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Auguste von der Decken: Brausejahre - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorA. v. d. Decken
titleBrausejahre
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
printrunDreizehnte Auflage
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectide28046d1
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Wer recht will tun, immer und mit Lust,
Der hege wahre Lieb' in Sinn und Brust.

Mann mit zugeknöpften Taschen,
Dir tut niemand was zu lieb:
Hand wird nur von Hand gewaschen;
Wenn du nehmen willst, so gib!
Goethe.

Der alte Oberkämmerer von Göchhausen galt für den wunderlichsten Sonderling in ganz Weimar. Unverheiratet, wohlhabend, in seiner Jugend kränklich, hatte er eine ängstliche Selbstpflege, einen Kultus der Gewohnheit und Regelmäßigkeit sich zur Lebensaufgabe gemacht. Was nicht in nächster Beziehung zu seiner Person stand, existierte für ihn nicht. Er besaß ein eigenes Haus an der breiten Gasse, wo er mit Ursula, seiner Wirtschafterin, und Rohrmann, seinem Bedienten, seit etwa zwanzig Jahren in immer gleicher Weise lebte, sich auch einbildete, nie anders leben zu können. Seine Geschäfte nahmen wenig Zeit in Anspruch. Die Akten wurden jeden Morgen Rohrmann überantwortet und jeden Abend wieder abgeholt; nur einmal in der Woche mußte er in die Kanzlei, um dem Herzoge Bericht abzustatten und seine Befehle entgegenzunehmen. Wenn er zu Hofgesellschaften befohlen wurde, ging er hin, denn er hätte es der Würde eines Barons Louis Wilhelm von Göchhausen durchaus unangemessen gehalten, nicht bei Hofe zu erscheinen; dies waren aber auch die einzigen Gelegenheiten für ihn, mit Menschen zu verkehren.

Außerdem widmete er den ganzen Tag seinen beiden einzigen Leidenschaften: der Ordnungsliebe und der Reinlichkeit, Tugenden, welche in seiner Übertreibung Untugenden wurden, und neben einer großen Sparsamkeit ihn ganz beherrschten.

Es konnte keine Tageseinteilung regelmäßiger sein, als die des Oberkämmerers. Rohrmann erschien im Winter und Sommer um sechs Uhr, trug auf einem Teller ein Glas Wasser und sagte: »Guten Morgen, Herr Baron, es ist Aufstehenszeit!«

Dann erhob sich Herr von Göchhausen, trat unbedingt mit dem rechten Fuße zuerst auf die Erde, hustete dreimal – er wäre lieber erstickt, als daß er es sich ein viertes Mal gestattet hätte – und nahm den Schlafrock. Nun wurde der ganze Mann in möglichst gründlicher Weise gewaschen, gebürstet, gebadet, gerieben und abgespült. Dann legte er silbergraue Beinkleider, feine Strümpfe und Schuhe an, eine graue langschößige Weste folgte, wohlgefältete breite Jabots, ein steifes weißes Halstuch bis dicht unter die Ohren reichend, so daß sich der kleine Kopf kaum wenden konnte; ein gleichfalls silbergrauer Rock mit breiten Taschen und glänzenden Knöpfen vervollständigte den Anzug, welchen eine gepuderte Perücke mit zierlichem Zopf und großen Seitenlocken, sowie ein betreßter dreieckiger Hut krönte. Dann nahm der Baron seinen hohen Stock mit silbernem Knopf und schritt der Haustür zu, um Punkt acht Uhr auf die breite Gasse hinauszutreten und seine erste Morgenpromenade zu beginnen. Auch die Promenade hatte ihren gewiesenen Weg und ihr ganz bestimmtes Ziel, das war die kleine Schleuse am Schwansee, auf welche er dreimal mit dem Stocke schlug, und wie nahe Arbeiter gehört haben wollten, dazu sprach: »Baron Louis Wilhelm von Göchhausen ist dagewesen!« Dann wandte er sich und kehrte nach seinem Hause zurück.

Frau Ursula hatte jetzt eine Milchsuppe und einige Schnitte Weizenbrot bereit, die er mit besonderen Feierlichkeiten genoß.

War der Tag in strengster Gleichmäßigkeit hingebracht, so erschien Abends neun Uhr Rohrmann wieder mit einem Glase Wasser und sagte: »Gute Nacht, Herr Baron, es ist Schlafenszeit!« – Worauf der Oberkämmerer sich sofort erhob und unter dem Beistande seines Dieners das Lager aufsuchte.

In diese wohlgeordnete Häuslichkeit paßte ein fremdes Element sehr wenig, und doch war es dem alten Herrn beschieden, ein solches bei sich aufzunehmen.

Es war etliche Tage vor Goethes Ankunft in Weimar, als der Baron Göchhausen ungewöhnlich erregt in seinem Arbeitsstübchen auf und ab schritt. Er hielt die Bewegung zu dieser Stunde für ungesund, und zürnte sich selbst deshalb, noch mehr aber der Veranlassung seiner Unruhe.

»Es geht nicht! Es geht nicht, und es geht nicht!« murmelte er, auf und ab schreitend, in verschiedener Betonung vor sich hin. »Seit ihr Brief da ist, Wallungen, Unruhe, Zerstreutheit; wie soll das werden? Es reibt mich auf! – Selbsterhaltung – Notwehr! O ihr schrecklichen Weiber! Und in einer halben Stunde!« seufzte er stehen bleibend, die Stirn trocknend und den Blick mit verzweifelndem Ausdruck auf eine dicke silberne Taschenuhr, die an seinem Schreibtische hing, richtend, und eben halb acht wies.

Einen Augenblick nur zögerte er noch, dann setzte er sich an den Tisch, ergriff einen langen Gänsekiel und begann zu schreiben.

»Ich werde ihr sagen,« murmelte er, »daß meine Gesundheit mir verbietet, Besuch zu empfangen, daß sie Mitleid haben soll mit einem leidenden Greise, daß ich sie anflehe, mir den Embarras nicht aufzuladen; mit diesem Briefe schicke ich Rohrmann zur Post.«

Das Billett war gefaltet, der alte Herr klingelte, und Rohrmanns große knochige Gestalt erschien in der Tür; der Versuch eines Lächelns erhellte das pergamentartige Gesicht, als sein Herr voll überredender Güte zu ihm sprach: »Sieh Er diesen Brief, Rohrmann, derselbe muß in die Hand eines jungen Frauenzimmers gelangen, das um acht Uhr mit der gothaischen Post ankommt. Sie will uns besuchen, heißt Luise von Göchhausen, und Er weiß selbst, Rohrmann,« fügte er, seine schwimmenden Äuglein mit kläglichem Ausdruck nach oben kehrend, hinzu, »daß ich zu leidend bin, um Damenbesuch anzunehmen; wende Er also diese Inkommodität von Seinem armen Herrn, und sag Er der Person mündlich, daß sie partout wieder abreisen müsse!«

Rohrmann verschwand, und der Baron atmete erleichtert auf. Er begann wieder ruhig und behaglich zu werden, konnte still sitzen, schob die Feder hinter das Ohr und studierte jetzt, da er die Gefahr als beseitigt ansah, mit Muße zwei vor ihm liegende Papiere. Der Anmeldebrief seiner Nichte lautete:

»Karlsruhe, den 15. Oktober 1775.

Teurer Oheim, Vormund und Gevatter!

Es hat sich in dieser mit Gott hinschleichenden Zeit begeben, daß Ihrer submissest unterzeichneten Nichte – wie Einliegendes ausweist – der Stuhl vor die Tür gesetzt worden. Selbige schaut sich um in der weiten Welt und gewahrt, daß ihr verehrter Oheim in Weimar der einzige ist, welcher gegründete Ansprüche an ihre Person zu erheben hat. In edlem Gerechtigkeitseifer und nach dem Spruch: gebt jedem das Seine! ist sie entschlossen, ihr Dasein dem Wohl und Penchant des ihr unbekannten, aber verehrten Herrn zu widmen.

Morgen verlasse ich Karlsruhe – das keine Ruhe mehr für mich bietet –, um am zweiten November mit der gothaischen Post in Weimar anzukommen!

Bis dahin Geduld, o Sehnsucht!

Ergebenst und gehorsamst, cher oncle, Ihre devoteste Luise von Göchhausen.«

»Das muß ein übermütiger Satan sein!« murmelte der alte Herr, nachdem er den Brief wieder gelesen hatte, dann nahm er das zweite Schreiben vor; es war ein großes, mit markgräflichem Siegel versehenes Dokument und enthielt die Entlassung der Hofdame Luise von Göchhausen aus dem Dienst Ihrer Durchlaucht der Frau Markgräfin von Baden.

»Was mag sie nur für kniffliche Sachen angezettelt haben?« fragte sich der alte Herr kopfschüttelnd. »Eine solche Hexe sich ins Haus nehmen, brrr!«

In diesem Augenblicke ging unten die Glocke der Haustür; »Rohrmann schon wieder da?« dachte der Baron erstaunt und lauschte.

Leichte Schritte eilten die Treppe herauf; der Oberkämmerer erbleichte, ein Zittern befiel ihn, ängstlich blickte er auf die Tür – sie wurde geöffnet und herein trat ein rasches kleines Frauenzimmer.

Sie war es! Die unabwendbare, gefürchtete Nichte, Luise von Göchhausen, stand vor ihm! Und wie! Spöttischen Ernst in den geistreichen Augen, ein ironisches Lächeln um den großen Mund, auf dem leichtgepuderten Haar einen weißen Musselinhut und über den braunen Reiserock ein grasgrünes Mäntelchen geworfen. Die ganze kleine Gestalt, etwas verwachsen, schien zu sagen: ja, sieh mich nur an! übersehen sollst du mich nicht!

»Da bin ich, cher oncle!« rief sie munter und griff nach seiner Hand, um sie zu küssen.

»Hast du meinen Brief nicht bekommen?« stotterte er.

»Gewiß, mein teurer Oheim!« entgegnete das junge Mädchen, »und sein Inhalt beflügelte meine Schritte; den Leidenden zu pflegen, zu unterhalten, wird meine künftige Lebensaufgabe sein!«

Ein Schauder überlief den Oberkämmerer. »Ich kann das nicht akzeptieren,« sagte er nach Festigkeit ringend.

Luise trat zurück. »Warum nicht?« fragte sie.

»Weil, weil –« stammelte er, »weil ich dich nicht kenne – und –«

»Nicht kenne?« betonte sie scharf; ein tiefer, trauriger Ernst sank wie ein Schleier über das lustige Gesicht. »Der einzige Bruder meines Vaters, mein Vormund, mein Pate kennt mich nicht? Großer Gott, wer kennt mich denn? Dann bin ich ganz allein und verlassen auf der Welt!«

Eine augenblickliche Pause trat ein; dem alten Baron brach der Schweiß aus, es erschreckte ihn furchtbar, daß er für ein Wesen außer sich sorgen solle, ja vielleicht Teilnahme dafür gewinnen könne. Er wollte diesen ersten selbstlosen Anwandlungen entfliehen und polterte heraus: »Warum macht Sie unnütze Streiche? Warum wird Sie fortgejagt?«

Wie Sonnenschein flog es bei diesen Worten über die Züge des Mädchens.

»Es war ein sehr guter Spaß, cher oncle!,« sagte sie, ein Auflachen kaum unterdrückend. »Um vieles möchte ich den nicht ungeschehen machen!«

»So trag die Folgen!«

»Ich muß wohl.«

»Ich weiß nicht, was du beginnen willst, denn in meinem Hause ist kein konvenabler Aufenthalt für dich. Du kannst ja nach Frankreich zu den Verwandten deiner Mutter gehen.« Aufatmend nach diesem Auskunftsmittel ließ er sich wieder in seinen Sessel vor den Schreibtisch gleiten.

Luise hockte zu seinen Füßen auf einem Aktenkasten und sagte: »Wie ist es möglich, daß mein Oheim von dem Ableben aller jener Verwandten nichts weiß?«

»Ein Sachwalter hat dein kleines Vermögen unter Händen – an ihn schickte ich alles, was von dir einlief; nur deinen letzten Brief bekam ich von ihm zurück,« stotterte er.

Sie sah ihn verächtlich an. »Gut!« sprach sie endlich ernsthaft, »kann ich nicht bei Ihnen bleiben, so muß ich mich allein durchschlagen. Die Straße, in welcher Sie wohnen, hat mir gefallen, es wird irgendwo, etwa gegenüber, ein Zimmerchen zu vermieten sein; dahin ziehe ich und arbeite, weil ich sonst kein Brot habe; ich werde Putzmacherin und schaffe mir ein Schild an, auf dem mit großen Buchstaben zu lesen ist: Luise von Göchhausen, Nichte, Mündel und Pate des Herrn Barons Oberkämmerer von Göchhausen, bittet um gütigen Zuspruch als – Putzmacherin!«

Empfindlicher hätte sie ihn nicht treffen können; seinen Namen preisgeben, das vertrug er nicht! Er putzte das Licht und wandte es, um ihr Gesicht anzusehen: ob sie ihren Vorschlag ernstlich gemeint habe. Er saß da in seinem abendlichen grauen Überwurf, mit den dicken Locken, den hervortretenden Augen und der langen Schreibfeder hinter dem Ohr, wie ein grau bestaubter Käfer, der prüfend sein Fühlhorn ausstreckt.

Sie dagegen glich mit ihrer kleinen, kecken Gestalt und in ihrem grünen Mäntelchen einer lustig zirpenden Grille.

»Oder,« fuhr sie unbekümmert fort, »wenn es hier einen Hofbäcker gibt, könnte ich in seinem Laden verkaufen; vielleicht würde das seine Kundschaft vergrößern!«

Dem Baron und Oberkämmerer schauderte es. Er rieb sich die Stirn und rang seine wohlgepflegten Hände. Sie ließ ihn, mit lachenden Seitenblicken, in selbstgeschaffenen Leiden zappeln.

Endlich sagte er: »Mir geht ein Licht auf; eine wahre Inspiration! Ihre Durchlaucht die Frau Herzogin-Witwe hat die bisherigen Hofdamen der jungen Herzogin Luise abgetreten und sieht sich nach einem Gesellschaftsfräulein um. Wenn ich meinen Einfluß aufbiete, hoffe ich dir die Préférence zu verschaffen.«

Luisen gefiel dieser Vorschlag. Der Ruf der Herzogin Anna Amalia, als einer munteren und geistvollen Dame, war nach Karlsruhe gedrungen, und die Verhältnisse des weimarischen Hofs in den dortigen Kreisen oft besprochen; ja, sie hatte die jungen Herrschaften, Karl August und Luise, schon im Herbste dort gesehen. Eine Stellung bei der Herzogin sagte ihr allerdings besser zu, als der Aufenthalt im Hause des ungastlichen Oheims.

»Sie denken, daß es möglich wäre, Onkel?« fragte sie rasch.

»Ja, ja!« versetzte er, sein Haupt schüttelnd, soweit die hohe Krawatte dies zuließ. »Wenn nur nicht – dieser Abschied – diese Betisen! Davon darfst du nicht sprechen. Der Herzogin werde ich sagen, ich habe dich aus väterlicher Attention aus dem badenschen Dienstverhältnisse enleviert; so gibt es für uns beide mehr Lüstre.«

Das junge Mädchen lächelte fein. In diesem Augenblicke schlug es von der Stadtkirche neun, und gleich darauf trat Rohrmann mit dem Glase Wasser und der allabendlichen Rede: »Gute Nacht, Herr Baron, es ist Schlafenszeit!« in das Zimmer.

Der kleine Oberkämmerer fuhr wie von einer Wespe gestochen empor; hatte er kurze Zeit seiner Nichte einige Teilnahme zugewandt, so war er jetzt wieder der alte pedantische Egoist.

»Gute Nacht! Gute Nacht!« rief er forteilend seiner Nichte zu.

»Aber wo sollen wir denn hin, wo sollen wir Abendbrot und Logis hernehmen, wenn Sie nicht den Befehl dazu geben?« fragte sie rasch.

Der alte Herr war stehen geblieben.

»Wir? – Wir?« sprach er mit strenger Betonung. »Das Fräulein von Göchhausen wagt es, mit einem Galan unter das honette Dach ihres Oheims zu kommen?«

Luise lachte laut. »Das Fräulein von Göchhausen hat und braucht keinen Galan,« entgegnete sie spöttisch, »eine Kammerzofe aber hat und braucht sie, so lange, bis sie Putzmacherin oder Küchenmädchen ist.«

»Gut,« sagte er erleichtert, »so geh zur Ursula und befiehl ihr in Gottes Namen, daß sie für euch sorgt.«

Mit diesen Worten verschwand er, bedenklich nachsinnend, welche Folgen die Aufregung des Abends noch für ihn haben könne.

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