gewährt hatte, schlug die Herzogin Amalie eine Lotterie vor, um die appetitlichen Störche, Hasen und Füchse, die noch in den Büschen saßen, zu verteilen. Man sammelte sich auf dem runden Grasplatz vor dem offenen Gartensaal, wo die Verlosung stattfand, und bald hatte jedes Kind sein Kuchentierchen erhalten und fing an, die Rosinenaugen herauszupflücken und an den Ecken zu knabbern. Die Kleinsten wurden jetzt nach Hause geschickt. Die Größeren spielten mit den erwachsenen Personen auf dem Rasen.

Als dies harmlos lustige Treiben im besten Gange und alles Gelächter und Fröhlichkeit war, erschien plötzlich auf den Stufen in der offenen Salontür die Herzogin Luise mit Görtz und ihren Damen. Sie stand da im weißen Kleide, lichtumflossen, ruhig und schön. Das Plötzliche ihres Daseins, ihr mit der herrschenden Stimmung völlig kontrastierender Ausdruck, erschreckte, ja erstarrte alle.

Es war ihnen, als müßten sie sich schämen, sich schuldig fühlen, als seien sie auf einer Ungehörigkeit ertappt!

Die Herzogin Amalie faßte sich zuerst und ging ihrer Schwiegertochter artig entgegen; es lag aber auch auf ihren heiteren Zügen etwas wie Unbehagen.

Die ganze Versammlung verneigte sich, und die Kinder steckten, indem sie knicksten, die angebissenen Kuchen hinter den Rücken oder, unter die Schürzchen.

Niemand wurde aber mehr erkältet als der Herzog; ihm schien es, als gehöre jene Erscheinung, die hier so störend dazwischen trat, einer fremden Welt an, als habe er nach seinem innersten Wesen nichts mit ihr gemein. Er vermochte es nicht über sich, ihr entgegenzugehen, sondern wandte sich ab und murmelte ein Wort zwischen den Zähnen, das in der Erregung des Augenblicks und bei der plötzlich herrschenden Stille ganz wohl verständlich Luisens Ohr traf. Sie trat eben von den Türstufen in den Garten, ihrer Schwiegermutter die Hand reichend.

Dies eine harte Wort hieß: »Medusa!«

Erschreckt von seiner eigenen Stimme, wandte Karl August sich um; seine fragenden Augen begegneten denen seiner Gemahlin, in welchen eine Welt von Angst und Jammer lag. Es ward ihm sofort klar: sie hatte ihn verstanden!

Aber er war bei aller Wärme und Güte ein viel zu arger Trotzkopf, um ihr zu weichen, um sein Unrecht einzusehen, wohl gar zu bereuen. Er grüßte sie kalt und sagte: »Eure Liebden haben uns ein bißchen gar zu lange schmachten lassen! Die armen Kinder würden vor Ungeduld in Krämpfe gefallen sein, wenn sie auf das Erscheinen meiner hohen Gattin hätten warten sollen. Es war gut, daß die Herzogin ein mitleidiges Einsehen hatte und ihr Fest inzwischen begann.«

Luise preßte die Lippen zusammen, öffnete sie, brachte aber kein Wort hervor; Graf Görtz dagegen rief: »Verzeihung, Durchlaucht! Ein kleines Malheur mit dem Wagen, der fortgeschickt werden mußte.«

»So konnte man den kurzen Weg zu Fuß gehen!« murrte der Herzog.

Luisens Damen traten auch in den Garten, und eine allgemeine Gesellschaftsunterhaltung begann, die fast den Charakter einer Hofcour annahm, man stand ehrfurchtsvoll im Kreise, und die Herzogin beglückte einen nach dem anderen mit ihrer Anrede.

Auf Anna Amaliens naturwüchsige Fröhlichkeit schien ein Rauhfrost gefallen zu sein; die herbe Berührung zwischen dem fürstlichen Paare war auch ihr nicht verborgen geblieben. Sie saß jetzt neben Wieland, den sie sich herangewinkt hatte, im Gartensaal und erwog mit dem Getreuen, dem Exmentor des »Tollkopfes«, wie man auf Karl August einwirken, wie man das Ehepaar einander näher führen, wie man aussöhnen, verbinden könne.

Während Luise noch einen Kreis loyaler Seelen um sich versammelt hielt und mit innerlichem Weh den äußeren Formen genügte, bewegte sich ein anderer Teil der Gesellschaft wieder zwanglos im Garten.

Lange schon schritt Korona am Arme des ihr treu ergebenen Hildebrand von Einsiedel in einem halbversteckten Gange auf und ab.

»Wir sind nun so weit, herrliche, geliebte Krone der Schöpfung!« sagte er bewegt, indem er seine schwarzen Augen mit durstiger Liebesglut auf ihre regelmäßigen Züge heftete, »daß ich endlich offen fragen darf: ist alles dies, was mich hoffen und aufjubeln läßt, Schein und Selbstbetrug? Oder, Korona, soll ich es glauben, daß ich der glückliche Mensch bin, dem Sie Ihr Herz geben?«

»Wie oft habe ich Sie schon gebeten, Hildebrand, nicht in mich zu dringen!« entgegnete sie stockend und versuchte, ihren Arm aus dem seinigen zu ziehen.

»Ich kann Sie, die Edle, Reine, nicht für eine Kokette halten. Aber, wo finde ich eine Erklärung für Ihr wechselndes Betragen? Bin ich ein eitler Narr, wenn ich zu sehen glaube, daß Sie gern, daß Sie am liebsten mit mir verkehren? Daß Ihre schönen Augen mir freudig entgegenleuchten? Wenn ich fühle, welch ein seltener Gleichklang zwischen unseren Ansichten, unseren Neigungen besteht? Wenn unsere fesselnden Erörterungen kaum ein Ende finden können? Sag, Korona, ist dies alles eitle, tolle Einbildung von mir? Sag es offen, demütige mich, wenn es sein muß, aber laß uns Klarheit finden.«

»Ich kann es nicht, Einsiedel, ich kann nicht nein sagen – Sie quälen mich entsetzlich!«

Der Weg endete in einer Laube, die, mit Tannen umstanden, ein verstecktes Plätzchen bot, hier trat das Paar ein und ließ sich auf der Bank nieder.

Goethe hatte den ganzen Nachmittag vergebens ein gutes Wort von der geliebten Frau zu erhaschen getrachtet, aber Frau von Stein hielt sich im Kreise der Kinder oder spazierte mit anderen Damen umher. Jetzt, nachdem Luise sie einer huldvollen Anrede gewürdigt und dann sich weiter gewandt hatte, versuchte er es, hinter ihr stehend, sie für sich zu gewinnen. Er flüsterte ihr viele gute Worte zu, erlangte, daß sie, sich umwendend, antwortete, und lockte sie, in ein Gespräch verwickelt, mit sich den Hauptweg entlang, dem Bassin und Gartenhause zu.

Auf sein drängendes Fragen nach ihrer Stimmung für ihn, entgegnete sie bekümmert: »Nun ja, ich gestehe, daß ich ein Schwanken Ihrer Wärme, ein Ab- und Zunehmen schmerzlich empfinde; aber ich weiß es schon und bin resigniert: für mich gibt es kein dauerhaftes Glück!«

»O Zweiflerin!« rief er innig. »Es ist gut, wenn ich nicht immer gleich stark fühle, wie lieb ich dich habe! Meine übrigen kleinen Leidenschaften, Zeitvertreibe und Miseleien hangen ja nur an dem Faden der Liebe zu dir, wendest du den Rücken, fällt alles in den Brunnen.«

»Und dennoch glaube ich, daß seit einiger Zeit vieles verändert ist,« erwiderte sie mit einem Seufzer.

»Wie tust du mir unrecht! Ein Hauch, ein Blick, Lotte, der nicht stimmend von dir zu mir herüberkommt, verändert die ganze Atmosphäre um mich. Laß uns ja auch nicht vorübergehend verkennen, was wir einander sind! Meine Liebe zu dir ist keine Leidenschaft, sondern eine Krankheit, aber eine Krankheit, von der ich nie geheilt werden will, die mir teurer ist als die vollkommenste Gesundheit!«

»Ich will nur einen Namen nennen, der mir – ich gesteh's offen – schon lange auf der Seele brennt: Korona!«

»O, die ist dir nicht ähnlich genug, beste Frau; ja, wenn sie ein halb Jahr um dich sein könnte; hat aber auch ihre andere amour

»Korona?« fragte sie erstaunt.

Er nickte und lachte; zufällig hatte sein scharfes Auge das Paar aus dem Seitenwege in die Laube treten sehen. Er lenkte mit Frau von Stein vom Mittelwege ab, drückte mit schelmischem Blick den Finger auf die Lippen und führte sie still an die Tannen.

»Sieh, Ungläubige!« raunte er ihr zu und bog einige Zweige zur Seite.

Fürwahr ein überraschendes, ein schönes Bild!

Korona saß auf der Bank, Einsiedel lag zu ihren Füßen und bedeckte ihre Hand mit heißen Küssen; sie legte den anderen Arm um seinen Hals und neigte sich zu ihm nieder.

»Korona!« flehte er, »sei offen gegen mich, sage mir alles!«

»Laß mir Zeit, Überlegung, Geliebter!« flüsterte sie dagegen. »Ja, ich will, ich muß mich gegen dich aussprechen, aber nicht jetzt, nicht bald. O, gönne mir nur Sammlung und zweifle nicht an mir!«

Goethe ließ die Zweige leise zusammenfallen und wandte den fragenden Blick groß auf seine Begleiterin.

»Das ist überzeugend,« flüsterte diese mit glücklichem Lächeln. Schweigend gingen sie von dannen. »Ich hätte dir ja auch ihre Liebe gegönnt,« fuhr sie fort. »O, gewiß gönne ich dir alles Gute; alles, was ich dir nicht sein und bieten kann!«

Sie verfolgten den Weg zur Gesellschaft zurück; Charlottens Gedanken richteten sich wieder auf das eben gesehene Paar.

»Kann das eine Heirat geben?« fragte sie wie im Selbstgespräch. »Er hat nur seine Hofkarriere, sie ist arm und bürgerliche Künstlerin?«

»Sie praktische Rechnerin!« lachte er. Und da man sich trennen mußte, flüsterte er ihr noch zu: »Darf ich heut abend kommen, den Kindern ein Märchen lesen, mit Ihnen essen und an Ihren Augen von mancherlei ausruhen? In einigen Tagen reise ich nach Ilmenau.«

Ein leises Bejahen und ein freundlicher Blick aus ihren schönen, sanften Augen erfüllte seine ganze Seele mit Glücksgefühl.

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