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Auguste von der Decken: Brausejahre - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorA. v. d. Decken
titleBrausejahre
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
printrunDreizehnte Auflage
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectide28046d1
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Im holden Tal auf schneebedeckten Höhen
War stets Dein Bild mir nah.
Ich sah's um mich in lichten Wolken wehen,
Im Herzen war mir's da.
Empfinde hier, wie mit allmächt'gem Triebe
Ein Herz das andre zieht,
Und daß vergebens Lieb' vor Liebe flieht!
Goethe

Hei, wie die rote Abendsonne auf dem blanken, bläulich flimmernden Eise des Schwansees glühte, welche Farben und Lichter das gab! Wie die Bäume ringsum sich unter den glitzernden Reifsträußen bauschten wie unter jungem Laube, und wie jeder Halm am Ufersrande sein Krönlein trug, jedes geknickte Schilfrohr, jeder dürre Zweig malerisch schimmerte in seiner weißen Zier.

Ein herrlicher Wintertag ging zur Rüste, aber um für die Lustigen von Weimar erst recht zu beginnen.

Die vornehme Welt war vom Herzoge zu einem Punsch auf dem Eise, bei Beleuchtung und Musik um vier Uhr eingeladen.

Das Schlittschuhlaufen war, zum Teil durch Klopstocks begeisterte Oden, Mode geworden, und nur wenige Personen des Hofkreises schlossen sich von dieser reizvollen Bewegung aus. Es wurden Schlittschuhpolonaisen aufgeführt, Quadrillen versucht, oder Hand in Hand Reihen- und Schlangenläufe gehalten.

Dann versammelte man sich an einem mit Bänken und Windöfen versehenen Bretterhäuschen, das am Ufer hergerichtet war, plauderte, lachte, ersann neue Übungen und ging mit frischen Kräften an das leidenschaftlich betriebene Vergnügen.

Eben fuhr wieder die ermüdete Jugend mit erhitzten Wangen und leuchtenden Augen am Büfettzelte zusammen. Da erklangen ein paar schmetternde Trompetenstöße, und ganz unerwartet kam ein Maskenzug herangelaufen. Die fackeltragenden Husaren bildeten eine hellbeleuchtete Gasse, durch welche diese Überraschung, mit freudigen Ahs! und schmeichelhaften Zurufen begrüßt, daherflog.

Es war eine Kosakenhochzeit, die man darstellte. Der Hetman mit geschwungener Knute voran dirigierte das Ganze, dann vier Musikanten mit Trompeten, Pauke und Trommel, die einen seltsamen Lärm im Laufen ausführten. Hierauf das Brautpaar mit Kränzen und Sträußen komisch ausgeputzt, darauf die Eltern und Hochzeitsgäste. Dieser Zug führte einen scherzhaften, wilden Eistanz auf und fand großen Beifall; es waren die gewandtesten Läufer aus der Gesellschaft, die sich eben, außerhalb der Beleuchtung, im Wagen oder Gebüsch den Maskenputz übergeworfen hatten.

Den Bräutigam machte Siegmund von Seckendorf, die Braut Auguste von Kalb. Eines der nächsten Paare war Christel von Laßberg mit ihrem Vetter, dem Grafen Erich Wrangel, der wieder in ihrem Hause zum Besuch war; den Kosakenhetman machte Goethe.

Als man nach Beendigung des Tanzes auf den Versammlungsplatz zurückfuhr, glitt Seckendorf, seine Partnerin an der Hand haltend, zum Herzog heran.

Dieser empfing ihn lachend und lobend: »Sie waren beide vorzüglich, und die Überraschung ist prächtig gelungen! Ich hatte keine Ahnung von Ihrem famosen Witz!«

»Sollten wir Durchlaucht vielleicht noch eine Überraschung bereiten können?« rief der Bräutigam. »Hier stelle ich Eurer Durchlaucht Fräulein Auguste von Kalb als meine Braut und nicht allein im Spiel, sondern in Wirklichkeit vor!«

»Ah!« machte Karl August, »endlich! Das ist ja ein wahres Gaudium! Gustchen kommt unter die Haube, na, sie wird froh sein!«

»Das sind wir beide, Durchlaucht,« sagte Auguste empfindlich.

»Eh, natürlich; er hätt's sonst ja lassen können. Freut mich aber recht für Sie beide, und nun kommen Sie heran, daß ich Ihre Gesundheit mit einem vollen Glase heißen Punsch ausbringe. Das neue Brautpaar lebe hoch, hurra!«

Ein Tusch, und sämtliche Anwesende riefen mit: Hurra, hurra!

Dann ging es an ein Umdrängen, Glückwünschen, Händeschütteln und Besprechen des neuen Ereignisses. Die meisten hatten sich's lange gedacht, daß es so kommen müsse. Andere verlangten Einzelheiten, knüpften unter sich Mutmaßungen an und machten spöttische Bemerkungen, sowie sie den Rücken wandten.

Dies alles widerte Goethe an; unmutig warf er seine Knute in die Ecke.

Sein Blick schweifte über die einsame, mondbeglänzte Fläche des Sees, er bot einer zufällig neben ihm stehenden Dame die Hand und sagte: »Kommen Sie, Fräulein von Laßberg, lassen Sie uns dieser tollen Komödie den Rücken wenden!«

Sie legte stumm und beseligt ihre Hand in die seine, und langsam glitten sie selbander über die Eisbahn.

»Die Höflichkeit des Herzens ist in der besten Gesellschaft so selten, wie die Polizei des Gewissens!« sprach er ernsten Tones. »Mit Verdruß sehe ich, wie man kaum heimlich Witzboldereien auf der Glücklichen Unkosten losläßt und ihnen Rübchen schabt. Zudem bin ich kein Verehrer Ihrer Freundin, die als schüchterne Braut in meinen Augen eine lächerliche Farce spielt. Wie wird dies Wesen auf Seckendorf wirken, der eben anfing, sich zur Natur und Wahrhaftigkeit zu bekehren?«

»Sollte die Liebe nicht immer veredeln?« wagte Christel zaghaft zu entgegnen.

Er sah zur Seite auf seine Begleiterin; vielleicht blickte er sie zum ersten Male mit etwas wie Interesse an. Das Mondlicht spiegelte sich in ihren ernsten Augen, die mit seelenvollem Ausdruck auf ihn schauten, ihre schlanke Gestalt hob sich vorteilhaft in dem hellblauen Kosakenjäckchen, er fand sie hübsch, aber zu blumenhaft zart, um rechtes Gefallen an ihr zu haben. Ihr ganzes Wesen erinnerte ihn an seine überwundene jugendliche Sentimentalität. Früher hätte sie ihm vielleicht gefährlich werden können – und doch nicht, er liebte immer mehr das Naive. Ruhig erwiderte er: »Die Liebe, gewiß; aber was ist denn zwischen den beiden Liebe? Sie können sich einander gebrauchen, das ist alles! Man erkennt ja niemand an als den, der uns nützt.«

Seine Worte taten Christel weh, sie waren in dem unbewußten Verlangen, ihrer Gefühlsschwelgerei entgegenzutreten, herber gesagt, als er's meinte. Schwermütig antwortete sie: »O, wie öde ist das Leben, wenn ich es aus jenem Gesichtspunkte ansehe! Man sollte es von sich werfen, wenn es ohne reine, gewaltige Empfindungen ist!«

»Sie sind ja kurz damit fertig, mein Fräulein. Ich will Ihnen zu Ihrer Ermutigung erzählen, was mir heute meine Mutter schreibt – eine prächtige Alte, die viele Menschen gern haben und Frau Aja nennen; sie sagt: ›Suche keine Dornen, mein Sohn, hasche die kleinen Freuden; sind die Türen niedrig, so bücke dich; kannst du den Stein aus dem Weg stoßen, so tu's, ist er zu schwer, geh um ihn herum, so wirst du alle Tage etwas finden, das dich freut!‹«

»Ja, wer das könnte, so leichten Sinnes wäre!«

»Ich antworte wieder mit Frau Ajas Worten: ›Wer wird sich grämen, daß nicht immer Vollmond ist, und daß die Sonne jetzt nicht so warm macht wie im Juli? Nur das Gegenwärtige gut gebrauchen und gar nicht daran gedacht, daß es anders sein könnte, so kommt man am besten durch die Welt, und das Durchkommen ist doch die Hauptsache!‹«

»Ach, oft ist es sehr schwer!« seufzte sie leise.

Man kam eben wieder bei der Gesellschaft an, und Goethe war im Grunde froh, die trübe Gefährtin zu verlassen. Ihn hatte dies Zusammensein nicht von dem Unbehagen entlastet, welches jene Verlobung ihm verursachte.

Christel war nicht ganz unberechtigt, vorahnend Sorge und Schmerz zu empfinden. Sie wußte längst, daß ihr Vater sie mit dem reichen Majoratsherrn, ihrem Vetter, Erich Wrangel, zu verbinden wünsche, und hatte heute den sie beängstigenden Eindruck gewonnen, daß Erich sie liebe und um sie zu werben beabsichtige. Die plötzliche Verlobung Augustens mit dem Kammerherrn von Seckendorf mußte – davon war sie überzeugt – den alten Herrn furchtbar aufregen und mit eifersüchtigem Zorn erfüllen. Er würde in sie dringen, jene bessere Partie nicht auszuschlagen, und sie, konnte sie dem Vetter, dem sie wie ihrem Bruder gut war, eine Neigung heucheln, die sie nicht für ihn empfand? Ein Herz geben, welches ein anderer völlig ausfüllte? Konnte sie eine Ehe ohne Liebe eingehen? Nie! Niemals!

Mit bitterem Weh sagte sie sich, als der angebetete Mann ihr die Grundsätze seiner heiteren Mutter mitteilte: solche Lebensregeln halten einem großen Konflikt gegenüber nicht stand! Sie sind für das Alter, welches auf persönliche Empfindungen und Lebenswendungen verzichtet, sie sind freundliche Blüten am Baume der Resignation! Wer aber mitten im leidenschaftlichen Wünschen und Hoffen steht, kämpft ein rebellisches Herz nicht damit zur Ruhe.

Als nach der Rückkehr zum Bretterhäuschen Goethe sich von Christel verabschiedet hatte, trat sogleich der Vetter Erich zu ihr und bat sie, auch mit ihm noch ein paar langsame Fahrten zu machen. Er erklärte sich aber auch sogleich bereit, sie nach Hause zu begleiten, als sie über Müdigkeit klagte.

Die Gesellschaft befand sich ohnehin im Aufbruch, und so ließen beide ihre Schlittschuhe abschnallen, er reichte ihr den Arm, welchen sie zerstreut annahm, und dann begaben sie sich, ziemlich abgesondert von den übrigen, auf den mondhell beleuchteten Heimweg.

»O liebe Cousine!« begann nach einigen Schritten der junge Mann mit warmem Ton, »welch ein glückliches, heiteres Leben habe ich während der ganzen Urlaubszeit an deiner Seite geführt! Welch ein köstliches Fest war dies wieder! Mir ist, als sollte ich aus einem Himmel scheiden, wenn ich in wenigen Tagen abreise! Könnte ich's mit der Gewißheit, meines Engels Herz gewonnen zu haben, so würde ich beseligt von hinnen gehen, aber diese Gewißheit fehlt mir noch. Christinchen, liebes Christinchen, sage mir's offen, wie du für mich empfindest! Warum bist du manchmal so scheu und kühl gegen mich? Was darf ich von dir hoffen?«

Dies war, trotz allem, was sie aus seinem Verhalten herausgefühlt, doch eine so plötzliche Frage, daß sie Christels Atem versetzte, und sie sich ein paar Minuten vergeblich bemühte, ihm zu antworten. Endlich stammelte sie: »Gewiß habe ich dich gern, guter Erich! Haben wir nicht allezeit wie Geschwister verkehrt?«

Er sah sie traurig an, und sie fuhr herzlicher fort: »Dränge mich nicht, laß die Zeit hingehen.«

»Ich soll also noch warten, Christine? Gut, es schadet nichts, wär's auch Jahr und Tag! Ich muß ja doch bald fort; wenn du nur freundlich gegen mich bist, ist alles andere Nebensache. Kommt Zeit, kommt Rat, liebes Christinchen, mein bist und bleibst du doch!«

In diesem Augenblicke trat ihnen aus dem Laßbergschen Hause der Oberst in seinem langen Reitermantel entgegen.

»Ihr kommt spät; wollte euch abholen; nun, ich sehe, ihr seid gut miteinander aufgehoben,« setzte er mit zufriedenem Tone hinzu und fuhr dann hastig fort: »Ist's wahr, was mir eben Lichtenberg vor der Tür erzählt, daß die Guste Kalb mit Sesendorf verlobt ist?«

Beide bestätigten es. Der alte Herr fluchte in den Bart, als er die Haustür hinter den Eingetretenen abschloß; dann lachte er kurz auf und murmelte vor sich hin: »Paß auf, Herr Nachbar, endlich übertrumpfen wir dich doch!«

Es bereitete dem Obersten eine große Enttäuschung, als sein Neffe einige Tage später, mit ablaufendem Urlaube, sein Haus verließ, ohne, wie er fest erwartet hatte, bei ihm um Christels Hand zu werben. Und seine darauffolgende unleidliche Laune, welche diesmal lange anhielt, quälte Schwester und Tochter peinlich.

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