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Auguste von der Decken: Brausejahre - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorA. v. d. Decken
titleBrausejahre
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
printrunDreizehnte Auflage
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectide28046d1
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Wie du das erstemal
Liebe ahnend dem Fremdling
Entgegentratst
Und deine Hand ihm reichtest,

Fühlt' er alles voraus,
Was ihm für Seligkeit
Entgegenkeimte.
Goethe.

Ganz erfüllt von dem Abenteuer in Barchfeld, kam der Herzog, wenige Tage später, wieder in Weimar an. Vergeblich suchte er sich die Ereignisse jenes Abendrittes natürlich zu erklären.

Saint-Germain hatte sich während ihres weiteren dortigen Zusammenseins von ihm ferngehalten, er hatte dem Drängen und den ungeduldigen Fragen des erregten jungen Fürsten Ablehnung und ein Vertrösten auf später entgegengesetzt und war endlich mit den anderen Herren nach Kassel zurückgekehrt.

Jetzt war auch Goethe von Ilmenau heimgekommen, und nun ertrug Karl August es doch nicht länger, sein wunderbares Erlebnis vor dem Freunde zu verbergen; er suchte ihn, ganz erfüllt von jenen wunderlichen Dingen, in seinem Gartenhause auf. Sie saßen miteinander auf dem Altan, und der Herzog erzählte ganz genau seine Abenteuer, sowohl das am Morgen der Auerhahnjagd auf dem Kohlberge bei der Wartburg, sowie auch den seltsamen Ritt von Barchfeld aus, und seine köstliche Begegnung mit der Huldgöttin.

Staunend folgte der ruhige, scharfsinnige Hörer diesem langen Bericht. Er warf Fragen dazwischen und rief lachend, daß man doch, trotz vieler scheinbaren Beweise, nicht an übernatürliche Dinge glauben könne!

»Nach und nach sage ich mir das selbst,« erwiderte der Herzog lebhaft; »wenn ich nun auch bei ruhigem Blut nicht mehr an Saint-Germains Faxen vom Fliegenkönnen, von Luftvolten, von losgelassener wilder Jagd und dergleichen glaube, so bleibt doch immer noch genug übrig, um meine Phantasie mit dem Tausendkünstler und seinen Leistungen zu erfüllen. Du stehst kühl außerhalb jener Ereignisse, du blickst darauf, ich blicke hinein; so war und bin ich mit allen Sinnen gefesselt. Es kommt auch viel zusammen, mich gefangen zu nehmen! Ich kenne ja die Gegend am Hörselloch wie meine Stube, und ich sage dir: jeder Schritt traf zu! Wie aber willst du zu Pferde, in kaum einer halben Stunde, von Barchfeld nach dem Hörselberge gelangen? Du kennst doch auch die Entfernungen und weißt, daß es ein respektabler Ritt von mehreren Stunden ist.«

»So hat der Betrüger sich in der Nähe etwas Passendes gesucht. Sie sagen, er sei Geognost; er schlug zuerst vor, Sie in den Kyffhäuser zu führen, vermutlich hat irgend eine von ihm entdeckte Schlucht, Höhle oder ein alter Schacht ihm den Plan eingegeben, Sie durch jene Komödie von seiner übernatürlichen Kunst zu überzeugen. Und wohlberechnet war's, Ihnen als Lockmittel ein schönes Weib zu zeigen.«

»Deutlich sehe ich nur, daß er ein höchst geschickter Improvisator ist, von dem sich viel Hübsches erwarten ließe. Ich wollte doch, man könnte seiner habhaft werden, ihn an Weimar fesseln!«

»Dürfte er nicht ein gefährliches Spielzeug sein?«

»Was willst du? Soll ich mich vor dem Scharlatan fürchten?« Karl August lachte laut auf. »Er taxiert mich zu billig, wenn er denkt, mir Sand in die Augen zu streuen; aber zu meinem Vergnügen seine Künste nutzen, warum nicht? Und dann, Freund, wie soll ich ohne ihn die Venus finden? Ich sage dir, daß es unter allen Weibern, die ich kenne, kein solch entzückendes Geschöpf gibt, wie ich gesehen habe! Dieser Mantel sanft gewellten, mattblonden Haars war an sich ein Wunder!«

»Toilettenkünste, theatralische Schaustellung, vielleicht ein hübsch ausgestatteter Automat,« warf der Freund mit Achselzucken ein.

Der Herzog fuhr auf.

»Strafe meine Augen nicht Lügen, es sind die scharfen und wohlgeübten eines Jägers; nicht eine Linie ihres ebenmäßigen Gesichts, kein Blick ihres großen, blauen Auges, kein Lächeln der sanft geschwellten Lippen, kein Atemzug, keine Bewegung des göttlichen Leibes, der doch von ebensolchem Fleisch und Bein war wie der unsere, ist mir entgangen. Nie sah ich ihresgleichen und ewig werde ich mich nach ihr sehnen!«

Es half Goethe nichts, dagegen zu streiten. Er geriet allmählich in Hitze und verdarb es dadurch ganz. Wäre er ruhiger zu Werke gegangen, so würde er sich vielleicht den alten Einfluß auf des Herzogs Stimmung bewahrt haben. Hier trat die Verschiedenheit ihrer Naturanlage aber schroff gegeneinander und so fehlte für den Augenblick von beiden Seiten das richtige Verständnis. Karl August hatte nichts dagegen, sich etwas vorgaukeln zu lassen, wenn es ihn amüsierte und sobald Genuß dabei herauskam. Goethe haßte jede Art von falschem Schein. Auch zählte er acht Jahre mehr als der feurige junge Fürst, der in den Brausejahren der Entwicklung stand und noch nicht ernstlich an eine Begrenzung dachte.

Es gab noch mannigfache Erörterungen über jenes Abenteuer in der geheimnisvollen Grotte, und Goethe hielt mit seiner Meinung nicht hinter dem Berge.

»Sie sind der Lüge im Grunde ebenso abgeneigt wie ich,« sagte er eines Tages mit freundschaftlichem Eifer. »Sie haben den schlichtesten Menschenverstand, mein lieber gnädiger Herr, Sie sind tätig, fertig, entschlossen und durchaus kein Schwärmer, warum nun hier von allem absehen und sich einem Menschen gefangen geben, der Ihr Denken verwirrt, Ihr Vertrauen mißbraucht und dessen Zwecke man nicht kennt? Verlangen Sie Klarheit, Beweise und halten Sie den närrischen Groß-Kophta, bis er dieselben beibringt, fern.«

»Dir hilft weder Spott noch Tadel!« rief seinerseits Karl August heftig. »Ich weiß, was ich sah, und mache damit, was ich will, und damit basta!«

Fast entzweit durch ihre völlige Meinungsverschiedenheit, trennten sich die Freunde.

Der Herzog hielt sich Goethen in der nächsten Zeit ferner; er war mit seiner Erinnerung beschäftigt, behandelte das Verhältnis zu seiner Gemahlin mit noch größerer Gleichgültigkeit und entschloß sich endlich, an Saint-Germain zu schreiben und ihn um Aufklärung, um ein nochmaliges Sehen der geheimnisvollen Schönen zu bitten.

Der Graf antwortete ausweichend, ablehnend und versicherte, wenn die Zeit gekommen sei, werde der Herzog von ihm hören. Endlich, in dem Verlangen, sich gegen einen Vertrauten auszusprechen, besuchte Karl August wieder den Freund.

Er saß an Goethes Schreibtisch, auf welchem dessen aufgeschlagene Zeichenmappe lag, und blätterte. Indem er wiederum mit glühenden Farben seine holde Venus pries, ließ er mechanisch die Skizzen des Freundes durch seine Finger gleiten. Plötzlich schrie er laut auf, hielt ein Blättchen hoch, sprang empor, stürzte auf Goethe zu und rief: »Sie ist's! O Wolf, Freund, Mensch, woher hast du dies?«

Es war die Porträtskizze Gretchen Slevoigts, welche Goethe einst vor dem Waldhäuschen genommen hatte. Goethe erschrak; »unmöglich,« stammelte er.

»Matt, nicht blendend und göttergleich,« murmelte der Herzog, »aber doch ihre unvergeßlichen Züge. Bist du im Komplott gegen mich? Sprich, was weißt du und wo finde ich sie?«

Goethe überlegte. War es möglich, daß Gretchen – nein – unmöglich; aber wenn sie es doch gewesen, wie konnte sie in diese seltsame Intrige verwickelt worden sein? Er mußte sie vor den Nachstellungen des heißblütigen jungen Fürsten bewahren, und vor allem durfte sich keine neue Scheidewand zwischen dem Herzog und seiner Gattin auftürmen, er mußte Luise schützen, die ihn ohnehin den Verführer des Herzogs nannte.

Karl August fuhr ungeduldig auf, als Goethe schwieg: »Du siehst, wie ich mich seit Monaten nach ihr sehne, du weißt von ihr, sie ist ein sterblich Weib und mir nicht unerreichbar! Wolfgang, bist du mein Freund, so beweise es jetzt, rede und hilf mir!«

Goethe lachte. »Woran denken Sie?« sagte er schelmisch. »Wenn hier eine Ähnlichkeit vorliegt, so hat Ihre Schilderung meine dichterische Einbildungskraft befruchtet und meinem Stift divinatorische Gaben verliehen; machen Sie mir ein Kompliment, aber verlangen Sie nicht, daß ich, ein zweiter Pygmalion, sogar diese Bleistiftskizze belebe.«

Zornig brach der Herzog aus: »Auch du führst mich an! Aber laß mich, ich werde sie mir schon selbst aufsuchen.«

Er ging direkten Weges zu Görtz – kannte er diesen doch als einen Feind und Widersacher Goethes. Darum stellte er sich in diesem Augenblicke gereizten Gefühls auf seiten des Hofmarschalls.

Görtz empfing den seltenen Besuch in submissester Weise; als er einzelnen Andeutungen nach merkte, daß der Herzog auf Goethe nicht wohl zu sprechen sei, erhellten sich seine Züge noch mehr.

»Ich habe da Anfang Mai beim Landgrafen in Barchfeld eine höchst interessante Bekanntschaft gemacht, lieber Hofmarschall,« sagte der Herzog endlich nicht ohne Verlegenheit. »Eine Bekanntschaft, die ich fortzusetzen wünsche. Es war dies ein Graf Saint- Germain, der sich in Kassel aufhält; schreiben Sie dem Herrn und laden Sie ihn in höflicher Weise zu uns ein.«

Görtz versprach, in kürzester Frist und so geschickt wie möglich dem Auftrage nachzukommen.

Als der Herzog gegangen war, setzte er sich an seinen Schreibtisch und verfaßte folgenden Brief:

»Triumph, lieber Graf! Ihre eminente Geschicklichkeit, Ihre Menschenkenntnis trägt den Sieg davon! Sie haben in jeder Hinsicht recht prophezeit; unser allergnädigster Herr ist total von Ihnen enchantiert und ladet Sie hiermit, in bester Form, durch mich ein, an seinen Hof zu kommen.

Sie sind in der Tat ein Wundermann, denn sein uns so unliebsamer, plebejischer Günstling gerät ins. Wanken; es bedarf nur noch einer kleinen Nachhilfe, eines Schachzuges Ihres bewunderungswürdigen Geistes, um den Frankfurter Advokaten, der sich in unsere Reihen drängte, total aus dem Sattel zu heben! Wollen Sie ihn jetzt offen bekämpfen, oder wollen Sie sich erst inkognito hier umsehen, das Terrain persönlich rekognoszieren, die eine oder andere Mine gegen ihn legen und erst, wenn er gänzlich beseitigt ist, hervortreten, um, allerdings mit anderer Berechtigung, seinen Platz, also den eines allmächtigen Günstlings, einzunehmen?

Dies alles muß ich Ihrem bewährten Scharfsinn überlassen. Rechnen Sie, wie bisher, ganz auf mich und eine kleine Elite gesinnungstreuer Aristokraten, von denen Sie vielleicht den einen oder anderen durch Ihr Genie sich auch noch fester zu attachieren für zweckmäßig erachten werden.

Wie immer Ihr treu ergebener

Graf Görtz. Hofmarschall.«

Die nach einiger Zeit auf diesen Brief eintreffende Antwort lautete:

»Verehrter Graf!

Durchaus bereit, mich weiter mit Ihnen und Ihren Gesinnungsgenossen zu assoziieren, und sehr verbunden für die komplaisante Einladung, werde ich mir erlauben, derselben später nachzukommen.

Vorläufig habe ich noch einen Besuch in Hanau zugesagt, wo ich den Landgrafen Karl bei seinem Bruder treffe, um mit ihm das System der strikten Observanz – der Regeneration des Freimaurerordens im aristokratischen Sinne –, wofür Sie sich auch so lebhaft interessieren, auszuarbeiten.

Der Landgraf ist mir ein lieber, höchst sympathischer Gönner, und wenn er auch kein regierender Herr ist, so darf seine Stellung in Schleswig, wo dänische Dienste ihn fesseln, eine durchaus fürstliche genannt werden. Jedenfalls komme ich aber, bevor ich mich ganz für den Landgrafen entscheide, nach Weimar, befreie Sie von Ihrem verhaßten Eindringling und sehe mich dort genauer um. Vermutlich werde ich es vorziehen, dies erst inkognito zu tun.

Empfehlen Sie mich Ihrem Gebieter ganz untertänigst, und stellen Sie meinen Besuch für eine spätere Zeit in Aussicht.

Im Namen der Vorsicht, Verschwiegenheit und Klugheit grüßt Sie Ihr

St.-G.«

So mußte sich also der Herzog noch einige Zeit gedulden, ein Aufschub, der ihm umso peinlicher wurde, als er vergeblich versuchte, den alten guten Ton mit dem Herzensfreunde anzustimmen.

Dieser litt ebenso unter der zwischen ihnen obwaltenden Kühle und mehr als einmal überlegte er ernstlich, ob es nicht doch geratener sei, Karl August die volle Wahrheit zu enthüllen. Wenn er ihm sagte: Deine Venus ist eines Försters Kind im Walde, sie ist rein wie eine Blume, auf der noch der Tau liegt, schone sie, gib sie ihrem Verlobten, mache sie nach ihrem Sinne glücklich, und sei es selbst durch Edelsinn und Entsagung! Würde aber der junge Brausekopf, der mit heißen Lippen nach dem Becher des Genusses lechzte, jetzt schon im stande sein, ihn zu verstehen? Würde er ihm folgen? Er wußte selbst, was Entsagung heißt, und doch wurde ihm diese noch erleichtert durch den edlen, echt weiblichen Takt, mit dem Charlotte seine glühende Verehrung in gemessenen Schranken zu halten verstand. Würde aber Gretchen dem Herrn, dem Gebieter ihres Vaters, widerstehen? Er wagte für beide nicht gutzusagen, denn er wußte, so hoch er auch den Freund hielt, daß sich des Herzogs Lust zu Abenteuern in letzter Zeit immer mehr gesteigert hatte. Konnte er nicht offen sprechen: Man hat dir jenes Weib als Lockspeise vorgehalten, nun erkenne doch den Betrug! so blieben alle seine Warnungen vor dem Wundermanne wirkungslos und der Herzog in den Fäden, die ihn gefangen hielten. Daneben aber quälte ihn die Frage: Hatte Gretchen wirklich die Venus gespielt und wenn hier nicht eine Ähnlichkeit, eine Einbildung trog, wie war es möglich gewesen, sie dazu zu bestimmen? Er mußte diesem Geheimnisse baldmöglichst auf den Grund kommen.

Während nun der Herzog an einer quälenden Unruhe und Verstimmung litt und das Verhältnis der beiden Freunde getrübt blieb, bemühte sich Goethe durch allerlei äußere Lustbarkeiten den Freund von seinen Gedanken an das erlebte Abenteuer abzuziehen und ihm die Zeit, von der er Heilung und Milderung der Spannung hoffte, sanft und heiter zu verkürzen.

Es ward immer abwechselnde Unterhaltung geplant man sah sich täglich, und Karl August war noch viel zu jung und lebensfrisch, um durch jenes eine Abenteuer wirklich aller anderen überdrüssig zu sein, er vergaß gern auf Stunden, was ihn beunruhigte, und schloß sich von keiner Ergötzlichkeit aus. So erreichte denn auch Goethe zum Teil seinen angedeuteten Zweck.

Im Juni hatte Goethe den großen Schmerz erlitten, seine einzige geliebte Schwester durch den Tod zu verlieren; aber er fand ein treues Herz, in welches er sein Weh ausschütten konnte, ja fast Ersatz für seinen Verlust in der geliebten Freundin. Manche ernste Unterhaltung führte die beiden eng verbundenen Seelen noch näher zusammen. Die tiefe, düstere Welt des Schmerzes, das Leid in vielen Formen, Entsagung und strenge Selbstzucht waren die eigentlichsten Erfahrungsgebiete Charlottens, welche, mit einer zarten Gesundheit, an der Seite eines kühlen Gatten, bei dem Verlust ihrer Kinder und manchem anderen Leid auf sich selbst angewiesen, in sich die Kraft zum mutigen Ertragen gefunden hatte. Aber nicht allein sein trauriges Erlebnis teilte sie mit dem Freunde, auch das Geheimnis und die Abenteuer des Herzogs erfuhr sie, sowie Goethes abweichende Ansicht und das daraus entsprungene Mißbehagen zwischen den Unzertrennlichen.

In dem behaglichen Stäbchen Thusneldas im Wittumspalais versammelte sich schon seit längerer Zeil an jedem Sonnabendmorgen ein intimer Kreis, der eigentliche Kern jener Lustigen von Weimar. Regelmäßige Teilnehmer jener Matinees – welche sogar oft ein Blatt mit scherzhaften Berichten und Versen verfaßten – waren Goethe, Wieland, Knebel und Einsiedel.

Heute waren diese vier mit dem kleinen Hoffräulein allein.

»Nun, Bruder Merlin, du Zauberer,« sagte Wieland zu dem geliebten jungen Freunde, »schwinge deinen Stab, schütte dein Füllhorn aus und sag an, was es zunächst geben soll?«

»Wir müssen,« sprach Goethe, der jetzt wieder Herr aller Verstimmungen war – »eine Aufführung schaffen, die uns Rembrandtsche Bilder liefert; die Frau Herzogin Amalie verlangt nach einem Beweis der außerordentlichen Wirkung des schroffen Helldunkels. Wir wollen ihr ein Abendfest in Tiefurt bereiten, mit Fackeln, brennenden Reisigbündeln und anderen Feuern, das lauter Rembrandts gibt!«

Und nun entwickelte er seinen Plan, dem alle freudig zustimmten.

Vignette

 

O es schlingt ununterbrochen
Immer sich der Freudenkreis
Durch die zweiundfünfzig Wochen,
Wenn man recht zu führen weiß.

Spiel und Tanz, Gespräch, Theater,
Sie erfrischen unser Blut;
Laßt den Wienern ihren Prater,
Weimar, Jena, da ist's gut.
Goethe.

Ein schöner Augustabend versammelte also wieder die lustige Welt von Weimar in dem reizvollen Tiefurt, wo an den Ufern der Ilm das frisch erdachte Singspiel von Goethe: »Die Fischerin« aufgeführt werden sollte.

An einem sanft aufsteigenden Hügel der Gartenanlagen, unmittelbar am Flußufer, von wo man den Lauf der durch Wiesen sich hinschlängelnden Ilm vor sich sah, war mit Gartenbänken ein Amphitheater hergestellt, das die Gesellschaft aufnahm.

Die einzige Beleuchtung gab das mächtig lodernde Herdfeuer, über dem der Fischerin Kessel mit der Abendkost für die abwesenden Männer brodelte, und an dem sie hantierte.

Die schöne Gestalt Koronas nahm sich in der kleidsamen Tracht eines Fischermädchens, jetzt grell beleuchtet, dann in tiefem Schatten halb verschwindend, gar malerisch aus. Ihr Vortrag des Liedes vom »Erlkönig« war hinreißend in seiner dramatischen Vollendung, und ein leises Grauen, als werde nun noch viel Schauerliches kommen, überlief die Zuhörer.

Sie versteckte sich, und die Männer traten auf.

Wieland gab einen recht behäbigen, gemütlichen Vater, und Goethe war ein so feuriger Liebhaber, wie man ihn nur wünschen konnte. Sie spielten beide ihre Rollen zur Zufriedenheit, und obgleich die Zuschauer wußten, daß Dortchen sich verborgen halte, brachte doch die Aufregung der Suchenden, das Herbeieilen der Nachbarn, das Rufen, das Aussetzen der Kähne, die Feuer an den Ufern, eine lebhafte Spannung hervor.

Der folgende Chorgesang, vermischt mit dem Rauschen des Wassers, dem Flüstern der Blätter, den herüberschallenden Lauten der freien Natur, gab eine schöne Wirkung. Bald wechselnd, bald zusammen sangen die Nachbarn:

»Eilt nur geschwinde!
Lauft nach den Reusen!
Wohl blieb sie hangen,
Und zündet Schleißen,
Und brennet Fackeln
Und Feuer an!

Geschwind zu Schiffe!
Herbei die Stangen!
Sie aufzusuchen!
Sie aufzufangen!
Den Strom hinunter!
Habt acht! Habt acht!«

Die Freude des Wiedersehens, als Dortchen hervortrat, erleichterte alle, und höchst befriedigt hörte man nach einigen lebhaften Szenen und Wechselgesängen den Schlußchor, in dem man sich mit der Heirat des Paares beschäftigte, der letzte Vers lautete:

»Was soll die Aussteuer sein?
Der Beifall soll die Aussteuer sein!
Kommt wendet euch zu ihnen,
Die unterm Spiele lächeln;
Was wir auch nur halb verdient,
Geb' uns eure Güte ganz!
Geb' uns eure Güte ganz!«

Freudiger Applaus, das erbetene Zeichen des Beifalls, folgte, und befriedigt erhob sich die Gesellschaft, um in heiterem Geplauder, in einem Spaziergange durch den jetzt schön illuminierten Park, neue Freude zu suchen.

Der Zufall fügte es, daß Luise von Göchhausen in einem rosenfarbenen Domino ihren kleinen Oheim, den Oberkämmerer von Göchhausen, erkannte. Da sie den alten Herrn seit einiger Zeit nicht besucht hatte und sich in ihrem Gewissen diese Vernachlässigung ihres einzigen Verwandten vorwarf, nahm sie seinen Arm und schlenderte mit ihm eine Allee hinunter.

»Wie befindet sich mein hochverehrter Onkel?« fragte sie scheinbar mit großer Teilnahme.

»Ich hoffe bald der Sorge für meine Gesundheit gänzlich überhoben zu sein, chère nièce,« entgegnete der alte Herr in freudig bewegtem Tone.

Derartig hatte sich der stets besorgte Mann noch nie geäußert, und Luise sah ihn erstaunt aus ihrer Florbrille an.

Er trug die rosa Kapuze seines Dominos über den Kopf geschlagen, das saubere alte Gesicht sah in Heiterkeit strahlend darunter hervor, und die fahlen Augen gewannen einen lebendigen Ausdruck unter der schwarzen Halbmaske. Welch ein Glücksfall war dem alten Herrn widerfahren? Sie konnte sich nicht versagen, ihre neugierig teilnehmende Erkundigung fortzusetzen.

»Mit Ihrem Permiß, Onkelchen, Sie sehen so wohl, so heiter aus, daß Ihnen etwas Besonderes geschehen sein muß. Darf ich Ihre Freude teilen, darf ich wissen, um was es sich handelt?« fragte Thusnelda schmeichelnd.

»Eigentlich ist es eine sekrete Affäre, mon enfant,« flüsterte der alte Oberkämmerer, sich besorgt umsehend.

»Unter lieben Verwandten muß Vertrauen und Offenheit herrschen,« sagte sie ermutigend.

»Nun denn, aber précaution, Luise! Ich habe die Bekanntschaft eines Doktors Kaufmann gemacht. Der junge Gelehrte besuchte mich und vertraute mir im Laufe unserer Konversation an, daß er dreißig Jahre älter sei als ich. ›Herr!‹ rief ich ungläubig, ›das ist impossible! Sie sehen aus wie ein blühender Jüngling von einigen zwanzig und behaupten, neunzig Jahre alt zu sein?‹ – ›Doch, Baron, es ist so, höre mein Geheimnis‹ – der Schelm nannte mich du! – ›ich behalte meine Frische infolge eines Lebenselixirs.‹ ›Eines Lebenselixirs!‹ rufe ich entzückt, ›wo ist das zu acquérieren?‹ Er zuckt die Achseln und sagt: Sein hoher Magus besitze das Arkanum, welches, von Zeit zu Zeit wieder genommen, die Teufel des Siechtums und Alters austreibe, gebe es aber nur einzelnen Auserwählten. Ich flehte Kaufmann an, mir ein Rencontre mit seinem admirablen Chef zu verschaffen und von mir für den Trank zu fordern, was er wolle. Anfänglich wies er meine Bitten ab, dann vor ein paar Tagen ward er traitabler, und hat mir endlich hier, auf zehn Uhr, in der Laube hinter dem Amor, ein Tete-a-tete mit dem Wunderbaren versprochen; ein Rendezvous, in welchem für ein Gehorsamsgelöbnis der herrliche Trank mein werden soll!«

»Also perennierende Jugend?« sagte Luise belustigt. Sie sah darauf, beim Licht einer roten Papierlaterne, auf ihre dicke, mit Steinen besetzte Uhr, die halb zehn wies.

Ein toller Einfall zuckte durch ihren übermütigen Sinn.

»Hochgeschätzter Oheim,« sagte sie feierlich, »vielleicht habe ich ein Mysterium entdeckt, welches Sie noch rascher ans Ziel Ihrer Wünsche führt; die Götter sind der harmlosen Unschuld gnädig, wie Sie wissen! Eben vor Beginn des Spiels, als es schon dämmerig in diesen Bosketts war, sah ich Christoph Kaufmann mit einem geheimnisvoll aussehenden Fremden auf jener versteckten Bank sitzen, hinter welcher mich mein Weg vorüberführte; da hörte ich folgendes Gespräch: ›Wenn er wüßte,‹ sagte Kaufmann – mit ›Er‹ waren Sie natürlich gemeint – also, ›wenn er wüßte, daß von Ihren Lippen, teurer Magus, einzig und allein das wahre Lebenselixir zu holen ist, daß jeder Kuß von Ihnen ein gesundes Lebensjahr einträgt, so würde er sich nicht mit einem Trank begnügen.‹ – ›Jawohl,‹ entgegnete der Fremde, ›aber diese schönste Gabe gehört nur meinen Lieblingen!‹ und darauf küßte er Kaufmann, daß es klatschte. Wie wäre es, teurer Ohm, wenn Sie sich diese Kunde zu nutze machten und sofort, ehe er sich dessen versieht, über den Magus, der Ihnen eine Zusammenkunft bewilligt hat, herfielen? Sie könnten ihm in der Geschwindigkeit zehn Küsse rauben – denken Sie, zehn Küsse, zehn gesunde, jugendliche Jahre!«

»Goldkind, welch merveilleuse Entdeckung!« rief der alte Herr triumphierend. Einmal im Bereich der Wunder, schien ihm nichts unglaublich.

»Möchte Ihnen Ihr Unternehmen wohl gelingen!« sprach Luise eifrig mit unterdrücktem Lachen. »Ich will Sie aber nicht stören; da ist die Amorlaube!« Sie lief davon, kicherte ausgelassen vor sich hin, blieb dann plötzlich überlegend stehen und trug sich offenbar mit einem ergötzlichen Schwank.

»So geht's,« sagte sie in einem entschlossenen Tone, »mir glaubt er nicht!« Sie setzte ihren kleinen Fuß mit dem Hackenschuh von Glanzleder auf eine Gartenbank und riß sich eine schwarze Sammetschleife vom Spann herunter, die sie verbarg.

Während die Göchhausen ihrer Intrige nachging, schritt ein schlanker, in einen schwarzen Domino gehüllter und völlig maskierter Mann durch die halbdunkle Allee nach der Laube hin, in welcher der Baron Göchhausen wartete.

Plötzlich kam aus einem Seitengange eine andere Maske eilfertig auf den Schwarzen zu; diese trug einen dunkelroten Domino und ein ebensolches Battre, sie nahm die Maske ab – ein irrender Lichtschimmer wies die Züge des Hofmarschalls Grafen Görtz.

Er ergriff den Arm des anderen, bog mit ihm zur Seite und begann: »Es ist noch zu früh für Ihr Rendezvous, der Baron bleibt Ihnen, Verehrtester, gewähren Sie mir noch eine ungestörte Unterredung.«

»Ich bin ganz zu Ihren Diensten, Herr Graf,« erwiderte eine scharfe Stimme.

»Sind Sie jetzt überzeugt, daß ohne Beseitigung des Favorit hier kein Raum ist für uns und noble Passionen?«

»Ich bin es; dieser Poet dominiert alles.«

»Sehen Sie, wie recht ich hatte!«

»Kaufmann insinuiert mir, daß Goethe Serenissimus ernüchtert, daß er Abneigung, Mißtrauen gegen höhere Wissenschaft in dem Herzoge erwecke.«

»Er ist uns beiden gleich sehr im Wege!« rief Görtz befriedigt. »Stehen wir nicht an, alle Minen gegen ihn springen zu lassen!«

»Er scheint der hoheitsvollen, schönen Herzogin zu huldigen?«

»So? – Hm – eigentlich hat er eine andere amour und Poussage.«

»Aber er verehrt sie doch?«

»Jawohl, wie wir alle.«

»Einerlei, hier muß angeknüpft werden; diese Sturm- und Drangjugend verträgt starke Dosen; hier kann ich auch den kleinen, harmlosen Baron gebrauchen!«

Ihre Pläne weiter erwägend, bogen sie in einen Seitengang.

Der Fremde, hier sich ganz sicher und unbemerkt wähnend, nahm auch die Maske ab und plauderte so mit seinem Begleiter.

Zur Gesellschaft zurückkehrend, unhörbar über einen Rasenplatz daherkommend, kreuzte jetzt Goethe, mit Korona am Arm, den Weg der beiden Herren.

Einen Augenblick allseitigen Stutzens; die Masken in beider Hand flogen vors Gesicht, und mit bebendem Arm zog die Sängerin den Freund vorbei.

»Er, großer Gott, er!« murmelte sie.

Das Paar hatte jetzt den hellerleuchteten Platz vor dem Hause, wo sich die Gesellschaft in buntem durcheinander bewegte, erreicht.

»Wer war der schwarze Domino, Korona?« fragte der Dichter.

»Ich weiß nicht – kenne ihn nicht,« murmelte sie, wie ihm schien, in peinlicher Verlegenheit.

Sie ward gleich darauf von verschiedenen Personen umringt und machte sich von Goethe los.

Dieser ging, Frau von Stein aufzusuchen, um von ihr ein gutes Wort über sein Gedicht und sein Spiel als Niklas zu hören. An ihrer Seite vergaß er bald alles andere.

Die Sammetschleife verborgen in der Hand haltend, begab sich Luise von Göchhausen zur Gesellschaft zurück.

Es war oft in ihrem Kreise besprochen worden, daß Korona, infolge eines seltsamen Verhältnisses, stets eine schwarze Sammetschleife, gewissermaßen als Orden, trage. Diese Tatsache ließ sie überzeugt sein, daß die schöne Sängerin, einem Gebot, das mit jenem Zeichen an sie gelangte, gehorchen werde.

Sie fand Korona, die als Dortchen leicht kenntlich war, bald in dem Kreise verschiedener Verehrer, die mit ihr über ihre Rolle, ihren Gesang, den Verlauf der Aufführung sprachen.

Rasch zu ihr hindurchschlüpfend, wies sie ihr die Schleife in halbgeöffneter Hand und raunte ihr zu: »Ein hochwichtiger Auftrag!«

»Himmel, auch Sie in seinem Bann!« flüsterte Korona erschrocken und verließ sofort ihre Bekannten, um mit der Göchhausen zur Seite zu treten.

»Unser Meister,« sagte Luise wichtig, »gebietet, daß Sie sich unverzüglich zum Herzog begeben und ihm folgendes ausrichten: ›Diejenige, welche dein Herz ersehnt, harret deiner in der Laube hinter dem Amor!‹«

»Gut,« entgegnete Korona, mit feierlich entschlossenem Ton, »ich gehorche unverzüglich und werde den Herzog bald finden.«

Sie ging, und die Göchhausen spionierte sehr erheitert und überzeugt, daß Karl August einer solchen Lockung nicht widerstehen werde, dem weiteren Verlauf ihres Schabernacks nach.

Der Herzog scherzte mit Auguste von Kalb und Adelaide von Waldner, die, in leichte Dominos gehüllt, sich neckend an seine Fersen geheftet hatten.

Korona winkte ihn mit bittender Gebärde zu sich; er entrann seinen hübschen Plagegeistern und trat zu ihr mit der Frage nach ihren Wünschen.

Ernsthaft sprach sie: »Unser Meister läßt Euer Durchlaucht ausrichten: Diejenige, welche Ihr Herz ersehnt, harre Ihrer in der Laube hinter dem Amor!«

Der junge Fürst stieß einen Freudenlaut aus.

»Endlich!« rief er begeistert, »endlich hat er sich meiner Sehnsucht erbarmt!«

Und sogleich schlug er die zu der bezeichneten Laube führende Allee ein.

Die Göchhausen, wohl überzeugt, daß der Herzog einer Liebeslockung nie widerstehen werde, aber doch überrascht von der außerordentlichen Wirkung ihrer List, vermochte kaum so rasch zu folgen, wie der Herzog vorauseilte.

Jetzt hielt er, wie beklemmt von den Schlägen seines Herzens, atemlos vor Spannung, neben dem lieblichen Marmorgebilde an, welches inmitten eines Kranzes von Lämpchen stand.

Er drückte die Hand beschwichtigend auf die Brust, seine listige Verfolgerin erreichte eben die Seitenwand der Laube, dann raffte er sich auf, murmelte in äußerster Gemütsbewegung: »Himmlische Frau Venus!« und trat, scharf in das Innere des grünen Heiligtums lugend, in die Laube.

Eine Gestalt in hellem Domino sprang von der Bank auf und ihm entgegen; es war zu dunkel, um Gesichtszüge zu unterscheiden; das Wesen schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn inbrünstig. Karl August, überzeugt, die holde Göttin vor sich zu haben, umfaßte die Gestalt seinerseits mit Leidenschaft, und so wurden ein paar heiße Küsse gegeben und genommen.

Ein helles Gelächter an seiner Seite ließ den Herzog zuerst stutzen – er machte sich los, vielleicht auch nur, um frei aufzuatmen.

»Nur zwei!« sagte die Göttin mit bedauerndem Tone und heiserem Baß.

»Die Kükenlise läßt grüßen!« rief Luise von Göchhausen und entfloh, glückselig über das Gelingen ihres Possenspiels.

»Donnerwetter, was ist das? Wen haben wir hier?« fluchte der Herzog.

»Ach, Durchlaucht?« rief der Oberkämmerer kleinlaut und enttäuscht. »Bitte tausendmal um Entschuldigung!«

»Pfui!« machte der Herzog, »werde mich waschen müssen! Wie kommen Sie in aller Welt zu solchem Zärtlichkeitsraptus?«

Nach einigen zurückhaltenden Redensarten, von beiden unverständlich eingekleidet, da keiner mit der Farbe herauswollte, ging der Herzog, enttäuscht und auf seine Widersacherin scheltend, schließlich aber doch über sein seltsames Mißgeschick lachend, durch die Allee zur Gesellschaft zurück.

Bald darauf trat ein schlanker Mann, in einen schwarzen Domino gehüllt, zu dem Oberkämmerer in die Laube.

Den Anlauf des kleinen Mannes, zur Wiederholung seiner Zärtlichkeit, wehrte der Kommende mit starkem Arm ab; dann nahm er mit würdig, aber halblaut gesprochenen Worten den Baron von Göchhausen in Eid und Pflicht und händigte ihm schließlich, zur Belohnung, ein Päckchen von seinem wundervollen «Langlebenstee« ein.

Mittlerweile waren auf Kies- und Rasenplätzen vor dem Hause verschiedene Tische gedeckt, an denen sich die Gesellschaft, wie der Zufall es fügte, zum Abendbrot zusammengefunden hatte. Lakaien liefen ab und zu, Glaser klirrten, Gelächter ertönte hier und dort, und viele Stimmen schwirrten durcheinander.

Dem Herzog, welcher aus der dämmerigen Allee kam, zeigte sich ein hübsches und belebtes Bild, als er auf die bald Heller, bald minder hell beleuchteten Gruppen sah, die sich's in der lauen, dufterfüllten Sommernacht wohl sein ließen. Windlichter standen auf den Tischen, zahlreiche Lämpchen hingen in den Bäumen, und farbige Papierlaternen, ausländischen Prachtblüten ähnlich, schwebten da und dort an unsichtbaren, von einem Zweige zum anderen gezogenen Fäden über den Häuptern der fröhlich tafelnden Gäste.

Umschau haltend, lehnte Karl August im Schatten an einem Baumstamme und beobachtete die Gruppen vor sich.

An dem nächsten Tische saß seine Gemahlin; der Neid mußte es ihr lassen, daß sie sehr lieblich aussah! Über ihr schwebte eine Kette von lichtstrahlenden roten Kelchen; sie trug einen himmelblauen Domino, dessen zurückgeworfener Capuchon Kopf und Hals freiließ, eine leichtgepuderte Locke fiel zu jeder Seite des zarten Gesichts auf den Nacken herab, und ein weißer Rosenkranz lag in dem aufgebauschten Haar. Zu seinem Erstaunen gewahrte der Herzog Goethe in seinem knappen Fischerkostüm, jugendlich und schön, Luisen gegenüber und lebhaft zu ihr redend, was sie ohne Abwehr, wenn auch mit der ihr eigenen Zurückhaltung geschehen ließ. An der Seite der jungen Herzogin saß Frau von Stein, die sich hier und da an dem Gespräch beteiligte. Die Herzogin Amalie, der Geheimrat von Fritsch, Baron Reinbaben, Wieland und einige andere Personen befanden sich noch an dem Tische.

Karl Augusts erste Empfindung war Befriedigung, daß es dem Freunde gelungen sei, sich Luisen so weit zu nahen; seine zweite Erstaunen, Luise so ankömmlich zu sehen, sein endliches und überwiegendes Gefühl aber wieder jene Art von Eifersucht, seltsamerweise nicht auf die Frau, diese war ihm mit der Zeit zu gleichgültig geworden, sondern auf den Freund, mit dem er in letzter Zeit so wenig frei verkehren konnte, der ihm so absprechend erschien und nun, ihm entfremdet, sich dem feindlichen Teile zuwandte.

»Ist Luise ihm mehr, als ich ihm bin?« fragte sich Karl August ärgerlich. Als er dann, ganz gegen seine arglose Natur, noch verdrießlich hierüber nachsann und ungern seinem Wolfgang den Vorwurf der Treulosigkeit machen wollte, trat der lustige Kumpan Wedel, welcher ihn mit seinen in jedem Lichte geübten Jägeraugen erspäht hatte, heran und bat ihn, mit an seinen Tisch zu kommen, wo ein munterer junger Kreis, wie der Herzog ihn gern habe, beisammen sitze. Ohne sonderliche Lust folgte Karl August, war aber bald, inmitten der Gesellschaft, ebenso ausgelassen wie die anderen.

Vielleicht hätte er ganz den verstimmenden Eindruck vergessen, welchen er von seinem dunkeln Beobachterposten mit hinweggenommen, wären ihm später nicht zufällig Worte zu Ohren gekommen, die jenen Eindruck befestigten, so daß es mehrerer Tage bedurfte, um einigermaßen wieder er selbst und ganz klaren Gemüts zu werden.

Die Gesellschaft war nämlich aufgebrochen, ein buntes Durcheinander, das hier und da in ein Gedränge ausartete, entstand. Der Herzog, in einem Wortgefechte mit der Göchhausen, die in der besten Laune über ihren wohlgelungenen Streich triumphierte, sich aber durchaus nicht in die Karten sehen ließ, war zurückgeblieben. Sein kleiner Widerpart entrann und er geriet allein und unbemerkt hinter ein voranschreitendes Paar. Er erkannte Goethes Stimme, welche zu Frau von Stein sagte: »Luise ist doch ein unendlicher Engel! Ein blinkender Stern! Ich konnte mich nicht enthalten, einige Blumen aufzuheben, die ihr vom Busen fielen, und sie in der Brieftasche zu bewahren, die auf meinem Herzen ruht. Ich habe meine Augen hüten müssen, nicht zu oft über Tafel nach ihr zu sehen. Die Götter mögen uns allen beistehen!«

Karl August war nicht so gleichmütig, sich bei einer solchen Gelegenheit mit der Rolle eines stummen Hörers zu begnügen, aber zu edel geartet, zu herzlich für den Freund gesonnen, um Übles in dessen Verehrung für Luise zu finden.

Ein paar große Schritte brachten ihn an Goethes Seite, wo er mit merklicher Ironie ausrief: »Du scheinst meine frostige Gemahlin als deine Muse zu feiern? Glück zu! Wird aber deinen Versen nicht sonderlich bekommen!« worauf er bitter lachend abbrach.

»Meine Muse wird immer nur die ›Wahrheit‹ sein, so hoch ich auch Ihre Durchlaucht verehre!« entgegnete Goethe ernst, dann fügte er bewegt hinzu: »O lieber, gnädiger Herr, wo haben Sie Ihre Augen, daß Sie den Reiz des Weibes nicht gewahren, welches Ihnen gehört?«

»Meine Augen sahen jüngst in die helle, lichte Sonne und sind blind für alles andere!« rief der Herzog mit Nachdruck.

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