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Alexander von Ungern-Sternberg: Braune Märchen - Kapitel 9
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authorAlexander von Ungern-Sternberg
titleBraune Märchen
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firstpub1850
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Rotkäppchen.

In einem Dorfe lebte ein sehr hübsches, junges Landmädchen, das seinen Eltern im Haushalt behilflich war. Eines Tages sagte sie Mutter zu dem Mädchen: »Liebes Kind, geh hinaus in den Wald und bring der Großmutter einen Pflaumenkuchen. Die alte Frau ißt so gern dergleichen. Aber halt' dich nicht auf und sei bald wieder da, du weißt, wir haben des Vaters feine Wäsche zu plätten, er will heut zum Pfarrer gehn, um über deine noch bevorstehende Verlobung mit dem jungen Förstergehilfen zu sprechen.« Das junge Mädchen wurde rot, als es diese Worte hörte, allein, gehorsam ihrer Mutter, sagte sie nichts, sondern glättete ihr Haar, flocht sich zierliche Zöpfe und setzte dann ein kleines scharlachrotes Mützchen auf, das sie zu ihrem letztvergangenen fünfzehnten Geburtstag erhalten hatte, und das ihr allerliebst kleidete. So ging sie denn in den Wald, am Arme ein Körbchen, in welchem der Pflaumenkuchen, sauber in eine Serviette gehüllt, ruhte. Man konnte nichts Anmutigeres sehen als dieses hübsche, junge Kind, wie sie in der Morgenfrische daherging und mit den Vögeln um die Wette ihr Liedchen sang.

Je näher sie dem Walde kam, desto schweigsamer wurde sie. Die hohen Fichtenbäume und die weitzweigigen Eichen und Ahorn verbreiteten einen dunkeln Schatten und ließen ein geheimnisvolles Rauschen vernehmen. Am Eingang des Waldes setzte sie sich auf einen Stein und ruhte aus.

Nun wohnte in diesem Walde ein mächtiger Zauberer, der den jungen Mädchen nachstellte, sich manchmal in einen Wolf oder gar in einen Bären verwandelte, um den armen Kindern Schrecken einzuflößen. Aber dies geschah nur den häßlichen Mädchen, den hübschen erschien er in sehr freundlichen Gestalten, beschenkte sie und gab ihnen sonst noch Zeichen seiner besonderen Gunst. Als Rotkäppchen in den Wald kam, erfuhr es der Zauberer sehr bald, und nun kam er ihr entgegen als ein junger, liebenswürdiger Kavalier, der wunderschöne schwarze, funkelnde Augen hatte und einen Schnurrbart, den man sich nicht zierlicher denken kann; dabei kleine, seine, weiße Hände und hübsche Füße.

»Ah, guten Morgen, mein schönes Kind!« rief er dem Mädchen entgegen, das von ihrem Sitze aufsprang und ihm eine tiefe Verbeugung machte, wobei es blutrot im Gesicht wurde.

»Bleib sitzen, mein Engel!« rief er. »Vielleicht hat der Stein sogar Platz für zwei.«

»Ich glaube nicht, gnädiger Herr, er hat kaum Platz für mich.«

»Laß uns den Versuch machen.«

»Es geht wahrlich nicht. Ich werde fallen.«

»Ei, mein Kind,« sagte der Kavalier lächelnd, wobei er die schönsten Zähne zeigte, die man sehen kann, »und ich sollte den Vorwurf auf mich laden, dich zu Fall gebracht zu haben! Das sei ferne. So werde ich vor dir stehenbleiben.«

»Das würde sich nicht schicken, gnädiger Herr. Ich sitzend, während Sie stehen! Wir wollen lieber zusammen weitergehn.«

»Gut. Und wo gehst du hin, Kleine?«

»Mein Herr, zu meiner Großmama.«

»Grüße sie von mir.«

»Von Ihnen?«

»Ja, von mir. Ist dir das so auffallend? Ich kenne die ehrwürdige alte Dame sehr gut. Ich habe ihr mein Gesangbuch geliehen, wie sie das letztemal in die Kirche ging.«

»Ach, mein Herr, das ist unmöglich. Die Großmutter geht nie aus. Sie ist schon seit drei Jahren gelähmt.«

»Nun, liebes Kind, sagte ich denn, sie ging? Ich hätte sagen sollen, sie fuhr; und zwar in meiner Equipage.«

»Ach, ist es möglich! Davon hat sie mir doch nichts erzählt. Aber wollen Sie nicht meinen Arm loslassen, gnädiger Herr, ich kann sonst nicht den Korb und unter dem andern Arm die Weinflasche tragen. Eines von beiden müßte fallen.«

»Ich werde dir die Weinflasche abnehmen.«

»Aber trinken Sie's nicht aus.«

»Nicht doch – ich habe selbst Wein im Keller.«

»Ich glaub's wohl. Wie konnte ich mir auch einbilden, daß Sie der alten Großmama den Wein austrinken würden. Das war eine einfältige Rede; Sie müssen mir verzeihn.«

»Recht gern, aber unter einer Bedingung.«

»Und die ist?«

»Daß du mir einen Kuß gibst.«

»Ach, das würde sich schlecht schicken. Zudem bin ich verlobt, mein Herr, und darf außer meinem Vater keinen andern Mann küssen als meinen Bräutigam.«

»Aber den wirst du küssen?«

»Gewiß, wenn er es verlangt. Aber, mein Herr, es ist unnötig, daß Sie mich um den Leib fassen; ich kann schon gehn, ohne gestützt zu werden.«

»Du bist eine allerliebste kleine Unschuld.«

»Still! Was machen Sie da! Das lieb' ich nicht.«

»Es hatte sich eine Fliege auf deinen Hals gesetzt.«

»Und Sie wollten sie mit dem Mund wegfangen? Ist das die Manier, wie man Fliegen fängt?«

»Es ist meine Manier. Wie du hübsch rot geworden bist! Ich dachte, Landmädchen erröten nie. Ich will dir das Tuch etwas freier knüpfen.«

»Sie! lassen Sie die Flasche Wein nicht fallen!«

»Nein! ich will sie auf den Boden setzen, während ich dein Tuch losknüpfe. Siehst du nun? merkst du, wie du jetzt freier atmest?«

»Die Großmutter wird sagen, daß ich mich heut liederlich gekleidet habe.«

»Laß sie es sagen. Du bist nie schöner gewesen als grade so. Oh, da ist wieder eine Fliege.«

»Halt! Sie haben mich in die Schultern gebissen! Pfui, gnädiger Herr, das ist ein häßliches Betragen. Und überhaupt, ich bin Ihre gehorsame Dienerin; ich will jetzt meinen Weg wieder allein fortsetzen.«

»Wenn ich dir weh getan hab', so tut's mir in der Seele leid.« (Er weint.)

Rotkäppchen (den Korb hinsetzend, und den armen Herrn umarmend): »O mein Himmelchen – nein, weinen sollen Sie nicht! Wenn ich grob und böse gewesen bin – nehmen Sie's nicht übel.«

»Nein, nein, ich schäme mich! Laß mich an deinem Busen mein Gesicht verbergen.« (Er sinkt ins Gras nieder und zieht sie nach.)

»So, nun das ist was Schönes! Da sitzen wir im Grase.«

»Ist es nicht lieblich hier? Die Baumwipfel säuseln über uns! Es ist im Walde so still, so heimlich.«

»So grauserlich! Kommen Sie, wir wollen wieder weitergehn. Auf, auf! Soll ich Ihnen helfen aufstehn.«

»Ich kann vor Rührung noch immer nicht in die Höh' sehn.«

»Ach, Sie liegen mir die ganze Brust platt.«

»Eine so runde Brust!«

»Es ist genug. Die Großmutter wartet aus ihren Kuchen. Wie, mein Herr! auf meinem Knie ist keine Fliege. Sie sollten sich schämen, das Knie einer Bäuerin zu küssen.«

»Es ist das Knie einer Prinzessin.«

»Wir wollen aufstehn, mein Herr. Ich glaub', es gibt an dieser Stelle Ameisen.«

»Wie kämen die hieher?«

»O sehr natürlich. Der böse Zauberer, der diesen Wald bewohnt, sendet sie aus.«

»Hast du diesen Zauberer schon einmal gesehn?«

»Nein, gnädigster Herr; und ich hab' auch kein Verlangen, ihn zu sehn. Es soll ein großer, zottiger Riese sein, mit den Zähnen eines Ebers und den Klauen eines Bären.«

»Reizende Unschuld!«

»Was sagten Sie?«

»Nichts! Ich möchte an deiner Brust in Wonne vergehn. O welch ein Augenblick! Küsse mich – küsse mich! Meine Lippen lechzen sich mit den deinigen zu vereinen. Mich ergreift eine wahre Wut.« –

»Ach, eine Ameise! eine Ameise!« (Sie springt auf und läuft fort.)

Der Zauberer (ihr nachsehend): »Da eilt sie hin! wie ein junges Reh, so leichtfüßig. Ein entzückendes Geschöpf! Frisch wie die Knospe im Tau. Die darf ich mir nicht entgehen lassen. In der Hütte der alten Großmama wollen wir uns wiedertreffen, Kleine. Mir entläufst du nicht. In der unscheinbaren, tief im Walde versteckten Hütte! Wie anmutig dort! Aber was mit der Alten beginnen? Wie entferne ich die? Ei – wozu viel grübeln! Ich fresse die Alte auf. Als Wolf verwandelt, kann ich mit dem Bissen schon fertig werden.«

Und diesen Plan eilte er sogleich auszuführen, ehe noch Rotkäppchen ihm den Vorsprung abgewinnen konnte.

In die Hütte der Alten trat er ein, und sagte: »Bon jour, Madame!«

»Guten Abend, mein Herr! Was steht zu Ihren Diensten?«

»Ich bitte, nehmen Sie die Brille ab; so etwas liegt schwer im Magen. Auch den Schlüsselbund bitte ich beiseite zu legen.«

»Weshalb?«

»Ich hab' Ihnen schon bemerkt, daß Brille und Schlüsselbund Dinge sind, die schwer zu verdauen sind. Auch alles, was Sie an Nadeln am Körper haben, müssen Sie ablegen; dergleichen fährt auf gefährliche Weise in die Zähne. Das alte Leibchen von Flanell, die Pantoffeln von weichem Leder und das Florhäubchen – alles das kann mit auf den Kauf gehn.«

»Ich weiß nicht, mein Herr, wie ich Ihre Worte deuten soll. Ich bin eine alte Dame, die von ihren Renten lebt, und sich in der Einsamkeit nicht belästigt zu sehn wünscht.«

»O ich will Sie nicht weiter belästigen, Madame – ich will Sie nur auffressen!«

»Ha, monstre! Ich werde meine Leute rufen.«

»Es ist niemand da; und Rotkäppchen ist noch fünfzig Schritte vom Hause entfernt.«

»Ungeheuer! zittre vor meinem Fluch!«

»Madame! Brille und Schlüsselbund herunter! Ihr letzter Augenblick ist gekommen!«

»Ich will Ihnen etwas sagen. Ich bin eine geborne Freiin von Mixpickel; zufällig hier an einen Förster verheiratet, der schon längst tot. Meine Verwandten sind sehr mächtig; es könnte Ihnen schlimm gehen, wenn Sie mir ein Leid antäten.«

»Das sind himmelblaue Lügen.«

»Und dann will ich Ihnen noch etwas sagen. Ich hab' in Papieren spekuliert und mir ein ganz artiges Vermögen erworden, das sollen Sie haben. Es liegt dort in der Kommode mit den Messingbeschlägen.« (Beiseite): »Könnte ich nur aus der Hütte entrinnen, oder käme wenigstens das verwünschte Mädchen mir zu Hilfe.«

In diesem Augenblick hörte man Rotkäppchens Stimme draußen rufen: »Großmama! Großmama!«

»Da ist sie!« rief die Alte erfreut. Der Zauberer sprang aber hin und schob den Riegel vor die Tür. Alsdann verwandelte er sich in einen Wolf, stürzte auf die Alte hin und verschlang sie.

Ha, welch ein Mord
In dem stillen Hause! –
Von dem Schmause
Triest blutig die Zunge,
Da schnell im Sprunge
Rafft alles er fort,
Was an den Greuel kann mahnen.
Niemand soll ahnen,
Was hier geschehn.
Die Fenster schließt er auf,
Damit Waldlüste wehn;
Dann springt er im Lauf
Zu Kisten und Fächer,
Der arme Schächer,
Wirst die blutigen Lumpen,
In einen Klumpen
Zusammengeschlagen,
Zu Nachthäubchen und Kragen.
Es ist zum Entsetzen!
Dann eilt er zu netzen
Mit eau de mille fleurs,
Das Bette, die Stühle,
Den Teppich umher.
Von dumpfiger Schwüle
Merkt niemand was mehr;
Gemütlich und rein
Ist wieder das Zimmerlein klein.

Er legt sich selbst, wieder zum jungen Mann verwandelt, mit einem Hemde und Nachtjäckchen der Alten bekleidet, und einem Häubchen auf dem Kopfe ins Bette, nachdem er vorher die Tür geöffnet hat. Als er Rotkäppchen kommen hört, summte er das Lied vor sich hin:

»Alte Damen
Schmecken nicht übel
Mit einer Sauce
Von Lattich und Zwiebel.
Doch muß Schlüssel und Brillen
Man ihnen nehmen,
Sonst macht es im Magen
Ein häßliches Grämen.
Doch will ich nur sagen,
Ich war zu rasch.
Sie barg' in ihrer Tasch'
Noch einen Fingerhut,
Den hab' ich verschluckt nun
Und das tut nicht gut.
Es läßt nicht ruhn,
Ich muß mich wenden
Von einer Seite zur andern
Und möchte nach dem Doktor senden.«

Indem trat Rotkäppchen ein.

»Schönen guten Tag, Großmama!«

»Bon jour, ma petite! Küß mir die Hand.«

»Was sangst du denn für ein Lied, Großmama, als ich hereintrat?«

»Hm, es wird wohl ein Lied aus dem Gesangbuch gewesen sein.«

»Es klang indes ziemlich fremdartig. Und warum wälzt du dich im Bette herum, Großmama?«

»Warum? warum? alberne Frage; weil ich noch verdammt hitziges Geblüt habe.«

»Hier ist der Kuchen, den ich dir mitgebracht.«

»Setz ihn vor die Tür. Ich mag keinen so ordinären Kuchen. Wenn's nicht Pastete ist, esse ich's nicht.«

»Ei, Großmutter – es war doch sonst dein Leibgericht.«

»Den Wein gib herz den will ich austrinken.«

»Was, Großmama! in einem Zuge hast du die ganze Flasche geleert! Das ist noch nie dagewesen.«

»Das glaub' ich; eine alte Frau, wie ich bin, ist auch noch nie dagewesen. Komm, Kleine, setz dich hier auf den Bettrand, und nun gib mir einen Kuß.«

Rotkäppchen (aufschreiend): »Großmama! Du Hast einen Bart!«

»Kind, Kind! red' nicht so einfältig. Das ist der Schatten, den meine Nase wirst. Aber was hast du da an der Schulter? einen roten Fleck! Ha! was ist das? Du hast doch nicht leichtfertige Bekanntschaften gemacht?«

»Gewiß nicht; wie käme ich dazu?«

»Ach, tu nur nicht so. Wie pflegt denn ein junges Mädchen zu dergleichen zu kommen? Man geht durch den Wald, der Weg ist einsam, da kommt ein junger Herr, nimmt uns beim Kopf, küßt uns, wirft uns nieder – siehst du so!«

Und damit nahm der böse Zauberer das arme Kind, warf sie zu sich ins Bette, und – draußen säuselten die Waldbäume und die Vögel sangen.

Die Vögel sangen und die Waldbäume säuselten.

Nach der zweiten bösen Tat, die der Zauberer jetzt vollführt hatte, nahm er wieder seine Wolfsgestalt an und – es ist entsetzlich zu sagen – verschlang auch das arme Rotkäppchen.

»Auf diese Weise«, sagte er sehr selbstzufrieden zu sich, »entgehe ich jeder lästigen Untersuchung, und mein kleines Abenteuer hinterläßt keine Spur.«

Vornehme Herrn
Amüsieren sich gern,
Doch wollen sie nicht,
Daß die Leute davon sprechen,
Sie ziehen nicht aus Licht,
Ihre kleinen Schwächen.
Als bestes Mittel,
Das Geheimnis zu wahren,
Auf mein Wort,
Tut sich erweisen,
Die Geliebte sofort
Aufzuspeisen.

Der Zauberer schlich sich jetzt als Wolf aus der Hütte. Er gedachte seinen Palast rasch zu erreichen, allein die Strafe für seine Untaten war noch rascher, sie kam ihm dicht auf dem Fuße nach. Der junge Förster, Rotkäppchens Bräutigam, sah den Wolf schleichen, legte auf ihn an, tötete ihn, und sah noch einen Zipfel von Rotkäppchens Halstuch aus seinem Maule hängen. Sogleich ward ein geschickter Arzt geholt, der auch etwas von der Zauberei verstand, der öffnete dem Wolf den Magen und brachte glücklich die Großmutter und Rotkäppchen lebend aus demselben hervor. Wer war glücklicher als der Förster und die beiden Geretteten. Der Wolf aber blieb tot, und der Wald und die Umgegend waren somit von dem boshaften Zauberer befreit. Man sagt aber, daß die jungen Mädchen damit nicht zufrieden waren; sie hätten es lieber gesehen, wenn der Zauberer lebend geblieben wäre. Es gab sogar ein Lied unter ihnen, das so lautete:

Junge Mädchen
Sind dazu geschaffen,
Verspeist zu werden.
Ein recht hungriger Wolf
Ist ihnen das Liebste auf Erden.

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