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Auguste von der Decken: Brausejahre - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorA. v. d. Decken
titleBrausejahre
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
printrunDreizehnte Auflage
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectide28046d1
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Du kennest lang' die Pflichten deines Standes
Und schränkest nach und nach die freie Seele ein.
Der kann sich manchen Wunsch gewähren,
Der kalt sich selbst und seinem Willen lebt;
Allein wer andre wohl zu leiten strebt,
Muß fähig sein, viel zu entbehren,
Goethe.

Goethe erkannte sehr wohl, daß seine Stellung zur Herzogin Luise, nach der plötzlichen Entfernung des Grafen Görtz, wieder eine weniger gute geworden sei; außerdem verdroß es ihn, daß es ihm nicht gelang, trotz allem heißen Wünschen und Bemühen, ein besseres Verhältnis zwischen dem Herzog und seiner Gemahlin anzubahnen.

Er war es aber nicht allein, der außer den Beteiligten unter dieser Störung litt.

Der nähere Kreis der Herzogin Amalie wußte, wie betrübt die edle Frau über das Mißverhältnis des jungen fürstlichen Paares war; ein Zustand, für welchen sie aber doch ihren Sohn in erster Linie verantwortlich machen mußte. Vergebens sann auch sie, wie zu helfen sei.

Karl August lehnte jeden Versuch der Vermittlung schroff ab; und so blieb nichts übrig, als vorläufig die Dinge gehen zu lassen.

In dieser Mißstimmung wandte sich Goethe mit wärmerem Anschluß denn je an die Freundin. Er fand auch, was er billigerweise erwarten konnte, aber doch nicht alles, was sein liebesehnendes Herz begehrte, und immer wieder erneuerten sich zwischen den beiden Menschen jene Kämpfe des Wollens und Sollens, der Leidenschaft und Pflicht, welchen Charlotte gewöhnlich durch eine Flucht und längeren Aufenthalt in Kochberg, wohin Goethe ihr nicht folgen durfte, entrann. Manchmal aber räumte auch er das Feld, und so geschah es in diesem Winter. Die Verlobungsfeten der Kalb, mit der er nie wieder auf einen freundschaftlichen Fuß gekommen war, die Festlichkeiten dem Brautpaare zu Ehren zogen ihn nicht an, er faßte den Entschluß, einen längeren Ausflug zu unternehmen.

Der Aufforderung des Herzogs, eine Wildschweinjagd in der Gegend von Eisenach mitzumachen, folgend, ritt er mit dem Versprechen, bald wiederzukommen, der munteren Jagdgesellschaft davon und machte eine Harzreise im Dezember, die manche Beschwerden brachte, ihn aber mit neuem Mut, neuer Festigkeit erfüllte.

Jeden Tag schrieb er der Freundin; in einem der Briefe sagte er: »Diese Reise ist wie ein kaltes Bad, das einen aus bürgerlich wollüstiger Abspannung wieder zu neuem, kräftigem Leben zusammenzieht!« – Dann klagte er über Heimweh nach ihr und fügte hinzu: »Ich habe Dir viel unterwegs erzählt; o, ich bin ein gesprächiger Mensch, wenn ich allein bin!«

Als er endlich zurückkam, trug er seine Gedichte und Bemerkungen, die er auf der Reise gesammelt, unverzüglich zur Freundin.

Sie empfing ihn wie immer herzlich und mit der lieblichen Klarheit ihres Wesens, die ihn so sehr entzückte.

Alles brieflich Angedeutete malte er ihr aus, und sie ging mit warmer Teilnahme auf seine Gedanken und Erfahrungen ein.

Der Winter verging unter den hergebrachten Freuden und Festlichkeiten.

Seckendorfs Hochzeit mit Auguste wurde bei herannahendem Frühjahr in so geräuschvoller Äußerlichkeit gefeiert, daß der Oberst von Laßberg im Nachbarhause aufs neue in die allergrimmigste Stimmung geriet.

Goethe hatte indessen nicht der blonden Försterstochter vergessen, er wollte sie durch schnelle Verheiratung mit ihrem Geliebten vor allen Zufälligkeiten schützen und sie dem Gesichtskreise des Freundes so weit als möglich entrücken.

Nach wiederholten Erinnerungen und Bitten, dem Feldschergehilfen Bernstein eine feste Anstellung zu geben – denen der Herzog aber stets eigensinnige Ablehnung entgegengesetzt hatte, – kamen die Umstände den Wünschen Goethes zu Hilfe.

Bei der Besichtigung eines neuen Schachtes in Ilmenau machte der Herzog einen Fehltritt, stürzte, wurde besinnungslos herausgetragen und von dem jungen Wundarzt durch sorgfältige Behandlung rasch wiederhergestellt; jetzt zauderte er nicht länger, des erprobten Helfers Wünsche zu erfüllen, und ernannte ihn mit angemessener Besoldung zum Landchirurgen.

Die Freude, der Dank des jungen Mannes waren grenzenlos.

»O, nun kann ich heiraten!« rief er einmal über das andere. »Wie wird Gretchen froh sein; welch glückliche Menschen haben Eure Durchlaucht gemacht!«

»Er sind ein närrischer Kerl,« sagte der Herzog nicht ohne Teilnahme, »tut Er doch, als ob Heiraten die größte Seligkeit wäre; kurioser Geschmack!«

Goethe lächelte still für sich hin. Er hegte die Hoffnung, bald wieder ganz offen zu dem Freunde reden zu können und ihn von einer Leidenschaft zu heilen, welche er als Haupthemmnis seines Eheglücks ansah.

Bernstein später zur Seite nehmend, trug er ihm Grüße für seine Braut auf und bat, daß man ihn davon in Kenntnis setze, wenn der Hochzeitstag bestimmt sei.

»Sie werden sich hier in der Kirche von Ilmenau trauen lassen?« fragte er.

»Zu dienen, Herr Legationsrat, die Förstereien auf dem Walde sind hier eingepfarrt.«

»Nun denn, auf Wiedersehen an Ihrem Freudentage!«

Goethe kehrte mit dem Herzoge nach Weimar zurück. Dieser erwähnte, da die Zeit der vorjährigen Abenteuer sich erneuerte, wieder mehrfach »seiner Venus« und redete sich sogar nochmals in Zorn gegen den Freund, der sie ihm neidisch vorenthalte, der es nicht gut mit ihm meine, nicht zu ihm stehe, der es liebe, Geheimniskrämerei zu treiben.

Goethe ließ alle diese Vorwürfe über sich ergehen, endlich sagte er: »Ich hoffe, mein lieber gnädiger Herr, daß Sie die Ersehnte binnen wenigen Wochen wiedersehen werden, und bin überzeugt, daß ich nicht vergebens auf Ihr großes Herz zähle, welches dann, wenn alle Verhältnisse am Tage liegen, mir gewiß recht geben wird.«

Er brauchte nicht lange auf eine Einladung des Bräutigams zu warten. Bernstein schrieb ihm: seine Hochzeit sei auf den 3. Mai festgesetzt, die Trauung finde Mittags zwölf Uhr in der Kirche von Ilmenau statt, und er sei der glücklichste Mensch auf der Welt.

Mit diesem Brief ging Goethe zum Herzog.

»Ich möchte zur Hochzeit reiten, mein Fürst,« sagte er vergnügt. »Wenn Sie mit wollen, ist's umso besser. Es gibt gewiß eine lustige Wirtschaft, unendliche Bratwürste und einen flotten Tanz mit frischen, hübschen Mädels, welchem ich nicht aus dem Wege gehe.«

Karl August erklärte sich sofort bereit, mit von der Partie zu sein; dergleichen Freuden reizten ihn, und in bester Laune sagte er: »Na kriegt man die Schöne dieses verliebten Pflasterschmierers auch zu sehen; na, so gewaltig viel wird nicht daran sein!«

Goethe bezwang ein Lächeln und traf die näheren Verabredungen für den Ritt.

In heiterer Stimmung und unter herzlichem Geplauder legten die beiden Freunde am 3. Mai, nur begleitet von einem Reitknecht, den langen, aber in aller Frühlingsherrlichkeit prangenden Weg durch das schöne Thüringerland zurück und befanden sich bald nach elf Uhr angesichts ihres Reiseziels.

Als sie in das Städtchen einritten, läuteten die Kirchenglocken, und alsbald begab sich der Herzog mit Goethe nach dem Gotteshause.

Sie standen unter anderen Zuschauern nahe der Kirchtür, als auf dem mit Tannenzweigen bestreuten Wege unter Orgelklang der festliche Zug zu der hochgelegenen Kirche heraufkam.

Voran ging der Förster, recht stattlich und würdig, eine alte Verwandte des Bräutigams führend, dann folgten paarweise sechs frische Brautjungfern, in ihrem besten ländlichen Putz, und jetzt endlich kam das Brautpaar.

Goethe beobachtete mit klopfendem Heizen den Freund; wie würde sein Wagnis ausfallen?

Sowie der Herzog Gretchen – schön und lieblich im Schmucke der Braut – erblickte, verfärbten sich seine Züge, er griff mit einem Laut der Überraschung nach des Freundes Arm, starrte das Mädchen mit weitgeöffneten Augen an und murmelte: »Bei allen Göttern, sie ist es!«

Dann warf er einen zornflammenden Blick auf Goethe, stieß seinen Arm von sich, knirschte zwischen den Zähnen hervor: »Wie konntest du mir das tun?« wandte ihm den Rücken und schritt erzürnt davon.

Goethe eilte ihm nach, sobald er es, ohne Aufsehen zu erregen, konnte, und holte ihn auf der anderen, menschenleeren Seite der Kirche ein.

Mit dem tiefsten Ernst sagte er: »Jetzt höre mich, Karl; ich habe mich dir nie so nahe gestellt, wie du fordertest, weil ich von dir über mein Verdienst empfing. Heute bin ich deiner Liebe wert, heute handle ich als treuer Freund, und du grollst? Besinne dich, sieh mein Tun im rechten Lichte, Karl! Laß dein besseres Ich über dir Herr werden! Ich bewahrte dich und jenes schöne, schuldlose Mädchen vor einem Verhältnis, das zu eurem beiderseitigen Elend führen mußte. Sieh doch ein, daß ich als rechtschaffener Mann, als dein wahrer Freund nicht anders konnte!«

»Dieser widerwärtige Bernstein, mir die Mittel zu seiner Heirat abzuschwindeln!« rief der Herzog, grimmig die Hand ballend, ohne Goethe anzusehen und offenbar in der Laune, nach einem Gegenstände zu suchen, an welchem er seinen Zorn auslassen könne.

Es rührte Goethe, daß bei aller Ergriffenheit die Liebe des Freundes für ihn so groß war, daß er sich sofort instinktiv nach einem anderen Objekte als Ableiter seines Ingrimms umsah.

»Du irrst dich, Freund,« erwiderte er herzlich, »dieser Chirurg hat dir wesentliche Dienste geleistet; er war lange mit ihr verlobt; ja sie ging nur auf die bewußte Komödie ein, weil man sie glauben machte, daß sie dich damit bestimmen könne, ihren Verlobten anzustellen.«

»Also sprachst du mit ihr über den Hörselberg?«

»Ja, sie hat mir die ganze Geschichte unter Tränen der Beschämung gebeichtet, weil sie aus meinen Fragen entnehmen konnte, daß sie sich auf eine ziemlich törichte Angelegenheit eingelassen habe.

»Ich sagte dir schon, daß der Graf sie seinen Zwecken dienstbar machte, unter dem Vorwande, deine Gunst für ihren Verlobten zu gewinnen. Er hatte sie auf einem Jahrmärkte in Ilmenau kennen gelernt und ihr sein Unternehmen als ein harmloses Festspiel vorgestellt. Von Ruhla, wo sie bei Verwandten war, holte er sie selbst im Wagen am 2. Mai gegen Abend ab. Er teilte ihr mit, daß sie nach Eisenach fahren würden; sie glaubte ihm, denn sie war zum ersten Male in der Gegend; aus Einzelheiten entnehme ich aber, daß sie keine nördliche, sondern eine südliche Richtung einschlugen, was ja zu deinem kurzen Ritt passen würde. Er brachte sie für die Nacht in ein bescheidenes Gasthaus und empfahl ihr, sich zurückgezogen zu halten. Sie gehorchte gern, da sie fürchtete, Bekannten zu begegnen. Am 3. war er Morgens ein paar Stunden bei ihr, sie für ihre Rolle einzuüben. Gegen Abend kam er wieder und brachte ihr einen großen Mantel mit Kapuze, den er über ihr helles Kostüm legte; sie gingen dann durch einen Waldweg zur halben Höhe eines Berges und stiegen auf einer Leiter in einem Schacht oder Loch hinunter. Saint-Germain hatte eine Laterne zur Hand und führte sie über einen Steg in die Nische, wo sie das goldene Ruhebett und andere Vorkehrungen fand. Dann leistete ihr Pierre, der Kammerdiener des Grafen, der schon mit ihnen gefahren war, längere Zeit Gesellschaft, er redete ihr ermutigend zu und zündete hie und da Fackeln an; was sich weiter begab, weißt du.

»Nach dir verließ Gretchen mit Pierre die Höhle und wurde am anderen Morgen in aller Frühe nach Ruhla zurückgefahren.«

»Das süße Geschöpf wirklich lebend, und nun doch verloren,« murmelte Karl August. »Gib mir zu, daß ihr, du und das Geschick, mir grausam mitspielt?«

»Armer Freund! Es kann sein, daß der Mensch zuzeiten durch das Schicksal gräßlich gedroschen wird; aber wenn es reiche Garben trifft, so zerknittert es nur das Stroh und die Körner springen lustig heraus!«

»Weisheitskämer!« sagte der Herzog bitter und spöttisch.

In diesem Augenblicke stimmte die Orgel in der Kirche, nachdem sie während der Trauungszeremonie geschwiegen, die feierliche Melodie zu dem Liede an: »Nun danket alle Gott!« welches die Versammlung drinnen mitsang.

»Ware es nicht recht, uns da zu beteiligen?« sprach Goethe innig, mit einem Winke nach der Kirche.

Der Herzog lauschte; die zornige Spannung in seinen Zügen ließ nach, er umschlang plötzlich mit beiden Armen den Freund, drückte ihn fest an seine Brust und rief: »O, du redlicher Warner, du getreuer Eckart!«

»Schon gut,« lächelte Goethe, »nun aber kommen Sie, Gretchen wird sich hochgeehrt fühlen, mit Eurer Durchlaucht an ihrem Ehrentage den Reigen zu eröffnen. Ich hoffe, wir können uns jetzt mit gutem Gewissen unter die Glücklichen mischen?«

»Das können, das wollen wir; komm, laß uns fröhlich sein!«

Goethe erkannte mit lebhafter Freude, daß er und das bessere Selbst des Herzogs den Sieg errungen hatten.

Arm in Arm gingen sie nach dem Schießhause, wo der Hochzeitstanz stattfinden sollte.

Die vorwiegende Stimmung des jungen Fürsten war jetzt: Neugier, wie ihm sein Ideal in der Nähe gefallen werde? Er brannte darauf, mit Gretchen zu verkehren, zu sprechen, zu tanzen.

Die Ankunft der vornehmen Gäste beglückte die Hochzeitsgesellschaft, und der Bräutigam beeilte sich, die Braut, oder vielmehr die junge Frau, dem Herzoge zum Ehrentanz zuzuführen.

Endlich war also der Augenblick gekommen, nach welchem er sich ein Jahr lang so heiß gesehnt hatte!

Aber entsprach sie dem von seiner Phantasie mit allem Seelenreiz ausgeschmückten Bilde? Sie war sehr schön, aber scheu, respektvoll und leblos bei seiner Annäherung.

Es schien ihm, als habe Saint-Germain ebensogut eine hübsche Puppe als Spielzeug darbieten können, als dies Wesen, in dem auch gar nichts von jener Glut und Innigkeit zu liegen schien, welche ihre Pantomimen in der Grotte atmeten.

»Alles Dressur des Tausendkünstlers damals!« dachte er, wagte aber aus Verdruß und Beschämung nicht, auf das gemeinschaftliche Abenteuer zurückzukommen. Die junge Frau schien zu fürchten, daß er sie darauf anrede, denn sie wechselte jedesmal die Farbe, wenn er zu ihr sprach, und war sichtlich froh, als er sie ihrem Gatten wieder zuführte, in dessen Nähe sie sich dann ganz herzlich und anmutig gab.

Der Herzog war eher ermüdet als sonst und raunte dem Freunde zu: die wüste Wirtschaft langweile ihn, er gehe, worauf Goethe sich ihm anschloß.

Mit der natürlichen Offenheit seines Wesens, die der Herzog dem älteren Genossen gegenüber stets an den Tag legte, gab er ihm auch jetzt zu, wie recht der Freund getan habe, ihn von der Verfolgung dieser Laune abzuhalten.

»Wenn ich Gretchen allein in ihrem Walde getroffen hätte, das Herz voll von Sehnsucht nach ihr, wer weiß, ob ich dann nicht doch leidenschaftlich entflammt wäre, aber besser, viel besser ist es so!«

»Ganz gewiß, mein teurer gnädiger Herr!« rief Goethe warm. »Ihr edles Herz, durch Wagemut, Abenteuerlust und Ihre hohe Stellung manchmal irregeführt, findet stets wieder auf den rechten Weg zurück, mag's auch zuvor manchen Kampf mit zauberischen Schattenspielungen gegeben haben!«

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