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Auguste von der Decken: Brausejahre - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorA. v. d. Decken
titleBrausejahre
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
printrunDreizehnte Auflage
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectide28046d1
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Die Stätte, die ein guter Mensch betrat,
Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt
Sein Wort und seine Tat dem Enkel wieder.
Goethe, »Tasso«.

Anfangs ist es ein Punkt, der leise zum Kreise sich öffnet,
Aber wachsend umfaßt dieser am Ende die Welt.
Hebbel über Goethe.

»Er ist da, Christel! er ist da!« rief ein frisches hübsches Mädchen, indem es rasch die Tür eines Kämmerchens aufstieß und mehr springend als gehend eintrat.

In dem kleinen Schlafzimmer herrschte noch Dämmerung; das halbe Licht eines Novembermorgens vermochte nicht viel Helle zu verbreiten; man erkannte kaum ein einfaches, weißumhangenes Bett und einige binsenbeflochtene Stühle.

»Aber wie finster ist es noch bei dir, Langschläferin!« fuhr die Eintretende fort; ging an das Fenster, schlug die Vorhänge zurück, betrachtete fröstelnd den ersten langsam herabflatternden Schnee und trat an das Bett. Eine jugendliche Mädchengestalt richtete sich eben halb empor, öffnete groß die Augen und sagte: »Wie früh kommst du, Gustchen, eben graut der Tag, Tante Barbara hat noch nicht angeklopft.«

Auguste von Kalb, die Besuchende, zog einen Stuhl an die Bettkante, setzte sich und ergriff die kleine weiße Hand der Freundin.

Die beiden jungen Mädchen waren sehr verschieden; so frisch, üppig, brünett und lebhaft Gustchen Kalb erschien, so zart, blond und sanft war Christel Laßberg; ihre blauen Augen schimmerten halbversteckt unter schweren Lidern und langen gekräuselten Wimpern; das weiche Oval des Gesichtes, die ruhige Unbeweglichkeit der mattgefärbten Züge, bildeten einen Gegensatz zu der lachenden, beweglichen Erscheinung der anderen.

Die frühe Morgenstunde hatte Auguste nicht verhindert, sich festlich zu kleiden, und der weiße Musselinanzug, nach der Mode des Jahres 1775 mit Falbeln ausgeputzt, sowie ein durch die schwarzen, leichtgepuderten Locken geschlungenes gelbes Band stimmten vortrefflich zu dem Rot der bräunlichen Wangen.

»Ich habe dir unendlich viel zu erzählen!« sagte sie hastig, mit den Fingern der Freundin spielend.

»Gestern nachmittag, nachdem du fortgegangen warst, kam ein Expresser von meinem Bruder, der meldete, daß er und sein Gast die Nacht durchfahren und heute früh bei uns ankommen würden.«

»Ach! heute?« sagte Christel, indem sie sich etwas mehr aufrichtete.

»Ja, ja! und sie sind da! Aber höre mich ruhig an, denn ich muß dir von einer sehr wichtigen Unterredung mit Papa erzählen. Kaum war des Boten Brief eine halbe Stunde in Papas Händen, so ließ er mich rufen. Als ich eintrat, sah ich, daß die Eltern augenscheinlich eine wichtige Besprechung gehabt hatten. Frau Mama saß auf dem Thron am Fenster, und Herr Papa ging in seinem gelbblumigen Hausrock im Zimmer umher und ruckte so arg mit dem Kopfe, daß der Haarbeutel bald über dem rechten, bald über dem linken Ohr erschien, und das hat immer etwas zu bedeuten. Ich stand und machte meinen Knicks, küßte Papa die Hand und fragte, was er befehle?

»Er räusperte sich, ja er klopfte mir die Wange, Mama wurde rot und bückte sich über ihre Filetarbeit, endlich sagte er: ›Gusta, mein Kind, dein Bruder kommt zurück und wird einen Gast mitbringen, den Freund Seiner Durchlaucht unseres allergnädigsten Herzogs, daher ist es eine Ehre für uns, ihn zu empfangen; man muß ihm das Haus angenehm machen, hörst du, Gusta! Jugend gesellt sich gern zur Jugend, dir wird es also dann und wann obliegen, den jungen Mann zu unterhalten.‹ – Mein Herz klopfte vor Vergnügen bei diesem Auftrage! – ›Nun aber erheischt es meine Vaterpflicht dich zu warnen; dieser Doktor Wolfgang Goethe soll ein wilder, unbändiger Jüngling sein, absonderlich gefährlich für jedes wohlgebildete Frauenzimmer; hüte dich also, nicht zu denen zu gehören, von welchen er in Büchern schreiben kann! Hüte dich auch, einen Gedanken an die Möglichkeit ehelichen Bündnisses aufkommen zu lassen; denn obgleich er der erwählte Freund unseres Herrn Herzogs Durchlaucht sein soll, ist er nur ein Frankfurter Bürgerssohn und die Verbindung mit einem solchen für ein adliges Fräulein nimmermehr zulässig.‹

»Ich schwieg ergeben lauschend, der Papa fuhr, das Haupt bedächtig wiegend, fort: ›Wenn nicht alle Zeichen trügen, wird dieser Herr Wolfgang Goethe für die nächste Zeit der einflußreiche Freund Seiner Durchlaucht werden. Als unser gnädigster Fürst im Winter mit dem Prinzen Konstantin und Herrn von Knebel in Paris war, besuchten sie auf der Durchreise den jungen Goethe in Frankfurt. Nachher trafen sie sich wieder in Mainz, und ein absonderliches Wohlgefallen an dem Doktor bestimmte unseren Herrn Herzog, ihn zu sich einzuladen; mein Sohn wurde jetzt beauftragt, ihn abzuholen; man ästimiert ihn also auffällig genug; er wird hier sehr in seiner Assiette sein –‹

»Papa räusperte sich: ›Ich bin ein alter Mann,‹ fuhr er in kläglichem Tone fort, ›meine Amtspflichten werden mir täglich lästiger, die Art und Weise der jetzigen Regierung stimmt nicht mehr zu mir, ich sehe mich nach einem Nachfolger um! Aber es ist mir nicht gleichgültig, wer meinen Platz einnimmt; das Glück des Landes hängt von der würdigen Besetzung dieses hohen Postens ab, meine Pflicht ist es, dem Herrn Herzoge einen tüchtigen Mann vorzuschlagen. Dein Bruder ist bereits Kammerjunker und hat mich in meinen Geschäften oftmals unterstützt, in seine Hände möchte ich mein Amt niederlegen. Dieser Wunsch muß mit Delikatesse behandelt werden; du, Gusta, bist aber vielleicht im stande, durch den Günstling für deinen Bruder zu wirken; man darf kein Mittel gering achten, das Familienwohl zu fördern! Politesse also, mein Kind, Zuvorkommenheit, aber in den angedeuteten Grenzen!‹

»Ich verneigte mich mit einem: ›Wie der Herr Papa befiehlt!‹ und verließ nach seinem Winke das Zimmer.

»Was sie von mir wollen, sehe ich klar genug, Christel, der Speck soll ich sein, um für den Bruder die Maus zu fangen; ich soll seinetwegen mit Doktor Goethe liebäugeln, bah! ich weiß, was ich will, und werde mein eigenes Vergnügen bedenken: ist er schön, gefällt er mir, wie sein ›Werther‹, so gehorche ich, wie weit, das ist meine Sache.

»Ich schaute, als ich die Treppe hinanstieg, ins Gastzimmer, da war alles auf das beste hergerichtet; ein Wachslicht auf dem Leuchter und zwei Flaschen Wein, wenn sie in der Nacht kämen. Als ich an das Fenster trat und in den Hof hinaussah, bemerkte ich, daß man sehr gut in mein Stübchen im Seitenflügel blicken könne; also kann ich auch sein Fenster übersehen. Und nun rate, Christelchen, warum ich nicht gleich herumkam, um dir alles zu erzählen; rate, was ich Wichtiges zu beschaffen hatte?«

Das stille blonde Mädchen lächelte. »Nun?« fragte sie entgegen ohne sonderlichen Eifer.

Auguste ertrug die Ruhe der Freundin schwer.

»Raten wirst du es doch nicht, du harmlose Taube!« rief sie, »so wisse denn: ich kramte mein Zimmer um! Vor das bewußte Fenster trug ich mein Nähtischchen, auch das Spinnrad, Stuhl und Bank; ich schürzte die Vorhänge etwas höher, rieb die Scheiben klar und ersah mir eine Ecke, von der aus ich auch ungesehen hinüberspähen konnte; dann nahm ich ›Werthers Leiden‹, sein himmlisches Buch, bei dem wir so oft süße Tränen weinten, und setzte mich, in Vorgefühlen schwelgend, auf den neuen Platz.

»Daß ich in dieser Nacht, da er jeden Augenblick ankommen konnte, nur halb schlief, wirst du begreifen! Endlich, als kaum der Tag graut, tönt ein Posthorn, ich höre das Knarren der schweren Haustür, des Bruders Stimme auf dem Korridor, Türen werden geschlagen, Koffer werden die Treppe heraufgeschleift. Bebend vor Kälte und Erwartung stürze ich im Dunkeln ans Fenster – da wird drüben das Zimmer hell – man hat Licht angezündet.« –

»Und du hast ihn gesehen?« rief Christel sich rasch aufrichtend und mit flüchtigem Rot übergossen.

»Zwei Schatten habe ich gesehen, welche sich die Hände schüttelten, dann ging mein Bruder hinaus und die Treppe hinab nach seinem Zimmer; und nun kommt das beste: er trat an das Fenster und sah sich um; aber das Licht stand hinter ihm, ich gewahrte nur eine Silhouette und auch die nur kurze Zeit und undeutlich; aber getrost, heute werde ich ihn genau sehen! Christel, begreifst du meine Freude? Mit ihm, dem Dichter des Werther, unter einem Dache!«

Es war schwer zu sagen, ob Christel begriff oder nicht; sie hatte die Arme über den Kopf gelegt und die großen blauen Augen mit träumerischem Ausdruck hinauf in die Falten des weißen Bettumhangs gerichtet. Als sie die Antwort schuldig blieb, wurde Auguste ungeduldig.

»Du bist stumm wie ein Fisch!« rief sie, »warum sitze ich noch hier? Vielleicht kann ich ihn am Fenster sehen, es ist hell genug! Adieu, mein kleiner Fisch, mein Goldfisch!« fügte sie tändelnd hinzu, indem sie eine gelbblonde Locke der Freundin um den Finger rollte, rasch Christels weiße Stirn küßte, und ebenso lebhaft, wie sie gekommen war, aus dem Zimmer eilte.

Die Zurückbleibende machte keinen Versuch, ihren munteren Gast länger festzuhalten; unbeweglich lag sie da, wie geistesabwesend. Dieser seltsame Zustand hatte sich in ihrer Kindheit oft bis zur Erstarrung gesteigert; jetzt überfiel er sie mehr wie waches Träumen; Fühlen und Denken flossen ineinander. Ein süßes unklares Schauen, dem sie sich nicht entreißen mochte, trug sie weit über alle Wirklichkeit hinaus, bis sie, gewaltsam aufgerüttelt, oder durch zufälliges Geräusch geweckt, wieder zu sich kam und verwundert, manchmal weinend um sich blickte.

Christine von Laßberg war die einzige Tochter des weimarischen Obersten Maximilian von Laßberg. Ihre Mutter, eine Schwedin, war bei der Geburt dieses jüngsten Kindes gestorben. Ihre Brüder, bedeutend älter als sie, hatten sobald als möglich das Haus verlassen. Der alte Oberst war als einer der tyrannischsten Hausväter bekannt und deshalb fühlten sich die Kinder nicht wohl in der Heimat.

Nach dem Tode seiner leidenschaftlich geliebten Frau nahm er seine unverheiratete Schwester, Tante Barbara, in das Haus, eine vortreffliche alte Dame, welche mit der zärtlichsten Sorgfalt die schwache kleine Nichte aufzog. Anfänglich wollte der Oberst nichts von dem Töchterchen wissen; er hatte einen eigensinnigen Grimm auf das blasse Kind geworfen; nach und nach aber, als er bemerkte, wie ähnlich Christine ihrer schönen blonden Mutter wurde, gewann er Teilnahme, ja eine stolze Freude an dem Mädchen. Sie war jetzt siebzehn Jahre alt und ohne alle Beschränkung aufgewachsen. Weder Vater noch Tante hinderten sie in ihren Neigungen, und harmlos genug waren dieselben; zu verbieten wäre ihr selten etwas gewesen, eher zu gebieten, denn in ihrem ganzen Wesen lag eine schlaffe träumende Tatlosigkeit.

In dem alten Hause des Obersten war eine schattige, weinumrankte Gartenstube, vor der ein immerfließender Brunnen plätscherte, und in einem klaren Rinnsal durch den Garten ablief; auf den steinernen Stufen dieses Brunnens, oder in einer dämmernden Ecke unter Weinblättern saß das Kind ganze Tage lang. Mit zufriedenem Lächeln um den lieblichen Mund, schaute es hinauf in die flüsternden Blätter, oder verfolgte das fortrinnende Wasser.

Talente zeigten sich gar nicht bei der Kleinen, sie lernte schwer und wenig; selbst die gebräuchlichen weiblichen Handarbeiten waren ihr zuwider. Und doch war das Mädchen nicht einfältig. Es besaß ein reges, ja ein mutiges Rechtsgefühl, und trat nicht selten als Vermittlerin zwischen dem herrischen Vater und den Brüdern auf. Mit lebhafter Phantasie erging es sich in langen Gesprächen zwischen den Vögeln, dem Brunnen, dem Weinstock und der Puppe, so daß Tante Barbara, ja der Vater selbst oft mit stillem Entzücken lauschten.

Ihre Freundschaft mit Auguste von Kalb war mehr durch die Verhältnisse als aus Übereinstimmung entstanden. Die Häuser der Eltern lagen nebeneinander, ebenso die Gärten, letztere nur durch eine Stachelbeerhecke getrennt, in der das unbändige Gustchen, stets die Besuchende, manches Stück ihrer Kleidung hängen ließ. Sowohl der alte Kammerpräsident wie der Oberst waren zu hochmütig oder eigensinnig gewesen, eine Verbindungstür herstellen zu lassen. Sie waren Leute der alten Zeit; sie lebten in ihren abgesonderten engen Schneckenhäusern, aus denen sie kaum hervorkrochen, um sich an einem allgemeinen, öffentlichen Interesse zu sonnen. Die Nachbarschaft hatte dazu gedient, eine gewisse Spannung zwischen den beiden Häusern zu bilden, die ihren Grund in einem ähnlichen Streben und ihre Nahrung in gehässigen Beobachtungen gefunden hatte. Der Kammerpräsident von Kalb war Exzellenz und gründete darauf Ansprüche, welche dem alten, derben Haudegen Laßberg übertrieben vorkamen. Den Kalbs schien alles zu gelingen, während es bei Laßberg vielen Kummer und Verdruß gegeben hatte. Seine Frau war früh gestorben, seine Söhne hatten in Unfrieden das Haus verlassen; die Kalbschen Söhne dagegen waren gut untergebracht; der jüngere, als Kammerjunker beim Weimarschen Hof angestellt, hatte sich vor drei Jahren mit einer reichen Frau vermählt.

Wo man vergleicht, ist der Neid nicht fern; die beiden Herren waren echte Vergleichsbrüder; sie konnten eine Schar vom Glück begünstigter Leute unbeneidet vorübergehen sehen, sowie aber dann einem von ihnen Gutes geschah, wurde der andere verdrießlich. Bei dem alten, zeitweise unbeschäftigten Laßberg hatte sich nachgerade eine bittere Stimmung festgesetzt, die in schlimmen Stunden den Groll über das Schicksal auf den Nachbar übertrug.

Am 3. September dieses Jahres 1775 war die Mündigkeitserklärung des neunzehnjährigen Herzogs Karl August erfolgt. Die Herzogin-Mutter hatte ihm freudig die Geschäfte der Regierung übergeben, sich selbst in das Privatleben zurückziehend. Ihr Einfluß auf den Sohn und ihre Sorge für denselben blieben aber unablässig rege. Sie glaubte den kräftigen, unbändigen Jüngling am leichtesten durch eine Heirat zu zähmen, und vermochte ihn, sich am 3. Oktober mit der reizenden Landgräfin Luise von Hessen-Darmstadt zu vermählen. Das junge Paar war seit vier Wochen in Weimar, und der Hofstaat für dasselbe eingerichtet.

Anna Amalie hatte ihrer Schwiegertochter zwei junge, schöne Hofdamen abgetreten, die anmutige, neckische Adelaide von Waldner und die verständige Henriette von Wöllwarth; sie selbst war vorderhand ohne Gesellschaftsfräulein. Diese Stellung bei der allverehrten Herzogin wünschte Laßberg für seine Tochter.

Zufällig hatte Anna Amalia sich tadelnd gegen ihn über Auguste Kalb ausgesprochen – und der Oberst die Gelegenheit ergriffen, nach einem väterlich bescheidenen Lobe der Tochter, Christel als Hofdame zu empfehlen. Er wagte sich offen mit seinen Wünschen hervor, da er jetzt wußte, daß »die gefallsüchtige Kalb« nicht vorgezogen werden würde.

Die Herzogin hatte sich unbestimmt geäußert, Laßberg sah, daß alles auf einen persönlichen Eindruck, den die Tochter mache, ankomme, und erbat sich die Ehre, sein Kind auf dem nächsten Balle der hohen Frau vorzuführen. Anna Amalie bewilligte diesen Wunsch freundlich. Seitdem gab es keinen anderen Gedanken, kein anderes Gespräch im Hause des Obersten, als Christels Aussichten, als den Festabend, als die vortreffliche Herzogin und den Putz des jungen Mädchens. Tante Barbara mußte natürlich ihr Pflegekind begleiten; sie war nie so geschäftig, so ängstlich bedacht auf die Mode, so freudig und unruhig zugleich gewesen.

Auch Christel dachte seit dem Morgenbesuch der geschwätzigen Freundin mit unbeschreiblicher Wonne und laut klopfendem Herzen an ihre Aussichten, und diese Gedanken waren es, welche sie in eine so tiefe Träumerei versenkten.

Sie hatte seit einigen Jahren Bertuchs Bilderbuch aus der Hand gelegt und statt dessen mit leidenschaftlich erregten Gefühlen »Götz von Berlichingen« und jetzt »Die Leiden des jungen Werther« gelesen.

Nun kam Er! Der Schöpfer jener Gestalten, für die ihre empfängliche Seele glühte, Er! dessen Ruf schon jetzt die Jugend begeisterte und dem Alter ein bedenkliches, staunendes Kopfschütteln abnötigte, Er! der Freund des Herzogs, Kalbs geehrter Gast, der als »gefährlich« geschilderte Hausgenosse der Freundin. Ein Meer von Gedanken, von Möglichkeiten, Ahnungen und Hoffnungen flutete über sie herab. Sie sollte, sie mußte ihm begegnen, wenn sie vor der Herzogin auf dem Ball erschien.

Ein Viertelstündchen nach Augustes Fortgehen trat Tante Barbara in das kleine Schlafzimmer; sie trug in der Hand eine glänzende Zinnschale, in welcher eine Milchsuppe dampfte; leise hatte sie angeklopft, leise nahte sie dem Bette ihres Lieblings.

Christel lag mit offenen Augen; bei dem Nahen der mütterlichen Frau kehrte ihr Geist in die Gegenwart zurück, und zärtlich breitete sie die Arme der Kommenden entgegen.

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